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Publicly Available Published by De Gruyter March 6, 2021

Inclusionary und diversitätssensibles Public Health in der Pandemie

Inclusionary and diversity-sensitive Public Health in the COVID-19 response
Marie Tallarek and Jacob Spallek
From the journal Public Health Forum

Zusammenfassung

Othering beschreibt die Markierung von Menschen als „anders“ oder „nicht zugehörig“. Ausgehend von den Konzepten des exclusionary und inclusionary Othering diskutiert dieser Beitrag drei Ansätze zu i) exclusionary Public Health, ii) inclusionary Public Health und iii) diversitätssensiblem Public Health. Die Implikationen der Ansätze werden am Beispiel des Umgangs mit der COVID-19 Pandemie bei schutzsuchenden Menschen in Aufnahmeeinrichtungen und Sammelunterkünften in Deutschland aufgezeigt.

Abstract

Othering describes the marking of people as “different” or “not belonging”. Based on the concepts of exclusionary and inclusionary othering, this article discusses three conceptual approaches to i) exclusionary public health, ii) inclusionary public health, and iii) diversity-sensitive public health. Their paradigms and implications are exemplified against the backdrop of the response to COVID-19 among refugees and asylum seekers in reception centers and collective accommodations in Germany.

Othering

Othering beschreibt die Markierung von Menschen als „anders“ in Bezug auf das definierte „Selbst“ [1]. Zwei Formen des Othering können unterschieden werden: Exclusionary (exkludierendes) Othering bezeichnet Prozesse, in denen dominante Gruppen weniger mächtige Gruppen als „nicht zugehörig“ abgrenzen. Damit einher geht häufig ein reduktionistischer Fokus auf problematische Merkmale, die diesen Menschen ungeachtet ihrer vielfältigen Lebenssituationen zugeschrieben werden. Die Folge sind Diskriminierung, Entmächtigung und Marginalisierung [1], [2]. Dies kann so lange aufrechterhalten werden, wie Empathie und gegenseitiges Verständnis der komplexen Situationen von Menschen aufgrund deren Distanz, Sprach- und Machtlosigkeit verhindert werden [3].

Inclusionary (inkludierendes) Othering impliziert ebenfalls die Definition „der Anderen“. Das bestehende Machtgefälle wird aber dahingehend genutzt, informiertes Verständnis füreinander, Partizipation und Kooperation zu fördern [1].

Dieser Beitrag veranschaulicht die Bedeutung von exclusionary und inclusionary Othering für Public Health am Beispiel des Umgangs mit COVID-19 bei asylsuchenden und geflüchteten Menschen in Deutschland und schlägt einen inkludierenden und diversitätssensiblen Ansatz für Public Health vor.

Exclusionary Public Health am Beispiel der Pandemiebewältigung bei Asylsuchenden und Geflüchteten

Othering gegenüber schutzsuchenden Menschen ist in Deutschland strukturell und diskursiv verankert. Beispielhaft können der Asylbewerbungsprozess und das Asylbewerberleistungsgesetz genannt werden, das unterschiedliche Rechte auf eine Gesundheitsversorgung auf der Basis zugeschriebener Aufenthaltskategorien definiert [4], [5]. Auch werden schutzsuchende Menschen häufiger als hilfebedürftig oder gar als Gefahr, als Krankheitsüberträger oder als Last für das Sozial- und Gesundheitssystem dargestellt – selten aber als gesund und kompetent [2], [3].

Im Zuge der COVID-19 Pandemie wurde Schutzsuchenden in Aufnahmeeinrichtungen (AE) und Gemeinschaftsunterkünften (GU) mehrfach eine andere Bewältigungsstrategie zuteil als der übrigen Bevölkerung. Die Wohnsituation in AE und GU bietet zumeist kaum Möglichkeiten für Privatsphäre, physische Distanzierung oder angemessene Hygienemaßnahmen. Wohneinheiten, Speiseräume und Sanitäranlagen müssen häufig mit mehreren Personen geteilt werden [6], [7]. Diese Bedingungen verhindern die Umsetzung allgemein gültiger Infektionsschutzmaßnahmen [7]. Folglich halten Forderungen von Wissenschaftler*innen und Interessenvertretungen an, schutzsuchende Menschen dezentral unterzubringen und ihnen einen angemessenen Gesundheitsschutz einschließlich der Möglichkeit zur physischen Distanzierung zu ermöglichen [8], [9]. Stattdessen wurden nach Auftreten erster COVID-19 Fälle mehrere AE und GU unter Kollektivquarantäne gestellt. Die Abriegelung der Einrichtungen erfolgte u. a. durch Zäune, Security-Firmen und die Bundeswehr [7]. Dieses Vorgehen ist rechtlich, ethisch und epidemiologisch nicht vertretbar, da

  1. die Übertragung des Coronavirus durch die hohen Belegzahlen und unzureichenden Wohnbedingungen in AE und GU gefördert wird [7].

  2. es das Infektionsrisiko möglicherweise eher erhöht als verringert hat (ebd.).

  3. die Gefahr psychosozialer Belastungen und Re-Traumatisierungen für die Bewohner*innen besteht [10].

  4. ein Schutz der restlichen Bevölkerung durch Kollektivquarantäne nicht nachgewiesen ist [7].

Exclusionary Public Health widerspricht damit klar der Zielstellung, gesundheitliche Chancengleichheit zu fördern [11]. Abbildung 1 verdeutlicht den Ansatz des exclusionary Othering in Public Health im Kontext der Pandemiebewältigung in AE und GU.

Abbildung 1: Exclusionary Othering in Public Health am Beispiel des COVID-19 Managements in AE und GU, eigene Darstellung.

Abbildung 1:

Exclusionary Othering in Public Health am Beispiel des COVID-19 Managements in AE und GU, eigene Darstellung.

Inclusionary Public Health

Schutzsuchende Menschen sind den Risiken der COVID-19 Pandemie gleichermaßen ausgesetzt und von den Konsequenzen häufig besonders betroffen. Die Befeuerung gesundheitlicher Ungleichheit durch den Ausschluss einzelner Gruppen vom Gesundheits- und Infektionsschutz ist nicht im Sinne von Public Health. Es bedarf daher eines Perspektivwechsels hin zu inkludierenden und ressourcenorientierten Ansätzen auf Basis gegenseitigen Verständnisses der Lebensbedingungen und Bedürfnisse. Im Kontext des genannten Beispiels bedeutet dies u.a.:

  1. die Prävention marginalisierender Diskurse gegenüber gesellschaftlichen Gruppen;

  2. einen frei zugänglichen und umsetzbaren Gesundheits- und Infektionsschutz für alle Bevölkerungsgruppen;

  3. eine frühzeitige, verständliche, evidenzbasierte, bedürfnisorientierte sowie sprach- und kultursensible Gesundheitskommunikation;

  4. die Gewährleistung eines angemessenen Wohnumfelds zur Umsetzbarkeit von Abstands- und Hygienemaßnahmen sowie

  5. die aktive Beteiligung Schutzsuchender an der Entwicklung von Bewältigungsstrategien in verschiedenen Settings in relevanten Arbeitsgruppen, Netzwerken und Organisationen [7], [10], [12], [13], [14], [15], [16], [17].

Konkrete Beispiele für inkludierende Public Health Ansätze werden bspw. auf der Plattform „Newcomers against corona“ [18] und den Seiten der Weltgesundheitsorganisation [19] präsentiert. Ein inkludierender Public Health-Ansatz (siehe Abbildung 2) dient nicht nur der Gesundheit Schutzsuchender, sondern auch der gesamten Gesellschaft durch die Prävention von „Hotspots“.

Abbildung 2: Inclusionary Othering in Public Health am Beispiel des COVID-19 Managements, eigene Darstellung.

Abbildung 2:

Inclusionary Othering in Public Health am Beispiel des COVID-19 Managements, eigene Darstellung.

Diversitätssensibles Public Health

Der gänzliche Verzicht auf Othering, und damit auch auf Migrationskategorien wie „Flüchtlinge“ oder „Asylsuchende“, mag angesichts der derzeitigen politischen und strukturellen Situation unwahrscheinlich sein. Dennoch hat u.a. die reflexive Migrationsforschung die Grenzen einzelner ethno-nationalstaatlicher Kategorien erkannt und sich dem ressourcenorientierten Konzept der Diversität zugewandt. Diversität bezeichnet die angeborene, erworbene oder sozial konstruierte Vielfalt von Menschen. Sie berücksichtigt die mannigfaltigen Lebensumstände und Merkmale aller Menschen sowie deren Beziehungen untereinander [20]. Dies schließt soziale, biologische, sexuelle, spirituelle und andere Facetten ein. Diversitätssensibles Public Health bemüht sich um die Förderung gesundheitlicher Chancengleichheit unter Berücksichtigung dieser Komplexität. In Bezug auf die Pandemiebewältigung bedeutet dies die Implementierung effektiver Maßnahmen für alle Menschen unter Berücksichtigung ihrer individuellen Bedürfnisse, Ressourcen und Lebenswelten (s. Abbildung 3). Da dies Anpassungsprozesse aller Individuen erfordert, sind Gesundheitsinformationen zur Be-Mächtigung und selbstbestimmten Teilhabe zentrale Elemente diversitätssensibler Public Health-Ansätze.

Abbildung 3: Diversitätssensibles Public Health am Beispiel des COVID-19 Managements, eigene Darstellung.

Abbildung 3:

Diversitätssensibles Public Health am Beispiel des COVID-19 Managements, eigene Darstellung.

Fazit

Inkludierende und diversitätssensible Public Health-Ansätze zielen auf die Gesundheit aller. Voraussetzung ist die kritische Reflexion ungleicher Dominanzverhältnisse, die der Teilhabe betroffener Menschen sowie einer bedürfnisgerechten Implementierung im Weg stehen. Die vorgeschlagenen Konzepte sind nicht auf den Umgang mit der Pandemie in AE und GU beschränkt, sondern können auf weitere Public Health Themen und gesellschaftliche Gruppen übertragen werden.

  1. Autorenerklärung

  2. Autorenbeteiligung: Alle Autoren tragen Verantwortung für den gesamten Inhalt dieses Artikels und haben der Einreichung des Manuskripts zugestimmt. Finanzierung: Die Autoren erklären, dass sie keine finanzielle Förderung erhalten haben. Interessenkonflikt: Die Autoren erklären, dass kein wirtschaftlicher oder persönlicher Interessenkonflikt vorliegt. Die Autoren sind Mitglieder des Competence Network Public Health COVID-19, Arbeitsgruppe „Vulnerabilität“. Ethisches Statement: Für die Forschungsarbeit wurden weder von Menschen noch von Tieren Primärdaten erhoben.

  3. Author Declartion

  4. Author contributions: All authors have accepted responsibility for the entire content of this submitted manuscript and approved submission. Funding: Authors state no funding involved. Conflict of interest: Authors state no conflict of interest. The authors are members of the Competence Network Public Health COVID-19, working group on “Vulnerability”. Ethical statement: Primary data for human nor for animals were not collected for this research work.

Literatur

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Online erschienen: 2021-03-06
Erschienen im Druck: 2021-03-26

©2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston