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Publicly Available Published by De Gruyter April 9, 2021

Schart, Michael: Fach- und sprachintegrierter Unterricht an der Universität. Untersuchungen zum Zusammenspiel von Inhalten, Aufgaben und dialogischen Lernprozessen. Tübingen: Narr Francke Attempo, 2019 (Giessener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik). -- ISBN 978-3-8233-8235-5. 330 Seiten, € 64,00.

Carsten Waychert

Rezensierte Publikation:

Schart, Michael: Fach- und sprachintegrierter Unterricht an der Universität. Untersuchungen zum Zusammenspiel von Inhalten, Aufgaben und dialogischen Lernprozessen. Tübingen: Narr Francke Attempo, 2019 (Giessener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik). -- ISBN 978-3-8233-8235-5. 330 Seiten, € 64,00.


Der vorliegende Band ist das Ergebnis jahrelanger Unterrichts- und Forschungstätigkeiten im Intensivprogramm für Deutschlandstudien an der Juristischen Fakultät der Keio-Universität (Tokio/Japan). In diesem Programm werden von Beginn der Grundstufe an drei didaktische Gestaltungsprinzipien miteinander verzahnt: inhaltsbasiertes, aufgabenorientiertes und dialogisch-interaktives Lehren und Lernen. In dem Buch, bestehend aus fünf Kernkapiteln, werden die im Forschungszeitraum zwischen 2009 und 2017 erhobenen Daten zusammengeführt und um mehrere Forschungsperspektiven erweitert mit dem Ziel, ein möglichst umfassendes Verständnis für die Lehr-Lernprozesse innerhalb eines fach- und sprachintegrierten Deutschunterrichts zu entwickeln.

Der Großteil der Texte stammt von Michael Schart, dem Hauptautor des Bandes. Nach einer Einleitung stellt er in Grenzgänge: Forschungsdesign und Forschungskontext zunächst anhand einer Vielzahl von methodischen und methodologischen Überlegungen das multimodale Forschungsprojekt vor, in dem Aspekte und Perspektiven aus Aktionsforschung, entwicklungsorientierter Forschung sowie Evaluationsforschung zusammenfließen.

Anschließend werden die drei didaktischen Gestaltungsprinzipien näher erläutert: Inhaltlich relevante und zielgruppengerechte Fragestellungen können nur dann ihre Potenziale im Unterricht entfalten und erfolgreiche Sprachlernprozesse anstoßen, wenn die Lernenden damit aufgabenbasiert arbeiten und dialogisch in der Zielsprache interagieren. In einem fach- und sprachintegrierten Deutschunterricht sollen die Lernenden außerdem die fremde Sprache „als ein Instrument erleben, das ihnen neue Sicht- und Denkweisen erschließt, das ihnen hilft, ihr Selbstverständnis weiterzuentwickeln und das es ihnen nicht zuletzt ermöglicht, gemeinsam mit anderen zu handeln“ (48). Der Autor kritisiert einerseits die einzelnen didaktischen Konzeptionen, die in der Fachliteratur zu selten aufeinander Bezug nehmen, sowie die jeweiligen Forschungsrichtungen, die sehr kleinteilige und zumeist rein linguistisch-orientierte Untersuchungen durchführen und letztendlich die Kluft zwischen Theorie und Praxis nicht zu überbrücken vermögen. Andererseits dürfe sich die Interaktion im Fremdsprachenunterricht nicht auf die immer noch so typischen, dreischrittigen IRE-Sequenzen mit gleichzeitig hohen Redeanteilen der Lehrpersonen beschränken, sondern es müssten Räume geöffnet werden, um dialogisches, interaktives und kollaboratives Lernen in der Zielsprache zu ermöglichen.

Mir persönlich ist kein deutschsprachiger Text bekannt, der so ausführlich und verständlich die Gestaltungsprinzipien des fach- und sprachintegrierten Unterrichts in Verbindung mit dem aufgabenorientierten und dialogischen Lernen auf Basis von umfangreicher Forschungsliteratur darstellt, kritisch diskutiert und dabei Forschungslücken aufzeigt, die es mit der vorliegenden Untersuchung zu schließen gilt. Die Lektüre besonders dieser 80 Seiten sei nicht nur Studierenden im Masterstudiengang DaF/DaZ, sondern auch allen Lehrkräften, die ihren eigenen Unterricht weiterentwickeln möchten sowie eventuell ein exploratives Forschungsprojekt planen, ans Herz gelegt.

In den weiteren Kapiteln werden die verschiedenen Teilprojekte in Form evaluativer, soziokultureller, konversationsanalytischer sowie kognitiver Zugänge zu dem Gesamtprojekt genauer erläutert.

In Evaluative Perspektive: Die Wahrnehmung der Studierenden stellen Davide Orlando und Hidemi Hamano die Umfrageergebnisse vor, die in einem Zeitraum von acht Jahren jeweils am Ende des ersten Studienjahres entstanden sind. Die Ermittlung dieser subjektiven Lernerperspektive ist aus einer doppelten Funktion heraus bedeutsam: als jeweils aktuelle Bestandsaufnahme und als datenbasierte Grundlage für die kontinuierliche Programmentwicklung. Letztendlich zeigt die Auswertung des umfangreichen Korpus‘ an qualitativen und quantitativen Umfragedaten eine hohe Zufriedenheit der Lernenden mit dieser Art von Unterricht auf und macht deutlich, dass auch vor dem Hintergrund der vieldiskutierten Lehr- und Prüfungstraditionen Ostasiens bereits auf Anfängerniveau Formen von Fremdsprachenunterricht realisiert werden können, die ein hohes Maß an studentischem und kognitivem Engagement erfordern sowie die Entwicklung fächerübergreifender Kompetenzen fördern -- eine gewisse Eingewöhnungszeit und regelmäßige Reflexionsphasen vorausgesetzt.

In Soziokulturelle Perspektive: Modi dialogischen Lernens und studentisches Engagement, dem mit 110 Seiten längsten Kapitel, stellt Michael Schart das Herzstück des Forschungsprojekts vor, in dem er untersucht, „welche Muster des mündlichen Austauschs sich in einem fach- und sprachintegrierten, aufgabenbasierten und auf dialogische Lernprozesse zielenden Unterricht entwickeln“ (126). Der Autor fächert die einzelnen Facetten des Forschungs- und Analyseprozesses detailliert auf, indem er Schritt für Schritt immer tiefer in das audiographierte Datenmaterial eindringt, dieses mit verschiedenen Modellen konfrontiert und dabei einen eigenen Zugang entwickelt: Eine Kombination aus soziokultureller Diskursanalyse und Lernengagement-Ansatz.

Zu den zentralen Ergebnissen gehören: 1. Soziokulturelle Studien im Bereich Fremdsprachenunterricht sollten -- über die sprachliche Ebene hinaus -- die inhaltliche Dimension der Interaktion in den Blick nehmen. 2. Die Verbindung von dialogischem Lernen und anspruchsvollen Aufgaben rückt die Rolle der Lehrperson stärker in den Mittelpunkt, denn deren unterrichtliches Handeln bestimmt das Verhältnis von dem den Lernenden zugestandenen Freiraum und der Steuerung durch die Lehrkraft. 3. Die deutlichen Parallelen zwischen der Interaktion im Plenum und während der Gruppenarbeit sowie das unterschiedliche Lernengagement der einzelnen Studierenden zeigen, wie wichtig diese Art von Forschungen im eigenen Klassenraum ist.

Auch in diesem Kapitel besticht der Autor einmal mehr durch seine gedankliche und argumentative Geschlossenheit und es ist faszinierend, seinen Überlegungen und Reflexionen, die in ihrer Offenheit gelegentlich an einen autoethnographischen Ansatz erinnern, folgen zu dürfen. Das Gütekriterium qualitativer Forschung schlechthin -- die intersubjektive Nachvollziehbarkeit -- wird durchgehend erfüllt, aus gewonnenen Erkenntnissen ergeben sich immer wieder neue Betrachtungen sowie weitere Forschungsaktivitäten, es öffnen sich innerhalb des Forschungsprozesses ständig neue Pfade, die allesamt an späterer Stelle wieder erfolgreich zusammengeführt werden. Dennoch droht er, besonders zum Ende hin, den Leser das ein oder andere Mal zu verlieren, so umfangreich sind das allein in diesem Band aufgezeigte Datenmaterial -- die vollständigen Daten liegen auf der Universitätswebseite zur Einsicht bereit -- sowie die zahlreichen Transkriptionen aus den insgesamt 51 inhaltsbezogenen Sequenzen. Man gewinnt dabei den Eindruck, dass sich diese Publikation an zwei verschiedene Adressatenkreise gleichzeitig richtet: einerseits an Lehrende, andererseits an die scientific community, und vermutlich hätte diesem unzweifelhaft lesenswerten Kapitel eine inhaltliche Straffung etwas gutgetan.

In Konversationsanalytische Perspektive: Funktionen und Bedeutung von Lachen im Klassenzimmer (Kapitel 5) untersuchen Grit Liebscher und Sara Marsh anhand der Unterrichtsaufnahmen, wie Kursteilnehmer das Lachen als linguistische Ressource funktional einsetzen. Die Makroanalyse zeigt, dass die Lehrkräfte deutlich seltener als die Studierenden lachen, und bestätigt somit Ergebnisse älterer Studien über institutionelle Interaktionen: „Diese Studien zeigen, dass solche Ungleichheiten nicht nur Beweis dafür sind, dass Lachen eine wichtige Rolle in institutioneller Gruppeninteraktion spielt, sondern auch, dass die sozialen Asymmetrien in solchen Kontexten teilweise durch Lachen konstituiert und sichtbar gemacht werden“ (243). Die Autorinnen arbeiten anschließend in einer Mikroanalyse vier Beispiele exemplarisch heraus: Lachen geschieht einerseits während der dialogischen Interaktion, um sich der lexikalischen Verantwortung zu entziehen -- wobei entweder das Wort selbst Gegenstand des Lachens sein kann oder die Handlung des Ausprobierens. Andererseits entstehen Lachanlässe ebenso dann, wenn Lernende von anderen zu sprachlichen Äußerungen aufgefordert werden oder selbst andere dazu auffordern. In beiden Fällen gilt es, die dabei entstehende Spannung zu verringern und das „face“ (244) der Beteiligten zu schützen.

In Kognitive Perspektive: Die sprachliche Leistung der Lernenden im fach- und sprachintegrierten Anfängerunterricht untersucht Olga Czyzak die linguistische Qualität von Redebeiträgen vor dem Hintergrund, dass der Unterricht keinem formalen oder funktionalen Syllabus folgt. Aus dem Datenmaterial heraus entwickelte sie Sprachliche Analyseeinheiten (SAE) und analysierte diese u. a. mithilfe eines Komplexitätsquotienten, wobei sie hinsichtlich des Lernengagements, der Komplexität sowie der grammatikalischen Korrektheit eine breite Streuung sowohl zwischen den einzelnen Studierenden als auch „intraindividuell“ (275) feststellt: „Das Fehlen von grammatischen Vorgaben zur Bewältigung der Aufgaben führt zu einem breiten Spektrum an sprachlichen Mitteln und somit einen hohen Grad an Individualität in Bezug auf Ausmaß und Art der Komplexität der Lernersprache. Die Studierenden experimentieren mit verschiedenen Konstruktionen, indem sie sich inhaltlich austauschen, ohne auf die Verwendung vorbestimmter Strukturen zu achten“ (282).

Wo viel Licht ist, gibt es auch Schatten. Daher seien zuletzt einige kritische Anmerkungen zur formalen Gestaltung der mir vorliegenden Erstauflage erwähnt:

1. Angesichts einiger Fehler ist der Zeitdruck anzumerken, unter dem die Erstauflage letztendlich entstanden sein muss, auch fehlen einzelne Quellenangaben in dem umfangreichen Literaturverzeichnis von 31 Seiten. Inzwischen ist jedoch ein weiterer Korrekturdurchgang erfolgt und ab der zweiten Auflage sowie in der aktuellen E-Book-Version sind diese Fehler behoben. 2. Das äußerst knappe Inhaltsverzeichnis beschränkt sich leider nur auf die Angabe von Autorenname, Kapitelüberschrift und Seitenzahl. Um jedoch eine suchende Lektüre bzw. ein relativ schnelles Nachschlagen zu ermöglichen, wäre es grundsätzlich wünschenswert gewesen, die dreiteilige Untergliederung aus den einzelnen Aufsätzen ins Inhaltsverzeichnis zu übernehmen, zumal der Band kein Schlagwortregister enthält. 3. Am schwersten wiegt meiner Meinung nach jedoch der Einwand, dass viele der Abbildungen (und sogar drei Transkripte in Kapitel 5) schwierig oder gar nicht zu erkennen sind. Auch wenn alle Grafiken -- sowie das gesamte Korpus der Forschungsdaten -- auf einer Webseite abgerufen werden können, hätte der Verlag einen Preisnachlass auf die Druckausgabe des inhaltlich rundum empfehlenswerten Bandes in Erwägung ziehen sollen.

Online erschienen: 2021-04-09
Erschienen im Druck: 2021-04-01

© 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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