Accessible Published by De Gruyter November 6, 2019

Maren Urner: Schluss mit dem täglichen Weltuntergang – Wie wir uns gegen die digitale Vermüllung unserer Gehirne wehren.

Sophie Seidenbecher
From the journal Neuroforum

Die Neurowissenschaftlerin und Perspective Daily Mitbegründerin Maren Urner beschreibt in Ihrem Buch Schluss mit dem täglichen Weltuntergang- Wie wir uns gegen die digitale Vermüllung unserer Gehirne wehren eine Negativspirale aus suchtähnlichem Medienkonsumverhalten und einem zum Dramatisieren tendierenden Journalismus, die je nach Disposition entweder beim „stressbedingten Herzinfarkt“ oder einem Keller voll selbstgemachter Marmelade endet („neuer Biedermeier“). Als Ausweg schlägt sie eine Kombination aus Verhaltensänderungen, kritischem Denken und konstruktivem Journalismus vor. Letzteren betreibt sie selbst auf ihrer Webseite perspective-daily.de, auf der Wissenschaftler journalistische Beiträge liefern, die neben der thematischen Zustandsbeschreibung auch einen Ausblick auf vorhandene oder denkbare Lösungen geben.

Das Buch umfasst ihre Gedanken und Erkenntnisse rund um diese Themen, inklusive Parforceritt durch Studien und Forschungsergebnisse aus Psychologie und Neurowissenschaft um ihre Thesen zu Fähigkeiten und Funktion unseres Gehirns zu untermauern.

Unter anderem kritisiert die Autorin wiederholt den Fokus der Medien auf Krisen und Katastrophen, der beim Leser allein schon durch die Wortwahl zu negativen Emotionen und Hilflosigkeit im Angesicht des schlechten Zustands der Welt führt. Dass sie in ihrer Darstellung zuweilen selbst ein überaus negatives Bild der Einflüsse schlechter Nachrichten auf unser Gehirn entwirft fällt dadurch umso stärker auf und bedingt die Frage, ob denn dieselben Sprachbilder gerechtfertigt sind solange nur am Ende des Textes ein positiver Ausblick geboten wird.

Als Leser ist man in diesem Buch Betroffener, Angeklagter und Verbündeter, und dies im schnellen Wechsel von einem zum nächsten Unterkapitel. Dadurch bleibt unklar an wen sich das Geschriebene richtet, welches sich am Ehesten als mit Wissenschaftsanekdoten gespickte Werbung für ihr Unternehmen zusammenfassen lässt. Entsprechend bleibt man an so mancher Stelle unbefriedigt zurück, wenngleich auch neugierig auf eine Kostprobe ihres konstruktiven Journalismus.

Dieser erscheint durchaus zeitgemäß und unterstützenswert und die im Buch beschriebene Arbeitsweise der Perspective Daily Redaktion wirkt gut durchdacht und positiv idealistisch. Auch ihr Ziel wissenschaftliche Erkenntnisse (zum Guten) in den journalistischen Schreibprozess einfließen zu lassen erscheint überfällig.

Und tatsächlich erweist sich Perspective Daily als ansprechend und funktional gestaltetes Onlinemagazin, welches eine mögliche Ergänzung zum aktuellen tagespolitischen Medienkonsum darstellen kann. Es könnte sich lohnen die Entwicklung der Ideen von Maren Urner und ihren Mitstreitern weiterzuverfolgen. Das Buch muss man dafür nicht unbedingt lesen.

Published Online: 2019-11-06
Published in Print: 2019-11-26

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