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Publicly Available Published by De Gruyter March 6, 2015

Ethik in der Wirtschaftswissenschaft: Altes Thema, neue Aktualität

  • Karl-Heinz Paqué EMAIL logo

Liebe Leserin, lieber Leser,

Adam Smith, der große Geburtshelfer der Volkswirtschaftslehre, war Moralphilosoph. In den über zwei Jahrhunderten seit seinem Tod sind allerdings Fragen der Ethik und der Effizienz von unterschiedlich ausgebildeten Wissenschaftlern gestellt und beantwortet worden: einerseits den Philosophen und Theologen, zuständig für die Moral; andererseits den Ökonomen, zuständig für die Knappheit der Güter. Wie jede Arbeitsteilung hat diese viele praktische Vorteile, leider aber auch ein paar bedauerliche Folgen – vor allem für den Ruf der Wirtschaftswissenschaft. Deren Gegenstand wurde allzu sehr verengt auf materiellen Wohlstand und materielles Wachstum, beides scheinbar weit entfernt vom moralisch Guten und Schönen. Auf Oscar Wilde geht der traurige Satz zurück: „Heute kennt man von allem den Preis, von nichts den Wert.“ Genau so ist das Bild der Ökonomen in der Öffentlichkeit.

In diesem Heft der Perspektiven der Wirtschaftspolitik wollen wir dieses Bild entlarven als das, was es ist: ein Zerrbild. In der Rubrik Das Gespräch durchmisst der Wirtschaftsethiker Karl Homann das weite gemeinsame Feld, das Wirtschaftswissenschaft und Moralphilosophie beackern. Seine Antworten machen eines klar: Auch heute, mehr als zwei Jahrhunderte nach Adam Smith, bleiben Ethik und Moral von größter Bedeutung für die Wirtschaftswissenschaft – ob im Zusammenhang mit dem Ziel unternehmerischer Tätigkeit, der Vorstellung vom Homo Oeconomicus, den Situationen des Gefangenendilemmas oder wo auch immer. In der Rubrik Aus dem Verein für Socialpolitik beschreiben Michael Burda und Gebhard Kirchgässner, welche moralischen Standards wir in der wissenschaftlichen Arbeit einhalten sollten, wenn unsere Profession dem kritischen Blick der Öffentlichkeit standhalten will. Die beiden Autoren ziehen Folgerungen aus dem Ethikkodex, den sich der Verein für Socialpolitik im Sommer 2012 gegeben hat – auch als Reaktion auf missliche Vorfälle in und außerhalb der wirtschaftswissenschaftlichen Profession. In einer Welt der zunehmenden Drittmittelfinanzierung der Forschung und des wachsenden Sponsorings von Veranstaltungen muss jedenfalls intensiv über die Anforderungen von Transparenz, Objektivität und Fairness nachgedacht und diskutiert werden.

Die beiden Beiträge in der Rubrik Wissenschaft im Überblick sind Themen von großer wirtschaftspolitischer Bedeutung gewidmet. Friedrich Schneider fasst die höchst komplexe empirische Forschung zu Ausmaß und Struktur der Schwarzarbeit zusammen. Ähnlich wie die Steuerhinterziehung zählt die Schwarzarbeit zu jenen kaum zugänglichen und schwer messbaren Bereichen wirtschaftlicher Tätigkeit, bei denen ein hohes Maß an Originalität der Messkonzepte nötig ist, um einer einigermaßen gesicherten Erfassung näher zu kommen. Philipp Dörrenberg, Friedrich Heinemann und Nuri Khayal präsentieren und erörtern unterschiedliche Modelle zur Reform des deutschen Finanzföderalismus. Dieses Thema hat hohe Aktualität, denn die Regeln des Finanzausgleichs und des Solidarpakts II laufen Ende des Jahres 2019 aus, drei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung.

In der Rubrik Blick in die Wissenschaft stehen zwei ganz unterschiedliche Beiträge zur regionalen Wirkung staatlicher Gesetzgebung bzw. Investitionen im Vordergrund. So präsentieren Stephan Fretz und Christoph Gorgas Ergebnisse zum regionalen Nutzen von Maßnahmen der Verkehrsinfrastruktur, und zwar am Beispiel von Erweiterungen des Schweizer Autobahnnetzes. Und Christian Growitsch, Helena Meier und Sebastian Schleich untersuchen die regionalen Verteilungswirkungen des deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetzes.

Karl-Heinz Paqué

Online erschienen: 2015-3-6
Erschienen im Druck: 2015-3-1

© 2015 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/München/Boston

Downloaded on 29.2.2024 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/pwp-2015-0001/html
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