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Licensed Unlicensed Requires Authentication Published by De Gruyter February 11, 2022

Struktureller Wandel rechts motivierter Brandstiftungstäter*innen?

Shifts in perpetrator groups commiting arson hate crimes?
Jana Berberich and Max Laube

Zusammenfassung

Der vorliegende Beitrag analysiert Wandlungsprozesse im Deliktsfeld rechts motivierter Brandstiftungen in Deutschland im Zeitraum von 2010 bis 2017. Der Fokus liegt hierbei auf Tatverdächtigen bzw. Täter*innen und es wird die Frage beantwortet, wie sich der Wandel der Täter*innenstruktur in den vergangenen Jahren im genannten Deliktsbereich konkret ausgestaltet hat. Als empirische Bezugspunkte dienen zwei laufende Forschungsprojekte, die sich mit unterschiedlichen methodischen Zugängen – einerseits der statistischen Analyse von Tatverdächtigendaten der Polizei, andererseits der auf Täter*innen bezogenen Aktenanalyse – der obigen Forschungsfrage widmen. Die empirischen Ergebnisse belegen einen drastischen Wandel der Tatverdächtigen- bzw. Täter*innenstruktur im Untersuchungszeitraum. So lässt sich ein deutlicher Anstieg des Anteils an weiblichen Tatverdächtigen konstatieren. Auch die für rechte Gewalt eher untypische Altersgruppe der Tatverdächtigen über 30 Jahre hat an Relevanz gewonnen. Darüber hinaus hat der Anteil von Gruppentaten im Zeitverlauf ab – und der Anteil an alleinhandelnden Täter*innen zugenommen. Da über eine Analyse der Tatmittel auf einen hohen Planungsgrad der Taten geschlossen werden kann, lässt sich bilanzieren, dass sich im Zuge der sog. »Flüchtlingskrise« neue, eher der »Mitte der Gesellschaft« zugehörige Tätergruppen gebildet haben, die analytisch nicht mehr in das etablierte Forschungsraster der spontan verübten Jugendgewalt passen.

Abstract

This paper investigates a change in arson cases considered hate crimes in Germany in the period between 2010 and 2017. The focus is on suspects and perpetrators of committing arson that are also considered hate crimes in order to answer the question: In what way have perpetrator groups structurally changed? Two ongoing research projects are referenced that each tackle the research question with different methodical approaches. The empirical data shows drastic changes in the structure of suspects and perpetrators of arson cases within the investigation period. It shows that the proportion of female perpetrators, as well as the proportion of perpetrators older than 30 has increased substantially. These findings differ from the current research consensus. Further we found out that the share of group crimes decreased, while the share of individual acts increased. Combined with our findings of an increase in premeditated crimes, this indicates a significant shift in the structure of the relevant perpetrator groups. It seems that in the course of the so-called »refugee crisis« 2015/2016 new types of perpetrators emerged. This challenges the current understanding of these types of crimes and perpetrators, which are usually classified as spontaneous violence by young people.

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Online erschienen: 2022-02-11
Erschienen im Druck: 2022-02-09

© 2022 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston