Buchbesprechungen

De Gruyter | Published online: September 25, 2017
LorenzBerndDr.(GermanyMünchen)
SteyerVesna(GermanyBerlin)

Praxishandbuch Ausstellungen in Bibliotheken Petra Hauke (Hrsg.). – Berlin/Boston: de Gruyter Saur, 2016. XI, 453 Seiten, ISBN 978-3-11-047504-3, 99,95 Euro.

Ausstellungen in Bibliotheken sind ein kontinuierlicher Bestandteil der Öffentlichkeitsarbeit. Bibliotheken verfolgen damit unterschiedliche Ziele: Ausstellungen ermöglichen es den Bibliotheken die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich zu ziehen und sind eine Quelle von Kunst und Kultur und wesentliches Instrument der Kommunikation. Solche Ausstellungen können innerhalb der Bibliothek oder an Orten außerhalb der Bibliothek – und damit ist selbstverständlich auch der virtuelle Bereich eingeschlossen – stattfinden.

Dieses Buch gibt den Kolleginnen und Kollegen Anregungen für die Organisation von Ausstellungen. Durch die Detailfülle und Tiefe der Beiträge finden auch die Erfahreneren neue Inspirationen und Hinweise für ihre Arbeit. Dabei wird der Bogen von kleineren auch zu größeren Bibliotheken gespannt.

Das Handbuch behandelt das Thema unter verschiedenen Aspekten, in einem Vorwort und in 33 Aufsätzen, geschrieben von 48 Autorinnen und Autoren – von denen 14 in Berlin tätig sind. Dies ist nur zu verständlich, denn Initiatoren dieses sehr interessanten und instruktiven Handbuchs sind Studentinnen und Studenten eines Seminars an der Humboldt-Universität unter Leitung der agilen Lehrbeauftragten und Projektleiterin Petra Hauke. (In der folgenden Besprechung wird nur auf Seitenzahlen verwiesen, die Autoren sind unschwer zu finden und werden auch im Autorenverzeichnis kurz vorgestellt (434–437)).

Der Band behandelt neben großen Überblicken auch Detailfragen wie Laufzettel für Leihanfragen (130 f.) oder gar ein Kapitel zu Buchstützen (180 ff.), aber auch bekannte und ermutigende Beispiele für (teilweise große) Ausstellungen in Bibliotheken.

Bei Ausstellungen geht es sozusagen zu wie im richtigen Leben: Alle wissen vermeintlich, was eine Ausstellung ist und wie man diese möglichst im Vorbeigehen – „hinbekommt“. (Die Vorsicht und Skepsis aus der Schweiz (403–409) ist geradezu wohltuend.) Und hier schafft dieses Buch soliden Boden unter den Füßen. „Ausstellungen sind in ihrer Gesamtheit als Medien zu verstehen“ (222, vgl. 229), sie stellen ein Instrument der Öffentlichkeitsarbeit oder der Kulturvermittlung dar (410 ff., vgl. 155), sie „ermöglichen der Öffentlichkeit die unmittelbare Begegnung mit originalen Sammlungsobjekten und bringen zugleich unausweichlich ein erhöhtes Risiko für das Kulturgut mit sich“ (86). Zumal sich häufig auch die Frage nach einem Missverhältnis von Aufwand zum Nutzen stellt (410, vgl. 155). Der Nutzen, die Bibliothek ins Gespräch zu bringen, Aufmerksamkeit zu erzeugen, die Bibliothek als Partnerin wahr zu nehmen und neue Unterstützer für Bibliotheken zu finden, ist nicht immer gleich absehbar und messbar. Das alles sind Motivationen, eine Ausstellung zu organisieren. Die Festlegung, „Bibliotheken ... können es sich oft nicht leisten, Mitarbeiter für die Konzeption ... freizustellen.“ (9 ff.) holt die Verantwortlichen in Bibliotheken genau dort ab und bietet die Möglichkeit, sich den „Berg“ der anfallenden Arbeit in die bekannten Phasen der Projektarbeit zu unterteilen.

Nach diesem Überblick lohnt es sich schon nach geeigneten Kooperationspartnern Ausschau zu halten (155 ff.) und somit den Arbeitsaufwand für die Mitarbeiter in der Bibliothek einzugrenzen. Das kann auch schon gleich bei der Beantwortung rechtlicher Fragen der Ausstellung sein. Im Beitrag „rechtliche Aspekte“ werden die nötigen Fragestellungen aufgeführt und unter ausgewählten Teilaspekten beleuchtet.

Der „Management-Steckbrief“ sollte wohl nicht nur fragen, wann Drucksachen fertig sein müssten, sondern parallel dazu Online-Hinweise geben (12). Dasselbe gilt für die sehr wertvollen Checklisten (18–24; vgl. auch 388 f.). Inhaltlich sollte allerdings bei den Themen bibliothekseigener Ausstellungen (324) gerade in Bezug auf Flüchtlinge das Thema „Religion“ ergänzt werden. Angesichts der jüngsten Entwicklung würde sich eine Bibliothek wohl geradezu blamieren, wenn dieses Thema nicht angesprochen würde (Kultur allein reicht hier kaum).

Das Kapitel „Ausstellungsfinanzierung“ (36 ff.) von Ilona Munique arbeitet die Fragestellung, wie kann ich einen geeigneten Sponsor finden und wie bereite ich mich auf die Gespräche vor, gut heraus. Die Tipps zur Erarbeitung eines gelungen Sponsoring-Vertrags runden das Kapitel für die Praxis ab.

Es ist überraschend, dass DIN 67700 (Norm-Entwurf neu): Bau von Bibliotheken und Archiven, 6.6 Funktionsbereich, Veranstaltungsbereich für Veranstaltungen und Ausstellungen mit den Hinweisen auf Veranstaltungsraum, Seminarraum und Ausstellungsraum, aber auch Teeküche/Cateringbereich, wenig berücksichtigt wird. Die Beiträge zu den Themen Wanderausstellungen, virtuelle Ausstellungen und Themen bieten Anregungen und laden geradezu ein „auch so etwas“ auszuprobieren. Sie sind geeignet, sich inspirieren zu lassen und neue eigene Ideen zu entwickeln.

Der zunehmend wichtiger werdende, auch im Werk angesprochene Bereich der virtuellen Ausstellungen (219–228) wurde am 19. Juli 2016 von Michael Müller im Rahmen des Berliner Bibliothekswissenschaftlichen Kolloquiums eigens dargestellt: „Virtuelle Ausstellungen – ein digitales Medium für Bibliotheken“.

Erfreulicherweise ist dem Band ein recht umfangreiches (Sach)Register (441–453) beigegeben, das sich als hilfreiches Instrument erweist, obwohl seine Grundprinzipien nicht erklärt werden. Die Registerarbeit bringt es aber mit sich, dass – trotz aller gelieferten Informationen – immer Fragen offenbleiben. Als Beispiele seien genannt: Die Publikation zur Ausstellung, deren Bedeutung 364 f. darstellt, fehlt im Register, ebenso sind Ausstellungsrecht (27, 28), aber auch Thüringer Archivgesetz (32 f.) oder der gewiss zentrale Ausdruck Langzeitarchivierung nicht vorhanden. Nicht erwähnt sind auch (wegen des Bekanntheitsgrades?!) DNB und BSB (die zwar Bayerische Landesbibliothek (237, Anm. 38) ist, aber nicht so heißt) weder im Register noch bei den „Abkürzungen“ (438–440).

Das Register verwendet bedauerlicherweise für den Schlüsselbegriff Information nur die technisch verstandene Verweisung „Informationssystem s. Ausstellungstechnik“: Hier versteckt sich dann als Untergliederung der Hinweis Informationssystem 82–84. Denn „im digitalen Medium ist es möglich, die Exponate mit Objekten und Informationen zu verknüpfen“ (219).

Nicht erkennbar ist weiter die Einteilung der Literaturangaben in solche, die nach den einzelnen Abschnitten zu finden sind, bzw. in solche, die bei „Weiterführende Literatur“ (431–433) genannt werden. Bedauerlich ist aber, wenn die Angaben differieren, z. B. bei Alder, B. (151 und 431), Aumann, P. (17, 151, 269, 278 und 431) und Pöhlmann, W. (85, 399 und 432). Die sorgfältige Erarbeitung des Buches zeigt sich auch an den nur wenigen Verschreibungen (z. B. 70: Kosistorialbibliothek und 281: Trumpfe). Schade, dass (162) „Widerstand und Verfolgung im nördlichen Rheinland-Pfalz“ stehengeblieben ist, in den tatsächlichen Titel ist logischerweise „im heutigen nördlichen“... eingefügt.

Es ist zu betonen, dass – trotz kleinerer Ungenauigkeiten – das Werk empfehlenswert ist, weil es eine Menge wichtiger Hinweise zur erfolgreichen Gestaltung einer Ausstellung liefert – nicht nur in Bibliotheken.

HempelChristian(BerlinBerlinGermany)

Compliance Management. Fragen und Antworten zu DIN ISO 19600Michael Kayser, Bartosz Makowicz und Reinhard Preusche. – Berlin: Beuth, 2016. 43 Seiten, ISBN 978-3-410-26397-5; 14,80 Euro. E-Book ISBN 978-3-410-26398-2; Kombi (E-Book und Print) 19,24 Euro

Mit den Autoren Michael Kayser, Bartosz Makowicz und Reinhard Preusche legen drei ausgewiesene Experten einen soliden Einstieg in das Themengebiet des Compliance-Managements vor. Michael Kayser leitet den Geschäftsbereich Compliance der Idoxplc, Bartosz Makowicz ist Professor für Rechtswissenschaften und Leiter des Viadrina Compliance Centers und Reinhard Preusche Geschäftsführer der Compor Compliance Solutions GmbH & Co KG. Gemeinsam geben sie als Autoren einen fundierten und leicht verständlichen Einstieg in die Thematik des Compliance-Managements und einen Überblick über die Funktionsweise der ISO 19600.

Das schmale Büchlein im Westentaschenformat ist im Frage-und-Antwort-Stil geschrieben und lässt sich durch die Knappheit der Darstellung schnell durcharbeiten. Dabei gehen die Autoren auf Fragen ein, wie: Wozu dient ein Compliance-Management-System? Welche Prinzipien liegen der Norm zugrunde? oder Welchen Aufwand benötigt man zur Einführung eines Compliance-Management-Systems? In ihren Antworten berücksichtigen die Autoren auch andere Rechtsnormen und Standards, wie § 130 Ordnungswidrigkeitsgesetz, Prüfungsstandard PS 980 des Instituts der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e.V. oder die ISO 31000. Sie erläutern damit den Sinn und Zweck und die Entstehung der Norm und bieten der Leserschaft so Hinweise für weiterführende Nachforschungen.

Die Kürze der Darstellung erfordert Abstriche bei der Informationstiefe. Es handelt sich hier weder um einen ausführlichen Kommentar noch um eine wissenschaftliche Abhandlung. Das Buch ist als praxisorientierter Leitfaden zu verstehen, der sehr komprimiert versucht, möglichst viele Aspekte zum Verständnis und zur Anwendung abzudecken. Die Autoren bringen dem Leser den Kontext der Norm nah und machen die Schnittmengen mit anderen Managementgebieten klar. Ihnen ist es dabei gelungen, sowohl eine gut lesbare Einstiegslektüre zu schaffen als auch dem bereits fachkundigen Leser komplexere Zusammenhänge zu vermitteln. Zielgruppe sind Beauftragte im Bereich Compliance Management, Zertifizierer, Mitarbeiter in KMU, die DIN ISO 19600 einführen bzw. anwenden.

GriesbaumJoachimProf. Dr.(Universität HildesheimUniversität HildesheimHildesheimGermany)

Praxishandbuch Digitale Bibliotheksdienstleistungen: Strategie und Technik der MarkenkommunikationFrauke Schade, unter Mitw. von Johannes Neuer und Klaus Ulrich Werner – Berlin: De Gruyter, 2016. 435 Seiten, ISBN 978-3-11-034656-5, 149,95 Euro.

Die Suche im Netz stellt für die meisten Nutzer den primären Zugang zu Information dar. Hier stehen gemäß der Autorin Bibliotheken in einem Dilemma, denn digitale Angebote und Dienste von Bibliotheken seien weithin nicht sichtbar. Zugleich ist die Präsenz im digitalen Raum und die daraus entstehende Nutzung und Akzeptanz für die Legitimität öffentlich finanzierter Informationsanbieter unabdingbar. Vor diesem Hintergrund stellen die Autorin Frauke Schade und die zwei Gastbeitragenden Johannes Neuer und Klaus Ulrich Werner Strategien und Techniken der Markenkommunikation vor.

Das Handbuch befasst sich mit der Sichtbarkeit von Bibliotheken und ihrer Angebote in der Informations- und Aufmerksamkeitsökonomie des Webs. Es möchte vermarktungsrelevante Besonderheiten und Implikationen für die Markenkommunikation von (digitalen) Bibliotheksdienstleistungen identifizieren und nutzbar machen. Es richtet sich an Bibliothekare sowie an „Studierende bibliothekarischer, informationswissenschaftlicher und verlegerischer Studiengänge“.

Die Ausführungen, soviel sei vorweggenommen, sind insgesamt sehr einsteigerfreundlich gehalten. Das Handbuch ist inhaltlich breit gefasst und umfasst rund 400 Seiten.

Teil I des Buches thematisiert Grundlagen digitaler Bibliotheksdienstleistungen. Zunächst werden die Funktionen Digitaler Bibliotheken thematisiert. Hier wird deutlich, dass Digitale Bibliotheken hybrid in Koexistenz zur physischen Bibliothek gesetzt werden. Die aufgezeigten Aufgabenbereiche und Tätigkeitsfelder zeigen den Bedarf an Digitalen Bibliotheken auf. Dabei gibt insbesondere der vierte Abschnitt eine gute Übersicht über digitale Informationsdienstleistungen und deren kommunikations- und vermarktungsrelevanten Merkmale. Aufgrund der Breite und Vielzahl der inkludierten Teilbereiche ist die Darstellung etwas enumerativ angelegt. Im fünften Abschnitt werden dezidiert die Besonderheiten von digitalen Bibliotheksdienstleistungen behandelt. Im Ergebnis werden informationsökonomische und dienstleistungsspezifische Implikationen für die Markenkommunikation abgeleitet.

Teil II des Werkes befasst sich mit der Strategie und Technik der Markenkommunikation für digitale Bibliotheksdienstleistungen. Der Begriff der Markenkommunikation wird breit gefasst. Das ist in sich stimmig und wichtig. Beim Lesen kam dennoch beim Rezensent des Öfteren die Frage auf, ob Crowdfunding bzw. Fundraising und Ähnliches tatsächlich hier mit ein zu beziehen sind. Vielleicht wäre es sinnvoll zwischen Themenbereichen, die sich damit befassen, als Digitale Bibliothek im öffentlichen Raum zu agieren und z. B. Ressourcen zu akquirieren (wie z. B. Fundraising) und Themenbereichen, die Dienste und Werkzeuge behandeln, welche die engere Leistungserbringung an die primäre Zielgruppe (Bibliotheksnutzer) fokussieren, etwa das Thema „Bibliotheksportal“, noch deutlicher zu differenzieren.

Die Ausführungen in II.1 „Grundlagen der Markenkommunikation“ und II.2 „Strategien der Markenkommunikation“ sind zunächst meist allgemein für das Thema Marketing gültig bzw. darauf bezogen. Das ist vor allem für die Leser interessant, die auch einen breit gefassten Einstieg in die Thematik wünschen. Im weiteren Verlauf werden dann auch konkrete Bezüge zur inhaltlichen Domäne sichtbar und es werden Empfehlungen bezüglich des operativen Handelns von Bibliotheken gegeben.

Kap II.3 „Technik der Markenkommunikation“ steigt in die einzelnen Kommunikationskanäle ein, hier als Kommunikationsinstrumente bezeichnet. Dieser Teil ist inhaltlich zentral, auch quantitativ. Mit ca. 200 Seiten nimmt er rund die Hälfte des Werkes ein. Auch an dieser Stelle gilt, dass die Ausführungen zunächst den grundlegenden Möglichkeitsraum aufzeigen bzw. kategorial versuchen die relevanten Dimensionen zu fassen. Inhaltlich werden die folgenden Teilbereiche behandelt: „Interne Kommunikation“, „Steigerung von Sichtbarkeit – Suchmaschinenoptimierung und Suchwortvermarktung“, „Bibliotheksportal“, „Medienarbeit“, „Public Affairs“, „Fundraising“, „Mediawerbung“, „E-Mailings und Newsletter“, „Kommunikation in sozialen Medien“, „Die Bibliothek vor Ort“.

Am Ende einzelner Kapitel werden von Johannes Neuer Einblicke in die Aktivitäten der New York Public Library (NYPL) im jeweiligem Bereich gegeben. Diese veranschaulichen die zuvor gemachten Ausführungen und illustrieren, wie eine große Bibliothek das jeweilige Themengebiet in der Praxis angeht. Ein Beispiel stellt die Beschreibung von Initiativen wie das Crowdsourcing-Projekt „Whats´s on the Menu?“ dar. In diesem Projekt gelang es mittels freiwilliger Mitarbeit eine umfangreiche Sammlung von über 45.000 historischen Speisekarten erschließen zu lassen. Insgesamt betrachtet, sind diese Praxiseinblicke konzise gefasst und geben dem interessierten Leser eine erste handlungsbezogene Orientierung und Einordnung.

Im Umkehrschluss fokussieren sich die Praxisillustrationen des Buches stark auf diese eine große und innovative Bibliothek. Inwiefern sich diese deshalb auch auf andere Typen von Digitalen Bibliotheken beziehen lassen, bleibt etwas offen.

Insgesamt sind die Ausführungen zu den Techniken der Markenkommunikation gut gesetzt. „Interne Kommunikation“ wird weit gefasst und inkludiert auch Wissensmanagement. Die Ausführungen zur Sichtbarkeit im Web sind praxisnah. „Bibliotheksportal“ ist ebenso anschaulich. Ob Pressekonferenzen oder ähnliches für kleinere Bibliotheken auf der Agenda stehen, mag man bezweifeln. Dennoch ist es sinnvoll, auch die in den Kapiteln „Medienarbeit“, „Public Affairs“, „Fundraising“, angeführten Instrumente grundsätzlich zu kennen und sich der dadurch eröffneten Handlungsoptionen gewahr zu werden. Bzgl. der „Kommunikation in sozialen Medien“ ist der Rezensent etwas unsicher: in welchem Ausmaß kann die Bibliothek als intermediärer Dienstleister (in der Funktion als Vermittler von Wissensartefakten) selbst eine Marke darstellen, die eine emotionale Bindung hervorruft, so dass diese für sogenanntes Influencer-Marketing genutzt werden kann. Auf der anderen Seite sind die diesbezügliche Aktivitäten der NYPL sehr anschaulich dargelegt und geben dem Leser in vielfältiger Hinsicht Anregungen für eigene auf Social Media bezogene Anstrengungen. Die Ausführungen zu „Die Bibliothek vor Ort“ sind interessant, verbleiben aber etwas fragmentarisch. Hier hätte man sich einen weiter ausgreifenden Rahmen zum konkreten Zusammenspiel von physischer und digitaler Bibliothek gewünscht. Abschließend stellt Klaus Ulrich Werner das Rauminformationssystem v:scout in der Philologischen Bibliothek der Freien Universität Berlin vor.

Im vierten Kapitel befasst sich Johannes Neuer mit dem Thema Evaluation der Markenkommunikation. Dabei werden vor allem Kennzahlen zur Messung des Erfolgs in den unterschiedlichen, im Buch zuvor behandelten Bereichen, dargelegt. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Web Controlling.

An dieser Stelle endet das Buch. Hier hätte man sich noch eine Zusammenführung gewünscht.

Insgesamt stellt das Praxishandbuch „Digitale Bibliotheksdienstleistungen: Strategie und Technik der Markenkommunikation“ ein breit gefasstes, umfangreiches Werk dar, dass sich insbesondere im zweiten Teil durch ein Zusammenspiel von konzeptionellen Ausführungen und Illustrationen aus der Praxis auszeichnet. Obwohl das Buch sehr einsteigerfreundlich gehalten ist, weist es aufgrund der Vielzahl der behandelten Themenfelder für den interessierten Leser in vielen Bereichen einen Neuigkeitswert auf. Dies gilt vermutlich auch dann, wenn einer der beiden primär behandelten Teilbereiche a) der der engeren Leistungserbringung für die Primärzielgruppe („Portal“) bzw. b) der des Agierens im öffentlichen Raum („Fundraising“) nicht das Kerninteresse eines potentiellen Lesers abdecken sollte.

Müller HeidenBarbara(BerlinGermany)

Rezension eines Anhangs: Albert Speer. Eine deutsche KarriereMagnus Brechtken. München – Siedler Verlag, 2017. 912 Seiten, ISBN 978-382750040-3, 40,00 Euro

Ein beachtenswertes politisches Buch kam kürzlich auf den Markt. Der Historiker Brechtken, in seiner Lehrtätigkeit mit den Wirkungen von Politiker-Memoiren befasst, hat in seiner beruflichen Verankerung als stellvertretender Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, eine Revisitation von Alfred Speer (1905–1981) veröffentlicht. Speer ist auch Jüngeren als Baumeister unter Hitler, als Architekt vieler monumentaler Bauwerke aus der Zeit des Nationalsozialismus bekannt. Beispiele stehen in Berlin, München und Nürnberg. Weniger bekannt ist seine weitere Involvierung – sein Beitrag zur Judenverfolgung, und sein aktives Wirken für die Verlängerung des Krieges nicht nur als Reichsminister für Bewaffnung und Munition ab 1942, in dessen Zuständigkeit auch das Thema Zwangsarbeiter fiel. Durch Speers autobiografische Äußerungen in der Nachkriegszeit ist ein positiv gezeichnetes Bild des Nazi-Politikers in der Öffentlichkeit entstanden, das keineswegs den Tatsachen entsprach – „Fabelgeschichten“ wie es Brechtken nennt. Mit der vorliegenden Veröffentlichung wird nun, 36 Jahre nach Speers Tod, damit umfassend aufgeräumt. Brechtken zeichnet das Leben und Wirken Speers nach, dokumentiert Vorgänge und Tatsachen aufgrund der Quellenlage und umfangreichen Recherchen in historischen Dokumenten und verifiziert damit politische Legenden.

Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher war Speer verurteilt worden, saß zwanzig Jahre Haft im Spandauer Kriegsverbrechergefängnis ab. Seine „Spandauer Tagebücher“ und andere Veröffentlichungen brachten ihn nach seiner Entlassung 1966 bis zu seinem Tod 1981 in das Rampenlicht der Öffentlichkeit: Sie trugen zur Legendenbildung bei, es entstand das Bild des geläuterten Zeitzeugens, eines Mitläufers, eines Technokraten. Ein wirksames Distanzierungs-Narrativ entstand – und wurde gerne rezipiert von den Medien, und die deutsche Gesellschaft ist diesen Legenden gerne aufgesessen. Zitat Brechtken (S. 579): „Analysieren wir Speer ohne Speers Fabelfloskeln. Für alle wissenschaftlich, publizistisch, medial oder allgemein historisch Interessierten bedeutet das: Schauen wir in die Dokumente und in die zeitgenössischen Publikationen und den Archiven reichlich verfügbaren Quellen.“ Ein Blick auf das, was Speer vor 1945 tat, nicht was er darüber nach 1945 erzählte! Brechtken konfrontiert Speers Legenden mit authentischen Quellen, und kommt zu der Feststellung, dass bereits längst in den Archiven vorhandene Quellen bisher nicht systematisch erforscht wurden. Dies beleuchtet auch die aktive Rolle Speers in der Judenpolitik in Berlin und seine Leugnung, vom Holocaust gewusst zu haben. Brechtken entlarvt Speer, aber auch seine späteren Zeitgenossen mit ihrer verzerrenden Stütze seiner Fabelgeschichten – würde man heute Fake News sagen? Er geht noch weiter und analysiert die bisherige Rezeption durch die bisherigen Biografen von Alfred Speer. Bereits zu Lebzeiten mit Widersprüchen konfrontiert, war Speer diesen mit juristischen Mitteln entgegengetreten. Erst 2005 kam durch Heinrich Breloers Veröffentlichungen einschließlich der Verfilmungen die Diskussion um Speer wieder ins Rollen.

Gegenstand unserer Betrachtung: Der Anhang

Das Buch ist ein Lehrstück für sorgfältige Recherchearbeit, die zum Handwerkszeug des Historikers gehört. Auf knapp 600 Seiten spannend zu lesendem Text folgen ein umfänglicher Anmerkungsapparat, ein Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Namensregister. Nur dank kleinerer Schriftgröße nimmt dieser Anhang mit 322 Seiten nur ein Drittel des Gesamtumfangs ein – ist aber so gewichtig wie der Hauptteil!

Die Anmerkungen

In fünf Kapiteln zeichnet Brechtken Speers Leben nach. „Die Anfänge“ zu Speers bürgerlicher Herkunft (1905–1932), der „Aufbruch“ in die nationalsozialistische Zeit (1933–1942), der „Frontarbeitsführer“ als Architekt und Rüstungsminister (1942–1945), sowie das Kapitel „Der Noble Nazi“ (1945–1966) und „Fabelhafte Erfolge“ (1966–1981) sezieren die von Speer intendierte Neukonstruktion seines Lebens. Es ist ein Ergebnis gründlicher, systematischer Recherchen, dem Aufspüren von Informationsquellen, das Ergebnis von Archiv- und Aktenarbeit. Selbst die Anmerkungen widerlegen, dass das Studium von Akten und das Nachverfolgen von Vorgängen langweilig und trocken ist! Die Recherchen in dem umfänglichen Archivmaterial und veröffentlichten Dokumenten schlagen sich nieder in über 3.000 Anmerkungen. Diese, übersichtlich den einzelnen Textkapiteln zugeordnet, zeichnen die Belege auf und zeigen Bezüge auf, die Fakten und Fabeln voneinander trennen, aber auch verbinden! Es sind Quellen ganz unterschiedlicher Art: Akten, Nachlässe, Monografien, Zeitschriftenaufsätze, Presseartikel. Von besonderer Ergiebigkeit sind auch die dokumentarischen Filmaufnahmen, die im Filmarchiv des Bundesarchivs erhalten sind.

Quellen- und Literaturverzeichnis

Beeindruckend ist die systematische Auswertung der Quellen – die auch deutlich wird am Inventar, das dem 70-seitigen Quellen- und Literaturverzeichnis vorangestellt ist und einen aufschlussreichen Kommentar sowie eine Übersicht zur Quellenlage in den Beständen der verschiedenen Einrichtungen liefert. Wichtige Informationsquellen waren im Bundesarchiv an den beiden Standorten Koblenz und Berlin-Lichterfelde, in den Nachlässen Speers und Rudolf Wolters, dem Studienfreund und späteren Mitarbeiter. Andere Quellen bot das Landesarchiv Berlin, das Stadtarchiv Nürnberg, das Bayerische Hauptstaatsarchiv in München und das Deutsche Rundfunkarchiv, das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes, das Institut für Zeitgeschichte in München, das Bertelsmann Unternehmensarchiv und das Archiv des Liberalismus. Darüber hinaus standen zahlreiche Zeitgenossen für Interviews zur Verfügung. Das Literaturverzeichnis mit knapp 2000 Einträgen ist sinnvoll gegliedert, sie sind folgenden Gruppen zugeordnet: Publikationen bis 1945, Quellensammlungen und Dokumentationen, Schriften von Albert Speer, Literatur nach 1945, Presse bis und nach 1945 sowie Film- und Tonaufnahmen.

Das Namensregister

Etwa 800 Namenseinträge befinden sich – zweispaltig – auf den zehn Seiten. Viele bekannte Namen nicht nur aus der Zeit des Nationalsozialismus tauchen im Register auf, bieten einen wichtigen Zugang zu dem umfänglichen Text. Bekannte Persönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte, der Zeitgeschichte – Politiker, Publizisten, Schriftsteller, Wirtschaftsvertreter, aber auch die Familienmitglieder, tauchen auf – belegen in der einen oder anderen Weise die Verzahnung mit dem Leben und Wirken, aber auch den Fabelmärchen von Albert Speer, denen im Textteil nachgegangen wurde.

Brechtken konfrontiert bekannte und weniger bekannte Aussagen, Nachkriegsformulierungen Speers mit den Aussagen vielfältiger authentischer Quellen. Das systematisch angelegte, sorgfältig durchgeführte Rechercheprojekt und die Glaubwürdigkeit der Quellen, die durch Querrecherchen in benachbarten Vorgängen bestätigt wurden, waren wichtige Faktoren für das Gelingen. Eine geglückte Herausforderung für den Historiker, mit dem Ergebnis einer validen Neuinterpretation der Selbstdarstellung eines nationalsozialistischen Politikers!

Published Online: 2017-09-25
Published in Print: 2017-08-30

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