Andreas Hofmann

Ulrich Raulff, Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung, 4. Aufl., München: Beck 2016, 461 S., EUR 29,95 [ISBN 978-3-406-68244-5]

De Gruyter Oldenbourg | Published online: May 30, 2017

Die human-animal-studies gehören zu denjenigen großen geschichts‑ und kulturwissenschaftlichen Neuentdeckungen der letzten Jahre, denen man im Gegensatz zu manchem kurzlebigen Modethema eine lange und fruchtbare Entwicklung wünschen möchte. Insoweit liegt Ulrich Raulffs Buch im Trend. Darüber hinaus ist es anscheinend gegen das Narrativ der Modernisierungstheorie geschrieben, indem es nicht einmal mehr von der Etablierung einer neuen Technologie erzählt, sondern umgekehrt das Verschwinden einer alten Kulturtechnik auch unter dem Gesichtspunkt einer Verlusterfahrung in den Blick nimmt. Denn es geht um die »Entpferdung« (Isaak Babel') als »Folge von Ablösungs‑ und Transformationsprozessen, die sich über mehr als ein Jahrhundert hinzogen und in gewisser Hinsicht bis heute nicht abgeschlossen sind« (S. 14). Eine solche Perspektivumkehr anhand der Beziehung zwischen Mensch und Pferd zu vollziehen, ist ein so naheliegender Gedanke, dass sich die Frage aufdrängt, wieso nicht viel früher jemand darauf verfallen ist.

Um es vorwegzunehmen: Raulffs Buch wird denjenigen enttäuschen, der es in der Erwartung zur Hand nimmt, dass es sein angekündigtes Programm auch einlöst; andererseits geht es weit über seinen vermeintlichen Gegenstand hinaus. Denn weder beschränkt es sich chronologisch auf das »letzte Jahrhundert der Pferde« (das neunzehnte, möchte man meinen, doch das bleibt eher offen), noch ist die »Trennung« des Menschen vom Pferd als wichtigstem Lieferanten kinetischer Energie im vormotorisierten Zeitalter das einzige oder auch nur zentrale Thema. Was tatsächlich geboten wird, ist eine tour de force durch die Mensch-Pferd-Beziehung unter so heterogenen Gesichtspunkten wie der sozioökonomischen Bedeutung des Pferdes in der Menschheitsgeschichte, der Verwissenschaftlichung des hippologischen Wissens in Zucht, Veterinärmedizin, Abrichtung und Sport, der Anfänge des Tierschutzes oder auch der Chronofotografie zur erstmaligen genauen Dokumentation der Gangarten, um nur einige Themen zu nennen. Besonders breiten Raum nimmt das Pferd als Träger kultureller Zeichen (»Semiophor«) in Literatur, bildender Kunst, Philosophie und Geschichtsschreibung ein.

Das Buch ist in fünf größere Kapitel gegliedert, die zunehmend zum literarischen Essayismus neigen. Deshalb sollen hier nicht der Gesamtaufbau nachgezeichnet, sondern nur einige zentrale Ideen aufgegriffen werden. Der aus einem Vortrag von Reinhart Koselleck entlehnte Begriff des »Pferdezeitalters« bietet eine die Epochengliederung der politischen Geschichte überwölbende Großperiodisierung in ein Vor, Während und Danach. Seine Anfänge liegen im Zeitraum zwischen 4200 und 3700 v.u.Z., für den erstmals die Herdenhaltung des domestizierten Pferdes sowie sein Einsatz als Last‑ und Zugtier archäologisch nachzuweisen sind (S. 354). Seine Nutzung als Reittier, so schließt Raulff, kann nicht viel später eingesetzt haben, da der Pferdehirt beritten sein muss.

Mit diesen Ursprüngen in vorhistorischer Zeit wurde das geschlossen, was Raulff den »kentaurischen Pakt« nennt, eine anscheinend unauflösbare Bindung zwischen Mensch und Pferd. Dieser Pakt unterwarf zwar einseitig das Pferd dem Willen des Menschen, andererseits blieb dieser über Jahrtausende auf das Pferd angewiesen, ohne das er weder seine raumgreifende Expansion als Siedler und Eroberer noch viele auf Muskelkraft und Geschwindigkeit aufbauende technisch-kulturelle Leistungen hätte vollbringen können. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Abhängigkeit des Menschen vom Pferd just in der Zeit ihren Höhepunkt erreichte, als sich immer deutlicher abzeichnete, dass es künftig eine Alternative zur Bereitstellung kinetischer Energie geben könnte. Die ersten Anzeichen dafür machten sich an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert bemerkbar.

Doch vorerst ritt noch die »Weltseele zu Pferde« (Hegel über Napoleon, S. 14), und etwa in derselben Zeit wurde zumindest in der europäischen Landwirtschaft der Ochse als Zugtier endgültig durch das schnellere und beweglichere Pferd ersetzt. Die Erfordernisse der ersten Industriellen Revolution sorgten im Laufe des 19. Jahrhunderts dafür, dass der Bedarf an Arbeitspferden nicht nachließ, sondern umgekehrt stark anstieg. Da für die wachsende Zahl von Pferden, die u. a. im Bergbau oder im Nahverkehr der expandierenden Städte im Einsatz waren, immer mehr Futtermittel benötigt wurden, brauchte auch die Landwirtschaft eine immer größere Zahl an Pferden – eine sich selbst verstärkende Entwicklungsspirale. Raulff belegt an Beispielzahlen aus Metropolen wie Paris, London oder New York, wie viele Pferde gegen Ende des 19. Jahrhunderts nötig waren, um Personentransport und Versorgung der Großstädte sicherzustellen. Zugleich stellten diese Pferdepopulationen eine ökonomische und ökologische Belastung dar, die ihre Ersetzung durch elektrische Bahnen und Kraftfahrzeuge mit Verbrennungsmotoren motivierte. Ein nostalgisches Geschichtsbild lässt leicht vergessen, dass darüber hinaus scheuende Pferde zahlreiche schwere Verkehrsunfälle verursachten. Dennoch blieben Pferde in verschiedenen Einsatzbereichen, nicht zuletzt beim Militär, noch etwa zwei weitere Generationen lang unverzichtbar, bis nach dem Zweiten Weltkrieg ein rapider und anscheinend endgültiger Rückgang der Pferdepopulationen einsetzte. In Westdeutschland waren Pferde bereits um 1960 so gut wie vollständig aus der Landwirtschaft verschwunden, und zu Anfang der 1970er Jahre erreichte dort ihre Anzahl mit etwa 250 000 den historischen Tiefpunkt. Doch hat sich seither diese Entwicklung wieder umgekehrt; heute hat das Pferd in der Wohlstandsgesellschaft seinen festen Platz als Sport‑ und Freizeitkamerad sowie als »Pubertätshelfer der jungen Mädchen«. Sein Stellenwert im kulturellen Gedächtnis und in der kulturellen Praxis war, folgt man Raulffs Exkursen in Literatur, bildende Kunst und Philosophie, nie wirklich gefährdet.

Die essayistische Anlage und der umfassende Ansatz des Buches machen es unvermeidlich, dass manches im Vagen und Unausgeführten bleibt und sich auch die eine oder andere Ungenauigkeit einschleicht. Das lässt sich gerade am Beispiel des an dieser Stelle naturgemäß besonders interessierenden Militärpferdes zeigen. Entgegen Raulff ist festzuhalten, dass die taktische Bedeutung der Kavalleriewaffe nicht erst mit der Einführung schneller und weiter schießender Infanteriewaffen zurückging, sondern eine im Karree formierte, disziplinierte Infanterie auch mit glattläufigen Steinschlossmusketen die Reiterei wirkungsvoll in die Schranken weisen konnte. Daher war die Kavallerie bereits in napoleonischer Zeit nicht mehr unbedingt die schlachtentscheidende Waffengattung, sondern ihr Einsatz auf bestimmte taktische Spezialaufgaben beschränkt. Darüber hinaus reagierten die Militärtheoretiker und ‑führungen im Laufe des 19. Jahrhunderts vielleicht nicht ganz so träge auf die waffentechnischen Neuerungen, wie Raulff suggeriert. Denn die Erhöhung der Feuerkraft von Infanterie und Artillerie machte nach der Jahrhundertmitte schnell deutlich, dass die traditionelle Schlachtenkavallerie ihre Rolle überlebt hatte. Die simple Gegenüberstellung – in Europa dogmatisches Festhalten an der Attacke mit Säbel und Lanze, in Nordamerika ein an den »Indianerkriegen« geschulter flexiblerer Einsatz – entspricht so nicht den Tatsachen. In Wahrheit entwickelte sich hier wie dort die Kavallerietaktik zunehmend auf die ursprüngliche Dragonerrolle als berittene Infanterie zurück.

Gegen die verbreiteten Klischees des industrialisierten Krieges ruft Raulff dagegen zurecht in Erinnerung, wie massiv noch in den beiden Weltkriegen Pferde eingesetzt wurden, weil der Motorisierungsgrad der Armeen mit dem Transportbedarf nicht Schritt hielt. Die überproportionalen Pferdeverluste waren wohl nicht vorwiegend auf taktisch verfehlten Einsatz in Attacken gegen Maschinenwaffen oder Panzerfahrzeuge zurückzuführen, sondern auf den Massenverschleiß von Zugtieren und deren Verwundbarkeit auf dem modernen Schlachtfeld.

Eine vielleicht besonders zum Nachdenken anregende These des Buches sei an den Schluss gestellt. Als Ernst Jünger 1930 seinen Fotoband »Das Antlitz des Weltkrieges« veröffentlichte, zeigte er darin auch Aufnahmen getöteter Pferde; in seinen Bildkommentaren schien der sonst Tod und Verderben auf dem Schlachtfeld mit demonstrativer Gefühllosigkeit begegnende Autor ausnahmsweise seine emotionale Unnahbarkeit zu durchbrechen – eine Reaktion, die er mit vielen Überlebenden der Fronten beider Weltkriege teilte. Oder wie Raulff festhält: »Die Bilder toter Soldaten mögen Grauen erregen, die Bilder toter Pferde erwecken Mitleid« (S. 320).

Online erschienen: 2017-5-30
Erschienen im Druck: 2017-5-4

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