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Publicly Available Published by Oldenbourg Wissenschaftsverlag May 20, 2016

Militär und Mehrsprachigkeit im neuzeitlichen Europa. Hrsg. von Helmut Glück und Mark Häberlein, Wiesbaden: Harrassowitz 2014, 256 S. (= Fremdsprachen in Geschichte und Gegenwart, 14), EUR 58,00 [ISBN 978-3-447-10299-5]

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Militär und Mehrsprachigkeit im neuzeitlichen Europa. Hrsg. von Helmut Glück und Mark Häberlein, Wiesbaden: Harrassowitz 2014, 256 S. (= Fremdsprachen in Geschichte und Gegenwart, 14), EUR 58,00 [ISBN 978-3-447-10299-5]


Als nach der vergeblichen Berennung des Lagers von Chotyn am Dnestr durch das Heer Osmans II. Anfang Oktober 1621 eine polnische Delegation das gegnerische Feldlager aufsuchte, um den Waffenstillstand auszuhandeln, gestalteten sich die Gespräche unerwartet schwierig. Denn da, wie Unterhandlungsführer Jakub Sobieski festhielt, die Polen nicht ihren »eigenen guten Dolmetsch« dabeihatten, mussten die Entwürfe für den Vorfrieden aus dem Polnischen zunächst ins Wallachische (d. h. Rumänische) und von diesem ins Griechische übertragen werden, um sie endlich in osmanisches Türkisch zu übersetzen (Leszek Podhorodecki, Chocim 1621, Warszawa 1988, S. 143). Ein solcher Umweg über zwei oder mehr Mittlersprachen stellte für militärische wie zivile Sprachkontaktsituationen des frühneuzeitlichen Ostmittel- und Südosteuropa keine Seltenheit dar.

Auch in Mittel- und Westeuropa war in den multinationalen Söldnerheeren zwangsläufig der Umgang mit mehreren Sprachen alltäglich. Dennoch sind die Vielsprachigkeit damaliger Armeen und ihre Sprachkontakte mit Gegnern und Zivilbevölkerungen ein bislang noch kaum vermessenes »interdisziplinäres Forschungsfeld«, wie die Herausgeber des anzuzeigenden Bandes feststellen (S. 9). Die darin enthaltenen dreizehn Beiträge einer Bamberger Tagung vom Juni 2013 fallen in drei Kategorien: Texte zu Selbstzeugnissen; institutionengeschichtliche Beiträge, die den Fremdsprachenunterricht für den Offiziernachwuchs an Ritterakademien und Kadettenschulen nachzeichnen; schließlich Untersuchungen, die sich anhand von historischen Sprachführern, Glossaren u.ä. einzelnen Problemen der zwischensprachlichen Verständigung unter linguistischen Gesichtspunkten nähern. Zu dieser Gruppe ist ein Beitrag von Matthias Schulz über den Wortgebrauch des Ulmer Militärschriftstellers Leonhardt Fronsberger (ca. 1520–1575) zu rechnen; darin geht es zwar nicht um Mehrsprachigkeit, doch ist Schulz’ Plädoyer für eine textlinguistische Methode zur Berücksichtigung semantischer Kontexte anstelle von Einzelwortlexikografie gewiss auf multilinguale Sprachkontakte zu übertragen.

Ist von »Militärsprache« die Rede, wird darunter zum einen die militärische Fachsprache verstanden. Bereits in der Frühen Neuzeit kam es durch die Verbreitung und Übersetzung von militärischen Traktaten zu zahlreichen Entlehnungen von Fachtermini aus den jeweils dominierenden Sprachen, zunächst also vor allem aus dem Italienischen und Spanischen, seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert zunehmend aus dem Französischen. Zum anderen ist »Militärsprache« aber auch die von Soldaten untereinander gebrauchte, gruppenspezifische Sondersprache (Jargon). Ebenso wie in der Fachsprache kann es bei mehrsprachigen Kontakten zu Entlehnungen und Interferenzen kommen. In jedem Fall war Militärsprache ein Bereich sehr produktiven Kulturtransfers. Diese Tatsache wird dadurch unterstrichen, dass unter den Sprachmeistern des 18. Jahrhunderts, die ihre Dienste zur Vermittlung von Fremdsprachen annoncierten, ehemalige Soldaten besonders zahlreich waren, die ihre Fertigkeiten in ihrer Dienstzeit erworben hatten (Mark Häberlein, Einführung).

Fremdsprachenkenntnisse des frühneuzeitlichen Offizierkorps rührten primär entweder aus der Herkunft aus mehrsprachigen Grenz- und Übergangsgebieten, wie am Beispiel der Schweizer Offiziere gezeigt werden kann, während bei den schweizerischen Söldnern in französischen Diensten generell Deutsch die Kommandosprache blieb (Marc Höchner). Daneben konnten Fremdsprachenkenntnisse privat über Haushof- oder Sprachmeister erworben werden. Oft geschah dies zur Vorbereitung auf die Kavalierstour, zudem gehörten Fremdsprachen zum Adelshabitus, ebenso wie die übrigen »arts d’agrément« (Tanzen, Reiten, Fechten). Doch schon gegen 1700 empfahlen die militärischen Lehrschriften Sprachkenntnisse als dem Offizier nützlich, wenn nicht unentbehrlich. Dennoch wurde Fremdsprachenunterricht für den Offiziernachwuchs erst im weiteren Verlauf des Jahrhunderts institutionalisiert, wobei allerdings Aussagen über die pädagogischen Resultate kaum möglich sind (Josef Ernst über die Sprachausbildung im österreichischen Militär von Maria Theresia bis Anfang des 19. Jahrhunderts; Frederic Groß über die Karlsruher Hohe Karlsschule 1770–1794).

Der konkrete Sprachgebrauch wechselte selbstverständlich je nach Region und Zeit. Noch während des Dreißigjährigen Krieges fungierte das Lateinische gelegentlich als lingua franca. Hinweise auf Sprachkontakte und Verständigungsprobleme sind in den Egodokumenten der Zeit nur sporadisch anzutreffen. Wie in den Landsknechtheeren zuvor, scheinen oft Feldprediger die Funktion von Sprachmittlern übernommen zu haben, daneben eigens angestellte Dolmetscher (Andreas Flurschütz da Cruz). In Dänemark blieb durch den Einfluss des schleswig-holsteinischen Adels, des deutschen Bürgertums in den größten Städten des Landes sowie die Rekrutierung ganzer Regimenter im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bis weit in das 18. Jahrhundert hinein Deutsch die Kommandosprache (Martin Meier). Interessanterweise hatte das Deutsche auch im Frankreich des ausgehenden Ancien Régime einen Ruf als »Militärsprache« und konnte sich deshalb im Unterricht der écoles militaires etablieren. Liest man im Anschluss an Barbara Kaltz’ und Ulrike Krampls Beiträge zu diesem Thema jedoch den Aufsatz von Ludolf Pelizaeus über das Verhältnis von Deutsch und Französisch in den von Frankreich annektierten linksrheinischen Departements sowie in Hessen-Darmstadt im Zeitraum 1797–1814, scheint das Deutsche dieses Prestige nach der Französischen Revolution eingebüßt zu haben; denn während für die hessischen und westfälischen Offiziere der Rheinbundzeit Französischkenntnisse selbstverständlich blieben, förderten Deutschkenntnisse die Laufbahn linksrheinischer Offiziere in der französischen Armee nicht nachweislich. Für die hessischen Offiziere, die während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges in britischen Diensten nach Nordamerika gelangten, war bezeichnenderweise gleichfalls Französisch obligatorisch, und viele konnten sich in der englischsprachigen Umgebung nicht eingewöhnen, obwohl das Englische damals gerade als Militärsprache und lingua franca allmählich an Bedeutung gewann (Holger Th. Gräf). Helmut Glück formuliert in seinem Beitrag die These, dass die während der Befreiungskriege im deutschen Sprachgebiet in erheblicher Zahl verbreiteten russischen Sprachführer und Glossare nicht wirklich die Verständigung mit den durchziehenden Soldaten ermöglichten, sondern eher die Funktion hatten, sich mit ihrem Erwerb demonstrativ gegen die französische Herrschaft zu stellen.

In ihrem abschließenden, aus eigenen Erfahrungen gespeisten Aufsatz gibt Ariane Slater einen sehr instruktiven Einblick in den Gebrauch des Englischen zur Verständigung der ISAF-Kontingente in Afghanistan untereinander und mit den einheimischen Soldaten; sie schließt mit dem Appell, die stark gefährdeten afghanischen Sprachmittler der Bundeswehr und ihre Familien durch Asyl in Deutschland zu schützen.

Die empirisch durchweg fundierten Beiträge liefern gute Ansatzpunkte für die zukünftige Forschung. Als eine dankbare Weiterung wäre zu untersuchen, inwiefern das Militär tatsächlich als »Schule der Nation« fungierte, indem es nämlich insbesondere nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht zur Durchsetzung der nationalen Hochsprachen beitrug; das Verhältnis zwischen diesen und den von den Rekruten gesprochenen Dialekten und Vernakularsprachen wird verschiedentlich angesprochen, müsste aber noch genauer analysiert werden. Über die Habsburgermonarchie hinaus sollten auch die übrigen multinationalen Großreiche des östlichen Europa in derartige Untersuchungen einbezogen werden, um weitere interessante Erkenntnisse zu dieser Thematik zu gewinnen.

Online erschienen: 2016-5-20
Erschienen im Druck: 2016-5-1

© 2016 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 24.2.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/mgzs-2016-0026/html
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