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Publicly Available Published by De Gruyter April 9, 2021

Easy Readers [Sammelrezension]Seiffarth, Achim (Bearb.): Gebrüder Grimm. Von Hexen und Prinzessinnen. Niveau 1/A1. Genua: Black Cat/Cideb, 2018 (Lesen und Üben). – ISBN 978-88-530-1722-2. 80 Seiten, € 8,90.Luger, Urs: Werther. Goethes große Liebesgeschichte neu erzählt. Deutsch als Fremdsprache. Leseheft. München: Hueber, 2020 (Leichte Literatur). – ISBN 978-31-971-1673-7. 48 Seiten, € 6,90.

Jaron Toonen

Rezensierte Publikationen:

, Easy Readers [Sammelrezension]

Seiffarth, Achim (Bearb.): Gebrüder Grimm. Von Hexen und Prinzessinnen. Niveau 1/A1. Genua: Black Cat/Cideb, 2018 (Lesen und Üben). – ISBN 978-88-530-1722-2. 80 Seiten, € 8,90.

Luger, Urs: Werther. Goethes große Liebesgeschichte neu erzählt. Deutsch als Fremdsprache. Leseheft. München: Hueber, 2020 (Leichte Literatur). – ISBN 978-31-971-1673-7. 48 Seiten, € 6,90.


In der vorliegenden Rezension werden zwei Easy Readers bzw. Adaptionen literarischer Originale erörtert. Wie populär der Einsatz dieser Lektüren als Lernmethode im Fremdsprachenunterricht ist, wird durch die große Auswahl an Easy Readers, wie etwa im Cideb-Verlag, ersichtlich. Laut dem Katalog ist Cideb sogar „die einzige Marke weltweit, die sich auf begleitete Lektüren spezialisiert“ und mehr als 30 Millionen Bücher verkauft hat (Cideb 2020). Hauptgrund für die Popularität von Easy Readers ist wohl insbesondere das Potenzial, Lernenden das motivierende Gefühl zu vermitteln, ohne großen Mehraufwand ein richtiges Buch lesen zu können. Zudem sollen sie die Lesegeschwindigkeit und allgemeine Lesefähigkeiten fördern, sodass zu einem späteren Zeitpunkt Originalliteratur gelesen werden kann. Eine empirisch fundierte, theoretisch-didaktische Diskussion zu den konkreten Auswirkungen beim Einsatz dieser Lektüren im DaF-Unterricht gibt es derzeit jedoch nur in geringem Maße (vgl. Hermes 2016, Köster 2018 und Schüler/Gadow 2019). Im Folgenden geht es nicht um die durchaus erwünschte, empirische Fundierung der obigen Vorteile, sondern lediglich darum, einige ausgewählte Aspekte der vorliegenden Adaptionen literarischer Originale zu beleuchten. Was sind die Potenziale und Grenzen ihrer Einsetzbarkeit im DaF-Unterricht? Das erste Leseheft, das vom italienischen Verlagshaus Black Cat/Cideb stammt, hält eine Sammlung von vier adaptierten Märchen der Gebrüder Grimm bereit. Das Heft richtet sich an jugendliche und erwachsene DaF-Anfänger*innen (GER-Niveaustufe A1). Da das Büchlein zur Reihe Lesen und Üben gehört, besteht es nicht nur aus den vier Erzählungen Schneewittchen, Hänsel und Gretel, Frau Holle und König Drosselbart sowie „Landeskunde-Dossiers“, sondern auch aus vielen Übungen zu den Märchen und landeskundlichen Inhalten. Die Lösungen zu den Übungen sind von der Verlagswebseite herunterladbar. Für den Zugriff auf die Hörtexte gibt es drei Möglichkeiten: über die Smartphone-App DeALink, die Webseite und letztlich die beigelegte Audio-CD.

Lesehefte von Cideb haben einige Vorteile im Vergleich zu anderen Easy Readers. So bietet das Verlagshaus eine breite Palette verschiedener literarischen Adaptionen auf vier Niveaustufen (A1–B2) an. Dies ermöglicht Binnendifferenzierung und eine gezielte Steigerung des Leseniveaus. Ebenfalls hervorzuheben gilt die besonders ansprechende Aufmachung der Lektüre, sicherlich ein Verdienst des Verlags.

Das vorliegende Heft ist von hochwertiger Druckqualität und enthält schöne Zeichnungen, die als Entlastung fungieren. Außerdem ist die Lektüre sprachlich gut gelungen und geeignet für den Anfängerunterricht: Die Erzählungen enthalten vorwiegend Basisvokabular und einfach strukturierte Sätze, die der Niveaustufe A1 entsprechen. Zu begrüßen sind auch die Landeskunde-Seiten zu den Gebrüdern Grimm (4–6, 71–73), Märchenparks (36–38) und zur Romantik (53–56). Sie halten relevante landeskundliche und literaturhistorische Inhalte bereit, anhand derer Lesende die Märchen kontextualisieren können. Natürlich gibt es im Vergleich zu den Originaltexten sowohl quantitative als auch qualitative Unterschiede. Die adaptierten Märchen sind jeweils circa um die Hälfte kürzer und lexikalisch-grammatikalisch deutlich vereinfacht. Exemplarisch dafür ist nicht nur der häufige Verzicht auf Konjunktionen, sondern auch die Tilgung der für Märchen typischen Eingangs- und Schlussphrasen wie Es war einmal. Vor allem letzteres ist schade, weil es die Möglichkeit ausschließt, sich mit diesen auch in anderen Sprachen bekannten Formeln eingehender auseinanderzusetzen. Nachteile des Cideb-Heftes bestehen in dem gegenüber den Huber-Angeboten höheren Preis und der Konzeption des Übungsangebot. Die Übungen sind einerseits positiv zu bewerten, da sie verschiedene Übungstypen abdecken und nicht nur auf Textverständnis, Grammatikerwerb und Wortschatzerweiterung abzielen, sondern auch (inter)kulturelle Inhalte behandeln. Andererseits stören die Übungen, weil sie so häufig sind, dass sie den Lesefluss verlangsamen: 34 Übungsseiten stehen lediglich 29 Seiten Lesetext gegenüber. Nach zwei bis drei Seiten Lesetext folgen in der Regel zwei oder drei Seiten mit Übungen. Überlegenswert wäre also eine Revision des Übungsteils, zumal die Grammatikübungen häufig aus beliebigen Einzelsätzen ohne Textbezug bestehen. So finden wir nach König Drosselbart eine Übung, die das für beginnende Deutschlernende komplexe Grammatikthema der Wechselpräpositionen (69) einführt, wobei der Bezug zum Märchen gänzlich fehlt (vgl. z. B. Satz 4: „Der Fernseher steht zwischen ... Sofa (N) und ... Fenster (N).“). Fraglich ist auch, inwiefern auf der Grundlage nur eines Leseheftes acht verschiedene Grammatikphänomene (Genus, Satzbau, Imperativ, Akkusativ-/Dativpronomen, trennbare, starke und Modalverben sowie Wechselpräpositionen) gewinnbringend zu behandeln sind.

Das zweite Leseheft stammt vom Hueber-Verlag und ist für Lehrende und Selbstlernende gedacht, die das Lesen und Üben stärker separieren wollen. Das vorliegende Bändchen stellt eine Adaption des Goethe’schen Werther-Romans dar (Niveaustufe A2). Das Heft enthält 31 Seiten Lesetext (3–33) und 13 Seiten mit insgesamt 30 Übungsaufgaben, die das Leseverstehen kontrollieren (34–46). Ein Lösungsschlüssel rundet das gelungene Bändchen ab (47–48). Der Übungsteil ist zu begrüßen, da er im Umfang so gehalten ist, dass er niemanden überfordert. Ebenfalls positiv zu bewerten sind die professionell gestalteten Hörtexte, die auf der Verlagswebseite heruntergeladen werden können. Dass die Nummerierung der Audiodateien nicht ganz stimmt (Kapitel 1 entspricht nicht Track 1, sondern Track 10), irritiert lediglich bei ihrer Erstbenutzung, schmälert aber keineswegs ihre Qualität. Dieser Easy Reader ist also ein gutes Beispiel dafür, dass die Beschäftigung mit Goethe auch schon vor der Kompetenzstufe B1 produktiv sein kann. Erwartungsgemäß finden wir im Vergleich zu dem im Jahre 1774 erschienenen Originaltext umfangreiche inhaltliche und sprachliche Vereinfachungen vor. Der Untertitel Goethes große Liebesgeschichte neu erzählt erscheint insofern programmatisch, als sich darin bereits eine Neuerzählung ankündigt. Die mehr als 80 Briefe des Originals werden zu 37 kürzeren Briefen in der Adaption, denen mitunter Anrede- und Grußformeln („Lieber Wilhelm“, „Viele Grüße/Dein Werther“) hinzugefügt sind, um die monologische Briefform zu verdeutlichen. Weitere Bearbeitungen des Originals sind die Konzentration auf bestimmte Einzelszenen und das Auslassen von Details wie der blaugelben Werther-Tracht. Sprachliche Vereinfachungen betreffen etwa den weitgehenden Verzicht auf andere Zeitformen als Präsens und Perfekt sowie die Explikation von Figurennamen: „Amtmann S.“ des Originals (Goethe 1774) wird zu „Walter“ und einmal „Walther“ [sic!] (46), „Fräulein von B.“ zu „Bertha“, „Graf C.“ zu „Claudius“. Es bleibt also eine prägnante, für Deutschlernende leicht lesbare Darstellung des Werther-Romans, die es vermag, zumindest ansatzweise auf die interessante Liebes- und Selbstmord-Thematik einzugehen und so Brücken zu größerer Lesekompetenz oder Originaltexten zu schlagen.

Insgesamt stellen die vorliegenden Easy Readers gut gelungene Lernmaterialien dar, die ich literaturbegeisterten DaF-Lehrenden wärmstens empfehlen kann. Beide Bändchen haben das Potenzial, Lernenden Selbstvertrauen im Umgang mit fremdsprachiger Literatur zu vermitteln. Ihr Wert für den Einsatz im Unterricht besteht vor allem darin, dass Lernende bereits auf niedrigem Sprachlevel kulturell interessante Literaturerfahrungen sammeln können und dafür wenige Unterrichtseinheiten benötigt werden. Die Märchensammlung ist aufgrund des Übungsansatzes vor allem unter Anleitung einer Lehrperson mit Gewinn einsetzbar und kann bei Vorkenntnis der Geschichten schon bei unerfahrenen Lernenden eingesetzt werden.[1] Die Werther-Adaption verspricht literaturorientierten Selbstlernenden motivierende Leseerfahrungen.

Literatur

Cideb (2020): Cideb – Katalog Deutsch 2020. Online: https://www.blackcat-cideb.com/de/ (22.10.2020).Search in Google Scholar

Goethe, Johann Wolfgang (1774): Die Leiden des jungen Werthers. Projekt Gutenberg. Online: https://www.projekt-gutenberg.org/ (22.10.2020).Search in Google Scholar

Hermes, Liesel (2016): „Graded Readers im Fremdsprachenunterricht“. In: Burwitz-Melzer, Eva; O’Sullivan, Emer (Hrsg.): Einfachheit in der Kinder- und Jugendliteratur: Ein Gewinn für den Fremdsprachenunterricht. Wien: Praesens, 153–163. Search in Google Scholar

Köster, Juliane (2018): „Literatur in Einfacher Sprache“. In: Deutschunterricht 5, 58–67. Schüler, Lisa; Gadow, Anne (2019): Literatur in Leichter Sprache und vereinfachte Lektüren für den Deutschunterricht und Deutschlernende. Online: http://kinderundjugendmedien.de/index.php/fachdidaktik/2710-gadow-anne-schueler-lisa-literatur-in-leichter-sprache-und-vereinfachte-lektueren-fuer-den-deutschunterricht-und-deutschlernende (22.10.2020).Search in Google Scholar

Online erschienen: 2021-04-09
Erschienen im Druck: 2021-04-01

© 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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