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Publicly Available Published by De Gruyter September 7, 2016

„Wir müssen möglichst alle Menschen in den Prozess der Leistungserstellung integrieren“

Ein Gespräch mit Josef Falkinger über Ungleichheit, Teilhabe und Gerechtigkeit, die gesellschaftliche Bedeutung eines gemeinsamen Fortschrittsprojekts und ökonomische Macht

Josef Falkinger EMAIL logo

PWP: Herr Professor Falkinger, was macht unsere Zeit aus, was unterscheidet sie in wirtschaftlicher Hinsicht von früheren Perioden?

Falkinger: In dem Zeitrahmen, den ich überblicke, also seit dem Zweiten Weltkrieg, haben sich einige größere Veränderungen ergeben, die zwar vielleicht nicht grundlegend im Sinne von Revolutionen waren, aber doch Strukturbrüche bedeuten. Dazu gehören zum Beispiel die seit den achtziger Jahren im Vergleich zu vorher niedrigeren Wachstumsraten in den Industrieländern, die dominante Rolle des Finanzsystems seit den neunziger Jahren und die starke Konzentration von Einkommen und Vermögen am oberen Ende der Verteilung. Und wir leben im Zeitalter der Globalisierung. Wir sind damit quantitativ wie qualitativ in eine neue Dimension eingetreten, wie man auf dem Arbeitsmarkt, dem Gütermarkt, dem Finanzmarkt und auch im medialen Raum sieht.

PWP: Strukturbrüche? Also etwas Abruptes?

Falkinger: Wenn ich von Strukturbruch spreche, denke ich an Zeitreihen und Modelle, und da zeigt sich, dass ein und dasselbe Modell Zusammenhänge nicht durchgängig erklären kann. Wir gehen ja davon aus, dass Daten von einem bestimmten Prozess generiert werden. Ein Strukturbruch liegt dann vor, wenn sich der datengenerierende Prozess ändert.

PWP: Könnten Sie das bitte etwas weniger technisch ausdrücken?

Falkinger: Es geht letztlich darum, ob Denkmuster noch stimmen, die uns vertraut sind. Zum Beispiel hat der keynesianische Konjunkturzyklus eine ganze Generation geprägt. Sollen wir heute noch in diesen Zyklen denken? Ich bin da nicht so sicher. Wir sehen statt Zyklen immer mehr Krisen, die dieses Muster sprengen.

PWP: Aber bedeutet Strukturbruch nicht auch, dass wir uns in einer neuen Situation wiederfinden, vor der wir rätselnd stehen, die wir uns nicht erklären können?

Falkinger: Das glaube ich nicht. Qualitativ kann man solche Änderungen durchaus vorhersehen, erwarten und erklären. Aber die Disziplin hat in jeder Epoche einen spezifischen Fokus. Mein Gefühl ist, dass jetzt verschiedene Konzepte, wie sie am Beginn der klassischen Volkswirtschaftslehre entwickelt wurden, für bestimmte Themen geeigneter sind als beispielsweise die Konjunkturtheorie, die im zwanzigsten Jahrhundert zu Recht im Zentrum stand.

PWP: Was ist das, was Sie heute aus der klassischen Ökonomik wieder für ertragreich halten?

Falkinger: Ich denke zum Beispiel an die Diskussion über den Wohlstandsbegriff. Zentral ist dabei die Frage, ob wir einer eher merkantilistischen Vorstellung anhängen oder die Produktion in den Mittelpunkt stellen. Nach meinem Eindruck ist die merkantilistische Vorstellung zurückgekehrt, nicht zuletzt aufgrund der Finanzialisierung.

PWP: Damit meinen Sie, dass die Finanzwirtschaft stark an Gewicht gewonnen hat.

Falkinger: Ja. Wenn man durch die Brille des Finanzmarkts auf die Welt schaut, denkt man in Kategorien wie Vermögensbeständen, Tausch und Handel von Eigentumsrechten. Das lenkt den Blick auf völlig andere Aspekte und Probleme, als wenn ich von der Produktion ausgehe, das heißt von einem volkswirtschaftlichen Konzept, wie es die Physiokraten und Adam Smith in unsere Disziplin eingeführt haben und das lange die dominierende Sichtweise war. Danach liegt die Quelle des Wohlstands darin, dass möglichst alle Kräfte der Gesellschaft motiviert werden, ihre Lage zu verbessern, also Leistung zu mobilisieren und dafür teilzuhaben am produzierten Wohlstand. Im Fokus steht das Sozialprodukt; alle arbeiten daran und profitieren davon. Wenn ich hingegen aus der eher merkantilistischen Perspektive der Vermögensbestände denke, geht es um einen gegebenen Bestand und um die Frage von dessen Aufteilung. Man nimmt hierbei eine Aneignungsperspektive ein, keine Leistungs- und Produktionsperspektive.

PWP: Wobei der Merkantilismus ja mehr eine Staatspraxis als eine Attitüde war.

Falkinger: Wir begegnen der Welt aber immer mit einem Konzept im Kopf. Als Wissenschaftler denken wir innerhalb eines bestimmten Modellrahmens über die Welt nach. Je nachdem, welchen Modellrahmen wir im Kopf haben, stehen bestimmte Aspekte im Vordergrund. Von ihm hängt ab, auf welche Art von ökonomischen Problemen man sich vorrangig konzentriert, wie man dabei seine physischen, kognitiven und emotionalen Kräfte einteilt und welcher Institutionen es bedarf. Aus der Sicht des Finanzmarkts steht nun einmal die Bestandsgröße Vermögen im Vordergrund, verbunden mit der alles absorbierenden Frage, wem dieses gehört. Damit gerät die Stromgröße Produktion in den Hintergrund.

PWP: Und dabei kann Eigentum nur an dem bestehen, was einmal produziert worden ist. Man kann Bestandsgrößen nicht ohne die Stromgrößen denken, die sie generieren.

Falkinger: Grundsätzlich ja; aber es spielen auch die Prioritäten eine Rolle. Wenn ich meinen Reichtum steigern möchte, ist aus der finanziellen Perspektive nur relevant, ob die Vermögenswerte steigen und ob sie mehr oder weniger riskant sind. Wenn ich hingegen über Bedürfnisbefriedigung nachdenke, muss ich mir erst einmal über meine Bedürfnisse Klarheit verschaffen; über die Güter und Dienstleistungen, die dazu geeignet sein könnten, meine Bedürfnisse zu befriedigen; über die Investitionen, die zur Produktion dieser Güter oder zur Erbringung der Dienstleistungen erforderlich sind. Man hat dann einfach andere Themen im Kopf. Das schlägt sich in der Art der unternommenen Anstrengungen und Innovationen sowie in der Politik nieder.

PWP: Es ist also eine Frage des Framings. Kann man sagen, dass die Paradigmen, die wir in der Wissenschaft benutzen, unser Denken prägen und möglicherweise auch unser Handeln verändern?

Falkinger: Davon bin ich überzeugt; es ist etwas anderes, ob Sie im Trading-room sitzen oder ob Sie sich die konkrete Welt draußen anschauen. Ob der Rollen- und Perspektivenwechsel auch den Menschen verändert oder gar die ganze Menschheit erfasst, das weiß ich nicht. Und wenn, ist es nicht unumkehrbar. Schließlich können die Menschen – und kann die Wissenschaft – ihre Aufmerksamkeit heute auf einen Aspekt richten und morgen auch wieder auf einen anderen.

PWP: Zurück zur Globalisierung. Welcher Aspekt der Globalisierung ist für Sie besonders interessant?

Falkinger: Mit der Globalisierung sind viele Neuerungen verbunden. Neben dem Güterhandel spielen Migration und internationale Finanzmarktintegration eine große Rolle. Auch wesentliche technische Änderungen gehen mit der Globalisierung einher. Viele Aspekte der Globalisierung haben damit zu tun, dass im Zuge der technischen Entwicklung fragmentierte Produktionstechnologien aufgekommen sind. Diese haben dazu geführt, dass sich die Arbeitswelt für die Menschen enorm verändert hat. Es stellen sich ganz neue Anforderungen an Qualifikation, Mobilität und Flexibilität der Menschen. Da kommt auch noch einiges auf uns zu.

PWP: Welche Fragen stellen sich dabei am drängendsten?

Falkinger: Einerseits geht es um das Thema Ungleichheit und Verteilung, wobei dafür allerdings auch die Entwicklung des Finanzmarkts eine Rolle spielt. Andererseits geht es um die Frage der Beschäftigbarkeit, also wie weit die Einbindung aller Menschen in den volkswirtschaftlichen Kreislauf gelingt. Vor allem Wissenschaftler wie Anthony Atkinson und jüngst Thomas Piketty haben viel dazu beigetragen, dass uns die neue Entwicklung empirisch klar vor Augen steht.

PWP: Wie sieht dieser Befund aus?

Falkinger: Die Faktenlage ist unstrittig. Die Vermögen sind stark konzentriert, und die Ungleichheit der Einkommen ist vor allem zugunsten der sehr hohen Einkommen stark gestiegen. Über das genaue Ausmaß kann man zwar streiten, aber im Wesentlichen steht der Befund. Auf dessen Grundlage muss man zu einer Interpretation und Bewertung kommen und schließlich die Frage beantworten, ob es und was es politisch zu tun gilt. In diesem Zusammenhang ist es gut, sich noch einmal die Grundlage moderner Volkswirtschaften in Erinnerung zu rufen. Seit der Aufklärung, von Adam Smith bis heute, geht es darum, Wohlstand für alle zu schaffen. Das ist der Kern der Erfolgsstory von Demokratie und Marktwirtschaft. Wenn nun aber, womöglich wesentlich befördert durch Finanzmarkt, Globalisierung oder auch die sogenannte vierte, IT-basierte industrielle Revolution, eine starke Ungleichheit entsteht, die eben dieses Projekt unterminiert, dann haben wir ein dramatisches Problem. Wo der Median verliert, ist es für die Politik schwer, das marktwirtschaftliche System als Erfolg zu verkaufen.

PWP: Sind wir denn da schon? Verliert der Median?

Falkinger: Allerdings. Das Medianeinkommen ist in verschiedenen Industrieländern gesunken, mittlerweile auch der Durchschnittslohn. Es ist unbestritten, dass es da ein Problem gibt. Wie gehen wir damit um? Diese Frage ist eng mit Gerechtigkeitsvorstellungen verbunden. Es gibt zwei klassische Gerechtigkeitskonzeptionen – die Leistungsgerechtigkeit, eine Form von Tauschgerechtigkeit, und die Verteilungsgerechtigkeit. Bei der Leistungsgerechtigkeit geht es um die Frage, ob ein Einkommen legitim entstanden ist, weil hinter ihm eine Leistung steht, und ob das Verhältnis zwischen beiden angemessen ist. In einer perfekten Wettbewerbswirtschaft werden die Produktionsfaktoren nach dem Wertgrenzprodukt entlohnt, das ist effizient und entspricht der Leistungsgerechtigkeit. Aber in einer nicht perfekten Wettbewerbswirtschaft kommt es zu Renten, also zur Abschöpfung von Einkommen, die nicht auf einer Leistung beruhen. Eine starke Veränderung der Verteilung könnte ein Anzeichen dafür sein, dass mehr derartige Renten entstehen. Die Verteilungsgerechtigkeit orientiert sich hingegen weniger am Zustandekommen der Einkommen, sondern am Ergebnis. Nach diesem Konzept sind sehr ungleiche Einkommen auch dann ein Problem, wenn sie effizient sind, schlicht aus Fairnessgründen.

PWP: Damit ergibt sich ein Trade-off zwischen Gerechtigkeit und Effizienz. Das ist ein Dilemma.

Falkinger: Die Ökonomik geht allerdings ein bisschen zu schnell in die Falle dieses Trade-offs. Implizit nimmt man an, wir lebten in einer perfekten Wettbewerbswirtschaft; der Staat bekommt dann die Rolle des bösen, systematisch ineffizienten Umverteilers zugewiesen. Das entspricht aber nicht der Realität. Ich glaube, wenn sich die Verteilung so stark ändert und die Ungleichheit am oberen Ende derart explodiert, wie wir das derzeit erleben, dann ist die Vermutung berechtigt, dass es sich nicht nur um Leistungseinkommen handelt und dass es mit der Effizienz der Entlohnung nicht zum Besten steht. Dann müssen wir die Ungleichheit schon aus Effizienzgründen vermindern, nicht nur aus Gerechtigkeitsgründen, also aufgrund irgendwelcher Vorstellungen über eine ideale Verteilung. Es gibt zumindest einen Anfangsverdacht in diese Richtung, dem man nachgehen muss.

PWP: Was geschieht, wenn das unterbleibt?

Falkinger: Das System wird ineffizient, und politisch landen wir in einem wenig erquicklichen Rent-seeking-Spiel zwischen Staat und Privaten. Damit hätte man zwei Probleme auf einmal am Hals. Es ist besser, erst einmal die Ineffizienzen loszuwerden, um anschließend darüber zu diskutieren, ob man in der Gesellschaft auch aus Gerechtigkeitsgründen eine finanzielle Umverteilung braucht. Aber diese zwei Aspekte gilt es sauber voneinander zu trennen. Mich beschäftigt dabei auch die Frage, was geschieht, wenn sich infolge des technischen Fortschritts die Ungleichheit noch akzentuiert.

PWP: Mit dem immer stärkeren Einsatz von Robotern steht diese Frage in der Tat im Raum. Wo führt das hin?

Falkinger: Die Lohnquote fällt ja ohnehin schon. Nun sagen viele, der Einsatz von Robotern sei genau deshalb wunderbar, weil damit die Lohnkosten in den Hochlohnländern die Wettbewerbsfähigkeit nicht länger schmälern. Aber viele Menschen leben von Lohneinkommen. Wenn die Lohnquote sinkt, heißt das, dass die Leute nicht mehr so stark an der Leistungserstellung partizipieren. Wenn in Zukunft die Roboter alles für uns erledigen, gehört das ganze Bruttoinlandsprodukt den Eigentümern der Roboter, und die anderen haben nichts. Dann verfügt man politisch über zwei Möglichkeiten: Entweder man verteilt radikal die Vermögen um, sodass jeder Mensch Eigentümer von Robotern ist, oder wir landen in einer generösen Form von Feudalgesellschaft, in der die Eigentümer der Roboter die anderen per Transfers am Leben erhalten. Das ist keine schöne Aussicht.

PWP: Üblicherweise wird an dieser Stelle zu mehr Bildung aufgerufen.

Falkinger: Das ist grundsätzlich auch richtig. Man muss die Menschen an die Anforderungen dieser neuen Welt heranführen. Allerdings sind nicht alle Menschen beliebig mobil, flexibel, talentiert und intelligent, da darf man sich keine Illusionen machen. Es wird einfach nicht gelingen, alle für die neuen Anforderungen fit zu machen. Wir müssen deshalb auch viel mehr darüber nachdenken, wie man die modernen Technologien – Roboter, integrierte computergestützte Produktions- und Vertriebsplattformen, Internet der Dinge usw. – menschenverträglich entwickelt, sodass eine breite Masse von Leuten damit umgehen kann. Es wird immer so getan, als wäre Innovation ein exogener Prozess, aber das stimmt nicht. Innovation ist sehr stark von Rahmenbedingungen abhängig.

PWP: Angesichts dieses rasanten technischen Fortschritts könnte man auf die Idee kommen, wir seien nun doch in der Keynes‘schen Welt angekommen, wie er sie in seinem Essay „Economic Possibilities for our Grandchildren“ (1930) skizziert – einer Welt, in der wir nicht mehr arbeiten müssen.

Falkinger: Ich sehe das zwiespältig. Als ich studiert habe, hat man – als stilisiertes Faktum – gelernt, dass der Produktivitätsfortschritt auf mehr Freizeit und mehr Einkommen aufgeteilt wird. In den vergangenen dreißig Jahren hat sich aber deutlich gezeigt, dass der Trend zur Arbeitszeitverkürzung gebrochen wurde; der Produktivitätsfortschritt wird heute ziemlich ausschließlich für mehr Einkommen verwendet und führt nicht zu mehr Freizeit, wie Keynes es noch erwartete. Ich sehe vielmehr eine Aufspaltung: Die einen sind sehr viel beschäftigt, die anderen kaum oder gar nicht. Das sieht man nicht unbedingt in der Arbeitslosenstatistik; viele Menschen fallen einfach aus dem System heraus, aufgrund von Invalidität, Frühpensionierung und anderen Mängeln. Das ist ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt: die „Employability“ der Menschen, die sie im System hält.

PWP: Was halten Sie vor diesem Hintergrund von der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens? Die Schweizer haben dem Projekt ja erst kürzlich in einer Abstimmung eine Abfuhr erteilt.

Falkinger: Es gibt ja mehrere Konzepte zum Grundeinkommen. Zunächst gibt es die Idee der negativen Einkommensteuer. Dieses Konzept hat in allen politischen Lagern Anklang gefunden, im liberalen marktwirtschaftlichen Lager ebenso wie unter Alternativen. Es ist allerdings nicht realisiert worden. Das liegt an der Kontroverse über die grundlegenden Parameter: Wie hoch soll das Grundeinkommen am Ende sein, wie stark soll die Umverteilung durch die indirekte Progression ausfallen, wie erhält man die Leistungsanreize? Da gehen die Meinungen sehr stark auseinander. Und wie das oft so ist in der politischen Kontroverse, manche Themen versanden in der Auseinandersetzung über das Detail.

PWP: Also ist das Projekt, das immer einmal wieder aufs Tapet kommt, nicht zu realisieren.

Falkinger: Das will ich nicht so dezidiert sagen. Eine große Steuerreform, die das gesamte Steuer- und Transfersystem einfacher und dessen Verteilungswirkungen transparenter machen würde, ist schwierig. So wichtig sie wäre, es bräuchte eine große gestalterische Kraft, die historisch gesehen einfach nicht oft vorhanden ist. Für ausgesprochen heikel halte ich die Vorstellung, mit einem bedingungslosen Grundeinkommen das Auseinanderfallen der Arbeitswelt im Zuge des modernen technischen Fortschritts, wie ich es vorhin beschrieben habe, lösen zu wollen, nach dem Motto: Wenn die Hochleistungsträger so viel produzieren, dass sie die Nichtbeschäftigbaren erhalten können, wo ist das Problem? Das ist für mich aus gesellschaftspolitischen Gründen zu kurz gedacht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere Institutionen es aushalten, wenn die Gesellschaft derart auseinanderfällt. Darum müssen wir uns neben der Einkommenssicherung auch um die Integration in die volkswirtschaftliche Produktion kümmern. Im neunzehnten Jahrhundert jedenfalls kam es vor einem ähnlichen Hintergrund – der Industrialisierung – zur Arbeiterbewegung und zu erheblichen gesellschaftlichen Spannungen, denen wir die Geburt des Sozialstaats mit breiter Partizipation der Bevölkerung an der Schaffung von Wohlstand verdanken.

PWP: Von den Gewerkschaften ist diesmal anders als damals aber wohl nicht mehr viel zu erwarten, was daran liegen mag, dass sie die Insider vertreten, nicht die Outsider, also gerade nicht jene, die womöglich aus dem System herausfallen.

Falkinger: Klar. Heute sind die Interessenlagen nicht so eindeutig, und da fällt es den jeweiligen Gruppen schwer, sich zu organisieren. Wir haben nicht mehr das klassische System der Produktion von Gütern und Leistungen, in dem sich die jeweiligen Rollen der Menschen in Landbesitzer, Kapitalisten und Arbeiter klassifizieren ließen. Das war ein System, das die Menschen verstehen konnten. Aber auch heute wäre es durchaus wünschenswert, von den Rollen im System der Leistungserstellung her zu denken und weniger vom individuellen Verhalten, aber diese Rollen sind viel ausdifferenzierter als früher. Das macht die Sache komplexer.

PWP: Sehen Sie denn Raum dafür, dass sich diese Differenzierung auch noch immer weiter fortsetzt, oder laufen wir auf eine Stagnation zu, vielleicht auch auf eine wirtschaftliche Sättigung? Ist unser Innovationspotential nicht schon ausgereizt?

Falkinger: Das Thema Sättigung hat mich schon in meiner Habilitationsschrift beschäftigt. Wer sich mit diesem Thema befasst, gerät in der Ökonomik schnell ins Abseits, weil viele Leute mit Sättigung endgültige Bedürfnisbefriedigung in einem strikten Sinn assoziieren, also dass es keine unerfüllten Bedürfnisse mehr gibt. Aber das ist nicht der Punkt. Es kommt vielmehr darauf an, welche Bedürfnisse es noch gibt. Wenn es große Kategorien von Bedürfnissen gibt, die alle oder viele Menschen teilen, dann koordiniert das auch die Erwartungen der Investoren, nicht nur dem Niveau nach wie bei Keynes, sondern auch der Struktur nach. Ein innovativer Unternehmer weiß dann, wo er einen neuen Markt finden kann. Wenn die offenen Wünsche jedoch unklarer und heterogener werden, steigt für ihn die Unsicherheit, Innovation wird schwieriger. So verstehe ich Sättigung. Darum geht es in den hochentwickelten Ländern der Welt. Über den Rest der Welt mache ich mir in dieser Hinsicht allerdings keine Sorgen. Dort ist die Not groß, die den Wunsch nach Wachstum treibt. Für uns in Europa jedoch muss Wachstumspolitik vor allem heißen, dass wir unsere Phantasie, unsere Energie und unsere Kreativität darauf konzentrieren, herauszufinden, was unsere großen Sehnsüchte und Bedürfnisse sind, um den Investoren und den Innovationen einen nachhaltigen Orientierungsrahmen zu geben.

PWP: Bedeutet das eine größere Rolle für den Staat? Mehr öffentliche Verschuldung?

Falkinger: Für große Infrastrukturprojekte, über deren Wünschbarkeit Konsens besteht, könnte ich mir das schon vorstellen. Aber ohne zu wissen, was genau finanziert werden soll, setzt man mit dem Ruf nach einer höheren Staatsverschuldung am falschen Ende an. Das gilt übrigens auch für die expansive Geldpolitik. Ich sehe nicht, wie etwas anderes als Vermögenspreisblasen oder Inflation entstehen soll, solange man nicht auch die Transmission des Geldes hin zu realen Investitionen unter Kontrolle bekommt.

PWP: Die Schweizer planen derzeit ein unterirdisches Schienensystem für den Güterverkehr, „Cargo sous terrain“. Das wäre doch etwas für Sie, oder?

Falkinger: Ja. Ein anderes, mir hier in Zürich noch näher liegendes Beispiel ist der geplante Ausbau von Universität, Universitätsspital und ETH. Ich denke, das wären nachhaltige Investitionen, die den Innovationsprozess in Gang halten und Zukunftsvertrauen schaffen.

PWP: Wovon hängt denn dieses Zukunftsvertrauen ab und worauf bezieht es sich genau?

Falkinger: Zuallererst muss das Finanzsystem in Ordnung gebracht werden. Den Akteuren des Finanzgewerbes ist die Vorstellung abhandengekommen, dass ihr Geschäftsfeld der Transformation von Ersparnissen in künftige Produktionsmöglichkeiten dient. Die Besinnung auf diese Kernfunktion ist eine Grundvoraussetzung für reales Wachstum. Und dann braucht es Vertrauen auf nachhaltige Märkte. Das sind Märkte, von denen ein Investor weiß, dass sie längerfristig von der privaten Nachfrage getragen werden, oder eben von der Allgemeinheit, über den politischen Kanal auch vom Wähler. Darauf sollten wir uns in Europa konzentrieren, statt immer nur die Geldpolitik zu lockern oder eine noch stärkere Liberalisierung der internationalen Märkte zu forcieren.

PWP: Allerdings können auch große Infrastrukturprojekte durchaus auch von der privaten Hand getragen werden, oder?

Falkinger: Der Staat kommt hier einerseits deshalb ins Spiel, weil es sich um sehr große Dimensionen handelt; und andererseits handelt es sich um öffentliche Güter. Es gibt im Kanon der ökonomischen Theorie wenige Argumente, warum solche öffentlichen Güter ohne staatliche Beteiligung oder wenigstens Koordination bereitgestellt werden sollten. Aber daraus würde ich keine Glaubensfrage machen.

PWP: Was bedeutet das absehbare Zusammenspiel von Alterung der westlichen Gesellschaften und Zuwanderung für die Wachstumsaussichten? Wird die Stagnationsgefahr, die mit der Alterung einhergehen könnte, durch die Immigration aufgefangen?

Falkinger: Alterung und Zuwanderung sind beides große Herausforderungen, die wir mit dem Ziel angehen sollten, möglichst allen Menschen ein gutes Leben zu ermöglichen und sie in den Prozess der gesellschaftlichen Leistungserstellung zu integrieren. Der Schlüssel dazu liegt zum einen in der Technologie. Die klassischen Denker in der ökonomischen Disziplin waren allesamt pessimistisch, was die Entwicklungsmöglichkeiten der Technik betrifft. Die bisherige Geschichte hat uns das Gegenteil bewiesen. Ich bin überzeugt, dass auch in Zukunft große Produktivitätssteigerungen möglich sind. Und dafür brauchen wir ein gemeinsames Fortschrittsprojekt. Fortschritt – nicht unbedingt Outputwachstum – ist wichtig für eine Gesellschaft, denn, wie Adam Smith betonte, der stationäre Zustand ist langweilig und frustriert den Menschen im Kern seines Wesens, das darauf ausgerichtet ist, sein Los zu verbessern.

PWP: Sie steigen also überhaupt nicht in die gängige Wachstumskritik ein, wenn ich Sie richtig verstehe.

Falkinger: Bestimmt nicht. Wobei es durchaus das gibt, was wir Ökonomen die „Baumolsche Kostenkrankheit“ nennen. Gerade in den Bereichen, in denen wir aufgrund der Alterung der Gesellschaft eine verstärkte Nachfrage erwarten können, gibt es Dienstleistungen, die wichtig sind, wo die Produktivität jedoch nicht durch den Einsatz von technologischen Neuerungen groß gesteigert werden kann. Ich denke da beispielsweise an die Pflege und andere persönliche Gesundheitsdienstleistungen oder die Kindererziehung. Nicht nur der alte Mensch hat das Bedürfnis, dass sich jemand um ihn kümmert. Wir alle brauchen Nähe, auch physische Nähe.

PWP: Und was heißt das? Was folgt daraus politisch?

Falkinger: In der Fachdiskussion wie in der öffentlichen Debatte sollten wir bei diesen Themen wegkommen von den gewohnten Reflexen, nach einer geldpolitischen oder fiskalpolitischen Wachstumsförderung zu rufen. Das nützt alles nichts, genauso wenig wie das Zuschieben des schwarzen Peters an die eine oder andere politische Kraft. Wir müssen uns – als Menschen, in der fachlichen Arbeit und in der politischen Diskussion – konkreter mit den Fragen auseinandersetzen, was wir wollen, was wir mit technischen Mitteln und ökonomischen Ressourcen lösen können, wo wir uns persönlich einbringen und worauf wir keine Antworten haben. Die heile Welt ist nur eine Fiktion, auch in der ökonomischen Wissenschaft mit ihren Annahmen von optimalen Lösungen und perfekten Märkten. Diese Fiktionen lähmen unsere Kräfte. Wir brauchen mehr Realitätssinn. Wenn wir uns eingestehen, dass wir Probleme haben und keine Patentrezepte, dann könnten wir sie besser angehen.

PWP: Sie halten die herkömmlichen Annahmen in der ökonomischen Wissenschaft für zu restriktiv?

Falkinger: Ich sehe viele Entwicklungen kritisch. In den Modellen ist zwar alles da, die Annahmen sind sehr klar ausgewiesen und dienen immer wieder als wichtiger Anker. Aber im Alltagsgeschäft werden die Annahmen allzu schnell vergessen, und man konzentriert sich auf die Botschaften, also auf die Politikempfehlungen, die sich ableiten lassen. Das liegt an der Nachfrage nach solchen Botschaften, aber auch an mangelnder Sorgfalt oder Opportunismus von Wissenschaftlern. Perfekte Märkte, Preisnehmerwettbewerb, Rationalität im Sinne vollständiger Präferenzen – diese Benchmark mag durchaus großen Anteil am Erfolg der Ökonomik als Disziplin haben, sie ist zugleich aber auch ein große Fehlerquelle. Man sollte die Rationalitätshypothese im Sinne einer elementaren Vernünftigkeit nicht verwerfen, aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass unser Wissen beschränkt ist. Nicht einmal die Annahme vollständiger Präferenzen ist eine Selbstverständlichkeit. Wir wissen doch alle nicht immer eindeutig, was wir wollen; wir müssen uns das erarbeiten. Wer bin ich, was kann ich, was will ich – das sind beständige Fragen im Leben. Sie stellen sich nicht nur für den einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft insgesamt.

PWP: Auch die Annahme perfekter Märkte ist so unrealistisch, dass es schmerzt.

Falkinger: Zumal das Thema Macht fast vollkommen aus der Ökonomik verschwunden ist. Früher stand die Marktmacht von Monopolen und Oligopolen im Zentrum. Heute betont man den Wettbewerb um den Markt, den Eintrittswettbewerb. Zwar verfügt die moderne Industrieökonomik über differenzierte Modelle, aber im Großen und Ganzen kommt Macht kaum vor, sie geht in der langfristigen Null-Profit-Bedingung unter. Das hat weitreichende Konsequenzen. In der Fachdiskussion über die Globalisierung und über die Finanzmärkte hängen wir zum Teil naiven Bildern von Wettbewerbsgewinnen oder Vielfalt an. Wir blenden aus, dass es durch starke Konzentration auch auf globaler Ebene Marktmacht gibt. Und es gibt Oligarchen und autokratische Investoren, die nicht nur ökonomische Interessen verfolgen. Das sind alles Themen, über die man nicht angemessen durch die Brille des marktwirtschaftlichen Idealtypus nachdenken kann.

PWP: Aber es sind doch bestimmt nicht nur die Oligarchen, die Ihnen Sorgen machen.

Falkinger: Stimmt. Ein vermutlich sehr viel breiteres Problem ist die Informationsasymmetrie. Üblicherweise gehen wir davon aus, dass die Märkte in der Lage sind, dezentral bereitstehende Informationen einzusammeln, in den relativen Preisen abzubilden und auf diese Weise auch zu verbreiten. Das ist in der Tat eine kraftvolle Idee. Aber es fragt sich, welche Informationen es genau sind, die auf diese Weise eingesammelt werden. Wir haben nicht nur keine vollständigen Verträge, sondern auch unvollständige Märkte, sodass Marktpreise nicht alle relevanten Informationen erfassen. Auf dem Finanzmarkt zum Beispiel werden durch Arbitrage womöglich tatsächlich alle Informationen eingesammelt, die im Finanzsystem kursieren. Aber das ist vielleicht nur vermeintliches Wissen und hat mit der Realität wenig zu tun. Ein anderer Punkt ist, dass die Bedeutung von Expertensystemen enorm zugenommen hat.

PWP: Was meinen Sie mit „Expertensystemen“?

Falkinger: Expertensysteme sind Organisationen, Unternehmen, Institutionen, die Talente anwerben, große Summen in Humankapital investieren und Wissen sammeln, produzieren oder verarbeiten. Google zum Beispiel. Oder andere Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben, Algorithmen zu entwickeln und zu verwenden, um die Daten der Kunden auszuwerten und ihnen auf dieser Grundlage dann personalisierte Angebote zu machen, wie es beispielsweise Amazon tut. Im ökonomischen Wettbewerb ergeben Expertensysteme als Intermediäre nur Sinn, wenn sie einen Vorsprung vor Nicht-Experten haben, und wenn es Skalenerträge der Informationsverarbeitung gibt. Beides sind Machtfaktoren, und das ist potentiell ein Problem. Hinzu kommt, dass sich durch Big Data die asymmetrische Information umdreht.

PWP: Inwiefern das?

Falkinger: Insofern, als wir zu gläsernen Menschen werden. Heute ist es doch so, dass mein Versicherungsunternehmen oder die Bank mehr über mich weiß als ich selber.

PWP: Und was folgt daraus?

Falkinger: So eindeutig, wie wir dachten, ist jedenfalls die Rolle der asymmetrischen Information nicht, und wir müssten in der ökonomischen Disziplin die damit verbundenen Machtfragen neu angehen. Wie können Konsumentensouveränität und Mündigkeit allgemein aufrechterhalten werden, wenn Expertenwissen eine große Rolle spielt und wenn es hohe Skalenerträge bei der Gewinnung, Verarbeitung und Verbreitung von Information gibt?

PWP:Sehen Sie die ökonomische Wissenschaft wegen dieses Defizits in einer Krise?

Falkinger: Nein. Sie ist ganz im Gegenteil sehr erfolgreich. Wir sind hochgradig attraktiv im universitären Fächerkanon, ziehen gute Studierende an und können ihnen auch gute Jobs bieten. Der Erfolg geht allerdings einher mit einer Wissenschaftskultur, die man auch kritisch sehen kann. Die Ökonomik ist eine straff organisierte Disziplin, die sich einer strengen Prestigehierarchie unterwirft und sich an sehr einheitlichen, von sogenannten Spitzeninstitutionen vorgegebenen Standards in der Ausbildung, der Rekrutierung, im Publikationswesen orientiert. Damit geht eine entsprechende Selbstgewissheit einher; man weiß, wo es lang geht und stößt in der Wirtschaft und der Politik durchaus auf Resonanz. Der Kontakt mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit jedoch ist eher schlecht. Das muss einem schon zu denken geben.

PWP:Was meinen Sie mit „Kontakt“?

Falkinger: Die Wahrnehmung der Realität durch die Disziplin und ihre Kommunikation mit den Menschen. Die Gefahr ist, dass man sich in einen elitären, selbstgefälligen Club entwickelt. Wissenschaft lebt grundsätzlich sehr stark von der kritischen Reflexion, und daran mangelt es mitunter. Hybris kann einem am Ende auch auf den Kopf fallen.

PWP: Braucht es dazu nicht auch eine stärker interdiszplinäre Ausrichtung?

Falkinger: Ich glaube, wichtig sind vor allem die Offenheit und der Kontakt zur Realität. Grundsätzlich gibt es ja zwei Ansätze. Entweder man hat ein sehr enges methodisches Gerüst, wie Optimierung, und adressiert von dort aus in die Breite alle möglichen Themen, auf dem Feld der Psychologie, der Neurologie, der Evolutionsbiologie, der Anthropologie usw. Das geschieht in der Ökonomik in erheblichem Ausmaß; in diesem Sinne ist sie schon jetzt sehr interdisziplinär geworden. Gefragt wäre meines Erachtens aber ein anderes Modell, bei dem die Breite eher in den Ansätzen, Methoden, Betrachtungsweisen und Reflexionsniveaus liegt, bei dem man als Ökonom aber bei seinem Leisten bleibt, was die Phänomene betrifft, die man erklären will. Wir sollten nicht so tun, als ob wir auch Juristen, Psychologen oder sonst etwas wären. Mir ist es lieber, wir haben eine breite Basis und einen schmalen Fokus statt eine schmale Basis und einen riesigen Fokus. Da sind wir nach meinem Eindruck in die falsche Richtung unterwegs. Was mir im Hinblick auf die Nähe zur Realität fehlt, ist die Konfrontation mit dem Menschen und der Gesellschaft. Das kommt zu kurz, trotz der empirischen Wende, die das Fach in fast allen Teilgebieten genommen hat.

PWP: Inwiefern?

Falkinger: Die ökonometrische Analyse sieht den Menschen und die Gesellschaft so, wie sie von Datensätzen im Rahmen eines Modells vermittelt werden. Doch die ökonomische Realität kommt nicht nur oder verspätet in Datensätzen zum Ausdruck; zu einem sehr großen Teil zeigt sie sich auch in umgangssprachlichen Aussagen, insbesondere im öffentlichen Diskurs und in der Politik. Ökonometrisch bearbeitbare Datensätze genügen nicht, um die Realität zu erfassen. Dazu müssen wir auch diese andere Sphäre systematisch erfassen. Das erfordert Übersetzungsarbeit zwischen Modellsprache und natürlicher Sprache, in beide Richtungen.

PWP: Sie sind Mathematiker. Ist nicht gerade die viele Mathematik ein Problem bei der Kommunikation?

Falkinger: Die Mathematik kann in der Tat missverstanden und missbraucht werden, um sich vor der Kommunikation zu schützen. Dann wird sie zur Geheimsprache, mit der man sich womöglich eine abgehobene Stellung zu sichern sucht. Da sehe ich schon Probleme in unserer Disziplin, gerade in den quantitativen Modellen, die derzeit Karriere machen. Aber für mich heißt ein Modell grundsätzlich, dass ich mit Symbolen in einer formalen Sprache bestimmte Erscheinungen der Realität beschreibe. Das Modell wird durch seine Annahmen charakterisiert, und die entscheidende Frage ist, ob es, unter dem Zugeständnis der notwendigen Abstraktion, die wesentlichen Züge der Realität sinnvoll abbildet. Diese Prüfung ist essentiell. Ich kann nicht einfach sagen, es gibt da eine Formel, die sich in der Physik bewährt hat, die wende ich jetzt einfach auf die Wirtschaft an. Eine Ansammlung von Formeln ist noch kein Modell. Die Mathematik ist eine komplexe, schwierige Sprache; sie kann missbraucht werden, aus Unverstand oder absichtlich. Aber das gilt für andere Fachsprachen auch.

PWP: In der letzten Zeit beobachten wir, dass in den Medien immer mehr Ökonomen zu Superstars erklärt werden. Ist dieser Hype angemessen?

Falkinger: Im Netz wie auch in der Zitationsstatistik beobachten wir in der Tat eine ausgesprochen starke Konzentration der Aufmerksamkeit auf einige wenige. Nun mag man sagen, diese „Starökonomen“ sind tatsächlich um einen Tick besser, und es ist gut, wenn alle auf sie schauen statt auf die zweite Liga. Um herauszufinden, ob die „Starökonomen“ tatsächlich die erste Liga darstellen, müsste man ein kontrafaktisches Experiment vornehmen, indem man alle Rankings einmal umdreht. Man müsste dann schauen, ob die Suchmaschine noch die gleichen Namen nach oben befördert oder auch Namen und Arbeiten, die vorher kaum wahrgenommen wurden. Natürlich gibt es ein solches Experiment nicht. Aber allein die Überlegung führt vor Augen, dass es einen großen Manipulationsspielraum gibt, was Rankingmechanismen angeht, und dass Prominenz in einem pfadabhängigen Prozess entsteht, der nicht notwendig das Beste nach oben spült. Für mich ist klar, dass es für ein System, das von Innovationen lebt, eine Chance geben muss, dass Prominenz beseitigt und ersetzt wird. Sonst reproduziert sich immer nur, was man schon kennt. Wie auch immer, die strikte Orientierung der Ökonomen an einer globalen Ranking-Hierarchie ist schon speziell.

PWP: Speziell – oder kontraproduktiv?

Falkinger: Unproduktiv. Mir ist auch diese ganze Sprechweise in Superlativen suspekt. Natürlich muss man sich bemühen, voranzukommen und besser zu werden. Aber „der Weltbeste“, „der Größte“ ... Im Sport ergeben solche Bezeichnungen vielleicht Sinn, in der Wissenschaft nicht. Das ist eine Entwicklung, die mir zutiefst unsympathisch ist. Und sie zerstört Vertrauen, denn niemand glaubt, dass es so viele Beste gibt. Was wir bräuchten, ist mehr Raum und mehr Zeit in der Diskussion. Leider sind auch die meisten Medien eher an starken Ansagen interessiert und für eine differenzierte Debatte grundlegender Mechanismen zu kurzatmig.

PWP: Aber vielleicht kann man das wenigstens in der Lehre berücksichtigen?

Falkinger: Ich bin sehr dafür, den Diskussionsformaten in der akademischen Lehre mehr Raum zu geben. Ich meine damit kein bloßes Palaver, keine Stammtischdiskussion, sondern eine strukturierte, aus dem reichen Fundus unseres Faches schöpfende Debatte. Wer lernt, so zu diskutieren, muss auf eine breite Palette von Fakten und Argumenten zurückgreifen. Das schützt davor, in Moden oder Dogmen zu denken.

Mit Josef Falkinger sprach Karen Horn, Dozentin für ökonomische Ideengeschichte und Publizistin in Zürich. Josef Falkinger wurde von Philipp Baer fotografiert, Karen Horn von Beatríz Barragán.

Zur Person

Rigoroses Denken zu realen Fragen

Josef Falkinger

Josef Falkinger, geboren 1950 in Putzleinsdorf, einer kleinen Marktgemeinde in Oberösterreich, stammt aus einer Bauernfamilie. Dieser Herkunft mag es zuzuschreiben sein, dass ihm das Reale, das „Handgreifliche“, wie er sagt, letztlich mehr liegt als allein die reine Abstraktion. Dass einer ihrer Buben einmal eine höhere Schule besuchen und danach sogar noch studieren könnte, lag außerhalb der Vorstellungswelt der Familie. Und wie das Leben eines Universitätsprofessors konkret aussieht, hat Falkinger später seiner Mutter erst recht nicht richtig verständlich machen können. Wie in vielen Fällen dieser Generation bedurfte es seinerzeit eines Vorstoßes des hellsichtigen und wohlwollenden Gemeindepfarrers, der auf dem Hof bei den Eltern darum warb, den begabten Schüler schon im Alter von 10 Jahren nach Linz in ein humanistisches Internat zu geben, in das Kollegium Petrinum.

„Ich war ein sehr breit interessierter Schüler“, erinnert sich der heutige Emeritus der Universität Zürich, „mit einer besonderen Vorliebe für Literatur und alle Geisteswissenschaften“. Nach seinem Schulabschluss und dem Dienst im österreichischen Bundesheer stand für ihn fest, dass er studieren wollte – nur was? Wie viele junge Leute war er zunächst etwas orientierungslos. Statt zur Philosophie und zur Psychologie, die ihn schon lange reizten, entschloss er sich am Ende zu etwas ganz anderem: zur technischen Mathematik. „So abstrakt das war, es hat mich sehr gereizt, dass nur das Argument zählt.“ Nach drei Jahren nahm er parallel noch das Studium der Volkswirtschaftslehre auf: „Ich hatte doch das Gefühl, dass ich etwas brauche, wo ich auch wieder mit Menschen kommunizieren kann.“

Politisch interessiert war Falkinger immer schon gewesen, und in der nun anstehenden Abwägung zwischen der Soziologie und der Volkswirtschaftslehre als den gesellschaftswissenschaftlichen Leitdisziplinen überzeugte ihn letztlich, dass die Ökonomik doch einen klareren Theoriekern zu haben schien. „Das war für mich dann das geeignete Zusatzstudium, um das rigorose Denken mit realen Problemen zu verbinden“, erklärt er. Die prägenden Figuren und Falkingers wichtigste Lehrer an der volkswirtschaftlichen Fakultät der Johannes-Kepler-Universität Linz waren Kurt W. Rothschild und Kazimierz Łaski, „beides höchst eindrucksvolle Wissenschaftlerpersönlichkei

ten, die das Fach in großer Breite und Klarheit vertreten haben“. Łaski war Schüler von Michal Kalecki, der gemeinsam mit Keynes das Konzept der effektiven Nachfrage erfunden hatte. „Sein sehr rigoroser Denkstil war für mich ein wichtiger Anker“, bekennt Falkinger, der zusammen mit Łaski unter anderem ein Papier zur Marxschen Theorie der Ausbeutung und des technischen Fortschritts geschrieben hat[1].

Nach seiner mathematischen Promotion 1979 zog es ihn zunächst erst einmal „heraus aus dem Universitätskosmos und näher heran an die praktische Politik“. Dreieinhalb Jahre wirkte er als wirtschaftspolitischer Referent in der Handelskammer, wobei er allerdings zugleich die Arbeit an einer ökonomischen Dissertation aufnahm – zum Thema „Die technische und organisatorische Struktur einer Wirtschaft: Theoretische Beiträge zur strukturpolitischen Diskussion“. Nach der Rezession der siebziger Jahre spielte die Krise in der Stahlindustrie damals auch in Linz eine große Rolle. Falkinger kümmerte sich deshalb an der Handelskammer vorrangig um Fragen der Strukturpolitik, der Regionalpolitik, der Innovationspolitik und der Energiepolitik.

„Ich war da sozusagen der heilige Innovatio, der allen möglichen Leuten erklären musste, warum Innovation wichtig ist“, berichtet er schmunzelnd. Er verfasste zahllose wirtschaftspolitische Konzepte, Memoranden und Stellungnahmen – bis hinunter in die Niederungen einer Verordnung für jenes schmutzige, der Legende nach aber Glück bringende Gewerbe, dessen Vertreter bei den Österreichern so unnachahmlich hübsch „Rauchfangkehrer“ heißen. Wie die Politik in der Praxis funktioniert, wie man geschickt kommuniziert, wie man Themen möglichst nachvollziehbar vermittelt und die entscheidenden Akteure miteinander verknüpft – all das zu lernen, betrachtet Falkinger noch heute als sinnvoll und durchaus nützlich. „Aber das war nicht der Kern meines Talents.“

Als sich an der Universität Linz die Gelegenheit einer Habilitationsstelle bot, nahm er diese mit Freuden an. „Das war ein Befreiungsschlag.“ Die in den Jahren an der Handelskammer gesammelte Erfahrung, wie schwierig Innovation in der Praxis ist, wie mühsam es also für Unternehmer mitunter ist, sich vorzustellen, welche Märkte noch neu entstehen können, floss dabei in seine Habilitation zum Thema Sättigung ein[2]. Im Jahr 1991 nahm er einen Ruf an die Universität Graz an, wo er dem Institut für Finanzwissenschaft und öffentliche Wirtschaft vorstand. 1995 wechselte er auf den Lehrstuhl für Industrieökonomie, Entwicklungspolitik und reale Außenwirtschaftstheorie an der Universität Regensburg, bevor er im Sommer 2000 nach Zürich ging. Dort hatte er den Lehrstuhl für Finanzwissenschaft und Makroökonomie inne, bis er im Sommer 2015 emeritiert wurde.

Schon an der Vielfalt dieser Denominationen erkennt man die umfassende thematische Breite von Falkingers wissenschaftlichem Werk. Er hat ebenso zu Fragen von Wachstum, Beschäftigung und Unsicherheit geschrieben wie über Steuern, Ungleichheit und Umverteilung. Besonders in den vergangenen Jahren hat er sich darüber hinaus auch intensiv mit der Geschichte des ökonomischen Denkens und der Grundsatzfrage befasst, was die Relevanz der Wirtschaftswissenschaften ausmacht. Medienpräsenz sei dafür jedenfalls kein Kriterium, betonte er 2015 in einem Festvortrag an der Wirtschaftsuniversität Wien in schönstem Schmäh: „Wissenschaft ist kein Adabeiberuf“[3].

Doktrinäre Gewissheit und die Einbildung, die Ökonomik stelle eine Universalwissenschaft dar, seien ebenfalls wenig hilfreich. Um auf dem Weg der Erkenntnis voran zu kommen, so arbeitete Falkinger in diesem Vortrag heraus, brauche es in der Disziplin vor allem „die Verständigung auf einen gemeinsamen Kern der Ökonomie, die Akkumulation bewährter Bausteine und die systematische Konfrontation mit der Realität, einschließlich einer systematisch gepflegten Kommunikation zwischen Modellsprache und Common-sense-Sprache.“ Ein freundliches, uneitles und bodenständiges Naturell, wie es Falkinger selbst an den Tag legt, ist auf diesem Weg zudem gewiss von Vorteil. (orn.)

Online erschienen: 2016-9-7
Erschienen im Druck: 2016-9-1

© 2016 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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