Accessible Published by De Gruyter Saur February 12, 2019

90 Jahre IBI: alles andere als „old school“

Das Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin feierte geschichtsbewusst und zukunftsorientiert seinen runden Geburtstag

Elgin Helen Jakisch

Jubiläen sind besondere Anlässe der Rückschau und des Ausblicks. Das Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft (IBI) feierte am 2. November 2018 seinen 90. Geburtstag nicht etwa wie ein „Dinner for One“, sondern wie ein großes Familientreffen der Informationswissenschaft mit rund 120 Gästen. Studierende, Lehrpersonal, Ehemalige, Gesandte aus verwandten Studieneinrichtungen aus ganz Deutschland, der KIBA, dem Hochschulverband und international verbundene Kolleginnen und Kollegen unter anderem vom Partnerinstitut in Dublin waren in das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum zur Feier gekommen. Ein buntes und informatives Programm leitete durch die Festveranstaltung und würdigte ehemalige Mitwirkende und heutige Akteure in einer kurzweiligen Mischung aus Vorträgen, Interviews mit Zeitzeugen, Quizfragen an die Gäste und Sketchen.

Das IBI hatte in seiner wechselvollen Geschichte mehrere Neu- und „Umgründungen“ erfahren. Prof. Vivian Petras, die geschäftsführende Institutsdirektorin, begründete die Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag damit, dass man nicht erst auf die 100 warten wolle, sondern Feste so feiern solle, wie sie fallen. Derzeit sei man wieder in einer Erneuerungsphase, weil das Durchschnittsalter der Dozenten 36 Jahre betrage. Wie man anschließend im Grußwort der Dekanin der Philosophischen Fakultät der HU, Prof. Dr. Gabriele Metzler erfahren konnte, war das IBI nicht nur selbst durch eine wechselvolle Geschichte gegangen, sondern hatte mehrere politische Systeme überlebt und kann sich heute in dynamisch digital wandelnden Zeiten als etablierte und international vernetzte Forschungseinrichtung der Humboldt-Universität (HU) behaupten. Die Lehrinhalte müssten mit der Zeit gehen und sich dem technologischen Wandeln immer wieder anpassen.

Prägung durch Persönlichkeiten

„Beim IBI kommen Theorie und Praxis zusammen“, so Prof. Dr. Andreas Degkwitz, Direktor der UB der HU, in seinem Grußwort. Dies läge in der Natur der Profession begründet und sei unter anderem daran sichtbar, dass die meisten Absolventinnen und Absolventen einen Job fänden − einige von ihnen auch in der Bibliothek der Humboldt-Universität. Nicht zuletzt beweist das IBI Praxisnähe durch den eben erst in Kooperation mit der FH-Potsdam ins Leben gerufenen berufsbegleitenden Masterstudiengang Digitales Datenmanagement.

„Traditionen zu pflegen ist wichtig“, befand auch Reinhard Altenhöner, von der Staatsbibliothek zu Berlin, die einstmals Ausbildungsstätte für Bibliothekare und somit ein Vorgänger des heutigen Instituts war. Das nahezu 100-jährige Gebäude des IBI liegt denn auch in der Dorotheenstraße gegenüber der Staatsbibliothek. Altenhöner hielt seine Laudatio aus der Perspektive der 100-Jahr-Feier und nahm vorweg, dass auch am IBI Künstliche Intelligenz keine Zukunftsmusik mehr sei und die drei Hauptsäulen Einheit von Forschung und Lehre, Bezug zur Wirtschaft und Bildung der Persönlichkeit eine besondere Kontinuität aufweisen.

Abbildung 1 Quiz zur Vergangenheit des IBI – das Publikum ist engagiert dabei. (Bild: Franziska Lengauer)

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Quiz zur Vergangenheit des IBI – das Publikum ist engagiert dabei. (Bild: Franziska Lengauer)

Zunächst gab es eine kleine Rückschau. Im interaktiven historischen Referat von Kirsten Schlebbe erfuhren die Gäste, dass bei der Gründung des Instituts bereits das Thema Urheberrecht auf dem Stundenplan stand, man sich also damals schon an den Fragen der Zeit orientierte. In den 1990er Jahren wurden die Studieneinrichtungen der Freien Universität und der HU zu einem Institut zusammengelegt. Dies geschah in einer Zeit der Fusionen vieler Institute zwischen den drei Universitäten Berlins. 2003 war es dann parallel zu den Einsparwellen beim Deutschen Bibliotheksinstitut oder auch den Fachinformationszentren fast zu einer Schließung des Instituts gekommen, die dank des großen Engagements der Institutsangehörigen glücklich abgewendet werden konnte und die beteiligte Fachschaft seither in besonderer Weise zusammenschweißt. Seit 2005 trägt das Institut seinen heutigen Namen.

Es folgten Interviews moderiert von Ulrike Liebner (wiss. Mitarbeiterin am IBI) mit Persönlichkeiten, die als Lehrbeauftragte am Institut gewirkt hatten und von den „Mühen“ der Akademisierung des Berufes berichteten. Zwei frühe Zeitzeuginnen waren Dr. Gertrud Pannier und Dr. Renate Rohde. Zu DDR-Zeiten hatte es noch eine enge Einbindung der Studierenden in die FDJ gegeben und es gehörten Sport und Sprachen zu den Pflichtfächern. Nach der Wende hätten nur fünf bis zehn Prozent der Studierenden die Freiheit genutzt, sich akademisch vertiefen zu können, so Pannier, und mit Bologna hätte der Studiengang jetzt mehr Struktur bekommen. Geehrt wurden auch Prof. Umlauf, der vor allem das „Fernstudium für Leute aus der Praxis“ aufgebaut hatte, und Prof. Engelbert Plassmann, der genau am 2. November 1995 vor 23 Jahren seine Karriere am IBI begonnen hatte. Sein „Markenzeichen“ waren Exkursionen mit Studierenden innerhalb Deutschlands und ins Ausland. Er legte damit einen Grundstein zum Aufbau internationaler Beziehungen. Ihn bewegt noch heute die politische Aufbruchstimmung der 1990er Jahre. Er erzählte, wie er mit einer Gruppe Studierender, die sich gerade auf einer Studienreise in Polen aufhielten, in Warschau den Festakt zum Eintritt Polens in die EU und das Hissen der Europaflagge erleben durfte.

Prof. Michael Seadle, heute Dozent und Institutsrat am IBI, würdigte Prof. Stefan Gradmann, mit dem das Thema Wissensmanagement beim IBI Einzug gehalten hatte. Seit 2009, so berichtete Seadle weiter, sei das IBI Mitglied bei den iSchools, einem internationalen Konsortium informationswissenschaftlicher Ausbildungseinrichtungen aus dem Non-Profit-Bereich. Prof. Peter Schirmbacher kam als erster Informatiker ans IBI und hatte schon immer das breite Spektrum der Überschneidungen der Disziplinen Informatik und Informationswissenschaft gesehen und gefördert.

Immer an Zukunftsthemen ausgerichtet

Abbildung 2 Colloqium Professorum als Sketch: Elke Greifeneder, Robert Jäschke, Vivien Petras spielen Szenen aus dem Institutsalltag. (Foto: Frankziska Lengauer)

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Colloqium Professorum als Sketch: Elke Greifeneder, Robert Jäschke, Vivien Petras spielen Szenen aus dem Institutsalltag. (Foto: Frankziska Lengauer)

In einem sehr unterhaltsamen Sketch präsentierten Prof. Dr. Elke Greifeneder, Prof. Dr. Robert Jäschke und Prof. Vivien Petras (PhD) Szenen aus ihrem gegenwärtigen Institutsalltag. Dabei fiel auf, dass man sich neben der Lehre, Forschungssemestern oder Projekten eben auch um das in die Jahre gekommene Gebäude liebevoll kümmern und sehr viel telefonieren muss. Zum Ende der szenischen Aufführung fragte Petras lakonisch „Was ist eigentlich Bibliothekswissenschaft?“ und bemerkte, dass diese Frage alle Beteiligten wohl auch die nächsten 90 Jahre umtreiben würde − was zur allgemeinen Erheiterung des Publikums sehr beitrug.

Prof. Kalpana Shankar vom Partnerinstitut School of Information & Communication Studies, University College Dublin, hielt die abschließende Keynote mit Ausblicken in die Zukunft der Profession. In dramatisch sich wandelnden Zeiten könne man nur mit Hilfe von „sociotechnical imaginary“ sog. techniksoziologischen Vorstellungswelten kreative Ideen für zukunftsfähige Konzepte auch in der Informationswissenschaft finden. Stiftungen und Think Tanks nutzten diese Techniken weltweit, so Shankar, um Visionen für ein wünschenswertes Zusammenleben zu finden. Auch dies sei die Aufgabe einer wissenschaftlichen Einrichtung. Wenn man Menschen, Informationen und Technologien zusammenbrächte, würden Gesellschaften davon profitieren. Sie nannte als negatives Beispiel den Skandal um die Wahlbeeinflussung von Cambridge Analytica zur letzten Präsidentschaftswahl 2016 in den USA. Die Informatiker hätten daraufhin einen neuen ethischen Maßstab gefordert, wie man mit Informationen „moralisch“ umgehen solle. Die Informationswissenschaft hätte dies schon längst verstanden, bemerkte Shankar – nicht ohne „Schadenfreude“.

Eine „typische Berliner Schöpfung“ nannte Ben Kaden das am IBI gegründete und herausgegebene Open-Access-Magazin LIBREAS „zwischen Improvisation und Popkultur„. Damals wollte man das Internet mit allen medialen Mitteln voll nutzen, so Kaden. „LIBREAS. Library Ideas“, ist als Verein zur Förderung der bibliotheks- und informationswissenschaftlichen Kommunikation tätig. Mit einer besonderen Jubiläumsausgabe #34 feiert man die 90 Jahre des Instituts und weist mit interessanten Beiträgen von mit dem Institut verbundenen Autorinnen und Autoren rund um Geschichte und Wirkung des IBI hin.[1]

Informationen über die Veranstaltung und das IBI finden Sie auf folgenden Webseiten: https://www.ibi.hu-berlin.de/de/90-jahre-ibi

Deskriptoren: Tagung, IBI, Hochschule, Informationswissenschaft, Bibliothekswissenschaft, Geschichte

Published Online: 2019-02-12
Published in Print: 2019-01-31

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