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Publicly Available Published by Oldenbourg Wissenschaftsverlag October 24, 2017

Clio und die Marine

Gerhard Schreiber, Zur Kontinuität des Groß- und Weltmachtstrebens der deutschen Marineführung

Holger H. Herwig EMAIL logo

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Gerhard Schreiber, Zur Kontinuität des Groß- und Weltmachtstrebens der deutschen Marineführung


In: MGM, 26 (1979), 2, S. 101–171; https://doi.org/10.1524/mgzs.1979.26.2.101

Clio und die Marine standen oftmals in einem heiklen Verhältnis zueinander. Kein Wunder, bei den Höhen und Tiefen der preußisch-deutschen Marine, den Legenden und Mythen ihrer Geschichte, ihrer ewigen Sorge um Existenzberechtigung und dem gleichfalls ewigen Zyklus von Untergang und Auferstehung. Man denke dabei an die umjubelte Begründung der Reichsflotte in der Paulskirche im Juni 1848, an die klägliche Versteigerung dieser Bundesflotte in Brake im August 1852, an die strahlenden Flottenparaden der Tirpitz’schen Hochseeflotte in der Kieler Bucht, an die relative Untätigkeit und internen Streitereien im Ersten Weltkrieg, an die Meuterei und den »Fluch der Revolution« im November 1918, an den schmachvollen Untergang durch Selbstversenkung in Scapa Flow im Juni 1919, an die Auferstehung als »Flotte des Führers« im Jahre 1935 und an die Verdammung im Zweiten Weltkrieg »mit Anstand zu sterben«, um damit »die Grundlage für einen späteren Wiederaufbau zu schaffen« (Großadmiral Erich Raeder) – und bei alledem die Aversion der Historiker-Zunft, sich überhaupt mit der Geschichte der Marine (»Trabant des Heeres«) zu beschäftigen.

Wie war das nach 1945 zu bewältigen? Die Marineakten wurden zur Beute der Alliierten, doch man war (wie nach 1918) bestrebt, die Deutungsmacht über die eigene Geschichte zu behalten und sie auf keinen Fall zivilen »Lehnstuhlstrategen« zu überlassen. Gefördert durch privilegierten Aktenzugang, der Rückendeckung nicht nur der Regierung Adenauers, sondern auch der U. S. Historical Division gewiss, bauten hauptsächlich ehemalige Marineoffiziere (Walther Hubatsch, Friedrich Ruge, Rolf Güth, Paul Heinsius, Gerhard Bidlingmeier) fleißig an dem »Tirpitz-, Raeder-, Dönitzschen Grundmuster« (Michael Salewski) weiter: Maritime Hagiografie. Sie rechtfertigten vergangenes Handeln und verteidigten die Deutungshoheit über die Vergangenheit. Der Frage nach der Verstrickung der Marine in die Verbrechen des NS-Unrechtsregimes wichen sie einfach aus oder sie wiesen stolz auf Raeders Schlusswort im Oktober 1946 vor dem Internationalen Militärtribunal in Nürnberg hin: Die Marine stehe »vor diesem Gericht und vor der Welt mit reinem Schild und unbefleckter Flagge da«. Und da die Marineakten sich weiter in alliierten Händen befanden, verfügten die »Alten« über ein einzigartiges »Herrschaftswissen« (Michael Epkenhans), das sie mit »willfährigen Historikern teilten oder auch nicht«.

Ihre privilegierte Aufarbeitung der Vergangenheit erlitt aber in den 1970er Jahren einen riesigen Schock, als die zwischen 1959 und 1977 aus London zurückgeführten Marineakten des sogenannten Tambach-Archivs seriösen Forschern im Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg zugänglich gemacht wurden. Als die ersten aktenkundigen Marinegeschichtsbücher seitens einer jüngeren, unbelasteten Generation von »Wilden« (so Salewski) erschienen, gab es dann auch echte Marinehistoriker-Schlachten. Die »Wilden« wurden seitens der »Alten« entweder belächelt oder verteufelt. Aber das »Tirpitz-, Raeder-, Dönitzschen Grundmuster« bekam auf Basis der jetzt vorhandenen überwältigenden Quellenlage immer wieder Kratzer.

Damit kommen wir zur Dokumentation von Gerhard Schreiber, Jahrgang 1940, bei Klaus-Jürgen Müller an der Universität Hamburg 1978 mit der Dissertation »Marineführung und deutsch-italienische Politik 1919 bis 1944« zum Dr. phil. promoviert. Zur Zeit dieser Veröffentlichung war Schreiber Korvettenkapitän der Bundesmarine sowie Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg i.Br. Getreu der Forderung Leopold von Rankes nach einem kritischen Quellenstudium (»Ad fontes«), präsentierte Schreiber eine Auswahl von annotierten Marinedokumenten aus der Zeit von 1897 bis 1945 und eine ausführliche Einleitung zur Auswahl sowie zum Inhalt der Dokumente unter Betrachtung der Frage nach der »Kontinuität des Groß- und Weltmachtstrebens der deutschen Marineführung« – ein durchaus heikles Unterfangen zu einem Zeitpunkt, als sich die Zunft intensiv mit der Frage von einem deutschen »Sonderweg« befasste.

Der Historiker Schreiber arbeitete sauber und genau. Wohl wissend, dass er sich bei der Konzentration auf eine einzige Quellengruppe – so zum Beispiel die Akten des Reichsmarineamts unter Tirpitz oder diejenigen der I. Seekriegsleitung unter Raeder – dem Vorwurf der Eindimensionalität aussetzen würde, unternahm Schreiber, was er eine »heterogene Auswahl« der Quellen aus den »verschiedensten Bereichen der Marine« nannte. So stammten die von ihm ausgewählten Dokumente von der Friedenskommission des Reichsmarineamts (1919), vom Chef der Marineleitung (1926), von der Leitung der Flottenabteilung (1926, 1929), von der Seekriegführung (1940) und schließlich von dem ehemaligen Kommandierenden Admiral des Marinegruppenkommandos West (1944/45).

Die von Schreiber herangezogenen (und bis dahin unveröffentlichten) Dokumente verteilen sich auf den Zeitraum zwischen den beiden wichtigsten Zäsuren deutscher Marinegeschichte: dem Beginn des »antibritisch ausgerichteten Großflottenbaus« unter Wilhelm II. und dem Zusammenbruch des Dritten Reiches. Sie bringen den »Schlüssel für den Nachweis der Kontinuität in den machtpolitischen Zielsetzungen der Marineführung« (Seemachtideologie). Diese Kontinuität spannte den zeitlichen Bogen vom Kaiserreich über die Weimarer Republik zum Dritten Reich und sie zielte unerschütterlich darauf, Deutschland zur maritimen Weltmacht zu erheben, wobei es den höchsten Stellen der Marineführung nicht entging, dass dies zur Konfrontation mit Großbritannien führen musste. Eine Flotte gegen England: so Tirpitz, so Raeder. Auf Basis dieser herangezogenen Quellen räumte Schreiber mit vielen liebgewordenen Klischees der »Alten« auf.

Aber wie steht es bei dem Verfasser der Dokumentation mit der geschichtswissenschaftlichen Kategorie »Kontinuität«? Schreiber stellt den Terminus nicht mit Kausalität oder Determiniertheit historischer Entwicklungen gleich, sondern meint damit einfach »die Ähnlichkeit und die Erklärbarkeit des Späteren mit dem Früheren«. Seine These lautet, dass es zwischen den imperialistischen Zielsetzungen der Marine unter Tirpitz und Wilhelm II. und den Überlegungen zur deutschen Weltvorherrschaft seitens Raeder und Hitler eine »ununterbrochene machtpolitische Kontinuität« gab. Vor 1918, vor 1933 und bis 1945 konzentrierte sich eine ideologische Kohärenz darin, durch einen »rigorosen Navalismus oder Mahanismus« das Deutsche Reich von der kontinentaleuropäischen Großmacht zur überseeischen Weltmacht zu erheben. Wie sonst ist es zu verstehen, dass die Seekriegsleitung im August 1941 eine gegen den »Kern der angelsächsischen Seemacht« gerichtete »einigermaßen [!] ebenbürtige Flotte« in einem Umfang von 80 Großkampfschiffen, 20 Flugzeugträgern, 225 Kreuzern, 500 U-Booten und weitere 1250 andere Kriegsschiffen ins Auge fassen konnte? Eine Flotte, laut Gerhard Schreiber, »für die Auseinandersetzung mit dem Rest der Welt«.

Der Antagonismus gegenüber Großbritannien und jedes Wollen der Konfrontation mit ihm – auch wenn zeitweise aus taktischen Gründen camoufliert – war die »Konstante im Weltmachtstreben« der deutschen Marineführungselite. Schreiber ging brutal mit den Legenden und Mythen der »Alten« ins Gericht: Die Flotte war nicht zum Schutz der deutschen Fischerei oder der heimischen Küste, sondern von Anfang an gegen Großbritannien – Deutschlands »zur Zeit gefährlichsten Gegner« laut Tirpitz’ Denkschrift aus dem Jahre 1897 – und in der Zukunft auch gegen die Vereinigten Staaten konzipiert. Ob durch »heißen« oder »kalten« Krieg, der Tirpitz’sche Großflottenbau, wie später derjenige Raeders, forderte den Konflikt mit den angelsächsischen Seemächten (vor allem Großbritannien) förmlich heraus.

Die Marineentwicklung während der Weimarer Republik brachte keinen Bruch mit der Tirpitz’schen Tradition, sondern belegte für Schreiber (nach Rückgriff auf Quellen unterschiedlicher Herkunft) ein Kontinuum des Weltmachtstrebens der Marineführung. Man rettete ein ungebrochenes Selbstverständnis in die nicht gerade geliebte Nachkriegszeit hinüber und man klammerte sich weiter an das alte Stirb-und-Werde-Denken. In den Memoiren von Marineoffizieren sowie in dem offiziellen Seekriegswerk (»Der Krieg zur See«) kamen dann Anglophobie, Systemfeindlichkeit und der Wille, die alte Flottenideologie am Leben zu erhalten, zusammen. Der wilhelminische Großflottenbau wurde als ein »ausschließlich defensiven Zwecken dienendes Unterfangen« charakterisiert. Der Ausbruch des Krieges 1914 habe sich allein aus dem englischen Handelsneid ergeben und auch das klägliche Scheitern des Flottenbaus 1918/19 habe schlicht die »Notwendigkeit und Berechtigung einer deutschen Flotte« bestätigt. Die kleine, durch den Versailler Friedensvertrag erlaubte Reichsmarine wurde bestenfalls als »Keimzelle der wiederherzustellenden deutschen Seemacht« angesehen. Realistisch gesehen, konnte der neue Gegner nur Frankreich (und Polen) heißen; der Fern- oder »Hassgegner« aber blieb Großbritannien – auch wenn man die pragmatische Anlehnung an das »perfide Albion« in offiziellen Kreisen herausposaunte.

Kontinuität in der deutschen Seemachtsideologie lief wie ein roter Faden durch alle Denkschriften, Lagebeurteilungen und Lagevorträge der I. Seekriegsleitung. Raeders Stellungnahme gegenüber Hitler vom Juni 1934, dass die »Weltgeltung der Nationen« mit der »Skala ihrer Seemacht« identisch sei, war laut Schreiber »Navalismus in der besten Tirpitzschen Tradition«. Die alten Schlagwörter vom Kampf um See- und Weltmacht, von Bündnisfähigkeit durch Seemacht und vom Platz an der Sonne traten in kaum veränderter Form erneut auf. Hinzu kamen (bereits seit Ende der 1920er Jahre) nicht nur, was der Verfasser eine »aggressive Mischung aus nationalem Pathos, dogmatisiertem Revanchedenken und militaristischer Programmatik« nennt, sondern auch »Antibolschewismus, rassistische Tendenzen gegenüber den Völkern des europäischen Ostens, Frankophobie, Faschismusaffinität [und] antidemokratische Grundhaltung«. Das berühmte und vielzitierte, von Raeder aufgestellte Tabu, einen Krieg mit Großbritannien nicht einmal gedanklich zu berücksichtigen, verschwand dann im September 1939 von der Bildfläche, als er erklärte, die neue deutsche Seemacht habe die eine Aufgabe, die »englische Flotte zu schlagen und die englischen Zufuhren abzuschneiden, d. h. die Endlösung [!] der englischen Frage zu finden« – allesamt, resümierte der Verfasser, kaum »nüchterne strategische Analysen«.

Gerhard Schreibers Dokumentation mit der quellengesättigten Einleitung – ganze 70 Druckseiten – erschien am Ende eines Jahrzehntes, das die erste Welle einer neuen Marinegeschichtsschreibung bezeugte. Der privilegierte Aktenzugang der »Alten« war durch die Rückgabe des ehemaligen Marinearchivs beendet. In den 1970er Jahren erschienen eine Reihe aktenkundiger Marinegeschichtsbücher, die die deutsche Seemachtideologie von Wilhelm II. und Tirpitz bis zu Hitler und Raeder neu interpretierten. Man denke dabei nur an die bahnbrechenden Analysen von Volker R. Berghahn, »Der Tirpitz-Plan« (1971) und Wilhelm Deist, »Flottenpolitik und Flottenpropaganda« (1976) für die Zeit des Zweiten Reiches, an die neue Interpretation von Werner Rahn zur »Reichsmarine und Landesverteidigung 1919–1928« (1976), an Jost Dülffer »Weimar, Hitler und die Marine« (1973) und schließlich vor allem an Michael Salewskis dreibändigen Klassiker »Die deutsche Seekriegsleitung 1935–1945« (1970–1975). Am Ende des Jahrzehnts erlaubte Schreibers Dokumentation jedem, der nicht Zugang zu den in Freiburg lagernden Marineakten hatte, frische Einsicht in die reiche Quellenlage des Bundesarchivs. Aber Schreiber ging noch einen Schritt weiter: er belegte die weitgehende Interessenidentität zwischen Militär, Wirtschaft und Diplomatie. In beeindruckender Weise stellte er in seiner von Tirpitz bis Raeder reichenden Dokumentation die Kontinuität des deutschen maritimen Weltmachtstrebens dar. Mit klaren, manchmal fast brutalen Worten räumte er mit den Mythen und Legenden der »Alten« auf. Nach 1979 musste jeder seriöse Student der deutschen Marinegeschichte (auch der Verfasser dieses Beitrags) sich mit Schreibers Thesen und Dokumente auseinandersetzen. Daran ging kein Weg vorbei.

Published Online: 2017-10-24
Published in Print: 2017-9-26

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 30.11.2022 from frontend.live.degruyter.dgbricks.com/document/doi/10.1515/mgzs-2017-0159/html
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