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Publicly Available Published by Oldenbourg Wissenschaftsverlag October 24, 2017

Mittler der Militärgeschichte: »Militärgeschichtliche Mitteilungen«

Wissenschafts- und mediengeschichtliche Anmerkungen zur Entstehung und Entwicklung einer »amtlichen« Fachzeitschrift

Jörg Echternkamp EMAIL logo

Vor 60 Jahren wurden die Weichen für die Institutionalisierung der westdeutschen Militärgeschichtsschreibung gestellt: mit der Gründung einer Militärgeschichtlichen Forschungsstelle durch das Bundesministerium für Verteidigung (BMVg) im baden-württembergischen Langenau bei Ulm 1957. Zehn Jahre später, 1967, erschien die erste westdeutsche Fachzeitschrift für Militärgeschichte, die einen wissenschaftlichen Anspruch erhob: die »Militärgeschichtlichen Mitteilungen« (MGM), die 2000 in »Militärgeschichtliche Zeitschrift« (MGZ) umbenannt wurden. Herausgeber war das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA), wie die Forschungsstelle seit dem Umzug nach Freiburg im Breisgau 1958 hieß. Hier sollten sich zivile und militärische Historiker und eine Historikerin insbesondere an eine Geschichte des Zweiten Weltkrieges machen, schließlich wollte man die Deutungshoheit nicht den Militärhistorikern der DDR überlassen, wo am 15. März 1958 in Potsdam das Institut für Deutsche Militärgeschichte gegründet worden war.[1]

Für den weitgehend internen Informationsaustausch sorgten von 1959 an sporadisch die »Mitteilungen« des MGFA: hektografierte Blätter im Format DIN A4 »nur zur persönlichen Unterrichtung«.[2] Auf 10 bis 20 Seiten trugen Mitarbeiter und die für Veröffentlichungen zuständige Schriftleiterin Ursula von Gersdorff – die auf Jahrzehnte einzige Historikerin im Haus hatte bei dem Militärhistoriker Walter Elze in Berlin studiert, war 1937 in Göttingen promoviert worden und am MGFA auch als Autorin und Herausgeberin aktiv[3] – allerlei Informationen und Dokumente zusammen. Die Blätter dienten nicht zuletzt der hausinternen Verständigung, zum Beispiel über das Rollenverständnis vom ersten Amtschef Hans Meier-Welcker,[4] über Aufgaben der Abteilungen und Dezernate,[5] Personalveränderungen, die Ausstattung der Bibliothek. Es ging aber auch um die wissenschaftliche Konzeption der Fachdisziplin. Bereits 1959 setzte hier der Prozess der Ablösung von der wehrwissenschaftlichen Begrifflichkeit ein.[6] Die Mitteilungen geben den Blick frei auf die Aktivitäten der Militärhistoriker, ihre Vorträge intra und extra muros,[7] ihre Verbindung zur Universität, ihre Teilnahme an wissenschaftlichen Veranstaltungen oder auch den Besuch externer Referenten und Gäste. Über eigene Veranstaltungen wie die »Historische Informationstagung« für die Lehrer für Militär- und Kriegsgeschichte an der Führungsakademie und an den Offizierschulen wurde ausführlich berichtet.[8] Von Anfang an gehörte die Auswertung militärgeschichtlich relevanter Literatur dazu. Der Bogen reichte von der literarischen Verarbeitung des Weltkriegserlebnisses über Fachliteratur zu Operationen des Zweiten Weltkrieges bis zur regelmäßigen Zeitschriften-Rundschau, die sich vor allem auf die »Historische Zeitschrift« (HZ) oder die 1952 am Münchener Institut für Zeitgeschichte (IfZ) ins Leben gerufenen »Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte« (VfZ),[9] aber auch auf ausländische Militärzeitschriften bezog. Ebenso wurden die ersten eigenen Publikationen verzeichnet: einerseits namentlich die Bände der MGFA-Schriftenreihe »Beiträge zur Kriegs- und Militärgeschichte« ab 1961, andererseits aber auch Artikel und Aufsätze, die MGFA-Mitarbeiter in anderen Zeitschriften veröffentlicht hatten. In unregelmäßigen Abständen gab es Anlagen zur vertieften Darstellung eines Themas oder zur Wiedergabe unveröffentlichter Dokumente. Essayistische Texte behandelten so unterschiedliche Themen wie das Kriegsbild bei Goethe und Ernst Jünger.[10] Den Anspruch der mit einfachsten Mitteln hergestellten Haus-»Mitteilungen« bezeugt ein Heft, in dem für die »Lehrer für Militär- und Kriegsgeschichte« die 20-seitige Studie eines französischen Offiziers zur preußischen Armee von 1806 bis 1871 abgedruckt wurde – auf Französisch.[11]

Indes, die Mitteilungsblättchen mochten eine gehaltvolle Hauszeitschrift sein – ein Ort für die Publikation wissenschaftlicher Aufsätze waren sie nicht.[12] Zudem fiel die Bilanz dieser Hefte nach sieben Jahren ernüchternd aus, stießen sie doch, wie die Schriftleiterin monierte, nicht einmal im eigenen Haus auf großes Interesse. Jedenfalls fanden sich für diese Art der Veröffentlichung »so gut wie keine Bearbeiter«, wie Gersdorff 1965 gegenüber dem Amtschef feststellte, wohl mit einem Seitenblick auf die bei einer Besprechung anwesenden Historiker-kollegen Werner Papke, Klaus-Jürgen Müller, Wilhelm Deist, Manfred Messerschmidt, Ernst Klink, Karl Köhler und Paul Heinsius.[13] Kleinbeiträge für den Hausgebrauch und einen engen Interessentenkreis zu schreiben, noch dazu ohne Angabe des Verfassers, schien wenig attraktiv. Um ein größeres Publikum zu erreichen, blieben die MGFA-Angehörigen auf die bunte Palette der Militärzeitschriften angewiesen, die seit den 1950er Jahren in der Bundesrepublik (wieder) erschienen. Die Freiburger Historiker, darunter der erste Amtschef des MGFA, Hans Meier-Welcker, publizierten hauptsächlich in der »Wehrwissenschaftlichen Rundschau« (WWR), daneben in der »Wehrkunde« und der »Marine-Rundschau«, gelegentlich in allgemein- oder regionalhistorischen Periodika wie den »Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte«[14] oder in der Zeitschrift für die »Geschichte des Oberrheins«. Die vom Arbeitskreis für Wehrforschung herausgegebene WWR schrieb die Konzeption der 1944 eingestellten Zeitschrift »Wissen und Wehr« fort und gilt als mediengeschichtliches Beispiel dafür, wie die vor 1945 aufgeweichten Grenzen zwischen Militärischem und Zivilem unter den Bedingungen des Kalten Krieges auf publizistischer Ebene weiter verschwammen. Als Forum des wissenschaftlichen Diskurses jenseits dieser zivil-militärischen Schnittmenge war die WWR kaum geeignet.

Vor diesem Hintergrund wuchs mit dem Ausbau des MGFA der Bedarf für ein aktuelles, eigenes Publikationsorgan. Die Herausgabe einer Zeitschrift gehörte laut der vorläufigen Stärke- und Ausrüstungsnachweisung (StAN), die Umfang und Zusammensetzung von Personal und Material einer Bundeswehr-Dienststelle regelte, zu den Aufgaben des Hauses. Doch der Pfad vom Blatt »für die persönliche Unterrichtung« hin zu einer professionell konzipierten, gestalteten und vertriebenen Fachzeitschrift, die sich weitgehend außerhalb des wehrwissenschaftlichen Kontextes etablieren sollte, war verschlungen und gestaltete sich weit schwieriger als die Suche nach Beiträgern für den eigenen »Newsletter«, die »Mitteilungen«.

Fünfzig Jahre nach dem Erscheinen des ersten Heftes der MGM 1967 soll deshalb einmal nicht nach vorn auf die nächsten Hefte der MGZ, sondern zurückgeschaut werden auf die Entstehung und Entwicklung der Zeitschrift des Hauses, die keine Haus-Zeitschrift sein sollte. Wie kam es zu den MGM? Die Suche nach einer Antwort auf diese simple Frage ist reizvoll, weil sie sich bestens eignet für eine Fallstudie zur Geschichte nicht nur der Militärpublizistik, sondern des wissenschaftlichen Fachzeitschriftenwesens in der jungen Bundesrepublik. Das scheint umso lohnender, als die Forschung zu deutschen Militärfachzeitschriften bisher ihren Schwerpunkt in der Zeit vor 1945 hat.[15] Der Blick hinter die Kulissen verspricht Einsichten in zahlreiche medien- und verlagsgeschichtliche Forschungsfelder einschließlich der hier zumeist unterbelichteten Praxis der Redaktion, der Herausgeber und des Verlags. Unter welchen Bedingungen wurde die Zeitschrift konzipiert? Wer waren die treibenden Kräfte? Welche Absichten verfolgten die Herausgeber? Auf welche Resonanz, auf welche Widerstände stießen sie? Mit welchen »Marketingstrategien«, unter welchen Produktions- und Distributionsbedingungen wurden die MGM auf dem Zeitschriftenmarkt platziert? Wie wurden sie im In- und Ausland rezipiert? Wie urteilten Militärhistoriker in der DDR?

Das besondere Interesse gilt dem offenkundigen Spezifikum, dem »amtlichen« Charakter einer Zeitschrift, deren Herausgeber sie nicht als offiziöse Publikation missverstanden wissen wollten. Ließ sich, lautet deshalb die Leitfrage, der Anspruch auf wissenschaftliche Unabhängigkeit unter den Bedingungen einer amtlichen Herausgeberschaft einlösen? Wo lagen strukturelle Schwachpunkte? Welche Lösungsstrategien entwickelten die Beteiligten? Was verraten Konzeption, Umsetzung und Entwicklung der Fachzeitschrift aus wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive über die Konzeptionalisierung der modernen Militärgeschichte zwischen der übergreifenden, auf den Gegenstand Krieg und Militär bezogenen »Wehrwissenschaft« einerseits und andererseits einer Fachdisziplin, die sich nicht durch den Gegenstand, sondern die Eigenarten ihres wissenschaftlichen Zugriffs definierte? Der Schwerpunkt liegt im Folgenden auf der Geschichte der Genese und der frühen Entwicklung der Zeitschrift im Spannungsfeld von Kontinuität und Diskontinuität. Die fallbezogene Analyse struktureller Eigenarten, Probleme und Problemlösungen, die in der Entstehungsgeschichte und den institutionellen Rahmenbedingungen angelegt waren, erlauben den insoweit kursorischen Ausblick auf die Entwicklung der MGM/MGZ bis ins 21. Jahrhundert.

Die kleine Studie stützt sich vor allem auf amtliche und private Korrespondenz zwischen Herausgebern, Verteidigungsministerium und Verlag; auf inhäusige Schreiben der Amtschefs, Redakteure und Schriftleiter; auf Erlasse, Verfügungen und Verträge sowie, selbstverständlich, die Zeitschriftenbände selbst und andernorts veröffentlichte zeitgenössische Artikel über die MGM. Mögliche Handakten der Bereichs- und Abteilungsleiter wie des Amtschefs/Kommandeurs oder Unterlagen einzelner Autoren wurden nicht herangezogen. Die Quellen stammen insbesondere aus dem Bundesarchiv, Abteilung Militärarchiv, und der Registratur der Schriftleitung des MGFA (heute: Fachbereich Publikationen des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, ZMSBw).[16]

Erste Pläne: Von einer Neuauflage der »Militär-Literatur-Zeitung« zu den »Mitteilungen für Militär- und Kriegsgeschichte«

Eine günstige Gelegenheit, nach der Gründung des MGFA 1957 alte Traditionen fortzusetzen, sah ein Verlag, der zu den angesehensten der Weimarer Republik gezählt hatte: das seit 1789 existierende Verlagshaus Ernst Siegfried Mittler & Sohn. Das Berliner Familienunternehmen gehörte zu den Oligopolisten auf dem Markt der Militärpublizistik und hatte von engen Kontakten zur Reichswehr profitiert. 1951, als Siegfried Toeche-Mittler, der den Verlag 1945 übernommen hatte, nach Darmstadt umzog, wurde der Verlag E. S. Mittler & Sohn geteilt: Zum einen gab es nun die E. S. Mittler & Sohn GmbH, die je zur Hälfte Siegfried Toeche-Mittler und Wilhelm Reibert – dem Reibert – gehörte. Reibert (1900–1966) war während des »Dritten Reiches« beim Generalinspekteur für den Führernachwuchs im Oberkommando des Heeres eingesetzt gewesen, seit 1944 als Oberst. Zum anderen gab es den S. Toeche-Mittler Verlag, der allein Toeche-Mittler gehörte. Als dieser mangels Druckaufträge 1953 in die Insolvenz ging, verlor Toeche-Mittler auch seine Anteile an der GmbH; Reibert wurde alleiniger Geschäftsführer des Verlags E. S. Mittler & Sohn.[17] Dem »Spiegel« war das die Randnotizen wert, dass der Verfasser des »deutschen Ausbildung-Katechismus für Soldaten« ein Unternehmen gekauft habe, »dem der einschlägige Bedarf der bundesdeutschen Wehrmacht in spe neue Chancen bietet«.[18]

Diese Chance witterte Reibert auch in Freiburg. Durch Vermittlung des Bundesministeriums für Verteidigung wandte er sich im Juni 1959 an das MGFA.[19] Das Ministerium hatte ihm als Ansprechpartner einen Major Hermann Heidegger genannt. Heidegger, Jahrgang 1920, war der (wie man heute weiß: nicht leibliche) Sohn des Philosophen Martin Heidegger, der nach seiner Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft 1947 Geschichte und Pädagogik studiert hatte. Wolf Graf von Baudissin hatte ihn 1955, zwei Jahre nach seiner Promotion bei Gerhard Ritter, in das neue Verteidigungsministerium geholt.[20] In seiner Anfrage, die er »auf vertraulicher Basis« verstanden wissen wollte, informierte Reibert Heidegger über das Vorhaben des Verlags, in dem bereits die WWR erschien, die »Militär-Literatur-Zeitung« wieder aufleben zu lassen. Die Zeitung war von 1820 bis 1882 als selbstständiges Blatt, von 1883 bis 1914 als literarisches Beiblatt zum »Militär-Wochenblatt« im Mittler-Verlag erschienen. Hier war die zeitgenössische Militärliteratur vorgestellt und diskutiert worden.[21] Reibert lud Heidegger ein, als Schriftleiter der Zeitschrift zu fungieren. Zur raschen Einarbeitung in diese mögliche künftige Tätigkeit bot er ihm auch an, die im Verlag vorhandenen Unterlagen der Zeitung einzusehen, um sich einen Überblick über »den Tätigkeitsbereich von früher (und entsprechender Übertragung auf die Gegenwart)« zu verschaffen. Eine Kopie seines Schreibens ließ Reibert noch am selben Tag seinem Gewährsmann zukommen, der es dem zuständigen Referenten im Ministerium, Dr. Stahl, zur Kenntnis weiterleitete.[22] Dieser wiederum teilte Heidegger seine grundsätzliche Auffassung dazu mit. In der für Führung und Ausbildung zuständigen Unterabteilung III des Führungsstabes der Bundeswehr (Fü B), im Referat III 4 (Militärwissenschaft), war man der Meinung,

»dass etwas Ähnliches herausgebracht werden sollte, um die Truppe über den Inhalt, den Wert und den Nutzen von Neuerscheinungen einschl. wesentlichen [sic] Zeitschriftenaufsätzen für die Bundeswehr zu unterrichten«.[23]

Indessen stieß Stahl auf Zweifel. Zwar hielt auch Heidegger eine Neuauflage der »Militär-Literatur-Zeitung« für wünschenswert. Gegenüber Stahl zeigte er sich jedoch »recht skeptisch«, was die Herausgabe ohne Mitfinanzierung durch das BMVg betraf. Auch der Amtschef Meier-Welcker sei »sehr skeptisch«. Weil mit dem Mittler-Verlag »schwierig [...] zu kutschieren« sei – das hatte ihm der Herausgeber der »Marine-Rundschau«, Jürgen Rohwer[24], gesteckt –, gab sich Heidegger Reibert gegenüber zurückhaltend. Er wies ausweichend auf die Schwierigkeit hin, als aktiver Offizier eine zusätzliche Aufgabe übernehmen zu können.[25]

Reibert legte mit einem kleinen Exposé nach, in dem er die Notwendigkeit einer Fortsetzung der »Militär-Literatur-Zeitung« mit dem durch die Wiederbewaffnung gewachsenen Informationsbedarf begründete. Vor Augen hatte er den Offizier der Bundeswehr, den Wehrwissenschaftler und den Wehrtechniker auf der Suche nach einschlägiger Literatur. Reibert dachte in den überkommenen Kategorien der Wehrwissenschaft, wenn er die Orientierungshilfe nach den »wehrwissenschaftlichen Disziplinen« unterteilte. Dazu zählte er »Kriegsgeschichte«, Strategie und Taktik, Wehrtechnik, Waffenlehre, Wehrrecht, Wehrpolitik. Die Zeitung sollte anhand bibliografischer und inhaltlicher Angaben zum einen über Neuerscheinungen seit 1945, zum anderen über Klassiker informieren. Der künftigen Redaktion empfahl er schon einmal, das erste Heft von 1820 zitierend, »Disziplin der Gedanken und übersichtliche Organisation«, den Autoren »höchste Unparteilichkeit ohne Rücksicht auf die Person der Verfasser«. Statt einzelner Spezialblätter, wie sie für die 1920er und 1930er Jahre typisch waren,[26] schwebte ihm ein zentrales, umfassendes, nach Sachkriterien gegliedertes Periodikum vor.

Vom Format ein compositum mixtum aus Bibliografie und Rezensionsorgan, sollte die Zeitschrift einerseits ganz in der Tradition des 19. Jahrhunderts stehen. Andererseits griff sie die Leitkategorie der »Wehrwissenschaften« auf, die im »Dritten Reich« Instrument und Ausdruck der Militarisierung der Gesellschaft waren.[27] Die zahlreichen Neologismen, die »Wehr-« im Begriff trugen, lassen sich mit der neueren NS-Forschung als Zeichen der Selbstmobilisierung der Volksgemeinschaft lesen und als Beleg für die Diffusion des Militärischen ins Zivile. Die »Wehrgeschichte«, an der Historiker, aber auch Juristen[28] schrieben, bildete keine Ausnahme. Diesem ideologisch verdorbenen Konzept einer Wehrwissenschaft blieb die Militärgeschichte hier zugeordnet, nicht der historischen Fachdisziplin, die sich in den 1950er Jahren etablierte, nicht zuletzt in Freiburg. Reiberts Modell sah zudem vor, dass die Zeitung in erster Linie ein Produkt des Verlags sein würde, dem das MGFA Personal in Gestalt eines Redakteurs zur Verfügung stellte. Konzeptionell und institutionell signalisierte dieser Ansatz den Willen, Kontinuitäten zu wahren, statt einen Neuaufbruch zu wagen. Der Anlauf zu einer alt-neuen Militär-Literatur-Zeitschrift verlief aber angesichts der ministeriellen Bedenken im Sande.

Doch die Idee eines MGFA-Periodikums war damit nicht vom Tisch. Am 28. Oktober 1964 teilte der Nachfolger Meier-Welckers als Amtschef, Oberst Wolfgang von Groote, im Hause förmlich seine Absicht mit, im folgenden Jahr »von Amts wegen ›Militärgeschichtliche Jahreshefte‹ (Arbeitstitel)« in loser Folge zu publizieren. Dort sollten Beiträge von Amtsangehörigen und externen Wissenschaftlern, aber auch »kleinere amtliche Studien« erscheinen. Groote schwebte eine Aufteilung der Hefte in Aufsätze, Berichte, Dokumentationen und Nachrichten vor. Die älteren hausinternen Blättchen, die »Mitteilungen«, sollten in diesen Jahresheften aufgehen. Die Leiter der Abteilungen und Dezernate sowie der Leiter des sogenannten Weltkriegsausschusses wurden aufgefordert, sich über die Gestaltung dieses neuen Organs Gedanken zu machen; die Schriftleiterin Ursula von Gersdorff erhielt den Auftrag, geeignete Verlage zu identifizieren und einen Vertragsentwurf vorzulegen. Dass es hier um mehr als ein Gedankenspiel ging, lässt sich zum einen daran erkennen, dass für die ersten zwei Jahreshälften ein grobes Inhaltsverzeichnis beigefügt war, zum anderen daran, dass Grootes »Verfügung« auch dem Verteidigungsministerium zur Kenntnisnahme zugeschickt wurde.[29]

Am MGFA in der Kaiser-Joseph-Straße diskutierte Groote mit Gersdorff und weiteren Mitarbeitern über Form und Inhalt eines amtseigenen Organs, das neben die laufenden Publikationen, die Schriftenreihe »Beiträge zur Militär- und Kriegsgeschichte« und das »Handbuch zur deutschen Militärgeschichte 1648 bis 1939«, treten sollte. Den Rahmen für diese Debatte bildeten die personellen und materiellen Ressourcen, die konzeptionellen Vorstellungen des MGFA und eine eventuelle Zusammenarbeit mit externen Partnern. Die grundsätzliche Frage lautete: Zeitschrift oder Jahrbuch? Grootes Vorschlag, monatlich oder vierteljährlich eine Zeitschrift herauszugeben, war Anfang 1965 fallen gelassen worden. Ebenso wenig konnte sich die Idee durchsetzen, mit dem Arbeitskreis für Wehrforschung, der bis dato die »Wehrwissenschaftliche Rundschau« herausbrachte, eine Zeitschrift gemeinsam zu publizieren, das hieß »praktisch mit der WWR eine halbe Zeitschrift zu machen«. Im Raum stand noch der Kompromissvorschlag, für die Rundschau (nur) eine 16-seitige Einlage zur Verfügung zu stellen. Daneben erörterten die Historiker und die Historikerin des MGFA von Beginn an den Gedanken, anstelle einer Zeitschrift ein Jahrbuch zu publizieren. Der Amtschef hatte dabei die Publikationen des österreichischen Geschichtsvereins vor Augen, während Gersdorff höchstens ein Jahrbuch für machbar hielt, das sich an der jährlich erscheinenden Zeitschrift »ORDO – Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft«, dem 1948 gegründeten Forum des Ordoliberalismus orientierte. Angesichts der schlechten Erfahrungen, die man mit den Mitteilungs-Heften gemacht hatte, riet sie zu einem festen »Mitarbeiterstab« für die Zeitschrift, dessen Aufgabe es wäre, selbst regelmäßig und pünktlich Manuskripte zu liefern – eine Leistung, die Gersdorff nicht allen zutraute. Es gebe nicht viele Mitarbeiter im Amt, »die schnell schreiben können und wollen«. Dieses Manko schlüge bei der an einen festen Zeitplan gebundenen Herausgabe eines Periodikums mehr zu Buche als bei der Publikation von Büchern, die sich über Jahre erstreckten – und wo, so durfte der Amtschef im Umkehrschluss folgern, das Manko seiner Mitarbeiter weniger ins Gewicht fiel.

Doch nicht nur Personalprobleme bereiteten der Schriftleiterin des MGFA Mitte der 1960er Jahre Sorge. Die Gretchenfrage war in ihren Augen eine wissenschaftliche: Was hätte eine neue Zeitschrift Neues zu bieten? Nahezu sämtliche Bereiche der »Militär- und Kriegsgeschichte« würden in anderen Zeitschriften, wenn auch mit unterschiedlichen Akzenten, von zum Teil hervorragenden Mitarbeitern bearbeitet. In den Augen der Schriftleiterin war eine Zeitschrift ohne eigenen Schwerpunkt ein sinnloses Unterfangen, zumal sich die »freien ›Militärschriftsteller‹« kaum für eine regelmäßige Arbeit verpflichten ließen. Einer solchen Zeitschrift erteilte Gersdorff auch angesichts der laufenden Projekte eine klare Absage. Ein Publikationsorgan ohne – wie sie heute sicher formuliert hätte – Alleinstellungsmerkmal hielt sie für eine Totgeburt. Diese unmissverständliche Ablehnung lässt sich indes auch als Appell an die Kollegen lesen, die inhaltliche und methodische Konzeption so weit voranzutreiben, dass die Zeitschrift dem Leser eine »neue Sicht der Militär-und Kriegsgeschichte« anbieten kann.[30]

Während im Haus über den Nutzen und das Format einer neuen Zeitschrift debattiert wurde, kümmerte sich Gersdorff um mögliche Vertriebswege. Nachdem die drei Verlage E. S. Mittler (Frankfurt a. M.), DVA (Stuttgart) sowie Bernard & Graefe (Frankfurt a. M.) ihre Publikationsangebote vorgelegt und teilweise auch nachjustiert hatten, favorisierte man im Amt den Verlag Bernard & Graefe, in dem im selben Jahr auch eine am MGFA erstellte Bibliografie zur Luftkriegsgeschichte erschien.[31] Gersdorff informierte das Bundesverteidigungsministerium über die Vorschläge, wo ironischerweise nunmehr der promovierte Historiker Heidegger, den man vier Jahre zuvor als möglichen Redakteur ins Spiel gebracht hatte, in der Abteilung Streitkräfte (S VII, Allgemeine Wehrfragen), Referat 2, eingesetzt war. Sie empfahl Bernard & Graefe wegen der größeren Flexibilität und bat um Entscheidung, ob der genannte Druckkostenzuschuss gezahlt werden könne.[32] Das Ministerium sah darin wohl kein Problem, denn bereits am 16. November 1965 wurde der Verlag um einen Vertragsentwurf gebeten. Dazu nannte Gersdorff als »Stichworte: eine ›Pseudo-Zeitschrift‹, die kleinere Arbeitsergebnisse des Amtes aufnimmt und der Öffentlichkeit zugänglich macht«. Die Schriftleiterin betonte das hohe Maß an Flexibilität: Seitenumfang und Erscheinungsweise seien variabel, und auch thematisch sei die Zeitschrift nicht festgelegt. Der Titel dieser neuen Publikation lautete: »Mitteilungen zur Militär-und Kriegsgeschichte (MKG)«.[33]

Der Vertragsentwurf präzisierte das inhaltliche Format der Zeitschrift: »in den MKG sollten aus der Arbeit des herausgebenden Amtes hervorgegangene Studien, Gutachten, Referate usw., außerdem auch Aufsätze von Außenstehenden veröffentlicht werden«. Man wollte sich jetzt nicht mehr allein auf Beiträge aus dem Haus verlassen, wie das in den »Mitteilungen« jahrelang der Fall gewesen war. Daneben sollten die MKG zwei weitere Komponenten enthalten: zum einen »größere und kleinere Rezensionen der militärgeschichtlichen Fachliteratur«, zum anderen »kleinere gemischte Informationen aus der militärgeschichtlichen Forschungsarbeit des In- und Auslandes«. Hier zeichnete sich die bis heute typische Dreiteilung der Hefte in Aufsätze, Besprechungen und Nachrichten aus der Forschung ab.[34]

Im Amt war die Heftplanung bereits weit vorangeschritten. Der Amtschef hatte Kontakte zu möglichen Autoren hergestellt und bereits Material für drei bis vier Nummern – darunter Beiträge zum 40. Todestag von General Georg Ludwig Rudolf Maerker und zum 25. Jahrestag der Besetzung Norwegens 1940. Doch auch die MKG wurden nie gedruckt.

Ein Kooperationsprojekt: Die »Vierteljahrshefte für militärische Geschichte«

In einem »Zufallsgespräch« mit dem Leiter des Militärarchivs, Oberarchivrat und Oberst i.G. a.D. Hermann Teske, hatte Groote im November 1965 erfahren, dass das Erscheinen einer anderen militärgeschichtlichen Zeitschrift kurz bevorstand. Der Chef des Militärarchivs, das zu der Zeit auch baulich zum Bundesarchiv in Koblenz gehörte, hatte einen Plan für seine im Frühjahr des folgenden Jahres bevorstehende Zeit als Pensionär geschmiedet: die Herausgabe einer militärgeschichtlichen Zeitschrift beim Verlag E. S. Mittler & Sohn. Plötzlich war Reibert wieder im Spiel.[35] Weil das in etwa zeitgleiche Erscheinen zweier »militärgeschichtlicher Zeitschriften« für beide von Nachteil gewesen wäre, hatten sich die Leiter von MGFA und Archiv rasch auf eine Zusammenarbeit geeinigt.

Die Eckdaten wurden in einem Kurzexposé festgehalten. Als Zweck präzisierten die künftigen Herausgeber »wieder Wirkung, Niveauhebung und Modernisierung des deutschen militärischen Geschichtsbewusstseins«. Da war der erste Traditionserlass des Bundesverteidigungsministers Kai-Uwe von Hassel vom 1. Juli 1965 gerade wenige Wochen alt. Als Zielgruppen galten in dieser Reihenfolge: die Bundeswehr, die NATO-Streitkräfte, geschichtswissenschaftliche Institutionen im In- und Ausland sowie der militärgeschichtlich interessierte private Leser. Die Zeitschrift sollte in enger Zusammenarbeit mit dem MGFA in Freiburg und dem Militärarchiv in Koblenz hergestellt werden und im Mittler-Verlag in Frankfurt erscheinen. Die »Schriftleitung« sollte bei Teske liegen. Eine Redaktion, die aus den Leitern des MGFA und des Militärarchivs, des Referenten Fü S VII 2 (Militärwissenschaft, Bibliothekswesen, Dokumentation, Oberst i.G. Heidegger) und einem »militärgeschichtlich versierten namhaften zivilen Historiker« bestehen würde, sollte Teske beratend zur Seite stehen. Die Konzeption sah vor, dass in jedem Heft eine Archivale der älteren und der jüngeren Geschichte aus den Beständen des Militärarchivs und des Forschungsamtes veröffentlicht würde. Dazu kamen »militärgeschichtlich aktuelle Aufsätze«, eine Rubrik »Diskussion«, eine kritische Bibliografie und »Zeitschriftenbeobachtung auf internationaler Basis« sowie Mitteilungen des MGFA und des Militärarchivs. Das erste Heft sollte am 1. April 1966 auf dem Markt sein. Der Name der neuen Zeitschrift? »Militärgeschichtliche Vierteljahreshefte. Zeitschrift für angewandte Militärgeschichte«.

Zwar verfolgten beide Seiten grundsätzlich dasselbe Ziel: »das militärgeschichtliche Interesse [zu] wecken«. Doch die Intention des Amtschefs des MGFA war eine andere. Ihm ging es weniger um das öffentliche Interesse an der Militärgeschichte als am Militärgeschichtlichen Forschungsamt. Gegenüber Teske hatte der Amtschef im November 1965 keinen Hehl aus dem eigentlichen Motiv gemacht, das ihn die Publikation einer Amtszeitschrift vorantreiben ließ, ungeachtet der Skepsis seiner Schriftleiterin. Groote benötigte die Zeitschrift »dringendst als Propagandainstrument des Amtes innerhalb der Bundeswehr (besonders bei ihren Spitzen, welche die dickleibigen ›Beiträge‹ nicht lesen) und in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit«. Keine zehn Jahre nach der Gründung des MGFA ging es für den Amtschef um nichts Geringeres als die Legitimation seiner Dienststelle. Eine »notwendige vermehrte Unterstützung« schien ihm nur gewiss, wenn das MGFA in der Öffentlichkeit bekannter würde. Deshalb bestand er auch gegenüber Teske darauf, dass das Amt in der Titelei »deutlich heraustreten muß«. Das sei keine Sache der Eitelkeit, betonte Groote, sondern »des Kampfes um eine vernünftige Existenz«.[36]

Im Bundesministerium der Verteidigung sah man das ähnlich. Mit einer Vorlage an den Unterabteilungsleiter S VII (Allgemeine Wehrfragen) wies Heidegger auf die bis dato beschränkte Öffentlichkeitswirkung des Amtes hin.[37] Eine künftige Zeitschrift rechtfertigte sich daher vor allem aus dem Legitimationsdefizit ihres Herausgebers, das eine Folge der geringen Aufmerksamkeit war, die der fehlenden Resonanz seiner eigentlichen Arbeitsergebnisse – der Monografien und Handbücher – geschuldet war. Die dicken Wälzer wurden hier gegen das schlanke Heft ausgespielt. Die umfangreichen Arbeiten aus der Schriftenreihe des MGFA hielt der Referent für »nicht geeignet, einen weiteren Leserkreis in der Bundeswehr wie auch in der Wissenschaft und im Ausland zu erreichen«. Es komme deshalb darauf an, »mit einer neuen Zeitschrift auch in die Universitäten und Studentenkreise hineinzuwirken«. Gefragt war eine Zeitschrift mit kürzeren militärgeschichtlichen Beiträgen »von wissenschaftlichem Niveau«, Rezensionen und Nachrichten aus der militärgeschichtlichen Arbeit im In- und Ausland. Wenngleich die WWR ebenfalls geschichtliche Artikel enthalte, ging es für Heidegger in dieser Monatsschrift vor allem um »allgemeine Wehrprobleme«, sodass mit der bestehenden Zeitschrift das genannte Ziel nicht erreicht würde. Damit war jenes Alleinstellungsmerkmal definiert, das die Schriftleiterin Gersdorff wenige Jahre zuvor noch vermisst hatte.

Indes wog für das Ministerium in diesem Zusammenhang noch ein politisch-ideologisches Argument schwer: In der Bundesrepublik war eine militärgeschichtliche Zeitschrift überfällig, denn »auch die SBZ besitzt eine solche Zeitschrift«.[38] Gemeint war die in der DDR am Deutschen Institut für Militärgeschichte in Potsdam herausgegebene »Zeitschrift für Militärgeschichte«.[39] Dort wiederum beobachteten die Historiker genau die Entwicklung des militärischen Zeitschriftenwesens in der Bundesrepublik, das sie ihrerseits als ein Instrument der psychologischen Kriegführung verurteilten.[40] Vor dem Hintergrund der Spiegel-Affäre von 1962 blieb ihnen das Zusammenwirken privatwirtschaftlicher Verlage mit dem »Bonner Kriegsministerium« nicht verborgen.[41] Die Rechtfertigung aus der Systemkonkurrenz lag auf einer Linie mit der Legitimation des MGFA, das vor allem gegründet worden war, um dem ostdeutschen Gegenüber nicht das Deutungsmonopol für den Zweiten Weltkrieg zu überlassen.[42]

Eine Veröffentlichung der Zeitschrift durch den Mittler-Verlag besaß aus Sicht des Ministeriums nicht zuletzt aus einem anderen Grund Charme: Sie würde nicht zu Lasten des Verteidigungshaushaltes gehen, weil der Verlag die Zeitschrift übernehmen würde »und hinter diesem Verlag der finanzstarke Springer-Konzern steht«.[43] Axel Springer hatte mit der Rundfunk- und Fernsehzeitschrift »Hör zu!« und dem Boulevardblatt »Bild« nach dem Krieg sein Hamburger Verlagsimperium aufgebaut. Reibert war der Ansicht, dass die Zeitschrift eine Marktlücke schließe und sich, von Springer massiv beworben, mittelfristig von alleine tragen werde. Dem wollte Groote nicht widersprechen. In diesem Modell stand am Anfang nicht die eigene Herausgabe einer Zeitschrift, sondern deren Unterstützung im Vordergrund. Die Initiative und der Namensvorschlag kamen vom (ehemaligen) Leiter des Militärarchivs, bei ihm hätte die Schriftleitung gelegen.

Doch das kostengünstige Angebot hatte einen hohen Preis. Weil es dem Amtschef im Kern um die »Propaganda« für sein Haus ging, kam es ihm entscheidend darauf an, dass die Zeitschrift auf den ersten Blick mit dem MGFA in Verbindung gebracht wurde. Deshalb machte er die Herausgabe durch das Amt zur conditio sine qua non. Der Anspruch ließ sich mit weiteren Argumenten bekräftigen. So sollte das Blatt »auch dienstlich erarbeitete Beiträge aufnehmen« und das Amt das Honorar für jene Beiträge übernehmen, die der Amtschef wegen ihrer Bedeutung außer Haus vergibt, sowie für jene Aufsätze, die »von Amtsangehörigen mit meiner Zustimmung geschrieben« werden; zudem würde das Amt den vorgesehenen Redakteur bezahlen. Die »Propaganda«-Funktion der Zeitschrift spiegelte sich in ihrer Titelei. Groote schlug dazu vor: »Archiv für Militärgeschichte/in Verbindung mit dem Bundesarchiv-Militärarchiv/herausgegeben vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt/Verantwortliche Redakteure: Oberst i.G. a.D. Teske, Dr. Groll«.[44]

Die Titelei spiegelte die Gemengelage der Motive und Beteiligungen wider: die Kooperation von Militärarchiv und MGFA, dessen Herausstellung als Herausgeber sowie die namentliche Nennung des Initiators Teske. Zu diesem sensiblen Gleichgewicht gehörte wohl auch, dass der Amtschef seinen eigenen Namen nicht auf den Titel hob. Damit stellte sich auch (noch) nicht das Problem der Verwechslung von Herausgeberschaft im Sinne des Urheberrechts und der technischen, aus einer Leitungsposition abgeleiteten »Herausgabe«. Mit der Herausgeberschaft des Amtes behielt sich Groote indes eine weitere, schwerwiegende Entscheidungsbefugnis vor. Für den Fall, dass sich die beiden gleichberechtigten Redakteure über die Anregung oder Annahme eines Aufsatzes nicht einigen könnten, sollte der Chef des MGFA das letzte Wort haben – und damit im Zweifelsfall seinen Kompagnon aus dem Militärarchiv überstimmen können.[45]

Der Oberarchivrat widersprach prompt.[46] Er hatte sofort erkannt, dass Grootes Vorstellungen Konsequenzen für den wissenschaftlichen Status der neuen Fachzeitschrift haben und damit dem gemeinsamen Publikationsprojekt schaden würden. Teske machte drei Punkte von grundsätzlicher Bedeutung geltend, die an das Selbstverständnis des MGFA und die Freiheit der dort betriebenen Wissenschaft rührten. Erstens warnte er »aufgrund der Erfahrungen nach 1918« davor, dass ein Amt als Herausgeber fungiert, weil dann bei in- und ausländischen Kritikern »wahrscheinlich sofort wieder der Eindruck entstehen [würde], es handele sich um eine amtlich gelenkte Geschichtsschreibung«. Er gab zu bedenken, dass »Stellungnahmen zu delikaten Problemen [...] als Sprachregelungen des BMVtg angesehen werden«. Teske hatte dagegen nach eigenem Bekunden »die völlige Unabhängigkeit der Zeitschrift« im Sinn, der allein durch die von der Schriftleitung kontrollierte Wissenschaftlichkeit Grenzen gesetzt waren. So wie der Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Karl Carstens, die Freiheit der Forschung nachgerade zum Distinktionsmerkmal erklärt hatte, durch das sich das westdeutsche MGFA vom ostdeutschen Institut für Deutsche Militärgeschichte zu unterscheiden habe,[47] führte Teske hier dessen »tendenziöse Zeitschrift für Militärgeschichte« als Negativbeispiel für ein Blatt an, das von einem staatlichen Institut herausgegeben wurde. Grootes Vorschlag würde, sollte das wohl suggerieren, auf eine Lösung à la DDR hinauslaufen. Teske regte deshalb an, auf die Angabe einer Herausgeberschaft ganz zu verzichten und stattdessen im Untertitel die Unabhängigkeit wie auch die »Mitwirkung« des MGFA und des Militärarchivs anzuzeigen.

Abbildung 1 Staatssekretär Karl Carstens mit Oberst i.G. Wolfgang von Groote auf einer Festveranstaltung am 21.7.1967 anlässlich des zehnjährigen Bestehens des MGFA. Der Festvortrag von Carstens, »Militärpolitik und Militärgeschichte«, erschien in Heft 2/1967 der »Militärgeschichtlichen Mitteilungen«.
Abbildung 1

Staatssekretär Karl Carstens mit Oberst i.G. Wolfgang von Groote auf einer Festveranstaltung am 21.7.1967 anlässlich des zehnjährigen Bestehens des MGFA. Der Festvortrag von Carstens, »Militärpolitik und Militärgeschichte«, erschien in Heft 2/1967 der »Militärgeschichtlichen Mitteilungen«.

Zweitens kritisierte Teske die von Groote vorgesehene schwache Stellung der Schriftleitung, das hieß der Redaktion. Sie sei »nichts anderes als ein Organ des MGFA«, das wie etwa die Schriftleitung der »Truppenpraxis« praktisch »ohne echte Eigenverantwortlichkeit« sei und sich auf Korrekturlesen und Textumbruch beschränken müsste. Teske brachte gegenüber dem Amtschef »ernste Zweifel an der wissenschaftlichen und publizistischen Anerkennung« einer solchen Zeitschrift zum Ausdruck, der deshalb auch kein wirtschaftlicher Erfolg beschieden sein könne. Sein Gegenvorschlag stellte vor allem auf einen unabhängigen und verantwortlichen »Hauptschriftleiter« ab – Teske dachte hier durchaus an sich selbst –, dem zwei Redakteure aus dem MGFA bzw. dem Militärarchiv sowie ein neutraler Dritter unterstellt wären. Drittens wies er die widersprüchliche Bezeichnung »Archiv für Militärgeschichte« mit dem Hinweis zurück, dass ein Archiv nicht regelmäßig Forschung betreibe. Dagegen hielt er den ebenfalls vom MGFA ins Spiel gebrachten Namen »Forschungen zur Militärgeschichte« als Titel einer Zeitschrift für ungeeignet, weil er ihn eher an eine Schriftenreihe oder ein Jahrbuch erinnerte. Der Leiter des Militärarchivs schlug – offenbar nicht zum ersten Mal – zwei »sachlich und nüchtern« klingende Titel vor: »Vierteljahreshefte für militärische Geschichte« und »Militärgeschichtliche Vierteljahreshefte«.

Diese Namen vermieden den Anklang an die ostdeutsche Zeitschrift und erinnerten nicht zufällig an die »Vierteljahrshefte« des Münchener Instituts für Zeitgeschichte, hatte Teske doch die Absicht, mit dem IfZ zusammenzuarbeiten und so Zugang zu dem »zivilen Sektor« zu gewinnen. Für Teske war klar: Eine militärgeschichtliche Fachzeitschrift, bei der die Wissenschaftsfreiheit ihre Grenze in der Weisung eines Amtschefs findet, war mit ihm nicht zu haben. Sein Ziel war ein wissenschaftliches Periodikum vom Schlag der VfZ – und nicht eine »Hauszeitschrift des MGFA, allenfalls des BMVtg«. Dass letzteres am Ende auch nicht in Grootes Sinn sein konnte, wenn es ihm um Legitimationsgewinn durch akademischen Zuspruch ging, lag auf der Hand. Im Ergebnis wurde die Paradoxie deutlich: Der Amtschef wollte ein eigenes Organ, das für das Amt werben sollte und zu diesem Zweck zugleich jeden amtlichen Eindruck vermeiden musste. Die neue Zeitschrift des MGFA musste daher in Teskes Augen ein Repräsentant »der gesamten bundesdeutschen militärgeschichtlichen Forschung« sein und nicht das »zwangsläufig abhängige Organ einer staatlichen Institution«.[48]

Groote signalisierte umgehend Gesprächsbereitschaft, was die Stellung der Redaktion und den Titel anging, auch wenn er von der Bezeichnung »Vierteljahrshefte« – die Schreibweise der Vierteljahr(e)shefte wechselte immer mal wieder – wenig hielt. An der Herausgeberschaft des MGFA hielt er dagegen fest. Für ihn zählte der unmittelbar instrumentelle Charakter der Zeitschrift. Die Interessen des Amtes konnte er seines Erachtens nur dann vertreten, wenn er auch Herausgeber war. Zudem schwebte ihm weiterhin vor, von ihm in Auftrag gegebene Aufsätze seiner Mitarbeiter in der Zeitschrift ohne großes Federlesen unterzubringen; sie sollten sogar einen Großteil der Beiträge ausmachen. Einen Widerspruch zwischen solcherlei Publikationen qua Anordnung und der Wissenschaftlichkeit des Publikationsorgans mochte Groote nicht sehen. Gleichwohl schloss er auch hier einen Kompromiss nicht aus. Im Übrigen suchte Groote, der in dieser Zeit (1960–1970) als Vizepräsident der Commission Internationale d’Histoire Militaire[49] auch international orientiert war, die Bedenken in puncto Wissenschaftlichkeit zu zerstreuen und unterstrich das auch in Freiburg vorhandene Interesse an der Zusammenarbeit mit namhaften Historikern außerhalb des MGFA im In- und Ausland. Auch im Amt nahm man sich insoweit die »Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte« – in denen Groote kurz zuvor selbst publiziert hatte[50] – als »Vorbild« für eine militärgeschichtliche Zeitschrift.

Die Wissenschaftlichkeit der Zeitschrift sah Groote bereits dadurch garantiert, dass das MGFA »auftragsgemäß der Wissenschaftlichkeit verpflichtet« war. Insofern stellte er Teskes Argument mit einem formalistischen Kurzschluss auf den Kopf. Nicht obwohl, sondern weil eine Bundeshörde die Zeitschrift herausgab, stand für ihn deren wissenschaftlicher Charakter von vornherein außer Frage. Dass Teske hier den Finger in eine offene Wunde des MGFA gelegt hatte, war offensichtlich. Wie sonst lässt sich verstehen, dass Groote um Verständnis dafür bat, in dieser Frage »für mein oft geprügeltes, so kompliziertes Amt« die Prärogative wahren müsse. Für Groote drängte die Zeit. Bis zur geplanten ersten Nummer Anfang April 1966 blieben keine drei Monate mehr und die Manuskripte lagen offenbar bereits in der Schublade. Um Teske zu einer raschen Entscheidung zu bewegen, ließ Groote einfließen, dass ihm auch von anderen Verlegern Angebote vorlägen, über die er noch nicht endgültig entschieden habe. Mit anderen Worten: Stellte sich Teske weiter quer, gab es Alternativen.[51] Wäre es verwunderlich, wenn sich der Oberst i.G. a.D. Teske an die Wand gedrückt fühlte?

Hinter Grootes Rücken spitzte sich der Konflikt Mitte Januar 1966 weiter zu. Teske hatte sich, wie er Heidegger in einem persönlichen und vertraulichen Schreiben berichtete, gemeinsam mit Reibert am 6. Januar mit dem Geldgeber, dem Axel-Springer-Verlag, besprochen: Im Fall einer »behördlich abhängigen« Zeitschrift würde Hamburg den Geldhahn zudrehen. Man befürchtete, für eine Amtspublikation »keine – oder nur kleine – Autoren« von außen zu gewinnen. Zudem sah man im Springer-Verlagshaus an der Kaiser-Wilhelm-Straße die Gefahr, dass eine solche Veröffentlichung beim Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB), dem zentralen Beschaffungsamt der Bundeswehr, zunächst öffentlich ausgeschrieben werden müsse.[52] Diese Erfahrung hatte E. S. Mittler mit der »Truppenpraxis« machen müssen. Das Erscheinungsdatum verschob Teske vom 1. April auf den 1. Juli 1966. Teske hatte noch einen vergifteten Pfeil im Köcher: »Hamburg« würde die Zeitschrift auch ohne »Freiburg« auf den Markt bringen. Er warnte davor, eine große Chance aus »ressortmäßiger Kurzsichtigkeit« zu verpassen.[53] Dem Amtschef präsentierte er folgenden Kompromissvorschlag als Ergebnis der Besprechung im Springer-Verlag: Springer wollte durch seinen »riesigen Werbe- und Vertriebsorganismus« die Zeitschrift auf eine möglichst breite Basis stellen. Das MGFA und das Militärarchiv sollten in dieser Zeitschrift mit jeweils eigenen, gegebenenfalls eigens betitelten Sektionen vertreten sein, in denen beide eigenverantwortlich Aufsätze publizieren. Größere Beiträge sollten als Beilage erscheinen. Um eine möglichst hohe Auflage zu erzielen, sah das Angebot des Mittler-Verlags vor, auch »aktuelle militärgeschichtliche Probleme« aufzugreifen. Gemeint waren Streitfragen, die den Zweiten Weltkrieg, insbesondere die Wehrmacht betrafen, konkret etwa die Kriegsschuldfrage, die Schlacht von Stalingrad und die Person Heinz Guderian. Das MGFA dürfte diese heißen Eisen gar nicht erst anfassen, argwöhnten Teske und Reibert, oder aber das Amt müsste der jeweiligen Position des Ministers (mithin Kai-Uwe von Hassel, CDU) folgen. Die Verlagerung der institutioneneigenen Teile in das Innere des Heftes schien ihnen eine Möglichkeit, diese letzte Klippe zu umschiffen.[54]

Grundsätzlich konnte sich Teske vom Ministerium bestätigt fühlen. In Bonn war klar, resümierte Heidegger, dass es »eine offizielle Zeitschrift, herausgegeben von Militärgeschichtlichen Forschungsamt [...] nicht geben« wird, wenn man die Mitwirkung »bei ›Ihrer‹ Zeitschrift« grundsätzlich für möglich hielt. Freilich bezweifelte Heidegger, dass Groote den weitreichenden Plänen des Hamburger »Brötchengebers« zustimmen werde.[55] Er sollte Recht behalten.

Beiden Seiten war es weiterhin ernst. Zu einem persönlichen Gespräch am 2./3. Februar 1966 reiste Teske von seinem Alterssitz im schleswig-holsteinischen Ahrensburg quer durch die gesamte Republik nach Freiburg. Hier setzte er sich mit Groote an einen Tisch, der seine Schriftleiterin Ursula von Gersdorff und den neuen, als Redakteur auserkorenen Mitarbeiter Dr. Groll hinzugezogen hatte. Am Ende einigte man sich auf folgende Eckdaten. Unter dem Titel »Vierteljahrshefte für militärische Geschichte« sollte der Verlag Mittler & Sohn eine Zeitschrift herausgeben, die Beiträge zur neueren, aber auch mittleren und älteren »Kriegsgeschichte« – die Begriffe wechselten weiterhin – auf wissenschaftlicher Basis enthielt mit dem Ziel, das »militärische Geschichtsbewußtsein« zu fördern. Die Zeitschrift sollte in fünf Sektionen eingeteilt sein: MGFA, Militärarchiv, Kommission für Kriegsgefangenengeschichtsforschung,[56] Wissenschaftliche Kommission für Ordenskunde[57] sowie Beiträge freier Mitarbeiter. Vom MGFA rekrutierte Autoren sollten ihre Beiträge in der Amts-Sektion oder in der letzten Sektion veröffentlichen können. Den Rezensionen blieb ein eigener, übergreifender Abschnitt vorbehalten. Die Hefte waren als Themenhefte gedacht. Der anvisierte Autorenkreis schloss ausländische Autoren ausdrücklich ein – und Journalisten »vom Schlage Carell«[58] aus. Die »Hauptschriftleitung« sollte bei Teske liegen; bezahlte Lektoren – darunter MGFA-Mitarbeiter – sollten ihn fachgebietsspezifisch unterstützen. Mitspracherechte und ein mögliches Vetorecht seien vertraglich zu regeln; dieser heikle Punkt wurde vertagt. Auch der Springer-Verlag machte Wünsche geltend: Annoncen von Verlagen, die militärische Literatur veröffentlichen. Für das Impressum schlug Teske die Formel vor: »herausgegeben und verlegt von E. S. Mittler & Sohn unter Mitarbeit des MGFA, MA, Schriftleitung: O Teske«. Damit war die Verlagsherausgabe, die Rolle der Institutionen und Teskes geklärt. Als Erscheinungsdatum der ersten Nummer dieser Vierteljahrshefte war nunmehr der 1. Juli 1966 anvisiert. Acht fertige Manuskripte – zwischen zwölf und 110 Seiten lang – lagen bereits in der Schublade.[59]

Groote war optimistisch, dass der gordische Knoten nun endlich zerschlagen war. Zwischen den Zeilen seiner Korrespondenz mit dem Verteidigungsministerium und Mittler war sein Unmut darüber zu spüren, dass er sich mit dieser wichtigen Angelegenheit länger beschäftigen musste, als er bei dem ersten Gespräch mit Teske im November gedacht haben mochte. Nur beim Titel der Zeitschrift hakte er noch einmal nach: Mitarbeiter am MGFA favorisierten den präziseren Titel »Vierteljahreshefte für Militär- und Kriegsgeschichte«. Er schloss aber nicht aus, dass bei der endgültigen Festlegung des Titels »die Werbefachleute von Springer noch ein Wort mitzureden haben«. Alles entscheidend war das offenbar nicht, denn Groote bat »baldmöglichst« um einen Vertragsentwurf des Mittler-Verlags. Währenddessen machte sich der designierte »Hauptschriftleiter« bereits daran, Richtlinien für die Gestaltung des Anmerkungsapparats zu erstellen.[60] Die Mühe war vergebens.

Bekanntlich ist es bei den Vierteljahrsheften des IfZ geblieben. Von den Vierteljahrsheften des MGFA ging nie auch nur eine Seite in den Satz. Der mühsam eingefädelte Deal zwischen Groote, Teske und Mittler/Springer platzte im März 1966 wie eine Seifenblase. Am 17. Februar 1966 erhielt Groote einen Anruf aus dem Verteidigungsministerium. Man bat ihn zu überlegen, ob man die geplante Zeitschrift nicht um eine Sektion wie »Wehrpsychologie, Wehrsoziologie, Wehrpädagogik usf.« erweitern könne, um den Leserkreis zu vergrößern. Dieser Vorschlag folgte wieder dem Verständnis der Wehrwissenschaft, musste aber das Konzept einer militärgeschichtlichen Fachzeitschrift weiter verwässern.[61] Zur selben Zeit machte ein ministerielles Schreiben des Referats S VII 4 (Militärisches Zeitschriftenwesen) die Runde, in dem es um die »Zentralisierung und Rationalisierung des militärischen Zeitschriftenwesens« der Bundeswehr ging. In diesem Zusammenhang sollte geprüft werden, ob und wie eine für die Weiterbildung der Offiziere und Lehrer sowie die »wehrpolitisch interessierte Öffentlichkeit« geplante Zeitschrift »Erziehung und Bildung des Soldaten« zu fördern sei. Da hier auch militärgeschichtliche Themen vorgesehen waren, war auch das MGFA gefragt.[62] Die Ausweitung der Themenpalette nach Art der Wehrwissenschaft war jedoch ebenso wenig in Grootes Sinn wie Teskes Drängen, »möglichst nur kurze Essays« aufzunehmen, um Lesbarkeit und Breitenwirkung der Zeitschrift zu erhöhen. Das von außen formulierte Interesse war betriebswirtschaftlich und im Sinne der Öffentlichkeitsarbeit des Ministeriums verständlich, lag aber quer zur wissenschaftlichen Stoßrichtung, die das Militärgeschichtliche Forschungsamt mit der Publikation von Anfang an verfolgen wollte.

Gravierender war etwas anderes. Plötzlich wurden Zweifel laut, ob das MGFA überhaupt berechtigt war, eigenhändig Verträge mit Dritten abzuschließen. Zunächst glaubte das im Verteidigungsministerium zuständige Referat noch, das vertragsrechtliche Problem dadurch lösen zu können, dass der Amtschef statt eines Vertrags intern eine schriftliche Vereinbarung treffe, die einzig die redaktionelle Zusammenarbeit regle.[63] Am Ende doch überzeugt, dass die Interessengegensätze größer waren als die Gemeinsamkeiten, gab Groote das gemeinsame Zeitschriften-Projekt auf. Jedenfalls schrieb er Ende Februar/Anfang März 1966 Teske, dass er es doch für besser halte, wenn dieser seinen Plan »in der ursprünglichen selbstständigen Form« verwirklichen würde, wofür er ihm seine Unterstützung im Hintergrund durch kürzere Texte aus dem MGFA unverbindlich zusagte. Um die wissenschaftliche Debatte zu beflügeln, wie es das MGFA anstrebte, sollten die Arbeiten des Hauses in einem Fachorgan, nicht über »vielerlei Publikationsorgane« verteilt veröffentlicht werden. Außerdem mag Groote Skrupel bekommen haben, sich angesichts der unsteten Produktivität seiner Mitarbeiter darauf zu verpflichten, regelmäßig zu »liefern«. Mit dem Argument, dass er sich angesichts »verschiedener Unsicherheitsfaktoren, die in diesem Amt selbst begründet sind«, nicht für den erforderlichen längeren Zeitraum vertraglich festlegen könne, endete der Brief an Teske – und das Projekt der »Vierteljahrshefte für Militärgeschichte«, um das man monatelang gerungen hatte.[64]

Noch einmal MKG – ein Beschaffungsproblem?

Damit schien die Stunde der MKG geschlagen zu haben. Groote griff nun das Vorhaben der »Mitteilungen zur Militär- und Kriegsgeschichte« wieder auf und legte den Vertragsentwurf, den Bernard & Graefe im November des Vorjahres dem MGFA geschickt hatte, dem Ministerium zur Prüfung vor. Die Antwort ließ nichts Gutes erwarten: Dem Amtschef wurde mitgeteilt, dass sein Amt Verträge mit Verlagen »auf keinen Fall« in eigener Verantwortung abschließen dürfe. Groote wurde auf Amtshilfe durch die Wehrbereichsverwaltung V in Stuttgart verwiesen, die dann auch gleich ebenso nachrichtlich beteiligt wurde wie das zentrale Beschaffungsamt der Bundeswehr, das Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) in Koblenz. Der vorliegende Vertragsentwurf fand, wenig überraschend, keine Zustimmung. Eine Vielzahl von Einzelbestimmungen – darunter der Satzspiegel, die Schrift und das Textpapier – müssten präzisiert werden, hieß es detailversessen.[65]

Das um Mitzeichnung gebetene Grundsatzreferat für Verteidigungswirtschaft W II 1 des Ministeriums teilte die Bedenken zum konkreten Vertragsentwurf und belehrte Groote über den Verfahrensweg, der bei Vertragsabschlüssen in der Bundeswehr grundsätzlich einzuschlagen war, ganz gleich ob es um eine Zeitschrift oder einen Zollstock ging: Verträge zur Beschaffung von Gegenständen oder Dienstleistungen würden, klärte man den Amtschef in süffisantem Ton auf, in der Bundeswehr entweder zentral durch das BWB oder dezentral durch eine der Wehrbereichsverwaltungen (WBV) abgeschlossen, die wiederum nur auf eine Beschaffungs- bzw. Dienstleistungsanweisung des zuständigen Referats der Unterabteilung W III tätig würde – es sei denn, ein Erlass wie der über die dezentrale Beschaffung sehe etwas anderes vor. Aus juristischer Sicht liege der Vorteil dieses verschlungenen Pfades darin, dass die nachgeordnete Stelle des »Bedarfsträgers« – gemeint war das MGFA – für den Inhalt des Vertrags nicht verantwortlich wäre, mithin »keine Regressansprüche zu befürchten braucht«. Was es im Fall einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu befürchten gäbe, blieb unklar. Das Referat S VII 2 schlug vor, den Vertragsentwurf fachlich und rechtlich durch das urheber- und verlagsrechtlich versierte BWB prüfen zu lassen; den Vertragsentwurf von DVA vom 9./13. Januar 1960 sollte das MGFA zweckmäßigerweise ebenfalls einreichen. Mehr noch: Der Referent regte an, die Prüfung in Sachen MGFA zur Ausarbeitung eines Mustervertrags zu nutzen, von dem spätere Vorhaben profitieren könnten. Deshalb könne ruhig »ein gewisser Zeitverlust« in Kauf genommen werden.[66] Zwei Wochen später bat Heidegger dementsprechend das Referat W III 6, das BWB anzuweisen, zum Vertragsentwurf von Bernard & Graefe Stellung zu nehmen und einen »verbesserten Verlagsvertrag über die Herausgabe der MKG abzuschließen bzw. bei der WBV V bearbeiten zu lassen«.[67] Reiberts Befürchtung schien sich zu bewahrheiten. In letzter Sekunde machte die Bundeswehrverwaltung allen Beteiligten einen Strich durch die Rechnung. Dabei hätte das MGFA gewarnt sein müssen, hatte sich doch Ende der 1950er Jahre bereits der Abschluss eines Vertrags zur Veröffentlichung der ersten Schriftenreihe aufgrund des Beschaffungsproblems immer wieder hinausgezögert.[68]

Auch wenn Heidegger um beschleunigte Bearbeitung bat: Den Amtschef musste das Gefühl beschleichen, dass der Moment, in dem er die erste Nummer seiner Zeitschrift in den Händen halten würde, in weite Ferne rückte. Tatsächlich verging beinahe ein Vierteljahr, bis das zuständige Referat seinerseits das BWB in Koblenz förmlich, per »Dienstleistungsanweisung Nr. 62651« vom 4. August 1966, bat, einen Vertrag – möglichst mit Bernard & Graefe – über die Veröffentlichung der MKG zu schließen, der nach Möglichkeit als Mustervertrag dienen kann.[69] Die Bearbeitungsdauer allein der Anweisung zur eigentlichen Bearbeitung ließ nichts Gutes ahnen. Das änderte sich auch nicht, als der in Koblenz zuständige Bearbeiter erst einmal ankündigte, das MGFA besuchen zu wollen, um alles weitere zu besprechen.[70] Das Projekt der ersten militärhistorischen Fachzeitschrift der Bundesrepublik, das nur Millimeter vor dem Abschluss stand, drohte erneut in den Mühlen der Ministerial- und der Bundeswehr-Bürokratie zermahlen zu werden.

Nachdem auch der bereits verschobene Erscheinungstermin 1. Juli 1966 längst Makulatur geworden war, machte der Amtschef seinem Ärger Luft. Groote erinnerte seinen Dienstherren zunächst daran, dass die Herausgabe einer Zeitschrift in der vorläufigen Stärke- und Ausrüstungsnachweisung des MGFA festgelegt und dementsprechend im Dezember 1964 genehmigt worden sei; dass seine Vorbereitungen durch »die unmäßig lange herausgeschobene Genehmigung [...] wertlos geworden sind«. So mancher längst eingeworbene externe Autor sei »mit Recht verärgert« und dessen künftige Mitarbeit fraglich. Seine »schwierigen Bemühungen um bessere Kontakte zur wissenschaftlichen Welt« sah Groote damit massiv getroffen. Mit einem Unterton, den man ironisch, wenn nicht zynisch nennen könnte, gab der Amtschef gegenüber dem Verteidigungsministerium seine Meinung kund, »daß die Bürokratisierung der wissenschaftlichen Forschung irgendwo eine Grenze finden sollte«; er schlug vor, dass sich das BWB »als Folge einer geeigneten Beeinflussung zu diesem Grundsatz bekehre«. Mehr noch: Groote wies explizit auf den geschichtspolitischen Schaden hin, den die Verwaltung angerichtet hatte. War von der Funktion der Zeitschrift, auf das öffentliche Bewusstsein einzuwirken, bislang recht allgemein die Rede gewesen, tauchte der Posten in der Bilanz auf. Grootes seit langem verfolgtes Ziel, mit quellennahen Berichtigungen »geschichtsverfälschende Angriffe auf die Bundeswehr und ihre Vorgänger« zu bekämpfen, sah er durch das Verhalten der zuständigen Stellen gegen seinen Willen »sistiert«. Auch wenn er nicht so weit ging wie die ostdeutschen Militärhistoriker, die das BWB zur gleichen Zeit als Teil eines »militarisierten staatsmonopolistischen Regulierungsmechanismus« brandmarkten:[71] Grootes Fazit nach zwei Jahren als Herausgeber in spe war ernüchternd: Es sei schwierig, angesichts der »bremsenden Einwirkungen von mehreren Seiten« jene »publikatorische Initiative zu entwickeln, die der Bundeswehr von Nutzen sein könnte«, stellte er resigniert fest.[72] Auch im MGFA hätte der Zuspruch wohl größer ausfallen können. Später erinnerte sich Groote, dass anfangs »der Chor der pessimistischen Stimmen sehr stark« gewesen sei.[73] Das Vorhaben, in der und für die Bundeswehr erstmals nach 1945 eine militärhistorische Fachzeitschrift zu erschaffen, drohte jedenfalls 1966/67 an den Beschaffungsgrundsätzen ihrer Verwaltung endgültig zu scheitern.

Die Anfänge der »Militärgeschichtlichen Mitteilungen« ab 1967

Groote ließ sich dennoch nicht beirren. In einer neuen Hausverfügung, die durch »verschiedene unabwendbare Eingriffe in den Gang der Zeitschriftenplanung« notwendig geworden sei, bekräftigte er im Herbst 1966 seine Absicht, eine Heftreihe herauszugeben. Der bislang für das gescheiterte Kooperationsprojekt vorgesehene Titel »Mitteilungen zur Militär- und Kriegsgeschichte« (mal MMK, mal MKG abgekürzt) kam nun nicht mehr in Frage; der Name »Zeitschrift für Militärgeschichte« war bereits in der DDR vergeben, und Anklänge, wie sie etwa die Umformulierung »Militärgeschichtliche Zeitschrift« unweigerlich mit sich gebracht hätten, mussten vermieden werden. So lautete der neue Titel jetzt: »Militärgeschichtliche Mitteilungen«, kurz MGM. Der Terminus »Mitteilungen« war im Hause ja geläufig. Als Redakteure wurden drei Historiker des Hauses eingesetzt: Regierungsrat Dr. Wilhelm Deist, Major Johannes Fischer, Oberregierungsrat Dr. Klaus-Jürgen Müller.[74] Dem Redaktionskollegium, das sich auch später aus drei Kollegen zusammensetzte, wurden unter anderem folgende weitreichende Aufgaben übertragen: Akquise, Prüfung und Auswahl der Beiträge, Zusammenstellung des jeweiligen Heftes, »Vorlage des Zeitschriftenentwurfs an den Amtschef, der das Imprimatur erteilt«, Verhandlungen mit dem Verlag und Pflege des Kontakts, Prüfung der Druckfahnen und des Umbruchs. Die Mitarbeiter des MGFA wurden angewiesen, die Redaktion mit Beiträgen, aber auch mit Gutachten und Auskünften zu unterstützen. Weiterhin behielt sich der Amtschef das Recht vor, einzelne Beiträge in Auftrag zu geben, was den Handlungsspielraum der Redakteure zwangsläufig eingrenzte. Später wies der Amtschef die Leiter der fünf Abteilungen an, »im Einverständnis mit dem zuständigen Redaktionsmitglied« ggf. über Beiträge in ausländischen Zeitschriften berichten zu lassen. Detailliert wurde geregelt, welche Abteilung welche Zeitschrift »betreuen« sollte.[75]

Nicht locker ließ Groote auch gegenüber dem Ministerium. Das neue Jahr brachte dann die Wende. In einem Schreiben, das eine gewissen Gereiztheit spüren lässt, sprach Fü S VII 2 dem Amt das Recht zu, »grundsätzlich alle Verträge selbständig und in eigener Verantwortung ab[zuschließen]«. Angesichts »der bisherigen Erfahrungen« – soll heißen: schlechten Erfahrungen – »in der Zusammenarbeit zwischen MGFA und BWB« war das MGFA künftig berechtigt, die Voraussetzungen für einen Vertragsabschluss zu klären, die Verhandlungen zu führen und »die gewünschten Dienstleistungen nach eigenem Ermessen auszuschreiben oder freihändig zu vergeben«. Das galt für Verlags- und Kommissionsverträge ebenso wie für Kaufverträge, etwa über den Ankauf von Nachlässen. Mehr noch: Das Ministerium legte fest, dass diese zusätzliche Aufgabe von einem Angehörigen des MGFA »mit volljuristischer Ausbildung« wahrgenommen werden solle, und stellte dafür im Zuge einer StAN-Änderung eine Ergänzung des Geschäftsverteilungsplans des Amtes in Aussicht. Der Jurist sollte eine herausgehobene Position haben und von fachlichen Weisungen des Amtschefs unabhängig sein; dem BWB wurde diesbezüglich die »Fachaufsicht« über das MGFA zugewiesen. Es war bei Zweifelsfragen »grundsätzlicher Art« zu Rate zu ziehen oder im konkreten Fall, wenn ein Preisvergleich angezeigt erscheine. Das Schreiben schloss mit einem Seufzer, sah doch der Referent, Gustav-Adolf Caspar, den Zweck der neuen Regelung darin, dass das Amt »die oberste Dienstbehörde (BMVg) künftig nicht mehr für ›juristische Hilfsdienste‹ in Anspruch nimmt«. Tatsächlich entpuppte sich dieses Sechs-Punkte-Papier als die Magna Charta des militärgeschichtlichen Publikationswesens in Freiburg und, seit 1994, in Potsdam. Zehn Jahre nach der Gründung der Forschungsstelle erhielt das MGFA 1967 eine ministerielle Genehmigung, die 50 Jahre lang eine entscheidende Handlungsgrundlage für sein wissenschaftliches Wirken im In- und Ausland bildete.[76] Unklar bleibt, warum das ohne den Volljuristen geschah.

Abbildung 2 Hausverfügung Nr. 133/66.
Abbildung 2

Hausverfügung Nr. 133/66.

Wohl im Vorgriff auf die sich abzeichnende Regelung hatte das MGFA 1967 kurzerhand mit dem örtlichen Rombach-Verlag Kontakt geknüpft, der zugleich über eine eigene Druckerei verfügte. Rombach war zwar der publizistische Platzhirsch in Freiburg. Doch mit seiner regionalen Reichweite war der Familienbetrieb ein anderes Kaliber als Mittler/Springer.[77] Dieser Nachteil war für das MGFA aber auch von Vorteil. Im Verhältnis von Amt und Verlag neigte sich die Waagschale zugunsten des MGFA. Im Gegensatz zu der geplanten Zusammenarbeit mit dem Mittler-Verlag und Axel Springer war der Amtschef hier der stärkere Partner. Wohl in der ersten Jahreshälfte 1967 schloss das MGFA mit Rombach einen Kommissionsverlagsvertrag für die MGM ab. An der Ausgestaltung dieses Vertrags, in dem »die neuesten Bedürfnisse des Amtes und seine Vorstellungen von einem zeitgemässen (sic) Verlagsvertrag niedergelegt« seien, orientierte sich Gersdorffs Empfehlungen für einen Rahmenvertrag, den das MGFA am 29. November 1967 mit der Rombach & Co GmbH, Verlag und Buchdruckerei abschloss und der die Zusammenarbeit zwischen dem jungen Amt und dem alteingesessenen Unternehmen in Freiburg grundsätzlich regelte.[78] Dabei hatte man nicht zuletzt den Druck und Vertrieb der neuen Reihe »Einzelschriften zur militärischen Geschichte des Zweiten Weltkriegs« im Blick, deren erster Band noch im selben Jahr erschien.[79]

Abbildung 3 Cover der ersten Ausgabe der »Militärgeschichtlichen Mitteilungen«.
Abbildung 3

Cover der ersten Ausgabe der »Militärgeschichtlichen Mitteilungen«.

Für diese und die folgenden monografischen Einzelpublikationen wurden dann Kommissionsverlagsverträge abgeschlossen. Danach trat Rombach als Kommissionär des Amtes auf. Das MGFA räumte dem Verlag (lediglich) das uneingeschränkte und alleinige Verlagsrecht für das jeweilige Werk ein, behielt sich jedoch die Titel- und Nebenrechte einschließlich des Übersetzungsrechtes vor (§ 3,2). Das Amt zahlte dem Verlag sämtliche Kosten für die Herstellung, den Vertrieb und die Werbung (§ 4,1). Dem MGFA flossen wiederum die Erlöse nach Abzug der zehnprozentigen Kommissionsgebühr zu (§ 4,3). Rombach konnte durch die amtlichen Druckaufträge seine Druckerei auslasten; die Herstellung durch Rombachs eigenen technischen Betrieb wurde vertraglich festgeschrieben (§ 4,3). Das MGFA nutzte letztlich Rombach als »verlängerte Werkbank«. Während Rombach in diesem Modell also einerseits von dem unternehmerischen Risiko, das ein Verlag üblicherweise trägt, weitgehend entlastet wurde und seine Produktionskapazitäten auslasten konnte, blieb ihm andererseits der inhaltliche Einfluss auf das Programm verwehrt.

Das erste Heft der MGM erschien 1967, drei Jahre nachdem die Idee im MGFA erstmals verhandelt worden war. Der Name war Programm. In der Ablösung von dem nationalsozialistisch verseuchten Begriff der Wehrgeschichte und dem älteren Begriff der Kriegsgeschichte – wie er in der seit 1960 bei DVA publizierten MGFA-Schriftenreihe »Beiträge zur Militär- und Kriegsgeschichte« bis 1982 auftauchte[80] – war der pointierte Titel »Militärgeschichtliche Mitteilungen« ein wissenschaftliches Statement. Diese Erklärung konnten die Leser/-innen den programmatischen Aufsätzen des Heftes entnehmen. Sie beruhten auf früheren Beiträgen zur WWR und »Wehrkunde« und griffen Überlegungen aus dem MGFA auf, die seit den frühen 1960er Jahren dem wissenschaftlichen Selbstverständnis und der Orientierung der Forschungsarbeit galten. Rainer Wohlfeil publizierte hier seinen grundlegenden Aufsatz »Wehr-, Kriegs- oder Militärgeschichte?«.[81] Auch Groote erklärte indirekt die Verwendung des Attributs »militärgeschichtlich« im Titel. Er unterstrich das inklusive, nicht auf den Krieg beschränkte Verständnis des Terminus und betonte die Notwendigkeit und Legitimität einer aktuellen Militärgeschichte, die ihre Fragen aus der Gegenwart bezieht. Dass die Wissenschaft sich nicht im politisch luftleeren Raum bewegte und auch die MGM im Zeichen des Kalten Krieges standen, war ebenfalls nicht zu übersehen. Angesichts der Fragilität des Friedens hielt Groote militärgeschichtliche Kenntnisse für unabdingbar – und den Ausschluss des Faches aus den Universitäten für einen Fehler.[82] Die semantischen Verschiebungen Mitte der Sechzigerjahre spiegelten sich auch in der Bezeichnung einer weiteren Schriftenreihe, die das MGFA ab 1966 im Harald Boldt-Verlag herausgab und die hausintern als »Dissertationsreihe« firmierte. Der Reihenname »Wehrwissenschaftliche Forschungen. Abt. Militärgeschichtliche Studien« lässt noch die Überordnung der Wehrwissenschaft über die historischen Arbeiten erkennen, die hier wie bei der MGM als Militärgeschichte, nicht als Wehrgeschichte bezeichnet wurden.[83]

Anfangs fungierte der Amtschef – zunächst Groote, dann Herbert Schottelius – als alleiniger Herausgeber. Seit dem fünften Band (1/1969) wurden die MGM zusätzlich vom Leitenden Historiker mitherausgegeben, eine Position, die 1969 eingeführt worden war. Die ersten beiden Leitenden Historiker und Mitherausgeber waren Andreas Hillgruber und Rainer Wohlfeil.

Nach knapp vier Jahren, ab dem 1. Januar 1971, übernahm dann der Karlsruher Regionalverlag G. Braun den Druck und die Verbreitung der MGM. In dem auf die großherzogliche Hofbuchdruckerei zurückgehenden Verlag, mit dem man heute am ehesten die »Gelben Seiten« verbindet, erschienen badische Regionalia wie Adressbücher, Stadt- und Reiseführer, aber auch das Organ der Traditionsverbände »Alte Kameraden«. Auch Braun blieb letztlich Kommissionär (mit einer Gebühr von 50 % vom Erlös). Der Verlag übernahm den buchhändlerischen Vertrieb »in Kommission, jedoch auf eigene Rechnung«; sämtliche Rechte verblieben beim Herausgeber, dem MGFA. Wie eng die Beauftragung für den Druck und den Vertrieb gekoppelt waren, sieht man daran, dass der Fortfall des Druckauftrags einen besonderen Kündigungsgrund darstellte (§ 10). Wie schon Rombach überließ auch Braun die Honorierung der Autoren dem MGFA.[84]

Noch vor dem Erscheinen der ersten Ausgabe hatte daher eine andere Frage im Raum gestanden: Sollten die Mitarbeiter des MGFA für ihre Beiträge zu den MGM ein Honorar erhalten? Auch hier ging es um die Vereinbarkeit von Wissenschaftlichkeit und Amtszugehörigkeit. Nachdem klar war, dass das MGFA als Herausgeber fungierte, prüfte das Ministerium im Sommer 1967 die Frage aus juristischer, vor allem dienst- und urheberrechtlicher Sicht. Für die Juristen hing die Zahlungspflicht des Bundes maßgeblich davon ab, ob die Fertigung des Beitrags zu den »dienstlichen Aufgaben« der Autoren gehörte. In dem Fall sei davon auszugehen, dass sie dem Bund die ausschließlichen und unbeschränkten Nutzungsrechte im Rahmen ihrer dienst- und arbeitsrechtlichen Pflichten stillschweigend übertragen hätten und eine Honorarzahlung durch den Bund nicht infrage komme. Andernfalls sei anzunehmen, dass die Autoren ihre Beiträge dem MGFA zur Verwertung mit der stillschweigenden Vereinbarung überlassen hätten, dass der Bund eine Vergütung nach billigem Ermessen zahlen werde.[85] Ob der Beitrag in Erfüllung einer dienstlichen Aufgabe angefertigt wurde, machten die Juristen daran fest, ob die Mitarbeiter die Beiträge »überwiegend innerhalb oder außer ihrer Dienstzeit« erstellt hatten.

Aus der Sicht der Redakteure war eine rein dienstliche, auf entsprechende Dienstaufträge des Amtschefs zurückgehende Mitarbeit der Kollegen an der Zeitschrift keine Lösung. »Ohne die Honorierung der Privatinitiative der einzelnen Mitarbeiter« könne die Zeitschrift nicht »als maßgebliche Stimme der militärgeschichtlichen Forschung« existieren. Ein dienstlicher Auftrag ersetze die »Eigeninitiative« grundsätzlich nicht.[86]

Groote hatte bereits im Juli 1967 gegenüber dem BMVg den Anspruch auf Honorierung für außerhalb der Dienstzeit angefertigte Beiträge mit dem Hinweis auf die entsprechende Regelung »in allen anderen wissenschaftlichen Instituten, Archiven usw.« unterstrichen. Das galt, wie der Amtschef festgestellt hatte, auch für andere Publikationsorgane der Bundeswehr wie »Truppenpraxis«, »Soldat und Technik« oder »Informationen für die Truppe«. Ohne Honorierungsanspruch sah auch Groote das weitere Erscheinen der MGM »ernstlich in Frage gestellt«, weil dann nicht zu verhindern sei, dass seine Mitarbeiter die freiwillig außerdienstlich verfassten Aufsätze »wie bisher anderen zahlenden Publikationsorganen anbieten« würden. Für Groote war deshalb klar: »Der Honorierungsanspruch muss im Fall der MGM m. E. durchgefochten werden.«[87]

Anfang 1968 war die Honorarfrage im Sinne der Redaktion und des Herausgebers gelöst. Heidegger bestätigte dem Amtschef die Zulässigkeit der Zahlung an Mitarbeiter des MGFA für Beiträge zu den MGM. Er argumentierte mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz. Die Angehörigen des MGFA hätten »in gleicher Weise ein Publikationsrecht in Zeitschriften wie alle übrigen Angehörigen des öffentlichen Dienstes«. Der Referent hegte keinen Zweifel, dass die Historiker des MGFA für ihre Arbeiten Honorare beziehen dürften, wenn Sie diese in Zeitschriften veröffentlichten, die von privaten Verlagen herausgegeben wurden. »Daß hier das MGFA selbst als Herausgeber auftritt und die Herausgabe der MGM aus Bundesmitteln finanziert wird, ändert die Rechtslage nicht«, stellte Heidegger klar. Rechtlich unerheblich sei auch, ob diese Beiträge auf dienstlich zugänglichen Quellen beruhten oder nicht.[88] Damit konnte der Amtschef die Richtsätze für die Honorierung ab dem Band 1/1968 der MGM verbindlich festlegen. Die Abstufungen betrafen die Art des Beitrags (Aufsatz, Dokumentation, Rezension, Anzeige) und die Frage der privaten oder dienstlichen Erstellung. Die Zugehörigkeit zum MGFA spielte dagegen keine Rolle.[89] Der Anreiz für potenzielle Autoren des MGFA, (auch) in der MGM zu veröffentlichen, lag auf der Hand. Mit der Regelung sank aber auch das Risiko der Redaktion, sich mit Autoren konfrontiert zu sehen, die zur Veröffentlichung ihres Manuskriptes auf einen dienstlichen Auftrag verweisen und so die Redakteure unter Druck setzen konnten. Die Gleichbehandlung ihrer Autoren auch bei der Honorierung bekräftigte insofern die Wissenschaftlichkeit der »amtlichen« Fachzeitschrift.

Der Launch der Zeitschrift – um einmal im Jargon der Medienbranche zu sprechen – wurde durch Werbemaßnahmen flankiert. In der »Historischen Zeitschrift« rührte der ehemalige (erste) Mitherausgeber der MGM 1969/70 Andreas Hillgruber sogleich die Werbetrommel. In seiner Annotation der »neuen Heftreihe« wies er auf die neue Publikationsmöglichkeit des MGFA hin, die zugleich eine »Lücke im Zeitschriftensektor ausfüllen« solle. Prägnant erläuterte er seinen Historiker-Kollegen den Publikationszweck: »durch Gewinnung von Universitätshistorikern als Mitarbeiter eine allmähliche Einbeziehung der an den deutschen Universitäten aus mancherlei Gründen vernachlässigten Militär-, Wehr- oder Kriegsgeschichte in die allgemeine Geschichte« zu erreichen.[90] Im unruhigen Mai 1968 war dieser Appell für manchen sicher eher eine Provokation als eine Selbstverständlichkeit.

Für die MGM wurde auch in den 1970er Jahren dauerhaft geworben. So platzierten die Redakteure in unregelmäßigen Abständen Annotationen einzelner Bände in anderen Organen der in- und ausländischen Militärpublizistik wie etwa »Soldat und Technik«. In Österreich besprach der Direktor des Heeresgeschichtlichen Museums (1965–1983) Johann Christoph Allmayer-Beck neue Hefte sporadisch in der »Österreichischen Militärischen Zeitschrift«[91], in der Schweiz erschienen Kurzbesprechungen in der »Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift«[92]. Hier kam das Netzwerk zum Tragen, dass die MGM durch den Kreis der externen Autoren, nicht zuletzt der vielen Rezensenten geknüpft hatte. So mancher, der für die MGM Neuerscheinungen rezensierte, besprach seinerseits die neue MGM an anderer Stelle.[93] Gelegentlich stießen einzelne Hefte oder Beiträge in der überregionalen Presse auf Interesse. Ein zweispaltiger Artikel in der »Süddeutschen Zeitung« (SZ) attestierte dem Jahrgang 1972 der MGM, dass er »erneut den hohen wissenschaftlichen Rang dieser Zeitschrift unter Beweis [stellt]«.[94] 1974 war der »Briefwechsel bei einem Offiziere des Reichsheeres 1930–1938« der SZ einen großen Bericht wert, nicht zuletzt weil der ehemalige Amtschef Meier-Welcker hier auf seine Jugend in der Reichswehr zurückblickte.[95] Annotationen der MGM veröffentlichte die SZ wiederholt in ihrer Rubrik »Das politische Buch«.[96] Für Beachtung sorgte auch die erstmalige, wissenschaftlich kommentierte Veröffentlichung der »Himmeroder Denkschrift« 1977, die Andreas Hillgruber in der FAZ nicht zufällig in Verbindung mit dem 1976 erschienenen Beitrag über »Zielsetzung und Methode der Militärgeschichtsschreibung« setzte.[97] Die Beachtung der MGM war nicht zuletzt das Resultat einer offensiven Werbestrategie der Redaktion, die entsprechende Hefte in großem Stil an Zeitungen und Zeitschriften zur Besprechung verschickte. Was bei der SZ funktionierte, stieß jedoch bei der »Welt« auf Widerspruch. Der umtriebige Redakteur Horst Zoske wurde aufgefordert, »von weiteren Zusendungen abzusehen«.[98]

Unterm Strich konnte die Redaktion zufrieden feststellen, dass ihre Zeitschrift in der Presse mit gelegentlich »durchaus wohlwollenden Besprechungen« bedacht wurde; ein »Verriß« war nicht bekannt.[99] Das festigte die Position der Redaktion – auch wenn sie sich nicht, wie ihre ostdeutschen Redakteurskollegen, mit kollektiv verliehenen Verdienstmedaillen in Gold und einem Orden der Waffenbrüderschaft schmücken konnte.[100] Dass die MGM auch in der Fachbibliothek des Militärgeschichtlichen Instituts (MGI) auslag und bibliografisch ausgewertet wurde, überrascht ebenso wenig wie das harsche Urteil über das »bürgerliche« Blatt, in dem westliche Historiker, wie Gerhard Förster 1973 schrieb, »unter dem Deckmantel einer vermeintlich ›modernen‹ Militärgeschichte dem staatsmonopolistischen und imperialistischem Herrschaftssystem der BRD Schützenhilfe leisteten«.[101]

Ansonsten fielen die Rückmeldungen von Lesern in der Regel positiv aus. An eingereichten Manuskripten mangelte es nicht. Anfang der 1970er Jahre konnte die Redaktion für die Aufsatz-Rubrik auf »ein reichhaltiges Angebot« zurückgreifen; unter anderem hatten Wolfgang J. Mommsen, Geoff Eley und Paul M. Kennedy Manuskripte angeboten. Die allmähliche Entwicklung der Zeitgeschichte spiegelte sich in dem Befund wider, dass für die Zeit nach 1945 weniger Historiker als Soziologen, Politologen und Psychologen Aufsätze und Rezensionen zur Militärgeschichte anboten. Für die politische Bandbreite und den Methodenpluralismus sprach nach Auffassung der Redakteure der Umstand, dass es »ideologisch begründete Kritik« an den MGM sowohl von Oberst Franz Uhle-Wettler als auch von Andreas Hillgruber gegeben habe.[102]

Die Auflage der MGM pendelte in den ersten fünf Jahren zwischen 500 und 750 Stück pro Heft. Von 1969 bis 1/1972 waren es 650, Ende 1972 700 Stück. Davon gingen rund 200 Exemplare an die Bundeswehr, 455 in den freien Verkauf. Die Hefte umfassten jeweils etwa 300 Seiten. Binnen fünf Jahren hatten die MGM rund 370 feste Abonnenten, davon 201 über Buchhandlungen, 100, die vom Sonderpreis für Bundeswehrangehörige profitierten, sowie weitere 42 Abonnenten im Inland und 24 im Ausland. Die Zahl der Abonnentinnen ließ sich an einer Hand abzählen. 1973 bilanzierten die Herausgeber, dass »das ursprüngliche Ziel der MGM, nämlich Bundeswehr und Wissenschaft mit der Zeitschrift anzusprechen, in groben Zügen erreicht worden ist«.[103] Der weitere Verlauf bestätigte das frühe Fazit. 1978, mehr als zehn Jahre nach dem Erscheinen des ersten Heftes, war die Zahl der Abonnenten auf über 500 gestiegen. Fünf und zehn Jahre nach dem Erscheinen des ersten Heftes erstellte die Redaktion Register, um den Lesern die Orientierung zu erleichtern.[104] Etwa 75 Prozent betrug der Anteil der Bundeswehrangehörigen unter den Privatabonnenten, deren Bandbreite von Studenten über Professoren bis zum letzten Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches, Großadmiral a.D. Karl Dönitz, reichte.[105] Die Auflagenzahlen kletterten zwischenzeitlich bis auf 1000 Exemplare 1985. Die Register geben auch Auskunft über das relativ breite Spektrum der Beiträger, das über MGFA- und Bundeswehrangehörige deutlich hinausging.[106] Einmal jährlich enthielt die Zeitschrift zudem ab 1975 eine englischsprachige bibliografische Beilage, den »War and Society Newsletter«, mit dem die früh diskutierte Zeitschriftenrundschau und der Überblick über laufende Forschungsarbeiten in ein separates, stark britisch und nordamerikanisch orientiertes Format ausgegliedert wurden. Abonnenten erhielten diesen Newsletter kostenfrei.[107] Dass Beiträge von im Ausland lebenden Historikern in der MGM ab 1967 auch auf Englisch abgedruckt wurden,[108] signalisierte und beförderte ihre Öffnung gegenüber der internationalen scientific community. Umgekehrt erschien bereits 1968 eine deutsche Ausgabe der Revue Internationale d’Histoire Militaire als Heft der MGM – erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg, wie Groote als Vizepräsident der herausgebenden CIHM nicht ohne Stolz anmerkte; ein zweiter Fortdruck erschien 1975.[109] (Im Hinblick auf die spätere Umbenennung der MGM lohnt die Randbemerkung, dass der französische Zeitschriftentitel auf Deutsch »Internationale Zeitschrift für Militärgeschichte« lautete.)

Für die angestrebte internationale Vernetzung des MGFA spielte schließlich der Zeitschriftentausch eine Rolle. In vielen Büchersälen wissenschaftlicher Institutionen lagen die MGM aus, weil im Gegenzug ein Periodikum der jeweiligen Institution der Bibliothek des MGFA überlassen wurde. Zu den Tauschpartnern zählten Universitäten und das IfZ ebenso wie Archive und der Arbeitskreis für Wehrforschung oder die Gesellschaft für Wehrkunde; im Ausland war man in Kontakt mit unterschiedlichen militärischen Einrichtungen, aber auch mit US-amerikanischen Universitäten wie Amherst, Madison, Pittsburgh und Stanford. Seit 1977 bestand, um nur ein Beispiel für die Reichweite zu geben, ein Tausch mit dem Institut für deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv, wo Walter Grab und Jehuda Wallach lehrten.[110] In Zeiten von Etatkürzungen bot das Tauschgeschäft dem MGFA zudem eine Möglichkeit, externe Periodika weiter zu beziehen. Die MGM dienten der Bibliothek als Ersatzwährung.[111] Aus verlegerischer Sicht dagegen kam der Zeitschriftentausch dem Verzicht auf das Abonnement gleich. So lehnte Vandenhoeck & Ruprecht eine von Hans-Ulrich Wehler weitergeleitete Anfrage der MGFA-Bibliothek ab, die Zeitschrift »Geschichte und Gesellschaft« (GG) künftig im Zeitschriftentausch zu erhalten statt wie bisher im Abonnement. Für die nicht bezuschusste GG sei man auf Abonnenten zwingend angewiesen, unterstrich Hellmann, was man auch als einen Seitenhieb auf die Subventionierung der MGM verstehen konnte.[112]

Marketing und Wirtschaftlichkeit waren auch die Gründe für einen erneuten Verlagswechsel. Nach einer fast 20-jährigen Zusammenarbeit mit dem badischen Verlag Braun wechselten die MGM im Juni 1991 zum Münchener Oldenbourg Verlag, wo die Zeitschrift bis heute (seit 2015 bei De Gruyter Oldenbourg) zweimal jährlich im Umfang von rund 600 Seiten pro Jahrgang erscheint. Mitte der 1990er Jahre belieferte der Oldenbourg Verlag 635 MGM-Abonnenten, vor allem (463) im wiedervereinigten Deutschland; die meisten Auslandslieferungen gingen in die USA (56), in die Schweiz und nach Österreich (jeweils 17), nach Japan (16) und Großbritannien (13).[113]

Strukturprobleme einer »amtlichen« Fachzeitschrift

Amtschef Groote hatte Mitte der 1960er Jahre mit seiner ursprünglichen Konzeption der Zeitschrift nicht nur die Wirkung nach außen vor Augen, sondern er erhoffte sich auch einen Effekt nach innen. Die Zeitschrift sollte als Organ des Hauses »ein gemeinsames und alle verbindendes Arbeitsobjekt« sein. Groote setzte auf die »vergemeinschaftlichende Ausstrahlung« des Periodikums, wie er Heidegger gegenüber bekannte.[114] Doch die hier skizzierte Entstehungsgeschichte der MGM hat bereits die neuralgischen Punkte einer »amtlichen« Zeitschrift erahnen lassen, noch bevor die erste Nummer erschienen war. In einem kurzen Ausblick auf die weitere Entwicklung soll danach gefragt werden, welche strukturellen, in der Genese angelegten Probleme die Herausgabe der Zeitschrift in den folgenden zwei Jahrzehnten tatsächlich geprägt haben. Interne Korrespondenz, Erfahrungsberichte und Besprechungsprotokolle der Schriftleitung wie der MGM-Redaktion bilden dafür eine Quelle. Drei potenzielle Spannungsfelder lassen sich schlaglichtartig beleuchten: in erster Linie das Imprimatur-Verfahren, sodann die Rolle der Schriftleitung des MGFA und die Rekrutierung der Redakteure, schließlich die Bedeutung von »Mit-Herausgebern«.

Sein Verhältnis zur Redaktion und damit deren Stellenwert hatte Groote 1966 in der genannten Verfügung präzisiert. Im Kern »machte« das vom Amtschef eingesetzte Redaktionskollegium das Heft, das dieser regelmäßig imprimierte, seit 1969 nach einer Stellungnahme des Leitenden Historikers. Damit ist freilich eine wechselseitige Abhängigkeit bereits angedeutet, die grundsätzlich, aber auch im Einzelfall auszuloten war. Um einem Imprimatur-Konflikt vorzubeugen, waren zwei zeitlich gestaffelte Durchgänge vorgesehen, sodass Sprengstoff für mögliche Auseinandersetzungen bereits im Vorfeld entschärft werden konnte. Bis in die 1980er Jahren war es gängige Praxis, dass die Redaktion die Herausgeber etwa zehn Monate vor Erscheinen des Heftes über dessen Zusammenstellung einschließlich der Rezensionen in Kenntnis setzte. Anhand des Inhaltsverzeichnisses wurde den Herausgebern die Möglichkeit gegeben, sich von einzelnen Beiträgen ein genaueres Bild zu machen. So endete beispielsweise ein Schreiben der Redaktion an den damaligen Amtschef Friedrich Forstmeier 1975, das die vorgesehenen Aufsätze, Dokumentationen, Archiv- und Forschungsberichte sowie Rezensionen für Heft 1/1976 auflistete, mit der Frage: »Über welche Manuskripte wünschen Sie sich zu informieren?«[115] Lief alles glatt, wurden dem Amtschef fünf Monate vor Erscheinen des Heftes die zum Druck bearbeiteten Beiträge mit der Bitte vorgelegt, das Imprimatur zu erteilen.

Der vom Amtschef als Redakteur eingesetzte Historiker Friedrich Hiller von Gaertringen, seit 1977 Nachfolger von Gersdorff als Schriftleiter des MGFA – auf ihn ist gleich zurückzukommen –, hielt hier jedoch selbst den Vorlauf von zehn Monaten nicht für angemessen, weil »die Möglichkeit der Mitwirkung« der Herausgeber in seinen Augen zu sehr eingeschränkt sei. Die eigentliche Entscheidung sollte noch vorverlagert werden. Er schlug vor, dass die Redakteure bereits im ersten Durchgang schriftlich Stellung nahmen. Die Herausgeber könnten dann, gegebenenfalls nach eigener Lektüre, grünes Licht für die Druckvorbereitung geben oder Auflagen erteilen, sodass die Redakteure erforderlichenfalls einen »Alternativ-Beitrag« vorbereiten könnten. Auf diese Weise wären strittige Fragen zwischen Herausgebern und Redaktion bereits vor dem eigentlichen Imprimatur-Verfahren geklärt. Die Herausgeber bekämen im zweiten Durchgang lediglich Manuskripte zu Gesicht, die sie bereits kannten. Dass ein solches Verfahren zwar das Risiko der Imprimatur-Verweigerung reduzieren, die Wahrscheinlichkeit der Einflussnahme dagegen erhöhen würde, nahm der Schriftleiter-Redakteur in Kauf. Er ging vielmehr von dem »Wunsch der Herausgeber« aus, noch detaillierter informiert zu werden. Ob seine Redaktionskollegen dies auch so sahen, sei dahingestellt.[116] Das mühselige Austarieren von Wissenschaftsfreiheit und Weisungsgebundenheit führte jedenfalls zu einem langwierigen Verfahren, das ein pünktliches Erscheinen der Hefte nicht leichter machte. Noch in den 1980er Jahren mussten die Redakteure den Herausgebern die Planung des nächsten Bandes vortragen, um die »vorläufige Billigung« zu erhalten. Vor der Drucklegung des Bandes legte die Redaktion das druckfertige Manuskript über den Leitenden Historiker dem Amtschef dann zum Imprimatur vor. Erst danach galt ein von der Redaktion zur Veröffentlichung empfohlenes Manuskript formal als angenommen.

Dennoch kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, von denen nicht zuletzt die Autoren der angebotenen Manuskripte betroffen waren. Ende 1984 verweigerte der Amtschef, Othmar Hackl, der Redaktion die Druckgenehmigung für den Aufsatz eines Mitarbeiters des Hauses und machte formale wie thematische Bedenken geltend. Er wies die Redaktion über die Schriftleitung an, mit dem Autor ein Gespräch über die Berücksichtigung seiner Bemerkungen zu führen, die er in einem knapp 5-seitigen Schriftstück beifügte. Der Autor ergänzte das Manuskript umgehend, wo es ihm sinnvoll erschien. Zeitgleich bezog er zum »ungewöhnlich[en]« Vorgehen seines Vorgesetzten Stellung. Er monierte nicht nur den »schulmeisterlichen« Stil, sondern auch den Umstand, dass der Amtschef »die Arbeit der gesamten MGM-Redaktion desavouiert« habe. Die Redaktion sprach weisungsgemäß mit dem Autor/Kollegen und teilte Hackls Nachfolger, Brigadegeneral Günter Roth (1985–1995), nach Prüfung der Neufassung mit, dass der Autor nur einen Teil der mündlich und schriftlich übermittelten Bemerkungen berücksichtigt habe. Ungeachtet einiger Kritik auch in den eigenen Reihen unterstrich die Redaktion ihre Auffassung, dass diese Kritik »keinen zureichenden Grund bietet«, die Publikation des Aufsatzes in den MGM abzulehnen. Deshalb legte sie das Manuskript mit der Bitte um Imprimatur ein zweites Mal vor.[117] Der Aufsatz erschien im Band 63 (1984).[118]

Aufschlussreich für die Zweischneidigkeit des Imprimatur-Schwertes ist auch der Fall, in dem einem externen Beitrag die Druckgenehmigung zunächst verweigert wurde. Als der US-amerikanische Historiker und Holocaust-Forscher Christopher Browning 1983 einen Aufsatz anbot, in dem er die Repressalien der Wehrmacht und die Ermordung der serbischen Juden thematisierte – das hieß: am Mythos der sauberen Wehrmacht kratzte –, schrillten im Amt die Alarmglocken. Auf eine erste Bitte der Redaktion um Druckgenehmigung reagierte der Amtschef im März 1983 mit weitreichenden Nachfragen, die von dem für Aufsätze zuständigen Redakteur mit einigem Aufwand beantwortet werden mussten. Klaus A. Maier wertete Archivmaterial aus, kontaktierte die Zentralstelle der Justizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg und klärte mit seinem Redaktionskollegen von den »Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte«, Hermann Graml, persönlichkeitsrechtliche Probleme. Die Redaktion erörterte Maiers schriftliche Zusammenfassung seiner Nachrecherchen und bat den Amtschef im April 1983 erneut um sein Imprimatur, zu dem sich Hackl weiterhin nicht entschließen mochte. Stattdessen schaltete er am 27. April das Verteidigungsministerium ein, dem er am 6. Mai erneut berichtete. Prompt bat das Referat Fü S I 3, zuständig für Grundsatzangelegenheiten der Medienarbeit in der Bundeswehr, der Truppeninformation und der Ausbildungsmittel, die Hausjuristen am 16. Mai 1983 um eine Stellungnahme und forderte Hackl auf, das Imprimatur für den Beitrag vorerst auszusetzen. Immerhin, die Druckvorbereitung des Heftes durfte fortgesetzt werden. In der Zwischenzeit forderte das Ministerium von der Münchener Staatsanwaltschaft Akten für die juristische Stellungnahme an. Offenbar ging es Hackl jedoch in erster Linie, wenn nicht ausschließlich darum, nicht gegen die Persönlichkeitsrechte des im Manuskript genannten Ritterkreuzträgers Max-Josef Pemsel (1897–1985) zu verstoßen, den die Bundeswehr 1961 als Generalleutnant pensioniert hatte.

Als das Ministerium Hackl gemahnte, dass die Entscheidung über die Veröffentlichung der Leitung, sprich dem BMVg, vorbehalten bleibe, beanspruchte Hackl seinerseits das alleinige Recht der Druckgenehmigung. Es sei nicht seine Absicht gewesen, beim Ministerium eine Entscheidung über die Veröffentlichung einzuholen; allein wegen der juristischen Expertise habe er die vorgesetzte Behörde informiert. Zur Begründung formulierte er die Raison d’être der MGM: Er betonte, dass »die MGM eine wissenschaftliche Zeitschrift sind, deren Beurteilung in hohem Maße davon abhängig ist, dass sie außerwissenschaftlichen Gesichtspunkten und Einflüssen nicht unterworfen ist«. Der Amtschef warnte davor, dass der gegenteilige Eindruck entstehen könne, wenn sich das Bundesministerium der Verteidigung die Entscheidung über eine Veröffentlichung des Aufsatzes vorbehielte, statt sich auf eine Stellungnahme zur Entscheidung des Amtschefs zu beschränken. Das wiederum würde, beschied er den Referenten, nicht nur den Charakter der MGM als wissenschaftlicher Zeitschrift infrage stellen, sondern auch »dem Ansehen des MGFA als wissenschaftliche Institution abträglich sein«. Das Beispiel zeigt, wie die Unabhängigkeit der Zeitschrift auch nach »oben«, gegenüber der vorgesetzten Behörde, gewährleistet werden musste und wurde. Am 6. Juli kam per Fernschreiben die erlösende Mitteilung, dass gegen die Veröffentlichung keine Bedenken bestünden. Damit war das Problem auf diplomatische Weise gelöst; zum Schwur kam es nicht.[119] Der Aufsatz erschien in Band 33 (1983).[120] Er gehört zu den wegweisenden Veröffentlichungen und »Klassikern« der MGM.

Die MGM wurde zunächst (bis mindestens 1977) nicht im MGFA hergestellt, wo die Schriftleitung etwa zwei Drittel der Amtspublikationen »produzierte«. Der Schriftleiter hielt 1977 eine Übernahme auch der Herstellung der MGM grundsätzlich für erstrebenswert. Der technische Fortschritt beschleunigte die Arbeitsprozesse und erhöhte die Anforderungen an die Autoren. Zwanzig Jahre lang hatte die Redaktion ihre Autoren im Impressum schlicht um »Zuschriften« gebeten. Ende der 1980er Jahre machte sich die Digitale Revolution bemerkbar. Fortan wurden die Autoren gebeten, »ihre Manuskripte – wenn möglich – EDV-erfaßt auf Diskette (mit Ausdruck) abzuliefern«. Für die Texterstellung sollten nun auch die formalen Vorgaben anhand einer »Arbeitsanleitung« der Redaktion berücksichtigt werden.[121] Redaktion und Schriftleitung arbeiteten im Übrigen zusammen, blieben jedoch personell getrennt. Noch 1977 hielt der Schriftleiter fest, dass die Schriftleitung an der Redaktionsarbeit bislang nicht beteiligt war, sich mit ihr ggf. »ein neues Arbeitsfeld« eröffnen würde. Eine derartige organisatorische Veränderung sollte seines Erachtens nur dann vorgenommen werden, wenn in der Redaktion die »persönlichen Voraussetzungen« entfielen.[122]

Als der langjährige, für den Rezensions- und Anzeigenteil verantwortliche Redakteur Zoske 1979 in den Ruhestand ging,[123] nutzte der Amtschef Hackl die Gelegenheit, den Schriftleiter, Friedrich Frhr. Hiller von Gaertringen, mit Wirkung vom 1. Februar 1979 in der Redaktion zu platzieren. Für den Bereich Rezensionen war fortan Roland G. Foerster zuständig, der seine Dissertation in München bei Fritz Wagner geschrieben hatte. Hiller von Gaertringen (1923–1999), in der Wehrmacht zuletzt Oberleutnant, war 1955 von dem nationalkonservativen Historiker Hans Rothfels in Tübingen promoviert worden und Assistent am dortigen Historischen Seminar und Redakteur der VfZ. Zuletzt hatte er 1971/72 und 1972/73 an der Ruhr-Universität Bochum die Lehrstühle für Neuere Geschichte I und II vertreten, wo er 1977 auch auf Platz 3 der Berufungsliste stand.[124] Hiller stieß auf den »Gründungsredakteur« Deist – der von 1967 bis 1988 der Redaktion angehörte – und Klaus A. Maier, der von 1973 bis 1993 dabei war; beide erreichten die mit Abstand längste Stehzeit von rund 20 Jahren. Hiller, der einem württembergischen Adelsgeschlecht entstammte, galt vielen im MGFA als verlängerter Arm des Amtschefs; im Gegensatz zu den Redaktionskollegen besaß er das alleinige Vortragsrecht. Per Hausverfügung legte Hackl fest, dass dem Schriftleiter »die verantwortliche Koordinierung der im Zusammenhang mit der Herausgabe der MGM sich ergebenden organisatorischen Arbeiten« obliege, wozu er die »Überwachung und Herstellung« zählte. Nicht die Redakteure, sondern der Schriftleiter-Redakteur Hiller von Gaertringen sollte über den Leitenden Historiker Manfred Messerschmidt dem Amtschef die Manuskripte zum Imprimatur vorlegen – und zwar so rechtzeitig, dass der Terminplan auch »bei eventuellen Änderungen« eingehalten werden könne.[125]

Indem der Amtschef bei der Besetzung der Redaktion mit Hiller die ihm bekannte Ablehnung der Redaktionskollegen ignorierte, brach er erstmals mit der von Beginn an geübten Praxis der Kooptation der Redakteure. Während diese darin – unbeschadet der formalen Einsetzung der Redakteure durch den Amtschef – eine Funktion der wissenschaftlichen Unabhängigkeit der MGM sahen, die überdies die Chance auf eine kontinuierliche und kollegiale Zusammenarbeit erhöhte, stieß das Organisationsprinzip in dem Moment auf Widerstand, wo die Spannung zwischen der Redaktion, dem Leitenden Historiker und dem Amtschef zunahm. Insofern spiegelte auch die Ablehnung des Kooptationsprinzips die notorischen Spannungen wider. Mitte der 1980er Jahre spielte von Hiller, der seine Position als Redakteur dem Bruch mit dem Kooptationsprinzip verdankte, dieses denn auch gegen »das Recht des Amtschefs« aus.

Freilich blieb das Konfliktpotenzial durch den engen Kreis der infrage kommenden Mitarbeiter am MGFA begrenzt. Die Suche nach Kollegen war weiterhin schwierig, weil sich viele für die aufwändige Arbeit im »Nebenamt« nicht begeistern konnten.[126] So gab es keinen Konflikt, als Hackl 1980 Bruno Thoß und 1984 als dessen Nachfolger Hans Umbreit in die Redaktion berief. Die Redaktion hatte sich ihrerseits zuvor auf die Kollegen als jeweilige Wunschkandidaten geeinigt.[127] Kein Wunder, dass beide der Redaktion relativ lange, acht bzw. sieben Jahre, angehörten. Reibungslos verlief der Wechsel in der Praxis, wenn die Redaktion auf Bitte des Amtschefs einen Nachfolger benannte.

Ein weiteres prinzipielles Problem des amtlichen Periodikums warf die Frage auf, ob und welche Personen in der Titelei namentlich genannt werden sollten. Hier ging es keineswegs (nur) um lässliche Eitelkeiten, sondern erneut um den Ausweis der Wissenschaftlichkeit einer Amtspublikation. Die ersten Hefte nannten einzig den Amtschef als Herausgeber. Ab 1969, nach Einführung dieser Position, firmierte auch der Leitende Historiker neben dem Amtschef als Herausgeber. Es fügte sich gut, dass die Reihenfolge der Nennung zunächst der alphabetischen Ordnung entsprach (Groote/Hillgruber, Schottelius/Wohlfeil). Einen Sonderfall stellte das Heft 2/1969 dar: Hier firmierte allein Hillgruber als Herausgeber, weil er das Heft – mit faksimilierter Unterschrift – Groote zu dessen Ausscheiden aus dem Amt am 1. Oktober 1969 widmete.[128] Seit 1970 (Band 7/1) wurden außer den beiden Herausgebern auch ehemalige Amtschefs und ehemalige leitende Historiker aufgeführt. Die MGM wurden nun zunächst herausgegeben »in Verbindung mit« Wolfgang von Groote, Andreas Hillgruber und Rainer Wohlfeil; 1973 (Heft 1) kam noch Schottelius dazu, ab 1976 (Heft 2) Forstmeier. Auch die Redakteure wurden seit 1970 in der Titelei der MGM namentlich aufgeführt.

Das Problem wurde akut, als das Ministerium 1983 allgemein anordnete, dass als Herausgeber nur die Institution genannt werden dürfe.[129] Dagegen protestierten nicht nur einige Betroffene,[130] sondern auch die Redakteure. Deist, Hiller, Maier und Thoß erinnerten den Amtschef an einen zentralen Aspekt der ursprünglichen Konzeption für die MGM: »die Verbindung des MGFA zur ›Wissenschaft‹ (an den Universitäten und anderen Institutionen) zum Ausdruck zu bringen«. Die Erwähnung von »Hochschullehrern« auf dem Titelblatt seit 1970 deuteten die Redakteure als eine sinnfällige Form dieses Ausdrucks. Die Namen auf dem Titelblatt signalisierten demnach die angestrebte Verbindung des Amtes im Breisgau mit der akademischen Welt. Würden diese Namen verschwinden, so lautete der Umkehrschluss, fände dies eine »unerwünschte« Aufmerksamkeit, die zu »Vermutungen und Mißdeutungen« der Beziehungen von Amt und Wissenschaft Anlass gäbe. Das Verhältnis war im Urteil der Redaktion »nach wie vor zumindest gegenüber dem Verdacht ›amtlicher Eingriffe‹ empfindlich«.[131] Die in dieser Hinsicht fragile Situation des herausgebenden Amtes spiegelte sich selbst in der Gestaltung des Titelblattes der MGM wider, die nun ebenfalls ein Imprimatur benötigte. Das Erscheinen des Heftes 2 des Jahrgangs 1983 verzögerte sich. Der Amtschef wartete noch Mitte Februar 1984 auf die entsprechende Weisung von der Hardthöhe.[132] Wegen ihres hohen Symbolwertes blieb es schließlich bei der Formel »in Verbindung mit«. Als Signal einer noch größeren Öffnung kann eine Änderung Ende der 1980er Jahre verstanden werden, als anstelle ehemaliger Amtschefs und Historiker des Hauses erstmals fünf externe Historiker – weiterhin keine Historikerin – genannt wurden, die im hausinternen Sprachgebrauch nicht ganz zutreffend als »Mitherausgeber« firmierten.[133]

In einem anderen Kontext stand Ende der 1990er Jahre die Kontroverse über die Änderung des Zeitschriftentitels, die am Ende auf die Entstehung und Entwicklung der MGM noch einmal, jetzt auf der rezeptionsgeschichtlichen Ebene, zurückverweist.

»Mitteilungen« oder »Zeitschrift«? Kontroverse Namensänderung

What’s in a name? Viel, wenn es um die amtliche Fachzeitschrift geht. Das zeigte sich 1999, als aus den »Militärgeschichtlichen Mitteilungen« die »Militärgeschichtliche Zeitschrift« (MGZ) wurde. Der Titel »Militärgeschichtliche Mitteilungen« war und blieb umstritten, doch der Fokus verschob sich. Ging es in den 1960er Jahren um die Bedeutung von »Militärgeschichte« im semantischen Feld von Wehrwissenschaft und Kriegsgeschichte, bildete 30 Jahre später der Terminus »Mitteilungen« den Stein des Anstoßes. Wieder ging es im Kern um die Wissenschaftlichkeit unter amtlichen Bedingungen. Nur deshalb lohnt der kurze Blick auf die Debatte, die nicht zuletzt erneut das Verhältnis von Redaktion und Herausgebern betraf.

Ende 1990 sprachen sich die Mitherausgeber der MGM erstmals für eine leserfreundliche Verschlankung der Zeitschrift, eine vierteljährliche Erscheinungsweise mit größerer Marktpräsenz und, teilweise, eine Umbenennung der MGM aus. Während die einen an dem Markennamen MGM festhielten, favorisierten die anderen den Titel »Militär. Politik. Gesellschaft. Vierteljahrshefte für Militärgeschichte«. Als Kompromiss galt die Beibehaltung des Namens MGM im Untertitel. Dagegen warnten die Mitherausgeber davor, auf Titel eingestellter DDR-Zeitschriften zurückzugreifen. Die Professoren rieten dem MGFA zudem davon ab, seine wissenschaftliche Reputation durch die Veröffentlichung populärwissenschaftlicher Zeitschriften zu gefährden.

Nach dem Umzug des MGFA 1994 nach Potsdam in die Villa Ingenheim, den ehemaligen Sitz des MGI der DDR, war die Namensänderung weiter ein umstrittenes Thema, das Mitte August 1998 auch amtsöffentlich verhandelt wurde. Die Herausgeber begründeten ihren Vorschlag, die MGM in »Militärgeschichtliche Zeitschrift« umzubenennen, mit dem Argument, dass der alte Name dem Charakter der Zeitschrift nicht entspreche: Sie sei kein Mitteilungsblatt und werde der Sache, wenngleich nicht dem Namen nach von einem Forschungsinstitut, nicht einem Amt herausgegeben. Der neue, eindeutige Name würde die Zeitschrift auch unter Studierenden bekannter machen. Schließlich gab es nach der Auflösung des ostdeutschen MGI am 1. September 1991 und dem Ende seiner Zeitschrift »Militärgeschichte« nur noch ein militärhistorisches Periodikum, die MGM, sodass der eindeutige Titel nun auch insofern angebracht und verfügbar war.[134]

Kritiker einer Namensänderung, die sich auch in der Redaktion fanden, erinnerten daran, dass die Zeitschrift von der ersten Nummer an keinen Mitteilungscharakter gehabt hatte, und auch den Makel des Amtlichen mochte man angesichts anderer renommierter Zeitschriften wie den »Historischen Mitteilungen der Ranke-Gesellschaft« (HMRG), den »Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung« (MIÖG) oder den »Römischen Historischen Mitteilungen« (RHM) nicht erkennen.

Am 16. September 1999 teilten die Herausgeber dem Verlag ihre Entscheidung mit, die MGM mit Beginn des Jahrgangs 2000 in »Militärgeschichtliche Zeitschrift« (MGZ) umzubenennen. Mit dem neuen Label sollte ein modernisiertes Layout einhergehen. Am folgenden Tag zogen die bisherigen Redakteure ihre Bereitschaft zurück, im Redaktionskollegium der Zeitschrift mitzuwirken. Nicht nur oder nicht so sehr der neue Name als das Verfahren der Namensänderung hatte für Verstimmung gesorgt. Aus Sicht der Redakteure war eine notwendige Bedingung ihres wissenschaftlichen Engagements entfallen: das Vertrauensverhältnis zwischen Herausgebern und Redaktion. »Vertrauen« bildete das Scharnier, das die Weisungsgebundenheit der Redakteure mit der wissenschaftlichen Unabhängigkeit verband. In der Logik dieser Wechselbeziehung war es nur konsequent, dass die Redaktion ihre Arbeit in dem Moment einstellte, wo die vorgesetzten Herausgeber die begrenzte Autonomie der Redaktion infrage stellten. Maßgeblich war hier die Wahrnehmung der Redakteure. Im Falle der Namensänderung übersteuert zu werden, hatte offenbar ein Fass zum Überlaufen gebrachen.

Unter dem neuen Label, mit einem vorsichtig modernisierten Erscheinungsbild und neuen Redakteuren[135], die auf Vorschlag der bisherigen beauftragt wurden, setzte sich die redaktionelle Praxis fort. Die Sorge, der neue Name würde zu einem Einbruch der Abonnentenzahlen und zur Kündigung von Subskriptionen führen, erwies sich als unbegründet. What’s in a name? Die Rose duftete unter anderem Namen ebenso gut.

Fazit: Wissenschaftlichkeit als Leitmotiv

Wissenschaftlichkeit war das Wasserzeichen der MGM. Gilt für eine wissenschaftlich orientierte Fachzeitschrift des Militärs, was man von offiziellen und offiziösen Militärfachzeitschriften nicht sagen kann: dass sie seit den 1950er und 1960er Jahren zu einem freien, wissenschaftlichen Diskurs beigetragen haben? Wenn ja, welche Regelungsmechanismen haben dafür gesorgt, dass die »amtliche« Zeitschrift zur Institutionalisierung der Militärgeschichte und zu ihrer Integration in die geschichtswissenschaftliche Fachdisziplin beigetragen hat? Die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der MGM/MGZ lässt sich als ein empirischer, gleichermaßen wissenschafts- wie mediengeschichtlicher Beitrag zur Beantwortung dieser kürzlich aufgeworfenen Frage lesen.[136]

Der Zielkonflikt zwischen einer Wissenschaftlichkeit, die an institutionelle Unabhängigkeit geknüpft ist, und der Kontrollmöglichkeit, die institutionelle Abhängigkeit voraussetzt, lag auf der Hand. Die amtliche Herausgabe kam prinzipiell in der Besetzung der Redakteursstellen, der Einflussnahme auf die redaktionelle Arbeit und vor allem in einem Imprimatur-Verfahren zum Ausdruck, das an den militärischen Dienststellenleiter gebundenen blieb, während es andernorts dem wissenschaftlichen Direktor oblag. Angesichts des erklärtermaßen wissenschaftlichen Anspruchs lagen hier einerseits, das wurde deutlich, die neuralgischen Punkte der Amtspublizistik. Doch weil andererseits der Anspruch der Wissenschaftlichkeit von Beginn an, das heißt bereits in der Planung durch den Amtschef Groote, die Raison d’être der MGM auch in der Auffassung des Amtes und des Verteidigungsministeriums ausmachte und weil auf ihr lange Jahre die »Propaganda-Wirkung« für das MGFA beruhte, blieben jene Fälle vergleichsweise selten, in denen es an diesen Schwachstellen zu einem vorübergehenden Störfall kam. Die MGM als publizistisches Flaggschiff des MGFA stand wie keine andere Veröffentlichung des Amtes für dessen Anspruch, sich auf dem Feld der Militärgeschichte als Teil der scientific community zu begreifen, die dem lange mit Skepsis begegnete. Nachdem das Modell der Integration einer eigenverantwortlichen MGFA-Sektion in eine als Ganzes vom MGFA unabhängige Verlagszeitschrift, wie es der Verlag E. S. Mittler & Sohn vorgeschlagen hatte, gescheitert war, lag der Ausweg in der Autonomie der Redaktion. Das jahre-, teils jahrzehntelange Engagement der ehemaligen MGM-Redakteure lässt sich daher als hartnäckige Überzeugungsarbeit verstehen, die wiederum einen Aspekt der Öffentlichkeitsarbeit des herausgebenden Amtes ausmachte.

Letztlich hing das Gütesigel der Wissenschaftlichkeit der Beiträge, der Zeitschrift und des Amtes von der Zustimmung der am wissenschaftlichen Diskurs Beteiligten ab. Auch wenn die Bedeutung von Wissenschaftlichkeit mehr vorausgesetzt als erläutert wurde: Wissenschaftlichkeit, die lange vor der Selbstcharakterisierung der Gesellschaft als »Wissensgesellschaft« einen hohen Stellenwert besaß, bildete daher den redaktionellen Filter, durch den die Manuskripte auch aus der bunten Schar westdeutscher »Militärschriftsteller« mussten, bevor sie zum Imprimatur vorgeschlagen wurden. Dabei kam es weniger darauf an, ob ein Beitrag wissenschaftlich war, sondern ob er als wissenschaftlich galt, was sich an der Berücksichtigung bestimmter Standards, aber nicht zuletzt am geregelten, von »unwissenschaftlichen« Einflüssen freien Verfahren seiner Veröffentlichung festmachen ließ. Das akademische Umfeld, an das man Anschluss gewinnen wollte, ja musste, diente insofern als ein wirkmächtiges Korrektiv.

Die Geschichte der MGM/MGZ zeigte in diesem Zusammenhang auch, wie die disziplingeschichtliche Voraussetzung dafür erfüllt wurde: durch die Lösung von der wehrwissenschaftlichen Vereinnahmung der historischen Betrachtung von Krieg und Militär und die Hinwendung zu einer Militärgeschichte als Teildisziplin der Geschichtswissenschaft. Dass der Bruch mit überkommenen Denkmustern nach 1945 nicht selbstverständlich war, haben das wiederholte Aushandeln des publizistischen Programms, die Wahl des Titels und die semantische Zählebigkeit der Begrifflichkeiten mit »Wehr-« gezeigt. Das Ringen um die zutreffende Bezeichnung spiegelte den schwierigen Aushandlungsprozess wider, der innerhalb des MGFA über die wissenschaftliche Ausrichtung geführt wurde und damit der Selbstvergewisserung einer Forschungseinrichtung diente, der noch lange der Wind ins Gesicht blies, nicht zuletzt in den Stürmen der 1980er/90er Jahre.

Die MGM waren von Anfang an nicht einseitig als Mitteilungsblatt konzipiert, sondern auf wechselseitige Kommunikation mit der scientific community angelegt, auch auf Englisch. Die Tendenz ging zur stärkeren Mitwirkung externer Kolleginnen und Kollegen an der militärgeschichtlichen Zeitschrift des MGFA: von den »Mitherausgebern« über die »Gastherausgeber« bis hin zur Einführung des Peer-Review-Verfahrens[137] für die MGZ. Ein entsprechender Titel kam aufgrund der gescheiterten Projekte und – um Alexander Gerschenkrons Begriff zu borgen – der relativen Rückständigkeit gegenüber der DDR zunächst nicht infrage, während mit den älteren »Mitteilungen« ein amtseigener Anknüpfungspunkt gegeben war. Nach dem Ende der DDR, mit dem zeitlichen Abstand zu früheren Projekten und in dem Wissen um die erreichte Marktposition konnten die MGM schließlich ab 2000 als »Militärgeschichtliche Zeitschrift« firmieren. So oder so: Die »Militärgeschichtlichen Mitteilungen« waren Ausdruck und Antrieb der Institutionalisierung einer neuen Fachdisziplin, der Professionalisierung ihrer Vertreter und der Internationalisierung ihres Diskurses.

Wenn Hans Meier-Welcker das Verdienst gebührt, als erster Amtschef früh die Weichen für die Integration der Militärgeschichte in die Geschichtswissenschaft gestellt zu haben, ist es seinem Nachfolger Wolfgang von Groote zu verdanken,[138] diesen Prozess durch das – wie man nach 50 Jahren nüchtern wird bilanzieren können – erfolgreiche Etablieren der ersten militärgeschichtlichen Zeitschrift gegen vielförmige Hindernisse[139] entschieden vorangetrieben zu haben. Er sehe »immer wieder mit Freude, welch angesehenen Platz sich die MGM in der wissenschaftlichen Welt erobert haben«, schrieb Groote, mittlerweile Pensionär, der Redaktion zehn Jahre nach Erscheinen der ersten Nummer; »mein damaliger ›Sprung ins Wasser‹ und die dem Ministerium damals höchst lästige Hartnäckigkeit haben sich wirklich gelohnt«. Bei seinem Ausscheiden aus dem MGFA hatte Andreas Hillgruber 1969 die MGM-Bände als »einen ›Ausdruck [seines] Bemühens‹ gewürdigt, die militärgeschichtliche Forschung in den Rahmen der allgemeinen Geschichtswissenschaft einzufügen«.[140] Die Umbenennung seiner Zeitschrift hat Groote nicht mehr erlebt; sein Nachruf steht am Anfang des ersten Heftes der MGZ, das in seinem Todesjahr erschien.[141] Grootes Überzeugung, dass eine wissenschaftliche, mithin unabhängige Zeitschrift ein notwendiges Bindeglied zwischen Amt und Akademia darstellt, ist weiterhin aktuell.

Published Online: 2017-10-24
Published in Print: 2017-9-26

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 10.12.2022 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/mgzs-2017-0152/html
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