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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter May 12, 2020

»Ich bin stark und mir passiert nichts« – Forschungspraktische und methodische Erkenntnisse aus einer quantitativen Opferbefragung im Gefängnis

»I’m strong so nothing will happen to me« – Practical and methodological findings from a victimization survey in prison
Veronika Hofinger EMAIL logo and Andrea Fritsche

Zusammenfassung

Um die Bedingungen, das Ausmaß und die Betroffenheit von Gewalt in totalen Institutionen wie dem Gefängnis zu verstehen, bedarf es solider empirischer Grundlagen. Mit Hilfe von Dunkelfeldbefragungen können auch Gewaltvorfälle analysiert werden, die der Institution bzw. der Öffentlichkeit nicht bekannt sind. Doch Opferbefragungen sind mit einer Reihe theoretischer und methodischer Herausforderungen verbunden, die sich im Kontext der Haft weiter zuspitzen: Die institutionellen Charakteristika, die Diversität der Häftlingspopulation, die Normalität von Gewalt im Gefängnis und damit verbunden die notwendige Demonstration von Männlichkeit sowie die enge Verbindung zwischen Täter- und Opferschaft haben Auswirkungen auf die Stichprobenzusammensetzung, die Teilnahmebereitschaft und die Thematisierbarkeit von Gewalterfahrungen. Die Einhaltung ethischer Standards ist in einem Feld, das den Prämissen von Sicherheit und Kontrolle verpflichtet ist, zusätzlich herausfordernd. Auf Basis einer repräsentativen Befragung (n = 386) in zehn österreichischen Justizvollzugsanstalten zu Erfahrungen psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt werden methodische Zugänge und Lösungsansätze diskutiert, die zur Ausleuchtung des Dunkelfeldes beitragen sollen. Für die Thematisierbarkeit von Gewalt in Haft sind nicht nur Erkenntnisse der Erforschung von Gewalterfahrungen von Männern zu berücksichtigen. Um das große Potenzial von Face-to-Face-Befragungen auszuschöpfen, ist eine situations- und personensensible, dynamische und zeitlich flexible Handhabung der quantitativen Messinstrumente notwendig. So generierte qualitative Evidenz schafft inhaltliches Wissen, das nicht nur die Interpretation der Zahlen unterstützt, sondern ermöglicht, das Phänomen von Gewalt im Gefängnis in seiner Bedeutung und in seinen konkreten Erscheinungsformen besser zu verstehen. Auch was nicht erzählt wird, erzählt uns etwas über die totalste aller Institutionen.

Abstract

Understanding the conditions, extent and impact of violence in total institutions such as prisons requires a solid empirical foundation. Victimization surveys can be used to analyse incidents of violence that are not known to the institution or the public. However, victim surveys have a number of theoretical and methodological challenges, which become even more acute in a prison context. The institutional characteristics, the diversity of the prison population, the normalcy of violence in prison and the related necessity to demonstrate a strong »masculine« identity, together with the close connection between being a perpetrator and being a victim have effects: They influence the composition of the sample as well as the willingness to participate and to speak about experiences of violence. Moreover, compliance with ethical standards is challenging in a field that is committed to the principles of security and control. On the basis of a representative survey (n = 386) on the experiences of psychological, physical, and sexual violence, as well as on the living conditions in Austrian prisons, methodological approaches and solutions are discussed that contribute to bringing light to the field of unreported crime and victimization. In order to address violence in detention not only findings from research on men’s experiences of violence need to be taken into account. In order to fully benefit from the great potential of face-to-face interviews a situation- and person-sensitive, dynamic and temporally flexible handling of quantitative instruments is necessary. Qualitative evidence generated this way creates knowledge that not only supports the interpretation of the figures, but also enables a better understanding of the significance and concrete manifestations of the phenomenon of violence in prison. Even what is not told tells us something about the most total of all institutions.

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Online erschienen: 2020-05-12
Erschienen im Druck: 2020-05-27

© 2020 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 28.11.2022 from frontend.live.degruyter.dgbricks.com/document/doi/10.1515/mks-2020-2037/html
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