Accessible Published by De Gruyter April 17, 2020

Hagemann, Jörg; Staffeldt, Sven (Hrsg.): Pragmatiktheorien II. Diskursanalysen im Vergleich. Tübingen: Stauffenburg, 2018 (Stauffenburg Einführungen, 34). -- ISBN 978-3-95809-416-1. 196 Seiten, € 34,80.

Lucia Schmidt

Der vorliegende Band Pragmatiktheorien II. Diskursanalysen im Vergleich ist die Fortsetzung des 2014 erschienenen Bandes Pragmatiktheorien. Analysen im Vergleich und versteht sich als diskursanalytische Ergänzung zu den dort vorgestellten pragmatischen Analyserichtungen wie etwa der Konversationsanalyse oder der Sprechakttheorie.

Den fünf diskursanalytischen Ansätzen, die hier vorgestellt werden, dient als Materialbasis derselbe Diskursausschnitt wie im ersten Band, nämlich die Bundespressekonferenz (im Folgenden BPK) vom 18.2.2011 zu den Plagiatsvorwürfen gegen den damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Im Laufe dieser Pressekonferenz kam es nach wenigen Minuten zum Eklat, weil die Pressesprecher keine befriedigenden Antworten auf die Fragen der Journalisten gaben, während der Verteidigungsminister selbst etwa zeitgleich, jedoch nur vor ausgewählten Medienvertretern, zu den Vorwürfen Stellung nahm.

Ziel dieses Bandes ist die verständliche und transparente Darstellung der unterschiedlichen Konzepte und Methoden anhand desselben authentischen Sprachmaterials: eine Videoaufnahme sowie Transkripte der BPK, wobei einige Analysen zusätzliches Material wie etwa Kommentare von Youtube-Nutzer-Innen oder Transkripte von weiteren Bundespressekonferenzen miteinbeziehen.

Der Band versammelt in vergleichender Perspektive sehr unterschiedliche Spielarten der Diskursanalyse: deskriptiv orientierte und kritische Ansätze, vorwiegend qualitativ ausgerichtete sowie quantitative Methoden. Gemeinsam ist den verschiedenen diskursanalytischen Ansätzen der Anspruch, typische, einem bestimmten Diskurs zugrundeliegende „Denk- und Handlungsmuster, Einstellungen und Machtverhältnisse“ (8) erkennbar zu machen, die sich an der sprachlichen Oberfläche abzeichnen.

Den Auftakt bildet der Beitrag von Ekkehard Felder zur Pragma-semiotischen Textarbeit. Die Beschränkung auf einen einzelnen Diskursausschnitt, die eigentlich nicht im Sinne des vorgestellten Ansatzes ist, wird dadurch begründet, dass in diesem Band der Methodenvergleich im Vordergrund stehe.

Zunächst werden Methode und Erkenntnisinteresse der pragma-semiotischen Textarbeit sehr ausführlich vorgestellt: Auf der Basis eines großen Korpus und ausgehend von der Textoberfläche werden zentrale Subthemen eines Diskur-ses, handlungsleitende Konzepte sowie konfligierende Geltungsansprüche, sogenannte agonale Zentren, ermittelt -- mit dem diskursanalytischen Ziel, vorherrschende Denkmuster transparent zu machen. Die teils etwas komplizierten Definitionen werden durch zahlreiche Grafiken und Merkkästen veranschaulicht, was das Verständnis erleichtert.

Der praktische Teil beschränkt sich exemplarisch auf die Bestimmung der agonalen Zentren. Obwohl dieser Teil im Vergleich zu den theoretischen Ausführungen etwas knapp ausfällt, gelingt es dem Autor, interessante Analyseergebnisse überzeugend und konzise darzustellen: So könne zum Beispiel die Nicht-Kommentierung der Pressesprecher als Indiz für implizite Zustimmung zur Kritik der Journalisten gewertet werden. Es wäre interessant gewesen, diesem anschaulichen praxisorientierten Kapitel mehr Gewicht zu geben.

Im zweiten Beitrag stellt Marcel Eggler die Diskurslinguistische Mehr-Ebenen-Analyse vor. Die Methode mit ihren verschiedenen Ebenen wird gleich in der Einleitung sehr klar und anschaulich zusammengefasst, wodurch man von Anfang an einen guten Überblick bekommt.

Auf der transtextuellen und Akteurs-Ebene wird der Kontext der BPK noch einmal in Erinnerung gerufen: z. B. die parallel stattfindende Erklärung des Bundesministers vor ausgewählten Medienvertretern, der für die anwesenden Journalisten eine starke Gesichtsbedrohung darstellt und zur Eskalation beiträgt. Außerdem wird unter Rückgriff auf klassische Konzepte wie die Grice‘schen Konversationsmaximen oder das Toulmin-Schema die These des Machtmissbrauchs durch die Pressesprecher, der wesentlich zum Abbruch der Konferenz beitrage, aufgestellt und bestätigt.

Auf der intratextuellen Ebene wird die Makrostruktur, bestehend aus Makropropositionen und -illokutionen, gut nachvollziehbar aufgezeigt. Es wird auch gezeigt, bis zu welchem Zeitpunkt der Eklat noch hätte abgewendet werden können. Die argumentative thematische Entfaltung und die dominante expressive Funktion (nach Bühler) hätten allerdings genauer erläutert werden können. Die exemplarische Analyse der Mikrostruktur erfolgt am Beispiel von drei Turns eines Journalisten und zeigt sehr eindrücklich anhand von antithetischen Lexemen um das Gegensatzpaar mutig vs. feige, wie der Minister charakterlich demontiert wird.

Dieser Beitrag bietet nicht nur einen sehr guten, konkreten und stets nachvollziehbaren Einblick in die Mehr-Ebenen-Analyse, sondern zugleich auch in den Ablauf der BPK. Besonders positiv anzumerken ist, dass der Autor schnell in medias res geht, Redundanz vermeidet und die Methode von Anfang an direkt am Korpus aufzeigt.

Der Aufsatz von Martin Reisigl zur Wiener Kritischen Diskursanalyse ist mit 50 Seiten wesentlich länger als die anderen Beiträge, was hauptsächlich am ausführlichen praktischen Teil liegt. Zunächst werden sechs Spielarten der Kritischen Diskursanalyse in ihren Grundzügen vorgestellt. Diese sehr allgemein gehaltene Zusammenfassung kann zwar kein differenziertes Bild der verschiedenen Schulen vermitteln, ermöglicht es aber jemandem, der der mit der Kritischen Diskursanalyse noch nicht vertraut ist, zu eruieren, welcher Ansatz für welche Zwecke in Frage kommen könnte. Im Anschluss wird die Wiener Kritische Diskursanalyse mit ihren Analyseschritten stichpunktartig vorgestellt, sodass man einen kompakten Überblick bekommt.

Im praktischen Teil werden von den acht Analyseschritten besonders die Makro- Mikro- und Kontextanalyse exemplarisch durchgeführt. Dadurch kann der Autor unter anderem zeigen, inwiefern die Abweichung vom Kommunikationsmuster Bundespressekonferenz in diesem Fall zum Scheitern beiträgt. Besonders detailliert und aufschlussreich ist die Mikroanalyse, bei der die markantesten sprachlichen Charakteristika, z. B. Dixi oder Häsitationsmarker, herausgearbeitet werden. Ausgehend von dieser Beispielanalyse werden im vorletzten Schritt acht Kritikpunkte formuliert, darunter auch solche, die über den Diskursausschnitt hinausgehen, beispielsweise die Kritik an der „selektive[n] Distribution der Informationen“ (106) durch den Verteidigungsminister selbst oder, noch allgemeiner, am „Wissenschaftskapitalismus“ (108), durch den Plagiate begünstigt werden.

Der Beitrag erfüllt das im letzten Schritt, nämlich der „gesellschaftlichen Verwertung der Forschungsergebnisse“ (109, Kursivdruck im Original), formulierte Ziel, das selbst Teil der Analyse ist: Der Beitrag solle in didaktischen Kontexten einsetzbar sein und zeigen, wie eine Kritische Diskursanalyse forschungspraktisch vorgeht.

Ein weitere Spielart der Kritischen Diskursanalyse stellen Carolin Eckardt, Franz Januschek und Katja Wermbter vor: In der Oldenburger Kritischen Diskursanalyse steht die Frage nach der Befolgung und Herstellung von Normen im Mittelpunkt, die durch die „Konfrontation des tatsächlich Geäußerten mit dem alternativ Erwartbaren“ (118) aufgedeckt werden sollen. Dies wird mit Hilfe von qualitativen Feinanalysen im Rahmen des sogenannten interpretativen Variationsverfahrens ermittelt. Im Fokus stehen die Äußerungen des Journalisten Dieter Wonka, die einer genauen Präsuppositionsanalyse unterzogen werden und für die jeweils mögliche Alternativen aufgezeigt werden. Die AutorInnen kommen diesbezüglich zu einem interessanten Schluss: Wonka schaffe es, aus der BPK einen Skandal zu machen, der als Ersatz für die „vermeintlich entgangene Skandalgeschichte von Guttenbergs tiefem Fall“ (127), fungiere, die sich die Journalisten erhofft hatten. Gleichzeitig gelinge es Wonka, das eigene Interesse an einer Skandalgeschichte zu dethematisieren. Interessant ist außerdem die Analyse der medialen Dokumentation und der Rezeption anhand von Kommentaren von Youtube-NutzerInnen und LeserInnen eines auf focus.de erschienenen Artikels, die im Gegensatz zu den Teilnehmern der BPK unter anderem das Interesse am Skandal offen thematisieren können.

Den AutorInnen ist hier ein sehr interessanter und innovativer Beitrag gelungen, insbesondere indem sie die BKP aus einer weiteren Perspektive -- der Perspektive von MediennutzerInnen -- beleuchten und zudem nicht nur das Verhalten von Politikern oder deren Vertretern, sondern auch das der Journalisten einer kritischen Analyse unterziehen.

Den Abschluss bildet der Aufsatz zur Korpuspragmatik von Joachim Scharloth, der eine sehr erhellende Perspektive auf die Regierungspressekonferenz als kommunikative Gattung ermöglicht. Vor allem wird hier jedoch ein datengeleiteter Ansatz gut nachvollziehbar dargestellt -- und damit eine neuere, noch nicht vollständig etablierte Herangehensweise. Die Korpuspragmatik verfährt induktiv und untersucht in großen digitalen Textkorpora wiederkehrende Muster auf „pragmatische Spuren“ (139) hin. Diese Muster werden als Symptome für sozialen Phänomene betrachtet. Da es sich um einen quantitativ orientierten Ansatz handelt, unterscheiden sich die Fragestellung und das Material zwangsläufig von den anderen Beiträgen: Es wird ein sehr umfangreiches Korpus von 388 Bundespressekonferenzen zwischen 2013 und 2016 herangezogen. Zudem geht die Analyse den kommunikativen Funktionen der ganzen Gattung Regierungspressekonferenz nach. Sie folgt dem dreistufigen Kodierungsprozess, der sich an der Grounded Theory orientiert: dem offenen Kodieren zur Musteridentifikation z. B. mittels n-Gramm-Analyse, dem axialen Kodieren zur Untersuchung des Kontexts beispielsweise mittels Kollokationsanalyse sowie dem selektiven Kodieren von gattungstypischen Sprachhandlungen.

Scharloth gelangt dabei zu einer sehr interessanten Feststellung: Obwohl für der Gattung Regierungsspressekonferenz neben der Funktion des Machterhalts die „aufklärungs- und informationsorientierte Funktion“ (146) zentral ist, ist es gerade die Informationsverweigerung, die zu den häufigsten Sprachhandlungen bei den Regierungsvertretern zählt. Der Autor schließt daraus, dass durch Informationsverweigerung auf die Macht der Informationsvergabe durch die Regierungsvertreter hingewiesen wird und so Macht hergestellt wird.

Insgesamt bietet dieser Band wertvolle Einblicke in die verschiedenen diskursanalytischen Methoden, die sowohl in der Theorie als auch in der Praxis verständlich und anschaulich dargestellt werden. Das Sprachmaterial ist gut gewählt, was nicht zuletzt durch die sehr aufschlussreichen Ergebnisse der fünf Beiträge bestätigt wird, die sich gegenseitig ergänzen. Durch die Analyse des weitgehend gleichen Materials ist außerdem eine gute Vergleichbarkeit gewährleistet; diese hätte allerdings noch besser sein könnten, wenn die fünf Artikel bezüglich Aufbau, Fragestellung und Länge homogener wären. Für quantitativ orientierte Analysen stellt die Beschränkung auf eine Pressekonferenz freilich ein Problem dar, das aber, wie z. B. im letzten Beitrag, durch das Heranziehen von weiterem Sprachmaterial gut gelöst wurde.

Sehr zu empfehlen ist dieser Methodenvergleich gleichermaßen für etablierte und werdende LinguistInnen, die sich einen Überblick über verschiedene diskursanalytische Richtungen verschaffen möchten. In der Auslandsgermanistik ist der Einsatz aufgrund der relativ hohen Komplexität und Spezialisierung nur für DaF-Studierende mit sehr guten Sprachkenntnissen angeraten.

Literatur

Hagemann, Jörg; Staffeldt, Sven (Hrsg.) (2014): Pragmatiktheorien. Analysen im Vergleich. Tübingen: Stauffenburg (Stauffenburg Einführungen, 27).Search in Google Scholar

Online erschienen: 2020-04-17
Erschienen im Druck: 2020-04-08

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