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Publicly Available Published by De Gruyter October 17, 2014

Umverteilung: altes Thema, neue Diskussion

  • Karl-Heinz Paqué EMAIL logo

Liebe Leserin, lieber Leser,

Themen haben Konjunkturen, auch in Wissenschaft und Politik. So waren Fragen der Verteilung von Einkommen und Vermögen über Jahrzehnte Stiefkinder der Volkswirtschaftslehre, eine Sache von wenigen Spezialisten ohne allzu große Breitenwirkung. Der „Mainstream“ der Wissenschaft kümmerte sich um Allokation, Effizienz und Wachstum sowie gesamtwirtschaftliche Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotenzials. Dies hat sich seit einigen Jahren gründlich geändert: Die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich, ob tatsächlich oder vermeintlich, ist ins Zentrum von Wissenschaft und Politik gerückt. Und mit ihr sind Fragen der Umverteilung zurück auf der Agenda.

Der neue Schwerpunkt spiegelt sich auch in diesem Heft 3 der PWP des Jahres 2014 wider, und zwar ganz am Anfang und ganz am Schluss. Als Erstes steht die Erbschaftsteuer im Vordergrund, also jene Steuer, die vielleicht mehr als jede andere ihre Legitimation aus der Idee der Umverteilung ökonomischer Ressourcen bezieht. Johann K. Brunner stellt in seinem Übersichtsartikel die Frage, was die Theorie der optimalen Besteuerung und die Empirie zu Sinn oder Unsinn der Erbschaftsbesteuerung zu sagen hat. Seine Antwort lautet: Für deren Wohlfahrtswirkungen ist das Motiv für das Hinterlassen eines Erbes entscheidend, und er bespricht in seinem Survey, was Wissenschaftler in empirischen Studien dazu herausgefunden haben.

Ganz am Schluss des Heftes taucht das Thema Umverteilung dann wieder auf, und zwar in einer neuen Rubrik, die es künftig in der PWP nicht immer, aber doch sporadisch bei Bedarf geben wird. Ihr Name: Aus aktuellem Anlass. Ihr Ziel: brisante Themen aufzugreifen, über die aktuell und kontrovers gestritten wird. Diesmal geht es um einen Bestseller: Thomas Pikettys „Capital in the Twenty-First Century“, ein Buch, das in diesem Herbst auch in deutscher Übersetzung erscheint und in dem der Autor die langfristige Veränderung der Vermögensverteilung in der kapitalistischen Marktwirtschaft behandelt, einschließlich weitreichender steuerlicher Reformvorschläge. Ich selbst bin der Autor der Anmerkungen zu diesem Buch in diesem Heft.

Ansonsten sind die Themen wie stets breit gestreut. Die Reihe von Beiträgen zur evidenzbasierten Wirtschaftspolitik, im vorausgehenden Heft angekündigt und begonnen, wird fortgesetzt – mit einem Beitrag von Christoph Schmidt, dem Vorsitzenden des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage beim deutschen Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Er widmet sich vor allem der Frage der Unsicherheit über die Folgen politischer Entscheidungen, die auch bei der besten wissenschaftlichen Evidenz nicht zu vermeiden sind. Der Beitrag liefert einen Baustein zur modernen Diskussion über die Evidenzbasierung durch sorgfältige empirische Arbeit, wie sie jüngst auch bei der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik in Hamburg im September 2014 im Vordergrund stand. Weiteres dazu ist geplant.

In unserer Rubrik Das Gespräch kommt diesmal ein deutscher Ökonom zu Wort, der an der Princeton University in New Jersey tätig ist – seit kurzem als Leiter des renommierten Bendheim Center for Finance (BCF): Markus Brunnermeier. Der 43 Jahre alte Spezialist für Finanzmärkte und Geldpolitik ist seit der internationalen Finanzkrise 2007/8 zu einem der gefragtesten Berater in aller Welt geworden, und zwar mit Blick auf die Möglichkeiten, Finanzkrisen im Nachhinein zu bekämpfen und im Vorhinein zu verhindern. In gewisser Weise bildet seine Arbeit einen paradigmatischen Gegenpol zu jener Theorie der rationalen Erwartungen, wie sie u. a. vom Nobelpreisträger Robert E. Lucas vertreten wird. Lucas und die „Chicago School“ stellen die rationale Reaktion der Finanzmärkte in den Vordergrund, Brunnermeier und seine „Princeton School“ dagegen die institutionellen Friktionen, die verhindern, dass es zu rationalen Ergebnissen kommt. Mit Markus Brunnermeier sprach der Wirtschaftsjournalist Nikolaus Piper.

Wie stets enthält dieses Heft der PWP referierte Beiträge aus der Forschung. Es sind diesmal wieder zwei Beiträge dieser Art. Hendrik Jürgens widmet sich der Frage, inwieweit die soziale Ungleichheit mit Blick auf die Gesundheitsversorgung mit wirtschafts- und sozialpolitischen Mitteln bekämpft werden kann. Alfons Weichenrieder und Danilo Zehner werten eine Umfrage unter Mitgliedern des Vereins für Socialpolitik aus, und zwar mit Blick auf die Zufriedenheit mit der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung. Dieses Thema muss vor allem den Verein für Socialpolitik selbst beschäftigen. Die Ergebnisse sind übrigens durchaus ermutigend: Aus Sicht der Promovenden und Post-Docs ist die Lage keineswegs schlecht, aber natürlich, wie könnte es anders sein, doch noch verbesserungsfähig.

Karl-Heinz Paqué

Online erschienen: 2014-10-17
Erschienen im Druck: 2014-10-1

© 2014 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 24.9.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/pwp-2014-0021/html
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