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Publicly Available Published by De Gruyter Saur April 7, 2020

Informationswissenschaft – Bandbreite und Ausrichtungen in der DACH-Region

HI-Workshop am 3. Februar 2020 in Berlin

Marlies Ockenfeld ORCID logo

Auf Initiative von Vivian Petras (Humboldt-Universität zu Berlin) als Gastgeberin und Dirk Lewandowski (Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg) veranstaltete der Hochschulverband Informationswissenschaft am 3. Februar 2020 einen Workshop in den Räumen des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft (IBI) in Berlin. Anliegen dieses und gleichartiger künftig geplanter Treffen ist es, Standorte informationswissenschaftlicher Forschung und Lehre zu vernetzen und sich besser kennen zu lernen. Angesichts zahlreicher Emeritierungen und Neuberufungen an den Hochschulen sowie dem Generationenwechsel in außeruniversitären Einrichtungen der Forschungsinfrastruktur ist dies, wie die Beteiligung von etwa 60 Personen bewies, eine von vielen begrüßte Initiative. Der Hochschulverband Informationswissenschaft (HI) versteht sich nicht – wie der Name suggerieren könnte – als Professorenbund, erklärte Lewandowski bei der Einführung, sondern als Zusammenschluss aller, die in Wissenschaft und Forschung in der Informationswissenschaft tätig sind. Zu diesem ersten Workshop waren insgesamt sieben Vorträge – aus der KIBA, zwei Universitäten, zwei Hochschulen sowie zwei außeruniversitären Einrichtungen – eingeladen.

Überblick KIBA

Frauke Schade (KIBA) referierte zum Auftakt ausgewählte Aspekte einer zusammen mit ihren Vorstandskollegen Stefan Schmunk und Günther Neher in der Konferenz bibliothekarischer und informationswissenschaftlicher Ausbildungsstätten erarbeiteten Standortbestimmung informationswissenschaftlicher Forschung und Lehre an den 16 Hochschulen und Ausbildungseinrichtungen, die in der KIBA vertreten sind. Auch wenn die fachlichen Positionierungen und die Profilierungen der Studiengänge unterschiedlich sind, so verbindet doch alle die Klammer aus Kuratierung, Strukturierung, Bereitstellung und Vermittlung von Information unter den von Wirtschaft, Politik, Recht und Ethik gesetzten Rahmenbedingungen, unabhängig davon, ob sie die Informationswissenschaft etwa als interdisziplinäre Wissenschaft, als Handlungswissenschaft oder im Sinne von Library and Information Science (LIS) sehen.

An verschiedenen nationalen und europäischen Initiativen und Programmatiken wies sie nach, dass informationswissenschaftliche Kompetenz ein verbreitetes Desiderat ist. So hält der Wissenschaftsrat ein leistungsstarkes Informationsinfrastruktursystem für das Wissenschaftssystem als zwingend erforderlich. Die DFG schreibt 2019 bis 2028 bis zu 90 Millionen Euro jährlich zur systematischen Förderung der Entwicklung einer Nationalen Forschungsdateninfrastruktur aus. Die medienspezifischen Erschließungsleistungen wissenschaftlicher Bibliotheken stehen in der Gefahr, im WWW und dessen kommerziell implantierten Suchmaschinen unsichtbar zu werden. Die Stärkung der wissenschaftlichen Bibliotheken wird deshalb von der DFG gefördert. Auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung greift informationswissenschaftliche Forschungsfragen in seiner Hightech-Strategie auf, wie Digital Literacy, Informations- und Medienkompetenz. Der Deutsche Städtetag nennt in seiner Positionierung „Bildung und Kultur in der Stadt 2018“ ausdrücklich Bibliotheken als klassische Institutionen im Zusammenhang des kommunalen Bildungs- und Kulturangebots.

In der Lehre stellt die KIBA vielerorts eine Neupositionierung informationswissenschaftlicher Studiengänge fest. Angesichts zunehmender Diversifizierung und Spezialisierung sei es für das kleine Fach Informationswissenschaft ein notwendiger Drahtseilakt, zu entscheiden, was man in der Lehre weglässt und wo Kooperationen notwendig sind. Die KIBA versteht sich als Ansprechpartnerin der Berufspraxis für die Kompetenzfelder Fachkompetenz (Wissen und Verstehen), Soziale Kompetenz (Kommunikation und Kooperation), Selbstkompetenz (wissenschaftliches Selbstverständnis, Professionalität), Methodenkompetenz (Informationsmanagement). Digitale Kompetenzen sind dringend gesucht. Den Mangel an Fachpersonal in den Bereichen Informatik, Informationswissenschaft, aber auch Technik und Labor können Fachhochschulen und Universitäten durch geeignete Kooperationen mildern, indem Absolventinnen und Absolventen parallel zu einer postgradualen Beschäftigung ein aufbauendes Studium eröffnet wird.

I:IMSK ist iSchool

Udo Kruschwitz, seit 1. Juli 2019 als Hochschullehrer im I:IMSK (Institut für Information und Medien, Sprache und Kultur) für Grundlagen der Informationswissenschaft und Computerlinguistik in Regensburg tätig, stellte ausführlich seinen akademischen Werdegang, seine Interessen, seine Erfahrungen als Dozent im britischen Essex in den letzten 23 Jahren und die aktuellen Studiengänge am Institut vor. Als Ausdruck der internationalen Ausrichtung des I:IMSK konnte er verkünden, dass das Institut Ende Januar 2020 nach dem IBI als zweites Institut aus Deutschland als iSchool aufgenommen worden ist. Insgesamt arbeiten acht Personen am Lehrstuhl. Informationswissenschaft hat eine Brückenfunktion in der Regensburger Universität, gemeinsamer Nenner ist das Thema Informationsverhalten. So wird beispielsweise mit dem Universitätsklinikum ein System zur Ernährungsberatung entwickelt. Angeboten werden die beiden Studiengänge BA Informationswissenschaft und MA Informationswissenschaft. Es gibt zahlreiche Wahlmöglichkeiten in Kombination mit anderen Fächern, etwa Medieninformatik. Ein Lehrstuhl Informatik ist in Vorbereitung und wird weitere Möglichkeiten eröffnen. Im WS 2019/20 beträgt die Zahl der Erstsemester in der Informationswissenschaft 84, davon 19 BA, 43 zweites Hauptfach und 22 Nebenfach. Im Masterstudium sind nur zwei Studierende. Forschungsthemen sind Informationsverhalten, Information Retrieval, Personalisierte Beratungssysteme, Interaktive Assistenzsysteme. Fußgängernavigation, Chatbots, Natürliche Sprachverarbeitung. Ein neues von der Volkswagenstiftung gefördertes Projekt behandelt die automatische Erkennung von FakeNews, HateSpeech und gefärbten tendenziösen Nachrichten. Wissenstransfer wird großgeschrieben, etwa durch Beiträge auf renommierten Konferenzen oder durch Veranstaltungen an der Universität Regensburg wie dem MeetupDataScience@Regensburg. Beim Global Game Jam 2020 in Regensburg zum Thema „repair“ beteiligten sich bei vier Spielen Studenten der Medieninformatik/Informationswissenschaft.

Internationalität in Hildesheim

Die Hildesheimer Ausprägung der Informationswissenschaft stellte Christa Womser-Hacker vor. Mit vier Professuren, einer Juniorprofessur für Digital Humanities sowie ca. 16 Mitarbeitern und internen Doktoranden werden 430 Bachelor- und 80 Master-Studenten betreut. Seit 2013/14 haben etwa 110 Personen den Masterabschluss erreicht. Die Informationswissenschaft in Hildesheim hat Schnittstellen mit Informatik, Computer-/Linguistik (Textanalyse, Sentimentanalyse), Geisteswissenschaften, Interkulturelle Kommunikation (Kulturanalyse, Diskursforschung), Medien (Social Media, Medientypen), Psychologie (Menschliche Kognition). Mehrsprachigkeit und Interkulturalität als Aspekte der informationswissenschaftlichen Kernthemen wie Information Behavior, Information Retrieval, User-centered design, Usability (UX Labor, Eyetracking, Crowdsourcing) spielen eine große Rolle. Die Hildesheimer Informationswissenschaft ist stark international orientiert. Kooperationen bestehen mit Südkorea und mit Graz, wo im Laufe der letzten elf Jahre ca. 60 Absolventen das Joint Degree Programm durchlaufen haben. Zentral sind die Bachelor- und Master-Studiengänge Internationales Informationsmanagement. Eine neue Studiengangsvariante ist der BA Digitale Sozialwissenschaft (Informationswissenschaft mit Soziologie und Politikwissenschaft), in dem es um die Analyse gesellschaftlicher Prozesse mit informationswissenschaftlichen Methoden geht. Ab 2021 ist ein zweijähriges Teilzeitstudium BA Global Information Management (GIM) geplant, ein multilinguales Programm, in dem zu Beginn Deutschkurse wichtige Bestandteile sind.

In der Forschung werden die Themen Informationskompetenz, Informationsverhalten, Mensch-Maschine-Interaktion und Information Retrieval bearbeitet. Ein Fokus ist dabei aktuell auf Bildanalyse und das Informationssuchverhalten mit Bildern (kollaboratives Informationsverhalten, zwischen Generationen oder Kulturen; in bestimmten fachlichen Zusammenhängen Historiker, Politikwissenschaft, Patentingenieure zur Einbeziehung von Patentabbildungen in den Retrievalprozess, Berater u. a.) gerichtet. Wie in Regensburg steht auch in Hildesheim das Erkennen von Hate Speech durch KI, aber auch die Früherkennung der Anzeichen von Selbstverletzung, Anorexie und Depression auf der Agenda. Eines der aktuellen Projekte bindet Kinder in den Entwicklungsprozess eines Informationssystems zur spielerischen Förderung von Energiebewusstsein ein und misst die Benutzerfreundlichkeit aus Sicht der Kinder. Tradition ist der Retrieval-Wettbewerb CLEF.

Drittmittelprojekte sind inzwischen immer interdisziplinär. Dabei erweist sich die Rekrutierung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als problematisch, weil aufgrund der Interdisziplinarität unterschiedliche Fächerkulturen bei der Begutachtung berücksichtigt werden müssen. Schwierigkeiten entstehen auch für die Verwaltung, etwa hinsichtlich Aufenthaltsgenehmigungen.

FH Graubünden wirtschaftsorientiert

Die Informationswissenschaft in Chur stellten Bernard Bekavac und Ingo Barkow vor. Die HTW Chur war bis Ende 2019 Teilschule der Fachhochschule Ostschweiz und ist seit Jahresbeginn 2020 die achte eigenständige Fachhochschule der Schweiz. Sie bietet ein eigenständiges Studium BSc in Information Science in Vollzeit und Teilzeit an, wobei inzwischen die Teilzeitstudierenden überwiegen. Vom 1. bis 3. Semester gibt es keine großen Unterschiede zum Studiengang Wirtschaftsinformatik, weil IT-Kompetenz auch für die Informationswissenschaft sehr wichtig geworden ist. Im 4. Semester kommen Bibliotheks- und Archivinformatik hinzu, im 5. Daten- und Informationsvisualisierung und im 6. Grundlagen semantischer Technologien. Wahlpflichtmodule sind Archivierung, Bibliotheksmanagement, Datenkompetenz, Informations- und Medienmanagement, Web und Usability Engineering. Der Schwerpunkt wird im Abschlusszeugnis ausgewiesen. Wahlmodule können aus anderen Studiengängen der FH Graubünden ausgesucht werden oder auch extern an einer anderen Hochschule absolviert werden, beispielsweise dem Summer School-Angebot der Universität Zadar in Kroatien, mit der zusammengearbeitet wird.

Ferner wird ein Master of Science in Business Administration mit Vertiefung Information and Data Management angeboten, zwei weitere in Tourism und New Business. Personen mit abgeschlossenem Hochschulstudium können für 21 Tsd. Franken den Weiterbildungsstudiengang zum Master of Advanced Studies FHGR in Information Science belegen, ein Vertiefungs- und Spezialisierungsangebot für Personen mit mehrjähriger Berufserfahrung. Seit 1993 sind die 23 Plätze stets ausgebucht.

Ingo Barkow, seit 15. Februar 2019 Institutsleiter, stellte fest, dass Datenmanagement am meisten Zuspruch erfährt. Mit 43 Planstellen stellt die Informationswissenschaft das größte, forschungsstärkste Institut der Hochschule. Insgesamt gibt es vier Forschungsschwerpunkte, in denen die stark nachgefragten Themen immer zusammen mit Industriepartnern bearbeitet werden. Dazu gehören Digitale Bibliothek, Digitale Bildung, Bildungsinformatik, Datenmanagement für bildungswissenschaftliche Großstudien und ein Virtual Education Observatory in dem eine virtuelle Panelstudie aus bestehenden Bildungsstudien durchgeführt wird, ferner Big Data und Analytics sowie Usability Engineering, Webanalytics und Data Mining. DaVis, das Zentrum für Datenanalyse, Visualisierung und Simulation, ist für sechs Jahre sonderfinanziert und kann den Hochleistungsrechner der Hochschule einsetzen.

Die Informationswissenschaft muss mindestens 60 Studierende pro Jahr gewinnen und wendet dafür jährlich 60 Tsd. Euro für Werbung auf.

Datenwissenschaft an der TH Köln

Philipp Schaer ist seit 2016 in Köln und hat dort die Professur für Information Retrieval inne. Insgesamt lehren und forschen am Institut für Informationswissenschaft 23 Professoren in fünf Studiengängen, drei Bachelor-Studiengängen (Bibliothek und digitale Kommunikation, Data and Information Science sowie Online Redaktion) und zwei Master-Studiengängen. Von 2016 bis 2020 gab es acht Neuberufungen, darunter drei Informatiker, zwei Medienwissenschaftler, ein Germanist, ein Psychologe und eine Bibliothekarin; eine Berufung erfolgte gemeinsam mit der Fakultät für Informatik, zwei mit dem Leibniz-Institut ZB MED. 2017 wurde das Forschungsinstitut IIM (iim.th-koeln.de) gegründet. Es dient als Inkubator für drittmittelgeförderte Forschung, vereint die Promovierenden unter einem Dach, bietet Co-Working Spaces, ist offen für alle drittmittelaktiven Kolleginnen und verfügt mit dem iLab und seinem flexiblen Raumkonzept über Labore für Nutzer-Beobachtungs- und Innovationsstudien. Zentraler Forschungsgegenstand ist Information und das Zusammenspiel von Nutzer und Erzeuger.

2018 wurde der neue Studiengang Data and Information Science eingeführt. Im Bereich Datenwissenschaft sind für den unternehmensorientierten Data Analyst und den auf die Wissenschaft ausgerichteten Data Librarian Grundlagen der Informationswissenschaft verpflichtendes gemeinsames Grundlagenmodul. Wie an der FH Graubünden steht ab dem 1. Semester Python auf dem Lehrplan. Neben dem technischen Basiswissen (Programmierung und Webtechnologie), werden die Fächer Recherchemethoden und Informationsquellen, Daten und Informationsanalyse gelehrt. Die darauf aufbauenden Praxismodule beginnen jetzt 2020.

Da bei den Drittmittelprojekten eine gemeinsame Klammer fehlte, wurde im Spätherbst 2019 der neue Forschungsschwerpunkt Knowledge Discovery eingerichtet. Gemeinsamer Ausgangspunkt sind semi- und unstrukturierte Dokumente und Texte, auf die Verfahren der natürlichsprachlichen Inhaltsanalyse angewandt werden, um den Zugang zu Informationen zu ermöglichen (information access), Informationsbestände zu verwalten (information organization) oder Wissen aufzubauen (knowledge acquisition). Im Projekt ESUPOL werden seit 2017 täglich Abfragen mit den Suchmaschinen Google, Bing und DuckDuckGo nach vielen Tausend Namen von Politikern durchgeführt, um eine große Datenbasis aufzusetzen, in der Datenanalysen durchgeführt werden können. Auf Initiative des Stifterverbands für die Wissenschaft findet ein auf zwei Jahre angelegtes Kooperationsprojekt zwischen Informationswissenschaft und Informatik zu Data Literacy statt.

Das 2019 verabschiedete neue Hochschulrahmengesetz ermöglicht es der TH Köln, künftig ein Promotionskolleg zu schaffen.

ZPID als Public-Open-Science-Institut

Veronika Kuhlberg-Lasson vom ZPID – Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation stellte am Beispiel der Psychologie dar, wie informationswissenschaftliche Forschung und der Transfer ihrer Ergebnisse in Forschungseinrichtungen anderer Disziplinen benutzernah erfolgt, indem Fachwissenschaftler und Informationsfachleute eng zusammenarbeiten. ZPID versteht sich als Public-Open-Science-Institut und will sämtliche Arbeitsprozesse unterstützen, die bei der Forschung in der Psychologie anfallen, von der Erarbeitung des Standes der Forschung über die Planung, Durchführung, Auswertung und Dokumentation eigener Untersuchungen bis hin zur Archivierung und Publikation der erhobenen Daten und Ergebnisse.

Für das Informieren und Recherchieren werden Referenzdatenbanken für Literatur sowie psychologische und pädagogische Testverfahren angeboten, bei denen intellektuelle Erschließung mit einem kontrollierten Vokabular weiterhin eine große Rolle spielt. Ein Testarchiv bietet Tests zur Nachnutzung, Psychlinker ist ein Online-Verzeichnis kuratierter Webressourcen und mit PsychAuthors lassen sich Profile von Autoren mit ihren Publikationslisten verwalten. PubPsych bietet psychologierelevante Informationen aus unterschiedlichen internationalen Datenbanken und wird über OVID und EBSCO angeboten, eine semantische Suchmaschine PsychPorta ist in Vorbereitung. Im CLUBS-Pojekt erfolgt eine empirische Untersuchung von vier verschiedenen Ansätzen im Bereich cross-lingual information retrieval. Der Dienst PsychTopics zur Exploration von Forschungsthemen aus der Fachliteratur, profitiert von der intellektuellen Verschlagwortung (http://abitter.shinyapps.io/psychotopics).

Das Planen kollaborativer Studien und die Analyse der erhobenen Daten kann mittels PsychNotebook, einem elektronischen Laborbuch erfolgen. Studien lassen sich mit RegReports präregistrieren, um im Vorfeld festzulegen, welche Hypothesen man hat, mit welcher Stichprobe man diese überprüfen will und wie die Auswertung erfolgen soll. Die Entscheidung über eine spätere Veröffentlichung fällt so vor der Auswertung, auch wenn Nullergebnisse kommen, weil das Methodendesign bereits vorab bewertet wird. Derzeit werden Formate für die Präregistrierung unterschiedlicher Studien entwickelt.

PsychLab ist eine Erhebungsinfrastruktur für psychologische Online-Tests, Online-Experimente und Online-Umfragen, die 2020 den Arbeitsbetrieb aufnehmen soll. Angeboten wird im ZPID aber auch ein OfflineLab für Eyetracking Studien und Studien zur Visualisierung. PsychArchives und das damit verbundene DataWiz, sorgt dafür, dass Daten so eingepflegt und bearbeitet werden, dass am Ende bereits alles korrekt dokumentiert ist. Zum Veröffentlichen gibt es mit PsychOpen eine eigene Plattform, um auf dem sog. goldenen Weg open access zu publizieren. Im Moment stehen dafür zehn Zeitschriften zur Verfügung, im Endausbau sollen es 20 sein. ZPID fungiert als Verlag, Herausgeber sind Wissenschaftler.

Forschungsliteralität wird in verschiedenen Projekten erforscht, u. a. werden Richtlinien erarbeitet, wie ein Abstract geschrieben werden sollte, damit es an die Öffentlichkeit kommuniziert werden kann und Grundlage für individuelle Entscheidungen sein kann. Weitere Fragestellungen sind Forschungssynthesen (Metaanalysen bei großen Datenmengen, Evidenzbasierte Datenerhebungsmethoden) und Big Data mit dem Ziel psychologische Daten mit hohem Datenvolumen, großer Produktionsgeschwindigkeit, medialer Vielfalt (Text, Bilder Video, Zahlen) und unterschiedliche Glaubwürdigkeit auszuwerten.

DIPF als nationale Forschungsinfrastruktur

Ein zweites Beispiel für den Einfluss der Informationswissenschaft im Kontext einer Forschungsinfrastruktur stellte Marc Rittberger für den Bereich Bildung vor. Das DIPF–Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation trägt bereits beide Aufgaben im Namen. Das Informationszentrum Bildung im DIPF versorgt mit seinen 90 Beschäftigten die Bildungsforschung und Bildungspraxis mit Informationen und Materialien und informiert und unterstützt die Öffentlichkeit mit einem breiten Spektrum an Diensten bis hin zum persönlichen Test. Die Informationsangebote werden und wurden in Projekten entwickelt und sind über den Deutschen Bildungsserver verfügbar.

Im Verbund Forschungsdaten Bildung fungiert das Informationszentrum als zentrale Anlaufstelle für fachliche Forschungsdatenservices. Als Literaturinformationssystem wird der Fachinformationsdienst Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung bereitgestellt. Ein aktuelles Thema sind offene Bildungsmedien (OER), die Lehrkräfte an Schulen frei, also legal und unentgeltlich, nutzen dürfen. Hierzu werden eine Machbarkeitsstudie durchgeführt und eine Informationsstelle eingerichtet (www.o-e-r.de). Die beiden großen Metadatenstandards LOM und LRMI zur Beschreibung von Bildungsmedien werden hinsichtlich der Übereinstimmung ihrer Felder untersucht.

Im Projekt EduArc werden digitale Bildungsarchitekturen zusammen mit der Universität Duisburg-Essen, der ZBW und der Universität Oldenburg entwickelt.

MySkills ist eine experimentelle Entwicklung aus dem Bereich Technology Based Assessment. Das Anwendungsprojekt entwickelt einen umfangreichen Test, um das berufliches Handlungswissen der Probanden zu erkennen. Im Unterschied zu den PISA-Tests, deren Ergebnis für die Teilnehmer ohne Konsequenz ist, kommt es bei MySkills für den Teilnehmer darauf an, welches Ergebnis erzielt wird, weil davon ggf. die weitere berufliche Förderung oder die Anerkennung einer im Ausland erworbenen Qualifikation abhängt.

Abbildung 1 Über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der informationswissenschaftlichen Forschung und Lehre diskutierten in Berlin (v.l.) Dr. Ulrich Herb, Prof. Dr. Marc Rittberger, Prof. Dr. Philipp Schaer, Prof. Dr. Udo Kroschwitz, , Prof. Dr. Christa Womser-Hacker, Veronika Kuhberg-Lasson, Prof. Dr. Ingo Barkow und Prof. Dr. Bernard Becavak. (Foto: Margarita Reibel-Felten)

Abbildung 1

Über Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der informationswissenschaftlichen Forschung und Lehre diskutierten in Berlin (v.l.) Dr. Ulrich Herb, Prof. Dr. Marc Rittberger, Prof. Dr. Philipp Schaer, Prof. Dr. Udo Kroschwitz, , Prof. Dr. Christa Womser-Hacker, Veronika Kuhberg-Lasson, Prof. Dr. Ingo Barkow und Prof. Dr. Bernard Becavak. (Foto: Margarita Reibel-Felten)

Selbstbewusstsein gefragt

In der von Ulrich Herb moderierten Abschlussdiskussion wurde deutlich, dass die Informationswissenschaft aufgrund ihrer Relevanz für alle Fachgebiete ein breites Spektrum an Forschungsfragen in interdisziplinären Projekten bearbeitet, sich auf viele verschiedene Anwendungsgebiete ausrichtet und über die Fachinformation für Wirtschaft, Wissenschaft und Politik hinaus vermehrt gesellschaftliche Fragestellungen des digitalisierten Informationsaustauschs aufgreift. Der Anteil informationstechnischer und programmiertechnischer Inhalte in den Studiengängen nimmt zu. Der Druck, Drittmittel für die Forschung oder für neue Professuren einzuwerben und eine ausreichende Anzahl an Interessierten für ein Studium zu gewinnen, zwingt den einen oder die anderen das bisherige Portfolio neu zu etikettieren und in den aktuellen Ausschreibungen verwendete oder bei Studienanfängern verfangende Bezeichnungen zu verwenden. Im Grunde ist die im Umfeld der Informationswissenschaft betriebene Datenwissenschaft ein Teil dieser Informationswissenschaft, klingt aber attraktiver als Datendokumentation und Datenanalyse. Klassische Gebiete wie Information Retrieval, Bibliometrie oder Benutzerforschung, heute User Experience, sind inzwischen auch in Studiengängen der Wirtschaftsinformatik vertreten, umgekehrt sind in der Informationswissenschaft immer mehr Informatiker als Lehrpersonal zu finden.

Nach wie vor geht es im Kern darum, mit der passenden Information zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort und in der am besten geeigneten Form einen spezifischen Bedarf zu befriedigen. Und dieses Anliegen, das Menschen bzw. den Informationsbedarf ins Zentrum stellt, ist und bleibt auch mit den neuesten informationstechnischen Möglichkeiten ein weites herausforderndes, zu beackerndes Feld. Die Erweiterung in das Gebiet der explorativen Auswertung von wenig strukturierten Massendaten mittels neuer aus der Informatik stammenden Methoden des Text- und Datamining sind auf den ersten Blick etwas ganz Anderes, sie sollten im Rahmen der Informationswissenschaft jedoch wieder in benutzerfreundliche Informationsangebote und in Informationsprozesse eingebettet werden.

Eine Profilschärfung im Sinne des body of knowledge könnte mit Hilfe des deutschen und europäischen Qualifikationsrahmens erfolgen, in dem von der Informationswissenschaft vermittelte Kern- und zusätzliche Kompetenzen definiert werden. Doch ist angesichts wachsender Interdisziplinarität in der Forschung und Modularisierung in der Lehre eine Abgrenzung vielleicht gar nicht erforderlich. Resignation war in Berlin jedenfalls nicht zu spüren, auch ein Rückbau der Informationswissenschaft ließ sich nicht ausmachen, eher Aufbruchstimmung, die nicht zuletzt von den Hochschulen für Angewandte Wissenschaft und den außeruniversitären Forschungs- und Infrastruktureinrichtungen stimuliert wird.

Inzwischen sind die Präsentationsfolien der sieben Vorträge mit vielen weiterführenden Links auf der Website des HI unter www.informationswissenschaft.org verfügbar.

Deskriptoren: Tagung, Hochschulverband Informationswissenschaft, Informationswissenschaft, Forschung und Entwicklung, Hochschulausbildung, Lehrplan, Informationsdienst, ZPID, DIPF

Online erschienen: 2020-04-07
Erschienen im Druck: 2020-04-01

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