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De Gruyter | Published online: September 25, 2017

Bibliothekartag 2017

KIBA-Podiumsdiskussion

Ein Programmpunkt während des Frankfurter Bibliothekartags vom 30. Mai bis zum 2. Juni 2017 bildete die KIBA-Podiumsdiskussion „Digitale Transformation meistern: Herausforderung an die bibliotheks und informationswissenschaftliche Ausbildung“ am 31. Mai 2017. Auf dem Podium saßen Thomas Bürger, SLUB Dresden, Reinhard Karger, DGI, Joachim Metzner, Präsident a. D. TH Köln, Thomas Stäcker, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, und Olaf Zimmermann, Deutscher Kulturrat. Unter der Moderation von Frauke Schade, HAW Hamburg, und Ursula Georgy, TH Köln, widmeten sich die Diskutanten den neuen Rollen von wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken. Die Digitalisierung bedingt nicht nur einen grundlegenden Wandel der bisherigen Aufgabengebiete, sondern bringt auch eine immer weiterschreitende Spezialisierung mit sich. Während die Stadtteilbibliotheken sich innerhalb der lokalen Zivilgesellschaft verorten müssen, interessierten in dieser Diskussion besonders die wissenschaftlichen Bibliotheken und ihre Transformation vom „Literaturlieferanten“ zur umfassenden Forschungsinfrastruktureinrichtung. Gefordert wurde ein selbstbewusstes Auftreten dieser Institutionen als kompetente Partner der Universitäten im Prozess der Digitalisierung von Forschung und Lehre. Dies muss sich auch auf die Ausbildung des Nachwuchses auswirken. Entgegen den generalistischen Bestrebungen der 90er Jahre braucht es jetzt nicht mehr den „Alleskönner“, sondern IT-affine Spezialisten. Dies sollten die Ausbildungseinrichtungen berücksichtigen und zumindest in den höheren Semestern differenzierte Curricula anbieten, sei es beispielsweise mit einem Datenmanager oder einem Data Librarian. Dies gilt im besonderen Maße für die wissenschaftlichen Bibliotheken, wo schon jetzt vermehrt Stellen mit Informatikern besetzt werden. Deutlich wurde auch, dass sich die dauernd wandelnden und äußerst komplexen Aufgabengebiete nicht über eine einmalige Ausbildung in Form eines Bachelor-Studiengangs bewältigen lassen. Vielmehr braucht es ein vielfältiges Angebot an Weiterbildungen, sei es als Masterstudiengänge oder durch berufsbegleitende Kurse mit individualisierten Inhalten, um die vorhandenen und zukünftigen Mitarbeiter auch effizient an den benötigten Stellen einsetzen zu können. Der Bibliothekar der Zukunft, da war man sich einig, ist nicht mehr der stille Bücherwurm, sondern ein kommunikativer, flexibler und gut vernetzter Digitalist.

Zukunftsgestalter in Bibliotheken

Bestände und Budgets der Bibliotheken nehmen ab, Ausleihezahlen gehen zurück. Die Nutzung von Büchern und Zeitschriften ist angesichts der Verfügbarkeit digitaler Angebote und der für Universitätsangehörige und Besitzer von Bibliotheksausweisen häufig unentgeltlichen Nutzung von WLAN und Internetzugängen auch ohne das Betreten einer Bibliothek oder eines Lesesaals herkömmlicher Art garantiert. Was also können Bibliotheken tun, um dennoch attraktiv zu sein, um Menschen in ihre Räume zu locken? „Die Bibliothekarsbibliothek ist tot. Wir sind auf dem Weg zur Nutzerbibliothek“, sagte Elmar Mittler einleitend bei der Preisverleihung für die Zukunftsgestalter in Bibliotheken. Dieser von De Gruyter ausgelobte Preis zeichnet besonders zukunftsfähige Projekte aus, die ihre Praxistauglichkeit bereits erwiesen haben und auf andere Bibliotheken übertragbar erscheinen. Etwa 50 Bewerbungen gab es insgesamt, was zeigt, dass man sich in vielen Bibliotheken mit neuen Angeboten und Dienstleistungen auseinandersetzt.

Als „Zukunftsgestalter in Bibliotheken 2017“ ausgewählt wurden das Team der Mediathek der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW Basel – HGK FHNW sowie das Makerspace-Team der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden – SLUB.

Der «integrierte Katalog» der Mediathek der HGK FHNW Basel führt alle wichtigen Informationsquellen der Hochschule unter einer Nutzeroberfläche zusammen. Implementiert wurden dazu ein eigenes Datawarehouse mit Volltextindex, Discovery- und Datamining-Mechanismen und ein Softwaresystem für das digitale Kuratieren im Hintergrund. Schnittstellen zu Lern- und Forschungssystemen sind geplant. Die etwas ausgefallene Aufstellung der Bestände als horizontale Kistenlandschaft in einem lang gestreckten Raum wird im Katalog abgebildet, sodass man schnell zum recherchierten physischen Medium findet. RFID-basierte Systeme erlauben sowohl die Inventurdaten und den 3D-Stellplan als auch die Regalbeschriftungen und sogar die Überwachung der Zugangsschleusen in Echtzeit zu kontrollieren.

Unter dem Leitsatz „Wissen kommt von Machen!“ ermöglicht die SLUB Dresden in ihren Räumen eine erweiterte Wissensproduktion und -vermittlung für Jung und Alt. Mit Unterstützung der TU Dresden, dem Fraunhofer IWU und dem FabLab Dresden hat sie einen Makerspace eröffnet, der 2017 den Regelbetrieb aufgenommen hat. Das Makerspace-Team der SLUB kümmert sich um den Betrieb, die Organisation und die Weiterentwicklung von Angeboten im Bereich Werkstatt (z. B. 3D-Drucker, Lasercutter, Werkbänke, Arduino, Lego-Technik), 3D-Visualisierung sowie Bild- und Ton (Schallplattendigitalisierung, Videoproduktion). In der Werkstatt werden auch nicht mehr benötigte Maschinen aus den Instituten aufgebaut und betreut. Zum Angebot gehören Geräteführerscheine, Fortbildungsangebote, Gruppenarbeitsräume und Projektunterstützung. Weitere Informationen gibt es unter slubdd.de/makerspace

Ausgezeichnete studentische Team-Projekte

Der Team Award Information Professionals (TIP) zeichnet drei studentische Teamleistungen aus, die einen innovativen Beitrag zur digitalen Transformation und Gestaltung der digitalen Gesellschaft in der Berufspraxis von Bibliotheken und Informationseinrichtungen liefern. Er wird von b.i.t. online, KIBA und Schweitzer Fachinformation vergeben. Auf dem Bibliothekartag 2017 erhielten folgende drei Projekte die Auszeichnung:

„Ok Google... The End of Search as we know it. Sprachgesteuerte Websuche im Test“

Vor dem Hintergrund, dass Sprache als Instrument zur Steuerung von Informations- und Kommunikationstechnologien sowie für die Informationsrecherche immer wichtiger werden, untersuchte das Projektteam unter der Leitung von Friederike Kerkmann und Sebastian Sünkler aus dem Department Information der HAW Hamburg im Auftrag der Telekom AG Voice-Web-Search-Systeme, um daraus Empfehlungen zur Gestaltung der optimalen Voice Web Search abzuleiten. Untersucht wurden die Systeme Google Now, Apple Siri, Microsoft Cortana und Amazon Fire OS. Betrachtet wurden Aspekte wie Zugang/Einstieg, Bedienung, Suchanfrageverarbeitung, Personalisierung, Barrierefreiheit, Ergebnispräsentation und Hilfestellung. Mit einem Retrievaltest wurde die Qualität der Suchergebnisse beurteilt. Das Kernstück des Vorhabens bildete die Nutzerstudie, die mittels teilnehmender Beobachtung und Retrospective Thinking Aloud (dem Lauten Denken in der Rückschau an eine Aufgabe) Einblicke in das Verhalten tatsächlicher Anwender ermöglichte. Auf Basis der ermittelten Erfolgsfaktoren wurde der ideale Suchprozess innerhalb einer optimierten Voice Web Search-Anwendung skizziert und in einem Prototyp umgesetzt. Alle Ergebnisse in ausführlicher Darstellung finden sich im öffentlich zugänglichen Projektbericht unter http://searchstudies.org/wp-content/uploads/2016/04/OK_Google_2016_Abschlussbericht.pdf

Leitfaden zu Open Educational Resources

Im Zuge der Open-Access-Bewegung gewinnen Open Educational Resources (OER) als frei zugängliche Lehr- und Unterrichtsmaterialen an Schulen und Hochschulen zunehmend an Relevanz. Das Projektteam unter der Leitung von Dr. Anke Wittich an der Hochschule Hannover entwickelte einen praktischen Leitfaden zum Thema OER für Bibliotheken und Informationseinrichtungen. Der Leitfaden berücksichtigt didaktische und formale Anforderungen, Hinweise zum Urheberrecht und Creative-Commons-Lizenzen sowie technische Aspekte von OER. Bei ihrer Präsentation erläuterte Sabine Stummeyer sehr eindrücklich welche besonderen Herausforderungen an die Projektleitung bestehen, wenn sich ein berufsbegleitender Bachelorstudiengang mit nur wenigen Präsenzterminen an ein derartig anspruchsvolles Team-Projekt herantraut. Der Leitfaden wurde mittels der Plattform handbuch.io des Open Science Labs der TIB Hannover arbeitsteilig erarbeitet und lässt sich dort bei Bedarf jederzeit verändern und an neue Entwicklungen anpassen. Er ist unter https://handbuch.tib.eu/w/Leitfaden_zu_Open_Educational_Resources_für_Bibliotheken_und_Informationseinrichtungen zugänglich und steht zur Nachnutzung zur Verfügung.

Archivierung des digitalen Schuhkartons

Auch in privaten Haushalten liegen heutzutage immer mehr Erinnerungsstücke, wie Fotos und Briefe, in digitaler Form vor. Während frühere Generationen ihre Memorabilien noch in einem Schuhkarton aufbewahren konnten, ist dies mit den vorliegenden digitalen Daten nicht mehr möglich. Ziel des Projektes unter der Leitung von Prof. Dr. Achim Oswald an der TH Köln war es zu untersuchen, wie Bibliotheken private Nutzer bei der Archivierung ihrer persönlichen Daten unterstützen können. Das Projektteam konzipierte auf der Grundlage einer Studie, eine Handreichung für Bibliotheken und einen Workshop für die Reihe „Digitale Werkstatt“ der Stadtbibliothek Köln. Dabei entstanden Leitfäden, die in knapper übersichtlicher Form Empfehlungen enthalten, wie Dokumente in den geläufigsten Datentypen (Text, Bild, Audio, Video) auch von IT-Laien sicher aufbewahrt und durch die Zuteilung von Metadaten übersichtlich archiviert und zugänglich bleiben können. Für Informationseinrichtungen bieten die Workshops eine Erweiterung ihrer klassischen Nutzerschulungen hin zur allgemeinen Vermittlung digitaler Informationskompetenz.

Die acht Einreichungen bewertet hat die Jury mit Prof. Dr. Ursula Georgy (TH Köln), Prof. Dr. Joachim Griesbaum (Uni Hildesheim), Erwin König (b.i.t. online), Marlies Ockenfeld (DGI), Barbara Schleihagen (dbv) und Jörg Pieper (Schweitzer Fachinformation).

 Auf dem Stand von Schweitzer Fachinformationen erhielt jedes der drei siegreichen Teams im Rahmen eines Empfangs einen Scheck über 800 Euro (Foto: M. Ockenfeld).

Auf dem Stand von Schweitzer Fachinformationen erhielt jedes der drei siegreichen Teams im Rahmen eines Empfangs einen Scheck über 800 Euro (Foto: M. Ockenfeld).

„The Living Value Network“ – die GfWM Frankfurt entwirft Zukunfts-perspektiven für Wissensarbeiter

Das neue GfWM-Forum: Michael Borchardt schildert seine ersten Eindrücke

Der Autor staunte nicht schlecht, als er sich am 9. Februar 2017 im Haus des Regionalverbands FrankfurtRheinMain einfand und statt eines gemütlichen Stammtisches eine professionell ausgerüstete Arbeitsumgebung für ein Halbtagsseminar vorfand – inklusive 22 hochkonzentrierter Kolleginnen und Kollegen. Der Grund: Ingrid Heinz, erfahrene Unternehmensberaterin aus Usingen und GfWM-Koordinatorin der Regionalgruppe Frankfurt, hatte das Konzept und das Framework für „The Living Value Network“ im Gepäck – ein Set von Zukunftsperspektiven für die Weiterentwicklung des Berufes „Wissens-Manager“ bzw. Wissensexperte. Für den zweiten Teil des Abends war der Vortrag von Herrn Zillich zum Thema „Gatekeeper“ angekündigt. So war schnell klar: die ersten Kontakte des langjährigen DGI- und frischen GfWM-Mitglieds würden erst einmal bei Mineralwasser und Obstsaft statt bei Bier und Wein geknüpft werden.

Aber das war die Sache allemal wert: Frau Heinz entwickelte in dialogischem Vorgehen zuerst einmal die Ausgangssituation für Wissensarbeiter – „Digitalisierung als Herausforderung für den eigenen Berufsalltag“. Damit sprach sie nicht nur die Veränderung klassischer Berufsfelder durch neue mathematische Verfahren zur Analyse großer Datenmengen an, also Algorithmen, die sich anhand je konkreter Fragestellungen interpretierend und klassifizierend durch Big Data-Pools „fressen“, sondern auch organisatorische Veränderungen in den Unternehmen und Organisationen, die klassische Wissensarbeiter beschäftigen.

Sie berichtete vom Workshop der letzten Sommerakademie, bei dem es darum ging, den eigenen „Arbeitsplatz der Zukunft“ zu bauen. Nicht gerade die leichteste Aufgabe, die zukünftige Entwicklung vorherzusehen und darzustellen.

Durch Globalisierung und Digitalisierung kommt es zum Umstrukturieren, Verlagern und oft auch zum kompletten Streichen ganzer Abteilungen, die sich traditionell mit Informationsvermittlung und/oder Wissensmanagement in der Organisation beschäftigen.

An diesem Punkt kommen neue Arbeitsmodelle für Wissensarbeiter ins Spiel: sei es nach wie vor als interne Tätigkeit, sei es als externe Informationsprofis. Ihre Aufgaben werden sich künftig weiterentwickeln, möglicherweise werden sie als Profit Center innerhalb des eigenen Unternehmens tätig, wodurch sie dann auch in Konkurrenz zu freien Anbietern auf den Informationsmärkten stünden. Die Kernfrage: „Wer ist Dein wichtigster Kunde?“ gewinnt so eine ganz neue Aktualität und Brisanz.

Dafür geht mit dem Konzept „The Living Value Network“ ein gänzlich neues Format an den Start: Jeden zweiten Monat bietet die GfWM Frankfurt Rhein/Main einen Intensiv-Nachmittag und -Abend mit zwei Themen, Diskussion und Kurz-Workshop an. Das Ziel ist nicht nur, Wissen zu vermitteln, sondern Transformationsprozesse auszulösen und zu begleiten.[1]

Der Wandel betrifft nicht nur Wissensinhalte, Formate und Methoden, sondern noch viel mehr die WissensexpertInnen selbst. Ihre Position in einer digitalen Zukunft soll hier erweitert, gestärkt und ihre Weiterentwicklung gezielt gefördert werden. Weiterentwickeln kann sich auch ihre Position – vom Knowledge Broker, der Informationen beschafft und verarbeitet, in weitere, interaktivere Rollen. So zum Beispiel hin zu proaktiv denkenden und agierenden Gate-Keepern. Zur Verdeutlichung: Gatekeeper (Torwächter) sind nach Auffassung Stefan Zillichs gerade deshalb für die Organisation essentiell, weil ihnen in dieser Rolle die Kontrolle der Informationskanäle der Organisation und deren Inhalte (Content) zufällt. Die Gatekeeper entscheiden also mit über das, was die Organisation wissen kann und was nicht.

Als Dachthema des Jahres 2017 wählte sich die GfWM Frankfurt Rhein/Main „Der Wandel der ROLLE der WissensmanagerInnen im digitalen Zeitalter“. An vier Abenden werden Experten als Impulsgeber gelungene Beispiele für die proaktive Gestaltung und Erweiterung der eigenen Handlungsmöglichkeiten durch eine andere Rollengestaltung vorstellen: nicht nur „blaue“, methodische Routine-Aufgaben, sondern auch „rote“, dynamische Aufgaben, die zur Transformation und Innovation im Unternehmen beitragen.[2] Die Impulsgeber werden berichten, wie sie ihre eigenen Rollen derzeit leben, über die Herausforderungen, vor der ihre Branchen zukünftig stehen, und die Überlegungen, die sie dazu anstellen. Sie vermitteln Impulse und Ansatzpunkte für erste Ideen, wie Elemente aus den Rollen des Knowledge Brokers, des Gatekeepers und des Boundary Spanners in der Praxis gelebt werden können.[3]

Allein lässt das GfWM-Forum in Frankfurt die Wissensarbeiter auf ihrem Weg in die Zukunft also nicht, doch wenn sie ihn erfolgreich gehen wollen, wird ihnen die Umstellung auf eine neue, teils ungewohnte Flexibilität im Denken, Arbeiten und vielleicht auch in den arbeitsvertraglichen Regelungen abverlangt werden.

Das ist von großer Bedeutung. Denn noch mehr als bereits heute wird es für die Wissensarbeiter wichtig werden, die Innovatoren im Unternehmen und die „Early Adopters“ zu identifizieren, die bereit sind, ganz früh die Neuerungen umzusetzen. Wenn sie diese beiden Gruppen für sich als „Auftraggeber“ gewinnen, werten sie damit auch ihre eigene Position als Ermöglicher der Innovation im Unternehmen auf und tun damit etwas für ihr Selbstmarketing.

Spannend wird aber auch die unterstützende Rolle der 2015 novellierten ISO-Norm 9001 sein: erstmals wird hier dem „Umgang mit dem Wissen der Organisation“ eine eigenständige Bedeutung beigemessen und explizit in den Normanforderungen benannt. Die Organisationen haben ab Erscheinen der revidierten Fassung drei Jahre Zeit, die neue Norm9001:2015 einzuführen und damit auch den Umgang mit dem Wissen der Organisation zu gestalten und zu systematisieren. Erstmals zertifizierte bzw. neuzertifizierte Unternehmen müssen ein Set aus Bausteinen aus den Feldern: Bestimmen, Aufrechterhalten und Vermitteln sowie, wo immer notwendig, Erlangen/Entwickeln zusammenstellen und an die jeweiligen spezifischen Abläufe des Unternehmens anpassen.

Damit ist sehr wenig zu dessen technischen Bedingungen beschrieben, aber umso mehr zur Rolle des oder der zuständigen Wissensarbeiter. Diese stehen vor der Herausforderung, jetzt noch viel mehr als früher, implizites Wissen im Unternehmen zu heben, sichtbar zu machen, perspektivisch zu dokumentieren und der breiten Nutzung zuzuführen.

Hier zeigte sich auch eine weitere Stärke des geplanten Vorgehens von Frau Heinz bei der Entwicklung des Konzeptes „The Living Value Network“: Veränderungen des Berufsalltages, organisatorische Umwälzungen, Novellierung rechtlicher Rahmenbedingungen und Prozessorientierung des Konzepts werden nicht nur vor einem ökonomischen und strategischen, sondern auch vor einem gesellschaftlichen und ethischen Hintergrund bewertet und zusammengedacht.

Dass die Digitalisierung nicht nur einen technischen Aspekt hat, sondern auch ein ganz anderes Verhalten in Bezug auf Führung und Zusammenarbeit erfordert, das beinhaltet nicht nur eine individuelle, sondern zusätzlich auch eine gesellschaftliche Ebene. Sie verwies auf die Studie von Prof. Peter Kruse „Wandel der Arbeitswelt“ in der gefragt wurde: wohin geht die Reise?[4] Sie geht klar in Richtung Netzwerkgesellschaft. Dabei gibt es nur ein Problem: Aus der Sicht der Mitarbeiter besteht eine Spaltung in zwei völlig konträre Welten.

  • 54 % der Mitarbeiter verdienen weniger und haben keine gute Ausbildung. Sie fragen sich, ob sie je einen Platz in der Netzwerkgesellschaft finden werden.

  • 46 % der Mitarbeiter sehen sich gut gerüstet für diese Form der Autonomie in Netzwerken.

Kruse sagte 2014: „...wir haben das Problem einer kollektiven Neuorientierung, das müssen wir auch als Kollektiv ernst nehmen. Wir brauchen die Netzwerkgesellschaft, aber Netzwerke können verdammt kalt sein, wenn wir das nicht gegenbalancieren. Das sich abzeichnende Dilemma von innovativer und solidarischer Verteilungsgerechtigkeit kann nur gemeinsam gelöst werden. NOCH haben wir aber unsere Aufgaben nicht gemacht. In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Wir müssen es einfach neu definieren.“[5]

Wie wir zukünftig den Umgang mit Wissen gestalten, wird eine entscheidende Rolle bei dieser Entwicklung spielen. Die Möglichkeiten der Wissensexperten, sich in der Zukunft als kompetente Gesprächspartner in ihrem Unternehmen zu positionieren und sich gleichzeitig individuelle Möglichkeiten des Job Enrichments zu eröffnen, sind vielfältig.

Als Kooperationspartner sowohl des (Top-)Managements als auch der Fachabteilungen im Unternehmen haben zum Bespiel Wissensmanager in der Rolle des „Gatekeepers“ eine zentrale Bedeutung. Für Berater und Coaches ist diese Entwicklung ebenfalls von großem Interesse: Denn, so scheint es, Wissensmanagement und Knowledge Transfer stehen eine große Zukunft ins Haus, wenn sie richtig angepackt werden. Darum ging es im zweiten Teil des Abends.

Stefan Zillich, Information Specialist, Herausgeber und Redakteur des Newsletters der GfWM und der THEMEN, startete diese Reihe mit einer konzentrierten Übersicht über die Rolle des „Gatekeepers“. Vor dem Hintergrund seiner beruflichen Erfahrungen und mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft machte er den zentralen Stellenwert dieser Funktion und die damit verbundene Verantwortung deutlich.

Michael Borchardt

RETAILCONSULT.DE – Beratung + Coaching im Handel

www.retailconsult.de

michael.borchardt@retailconsult.de

Der Gatekeeper: Stefan Zillich über das Bindeglied im Informationsnetzwerk

Gatekeeper (Torwächter) sind ein Bindeglied im Informationsnetzwerk zwischen Organisation und Umwelt. Gatekeeper ist keine Berufsbezeichnung – es handelt sich um eine Rolle, deren InhaberIn die Informationskanäle der Organisation und den Content daraus prüft. Über diese Kanäle tritt die Organisation mit ihrer Umwelt in Verbindung. Gatekeeper entscheiden mit den Aufgaben und Kompetenzen, die sie für ihre Organisationen wahrnehmen, welcher Content zum Nutzen der Organisation passieren darf bzw. was ausgefiltert wird. Gatekeeper sind zudem vertraut mit den Regeln und Anforderungen der Informationsmärkte; mit diesem Wissen prüfen sie auch ausgehende Inhalte der Organisation auf Fehler und Risiken. Der Gatekeeper ist eine Rolle, die in unterschiedlichsten beruflichen Kontexten vertreten ist: hier sind Herausgeber und Journalisten in Zeitungsverlagen zu nennen. Doch auch AssistentInnen an Hochschulen und in Büros, PersonalleiterInnen und Webbeauftragte in öffentlichen Einrichtungen und Unternehmen entscheiden als Torwächter, welche Inhalte und Expertisen an die übrigen Mitglieder der Organisationen weitergereicht werden – und welche nicht.

In der beruflichen Tätigkeit als Information Specialist lassen sich ganz konkrete Aufgaben und Kompetenzen des Gatekeepers skizzieren: im direkten Austausch mit Kunden werden relevante Kanäle zu deren individuellen Themen identifiziert und daraus kontinuierlich hochwertiger Content gefiltert. Dieser wird im Auftrag der Kunden strukturiert aufbereitet, kommentiert und gezielt und rechtzeitig an die richtigen Zielgruppen verteilt, so zum Beispiel an NutzerInnen in Prozessen und Projekten. Der Gatekeeper versorgt seine Zielgruppen also mit den wichtigen Inhalten aus ihrem Umfeld und entlastet sie von irrelevanten oder gar unzuverlässigen Informationen.

Gatekeeper definieren ihre Arbeit verantwortungsbewusst als Ermöglicher und Unterstützer in Sachen Content – keinesfalls als Zensor. Sie berücksichtigen die besonderen Anforderungen und Ansprüche der Organisation. Dabei beobachten sie Veränderungen und Neuerungen im Umfeld der Organisation und reichen gezielt Hinweise und Vorschläge nach innen durch. Somit enthält die Rolle der Gatekeeper Möglichkeiten für das organisationale Lernen und für die Innovation, die zukünftig durchaus mehr genutzt werden können.

Um die eigene Rolle als Gatekeeper zu entdecken, ist häufig ein Prozess der Erkenntnis notwendig. Damit verbunden ist die Identifikation spezifischer Aufgaben, Kompetenzen und der damit verbundenen Verantwortung.

Als Ergebnis dieser Auseinandersetzung kann die Rolle des Gatekeepers die Informations- und Wissensarbeiter zu konstruktiven Fragestellungen führen:

  • Welche Aufgaben und welche Verantwortung verbinden sich mit der Rolle des Gatekeepers?

  • Welche Kompetenzen sind dafür notwendig?

  • Welche Erkenntnisse können Informations- und WissensarbeiterInnen angesichts der Veränderungen durch die Digitalisierung der Arbeitsumwelt aus der Rolle des Gatekeepers ableiten?

Stefan Zillich

re:Quest

www.stz-info.de

stefanzillich@web.de

Internationale Norm mit Fachsprache der Information und Dokumentation erschienen (ISO 5127)

Am 1. Mai 2017 ist „ISO 5127 Foundation and Vocabulary of information and Documentation 2nd ed.“ erschienen – gewissermaßen das internationale Gegenstück zur „Terminologie der Information und Dokumentation (TID)“ (2006) des DGI-AKTS (deren 3. Ausgabe derzeit intensiv vorbereitet wird). Mit ihren 2.000 Definitionen wurde ISO 5127 gegenüber ihrer Vorgängerin 2001 im Umfang erheblich erweitert (350 Seiten) und mit einer ausführlichen Fachbibliographie (350 Titel) versehen. Insbesondere im Bereich audiovisueller Dokumente und Massenmedien wurden erheblich erweiterte Bereiche nunmehr in das Vokabular einbezogen. Grundsätzlich ist es heute ein integratives Vokabular, das die gemeinsamen Grundlagen verschiedener Dokumentationsbereiche herausstellt und gleichzeitig unterschiedliche Bereiche wie Archiv, Museum, Bibliothek, Massenmedien in ihren Besonderheiten gleichermaßen berücksichtigt. Existierende gut etablierte Definitionen aus diesen Bereichen wurden unverändert übernommen. ISO 5127 besteht in englischer Sprache, die französischen und deutschen (und weitere?) Benennungen werden in ihrer Folgeausgabe 2019 zugefügt.

ISO 5127 deckt den Bedarf an einem umfassenden und für verschiedene Bereiche gleichgewichtig ausgestalteten Vokabular für den Informationsbereich und die Arbeitsvorgänge in der umfassenden Dokumentationsarbeit. Sie ist in dieser Hinsicht wie ein Fachlexikon ein Begleiter täglicher Arbeit, aber ebenso ein wichtiges Element für verschiedene Ebenen in der Ausbildung. In gewisser Weise bietet sie ein Gerüst für eine Grundlegung des Fachgebietes „Informationsbereich“. Sie tritt damit an die Seite gängiger und bewährter Werke wie der „UNESCO Terminology of documentation (1976)“, dem British Standard 5408 Glossary of documentation terms, Harrod’s Librarian’s Glossary oder Elsevier’s Dictionary of libary and information Sciene, ALA Glossary of Library and Information Science, ICA Dictionary of Archival Terminology, der Glossarspalten In ISBD, AACR, ISAD, FIAF oder jetzt RDA u.v. a. – und sie tritt in vielem deren aktualisierte Nachfolge an. Die Norm ISO 5127 will in ihren Einzeleinträgen ein umfassendes, präzises Auskunftsmittel sein; auch in dem Sinne, dass sie eine Vielzahl an vielen Stellen verstreuter dokumentationsrelevanter Definitionen aus ISO-Normen (und anderen Fachgesellschaften) zusammen bringt. Andererseits gewinnt ein solcher Vokabularvorrat seinen Sinn dadurch, dass er durchgängig systematisch, nicht alphabetisch aufgebaut ist. Nur so zeigt sich das Fachgebiet „Informationsbereich“ in seinem Gesamtumfang, seinen Einzelbereichen und seinen Strukturen. Jeder Einzeleintrag ist zur Gesamtheit hin verknüpft (Oberbegriffe, Unterbegriffe, verwandte Begriffe). Auf diese Weise schafft diese Norm in ihrem Vokabularvorrat einen umfangreichen neuen und selbständigen, über das bloße Aufführen der Einzeleinträge hinausgehenden Wissenspool. Sie deckt lang etablierte ebenso wie in den letzten Jahren neu herausgebildete Arbeitsgebiete der Dokumentation ab (allerdings nicht besonders spezialisierte Bereiche wie Künstliche Intelligenz, avancierte Programmiermethoden, modernste Formen des Webdesign, Internetmarketing; zu diesen nur die Grundbegriffe, auf denen die Techniken aufbauen. Zu ihnen hilft eher der systematische Vokabularbestand der ISO-Normenreihe ISO 2382). Zu diesen Gebieten zählen beispielsweise

  • Aufbau/Grundelemente elektronischer Datenbanken;

  • Wissenschaftskommunikation (auch in Zeitschriften und Forschung);

  • Elemente der Katalogisierung, bibliothekarischen Verarbeitung und Bereitstellung von Dokumenten (Ressourcen);

  • Unterscheidung und Typisierung unterschiedlichster Dokumentarten von „Urkunde“, „Papierschriftstück“ bis „Faksimile“, „Hörbuch“, „Wirtschaftsdokument“, „Zitierindex“, „kartographisches Dokument“, „PPT-Präsentation“, „Wochenzeitung“, „Single“, „DVD“, „Kupferstich“, „Plagiat“ u.v. a.;

  • Techniken der Inhaltsanalyse, -erschließung und Aufbereitung (Indexierung, Thesauri, Klassifikation, Schlagwortzuordnung);

  • Aspekte physischer und intellektueller Dokumentproduktion;

  • Arten und innerer Aufbau von IuD-Einrichtungen;

  • Informationsrecherche und -retrieval;

  • Speicherung, Verarbeitung und Verbreitung von Information;

  • Arten und innerer Aufbau von (Dokument-)Beständen;

  • Schäden und auf sie bezogene Restaurierungsmaßnahmen an (analogen) Dokumenten;

  • für alle diese Vorgänge einschlägige Rechtsbegriffe im Informationsbereich (inkl. Patentwesen und Datenschutz).

ISO 5127:2017 ist in analoger oder digitaler Form erhältlich bei www.iso.org (36,- CHF) bzw. beim Beuth-Verlag Berlin www.beuth.de. Unabhängig vom systematischen Angebot dieses Vokabularbestands ISO 5127:2017 können alle Einzeldefinitionen in ISO-Normen stets (gratis) abgefragt werden auf www.iso.org/obp, einer Rechercheseite der Internationalen Organisation für Normung ISO.

Axel Ermerta.ermert@smb.spk-berlin.de

Published Online: 2017-09-25
Published in Print: 2017-08-30

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