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Publicly Available Published by Oldenbourg Wissenschaftsverlag October 24, 2017

Militär, Krieg und Geschlecht: Ein Kommentar zur Militärgeschichtsschreibung in der MGZ

Karen Hagemann

Ein fünfzigjähriges Jubiläum lädt zum Rückblick ein. Ich möchte diesen Anlass nutzen, um die Bedeutung des Themas Militär, Krieg und Geschlecht in der Geschichte der »Militärgeschichtlichen Mitteilungen« (MGM) und seit 2000 der »Militärgeschichtlichen Zeitschrift« (MGZ) zu reflektieren und in die Entwicklung der Militärgeschichtsschreibung einzuordnen. Die Historiografie zu diesem Thema hat mittlerweile eine mehr als dreißigjährige Tradition. Die ersten Veröffentlichungen erschienen bereits in den 1980er Jahren, zunächst vor allem im englischsprachigen Raum. Dabei stand anfangs die Frage nach dem Platz der Frauen in der Geschichte von Militär und Krieg im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Untersucht wurde die sich historisch wandelnde Rolle von Frauen in Militär und Krieg, insbesondere ihr Beitrag in der Kriegswirtschaft und Kriegsfürsorge an der »Heimatfront« im Ersten und Zweiten Weltkrieg.

International war der 1987 von Margaret Randolph Higonnet und anderen herausgegebene Band »Behind the Lines. Gender and the Two World Wars« wegweisend.[1] Dieses Buch, an dem auch deutsche Autorinnen mitwirkten, bot einen ersten breiten Überblick der Ansätze, Fragestellungen und Forschungsergebnisse der Frauen- und Geschlechtergeschichte zum Ersten und Zweiten Weltkrieg. In ihrem Einleitungsbeitrag »Rewriting History« schlug Joan W. Scott vor, »Geschlecht« in der Erforschung von Militär und Krieg als beides zu begreifen: einen Forschungsgegenstand und eine Forschungsmethode. Dabei definierte sie »Geschlecht« als sozial und kulturell bestimmtes, relationales und kontextspezifisches, d. h. sich stetig wandelndes Wissen über die wahrgenommenen sexuellen Differenzen, das nicht nur ein konstitutives Element sozialer Beziehungen war und ist, sondern auch ein zentrales Mittel, um Macht- und Herrschaftsbeziehungen zu formen und auszudrücken.[2] In dem Beitrag empfahl Scott zudem, nicht nur auf die Veränderungen in der Geschlechterordnung und den Geschlechterbeziehungen von Kriegen zu achten, die eine gesellschaftliche Ausnahmesituation darstellen, sondern auch auf die Kontinuitäten, insbesondere in den Repräsentationen von Geschlecht, die die Politik und Kultur von Kriegen reflektieren.[3] Basierend auf Scotts Überlegungen, entwickelten Margaret Randolph Higonnet und Patrice Higonnet in dem Band mit der Metapher der »double helix« ein heute noch diskutiertes Konzept für die Analyse der Beziehung von »Geschlecht« und »Krieg«, das dabei half, die paradoxe Gleichzeitigkeit von Fortschritten und Rückschritten in den Geschlechterverhältnissen moderner Kriegs- und Nachkriegsgesellschaften zu erfassen:[4]

»Wenn die Heimatfront mobilisiert wird, werden Frauen häufig zwar mehr Rechte zugestanden, u. a. im Erwerbsleben oder in der Sozialpolitik. Ungeachtet dessen behält die Kriegsfront – als primär männliche Domäne – ökonomische, soziale und kulturelle Priorität. Daher wird die Geschlechterhierarchie nicht infrage gestellt, auch wenn sich der praktische Handlungsspielraum von Frauen während des Krieges vorübergehend ausweiten mag. Die Hierarchie wird vielmehr durch einen Diskurs stabilisiert, der systematisch ungleiche Geschlechterbeziehungen zur Norm erklärt.«[5]

Die Metapher der »double helix« hilft uns zu verstehen, warum trotz einer Ausweitung des weiblichen Handlungsspielraums versucht wurde, während der beiden Weltkriege die Geschlechterhierarchie im Zuge der kulturellen und sozialen Demobilisierung nach beiden Kriegen um so rigider wiederherzustellen. Der breit rezipierte Band »Behind the Lines« formte nachhaltig die Forschung zum Thema Militär, Krieg und Geschlecht.

Eine der frühesten deutschen Veröffentlichungen zur Geschichte des Zeitalters der Weltkriege, die sich mit dem Paradox der Gleichzeitigkeit von Fort- und Rückschritten in den Geschlechterverhältnissen einer Kriegsgesellschaft befasste, war Ute Daniels Buch »Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft. Beruf, Familie und Politik im Ersten Weltkrieg«, das 1989 erschien und die bis dahin in der Sozialgeschichte vorherrschende Annahme grundlegend infrage stellte, dass der Erste Weltkrieg zur verstärkten Einbeziehung von Frauen in das Erwerbsleben beigetragen und auf diese Weise die Frauenemanzipation befördert habe.[6]

Seit den späten 1980er Jahren erschien eine schnell wachsende Zahl von historischen Studien zum Thema Militär, Krieg und Geschlecht. Vor allem zwei Faktoren haben zu dieser Entwicklung beigetragen. Zum einen machten die Kriege auf dem Balkan, die nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Staatensystems begannen und sich bis zur Jahrtausendwende hinzogen, die Aktualität des Themas Militär und Krieg weit über den engen Expertenkreis der Militärhistoriker hinaus deutlich. Sie verwiesen zudem unübersehbar auf das Phänomen von nationalistisch und ethnisch legitimierter Massengewalt, die sexuelle Gewalt einschloss, und zeigten einmal mehr die zerstörerischen Auswirkungen von modernen, hochindustrialisierten Kriegen auf Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur. Zugleich nahm die Zahl der globalen Konflikte nach dem Ende des Kalten Krieges deutlich zu. Zum anderen beförderten der Paradigmenwechsel von der Sozial- zur Kulturgeschichte und die Hinwendung von der nationalen zur transnationalen und globalen Geschichte einen Wandel der Militärgeschichtsschreibung. Dieser hatte bereits in den 1970er Jahren mit der »new military history« eingesetzt, die eine Einbeziehung von zunächst sozial‑ und wirtschaftsgeschichtlichen und später auch alltagsgeschichtlichen Fragestellungen in die Untersuchung von Militär und Krieg propagierte. Seit den 1990er Jahren beeinflussten zunächst der »linguistic turn« und die damit einhergehende Öffnung für kulturgeschichtliche Fragestellungen sowie die Hinwendung zu transnationalen und globalen Ansätzen die Militärgeschichtsschreibung.[7]

Damit wurde das Thema Militär und Krieg für Historikerinnen und Historiker attraktiv, die sich der traditionellen Militärgeschichtsschreibung, die von Dennis E. Showalter so treffend als »drum and trumpet history« bezeichnet wurde, nicht genähert hätten.[8] Die Vielfalt der Ansätze und Fragestellungen, mit denen die Forschung in den letzten zwei Jahrzehnten das Thema Militär und Krieg analysierte, ist beeindruckend. Sie reicht von einer neuen Militär- und Operationsgeschichte über die Politik- und Wirtschaftsgeschichte sowie die Sozial- und Technikgeschichte bis hin zur Kunst-, Kultur- und Geschlechtergeschichte. Deshalb sprachen Thomas Kühne und Benjamin Ziemann bereits 2000 in ihrer Einführung des Bandes »Was ist Militärgeschichte?« von einer »Militärgeschichte in der Erweiterung«.[9]

Die Integration frauen‑ und geschlechtergeschichtlicher Ansätze, Methoden und Themen in die Erforschung von Militär und Krieg war Teil dieser Entwicklung der internationalen Forschung. Zur Attraktivität eines geschlechtergeschichtlichen Ansatzes für die militärgeschichtliche Forschung hat in den 1980er Jahren zunächst die Ausweitung der Frauen‑ zur Geschlechtergeschichte und in den 1990er Jahren der Geschlechter‑ zur Männergeschichte – oder wie es im Englischen treffender heißt »history of masculinities« – beigetragen.[10] Zu den frühen bahnbrechenden Publikationen, die sich mit der »Männlichkeit« von Militär und Krieg befassten, gehörten Klaus Theweleits 1977 veröffentlichtes Buch »Männerphantasien« und George L. Mosses 1990 publizierte Studie »Fallen Soldiers. Reshaping the Memory of the World Wars«.[11] Doch erst seit den 1990er Jahren erschienen mehr männergeschichtliche Studien zum Thema. Die Geschichte von Militär und Krieg entwickelte sich in den 1990er Jahren zu einem der ersten Forschungsfelder, in denen die Geschlechtergeschichte systematisch zur Geschichte von Männern und Männlichkeit weiterentwickelt wurde. Die Forschung zur britischen und deutschen Geschichte, die hier wegweisend war, untersuchte nicht nur die Bedeutung von konkurrierenden Männerbildern im Kontext von Militär und Krieg, z. B. für die Kriegsmobilisierung, sondern analysierte auch die vielfältigen, sich historisch wandelnden männlichen Erfahrungen von Militär und Krieg. Herausgearbeitet wurde u. a., wie die diversen Differenzen – Klasse, Rasse, Ethnizität, Konfession, Sexualität, Alter, Familienstand und militärische Position – die männlichen Kriegserfahrungen beeinflussten.[12] Ein weiteres wichtiges Thema dieser Forschung war der Zusammenhang von Formen militärischer Rekrutierung und Mobilisierung mit Vorstellungen von geschlechtsspezifischer politischer Partizipation und männlichen Staatsbürgerrechten.[13]

Nach mehr als drei Jahrzehnten internationaler Forschung zum Thema Militär, Krieg und Geschlecht ist das nach wie vor innovative Feld heute so weit entwickelt, dass es nahezu unüberschaubar geworden ist. Dies gilt vor allem für die Zeit des Ersten und Zweiten Weltkrieges, aber auch für andere Konflikte der Neueren Geschichte, wie die amerikanischen und französischen Revolutionskriege, die Napoleonischen Kriege, den amerikanischen Bürgerkrieg, die diversen Kolonialkriege und antikolonialen Befreiungskriege. Wichtige Themen der Geschlechterforschung zu Militär und Kriege sind

  1. Kriegsmobilisierung, Geschlechterbilder und Geschlechterordnung,

  2. das Verhältnis von Militär und Zivilgesellschaft in Frieden und Krieg, einschließlich der Beziehung von »Heimat« und »Front«,

  3. der zivile und militärische Kriegsdienst von Frauen einschließlich der Kriegskrankenpflege,

  4. Krieg, sexuelle Gewalt und Geschlechterbeziehungen,

  5. Militärdienst, Männlichkeit und Staatsbürgerschaft,

  6. Demobilmachung und Neuordnung der Nachkriegsgesellschaft,

  7. die durch Geschlechterbilder überformten individuellen und kollektiven Kriegserinnerungen,

  8. Geschlechterbilder und Geschlechterbeziehungen in humanitären Initiativen und Friedensbewegungen.[14]

Die Entwicklung der internationalen Frauen- und Geschlechterforschung zu Militär und Krieg seit den späten 1980er Jahren brachte dem Forschungsfeld wachsende Anerkennung.

Diese Entwicklung spiegelt sich allerdings nur in sehr begrenztem Maße in den Jahrgängen der MGM/MGZ wider, die seit der Gründung der Zeitschrift erschienen. Frauen- und geschlechtergeschichtliche Beiträge zu Militär und Krieg waren und sind hier nach wie vor eine Ausnahme. Dies zeigt eine Auswertung der 459 Beiträge (davon 363 Aufsätze und 96 Dokumentationen; Rezensionen, Literatur-, Forschungs- und Tagungsberichte werden nicht berücksichtigt), die zwischen 1967 und 2015 veröffentlicht wurden. Davon stammten zwar 31 (6,6 Prozent) von einer Autorin, doch nicht mehr als neun (2,4 Prozent) integrierten zumindest ansatzweise eine frauen‑ und geschlechtergeschichtliche Perspektive.[15]

Bis in die 1990er Jahre hinein war die MGZ – und mit ihr die Militärgeschichtsschreibung in Westdeutschland – fest in Männerhand. 1981 erschien der erste Beitrag einer Autorin. Bis 1990 erhöhte sich diese Zahl auf vier, der Anteil lag damit in den 1980er Jahren bei 4,4 Prozent. In den 1990er Jahren stieg die Zahl der Autorinnen auf fünf und einen Anteil von 5,2 Prozent. Erst im ersten Jahrzehnt nach dem Millennium nahm die Zahl der von Frauen verfassten Beiträge deutlich zu; sie stieg auf 14 und erreichte damit 20,4 Prozent. Allerdings hielt dieser Trend in den letzten Jahren nicht an. Dennoch spiegelt diese Entwicklung zum einen die wachsende Zahl und den steigenden Anteil von Historikerinnen in der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft. Der Anteil der Frauen an den promovierten Historikern wuchs von 31 Prozent im Jahr 1987 auf 44 Prozent in 2012 und an den habilitierten von 6 auf 33 Prozent.[16] Zum anderen zeigt er, dass mehr Historikerinnen sich seit den 1990er Jahren dem Thema Militär und Krieg widmeten. Dies zeigt die thematische Auswertung der MGM/MGZ. Der erste Beitrag, der eine geschlechtergeschichtliche Perspektive im Titel andeutet, erschien 1992 und stammt von Eckard Trox. »Kriegerfeste, militärische Männerbünde und politisierte Offiziere. Aspekte preußischer Militärgeschichtsschreibung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Geschichte konservativer Modernisierung« war ein innovativer Aufsatz zur Kulturgeschichte des Militärs, der militär- und gesellschaftsgeschichtliche Fragestellungen kombinierte und versuchte, das »Eindringen militärischer Werte und Hierarchien in den Alltag der preußischen Gesellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts transparent zu machen«.[17] Die männergeschichtliche Perspektive ist in dem Aufsatz allerdings nur ansatzweise auf wenigen Seiten entwickelt. Der Autor argumentiert hier, dass das militärische Milieu einen »männlichen Freiraum« bot, da es sich dem »weiblichem Zugriff entzog« und über »die klassischen militärischen Hierarchien die Möglichkeit« eröffnete, dem weiblichen »Geschlecht diejenige Rolle zuzuweisen, die die Männer für angemessen hielten«.[18] Spätere Forschungen führten die Analyse der Militärkultur einschließlich der kollektiven Konstruktion von Kriegserinnerungen unter geschlechtergeschichtlichen Fragestellungen weiter.[19]

Zwei Jahre später folgte der nächste Beitrag zu einem geschlechtergeschichtlichen Thema. Dieter Riesenbergers Aufsatz mit dem Titel »Zur Professionalisierung und Militarisierung der Schwestern vom Roten Kreuz vor dem Ersten Weltkrieg« untersuchte die Entwicklung der weiblichen Kriegskrankenpflege von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges.[20] Diese informative und detailreiche sozial- und organisationsgeschichtliche Studie zur Professionalisierung der Ausbildung und des militärischen Einsatzes von Krankenschwestern im Deutschen Roten Kreuz behandelte die intensive Kooperation zwischen den Vaterländischen Frauenvereinen, die seit 1859 im Kontext der Italienischen Unabhängigkeitskriege und der Deutschen Einigungskriege entstanden, und dem Internationalen und Deutschen Roten Kreuz. Der Aufsatz beschreibt die systematische Einbeziehung der freiwilligen weiblichen Krankenpflege in die Kriegsversorgung und Kriegsplanung und argumentiert, dass diese Entwicklung »nicht wenig zur Militarisierung des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland beigetragen« habe. Seine Hauptthese ist, dass »der moderne Krieg mit seinem massenhaften Verschleiß von Menschen und Material der wichtigste Förderer der Krankenpflege war«. Denn den Folgen der industrialisierten Massenkriegführung mit ihrer dramatisch ansteigenden Opferzahl waren, so Riesenberger, die »traditionellen Träger der Krankenpflege – die religiösen Orden, die ungenügend ausgebildeten und sozial deklassierten Wärterinnen und Wärter und die rückständigen Sanitätsdienste der Heere – nicht gewachsen«.[21] Er argumentiert, dass in der »Lösung der Krankenpflege von den konfessionellen Orden« und der »Professionalisierung der pflegerischen Tätigkeit« von Frauen zwar ein »emanzipatorisches Potential« gelegen habe, aber dieses zugleich durch die Indienstnahme der Pflegerinnen »für das militärische Sanitätswesen als Dienst an Kaiser und Vaterland« eingeschränkt worden sei.[22] Riesenbergers Aufsatz war bahnbrechend und innovativ. In den folgenden zwei Jahrzehnten entwickelte sich das Thema der weiblichen Kriegskrankenpflege zu einem wichtigen Forschungsfeld der Geschlechtergeschichte von Militär und Krieg.[23]

Bis zum Jahr 2001 erschienen dann keine weiteren Beiträge in der MGM/MGZ mehr, die in irgendeiner Weise versuchten, frauen- und geschlechtergeschichtliche Fragenstellungen und Methoden aufzugreifen. Dies änderte sich 2001 mit einem Themenheft »Nach – Kriegs – Helden. Kulturelle und politische Demobilmachung in deutschen Nachkriegsgeschichten«, das von Karen Hagemann herausgegeben wurde. Im Zentrum standen die Prozesse der kulturellen, sozialen und politischen Demobilmachung nach den vier großen Kriegen des 19. und 20. Jahrhunderts.[24] Die Einleitung von Richard Bessel mit dem Titel »Was bleibt vom Krieg? Deutsche Nachkriegsgeschichte(n) aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive« (S. 297–306) führte in die Forschung ein. Den Auftakt machte dann ein Aufsatz von Karen Hagemann mit dem Titel »Tod für das Vaterland. Der patriotisch-nationale Heldenkult zur Zeit der Freiheitskriege« (S. 307–342),[25] gefolgt von Jakob Vogels Beitrag »Der Undank der Nation. Die Veteranen der Einigungskriege und die Debatte um ihren ›Ehrensold‹ im Kaiserreich« (S. 343–366)[26] und Sabine Kienitz’ Aufsatz »Der Krieg der Invaliden. Helden-Bilder und Männlichkeitskonstruktionen nach dem Ersten Weltkrieg« (S. 367–402).[27] Abgeschlossen wurde das Heft durch den Aufsatz von Robert G. Moeller zur »Heimkehr ins Vaterland. Die Remaskulinisierung Westdeutschlands in den fünfziger Jahren« (S. 403–436).[28] Das Themenheft demonstrierte anschaulich das Potenzial einer vergleichenden Geschlechtergeschichte von Demobilmachung und Nachkriegsgesellschaften und die hervorragende Bedeutung von konkurrierenden Männlichkeitsbildern im Prozess der Demobilisierung.

Dies war und blieb allerdings das einzige Heft zu einem geschlechtergeschichtlichen Thema in fünfzig Jahren MGM/MGZ. Das Heft trug nicht dazu bei, den Anteil entsprechender Aufsätze deutlich zu erhöhen. Bis 2015 erschienen nur vier weitere Beiträge in der Zeitschrift, die zumindest ansatzweise eine Geschlechterperspektive in die Analyse integrierten. Keiner dieser Aufsätze hatte ein dezidiert frauen- oder geschlechtergeschichtliches Thema oder einen explizit geschlechtergeschichtlichen Ansatz. Alle vier wurden in den ersten vier Jahren nach dem Erscheinen des Themenheftes veröffentlicht. Dazu gehörten 2002 der Aufsatz von Natalie Stegmann »Soldaten und Bürger. Selbstbilder tschechoslowakischer Legionäre in der Ersten Republik«, 2004 die Beiträge von Frank Becker »Soldatenkinder und Rassepolitik. Die Folgen des Kolonialkrieges für die ›Mischlinge‹ in Deutsch-Südwestafrika (1904–1913)« und Katja Protte »Mythos ›Lili Marleen‹ – Ein Lied im Zeitalter der Weltkriege« sowie 2005 der Aufsatz von Robert G. Moeller »Kämpfen für den Frieden. 08/15 und westdeutsche Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg«.[29] Diese Beiträge zeigen jedoch die thematische und methodische Ausweitung der militärgeschichtlichen Forschung, die in der MGM/MGZ ihren Platz fand: zunehmend wurden seit den 1990er Jahren Beiträge zu kulturgeschichtlichen und später auch zu transnationalen und globalgeschichtlichen Themen aufgenommen. Diese thematische und methodische Ausweitung schloss allerdings die Frauen- und Geschlechtergeschichte nicht ein. Die Zeitschrift spiegelt vielmehr den allgemeinen Stand der militärhistorischen Forschung in Deutschland, wo die Frauen- und Geschlechtergeschichte von Militär und Krieg ungeachtet der internationalen Forschungsentwicklung nach wie vor ein Randthema ist. Dies weist zum einen auf die anhaltende »doppelte Männlichkeit« des Faches in Deutschland hin. Männer stellen nicht nur weiterhin die Mehrheit der Forschenden, sondern gehen zugleich unhinterfragt von der männlichen Universalität ihres Forschungsgegenstandes aus. »Männlichkeit« wird schlicht vorausgesetzt. Zum anderen ist diese Entwicklung trotz gegenteiliger Rhetorik Ausdruck der anhaltenden Schwierigkeiten der historischen Frauen- und Geschlechterforschung, in der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft gleichberechtigte Anerkennung zu finden.[30] Die Integration der Geschlechterperspektive in die internationale Forschung zur Militärgeschichte hat in vielen Bereichen zwar zu neuen Einsichten beigetragen, die das konventionelle Wissen über Militär und Krieg infrage stellen oder zumindest differenzieren. Diese innovativen Forschungsergebnisse wurden aber überraschend wenig in die deutsche Forschung zu Militär und Krieg integriert.

Published Online: 2017-10-24
Published in Print: 2017-9-26

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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