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Publicly Available Published by De Gruyter Saur August 22, 2018

Libraries matter

1. Bibliothekspolitischer Bundeskongress des Deutschen Bibliotheksverbandes (dbv e.V.)

  • Elgin Helen Jakisch EMAIL logo

Um Zugang und Teilhabe im digitalen Wandel ging es auf dem ersten bibliothekspolitischen Bundeskongress Anfang März in Berlin. Der dbv fand Zuspruch von etwa 350 Teilnehmern zu diesem ersten, aus Podiumsgesprächen zwischen Bibliothekaren und Kulturpolitikern bestehenden Konferenzformat. Diskutiert wurde die gesellschaftspolitische Rolle öffentlicher und wissenschaftlicher Bibliotheken beim digitalen Wandel, den Smart Cities der Zukunft, in Bezug auf die UNESCO-Nachhaltigkeitsziele und der Kulturvermittlung heute.

Über 30 Vertreter großer öffentlicher und wissenschaftlicher Bibliotheken, sowie Referenten aus Ministerien, Kultureinrichtungen, Hochschulen und kommunalen Spitzenverbänden waren der Einladung zum Dialog gefolgt. Ebenso Politiker aus den Bundestagsfraktionen, die für mehr Informations- und Digitalkompetenz eintreten. Keynotes eröffneten thematisch die Diskussionsrunden, die jeweils von Redakteuren vom Deutschlandfunk Kultur, DIE ZEIT, Süddeutsche Zeitung und rbb Inforadio moderiert wurden.

Angebote für die Stadtgesellschaft

Offene Räume, Internetzugang, studieren, arbeiten, Hausaufgaben erledigen, selbständig lernen, Technik ausprobieren, Kaffee trinken, verweilen, in Medien stöbern, Vorträge, Lesungen, Kammermusik hören und Spieleclubs besuchen, Informationskompetenz erwerben und die eigene Allgemeinbildung erweitern: Bibliotheken im 21. Jahrhundert erfüllen viele universelle Bildungsbedürfnisse einer urbanen Gesellschaft. Sie sind ein unverzichtbares „kommunales Wohnzimmer“ mit vielen neuen Funktionen, das Menschen unabhängig von ihrer Schicht, ihrem Bildungsgrad und ihrer Herkunft zusammen bringt und in dem Integration gelebt wird. Viele Bibliotheken in Großstädten und Metropolregionen berichten von steigenden Nutzerzahlen.

Inzwischen steht der Bibliotheksbesucher mit seinen Bedürfnissen stärker im Vordergrund, als die Sammlung und der Bestand. Das öffentliche Raumangebot muss sich gerade in digitalen Zeiten neu erfinden. „Öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken sind derzeit der kulturelle Ort mit den meisten Besuchern bundesweit – noch vor Museen, Theatern oder Fußballstadien“, so Barbara Lison, die Bundesvorsitzende des dbv. Auch die Aufgaben wissenschaftlicher Bibliotheken wandeln sich, „die in der Datenwelt der Zukunft Werkzeuge und virtuelle Arbeitsumgebungen managen müssen“, wie Barbara Schneider-Kempf, Direktorin der Staatsbibliothek zu Berlin, betonte. „Forschungsbibliotheken müssen heute die Diversität der Informationsaufnahme in allen Medienformen abbilden.“

Entscheider der öffentlichen Hand ordnen Bibliotheken oftmals dem Bereich Bildung oder Kultur zu, wie Hans-Joachim Grote, Innenminister von Schleswig-Holstein, zu berichten wusste, was aber aus seiner Sicht zu kurz greift. Er sieht Bibliotheken als Bürgerservice, weil elementare Dienstleistungen für die Stadtgesellschaft erbracht werden. Dazu sei eine Verstärkung der Marke „Bibliothek“ notwendig. Sie müsse ein Lebensgefühl transportieren, ähnlich wie Starbucks, visionierte Grote. „Man weiß, was man bekommt, man identifiziert sich mit der Marke Modernität und Kommunikation außerhalb von Kirche und Verein und tut etwas gegen die Vereinsamung der digitalen Gesellschaft“. Bibliotheken können zu Erlebnisorten werden und sollten weniger als Institutionen betrachtet werden. Eine immer heterogener werdende Gesellschaft, bräuchte neben der Schule Angebote für den Erwerb neuer Kulturtechniken, ergänzte hierzu Prof. Dr. Wolfgang Schuster von der Telekom. Also bekommen wir zukünftig eine Sonntagsöffnung, damit mehr Familien und Arbeitnehmer in die Bibliothek kommen? Ein mehrfach geäußerter Wunsch, der auf dem Kongress vielfach Zustimmung fand.

Woran fehlt es also derzeit am meisten, diese Vorhaben umzusetzen? An Visionen, Aufbruchsstimmung oder am Personal? Das Publikum debattierte über diese Frage intensiv, bei einer der – leider aus Zeitmangel – viel zu seltenen Gelegenheiten. Bibliotheken seien zwar schon in der Öffentlichkeitsarbeit aktiv, aber dies müsse mehr zur selbstverständlichen Pflicht werden und könne nicht nur nebenher geschehen, war die Erfahrung von Claudia Lux (IBB Berlin). Andere Teilnehmer schlugen vor, über die Einstellung anderer Berufsgruppen in der Bibliothek nachzudenken. Wenn es auf Verwaltungsprozesse nicht mehr so ankäme, weil vieles automatisiert sei, dann bräuchte es mehr pädagogische, soziologische, technische oder PR-Kompetenzen sowie Kulturmanager und Controller, die diese Kultureinrichtungen von innen heraus gestalten, plädierte unter anderem Dr. Bernd Schmid-Ruhe (Stadtbibliothek Mannheim). Allgemeine Heiterkeit löste dann der humorvolle Vorschlag eines niederländischen Teilnehmers vor der Pause aus: „Sie müssen lockerer werden und nicht so viel fragen, wie soll das gehen.“

Bibliothek 4.0 im urbanen „Maschinenraum“

Abbildung 1 Blitzumfrage per Smartphone: 72 Prozent glauben, dass die Digitalisierung die Bedeutung der Bibliotheken erhöhen wird. (Foto: E. Jakisch)
Abbildung 1

Blitzumfrage per Smartphone: 72 Prozent glauben, dass die Digitalisierung die Bedeutung der Bibliotheken erhöhen wird. (Foto: E. Jakisch)

Eine zentrale Frage auf dem Kongress war, ob Bibliotheken derzeit ausreichend am Wandel der digitalen Gesellschaft beteiligt sind. Deutschland rangiert beim Ausbau seiner Digitalität im europäischen Vergleich unterhalb des Durchschnitts, beklagte Andreas Hartl, Referatsleiter im BMWE. Obwohl Bibliotheken mit der Technisierung immer Schritt gehalten haben, werden aktuelle Entwicklungen wie die künstliche Intelligenz noch mit Vorsicht beäugt. Hierzu wusste Dr. Frank Seeliger, Leiter der Hochschulbibliothek der TU Wildau, viele Einsatzbeispiele von KI in Bibliotheken: Semantic Web, Chatbots, Knowledge Bases oder inhaltliche Erschließung. Ein Leseroboter kann spielerisch Neugier auf das Thema wecken und Vorurteile abbauen, bestätigte auch Dr. Hannelore Vogt, Direktorin Stadtbibliothek Köln. Dort und in der TU-Bibliothek Wildau werden die Roboter Nao und Pepper bereits erfolgreich eingesetzt.

Die Stärke von Bibliotheken kann eine Vermittlerrolle für Digitalkompetenzen sein, weil in deren Räumlichkeiten keine kommerziellen Interessen bei der Informationsnutzung verfolgt werden, so Seeliger. Mit Hilfe von Klientelkenntnis und zugeschnittenen Projekten kann KI im öffentlichen Raum erfahrbar und nutzbar gemacht werden. Seeliger sieht auch Potenziale für neue digitale Services, wie Empfehlungssysteme, Snippetdienste aus Volltexten oder die Unterstützung von Schreibprozessen für professionell orientierte Benutzer.

Inhalte als „snackable Content“ vermitteln

Forschung und Lehre stehen vor anderen Problemen. Zum einen soll eine neue technische Infrastruktur für mehr Vernetzung von Ressourcen, Forschungsdaten und Beständen sorgen, zum anderen muss dafür mit Dienstleistern kooperiert werden. Aufgrund dieser Anforderungen erkennt man, so Prof. Dr. Monika Gross von der HSK, dass es sich bei der Digitalisierung nicht um ein Sparinstrument handelte. Sie forderte deshalb einen Digitalpakt auch für Hochschulen. Die Informationsversorgung sei stark automatisiert und es entstünden neue Services, beispielsweise bei Open Access, so Frank Scholze vom KIT Karlsruhe, und brächten eine stärkere Symbiose zwischen Wissenschaftlern und Bibliothekaren mit sich. Diese fungieren mehr als Berater der Wissenschaft in Rechte- und Veröffentlichungsfragen. Diese Services müssten über alle Landesgrenzen hinweg organisiert werden. 16 verschiedene Strategien zur Vernetzung der Infrastruktur von Forschungsdaten würden keinen Sinn machen, appellierte Dr. Frank Simon-Ritz, Direktor der Universitätsbibliothek Weimar.

Räume und Personal ändern sich auch bei den WB, bestätigte Prof. Dr. Ulrich Johannes Schneider, Direktor der UB Leipzig. Räume bekommen neue Funktionen, für die sie einst nicht konzipiert wurden. Man bräuchte mehr Platz für Diskussionen, Arbeitsgruppen, sachlichen Disput, so Schneider. Selbst Plätze im Bibliothekscafé sind seiner Ansicht nach Arbeitsplätze. Es sei ein Trugschluss, digitale Medien würden Räume obsolet machen. Auch hier beweisen Besucherzahlen das Gegenteil. Und die Nutzung der Räumlichkeiten entkoppelt sich ebenfalls von der Nutzung der Bestände.

Prof. Dr. Markus Hilgert (designierter Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder) erörterte in seiner Keynote, wie Museen und andere kulturerhaltende Einrichtungen in die digitale Transformation gehen. „Ohne Sichtung des kulturellen Erbes kann eine Gesellschaft auf Dauer nicht überleben“, ist er überzeugt und brachte Beispiele aus der Archäologie. Für ihn ist die Digitalisierung ein Wandel der Medien, der Änderungen bei Schrift, Sprache und Dokumentationsmethoden nach sich zieht. Weil heute die Smartphones universelle Schnittstellen für jedermann zu seiner Umwelt geworden sind, sollten Kultureinrichtungen dort ihre Inhalte vermitteln und „populistischen fast-food-artigen Verkürzungen“ mit „snackable Content“, inhaltlich nahrhaftem Informationen-Imbiss tauglich entgegenwirken. Ein schönes Bild!

Das Frankfurter Städel hatte damit bereits interessante Erfahrungen gemacht. Dr. Chantal Eschenfelder sieht eine Chance, größere und nicht ausgestellte Teile der Sammlungen besser zu vermitteln. Mit Hilfe von Digitorials vertiefen die Museumsleute am Städel Informationen zu Sammlungsobjekten und Ausstellungen. Die digitale Nutzergruppe ist jünger und männlicher, als die Museumsbesucher. Aber erreicht man tatsächlich mehr Nutzergruppen oder stellt sich der Elfenbeinturm virtuell nur anders dar? Eschenfelder beobachtete besser informierte Benutzer und steigende Besucherzahlen. Dr. Elisabeth Niggemann von der DNB berichtete Ähnliches im DDB-Projekt angesichts der Möglichkeiten, digital die „Aura der Original-Bestände zu erleben“, auch wenn man nicht vor Ort sei. Hierbei dürfen Klickzahlen nicht entscheiden, ob ein Service angenommen wird, denn Kulturangebote sind immer noch Spezialinhalte und kein Mainstream.

Nachhaltigkeitsziele für Bibliotheken

Auf den ersten Blick scheint man von diesem Aspekt überrascht. Doch globale Veränderungen beim Klima führen zu sozialem Wandel oder gar Verwerfungen, so Prof. Dr. Marco Rieckmann von der Universität Vechta. Die Nachhaltigkeitsziele der UNESCO gelten nicht nur für Industrieländer. Bildung für alle, ebenfalls ein Nachhaltigkeitsziel, ist hier ein zentraler Schlüssel. Bibliotheken können dazu einen entscheidenden Beitrag leisten. Prof. Dr. Verena Metze-Mangold, Präsidentin der deutschen UNESCO-Kommission, sprach davon, dass die Menschheit sich heute in der größten Transformationsanstrengung befände. Demokratien brauchen Informationskompetenz. Orte des freien Zugangs zu Informationen − wie ihn Bibliotheken böten − seien von daher essenziell und sollten für die Politik eine Verpflichtung sein. Auch die weitere Senkung sozialer Standards könnte allzu negative Folgen haben. Die Digitalisierung führe zu erheblichen Machtverschiebungen, stellte Metze-Mangold weiter fest, und meinte damit die kommerzialisierte Hoheit der Internetkonzerne über unsere Daten und unser digitales Verhalten.

Was jetzt gemacht werden muss

Dies war die Überschrift der letzten Diskussionsrunde und von dort erhoffte man sich weitere Impulse. Nach zwei intensiv diskursiven Tagen, an denen man zwar thematisch fundiert, aber manchmal durch nicht immer gut vorbereitete Moderatoren vom Thema abgeschweift war, konnten die Veranstalter eine positive Bilanz ziehen. Wichtige Akteure, wie der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, wurden zwar vermisst, dennoch gab es genug „Stoff“ für viele weitere Debatten.

Die Organisatoren werden aus diesem ersten Kongressformat für Folgeveranstaltungen lernen. Dass es diese geben wird, stand nach der positiven Resonanz aus dem Publikum außer Frage. Der Bedarf der Bibliothekare, mit der Politik über ihre Aufgaben, Institutionen und Visionen zu sprechen, ist groß. Dies konnte man leider unter anderem daran erkennen, wie wenig Ahnung Politiker tatsächlich von den Herausforderungen und Leistungen der Bibliotheken in diesem Land haben. Immer wieder schimmerten gängige Klischees durch die Debatten.

Wenn es zu wenig öffentliche Wahrnehmung für die aktuellen Leistungen gibt und es weitgehend unbekannt bleibt, dass Bibliotheken mehr Besucher als Fußballstadien haben, muss man die Erinnerung auffrischen und im Gespräch bleiben. Barbara Lison formulierte zum Ende der Veranstaltung deshalb auch die Forderung nach einem nationalen Bibliotheksgesetz, um Strukturen und Aufgaben bundesweit und nicht nur auf Länderebene festzulegen. Ob aus diesem Kongress ein Thesenpapier formuliert wird, bleibt noch offen. „Libraries matter“ war ihr Fazit und dem dbv gebührt Anerkennung für den gelungenen Start in dieses Kongressformat.

Links:

Tagungsprogramm und Videomitschnitte auf http://www.dbv-bundeskongress.de/

Twitter: #dbvkongress18

Deskriptoren: Tagung, Bibliothek, Politik, Gesellschaft, Dienstleistung

About the author

Elgin Helen Jakisch
Published Online: 2018-08-22
Published in Print: 2018-08-08

© 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 5.3.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/iwp-2018-0030/html
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