Accessible Published by Oldenbourg Wissenschaftsverlag November 17, 2016

»Zeit und Militär in der Frühen Neuzeit«

11. Tagung des Arbeitskreises Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit, Düsseldorf, 10. bis 11. September 2015

Anja Kircher-Kannemann

Alle zwei Jahre veranstaltet der »Arbeitskreis Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit« eine Tagung, die sich mit militärhistorischen und gesellschaftlichen Fragestellungen beschäftigt. Die zentrale Frage in diesem Jahr lautete: Wie nutzt das Militär die Zeit als Ressource?

In seinem einleitenden Vortrag stellte Achim Landwehr (Düsseldorf) die wichtigsten Themenfelder vor. Dabei wies er zunächst auf die Synchronizität hin und erläuterte die Anforderungen des Militärs an synchronisierte Handlungen, die letztlich zur Schaffung eines neuen Soldatenideals führten: dem des Soldaten als eines Rädchens in der Kriegsmaschine. Einen weiteren Zeitfaktor stellte die Schnelligkeit bzw. Langsamkeit des Militärs dar. So könne etwa der Tross zur »Zeitvernichtungsmaschine« werden und das Marschtempo einer Armee über Sieg und Niederlage entscheiden. In diesen Kontext fallen auch die Tempuswechsel der Kriegführung zwischen zähen Zeiten der Belagerung und schnellen Handlungen wie einer Plünderung. Ebenso zu beachten ist, wie Landwehr herausstellte, der Zusammenhang zwischen Militär und zivilem Leben, denn die im Land umherziehenden Truppen brachten oftmals einen Zusammenbruch der agrarischen Zeit mit sich, indem sie binnen Kurzem die Vorräte vernichteten, die für ein ganzes Jahr vorgesehen waren. Für den Staat hingegen bedeutete das Militär eher einen Beschleunigungsfaktor, denn erst das große stehende Heer etwa führte zu einer ausgefeilten Finanz- und Steuerpolitik. Als weiteren Punkt gab Landwehr die Kategorie des Ereignisses zu bedenken, da gerade die Schlacht ein exzeptionelles Ereignis darstellt. Als letzten Ansatz für die Betrachtung von Militär und Zeit ging Landwehr auf das Historia-magistra-vitae-Prinzip ein, das im Militär bis heute eine wichtige Rolle spielt. Als Beispiel nannte er hier vor allem die Oranische Heeresreform, die auf antiken Vorbildern basierte.

Jan Marco Sawilla (Konstanz) widmete sich dem Thema »Das Ende der Souveränität oder: Schlachten ohne Sinn. Überlegungen zur ephemeren Dimension des Massakers«. Im Fokus der Darstellung stand der Begriff des »Ereignisses«, dargestellt anhand des Blutbades von Wassy am 1. März 1562 und der Plünderung Antwerpens im November 1576. Beide Begebenheiten wurden zeitgenössisch als »Massaker« bezeichnet. Den Ausgangspunkt bildete ein Zitat von Justus Lipsius, der bereits 1595 auf Maßnahmen drang, Gewaltexzesse zu verhindern. Bezüglich der ausgewählten Ereignisse erhob Sawilla zunächst die Frage, ob man diese überhaupt miteinander vergleichen könne. Um sich einer Antwort zu nähern, wurden zeitgenössische Einblattdrucke und Flugschriften miteinander verglichen, wobei deutlich wurde, dass das »Massaker« zunächst eine Fremdbezeichnung darstellte und der Begriff, abgeleitet vom französischen »massacré«, eine Diffamierung der Verantwortlichen bedeutete, die insbesondere im Fall von Wassy den Herrscher zur Bestie werden ließ. Zudem war das Massaker eine Quasi-Entsetzung der Zeitordnung. Im Falle einer Plünderung jedoch, wie in Antwerpen, war eine militärische Rechtmäßigkeit gegeben, die im frühneuzeitlichen Sinn keine Disziplinlosigkeit darstellte. Die Serialität solcher Ausschreitungen führte dazu, dass Organisationen und Disziplinformen entstanden, die sie verhindern sollten.

Über den Zusammenhang von »Zeit und Kriegsberichterstattung in der Frühen Neuzeit« referierte Kai Lohsträter (Hamburg). Im Zentrum seines Vortrages stand der »hinkende Bote«, jenes Relikt der Vergangenheit, das dem mit Flügeln versehenen Merkur entgegen stand, der die sich rasant verändernden Medien- und Nachrichtenpraktiken seit der Zeit um 1500 versinnbildlichte. Dabei stellte Lohsträter insbesondere den kritischen und pädagogischen Charakter des hinkenden Boten heraus, der den Wert der Geduld lehrte. Anhand der Geschichte der Feldpost, die entgegen landläufiger Meinung bereits im 16. Jahrhundert begann, bearbeitete er die Frage, wann und wie sich der Modernisierungsprozess der Kommunikationsinfrastruktur auf das Militär niederschlug. Er wies nach, dass die für die Feldposten erlassenen Befehle deutlich aufzeigten, dass der Geschwindigkeit, verglichen mit der Zuverlässigkeit, eine untergeordnete Rolle zukam.

Stefan Hanß' (Berlin/Oxford) Vortrag »Eine Zeit-Geschichte der Seeschlacht von Lepanto« befasste sich mit der Problematik des »Zeitens« einer Schlacht. Speziell die Seeschlacht von Lepanto stellt hier ein Paradoxon dar, denn obwohl sehr viel über diese Schlacht geschrieben wurde, sind selbst in der heutigen Forschungsliteratur die Zeitangaben oftmals falsch. Schon die zeitgenössischen Angaben variierten, aber sie variierten nicht aufgrund von falschen Messungen, sondern aufgrund verschiedener Zeitmodelle, die die handelnden Personen bzw. Gruppen anwandten. So ließ sich gerade am Beispiel dieser Schlacht aufzeigen, wie unterschiedliche Zeitmodelle zu einer einzigen Zeit synchronisiert werden können.

»›Zeit-Not‹: Zeit als Problem und Instrument im Belagerungskrieg des 17. Jahrhunderts« überschrieb Anke Fischer-Kattner (München) ihren Beitrag. Die Planbarkeit und auch die Verwissenschaftlichung der Belagerungspraxis seit dem 16. Jahrhundert standen im Fokus ihrer Betrachtung. Anhand zeitgenössischer Drucke erörterte sie die Frage, wie eben diese Quellen zeitliche Praktiken des Belagerungskrieges aufgreifen. Speziell die Polyvalenz der Belagerungszeit wurde dabei als wichtiger Faktor herausgehoben.

Die Nacht als negativ belegte Zeit, aber auch die Nacht als Chance thematisierte Sven Petersen (Göttingen) in seinem Vortrag »Im ›Schleier der Nacht‹. Militärisches Handeln im Kontext von Nacht und Dunkelheit im 18. Jahrhundert«. Er konzentrierte sich auf die Bewertung der Nacht in der Publizistik, auf die in der Nacht vorkommenden militärischen Praktiken und auf die Wahrnehmung der Nacht. Dabei wurde deutlich, dass die Nacht nicht nur eine Zeit der Ruhe war, sondern auch eine Zeit der Kriegslist sowie der Spionage, und dass die Störung der Nachtruhe ein wesentliches Element der Zermürbung darstellte, welche die Möglichkeit zur Überwindung des Gegners bot.

Die Nacht war ebenfalls der Ausgangspunkt des Vortrags von Anja Schumann (Dresden), betitelt mit: »Zeit zum Schlafen? Nacht und Ruhe im frühneuzeitlichen Militär – eine Spurensuche«. Dass ein Soldat, um wehrfähig zu bleiben, regelmäßig schlafen muss, wurde bereits in der Frühen Neuzeit in einzelnen Publikationen, die sich mit Militär und Kriegführung auseinandersetzten, angesprochen. Auch in Selbstzeugnissen der Soldaten wurde der »Schlaf« erwähnt, insbesondere immer dann, wenn es um den Mangel an Schlaf ging. Dabei wurde Schlafmangel nicht nur negativ bewertet, sondern auch als heroisierendes Moment gebraucht; der stets wachsame und leidensfähige Soldat war das Idealbild. Die Organisation des Schlafes stellte einen wichtigen Faktor dar, denn zum einen bedeutete Schlaf den Verlust der Wachsamkeit, aber zum anderen konnte der Schlaf des Gegners auch für die eigenen Zwecke genutzt werden, sodass ein Durchbrechen des tradierten Schlaf-Wach-Rhythmus ein wesentliches strategisches Mittel im militärischen Handeln darstellte.

Die Tagung machte deutlich, wie eng Zeit und Militär, sowohl auf organisatorischer wie auch auf ereignisgeschichtlicher Seite, miteinander verknüpft sind. Die Erforschung dieser Verbindung steht erst am Anfang und bietet noch Stoff für mannigfaltige Einzeluntersuchungen.

Online erschienen: 2016-11-17
Erschienen im Druck: 2016-11-1

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