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Open Science ja, aber...

Das Zögern der Wissenschaft zur Öffnung: Bericht zur Open Science Conference 2017

De Gruyter | Published online: September 25, 2017

Das Internet mit all seinen Ausprägungen hat nicht nur zu einem technologischen und gesellschaftlichen Wandel geführt, auch die Wissenschaft sieht sich mit elementaren Umwälzungen konfrontiert, ein Umdenken ist gefragt. „Now that Web 2.0 services have arrived, they have become of much more immediate concern. ... it rapidly becomes clear that the changes set in motion by e-mail, e-mail discussion lists, video conferences, groupware etc., which led us to speak of cyberscience – the digital communicative space of researchers – are now being strengthened or are providing, for the first time, the means by which this new form of science can establish itself.“[1]

Die aktuelle Forschungslandschaft präsentiert sich selbst im 21. Jahrhundert eher konservativ und zeigt ein zögerndes Verhalten gegenüber neuen und innovativen Wissenschaftsformen: „It was not just the case of them not understanding the topic because of the confusing nomenclature, for even after prompting ECRs[2] with examples they offered little on the topic. ECRs are clearly not harbingers in this regard. Take, for instance, Chinese ECRs: eight of the 13 stated that they had never heard about open access and nine of them clearly said that they knew nothing about open science or Science 2.0. It was the same with British ECRs, with just three out of the 21 showing any understanding of or interest in the topic.“[3]

Solche Erkenntnisse mögen den Eindruck erwecken, als wären die Anstrengungen und Bemühungen zur Förderung einer offenen Wissenschaftskultur nutzlos geblieben. Umso wichtiger ist deshalb ein proaktives Agieren von Forschungsorganisationen, mit gezielten Informationsveranstaltungen den Gedanken der Offenheit zu fördern. Dieses Ziel verfolgt die Open Science Conference[4], die in diesem Jahr bereits zum vierten Mal, vom 20. bis 21. März, in Berlin stattfand.[5] Die bestens organisierte Veranstaltung bot ein vielversprechendes Programm, eine Momentaufnahme von aktuellen Projekten und Initiativen im europäischen Forschungsraum, dargeboten in Vorträgen und Postersessions[6] und zusätzlichen zwei Workshops zum Projekt „OpenUP“[7]. Am Vortag der Konferenz fand das schon fast traditionelle Barcamp statt, das sich der Thematik „Putting Science 2.0 and Open Science into practice!“[8] widmete.

Die Vision der Europäischen Union

Zu einem essenziellen Bestandteil gehörten die Referate von Jean-Claude Burgelman und Johannes Vogel. Sie stellten die Vision der Europäischen Union (EU) im Umgang mit den immer größer werdenden Datenmengen vor. Mit den „Next Steps on the European Open Science Cloud“[9] (Burgelman) verfolgt die EU das ehrgeizige Ziel, eine europäische „Datenwolke“ zu schaffen, so dass bis 2020 jedem Forschenden in Europa ermöglicht wird, seine Daten in dieser „Wolke“ zu deponieren und zu sichern.[10] „The Open Science Policy Platform“[11] (Vogel) will die Offenheit von/zu wissenschaftlichen Erkenntnissen fördern, „offen“ im Sinne eines einfachen Zugangs für jedermann („Mainstream open science“).

Postersessions

In den Postersessions trafen die Teilnehmenden auf eine bunte Vielfalt an Ideen, auf eine Mischung aus Neuem und bereits Bekanntem, auf Erstaunliches und Außergewöhnliches. Inhaltlich ließen sich die Beiträge grob in die drei Gruppen „Reproducible Research“, „Peer Review“ und „Open Educational Resources“ (OER) einteilen.

Zu einer offenen Wissenschaft gehört auch Transparenz, die Nachprüfung von Forschungsresultaten und -daten. War diese Thematik auf den Vorgängerkonferenzen kaum vertreten, wurde nun der Reproduzierbarkeit von Daten mehrere Posters gewidmet: Integrating Open Science Practices into the Research Process in Psychology,[12] Opening reproducible research (o2r)[13] sowie Continuous quality control for research data: results of a first experiment.[14] Das stets angeregt diskutierte Thema des Peer Reviewing bzw. die Umwandlung des gesamten Prozesses hin zu mehr Sichtbarkeit wurde anhand von zwei Projekten erläutert, OpenAIRE: Open Access Infrastructure for Research in Europe[15] und OpenUP: Opening up the research lifecycle[16]. Auffallend häufig vertreten waren Beiträge zu „Open Educational Resources“ (OERs), ebenfalls eine Thematik, die in den Vorjahren noch kaum angesprochen wurde. Präsentiert wurden hier u. a. die gerade neu gestartete Informationsplattform „OER-Info“[17] und „OER meets OPEN Science“.[18] Vorgestellt wurde ebenfalls die Umfrage zu „Open Science in Higher Education“,[19] die aufschlussreiche Zahlen zur Bekanntheit und Benutzung von frei zugänglichen Bildungsressourcen unter Lehrenden lieferte. Die Resultate zeigten eine allgemeine Zurückhaltung gegenüber OER. Insbesondere ein Ergebnis ließ aufhorchen: Auf die Frage, warum keine OER in der Lehre eingesetzt würden, antworteten 58! von 126 Befragten, noch nie von offenen Bildungsressourcen gehört zu haben. Das stimmt doch ziemlich nachdenklich.

Paneldiskussionen

Passend zum Schwerpunkt OERs widmete sich die Paneldiskussion am ersten Tag den Fragen zu „Open Education – Impact on Higher Education and Society“,[20] den Auswirkungen der Offenheit in der Bildung und den damit verbundenen Implikationen für die in diesem Berufssektor Tätigen. Eine weitere Paneldiskussion gab es im Rahmen der Präsentation des Expertenberichts zu Altmetriken (Report of the EC Expert Group on Metrics).[21]

Bleibt am Schluss noch die Frage, welches Konferenzformat einer derart innovativen Fachveranstaltung gerecht wird. Neuere, mittlerweile jedoch wohl bekannte, Formen wie Barcamps oder Worldcafés gehören heute schon fast standardmässig dazu. Vielleicht wäre die „flipped conference“[22] oder die „amplified conference“[23] ein innovativer Ansatz zum Ausprobieren? Auch mit virtueller und augmented reality ließe sich Neuartiges erproben... In diesem Sinne wären schon alle Posters, Slides, Beiträge usw. vor der Konferenz einsehbar und die eigentliche Veranstaltung mehr ein ideenreiches Diskussionsforum, bei dem trotz allem viel Neues und Unbekanntes ans Licht rücken könnte. Der besondere Reiz einer realen Konferenz liegt jedoch immer noch in der unbeschreiblichen Stimmung einer Veranstaltung, dem Zusammentreffen vor Ort, dem Netzwerk, was den ungewöhnlichen Charakter ausmacht und wiederum als Inspirationsquelle dient.

Schlussbemerkung

Die Konferenz hinterlässt den Gesamteindruck eines feinmaschigen Netz(werk)es, eines Bildes, das sich aus vielen Puzzleteilen zusammensetzt, was Open Access, Open Science und Impacterfassung anbetrifft; es bleibt festzuhalten, dass die Erkenntnisse aus Forschung und Wissenschaft mit ihren vielfältigen Erscheinungsformen und Auswirkungen kaum in ihrer Gesamtheit erfasst und abgebildet werden können. Auch neuartige Metriken werden diesem Anspruch nur annähernd gerecht. Es bedarf eines Wertewandels jedes einzelnen Wissenschaftlers.

Solche richtungsweisenden Veranstaltungen wie die Open Science Conference werden auch zukünftig wichtig sein, um den Gedanken der Offenheit immer wieder von Neuem in den Fokus der Wissenschaftsgemeinschaft zu rücken und diese dafür zu sensibilisieren, (noch) unbekannte Wege zu (be-)gehen.[24]

Deskriptoren: Tagung, Open Access, Wissenschaft und Technik, Wissenschaftliches Arbeiten, Kommunikation

Published Online: 2017-09-25
Published in Print: 2017-08-30

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