Accessible Published by De Gruyter Saur August 15, 2019

Open-Science – wie viel darf oder muss es sein?

Open Science Conference 2019

Anke Butz and Anne-Katharina Weilenmann

„In a better world, high-quality, peer-reviewed information would be freely available soon after its creation; it would be digital by default, but optionally available in print for a price; it would be easy to find, and it would be available long after its creation, at a stable address, in a stable form.“

Unsworth, John / Yu, Pauline (2003)[1]

„In a better world, high-quality, peer-reviewed information would be freely available soon after its creation;...“[2] Die Vision, wie sich ein innovatives wissenschaftliches Kommunikationssystem im Jahre 2010 präsentieren könnte, formulierten Unsworth und Yu bereits 2003. Damals wohl als kühne Idee wahrgenommen, markierten diese Worte nebst der Berliner Erklärung[3] den Auftakt zu einer internationalen Bewegung.[4] Doch die Forderungen nach Offenheit erschöpfen sich nicht allein in freiem Zugang zu wissenschaftlicher Fachliteratur und größerer Sichtbarkeit, es bedarf gänzlich anderer Arbeitsweisen und -instrumente, was mit einschneidenden Veränderungen und kulturellem Wertewandel verbunden ist; es bedarf eines «Öffnens der Wissenschaft»: Opening Science.[5]

Wie kann man diesen Wertewandel fördern, die Forschenden dabei begleiten, eine positive Haltung gegenüber dieser Offenheit einzunehmen, wie kann man die Forschenden unterstützen und gar beeinflussen?

Mit dieser Thematik setzt sich die alljährlich stattfindende internationale Open Science Conference[6] auseinander, die vom 19. bis 20. März 2019 zum sechsten Mal stattfand, organisiert vom Leibniz-Forschungsverbund Open Science und der ZBW − Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. Neu war 2019, dass sich die Konferenzbeiträge verstärkt mit Projekten und Ergebnissen der praktischen Implementierung von Open Science befassten. Handelte es sich in den Vorjahren in der Hauptsache um elaborierte theoretische Konzepte für die Wissenschaftspolitik, beispielsweise die Entwicklung der FAIR-Prinzipien[7], so stellte Professor Klaus Tochtermann, ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft, in seiner Eröffnungsrede das Thema „From recommendations to implementations“ in den Fokus. Dieser Leitgedanke spiegelte sich in den zwei Konferenztagen in unterschiedlichen Ausprägungen in zahlreichen Beiträgen wider.

Die Open-Science-Bewegung in Europa[8] wurde in den vergangenen Jahren vor allem durch Arbeiten des Beratungsgremiums Open Science Policy Platform (OSPP) und von verschiedenen durch die Europäische Kommission eingesetzten Expertengruppen geprägt. Mittlerweile liegen dem Europäischen Rat für Wettbewerbsfähigkeit zahlreiche Empfehlungen für die Umsetzung von Open Science im öffentlich geförderten Forschungsumfeld vor.

Prof. Dr. Eva Méndez, Vorsitzende der zweiten OSPP, betonte in ihrem Eröffnungsvortrag „Open Science?... Darling, we need to talk!“ wiederholt, dass es nun an der Zeit sei, diese Empfehlungen und Konzepte in die Praxis umzusetzen. Die Aufgabe der zweiten OSPP sei nun die Begleitung dieses Prozesses sowie das Forcieren von zuvor identifizierten „Practical Commitments for Implementation“ (PCI) auf institutioneller und individueller Ebene, so Dr. Méndez.

Auch der anschließende Vortag von Dr. Isabel Campos, die als Mitglied der zweiten High Level Expert Group (HLEG) der European Open Science Cloud (EOSC) sprach, hob darauf ab, dass der Fokus beim Aufbau der Plattform nun auf die praktische Umsetzung der Vorarbeiten gelegt werde. Die Komplexität des Unternehmens fordere ein „minimales funktionsfähiges Ökosystem“ (Minimum Viable Ecosystem / MVE) der EOSC, so Dr. Campos, welches durch „minimale funktionsfähige Produkte“ (Minimum Viable Product / MVP) ergänzt werde. Ein bedeutender Schritt in Richtung Implementation einer EOSC war die Einrichtung einer Governancestruktur im letzten Jahr in Wien und der damit verbundene Abschlussbericht „Prompting an EOSC in practice“ der High Level Expert Group EOSC.

Posterpräsentationen und Panel

Auch 2019 wurde den Posterpräsentationen[9] viel Raum geboten; so stand genügend Zeit zur Verfügung, um Fragen zu stellen und ausführlich über das Gezeigte zu diskutieren. Neben bereits bekannten Projekten wie z. B. OpenAIRE[10] verdienten zwei Themen besondere Aufmerksamkeit, da sie richtungsweisend für zukünftige Initiativen sein könnten: Registered reports (RegReports)[11] und AfricArXiv[12].

Mit den RegReports wird die Prä-Registrierung geplanter Studien anvisiert, was den Wissenschaftlern erlaubt, den Nachweis zu erbringen, dass ihre Studie wie vorgesehen durchgeführt und analysiert wurde. Dieses neue Format wird bereits vom Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID) gefördert. Beim «AfricArXiv» handelt es sich nicht alleine um ein weiteres Repositorium, sondern damit wird ein Angebot aufgebaut, das speziell auf die Anforderungen afrikanischer Forschender ausgerichtet ist. Ein essentieller Pluspunkt dabei ist es, dass Inhalte in verschiedenen afrikanischen Sprachen eingestellt werden können (wie z. B. Swahili, Yoruba, Igbo, Afrikaans, Wolof, Fon).

Das Abschlusspanel[13] befasste sich mit dem Bericht zur Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens, der von einer Expertengruppe der Europäischen Kommission verfasst und bereits im Vorfeld der Konferenz veröffentlicht worden war.[14] Dieser wendet sich an folgende fünf Akteure und spricht für jede Zielgruppe Empfehlungen aus: Forscher (Verantwortung übernehmen für eine offene Wissenschaft), Universitäten/Forschungsinstitutionen (Garantie, dass alle Forschungsbeiträge frei zugänglich sind), Fördermittel-Geber (Entwickeln von Richtlinien), Verlage (schnellst mögliche Transformation hin zu Open Access), andere Gruppen wie z. B. Erzieher, Ausbilder usw. (Bewusstsein für Open Access schärfen).

Der Bericht nimmt die Metapher des „World Brain“ von Wells (1938)[15] auf, als übergeordneten Rahmen, als Sinnbild für ein globales Wissensgefüge: „Wells was “...speaking of a process of mental organization throughout the world” which he believed “... to be as inevitable as anything can be in human affairs. „The world“, he concluded, „has to pull its mind together, and this is the beginning of its effort.“[16] Dieser Gedanke des globalen Wissensgefüges wird nicht zuletzt auch in den Ideen von Unsworth und Yu (2003)[17] weitergetragen...

Wie implementiert man Open Science?

In einer aktuellen Studie weisen Nicholas et al. (2019) nach, dass sich junge Forschende sehr wohl mit Open Science auseinandersetzen, jedoch äußerst zurückhaltend agieren und dies noch kaum praktizieren: „Interestingly, open science, which is something that many ECRs are still only waking up to as a concept, is the next most unchanging aspect. The large gap between positive attitudes (30 %) and more practice (14 %) is partly explained by the fact that it is only just obtaining traction and partly because of fears over tenure and reputation.“[18] Ältere Wissenschaftlergenerationen tun sich ebenfalls schwer damit, herkömmliche Systemkonventionen und -regeln zu durchbrechen und Neues auszuprobieren: „that if we publish elsewhere we risk our jobs. You just have to look up job ads for faculty or tenure track positions, and you’ll see we have to publish in certain journals if you want that job.“[19]

Solche Aussagen vermitteln doch ein äußerst traditionelles Bild der Wissenschaftscommunity, zeigen gleichzeitig auch, dass es für die Open Science-Akteure noch grosser Überzeugungsarbeit bedarf, «Open Science» als selbstverständliche Haltung zu positionieren. Wie implementiert man Open Science, wie verankert man das Bewusstsein für Open Science bei den Forschenden? Keine leichte Fragestellung. Die Konferenz trägt dazu bei, Antworten zu finden darauf, um Neues auszuloten und anzustossen. Man darf schon jetzt gespannt sein auf die nächste Veranstaltung.[20]

Deskriptoren

Tagung, Wissenschaft, Datendokumentation, Open Sience, Forschungsdaten, Publizieren

Published Online: 2019-08-15
Published in Print: 2019-08-06

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