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Publicly Available Published by Oldenbourg Wissenschaftsverlag October 24, 2017

Ludendorffs Dolchstoß

Eberhard Kessel, Ludendorffs Waffenstillstandsforderung vom 29. September 1918

Gerd Krumeich EMAIL logo

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Eberhard Kessel, Ludendorffs Waffenstillstandsforderung vom 29. September 1918


In: MGM, 4 (1968), 1, S. 65–86; https://doi.org/10.1524/mgzs.1968.4.2.67

Eberhard Kessel war ein Spezialist für Ideengeschichte und für Militärgeschichte, was eine seltene Kombination ist. Promoviert wurde er zu einem Thema der mittelalterlichen Geschichtsschreibung, 1936 habilitierte er über die Schlacht bei Torgau (1760). Er erhielt aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg eine Professur (in Marburg). Gut rezipiert wurden seine Moltke-Biografie von 1957 sowie eine Monografie über Wilhelm von Humboldt und seine Zeit aus dem Jahr 1967. Johannes Kunisch edierte seine militärgeschichtlichen Aufsätze.[1]

In dem 1968 in den »Militärgeschichtlichen Mitteilungen« (MGM) erschienenen Aufsatz über Erich Ludendorff (1865–1937) hat sich Kessel bemüht, den Grund für Ludendorffs inkohärentes und die Zukunft Deutschlands so sehr belastendes Verhalten im Herbst 1918 genau zu eruieren. Es ging um die Frage, warum sich der Generalquartiermeister und sicherlich die entscheidende Persönlichkeit der 3. Obersten Heeresleitung (OHL) trotz aller offensichtlichen Schwierigkeiten, den Krieg mit Erfolg zu Ende zu bringen, nicht dazu entschließen konnte, reinen Tisch zu machen und aufzugeben.

1968 hatten wir andere wissenschaftliche Sorgen und Probleme, als uns mit Ludendorff zu befassen, von dem man wusste, dass er irgendwie mit schuld an der Niederlage im Ersten Weltkrieg war. Doch mit den damals so aktuellen Fragen betreffend die Kriegsschuld im Sog von »Griff nach der Weltmacht«[2] hatte dieser karikaturale Militarist wenig zu tun. Ludendorff konnte höchstens im Rahmen der ja auch von und seit Fritz Fischer diskutierten Frage der Kontinuität zwischen den Eliten des Ersten und des Zweiten Weltkrieges einen Platz finden, da man ihn besonders als Feldherrnhallen-Groteske und verrückten Heilsprediger erinnerte.

Als »abschließend« galt Gerhard Ritters »Staatskunst und Kriegshandwerk«, dessen vierter Band soeben erschienen war. Ritter war äußerst entschieden in seiner Verurteilung der Vorherrschaft des nicht mehr zielgerichteten militärischen Denkens in der Krise von 1918. Er sah Ludendorff als voll verantwortlich für die Verschleppung des Eingeständnisses der Niederlage und damit für den katastrophalen Frieden. Der abrupte Wechsel von Siegeszuversicht zu Defätismus musste politisch bedenkliche, ja revolutionäre Folgen haben.[3] Was aber im Einzelnen im August/September 1918 geschehen war, blieb bei Ritter trotz detaillierter Schilderung von Nebensächlichkeiten blass.

Erneuert wurde die Diskussion durch die kurz zuvor erfolgte Veröffentlichung der Tagebücher von Generalmajor Albrecht von Thaer. Siegfried Kaehler hatte deren Inhalt schon Anfang der 1950er Jahre in einem Vortrag vor der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen bekannt gemacht.[4] Und was Thaer aus dem Großen Hauptquartier und über Ludendorffs Verhalten notierte, ist dann zum Ausgangspunkt der heute im Zentrum der Forschung stehenden Frage nach dem Kriegserlebnis der Soldaten in der Endphase des Krieges, nach den wirklichen militärischen Gründen des Zusammenbruchs von 1918 geworden.

Kessel war 1968 der Auffassung, dass die Akten über die Fragen des Kriegsendes von 1918 eigentlich geschlossen werden könnten, waren doch quellengenaue Studien wie die von Bernhard Schwertfeger[5], Erich Matthias und Rudolf Morsey[6] sowie die schon genannte von Kaehler seit einiger Zeit erschienen.

Kessel kam es nunmehr auf die persönliche Problematik Ludendorffs an, die er in den damals am meisten diskutierten Arbeiten – Fischer und Ritter – nicht hinreichend berücksichtigt fand. Dieses »persönliche« Interesse beruhte aber keineswegs auf dem traditionellen Impetus einer personalisierenden Geschichtsschreibung des »Männer machen Geschichte«, sondern auf der nach Kessels Empfinden noch unzureichend geklärten Frage, ob und wie weit Ludendorff für das Desaster von 1918 persönlich verantwortlich war. Kessel fand, dass die ja nicht zuletzt von Ludendorff verbreitete Dolchstoßlegende auch 50 Jahre nach den Ereignissen eine immer noch betörende Wirkung ausübte und dass Historiker und die politisch-historisch interessierte Öffentlichkeit immer noch viel zu sehr davon überzeugt waren, dass das deutsche Heer 1918 eigentlich »im Felde unbesiegt« gewesen sei. 1968 war unter Historikern der auch heute noch die intellektuell ertragreichste Darstellung der Dolchstoßlegende bildende Aufsatz von Hiller von Gaertringen bekannt sowie eine auf dasselbe Thema bezogene Untersuchung von Kaehler.[7] Offensichtlich dominierte in dieser so wichtigen Frage noch 1968 die memoristische Literatur der 1920er Jahre, nämlich Paul von Hindenburgs und Ludendorffs Kriegserinnerungen sowie die Memoiren einer ganzen Reihe von Generalen.

Um dem zu begegnen und um klar zu machen, dass Ludendorff in Wirklichkeit die Lage an der Front im Herbst 1918 vollkommen falsch eingeschätzt hatte, wendet sich Kessel der für ihn entscheidenden Frage zu, wie Ludendorff zu seiner brüsken Waffenstillstandsforderung am 28. September 1918 gekommen war. Ausführlich legt er dafür zunächst die Abfolge der Michael-Offensive vom März 1918 und deren Nachfolgeoperationen dar. Kessel insistiert auf den strategisch unzulänglichen und operativ nur störenden Aktivitäten Ludendorffs, wie sie etwa von Kronprinz Rupprecht[8] und dem schon genannten Thaer berichtet werden. Das betraf insbesondere Ludendorffs Manie, sich in die kleinsten Details einzumischen, von der OHL aus die Divisionsstäbe telefonisch zu »bearbeiten«, ohne irgendein genaues Wissen um die tatsächlichen Verhältnisse an der Front. Wenn man Ludendorff berichtete, dass eine bestimmte Division gar nicht mehr existierte oder nur noch dem Namen nach und in Wirklichkeit auf weit unter die Hälfte ihres Bestandes reduziert und erschöpft war, konnte das höchstens seinen Zorn über solche Nebensächlichkeiten erwecken. Weiter schildert Kessel die operativen Schwächen Ludendorffs genau: der Mangel an strategischer Absicht und keine »Schwerpunktbildung« bei den Angriffen, gemäß seinem, durch Thaer berühmt gemachten Diktum: »Wir hauen ein Loch rein, der Rest ergibt sich.« Nicht nur diese Unzulänglichkeiten attestiert Kessel dem heute manchmal »Diktator«[9] genannten Ludendorff, sondern auch sein Bemühen, die zivile Reichsleitung und die Öffentlichkeit systematisch über den Zustand des Heeres zu täuschen. Noch im Juli/August 1918 schwadronierte die OHL vom kommenden Sieg und formulierte maßlose Kriegsziele. Es sei bemerkt, dass dieser Diskurs und die Wirkung auf die deutsche Öffentlichkeit auch heute noch nicht hinreichend genau beschrieben worden sind.

Dazu passt, dass Ludendorff in dem Maße, wie die Niederlage unausweichlich wurde, begann, sich und die OHL aus der Verantwortung zu stehlen. Das erwies sich spätestens am 14. August 1918, als der Kaiser nach einer Besprechung im »Kronrat« – entsetzt über die Hoffnungslosigkeit der Lage – seine Auffassung kundtat: »Das kann natürlich nicht bis ins Unendliche weitergehen, wir müssen einen Weg suchen, um zum Schluß zu kommen.«[10] Das deutsche Weißbuch über die »Vorgeschichte des Waffenstillstandes 1918«[11] hat – wie Kessel zu Beginn seines Aufsatzes genau darlegt – Ludendorffs plötzliche Waffenstillstandsforderung vom 29. September als »auslösendes Element für die Niederlage im Ersten Weltkrieg« dargestellt. Gegen diese Darstellung hat Ludendorff polemisiert und protestiert und auch erreicht, dass sie in der zweiten Auflage des Buches fortgelassen wurde. Ludendorffs Argument war, dass er sich der Unlösbarkeit der Situation schon lange vorher bewusst gewesen sei und bereits am 13. August die Reichsleitung davon unterrichtet habe. Allerdings – so Kessel – ist hiervon in den Aufzeichnungen der Beteiligten an den Gesprächen vom 13. und 14. August nichts zu spüren. Das zeigen die von ihm herangezogenen Quellen, welche der Studie von Wolfgang Foerster – dem Präsidenten der kriegsgeschichtlichen Forschungsanstalt des Heeres – über »Ludendorff im Unglück«[12] sowie dem Gutachten von Schwertfeger für den Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung entstammen.[13]

Für Kessel besteht kein Zweifel daran, dass Ludendorff nicht – wie behauptet – bereits am 13./14. August die Reichsleitung über die festgefahrene Situation unterrichtet hat. Er und Hindenburg hätten es vorgezogen zu schweigen, als die Zivilisten anfingen, auf Aufklärung zu dringen. Ludendorff habe zu diesem Zeitpunkt immer wieder betont, dass nicht die materielle Überlegenheit der Feinde – etwa die Tanks und Flugzeuge – der Grund für die sich häufenden Fronteinbrüche waren, sondern allein die Unzuverlässigkeit der Truppe. Der »schwarze Tag des deutschen Heeres«[14], der 8. August 1918, mit dem Durchbruch der Alliierten bei Amiens sei allein auf Defätismus und Versagen der unteren Truppenführung zurückzuführen. Und für diese sei die zivile Reichsleitung verantwortlich, da sie pazifistische Parolen und Flugschriften, wie etwa die von Max von Lichnowsky, nicht unterbunden hätte und meuternde Soldaten kaum oder gar nicht bestraft würden.[15]

Zu jenem Zeitpunkt, so Kessel, sei Ludendorff noch wie eingemauert gewesen in seine ja schon sprichwörtlich gewordene Rechthaberei. Je aussichtsloser die Lage wurde, desto mehr habe er sich »an das Wunschbild eines trotz alledem günstigen Kriegsausgangs« geklammert.[16] In den beiden ersten Septemberwochen habe allerdings eine nervenärztliche Behandlung und ein kurzer Kuraufenthalt Ludendorff sein seelisches Gleichgewicht wiederfinden lassen. Es sei zu einer regelrechten »Befreiung einer versteinerten Seele« gekommen. Und just zu dem Zeitpunkt, wo der behandelnde Arzt feststellte, dass der Feldherr wieder körperlich frisch und gesund war, fasste Ludendorff den Entschluss, Klartext zu reden. Das Ergebnis sei seine Forderung vom 29. September gewesen, sofort einen Waffenstillstand zu schließen, um einer täglich drohenden Katastrophe zuvorzukommen. Allerdings führte auch diese nervliche Entspannung nicht zu einer Einsicht in eigenes Versagen. Denn als Ludendorff seinen Generalstabsoffizieren am 1. Oktober seinen Entschluss mitteilte, einen Waffenstillstand anzugehen, fügte er die heute oft zitierten Worte hinzu:

»Ich habe aber S.M. gebeten, jetzt auch diejenigen Kreise an die Regierung zu bringen, denen wir es in der Hauptsache zu danken haben, daß wir so weit gekommen sind [...] Sie sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben.«[17]

Kessel ist leider nicht sehr deutlich auf diesen so wichtigen Widerspruch eingegangen. Wie verhält sich die Tatsache, dass Ludendorff durch seine Nervenbehandlung wieder »klaren Kopf« gewonnen hatte und fähig wurde, die Unsinnigkeit des Weiterkämpfens einzusehen, zu seiner offensichtlich nach wie vor ungehemmten Überzeugung, dass nicht die Militärs, sondern die »streikende« Truppe und die nicht mehr kriegswillige »Heimatfront« am Zusammenbruch schuld waren? Allerdings geht aus Kessels so detaillierter Analyse der Entscheidungssituation des August/September überdeutlich hervor, dass die Militärs alles taten, um die Zivilisten über die tatsächliche Lage an der Westfront im Unklaren zu lassen. Wie ein Ertrinkender klammerte sich Ludendorff beispielsweise an den Strohhalm, dass es Berichte gäbe, wonach in der französischen Armee die »Lungenpest« ausgebrochen sei. Die Spanische Grippe als Wunderwaffe! Man merkt deutlich, dass Kessel trotz aller ebenso sachlicher wie unerbittlicher Quellenkritik – das ist ein riesiges Plus dieses Aufsatzes – doch irgendwie an Ludendorff hängt und ihn deshalb zu »verstehen« sucht. Dennoch gelangt er zu dem Urteil, dass Ludendorffs Erklärungen der Niederlage, wie sie noch 1968 in der populären und militärischen Literatur rezipiert wurden, in keiner Weise mit den Tatsachen übereinstimmen. Schuld an dem so verspäteten Entschluss, den Krieg zu beenden und Frieden zu schließen, ist für Kessel allein die OHL gewesen, die deshalb auch dafür verantwortlich ist, dass im November die Waffenstillstandsbedingungen sicherlich unerbittlicher waren, als sie es wohl bei Waffenstillstandsersuchen etwa im August gewesen wären.

Die heutige ganz überwiegend struktur- und kulturgeschichtliche Forschung hat wenig Interesse an den individuellen Befindlichkeiten der »decision-makers«, die in früherer Historiografie – auch noch bei Kessel – eine allzu große Bedeutung eingenommen hatten. In der aktuellen Forschung zum Thema wird Kessel, wenn überhaupt, nur noch ganz beiläufig erwähnt. In Nebelins Ludendorff-Biografie taucht er ein einziges Mal in den Fußnoten auf, in Zusammenhang mit der »Palastrevolution« der Ludendorff umgebenden Generale, die am 26. September gefordert hatten, die Reichsleitung »von der drohenden militärischen Katastrophe ins Bild zu setzen« (S. 458). Auch erzählt Nebelin detailliert (S. 454 f.) die ganze Geschichte der Nervenkrise Ludendorffs und der ärztlichen Kurbehandlung im September, ohne dass man erkennen könnte, warum das so ausführlich geschildert wird. Allerdings konstatiert Nebelin genau wie Kessel einen totalen Realitätsverlust Ludendorffs – wobei ihn das Verhältnis zwischen militärischer und ziviler Verantwortung für die Katastrophe von 1918 offensichtlich nicht interessiert.

David Stevenson geht in seiner meisterhaften Gesamtdarstellung des Jahres 1918 an allen Fronten nur noch marginal auf Ludendorff ein.[18] Aber er zeigt dafür detailliert, wie bereits ab 1917 die Moral in der deutschen Armee ins Bröckeln kam, so sehr, dass bereits im März 1918 die OHL vom Kriegsminister Maßnahmen forderte, die Truppendisziplin wiederherzustellen. Das Ministerium habe sich jedoch geweigert, auf diese Wünsche einzugehen. Folge davon war dann das massenhafte Überlaufen der Soldaten ab August 1918. Laut Stevenson habe der 8. August, nach Ludendorff ja der »schwarze Tag des deutschen Heeres«, lange nicht diese ihm später zugesprochene Bedeutung gehabt. Denn schon einen Tag später hätten sich die Deutschen wieder gefangen (S. 122 f.), auch wenn sie tatsächlich eine Krise der Moral erlitten, wovon die 30 000 am 8. August abhanden gekommenen Soldaten zeugten, die sich größtenteils »verdünnisiert« bzw. in Gefangenschaft begeben hatten. Die Frage der Information der Zivilisten und des »Kronrats« vom 14. August wird auf Seite 124 ganz knapp behandelt. Interessanterweise ist sich dieser doch so sachverständige Autor nicht ganz schlüssig, was eigentlich das entscheidende Charakteristikum dieser Kämpfe im August/September 1918 an der Westfront war. Einerseits zeigt er, wie demoralisiert die Deutschen waren, um aber gleich darauf die großen Schwierigkeiten des US-amerikanischen Angriffs Anfang bis Mitte September zu betonen (S. 128 f.). Ende August sei die deutsche Armee so erschüttert gewesen, dass der amerikanische Präsident Woodrow Wilson zu der Überzeugung kam, der Krieg könne noch 1918 beendet werden (S. 130). Aber: Die Deutschen wurden zu diesem Zeitpunkt noch überraschend leicht mit den Tanks fertig (S. 134). Stevenson spricht auch von Ludendorffs nervösem »Breakdown« (S. 161), jedoch gibt es für ihn eine Reihe Anzeichen, dass die deutsche Front sich wieder erholte. Die französische Heeresleitung kam sogar zu dem Schluss, dass Deutschland auf jeden Fall noch bis 1919 werde durchhalten können. Dies umso mehr, als auch die alliierten Truppen im September/Oktober so stark unter der Spanischen Grippe litten, dass der Oberbefehlshaber der British Expeditionary Force in Frankreich, Douglas Haig, später sagte, die ersten beiden Oktoberwochen seien die schwierigsten Wochen des Weiterkämpfens gewesen (S. 163 f.).

Es wird bei Stevenson nicht deutlich, wie sich denn die Kriegswaage nun wirklich neigte und ob das »Versagen« der politischen Führung eine so große Bedeutung hatte. Die entsprechenden Passagen des Buches sind etwas knapp geraten, und man hätte sich Überlegungen gewünscht, wie wir sie bei Kessel finden.

In einer jüngeren und sehr reichhaltigen Veröffentlichung zum Thema Kriegsfront – Heimatfront hat Michael Epkenhans jetzt betont, dass es eigentlich falsch sei, wenn immer von einer »Dolchstoßlegende« gesprochen und geschrieben werde, denn eine Legende hätte ja gemeinhin einen wahren Kern. In diesem Fall aber handele es sich um eine Lüge der Generalität, man solle also besser »Dolchstoßlüge« sagen. Wie schon Kessel, spricht Epkenhans von einer regelrechten Vogel-Strauß-Politik der OHL, die die Realitäten schlicht nicht mehr wahrgenommen habe.[19] Epkenhans hat für seinen Beitrag eine bislang nicht bekannte Untersuchung des Reichsarchivs-Spezialisten Hermann Cron aus dem Jahre 1919 auswerten können, in der mit erschütternder Offenheit der katastrophale Zustand der Truppe im Sommer/Herbst 1918 geschildert wird – ein Zustand, in dem Divisionen vielleicht nur noch 5000 Mann »stark« waren und in dem man auch eine Gruppe von 50 Mann noch dreist als »Kompanie« bezeichnete.[20] Für Epkenhans ist die Sachlage klar: Deutschland war militärisch besiegt, was selbst das Reichsarchiv in seiner offiziellen Darstellung des Weltkrieges unumwunden zugegeben habe. Und es war allein die Schuld der OHL, dass Regierung, Parlament und Öffentlichkeit erst so spät von der unabwendbaren Katastrophe informiert wurden. Das ist sicherlich zutreffend. Die wichtigste Frage in Bezug auf den »Dolchstoß« aber war, wie es General Hermann von Kuhl in seinem Bericht für den Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung formulierte, ob es nicht doch möglich gewesen wäre, die Positionen noch ein halbes Jahr lang zu halten, wenn die Revolution nicht ausgebrochen wäre. Unter solchen Voraussetzungen hätten die Alliierten einen von Deutschland zu vernünftigen Bedingungen angebotenen Waffenstillstand kaum ablehnen können, so kriegsmüde wie auch ihre Truppen inzwischen waren. Doch Ludendorff habe – so Dieter Storz in seiner glänzenden Darstellung der Michael-Offensive – ab Sommer 1918 nur noch »Konkursverschleppung« betrieben und sei überdies in einem Zustand gewesen, in dem er die militärische Lage nicht mehr rational habe beurteilen können. Das Verharren im Offensivmodus trotz der Unfähigkeit, die Truppen weiter in Bewegung zu halten, habe wesentlich dazu beigetragen, über Monate hinweg die Illusionen der deutschen Öffentlichkeit über einen günstigen Kriegsausgang zu erhalten.[21]

Diese Illusion, so muss man folgern, wurde dann mit Ludendorffs verspäteter und inkohärenter Waffenstillstandsforderung so jäh zerrissen, dass es zu Revolten und Aufruhr und einer revolutionären Situation kam, die ein Verhandeln mit den Alliierten über einen erträglichen Waffenstillstand schlichtweg unmöglich machten. Das Verdienst Kessels ist es, als einer der ersten Militärhistoriker auf diese Verantwortlichkeit der Militärs hingewiesen zu haben, wodurch der damals immer noch gängige Dolchstoß-Vorwurf entscheidend erschüttert wurde. Heute bleibt uns noch zu klären, ob der »Dolchstoß« wirklich nur eine »Lüge« war, wie Epkenhans meint, oder ob im sprichwörtlichen Sinne tatsächlich kein Rauch ohne Feuer entsteht.[22] In der heutigen Diskussion wird leider zumeist nur die extreme Variante des Vorwurfes, nämlich die des Nationalsozialismus rezipiert. Diese ist selbstverständlich eine Lüge. Aber schon Gaertringen hat in seinem zitierten Dolchstoß-Aufsatz gezeigt, wie vielfältig und zum Teil auch realistisch die zeitgenössischen Varianten des »Dolchstoßes« waren. Hier gilt es weiter zu forschen.

Published Online: 2017-10-24
Published in Print: 2017-9-26

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 8.12.2022 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/mgzs-2017-0156/html
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