Luzian Weisel

Ten years after – Stand und Perspektiven der DGI‑Initiative für Informationskompetenz

Ten years after – the DGI initiative on information literacy revisited

Dix années après – l’état actuel et les perspectives de l’initiative de la DGI pour la promotion des compétences dans le domaine de l’information

Teil 1 – Sachstand

De Gruyter | Published online: September 25, 2017

Zusammenfassung

Der Autor geht der DGI-Initiative für Informationskompetenz nach. Dies geschieht in zwei in sich geschlossenen Artikeln. Im ersten Teil werden der Sachstand eruiert und die Maßnahmen sowie die Wirkungen der Initiative beleuchtet. Ausgangspunkte sind die Empfehlungen der Denkschrift[1] der DGI zur Förderung der Informationskompetenz im Bildungssektor (2008) sowie das Positionspapier[2]Medien- und Informationskompetenz – immer mit Bibliotheken und Informationseinrichtungen! der Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheks- und Informationsverbände (BID).

Abstract

This is the first section of a two-part contribution about the DGI Initiative for information literacy. The article examines the situation, the measures and the effects of the initiative. The starting points are the recommendations of the DGI's memorandum on the promotion of information literacy in the education sector (2008) and the position-paper: Media and information literacy – always with libraries and information facilities! of the Federal Association of German Library and Information Associations (BID).

Résumé

Dans cette première partie de son article l’ auteur décrit l’ état actuel et les perspectives de l’initiative de la DGI (Association Allemande pour l’information et la connaissance) pour la promotion des compétences dans le domaine de l’information. Il compare les visions et la réalisation actuelle par référence au mémoire de la DGI Promotion des compétences dans le domaine de l’information dans le secteur de l’éducation (2008) et du BID (Association Allemande des associations des bibliothèques et de l’information) Compétences dans le domaine de l’information et des médias – toujours avec les bibliothèques et les institutions de l’information! (2011).

1 Problemstellung

Zur Grundvoraussetzung erfolgreichen lebenslangen Lernens, einer wettbewerbsfähigen Forschung, einer innovativen Entwicklungsarbeit und für geschäftskritische Entscheidungen im Beruf gehört die Entwicklung von Informationskompetenz (IK).

Unter der Förderung von Informationskompetenz wird die Fähigkeit verstanden, Informationsbedarf zu erkennen, Informationen zu ermitteln und zu beschaffen sowie Informationen zu bewerten und effektiv zu nutzen. Dies gilt für Problemstellungen sowohl in Bildung und Beruf als auch im Alltagsleben. Informationskompetenz fördert die Lernkultur und ermöglicht Innovation in Wissenschaft und Forschung. Sie ist eine wichtige Voraussetzung für die informationelle Selbstbestimmung der Bürger. Der kompetente Umgang mit Information ist ein wesentliches Element guter wissenschaftlicher Praxis und damit ein unverzichtbares Ziel in der Ausbildung des beruflichen und akademischen Nachwuchses.

Die Standards und die daraus entwickelten Konzepte zur Vermittlung von Informationskompetenz sind in den Hochschulen seit 20 Jahren durch die Aktivitäten von Fachverbänden und Bibliotheken im internationalen und nationalen Raum bekannt. Sie wurden zuletzt im Rahmen der reformierten Studienordnungen des Bologna-Prozesses über die Fächer hinweg im grundständigen Studium integriert und mit unterschiedlichem Erfolg akzeptiert.

Eine systematische Vermittlung von Informationskompetenz ist dagegen in der Schul-, Berufs- und Erwachsenenbildung, im Hauptstudium, in der Hochschulforschung, in den außeruniversitären Wissenschaftseinrichtungen sowie der forschenden Industrie weiterhin eher unbekannt. Dies liegt einerseits an der fehlenden Wahrnehmung ihrer Bedeutung für diese Bereiche. Andererseits fehlt eine Anpassung der Standards und Konzepte an die Bedarfe der Schüler und Lehrer, der Ausbilder und Auszubildenden, von Studierenden, Lehrenden und Forschenden.

Diese Defizite und Herausforderungen erkannten verschiedene Gremien in der Berufsbildung, Hochschulpolitik sowie der Forschungsförderung. In den letzten Jahren entstanden diverse Empfehlungen, die als Reaktion darauf Stellungnahmen von Verbänden nach sich zogen. Stellvertretend wird hier auf die Denkschrift[3] der Deutschen Gesellschaft für Informationswissenschaft und Informationspraxis e. V. (DGI, heute: Deutsche Gesellschaft für Information und Wissen e. V., Anm. d. Red.) zur Förderung der Informationskompetenz im Bildungssektor (2008) des 2005 gegründeten Arbeitskreises Bildung und Informationskompetenz verwiesen. Nachfolgend wird das Positionspapier[4]Medien- und Informationskompetenz – immer mit Bibliotheken und Informationseinrichtungen! der Bundesvereinigung Deutscher Bibliotheks- und Informationsverbände (BID) herangezogen, in dem 2011 eine Vision und Leitlinien für die Informationskompetenz in Bildung, Beruf und Gesellschaft im Jahr 2020 erarbeitet wurden.

Im ersten Teil dieses Beitrages[5] soll anhand der Forderungen aus den Jahren 2008 und 2011 eine Bilanz gezogen werden: Was ist in den knapp zehn Jahren danach realisiert worden? Welche Erfolgsbeispiele sind zu vermelden? Wo herrschen weiterhin Defizite vor? Welche unerwarteten Entwicklungen sind eingetreten? Der zweite Teil in einer der nächsten Ausgaben dieser Zeitschrift beleuchtet anstehende Aufgaben zur Stärkung der Sichtbarkeit und Akzeptanz, der Notwendigkeit zur Forschung am Konzept, sowie der Integration von Informationskompetenz in die Prozesse von Bildung und Forschung.

2 Vision 2020: Der informationssouveräne Bürger in Bildung, Beruf und Gesellschaft!

Zukünftig unverzichtbar werden der Aufbau von Medien- und Informationskompetenz bereits in der frühen Schulbildung, der Transfer der dort erworbenen Kenntnisse in das Studium, die Berufs- und in die Erwachsenenbildung. Frühzeitig vermitteln Medienpädagogen, Informationsfachleute und Bibliotheksspezialisten tragfähige Konzepte. Dabei geht es letztlich um die Sicherung der demokratischen Gesellschaft durch Teilhabe aller Bürger am Informationskosmos mit seinem vielfältigen Medienangebot, wobei die Gesichtspunkte der Migration und der Inklusion besondere Herausforderungen darstellen.

Vision 1

Ein informationssouveräner Schüler erwirbt die seinem Alter entsprechenden Kenntnisse der Informationsrecherche aus digitalen wie analogen Quellen. Diese bilden die Basis für seinen Erfolg im Unterricht, da er Suchergebnisse kritisch hinterfragen, gewichten, reflektieren und nutzen kann.

Eine informationssouveräne Lehrerin bringt ihre in der Ausbildung erworbene Informations- und Medienkompetenz in die methodisch-didaktische Vorbereitung des Unterrichts oder von Schulpraktika ein. Sie optimiert damit nicht nur ihre eigenen Unterrichtsangebote, sondern kann ihr operatives Wissen auch an ihre Schüler weitergeben.

Realitätscheck 1

Lassen wir einen profunden Kenner, den Digitalisierungsexperten Lars Hahn (LH), im Deutschlandradio Kultur-Interview mit Tino Jelken (TJ) sprechen[6]:

LH: „Von einer flächendeckenden und fächerdurchdringenden Digitalisierung sind 2016 unsere Schulen ja (leider) noch weit entfernt. Die Alltagswelt von Kindern außerhalb der Schule ist heute durch Tablets, Smartphones, Internet durchdrungen. Und natürlich ist die Nutzung nicht immer pädagogisch wertvoll. Gerade hier hätte die Schule einen Ansatz, möglicherweise gar eine Aufgabe zu wirken. Glücklicherweise lassen sich manche Lehrerinnen und Lehrer nicht durch widrige Umstände des Alltags und bildungspolitische Forderungen von Kraus (Präsident des Deutschen Lehrerverbandes) abhalten.“

TJ: „Oder täuschen wenige, besonders engagierte Lehrer und Lehrerinnen darüber hinweg, dass die Masse der Pädagogen eher mit Zurückhaltung auf digitale Medien und die damit verbundenen Herausforderungen blickt?“

LH: „Zumindest ist das ja mal so, dass der Fachunterricht häufig noch computerfrei ist, während die Arbeitsplätze der Republik, zumindest in Dienstleistungsberufen längst digitalisiert worden sind. Die Anforderungen der Berufswelt in Sachen Digitalisierung kann Schule so sicher nicht erfüllen. Medienkompetenz ist mehr, als sich in einer Projektwoche mit den Gefahren der Digitalisierung zu befassen.“

Ersetzen wir den Begriff der Digitalisierung durch Förderung von Informationskompetenz, dann kommen wir der Zustandsbeschreibung in diesem Bereich sehr nahe.

Weitergehende Informationen zum Stand in Schule, Unterricht und Lehrerbildung finden sich in den Informationsportalen der Fachgruppe Bildung und Informationskompetenz der Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen (DGI) e. V.[7] sowie beim Deutschen Bildungsserver[8].

Vision 2

Ein informationssouveräner Studierender wendet die in seiner Schullaufbahn erworbenen Grundkenntnisse an und nutzt die bestehenden Angebote im Bereich der Informations- und Medienkompetenz zur Optimierung seines Studiums. Der kompetente Umgang mit Information ist ein wesentliches Element guter wissenschaftlicher Praxis und damit ein unverzichtbares Ziel in der Ausbildung des Nachwuchses.

Informationskompetenz ist ein wichtiger Baustein für gute wissenschaftliche Praxis[9]. Dazu gehört ein frühes Erlernen von Recherche-Fertigkeiten, eine kritische Betrachtung der Quellen und der Recherche-Ergebnisse – nicht nur aus dem Internet, das wissenschaftliche Zitieren und die vollständige Literaturangabe der verwendeten Quellen, um Plagiate[10] oder „Fälschung in der Wissenschaft“[11] zu verhindern.

Realitätscheck 2

Initiativen und Programme zur Förderung von Informationskompetenz an Hochschulen

An den Hochschulen in Deutschland ist die Vermittlung von Medien- und Informationskompetenz für Bibliothekare im Rahmen des grundständigen Studiums zu einer Kernaufgabe geworden und sehr gut dokumentiert. In den sog. teaching libraries erfolgt professionelle Beratung, neue Medienformen können praktisch erprobt und die dafür notwendigen Kompetenzen vermittelt werden. Für Lernende und Lehrende sind Bibliotheken zu Lernorten geworden.

Eine Übersicht zu laufenden Maßnahmen an den Hochschulen in Deutschland seit 2007 finden wir nach Regionen für die Bundesländer und als Veranstaltungsstatistik im Informationsportal Informationskompetenz[12] des Kompetenznetzwerks für Bibliotheken (KnB).

Fachbezogene Ansätze der Bibliotheken stellt Sühl-Strohmenger (2012; 2016) im Handbuch für Informationskompetenz[13] z. B. für die Sprach- und Literaturwissenschaften, Anglistik und Amerikanistik, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Theologie oder das Fach Jura vor.

Bibliotheks- und Informationsverbände entwickelten ab 2010 gemeinsame Aktivitäten zur Förderung von Informationskompetenz. Mit dem o. g. Positionspapier gab der BID 2011 folgende Empfehlungen für die Hochschulen:

  • Die Umsetzung der Empfehlung aus dem Bologna-Prozess: Verankerung von Informations- und Medienkompetenz als fachübergreifende Fähigkeit in Rahmencurricula und als Voraussetzung für die Akkreditierung von Studiengängen.

  • Die curriculare Verankerung von Medien- und Informationskompetenz in der Lehrerausbildung und der Lehrerfortbildung.

  • Die Stärkung der neuen Aufgaben der Bibliotheken im Bereich des Wissensmanagements (z. B. Unterstützung von Erfolg und Wettbewerbsfähigkeit der Forschung durch Forschungsdatenmanagement, Rechercheunterstützung, elektronisches Publizieren, E-Science, Bibliometrie, Plagiatserkennung) und bei der Sicherung der Grundlagen guter wissenschaftlicher Praxis.

  • Die Weiterentwicklung von länderübergreifenden Standards der Medien- und Informationskompetenz, differenziert nach Fächern und Niveau.

  • Die Erweiterung der Ausbildungscurricula von Bibliothekaren und Informationsfachleuten um Methoden der Informations- und Medienkompetenz unter Berücksichtigung von Evaluationsmethoden.

Im Juli 2012 nahm die neu eingesetzte Gemeinsame Kommission für Informationskompetenz[14] des Vereins Deutscher Bibliothekare (VDB) und des Deutschen Bibliotheksverbandes (dbv) ihre Arbeit auf. Im September 2013 rief sie einen jährlichen Best Practice-Wettbewerb Informationskompetenz[15] ins Leben. Das Thema 2013 lautete „Vermittlung von Informationskompetenz an fortgeschrittene Studierende, Promovierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“. Ziel war es laut Veranstalter, „vorbildliche Konzepte und Umsetzungen der Vermittlung von Informationskompetenz zu fördern“. Best Practice-Beispiele sollen bekannt gemacht werden und zum Erfahrungsaustausch und zur Nachahmung anregen.

Noch ist der Weg allerdings ein weiter: „Jeder vierte Studierende pinnt ab“[16] und habe sich laut einer Umfrage der Universität Leipzig schon einmal bei einer wissenschaftlichen Arbeit mit fremden Federn geschmückt. So stellt im Juli 2012 ein Positionspapier[17] des Allgemeinen Fakultätentages (AFT) gemeinsam mit dem Deutschen Hochschulverband (DHV) klar: „Alle Qualifikationsarbeiten erforderten grundsätzlich ein korrektes und sorgfältiges Recherchieren und Zitieren bzw. Verweisen“. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat ihren Leitfaden zur guten wissenschaftlichen Praxis im April 2016 erneuert[18].

Vision 3

Ein informationssouveräner Wissenschaftler besitzt eine individuell erworbene Medien- und Informationskompetenz auf fachlich exzellentem Niveau. Diese sichert die Qualität seiner Lehrveranstaltungen und des wissenschaftlichen Arbeitens, ist ein Garant für internationale Reputation, steigert die Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt und wirkt als Antrieb für den weiteren Karriereweg.

Realitätscheck 3

Initiativen für die Förderung von Informationskompetenz in der Forschung

Informationskompetenz ist auch ein wesentlicher Unterstützungsprozess der gesamten wissenschaftlichen Wertschöpfungskette. Damit verbunden ist der Erwerb von fundierten Kenntnissen z. B. zu neuartigen semantischen Retrieval-Methoden, zur Datenanalyse und -visualisierung, zum Information Mining im Umgang mit Big Data, zu den Fragen des Geistigen Eigentums, des Urheberrechts, sowie von Open Access. Der zukünftige Informationsspezialist wird somit Informationsdienstleister und Partner der Forscher auf Augenhöhe sein.

Im Gegensatz zum angelsächsischen Sprachraum besteht in Deutschland Nachholbedarf. Hier setzen die Empfehlungen des Handlungsfeld 8 „IK/Ausbildung“ der Kommission zur Zukunft der Informationsinfrastruktur (KII)[19] von 2011 an: „Informationskompetenz muss einen angemessenen Stellenwert in der Wissenschaft einnehmen, dabei ist eine forschungsbasierte Perspektive einzunehmen“. Diese Haltung wurde in Reaktionen der Hochschulbibliotheken im dbv, der DFG, des Wissenschaftsrates, der Empfehlung der Deutschen Hochschulrektorenkonferenz an alle Parteien zur Bundestagswahl 2013 sowie mit den Empfehlungen des Rates für Informationsinfrastrukturen (RfII)[20] 2016 unterstützt – und wartet nun auf eine Umsetzung in konkrete Maßnahmen.

Die weiteren Empfehlungen der KII für den Teilaspekt Informationskompetenz/Ausbildung lauteten:

  • geeignetes Personal in informationswissenschaftlichen Disziplinen ausbilden

  • IK ist Schlüsselkompetenz und selbstverständlicher Bestandteil der Curricula der Fächer

  • Grundlagen sind bereits in der Schule zu vermitteln

  • eLearning/Blended-Learning-Systeme unterstützend einsetzen

  • fundierte Qualitätssicherung durchführen

  • neue Berufsfelder und Ausbildungsangebote anbieten, die eine fachorientierte Ausbildung unter Einbezug der Querschnittsthemen und Kompetenzen der anderen Handlungsfelder in die Lehrpläne und Curricula erlauben: z. B. „Gute Wissenschaftliche Praxis“, Lizenzierung, Nichttextuelle Materialien, virtuelle Forschungsumgebungen, Retrodigitalisierung, Bibliometrie, Open Access und DRM, Forschungsdatenmanagement.

Der RfII schlägt in seinen Empfehlungen vom 3. Mai 2016 zum Management von Forschungsdaten[21] vor, eine Nationale Forschungsdaten-Infrastruktur (NFDI) zu gründen und die digitale Kompetenz junger Forscher zu stärken. Der Begriff Informationskompetenz müsse weit gefasst werden, denn er führt unterschiedliche Teilfertigkeiten technischer, kommunikativer, sozialer bzw. organisationsbezogener und disziplinenspezifischer Art zusammen. Der RfII empfiehlt, Module zur Vermittlung von Informationskompetenz und Datenmanagementkenntnissen in das gesamte Spektrum bestehender Studiengänge zu integrieren (also von den Ingenieurwissenschaften über die Medizin und die Rechtswissenschaft bis hin zu den Geistes- und Sozialwissenschaften), um kompetente künftige Forschergenerationen heranzubilden. Jenseits von Aus- und Fortbildung sollten sowohl Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler als auch etablierte Forschende Informationskompetenz nicht als Zusatzqualifikation, sondern als zentralen Aspekt der Methodiken und der Methodendiskurse ihrer eigenen Fachlichkeit begreifen.

Vision 4

Der informationssouveräne Entwickler in der Wirtschaft beherrscht die besten Methoden der Wissensaneignung als Voraussetzung für Kreativität, Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt, Innovation und wirtschaftlichen Erfolg.

Realitätscheck 4

Die Förderung von Informationskompetenz in Unternehmen oder am Arbeitsplatz ist in Deutschland – im Gegensatz zum angelsächsischen Sprachraum – in Theorie und Praxis noch kaum vorangekommen. Wenigen forschungsbasierten Untersuchungen (z. B. Mühlbacher 2009)[22] sowie unternehmenspraktischen Betrachtungen (z. B. Köstlbacher 2011)[23] stehen die Herausforderungen des Digitalen Wandels und der „Produktion 4.0“ in der Wirtschaft gegenüber.

Vision 5

Ein informationssouveräner Journalist ist fähig, präzise zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden und gesicherte Informationen in jeder Art von Medien weiterzugeben.

Realitätscheck 5

Kein leichtes Unterfangen, gerade für einen Nachrichtenprofi. Die Profession wird gegenwärtig getrieben von Einsparwellen der Verleger und dem Anspruch auf Qualitätsjournalismus, zwischen Roboterjournalismus oder dem Vorwurf der Lügenpresse. Einige Schlagzeilen aus 2016:

Vertrauensverlust: „Vertrauen in Massenmedien durch Wahlkampf in den USA auf Rekordtiefstand“[24]. Nur ein Drittel der Amerikaner geht noch davon aus, dass Medien „die Neuigkeiten vollständig, genau und ausgewogen berichten", bei den Jüngeren ist das Misstrauen höher.“ „Vertrauen verspielt? Wie Medien um Glaubwürdigkeit kämpfen“[25]. In dem ARD-Beitrag im Juli 2016 stellte sich für Dunja Hayali vom ZDF oder dem Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer die „Gretchenfrage“: „Wie können Medien das Vertrauen ihrer Zuschauer, Leser und Hörer zurückgewinnen?“. Und weiter wird in dem Beitrag festgestellt: „Viele Bürger misstrauen der Arbeit der Journalistinnen und Journalisten (...) Doch die aktuelle Diskussion um dieses Thema ist wesentlich lauter und heftiger als in der Vergangenheit. Dafür verantwortlich ist auch eine sogenannte „Gegenöffentlichkeit“, die im Internet dafür sorgt, dass unbewiesene Behauptungen, üble Gerüchte oder vorschnelle Spekulationen von vielen Nutzern als glaubwürdig und seriös empfunden werden.“

Lügenpresse: „Aktionismus hilft nicht gegen Desinformation im Netz“, sagen Experten[26]. Am wichtigsten sei es jungen Menschen beizubringen, mit der schnelllebigen neuen Medienwelt umzugehen. Es müsse erkennbar werden, „wer hinter diesen Dingen steht und was steuert“. Um „falschen Propheten im Netz“ nicht auf den Leim zu gehen, müsse der „mündige Bürger“ über Informationen nachdenken. „Vorbildliche Praxis“ und „guten journalistischen Stil“ bezeichnete der Geschäftsführer des Deutschen Presserats, Lutz Tillmanns, als die „besten Möglichkeiten für Medienmacher“.

Roboterjournalismus: „Maschinen ohne Moral. Meldungen werden von Robotern geschrieben – das passiere heute jeden Tag, milliardenfach, nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Doch was sind die Folgen, wenn Maschinen für Menschen schreiben?“[27] Soziale Medien verschlimmern die Lage: „Hack Dir Deine Wahl – Maschinen machen Meinung: Wie sogenannte Twitter-Bots in den amerikanischen Wahlkampf eingreifen.“[28]

Vision 6

Eine informationssouveräne Person meistert die Informationsüberflutung und kann sich mit unvollständiger oder lückenhafter Information, mit falscher Information (z. B. Verschwörungstheorien), gefälschter Information (z. B. Plagiate) oder mit Desinformation (z. B. Leugnung der Mondlandung) kompetent auseinandersetzen und zwischen Sachinformation und Werbung im Internet unterscheiden.

Realitätscheck 6

Mit dem einfachen Zugang ist oft nicht der kompetente Umgang mit Medien und den damit angebotenen Informationen gewährleistet. Die Fähigkeit, Medien und durch Medien vermittelte Inhalte den eigenen Zielen und Bedürfnissen entsprechend effektiv nutzen zu können, bedarf der Ausprägung von kritischem Denken, von Orientierungs- und Verantwortungswissen[29]. „Kritisches Denken“ verstanden als „jene Art zu denken, die Argumente und Schlussfolgerungen nicht einfach blind akzeptiert, sondern Vorannahmen einer Prüfung unterzieht, Wertvolles von Wertlosem unterscheidet, Beweise auf ihre Richtigkeit hin überprüft und daraus resultierende Schlussfolgerungen erfasst“[30]. Die Aktualität, Relevanz und Brisanz der Thematik belegen die folgenden Beispiele:

Propaganda: Ritualartige Verwechslung des „Endes der Kreidezeit“ in den Schulen mit der Digitalisierung der Bildung – geäußert von CDU-Vize Thomas Strobl beim dritten Deutschlandkongress der beiden Unionsparteien.[31]

Täuschung: „Lügenfalle Lebenslauf – Der Fall der Bundestagsabgeordneten Petra Hinz hat es gezeigt. Wer bei Bewerbungen die Biographie frisiert, riskiert viel. Viele versuchen es trotzdem“[32].

Lügenwetter: Der falsche Bibber-Sommer und die gefühlte Realität. Der Sommer (2016) war sehr groß. War er? Wenn man über den Sommer die Wahrnehmung des Wetters in den Medien verfolgt hat, ist der Traum des Berliner AfD-Spitzenkandidaten bereits wahrgeworden, mitumgesetzt durch die angebliche Lügenpresse: Es komme nicht auf Statistik an, sondern auf das Gefühl der Bürger. „Das, was man fühlt, ist auch Realität“, sagte AfD-Mann Georg Pazderski. Die deutschen Medien und ihre Leser haben in diesem Sommer ganz stark gefühlt. Das Verblüffendste ist dabei der große Widerstand der Sommer-Jammermedien gegen den Kontakt mit der statistischen Realität.“ (Zitatvon Jörg Kachelmann, Meteorologe)[33].

Wem vertrauen beim Suchen und Finden? „Neue Spielregeln: Google passt seinen Suchalgorithmus ständig an“[34]. Es stellen sich die Fragen: Anpassen an was, und welche Auswahlkriterien gelten?

Falschinformationen: „Facebook und Twitter treten Initiative gegen Falschmeldungen bei“.[35]

Gesundheitsinformation: „Fehlendes Wissen kann teuer kommen.[36] Bis zu fünf Prozent der Gesundheitskosten werden ausgegeben, weil Informationen nicht richtig fließen oder nicht verstanden werden (...). Eine Studie der Berliner Charité und des Unternehmens Pfizer kommt zu dem Ergebnis, dass rund ein Viertel der Bevölkerung einen Nachholbedarf an Gesundheitswissen hat.“ „Jeder vierte deutsche Internetnutzer setzt auf Gesundheits-Apps oder Fitness-Tracker“[37]. „Dr. Google kritisch prüfen.“ Wer sich im Internet über Krankheiten schlau macht, sollte ganz genau auf die Quelle achten. Viele Inhalte zu Gesundheitsthemen im Netz sind zweifelhaft und wenig verlässlich. Darauf weist die Deutsche Krebsgesellschaft auf ihrem Onko-Internetportal hin[38].

Fazit und Ausblick

Dies ist eine erste Standortbestimmung der Initiative für Informationskompetenz der DGI. Die Verankerung und Bedeutung der Informationskompetenz in essentiellen Bereichen unserer Gesellschaft (Schulen, Hochschulen, Wissenschaft, Wirtschaft, Medien und Zivilgesellschaft) wurde anhand exemplarischer Gegenüberstellungen von Visionen und Realität nachgespürt. In diesem Referenzrahmen galt es die Maßnahmen und Wirkungen der Initiative vorzustellen. Leitlinien waren zwei Stellungnahmen von DGI und BID.

Im zweiten Teil, der in einer der nächsten Ausgaben dieser Zeitschrift[41] erscheint, folgt die Betrachtung anstehender Aufgaben zur stärkeren Verankerung von Informationskompetenz in die Prozesse von Bildung und Forschung.

Published Online: 2017-09-25
Published in Print: 2017-08-30

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