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Publicly Available Published by De Gruyter January 24, 2020

„Oft sind gerade die Brüche in den Daten spannend“

Ein Gespräch über den Reformbedarf des Rentensystems, das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) und die genetische Erforschung der Risikoneigung der Menschen

Gert G. Wagner EMAIL logo

PWP: Herr Professor Wagner, das Thema Rente ist eine Dauerbaustelle, und es ist auch ein Feld, das Sie in Ihrer gesamten wissenschaftlichen Karriere nie verlassen haben. Sie haben schon zahlreichen Kommissionen angehört, auch der jüngsten Rentenkommission „Verlässlicher Generationenvertrag“. Haben Sie den Eindruck, dass die wissenschaftliche Beratung nicht genügend Einfluss hat?

Wagner: Nein. Zum ersten ist die Rentenverwaltung, sowohl im zuständigen Ministerium als auch in der Rentenversicherung, im Laufe der Zeit immer wissenschaftlicher geworden. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das immer gut ist. Je mehr man weiß, desto schwerer fallen die Änderungen. Zum zweiten haben vor allem die neoklassischen Rentenanalysten schon einen erheblichen Einfluss dabei gehabt, die Kapitaldeckung auch in der Politik in den Vordergrund zu rücken. Das ist dann aber so in die Praxis umgesetzt worden, dass es heute mehr Probleme macht, als dass es irgendetwas löst. Ich selbst war da immer skeptischer – und damit ein Außenseiter in der Volkswirtschaftslehre.[1]

PWP: Warum waren Sie skeptisch? Und inwiefern?

Wagner: Insofern, als komplett umstellen einfach nicht geht. Wenn ich eine Kapitaldeckung einführe, dann kann ich die alten Generationen nicht schlicht enteignen, sondern muss ihnen umlagefinanziert weiterhin ihre Rente zahlen. Auch deshalb würden sich unter dem Strich die Wachstumseffekte, die man sich einmal erhofft hat, nicht einstellen. Ich habe aber eingesehen und stehe heute auch dazu, dass eine Mischung von Kapitaldeckung und Umlagefinanzierung sinnvoll ist. Aber man darf es mit der Kapitaldeckung eben nicht übertreiben. Die Erwerbsminderungsgefahr können Sie kapitalgedeckt nicht vernünftig absichern, denn sie ist langfristig unkalkulierbar.

PWP: Was muss denn nach Ihrer Ansicht geschehen, und was ist das größte Problem?

Wagner: Bei der Rente hat man im Wesentlichen vier Parameter, an denen man etwas verändern kann, den Beitragssatz, das Rentenniveau, den Bundeszuschuss und die Altersgrenze. Wir werden von 2025 bis mindestens 2040 eine deutliche Alterung der Bevölkerung erleben. Sie wird dauerhaft so bleiben, jedenfalls bis 2060. Dem Anstieg folgt ein Plateau. Das heißt, es gibt nichts zu untertunneln, wir müssen uns dauerhaft etwas anderes ausdenken. Es ist dann ja durchaus lebensnah, dass man, wenn man vier Parameter hat, nicht nur an einem etwas ändert, sondern an allen vieren herumschraubt. Am meisten Widerstand gibt es bei dem wirksamsten, der Altersgrenze. An deren Erhöhung will außerhalb der Wissenschaft keiner ran, aber da müssen wir irgendwann mal wieder springen. Mein Kollege Ralph Hertwig im Berliner Max-Planck-Institut (MPI) für Bildungsforschung hat deswegen die Idee gehabt, dieses heikle Thema anders zu „framen“.

PWP: Wie denn das?

Wagner: Statt immer über die Altersgrenze reden, sollten wir von der Ursache des Problems ausgehen und fragen, wie man die gestiegene Lebenserwartung auf längere Erwerbstätigkeit und längere Rente aufteilt. Wenn man die Sache so angeht, kann man vielleicht eher eine Lösung finden, die zwischen den beiden Extrempunkten liegt, die zusätzliche Lebenserwartung allein der Erwerbstätigkeit oder der Rente zuzuschlagen. Ich halte mich an den Rat und spreche nicht mehr von der Altersgrenze. Aber ich gestehe, bisher hat das neue Framing nicht sonderlich viel gebracht, auch Fachleute kleben einfach am Begriff der Altersgrenze, statt sich über die höhere Lebenserwartung zu freuen. Wobei es übrigens empirisch so aussieht, als ob die Zunahme der Lebenserwartung langsam wieder abflacht. Falls das der Fall ein sollte, gäbe es auch keinen entsprechenden Grund, die Altersgrenze zu erhöhen.

PWP: Im Zuge von Digitalisierung und Robotisierung scheinen sich außerdem die Sorgen zu mehren, dass die materielle Ungleichheit in der Gesellschaft noch drastisch zunehmen wird und dass unsere marktwirtschaftliche Ordnung gerade mit sozialen Sicherungssystemen, die an die Erwerbstätigkeit geknüpft sind, nicht mehr tragfähig sein wird. Teilen Sie diese Sorge?

Wagner: Überhaupt nicht. Die Sorge, von der Sie sprechen, findet vor allem in den Feuilletons der Zeitungen Ausdruck. Darin zeigt sich deutlich, wie Journalisten oftmals ihre eigene Lebenssituation verallgemeinern. Aber mit der wirklichen Welt hat das nicht besonders viel zu tun. Schließlich gibt es in westlichen Gesellschaften bisher doch keinerlei Evidenz, dass uns die Erwerbsarbeit ausgeht. Das wird sich auch nicht so rasch ändern. Denn insbesondere die Alterung der Gesellschaft bringt es mit sich, dass ein derart großer Bedarf zum Beispiel an sozialen Dienstleistungen entsteht, dass damit viele Menschen damit ihr Brot verdienen werden.

PWP: Allerdings sind das eben gerade Berufe, die nicht immer gut bezahlt sind, zum Beispiel in der Pflege – mit der Folge, dass dann auch die Renten ungenügend ausfallen könnten.

Wagner: Ja. Aber das ist letztlich eine gesellschaftliche Entscheidung, was uns etwas wert ist. Der Grenzertrag einer Tätigkeit ist ja nicht physisch festgelegt, sondern hängt davon ab, welchen Preis die Menschen bereit sind, für diese Tätigkeit zu zahlen. Über kurz oder lang werden die Einkommen von Pflegenden bei uns nach oben gehen. Dass gerade diese Berufe immer noch so schlecht bezahlt werden, ist mir ein Rätsel. Wir sind potentiell ja alle von diesem Bedarf an guter Pflege betroffen. Und wenn man die Leute in Umfragen nach den wichtigsten Problemen befragt, die sie sehen, dann steht die Pflege immer ganz oben auf ihrer Liste.

PWP: Damit sind wir bei dem Thema der Befragungen und dem größten und vielleicht wichtigsten Projekt, das man mit Ihrem Namen verbindet. Sie sind „Mister SOEP“. Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), ins Leben gerufen 1983 durch Hans-Jürgen Krupp, ist aus der Forschungslandschaft nicht mehr wegzudenken. Sie haben es von 1989 bis 2011 geleitet. Wie ist es eigentlich entstanden?

Wagner: Krupp hatte nach der Promotion ein Stipendium für die Vereinigten Staaten, für Madison, Wisconsin. Die Wissenschaftler dort waren stark in Sozialpolitik- und Armutsforschung. Das lag damals im Zeitgeist. Da hat er die Leute kennengelernt, die später die Panel Study of Income Dynamics (PSID) begonnen haben. Diese Studie läuft heute noch, sie ist jetzt über 50 Jahre alt. Krupp war fest überzeugt, wenn man Sozialpolitik ordentlich analysieren will, braucht man Längsschnittdaten; man muss schauen, wie sich die Leute verhalten und im Lebensverlauf entwickeln. Krupp hat schon damals die Wissenschaft mit Management verbunden und große DFG-Projekte gemacht – ich war der letzte wissenschaftliche Mitarbeiter, der für sein Projekt eines „Sozialpolitischen Indikatoren- und Entscheidungssystems“ (SPES) eingestellt wurde. Krupp hatte nicht nur kostspielige Ideen, sondern hat die auch durchgezogen. Ab 1982 wurde das SOEP im Rahmen des DFG-Sonderforschungsbereichs 3 „Mikroanalytische Grundlagen der Gesellschaftspolitik“ finanziert; ab 1984 – als die Erhebung anlief – waren das jährlich über 2 Millionen D-Mark. Für sozialwissenschaftliche Themen war das jenseits von allem, was es jemals gegeben hatte.

PWP: Im Grunde wurde damit eine Forschungsinfrastruktur geschaffen, die heute in aller Welt eine Vielzahl von Wissenschaftlern nutzen.

Wagner: Ja, wobei es den Ausdruck „Forschungsinfrastruktur“ damals noch gar nicht gab. In den achtziger Jahren hat man so noch nicht gedacht, da war das SOEP erst mal nur ein Projekt, das einem Sonderforschungsbereich eine Datengrundlage geben sollte. Interessanterweise war ich später unmittelbar daran beteiligt, den Begriff Forschungsinfrastruktur in die Welt zu setzen, als ich zwischen 2002 und 2006 Mitglied im Wissenschaftsrat war. Irgendwann ging es da dann um eine Empfehlung für einige Großgeräte in den Naturwissenschaften. Da tauchte unter anderem der Plan für den Forschungseisbrecher „Aurora Borealis“ und für den Elektronenlaser BESSY II auf; mittlerweile existieren, soweit ich weiß, beide. Als wir die Projekte empfahlen, haben der zuständige Staatssekretär – Frieder Meyer-Kramer, den ich noch vom DIW her kannte – und ich darauf gedrungen, dass auch festgehalten wird, dass nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch die Sozialwissenschaften Forschungsinfrastruktur brauchen, sozusagen große Geräte, die empirische Wissenschaft ermöglichen.[2] Inzwischen laufen sogar die Vorbereitungen für die Förderung einer Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI). Insofern hat sich die Erfindung des Begriffs Forschungsinfrastruktur gelohnt.

PWP: Wie lange hat es gedauert, bis der Bestand des SOEP dauerhaft gesichert war?

Wagner: Nach Ablauf der Projektphase zum Start noch mehr als zehn Jahre. Institutionalisiert wurde das SOEP auch deshalb, weil wir im Juni 1990, noch in der DDR, vor der deutschen Einheit, die erste große Erhebung im Osten gemacht haben. Das war gleich meine erste Tat, als ich von Krupp die SOEP-Leitung übernahm. Das SOEP ist damit die einzige derartige Längsschnitterhebung, in der man den kompletten Wandel einer Gesellschaft im Detail beobachten kann. Dass wir das im Portfolio hatten, hat die Institutionalisierung sehr erleichtert, wobei es trotz einer frühzeitigen und sehr positiven Evaluierung durch den Wissenschaftsrat noch zehn Jahre gedauert hat, bis wir eine institutionelle Finanzierung im Rahmen der Leibniz-Gemeinschaft bekamen.

PWP: Im Laufe der vielen Jahre, die es das SOEP gibt, ist es zu vielen Ausweitungen gekommen. Gab es auch Korrekturbedarf?

Wagner: Nein, eigentlich nicht. Die zentrale methodische Innovation wurde schon am Anfang eingebaut. Für die PSID, an der das SOEP sich orientierte, wird nur eine Person je Haushalt befragt; diese Person – der „Haushaltsvorstand“ – gibt dann Auskunft über alle weiteren Mitglieder des Haushalts. Die Amerikaner hatten uns damals erklärt, dass dieses Verfahren eigentlich schlecht ist, weil dann die Einkommensdaten für die anderen Haushaltsmitglieder wenig verlässlich sind. Oft beantworten die Frauen den Fragebogen, wobei aber die Männer ihren Frauen oft gar nicht sagen, was für Nebenjobs sie haben. Bei den älteren Kindern im Haushalt ist es ganz sicher auch immer noch so. Krupp hat damals durchgesetzt, dass wir, um dieses Problem zu vermeiden, alle erwachsenen Haushaltsmitglieder befragen. Deshalb mussten wir anschließend auch nichts mehr ändern. Das wurde von allen Haushaltspanelstudien, die danach in aller Welt begonnen wurden, übernommen. Konzeptionell nicht korrigiert, sondern ergänzt haben wir im Jahr 2000 die sukzessive Ausweitung der Datengewinnung über Kinder und jugendliche Erstbefragte, da nicht zuletzt in der Psychologie und Bildungsforschung Fragen der frühkindlichen Entwicklung zunehmend an Bedeutung gewonnen hatten.

PWP: Das dürfte zu Brüchen in den Daten geführt haben.

Wagner: Ja, natürlich. Brüche in den Daten gibt es immer mal wieder. Der Fragebogen muss schon deswegen immer einmal wieder angepasst werden, weil sich bestimmte institutionelle Gegebenheiten verändern. So hatten wir anfangs in der Frage nach der Erwerbstätigkeit nur die Unterscheidung in Vollzeit, Teilzeit und geringfügige Beschäftigung. Dann kam der Vorruhestand hinzu, in Gott weiß wie vielen Variationen. Irgendwann wurden aus den geringfügigen Beschäftigungen Mini-Jobs und Midi-Jobs. Es zählt zu den Aufgaben der Wissenschaftler, die mit diesen Daten arbeiten, zu sehen, wie man die Ergebnisse über die Zeit vergleichbar macht. Das ist in gewisser Weise eine Wissenschaft für sich. Brüche in den Daten entstehen aber auch auf völlig andere Art und Weise: Zum Beispiel der Übergang vom Papier und Stift beim Interview zum Laptop produziert Befragungsartefakte, deren Analyse inzwischen eine Wissenschaft für sich ist. Also: oft sind gerade die Brüche in den Daten spannend, weil man neue Analysemethoden entwickeln muss und kann.

PWP: Geben Sie bitte ein Beispiel?

Wagner: Seit einigen Jahren werden Metadaten systematisch erhoben. Beim SOEP wurde das von Anfang an gemacht und die Datenbank sorgfältig gepflegt.[3] Im SOEP-Datensatz wurde immer schon festgehalten, wie die Leute den Fragenbogen beantwortet haben. Denn Ute Hanefeld, die für Hans-Jürgen Krupp das SOEP gemanagt hat, war gegenüber dem Erhebungsinstitut misstrauisch und auch eine gute Buchhalterin. Sie hat auf die Metadaten gedrungen, aber es hat ein paar Jahre gedauert, bis diese Metadaten tatsächlich ausgewertet wurden. Zuerst wohl von Ulli Rendtel, jetzt gerade als Professor an der FU Berlin in Pension geschickt, der damals am DIW für die Analyse der Ausfälle von Personen aus der SOEP-Stichprobe zuständig war. Diese Ausfälle treten vermehrt auf, wenn der Interviewer wechselt. Das hat Rendtel dann bei der Gewichtung der Daten berücksichtigt. Wir wissen aber nicht nur, welcher Interviewer welche Haushalte interviewt hat, sondern wir kennen auch einige Merkmale der Interviewer, so Geschlecht und Alter. Deswegen haben wir anlässlich der Erstbefragung in der DDR im Juni 1990 angefangen, Interviewereffekte systematisch zu analysieren.[4] Man kann inzwischen sogar studieren, inwieweit spezifische Persönlichkeitsmerkmale von Interviewern Einfluss auf die Ergebnisse haben, da inzwischen alle paar Jahre die Interviewer selbst einen SOEP-Kurzfragebogen ausfüllen.

PWP: Warum haben Sie schon so früh Metadaten gesammelt, als das wissenschaftlich noch gar nicht üblich war?

Wagner: Ehrlich gesagt hatte am Anfang niemand die Idee, dass man diese Daten, den Begriff Metadaten gab es noch gar nicht, einmal wissenschaftlich auswerten kann. Es war einfach so, dass das Umfrageinstitut diese Informationen abliefern musste, damit man nachprüfen konnte, ob ordentlich interviewt wurde.

PWP: Und, wurde immer ordentlich interviewt?

Wagner: Ja. Aber bevor mit Hilfe der Laptops die Interviewer sehr gut kontrolliert werden konnten, gab es immer wieder auch mal Fälschungen. Die meisten ganz am Anfang, im Jahr 1984, weil sich damals die Interviewer nicht vorstellen konnten, was es bedeutet, dass die Leute immer wieder befragt werden. Wenn die ein zweites Mal angeschrieben werden, sie aber noch nie Besuch von einem Interviewer gehabt hatten, dann fliegt der Interviewer auf. Nach der zweiten Welle mussten 64 Datensätze entfernt werden – gemessen an 12.000 Interviews war das durchaus ganz wenig. Die gefälschten Daten wurden aber nicht endgültig gelöscht, sondern ordentlich archiviert. Als dann, viel später, schon nach der Jahrtausendwende, die künstliche Intelligenz aufkam, hatten Klaus-Robert Müller, ein gelernter Physiker und Informatik-Professor an der TU Berlin, und ich die Idee, mit Hilfe der künstlichen Intelligenz in den Interviews nach Mustern zu suchen, um zu prüfen, ob man damit Fälschungen erkennen kann. Wir konnten das System mit den 64 tatsächlichen Fälschungen trainieren. Wie sich herausgestellt hat, ist es den Interviewern zwar gelungen, die Mittelwerte ziemlich gut zu treffen, aber nicht die volle Streuung. Was sie auch nicht hinkriegen, ist, Benford‘s Law einzuhalten. [5]

PWP: Was ist das?

Wagner: Eine Gesetzmäßigkeit in der Verteilung der Ziffernstrukturen von Zahlen in Datensätzen, in den dreißiger Jahren wiederentdeckt von dem Physiker Frank Benford. Wenn Sie quantitative Variablen wie das Einkommen haben, nicht nur 0-1-Dummyvariablen, dann folgt die Häufigkeit der Ziffern einer charakteristischen Verteilung.

PWP: Haben Sie da denn noch weitere Auffälligkeiten feststellen müssen?

Wagner: Ja, aber die Interviewer, um die es da dann ging, waren schon aus anderen Gründen entlassen worden. Die waren einfach unzuverlässig. Aber auf jeden Fall war das methodisch sehr interessant.

PWP: Wann und wieso sind Sie denn das erste Mal auf die Idee gekommen, die erhobenen Daten anders zu benutzen als ursprünglich geplant?

Wagner: Wieso ich darauf kam, weiß ich nicht mehr. Aber an meine erste unkonventionelle Analyse erinnere ich mich gut. Das war eine Untersuchung der sozialen Differenzen der Sterblichkeit anhand der Angaben über Alter und ggf. Todesjahr der Eltern der Befragten. Diese Untersuchung war lange eine Standard-Referenz zu den sozialen Unterschieden der Lebenserwartung in Deutschland, weil es dafür so wenig Datenbasen gab und gibt.[6] Daneben habe ich mich auch mit Panel-„Mortalität“ bzw. Panel-Stabilität beschäftigt. Ganz am Anfang hat man nicht unterschieden, ob jemand aus dem SOEP als Befragter verschwindet, weil er nicht mehr mitmachen will, oder weil er gestorben ist. Das kommt ja auch vor. Es wurde so getan, als ob jemand, der stirbt, genauso schädlich ist für die Aussagekraft einer Panelstudie wie jemand, der nicht mehr mitmachen will und dadurch die Stichprobe verzerren kann. Ich habe dann das Argument mit Erfolg eingebracht, dass die, die sterben, kein Verzerrungsproblem mit sich bringen, sondern im Gegenteil die Repräsentativität erhöhen, weil ja auch in der Wirklichkeit gestorben wird.[7]

PWP: Auch plausibel.

Wagner: Wir kamen jedenfalls vor diesem Hintergrund auf die Idee, ohne es freilich auch selber wissenschaftlich umzusetzen, dass man die Informationen der Verstorbenen nutzen kann, um soziale Differenzen in der Sterblichkeit auszurechnen. Das gab es damals in Deutschland so gut wie nicht. Fast alle der Analysen zu sozialen Unterschieden in der Sterblichkeit, die zum Beispiel die Gesundheitsforscher vom Robert-Koch-Institut in Berlin zu diesem Thema machen, basieren auf den SOEP-Daten – und diese Ergebnisse spielen zum Beispiel in der Rentenkommission der Bundesregierung eine wesentliche Rolle. Wir haben sogar für ziemlich viel Geld bei den Einwohnermeldeämtern recherchieren lassen, wer von denen, die nicht mitmachen, nicht mehr lebt. Auf Basis der Auskünfte, die wir da bekamen, konnten wir unseren SOEP-Datensatz für Verstorbene erheblich vergrößern.

PWP: Wie werden eigentlich die Leute ausgesucht, die bei dem Panel mitmachen?

Wagner: Das ist ein relativ komplizierter, gesteuerter Zufallsprozess. Wir nennen das einen Random walk. Die Republik ist eingeteilt in Zehntausende Stimmbezirke. Anhand der Liste dieser Stimmbezirke werden einige zufällig gezogen, in der Regel geschichtet nach der Größe des Bundeslandes. Innerhalb eines Stimmbezirks wird dann wiederum eine Startadresse zufällig ausgewählt, heute per Computer. Ein Interviewer, der keine Interviews macht, muss sich an diese Adresse begeben und jedes dritte oder siebte Klingelschilder aufschreiben; dafür gibt es eine „Begehungsvorschrift“. Er liefert die Adressen dem Befragungsinstitut ab und dieses beauftragt dann einen anderen Interviewer zu versuchen, bei den Leuten einen Gesprächstermin zu bekommen und sie zum Mitmachen zu bewegen.

PWP: Interessant, dass das noch so analog läuft. Wieso benutzt man nicht Telefonnummern?

Wagner: Weil bei Telefonumfragen nur 10 Prozent oder weniger mitmachen. Beim SOEP liegt die Ausschöpfungsquote demgegenüber zwischen 30 und 40 Prozent. Am Anfang waren es sogar einmal 60 Prozent. Und in der ersten Welle 1990 in der DDR lag die Quote so hoch wie niemals sonst, bei 70 Prozent. Die Leute waren damals froh, dass mal jemand etwas von ihnen wissen wollte.

PWP: Wie groß ist der Anteil der Befragten, die dann irgendwann nicht mehr mitmachen wollen?

Wagner: Das kommt darauf an. In der zweiten Welle sind es etwa 10 Prozent. Anschließend sind es von Welle zu Welle dann noch etwa 3 Prozent. Von den 16.000 Personen, die in der ersten Welle 1984 befragt wurden, einschließlich der Kinder, sind heute noch ungefähr 1000 dabei. Vor ein paar Jahren habe ich einmal im Rahmen eines Projekts im Ruhrgebiet mit einigen der seit 1984 Befragten persönlich sprechen können.[8] Etliche der besonders treuen Leute dort werden von Anfang an und bis heute von ein und demselben Interviewer befragt, der auch als über 80-Jähriger noch den persönlichen Ehrgeiz hat, seine Befragten bei der Stange zu halten.

PWP: Das ist für die Beteiligten über all die Jahre auch wirklich kein kleines Commitment.

Wagner: Ja, und deshalb ist es für uns auch sehr wertvoll, dass seit Richard von Weizsäcker alle Bundespräsidenten – bis auf einen, der zurücktreten musste – Werbung für das SOEP gemacht haben. Zweimal ist es uns sogar gelungen, dass eine SOEP-Familie zum Sommerfest des Bundespräsidenten eingeladen wurde, mit dem Argument, dass jemand, der über 30 Jahre am SOEP teilnimmt, so etwas wie ein Ehrenamt ausübt. Auf jeden Fall zeigt sich darin ein wertvolles staatsbürgerliches Engagement.

PWP: Haben Sie eigentlich einen Überblick darüber, in welchem Umfang das SOEP in der Wissenschaft genutzt wird?

Wagner: Das ist ein großes Problem, und das geht nicht nur uns, sondern allen Panel-Studien so. Wir wünschen uns von Wissenschaftlern, die das SOEP nutzen, dass sie uns Belegstücke ihrer Veröffentlichungen schicken. Das machen viele, aber leider bei weitem nicht alle. Ab und zu recherchieren wir auch nach. Im Moment gibt es, glaube ich, fast 10.000 erfasste Belegstücke.

PWP: Das ist doch viel zu wenig.

Wagner: Es gibt natürlich außer dem, was wir zählen, inzwischen unglaublich viele Diplom-, Bachelor- und Magisterarbeiten auf Basis der Daten des SOEP. Etliche Studierende veröffentlichen ihre Arbeiten auch als Online-Buch. Da gibt es jede Menge, was wir gar nicht erfassen, denn das wäre einfach extrem teuer. Recht gut gelingt es uns aber, die Veröffentlichungen in guten wissenschaftlichen Zeitschriften zu erfassen, und das sind im Moment etwa 150 im Jahr. Das ist nicht weniger als der jährliche Publikationsoutput der PSID, deren Daten vom viel größeren amerikanischen Wissenschaftsmarkt analysiert werden und die man sogar – was in Europa nicht geht – völlig frei im Internet downloaden kann. Wenn Sie fragen, ob sich der ganze Aufwand für gerade einmal 150 Top-Veröffentlichungen überhaupt lohnt, ist meine Antwort ganz klar: Ja! Das Kern-Budget des SOEP insgesamt beträgt inzwischen etwa 7 Millionen Euro. Selbst wenn ich das nur durch 150 teile, ist das mit knapp 50.000 Euro je Publikation noch günstig. Die Manpower, die in eine ordentliche Publikation fließt, ist in der Regel viel teurer als der Anteil an der Datenerhebung. Es gibt aber auch noch viele weitere Publikationen. Bezieht man die ein, dann kommt man auf vielleicht 10.000 Euro Datenkosten pro Veröffentlichung.

PWP: Und es sind nicht nur einzelne Wissenschaftler und Studenten, die das SOEP nutzen. Es sind auch viele große Institutionen.

Wagner: Richtig. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung zum Beispiel nutzt alle zwei Jahre das SOEP, und das nun schon seit bald 20 Jahren. Im Familien- und Jugendbericht, im Armuts- und Reichtumsbericht, im Teilhabebericht der Bundesregierung – überall tauchen SOEP-Ergebnisse auf. Auf Initiative meines Nachfolgers Jürgen Schupp gibt es übrigens inzwischen sogar mehrere Stichproben mit Flüchtlingen. Das SOEP ist die einzige große Längsschnittstudie auf der Welt, der es gelingt, Flüchtlinge schon in den Aufnahmelagern zu befragen. Von der Umfragemethodik her ist das noch wesentlich komplizierter als seinerzeit die erste Erhebung in der DDR. Damals hat man einfach den deutschsprachigen Fragebogen genommen und das eine oder andere mit Hilfe von Soziologen in Ost-Berlin angepasst. Es war wenigstens dieselbe Sprache – wenn auch etliche Begriffe unterschiedlich waren. Die Flüchtlingsfragebögen hingegen werden in fünf Sprachen übersetzt, darunter in Paschtu und Urdu. Das ist ein ungeheuer großer Aufwand, finanziert von der Bundesagentur für Arbeit und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung. Und aus den Daten geht hervor, dass die geflüchteten Menschen besser zurechtkommen, als alle das erwartet haben. Ein politisch wirklich relevantes Ergebnis.

PWP: Im SOEP sind nicht nur harte materielle Angaben gefragt, sondern es geht auch um subjektive Einschätzungen, zum Beispiel mit Blick auf die Lebenszufriedenheit. Wer nutzt diese?

Wagner: Wir hatten auf Initiative von Wolfgang Zapf, seinerzeit Soziologie-Ordinarius in Mannheim, eine Frage zur Lebenszufriedenheit von Anfang an mit drin, auf einer Skala von 0 bis 10. Diese Frage ist ein echter Renner. Aber damit war lange nichts wirklich Spannendes passiert, bis die Ökonomen diese Dimension für sich entdeckt haben. Darüber hinaus sind mein Kollege und späterer Nachfolger Jürgen Schupp und ich stolz darauf, das SOEP, das neben der Ökonomie immer schon einen Soziologieteil hatte, um psychologische Fragen erweitert zu haben. Mich persönlich hatte das schon als junger Post-Doc interessiert, insbesondere das Thema Risikoneigung. Und Schupp war mit Gisela Trommsdorf in Kontakt gekommen, einer Psychologieprofessorin in Konstanz. Mit Blick auf das, was wir sonst im SOEP alles so wissen wollen, regte sie an, dass wir für weiteren Erkenntnisgewinn zusätzlich die Kontrollüberzeugungen erfragen.

PWP: Was genau ist damit gemeint?

Wagner: Es gibt ja Leute, die sind davon überzeugt, dass sie alles selbst in der Hand haben; und es gibt andere, die glauben an göttliche oder auch finstere Mächte, die ihr Schicksal bestimmen. Diese Haltungen haben wir 1994 erstmals erfragt. Es war gar nicht einfach, das intern durchzusetzen, denn von Psychologie hielt der Groß-Soziologe Zapf im SOEP-Beirat gar nichts. Aber dann fehlte er 1993 bei einer Sitzung, und da war es dann möglich, Fragen zur Kontrollüberzeugung in den Fragebogen aufzunehmen. Inzwischen ist die Zahl psychologischer Fragen im SOEP groß. Es ist inzwischen eine in aller Welt intensiv genutzte Quelle für entsprechende Forschung, die auch interdisziplinär erfolgt. Darauf bin ich besonders stolz.

PWP: Was ist nun gerade für Psychologen so interessant daran?

Wagner: Wie kann man etwas Verallgemeinerbares aus Studien lernen, bei denen fast nur Kinder von Angehörigen der Oberschicht in amerikanischen Psychologie-Departments mitmachen, da dort Studierende in den ersten Semestern verpflichtet sind, an Experimenten teilzunehmen? Derartige Studien haben lange Zeit die Top-Fachzeitschriften der Psychologie gefüllt. Nur wenn man annimmt, dass das kulturelle und soziale Umfeld für Psychologie keine Rolle spielt, sind derartige Studien aussagekräftig. Diese Annahme ist jedoch oft – um nicht zu sagen: meistens – falsch. Deswegen macht es viel Sinn, dass auch in repräsentativen Umfragen in möglichst vielen unterschiedlichen Kulturkreisen und sozialen Umwelten psychologische Fragen gestellt werden.[9]

PWP: Sie sagten, die Ökonomen waren letztlich dafür verantwortlich, dass die Psychologie umfassend Eingang ins SOEP fand? Da steckt sicher die Verhaltensökonomik dahinter.

Wagner: Ja. Im Grunde war das ein Zufall, der übrigens unterstreicht, wie wichtig „soziale Forschungsinfrastrukturen“ sind, wie der Wissenschaftsrat das nennt. Sie ermöglichen persönlichen Interessen- und Wissensaustausch, vor allem auch multidisziplinär. Anfang des Jahrtausends waren Ernst Fehr (Universität Zürich) und Richard Hauser (Goethe-Universität Frankfurt), den ich seit meiner Zeit im SPES-Projekt und im Sonderforschungsbereich 3 kenne, Fellows am Wissenschaftskolleg zu Berlin. Hauser hat Schupp und mich mit Fehr zusammengebracht. Nach einem ausgesprochen anregenden Gespräch haben wir eine Frage nach Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit in das SOEP eingebaut. Mit Fehrs Hilfe haben wir dafür sogar ein echtes Vertrauensexperiment ablaufen lassen. Panelteilnehmer bekamen vom Interviewer 10 Euro geschenkt und mussten entscheiden, ob sie die behalten oder einem unbekannten Dritten geben. Wenn sie das Geld dem unbekannten Dritten gaben, wurde für ihn der Betrag von uns verdoppelt. Und wenn der unbekannte Dritte seinerseits den Befragten seine 10 Euro überließ, dann bekamen sie 20 Euro zurück. Das ist eine ganz klassische Messung von Vertrauen. Dieses Experiment in eine Sonderstichprobe des SOEP einzubauen, war auch der Beginn der systematischen Integration der Psychologie.

PWP: Warum hat Sie das Thema Risikoneigung schon immer umgetrieben?

Wagner: Das hat sicher etwas damit zu tun, dass ich mich selbst für überdurchschnittlich risikoavers halte.

PWP: Und wie kam die Risikoneigung ins SOEP?

Wagner: Ganz genau weiß ich das nicht mehr. Jürgen Schupp und ich haben unterschiedliche Erinnerungen. Auf jeden Fall ist mir die Thematik immer im Kopf herumgegangen. Und dann rief mich Armin Falk von der Universität Bonn an und sagte, dass er das SOEP nutzen wollte, um sich die Risikoneigung aus ökonomischer Perspektive näher anzuschauen. Wir haben daraufhin Leute im Pre-Test eine Frage beantworten lassen, wie risikogeneigt sie sind, mit Antwortmöglichkeiten auf der von der Zufriedenheitsmessung vertrauten Skala von 0 bis 10. Und anschließend haben wir mit den Befragten ein Risikospiel gespielt. Die experimentelle Messung der Risikoneigung besteht darin, dass man Geld bekommt und dieses investieren kann, und je riskanter die Investition ist, desto mehr Geld erhält man im Erfolgsfalle, der vom Interviewer ausgewürfelt wird, als Rendite. Wir konnten zeigen, dass die Verhaltensmessung im Experiment ausreichend eng mit der Antwort auf die Frage nach der Risikoneigung korreliert. Das hat dazu geführt, dass wir diese Fragen seit 2002 auch im eigentlichen SOEP stellen. Und es hat sich gezeigt, dass wir mit dieser Frage einen Klassiker erfunden haben, der heute in aller Welt genutzt wird. Google Scholar weist Ende 2019 fast 3 500 Zitate für unsere Beschreibung der Eigenschaften dieser Survey-Frage nach.

PWP: Was kann man damit in der Praxis anfangen?

Wagner: Eine Menge. Das reicht bis hin zu klinischen Studien, zum Beispiel für die Erforschung der Akzeptanz von Robotern in Kliniken. Da geht es zum Beispiel um sogenannte Assistenzroboter, die Reha-Patienten, die eine neue Hüfte bekommen haben, dabei unterstützen, dass sie sich bewegen. Die sprechen die Patienten an und begleiten sie dann über die Flure. Dabei zeigt sich, dass Patienten, die einwilligen, an einer Roboter-Studie mitzumachen, risikofreudiger sind als die Patienten, die die Studie ablehnen. Die Studienteilnehmer haben auch öfter Abitur und eine hohe Kontrollüberzeugung. Wenn Techniker sich also immer wieder wundern, dass die Roboter, die in frühen Tests auf gute Akzeptanz gestoßen sind, in der Praxis dann scheitern, dann liegt das auch daran, dass die Leute, die sich auf solche Tests einlassen, einer besonderen Gruppe angehören. Die meisten Leute sind nicht so risikogeneigt.

PWP: In jüngster Zeit erforschen Sie mit Ihren Kollegen am Berliner MPI für Bildungsforschung, wieweit unsere Vorliebe oder Aversion gegenüber dem Risiko genetisch vorgegeben ist. Was machen Sie da genau, und was wollen Sie damit erreichen?

Wagner: Mich treibt da wieder erst einmal die reine Neugier.

PWP: Neugier auf was? Auf das, was man mit Daten machen kann?

Wagner: Das auch, Neugierde ist schließlich die Voraussetzung von Wissenschaft. Deswegen habe ich mit den SOEP-Daten zum Beispiel auch die schichtenspezifische Vergabe von Vornamen durch Eltern an ihre Kinder untersucht[10] oder – wie schon gesagt – die Sterblichkeit. Bei dem neuen Projekt bin ich neugierig, ob man das, was die Verhaltensgenetik weiß, wirklich auf einzelne Moleküle im Genom zurückführen kann. Der Hintergrund ist, dass wir mit einem speziellen Datensatz am MPI für Bildungsforschung, der Berliner Altersstudie (BASE II), die Möglichkeit haben, sozialwissenschaftliche, medizinische und psychologische Variablen zu nutzen, um nach dem Einfluss der Gene zu forschen. Wir sind da an Konsortien beteiligt, auf deren Grundlage Anfang des Jahres zum Beispiel ein Papier in der Zeitschrift „Nature Genetics“ erschienen ist, in dem die genetischen Determinanten der Risikoneigung untersucht wurden.[11] Da wurde auch einiges gefunden. Und das SOEP verfügt inzwischen neben dem normalen Panel auch über ein sogenanntes Innovationssample, mit dem man etwas ganz Neues ausprobieren kann. Daran sind 6000 Leute beteiligt, Erwachsene und Kinder. Gelegentlich werden da Verhaltensexperimente gemacht. Und in diesem Jahr bitten wir die Teilnehmer auch um eine Probe ihres Speichels, um daraus die Gene zu sequenzieren. Die Befragten bekommen ganz genau erklärt, was wir mit dem Speichel machen wollen, und etwa 60 Prozent machen mit. Das wollen wir nutzen, um unter anderem die genetischen Grundlagen der Risikoneigung besser erforschen zu können. Dabei hat das SOEP einen großen methodischen Vorteil, weil Familien über mehrere Generationen und damit auch sehr viele sogenannte Trios enthalten sind, also Leute, die verwandtschaftlich zusammenhängen, zum Beispiel Vater, Mutter und Kind.

PWP: Worin genau besteht dieser Vorteil?

Wagner: Jeder einzelne von uns ist ein natürliches Experiment. Wie wir im Biologieunterricht gelernt haben, haben wir ja jeweils zwei Chromosomen, eines vom Vater, eines von der Mutter. In den Eizellen und den Samenzellen, die wir dann wiederum als Mütter oder Väter weitergeben, ist aber nur eines drin. Das ist eine Zufallsauswahl der beiden, die man selbst hat. Bei jeder einzelnen Eizelle und Samenzelle, die bei der Zeugung dann aufeinandertreffen, findet eine neue Zufallsauswahl statt, wie sich das Genom der eigenen Eltern kombiniert. Man kann dann nachschauen, ob jemand, der zum Beispiel dieselbe hohe Risikoneigung angibt wie sein Vater, obwohl er von den „Snips“[12], die für die Risikofreude eine Rolle spielen, gar nichts mitbekommen hat. Dann muss die Ähnlichkeit an der Erziehung oder den Lebensumständen liegen. Eine Riesenstichprobe mit vielen Individuen nutzt gar nichts, um so etwas herauszufinden – aber wir haben in den Haushaltspanelstudien das geeignete Stichprobendesign, um das natürliche Experiment der Zeugung analytisch ausnutzen zu können.

PWP: Und bekommt man da mehr heraus als das, was wir immer schon vermutet haben – dass Vererbung manches, aber nicht alles erklärt, und Erziehung ebenfalls?

Wagner: Es ist schon etwas Neues. Wenn Menschen genetisch bedingt risikoaverser sind, als zum Beispiel Ökonomen sich das wünschen, dann folgt daraus auch etwas Wichtiges für die Politik, nämlich dass wir gesellschaftliche Strukturen brauchen, die an diese tatsächliche Risikoaversion angepasst sind. Es nutzt nichts, wenn Wirtschaftspolitiker immer wieder sagen, es wäre besser, wir hätten mehr Selbständige, wenn die meisten Menschen das Risiko der Selbständigkeit scheuen, ohne etwas an dieser Scheu ändern zu können.

PWP: Haben Sie nicht ein wenig Sorge, dass sich die Ergebnisse dieser Forschungen zur Manipulation von Menschen nutzen lassen?

Wagner: Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil, wir lernen, als Gemeinschaft besser damit umzugehen, wie unterschiedlich wir sind. Wenn herauskäme, dass nur einige ganz wenige Stellen im Genom eine herausragende Bedeutung für die Risikoneigung hätten, dann könnte das sicher zu Manipulationen einladen, aber diese Gefahr besteht nicht. Das wissen wir jetzt schon. Wenn die Risikoneigung im Wesentlichen von ganz wenigen bestimmten Stellen im Genom abhängen würde, dann hätte man diese Sequenzen mit den vorhandenen Stichproben schon längst entdeckt.

PWP: Ist das noch Ökonomie, was Sie da machen?

Wagner: Nein. Natürlich nicht. Aber das ist mir egal. Ich bin dankbar, dass ich in meinem Alter noch einmal auf einem so unglaublich spannenden neuen Feld ein wenig mitarbeiten kann. Und das, was wir da herausfinden werden, ist für die Wirtschafts- und Sozialpolitik, wie gesagt, auch durchaus relevant.

Das Gespräch führte Karen Horn. Gert G. Wagner wurde von Andreas Müller fotografiert, Karen Horn von Beatríz Barragán.

Zur Person

Rente, Daten, Gene

Gert G. Wagner

Gert Georg Wagner, geboren 1953 im hessischen Kelsterbach am Main, einem Ort direkt am Frankfurter Flughafen, schätzt sich selbst als überdurchschnittlich risikoscheu ein. Das ist sein Erklärungsansatz dafür, warum er in seiner Laufbahn so viele unterschiedliche Themen berührt und Aktivitäten entfaltet hat, von der klassischen Forschung und Lehre über die Politikberatung zum Wissenschaftsmanagement: „Alles auf eine Karte zu setzen, das macht mir Angst.“ Schon die Zahl seiner Mitgliedschaften in Forschungsverbünden, Projekten, Kommissionen, Expertenrunden, Beiräten und Ausschüssen, vom Wissenschaftsrat bis zur Kammer für soziale Ordnung (in) der Evangelischen Kirche in Deutschland ist schwindelerregend. Aber woher kommt diese angebliche Risikoaversion, die derart reiche Frucht trägt? Ist sie genetisch angelegt und vererbt oder ist sie Ergebnis der Erziehung?

Diese Frage treibt Wagner auch als Wissenschaftler schon seit langem um. In verallgemeinerter Form macht sie gegenwärtig einen Großteil seiner interdisziplinären wissenschaftlichen Forschung am Berliner Max-Planck-Institut (MPI) für Bildungsforschung aus. In seinem persönlichen Fall mag die geringe Risikoneigung, wie er vermutet, etwas damit zu tun haben, dass er als Kind vor allem unter Frauen aufgewachsen ist. Frauen sind weniger risikoliebend als Männer, wie alle Studien zeigen. Wagners Vater, aus einer Arbeiterfamilie stammender Diplomingenieur und in der Familie der einzige Akademiker seiner Generation, starb sehr jung; der Sohn war gerade einmal zweieinhalb Jahre alt. Die Mutter, 1928 geboren, verfügte zwar nur über einen Volksschulabschluss, da der Krieg noch nicht einmal eine Lehre zugelassen hatte, war aber, wie Wagner erzählt, „ausgesprochen schlau und zudem lebensklug“. Nach einigen Jahren neu verheiratet, wurde sie in der Erziehung des Sohnes tatkräftig von der Mutter ihres verstorbenen Mannes unterstützt. Diese wachte in liebevoller Strenge darüber, dass auch aus dem Enkel etwas wurde.

Dessen Start an der Universität in Frankfurt geriet allerdings holprig. Weil er in der Schule gut mit Mathematik und Physik zurechtgekommen war, sich aber auch für das Fach Gemeinschaftskunde interessierte, begann Wagner damit, die ungewöhnliche Kombination von Physik und Politikwissenschaft auf Lehramt zu studieren. Diese Verbindung empfand er jedoch wegen der Physik-Praktika sehr bald als nicht machbar und verlegte sich stattdessen

auf Mathematik statt Physik. Die Neigung dazu hatte ihm sein Stiefvater vermittelt. Aber Wagner erkannte schnell, dass er für Mathematik „dann doch nicht begabt genug“ war, wie er offenherzig eingesteht. Er erwog einen neuerlichen Wechsel, diesmal zur Geographie für das Lehramt, „aber da war die Oma ganz entsetzt.“ Schließlich schickte ihn die Mutter zu derjenigen akademisch gebildeten Person, der sie am meisten vertraute, auf dass er sich beraten lasse – zu Karla Weisse, damals Leiterin der Universitäts-Kinderklinik und Honorarprofessorin, Kinderärztin seiner jüngeren Schwester. Die Ärztin meinte, das Wichtigste sei, etwas zu studieren, was Spaß mache, und fragte nach seinen Interessen: „Irgendetwas mit Politik und Wirtschaft“. Das führte dann zu einem Vordiplom in Soziologie und einem Diplomabschluss in Volkswirtschaftslehre 1978.

Seinen Lebensunterhalt verdiente sich Wagner in dieser Zeit publizistisch, als Lokalreporter für die Frankfurter Neue Presse und den heimischen Freitags-Anzeiger. „Das war eine gute Schule, und bis heute habe ich keine Angst vor dem weißen Blatt.“ Aus dieser Zeit stammt auch das Autoren-Kürzel, dass er heute noch benutzt: GGW. Ein Semester pausierte er an der Universität, um beim Organisationskomitee der Fußballweltmeisterschaft 1974 in Frankfurt mitzuarbeiten. Der Fußball ist eine seiner Leidenschaften.

Mit dem Sport hat sich Wagner immer wieder publizistisch und auch wissenschaftlich beschäftigt. Die Arbeit aus seinem schier unendlich langen Publikationsverzeichnis, von der er sagt, dass sie ihm am meisten Spaß bereitet habe, ist ein Paper zum Doping im Sport, das er mit Edward J. Bird verfasst hat[13]: „Keine Empirie, keine Formel, nur Nachdenken. Wir argumentieren, dass die Negativliste, mit der man seit Jahren das Doping zu bekämpfen versucht, einen extremen Anreiz darstellt, etwas Neues zu erfinden oder sogenannte Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen, die nicht auf der Liste stehen. Wir schlagen eine Positivliste vor: Alles ist erlaubt, aber man muss alles offenlegen. Das wäre sicherlich sehr aufwendig, die Veranstalter müssten noch mehr testen als jetzt, aber es würde die Anreizdynamik umdrehen.“

Dass Wagner in der Wissenschaft blieb, entsprach nicht nur der festen, wenn auch unausgesprochenen Erwartung seiner Großmutter, sondern ergab sich aus seiner Diplomarbeit. Im Hauptseminar war er in Kontakt mit Christof Helberger und Frank Klanberg gekommen, die zum Lehrstuhl für Sozialpolitik von Hans-Jürgen Krupp gehörten. An diesem Lehrstuhl lief das „Sozialpolitische Indikatoren- und Entscheidungssystem“ (SPES), das 1979 in den Sonderforschungsbereich 3 „Mikroanalytische Grundlagen der Gesellschaftspolitik“ mündete, in dem das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) aufgezogen wurde. Für Wagner, den Ökonomen und halben Soziologen, war das wie gemacht, und so kümmerte er sich als studentische Hilfskraft um das SPES. Sein späterer Doktorvater Helberger schlug ihm dann vor, sich in seiner Diplomarbeit mit dem Thema Rente oder Gesundheit zu befassen.

„Krank sein war nach dem Tod meines Vaters in der Familie verboten“, also programmierte der Diplomand ein Renten-Simulationsmodell. „Und von dem Rententhema bin ich dann nie mehr losgekommen“, stellt Wagner fest, der sich bis Ende der neunziger Jahre aktiv forschend mit der Altersvorsorge beschäftigt hat. Seine daraus erwachsene Sachkompetenz und sein Rat sind in der Politik immer wieder gefragt, und so gehört er auch gegenwärtig der Rentenkommission „Verlässlicher Generationenvertrag“ der Bundesregierung an. Es sei durchaus nützlich, findet er, wenn man in der Beratung nicht mehr durch seine aktuelle Forschung festgelegt sei, mit dem Anspruch, seine Erkenntnisse als die einzig Richtigen durchzusetzen. Als verantwortungsvoller Politikberater müsse man offen sein und auch akzeptieren, dass es bei komplexen Problemen nicht einfach richtig oder falsch gebe, sondern unterschiedliche politische Ziele, zwischen denen es abzuwägen gelte.

Wagner war mitgegangen, als Helberger und Krupp Ende der siebziger Jahre nach Berlin wechselten – Helberger als Professor an die Technische Universität (TU), Krupp als Präsident an das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Wagner wurde 1984 mit einer theoretischen und empirischen Analyse zum Versicherungsprinzip in der Rentenversicherung an der TU Berlin promoviert; 1992 habilitierte er sich dort mit einer arbeitsmarktpolitischen Schrift zu „Altersgrenze, Arbeitsmarkt und Altersaustritt“. Wagner war darüber hinaus von 1983 bis 1987 Geschäftsführer des Sonderforschungsbereichs 3 und nach einer ersten Station am MPI für Bildungsforschung und einem Jahr am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) von 1989 an Leiter der nun am DIW angesiedelten Längsschnittstudie SOEP, die damals noch schlicht „das Panel“ hieß. Ihm gelang es dann 2003, das SOEP als Infrastruktureinrichtung dauerhaft zu institutionalisieren – das heißt, seither wird es am DIW Berlin zu zwei Dritteln vom Bund und zu einem Drittel von den Ländern finanziert. „Das SOEP ist das größte und ganz klar das wichtigste wissenschaftliche Projekt in meiner Laufbahn“, bilanziert Wagner, der sich trotz all der Jahre in Berlin sein hessisches Idiom bewahrt hat.

Es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn man in der Entwicklung der bedeutenden Forschungsinfrastruktur SOEP Wagners Lebenswerk sieht. Er ist „Mister SOEP“. Im Gespräch zollt er immer wieder Hans-Jürgen Krupp Tribut, ohne dessen wissenschaftlichen Impuls und institutionelle Vorarbeiten es diese repräsentative Wiederholungsbefragung von Privathaushalten in Deutschland nicht gegeben hätte – aber er selbst hat sie über viele Jahre zur größten und am längsten laufenden Langzeitstudie zur sozialen und wirtschaftlichen Lage in Deutschland gemacht. Gemeinsam – und das ist Wagner wichtig – mit seinem Mitarbeiter Joachim R. Frick und vor allem mit seinem späteren Nachfolger Jürgen Schupp als SOEP-Chef hat Wagner das Panel fortlaufend an gesellschaftliche Veränderungen angepasst, es national und international vernetzt und es um psychologische Fragen erweitert. Getrieben von seinem eigenen Wissensdurst, der im SOEP immer wieder aufs Neue angeregt wurde, ist es ihm über die Jahre damit nie langweilig geworden.

Den ersten Lehrstuhl hatte Wagner 1992 an der Ruhr-Universität Bochum bekommen, ging fünf Jahre später an die Viadrina in Frankfurt (Oder) und wurde 2002 schließlich an die TU Berlin berufen. Dort hatte er bis zu seinem Ruhestand als Hochschullehrer eine Professur für Volkswirtschaftslehre, insbesondere empirische Wirtschaftsforschung und Wirtschaftspolitik. Nachdem Klaus F. Zimmermann als Präsident des DIW Berlin zurückgetreten war, sprang Wagner 2011 als Vorsitzender des Vorstands des DIW ein – den Titel „Präsident“, der laut DIW-Satzung mit dem Vorstandsvorsitz verbundenen ist, fand und findet er nicht klug, da Forschung kollegial angelegt sein müsse. Der Wechsel in den Vorstand „kam zur richtigen Zeit. Da war beim SOEP alles auf dem richtigen Gleis.“ Aber es war eine schwierige Situation; im Institut rumorte es; die Finanzen waren in Schieflage und das DIW musste etwa 700.000 Euro einsparen. Außerdem stand die Evaluation durch die Leibniz-Gemeinschaft bevor. Gemeinsam mit Cornelius Richter und Georg Weizsäcker führte Wagner das Institut erfolgreich durch eine notwendige Neuausrichtung.

Gert G. Wagner ist 2018 mit dem Verdienstkreuz Erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet worden, nach dem Verdienstkreuz am Bande, das er schon 2007 bekommen hatte. Heute ist er am DIW Senior Research Fellow, hat den Schwerpunkt seiner Forschungstätigkeit aber zum MPI für Bildungsforschung verlagert. In dem architektonisch kühnen, interaktionsfördernden Bau aus den siebziger Jahren in Berlin-Dahlem forscht und publiziert er zusammen mit Psychologen in den Forschungsbereichen Adaptive Rationalität und Entwicklungspsychologie sowie im Harding-Zentrum für Risikokompetenz, wobei er sich weit auf das Feld der Molekulargenetik vorwagt. Er folgt wie immer seiner Neugierde. Das mit den Quellen der Risikoneigung, das möchte Wagner wirklich wissen. „Ich bin glücklich, dass ich als gelernter Ökonom in meinem Alter noch einmal sowas ganz anderes machen kann, das zudem auch die Soziologie und Psychologie mit ins Spiel bringt.“

Online erschienen: 2020-01-24
Erschienen im Druck: 2020-03-02

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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