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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter October 12, 2023

Ines Geipel: Schöner Neuer Himmel. Aus dem Militärlabor des Ostens; Stuttgart (Klett-Cotta) 2022, 288 S.

  • Maik Schmerbauch

Reviewed Publication:

Geipel Ines: Schöner Neuer Himmel. Aus dem Militärlabor des Ostens; Stuttgart (Klett-Cotta) 2022, 288 S.


„Heller war nicht nur Theoretiker, er hat auch wichtige und fortwirkende Beiträge zum positiven Recht geleistet.“

Insoweit könnte das schon differenzierte Fazit Christoph Möllers (zit. S. 98) noch etwas weiter differenziert werden. Theoretisch blieb Heller ein strikter Gegner C. Schmitts, terminologisch zeigten sich auch in der Staatslehre einzelne Annäherungen an die Integrationslehre R. Smends.

Im Jahr 1933 kehrte er von einer Vortragsreise nach England nicht zurück, sondern suchte eine neue Position außerhalb Deutschlands. Bevor ihm dies gelang, verstarb er 1934 in Spanien. Sein Tod erreichte ihn in einem Alter, in dem andere ihre großen Werke erst begannen. Heller blieb unvollendet – er konnte nicht alle Fragen, die er aufwarf, selbst beantworten. Das Schicksal seiner Angehörigen unter den Bedingungen der Verfolgung durch das NS-Regime wird knapp und empathisch nachgezeichnet. Am Schluss stehen Hinweise zur Rezeption in der frühen Bundesrepublik. Hier hätte auf die Bedeutung der Gesammelten Schriften (1971) und die Rezeption seines Werks bei E. W. Böckenförde eingegangen werden können. Der Weimarer Außenseiter blieb in der Bundesrepublik nicht nur Außenseiter, sondern wurde an das Zentrum herangerückt – mit seinen Stärken und Schwächen. Scholle beschreibt alles dies mit knappen Strichen und eindringlichen Formulierungen. Er schöpft die Literatur weitgehend aus, geht aber nicht über sie hinaus. Es ist die Synthese, die sein Buch trägt. Eine Erwartung, die er selbst mit der Platzierung in der Schriftenreihe geweckt hat, erfüllt er nicht. Gibt es Einflüsse im Werk Hellers, die aus seinem Judentum folgen? Bei Kelsen werden diese vielfach explizit, bei Heller habe ich sie nicht gefunden.

Insgesamt: Eine gut geschriebene und ebenso gut lesbare Miniatur zwischen Geschichts-, Rechts- und Politikwissenschaft.

Ines Geipel, Schriftstellerin und Professorin an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst, hat bereits mehrere literarische Werke zum Thema der Geschichte des Ostens, also v. a. der DDR und der Sowjetunion, verfasst. Ihr neues Buch nennt sie „Schöner Neuer Himmel“, und es ist im Taschenbuchformat mit 287 Seiten verlegt. Die Autorin gliedert das Buch in 12 Abschnitte bzw. Kapitel, denen dann der wissenschaftliche Apparat in den Anmerkungen folgen, zum Schluss dann noch ihr Dankeswort und das Literaturverzeichnis. Für ihr Werk hat Geipel ganz verschiedene themenbezogene Archive eingesehen, z. B. das Bundesarchiv Berlin, das Militärarchiv Freiburg, die Stasi-Unterlagenbehörde und auch das Zentrale Archiv des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt.

Geipel beginnt ohne Einleitung oder Vorwort mit dem ersten Kapitel namens ʻUnknown Soldierʼ. Dabei beschreibt sie zunächst ihren persönlichen Alltag im Jahr 2018, befindet sich im Militärarchiv Freiburg (S. 13), und sinniert auf die DDR Raumfahrtepoche unter Siegmund Jähn in den 1970ern (S. 21). Dem Leser erklärt sich in diesem Ansatz noch nicht das eigentliche Ziel der Autorin mit ihrem Werk. Der zweite Teil bildet der ʻNeue Menschʼ. Geipel ist in Gedanken weiter im Leben in den 1970ern, so zieht sie einen Rahmen über damalige Kleidungsstücke wieder zurück zu Jähn (S. 30 f.). Dann geht sie auf ihre persönliche Ausgangslage zurück, und zwar auf das Sportdoping in der DDR. Zu diesem wurden im Jahr 2018 gerichtliche Prozesse geführt, wo sie sich im Text dann als Nebenklägerin preisgibt (S. 32). Nun wird dem Leser klar, worauf die Autorin das Augenmerk in ihren nächsten Kapiteln lenken will – sie ist in dieser Sache ebenfalls betroffen. Auf dieser persönlich-privaten Grundlage betreibt sie ihre Forschungen für das Buch.

Geipel geht in ihren Ausführungen weit zurück, indem sie ein Flashback in die Sowjetunion in den 1920er und 1930er vornimmt, als nach ihr ein ʻNeuer Menschʼ im Typus des Kommunismus von Stalin und seinen Genossen geformt wurde (S. 39 f.). Im dritten Kapitel ʻKybernetik-Lampionsʼ stellt Geipel einige Wissenschaftler vor, wie z. B. Manfred von Ardenne, die in der Weimarer Zeit ihren eher zweifelhaften moralisch-politischen Karriereweg begannen, sich später dem Dritten Reich nicht entgegenstellten, und nach 1945 von den Sowjets zu deren Forschungen verschleppt wurden. In den 1950ern kehrten viele wieder in die DDR zurück, wo sie ungeachtet der Vergangenheit im Dritten Reich wichtige Positionen erhielten. Sie nennt hier als menschliche Clique das „Dreigestirn Schutzring-Ardenne-Hertz“ (S. 51). Diese drei arbeiteten auch im neuen Bereich der Kybernetik mit, der in der DDR in den 1950ern erhebliche Fortschritte machte (S. 56). Das folgende Kapitel ʻKein Zutritt für Unberechtigteʼ knüpft an das vorherige inhaltlich an. Geipel liefert hier in recht kurzen Sätzen verschiedene Beispiele, wie wichtige naturwissenschaftliche Forschungsabteilungen in der DDR zu Sicherheitszonen „umgebaut“ worden (S. 67), vor allem durch den russischen Geheimdienst und das Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Diesem Kapitel folgt das ʻFehlende Schwerelotʼ, in dem es noch einmal um die Aufrüstung zwischen Ost und West geht, v. a. in der USA, der DDR und in der Sowjetunion (S. 89).

Das Kapitel Koppelmanöver geht auf das Interkosmos-Programm der DDR ein, und die damit verbundene Militär- und Strahlungsforschung (S. 104), die letztlich auch den Flug von Siegmund Jähn ins Weltall entscheidend förderte (S. 108 f.). Im Kapitel ʻAbrek und Brionʼ stehen weiter die DDR Missionen für den Kosmos im Mittelpunkt ihrer Erklärungen. Dabei wurde ein Meilenstein die Einrichtung des Instituts für Kosmosforschung in der DDR im Jahr 1983 (S. 124). Im Kapitel ʻReliktstrahlungʼ steht das Institut im Mittelpunkt. Unter dieser Relikt-Losung stellt sie kritisch einige Forscher, nach ihr mit recht zweifelhafter biographischer Integrität vor, die sich an der Kosmosforschung im sozialistischen DDR-Staat beteiligten (z. B. Hansgeorg Hüller). Um einzelne Aspekte der Kosmosforschung, z. B. die Bedeutung der Medizin, geht es ihr bei den ʻAdäquaten Bodenmodellenʼ. Denn es wurden im Rahmen der Kosmosforschung durch beteiligte Forschungseinrichtungen auch medizinische Versuche zur Optimierung und Steigerung der Leistungsfähigkeit des Menschen durch Doping gewagt, z. B. durch Winfried Schäker (S. 155). Ebenso wurde auch an Tieren experimentiert (S. 160 f.). Das damit einhergehende Problem der experimentellen Verabreichung von Doping-Stoffen an Lebewesen führt sie unter ʻWir sind die erstenʼ sehr akribisch aus. Diese Testversuche an Menschen, v. a. an Sportlern der DDR, die man zusammen mit der Nationalen Volksarmee und Angehörigen der Kosmosforschung rücksichtslos betrieb, darunter auch die Militärmedizinische Akademie in Bad Saarow, schildert sie wie ein rotes Tuch, ist sie doch (wahrscheinlich) selbst Betroffene. Sie schildert neue Ergebnisse zu dem Thema des Missbrauchs an Sportlern und Tieren, die den Leser sehr nachdenklich machen. Im vorletzten Kapitel ʻRevolution der Affenʼ fragt sie, ob die Geschichte der Kosmosforschung, eigentlich ein ehrenwertes Forschungsgebiet des Menschen, in einem Netzwerk agierte, dass fast alle für den Menschen politischen Gefahrenzonen in der DDR umfasste, und von zweifelhaften Biographien und Ereignissen bestimmt wurde (S. 198 f.). Sie ist überrascht, wie viele Formen an historischen Quellen Auskunft über diese Epoche sie gefunden hat und welche man noch finden kann, wenn man sich weiter mit ihr beschäftigt. Das letzte Kapitel nennt sie ʻZurück in die Zukunftʼ, in der es um die Zeit nach der Wende 1989 geht. Auch in Saarow wurden Akten über diese Vorgänge wahrscheinlich zuhauf vernichtet (S. 231). Für die Autorin bedeuten ihre Erkenntnisse in diesem Werk noch eine stärkere Klimax der Erwartungen an die Integrität und Moral der Wissenschaft in der DDR, die sie im Bereich der Kosmosforschung noch vor ihrer vorliegenden Untersuchung hatte. Was sie herausgefunden hatte, war für Geipel noch „wilder und noch trostloser“, denn ein Menschenleben zählte in diesem System nichts mehr (S. 238). In Elon Mask sieht sie mit seinem Space X Programm erneut einen zweifelhaften, aber andererseits auch ambitionierten Visionär, der fortan privat die Kosmosforschung in die Hand nimmt (S. 241 f.). Ungewiss, was auf diesem Hintergrund die Zukunft passieren wird. Der Kosmos bleibt eine „machtpolitische Szene“ zwischen Mensch und Wissenschaft (S. 245 f.). Ob sich das, was war, wiederholt, wird sich zeigen. Das Werk von Geipel lässt den Leser fasziniert, aber auch recht nachdenklich zurück. Zunächst ist festzustellen, dass es aufgrund der literarischen Form, sie nutzt die „Ich“ Form, die einfach gestrickte deskriptive Sprache, und die Zentrierung auf ihre persönliche Gedankenwelt, nicht um ein originär wissenschaftliches Werk handelt. Andererseits hat sie viele wichtige Archive eingesehen, und einen ausführlichen wissenschaftlichen Apparat genutzt. Dennoch hat das Buch für beide Seiten seine Reize: sie bettet ihre persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen ein in die wissenschaftlichen Ergebnisse, die sie durch das Quellenstudium belegt und darstellt. Eine wissenschaftliche Analyse verlangt einen Forschungszusammenhang, den sie nicht bringt, und dazu – gelegentlich – auch unwissenschaftliche Phrasen (wie z. B. Pinkeln, S. 108) einbettet. Aber das ist auch nicht ihr genuines Ziel als ein literarisches Werk. So nutzt sie die Überschriften für ihre Kapitel mit literarischen Ausdrücken, die dem Leser nicht immer inhaltlich vorgreifen lassen, oft konkretisiert sich der Gedankengang in ihren folgenden Ausführungen. Die historischen Informationen sind aber für den Leser, der das erste Mal die Thematik erkundet, sehr reichhaltig. Eine wissenschaftliche Auswertung der Quellen geschieht durch sie zwar nicht expressiv verbis. Sie bringt ihre persönliche (Gedanken-) Situation als Doping-Betroffene ein, schweift vom Thema in ihre persönliche Vergangenheit, aber kontextbezogen, ab. Aus ihrem Werk hätte man – oder kann zukünftig – noch eine gute wissenschaftliche Forschung machen. Das war nicht Geipels Ziel, könnte aber einen Erkenntnisfortschritt auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte der DDR bringen. Ist man in den ersten Kapiteln noch skeptisch, auf was die Autorin hinauswill, bekommt man in den letzten Kapiteln noch klarere Informationen und Gedankengänge von ihr, die das Interesse am Thema beleben. Das Buch macht nachdenklich, wie sich Wissenschaft mit Politik in der DDR verhielt, oft ohne Respekt und Achtung vor den Menschen. Und auch über die Luft- und Raumfahrtgeschichte der DDR erfährt man viele neue Informationen. Das Buch ist literarisch gut gelungen, und es ist auch nicht unwissenschaftlich.

Published Online: 2023-10-12
Published in Print: 2023-09-26

© 2023 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

This work is licensed under the Creative Commons Attribution 4.0 International License.

Downloaded on 4.3.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/jjzg-2023-0047/html
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