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Bernd Roeck, Der Morgen der Welt. Geschichte der Renaissance, München (C. H. Beck) 2017 (Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung), 1304 S., Abb., ISBN 978-3-406-69876-7, € 44.

Dieses Buch ist in der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung erschienen, einer Reihe, deren Ziel es ist, „ausgewiesenen Wissenschaftlern die Möglichkeit zu geben, grundlegende Erkenntnisse aus dem Bereich der Historischen Geisteswissenschaften einer interessierten Öffentlichkeit näherzubringen“ (Klappentext). Bernd Roeck unternimmt den „Versuch, Lateineuropas Renaissance in eine vergleichende Perspektive zu rücken, um auf diese Weise ihre welthistorische Bedeutung sichtbar werden zu lassen“ (S. 1178). Die viel diskutierte These von Jacob Burckhardt aufgreifend und weiterentwickelnd, versteht Roeck die Renaissance als ein geschichtliches Phänomen, das durch den Rückgriff auf die klassische Antike die „Moderne“ westlicher Prägung hervorbrachte (S. 1172 f.). Für Roeck lag ihre Bedeutung zudem darin, dass sie grundlegende diskursive, wissenschaftliche und technische Neuerungen ermöglichte, welche die nachhaltige Prägung der frühneuzeitlichen Welt durch Europa begründeten. Erklärtes Ziel Roecks ist es dabei auch, die „Hegemonialstellung“ der Europäer bis zum 19. Jh. weniger mit „Kapitalismus, Kolonialismus und Imperialismus“ zu begründen (S. 19), als sie vielmehr mit ihren intellektuellen Errungenschaften zu untermauern. Wie auch der Untertitel andeutet, nimmt Roeck somit eine komplementäre, teilweise konträre Position zu zwei anderen in derselben Reihe publizierten gewichtigen Werken ein, zu Wolfgang Reinhards „Die Unterwerfung der Welt. Globalgeschichte der europäischen Expansion 1415–2015“, die insbesondere in der Gewaltausübung den Schlüsselfaktor für den globalen europäischen Erfolg sieht, ebenso wie zu Jürgen Osterhammels „Verwandlung der Welt“, die den europäischen Aufstieg im 19. Jh. mit stärker ökonomischen und machtpolitischen Analysen begründet, welche hauptsächlich bis in das 17. Jh. reichen, aber auf Ausgangspunkte in der Renaissance verweisen. Mit Blick auf die internationale Renaissanceforschung reiht sich Roeck mit seiner Studie in jenen Strang vor allem anglophon geprägter Wissenschaft ein, die im Zuge des gerade aktuellen, so genannten „global turn“ auch die Renaissance in globalem Maßstab bewerten will (siehe z. B. den Aufsatz von Peter Burke/Luke Clossey/Felipe Fernández-Armesto, The global Renaissance, in: Journal of World History 28,1 [2017], S. 1–30). Roeck will so über die als vorbildhaft angeführten Darstellungen der Renaissance im europäischen Kontext durch Peter Burke und John Hale hinausgehen (S. 1178). Laut Roeck müssen dafür „Möglichkeitsräume“ (S. 20) durch eine „tiefe Geschichtsschreibung“ in „sehr langen Zeiträumen“ betrachtet werden (S. 24), da sich in ihnen bahnbrechende „Leistungen Einzelner“ (S. 603) bzw. „großer Individuen“ (S. 1001) entfalten. Erkennbar wichtig ist es dem Autor, intellektuelle und technische Innovationen mit ihren „realgeschichtlichen Voraussetzungen“ (S. 435) und Nachwirkungen zu korrelieren. In der Tat umfasst die Argumentationskette den Zeitraum vom Neolithikum bis zum 20. Jh. und praktisch bis heute, während die „große Renaissance“ als Entwicklung verstanden wird, die sich ohne große Brüche vom 12. bis zum 17. Jh. vollzogen habe (pointiert: S. 343; Diskussion der Epochenbegrenzung: S. 1165–1169). Der im Wesentlichen chronologisch vorgehende „Bericht“ (S. 20) ist in vier Großabschnitte eingeteilt: I. „Grundlagen: Von den Anfängen bis zur Jahrtausendwende“, II. „Entfaltung der Möglichkeiten: 1000–1400“, III. „Verwirklichung der Möglichkeiten: 1400–1600“, IV. „Ausblicke: Der ,Westen‘ und der Rest“. Was Burckhardt als Renaissance betrachtete, nimmt in der knapp 1200 S. starken Studie ungefähr die Hälfte ein. Doch nicht nur in Gesamtanlage und Chronologie, sondern auch in der Einbindung komparativer Elemente geht Roecks Studie über den berühmten Entwurf des Basler Historikers weit hinaus. Abschnitt I beginnt mit Ackerbau und Viehzucht, der Entwicklung von Schriftlichkeit und Alphabeten. Er führt ein in die athenische Polis, die fundamentalen intellektuellen Errungenschaften des Dialogs und der kritischen Methode sowie die griechische Philosophie. Vom Römischen Reich und seinem Zusammenbruch geht es in die Spätantike. Patristik und der Kanon der „Sieben freien Künste“ werden vorgestellt. „Kaum zu überschätzende“ Bedeutung wird frühmittelalterlichen Klöstern „für die Genese der Renaissance“ eingeräumt (S. 112). Nach der iroschottischen Christianisierung wird auf die Entwicklung früher islamischer Imperien und Byzanz geblendet. Kurz wird die so genannte „Karolingische Renaissance“ gewürdigt („Karl und seine Leute haben überragenden Anteil an der Genese der Renaissance. Noch aber wurde das Alte keiner kritischen Revision unterzogen…“, S. 134), um dann die Italienpolitik deutscher Kaiser im Rahmen der ottonischen Romidee als eine „wesentliche Voraussetzung“ der Renaissance zu bezeichnen (S. 141), während später das Konzept einer „Ottonischen Renaissance“ abgelehnt wird (S. 168). Es geht weiter mit einem Blick auf Herrschaften und Staatsbildungen in Ost- und Nordeuropa. Sodann wird die lateinische Sprache als „Supermedium der Gebildeten“ als Voraussetzung der Renaissance charakterisiert (S. 148). Nachfolgend wird die Bedeutung der byzantinischen und vor allem arabischen Welt für die Überlieferung antiken Wissens und deren Fortschrittlichkeit gegenüber den politischen Gebilden Kerneuropas um 1000 hervorgehoben (S. 172). Abschnitt II wendet sich zunächst Ostafrika, der arabischen Halbinsel und Asien zu und bezeichnet letzteres als „Mitte der Welt“ um die Jahrtausendwende (S. 185). Anknüpfend an die Forschungen von Joseph Needham wirft Roeck eine seiner Ansicht nach besonders aktuelle Frage auf: „Wie kam es, dass Europa seit der Renaissance China überholt hatte…“ (S. 186; dazu jetzt auch der Bd. von Thomas Maissen/Barbara Mittler, Why China did not have a Renaissance – and why that matters. An interdisciplinary dialogue, Berlin-Boston 2018). Mit kurzen Strichen zeichnet er die Kulturblüte unter den Song-Herrschern nach, die Roeck als Renaissance bezeichnet. Seit dem 11./12. Jh. habe „das verlorene Europa eine Aufholjagd ohnegleichen“ begonnen (S. 197). Diese wurde ermöglicht durch Bevölkerungswachstum, wirtschaftliche Entwicklungen, Urbanisierung und Geldwirtschaft. Der Investiturstreit wird als Voraussetzung der „Zügelung der Religion“ (S. 219) und Urgrund der „neuzeitlichen Säkularisierung“ (S. 223) bezeichnet, Kreuzzüge und Reconquista werden in ihrer Bedeutung für die Renaissance gegenüber Austausch durch Reisende relativiert (S. 229). Weiterhin besprochen werden das Dritte Laterankonzil, die Magna Carta, der deutsche Thronstreit, das Lehnswesen, Städte, Zünfte, Gilden, Bruderschaften, Parlamente, Ständeversammlungen, Universitäten („Die Rezeption des römischen Rechts … war die wichtigste Renaissance vor der Renaissance“, S. 253), Staatsbildungsprozesse, die Rolle der Ministerialen, die Entwicklung von Institutionen. In all diesen Prozessen hätten sich in Kontinentaleuropa „seit dem 12. Jahrhundert Vorzeichen der großen Renaissance“ gezeigt (S. 262), während mongolische Eroberungen als „ein wichtiger Grund für das Ende des chinesischen Höhenfluges in Wissenschaft und Technik“ ausgemacht werden (S. 270). Andalusien wird als Kontaktzone mit der arabischen Welt charakterisiert, bevor die höfische Kultur, Heldenepik, Historiographie, Theater (geistliches Drama) in Europa dargestellt werden. Für die Renaissance des 12. Jh. wird auch eine „allmähliche Entflechtung der Sphären von Religion und Welt“ (S. 286) konstatiert. Weitere Merkmale seien die Ablösung des Kirchenrechts von der Theologie, eine erhöhte Handschriftenproduktion und die Ovid-Renaissance (S. 289), Austausch mit der arabischen Welt (S. 296), verstärkter Kirchenbau (S. 297–299, mit Bezug auf Erwin Panofsky) und Antikenrezeption („Mit der Renaissance des 12. Jahrhunderts warf die Aneignung der Antike im großen Stil ihren Schatten voraus.“, S. 299). Bei der Darstellung der Bettelorden konstatiert Roeck zu Franziskus: „Einige nehmen ihn als Gründerfigur der Renaissance, als einer Bewegung der Menschlichkeit und der Subjektivität“ (S. 303). Europa um 1300 mit seiner Aristotelesrezeption wird als „geistige Landschaft … von faszinierender Vielfalt“ beschrieben (S. 316). Anzeichen von Individualität erkennt Roeck seit dem 12. Jh., „viel früher gewiss, als Burckhardt glaubte“ (S. 318). Die politischen Entwicklungen in Italien und Europa werden auf die Formel gebracht: „Die Identität der Staaten gewann ein festeres Fundament“ (S. 333). Zudem betont Roeck Reiseliteratur, Kartenherstellung, „nautische Revolution“ (S. 337) sowie die Papierherstellung seit dem 12. Jh. Für die Ausbildung des Renaissance-Humanismus in Italien wird die Bedeutung der Notare, einer Schicht von Laien, Mittelständen in Städten und Kommerzialisierung der Bildung angeführt. Unter dem Stichwort „Die ersten Humanisten“ haben dann Brunetto Latini, Lovato de’ Lovati, Coluccio Salutati und andere ihren Auftritt. Dantes Komödie erscheint Roeck als „Höhepunkt“ „jener Renaissance, die mit dem 12. Jahrhundert begonnen hatte“ (S. 357). Im Zuge von Kriegen und Aufständen, des avignonesischen Exils der Päpste sowie des „Mentalitätsbruches“ Pest lasse Boccaccios „Decamerone“ „zum ersten Mal so etwas wie das Selbstgefühl der Renaissance“ greifbar werden (S. 411). Zugleich habe sich im Bereich der Naturforschung und mathematischen Studien „eine wissenschaftliche Wende“ angebahnt (S. 421), während sich in China seit dem 14. Jh. unter den Ming ebenso intellektueller Niedergang eingestellt habe wie in der arabischen Welt. Abschnitt III stellt eingangs Florenz als Wiege der Renaissance vor. Hier habe „Antike“ als „kultureller Code“ dem republikanischen Geist ebenso wie dem imperialen Selbstbewußtsein der Eliten Ausdruck verliehen (S. 453). Hier sei es ferner zum „Aufbruch in eine neue Kunstepoche“ gekommen (S. 459), und zwar „über Austauschprozesse und mit Hilfe einer Tausendschaft von Patronen“ (S. 493). Nachfolgend werden unter anderem die Kirchenkonzilien des 15. Jh. und die neuerliche Etablierung der Päpste in Rom behandelt. Condottieri werden als „Konstrukteure frühmoderner Staatlichkeit“ charakterisiert (S. 497). Im Bereich der Bildung sei es zu einer „rhetorischen Revolution“ gekommen (S. 501), nicht nur durch die Orientierung an Ciceronianischem Latein, sondern auch durch die zunächst über den byzantinischen Süden kommenden griechischen Gelehrten. Die „Anfänge des europäischen Humanismus“ (S. 533) werden nachfolgend – eingebettet in politische Entwicklungen – ebenso dargestellt wie Gutenbergs Medienrevolution, die Entdeckung der Neuen Welt, aber auch die Etablierung des Reichskammergerichts als Höhepunkt der „juristischen Renaissance“ (S. 630). Die Hochrenaissance mit ihren bekannten Vertretern, von Cesare Borgia bis zu Da Vinci, Michelangelo und Raffael, ebenso wie Machiavelli und Castiglione, wird bündig geschildert. Während die Renaissance in Europa rezipiert worden sei, habe das Osmanische Reich einen Niedergang erfahren und auch Moskau sei es „bis in die Neuzeit nicht“ gelungen, „den Vorsprung Lateineuropas aufzuholen“ (S. 713). Im Anschluss an die Entdeckerfahrten geht es um die „Kolonisierung Amerikas“ (S. 718), Luthers „Religionsrevolution“ (S. 732), den Bauernkrieg („Bauernrevolution“, S. 745), die italienischen Kriege, die Ausdifferenzierung der Protestanten, die Loslösung Heinrichs VIII. von England von der Kurie, bis hin zur „Identitätsfindung“ der Katholiken im Konzil von Trient. Zur Verbindung von Renaissance-Humanismus und Reformation bemerkt Roeck: „Beide Strömungen suchten Antworten auf dieselben theologischen Herausforderungen“ (S. 790). Behandelt wird sodann der Bereich der Astronomie mit der Kopernikanischen Wende, aber auch Renaissance-Magie und Alchemie werden in ihrer Bedeutung ebenso gewürdigt wie später die Medizin („Einüben der Methode, mittels Ausprobieren und Irrtum voranzukommen“, S. 823). „Europäische Tableaus“ zeigen Westeuropa im Zeitalter von Konfessionalisierung und Barock, aber auch den Norden, Osten, die Mitte und Italien in Zeiten der Akzentverschiebungen hin zu Atlantik und neuer Welt. Der Europäischen Expansion wird hier viel Raum gegeben, mit „Staatsbildungsprozessen“ (S. 900), der Ausbildung „kolonialspanischer Identitäten“ (S. 901) und der Entstehung hybrider Formen in der neuen Welt unter Verwertung von „Formeln der europäischen Renaissance“ (S. 905). Die Versuche, Ostasien zu erobern, finden ebenso Erwähnung wie „Renaissancemenschen“ in „Polarregionen“ (S. 918) oder die Geschichtsschreibung der Spätrenaissance. Den „Herbst der Renaissance“ (S. 927) läutet ein Rundgang durch den Skulpturengarten von Bomarzo im Jahr 1580 ein. Angeknüpft wird die Schilderung des Manierismus. Montaigne, Cellini und Federico Zuccari werden ebenso vorgestellt wie Rabelais als Gestalt einer „Wende der Renaissance“ oder „Gegenrenaissance“ (S. 938). Auch Rubens, Veronese, El Greco und Caravaggio sind Roeck zufolge Gestalten des Renaissanceherbstes (S. 943). Dessen Stichworte sind die Gelehrtenrepublik, Polyhistoren, Sammlungen, Museen, Wunderkammern und die „Ordnung des Wissens“ (S. 948). Giordano Brunos Lebensgeschichte wird als Ausdruck eines Konflikts präsentiert, „den wir in diesem Buch von Canossa an verfolgten“ (S. 959), Shakespeares Theater liefert „Indizien dafür, dass nun, um 1600, ein altes, einst festgefügtes Weltbild am Zerbrechen war“ (S. 971). Nach einem weiteren Blick auf wissenschaftliche Neuerungen mit besonderer Aufmerksamkeit für die Astronomie bis hin zu Galilei gibt Roeck „Streiflichter“ auf „Leben zwischen Renaissance und Barock“ (S. 1011). Hier liest man vom Barockstaat, der Staatsraison (S. 1015), dem Dreißigjährigen Krieg (S. 1017), Englands Aufstieg zu imperialer Macht, der East India Company, dem globalen Wettkampf bis 1700 und den Osmanen vor Wien 1683. „Der eigentliche Sieger in den Kriegen rund um den Globus war somit der frühmoderne europäische Staat“ – so Roeck (S. 1027). Die Englischen Entwicklungen eröffnen den „Möglichkeitsraum“ für „Wissenschaftliche Revolution“ und „Industrialisierung“ (S. 1033) und Isaac Newton (1643–1727) ist „ebenso ein Prometheus der europäischen Moderne wie der letzte große Magier der Renaissance“ (S. 1043). Einen starken Akzent setzt Roeck in Bezug auf die Industrielle Revolution als Beginn des „großen Auseinanderdriftens“ zwischen Europa und dem Rest der Welt (S. 1044 f.). Im Unterschied zu den oben zitierten Forschungsmeinungen sieht er nicht die besonderen ökonomischen und kulturellen Verhältnisse Europas im 17. Jh. als alleinige Kausalitäten dafür an, sondern macht „mächtige Fundamente“ in der Renaissance aus (S. 1046–1048). Abschnitt IV schildert demgegenüber Russland und das Osmanische Reich als herrschaftlich und religiös nicht fortschrittlich. Die Begrenzung der „Pastoralmacht“ und ihrer „lähmenden Wirkung“ (S. 1077) sei nur durch Renaissance und Reformation möglich geworden (S. 1072 f.), im Unterschied etwa zu islamisch oder buddhistisch geprägten Gesellschaften von Afrika bis Asien. In China erinnerten „die Verhältnisse damals ein wenig an das Italien der Renaissance“ (S. 1099), in Japan ergäben sich „besonders merkwürdige Parallelen“ zur europäischen Renaissance unter den Tokugawa (S. 1107), aber es sei zu keinen technologischen Durchbrüchen gekommen und gesellschaftliche Umbrüche hätten sich erst im 18. Jh. eingestellt. Zur Beantwortung der Frage, warum nicht China zum Ort einer großen, in die Moderne weisenden Renaissance wurde, während ein industrieller Aufbruch und technologische Innovationen dort ausblieben, führt Roeck politische und soziale Verhältnisse, den Mangel an Patronagechancen, das Ausbleiben der Formierung einer bürgerlichen Gesellschaft sowie Besonderheiten der Mentalität und Weltanschauung des Konfuzianismus an. Die „Kluft zum Westen“ sei „tief in Chinas Gesellschaft, in seiner Spiritualität, in seiner Herrschaftsordnung“ verwurzelt, nicht lediglich in der Ökonomie (S. 1129). Befördernd für den Westen sei hingegen vor allem „das Feuer religiösen Streits“ gewesen, aus dem sich der „Phönix der Moderne“ erhoben habe (S. 1132). Grundlagen seien neben der Geographie die Staatlichkeit, Städtewesen und Bürgertum mit Mittelschichten und kritischer Öffentlichkeit, Heiratsgewohnheiten, Korporationen, Ständeversammlungen, Parlamente, Wachstum und Innovationsfähigkeit, Informationsnetze, kulturspezifisches Sozialverhalten, die Entstehung von Konkurrenzgesellschaften, politische Fragmentierung, Patronagechancen, Institutionen, die Existenz einer Supersprache Latein und eines Supermediums des Buchdrucks sowie schließlich die Eindämmung der Religion gewesen. Roecks These lautet: „Am Anfang aller technischen und wissenschaftlichen Revolutionen hatte die Verfügbarkeit über die intellektuellen Patrimonien der näheren und ferneren Vergangenheit gestanden“ (S. 1150). Die Ansicht von Jack Goody, Renaissancen habe es im Sinne des Rückblicks auf die Vergangenheit in allen Schriftkulturen gegeben, konterkarierend, bezeichnet Roeck die europäische Renaissance als einzigartig, gemessen an ihrer langen Dauer, großen Spannbreite und ihrem Charakter: Roeck zufolge war sie „nicht einfach Reinkarnation. Darin lag ihre weltgeschichtliche Sonderstellung begründet“ (S. 1162). Das Buch mündet in die starke These: „Vielleicht waren die Renaissance und mit ihr die ,große Divergenz‘ nichts anderes als Voraussetzung der gegenwärtigen ,großen Konvergenz‘ – und damit nur Phase eines einzigen Prozesses, nämlich der globalen Modernisierung“ (S. 1169 f.). Seit Burckhardts Tagen hat sich die Renaissance immer wieder als ein schwer zu greifendes geschichtliches Phänomen erwiesen, auch, weil ihr Verständnis durch einen vielfältigen Renaissancediskurs mit unterschiedlichen Definitionsversuchen geprägt ist, die wissenschaftlichen Konstruktcharakter haben – ein Aspekt, den Roeck nicht behandelt. Minimalistischen Positionen, die bis hin zur Ableugnung der Existenz der Renaissance als historischer Epoche reichen, stellt Roecks Buch gewissermaßen eine Maximalposition gegenüber. Diese wird möglich, weil Roeck die Renaissance ausdrücklich als „fließende Welt mit unscharfen Abgrenzungen“ (S. 1164) versteht. Keine Frage: Das entworfene Panorama ist eindrücklich und faszinierend. Dieses ist ein Buch mit Weitblick, voller kluger Analysen im Großen, klarer Diagnosen und treffender Formulierungen. Es ist bereichernd und anregend, ein so konsequent durchdachtes Großnarrativ mit seiner engagierten Positionierung entfaltet zu sehen, das über viele Aspekte der Renaissance und der Vormoderne neu nachdenken lässt. Generell ist bei einem derart weiten Verständnis von Renaissance jedoch zu fragen, ob das Konzept nicht überstrapaziert wird, und hier eigentlich die Rede von einer Geschichte der westlichen Zivilisation in vergleichender Perspektive ist, zumal dies in Roecks Erzählung selbst anklingt. Man kann geteilter Meinung sein, ob mit einem besonderen Akzent auf Technik, Wissenschaft und Fortschritt der Kern der Renaissance getroffen wird. Zu hinterfragen ist auch eine gewisse Teleologie, in der das gesamte Mittelalter als eine Voraussetzung der „Renaissanceblüte“ und die frühneuzeitliche Geschichte als ihre direkte Konsequenz in einer fast bruchlosen Kausalkette erscheinen. Dabei ist die Darstellung allem Detailreichtum zum Trotz nicht frei von Selektion und Pauschalisierungen (um nur ein Beispiel zu nennen: die Indienstnahme des Investiturstreits und des Canossaganges als Leitmotiv für „Säkularisierung“ oder einen Konflikt zwischen „Kirche“ und „Welt“, S. 222, 958 f., 1131 f.) und zitiert gerade für das (Spät-)Mittelalter teils veraltete Literatur. Wenn ferner „die Renaissance“ mit der hier benutzten Metaphorik als Voraussetzung der ökonomischen und politischen Vormachtstellung der Europäer und ihres Sendungsbewusstseins genommen wird, während andere Gesellschaften im Zuge des großen Narrativs vor allem daraufhin befragt werden, welchen Beitrag sie zu einem „europäischen Wunder“ (S. 19) geleistet haben, ob sie eine historische Phase durchlaufen haben, in der sie bestimmten in Europa definierten Maßstäben und Wertkategorien entsprachen oder daran gemessen ins Hintertreffen gerieten (etwa S. 276 f. mit Bezug auf Byzanz, S. 446 zum „Niedergang der arabischen Wissenschaften“), kann man dies als eurozentrisch empfinden. Auch wenn Roeck die Schattenseiten dessen und der „Moderne“ andeutet (etwa S. 1152 f.) und es ihm um solche Werte wie Menschenrechte, Demokratie oder die Trennung von Kirche und Staat geht (S. 1172 f.), riskiert die eingenommene Perspektive, den Blick auf historische Alterität zu verstellen. Roecks Entscheidung für eine solche Weiterentwicklung von Burckhardt zeigt somit einmal mehr die diskursive Natur von Renaissancekonzeptionen auf. Die in der Reihe anvisierte Leserschaft wird Roeck zweifelsohne mit seinem Buch von der Renaissance gut informieren und unterhalten. Darüber hinaus kann es auch Spezialisten der verschiedenen Disziplinen wichtige Denkanstöße geben. Gerade die starken Thesen und großen Fragen der langen Dauer sowie die „Kulturvergleiche“ laden – je nach forscherischer Position – zu Vertiefung oder begründetem Widerspruch ein. Seinerzeit war dies auch ein Charakteristikum von Burckhardts „Versuch“ gewesen.+TABRE+Tobias Daniels

Andrea Giardina (a cura di), Storia mondiale dell’Italia, con la collaborazione di Emmanuel Betta, Maria Pia Donato, Amedeo Feniello, Roma-Bari (Laterza) 2017 (I Robinson. Letture), XXX, 847 S., Abb., ISBN 978-88-581-2983-8, € 30.

Die blühende Industrie der „Erinnerungsorte“ bringt als leicht veränderte Variante dieses Musters ein Jahr nach der „Histoire mondiale de la France“ 2017 im selben Umfang und Format deren selbständigen italienischen „Zwilling“ heraus. Denn auch hier handelt es sich um eine Sammlung punktueller, jedoch im jeweiligen historischen Kontext abgehandelter Themen, die zum Missfallen des seinerzeitigen Erfinders Pierre Nora anders als bei ihm aber wie im französischen Werk auch hier eine ausgewogene chronologische Reihe bilden. Sie beginnt mit dem „Ötzi“ ca. 3200 vor Christus und endet mit den Flüchtlingen auf Lampedusa 2015. Beides hat wie viele andere der behandelten Gegenstände bereits politische Implikationen, nicht zuletzt wegen der Frage, wie weit überhaupt von einer kohärenten „italienischen“ Geschichte die Rede sein kann. Andrea Giardina, der prominenteste der vier Hg., setzt sich einleitend ausführlich und erfolgreich mit diesem Problem auseinander. Eine zeitlich und sachlich zusammenhängende „Weltgeschichte Italiens“ mit dem traditionellen Anspruch auf vollständige Darstellung wäre nicht nur eine nationalistische Fiktion, sondern schlicht nicht machbar. Kontinuierliche nationale Identität ist historisch so wenig haltbar wie die Vorstellung von einem italienischen Nationalcharakter. Und selbst das unbestritten einzigartige kulturelle Erbe Italiens mit seinen bedeutenden Persönlichkeiten wird nicht nur durch Bertolt Brechts Hinweis relativiert, dass Cäsar auch einen Koch hatte (S. XXII). Denn gerade die beiden grandiosen Universalismen Italiens, das Imperium Romanum und die römische Kirche, beruhen in entscheidendem Umfang auf Interaktion außerhalb Italiens. „Scoprire l’alieno nel simile“ (S. XVIII) heißt deshalb „presenze italiane nel mondo e mondiali in Italia“ (S. XVI) entdecken. Mestizentum ist Trumpf und Programm (S. XXV). Wie die historische Einheit Europas paradoxerweise gerade auf seiner grundsätzlichen Uneinheitlichkeit beruht, so bestand die Wahrheit der italienischen Geschichte schon immer in häufig widersprüchlichen Geschichten, wie sie in den 180 Kapiteln des Bd. zur Sprache kommen und sich dank ihres Reichtums durchaus zu einer Art von Gesamtbild formen. Die tadellos qualifizierten, überwiegend italienischen Autoren behandeln ihren Gegenstand jeweils auf vier bis fünf Seiten mit fünf bis sieben Literaturangaben, meist italienischen bzw. Übersetzungen ins Italienische, seltener englischen, französischen oder deutschen Originaltiteln. Jedes Kapitel hat ein Datum, konkret wie die Tötung von Carlo Giuliani beim G 8-Gipfel 2001, fokussiert auf 1864, als „Garibaldi globale“ seinen Auftritt in London hatte, oder auf 1563, den Abschluss des Konzils von Trient stellvertretend für die sogenannte „Gegenreformation“, oder eher beliebig wie 150 vor Christus, als von europäischen Metallablagerungen im Grönlandeis die Rede ist. Darauf folgt zur „Appetitanregung“ ein möglichst schmissiger Kurztitel, z. B. „1680 La casa dei violini“ über die Stradivari oder „1933 Il gigante italiano“ über den Boxweltmeister Primo Carnera, gefolgt von einer immer noch schwungvollen kurzen Einführung. Die Kapitel werden zu zwölf Reihen zusammengefasst, die der traditionellen Periodisierung entsprechen. Nach einer kurzen Einführung wird diesen jeweils eine informative Karte der betreffenden Schauplätze vorangeschickt. Die bunte Themenvielfalt umfasst auch kulturgeschichtliche Innovationen wie die Ziffern (1228), die Brille (1286), das Patentwesen (1474), das Olivetti-Programm (1964) oder auch jüngste Konsumgewohnheiten (1986, 1988). Peinliche Themen der jüngsten italienischen Geschichte werden offen und kritisch behandelt (1896, 1922, 1931, 1936, 1937, 1938, 1939, 1943, 1946, 1947, 1994). Die organisierte Kriminalität kommt allerdings nur 1931 als „klassische“ italo-amerikanische zur Sprache und das Thema Resistenza merkwürdigerweise überhaupt nicht. Dennoch – ein lesenswertes und ästhetisch ansprechendes Buch!+TABRE+Wolfgang Reinhard

Giuseppe Galasso, Storia della storiografia italiana. Un profilo, Roma-Bari (Laterza) 2017 (Biblioteca universale Laterza 676), VII, 249 pp., ISBN 978-88-581-2770-4, € 20.

Data alle stampe pochi mesi prima della scomparsa il 12 febbraio 2018 all’età di 88 anni, l’ultima opera dello storico, giornalista e politico napoletano, fra i massimi esponenti dello storicismo italiano di impronta crociana, raccoglie la sua personale sintesi sulla storia del pensiero storiografico e politico italiano, dal medioevo fino agli anni Novanta del secolo scorso. Storico medievista e modernista di formazione, l’autore ha frequentato a lungo i temi della tradizione culturale e civile italiana. Ha affrontato buona parte delle tematiche del pensiero storico e della riflessione politica nazionale, forte della sua linea interpretativa storicista crociana, i cui temi fondamentali sono l’irriducibile contemporaneità della storiografia, legata al valore che anima la personalità del ricercatore, e il legame inscindibile fra universale e singolare che si attua nella storiografia. Il volume nasce dalla ripubblicazione come saggio autonomo di una corposa introduzione pubblicata nel 2013 nella cornice dell’„VIII Appendice“ al volume dell’Enciclopedia Italiana della Treccani „Il contributo italiano alla storia del pensiero“ dedicato a storia e politica, diretto dallo stesso autore. Per quell’opera, egli si occupò di redigere un saggio introduttivo che delineasse un profilo complessivo della vicenda storiografica italiana dal medioevo, appunto, al secolo XX. Il saggio è qui ripubblicato senza sostanziali modifiche, ma con l’aggiunta di una seconda parte che costituisce „un suo completamento per il lungo ‚dopoguerra storiografico‘“ (p. VII), periodo che nel volume enciclopedico era stato affidato a un altro studioso (Massimo Mastrogregori, L’Italia repubblicana, pp. 597–630). Il profilo tracciato dall’autore delinea il carattere intrinseco alla storiografia italiana, che con lo storicismo crociano giunge alla sua forma più consapevole ed elaborata e, grazie a esso, si può collocare di diritto nel più ampio contesto europeo. La prima parte, dunque, mantiene il suo impianto a carattere introduttivo, proprio del precedente volume enciclopedico, di guida alle voci ordinate per temi e per persone che seguivano nella precedente pubblicazione. La trattazione è divisa in brevi paragrafi che seguono lo svolgimento cronologico e tematico degli sviluppi storiografici e della riflessione politica italiana, alla ricerca dell’„italianità“ attraverso cui si manifestavano le presenze e le attività degli storici. Nell’organizzazione interna a questa sezione, colpisce la continuità assoluta che l’autore propone tra l’epoca medievale e quella moderna: la vera cesura è invece nei confronti del mondo antico dato che „nella generale crisi e involuzione in cui tramontò l’antica civiltà ellenistico-romana del Mediterraneo la storiografia non soffrì meno di qualsiasi altro settore o elemento di quella civiltà“ (p. 5). Tuttavia, non potendo appiattire l’intera produzione storiografica dal secolo V fino al presente entro la parabola unicamente nazionale, certamente impossibile da concepire per buona parte dei secoli medievali, l’autore propende piuttosto per la dicitura storiografia „in Italia“, almeno per le epoche antecedenti all’anno Mille. La seconda sezione del volume, „Dalla tradizione alla ricerca di altre dimensioni“, tratta, come si è detto, degli sviluppi storiografici italiani dal dopoguerra agli ultimi decenni del secolo XX. Queste pagine molto dense offrono un itinerario ragionato fra le diverse teorie della storiografia e le molte scuole storiche in cui si sono divisi gli studiosi italiani in quei decenni. Nel descrivere il percorso della storiografia italiana ed europea attraverso il difficoltoso superamento del secondo dopoguerra, l’autore parla esplicitamente di crisi del concetto di storia e della categoria della storicità. Lo storicismo crociano, egemone in Italia fino a quel momento, stava infatti, tra gli anni Cinquanta e Sessanta, lasciando il posto a nuove voci e interpretazioni storiografiche che ponevano le scienze sociali come il „nuovo verbo del mondo culturale post-bellico“ (p. 219). Oltre alla lucidità con cui sono tratteggiati questi sviluppi, il saggio è reso ancora più stimolante poiché l’autore, che spazia magistralmente su tutti i vari settori storiografici dall’antichità all’età contemporanea, presenta e fa percepire al lettore anche la propria esperienza diretta, i dialoghi e le discussioni storiografiche con tanti colleghi, in quanto parte attiva della stessa accademia di cui traccia un bilancio.

Edoardo Manarini

Volker Reinhardt, Pontifex. Die Geschichte der Päpste, München (C. H. Beck) 2017, 928 S., Abb., ISBN 978-3-406-70381-2, € 38.

Eine Geschichte der Päpste von den nebulösen Anfängen bis in die Gegenwart vorzulegen, mag den meisten als ein Wagnis oder ein immenses, wagemutiges Unterfangen erscheinen. Selbst epochenmachende Historiker wie Leopold von Ranke, Ludwig von Pastor, Erich Caspar, Johannes Haller und Bernhard Schimmelpfennig beschränkten sich in ihren „Geschichten“ auf ein einziges Zeitalter, höchstens auf ein Jahrtausend, und legten dabei ihren Fokus nicht so stark auf die einzelnen Päpste, sondern vielmehr auf die überpersönliche Institution des Papsttums mit ihren jeweiligen strukturellen Handlungsspielräumen. Ähnliches gilt für jüngere Werke, etwa diejenigen von Klaus Herbers und Georg Schwaiger. Der in Fribourg tätige Historiker Volker Reinhardt – einer der führenden Experten für die Geschichte des Papsttums und der römischen Kirche in der Frühneuzeit – scheute sich vor einer derartigen Herausforderung nicht. Im Vergleich zu ähnlich strukturierten Arbeiten, wie der populärwissenschaftlichen Überblicksdarstellung von Horst Fuhrmann und der noch stark konfessionell geprägten Papstgeschichte von Franz Xaver Seppelt, erhebt das Buch Reinhardts trotz des erzählerischen, ja zuweilen unterhaltsamen Tons und des Verzichts auf einen Anmerkungsapparat einen durchaus höheren Anspruch auf Wissenschaftlichkeit, der vor allem in der aufgeklärten und historisch-bewussten Kritik an den Geschichtsmythen zum Ausdruck kommt, welche bis heute mit dem Papstamt in Verbindung gebracht werden. Der fast 1000-seitige, mit über 100 Abbildungen versehene Bd. ist strikt chronologisch aufgebaut. Im Mittelpunkt stehen die Profile der einzelnen Pontifikate beziehungsweise der einzelnen Päpste als öffentliche Persönlichkeiten. Strukturelle Rahmenbedingungen werden stets berücksichtigt, doch viele Vorkenntnisse werden dabei einfach vorausgesetzt. Die Vor- und Nachteile dieser Prioritätensetzung mögen am besten durch ein konkretes Beispiel verdeutlicht werden: Von dem „Herrn der Christenheit“ (Innozenz III.) erfährt der Leser einiges über seine familiäre Herkunft und schulisch-universitäre Ausbildung, ziemlich viel über die in seinem Traktat „Vom Elend des menschlichen Daseins“ vorkommenden Weltvorstellungen, noch mehr über seine „politischen“ Handlungen, aber so gut wie nichts über das von ihm initiierte und gelenkte Vierte Laterankonzil und dessen epochale Konsequenzen. Das Konzept des Bd. zwingt darüber hinaus den Vf. dazu, über alle Päpste zumindest die Eckdaten anzuführen, selbst wenn die Quellen dazu extrem dünn gesät sind. Bei anderen Pontifikaten hingegen, für welche eine Fülle an Materialien vorliegt, muss der Vf. ziemlich selektiv verfahren, ohne auf das angewandte Auswahlkriterium eingehen zu können. In der Regel sind die Aspekte, die jeweils das größte „mediale“ Echo hatten oder haben, diejenigen, die thematisiert werden, unabhängig davon, ob sie tatsächlich entscheidende Auswirkungen auf die institutionelle Entwicklung des Papsttums hatten (so zum Beispiel die Fragen der familiären und sexuellen Morallehre bei den jüngeren Päpsten). Eine Nuancierung von wichtigen Begriffen wie Macht, Autorität, (Kirchen)Staat, Kurie, Politik, Kanzlei und Enzyklika wäre zudem an manchen Stellen hilfreich gewesen, um deren historische Bedingtheit jenseits der von den Päpsten inszenierten Kontinuität stärker hervorzuheben. Obwohl das Werk auf die Prägung und Formulierung von starken historiographischen Thesen generell verzichtet, ist ein anregender Vorschlag zur Deutung der zweitausendjährigen Papstgeschichte nicht zu übersehen: Die Außenwahrnehmung sei für den jeweils regierenden Pontifex in erster Linie eine Frage des taktischen Ermessens und der Imagebildung, wobei beides im Dienste der erfolgreichen Erhaltung der Institution stehe. Es geht um eine Deutung, die aus Sicht des Rezensenten vor allem, aber nicht ausschließlich für die Pontifikate der letzten beiden Jahrhunderte zutrifft. Der Bd., der mit einer Auswahlbibliographie, vier Karten und einem Personenregister abgeschlossen wird, kann als ein zufriedenstellender Kompromiss zwischen einem wissenschaftlichen Handbuch und einer populärwissenschaftlichen Überblicksdarstellung charakterisiert werden, der für alle Epochen versucht, den aktuellen Forschungsstand und etwaige Kontroversen zu berücksichtigen, und – dem von Reinhardt beschworenen Ideal der Geschichtsschreibung sine ira et studio zum Trotz – durchaus interessante Anregungen über die Grundzüge der ältesten, noch wirkenden Institution des alten Kontinents bietet.+TABRE+Étienne Doublier

Roberto Rusconi, Habemus papam. Il papato da Pietro ai nostri giorni, Bologna (Il Mulino) 2017 (Farsi un’idea 254), 134 S., ISBN 978-88-15-27067-2, € 11.

Überblicksdarstellungen zum Papsttum erfreuen sich seit jeher, verstärkt noch in den vergangenen Jahrzehnten, großer Beliebtheit. Von den bestehenden Werken unterscheidet sich das anzuzeigende kleine Büchlein vor allem in zwei Punkten: Zum einen vermeidet der Vf. einen chronologischen Aufbau mit den wichtigsten historischen Etappen, stattdessen nimmt er exemplarisch einige Aspekte in den Blick: Titel und Namenswahl der Päpste, Papstwahlen, Kardinäle und Verwaltung oder die Heiligsprechung von Päpsten. Zum anderen geht es dem Vf. augenscheinlich nicht so sehr um eine tiefgehende historische Kontextualisierung oder um die Beschreibung historischer Entwicklungen, sondern eher um eine Darstellung der aktuellen Herausforderungen des Papsttums vor dem Hintergrund seiner Geschichte. Diese Ausrichtung erklärt auch die deutlich erkennbare Schwerpunktsetzung auf den Päpsten der vergangenen 150 Jahre, insbesondere auf den Entwicklungen der vergangenen Jahre, die mit dem Rücktritt Benedikts XVI., mit der hier stark betonten Neuwahl eines Argentiniers und mit innerkurialen Konfliktlinien einhergingen. Denn gerade diese Verwerfungen hätten das Papsttum in den Augen des Vf. vor wichtige Grundsatzentscheidungen gestellt, für welche im abschließenden Kapitel eine Reihe von Anregungen gegeben werden. Ein Register fehlt ebenso wie Anmerkungen. Stattdessen endet das Büchlein mit einer Liste der Päpste und mit einigen Lektüreempfehlungen zum Thema.+TABRE+Florian Hartmann

Harald Müller (Hg.), Der Verlust der Eindeutigkeit. Zur Krise päpstlicher Autorität im Kampf um die Cathedra Petri, Berlin-Boston (De Gruyter Oldenbourg) 2017, X, 244 S., Abb., ISBN 978-3-11-046154-1, € 69,95.

Der hier anzuzeigende interdisziplinär angelegte Sammelbd. ist aus einem Symposium am Historischen Kolleg 2015 in München hervorgegangen. Wie der Hg. Harald Müller einleitend darlegt, ist es sein Ziel, die Unordnung und Verunsicherung aus der Multiplikation der Ämter und Strukturen im Zuge der Schismen in der mittelalterlichen lateinischen Kirche zu untersuchen. Angesichts des allgemeinen Autoritätsverlustes der Kirchenspitze verloren altvertraute Wahrnehmungs- und Handlungsebenen an Eindeutigkeit, was ein Krisenbewusstsein schuf. Im Nachhinein war man bestrebt, die Eindeutigkeit wieder herzustellen, und sei es nur in „offiziellen“ Sukzessionslisten der Päpste, die bis heute – man denke nur an die „doppelten“ Johannes XXIII. – nicht wenige Ungereimtheiten aufweisen. Im Bd. findet man immer wieder Anspielungen auf aktuelle Bezüge beim Rücktritt Benedikts XVI. und der damit „latenten päpstlichen Doppelspitze“ (S. 13, Abb. 1). Der Althistoriker Stefan Rebenich strebt in seinem Beitrag mit Schwerpunkt auf den monarchischen Herrschaftskonzepten des 4. und 5. Jh. einen „Dialog zwischen Alter Geschichte und Papsttumsgeschichtsschreibung“ (S. 21) an. Der spätantike Imperator herrschte nicht absolut, sondern er bedurfte der Akzeptanz und des Konsenses, für die vor allem die spätrömischen Kaiserkonstitutionen der Codices Theodosianus und Iustinianus sorgten. Wie bald auch die römische Kurie waren die kaiserlichen Residenzen Orte der performativen Bestätigung monarchischer Herrschaft in Kunst, Literatur, Architektur, Festkultur und Zeremoniell. Klientel-Beziehungen und Patronage konstituierten elitäre Netzwerke. Die Christianisierung der Monarchie schritt nach der Bekehrung Konstantins des Großen rasch fort. Herrscher wie Theodosius I. inszenierten sich sogar im Demutsgestus. Der Autor spricht offen vom „Gottesgnadentum“ in der Spätantike (S. 29). Für das Thema des Bd. entscheidend ist die Feststellung, dass nur der erfolglose Prätendent als Usurpator galt (S. 33). Florian Eßer widmet sich dem Pisaner Konzil. Zwanzig Jahre nach dem Ausbruch des Großen Abendländischen Schismas hatten sich 1408 Kardinäle beider Obödienzen in Livorno darauf geeinigt, eine konziliare Versammlung zu betreiben. Allen war bewusst, dass es nicht mehr um die Frage nach der Rechtmäßigkeit des jeweiligen Papstes gehen konnte. Die beiden Obödienzen sollten die via cessionis „ihrem“ jeweiligen Papst nahelegen. Man konnte aufeinander zugehen, da man davon abrückte, im Anhänger eines „falschen“ Papstes automatisch einen Schismatiker und Häretiker zu sehen (S. 50). Diesen letzten Aspekt vertieft der Rechtswissenschaftler Stefan Schima, implizierte doch die Häresie die „Gefahr der Spaltung des mystischen Leibes Christi“ (S. 55). Trotz des Prinzips der grundsätzlichen Nichtjudizierbarkeit der prima sedes fehlte es nicht an Stimmen, die betonten, dass der Papst durch die gesamte Kirche gerichtet werden könne, wenn er vom rechten Glauben abweiche (S. 63). Der nächste Schritt war die Postulierung der Superiorität des Konzils über den Papst bei Autoren wie Johannes Teutonicus († 1245) oder Henricus Bohic († 1350). Der Theologe und Kirchenhistoriker Bernward Schmidt geht der Frage nach, wie Theologen aus dem Mönchtum die Grundlagen der Autorität bestimmten. Dafür analysiert er vier Denkrichtungen, die vom Abt Gottfried von Vendôme (ca. 1065–1132), vom Zisterzienser Bernhard von Clairvaux (1090–1153), dem Abt von Cluny Petrus Venerabilis (ca. 1092–1156) und vom Regularkanoniker Hugo von St. Viktor (ca. 1097–1141) repräsentiert werden. Insbesondere die ersten drei Autoren haben den Ausbau des päpstlichen Primats vorangetrieben. Typisch für die Haltung der Mönchsautoren sei ihr Rekurs auf „Umkehr, Gewissenserforschung und Buße“, die auch allen Amtsträgern als Mittel für die Aufrechterhaltung ihrer Autorität empfohlen werden (S. 86). Jochen Johrendt untersucht anhand der hochmittelalterlichen Papstviten die herausragenden Charaktereigenschaften eines Papstes zwischen der Mitte des 11. Jh. und dem Pontifikat Innozenz’ III. Welche Fähigkeiten zeichneten einen „guten Papst“ aus? Die als „offiziöse Papsthistoriografie“ (S. 94) bezeichneten Papstviten zeigen sich diesbezüglich vielfältiger, als man auf den ersten Blick denken würde. Stehen oft Tugenden wie Gerechtigkeit und caritas an oberster Stelle, feiern die „Gesta Innocentii“ den „Macher“ Innozenz III. „Das Papstbild wandelte sich vom heiligen Mann zum Kirchenlenker“ (S. 107). Der Hilfswissenschaftler Benjamin Oskar Schönfeld geht der „visuellen Rhetorik“ der Urkunden der Gegenpäpste nach. Mit den Stichworten Imitation (des Vorbildes der Reichskanzlei), Improvisation (zu der die Päpste aufgrund ihrer dauernden Reisen auch in der Wahl der Schreiber gezwungen waren) und Innovation (in der Gestaltung der Urkunden auch als Ausweis der eigenen Legitimation) bringt der Autor überzeugend seine Erkenntnisse auf den Punkt. Die Urkunden der Gegenpäpste unterlagen (wie diese selbst!) der damnatio memoriae und hatten eine geringe Überlieferungschance (S. 111). Der Theologe Andreas Matena schlägt für sein Thema „Der Papst als Idol“ einen großen Bogen vom 11. bis 15. Jh. Der Vorwurf der Idolatrie wog seit Tertullian schwer und wurde in Schismazeiten zu einem gängigen Kampfbegriff. Der nicht rechtmäßige Papst wurde als Idol, als ein Götzenbild, gebrandmarkt. Die Argumentation des Aufsatzes verläuft allerdings nicht immer ganz linear, die Interpretation der Synode von Verzy (991) erscheint unklar (S. 129). Bedauerlicherweise häufen sich in diesem Beitrag auch (Tipp-)Fehler in den lateinischen und bibliografischen Angaben. BrittaMüller-Schauenburg untersucht die aus der Bibliothek Benedikts XIII. stammende Sammelhandschrift BNF, Ms. Paris, lat. 1478. Der päpstliche Bücherfreund hat hier Schriften vereint, die tiefe Einblicke in sein theologisch-juridisches Selbstverständnis erlauben. Eine Abschrift von Bonifaz’ VIII. Bulle Unam sanctam ist ebenso zu finden wie auch die 2004 von Barbara von Langen-Monheim edierte „Informatio seriosa“, die für das Konzil von Perpignan 1408 bestimmte Denkschrift des aragonesischen Papstes. Benedikt XIII. sah sich vom französischen Monarchen ebenso bedroht wie vom Abfall seiner eigenen Kardinäle. Die Affinität zwischen Bonifaz VIII. und Benedikt XIII. war gewiss auch auf ihre beiderseitigen juristischen Studien zurückzuführen. Verhängnisvoll für den Aragonesen sollte aber sein realitätsfremdes Ausharren in der „Fiktion einer Einheit ohne Schisma“ (S. 159) mit einem Rundumschlag gegen seine Gegner sein, die kurzerhand zu Häretikern erklärt wurden. Robert Gramsch-Stehfest zeigt die Chancen und Risiken auf, die sich den regionalen Akteuren im Großen Abendländischen Schisma boten. Der Autor stellt individuelle Biografien wie die des dem Paderborner Bürgertum entstammenden Chronisten Gobelinus Person vor. Anschauungsmaterial bietet ihm vor allem das 1374 ausgebrochene „Mainzer Schisma“ zwischen den beiden Prätendenten auf den Erzbischofsstuhl, Adolf von Nassau und Ludwig von Wettin. Adolf wurde noch vor Leopold III. der erste clementistische Reichsfürst. Für Erfurt brachte dies die Erlaubnis zur Gründung einer Universität sowohl durch Clemens VII. (1379) als auch – nach dem Wechsel Adolfs zum Papst in Rom – durch Urban VI. (1389). Nutznießer der „Konkurrenzsituation des Schismas“ (S. 176) waren außerdem die Universitätsgründungen in Heidelberg (1386) und Köln (1389). In solchen Konstellationen konnten die „Mehrdeutigkeit“ der Lage und das institutionelle Chaos geschickt von Juristen und Pfründenjägern ausgenutzt werden. Für seine Sicht auf die umstrittenen Päpste in der Historiografie des 15. Jh. analysiert Jörg Bölling zunächst Schriften von Poggio Bracciolini (1380–1459), Antonio Agli (1400–1477) und Jacopo Zeno (1418–1481), um dann zu weiteren chronikalen Werken überzugehen. Dabei zeigt sich ein oft recht individueller Umgang mit den Gegenbischöfen und Gegenpäpsten. Selbst Autoren wie Bartolomeo Platina und Onofrio Panvinio zeigen bei letzteren eine erstaunliche Zurückhaltung, die Bölling dagegen bei dem Zeremonienmeister Johannes Burckard vermisst, der die Lebensführung Alexanders VI. Borgia verzerrt habe, um bei dessen Nachfolger Julius II. „zu punkten“ (S. 212). Martina Hartmann weitet abschließend den Blick auf den Umgang der protestantischen Historiografie mit den Gegenpäpsten. Die polemische Identifizierung des Papstes mit dem Antichrist ließ die Gegenpäpste lange zu „Stiefkindern“ der protestantischen Kirchenhistoriker werden. Wie Harald Müller abschließend selbst bemerkt, lädt der Verlust von Einheit und Eindeutigkeit in Schismazeiten gewiss noch zu weiteren Vertiefungen ein.+TABRE+Andreas Rehberg

Jyri Hasecker, Quellen zur päpstlichen Pressekontrolle in der Neuzeit (1487–1966), Paderborn u. a. (Schöningh) 2017 (Römische Inquisition und Indexkongregation 19), 667 pp., ISBN 978-3-506-78566-4, € 89.

La collana „Römische Inquisition und Indexkongregation“ si arricchisce di un nuovo volume, che compendia la normativa emanata nel corso dei secoli da pontefici, congregazioni e altre autorità della Curia romana in materia di controllo della stampa. L’autore Jyri Hasecker – a lungo tra i collaboratori scientifici del progetto „Römische Inquisition und Indexkongregation“ dell’Università di Münster, diretto da Hubert Wolf – ha messo a frutto in modo eccellente la sua lunga esperienza di ricerca nell’Archivio della Congregazione per la Dottrina della Fede, costruendo un esaustivo e approfondito itinerario tra le norme che hanno costruito, affinato, e modificato tale sistema di controllo della stampa nell’arco di cinque secoli: dal 1487, anno in cui Innocenzo VIII introdusse l’istituto dell’imprimatur, al 1966, quando la riforma voluta da Paolo VI portò alla istituzione – in luogo del Sant’Uffizio – della Congregazione per la Dottrina della Fede. Un sistema complesso, sfaccettato e pervasivo che non si esaurisce – come Hasecker osserva nella premessa metodologica (pp. 16–25) – nella sola censura dei libri denunciati alle congregazioni del Sant’Uffizio e dell’Indice, e nel loro inserimento nell’Index librorum prohibitorum, ma include altri e diversi strumenti, quali la censura previa, l’espurgazione, e le licenze di lettura. Di tale complessità dà conto l’ampia introduzione che precede la sezione documentaria (Einführung in die Dokumente, pp. 27–153), in cui l’autore ricostruisce la storia del sistema elaborato dalla Chiesa di Roma, illustrandone i momenti fondativi, le fasi di consolidamento, l’organizzazione interna, le riforme introdotte nel tempo, con riferimento non solo al corpus normativo, ma anche a casi di applicazione – o talvolta, eccezione – documentati nelle carte dell’Archivio della Congregazione per la Dottrina della Fede. Puntuale anche la presentazione del „Sonderfall Rom“, ovvero il controllo sulla stampa esercitato all’interno della città di Roma dal Magister Sacri Palatii. La seconda, e più cospicua parte del volume (Edition, pp155–425) comprende l’edizione di 69 documenti, tutti corredati di regesto, bibliografia e note editoriali, e di cui è offerta – in una sezione conclusiva – la traduzione in lingua tedesca (pp. 429–621). Tali fonti normative sono distinte in tre classi. La prima raccoglie le norme rivolte alla Chiesa universale (Teil A: Pressegesetze für die Gesamtkirche, pp. 157–291), come gli atti fondativi dei dicasteri centrali del Sant’Uffizio e dell’Indice, o le disposizioni per la redazione dell’Indice dei libri proibiti. La seconda classe include le norme la cui applicazione è limitata alla città di Roma e allo Stato della Chiesa (Teil B: Pressegesetze für Rom und den Kirchenstaat, pp. 293–363), con una scelta non ovvia di bandi, decreti e lettere circolari emanati – accanto al Sant’Uffizio – da altre autorità: il già menzionato Maestro del Sacro Palazzo, il Governatore di Roma, il Camerlengo, il Cardinale Vicario, a conferma della vastità e capillarità di tale sistema di controllo. La terza classe individuata è relativa alle norme che hanno regolamentato nei secoli l’organizzazione degli organismi censori (Teil C: Normen für die Organisation der römischen „Zensurbehörden“, pp. 365–425): dalla costituzione Licet ab initio emanata il 21 luglio 1542 da Paolo III al motuproprio di Paolo VI Integrae servandae del 7 dicembre 1965. Infine, Hasecker propone una estesa e aggiornata bibliografia (pp. 631–655), nonché un minuzioso indice (pp. 657–667), che agevola ulteriormente la consultazione di un volume già di grande chiarezza espositiva, destinato a diventare indispensabile strumento di consultazione per gli specialisti del settore.+TABRE+Margherita Palumbo

Entrepôts et trafics annonaires en Méditerranée. Antiquité-temps modernes, sous la direction de Brigitte Marin et Catherine Virlouvet, Roma (École française de Rome) 2016 (Collection de l’École française de Rome 522), VIII, 406 S., Abb., ISBN 978-2-7283-1246-7, € 30.

Städtische Getreideversorgung war der neuralgische Punkt innerer Politik von der Antike bis tief ins 19. Jh. hinein. In Frankreich wurde der Preis der Baguette bekanntlich erst 1980 freigegeben. Vorher unterlag er staatlicher Festlegung, in lebhafter Erinnerung daran, dass der Brotpreis am 14. Juli 1789 einen Rekordwert erreichte. Hungerkrisen als Folge von defizitärer Belieferung und unkontrolliertem Kostenauftrieb gefährdeten die innere Stabilität, machten die Mächtigen verhasst und schrieben sich tief ins kollektive Gedächtnis ein. Auf der anderen Seite war das Handlungsrepertoire der Behörden begrenzt. Sie konnten öffentliche Kornreserven anlegen und damit Versorgungslücken schließen, Ausfuhren verbieten, private Reserven beschlagnahmen, Höchstpreise für Getreide festsetzen und die Bäcker zwingen, ihre Produkte unter Eigenkosten abzugeben. Sonderlich wirksam waren diese Maßnahmen weder einzeln noch gebündelt, sodass in extremen Notfällen nur die ultima ratio blieb, auswärtige Kontingente zu beschaffen – falls vorhanden und bezahlbar. Auch daran hat sich in zweitausend Jahren wenig geändert. Solche langen Zeitbögen stehen im Mittelpunkt dieses Bd., der neun Einzelstudien zur annonarischen Problematik im Mittelmeerraum – Nordafrika, Spanien und Italien – zwischen Altertum und spätem Ancien Régime umfasst. Dabei wird vor allem auf im weitesten Sinne technische Aspekte fokussiert: auf die wichtigsten Depotstellen und die dazugehörigen Transportwege, auf maritime Handelsrouten, Speichertechniken und -architektur, auf Besitzverhältnisse und Immobilienverwaltung, administrative Strukturen und Hierarchien, Kompetenzen und ihre Überschneidungen. Unter all diesen Blickwinkeln stechen nicht überraschenderweise Kontinuitäten, nicht zuletzt solche der defizitären Aspekte und der Krisen, hervor. Für den Spezialisten von Interesse sind vor allem die sehr detailreichen Studien zu den Methoden der über- und unterirdischen Getreidelagerung sowie die nicht minder expliziten Darlegungen zur Baugeschichte der Depots. Auf das spannungsreiche Terrain der Sozialpolitik, zu dem alle diese Einzelaktivitäten und Maßnahmen gehören, wagen sich die hier zusammengestellten Beiträge jedoch kaum ansatzweise vor – die Verteilungskämpfe jenseits der reinen Verteilungsmechanismen, die Jahr für Jahr in jeder Stadt von einiger Bedeutung zwischen Grundbesitzern, involvierten Metiers wie Pächtern, Müllern und Bäckern, Lobbyisten und Entscheidungsträgern ausgefochten und die Kompromisse, die stets aufs Neue zwischen „Markt“ und „Staat“ ausgehandelt werden mussten, werden allenfalls am Rande gestreift. Darüber hinaus sind die Verbindungen zwischen den Einzelabhandlungen bestenfalls locker, eine summierende und bilanzierende Schlussauswertung fehlt, deutschsprachige Standardliteratur wird konsequent nicht zur Kenntnis genommen.

Volker Reinhardt

Costanza Geddes da Filicaia/Marco Geddes da Filicaia, Peste. Il flagello di Dio fra letteratura e scienza, presentazione di Enrico Ghidetti, Firenze (Edizioni Polistampa) 2015 (Biblioteca di medicina e storia 13), XVI, 618, [16] S., Abb., ISBN 978-88-596-1501-9, € 32.

Obwohl die Seuchengeschichtsschreibung in Deutschland seit den 1990er Jahren einen spürbaren quantitativen und qualitativen Aufschwung genommen hat, hinkt sie der italienischen, die im internationalen Vergleich eine Spitzenposition einnimmt, noch ein gutes Stück hinterher. Dabei sind es vermutlich nicht zuletzt mangelnde Sprachkenntnisse, die dafür sorgen, dass eine intensive Auseinandersetzung mit italienischen Forschungsergebnissen in der deutschen Seuchengeschichtsschreibung bisher nur ganz vereinzelt erfolgt. Der von Costanza und Marco Geddes da Filicaia publizierte Bd. wird an diesem Problem im Grundsatz nichts ändern können. Gleichwohl liefert er auf dem Stand der jüngeren italienischen, aber auch der angloamerikanischen und französischen Forschung einen soliden Überblick über die Geschichte der Pest und zentrale literarische Quellen, die über diese Geschichte Aufschluss geben. Dabei leitet Enrico Ghidetti diesen Überblick auf recht konventionelle Weise ein, indem er mit groben Strichen die kaum zu überschätzende Wirkmacht skizziert, die der Schwarze Tod (und das, was die Menschen jeweils dafür hielten) seit alttestamentarischer Zeit entfaltete. Diese Wirkmacht beruhte, wie Costanza und Marco Geddes da Filicaia auf den darauffolgenden knapp 90 Seiten zeigen, jedoch nicht nur darauf, dass die Pest, häufig in einem unheilvollen Verbund mit Kriegen und Hungersnöten auftretend, als Katalysator gesellschaftlicher und politischer Prozesse im weitesten Sinne fungierte. Sie ging auch darauf zurück, dass der Schwarze Tod tiefe Spuren im „immaginario collettivo“ Europas hinterließ. Auf diese Weise hat die Pest zu fast allen Zeiten ungemein produktiv auf Kunst und Kultur gewirkt. Dabei war und ist sie insbesondere in der Literatur eine nicht versiegende Quelle der Inspiration. Dies dokumentieren Costanza und Marco Geddes da Filicaia auf weiteren 400 Seiten, die dem Leser eine bemerkenswerte Anthologie von literarischen Verarbeitungen historischer Epidemien bieten. Diese Epidemien reichen von der „Pest von Athen“ (430–427 v. Chr.) bis zur „Pest von San Francisco“ (1900–1905 n. Chr.). Dabei kommen nicht nur Klassiker wie Thukydides, Boccaccio und Manzoni zu Wort. Man lernt auch weit weniger bekannte Autoren wie etwa Marilyn Chase und John Hatcher kennen. Ein Schwerpunkt der Anthologie liegt auf literarischen Verarbeitungen der „Pest von Mailand“, die um 1630 nicht nur weite Teile Nord- und Mittelitaliens (einschließlich Roms!) heimsuchte, sondern deren Ausläufer bis ins Heilige Römische Reich und nach Frankreich reichten. Darüber hinaus ist positiv hervorzuheben, dass Costanza und Marco Geddes da Filicaia auch Darstellungen über unbekanntere Seuchen wie z. B. die „Pest von Tunis“ (1818–1820) berücksichtigt haben. Dafür vermisst man allerdings Texte zu der Pestepidemie, die im Dritten Nordischen Krieg (1700–1721) im Ostseeraum wütete, und zur „Pest von Marseille“, die von 1720 bis 1722 in der Basse-Provence grassierte. Immerhin handelt es sich bei diesen beiden Seuchenzügen um die letzten großen Pestepidemien in Europa! Dieses Versäumnis bildet – auch wenn die Textauswahl bei solchen Anthologien natürlich notwendigerweise immer ein Stück weit willkürlich ist – vielleicht die größte Schwäche des Buches. Dass die wiedergegebenen literarischen Darstellungen nicht kritisch ediert und kommentiert sind, fällt hingegen kaum ins Gewicht, da Costanza und Marco Geddes da Filicaia zu jeder dieser Darstellungen instruktive „schede bio-bibliografiche“ liefern. Sinnvoll ergänzt und illustriert werden die beachtlichen Textmengen schließlich durch zahlreiche teils farbige Abb., die zeigen, dass die Pest auch im Bereich der Bildenden Kunst nachhaltig prägend gewirkt hat. All dies zusammengenommen ergibt ein zuverlässiges und zudem sehr anregendes Handbuch, das neben dem Fachhistoriker auch den interessierten Laien anspricht. Und das, entsprechende Sprachkenntnisse vorausgesetzt, auch für deutsche Geschichtswissenschaftler ein wichtiges und hilfreiches Arbeitsinstrument sein kann.+TABRE+Thorsten Busch

Carla Benocci/Marcello Fagiolo (a cura di), Il Gianicolo. Il colle „aureo“ della cultura internazionale, della sacralità e della memoria, Roma (Artemide) 2016 (I colli di Roma 2), 474 S., Abb., ISBN 978-88-7575-245-3, € 70.

Dass das antike Rom auf sieben Hügeln gebaut wurde, wissen sicher viele. Doch was es konkret mit diesen Hügeln auf sich hat, und wie sie sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt haben, darüber dürften bei den meisten größere Lücken bestehen. Noch schwieriger wird es gewiss, wenn man nach weiteren Hügeln über die kanonischen sieben hinaus fragt. Umso begrüßenswerter erscheint daher die 2010 begonnene Publikationsreihe „I colli di Roma“ des bei der Accademia dei Lincei angesiedelten Centro di Studi sulla Cultura e l’Immagine di Roma, die neben dem Aventin und dem Monte Mario nun auch den Gianicolo umfassend präsentiert. Der Reihenhg., der renommierte römische Architekturhistoriker Marcello Fagiolo, zeichnet, zusammen mit der Kunsthistorikerin Carla Benocci, auch selbst für den vorliegenden Bd. über den inoffiziellen „achten“ Hügel Roms verantwortlich. Gemeinsam mit 20 Autorinnen und Autoren der Kunstgeschichte, Architekturgeschichte und weiteren Geistes- und Kulturwissenschaftlern skizzieren sie die vielfältigen Bedeutungen dieses einzigartigen Hügels im Westen der Stadt von der mythischen Figur des Janus und dem Kreuzigungsort Petri bis in die Gegenwart. Sie arbeiten dabei heraus, in welchen Phasen der Gianicolo zum Ort von Dialog und Begegnung, von Krieg und Frieden, von militärischer Verteidigung oder Rückzug und Muße wurde und betonen auch die Rolle des Hügels als bevorzugtes Territorium adliger Familien, besonders toskanischer Bankiers, die dem päpstlichen Hof nahestanden. Wie die Hg. bereits im Titel andeuten, spannen sie dabei den Bogen von der internationalen Kultur der Frühen Neuzeit und vor allem der zahlreichen internationalen Institute der Gegenwart zurück in die Sakralität der Antike mit dem möglichen Märtyrertod Petri in Rom, ohne bei all der langen Chronologie die Römische Republik von 1849 und das Gedenken daran bis heute zu vergessen. „Hinc totam licet aestimare Romam“: Mit dem leicht abgewandelten Motto eines Epigramms von Martial über dem Portal der Loggia in der Villa Lante, heute Sitz des finnischen Kulturinstituts, wird bereits deutlich, warum der Hügel seit der Antike in vielfältigster Weise geschätzt wurde und immer noch geschätzt wird. 30 Beiträge greifen zahlreiche Facetten dieser jahrtausendealten Entwicklung auf, die sich seit der Renaissance immer weiter verdichtete. In zehn chronologisch-thematischen Kapiteln unterschiedlicher Länge kann sich der Leser ein abgerundetes Bild über den „goldenen“ Hügel verschaffen. Dazu zählen Themen wie Mythos und Religion, Panorama, der toskanische Hügel, Wasserleitungen und Brunnen, Befestigungen, aber auch geistige und körperliche Gesundheit, die bereits erwähnte Römische Republik von 1849, die Präsenz der großen Monarchien Spanien und Frankreich, die Phase um 1900 und abschließend die internationale Republik der Geisteswissenschaften und Künste. Dabei fällt das zehnte und letzte Kapitel mit Abstand am umfangreichsten aus und präsentiert insgesamt zehn auf dem Gianicolo seit längerem bis heute tätige Kultureinrichtungen. Ein meist frühneuzeitlicher Dokumentenanhang und eine ausführliche Bibliographie runden diesen reich bebilderten Bd. ab. Die auf der Höhe der aktuellen Forschung geschriebenen Beiträge bieten nicht nur erste Informationen, sondern oft auch profunde Erkenntnisse und ermöglichen durch den kritischen Apparat weitergehende Vertiefung. Insgesamt stellt der Bd. eine wahre Fundgrube für alle dar, die sich für die Geschichte oder auch nur für einzelne Phasen und Aspekte des Gianicolo interessieren.+TABRE+Jens Späth

Mariano Dell’Omo/Federico Marazzi/Fabio Simonelli/Cesare Crova (a cura di), Sodalitas. Studi in memoria di Don Faustino Avagliano, Montecassino (Pubblicazioni Cassinesi) 2016 (Miscellanea Cassinese 86), 2 voll., LXXV, 1371 pp., ill. ISBN 978-88-8256-086-7.

A tre anni dalla scomparsa di don Faustino Avagliano, monaco cassinese, direttore dell’Archivio abbaziale, nonché studioso di storia, paleografia e archivistica, questi due volumi vogliono onorare la sua memoria con ben 73 saggi elaborati da storici e ricercatori che nel loro percorso di studi hanno avuto in qualche modo contatto con l’Archivio di Montecassino e con il suo direttore. Dopo tre brevi testimonianze in memoriam scritte da Cosimo Damiano Fonseca, Marco Palma e Mariano Dall’Omo, già pubblicate su alcuni giornali nei giorni successivi la scomparsa, la parte introduttiva è completata dalla bio-bibliografia completa di don Avagliano curata da Mariano Dell’Omo (pp. XXIII–LXXV). I saggi che seguono sono per la grande maggioranza scritti in italiano, ma se ne contano anche otto in inglese, tre in francese e due in tedesco. In calce al secondo volume è posto un indice complessivo dei nomi di persona e di luogo. Gli argomenti trattati sono alquanto eterogenei, poiché il solo filone di studi cassinesi non esaurisce l’ampio spettro di temi trattati. Si segnalano per l’apporto di novità riguardo lo studio di alcuni codici cassinesi i saggi di Roberta Casavecchia/Marilena Maniaci/Giulia Orofino, Considerazioni intorno ai Casin. 85 e Casin. 115 (e ad altri codici in beneventana del XII secolo), pp. 43–96, e di Richard F. Gyug, Reconstructing a Beneventan Missal: Montecassino, Archivio dell’Abbazia. Compactiones VII and XXII, pp. 451–472; per lo stato dell’arte, arricchito da nuove acquisizioni, sullo studio delle architetture dell’abbazia nel secolo XI il contributo di Cesare Crova, I restauri medievali dell’abbaziale cassinese (1066–1071) e recenti acquisizioni sui resti della torre di Desiderio. Profilo storico e tecniche costruttive, pp. 163–194; per lo studio con edizione di un nuovo frammento di Rabano Mauro il saggio di Pius Engelbert, Ein frühes Fragment der Enzyklopädie des Hrabanus Maurus, pp. 315–322; per la sintesi sulle acquisizioni archeologiche ottenuto dallo studio dei grandi monasteri altomedievali l’intervento di Federico Marazzi, Montecassino e S. Vincenzo al Volturno: ragionamenti sui criteri progettuali dei ‚grandi monasteri‘ fra VIII e IX secolo, pp. 619–646; e infine si segnala lo studio di una particolare versione cassinese del carme di Paolo Diacono „Ordiar unde tuos“, dotato anche di notazione neumatica, nel saggio di Nicola Tangari, Un carme di Paolo Diacono in onore di s. Benedetto nel ms. Montecassino, Archivio dell’Abbazia, 272, pp. 1101–1118. Gli altri contributi contenuti nella miscellanea sono: Giancarlo Andenna, La filigrana con il biscione. Un precetto del 1455 di Bianca Maria Visconti per la stampa di carta filigranata, pp. 1–8; Martin Bertram, L’Apparatus decretalium di Goffredo da Trani nel manoscritto Montecassino, Archivio dell’Abbazia, 266, pp. 9–16; Giovanna Carbonara, Questioni di restauro dell’architettura sacra, pp. 17–32; Maria Crescenza Carrocci, Don Faustino Avagliano, l’Archivio di Montecassino e le „carte“ di Pontecorvo, pp. 32–42; Silvana Casmirri, Gabriele De Rosa docente di Storia contemporanea alla „Sapienza“ (1974–1987), pp. 97–112; Paolo Cherubini, Ancora sul Chronicon Casauriense: l’immagine di Ludovico II secondo Giovanni di Berardo, pp. 113–132; Edoardo Crisci, Per lo studio delle maiuscole greche canonizzate. Qualche riflessione, pp. 133–146; Giuseppe M. Croce, Montecassino, i briganti e il papa: un dilemma dell’abate Carlo Maria de Vera (1863), pp. 147–162; Errico Cuozzo, Monasteri benedettini a Ragusa: S. Maria di Rabiata, S. Maria di Melata, S. Maria di Lokrum, pp. 195–220; Nicolangelo D’Acunto, Il sermone su s. Rufino di Pier Damiani come specchio dei conflitti nella Assisi del secolo XI, pp. 221–232; Edoardo D’Angelo, L’agiografia umbra tra Montecassino e Farfa, pp. 233–244; Pietro Dalena, Tommaso Leccisotti storico delle „colonie cassinesi“ in Capitanata, pp. 245–254; Paolo De Paolis, Per una biografia di don Luigi Tosti, pp. 255–280; Flavia De Rubeis, Un copista insulare a Montecassino nel secolo VIII: il ms. Lond. Add. 43460, pp. 281–294; Mariano Dell’Omo, 1514: S. Lorenzo di Aversa nella Congregazione Cassinese. Il sermunculus dell’abate Vincenzo de Riso alla presa di possesso del monastero (Padova, Biblioteca Universitaria, cod. 1379/II, cc. 281–284), pp. 295–314; Giustino Farnedi, Montecassino e l’abbazia di S. Pietro di Perugia, pp. 323–334; Paolo Fassera, „Accordi ed istituzioni“ da doversi osservare nel monastero dei SS. Cosma e Damiano di Venezia, pp. 335–346; Laurent Feller, Un évêque face à la pauvreté et à la faim. Sur un miracle de Bérard des Marses (1080–1130), pp. 347–358; Cosimo Damiano Fonseca, La formazione del clero a Napoli alla vigilia della unificazione nazionale italiana (1837–1870), pp. 359–376; Alberto Forni, Montecassino francescana. Dante e la pietas degli alti monti, pp. 377–390; Manuela Gianandrea, Tra fedeltà al testo e concessioni alla creatività medievale. L’immagine del basilisco nel Rabano Mauro di Montecassino e della Vaticana, pp. 391–408; Paolo Golinelli, Il „Diario di viaggio a Montecasino“ di Benedetto Bacchini (1696–1697), pp. 409–451; Richard Hodges, The 9th-Century Abbot’s House at S. Vincenzo al Volturno, pp. 473–490; Mario Iadanza, Due inni in onore di s. Lupo del ms. 5 dell’Archivio dell’Abbazia della SS.ma Trinità di Cava dei Tirreni (sec. XII), pp. 491–522; Teemu Immonen, De generibus monachorum. The Reading of the First Chapter of the Rule of St. Benedict in Monte Cassino under Abbot Desiderius, pp. 523–534; Thomas Forrest Kelly, Fragments of a Notated Breviary in Montecassino: Compactiones V, pp. 535–558; Katarina Livljanić, Les répons de l’office férial dans l’antiphonaire Montecassino, Archivio dell’Abbazia, ms. 542, pp. 559–578; Francesco Lo Monaco, „Litera Benaventana“ a Bergamo, pp. 579–594; Graham A. Loud, I principi di Capua, Montecassino e le chiese del Principato, 1058–1130, pp. 595–618; Jean-Marie Martin, L’Epitome chronicorum Casinensium: les Carolingiens vus du Mont-Cassin, pp. 647–658; Lina Massa, Benedetto Bonazzi e Gregorio Magno. Un’omelia recitata a Montecassino dall’arcivescovo di Benevento nel XIII centenario della morte del grande pontefice (604–1904), pp. 659–684; Corinna Mezzetti, Carte di Pomposa: un fondo diplomatico ferrarese nell’Archivio di Montecassino, pp. 685–696; Massimo Miglio, Gli alunni della Scuola storica nazionale e Pietro Fedele, pp. 697–706; Francesco Miraglia, La basilica di S. Maria in Foro Claudio a Ventaroli di Carinola: vicende costruttive e restauri novecenteschi, pp. 707–720; John Mitchell/Bea Leal, Art of Many Colours: the Dados of S. Vincenzo and Issues of Marbling in the Post-Roman World, pp. 721–756; Adolfo Morizio, Ad regulam congruentem convolare. Riforma monastica di una canonica regolare abruzzese nel XIV secolo, pp. 757–770; Francis Newton, Newly Recovered Leaves from a Cassinese Manuscript of Gregorius M., Dialogi, in Beneventan ‚Fine Script‘ of the Late Eleventh Century, pp. 771–788; Massimo Oldoni, Ludolfo di Suchem e l’eclisse della luna, pp. 789–826; Valentino Pace, Riflessi di Costantinopoli: la gloria e la luce di Amalfi, pp. 827–844; Roberto Paciocco, Due spade e un fodero. La cronaca-cartulario di S. Clemente a Casauria, pp. 845–856; Marco Palma, „The Beneventan Script“: One Hundred Years Later, pp. 857–866; Francesco Panarelli, Il vantaggio di chiamarlo Ippolito: note sulla intitolazione dell’abbazia di Monticchio (Pz), pp. 867–888; Oronzo Pecere, Le ‚firme‘ degli scribi nei libri latini antichi, pp. 889–908; Luigi Pellegrini, Da S. Pietro delle Monache all’Ordo S. Damiani. Le vicende di una dipendenza cassinese nell’Abruzzo adriatico, pp. 909–920; Pierantonio Piatti, Sofia, pistis, elpis e agape. Il fascino discreto della sancta stultitia, pp. 921–936; Pasquale Raimo, La belva dalla lunga ‚lingua‘ fitomorfa: un rilievo scultoreo medievale dal Museo dell’Abbazia di Montecassino, pp. 937–948; Giulio Raimondi, La Descrizione istorica di Montecassino del 1775, pp. 949–958; Ernesto Rascato, Il monastero benedettino di S. Biagio di Aversa nel tardo Cinquecento, pp. 959–974; Roger E. Reynolds, Don Faustino monachus et sacerdos: Montecassino, Cava and Spain, pp. 975–992; Vincenzo Ruggiero Perrino, Lo spettacolo dei giullari e il Ritmo Cassinese, pp. 993–1016; Francesco Santi, La discretio nella consapevolezza mistica di Ildegarde di Bingen, pp. 1017–1030; Domenica Siciliano, Per uno studio della beneventana in area periferica: il manoscritto 465 dell’Archivio di Montecassino, pp. 1031–1044; Fabio Simonelli, L’Archivio Visocchi di Atina (secc. XVI–XX), pp. 1045–1084; Giovanni Spinelli, Don Ambrogio Amelli tra Achille Ratti ed Ildefonso Schuster, pp. 1085–1100; Barbara M. Tarquini, Per un’edizione dell’Adbreviatio di Orso di Benevento, pp. 1119–1128; Nadia Togni, I Benedettini di Montecassino in Istria, Croazia e Dalmazia, pp. 1129–1144; Pierre Toubert, De Subiaco à Montecassino. L’exemplarité des origines monastiques chez L. A. Muratori, pp. 1045–1158; Simon Luca Trigona, Ecce Leo. Un nuovo elemento epigrafico del dossier atinate di Pietro Diacono, pp. 1159–1172; Annamaria Valli, Due regole benedettine femminilizzate del Seicento, pp. 1173–1184; Paolo Vian, Iam fere sunt anni XL elapsi. A proposito di un passo della lettera 43 di Angelo Clareno, pp. 1185–1202; Antonio Vuolo, La Passio Antoninae (BHL 567d): un testo agiografico latino di matrice orientale in area pugliese, pp. 1203–1230; Herbert Zielinski, Klostereintritt und Tod König Hugos von Italien. Eine unbekannte Quelle des Leo Marsicanus, pp. 1231–1250; Gaetano Zito, Documenti sui benedettini siciliani dal monastero di S. Nicola l’Arena all’Archivio storico diocesano di Catania, pp. 1251–1265.

Edoardo Manarini

Robert E. Lerner, Ernst Kantorowicz. A life, Princeton u. a. (Princeton University Press) 2017, XV, 400 S., Abb., ISBN 978-0-691-17282-8, GBP 32,95.

Die Aufmerksamkeit, die Lerners Monographie auch im Feuilleton gefunden hat, zeigt, welch faszinierenden Klang der Name Ernst Kantorowicz (1895–1963) noch immer besitzt. Dabei dürfte dieses Interesse keineswegs nur seiner wissenschaftlichen Bedeutung geschuldet sein, denn mit drei Monographien und einer Reihe allerdings hochkarätiger Aufsätze, die zumeist um das Thema mittelalterlicher Herrschaftsideologie kreisen, hält sich sein Œuvre in überschaubaren Grenzen. Nicht unwesentlich haben die Lebensgeschichte des jüdischen Emigranten und seine schillernde Persönlichkeit zum Ruhme Kantorowiczʼ beigetragen. Das dandyhaft-manierierte Auftreten, die schöngeistigen Neigungen des glühenden George-Anhängers, seine offen gelebte Bisexualität, der politische Schwenk des überzeugten Kriegsteilnehmers und Freikorpskämpfers vom rechten Patrioten zum liberalen Humanisten – all das hob ihn aus den eher grauen Vertretern seiner Zunft heraus. Lerner hat diese Lebensstationen noch einmal nachgezeichnet. Welch privilegierte Stellung Kantorowicz im George-Kreis einnahm, die Kontroverse um seine ganz im Geiste des Meisters verfasste Monographie zu Friedrich II., sein Ruf auf ein Ordinariat der Universität Frankfurt (ohne Habilitation und nur auf den vierten Listenplatz gesetzt), wie er am 29. Oktober 1938, wenige Tage vor der Pogromnacht, seinen Pass zurückerhielt, der ihm noch die Ausreise ermöglichte, seine Sorge um die zurückgebliebenen Angehörigen, die endlosen Bemühungen, die notwendig waren, bis er 1945 nach fünfeinhalb Jahren der Lehre eine unbefristete Professur in Berkeley erhielt, der bekannte Streit um den kalifornischen oath of loyalty, den Kantorowicz verweigerte, was man ihm 1950 mit seiner Entlassung quittierte, seine Rolle im Entnazifizierungsverfahren von Percy Ernst Schramm, seine späten Erfolge in Princeton – vieles davon war nach der Monographie von Eckhart Grünewald (1982) und Aufsätzen anderer Autoren zwar nicht ganz unbekannt, wird hier aber mit neuer Genauigkeit überaus spannend dargestellt. Dafür hat Lerner Tausende von Privatbriefen und Universitätsdokumenten eingesehen und eine Vielzahl von Interviews mit Zeitzeugen und ihren Hinterbliebenen geführt. Endlos kommt auch die Reihe von Geliebten, Freunden und Weggefährten – aus dem George-Kreis, aus Adel, Wirtschaft und Finanzwelt, darunter auch spätere Widerstandskämpfer –, von Kollegen und Schülern daher, die in lebhaften Kurzporträts vorgestellt werden. Dass Kantorowiczʼ „soziale Kompetenz“ indes nicht nur Bewunderung fand, gibt Gerhart Ladner zu erkennen, wenn er ihm in seinen „Erinnerungen“ (1994) vorwirft, seine Freundschaft auch Leuten gewährt zu haben, die sie Ladners Empfinden nach nicht verdienten. Charakterliche Schwächen seines Protagonisten bringt Lerner gleichwohl zur Sprache: Seine mangelnde Ehrlichkeit, die zynischen, von persönlichen Antipathien getragenen Urteile, die Einmischungen in das Privatleben seiner amerikanischen Schüler und selbst seine geschmacklos-sexistischen Scherze werden dem Leser nicht vorenthalten. Einzelne Aspekte von größerer historischer Tragweite hätten sich bisweilen schärfer konturieren lassen. Wenn Lerner die schon früh von Karl Löwith (einer der wenigen Zeitzeugen, die der Autor nicht bemüht) behauptete Rolle des George-Kreises als Wegbereiter des Nationalsozialismus übergeht, so vielleicht aus einer gewissen apologetischen Tendenz heraus, denn Norman Cantor, der den frühen Kantorowicz auf überzogene Weise in die Nähe der NS-Ideologie gerückt hatte, scheint an vielen Stellen der Ausführungen als verborgener Widersacher durch. Helfen die Korrespondenzen (alle deutschen Passagen werden übersetzt, wodurch manches Wortspiel verlorengeht), die Begleitumstände von Kantorowiczʼ Weg als Wissenschaftler nachzuverfolgen, sie berühren die Inhalte seiner wissenschaftlichen Tätigkeit nur bedingt. Im Gegenteil: Allzu vieles von dem, was der Autor ans Licht befördert, fällt in den Bereich von gossip und Anekdote. Kantorowiczʼ frühe Liebesaffäre mit Fine von Kahler wird ebenso ausführlich beleuchtet wie die Analyse der „Laudes regiae“ (1946). Mehrere Seiten sind Kantorowiczʼ Ärger über die verzögerte Drucklegung der Dissertation seines Schülers Robert Benson gewidmet; wovon Bensons Buch („The Bishop-Elect“, 1968) handelt, bleibt indes ungesagt. Den familiären Plauderton der Briefe übernimmt der Vf. mithin für die eigene Darstellung: EKa traf sich mit Baby…, EKa schrieb an Lieschen …, EKa machte Urlaub mit Vera… Das wäre weniger störend, wenn Kantorowiczʼ intellektuelle Leistung nicht hinter dem Allzu-Menschlichen in den Schatten träte. Seine Aufsätze und Vorträge werden zwar resümiert, nicht aber im jeweiligen Wissenschaftsdiskurs verortet. Einer der wenigen Versuche in dieser Richtung, die Betrachtung des Aufsatzes über die Holztüren von S. Sabina („The King’s Advent“, 1944) geht gründlich schief, denn die von Kantorowicz erkannte Kontinuität spätantiker und frühchristlicher Ikonographie antizipiert keineswegs einen Forschungstrend des späten 20. Jh., sondern sie entspricht ganz dem Zugriff der dreißiger Jahre (Grabar, Kollwitz, Weisbach). Eine angemessene wissenschaftsgeschichtliche Einordnung gelingt Lerner allenfalls für die Monographie über Friedrich II. (1927–1931), wo er sich auf verschiedene Vorarbeiten stützen kann. Ansonsten bleiben viele Fragen offen. Die geringe Nachfolge der „Laudes regiae“ dürfte auch damit zusammenhängen, dass hier ein durch und durch deutscher Forschungsdiskurs aufgegriffen wurde. Der späte Erfolg von „The King’s Two Bodies“ (1957) bleibt bemerkenswert, zumal angesichts der Kritik, die das Buch seitens der Mediävistik erfuhr (hier wäre auch Horst Fuhrmanns Stellungnahme zu berücksichtigen gewesen). Die Wirkung des so zahlreiche Disziplinen bedienenden Werks scheint außerhalb des Fachs langfristig größer gewesen zu sein als innerhalb. Wie nicht erst Lerner erkannt hat, mögen Michel Foucault und das neue Interesse an der Körpergeschichte in dieser Hinsicht als Katalysatoren gewirkt haben. Aber auch Erwin Panofsky, der den Verweis auf Kantorowicz zu einer unheilvollen, aber noch immer aktuellen Mode der ikonographischen Forschung werden ließ, leistete hier seinen Beitrag. Weitere Untersuchungen zur Rezeption des Buches wären lohnend. Die von Carl Landauer und anderen aufgeworfene Frage, inwieweit die in „The King’s Two Bodies“ zum Ausdruck kommende Hoffnung, dass der ideale „Body politic“ den „Body natural“ selbst des unfähigsten Herrschers überdauern möge, Kantorowiczʼ Bewältigungsstrategien der eigenen politischen Erfahrungen spiegelt, sollte ebenfalls noch einmal erörtert werden. – Wer eine unterhaltsame Lektüre zur akademischen Emigrationsgeschichte sucht, wird gerne auf Lerners Monographie zurückgreifen. Eine intellectual biography sieht allerdings anders aus.+TABRE+Ingo Herklotz

Girolamo Arnaldi, Pagine quotidiane, a cura di Massimo Miglio e Salvatore Sansone, Roma (Istituto Storico Italiano per il Medio Evo), 2017, 713 pp., ISBN 978-88-98079-53-7, € 30.

Questo ponderoso e ricco volume raccoglie gli interventi sulla stampa quotidiana e periodica che Girolamo/Gilmo Arnaldi (1929–2016) aveva selezionato ancora in vita in vista della pubblicazione. L’Arnaldi è stato uno fra i più noti medievisti della sua generazione, professore ordinario a Bologna e a Roma „La Sapienza“, accademico dei Lincei e Presidente dell’Istituto Storico Italiano per il Medio Evo (1982–2001); la sua personalità poliedrica è presentata a chi non lo ha conosciuto da Gennaro Sasso, filosofo di fama ma soprattutto amico di una vita dell’Arnaldi (Ricordi di Girolamo Arnaldi, pp. 5–25) in un bellissimo ritratto, in cui un’acuta valutazione del profilo intellettuale e degli interessi culturali si intrecciano all’affetto e al rimpianto per l’amico perduto. Un più puntuale contributo alla comprensione dell’atteggiamento politico in senso lato dell’autore, che militò anche nel Partito Repubblicano, è fornito da Giuseppe Galasso, uno dei più noti storici meridionali, di recente scomparso (Attualità della storia, pp. 27–31). A questi due interventi di amici e colleghi, entrambi coetanei dell’autore, seguono altri due saggi introduttivi (Amedeo Feniello, Medioevo sui giornali. Guida alla lettura, pp. 33–51, e Massimo Miglio, Girolamo Arnaldi, storico „nuovo“ del Novecento, pp. 53–65). Il primo cerca di aiutare il lettore ad orientarsi nell’imponente produzione pubblicistica dell’Arnaldi, collocandola anche nel contesto di un giornalismo molto diverso da quello attuale, in cui le tematiche culturali trovavano spazio adeguato – soprattutto sulle „Terze pagine“ dei quotidiani – cui collaboravano i più brillanti intellettuali del momento. Massimo Miglio, a lungo professore ordinario a Viterbo e suo successore alla guida dell’Istituto Storico Italiano per il Medio Evo, ricostruisce invece una sorta di biografia intellettuale di Gilmo Arnaldi, che si nutre anche del materiale documentario – tra cui lettere e soprattutto diari – depositato presso l’ISIME, per far emergere il costante interesse per la contemporaneità dell’autore, che mai si identificò esclusivamente col suo ruolo di professore universitario di Storia medievale. La gran parte delle „pagine quotidiane“ sono uscite sul più importante quotidiano della capitale „Il Messaggero“ e sul milanese „Il Giornale“, soprattutto negli anni in cui ne era direttore Indro Montanelli, che comunque l’Arnaldi non seguì nell’avventura della „Voce“, fondata nel 1994 in aperta rottura con la „discesa in campo“ di Silvio Berlusconi, che del „Giornale“ era praticamente il proprietario. Può apparire a prima vista sorprendente che gli interventi specificatamente dedicati ai problemi della scuola e dell’università siano numericamente limitati; si tratta di un’ulteriore prova del fatto che lo scrivere sui giornali non era motivato dal desiderio di avere a disposizione una tribuna da cui difendere gli interessi corporativi del professore universitario. Girolamo Arnaldi ha utilizzato lo spazio sui giornali per far conoscere ad un pubblico più vasto libri interessanti sui più vari argomenti, momenti importanti per la medievistica, come le Settimane di Spoleto consacrate all’Alto Medio Evo, e storici illustri, soprattutto stranieri, libri, eventi e personaggi con cui aveva comunque un legame personale. Ma quelle snelle colonnine di giornale hanno rappresentato per anni per lui in primo luogo uno spazio di libertà in cui esprimere la sua opinione su quanto avveniva nel mondo.+TABRE+Giulia Barone

Christine Reinle (Hg.), Stand und Perspektiven der Sozial- und Verfassungsgeschichte zum römisch-deutschen Reich. Der Forschungseinfluss Peter Moraws auf die deutsche Mediävistik, Affalterbach (Didymos-Verlag) 2016 (Studien und Texte zur Geistes- und Sozialgeschichte des Mittelalters 10), ISBN 978-3-939020-30-1, 276 S., € 54.

Der am 8. April 2013 verstorbene Peter Moraw gehört zu den bedeutendsten Forscherpersönlichkeiten der deutschen Mediävistik in der zweiten Hälfte des 20. Jh. Mit seinen Thesen, die breit rezipiert und intensiv diskutiert wurden, und durch seine Mitgliedschaften in renommierten Institutionen und Forschungseinrichtungen sowie sein dichtes persönlich-universitäres Netzwerk hatte er einen besonders großen Einfluss auf die Forschung. Seine Leistungen wurden im Januar 2014 in Gießen, wo er von 1973 bis 2003 lehrte, mit einer Tagung gewürdigt, deren Beiträge im vorliegenden Bd. veröffentlicht wurden. Nach einer Darstellung der wichtigsten Lebens- und Arbeitsstationen Peter Moraws von Stefan Tebruck folgen 17 Beiträge zu seiner Person und seinem Œuvre. Den ersten Hauptteil zu „Wissenschaftsorganisation, Großprojekte, Quellenerschließung“ eröffnet Claudia Märtl mit einem Beitrag zu Moraws Bedeutung als Zentraldirektor der Monumenta Germaniae Historica, die neben der verstärkten Verbindung zur Berlin-Brandenburgischen Akademie in der Einbeziehung von Autoren des Spätmittelalters in die bestehenden Schwerpunkte der Monumenta lag. Peter Moraws Rolle bei der konzeptionellen Weiterentwicklung der „Regesta Imperii“ hebt Paul-Joachim Heinig hervor. Neben einer Optimierung der Regestenstruktur und der Kommentare waren dies vor allem der in den frühen 1990er Jahren geäußerte Gedanke einer Vernetzung wichtiger Projekte der spätmittelalterlichen Grundlagenforschung sowie seine Forderung nach einer mittelfristigen Verknüpfung aller Regesta Imperii-Dateien. Werner Paravicini erinnert an die Rolle, die Peter Moraw für die 1985 ins Leben gerufene Residenzen-Kommission spielte. Mit kritischen Worten nahm Moraw auf die erste inhaltliche Ausrichtung und methodische Herangehensweise der Kommission Bezug. Aus dem daran anschließenden Diskurs erwuchs eine Annäherung, die im Jahr 1992 schließlich zu Moraws Mitgliedschaft in der Residenzen-Kommission führte, die er fortan in neuer Rolle weiter fruchtbar mitgestaltete. Thomas Zotz stellt die von 1983 bis 2003 reichende, zwei Jahrzehnte dauernde aktive Mitgliedschaft von Peter Moraw im Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte vor. Mit seinen Forschungsthemen – und unter seinem Vorsitz von 1994 bis 1998 – wurden neue inhaltliche Schwerpunkte eingebracht; auch strukturelle Anregungen, wie die Öffnung des Arbeitskreises für den wissenschaftlichen Nachwuchs, haben den wissenschaftlichen Austausch „auf der Reichenau“ nachhaltig geprägt. Christian Hesse greift mit der Vorstellung des „Repertorium Academicum Germanicum“ (RAG) und hierdurch mit der Universitäts- und Bildungsgeschichte ein Thema auf, dem Peter Moraw wichtige Impulse verlieh. Hesse zeigt die bereits bestehenden Auswertungsmöglichkeiten, die sich mit dem Fortschreiten der Digital Humanities, die besonders fruchtbringend für Datenbanken dieser Art eingesetzt werden können, künftig stark erweitern werden. Bernd Schneidmüller erinnert an Moraws Leistungen bei der Genese der „Zeitschrift für Historische Forschung“, deren Anfänge er wesentlich mitgeprägt hat, und die er in leitender Funktion über zwei Jahrzehnte mitbetreute. Die Geschichtswissenschaften erfuhren durch diese Zeitschrift wesentliche Impulse; neben der Einbeziehung personengeschichtlicher Fragestellungen wurde vor allem – so schon 1974 gleich an den Anfang des ersten Bandes gestellt – ein neues Forum für das späte Mittelalter und die frühe Neuzeit geschaffen. Den zweiten Schwerpunkt der vorliegenden Publikation, der unter der Überschrift „König und Reich im Spätmittelalter“ weite inhaltliche Aspekte aufgreift, eröffnet Michail A. Bojcov mit einem Beitrag zur Goldenen Bulle von 1356, die von Peter Moraw als ein Höhepunkt in der spätmittelalterlichen Verfassungsgeschichte des Reiches angesehen wurde. Martin Bauch widmet sich ebenfalls Karl IV. und wirft einen Blick über die Politik- und Verfassungsgeschichte hinaus, indem er nach dessen sakraler Herrschaftspraxis fragt. Bauch arbeitet drei Entwicklungsstufen heraus, die sich jedoch nicht mehr ohne Weiteres mit dem „französischen Modell“ sakralmonarchischer Herrschaftspraxis vergleichen lassen könnten, das für Moraw „quasi natürlicher Endpunkt des hegemonialen Königtums“ (S. 109) war. Julia Burkhardt zeigt die Bedeutung von Moraws Forschungen zu den Reichstagen im späten Mittelalter auf, die seit den 1980er Jahren zu einem Schwerpunkt in seinem Schaffen geworden waren. Moraw erweiterte die im 19. und 20. Jh. angestoßene Reichstagsforschung konzeptionell und führte diese auch begriffsgeschichtlich wegweisend in die Diskurse einer stärker sozial- und kulturgeschichtlich orientierten Politik- und Verfassungsgeschichte ein. Johannes Friedrich Battenberg bietet einen Einblick in den Forschungsdiskurs mit Peter Moraw. Battenbergs 1974 erschienene Dissertation setzte einen intensiv-kritischen, aber fruchtbaren und zusammenführenden Austausch mit Moraw in Gang, bei dem es im Kern um den Institutionalisierungsgrad des Hofgerichts und dessen Verhältnis zum Herrscher ging. Der Beitrag von Oliver Auge, der Peter Moraws Sicht und Bewertung des spätmittelalterlichen Königtums nahebringt, vermittelt Moraws Interesse und Sympathien für Großdynastien, Zentralisierungstendenzen und vor allem für Karl IV. Zu bemerkenswerten Ergebnissen kommt man bei der Anwendung der Morawschen Fragestellungen auch auf „kleinere“ Herrschaftsträger, deren politische Einflussmöglichkeiten in bestimmten Konstellationen reichsgeschichtliche Bedeutung haben, was anhand verschiedener norddeutscher Grafen gezeigt wird. Ein weiteres Feld für zukünftige Forschungen, die eine Ausdifferenzierung der Morawschen Hauptthesen zur Verdichtung des Reiches im 15. Jh. ermöglichen können, bietet Gabriel Zeilinger, der sich Hoffesten und Kriegen widmet und sie anhand von einigen Beispielen aus Franken und Schwaben skizziert. Georg Schmidt fragt nach der Bedeutung und den Erkenntnismöglichkeiten des Morawschen Verdichtungsbegriffs und bezieht die Entwicklungen auch des 16. Jh. mit ein. Mit Blick auf die Staatsbildung im Reich – ein „Gefüge komplementärer Mehrebenenstaatlichkeit“ (S. 181) – kommt die gestaltete Verdichtung zu einem gewissen Ende. Die Forschungen Peter Moraws zum Herrscherhof König Sigismunds beschreibt Petr Elbel in seinem Beitrag, der den dritten Hauptteil der vorliegenden Publikation mit dem Schwerpunkt auf „Personenforschung“ eröffnet. Darin verdeutlicht er den nachhaltigen Einfluss Moraws, der den Hof nicht als Institution, sondern vornehmlich als soziales Gefüge verstand. Bedeutend sind auch die Beiträge Moraws zur Universitätsgeschichte, der er sich über einen Zeitraum von über fünf Jahrzehnten – manchmal intensiver, was mit Jubiläen seiner akademischen Stationen zusammenhing, wie die Universitätsjubiläen von Heidelberg 1961 und Gießen 1982 – widmete, wie Matthias Asche zeigt. Christine Reinle macht in ihrem Beitrag über Peter Moraws Verständnis der Landesgeschichte deutlich, dass bereits kurz nach der Diss., die einen für damalige Verhältnisse klassischen Zuschnitt hatte, Beiträge zur Stiftskirchenforschung folgten, in denen Moraw von Einzeluntersuchungen ausgehend über den „tradierten landeshistorischen Ansatz hinausdrängte“ (S. 222) und Fragestellungen von allgemeinhistorischer Relevanz aufwarf. Den Abschluss bildet der Beitrag von Enno Bünz, der den ersten größeren Themenkomplex heraushebt, dem sich Peter Moraw in seiner Heidelberger Diss. widmete – und zwar dem Stift St. Philipp zu Zell in der Pfalz. Bünz nennt die in dieser Diss. bereits ins Grundsätzliche weisenden Ansätze, und zwar raumrelevante Probleme, oder Fragen nach Verfassung und Besitz der Stifte, die – so in einem 1977 erschienenen Aufsatz formuliert – „eine der interessantesten Stätten der für das Mittelalter grundlegenden Begegnung von Kirche und Welt“ waren (S. 259). Der Hg. und den Bearbeitern gelingt es im vorliegenden Bd., eine erste Bilanz der wissenschaftlichen Leistungen und der Persönlichkeit Peter Moraws zu ziehen. Seine Forschungen beeinflussten die Überwindung der isolierten Betrachtung von Reichs- und Landesgeschichte, den gewachsenen Stellenwert des Spätmittelalters und die differenzerte Sicht der Epochenschwelle zur Frühen Neuzeit nachhaltig, um an dieser Stelle nur einige der herausragenden Leistungen Peter Moraws für das Fach und für die Wissenschaft zu nennen.+TABRE+Jörg Voigt

Christian Scholl/Torben R. Gebhardt/Jan Clauß (Hg.), Transcultural Approaches to the Concept of Imperial Rule in the Middle Ages, Frankfurt/M. (Lang) 2017, 379 S., Abb. ISBN 978-3-631-66219-9, € 66,95.

Der Bd. umfasst die in Schriftform überführten Beiträge einer Sektion des International Medieval Congress in Leeds aus dem Jahr 2014. Die elf Aufsätze deutscher Mediävist/-innen sind beinahe alle auf Englisch verfasst, um so das Werk international breit rezipierbar zu machen. Aufgrund der hier notwendigen Beschränkung des Raumes kann nur eine Gesamtbetrachtung erfolgen. Seit der Jahrtausendwende haben sich Historiker/-innen und Politikwissenschaftler/-innen verstärkt Imperien zugewandt. In diesem Zusammenhang wurde das Mittelalter zwar in gewissem Maße berücksichtigt, jedoch lag der Fokus auf der (Frühen) Neuzeit. Theoretische Reflexionen und Definitionen wie diejenigen Herfried Münklers und Hans-Heinrich Noltes (S. 7–11) wurden anhand (früh-)neuzeitlicher Fallstudien gebildet. Der Auswahl der im Bd. behandelten Imperien liegt die Idee des transkulturellen Vergleiches zugrunde (S. 13 f.). Die folgenden Reiche werden untersucht (die Reihenfolge orientiert sich weitgehend an der Abfolge der Aufsätze im Bd.): die Nachfolgereiche des Römischen Reiches, die Reiche der Steppenvölker (Turkvölker, Avaren, Khazaren), Byzanz, das Karolingerreich, das Papsttum, Provence und Burgund, das angelsächsische England, Kalifenreiche (Umayyaden, Abbasiden, Fatimiden), Dänemark und Norwegen, das Lateinische Kaiserreich sowie Polen. Was den untersuchten Zeitraum betrifft, liegt der Schwerpunkt auf dem Früh- und Hochmittelalter. In dieser breiten Auswahl und auch in der Integration mancher normalerweise nicht als Imperien wahrgenommener Reiche liegt eine Stärke des Bd. Von den Hg. wurden als Leitfragen diejenigen nach der mittelalterlichen Terminologie (Titulatur der Herrscher und Bezeichnungen für die Herrschaftsgebiete), Legitimationsmechanismen und -strategien, dem Stellenwert symbolischer Kommunikation sowie der Perzeption imperialer Herrschaft formuliert (S. 10–13). Insgesamt betrachtet, werden alle diese Fragen in den Beiträgen bearbeitet, jedoch von jeder Autorin bzw. jedem Autor gewisse Schwerpunkte gesetzt. Hervorzuheben ist, dass sich manche Beiträge auch mit den oben angeführten Definitionen auseinandersetzen (S. 186–188, 299–301). Daran wird deutlich, wie umsichtig bei der Applikation auf mittelalterliche Fälle vorgegangen werden muss, und dass bestimmte Modifikationen erforderlich werden. Darüber hinaus können weitere Einsichten angeführt werden, so beispielsweise, dass die zeitgenössische Terminologie vielschichtig und mehrdeutig ist sowie im jeweiligen regionalen und zeitlichen Kontext betrachtet werden muss. Zum Beispiel kann ein Titel wie Basileus eben auch eine Vorrangstellung innerhalb eines Reiches zum Ausdruck bringen, ohne dass nach außen gerichtete Ansprüche erhoben würden (S. 157–183). Die römische und byzantinische Kaiserimitatio sollte das Prestige des Inhabers erhöhen, legitimierende Funktion erfüllen und konnte ein politisches Programm mit sich bringen. Gleiches gilt für virtuelle Titel ohne faktische Macht, die aber auf die potentielle Übernahme solcher vorbereiten sollten. Auch konnte reale Macht bereits geschwunden sein, ohne dass dieser Umstand das Ansehen eines Titels schmälerte. Die Frage nach der Perzeption zeigt auch die Bedeutung imaginierter Imperien einer weit entfernten Vor- und Frühzeit auf (S. 269–279, 321–366). Diese diskursiven Konstruktionen sind in ihrem jeweiligen Zeitkontext zu verstehen. Die an die neuere Forschung anknüpfenden Leitfragen und das vielschichtige Panorama eröffnen überzeugende Einsichten in mittelalterliche Imperien. Der Bd. gibt Impulse, noch weitere Fragestellungen an die Thematik heranzutragen und andere Zugriffe zu verfolgen, z.B. eine akteurszentrierte Herangehensweise (S. 300 f.), den Untersuchungszeitraum stärker auf das Spätmittelalter auszudehnen sowie weitere Reiche und auch dezidiert Seemächte (S. 10) in die Analyse zu integrieren.+TABRE+Christian Alexander Neumann

Maria Pia Alberzoni/Roberto Lambertini (a cura di), Autorità e consenso. Regnum e monarchia nell’Europa medievale, Milano (Vita e Pensiero) 2017 (Ordines. Studi su istituzioni e società nel Medioevo europeo 5), X, 406 pp., ISBN 978-88-343-3371-6, € 35.

La miscellanea costituisce la pubblicazione degli atti di un workshop del 2015 organizzato dai due curatori con l’intento di avviare una riflessione sulle tematiche relative al governo esercitato sulla base di un consenso nelle sue diverse declinazioni pratiche, prendendo come orizzonte di ricerca specifico il millennio medievale. Impostare un’analisi di questo tipo e per questo periodo storico ha significato considerare una precisa forma di governo, peculiare di quel lungo momento storico: la monarchia medievale. Essa è stata esaminata incrociando le relazioni tra i suoi due caratteri precipui: l’autorità, che esula dal solo connotato militare, e il consenso, fattore indispensabile per poterla esercitare. L’esame di queste due categorie e della loro reciproca interazione ha permesso di inquadrare i „meccanismi di affermazione (e di debolezza) delle diverse forme di governo partecipato“ (p. IX): forme statuali originatesi in quel periodo della storia europea, che sono ancora oggi peculiari della tradizione culturale e politica di alcuni paesi del mondo occidentale. Dopo l’intervento introduttivo dei due curatori, Autorità e consenso: ‚regnum‘ e ‚monarchia‘ nell’Europa medievale. Un’introduzione (pp. 3–16), il volume raccoglie 17 saggi divisi in quattro sezioni. La prima si intitola „I quadri generali“ e conta tre studi che si rivolgono al tema in oggetto da un’angolazione teorica e concettuale, adoperando anche questionari di indagine propri di altre discipline come la psicologia sociale, la filologia e la linguistica: il saggio di Carlo Galimberti e Marco Lecci, Autorità e influenza. Il punto di vista della psicologia sociale e alcuni possibili vantaggi per la ricerca storica (pp. 19–42), indaga il processo di costruzione di un punto di vista storico nel campo della psicologia sociale, presentando i diversi modelli proposti da questi studiosi a proposito dell’autorità e dell’influenza sociale; lo studio di Giuseppe Zecchini, Auctoritas, potestas, libertas dicendi: una nota (pp. 43–53), esamina l’evoluzione dei concetti di potestas, auctoritas e libertas dall’età romana repubblicana ai primi secoli medievali; infine Guido Milanese, Duplicità regali. Lessico latino, voci del Nord, tipologie (pp. 55–66), confronta l’etimologia delle parole latine rex e rectus con il concetto dell’inglese antico cyning, aggiungendo così all’idea di regalità originaria del mondo romano anche quella germanica di re come „colui che è il popolo“, e indaga, poi, come questi concetti siano stati recepiti e assorbiti nella dottrina cristiana. La seconda parte è dedicata alle pratiche politiche e ai modelli teorici impiegati tra oriente e occidente nei secoli alto e pienomedievali: Carlo Maria Mazzucchi, Monarchia a Bisanzio (pp. 69–73), e Sandra Origone, L’autorità del ‚basileus‘ nel confronto con i Latini (pp. 75–103), si concentrano sugli sviluppi orientali, mentre Stefano Gasparri, Il potere del re. La regalità longobarda da Alboino a Desiderio (pp. 105–133), e Alberto Ricciardi, Re e aristocrazia alla metà del secolo VIII. Il cambio dinastico del 751 nella prospettiva dell’„Historia vel Gesta Francorum“ (pp. 135–159), si occupano rispettivamente della costruzione ideologica della figura del re nell’Italia longobarda e della rilettura dello scontro tra merovingi e carolingi nel regno dei franchi alla luce della persistenza dei valori politici e culturali propri dell’aristocrazia franca. La terza sezione del volume conta due interventi dedicati alla storia del papato: Jochen Johrendt, Die päpstliche Monarchie. Repräsentation und Konflikte (pp. 163–180), prende in esame le diverse forme della rappresentazione politica dei pontefici e le loro caratteristiche nel corso dei secoli medievali; Georg Strack, Autorität und „Imitatio Christi“. Die Konzilspredigten Innozenz’ III. (1215), Innozenz’ IV. (1245) und Gregors X. (1274) (pp. 181–197), considera i discorsi pronunciati dai pontefici del secolo XIII nel corso delle assemblee sinodali e come il tema della imitatio Christi in essi presente venisse usato per affermare l’autorità papale oppure per sfidarla. L’ultima parte del volume, la più corposa, è dedicata in prevalenza all’analisi delle monarchie dei diversi regna europei bassomedievali e dei loro sviluppi politico-ideologici: Klaus Herbers, Die Königreiche der Iberischen Halbinsel. Lehnbesitz des Heiligen Stuhles und die Einheit der Hispania?, pp. 201–214; Paul Webster, Kingship and Consent in England in the Age of Magna Carta, pp. 215–244; Alfredo Pasquetti, La Germania dopo Federico II. Autorità e consenso all’epoca dei ‚kleine Könige‘ (1273–1308), pp. 245–280; Cristina Andenna, Legittimità controversa e ricerca del consenso nel regno di Sicilia: Carlo d’Angiò e Manfredi fra idoneità e performance, pp. 281–304; Pietro Corrao, Crisi e ricostruzione del consenso nel regno di Sicilia fra dinastia angioina e aragonese, pp. 305–320. Sempre relativi al periodo bassomedievale, gli ultimi tre saggi sono dedicati a indagini che attengono precipuamente le dottrine politiche duecentesche e trecentesche: Mario Conetti, I poteri monarchici nella civilistica del Trecento. Due ‚consilia‘ di Jacopo da Belviso e Signorolo degli Omodei, pp. 321–344; Andrea Padovani, Volenti o nolenti? Il pensiero politico dei canonisti del tardo Trecento, pp. 345–360; Roberto Lambertini, Usi di ‚monarchia‘ prima di Dante: alcune osservazioni, pp. 361–374.

Edoardo Manarini

Matthias Becher (Hg.), Die mittelalterliche Thronfolge im europäischen Vergleich, Ostfildern (Thorbecke) 2017 (Vorträge und Forschungen / Konstanzer Arbeitskreis für Mittelalterliche Geschichte 84), 483 S., ISBN 978-3-7995-6884-5, € 56.

Der Bd. vereint die in Schriftform gebrachten Vorträge der Herbsttagung 2013 des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte, die um zwei Beiträge bereichert wurden (insgesamt 13 Beiträge). Aufgrund des hier zur Verfügung stehenden Raumes kann nur eine Gesamtbetrachtung erfolgen. Das klassische verfassungsgeschichtliche Thema der Thronfolge wird durch die Integration in den letzten Jahren entstandener Forschungsansätze innovativ perspektiviert: zu nennen sind vor allem Herrschaft als Konsensfindungsprozess und interpersonales Gefüge, Rituale und Zeremonien als Akte der symbolischen Kommunikation sowie der diachrone und synchrone Vergleich. In der Einleitung wird vor allem an zu groben Verallgemeinerungen und einer historiographischen Darstellungsweise Kritik geübt, die von privatrechtlicher Terminologie durchdrungen ist und eine erbliche Sukzession als Automatismus suggeriert (S. 12–18). Der zeitliche Rahmen des Bd. reicht vom Früh- bis zum Spätmittelalter, für das gesteigerter Forschungsbedarf konstatiert wird (S. 19). Räumlich gesehen werden schwerpunktmäßig das Heilige Römische Reich, Frankreich und England, ferner vor allem Aragón, Kastilien und Byzanz in den Blick genommen. Die meisten Beiträge widmen sich einem Reich, manche zwei und mehreren Reichen im Vergleich. Eine Vielzahl von Aspekten wird analysiert: Designation, Wahl, Verwandtschaft, Primogenitur, Erbrecht, Genealogie, Idoneität, Thronrivalitäten, Usurpation, Legitimität, Konsensbildung, Salbung, Sakralität, Krönung, die Rolle der Königin sowie symbolische Kommunikation. Der komparatistische Ansatz erweist sich als erhellender Zugang, der die Vielschichtigkeit der Thematik und die Multidirektionalität von Entwicklungen in einem breiten Panorama aufzeigt. So führt der Bd. eindrücklich die zum Teil beträchtliche Dynamik von Herrschaftskonzeptionen, Verfassungsentwicklungen und Ritualen vor Augen. In Bezug auf Letztere legen die Befunde nahe, dass ein Legitimitätsdefizit ein wichtiger Grund für deren Bedeutungssteigerung und Elaboration war. Als ebenfalls erkenntnisfördernd erweist sich die Überlegung, vom Einzelfall jeder Thronfolge und der damit einhergehenden Praxis anstelle formaler normativer Verfahren auszugehen (S. 12). Deutlich wird die Vielzahl der Einflussfaktoren, vor allem der Konsensbildung, der persönlichen Machtbasis, bereits geschaffener Fakten und schließlich biologischer Zufälle. Die Primogenitur bildete sich in manchen Reichen erst langsam heraus, so dass eine Sukzession häufig durch Rivalitäten gekennzeichnet war. War die Primogenitur etabliert, mussten die jüngeren Söhne und andere Familienmitglieder in die Herrschaft integriert werden. Zwar stellten Wahl- und Erbkönigtum prinzipiell unterschiedliche Systeme dar, doch erwiesen sie sich letztlich als Abstraktionen, weil sie in der Praxis miteinander verschränkt waren. Diese Beobachtung unterstreicht die Relevanz einer kritischen Analyse von Diskursen und Narrativen. Trotz der Entwicklung fester(er) Verfassungsstrukturen blieb das Königtum doch grundsätzlich eine von der individuellen Persönlichkeit geprägte Institution. Die Fragestellungen, Themen und Befunde regen dazu an, den geographischen Rahmen für künftige Untersuchungen auszudehnen (S. 19). Vielversprechend wäre sicherlich auch ein noch stärkerer transkultureller Vergleich. Ferner lässt sich die Thematik auch auf andere soziale Kreise ausdehnen, so den Adel (S. 19, 465). Außerdem könnten auch geistliche Herrscher behandelt werden, für die sich die Problematik der Nachfolge anders stellt (S. 465). Weitere interessante Aspekte wären Phasen der Regentschaft minderjähriger Könige sowie Kontinuitäten bzw. Diskontinuitäten im Hinblick auf den königlichen Rat und Hof. Insgesamt betrachtet liegt mit diesem Bd. ein sehr überzeugender und innovativer Beitrag zur Sukzession und den mit dieser verknüpften Thematiken vor, der nicht nur zahlreiche Erkenntnisse bietet, sondern auch ebenso zahlreiche Impulse gibt.+TABRE+Christian Alexander Neumann

Sara Menzinger (a cura di), Cittadinanze medievali. Dinamiche di appartenenza a un corpo comunitario, Roma (Viella) 2017 (I libri di Viella 268), XIV, 255 pp., ISBN 978-88-6728-762-8, € 29.

Il volume ha il grande merito di raccogliere una variegata – tanto per l’ambito cronologico di riferimento quanto per la diversità di vedute degli autori sul medesimo tema – silloge di contributi che con il „pretesto“ o l’obiettivo della o delle cittadinanze affrontano tematiche inerenti ai criteri, alle modalità e alle logiche di definizione dell’appartenenza e della partecipazione alla comunità, analizzati come filtri della condizione di civis. Alcuni contributi trattano in maniera tangente di cittadinanza, giacché per scelta analizzano realtà che cittadine non sono, mentre indagano in profondità per l’appunto la relazione tra comunità – pur considerando le difficoltà di definizione di tale lemma soprattutto se si pensa all’Alto e Pieno Medioevo – e individui, ricercando i segnali di identificazione di questi ultimi in essa, specie se immigrati. Prescindendo dalla suddivisione in sezioni del volume (1. Appartenere al corpo comunitario; 2. Spazi politici e livelli di partecipazione; 3. Esclusione e inclusione nel corpo comunitario), si possono assumere alcuni concetti quali chiavi di lettura dei saggi: appartenenza, partecipazione, soggezione. – Appartenenza: Luca Loschiavo, muovendo dalle preoccupazioni di Teoderico relative alle aspettative dei suoi Goti sulle assegnazioni delle sortes, approda al concetto di suddito-cittadino, naturalmente ben lontano dal civis romano. L’autore sottolinea la difficoltà di „inculcare“ nei Goti questa idea, superando il senso di appartenenza alla „tribù“, un termine oggi poco usato per la definizione di tale popolo, nel segno di una appartenenza più alta. Appartenenza, in questo caso alla Chiesa e in posizione subordinata, è indagata invece da Michel Lauwers attraverso la riscossione delle decime fra X e XII secolo. „Appartenenza cittadina“ è invece quella di cui si occupa Sara Menzinger tramite l’analisi del finanziamento dell’opera pubblica per eccellenza, le mura. Mura dentro le quali si cementa l’identità cittadina. La costruzione teorico-giuridica sottesa all’imposizione della tassazione straordinaria e la diffusa resistenza personale al pagamento sono i due elementi contrapposti indagati in questo studio al cui centro sta comunque il rilievo della contribuzione fiscale come motivo identitario. Anche Giacomo Todeschini analizza le multiformi appartenenze patteggiate „secondo criteri vari e contrattabili di caso in caso … connessi tanto alla capacità economica e fiscale quanto alla persistenza abitativa, tanto alla partecipazione fiscale quanto all’adesione ad una ritualistica religiosa“ (pp. 243 sg.). Nel contempo, l’autore sottolinea che le comunità si affannano a definire i destinatari dell’esclusione, privati quindi di identità. La non appartenenza alla comunità è anche l’oggetto di studio di Giuliano Milani che analizza congiuntamente bando e scomunica. Strumenti entrambi, benché di solito studiati separatamente, che determinano l’ostracizzazione dalla comunità con l’obiettivo di addomesticare e correggere l’escluso per, una volta „redento“, reintegrarlo e accoglierlo di nuovo. La seconda parola chiave è partecipazione, tanto fiscale/contributiva quanto politica. Essa viene assunta come discrimine nella definizione di civis. Di questo tema tratta innanzitutto Massimo Vallerani studiando i comuni italiani (XIII–XIV secc.). Egli distingue necessariamente partecipazione da appartenenza e, a proposito della definizione di civis, introduce un’importante discontinuità rispetto ai saggi contenuti nella prima parte. Qui si pone la questione di quanto l’inquadramento fiscale e la contribuzione non si traducano in maniera sistematica nella partecipazione, nell’esercizio di diritti e prerogative politiche. Una appartenenza che si potrebbe definire „passiva“ si fa largo come concetto dominante nelle riflessioni dell’autore, accompagnata da un ridimensionamento del significato attribuito all’„essere nelle liste“ (pp. 113–119), cioè iscritto tra i contribuenti o appartenenti alle arti che se, da un lato, costituiva il momento di legittimazione, dall’altro non garantiva in alcun modo la partecipazione e l’accesso ai pubblici uffici. Anzi, si nota una progressiva chiusura in senso oligarchico all’accesso alle cariche, sempre più appannaggio di una cerchia ristretta di persone, in un cammino che certifica una selezione aristocratico-elitista, esasperatasi agli inizi del XVI secolo (pp. 140–143). Lorenzo Tanzini studia la partecipazione attraverso le forme di rappresentanza nelle città italiane (XIII–XIV secc.), a partire dal significato e dall’impiego del termine repraesentatio. Mitigato dal principio della sanioritas che determina l’orientarsi delle scelte e i sorteggi „non ciechi“ – il richiamo è agli studi di Sarah Blanshei sulle modalità di reclutamento nei consigli della Bologna due e trecentesca – privilegia il „peso qualitativo dei membri“ (p. 159) chiamati a decidere. Anche in questo caso si certifica la progressiva oligarchizzazione delle istituzioni comunali e il cristallizzarsi di un segmento sociale la cui superiorità qualitativa definisce una cittadinanza „qualificata“. Tale cittadinanza corrisponderebbe a „l’idea della comunità come corpo [che] implica la diversità dei ruoli/membra, e quindi anche la distinzione di diversi livelli di dignità e autorevolezza“ (p. 173). A proposito della cittadinanza delle donne, Julius Kirshner invece critica „l’ossessione per la partecipazione politica come solo o principale criterio di integrazione“ (Introduzione, p. XIII). L’autore afferma la pienezza e autenticità della cittadinanza delle donne (p. 211), che prescinde, evidentemente, dalla partecipazione politica: „la presunta invisibilità delle donne cittadine … deriva dalla fissazione per la partecipazione politica come il carattere distintivo della cittadinanza dalla Grecia antica a oggi“ (p. 228). Appartenere alla comunità significa anche talvolta soggezione e sudditanza, accettare logiche gerarchiche di appartenenza nelle quali compaiono cives di livelli diversi. Di essa si occupa ancora Loschiavo: per i Goti appartenere alla comunità, e quindi forse anche l’essere cittadini, passa attraverso il superamento del concetto che il pagare tributi significhi soggezione. Soggezione che appare netta tra coloro che emigrano nelle comunità dell’Italia normanna tutta (X–XIII secc.), studiate da Sandro Carocci e da Vito Lorè. Costretti a instaurare un legame personale di sottomissione con un indigeno, gli immigrati appaiono in posizione decisamente subordinata, in una declinazione minore di appartenenza alla comunità. Un volume che afferma il principio della molteplicità delle cittadinanze ma che soprattutto narra la multiformità delle appartenenze alla comunità da punti di vista, fortunatamente non sempre concordi, e ambiti cronologici assai diversi.

Beatrice Del Bo

Keith Sisson/Atria A. Larson (Hg.), A Companion to the Medieval Papacy. Growth of an Ideology and Institution, Leiden-Boston (Brill) 2016 (Brill’s Companions to the Christian Tradition 70), XIV, 410 S., Abb., ISBN 978-90-04-29985-6, € 161.

Das Papsttum zählt zu den bedeutendsten Institutionen in der Geschichte Europas seit der Antike. Seine wesentlichen Grundlagen wurden im Mittelalter gelegt, was seitens der Forschung immer wieder mit neuen Fragestellungen und bilanzierenden Synthesen untersucht wird. So auch im vorliegenden Bd., der in der renommierten Reihe „Brill’s Companions to the Christian Tradition“ erschienen ist und eigene Schwerpunkte um die beiden Themenbereiche Ideologie und Institution setzt. Den Beginn markieren eine Einleitung von Atria A. Larson, in der die Anliegen der Publikation zusammengefasst werden, und der präzise Überblick von Thomas F. X. Noble über die Grundzüge der Geschichte des mittelalterlichen Papsttums im Spiegel der wissenschaftlichen Forschung. Der daran anschließende erste von vier Hauptteilen ist dem Papsttum in der Rolle als weltlicher Herrschaftsträger gewidmet. Jehangir Yezdi Malegam widmet sich der Gregorianischen Reform und ihrer Bewertung seitens der Wissenschaft. Sandro Carocci stellt die Grundzüge des Kirchenstaates im Hoch- und beginnenden Spätmittelalter vor mit einem Schwerpunkt auf den Entwicklungen im 13. Jh. Der negativen Beurteilung der Rolle des Papsttums schließt sich Carocci dabei jedoch nicht an. Francesca Pomarici geht der Entwicklung und Bedeutung päpstlicher Selbstdarstellung anhand von Kunstgegenständen, der Architektur und der Liturgie nach. In ihre breite Auswahl sind auch weniger bekannte Beispiele an Bauformen, Papstdarstellungen und zentralen Repräsentationsgegenständen einbezogen. Keith Sisson wirft in seinem ideengeschichtlichen Beitrag zur Entwicklung päpstlicher Vorherrschaftsansprüche zunächst einen Blick auf die internationale Forschungsgeschichte und zeichnet prägnant die wesentlichen Entwicklungsfaktoren hin zu einer päpstlichen Universalmonarchie nach, die auf der Kanonistik, aber auch auf einer funktionierenden Verwaltung fußte. Der zweite Hauptteil ist dem Thema „Law and Judgement“ gewidmet. Den kanonisch-rechtlichen Grundlagen des Papsttums geht Atria A. Larson nach, indem sie zunächst einen Blick auf die sechs Rechtssammlungen des Hoch- und Spätmittelalters wirft und dann speziell die Papstwahl und die päpstlichen Reservatsrechte thematisiert. Im Anschluss daran gibt Larson gemeinsam mit Keith Sisson einen Überblick über die päpstlichen Dekretalen und stellt einzelne Texte des 12. und 13. Jh. näher vor. Danica Summerlin geht auf die päpstlichen Konzilien des Hochmittelalters ein und greift nicht nur die Inhalte dieser Konzilien auf, sondern auch weiterführende Fragen, wie die gewählten Konzilsorte, die Teilnehmer und die Reichweite konziliarer Entscheidungen. Den dritten Teil zum Oberthema „Administration Abroad and at Home“ eröffnet Harald Müller mit einer Darstellung der Legaten und delegierten Richter, die ab dem Hochmittelalter in den Quellen greifbar sind und durch ihre Tätigkeiten die Etablierung rechtlicher Standards beförderten. Die apostolische Kammer und damit die Finanzbehörde der Kurie wird im Beitrag des 2016 verstorbenen Stefan Weiß vorgestellt. Besondere Erwähnung finden dabei die jeweiligen Quellen, hier v. a. die Serie „Introitus et Exitus“, die im frühen 14. Jh. einsetzt. Ein bemerkenswertes und für weitere Forschungen anregendes Detail ist, dass im Verlauf des Spätmittelalters der Vorsteher der päpstlichen Kammer zum wichtigsten Berater des Papstes aufgestiegen ist. Zu den zentralen Beiträgen des vorliegenden Bandes zählt jener des 2017 verstorbenen Marburger Mediävisten Andreas Meyer zum Themenkomplex der apostolischen Kanzlei – der sein Lebenswerk darstellt – als „the most productive office in the whole of the Christian West“ (S. 239). Meyer beschreibt die unterschiedlichen Ausstellungsarten päpstlicher Dokumente, den Geschäftsgang, das Kanzleipersonal und dessen Funktionen sowie die päpstlichen Register und die Kanzleiregeln. Kirsi Salonen widmet sich der Apostolischen Pönitentiarie. Sie bestand aus einem officium minus, dessen Tätigkeit sich in den Quellen nur selten niederschlägt, und dem officium maius, das vor allem Absolutionen erteilen und Dispense ausstellen konnte. Salonen geht auf die Geschichte dieser zentralen kurialen Behörden ein und stellt ihre Quellen vor, die seit einigen Jahren aufgrund der Öffnung des Archivs und des raschen Fortschreitens der Editionen Eingang in die Forschung gefunden haben. Der darauffolgende Beitrag, ebenfalls aus der Feder von Kirsi Salonen, stellt die Sacra Rota Romana vor. Dabei handelt es sich um den höchsten päpstlichen Gerichtshof, dessen Urteile lediglich durch den Papst oder das Konsistorium aufgehoben werden konnten. Im vierten Hauptteil wird der Blick auf die Länder jenseits des Lateinischen Westens gerichtet. Den Beginn markiert der Beitrag von Andrew Louth über die Beziehungen zu Konstantinopel. Übersichtlich aufgezeigt werden hier die wesentlichen Linien von den Konzilien der Spätantike bis zur Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453. Rebecca Rist behandelt die Kreuzzüge vom Kreuzzugsaufruf Papst Urbans II. 1095 bis zum Fall von Akkon im Jahre 1291. Dabei weist sie zu Recht auf die Heterogenität hin, die hinter dem Begriff „Kreuzzug“ steht und widmet neben den darstellenden Ausführungen u. a. der modernen Forschung ein eigenes Unterkapitel. Abschließend wird von Felicitas Schmieder die Mission behandelt, die vor allem im Früh- und Hochmittelalter zusammen mit der Ausweitung des Herrschaftseinflusses verbunden war, was z. B. in den Grenzregionen des karolingischen bzw. ottonischen Reiches greifbar wird. Hervorgehoben wird sowohl die Rolle der Bettelorden in der Predigt und Häresiebekämpfung als auch deren frühe Einbindung als Missionare durch Gregor IX. und Innozenz IV. In diesem Bd. werden überblicksartig zentrale Themen des mittelalterlichen Papsttums behandelt. Dabei werden zum Teil sehr komplexe Fragen in überschaubarer und profunder Weise von international ausgewiesenen Autoren zusammengefasst. Es wird deutlich, wie sich die Kurie und das Papsttum ab der Mitte des 11. Jh. zu einer der wichtigsten Institutionen in der Geschichte Europas entwickelte und mit welchen kanonisch-rechtlichen, administrativen, liturgischen und spirituellen Grundlagen diese Entwicklungen verbunden waren.+TABRE+Jörg Voigt

Peter Dronke, Sacred and Profane Thought in the Early Middle Ages, Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzzo) 2016 (Millennio medievale 109. Strumenti e studi 41), XXXVIII, 297 pp., ill., ISBN 987-88-8450-704-4, € 62.

Il volume raccoglie diciassette studi pubblicati tra il 2004 e il 2015 in diverse sedi e in varie lingue (inglese, italiano, francese e spagnolo), in due casi seguiti da un poscritto, unificati da una ampia introduzione e raggruppati in due sezioni: „Aspects of the Christian-platonic Tradition“ (a sua volta suddivisa in „Themes“ e „Authors“) e „From Sacred to Profane“. A mo’ di epilogo, l’autore pone invece la prefazione alla traduzione giapponese (2004) di una delle sue opere più influenti, „The Medieval Lyric“. I titoli del volume e delle singole parti restituiscono solo parzialmente la vastità dei temi affrontati che, seguendo il filo conduttore del rapporto tra sacro e profano e tra visibile e invisibile, vanno da „La sessualità in Paradiso“, dove si ricostruisce il dibattito sulla possibilità della voluptas in Paradiso, tra Agostino e due poeti del V e del VI sec. (Claudio Mario Vittorio e Alcimo Avito), fino al saggio su „La maternité de Marie dans la poésie médiévale“, nel quale Dronke impiega una pluralità di fonti (dai vangeli apocrifi a Romano il Melode, dalla poesia anglo-sassone dell’VIII–IX sec. al dramma occitano su „L’Esposalizi de Nostra Dona“ fino alle „Cantigas de Santa María“) per ricostruire le versioni „profane“ (cioè non sacre) della maternità di Maria. Un nucleo compatto è costituito dai saggi che ruotano attorno a Ildgarda di Bingen („La conception de l’allégorie chez Jean Scot Érigène et Hildegarde de Bingen“, „Further Lyrics by Hildegard of Bingen?“, „The Four Elements in the Thought of Hildegard of Bingen: Cosmology and Poetry“) e da quelli sulla tradizione mitografica e allegorica („Metamorphoses: Allegory in Early Medieval Commentaries on Ovid and Apuleius“, „The Muses and Medieval Latin Poets“, „Imágens mitológicas en la poesía de Boecio“). Del volume si apprezza tuttavia in primo luogo la capacità di muoversi con facilità tra testi poetici e filosofici e tra letteratura greca, latina e romanza, come quando alla fine del saggio su „La sessualità in Paradiso“, che prende le mosse da Agostino, Dronke cita prima i „Carmina Burana“ e subito dopo un rondeau antico francese („forse scherzoso, forse profondo, oppure entrambe le cose“, annota argutamente) per mostrare come nel Medioevo fosse concepibile un Paradiso dove l’amore umano trova compimento (pp. 17 sg.). Ma il libro può essere letto anche come un invito a uno studio del Medioevo che superi i confini degli ambiti disciplinari. Il filologo romanzo non potrà infatti non giudicare fruttuosa la scelta di esaminare la sequenza di Santa Eulalia da una prospettiva non romanza (in „The Latin and French Eulalia Sequences“). Più in generale, il medievista dovrà apprezzare la cautela con la quale si prova a situare in un contesto storico e letterario i più antichi versi d’amore scritti in tedesco („Latin and Vernacular Love-Lyrics: Rochester and St Augustine’s, Canterbury“), peraltro con osservazioni rilevanti per chi si occupa della prassi del bilinguismo nel Medioevo. Ammirevole è anche la capacità di dire cose interessanti partendo da un tema prefissato e apparentemente poco significativo, come nel caso del saggio originariamente destinato al volume su „Il silenzio / The Silence“ della collana „Micrologus“ („Silence sacré et silence profane dans la poésie médiévale“), anche qui accompagnando agilmente il lettore tra fonti greche, latine, romanze e tedesche. Un’altra cifra distintiva del libro – che sarà quindi utile tanto agli specialisti quanto in generale a chi s’interessa professionalmente del Medioevo – è la capacità di Dronke di legare l’erudizione minutissima (un solo esempio: lo studio e l’edizione dell’„Expositio evangeliorum“ di Ildegarda nel saggio su „La conception de l’allégorie chez Jean Scot Érigène et Hildegarde de Bingen“) al momento della sintesi; sintesi che viene di norma condotta con parole e immagini chiare e raffinate, come si fa in quello stesso saggio riflettendo sul modo in cui funziona l’allegoria in Ildegarda: „L’allégorie … est la salle polyvalente de Jean Scot et de Hildegarde, cette salle qui héberge leurs contes, platonisants ou bibliques, et leurs jeux d’allégorèse, qui peuvent aller jusqu’à l’extravagance; elle héberge un même temps des séances de discussion solennelle et des banquets de célébration joyeuse de l’être humain“ (p. 118). Il volume è fornito di utili indici dei manoscritti, dei temi e delle immagini e di un indice generale.+TABRE+Marco Grimaldi

Gustav Pfeifer/Kurt Andermann (Hg.), Burgkapellen. Formen – Funktionen – Fragen. Akten der internationalen Tagung, Brixen, Bischöfliche Hofburg und Cusanus-Akademie, 2. bis 5. September 2015, Innsbruck (Wagner) 2018 (Veröffentlichungen des Südtiroler Landesarchivs 42), 376 S., Abb., ISBN 978-3-7030-0977-8, € 44,90.

Der vorliegende Bd. vereint die Beiträge der internationalen Tagung in Brixen vom 2. bis 5. September 2015. Die Hg. Gustav Pfeifer und Kurt Andermann betonen im Vorwort, dass Burgen bisher überwiegend als Wehrbau betrachtet wurden, während Burgkapellen nur ausnahmsweise eigens thematisiert sind. Schon ihre Definition einer Burgkapelle sei schwierig, denn eine „Burgkapelle war kein Bautyp, sondern eine auf vielfältige Weise lösbare Bauaufgabe“ (Ulrich Stevens, Burgkapellen, Darmstadt 2002, S. 257). Zu Beginn der allgemeinen Kapitel zeigt Kurt Andermann in seinem Beitrag, wie schwer es ist, die Patrozinien zu bestimmen (häufig Gottesmutter oder hl. Nikolaus). Enno Bünz weist auf die enge Verquickung von Kirche und Welt hin, aber auch auf deren Vielgestaltigkeit und betont, dass Burgkapellen nur selten als Pfarreien, der „erfolgreichst[en] Erfindung des Mittelalters“ (S. 38), begegnen. Das große Kapitel über Österreich, Tirol und Südtirol beginnt mit einem Text von Leo Andergassen, der viele Patrozinien ermitteln kann, zugleich aber deren lückenhafte Überlieferung betont, die er mit einem minutiösen Patrozinienkatalog ausgleicht. Lukas Madersbacher kann zeigen, wie die Burgkapelle als Ort der neuen Familienbilder im 16. Jahrhundert inszeniert wird und einen Paradigmenwechsel zwischen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ansprüchen ausdrückt. Um die spätmittelalterlichen Ablässe und Kapläne auf Tiroler Burgkapellen geht es in Gustav Pfeifers Beitrag. Armin Torggler hält fest, dass aufgrund fehlender archäologischer Untersuchungen von Burgkapellen im Tiroler Raum – abgesehen von der Pankratius-Kapelle auf Schloss Tirol – kaum Sachkulturreste bekannt sind, weshalb Inventare als Hauptquelle betrachtet werden müssen. Diese lassen wiederum eine nur sehr bescheidene Ausstattung der Burgkapellen erkennen. In seinem Beitrag beschäftigt sich Walter Landi mit topographischen und rechtshistorischen Fragen der Burgen und Burgkapellen in Oberitalien zwischen dem 10. und dem 13. Jh. Da eine Gesamtdarstellung zu den österreichischen Burgkapellen fehlt, gibt Klaus Birngruber einen detaillierten Überblick über die bisher dazu erschienene Literatur und zeigt die Tendenz von der freistehenden zur eingebauten Kapelle. Für die Burgkapellen in Kärnten und angrenzenden Gebieten stellt Markus J. Wenninger heraus, dass bei Weitem nicht „jede Burg eine eigene Kapelle hatte“ (S. 228), und betont, dass die relativ häufigen doppelstöckigen Kapellen oft in Burgen von Ministerialen zu finden waren. Im Rahmen der internationalen Kontextualisierung fasst Elke Goez einiges zu den Burgkapellen in Süddeutschland, besonders im burgenreichen Franken, zusammen. Oliver Auge und Stefan Magnussen fragen, ob Burgkapellen in Norddeutschland und Dänemark einen Sonderfall darstellen, und Hermann Kamp nähert sich den Formen und Funktionen der Burgkapellen im spätmittelalterlichen Herzogtum Burgund an. Als Letztes skizziert Jörg Peltzer noch die Burgkapellen in England, besonders deren Integration in den Donjon und ihrer Trennung von der Außenwelt. Im letzten Beitrag bilanziert Christine Reinle dann kurz, aber detailliert die vorgestellten Einzelergebnisse. Ein Verzeichnis der Autor/-innen und ausführliche Reg. zu Personen, Orten und geographischen Bezeichnungen, Burgen, Schlössern, Pfalzen, Adelssitzen und Patrozinien, die einen schnellen Zugriff auf alle gebotenen Informationen bieten, runden den Bd. ab. 20 farbige Abb. werden anschaulich in einem Bildteil präsentiert, während ein großer Teil der Beiträge schwarz-weiß Bilder bietet. Der Bd. erschließt vor allem die hochkarätigen Beispiele von Burgkapellen aus dem Alttiroler Raum und kontextualisiert diese mit mitteleuropäischen Beispielen, wodurch das Wissen über die Burgkapellen dieser Regionen deutlich erweitert wird. Damit bietet er eine gute Basis für künftige Vergleiche mit anderen Burgenlandschaften in Spanien, Polen, Süd- und Osteuropa und besonders den Kreuzfahrerstaaten.+TABRE+Thomas Wozniak

RICABIM. Repertorio di inventari e cataloghi di biblioteche medievali dal secolo VI al 1520, Bd. 4.1: Italia: Friuli Venezia Giulia, Trentino-Alto Adige, a cura di Giovanni Fiesoli ed Elena Somigli, Tavernuzze, Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzzo) 2017 (Biblioteche e archivi 31), XLVI, 166 S., ISBN 978-88-8450-796-9, € 110.

Der Publikationsrhythmus gibt Anlass zum Staunen. Erst seit 2009 erscheint das Repertorium der mittelalterlichen Bibliotheksinventare und -kataloge, das jetzt bereits sieben Bde. umfasst. Im jüngsten Bd. werden zwei Gebiete abgehandelt: zum einen Friaul-Julisch Venetien im Nordosten Italiens mit Grenzen zu Österreich, Slowenien und dem Adriatischen Meer, zum anderen Trentino-Südtirol. Giovanni Fiesoli und Elena Somigli, ausgewiesene Kenner der norditalienischen Bibliothekslandschaft, zeichnen für die insgesamt 652 Einträge verantwortlich. Das Ungleichgewicht in der Überlieferung ist offensichtlich: nur 68 Einträge betreffen Trentino-Südtirol, während Friaul-Julisch Venetien 584 Nummern umfasst. Wie bei den Vorgängerbde. wird für den Zeitraum vom 6. bis zum beginnenden 16. Jh. ein Überblick über sämtliche Inventare (unter Einschluss von Testamenten, Schenkungsakten, Verkaufs- und Konfiskationsurkunden oder auch Rechnungen) geliefert, die Hinweise auf Hss. und Inkunabeln enthalten. In seinen ausgesprochen lesenswerten einleitenden Bemerkungen zur Methodik (Strategie di ricerca: per uno status quaestionis, S. XV–XVII) verdeutlicht Giovanni Fiesoli, worum es den Hg. an erster Stelle geht. Im Zentrum steht „il documento con la sua storia“ (S. XV), worunter Herkunft, Überlieferungskontext, Beschreibungsformen, Gliederung in Untereinheiten u. ä. verstanden wird. Die Beschreibungen sind einerseits diachronisch, andererseits dynamisch ausgerichtet. Sie verankern den jeweiligen Eintrag auf einer Zeitachse, zeigen gleichzeitig aber auch die „Wanderbewegung“ der erwähnten Bücher von einer Hand zur nächsten, von einem Fonds in den anderen. Die Überlieferungslage zeigt sich in vorliegendem Bd. immer dann zufriedenstellend, wenn sie einen Bischofssitz betrifft. Aquileia, Cividale, Udine oder Trient, Bozen und Brixen haben deutlich mehr zu bieten als Gemona, Pordenone oder Klausen und Neustift. Auch die Bettelorden trugen das Ihre dazu bei, komplexere Buchsammlungen nicht nur anzulegen, sondern auch beschreibend zu erfassen, d. h. zu inventarisieren (ein erläuterndes Wort zur katastrophalen Überlieferungslage für die Karmeliter wäre angebracht gewesen). Im 15. Jh. finden sich umfangreiche Büchersammlungen auch bei Privatpersonen, darunter häufiger Juristen und Mediziner, wie beispielsweise der Notar Belforte Miuttini, von dem eine Ausleihnotiz von 1467 erhalten geblieben ist (Nr. 67), auf der nicht nur Vertreter der klassischen Antike verzeichnet sind. Auch Dante findet sich mit seiner „Commedia“ nebst Kommentar. Es wird wohl einem einfachen (heute nicht mehr rekonstrierbaren) Zufall geschuldet sein, dass sich 1250 in der Benediktinerabtei in Moggio ein Exemplar von Thomasin von Zerclaeres „Wälschem Gast“ wiederfand. Das entsprechende Inventar liefert die Information (Nr. 245). Überhaupt zirkulierten Bücher in erstaunlicher Häufigkeit: sie waren wertvoll, verstaubten deshalb aber nicht in unzugänglichen Bibliotheken. Mit ihnen wurde gearbeitet, was gelegentliche Verluste mit einschloss (Nrn. 197, 199). In den allermeisten Testamenten werden Bücher weitervererbt, mitunter kommt es jedoch vor, dass, wie im Falle des Dekans Conradus Butul aus Cividale im Jahr 1250, Bücher verkauft werden, um damit Land zu erwerben, aus dessen Erträgen eine Anniversarstiftung finanziert werden soll (Nr. 72). Deutlich wird, wo die Interessen der Hg. liegen: über die Präsenz klassischer Autoren bzw. von Humanisten erfährt man in den Beschreibungen viel, genuin mittelalterliche Genera wie die Predigt landen beschreibungstechnisch etwas abgeschlagen. Im Falle des Dominikanerkonvents San Domenico in Cividale del Friuli (Nr. 136) tritt dies besonders klar zutage, wenn die immerhin 31 Predigtsammlungen des Konvents lediglich summarisch als „testi utili alla predicazione“ Erwähnung finden. Bei der Lektüre des Bd. stößt man auf viel Wissenswertes, mitunter auch Kurioses, was aber stets tiefe Einblicke in die (spät-)mittelalterliche Welt der Bücher erlaubt – und den eigenen Horizont erweitert. Für das RICABIM-Projekt ist jetzt „Halbzeit“: ohne Zweifel wird es in absehbarer Zeit zu einem würdigen, die Wissenschaftswelt insgesamt bereichernden Abschluss gebracht werden.+TABRE+Ralf Lützelschwab

Kirsten Wallenwein, Corpus subscriptionum. Verzeichnis der Beglaubigungen von spätantiken und frühmittelalterlichen Textabschriften (saec. IV–VIII), Stuttgart (Hiersemann) 2017 (Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters 19), XV, 402, XIX S., Abb., ISBN 978-3-7772-1714-7, € 196.

Die Zeit zwischen der Spätantike und der „Karolingischen Renaissance“ gilt, zumindest für den lateinischen Sprachbereich, bis heute als Periode des kulturellen Niedergangs. Unbestritten ist allerdings, dass in dieser Periode zahlreiche Abschriften antiker und patristischer Autoren entstanden, die für die weitere Textüberlieferung von entscheidender Bedeutung sind. Unabhängig von der Menge dieser Hss. stellt sich die Frage nach der Qualität und der Qualitätskontrolle der reproduzierten Texte. In nicht wenigen Fällen finden sich Korrekturen von anderer Hand und subscriptiones, die die Durchsicht einer Abschrift durch einen „Prüfer“ dokumentieren. Die Bedeutung dieser Vermerke für die Handschriften- und Überlieferungsgeschichte, aber auch für die Kulturgeschichte des Frühmittelalters wurde bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jh. erkannt, zu Beginn des 20. Jh. plante Ludwig Traube eine systematische Zusammenstellung in einem „Corpus subscriptionum“, das nicht fertig gestellt wurde. Die umfassenden Materialien im Nachlass Traubes wurden leider im Zweiten Weltkrieg zerstört. Mit der Diss. von Kirsten Wallenwein konnte dieses Verzeichnis mit großem Gewinn für die Handschriftenkunde, Philologie und Geschichtsforschung nun in aktualisierter Form und in einer renommierten Reihe der mittellateinischen Philologie erscheinen. Die Autorin gliedert die Arbeit in zwei große Abschnitte, im ersten steht nach einer exakten terminologischen Definition und einer Darstellung des Forschungsstands ein geographischer Überblick über die Überlieferungszentren in kulturgeschichtlicher Dimension im Vordergrund (S. 5–135), der zweite liefert ein alphabetisches Verzeichnis der subscriptiones (S. 137–321). Die subscriptio ist klar vom Kolophon und weiteren Schreibervermerken zu unterscheiden und beglaubigt die Durchsicht einer vorliegenden Abschrift, idealerweise mit Ort, Datum und Namen des Prüfers. Einem solchen Verfahren wurden nicht nur klassische Texte, sondern auch Hss. mit christlichem Inhalt unterzogen. Die „Orte der Textkontrolle in der Spätantike und im Frühmittelalter“ (S. 23–131) zeigen eine kulturelle Kontinuität, die stark an Italien gebunden war und sich weitgehend auf die frühmittelalterlichen Herrschaftszentren konzentrierte. Trotz des politischen Niedergangs spielte Rom dabei eine entscheidende Rolle: Zu den Textüberprüfungen im Umfeld des Schulbetriebs und der Fora und den Korrekturtätigkeiten verschiedener Konsulen (bis ins 6. Jh.) trat das Interesse an authentischen christlichen Texten hinzu. Rom galt bis in karolingische Zeit als „Hort authentischer Überlieferung“ (S. 23). In Norditalien sind subscriptiones für die kaiserliche Residenz und den Metropolitansitz Mailand und für die politischen Zentren Ravenna und Verona nachgewiesen. Differenzierter ist die Lage in Süditalien: Während im stark latinisierten Kampanien als Orte der Textkontrolle sowohl Bischofsstädte als auch Landgüter nachweisbar sind, muss eine derartige Tätigkeit im Kloster Vivarium bei Squillace offenbleiben. Außerhalb Italiens wurden lateinische Texte in Konstantinopel (zumindest bis ins 6. Jh.), vereinzelt im Heiligen Land und in Gallien bzw. im Frankenreich (verstärkt ab dem 7. Jh.) korrigiert. Die fränkischen subscriptiones schlagen die Brücke zur „Karolingischen Renaissance“. Der Hauptteil liefert eine Edition der einzelnen subscriptiones. Die insgesamt 78 Lemmata (64 alphabetisch nach Autoren, 14 alphabetisch nach anonymen oder pseudonymen Werken) sind detailliert und übersichtlich aufgebaut. Der exakten Angabe von Autor und Werk folgen der Subskribent (wenn möglich mit weiterführenden identifizierenden Angaben) und der Text der subscriptio (mit deutscher Übersetzung und in der Regel mit Abb. der Textstelle); ausführliche Angaben zu den Hss., die die Subskription überliefern, Editionen und einschlägiger Literatur runden den Eintrag ab. Bei den Werken sind die wichtigsten klassischen Autoren des damaligen Unterrichtsbetriebs vertreten, hinzu kommen 15 christliche Verfasser und Kirchenväter sowie sechs Bibelhandschriften, zwei Bibelkommentare und zwei Konzilsberichte. Der Befund zeigt eindeutig, dass in der Praxis nicht zwischen paganen und christlichen Inhalten unterschieden wurde, gerade bei christlichen Hss. war ein korrekter Text im Hinblick auf die sich herausbildende Lehrautorität und zur Vermeidung eventueller Häresien von fundamentaler Bedeutung. Die subscriptio selbst konnte aus einem einfachen Korrekturvermerk („contuli“ o. ä.) oder aus längeren, z. T. in Versmaß gestalteten Einträgen bestehen (vgl. die Subskription von Turcius Rufius zu den „Bucolica“ Vergils, S. 276–278). Eine Zusammenstellung von adiurationes, Ermahnungen der Verfasser der Werke zu exakter Abschrift, schließt den Hauptteil ab (S. 305–318). Die folgenden Anhänge (Bibliographie, S. 323–352, 19 Bildtaf. in hervorragender Qualität, Handschriften- und Namenregister) erleichtern die Benutzung des vorliegenden Bd. bedeutend. Als besonders nützlich erweist sich die „Zeittafel der subscriptiones“ (S. 399–402). Das vorliegende Corpus schließt nicht nur eine lange Forschungslücke, sondern bietet unter Einbeziehung neuer Ansätze der Erforschung materieller Kultur zahlreiche Impulse für die Handschriften- und Überlieferungsgeschichte und für die Frage des Wissenstransfers in einer quellenarmen Zeit. Lange vor dem Einsetzen philologischer Methoden im Humanismus versuchten die Subskribenten, mittels einer Qualitätskontrolle einen vertrauenswürdigen Text in Umlauf zu bringen. Die einzelne Hs. wird dabei – über ihren Wert zur Textkonstituierung hinaus – zum Zeugnis des kulturellen Aktes der Wissensvermittlung.+TABRE+Thomas Hofmann

Maria Elena Cortese, L’aristocrazia toscana. Sette secoli (VI-XII), Spoleto (Fondazione Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo) 2017 (Istituzioni e società 23), IX, 442 pp., ill., ISBN 978-88-6809-142-9, € 60.

Fin dal suo primo studio monografico (L’acqua, il grano, il ferro. Opifici idraulici medievali nel bacino Farma-Merse, Firenze 1997), Maria Elena Cortese si è dimostrata studiosa capace di analisi attentamente documentate sia da fonti scritte sia archeologiche e ancorate a contesti territorialmente definiti, di grande interesse, però, anche per quanti si occupino di altre aree, poiché i suoi risultati propongono novità di portata generale. L’approfondimento delle conoscenze sulle fonti scritte da parte della studiosa è poi cresciuto con il passare degli anni, come ben dimostrato già dalla seconda delle tre monografie da lei pubblicate (Signori, castelli, città. L’aristocrazia del territorio fiorentino tra X e XII secolo, Firenze 2007) per maturare ulteriormente nella terza, che qui si presenta. „L’aristocrazia toscana“ integra in modo equilibrato, corretto e proficuo fonti materiali e letteratura archeologica con un bagaglio di conoscenze proveniente da documentazione scritta e relativo dibattito storiografico; nell’impossibilità di ripercorrere in questa sede le tappe di una complessa quanto fondante questione come quella del convergere di fonti tra loro eterogenee per lo studio di un territorio, si può almeno affermare che il libro offre, al riguardo, un implicito quanto ricco contributo. Infatti, lo studio si caratterizza per un dispiegamento su ben sette secoli e per l’estensione delle ricerche oltre i territori di Firenze/Fiesole, oggetto del precedente lavoro monografico, fino a coprire l’intera marca di Tuscia. In particolare, tale ampliamento è stato possibile sul territorio di Lucca e, in misura minore, di Pisa, Pistoia, Volterra e Arezzo; inoltre, anche sulla Toscana meridionale, sebbene meno presente nel libro, l’autrice propone riflessioni interessanti in merito al rapporto tra aristocrazie, campagne e città e a quello tra il potere marchionale e questa parte del territorio, così come sulle differenze tipologiche della documentazione rispetto a quella della Toscana settentrionale. Ciò avviene, in particolare ma non solo, nei capitoli due e tre, mentre con il quarto, dedicato al secolo X – che è anche il più ampio – la Cortese contribuisce in misura determinante alla revisione di una lettura semplificatoria, talvolta data, in passato, su tale fase. Tra i pregi del libro vi è, ancora, un attento scavo di filoni documentari poco noti, ponendo in evidenza aspetti che possono illuminare le vicende di alcune discendenze, così come le novità scaturite dall’indagine archeologica recente: ceramica, monete e pietre sono i marcatori dei principali progressi, non solo negli esiti finali ma anche nella ricerca dei luoghi di estrazione delle materie prime, dunque miniere e cave, tanto importanti nella dimensione economica quanto lasciati in ombra dal differente peso che ha, nella documentazione scritta superstite, la contrattualistica agraria rispetto alla gestione degli ambiti estrattivi e artigianali. Un ulteriore cenno va fatto, almeno, rispetto all’individuazione di casi di successo nella lunga durata di gruppi aristocratici, laddove la storiografia, invece, aveva in passato dimostrato un tale esito solo per pochi casi – principalmente per gli Aldobrandeschi e i discendenti di Huscit – tanto che questi erano visti come eccezioni. L’itinerario in sei capitoli, ciascuno intitolato con un termine che ben sintetizza la cifra evolutiva di ogni fase – mutamenti, stabilità, crescita, potenziamento, equilibrio e resilienza – segue le sorti dell’aristocrazia dagli albori del medioevo fino al termine del secolo XII, nella dialettica con i territori, le loro risorse economiche, gli insediamenti di castello e di città. Si tratta, dunque, di un titolo che fa pienamente onore alla collana „Istituzioni e società“ del Centro italiano di studi sull’alto medioevo in cui è inserito, un classico ambito di studi che la studiosa contribuisce a rivitalizzare.+TABRE+Mario Marrocchi

Sarah Davis-Secord, Where Three Worlds Met. Sicily in the Early Medieval Mediterranean, Ithaca-London (Cornell University Press) 2017, XVII, 295 S., Abb., ISBN 978-1-5017-0464-2, $ 59,95.

Als Brücke zwischen „West“ und „Ost“ und christlich-islamisch-jüdische Kontaktregion fasziniert das mittelalterliche Sizilien schon seit Langem. Auch im Rahmen der cross cultural studies und transkultureller Fragestellungen stand die Insel deshalb in den vergangenen Jahren wiederholt im Mittelpunkt mediävistischer Forschungen. Sarah Davis-Secord gewichtet nun erstmals im historischen Längsschnitt für die Zeit von der Eingliederung in den byzantinischen Herrschaftsbereich (6. Jh.) bis zum Ende der Normannenzeit (12. Jh.) Siziliens Bedeutung in gesamtmediterraner Perspektive. In methodischer Orientierung an Peregrine Horden/Nicholas Purcell, Michael McCormick und David Abulafia eruiert sie, ob der Insel als geographisch im Zentrum des Mittelmeers gelegenen und in kontinuierlicher Veränderung begriffenen Grenzregion im „large-scale Mediterranean system“ ein gewichtige Rolle zukam bzw. inwieweit sie lediglich eine wenig einflussreiche Position am Rande der drei großen Kulturräume einnahm. Hierfür werden „Muster“ überregionaler Kommunikationsnetzwerke und -wege zwischen Sizilien und anderen Regionen untersucht, und zwar bezogen auf Menschen und Güter sowohl in politischer, diplomatischer und militärischer als auch in intellektueller und religiöser sowie in ökonomischer Hinsicht. Das chronologisch aufgebaute Buch gliedert sich in fünf Kapitel zu den verschiedenen Phasen politischer Herrschaft und Übergangsperioden. In die Analyse einbezogen sind neben historiographischen, hagiographischen und geographischen Schriften, Briefen sowie rechtlichen Texten in Lateinisch, Griechisch, Arabisch oder Judäo-Arabisch auch Karten. Durchweg problembewusst bei der Quelleninterpretation, vertritt die Autorin eine „maximalist position“, geht also davon aus, dass auch gefälschte Texte etwas über die Erwartungshaltungen des Verfassers bzw. seines Publikums aussagen, sowie dass bruchstückhafte Überlieferungsdetails auf dahinterstehende Strukturen schließen lassen, also beispielsweise aus der Erwähnung einer Seereise Aussagen ableitbar sind bezüglich Routen, Hafenfunktionalität etc. David-Secords Studie bestätigt zunächst, dass Siziliens Konnektivität weniger von saisonalen, technischen oder Strömungsbedingungen abhing als vielmehr von politischen und ökonomischen Verbindungen, wodurch sich auch die Relevanz bestimmter Häfen änderte. Hinzu kommt der Befund, dass keiner der Herrschaftswechsel einen unmittelbaren Bruch hinsichtlich kommunikativer Strukturen im Mittelmeerraum bedingte, sondern entweder bereits bestehende Tendenzen verstärkte oder längerfristig zu Verschiebungen führte. Drei größere Phasen seien erkennbar: Während die Insel in byzantinischer Zeit als Bollwerk im westlichen Mittelmeerraum strategisch, kulturell, religiös und wohl auch wirtschaftlich einen Knotenpunkt – besonders zwischen Konstantinopel und Rom – dargestellt habe, sei später durch die Etablierung eines (Sub-)Emirats eine intensivere Integration in die islamische Sphäre zu konstatieren. Der Akzent habe nun – und die zahlreichen Geniza-Dokumente verstärken diesen Eindruck –, auf regionalen Kommunikationsnetzwerken im zentralen Mittelmeerraum gelegen, mit Ifrīqiya als wichtigstem Fixpunkt. Sizilien habe sich also unter muslimischer Herrschaft von einer bedeutenden Scharnierregion zwischen „West“ und „Ost“ allmählich in eine Grenz- und Randzone mit wenig interkultureller Interaktion gewandelt. Diese Schlussfolgerung beruht vor allem auf der Annahme, dass Sizilien kein Ausgangspunkt mehr für weitere Expansionen in Richtung Europa gewesen sei und es entsprechend zum italienischen Festland keine nennenswerten Verbindungen gegeben habe (S. 115, 121 f.). Im Licht der jüngsten Forschungen zur muslimischen Präsenz in Unteritalien erscheint diese Annahme jedoch äußerst fragwürdig; die Beziehungen zwischen Sizilien und der Apenninenhalbinsel dürften, wenn auch unter anderen Vorzeichen und unter Beteiligung neuer Akteure, weiterhin auf verschiedenen Ebenen sehr intensiv gewesen sein. Zu folgenreichen Transformationen im Mittelmeerraum sei es nach Davis-Secord dann nochmals unter den normannischen Herrschern gekommen. Bestehende Strukturen bewusst erweiternd und Kommunikationen monopolisierend, hätten diese die Insel nicht nur zum Machtzentrum und Ausgangspunkt neuer Eroberungen gemacht, sondern auch in ein weitgespanntes diplomatisches Netz eingebunden. Das Vorhaben, Sizilien politisch und ökonomisch eine zentrale Position im Gesamtmediterraneum zu verschaffen, sei indessen auf längere Sicht nicht erfolgreich gewesen, obgleich die neue konzeptionelle Verortung der Insel (beispielsweise auf Karten) im Spätmittelalter fortgedauert habe. Der Versuch, Siziliens wechselnde Funktionen über mehr als ein halbes Jahrtausend hinweg zu charakterisieren und nicht einfach Konnektivität vorauszusetzen, stellt sicherlich eine Stärke des Buches dar. Viele Details und Überlegungen werden dem fachkundigen Leser allerdings bekannt vorkommen, manche Unterkapitel wirken etwas kursorisch. Angesichts der lückenhaften Überlieferung erscheinen terminologisch nicht reflektierte Begriffe wie „patterns“ oder „network“ für die aufgezeigten Verbindungen zwischen Sizilien und anderen Regionen nicht immer angemessen, zumal wenn analytisch deren Rekonstruktion in unterschiedlichen Bereichen angestrebt wird (S. 6 und passim). Darüber hinaus hätte eine stärkere Einbeziehung archäologischer Befunde zumindest hinsichtlich ökonomischer Fragen die Argumentationsbasis verbreitert und womöglich auch hier zu abweichenden Schlussfolgerungen geführt. Trotz dieser Einwände ist „Where three worlds met“ ein reflektiertes und sehr lesenswertes Buch, dem eine breite Leserschaft zu wünschen ist.+TABRE+Kordula Wolf

Rescriptum beati Gregorii papae ad Augustinum episcopum quem Saxoniam in praedicatione direxerat, seu Libellus responsionum, edizione critica a cura di Valeria Mattaloni, Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzzo) 2017 (Edizione nazionale dei testi mediolatini d’Italia 43. Serie I, Testo latino 24), X, 613 S., ISBN 978-88-8450-700-6, € 95.

Beim vorliegenden Bd. handelt es sich um eine minutiöse kritische Edition dessen, was in Übernahme von Beda (Historia Ecclesiastica [HE] II,1) traditionellerweise „Libellus responsionum“ Gregors des Großen genannt wird. Mattaloni plädiert allerdings mit Hinweis auf die offene Form sowie die Manuskripttradition überzeugend dafür, einer anderen Titelvariante den Vorzug zu geben: „Rescriptum“. Mit ihrem Projekt wandelt Mattaloni maßgeblich in den Spuren Paul Meyvaerts, was aber nicht heißt, dass sie nur umsetzt, was Meyvaert vordachte. Vielmehr eröffnet sie mit ihrer Untersuchung und ihrer Edition viele neue Pfade. Mattaloni legt nicht nur eine einzige Edition vor, sondern gleich fünf. Dies rührt von der komplexen Überlieferungsgeschichte des Textes her. Diese beginnt bei Gregor I. in Rom und endet bei Beda im Angelsachsenreich; dazwischen liegen die Reise der gregorianischen Missionare durch das Frankenreich sowie die Anfänge des gregorianisch-römischen Christentums in Kent. Literarisch wird dabei aus einem Brief Gregors mit Antworten auf Fragen Augustins aus dem Jahr 601 am Ende bei Beda (HE II,1) ein Kompendium in Frage- und Antwortform; dazwischen liegen diverse redaktionelle Schichten, namentlich eine Darstellung in capitula. Vereinfacht ausgedrückt: Was Gregor schrieb, ist formal und inhaltlich mitnichten identisch mit Bedas Wiedergabe des Textstückes. Die massiven gestalterischen Eingriffe in Gregors Brief sind durch dessen Inhalt und Charakter bedingt. Es handelt sich um normative Stellungnahmen zu acht zentralen ekklesiologischen Fragen, deren Beantwortung in der Folge eine weiträumige Aufnahme etwa in kirchlichen Rechtstexten fand. Konkret sind es in den Kurztiteln Mattalonis folgende Themenkomplexe (S. 4 f.): 1. De episcopis; 2. De consuetudo ecclesiarum; 3. De furtu; 4. De ordinatione episcoporum; 5. De episcopis Galliarum; 6. De coniugio; 7. De baptismo et communione; 8. De pollutionibus. Hinzu kommen ein Prolog sowie ein Zwischenstück („Obsecratio Augustini“), in dem Gregor die Übersendung von Reliquien des Sextus bestätigt. Mattalonis Buch ist in jeder Hinsicht gewichtig. In der Einleitung (S. 3–43) stellt sie das Werk und die damit verbundenen historischen und editorischen Herausforderungen vor. Ihr Anliegen besteht darin, anhand der Auswertung der Manuskripttradition „la forma originaria del testo e la corretta successione delle interrogationes“ sowie „le interpolazioni e le modifiche che nel corso della trasmissione hanno generato diverse forme redazionali“ zu identifizieren und zu edieren (S. 13). In den Prolegomena (S. 47–380) stellt sie zuerst die Manuskripte vor, gefolgt von der Beschreibung der „macrostrutture“ (S. 139–149), d. h. der verschiedenen redaktionellen Schichten und Typen (Epistola; Redactio in Capitulis; Redactio in decem interrogationibus sine prologo; Redactio in novem interrogationibus; Redactio in duodecim Capitulis) und deren Textzeugen. Auf dieser Einteilung basieren ihr „Stemma codicorum“ sowie die fünf Editionen (S. 417–584). Mattalonis Edition der gregorianischen Briefversion (S. 417–442) unterscheidet sich von der bisherigen Edition (Gregorii I papae Registrum epistolarum, Liber XI, 56, 56a, ed. Ludovicus M. Hartmann, 1893 = MGH Ep. [in Quart] II, 1893, S. 331–343) durch eine unterschiedliche Abfolge der Einzelstücke. Größere textliche Unterschiede, namentlich Weglassungen, betreffen vor allem die immer schon besonders interpolationsanfällige Frage 6 De coniugio. Hinzu kommen zahlreiche kleinere Varianten, wie etwa andere Tempora. Mattalonis Edition ist meisterhaft und begeistert sicher jeden Gregor- und Beda-Spezialisten. Insofern soll es nicht als Kritik, sondern als Feststellung daherkommen, wenn eine leise Anfrage an die Benutzerfreundlichkeit für einen weiteren Kreis gestellt wird. Etwa eine handliche Edition der Gregor-Version mit einer prägnanten Einleitung wäre ein wunderbares Nebenprodukt dieser philologischen Glanzleistung.+TABRE+Barbara Müller

Flaccus Alcuinus, Alcuini Enchiridion in Psalmos, edizione critica a cura di Vera Fravventura, Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzzo) 2017 (Millennio medievale 112. Testi 27), CLXXVI, 141 pp., ill., ISBN 978-88-8450-788-4, € 60.

Il volume di Vera Fravventura consegna agli studiosi l’edizione critica del commento ai salmi penitenziali, al salmo 118 e ai salmi graduali realizzato da Alcuino di York (730?–804), uno degli intellettuali più autorevoli e influenti del periodo carolingio. Questa collezione di testi esegetici era fino a questo momento nota unicamente nel testo della editio princeps (1547) contenuta nella Patrologia Latina, in una forma che non permetteva di inquadrare a pieno l’opera nel suo contesto compositivo e ideologico. Attorno all’anno 800, Alcuino indirizzò all’amico Arnone, arcivescovo di Salisburgo e abate del monastero di Saint-Amand una raccolta di testi esegetici che aveva lo scopo di illustrare e commentare tre parti specifiche del Salterio. Si tratta di tre testi di commento distinti e autonomi, la cui coerenza è costituita essenzialmente dalla prefazione unitaria, che introduce e spiega la genesi, la struttura e gli intendimenti del testo. Da questa lettera prefatoria veniamo a conoscenza dei colloqui tra i due intellettuali e dell’invito del medesimo Arnone affinché Alcuino predisponesse un piccolo manuale (enchiridion) sui Salmi penitenziali, 118 e graduali. Tuttavia, come già proposto da Liutpold Wallach, questo potrebbe essere un topos letterario usato dall’autore con l’intento di elevare il proprio lavoro e donargli più autorevolezza. La scelta del termine enchiridion, usato esplicitamente nella lettera per designare la raccolta, rimanda a una doppia lettura possibile: in senso proprio, esso indica la praticità del commento, sia in riferimento agli aspetti più propriamente testuali, come la brevità, sia alludendo al formato codicologico dell’esemplare inviato ad Arnone. In senso figurato, il termine „sottende invece il valore pedagogico e la finalità edificante dell’opera“ (p. XVIII), che si proponeva di supportare Arnone nell’esercizio della preghiera individuale e comunitaria, ma anche nella cura animarum. Ciononostante, non è agevole individuare quale contesto e quale pubblico si debbano intendere dietro alla figura del destinatario esplicito, Arnone. A questo proposito, l’epistola prefatoria non fornisce alcuna indicazione. Certo, oltre a un’indubbia dimensione penitenziale privata, l’intento di Alcuino doveva trovare collocazione anche nel più ampio orizzonte programmatico della correctio carolingia, di cui egli stesso fu uno dei principali ispiratori e promotori. Il movente di Alcuino era quello „di riassumere e compendiare le varie expositiones elaborate dai Padri in forma estesa, riducendole alla misura di breves expositiunculae di più agevole consultazione“ (p. XIX). Poiché i Salmi avevano costituito il maggior prestito veterotestamentario al culto cristiano, la loro tradizione esegetica raccoglie sforzi di interpretazione fin dai primi secoli dell’età patristica. In questo ricco panorama di commenti, Alcuino fondò la propria esegesi su quattro fonti specifiche: le „Enarrationes in Psalmos“ di Agostino, l’„Expositio Psalmorum“ di Prospero di Aquitania, l’„Expositio Psalmorum“ di Cassiodoro e il „Breviarium in Psalmos“ dello pseudo Girolamo. Oltre a queste, l’autore rintraccia come fonti secondarie opere di Beda, Gregorio Magno, Teodoro di Mopsuestia nella traduzione di Giuliano d’Eclano, Arnobio, Ilario e naturalmente la Bibbia. L’ampia sezione introduttiva prosegue con l’esposizione della tradizione manoscritta dell’„Enchiridion“ che, in forma integrale o frammentaria, è attestata in un totale di quindici manoscritti, per la maggior parte datati al secolo IX. Per ogni codice, l’autore riporta la descrizione materiale, l’analisi della scrittura e i principali lineamenti storiografici con la bibliografia. Quando necessario è riportato anche l’elenco dei testi contenuti. Il terzo e ultimo capitolo introduttivo presenta i principi di edizione, lo stemma codicum e la constitutio textus. Infine, seguono il testo dell’edizione e la sezione degli indici, che comprende l’indice dei manoscritti citati e l’indice dei nomi.+TABRE+Edoardo Manarini

Walter Landi, Otto Rubeus fundator. Eine historisch-diplomatische Untersuchung zu den karolingischen und ottonischen Privilegien für das Kloster Innichen (769–992), aus dem Italienischen von Harald Krahwinkler, redigiert von Gustav Pfeifer, Innsbruck (Wagner) 2016 (Veröffentlichungen des Südtiroler Landesarchivs 39), 226 S., Abb., ISBN 978-3-7030-0879-5, € 24,99.

Die Studie ist hervorgegangen aus den Vorarbeiten zu Abteilung II des Tiroler Urkundenbuchs, in dessen von MartinBitschnau und HannesObermair bearbeiteten Bde. 1 und 2 (2009, 2012) sie noch unter einem italienischen Titel zitiert und für den Druck angekündigt wird. Sie untersucht eine Reihe von Urkunden zur Frühgeschichte des Klosters Innichen im Pustertal; Ziel des Autors ist neben einer Beurteilung der historischen und diplomatischen Echtheit der Stücke vor allem eine „Neudeutung der Frühgeschichte von Innichen jenseits traditioneller Muster“ (S. 10 f.). Den Hauptteil des Bandes bilden minutiöse, zum Teil weit ausgreifende Untersuchungen der Urkunden Herzog Tassilos III. von 769 und 788, Kaiser Ludwigs des Frommen (DLF.87), Ottos I. (DO.I.†448, †452), Ottos II. (DO.II.†80) und Ottos III. (DO.III.109) unter besonderer Berücksichtigung der darin genannten Besitzungen, etwa langer Listen der Alpweiden sowie der Besitzungen im Cadore und in der Mark Verona. Die diplomatischen Ergebnisse seien hier kurz referiert: Die Urkunde Herzog Tassilos III. von 769 bewertet Landi als inhaltlich echt. Bei der Urkunde desselben Ausstellers von 788, im Tiroler UB II/1, Nr. 58 noch als Fälschung ohne Grundlage eingestuft, geht Landi von einer echten Vorlage aus, etwa einer Traditionsnotiz aus der Zeit 783–788; das angebliche Original sei auf dieser Grundlage zwischen 1166/7 und 1174 hergestellt worden. Die Urkunde Ludwigs des Frommen von 816 (jetzt: DLF.87) klassifiziert Landi – wie auch Theo Kölzer in der MGH-Edition von 2016, die Landi noch nicht kennen konnte – als echt und vermutet Durandus als Rekognoszenten. DO.I.†448 (im Urkundenanhang Nr. 8, S. 144 wohl versehentlich auf Juli 23 statt 22 datiert) wurde Landi zufolge zwischen 1179/80 und 1182 unter Verwendung des Siegels von DO.II.80 gefälscht. Im Anschluss wird die These vorgetragen, dass das Kloster im 10. Jh. aufgehoben worden sei, seine Güter von Herzog Arnulf von Baiern (907–937) konfisziert wurden, dann in den Besitz von dessen Sohn Eberhard und schließlich – über die Zwischenstation des luitpoldingischen Herzogs Heinrich I. – in die Hände Ottos I. und Ottos II. gelangten. Otto II. habe dann Teile des Besitzes restituiert, als materielle Grundlage für die kurz vor 972/74 erfolgte Neugründung Innichens, nun nicht mehr als Kloster, sondern als Kanonikerstift (S. 71). So erkläre sich, dass in der Tradition des Klosters ein Kaiser Otto Rubeus, in dem Otto II. und Otto I. verschmolzen seien, als Gründer der Einrichtung gegolten habe. Bei DO.I.†452 schließlich geht Landi von einer sowohl diplomatisch wie historisch vertrauenswürdigen Vorlage aus. In einem umfangreichen Anhang werden 42 Urkunden zur Geschichte Innichens aus der Zeit von 769 bis 1399 ediert, die zumeist auch im Tiroler Urkundenbuch oder an anderer gut zugänglicher Stelle, zum Teil aber auch an weit verstreuten Orten gedruckt vorliegen. Anzumerken ist, dass im Urkundenanhang die Vorlagen der Edition immer als „Original“ bezeichnet werden, auch wenn es sich um Abschriften oder Fälschungen handelt (von wenigen Ausnahmen abgesehen: Nr. 10, 21, 33, 42). In den Abb.teil haben sich zwei Irrtümer eingeschlichen: Auf Taf. XI/XII ist nicht das Original von DF.I.958, sondern die Kopie des 12. (oder frühen 13.) Jh. abgebildet, auf Taf. XIII/XIV nicht die Kopie des 14. Jh., sondern das Original. Ein Register der Personen, Orte und geographischen Bezeichnungen beschließt den Bd., der vor allem für die Besitzgeschichte Innichens ertragreich scheint.+TABRE+Irmgard Fees

Larissa Düchting, Heiligenverehrung in Süditalien. Studien zum Kult in der Zeit des 8. bis beginnenden 11. Jahrhunderts, Stuttgart (Steiner) 2016 (Beiträge zur Hagiographie 18), 321 pp., ISBN 978-3-515-11506-3, € 54.

La prospettiva che accomuna questa serie di studi, apparentemente indipendenti l’uno dall’altro, è il risvolto socio-politico della venerazione dei santi nell’Italia meridionale attraverso un’analisi attenta dei Libelli Miraculorum, delle Passiones e delle Historiae Translationis relativi al periodo trattato (secoli VIII–XI). Essendo il tema fin troppo ampio, sia in rapporto ai territori (Italia meridionale) che all’arco di tempo preso in considerazione, l’autrice sin dalle prime pagine ridimensiona le aspettative che potrebbero nascere dalla lettura del titolo. Avendo dovuto operare delle scelte, ha diretto la ricerca non sull’intero meridione d’Italia, bensì su tre aree specifiche, il napoletano, il beneventano e il barese. L’autrice lascia quasi del tutto fuori della sua ricerca quella fonte primaria della venerazione dei santi che è l’iconografia, il che vale soprattutto per la Puglia, sulla quale l’autrice confessa di aver trovato meno materiale documentario. A suo avviso per questa regione c’è una „cattiva situazione“ documentaria. Ma forse proprio per questo motivo sarebbe stato opportuno prendere in considerazione anche gli affreschi delle chiese rupestri ed il rotolo dell’Exultet di Bari (laddove l’agiografia pugliese è meglio „documentata“ di altre regioni). La studiosa apre il discorso delineando l’area multiculturale del meridione d’Italia, che vede l’intreccio fra la popolazione autoctona e le due culture dominanti, la longobarda e la bizantina. Dopo un’agile carrellata sulle fonti agiografiche in generale, delinea i protagonisti della letteratura agiografica napoletana, come ad esempio Giovanni Diacono, autore non solo di „Historiae Translationis“ di santi „napoletani“, ma anche della fortunatissima „Vita sancti Nicolai Myrensis“. A differenza del mondo franco-germanico (dove i sovrani carolingi condussero una più articolata politica di controllo delle reliquie), nell’Italia meridionale i Longobardi si trovarono a trattare con l’unica autorità rimasta sul territorio devastato, il vescovo. Così l’agiografia divenne l’elemento amalgamante della società e i principi longobardi si impegnarono a fondo nel diffondere scritti agiografici che davano conforto al popolo e sicurezza al principe e allo stato. Particolare attenzione è rivolta alla politica ecclesiastica di Arechi II (758–787), attivo sia nella costruzione di chiese che nella diffusione di translationes (ben quattro ebbero luogo durante il suo ducato beneventano). Le fonti manoscritte pervenuteci ed esaminate riguardano per lo più santi minori di cui si è quasi perduta memoria (Eliano, Arthella, Mercurio, Casto, Felicita, Paolino e Felice di Nola, Giovenale, Marciano, Eutiche e Acuzio, Barbato di Benevento, Fortunata, Agnello, Restituta, Patrizia, Eufebio, Agrippino, Severino e Sossio). Non mancano tuttavia santi che hanno retto l’urto dei secoli, come ad esempio Gennaro (pp. 170–175, venerato sia a Benevento che a Napoli), Matteo (a Salerno), Bartolomeo apostolo, Sabino (a Canosa), e Nicola (pp. 195 sg., a Bari come in tutto il Mezzogiorno). Diverse translationes sono collegate sia alla persecuzione iconoclasta in Oriente (quando a Napoli era vescovo Stefano II, 767–799), che alle incursioni saracene tanto frequenti in Italia meridionale. L’autrice si muove con notevole padronanza tra la produzione agiografica locale (specialmente di provenienza accademica) e quella internazionale (rappresentata soprattutto dai „Monumenta Germaniae Historica“ e dagli „Acta Sanctorum“ dei Bollandisti). Molto interessanti sono le pagine dedicate alle tavole sinottiche dei più antichi calendari prodotti nell’Italia meridionale.+TABRE+Gerardo Cioffari

Aurélie Thomas, Jeux lombards. Alliances, parenté et politique en Italie méridionale de la fin du VIIIe siècle à la conquête normande, Roma (École française de Rome) 2016 (Collection de l’École française de Rome 501), 547 S., Abb., ISBN 978-2-7283-1042-5, € 45.

Die Geschichte der drei lombardischen Fürstentümer Benevent, Capua und Salerno, lange als die „finstere Epoche“ der Geschichte Süditaliens im Frühmittelalter angesehen, ist in den letzten Jahren zu Recht wieder verstärkt in den Blickpunkt der Forschung gerückt. Im Rahmen dieser „Renaissance“ der Studien zur Lombardia minore stellt die Diss. von Aurélie Thomas einen wichtigen Beitrag dar. Der Titel der „lombardischen Spiele“ wurde bewusst im Anklang an die Beobachtung gewählt, dass die Akteure auf dem aristokratischen Heiratsmarkt durchaus ähnlich einem Spieler handeln, der die Vor- und Nachteile einer gewissen Eheverbindung abwägt und seine Konkurrenten auszustechen sucht. Die Arbeit gliedert sich in vier Haupteile: In einem einführenden methodischen Kapitel werden in konziser Form zunächst die urkundlichen und erzählenden Quellen vorgestellt, wobei sich die Autorin auf eine Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes beschränkt. Wesentlich umfangreicher und origineller sind die begriffsgeschichtlichen Überlegungen zu den Bezeichnungen, die von den Chronisten gewählt wurden, um einen bestimmten Verwandtschaftsgrad auszudrücken. Im Folgenden untersucht die Autorin in drei chronologisch gegliederten Hauptkapiteln die Heirats- und Verwandtschaftsstrategien der langobardischen Fürsten. Obwohl Fürst Arichis II. von Benevent/Salerno nach dem Untergang des langobardischen Königreiches die fränkische Oberhoheit anerkannte, regierten er und sein Sohn Grimoald III. mit nahezu königsgleicher Macht, was die Heiratsoptionen Grimoalds begrenzte, da er sich weigerte, eine nicht standesgemäße Ehe mit einem weiblichen Abkömmling aus der langobardischen Oberschicht Süditaliens einzugehen. Die nachfolgenden Fürsten brachen jedoch mit dieser Politik der Abschottung und schlossen sowohl mit der fränkischen als auch der langobardischen Oberschicht Heiratsallianzen, wodurch das Herzogtum Benevent aus der außenpolitischen Isolation heraustreten konnte. Nach der divisio ducatus (849) kristallisierten sich zwei Herrschaftsmodelle heraus, deren Ziel die Sicherung der Legitimität und die Übertragung der Herrschaft an die Nachkommen war. In Benevent und Capua nahm der Fürst die Rolle eines primus inter pares oder eines primus inter parentes ein, und die herrschende Linie teilte das ius regnandi zwischen Verwandten, welche auch Ansprüche auf die Nachfolge im Fürstentum geltend machen konnten. Die Folge war eine weitreichende Dezentralisierung der Macht in Capua und Benevent, da die jüngeren Fürstensöhne sich eigenständige Herrschaftsgebiete sichern konnten, die sich weitgehender Autonomie erfreuten. In Salerno bildete sich hingegen ein streng hierarchisches Modell heraus, welches eindeutig der männlichen Primogenitur des erstgeborenen Sohnes gegenüber den jüngeren Fürstensöhnen oder angeheirateten Schwägern den Vorzug gab. Im Gegensatz zu Capua oder Benevent wurden zudem häufig Eheverbindungen mit Familien und Adelsgeschlechtern außerhalb des Fürstentums (z. B. Amalfi oder Spoleto) eingegangen. Dieses „offene“ Modell erwies sich vor allem nach der normannischen Eroberung Süditaliens im 11. Jh. als vorteilhaft, da es wiederholt zu Eheschließungen zwischen Töchtern der Fürsten von Salerno und den Normannen kam, waren doch letztere ihrerseits bestrebt, durch Heirat ihrer Eroberung Legitimität zu verleihen. Trotz einiger vermeidbarer Detail- und Druckfehler handelt es sich um einen originellen und wichtigen Beitrag zur Sozial- und „Verfassungsgeschichte“ der langobardischen Herrschaft in Süditalien.

Andreas Kiesewetter

Andreas Matena, Das Bild des Papstes. Der Lateransalvator in seiner Funktion für die päpstliche Selbstdarstellung, Paderborn (Schöningh) 2016, 430 S., Abb., ISBN 978-3-506-77279-4, € 59.

Der Theologe und Historiker Andreas Matena untersucht in seiner Diss. den Prozess der Angleichung der Gestalt des Papstes an die imago Christi zwischen dem 8. und dem Ende des 13. Jh. Dieses „Bild“ Jesu Christi war nicht abstrakt, sondern befand sich konkret im päpstlichen Palast, dem Lateran. Die Salvator-Ikone in der dortigen, eigentlich dem hl. Laurentius geweihten Kapelle „del SS. Salvatore ad Sancta Sanctorum“ wurde schon unter Stephan II. (752–757) in einer Prozession gegen eine Invasion der Langobarden mitgeführt. Die Bemühungen der Päpste um eine Visualisierung ihres Anspruchs, die Vikare Christi zu sein, erreichten im 12. Jh. einen Höhepunkt, als das Thronen und Küssen der Füße des Papstes beim Kaiserempfang erstmals auch bildlich dargestellt wurden. Kein Wunder, dass umgekehrt auch der Vorwurf der Idolatrie gerade den traf, den man in Schisma-Zeiten als „Gegen“-Papst zu diffamieren suchte. Bedauerlich ist, dass die Pointe zu dem ersten Fall, in dem ein regierender römischer Bischof ausdrücklich als idolum bezeichnet wird, durch eine Wortdopplung unverständlich ist. Der entsprechende Vorwurf in den Akten der Synode von Verzy 991 ist nicht gegen Silvester II. (999–1003) gerichtet, sondern gegen den damals amtierenden, sehr umstrittenen Papst Johannes XV. (985–996). Matena unterbreitet viele Fakten und folgt seinen Akteuren wie Leo IX. (1049–1054) auch jenseits der Alpen. Die wahre Umbruchzeit wird allerdings im 12. Jh. ausgemacht, wobei der Interpretation des Apsismosaiks in S. Maria in Trastevere eine besondere Rolle zukommt. Die Schrift des Nicolaus Maniacutius († ca. 1145) „De sacra imagine SS. Salvatoris in Palatio Lateranensi“ [nicht: Lateranensis] (S. 163) fasst die im Mittelalter allgemein akzeptierte Entstehungsgeschichte der Ikone zusammen. Danach wurde sie in Jerusalem kurz nach der Himmelfahrt Christi vom Evangelisten Lukas gemalt, aber von göttlicher Hand vollendet (was das Kultbild zu einem Acheiropoieton machte). Kaiser Titus habe es nach der Eroberung Jerusalems im Triumph mit nach Rom geführt. Für die römische Stadtforschung ist interessant, dass Matena sich von Gerhard Wolfs allgemein geteilter Interpretation der mit der Salvator-Ikone verbundenen assumptio-Prozession als einer „eher kommunale[n] Veranstaltung“ abwendet und stattdessen von einer „weitgehende[n] Identifikation von Papst und Christusbild gegenüber der städtischen Öffentlichkeit“ spricht (S. 171 f.). Die durchaus ernst zu nehmenden Argumente werden die Forschung gewiss herausfordern. Leider stört gerade auch hier wieder ein unkorrekt formulierter Satz, wonach „am Ende des 12. Jh. im ‚Liber Politicus‘ des Cencius Camerarius … sich Bild und Papst vor der städtischen Öffentlichkeit ablösen und eben nicht mehr gemeinsam erscheinen“ (S. 177 f.). Da aber auch Matena weiß, dass der „Liber Politicus“ in Wirklichkeit zwischen 1140 und 1143 vom Kanoniker Benedikt verfasst wurde (S. 284), ist der Satz unverständlich. Der Autor stellt danach die „im latinischen Umfeld der Stadt Rom“ (S. 178) – in Tivoli, Casape, Trevignano, Sutri, Viterbo und Bracciano – erhaltenen vergleichbaren Bildwerke vor. Die „Ikone in der Kathedrale von Perugia“ gibt es allerdings so nicht, wie sich der Rezensent vor Ort überzeugen konnte (Ein Prozessionsbild im Kapitelsmuseum der umbrischen Stadt zeigt zwar einen aufrecht stehenden Christus, der aber keine größere Ähnlichkeit mit dem Salvator in Rom aufweist und als Werk des Battista Mattioli in das Jahr 1453 datiert wird). Innozenz‘ III. stiftete die Verkleidung mit einer Silberplatte und reservierte die Laurentiuskapelle dem Papst. Der Conti-Papst wertete aber auch die seit dem 10. Jh. erwähnte Veronica in der Peterskirche auf, die der Peterskanoniker Petrus Mallius mit dem Schweißtuch identifizierte. Die Salvator-Ikone erhielt durch den Orsini-Papst Nikolaus III. (1277–1280) mit der Neugestaltung der Laurentiuskapelle eine prächtige Umgebung. Die jüngste Restaurierung hat dem Dedikationsbild des Papstes vor dem thronenden Christus neuen Glanz verliehen (S. 243, Abb. 9 f.). Die Kontinuität in der Petrus-Nachfolge betonten der vom Orsini in Auftrag gegebene Zyklus von Papstportraits in der Laterankirche sowie die von ihm erneuerten analogen Papstserien sowohl in der Peters- wie auch in der Paulusbasilika. Die anschließende Analyse der Prozessionen im öffentlichen Raum der Stadt Rom gehen von der Idee aus, dass das Salvator-Bild aus dem streng limitierten Raum der Kapelle heraus in die Öffentlichkeit gebracht werden sollte. Nach Stephan II. und Leo IV. zeigte sich Gregor IX. von der Schutzwirkung der Ikone überzeugt, die diesmal gegen die Bedrohung Roms durch Friedrich II. zum Einsatz kam (S. 280). Mehr quellenmäßige Unterfütterung verdient der Satz, wonach Nicolaus Maniacutius „einen Zusammenhang zwischen Christusbild und Papst formuliert, indem er feststellt, dass in dem Palast, in dem Christi Vikare auf Erden residierten, Christus selbst in seinem Bild präsent sei“ (S. 284). Der Autor hegt Zweifel an der weitgehend von der Forschung (Wolf, Belting, Parlato) geteilten Meinung, dass das Salvator-Bild bereits im 12. Jh. zur „neuen städtischen Bewegung übergewechselt sei“ (S. 285 f.). Ungewiss sei auch, ob die Hostiarier, also die Kustoden des Salvator-Bildes, das „‚römische Volk‘ repräsentierten“ (S. 268, vgl. S. 285). Die „Deutungshoheit des Papstes“ (S. 286, vgl. S. 314) zeige sich in der Auswahl der Örtlichkeiten der Prozessionsroute mit den für das Papsttum so bedeutungsvollen Stationen wie dem campus Lateranensis (dem „erste[n] Museum der Welt“ mit der Reiterstatue „Konstantins“, der lex de Imperio, der Wölfin usw., S. 288), S. Maria Antiqua am Fuß des Palatins und S. Maria Maggiore. Danach wird der possessus, die Besitzergreifung der Kathedrale Roms, also der Laterankirche, nach der Wahl eines neuen Papstes seit Paschalis II. (1099–1118) vorgestellt. Das abschließende Gebet vor dem Altar der Sancta Sanctorum wurde zum Kulminationspunkt der gesamten Krönungsliturgie (S. 318). Damit trat der Papst als Vikar vor das Abbild Christi in einer Art „nonverbalen Kommunikation von Papstkörper und Bildkörper Christi“ (S. 319). Was die Konsequenzen für die Liturgieforschung zum neuen Messordo des 13. Jh. angeht, spricht Matena selbst von „zugegebenermaßen wenig definitiven Spekulationen“ (S. 348). Nicht ausreichend erscheint dann auch sein lapidares Fazit, dass die Bedeutung des Laterans und der Laurentiuskapelle – sehe man von Urban V. und Martin V. ab – mit Avignon geendet habe (S. 363). – Wie schon anklang, wird die Lektüre nicht selten durch Tipp- und Setzfehler sowie ungenaue Aussagen gestört: So wird der Titel „Descriptio Lateranensis ecclesiae“ ohne Grund zu „Descriptio sanctuarium sanctae lateranensis ecclesiae“ verunklart. Der Gegenpapst zu Innozenz II., Viktor IV., wird als „Gregorio Conti de Coccano [lies: Ceccano]“ (S. 128; aber diese Zuschreibung ist ungewiss) vorgestellt. Augustinus von Canterbury figuriert als Abt des Andreas-Klosters in Rom (er war allenfalls Prior) (S. 280). Der „Palast des Bischofs von Alba“ ist der des Kardinalbischofs von Albano (S. 330). Es überrascht auch, dass der Autor nicht die jüngere Literatur zur Stadtgeschichte Roms und den römischen Kanoniker-Gemeinschaften (wie die Habilitationsschrift von Jochen Johrendt von 2011) heranzieht. Trotzdem ist zu wünschen, dass die berechtigt aufgeworfenen Fragen die Forschung bereichern mögen. Bei weiterer Beschäftigung mit dem Salvator-Bild ist Arnold Nesselrath, Beobachtungen während der Restaurierung der Salvatorikone der Sancta Sanctorum, in: Inkarnat und Signifikanz Das menschliche Abbild in der Tafelmalerei von 200 bis 1250 im Mittelmeerraum, München 2017, S. 316–326, heranzuziehen.+TABRE+Andreas Rehberg

Allegra Iafrate, The Wandering Throne of Solomon. Objects and Tales of Kingship in the Medieval Mediterranean, Leiden-Boston (Brill) 2016 (Mediterranean art histories 2), XIII, 348 S., Abb., ISBN 978-90-04-30518-2, € 125.

In ihrer transkulturell-komparatistisch ausgerichteten Studie untersucht Allegra Iafrate materielle und narrative Darstellungen des Throns des alttestamentlichen Königs Salomo aus vor allem kunsthistorischer, aber auch philologisch-literaturwissenschaftlicher Perspektive. Salomos Königtum wurde kulturübergreifend als vorbildhaft wahrgenommen. Iafrate spricht von einem „gemeinsamen kulturellen Erbe“ (S. 1) von Christen (Ost- und Westchristen), Juden und Muslimen, das zu einer „visual koiné of kings“ (S. 58) beitrug. Der Rekurs auf Salomo als weisen und kunstsinnigen König, Gesetzgeber, Richter und Friedensstifter sollte den Herrschern aller genannten Kulturkreise eine gesteigerte Legitimität und ein höheres Prestige verleihen. Im Laufe der Jh. bildete der Thron ein wandelbares Symbol. Die vier Kulturbereiche generieren die Einteilung des Buches, das mit einem eher prospektiv gehaltenen Kapitel zu Repräsentationen des Throns in literarischen Texten abschließt. Der Analysezeitraum liegt im Wesentlichen auf dem Hochmittelalter. Die Darstellungen des Throns bei den Ostchristen, Juden und Muslimen orientieren sich nur vage am biblischen Vorbild und sind eng miteinander verknüpft, wohingegen die Darstellungen bei den Westchristen eine gewisse Eigenständigkeit besitzen, weil sie sich stärker an die biblische Beschreibung anlehnen (S. 253). Das Bild des „wandernden Throns“ entstammt in erster Linie jüdischen Legenden, in denen der Thron von Ort zu Ort bewegt wird. Neben dem Thron existierten weitere salomonische „Relikte“ (S. 29–54). Bei ihnen handelte es sich entweder um bereits vorhandene, auch antike, Objekte oder um Neuschöpfungen, die den Zeitgenossen vor allem Authentizität vermitteln mussten. Nach einer Einführung und einem Überblickskapitel (S. 1–54) folgt die Analyse des „Magnaura-Throns“, der sich in der Zeremonienhalle des Kaiserpalastes von Konstantinopel befand und sehr wahrscheinlich im 9. Jh. unter Leo VI., dem Weisen, entstand, der sich als „neuer Salomo“ inszenierte (S. 55–105). Der Thron stellte eine freie Interpretation des biblischen Throns dar: Er verfügte über Automata, die sich bewegten und Geräusche produzierten, und er konnte gehoben und gesenkt werden, was eine theatralische Mise en Scène erlaubte. Auf narrative und materielle Repräsentationen des salomonischen Throns hatte dieser reale Thron bei Juden und Muslimen einen starken Einfluss. Im dritten Kapitel wird der Thron Salomos in der rabbinischen Literatur untersucht (S. 106–159). Die dort zu findenden Darstellungen weisen jeweils Eigenheiten auf und reichern die biblische Beschreibung durch Imagination und Details des Magnaura-Throns an. Im vierten Kapitel werden narrative und materielle Darstellungen des Throns und mit diesem verknüpfte Objekte im muslimischen Kulturraum analysiert (S. 160–214). Einflüsse der persischen Mythologie, des jüdischen Schrifttums und des Magnaura-Throns konvergieren. Hervorzuheben ist die Vorstellung vom Thron als fliegendem Objekt und von Salomo als Herrn der Dschinns. Im fünften Kapitel über den christlichen Westen (S. 215–257) werden zunächst manche Throne der Päpste sowie der Aachener Kaiserthron betrachtet, die sich stärker an die biblische Beschreibung anlehnen. Sie kennzeichnen sich nicht durch technische Finessen und besitzen keinen magischen Charakter. Spezifisch für den Westen ist die nicht dogmatisch verankerte Identifizierung Marias als sedes sapientiae (S. 234–236). Durch ihren vergleichenden Ansatz und die enge Verknüpfung von Texten und Objekten gelingt Iafrate eine überzeugende Analyse, die nicht nur Verflechtung, sondern auch Abgrenzung aufzeigt. Über die angestrebte Perspektive hinaus kann die Studie auch als eine Kultur- und Ideengeschichte der mittelalterlichen Salomo-Rezeption gelesen werden. Sie regt dazu an, die Bedeutung des Throns, der anderen salomonischen Objekte und auch der Person Salomos in bestimmten Aspekten zu vertiefen, z. B. hinsichtlich Auffassungen von Königtum, symbolischer Kommunikation und politischer Rhetorik.+TABRE+Christian Alexander Neumann

Simon Groth, in regnum successit. ‚Karolinger‘ und ‚Ottonen‘ oder das ‚Ostfränkische Reich‘?, Frankfurt am Main (Klostermann) 2017 (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 304. Rechtsräume 1), XIII, 696 S., ISBN 978-3-465-04309-6, € 119.

Obgleich die im Zeichen des Nationalismus stehende Debatte über die Anfänge der deutschen Geschichte in der Mediävistik als ad acta gelegt gelten kann, spielen bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit frühmittelalterlicher Königsherrschaft sowohl die karolingische und ottonische Dynastie als auch das Ostfränkische Reich als Ordnungsmodelle eine nach wie vor wichtige Rolle. Aus der Gegenüberstellung dieser Modelle und in kritischer Hinterfragung derselben leitet Simon Groth seine zentralen Untersuchungsfelder – Herrschaftsfolge und Herrschaftsraum – ab und analysiert sie problemorientiert in Teil I und II in einem zunächst forschungsgeschichtlichen Zugang, um dann in Teil III gedankliche Auseinandersetzungen mit politischer Ordnung und Informationen zu konkreter Ausübung von Herrschaft in historiographischen Werken aus dem Zeitraum zwischen der zweiten Hälfte des 9. und der zweiten Hälfte des 10. Jh. in den Blick zu nehmen. Die Aspekte Thronfolgerecht, Herrschererhebung, Raumerfassung und Raumstruktur untergliedern hierbei das Buch, dessen methodischer Ansatz wesentlich im Herausarbeiten von terminologischen Bedeutungsnuancen und begriffsgeschichtlichen Implikationen besteht. Einige Redundanzen hätten durchaus vermieden werden können, wenn die Quellenanalyse nicht in einem separaten Teil erfolgt, sondern eng mit den ersten beiden Kapiteln verzahnt worden wäre. Dass sich der Autor intensiv mit der relevanten Forschungsliteratur auseinandergesetzt hat, zeigen neben dem mehr als 150-seitigen Literaturverzeichnis und dem opulenten Fußnotenapparat auch die zahlreichen Reflexionen zu einzelnen Detailfragen. In vielen Punkten wird an Diskurse und kritische Überlegungen anderer Fachkolleg/-innen angeknüpft, neu ist jedoch, mit welchem Nachdruck eine Abgrenzung zwischen Karolingern und Ottonen als sachlich unangemessen herausgestellt wird, liefen doch die in den Quellen zu greifenden strukturellen Unterschiede einer „dynastischen Kohärenzfiktion“ zuwider, wohingegen strukturelle Kontinuitäten den Dynastiewechsel gerade nicht als Zäsur erscheinen ließen (S. 366, 453 f.). So sei Otto II. der Erste gewesen, der in Aachen im Rahmen einer rituellen Herrschererhebung zum König gemacht geworden sei, was eine gewandelte Stellung des Herrschers und die Herausbildung einer transpersonalen Reichstradition wiederspiegele, nachdem sich „aus einem fränkischen Königsein im Raum ein Königtum über ein Reich“ entwickelt habe, oder anders formuliert: nachdem aus einer „absoluten Familie“ zunächst eine „Familie der Könige“ und über die Individualsukzession dann eine Dynastie geworden sei (S. 511). Ebenso hält Groth den Terminus „Ostfränkisches Reich“ für wissenschaftlich nicht erkenntnisfördernd, da der Vertrag von Verdun, der 843 nach dem Tod Kaiser Ludwigs des Frommen die Dreiteilung des karolingischen Herrschaftsgebiets unter dessen drei Söhnen regelte, in zeitgenössischen historiographischen Textes keineswegs als Einschnitt wahrgenommen worden sei, und überhaupt der Begriff „Reich“ angesichts der Mehrdeutigkeit des Terminus regnum für die Zeit zwischen den 840er und den 950er Jahren inadäquat sei. Beobachtbar sei hingegen, dass der von zeitgenössischen Autoren wahrgenommene und beschriebene Herrschaftsraum im Untersuchungszeitraum zunehmend kleiner und abgeschlossener wurde und an die Stelle eines gesamtfränkischen Bewusstseins die Konzentration auf den Herrschaftsraum eines einzelnen Königs trat. Hieraus erwächst schließlich die Forderung, künftig ohne Verzicht auf übergeordnete Leitkategorien bei der Untersuchung von Herrschaftsfolgen die mögliche Pluralität und die spezifische Prägung des Einzelfalls zu erfassen und Herrschaftspraktiken jenseits dynastischer Fragen entsprechend eigener Chronologien zu untersuchen und nach parallelen Entwicklungen bzw. alternativen Lösungen in anderen (außer)europäischen Herrschaftsräumen zu fragen. Groths stark auf die Herrscherfigur fixiertes Buch ist thesenfreudig und dürfte nicht nur hinsichtlich bestimmter Einzelproblematiken, sondern auch in Bezug auf Periodisierungsfragen und mögliche Alternativmodelle die Diskussion anregen und Nachhall in der Fachwelt finden.+TABRE+Kordula Wolf

Federico Marazzi (a cura di), Felix Terra. Capua e la Terra di Lavoro in età longobarda. Atti del convegno internazionale svoltosi a Capua e Caserta nei giorni 4–7 giugno 2015, Cerro al Volturno (Volturnia Edizioni) 2017 (Studi Vulturnensi 9), 517 pp., ill., ISBN 978-88-96092-47-7, € 80.

Durante il periodo altomedievale Capua e la Terra di Lavoro ebbero una posizione politica ed economica di primo piano nel quadro del Mezzogiorno longobardo, un ruolo che si tradusse in un precoce controllo della città e del suo territorio da parte del gruppo parentale dei Landulfidi e in una ricca produzione artistica e culturale. Il volume curato da Federico Marazzi pone al centro dell’indagine la Campania settentrionale evidenziandone le affinità e divergenze con il resto dell’Italia meridionale longobarda. Se il gastaldo Landolfo di Capua fu tra i protagonisti della politica beneventana e delle lotte di fazioni che portarono alla divisione del principato nell’849, i suoi discendenti seppero condurre una politica sempre più autonoma nei confronti dei principi longobardi, a lungo caratterizzata da una forte competizione interna. L’assunzione del titolo principesco da parte di Atenolfo, che nel 900 riunì Benevento e Capua in un unico organismo politico ampliando così il raggio di azione e il prestigio dei Landulfidi, smorzò solo temporaneamente la conflittualità che aveva sinora coinvolto i vari rami della famiglia. Questa si riaprì nell ’981, dopo la morte di Pandolfo Capodiferro, che per breve tempo riuscì ad unificare tutto il Mezzogiorno longobardo, grazie anche al supporto dell’imperatore Ottone I. Gli atti del convegno sono stati suddivisi in tre sezioni, di cui la prima ha un approccio prevalentemente storico e istituzionale, mentre le successive si occupano rispettivamente delle strutture materiali e della cultura artistica. Nonostante la rilevanza delle fonti disponibili, il gastaldato e poi principato capuano fu a lungo tralasciato dalla storiografia e venne portato agli onori della ricerca da Nicola Cilento, che a partire dagli anni Sessanta lo mise al centro di un più generale interesse verso tutta l’Italia meridionale altomedievale. La prima sezione del volume si pone in dialogo serrato con gli studi condotti da Cilento nel passato. Alcuni contributi ne rilevano i limiti, in particolare – e ancora una volta – per ciò che riguarda il modello di Landesherrschaft proposto per Capua. È questo il caso del saggio di Vito Loré, che sottolinea il ruolo della competizione tra i membri della famiglia dei Landulfidi nella creazione di uno spazio politico autonomo, differente tuttavia da quello di una signoria di tipo fondiario. La maggior parte dei contributi accoglie invece le istanze o perlomeno le linee di ricerca promosse da Cilento. Graham Loud prende in esame le vicende che portarono alla formazione e allo sviluppo dell’arcidiocesi di Capua nel 966, Antonio Tagliente recupera la tradizione erudita meridionale per analizzare la memoria di Pandolfo Capodiferro. Nuovi approcci storiografici sono proposti in particolare nel contributo di Kordula Wolf e Marco Di Branco, che confuta il mito storiografico della distruzione di Capua antica nell’841 in un quadro di generale riconsiderazione della conquista islamica dell’Italia meridionale. L’attenzione al dato materiale apre invece considerazioni rivolte soprattutto alla rappresentazione dell’autorità politica, come emerge dai saggi di Chiara Lambert e Barbara Visentin, e al tessuto insediativo della Terra di Lavoro. Federico Marazzi sottolinea a tale proposito la peculiarità di quest’area, che presenta fenomeni di trasferimento e sdoppiamento dei centri urbani non attestabili altrove con tale diffusione e cronologia. La pubblicazione degli atti del convegno ha quindi il pregio di offrire un ampio panorama di contributi su Capua e la Terra di Lavoro in età altomedievale proponendo alcuni dei più recenti avanzamenti della ricerca sull’Italia meridionale longobarda. Quest’ultima, al centro di un rinnovato interesse storiografico seguito alle recenti edizioni di fonti e caratterizzato da approcci spesso interdisciplinari, si attesta ancora una volta come un laboratorio originale dal punto di vista delle istituzioni e della gestione del territorio, della cultura artistica e materiale.

Giulia Zornetta

Alexander Beihammer/Bettina Krönung/Claudia Ludwig (Hg.), Prosopon Rhomaikon. Ergänzende Studien zur Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit, Berlin (De Gruyter) 2017 (Millennium-Studien zu Kultur und Geschichte des ersten Jahrtausends n. Chr. 68), 289 S., Abb., ISBN 978-3-11-053218-0, € 99,95.

Der vorliegende Sammelbd. stellt gleichzeitig eine Festschrift zum Abschluss der zweiten Abteilung der „Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit (867–1025)“ sowie für Ralph-Johannes Lilie zum 70. Geburtstag dar. Die auf den ersten Blick überraschend anmutende Kombination ist folgerichtig, da in diesem Fall Projekt und Person fast untrennbar verbunden sind. Entsprechend bilden die 16 Beiträge nicht nur Anwendungsbeispiele des reichen prosopographischen Materials in der aktuellen byzantinistischen Forschung, sondern auch entscheidende Arbeitsschwerpunkte des Geehrten ab. Die Vielfalt der Forschungsthemen wurde überzeugend durch die Einbindung in die drei Rahmenkapitel „Strukturwandlungen in Staat und Gesellschaft“, „Prosopa“ und „Byzanz und der Westen“ strukturiert. Nach einer bio- und bibliographischen Einleitung (Alexander Beihammer, Ralph-Johannes Lilie und sein Beitrag zur Byzantinistik, S. 1–13) behandelt im ersten Rahmenkapitel Michael Grünbart, Unter einem guten Stern? Externe Instanzen bei kaiserlichen Entscheidungsprozessen in Byzanz, S. 17–29, das Spannungsverhältnis zwischen dem kaiserlichen Selbstverständnis als Autokrator und der Rolle von Astrologen und Astronomen als Berater bei Entscheidungen. Umfassende Strukturwandlungen sind im Bereich der Militärorganisation erkennbar. Maßnahmen, wie die Einrichtung regionaler Verwaltungseinheiten mit gebündelten militärischen und zivilen Kernkompetenzen (Themata) oder die Auf- bzw. Abrüstung der byzantinischen Kriegsflotte, waren primär situationsbedingt, anhand prosopographischer Belege lassen sich aber auch langfristige Entwicklungslinien aufzeigen (John Haldon, More Questions about the Origins of the Imperial Opsikion, S. 31–41; Ewald Kislinger, Der Ruhm der Rhomaia? Zur byzantinischen Flotte 1028–1081, S. 43–52). Aus dem Rahmenthema fällt der Beitrag von Christos Stavrakos, Ausgewählte unpublizierte byzantinische Bleisiegel aus der Privatsammlung Konstantinos Kalantzis, S. 53–61, heraus, der die Bedeutung von Siegeln und Privatsammlungen für die prosopographische Forschung deutlich macht. Die fundamentale Bedeutung der „Prosopographie zur mittelbyzantinischen Zeit“ in verschiedenen aktuellen Forschungsprojekten zeigen an Fallstudien die Beiträge des zweiten Großkapitels. Besonders nutzbringend sind die Einträge, die sich vom 7. bis zum 12. Jh. erstrecken, für diachronisch angelegte historische Untersuchungen. Thomas Pratsch, Konstantin der Große in der mittelbyzantinischen Zeit, S. 65–83, weist den kontinuierlichen Ausbau des idealtypischen Bildes von Konstantin als christlichem Herrscher in der hagiographischen und säkularen Literatur nach, Günter Prinzing, Slaven oder freie Diener im Spiegel der „Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit“, S. 129–173, dokumentiert in einer umfangreichen, statistisch orientierten Studie die Bedeutung der Prosopographie für eine Sozialgeschichte des byzantinischen Reichs. Die Möglichkeit der Erweiterung der Daten durch nicht-byzantinische (arabische) Quellen zeigt Johannes Pahlitzsch, Prosopographische Notizen zur Mutter des Abu Firas al-Hamdani (320/932–357/968), S. 181–193, auf. Der dritte Themenschwerpunkt widmet sich den politischen und kulturellen Kontakten zwischen Byzanz und dem Westen. Die Balkanhalbinsel stellte seit der Antike eine Grenzzone zwischen der lateinischen und der griechischen Welt dar. In einer detaillierten philologischen Quellenstudie beleuchtet Johannes Koder die geographischen und ethnischen Vorstellungen des byzantinischen Reichs vom Illyricum (Johannes Koder, Illyrikon und Illyrios, S. 197–210). Der bekannte Traditionalismus der byzantinischen Geschichtsschreibung in der geographischen und ethnischen Begrifflichkeit erschwert dabei eine exakte Zuordnung im Wandel der historischen Entwicklung. Interessante Parallelen bei Maßnahmen zur Sicherstellung des Militärdienstes ergeben sich beim Vergleich der Heeresorganisation von Karl dem Großen und Nikephoros I. (Salvatore Cosentino, Land and military service in the ninth century: a note on Nicephorus and Charlemagne, S. 211–219). Militärische Bedürfnisse zwangen beide Herrscher – wohl unabhängig voneinander –, die Rekrutierung breiterer Bevölkerungsschichten durch neue Finanzierungsmodelle anzustoßen und gleichzeitig die Militärflucht zu verhindern oder zumindest mit beträchtlichen Ausgleichszahlungen zu belegen. Parallelen werden auch bei den Missständen bei der Besetzung hoher Kirchenämter durch Söhne aus dem Kaiserhaus oder aus einflussreichen adeligen Familien, häufig deutlich vor Erreichen des kanonischen Mindestalters, und bei den wachsenden Versuchen, diese politische Ämtervergabe einzudämmen, deutlich (Evangelos Chrysos, Minors as patriarchs and popes, S. 221–239). Als lokales Beispiel für einen intensiven Kulturkontakt schildert Vera von Falkenhausen die Entwicklung des Archimandritats von S. Salvatore di Messina unter Onouphrios im 12. Jh. (Onouphrios, Archimandrit von S. Salvatore de Lingua Phari, und die Erzbischöfe von Messina, S. 241–263). Die Rezeptionsgeschichte eines der prägenden Phänomene der mittelbyzantinischen Zeit, des Ikonoklasmos, in der Frühen Neuzeit behandelt abschließend Ilse Rochow, Johannes Damascenus auf der Schulbühne. Zum byzantinischen Ikonoklasmos im Jesuitendrama des 16. bis 18. Jahrhunderts, S. 265–277. Ein umfangreicher Index (Personennamen, Geographika und ausgewählte Sachbegriffe) rundet das Sammelwerk ab und zeigt die große Bandbreite der behandelten Themen. Wer sich mit der der mittelbyzantinischen Zeit beschäftigt, wird den Bd. zweifelsohne sehr nutzbringend konsultieren. Der letzte Themenblock zeigt aber auch, dass Byzanz im Spannungsfeld übergreifender historischer Entwicklungslinien der Geschichte Europas und des Mittelmeerraums steht. In allen Aufsätzen wird deutlich, in welchem Maß ein prosopographisches Lexikon als Beitrag der Grundlagenforschung die Basis für zahlreiche weitere Studien, mit unterschiedlichen methodologischen Ansätzen, bieten kann. Die Zielsetzung der Aufsatzsammlung betont die Vielfalt, der rote Faden zwischen den Einzelbeiträgen ist trotz überzeugender Kapitelgliederung nicht immer einfach erkennbar. Dennoch ist die Lektüre ein Gewinn und kann über die byzantinische Geschichte hinaus anregen, über die Bedeutung historischer Prosopographien und Quellensammlungen für folgende wissenschaftliche Studien nachzudenken.+TABRE+Thomas Hofmann

Stefano Manganaro, Stabilitas regni. Percezione del tempo e durata dell’azione politica nell’età degli Ottoni (936–1024), Bologna (Il Mulino) 2018 (Pubblicazioni dell’Istituto Italiano per gli Studi Storici in Napoli 71), LXXXIX, 350 pp., ISBN 978-88-15-27358-1, € 45.

Il volume prende in esame il concetto di stabilitas regni, ovvero la stabilità dell’istituzione regia nel corso del tempo, nell’esperienza della regalità ottoniana, che dal 936, quando Ottone I ricevette l’unzione a re di Germania, si protrasse fino al 1024, quando morì l’imperatore Enrico II. Punto di partenza della ricerca, sviluppata dall’autore a partire dalla tesi di dottorato discussa nel 2011, è la constatazione della grande frequenza con cui la locuzione stabilitas regni si rintraccia nelle fonti documentarie, soprattutto diplomi, fra VII e XI secolo per descrivere la condizione ideale dell’ordinamento politico: il grande ricorso che se ne fece suggerisce che „il pensiero politico-religioso dell’alto e del pieno medioevo avesse eletto la ‚variabile-tempo‘ a fattore dirimente per giudicare l’ordinamento politico“ e, più in generale, l’ordine del mondo. Poiché quindi „il regno ritenuto migliore era quello stabile, allora ciò che più contava era gestire il fluire del tempo e della storia, preservando immutabile qualcosa che, in ultima analisi, non è riducibile a esso“ (p. X). Lo scopo che l’autore si prefissa è, dunque, quello di verificare la qualità dell’impero ottoniano attraverso questo specifico banco di prova, cioè interrogarsi su come lo scorrere del tempo mettesse alla prova la stabilità di quello specifico ordinamento politico. La ricerca segue così due livelli nell’indagare la realtà storica ottoniana: il primo è „quello delle convinzioni profonde relative all’ordine del mondo e alla percezione del tempo e della storia“, il secondo „quello delle dinamiche politiche e dei funzionamenti del regno“ (p. 323). La corposa introduzione iniziale è propedeutica all’intera trattazione, non solo perché in essa l’autore presenta il proprio questionario di ricerca e le fonti documentarie e letterarie da lui esaminate. Questa parte serve soprattutto a delineare il quadro istituzionale sul quale poi saranno sviluppate le argomentazioni successive. In particolare, lo scopo principale di queste prime pagine è definire il più precisamente possibile i caratteri della regalità e del potere regio e imperiale degli Ottoni: grazie ai contributi della storiografia tedesca, su tutti Hagen Keller e Gerd Althoff, e alle riflessioni della scuola di Torino, con particolare attenzione agli studi di Giovanni Tabacco e Giuseppe Sergi, l’autore definisce „l’impero e i regni ottoniani come Herrschaftsverbände, a cui va tuttavia riconosciuto un certo tasso di statualità“, per il fatto che costituivano „una realtà politica sostenuta dalla memoria del publicum e dalla puntiforme realizzazione di modelli circoscrizionali“ (p. XLII–XLIII). Il primo capitolo indaga quindi la circolazione del concetto di stabilitas regni nell’età ottoniana attraverso i diplomi regi, cioè secondo la prospettiva dei detentori stessi del potere. In queste fonti, la locuzione poteva comparire nell’arenga oppure, più di frequente, nella parte dispositiva, dove si presentava nel complemento di vantaggio pro stabilitate regni, che indicava l’onere di preghiera per i religiosi destinatari del diploma. La seconda parte del capitolo affronta poi un percorso a ritroso nel tempo vagliando le attestazioni documentarie e biblico-patristiche dell’espressione, con lo scopo di individuarne la provenienza. Probabilmente, la genesi dell’idea di stabilitas regni va ricercata nel „De Genesi contra Manichaeos“ di Agostino di Ippona, dove si affronta il tema della regalità come carattere stabilizzatore nella storia dell’uomo. Il secondo capitolo esamina la percezione del tempo e del movimento storico nelle fonti letterarie del periodo ottoniano con l’intento di verificare se e come l’idea della stabilità istituzionale fosse o meno centrale nella visione della realtà e della storia da parte di quegli autori. La conclusione a cui approda l’autore è senz’altro suggestiva: dopo aver riconosciuto il tempo presente come momento a cui era rivolta principalmente l’attenzione delle fonti, egli propone una concezione del movimento storico di tipo sinusoidale, dove si sarebbero alternati costantemente caduta e rinascita, pax e discordia, ed entro cui l’idea di stabilitas avrebbe rappresentato, certamente, la condizione ideale più auspicabile. Tuttavia, questa interpretazione muove dall’assunto, non sempre condivisibile, che tutte le fonti letterarie e cronachistiche del tempo adoperassero il medesimo punto di vista nei confronti del potere ottoniano, come se facessero parte della medesima intellighenzia sul modello di uno stato moderno, secondo una prospettiva uniformemente orientata universalmente alla stabilitas dell’ordine costituito. Infine, conclude il volume il capitolo che affronta la principale domanda della ricerca: alla luce del concetto della stabilitas regni, riconosciuto come dominante nella concezione ideologica del potere regio del periodo, l’autore vuole stabilire la ricaduta pratica della nozione di tempo „stabile“ nell’agire politico di Ottone I e dei successori. Si tratta insomma di verificare se le azioni dei sovrani erano caratterizzate da una progettualità a breve o a medio-lungo termine: grazie all’analisi dei diplomi conferiti ai Reichsklöster e ai Reichsstifte, il quadro delineato è assai eterogeneo. L’autore riscontra delle evidenti differenze su base regionale che avrebbero impedito lo stabilizzarsi uniforme del regno come istituzione. Ad esempio, in Sassonia orientale, cioè nel fulcro del potere ottoniano, all’ampio uso del mundeburdio regio nei rapporti con i monasteri – sia quelli liudolfingi-ottoniani, sia gli Eigenklöster/Eigenstifte dell’aristocrazia – è riconosciuta la valenza di „una comune strategia regia di assorbimento di tutti questi enti nell’orbita ottoniana“ (p. 327), che permetteva di organizzare e rendere duratura l’azione dei sovrani. Nella regione dell’Assia, invece, come anche nella maggioranza delle altre regioni, le relazioni con i Reichsklöster furono in massima parte soggette ai condizionamenti politici esterni. In gran parte del territorio imperiale, quindi, l’azione degli Ottoni fu più constatativa, meno progettuale e perciò meno stabile. È in questo dinamismo caotico degli eventi e della storia che grazie alle preghiere incessanti dei religiosi si confidava di sopravvivere, affidandosi idealmente al concetto di stabilitas regni.

Edoardo Manarini

Domenico Cerami, Il colto e l’incolto. L’abate Rodolfo I (1002–1035) e l’abbazia di Nonantola, Modena (Edizioni Il Fiorino) 2017 (Biblioteca / Centro Studi Storici Nonantolani 62), 133 pp., ill., ISBN 978-88-7549-712-5, € 15.

Il volume affronta la storia dell’abbazia modenese di S. Silvestro di Nonantola durante il periodo dell’abbaziato di Rodolfo I, che coprì i primi tre decenni del secolo XI. La storiografia ha da tempo proposto quegli anni come il momento di svolta per l’abbazia e la sua comunità monastica, che avrebbe superato la crisi del secolo X proprio grazie all’operato di Rodolfo. Egli, grazie alle sue capacità politiche e culturali, avrebbe lottato perché la propria comunità monastica ottenesse maggiore autonomia dal potere regio germanico, dal vicino presule modenese e dalla potente costruzione egemonica dei Canossa. Lo studio dell’autore si inserisce a pieno in questo orientamento storiografico, proponendo una ricostruzione storica – sebbene a tratti assuma toni dal sapore agiografico – quanto più complessiva possibile delle vicende abbaziali tra i secoli X e XI. Il libro non segue un filo narrativo unitario ma è suddiviso in sei capitoli tematici, ognuno dei quali prende in esame un aspetto significativo dell’abbaziato di Rodolfo e, dunque, della storia nonantolana. Il primo capitolo ripercorre le vicende abbaziali del secolo X, allo scopo di introdurre e considerare sul lungo periodo i temi e i problemi affrontati nell’analisi successiva. Il secondo è dedicato alla ricostruzione genealogica delle origini familiari dell’abate, che, sebbene solo per via indiziaria, l’autore propone essere stato di provenienza milanese. Inoltre sono presi in esame anche i primi atti privati che attestano il governo dell’abate: per gli anni 1002–1013 sono in tutto tredici documenti che attestano l’amministrazione del patrimonio abbaziale da parte di Rodolfo. L’analisi prosegue, poi, considerando gli avvenimenti politici che ebbero luogo nel regno italico dopo la morte di Ottone III (24 gennaio 1002) fino a tutto il regno di Corrado II (1024–1039) e come questi eventi e protagonisti coinvolsero l’abbazia e Rodolfo medesimo. Il quarto capitolo è dedicato agli aspetti culturali del governo abbaziale. Alla luce dei recenti studi sulla cultura libraria a Nonantola nel medioevo – fra i più citati dall’autore vi è il lavoro di Mariapia Branchi, Lo scriptorium e la biblioteca di Nonantola, del 2011 – l’autore propone un quadro di sintesi sulle testimonianze e sui funzionamenti dei tre luoghi cardine per la cultura e memoria abbaziale al tempo di Rodolfo: la biblioteca, lo scriptorium e l’archivio. L’ultima sezione analitica del testo è dedicata ai luoghi e alle proprietà del patrimonio nonantolano, esaminati attraverso i diversi negozi giuridici attestati dalla documentazione del periodo. Tutti questi elementi sono considerati nell’ottica di ricomporre l’amministrazione economica e patrimoniale dell’abate entro i contorni di ciò che, ormai a quelle altezze cronologiche, può essere senz’altro definito il dominatus loci di Nonantola. Il volume termina con un capitolo conclusivo che sostanzialmente propone un bilancio delle pagine precedenti, ripercorre le interpretazioni proposte, sottolinea i punti più critici, frutto di ragionamenti indiziari. Infine, è necessario menzionare gli apparati documentari posti a corredo del testo. La sezione finale del volume comprende tre appendici dedicate a regesti di documenti: la prima consta di 53 regesti ed elenca in ordine cronologico gli atti riconducibili in modo diretto all’abbaziato di Rodolfo I (1002–1035); la seconda appendice comprende un gruppo di 5 documenti anch’essi riconducibili al periodo di Rodolfo, ma caratterizzati da una tradizione archivistica problematica, di cui si dà conto; la terza e ultima appendice elenca 7 pergamene che l’archivio abbaziale conserva per il medesimo periodo, le quali, tuttavia, dovettero essere conservate dall’istituzione monastica in quanto munimina relativi a contratti stipulati successivamente. Per ogni documento, oltre a un breve regesto, è fornita la collocazione archivistica e, ove possibile, l’edizione e le indicazioni bibliografiche.

Edoardo Manarini

Alfio Cortonesi/Angela Lanconelli, La Tuscia pontificia nel medioevo. Ricerche di storia, Trieste (CERM) 2016 (Studi / Centro Europeo Ricerche Medievali 14), 435 pp., ISBN 978-88-95368-26-9, € 30.

Il volume raccoglie diciassette contributi già pubblicati in diverse sedi, a partire dagli anni Ottanta del Novecento fino a tempi ben più recenti, ed è preceduto da un’accurata prefazione di Giuliano Pinto. La Tuscia pontificia, cui il titolo si riferisce, è la parte del Patrimonio di San Pietro in Tuscia che, nel corso del Duecento, si incentrò sulla città di Viterbo, tra la riva destra del Tevere e la costa tirrenica. Nella prima parte del volume, dal titolo „Politica, amministrazione e territorio“, si affrontano, appunto, le dinamiche politico-istituzionali, da quelle più strettamente amministrative e fiscali a quelle insediative e viarie, spingendosi cronologicamente fino a quei secoli altomedievali di difficile inquadramento per la penuria di documentazione. Quella pervenutaci, però, viene sfruttata con accuratezza per tracciare, almeno nelle coordinate essenziali, la graduale crescita di Viterbo da castello – che si può ritenere in via ipotetica essere sorto, come non di rado nell’Italia centrale, da un precedente insediamento etrusco-romano – a città. Nelle vicende di Viterbo un ruolo importante lo ebbe il passaggio della strada Francigena ma le pagine dedicate alle vicende viarie, ben lungi dal limitarsi a un approccio ormai stereotipato a questa pur importante arteria di comunicazione, si soffermano su fonti legate alla custodia e conservazione delle vie interne dei vari centri abitati e di quelle extraurbane. È dal tardo secolo XII che la storia di Viterbo e del territorio contermine comincia ad essere illuminata da fonti sempre più ricche e di varia natura che i due autori ben conoscono e di cui valorizzano l’eterogeneità, andando ad occuparsi anche di altri importanti centri dell’area, come Orte e Civita Castellana, fino a spingersi al castello di Radicofani che, del Patrimonio, costituì per vari decenni il limite settentrionale, incuneato nei territori imperiali derivanti dalla marca di Tuscia: e in effetti, due capitoli della prima parte sono relativi alle rocche, così importanti nella costruzione del dominio pontificio per il periodo di maggiore interesse dell’opera, cioè i secoli XIII–XV. La seconda sezione del volume ha per titolo „Agricoltura, paesaggi e lavoro“ e, del resto, sia Angela Lanconelli sia Alfio Cortonesi hanno pubblicato monografie ben note sullo sfruttamento della terra, sulla produzione, la conservazione, la lavorazione e il commercio delle risorse agrarie. Anche per queste tematiche, l’orizzonte sia geografico sia delle fonti sia, ancora, delle tematiche affrontate è ampio, sebbene sempre ricondotto nell’alveo territoriale viterbese. Dopo un’apertura dedicata a boschi, pascoli e allevamento basata sulla contrattualistica di affidamento del bestiame, si passa a vari studi sulla coltivazione e la conservazione dei cerali nelle campagne di Viterbo, Tuscania e Montalto, con particolare attenzione a Due e Trecento. Segue un capitolo sulla viticoltura e la produzione del vino nel tardo medioevo, arricchito da un’appendice sullo Statuto dell’arte dei vignaioli di Viterbo del 1522: del resto, Cortonesi è uno dei maggiori esperti di documentazione statutaria, soprattutto – ma non solo – delle varie subregioni interne all’odierno Lazio e, più genericamente, i due studiosi sono entrambi profondi conoscitori della produzione scritta istituzionale dei comuni medievali, pur non limitandosi ad essa: per il capitolo dedicato all’allevamento delle anguille sul fiume Marta è, ad esempio, la documentazione della Camera Apostolica ad essere valorizzata da Angela Lanconelli che del resto, in più occasioni, anche per questo stesso volume, si è avvalsa di fonti vaticane. Infine, si segnalano altri due capitoli dedicati uno al catasto quattrocentesco di Capranica e un altro alla costruzione della rocca di Montefiascone negli anni tra il 1348 e il 1359: in questo caso, però, a differenza dei capitoli sulle strutture fortificate della prima parte, al centro dell’attenzione dello studio vi sono i rapporti di lavoro instaurati tra l’amministrazione pontificia e le maestranze coinvolte in tale opera. A completamento del volume va segnalato un elenco delle fonti edite, un secondo delle opere citate e, ultimo ma non meno importante, un indice dei nomi di persona e di luogo, strumento non secondario per rendere più fruibile l’opera.+TABRE+Mario Marrocchi

Registrum Petri Diaconi (Montecassino, Archivio dell’Abbazia, Reg. 3). Edizione e commento a cura di Jean-Marie Martin, Roma (École française de Rome) 2015 (Sources et documents 4. Fonti per la storia dell’Italia medievale. Antiquitates 45), 4 voll., 2184 pp., ISBN 978-2-7283-1083-8, 978-88-98079-24-7, € 160.

Grazie al lavoro di équipe coordinato da Jean-Marie Martin, i quattro volumi raccolgono l’edizione diplomatica del „Registrum Petri Diaconi“ (Montecassino, Archivio dell’Abbazia, Reg. 3). Il codice fu compilato dall’archivista e bibliotecario cassinese Pietro Diacono tra il 1131 e 1133. Esso contiene il grande cartulario generale dell’abbazia di Montecassino, nel quale Pietro inserì l’elenco e la trascrizione dei documenti che attestavano proprietà e diritti dell’abbazia. Altresì, il manoscritto „costituisce, per se stesso, un monumento culturale“, in quanto la sua redazione si inserisce senz’altro nella „produzione complessiva che mira a trasmettere la memoria dell’abbazia“ (p. 1714). L’assoluta rilevanza del codice all’interno della documentazione abbaziale e il peso avuto da Pietro Diacono nella costruzione della memoria cassinese delineano appieno l’importanza della presente edizione. Ora, gli studiosi hanno a disposizione la trascrizione di 716 documenti cassinesi, di cui circa solo un quarto è ancora conservato in archivio in originale. Inoltre, 140 di questi documenti risultavano ancora inediti. La rappresentazione dell’archivio che ne deriva e la vasta mole di documentazione trascritta ed esaminata rappresenta un notevole passo in avanti per chi si dedica alla storia cassinese e dell’Italia meridionale in generale, anche per il fatto che ogni documento è commentato attraverso un triplice sistema di note: il primo si riferisce al testo stesso del cartulario e permette di capire come lavoravano i copisti; la seconda seria di note presenta, quando possibile, le divergenze tra la copia trascritta nel Registrum e altre versioni dello stesso documento, originale o altra copia, ancora conservate nell’archivio abbaziale; infine, l’ultima serie attiene alle consuete note storiche. Per di più, lo studio approfondito del codice ha permesso di consolidare le conoscenze in merito alla figura di Pietro Diacono e riguardo alla sua attività di archivista di Montecassino. Grazie alla prospettiva complessiva adottata dagli editori, infatti, emerge il valore essenzialmente ecclesiologico e politico del cartulario, che dunque non fu redatto con meri intenti compilativi e ordinatori del materiale archivistico e nemmeno allo scopo di dotare l’abbazia di uno strumento di gestione delle terre. Dietro le scelte redazionali circa quali documenti includere e quali scartare giaceva invece la volontà di Pietro Diacono „di richiamare il rango dell’abbazia nella Chiesa e nell’Impero“ (p. 1760). Pietro compilò il cartulario per illustrare e difendere la posizione di Montecassino nei confronti della Chiesa romana, per dimostrare, cioè, come essa occupasse un posto specifico nell’economia della cristianità e che, come tale, l’abbazia doveva essere riconosciuta e rispettata. La suddivisione dell’edizione in volumi segue le partizioni interne al cartulario. Il primo volume raccoglie l’inizio del codice che è composto dalla dedica all’abate Seniorectus e dall’elenco dei privilegi pontifici. A questa parte introduttiva, nel Quattrocento fu premesso un indice generale dell’intero cartulario che dunque oggi occupa i primi sette fogli del codice. La prima sezione di documenti è intitolata „Privilegia Praecepta“ e raccoglie dunque privilegi, decreti e lettere pontificie e precetti imperiali e regi. La seconda sezione è costituita dalle oblationes, ovvero le disposizioni patrimoniali ottenute da principi territoriali e da soggetti privati, che occupano il secondo volume e parte del terzo. Quest’ultimo si conclude poi con la sezione finale del codice che è composta dai sacramentaria, cioè i documenti che registravano i giuramenti. Infine, il quarto volume dell’edizione presenta un vasto e approfondito studio dedicato al codice e al suo autore, tre appendici tematiche („Gli abati di Montecassino“, „I possedimenti di Montecassino“, „Confini della Terra sancti Benedicti“), una sezione di carte, la bibliografia e l’indice dei luoghi, delle persone e delle cose notevoli.+TABRE+Edoardo Manarini

Guido Cariboni/Nicolangelo D’Acunto (a cura di), Costruzione identitaria e spazi sociali. Nuovi studi sul monachesimo cistercense nel Medioevo. Atti dell’incontro di studio (Milano, 1–2 dicembre 2015), Spoleto (Fondazione Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo) 2017 (Incontri di studio / Fondazione Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo 16), XXVI, 356 S., Abb., ISBN 978-88-6809-145-3, € 60.

Vorliegender Bd. geht auf eine von der Università Cattolica del Sacro Cuore, Milano organisierte Tagung anlässlich des 900-jährigen Gründungsjubiläums von Clairvaux zurück, deren erklärtes Ziel es war, sich über den status quo der Zisterzienserforschung in Italien zu verständigen. Eine mise à jour dieser ausgesprochen vitalen Forschung stand auf der Tagesordnung, und, so viel sei vorweggenommen, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die im Tagungsbd. versammelten 13 Beiträge, deren Vf. zu einem nicht geringen Teil am Beginn ihrer wissenschaftlichen Karriere stehen, sind grosso modo vier Themenblöcken zuzuordnen: 1. Handschriften; 2. Institutionen und Gesellschaft; 3. Überlieferung; 4. Architektur. Es handelt sich dabei um Fallstudien, anhand derer sich die Leistungsfähigkeit aktueller Forschungsparadigmata innerhalb der Ordenforschung verifizieren (gegebenenfalls auch falsifizieren) lassen. Claudio Giuliodori, emeritierter Bischof von Macerata, beschwört in seiner Vorrede wie viele andere vor ihm die „visione unitaria“ Bernhards von Clairvaux, des „schwierigen Heiligen“, eine Vision menschlichen Lebens „come vicenda in cui le dimensioni personali, sociali e culturali trovavano piena unificazione in una armonica tensione spirituali“ (S. XII). Hier war wohl der Wunsch nach Harmonie und Konsens Vater des Gedankens: noch nicht einmal Bernhard selbst hat diese Spannung als „harmonisch“ begriffen. Auf einige der Aufsätze sei in der Folge stellvertretend eingegangen. Mirella Ferrari lässt in ihrem Beitrag die Einträge zu den Schriften des Ambrosius von Mailand in einigen Bibliothekskatalogen der Zisterzienser in Frankreich und England Revue passieren, richtet ihr Augenmerk dabei jedoch besonders auf die Präsenz des Kirchenvaters in den Bibliotheken der Klöster Heiligenkreuz und Zwettl und weist die Existenz einer eigenen Handschriftengruppe des „Hexameron“, „De paradiso“ und „De Cain et Abel“ nach, die in den Klöstern Österreichs und Bayerns verbreitet war und dort auch kopiert wurde (S. 1–39). Miriam Rita Tessera, jüngst mit einem eigenen, ausgesprochen luziden Überblick zur Geschichte der Zisterzienerforschungen in Italien hervorgetreten (Zisterzienserforschung in Italien während der vergangenen 30 Jahre, in: Cistercienser Chronik 124 [2017], S. 549–572), widmet sich mit Philippe, Abt von Aumône († 1175), einem der prominenten Zisterzienser des 12. Jh. (S. 41–72). 40 seiner Briefe sind in zwei aus dem 12. Jh. stammenden Hss. überliefert, ein dritter Textzeuge aus der Abtei Foigny scheint verloren. Die Überlieferung der Briefe ist zufallsbedingt und entspricht nicht etwa dem Willen des Verfassers (oder anderer), ein geschlossenes Briefcorpus zu überliefern: „… le collezioni di Filippo fossero assemblate per servire soprattutto come exempla letterari e spirituali in un contesto monastico“ (S. 58). Philippe war (1133 schismatisch gewählter und abgesetzter) Erzbischof von Tours, Erzdiakon von Lüttich, Prior von Clairvaux (unter Bernhard), dann ab 1155/1156 Abt von Aumône (Elemosina). Aufgrund dieser Ämterfülle verfügte er über ein hervorragendes Netzwerk, das dem zentralen monastischen Konzept der amicitia verpflichtet war. Sein Eintritt bei den Zisterziensern wurde durch die Predigten Bernhards im Lütticher Raum veranlasst. Politisch aktiv, betätigte sich Philippe freilich auch schriftstellerisch und verfasste eine „Vita Sancti Amandi“ und eine „Passio sancti Cyriaci et Juditae“. In einem Anhang sind drei Briefe kritisch ediert: einer an Thomas Becket, Erzbischof von Canterbury und zwei weitere an Johannes, Abt der Benediktinerabtei Saint-Amand. Forschungsneuland betritt auch Gianmarco Cossandi mit seinen Ausführungen zur Rolle der Zisterzienser von San Pietro in Cerreto bei der Verwaltung des Ospedale di Giovanni Pecora in Brescia (S. 73–95). Im 12., vor allem aber im 13. Jh. spricht man in der italienischen Forschung von einer „rivoluzione della carità“ und verweist damit auf das Phänomen der Sensibilisierung breiter Massen für das Problem innerstädtischer Armut. Klöster und Pfarreien unterhielten Hospize und waren für deren Unterhalt und Finanzierung auf die Mitwirkung von Laien angewiesen. Solcherart Aktivitäten gehörten sicherlich nicht zu den Kernkompetenzen der Zisterzienser, waren für sie aber ausgesprochen nützlich, um sich einzufügen „in un ambito territoriale lontano dalla loro sede, dove non erano ancora presenti“ (S. 77), wie Cossandi eindrucksvoll demonstriert. In einem Anhang (S. 91–95) sind zwei Urkunden ediert: die „Gründungsurkunde“ durch Innozenz IV. (12. 7. 1253) und die „Eingliederungsurkunde“ des Ospedale in das neue große Heiliggeist-Spital durch Nikolaus V. (27. 4. 1454). Weniger innovativ und nicht ganz auf der Höhe aktueller Forschungen präsentiert sich der Überblick von Stefania Anzoise über die Präsenz der Zisterzienser in den Kardinalskollegien Innozenzʼ II. und Eugens III. (S. 97–117). Dabei wird der Aufstieg von sechs Kardinälen beschrieben (mitunter ist von sieben die Rede, vgl. S. 114), ohne dass dabei die eigentlich zentrale Frage beantwortet würde, was vom zisteriensischen „Charisma“ hinüber ins Kardinalat gerettet werden konnte. Einige eher kunsthistorisch ausgerichtete Beiträge beschäftigen sich etwa mit Architektur und Malerei auf dem Friedhof der Abtei Chiaravalle Milanese (Federico Riccobono, S. 119–146) oder den Fassaden von Zisterzienserkirchen im Piemont (Silvia Beltramo, S. 259–291). Aus seinen eigenen Publikationen zur Materie schöpft Timothy Salemme und gibt Einblick in Archivaufbau und -pflege der Zisterzienser unter besonderer Berücksichtigung der mittelalterlichen Chartulare der Abtei Chiaravalle Milanese, von denen eines erhalten, ein zweites von Salemme mit großem Scharfsinn rekonstruiert wird (S. 147–178). Insgesamt zeugen die Beiträge des Bd. vom hohen Niveau und der ungebrochenen Vitalität der italienischen Zisterzienserforschung. Guido Cariboni sagt dazu in seinen abschließenden und zusammenfassenden Bemerkungen noch einmal das Nötige (S. 347–355). Auch die editorische Qualität des Bd. ist erfreulich hoch, einzig einige der englischen Abstracts hätten einen weiteren Korrekturdurchgang verdient gehabt.+TABRE+Ralf Lützelschwab

Mirko Vagnoni, Dei gratia rex Sicilie. Scene d’incoronazione divina nell’iconografia regia normanna, Napoli (FedOA-Federico II University Press) 2017 (Regna. Testi e studi su istituzioni, cultura e memoria del Mezzogiorno medievale 1), 186 S., Abb., ISBN 978-88-6887-018-8, kostenfreie Online-Version: http://www.fedoabooks.unina.it.

Ausgehend von den Studien Percy Ernst Schramms zur Staatssymbolik und angeregt durch die Forschungen zur sozialen Praxis der Memoria möchte die vorliegende Publikation anhand der Analyse von drei Herrscherdarstellungen einen neuen Beitrag zur Debatte über die Herrschaftsideologie und Sakralität der normannisch-sizilischen Könige liefern. Hierfür hat Mirko Vagnoni, der sich bereits in seiner Diss. mit der Herrschaftssakralität der normannischen Könige beschäftigt hat (Le rappresentazioni del potere. La sacralità regia dei Normanni di Sicilia: un mito?, Bari 2012), drei ganz unterschiedliche Bildzeugnisse in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen gestellt: Nikolaus von Bari segnet König Roger II. in der Basilika San Nicola in Bari, Christus krönt Roger II. in der Kirche Santa Maria dell’Ammiraglio in Palermo und Christus krönt König Wilhelm II. in der Kathedrale von Monreale. Alle drei Herrscherdarstellungen, die sich bezüglich Sichtbarkeit und Auftraggeber essentiell unterscheiden, werden in den folgenden drei Hauptkapiteln der Arbeit (S. 25–127) den gleichen Analysekriterien (Auftraggeber, Datierung, Adressat und architektonischer Kontext, ikonographische Besonderheiten, dargestellte Themen und Motive, Positionierung und Sichtbarkeit, Funktion und Botschaft, historisch-politischer Kontext, ideologisch-kultureller Kontext) unterworfen. Vor allem hinsichtlich Dimensionen, Positionierung und Sichtbarkeit gelingt es dem Vf., den bisherigen Debatten um diese Bildzeugnisse eine neue Wendung zu geben. So interpretiert er auch aufgrund der historisch-politischen Ereignisse die Darstellung Rogers II. in San Nicola von Bari weniger aus herrschaftslegitimierenden und propagandistischen Gesichtspunkten, sondern ordnet sie eher in einen religiös-liturgisch motivierten Bereich ein, der vom Stadtklerus initiiert wurde. Ebenso weist er dem Mosaik von der Krönung Rogers II. durch Christus in der Kirche Santa Maria dell’Ammiraglio in Palermo einen religiös-verehrenden Charakter im funeralen Kontext von Seiten des Auftraggebers Georg von Antiochia zu und bestreitet auch in diesem Fall einen propagandistisch-politischen Auftrag. Weniger als politisch intendiertes Herrscherbild interpretiert Vagnoni das Mosaik von der Krönung Wilhelms II. durch Christus in der Kathedrale von Monreale, das als einziges der drei behandelten Herrscherdarstellungen von Wilhelm II. selbst in Auftrag gegeben wurde. Aufgrund der vergleichenden Analyse zahlreicher weiterer schriftlicher Quellen geht der Vf. auch in diesem Fall eher von einer religiös motivierten Auftraggeberschaft zur Sicherung des königlichen Seelenheils (pro remedio animae) und vom Ausdruck der Dankbarkeit für die göttliche Unterstützung seiner Herrschaft als von einer politischen Kommunikationsstrategie aus. In einem sehr kurzen Schlusskapitel (S. 129–132) fasst Vagnoni seine Beobachtungen zusammen und regt dazu an, sich bei der Interpretation dieser „Herrscherbilder“ weniger von der stark politisch und ideologisch geprägten Forschung zur Staatssymbolik beeinflussen zu lassen. Abgerundet wird diese thesenreiche und gut lesbare Publikation durch zahlreiche Abb., ein Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Personen- und Ortsregister.+TABRE+Julia Becker

Patrick Mullins, The Life of St. Albert of Jersalem. A Documentary Biography, Roma (Edizioni Carmelitane) 2016–2017 (Textus et studia historica Carmelitana 42/43), 2 Bde., 604, 603 S., Abb., ISBN 978-88-7288-162-0, 978-88-7288-163-7, € 90 (2 Bde.).

Das biographische Genre blüht. Zu den vielen in den vergangenen Jahren erschienenen Biographien über mehr oder minder bedeutende Päpste, Bischöfe und Kardinäle gesellt sich nun eine „documentary biography“ titulierte Untersuchung über Albert degli Avogadri (ca. 1150–1214), Lateinischer Patiarch von Jerusalem, der heute vor allem deshalb bekannt ist, weil er den am Berg Karmel siedelnden Eremiten, aus denen bald Karmeliter werden sollten, ihre erste „Regel“, die sogenannte formula vitae, übergab. Der Vf. dieser Biographie, der Karmelit Patrick Mullins, hat bereits 2015 mit zwei schwergewichtigen Bänden zu Albert auf sich aufmerksam gemacht (The Carmelites and St Albert of Jerusalem. Origins and Identity; Daniel Papenbroeck, The Bollandist Dossier on St Albert of Jerusalem, edited and translated by Patrick Mullins). Nun also die zweibändige „documentary biography“, die angesichts der breiten historischen Kontextualisierung und der Einbindung nahezu aller mit Albert in Verbindung stehender Quellenbelege wohl nur monumental zu nennen ist und auf sehr lange Zeit hin ihren Wert behalten dürfte. Die Gliederung des Werks erfolgt, den einzelnen Karrierestationen Alberts folgend, strikt chronologisch in fünf Sektionen mit insgesamt 24 Kapiteln (I. Early Life, Canon of Mortara and Bishop-Elect of Bobbio, c. 1150–1185; II. Bishop and Count of Vercelli, 1185–1191; III. Bishop and Count of Vercelli under Pope Celestine III, 1191–1198; IV. Bishop and Count of Vercelli under Pope Innocent III, 1198–1205; V. Latin Patriarch of Jerusalem, 1206–1214). Hinzu treten eine Einleitung und eine Zusammenfassung. Dem Leser, der vor der Lektüre von über 1000 Seiten zurückschreckt, werden ausgesprochen probate Hilfsmittel an die Hand gegeben, um individuelle Schneisen in das biographische Dickicht zu schlagen, wird doch jedes Kapitel mit einer Art knapper Inhaltsangabe eröffnet, in der auf die wichtigsten behandelten Punkte und Ergebnisse verwiesen wird. In Verbindung mit den sorgfältig gearbeiteten Indizes kann man also sehr gut abschätzen, ob bzw. wie stark einzelne Passagen relevant für die eigenen Forschungen sind. Mullins geht mit wissenschaftlicher Akribie und Augenmaß vor. Insbesondere in der Beschreibung der frühen Lebensjahre Alberts häufen sich Formulierungen der Art may/might/could be possible, was angesichts der mehr als schmalen Quellenbasis durchaus verständlich ist. Überzeugend präsentiert sich der Zugriff auf die in Vercelli verbrachten Bischofsjahre, wo eben nicht allein sein Wirken für (bzw. mitunter gegen) den Kaiser oder seine diplomatischen Aktivitäten im Auftrag des Papsttums im Mittelpunkt des Interesses stehen, sondern auch die pastorale Seite seines Episkopats erfreulich hell ausgeleuchtet wird. Doch zugegeben: für die Position als Patriarch von Jerusalem empfahl er sich Innozenz III. wohl vor allem aufgrund seiner erfolgreichen Tätigkeit als päpstlich beauftragter Richter (iudex delegatus). Bereits im Jahr 1201 war Albert vom Papst damit beauftragt worden, für die Humiliaten eine Lebenform (propositum) schriftlich verbindlich zu fixieren. Mit der Ausfertigung der formula vitae für die Gemeinschaft der Proto-Karmeliten einige Jahre später betrat er also nicht völliges Neuland. Als zumeist in Akkon residierender Patriarch von Jerusalem bleibt Albert seltsam blass, was sicherlich der katastrophalen Quellensituation geschuldet ist. Er tritt als Vermittler in Rechtstreitigkeiten zu Tage, sein gutes Verhältnis zu Vertretern des Deutschen Ordens ist ebenfalls belegt. Wie er jedoch konkret apud christifideles wirkte, inwieweit er angesichts der desaströsen militärisch-politischen Lage seinen pastoralen Verpflichtungen nachkam, bleibt weitestgehend im Dunkeln. Als er während einer Prozession in Akkon 1214 vom Meister des Heilig-Geist-Hospitals der Johanniter ermordet wurde, waren die institutionellen Strukturen im Heiligen Land bereits seit längerem unter Druck geraten. Durch seine Doppelfunktion als Patriarch und päpstlicher Legat war Albert immer wieder in die hohe Politik eingebunden, vermittelte im Streit um die Führung im Fürstentum Antiochia, beschränkte seine Wirksamkeit aber nicht nur auf das Heilige Land stricto sensu, sondern machte seinen Einfluss auch auf Zypern und in Ägypten geltend. Seine Aktivitäten für die Einsiedler am Berg Karmel erscheinen vor diesem Hintergrund fast schon als nebensächlich – und Mullins widmet ihnen tatsächlich auch nur wenige Seiten (II, S. 466–485), erliegt also nicht der Versuchung, ein historisches Faktum unter vielen über Gebühr aufzuwerten. Mullins hat in seinem opus magnum eine enorme Stofffülle glanzvoll bewältigt. Auf die Aussagekraft der Überlieferung vertrauend, zitiert er aus nahezu jeder der 250 mit Albert unmittelbar in Zusammenhang stehenden Quellen entweder ganz oder in aussagekräftigen Auszügen. Und anders als inzwischen leider weitgehend üblich, wird die englische Übersetzung im Haupttext durch das lateinische Original in den Fußnoten ergänzt. So kann sich jeder unmittelbar selbst von der Tragfähigkeit der vorgeschlagenen Interpretationen überzeugen. Dass sich Mullins Ausführungen insgesamt auch sehr gut lesen, sei nur am Rande vermerkt. Zugegeben: der Zugriff auf die Quellen gemahnt mitunter an den positivistischen Sammeleifer, der sich in Biographien ähnlichen Zuschnitts vom Ende des 19. Jh. findet. Dies mag nicht jeder goutieren. Den Vorwurf, Quelle an Quelle, Aussage an Aussage aneinandergereiht, nicht aber wirklich gedeutet zu haben, kann man ihm jedoch nicht machen. Und auch ein weiterer Vorwurf, mit dem man schnell bei der Hand ist, wenn ein Karmelit über Persönlichkeiten des eigenen Ordens handelt, zielt gänzlich ins Leere: Mullins betreibt alles andere als billige Panegyrik, sondern liefert im Gegenteil eine auf der Höhe der aktuellen Forschung stehende, allen wissenschaftlichen Standards genügende Biographie. Die Karmeliter verfügten nach ihrem erzwungenen Weggang aus dem Heiligen Land und der Ankunft in Europa in den ersten Jahrzehnten des 13. Jh. (noch) über keinen Ordensheiligen von Rang, über keine Gründungsgestalt, in der sich ein wie auch immer geartetes Ordenscharisma hätte bündeln lassen. Mullins Arbeit lässt einen verstehen, weshalb Albert als eigentlich naheliegender Kandidat dafür nicht in Frage kommen konnte.+TABRE+Ralf Lützelschwab

Michelle M. Sauer/Kevin J. Alban (Hg.), Celebrating St. Albert and his Rule. Rules, Devotion, Orthodoxy and Dissent, Roma (Edizioni Carmelitane) 2018 (Textus et studia historica Carmelitana 44), 207 S., Abb., ISBN 978-88-7288-166-8, € 19.

Die Erforschung der Frühzeit des Karmeliterordens scheint derzeit en vogue. Und erfreulicherweise geht der Großteil der Forschungsinitiativen vom Orden selbst aus, der in Rom ein eigenes Historisches Institut unterhält, das wiederum für eine jährlich erscheinende, wissenschaftliche Zeitschrift (Carmelus) verantwortlich zeichnet. In vorliegendem Bd. gliedern sich zehn Beiträge in zwei große Abschnitte (I. Devotion & the Rule; II. Orthodoxy & Dissent in England) und tragen dazu bei, „the deep and metahistorical sense of our Rule“ (S. 15) besser verstehbar zu machen. „Metageschichte“ gehört zwar nicht unbedingt zur Kernkompetenz des Rezensenten, doch zeichnen viele der Beiträge tatsächlich ein überaus eindrucksvolles Bild von der Genese und Entwicklung der Karmeliterregel(n). Insbesondere dem Jubiläum 2007, in dem des 800. „Geburtstages“ der Regel gedacht wurde, sind viele maßgebliche Beiträge zu verdanken. Man darf es wohl so sagen: zu keinem Zeitpunkt wusste man über die Regel besser Bescheid als heute. Albert Avogadro, besser bekannt als Heiliger Albert von Jerusalem (1149–1214), war ein Jurist, der in die 1082 gegründete Gemeinschaft der Regularkanoniker vom Heiligen Kreuz in Mortara (Pavia) eintrat. Dort folgte man der Augustinerregel, kümmerte sich um die Pilger auf ihrem Weg nach Santiago und pflegte die Handarbeit. 1180 wurde Albert Prior dieser Gemeinschaft, agierte in dieser Funktion aber lediglich vier Jahre. Bereits 1184 wählte man ihn zum Bischof von Bobbio, ein Jahr später zum Bischof von Vercelli. Ins Rampenlicht karmelitischer Ordensgeschichte trat er 1205, als ihn Innozenz III. zum Patriarchen von Jerusalem ernannte. In dieser Eigenschaft schrieb er für die an den Hängen des Berg Karmel siedelnden Eremiten eine erste, formula vitae genannte Regel. Die Abfassung fand irgendwann zwischen seine Ankunft im Heiligen Land 1206 und seiner Ermordung 1214 statt. Honorius III. bestätigte diese Regel 1226 (Ut vivendi normam), Innozenz IV. revidierte sie, unterstützt vom Dominikanerkardinal Hugo von St. Cher und Wilhelm, dem Dominikanerbischof von Tortosa, 1247 leicht (Quae honorem). Patrick Mullins zeichnet in seinem Beitrag Genese und Entwicklung der Regel kompetent nach und charakterisiert Albert als unabhängigen Autor, der seine unterschiedlichen Quellen (immerhin 79 an der Zahl) in ein kohärentes Ganzes überführt (S. 25–34). Patrick Thomas McMahons Beitrag, in dem – breit kontextualisierend – das zusammengefasst wird, was man über die ersten Eremitengemeinschaften am Berg Karmel weiß (S. 35–61), hätte einen (oder mehrere) zusätzliche Korrekturdurchgänge verdient gehabt, scheinen hier doch zwei Dateien ineinander kopiert worden zu sein – mit allem, was dies für mehrfache, wortwörtliche Wiederholungen bedeutet. Allerdings sei auch nicht verschwiegen, dass der Bd. zu viele Druckfehler, insgesamt deutlich über 100, aufweist. Dies ist bedauerlich, weil in den Beiträgen nicht nur Altbekanntes wiederholt, sondern wie bei McMahon der Fall, auch neue, durchaus bedenkenswerte Hypothesen formuliert werden, die insgesamt eine überzeugendere orthographische Gestalt verdient gehabt hätten. Markus Schürer geht dem Spannungsverhältnis zwischen vita contemplativa und vita activa bei den Karmelitern nach und beleuchtet insbesondere die Modifikationen, denen die Regel nach der Übersiedlung der Karmeliter vom Heiligen Land nach Europa unterworfen war (S. 63–70). Paul Chandler greift diesen Faden auf und fragt nach der Bedeutung der Regel hinsichtlich der Ausbildung einer eigenen Ordensidentität (S. 71–88). Eine heute in Lambeth Palace (ms. 92) verwahrte spätmittelalterliche Hs. überliefert carmelitica, darunter eine „Regel des hl. Linus“, die sicherlich nicht von Linus, dem 2. Papst, stammt, aber wohl einen Karmeliter als Vf. hat. Michelle M. Sauer (S. 89–105) transkribiert diese wohl für Laienbrüder entstandene Regel, kommentiert und versieht sie mit einer ausgesprochen nützlichen Übersetzung. In England verfügten die Karmeliter zu ihrer Hochzeit über 39, in vier „Provinzen“ (London, Norwich, Oxford, York) gegliederte Häuser mit rund 1000 Brüdern: ihre Ankunft auf der Insel ist jedoch schlecht dokumentiert. Die im zweiten Teil enthaltenen Beiträge richten den Blick allein auf England und behandeln sehr viel speziellere Themen als im ersten Teil. Während Kevin J. Alban sich einmal mehr „seinem“ Thomas Netter of Walden, dem Verfasser eines gegen die Lollarden gerichteten Traktates, widmet (S. 109–118), präsentiert Valerie Edden die Ergebnisse ihrer Untersuchungen eines mit reichem Miniaturenschmuck versehenen karmelitischen Missale (London, British Library Additional 29704–05, Additional 44892) und fragt, inwiefern die Miniaturen der „doctrinal affirmation“ (S. 121) des Ordens insgesamt dienten (S. 119–132). Weitere Beiträge von Naoe K. Yoshikawa, Tamás Karáth und William Rogers zeichnen die Bedeutung der Karmeliterregel für die englische Mystik nach. Man vermisst Indizes, die bei solcherart Publikationen doch inzwischen zum Standard gehören sollten. Insbesondere die Beiträge des ersten Teils eignen sich hervorragend als Einstieg in die komplexe Geschichte eines Ordens, der „in between“ (S. 68) agierte und lange Zeit brauchte, bis die mendikantische vita activa die ursprüngliche vita eremitica so weit überlagert hatte, dass ein erfolgreiches Agieren in den Städten Europas möglich wurde.

Ralf Lützelschwab

Johannes Friedrich Böhmer, Regesta Imperii, hg. von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Kommission für die Bearbeitung der Regesta Imperii bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz, IV.: Lothar III. und ältere Staufer, vierte Abteilung: Papstregesten 1124–1198, Teil 4: 1181–1198, Lieferung 5: 1191–1195, Cölestin III., erarbeitet von Ulrich Schmidt, Köln (Böhlau) 2018, XIV, 942 S., ISBN 978-3-412-51154-8, € 150.

Als Ende März oder Anfang April 1191 der Kardinaldiakon Iacinthus von S. Maria in Cosmedin zum Papst gewählt wurde, ergab sich der Eindruck, es habe sich um einen Kompromisskandidaten gehandelt. Das Kardinalskollegium scheint sich mit der Wahl eines etwa 86-Jährigen für einen Übergangskandidaten entschieden zu haben, dessen Amtszeit voraussichtlich deutlich begrenzt sein würde. Diese Einschätzung wurde seitens der Forschung lange geteilt, was sich auch auf das Interesse an diesem Pontifikat auswirkte. Zudem wurde und wird er von seinem Nachfolger Papst Innozenz III. (1198–1216) überstrahlt, dessen Pontifikat eine neue Epoche einzuläuten schien. Diese Einschätzung kann der vorliegende erste Teilbd. zum Pontifikat Cölestins III. erkennbar modifizieren. Bereits seine Wahl zeigt, dass sich die Kardinäle nicht in erster Linie für einen hochbetagten Übergangskandidaten entschieden, sondern für einen umsichtigen Papst, der auf fast 47 Jahre als Kardinal zurückblickte, der das Papsttum der zweiten Hälfte des 12. Jh. entscheidend mitgeprägt hatte, und der mit der Kurienverwaltung bestens vertraut war. Wie unmittelbar die hohe Bedeutung der Wahl einer profilierten Person für dieses Amt war, zeigt bereits die erste Amtshandlung des neuen Papstes. Einen Tag nach der Inthronisation und der Krönung fand am 15. April 1191 in der Peterskirche in Rom die Krönung des Stauferkönigs Heinrich VI. zum Kaiser und dessen Gemahlin Konstanze zur Kaiserin statt (Regest Nr. 4). Nicht nur das ausgeglichene Verhältnis zwischen Papsttum und Imperium – die im Schisma von 1159 bis 1177 gegen Friedrich I. Barbarossa behauptete Stellung Papst Alexanders III. wird Heinrich als Kind wahrgenommen haben –, sondern auch viele weitere Politik- und Problemfelder lassen sich zu diesem Zeitpunkt benennen. Dazu zählen die Befreiung des Heiligen Landes, die nach dem Scheitern des dritten Kreuzzuges offen war, weiterhin die Unterstützung bei der Zurückdrängung der Sarazenen auf der Iberischen Halbinsel und die Einbindung neuer Räume, wie Osteuropa oder Skandinavien, als Teil des orbis christianus. Neben diesen europäischen Dimensionen zeigen die aufgearbeiteten Urkunden – beim vorliegenden Bd. handelt es sich um den ersten von insgesamt zwei Bde. zum Pontifikat Cölestins III. – gleichzeitig auch die stets wachsenden Anforderungen an die kuriale Verwaltung. Vergleicht man die Überlieferung von Papst und Kaiser in nüchternen Zahlen – den hier aufgeführten 1387 Regesten Papst Cölestins III. für den Zeitraum von April 1191 bis April 1195 stehen auf Seiten Kaiser Heinrichs VI. rund 290 Urkunden aus demselben Zeitraum gegenüber –, dann wird die Entwicklung der Kurie im 12. Jh. zu einem der wesentlichen und weit ausgreifenden Herrschaftsträger auch in ihrer administrativen Tätigkeit deutlich. Der vorliegende Bd. setzt die Publikation der Papstregesten der 4. Hauptabteilung der „Regesta Imperii“ (RI), „Lothar III. und Ältere Staufer“, fort, die in rascher Folge in vier Lieferungen zwischen den Jahren 2003 bis 2014 erschienen sind. Die Aufbereitung der Quellen erfolgt in der gängigen Form dieses Unternehmens; einem Regest folgen jeweils Hinweise zu den Druckorten und zur Überlieferung sowie ein ausführlicher Kommentar. Beeindruckend ist der hohe Grad der Durchdringung der aufbereiteten Quellen; man kann die Ergebnisse des Bearbeiters Ulrich Schmidt, der bei allen vier vorherigen Bänden der Papstregister dieser 4. Abteilung mitgewirkt hat, nicht hoch genug schätzen. Denn neben der Bewältigung der inhaltlich und regional sehr weiten Themenbereiche macht Schmidt, wo vorhanden, auch Angaben zur Überlieferung (mit Angabe der aktuellen Archiv- und Bibliothekssignaturen). Neben den auch in den anderen vier Bänden dieser Abteilung enthaltenen und für die wissenschaftliche Arbeit sehr hilfreichen Informationen, wie z. B. zu den Kardinalsunterschriften, seien die Nachträge und Berichtigungen zu den Bänden RI IV, 4, 4, 1–4 – dies sind die Päpste Lucius III., Urban III., Gregor VIII. und Clemens III. – hervorgehoben (S. 755–783). Der vorliegende Bd. stellt den Pontifikat Cölestins III. auf eine neue Quellengrundlage, die durch den sehr wahrscheinlich in Kürze zu erwartenden anschließenden Bd. vervollständigt werden wird. Somit werden die überlieferten Quellen der Pontifikate von 1181–1198 demnächst bald erschlossen sein. Der Wissenschaft steht damit ein großes Potenzial an Forschungsmöglichkeiten zum Papsttum dieses Zeitraumes offen, das in der Wahrnehmung gegenüber den Päpsten der ersten Hälfte des 13. Jh. noch im Hintergrund steht. Für die Rezeption des vorliegenden, aber auch der weiteren Bde. wird es von wachsender Bedeutung sein, dass die „Regesta Imperii“ ihren bereits seit mehreren Jahren eingeschlagenen und für die Forschung wichtigen Weg der online-Stellung weiter verfolgt und – z. B. mit Blick auf mögliche Quellennachträge und Aktualisierungen sowie die Vernetzung mit weiteren Projekten der Grundlagenforschung, wie dem von der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen getragene Projekt „Papsturkunden des frühen und hohen Mittelalters“ oder den Arbeiten am Stephan Kuttner Institute of Mediaeval Canon Law in München, wo derzeit die päpstlichen Dekretalen des 12. Jh. aufbereitet werden – fortentwickelt.

Jörg Voigt

Élisabeth Lusset, Crime, châtiment et grâce dans les monastères au Moyen Âge (XIIe–XVe siècle), Turnhout (Brepols) 2017 (Disciplina Monastica 12), 406 S., ISBN 978-2-503-56765-5, € 120.

Dass das Klosterleben im Mittelalter nicht immer konfliktfrei verlief, ist einer breiten Öffentlichkeit durch den 1980 erschienenen Roman „Der Name der Rose“ von Umberto Eco – und dessen prominent besetzte Verfilmung – bekannt. Auch der Forschung sind Konflikte des klösterlichen Lebens weithin geläufig, vor allem auch deshalb, weil gerade Konflikte und deren Lösung verschriftlicht wurden, wobei hier jedoch oft besitzrechtliche Fragen den Streitanlass bildeten. Innerklösterliche Auseinandersetzungen sind, abgesehen von den Klosterreformen vor allem im 15. Jh. im Zuge der Klosterreformen, kaum systematisch erforscht. Eine Ausnahme bildet die im Jahr 2000 erschienene Diss. von Steffen Patzold über die Auseinandersetzungen in monastischen Gemeinschaften des ottonisch-salischen Reichs, die in der vorliegenden Studie jedoch unberücksichtigt blieb. Élisabeth Lusset schlägt mit ihrer Untersuchung des 12.–15. Jh. einen weiten zeitlichen Bogen und bezieht ordensübergreifend die Männer- und Frauenklöster der Cluniazenser, Zisterzienser, Prämonstratenser und Kartäuser in ihre Arbeit ein. Im ersten Kapitel wird die Quellenlage vorgestellt (S. 26–83). Hier werden die verschiedenen Instanzen benannt, die im Kontext der Verbrechensbehandlung in den Klöstern beteiligt werden konnten, wie z. B. die Träger von Leitungsämtern in den Klöstern, die Generalkapitel der Orden oder die Vertreter der Diözesangerichtsbarkeit. Hervorzuheben ist die Rolle der Päpste bei der Bestrafung von Mönchen und Nonnen, was durch die voranschreitende Erschließung der Register der Apostolischen Pönitentiarie immer konkreter untersucht werden kann (S. 71–77). Das zweite Kapitel widmet sich den Abläufen der Verbrechensbehandlung (S. 85–121). Von der Anzeige eines Verbrechens über dessen Untersuchung bis hin zur Bestrafung werden hier vor allem die normativen Quellen darüber vorgestellt, wer in der jeweiligen Situation zuständig war bzw. nach welchen Maßstäben Entscheidungen getroffen wurden. Im dritten Kapitel werden Aspekte der Typologisierung der Verbrechen und der jeweiligen Umstände betrachtet (S. 123–160). Einen wichtigen Überblick bietet hier die prozentuale Aufbereitung von Verbrechensformen, wie physische und verbale Gewalt, Raub, Totschlag, Täuschung und Zauberei. Lusset bezieht in ihre Betrachtungen u. a. die zeitgenössischen Bewertungen des Tatortes – sei es die Kirche, der Friedhof, der Kapitelsaal, das Dormitorium oder das Refektorium – und der Tatzeit mit ein. Im vierten Kapitel stehen die Motive für Straftaten im Mittelpunkt (S. 161–226). Neben jenen des Zorns und der Trunkenheit sowie der naturgemäß breiteren Raum einnehmenden Missachtung der Ordensreformen berücksichtigt Lusset auch den Führungsstil klösterlicher Amtsträger, Konflikte unterschiedlicher Altersgruppen wie auch ethnische Konflikte – so waren z. B. Mönche aus slawischen Regionen, die im Zuge der Ostkolonisation in das Reich eingegliedert worden waren, gegenüber jenen der sächsischen Gebiete benachteiligt (S. 178 f.). Die Form der Bestrafung wird im fünften Kapitel aufgezeigt (S. 227–276), die von der Exkommunikation, über den Arrest bis zur Auslieferung an die weltliche Gewalt reichte. Das abschließende sechste Kapitel gilt den Verfahrensmodalitäten der Begnadigung, der Bußauflagen und schließlich der Versöhnung (S. 277–326). Hervorzuheben seien hier die bereits erwähnten neuen Erkenntnismöglichkeiten zur Rolle der Kurie bzw. der Pönitentiarie und die Systematisierung der gewährten päpstlichen Gnaden (S. 299–308). Die vorliegende Arbeit ist eine wichtige, übergreifende Studie zu einem wenig systematisch erforschten Themenkomplex. Élisabeth Lusset hat damit eine erste Ordnung in ein sehr breites und auch von regionalen Umständen beeinflusstes Forschungsfeld gebracht, die die kuriale Überlieferung einschließt. Zukünftige Fall- und Vergleichsstudien werden auf diese Arbeit mit großem Gewinn zurückgreifen.+TABRE+Jörg Voigt

Timothy Salemme/Maria Cristina Piva, Pergamene del monastero milanese di Sant’Apollinare (1204–1263), Milano (Vita e Pensiero) 2017 (Ordines. Studi su istituzioni e società nel medioevo europeo 4), 516 pp., ISBN 978-88-343-3259-7, € 40.

L’edizione di fonti è un compito assai meritevole sebbene ultimamente un poco trascurato dagli storici, i quali scontano forse qualche pregiudizio di carattere antilocalistico. È per tale motivo che l’opera di Salemme e Piva è particolarmente gradita a chi si occupa di storia milanese del Duecento, dato che il ricco fondo di Sant’Apollinare di Milano è stato finora poco sfruttato. Il monastero di clarisse, sorto nel Duecento, conobbe un certo successo, attestato dalla cospicua ricchezza del suo archivio, che tuttavia inglobò anche la documentazione precedente, poiché la chiesa era assai più antica dell’insediamento delle sorores. L’ente finì soppresso alla fine del Settecento e l’archivio fu disperso; infatti solo una parte, sia pure ampia, seguì il normale iter della documentazione di questo tipo entrando nel Fondo di Religione, dal quale poi passò all’attuale collocazione in Archivio di Stato. Conseguentemente oggi le pergamene del monastero si trovano anche nell’archivio del monastero milanese di S. Sofia, presso la Biblioteca Trivulziana – Archivio Storico Civico e presso la Biblioteca Ambrosiana. I curatori, di fronte alla mole della documentazione, che per il solo Duecento è pari ad alcune centinaia di pergamene, e considerato che gli atti più antichi, risalenti al XII secolo e riferibili al periodo precedente alla fondazione del monastero, furono già editi da Liliana Martinelli nella collana pubblicata dall’Università degli studi di Milano, hanno deciso di limitare il lavoro alla sola documentazione duecentesca (fino al 1263, anno cruciale per l’ordine) conservata in Archivio di Stato. Anche così il volume (forte di oltre cinquecento pagine) offre l’edizione di 109 documenti, che permettono di avere una fondata idea della vita del monastero. L’introduzione all’edizione, dopo aver spiegato i criteri della scelta, si sofferma sulla storia del monastero e particolarmente sulle sue vicende duecentesche, cruciali per capire i successi raggiunti dall’ente e contestualizzare così la documentazione pubblicata. Il monastero viene tuttavia seguito anche oltre tale periodo, fino alla definitiva soppressione. Successivamente l’analisi si sposta sulla storiografia, a cominciare dall’erudizione di epoca moderna, la quale fornisce un aiuto insostituibile per ricostruire le vicende dell’archivio, che sono infatti oggetto del paragrafo successivo. Segue un esame dettagliato della documentazione presentata, soprattutto sul suo stato di conservazione e sulle tipologie documentarie più frequenti, in modo da poter posizionare ogni atto nella giusta cornice e valutarne l’importanza ai fini della ricostruzione della storia del monastero e dell’archivio. Chiude l’introduzione una breve analisi dei notai rogatari, che ne evidenzia le provenienze geografiche, legate in qualche misura alla dislocazione del patrimonio nel vasto contado milanese. Segue l’edizione vera e propria delle pergamene, condotta secondo criteri filologicamente corretti e aggiornati alle ultime tendenze della paleografia. Gli apparati sono costituiti da una ricca bibliografia e dall’opportuno indice dei nomi, che permetterà un veloce uso della documentazione agli studiosi del periodo. Si tratta dunque di un’impresa di rilievo, che colma una lacuna nelle edizioni milanesi; un secondo volume condurrà l’edizione alla fine del secolo XIII, completando così l’iniziativa. Non si può che augurare ai curatori di portare presto a termine l’impresa, per arricchire ulteriormente il panorama della documentazione milanese duecentesca edita.+TABRE+Gian Paolo G. Scharf

The Fourth Lateran Council. Institutional Reform and Spiritual Renewal. Proceedings of the conference marking the eighth hundredth anniversary of the Council (Rome, 15–17 October 2015), ed. by Gert Melville and Johannes Helmrath, Affalterbach (Didymos-Verlag) 2017, 352 S., Abb., ISBN 978-3-939020-84-4, € 59.

Fast genau 800 Jahre nach dem Vierten Laterankonzil hielt das Pontificio Comitato di Scienze Storiche anlässlich dieses historisch, kirchenrechtlich und theologisch bedeutenden Ereignisses einen wissenschaftlichen Kongress ab, mit dessen Organisation mit Gert Melville und Johannes Helmrath zwei ausgewiesene Experten der Ordens- bzw. der Konzilsgeschichte beauftragt wurden. In seiner Eröffnungsansprache (S. 11–14) unterstreicht Walter Kardinal Brandmüller die Bedeutung dieses mittelalterlichen Großereignisses für die maßgebliche Fixierung verbindlicher Glaubenssätze durch das Glaubensbekenntnis im Caput Firmiter credimus und hinsichtlich der Rezeption zahlreicher Dekrete durch das ebenfalls im Kontext theologischer Auseinandersetzung und kirchlicher Reform stehende Tridentinum. Die insgesamt 18 Beiträge, erfreulicherweise weitgehend in der Originalsprache der Vortragenden, behandeln nach zwei einführenden Aufsätzen zum Ablauf des Konzils aus historischer und kanonistischer Sicht in vier Abteilungen die thematischen Schwerpunkte des Lateranum: Glaubenslehre und Ekklesiologie, kirchenrechtliche (sakramentale) Regelungen, die Auseinandersetzung mit Häresien, der jüdischen Welt und dem Problemkreis des Kreuzzugs sowie ordensrechtliche Bestimmungen. Basierend auf seinen umfassenden Kenntnissen der Konzilien des 14. Jh. liefert Johannes Helmrath eine detaillierte Schilderung des prozessualen Ablaufs des Laterankonzils mit einer Einbindung in die aktuellen Forschungsschwerpunkte der Konzilsgeschichtsschreibung (Johannes Helmrath, The Fourth Lateran Council. Its fundamentals, its procedure in comparative perspective, S. 17–40). Kenneth Pennington, The Fourth Lateran Council. Its legislation, and development of legal procedure, S. 41–54, stellt die Konzilsbeschlüsse in die Entwicklungslinie des kanonischen Rechts und relativiert dabei überzeugend die persönliche Rolle Innozenz III. gegenüber juristischer Überarbeitung bestehender Rechtsbestimmungen. Die schnelle Aufnahme in Rechtssammlungen (Compilatio Quarta 1216, LiberExtra), aber auch die Übernahme rechtlicher Bestimmungen und Verfahrensabläufe durch weltliche Herrscher sicherten den Rechtsinhalten eine schnelle und nachhaltige Verbreitung. In der Tradition der ökumenischen Konzilien der frühen Kirche formulierte das Vierte Laterankonzil, singulär für mittelalterliche Konzilien, ein rechtlich verbindliches Glaubensbekenntnis, das von Werner Maleczek, Firmiter credimus – Die erste Konstitution des IV. Lateranum. Bemerkungen zu Genese und Inhalt, S. 57–78, eingehend analysiert wird. Entscheidend sind dabei in Abgrenzung von der „katharischen“ Häresie der Ausschluss aller dualistischen Lehren in der Schöpfungsgeschichte, die ekklesiologische Definition der universalen Kirche, die durch das Sakrament der Eucharistie begründet ist, sowie die Betonung der Sakramente der Taufe und der Buße. Die Bedeutung der ecclesia universalis im Denken Innozenz‘ III. und des Laterankonzils unterstreicht Thomas Prügl, The Fourth Lateran Council – a turning point in medieval ecclesiology?, S. 79–98, während Stefan Burckhardt, Ut sit unum ovile et unus pastor. The Fourth Lateran Council and the variety of Eastern Christianity, S. 111–122, die Auswirkungen auf die Beziehungen zu den Ostkirchen thematisiert. Eine Vertiefung des Problems des Dualismus aus metaphysischer Sicht liefert Josep-Ignasi Saranyana, Il male. Un dibattito con ripercussioni metafisiche nel Lateranense IV, S. 99–109. Die kirchenrechtlichen und sakramentalen Bestimmungen sind entscheidend von der Idee der universalen Kirche geprägt. Die Kirche wird als alleiniger Quell der Heilserwartung definiert, steht dafür aber in der Pflicht der umfassenden Seelsorge. In der Tradition des Dritten Laterankonzils betreffen zahlreiche Canones die Säkularkleriker: Durch gezielte Ausbildung in den Diözesen und verstärkte Predigttätigkeit soll die Seelsorge verbessert werden, Benefizien sine cura werden eingeschränkt, der geziemende Lebenswandel der Priester wird als Grundvoraussetzung unterstrichen (umfassend Julia Barrow, Clergy and the IV Lateranum, S. 125–136; zum Predigtauftrag Nicole Bériou, Lateran IV and preaching, S. 163–173). Von den auch die Laien betreffenden Bestimmungen im sakramentalen Bereich behandelt David L. D’Avray die Ehegesetzgebung (Lateran and marriage. What Lateran IV did not do about marriage?, S. 139–142), Catherine Vincent, La pastorale de la pénitence du IVe concile du Lateran: relecture des canons 21, 60 et 62, S. 143–161, betont die Reglementierungen der Beichtpraxis (Verpflichtung zur jährlichen Beichte, Stärkung der individuellen Ohrenbeichte) und sieht im Vierten Laterankonzil den Ausgangspunkt der spätmittelalterlichen „Pilgerheiligtümer“ und des Ablasswesens. Die Abhandlung von John Sabapathy, Some difficulties in forming persecuting societies before Lateran IV canon 8. Robert of Courson thinks about communities & inquisitions, S. 175–200, zu den ersten Anfängen einer Entwicklung von Verfahrensformen des Inquisitionsprozesses leitet zum nächsten Großkapitel über. Auf der Basis der Idee der universalen Kirche als alleinigem Garant des Heils kam der Frage der Glaubensabweichung (Häresie) und der aktiven Konfrontation mit nichtchristlichen Religionen hohe Priorität zu. Während das Konzil bei der Verurteilung der trinitarischen Lehrsätze Joachims von Fiore sehr dezidiert vorging (vgl. Gian Luca Potestà, La condanna del libellus trinitario di Gioacchino da Fiore: oggetto, ragioni, esiti, S. 203–223), zeigt Jörg Feuchter, The Albigensian Crusade, the Dominicans and the antiheretical dispositions of the council, S. 225–241, das komplexe päpstliche Vorgehen bei der Bekämpfung der südfranzösischen Häresie. Die Bestimmungen zum Umgang mit den Juden blieben im Wesentlichen in den traditionellen Linien (vgl. Joseph Goering, Lateran Council IV and the cura Judaeorum, S. 243–253). Der Kreuzzugsgedanke dominierte bekanntlich in besonderer Weise das Denken des Papstes und die Bestimmungen des Konzils. Nikolas Jaspert, Crusade, reconquest and the Muslims: The islamic world at the Fourth Lateran Council, S. 255–272, fasst die Kreuzzugsbemühungen Innozenz‘ III. (unter besonderer Berücksichtigung der iberischen Halbinsel) prägnant zusammen und betont dabei zurecht die neuen Aspekte der moralischen Verpflichtung der gesamten Christenheit zum Kreuzzug, der strikten Trennung von Christen und Muslims im Alltagsleben in Gebieten mit gemischter Bevölkerung und der Sorge um die Befreiung christlicher Gefangener. Die abschließenden drei Beiträge behandeln die damals akute Frage neuer Ordensgründungen. Gert Melville, … regulam et institutionem accipiat de religionibus approbatis. Kritische Bemerkungen zur Begrifflichkeit im Kanon 13 des 4. Laterankonzils, S. 275–288, liefert eine detaillierte Analyse des viel diskutierten 13. Kanons und unterstreicht den praktisch kaum durchführbaren Versuch, neue Ordensgründungen durch die Verpflichtung nicht nur auf bereits approbierte Ordensregeln, sondern auch auf bereits bestehende institutiones zu verhindern, oder zumindest zentral zu kontrollieren. Die modifizierte praktische Umsetzung dieser Bestimmungen in den folgenden Pontifikaten dokumentiert Maria Pia Alberzoni, Il concilio dopo il concilio. Gli interventi normativi nella vita religiosa fino al pontificato di Gregorio IX, S. 289–318, an den Beispielen der neuen Orden der Dominikaner und Franziskaner und an der Inkorporation zahlreicher Frauengemeinschaften in bestehende Orden. Dass das Problem neuer Ordensgründungen auch im weiteren Verlauf des 13. Jh. nicht gelöst war, belegt Pierantonio Piatti, Cronaca di un „sisma“. Le religiones novae al vaglio del II Concilio di Lione (1274), S. 319–347, am Beispiel des Servitenordens. Ein kurzer Personenindex (ausschließlich biblische und historische Persönlichkeiten mit einer Normierung auf englische Namensformen weitgehend ohne Verweisungen!) rundet den Kongressbd. ab. Der vorliegende Bd. deckt in vorbildlicher Weise das inhaltlich breite Spektrum des Vierten Laterankonzils ab. Die Beiträge der ausgewiesenen Expertinnen und Experten machen die Lektüre für Mediävisten, Historiker der Papst- und Konzilsgeschichte, Rechtshistoriker und Theologen in gleicher Weise interessant und gewinnbringend. Im Unterschied zu vielen Sammelbde. ist durch das enge Thema des Konzils immer ein roter Faden gegeben. Die Verlagswahl außerhalb renommierter Reihen mag auf den ersten Blick überraschen, der Didymos-Verlag konnte allerdings ein überaus ansprechendes Produkt vorlegen, das preislich für alle Interessierten erschwinglich ist. Lediglich die Indexgestaltung kann nicht vollständig überzeugen. Das Vierte Laterankonzil und die Person Innozenz‘ III. sind entscheidende Faktoren für das Verständnis des 13. Jh. und (vor allem konzilsgeschichtlich und kirchenrechtlich) weit darüber hinaus. Der Kongress und die zugehörigen Kongressakten können die Bedeutung dieses Konzils der Forschung und einem weiteren historisch und kirchrechtlich interessierten Leserkreis überzeugend vermitteln.+TABRE+Thomas Hofmann

Nuovi studi su Onorio III. Atti di un seminario tenutosi il 13 giugno 2016 a Roma, a cura di Christian Grasso, Roma (Istituto Storico Italiano per il Medio Evo) 2017 (Italia sacra. Nuova serie 3), X, 195 S., Abb., ISBN 978-88-98079-64-3, € 25.

Papst Honorius III. wird wohl immer im Schatten seines großen Vorgängers Innozenz III. stehen. Verstärkt wird dieses Schattendasein noch durch die unverkennbare Schwerpunktsetzung der Forschung, die nach Innozenz erst wieder Gregor IX. größere Aufmerksamkeit schenkt. Symptomatisch wird diese Vernachlässigung in dem dürftigen Editionsstatus der Honorianischen Registerüberlieferung. Wie fruchtbar ein neuer Blick auf diesen wandlungsreichen Pontifikat allerdings ist, hat bereits die Diss. von Viola Skiba gezeigt. Noch facettenreicher wird die Bedeutung dieses Pontifikates allerdings in dem anzuzeigenden Band illustriert, der auf eine kleine Tagung im Juni 2016 zurückgeht. Maria Pia Alberzoni beschreibt einleitend die Forschungsgeschichte und hebt einige vielversprechende Forschungsansätze und Perspektivwechsel hervor, unter denen sich eine Neubetrachtung lohnen würde. Viola Skiba fasst Ergebnisse ihrer Diss. zu Honorius III. zusammen, stellt überzeugend die eigenständigen Tendenzverschiebungen von Honorius heraus und führt dessen Vernachlässigung nicht auf eine (präsumtive) Irrelevanz des Papstes, sondern allein auf das in der Forschung traditionell einseitig betonte Gewicht seines Vorgängers Innozenz III. zurück. Enrico Dumas postuliert die Funktion des „Liber Censuum“ als Arbeitsinstrument der Camera apostolica. Annarita De Prosperis widmet sich dem Stil der Briefe an Mendikanten mit dem Ergebnis, dass die Kanzlei sehr professionell den Stil und die Terminologie an konkrete Begebenheiten und Empfänger anpassen und vor allem die Mendikanten in ganz eigenem Stil ansprechen konnte. Giovanna Murano stellt die von der Heiligen Cecilia verfassten „Miracula beati Dominici“ in ihren historischen Kontext und sieht ihre Funktion in der Überzeugung und Beeinflussung des Papstes. Christian Grasso analysiert Honorius’ Kreuzzugspropaganda, verweist auf die damals etablierte päpstliche Diskurshoheit durch delegierte Predigttätigkeit im Zuge der Kreuzzugsvorbereitung und betont die Rolle der vom Papst ad personam beauftragten Kreuzzugsprediger. Eva Ponzi postuliert, dass Honorius durch seine Zeit als camerarius und cancellarius zugleich Prägung und Kompetenz erhalten habe, um auf der gesamten kommunikativen Klaviatur Ideologie und Politik der römischen Kurie neu zu gestalten, wie es sich auch in baulichen Interventionen in der Stadt Rom gezeigt habe. Filippo Sedda schlägt in liturgiehistorischer Analyse auf Grundlage handschriftlicher Befunde von Tilmann Schmidt vor, Honorius als innovativen Kopf hinter den liturgischen Reformen unter Innozenz III. zu vermuten, womit er als enger Vertrauter und nicht als Gegner Innozenz’ anzusehen sei. Mauro Sanna nimmt anhand von stattlichen 89 Dokumenten das Beispiel Sardinien in den Blick, um zu demonstrieren, dass sich Honorius durchaus an den politischen Ambitionen und Erfolgen seines Vorgängers messen lassen kann. Ein Namensregister beschließt den anregenden und lesenswerten Bd., der nach eigener Aussage (S. 189) nicht nur abschließende Ergebnisse, sondern auch Ideen und Anreize für neue Fragen und Thesen bieten sollte. Das wird er auf jeden Fall leisten.+TABRE+Florian Hartmann

Die Urkunden Friedrichs II., Teil 5: 1222–1226, bearb. von Walter Koch unter Mitwirkung von Klaus Höflinger, Joachim Spiegel, Christian Friedl und Katharina Gutermuth, Wiesbaden (Harrassowitz) 2017 (Monumenta Germaniae Historica. Diplomata Regum et Imperatorum Germaniae 14), Bd. 1: Texte; Bd. 2: Register, LXX–VIII, 1084 S., Abb., ISBN 978-3-447-10753-2, € 230.

Der Fortschritt der modernen Edition der Urkunden Friedrichs II. ist ebenso erwünscht wie wichtig. Termingerecht ist der mittlerweile fünfte Teilbd. dieses Langzeitvorhabens vorgelegt worden, der die Privilegien und Mandate des Stauferkaisers von September 1222 bis Juni 1226 enthält. Zusammen mit dem bereits 2014 erschienenen vierten Teil der Urkunden Friedrichs II., die im September 1220 einsetzen, wird damit der Zeitraum zwischen seiner Rückkehr nach Italien bis zum Hoftag in Cremona abgedeckt. Mit diesem Bd. ist zudem aber auch mehr als die Hälfte der Regierungsjahre Friedrichs II. – beginnend mit seiner sizilischen Königszeit ab 1198 – bearbeitet, was mit Blick auf die Planungen des Gesamtunternehmens eigens hervorzuheben ist. Durch den vorliegenden fünften Bd. wurde die Anzahl der edierten Quellen um 270 erweitert. Ist bereits dies hoch zu bewerten, lässt auch eine weitere Zahl den großen Wert der vorliegenden Edition deutlich werden, denn darin wird die Anzahl der in der zuvor maßgeblichen Edition von Huillard-Bréholles enthaltenen Urkunden fast um die Hälfte erhöht. Die zusätzlichen Urkunden sind an entlegenen Stellen publiziert, von denen kaum Kenntnis genommen wurde, und sind zudem oft nach geringen Maßstäben ediert bzw. als Regest bearbeitet. Insgesamt 19 Urkunden waren bisher noch gar nicht bzw. nur in unvollständiger Textwiedergabe bekannt. Für die Forschung zu Friedrich II. und zur Reichsgeschichte der ersten Hälfte des 13. Jh. stellt der vorliegende Bd. eine zentrale Bereicherung dar. Aus den inhaltlichen Auswertungsmöglichkeiten können an dieser Stelle nur einige wenige Beispiele angeführt werden, wie die für die Ordensgeschichte relevanten Quellen, hier besonders die 28 Urkunden für den Deutschen Orden, weiterhin das in den ersten Jahren der Kaiserherrschaft Friedrichs II. wichtige Thema des Kreuzzuges, oder das Verhältnis zur Kurie, das durch Interessenkonflikte in der Mark Ancona und dem Herzogtum Spoleto angespannt war. Als weiterer Einzelaspekt zu nennen wären die in einem Hildesheimer Urkundenkomplex (Nr. 1175–1178) überlieferten Urkunden, die sich auf norddeutsche Angelegenheiten beziehen. Durch die Zerstörung der gesamten Hildesheimer Urkunden und der entsprechenden Findbücher im Oktober 1943 können diese Zusammenhänge nicht am Bestand selbst ersehen werden, sondern nur durch Editionen. Weiterhin hervorzuheben ist die umfassende Einleitung, die einen Schwerpunkt auf die Kanzlei, die einzelnen Ämter und die Amtsinhaber legt. Weiterhin werden darin die äußeren und inneren Merkmale der Originalurkunden behandelt. Zusammen mit den kanzleigeschichtlichen Schwerpunkten in den Einleitungen zu den Bänden 1 (erschienen 2002) und 3 (erschienen 2010) ist hier sehr aussagekräftiges Material für vergleichende Studien vorgelegt worden. Der separat publizierte Registerbd. ist ebenfalls sehr beeindruckend, hier besonders das Sachregister, das allgemein zu den schwierigeren Registertypen zählt, da es stark vom Ermessen des Bearbeiters abhängt, was als relevant aufzunehmen ist. Die Auswahl der Begriffe und deren Verschränkung mit weiteren Wörtern ist hier in fundierter Weise gelöst. Damit wird den Nutzer/-innen ein sehr hilfreiches Instrument für die Arbeit mit den Urkunden an die Hand gegeben. Den Bearbeitern der Urkunden zu den Regierungsjahren Friedrichs II. kann daher zu diesem imposanten Werk gratuliert werden, denn sie schaffen mit diesen Bde. in höchst beeindruckender Weise die Grundlage für alle zukünftigen Forschungen zu einer der für das europäische Mittelalter wichtigsten Herrscherfiguren. Dass diese Editionstätigkeit fortgesetzt wird, kann nicht hoch genug gelobt werden!+TABRE+Jörg Voigt

Handschriftenverzeichnis zur Briefsammlung des Thomas von Capua, auf Grundlage der Vorarbeiten von Hans Martin Schaller bearbeitet von Kristina Stöbener und Matthias Thumser, Wiesbaden (Harrassowitz) 2017 (Monumenta Germaniae Historica. Hilfsmittel 30), LXVI, 214 pp., ISBN 978-3-447-10680-1, € 38.

Il volume contiene la descrizione dei mss. che trasmettono l’epistolario di Tommaso di Capua, a lungo e attentamente preparata da Hans Martin Schaller († 21 ottobre 2005), che, nel 2002, pubblicò il „Handschriftenverzeichnis zur Briefsammlung des Petrus de Vinea“, MGH Hilfsmittel 18: i due repertori sono complementari. Sono minuziosamente descritti, alle pp. 3–165, gli 88 mss. noti, che raccolgono l’intero epistolario o singole lettere: di ogni ms. sono fornite precise informazioni sull’origine e la sua storia, sul materiale, sulla fascicolazione; poi viene elencato il contenuto; in conclusione, c’è la bibliografia aggiornata; se esiste una riproduzione digitale pubblica, ne è riportato l’indirizzo web. Alle pp. 167–174 sono elencati i ms. già descritti nel „Handschriftenverzeichnis“ del 2002, che contengono lettere di Tommaso confluite nel connesso epistolario di Pier della Vigna. Alle pp. 177–214 sono indicizzati i copisti, i possessori, gli autori delle opere contenute nei codici descritti e l’incipit delle singole lettere. Una ricca bibliografia è alle pp. XIII–XXX, seguita dalla lista delle lettere, secondo l’ordine dell’epistolario (pp. XXXI–XLVI). Come spiegato nella „Einleitung“ (pp. XLVII–LXV), non firmata, Tommaso fu uno dei più apprezzati maestri di retorica e letterati dell’inizio del XIII secolo, in un’epoca in cui la letteratura più alta coincideva con la composizione di epistole ornate: egli partecipò alla realizzazione di molti documenti papali e ottenne la reputazione di dictator pulchrior di curia. Apparteneva alla famiglia de Ebulo ed entrò in curia come notaio durante il pontificato di Innocenzo III; nel 1216 fu elevato al cardinalato e Onorio III gli affidò l’ufficio di cardinale-penitenziario; fu di fatto a capo della cancelleria papale. Successivamente svolse importanti missioni diplomatiche ed ebbe un ruolo decisivo di mediazione tra papa Gregorio IX e Federico II. Morì nel 1239. La raccolta di epistole attribuita a Tommaso di Capua è la più antica tra quelle prodotte in ambito curiale (cfr. Matthias Thumser, Les grandes collections de lettres de la Curie pontificale au XIIIe siècle. Naissance – structure – édition, in: Benoît Grévin/Anne-Marie Turcan Verkerk [éd.], Le dictamen dans tous ses états. Perspectives de recherche sur la théorie et la pratique de l’ars dictaminis [XIe–XVe siècles], Turnhout 2015, pp. 209–241). La sua è una summa dictaminis (cioè una raccolta organizzata, non semplicemente una collezione), che nella sua struttura consueta include 626 testi, divisi in 10 libri in base all’argomento. Fu approntata soprattutto perché assolvesse a una funzione di modello retorico: nella maggior parte dei casi, le menzioni del mittente e del destinatario, pertanto, sono eliminate, la datazione è quasi del tutto assente, i nomi sono ridotti alla lettera iniziale. Anche i testi delle lettere sono rielaborati e spesso tagliati: talvolta, è preservato il solo esordio ridotto a poche parole. La sistemazione della summa, attribuibile alla cura del vice-cancelliere papale Giordano Pironti (da Terracina), morto il 9 ottobre 1269, è di solito datata al periodo di vacanza papale degli anni 1268–1271. Non esiste ancora un’edizione critica, ma solo una versione elettronica, comunque ben vigilata, dunque affidabile e assai utile: Die Briefsammlung des Thomas von Capua. Aus den nachgelassenen Unterlagen von Emmy Heller und Hans Martin Schaller, ed. Matthias Thumser/Jakob Frohmann, MGH 2011 (http://www.mgh.de/fileadmin/Downloads/pdf/Thomas_von_Capua.pdf). In alcuni ms., la summa è preceduta da un’ars dictaminis, un manuale sul modo di comporre epistole secondo lo stile curiale. Ne esiste un’ottima edizione critica: Die Ars dictandi des Thomas von Capua. Kritisch erläuterte Edition, ed. Emmy Heller, in: Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-historische Klasse, 1928/29, 4. Il volume è uno strumento assai utile per chi si occupa sia della letteratura (non solo epistolare), sia della storia papale e imperiale del XIII secolo. Si viene ad aggiungere ai precedenti lavori, pure meritevoli di menzione, di Emmy Heller (Der kuriale Geschäftsgang in den Briefen des Thomas v. Capua, in: Archiv für Urkundenforschung 13 [1935], pp. 198–318) e di Hans Martin Schaller (Studien zur Briefsammlung des Kardinals Thomas von Capua, in: DA 21 [1965], pp. 371–518).+TABRE+Fulvio Delle Donne

Luca Demontis, Enrico di Castiglia, senatore di Roma (1267–1268). Diplomazia, guerra e propaganda tra il comune di „popolo“ e la corte papale, Roma (Edizioni Antonianum) 2017 (Medioevo / Edizioni Antonianum 28), 218 S., ISBN 978-88-7257-101-9, € 24.

Der Infant Heinrich von Kastilien, genannt „El Senador“, stellt einen der weniger bekannten politischen Akteure in der historischen Forschung zum Königreich Kastilien dar. Das bedeutet allerdings nicht, dass er vollkommen unbekannt wäre, und sich gar niemand, der sich mit westeuropäischer Geschichte beschäftigt, mit diesem Akteur auseinandergesetzt hätte, der ein Leben führte, das durchaus den passenden Stoff für einen Ritterroman oder Abenteuerfilm liefern könnte. In den kastilischen Chroniken wird kontinuierlich über Heinrich berichtet. Jedoch verbrachte er den Großteil seines Lebens außerhalb Kastiliens, genauer gesagt in Italien, wo er eine bedeutende Rolle in den turbulenten Jahren der Übergangsphase zwischen den Staufern und Anjou spielte. Zweifellos wurde in Italien am intensivsten zu Heinrich gearbeitet: so bereits 1875 von Giuseppe del Giudice und dann von Pier Silverio Leicht und Valeria Bertolucci Pizzorusso. Diesen Forschungen folgt Luca Demontis in seinem Buch und bietet die Analyse einer Persönlichkeit, die von der Iberischen Halbinsel aus gesehen ein wenig rätselhaft erscheinen mag und sich letztlich doch als einer der wichtigsten politischen Akteure des italienischen 13. Jh. entpuppt. In seiner Arbeit über den Senador gibt Demontis ein vollständiges Bild von dessen Agieren auf der italienischen Bühne. Der Autor zeigt im hier besprochenen Buch erneut die Verbindungen von Persönlichkeiten der Krone Kastilien mit Italien auf (bzw. der Iberischen Halbinsel im Allgemeinen, da er sich auch mit der Krone Aragón befasst hat). Zuvor arbeitete Demontis zu Alfons X., im vorliegenden Werk zu einem anderen Mitglied der Königsfamilie, Heinrich dem Senador, dem Infanten von Kastilien (es sei daran erinnert, dass die Söhne der Könige der Iberischen Halbinsel den Titel „Infant“ und nicht „Fürst“ [príncipe] trugen). In der Analyse wird der Schwerpunkt auf die politische Kommunikation gelegt, den ohne Zweifel fruchtbarsten und interessantesten Aspekt. In diesem Fall wird ein Konflikt ausgetragen, der sich um den Infanten dreht. Der Autor zeichnet das politische Handeln Heinrichs anhand verschiedener Kommunikationsprozesse und politischer Aussagen nach (der Fokus liegt auf denjenigen, die sich gegen den Infanten richteten – man denke an die hier behandelten und edierten Predigten), die sich im Italien der zweiten Hälfte des 13. Jh. verbreiteten, besonders während des staufisch-anjovinischen Konflikts. Diesen Fragestellungen folgend, beginnt das Werk mit der Untersuchung des Lebensweges und der Taten Heinrichs auf italienischem Boden – von seinen Bestrebungen, den sardischen Thron zu erlangen bis zu seiner temporären Unterstützung der Anjou. Dies stellt vielleicht den bekanntesten Abschnitt seines Lebens dar. Demontis liefert neue Quellen und Ergebnisse, die weiterführende Erkenntnisse bieten und manches widerlegen, das die traditionelle Forschung über den Infanten aussagte, z. B. dessen missglückte Flucht nach Montecassino nach der Schlacht von Tagliacozzo. Auf die Schilderung der Niederlage der Staufer folgt eine detaillierte Analyse der Predigten, die gegen den kastilischen Infanten und die Staufer in einer spannungsgeladenen Zeit mit evidenten politischen Konnotationen gehalten wurden. Darin liegt ohne jeden Zweifel der größte Beitrag der Arbeit: es werden die Symbole, Sprache und die an ein bestimmtes Publikum gerichteten Botschaften analysiert, die mit biblischen und religiös aufgeladenen Formulierungen auf die aktuelle politische Situation rekurrierten und diese interpretierten. Mit anderen Worten erfahren biblisch-religiöse Diskurse eine Aktualisierung anhand der Zeitumstände (Formulierung angelehnt an die Ausführungen von Demontis). Es lässt sich resümieren, dass Demontis mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag vor allem in zweierlei Hinsicht leistet: Zum einen wird eine bislang vernachlässigte relevante politische Persönlichkeit systematisch und auch mit neuen Quellen untersucht. Zum anderen wird politische Kommunikation im Mittelalter in den Formen, die im Italien der zweiten Hälfte des 13. Jh. üblich waren, auf hervorragende Weise analysiert.+TABRE+Óscar Villarroel González

Asami Kobayashi, Papsturkunden in Lucca (1227–1276). Überlieferung – Analyse – Edition, Köln (Böhlau) 2017 (Archiv für Diplomatik, Schriftgeschichte, Siegel- und Wappenkunde. Beiheft 15), 582 S., Abb., ISBN 978-3-412-50871-5, € 70.

Die päpstliche Kanzlei stößt in der Mediävistik auf ein anhaltend hohes Interesse und wird intensiv erforscht. Dabei stehen Themen wie die personelle Zusammensetzung, der Geschäftsgang, die Herausbildung und Ausdifferenzierung kurialer Behörden und die damit zusammenhängenden Gattungen päpstlicher Dokumente sowie die Kanzleiregeln im Interessenfokus, aber auch die Überlieferungssituation der Quellen selbst. An diesen letzten Punkt möchte Asami Kobayashi in ihrer Marburger Diss. anknüpfen, zu der sie durch den 2017 verstorbenen Andreas Meyer, der zu den wichtigsten Forscherpersönlichkeiten auch zur päpstlichen Kanzlei zählt, angeregt und bis in die Phase der Drucklegung inspiriert wurde. Aus dieser wissenschaftlichen Prägung ist auch der Untersuchungsgegenstand erwachsen, nämlich die überlieferten Papsturkunden in den Archiven der Stadt Lucca. Dort hat sich eine nicht geringe Zahl an Papsturkunden sowohl im Original als auch in kopialer Form erhalten, denen Kobayashi nachgeht. Der Untersuchungszeitraum von 1227–1276 liegt in den Imbreviaturbüchern des Notars Ciabattus begründet, in denen seine Tätigkeit in Lucca und Umgebung, die sich über einen Zeitraum von 1222–1272 erstreckte, außergewöhnlich dicht überliefert ist. Einzigartig ist diese lange Dauer der kontinuierlichen Aufzeichnungen – sie umfassen die Pontifikate von gleich sechs Päpsten, und zwar der Päpste Gregor IX., Innozenz IV., Alexander IV., Urban IV., Clemens IV. und Gregor X. –, und mit fast 8000 Folioseiten auch ihr Umfang. Ihre Ergebnisse der Bearbeitung dieses gewaltigen Quellenmaterials hat Kobayashi in drei Hauptkapitel unterteilt; das erste stellt sie unter die Überschrift „Urkundenlehre und Profil der Luccheser Papsturkunden“ (S. 19–115). Darin gibt sie zunächst einen präzisen und sehr guten Überblick über die Ansätze der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Papsturkunden, die ab den 1950er Jahren zunehmend auch die kopiale Überlieferung miteinbezog. Nach einem Überblick über das päpstliche Urkundenwesen im 13. Jh. wird die hohe Zahl an überlieferten Urkunden in den Imbreviaturbüchern gegenüber jenen, die original oder anderweitig abschriftlich überliefert sind, hervorgehoben und in verschiedenen Statistiken zusammengetragen. Der inhaltlichen und historischen Analyse ist der zweite Hauptteil gewidmet (S. 119–266). Zunächst geht Kobayashi auf die Delegationsgerichtsbarkeit ein und kann aus dem Luccheser Material wichtige Erkenntnisse zum Prozessverlauf und zu den Aufgabenbereichen der delegierten Richter liefern. Diese waren vor allem bei Streitentscheidungen und Urteilsprüfungen einbezogen worden. Bemerkenswert ist hier die Vertrautheit, mit der die komplexe Materie durchweg quellennah vorgestellt wird. Dies gilt auch für die Untersuchung der päpstlichen Benefizialreskripte, mit denen die Exekutoren in strittige Provisionsverfahren eingebunden wurden. Ein abschließender inhaltlicher Schwerpunkt wird auf die Papsturkunden gelegt, die während spezifischer Konflikte in Lucca im Untersuchungszeitraum ausgestellt wurden – wie z. B. der Streit zwischen dem Bischof von Lucca und der Stadt Pisa, die Luccheser Feldzüge in die Garfagnana 1227, die Finanzlage des Bischofs von Lucca und die Bettelorden der Stadt. Der dritte Hauptteil umfasst die „Regesten und Edition der Papsturkunden“ (S. 267–495). Dieser Quellenapparat beeindruckt aufgrund seiner Ausführlichkeit und hohen Qualität! Sowohl das gewählte Format der Textwiedergabe als auch der textkritische Anmerkungsapparat sind sehr ausführlich; z. B. werden sämtliche Kanzleivermerke – bis hin zur Wiedergabe von nicht auflösbaren Kanzleizeichen – vermerkt. Ebenfalls hervorzuheben ist die Kontextualisierung der jeweiligen Inhalte in den Anmerkungen. 290 Urkunden hat Kobayashi so aufgearbeitet, von denen viele bisher nicht bekannt waren. Die vorliegende Arbeit stellt einen äußerst wichtigen Forschungsbeitrag dar. Der Autorin ist es durch ihre stupende Aufarbeitung einer breiten Quellengrundlage gelungen, die Bedeutung von Imbreviaturbüchern herauszustellen. Durch ihre ausgeprägte quellenkritische Analyse hat sie das Wissen über die päpstlichen Quellen im Mittelalter, deren Überlieferung und die Arbeit der päpstlichen Kanzlei wesentlich bereichert.+TABRE+Jörg Voigt

Étienne Doublier, Ablass, Papsttum und Bettelorden im 13. Jahrhundert, Köln (Böhlau) 2017 (Papsttum im mittelalterlichen Europa 6), 752 pp., ISBN 978-3-412-50806-7, € 105.

Il presente studio analizza approfonditamente l’indulgenza nella sua dimensione istituzionale, in particolare nel quadro del rapporto tra pontefici e ordini mendicanti, che si rivelò decisivo per la sua affermazione tra XIII e XIV secolo. La significatività di tale nesso è stata già tematizzata nella storiografia internazionale che si è occupata del tema, ma finora non si era intrapresa un’indagine sistematica, finalizzata a dimostrare la genesi, l’evoluzione, la portata, la diffusione e la legittimazione di tale istituto nell’interazione quasi simbiotica tra papato, da una parte, e in sostanza domenicani e francescani, dall’altra. Il lavoro di Doublier colma esaustivamente questa lacuna sulla base di un ampio spoglio documentario, esemplificato nelle oltre trecento pagine di appendice allo studio, in cui sono cronologicamente regestati i documenti pontifici (1221–1313) con i quali si concessero le indulgenze per elemosina o per visita di particolari chiese e quelle per la crociata, la predicazione e l’inquisizione. I risultati della ricerca sono esposti nei capitoli 2, 3 e 4, preceduti da una breve introduzione e da un primo capitolo che assolve pure una funzione introduttiva poiché descrive i presupposti processuali dell’istituto prima dell’elezione di Gregorio IX (1227). Al pontificato di quest’ultimo, interpretato come significativo punto di „svolta“, è dedicata la sezione più ampia dello studio (pp. 72–109) con cui si apre il capitolo 2. Doublier inizia da qui a tracciare la storia dell’incastro istituzionale dell’indulgenza: si tratta di una curva complessa che evidenzia picchi, stagnazioni, modificazioni e intensificazioni, connessi con specifiche linee della politica pontificia (ad esempio durante lo scontro con gli Staufer), con l’affermazione degli ordini mendicanti o con mutamenti della pratica documentaria, ma che tendenzialmente cresce culminando nel pontificato di Clemente V. Doublier ne dipana l’andamento attraverso una serie di fitti riferimenti documentari, usati in modo quantitativo oppure qualitativo (cioè attraverso esempi significativi: vedi il caso di Vienna o quello dell’azione del legato in Germania Ugo di Saint-Cher). La risultante sintesi diacronica (pp. 72–206) costituirà certamente un punto di riferimento per le ulteriori ricerche sull’indulgenza o sulle istituzioni ecclesiastiche e religiose che ne beneficiarono in quel periodo. Nel capitolo 3 Doublier espone in maniera articolata l’analisi che supporta la precedente sintesi. Prima fornisce una descrizione statistica delle concessioni papali per ogni pontificato tra il 1227 e il 1314. Poi espone la situazione dei singoli ordini mendicanti (e qui sono analizzati anche le Damianite, i Carmeliti, gli Agostiniani e i Serviti), che furono certo beneficiari dei privilegi pontifici, ma che presto „fecero proprio“ l’istituto per sviluppare autonome strategie. E infine presenta caratteristiche e linee di sviluppo in singole aree della cristianità, in cui emergono differenze regionali che accompagnarono le più forti tendenze centralizzatrici e omogeneizzatrici delle istituzioni coinvolte. Il breve capitolo 4 delinea da ultimo i rapporti reciproci tra pratiche istituzionali e dottrina teologica coeva che si trovò di fronte al difficile compito di conciliare le concezioni della penitenza, della confessione e della salvezza dell’anima con un istituto di grande successo, ma non pienamente compatibile con le prime. E proprio col riferimento a tale successo tocchiamo (positivamente) i limiti di una ricerca scientifica esemplare nel dispiegare un fenomeno istituzionale, ma cauta nello sviluppare un’interpretazione più ampia del valore „strategico“ dell’indulgenza all’interno del „dispositivo“ della confessione elaborato nella cristianità a partire dal secolo XIII.+TABRE+Eugenio Riversi

Massimo Giansante (a cura di), I memoriali del comune di Bologna. Storia, diritto, letteratura. Ciclo di conferenze tenute per la Festa della storia nel 2014, Bologna (Chiostro dei Celestini) 2017 (I quaderni del Chiostro 4), 157 S., Abb., ISBN 978-88-94078-13-8, ohne Preis.

Der Bd., der an die gesetzliche Einführung der Libri memoriali im Jahr 1265 erinnern soll, umfasst die folgenden Einzelbeiträge: Massimo Giansante, Presentazione (S. 7–9); Giovanna Morelli, L’istituzione dei libri memorialium a tutela giuridica dei diritti dei privati (S. 11–41); Diana Tura, L’Ufficio dei memoriali fra Comune e notariato: origine e finalità di un’istituzione bolognese (S. 43–54); Rossella Rinaldi, I libri memoriali di Bologna e la storia economico-sociale. Spunti di riflessione (S. 55–67); Massimo Giansante, La memoria poetica del Comune di Bologna fra XIII e XIV secolo (S. 69–89); Giorgio Marcon, Memoria dei nomi nella poesia medievale: dalla tradizione dei Memoriali bolognesi al nome dell’autore e dei destinatari nelle Rime di Matteo Griffoni (S. 91–106); Vincenzo Cassì, La storia delle edizioni dei Memoriali: dal Chartularium all’edizione integrale del Memoriale di Enrichetto delle Querce (S. 107–130); Armando Antonelli, Il ricorso al volgare nei Memoriali bolognesi (S. 131–146); Indice dei nomi a cura di Lorenza Iannacci (S. 147–157). Mit den weitgespannten Sachbezügen, die aus den Titeln ersichtlich werden, ist diese Zusammenstellung gut geeignet, die inhaltliche Vielfalt und Vielschichtigkeit dieser überwältigenden Quelle vor Augen zu führen. Ihre Einrichtung im Jahre 1265, der historische Kontext und die normative Ausgestaltung in den Statuten der Sonderbeauftragten Loderengo degli Andalò und Catalano dei Catalani, die seit langem hinreichend geklärt und bekannt sind, werden von mehreren Autoren noch einmal mehr oder weniger breit wiederholt, wobei korrekterweise immer wieder auf die gründlicheren quellenkundlichen Arbeiten von Giorgio Tamba verwiesen wird. In den schon gut bekannten Rahmen fügen die Autoren jeweils Hinweise und Gedanken („spunti“) aus dem Bereich ihrer besonderen Thematik ein. Ein Schwerpunkt liegt auf den Versen in Volgare, die von den Notaren gelegentlich in ihre Registrierung eingefügt wurden. Diesen ebenfalls seit langem bekannten und schon intensiv studierten Texten sind hier drei Beiträge gewidmet (Giansante, Marcon, Antonelli), denen der Laie entnehmen kann, dass die Sonderüberlieferung in den Memoriali („tradizione eccentrica“) inzwischen zu einem eigenen Forschungszweig zur frühen italienischen Lyrik geworden ist. Dagegen bleibt die Universitätsgeschichte, die in den Memoriali eine unerschöpfliche Quelle findet, in diesem Bd. bis auf wenige Marginalien unberücksichtigt. Einen überraschenden Neuansatz bietet Vincenzo Cassì mit seinem Plan einer vollständigen Edition des Memoriale eines einzigen Notars. Damit öffnet sich ein neues Fenster in der Editionsgeschichte der Memoriali, die sich bisher auf die Universitätsgeschichte konzentriert hatte. Die entsprechende Auswahl aus den Jahrgängen 1265–1270 und 1286 hatte zu acht Bde. im „Chartularium Studii Bononiensis“ geführt (vgl. die Übersicht bei Cassì, S. 111–113), die zwischen 1921 und 1988 erschienen waren und die Memoriali vor allem bei Rechts- und Universitätshistorikern in aller Welt bekannt gemacht hatten. Demgegenüber will sichCassì nun auf einen kleinen Ausschnitt konzentrieren, hier aber nicht weiter auswählen, sondern das Reg. des Henrigiptus de Querciis, das auf gut 200 Blättern 1071 Einträge aus dem zweiten Halbjahr 1287 umfasst (Mem. 69, fol. 203–407), vollständig edieren. Die Wahl dieses Teils begründet er mit den besonderen Qualitäten des federführenden Notars und seiner Arbeit, wobei neben anderen Vorzügen auch dessen Verdienste um die Überlieferung der Lyrik eine Rolle spielen. So sehr jeder Erschließungsfortschritt zu begrüßen ist, ist doch nicht zu übersehen, dass hier nur ein minimaler Ausschnitt aus einer noch weitestgehend unerschlossenen Gesamtmasse herausgegriffen wird, die schon bis zum Ende des 13. Jh. mehr als eine Viertelmillion Einträge auf rund 37 000 Blättern umfasst (vgl. Martin Bertram, Bologneser Testamente. Zweiter Teil: Sondierungen in den Libri Memoriali, in: QFIAB 71 [1991], S. 196 f.). Wäre es nicht an der Zeit, die Erschließung dieser gigantischen Quellenmasse mit Hilfe der inzwischen ausgereiften und bewährten digitalen Reproduktionstechnik in Angriff zu nehmen? Dieses Verfahren wäre nicht nur ökonomischer als die klassische Textedition, sondern hätte dieser auch die Vermittlung des paläographischen Bildes voraus, das für die Beurteilung der Produktion von Hunderten ganz unterschiedlich schreibender Memoriali-Notare unverzichtbar ist. Für eine vorläufige Erprobung würden sich die Lücken in den Jahrgängen 1269 und 1270 anbieten (rund 570 Blätter in Mem. 10, 13 und 14), die im „Chartularium“ noch offen geblieben sind und damit die seriellen Untersuchungen behindern, für die sich diese Quelle wie wenige andere eignet.+TABRE+Martin Bertram

Paolo Grillo, L’ordine della città. Controllo del territorio e repressione del crimine nell’Italia comunale (secoli XIII–XIV), Roma (Viella) 2017 (Italia comunale e signorile 11), 147 pp., ISBN 978-88-6728-900-4, € 17.

Il volume raccoglie otto saggi dell’autore già pubblicati (o in corso di pubblicazione) in altre sedi dal 2011, corredati da introduzione e conclusioni inedite. L’argomento generale è quello del controllo dell’„ordine pubblico“, tradizionalmente indagato per l’età moderna e contemporanea, ma qui esteso al contesto comunale dell’Italia nord-occidentale fra XIII e XIV secolo. Oltre al non consueto ambito cronologico di riferimento, l’originalità di questi lavori risiede nell’aver focalizzato l’attenzione sulla prassi attuativa della repressione criminale e del controllo del territorio, in un panorama storico-giuridico e storico-istituzionale già molto solido (basti qui il richiamo ai soli nomi di Mario Sbriccoli, Giorgio Chittolini e Andrea Zorzi), ma che raramente ha approfondito „sul campo“ queste questioni. Nonostante il carattere necessariamente frammentario proprio di ogni raccolta di saggi, il volume si presenta tematicamente molto coerente, consentendo al lettore di cogliere facilmente i fili conduttori dispiegati nel testo, quasi come se i vari saggi costituissero altrettanti capitoli di una embrionale monografia sull’argomento: i primi due saggi sono infatti brevi messe a punto di carattere generale sul mantenimento dell’ordine pubblico in ambito urbano e sul controllo comunale del territorio, necessarie premesse che trovano poi applicazione a casistiche concrete nei restanti contributi. È possibile presentare sinteticamente i più importanti contenuti della raccolta giocando su almeno tre coppie concettuali che percorrono trasversalmente i saggi (pubblico/privato, città/contado, comune/signoria), binomi da non intendersi per forza in senso antinomico, quanto piuttosto come strumenti interpretativi. I primi due concetti sono senz’altro quelli di „pubblico“ e „privato“, notoriamente problematici per i secoli medievali, ma che in questo contesto si traducono euristicamente nel ruolo giocato dalle istituzioni comunali centrali oppure dagli altri aggregati di tipo associativo (rioni, parrocchie, vicinie, corporazioni, fazioni, parentele etc.) nella tutela concreta dell’ordine. L’autore connette la crescita dell’apparato repressivo urbano allo sviluppo delle esperienze popolari, portatrici di una nuova „ideologia dell’ordine pubblico“ (p. 23) che non si limitava, come in precedenza, a regolare la conflittualità, ma, parallelamente agli sviluppi del processo inquisitoriale, imponeva ora dall’alto la pax necessaria alla sopravvivenza del nuovo ordine e alla prevenzione, prima ancora che alla repressione, dei crimini. Tale crescita non andò però a sostituire completamente i metodi tradizionali (su tutti la pratica dell’„accorruomo“), ma vi si affiancò in maniera più o meno inclusiva a seconda dei casi, come si evince dal saggio sui compiti di polizia delle corporazioni (saggio 3). Dove la presenza delle istituzioni urbane risultava meno efficace era nel contado, troppo vasto per poter essere capillarmente controllato senza spese eccessive, e affidato all’iniziativa e alla responsabilità delle comunità rurali (saggi 2, 5). Tale contrasto emerge in maniera limpida con il fenomeno del fuoriuscitismo politico, al contempo risultato dell’efficace azione interna alla città e serio problema da gestire militarmente fuori dalle mura, tanto da essere indicato come una delle cause del progressivo diffondersi del mercenariato (saggi 4, 8). Se al contesto comunale affianchiamo poi l’emergere delle signorie pluricittadine (Acaia e Visconti), notiamo da un lato una sicura accentuazione degli aspetti repressivi del dissenso (uso frequente delle pene capitali, allargamento della rete delle fortezze signorili in città e nel territorio), resi possibili dall’estraneità dei signori ai singoli contesti cittadini, dall’altro una sostanziale continuità nell’appoggiarsi sul territorio alle istituzioni locali, anche nei casi più turbolenti come quello di Bergamo (saggi 7, 8): particolarmente significativa risulta inoltre in questo senso la vicenda del comune di Como, che anche alla rielaborazione normativa dei propri compiti di repressione del contrabbando affidò nel 1340 il tentativo di arginare la recente affermazione del dominio visconteo (saggio 6).

Alberto Luongo

Riccardo Rao (a cura di), Les grands officiers dans les territoires angevins / I grandi ufficiali nei territori angioini, Roma (École française de Rome) 2017 (Collection de l’École française de Rome 518), 428 pp., ill., ISBN 978-2-7283-1206-1, € 33.

Una delle più consolidate forme di presentazione dei risultati di ricerche scientifiche, cioè una raccolta di studi a più mani in formato cartaceo, è anche testimone dell’articolato progetto „Europange“, promosso dall’Agence Nationale de la Recherche (ANR), dalle notevoli applicazioni anche nell’ambito informatico e telematico: infatti, riprendendo uno dei temi basilari della storiografia angioina, appunto quello dei „grandi ufficiali“, il volume che si presenta è anche una prima tappa di raccolta condivisa di dati che verranno costantemente inseriti in un database incentrato proprio sugli ufficiali angioini. Il lavoro collaborativo tra i vari storici consentirà di condividere informazioni raccolte in più contesti territoriali, uniformandole attraverso la maschera di organizzazione dei dati del sistema informatico e telematico appositamente costruito per „Europange“. Si tratta, dunque, di un’applicazione delle potenzialità delle nuove tecnologie alla storia tardo-medievale tramite una tematica ben specifica, quella delle formazioni statuali di tale epoca, con particolare riguardo all’eterogeneo insieme di territori variamente legati agli Angiò. Il libro costituisce, così, un terreno di confronto tra studiosi i cui lavori analizzano un’ampia congerie di temi, ciascuno con la propria formazione e sulla base di fonti e di studi in buona parte caratterizzati da un taglio specificamente rivolto a ciascuna area in cui si sviluppò l’esperienza angioina: già scorrendo la bibliografia presente nei vari apparti critici, si comprende quanto il progetto fosse adatto alla tematica, in quanto gli studi sulle diverse aree della dominazione angioina soffrono di una certa frammentazione e di scarsa condivisione tra le diverse tradizioni, con una dialettica più forte tra Provenza e Italia nord-occidentale, comunque anch’essa rafforzabile e, ma già in misura minore, con le restanti parti della penisola. Lo sforzo convergente che anima il progetto ha già visto un primo esito positivo nella coerenza tra i contributi al volume: dopo alcune pagine di premessa – a firma di Thierry Pécout, Jean-Luc Bonnaud, Enikö Csukovits, Isabelle Mathieu, Serena Morelli e Riccardo Rao – Anne Tchounikine e Maryvonne Miquel presentano i principi su cui si basa la banca dati „Europange“ e le sue utilità. Un contributo di Riccardo Rao espone, poi, il bilancio storiografico ma anche le prospettive di ricerca che il gruppo di studiosi afferenti a Europange si pongono. Seguono, ancora, i diversi contributi territoriali: prima sull’Italia meridionale – per opera di Serena Morelli, Rosanna Lamboglia e Andreas Kiesewetter, con quest’ultimo che palesa anche rapporti con l’area balcanica – poi sull’odierna Francia, per opera di Thierry Pécout e Jean-Luc Bonnaud, che si occupano della contea di Provenza e Forcalquier, e di Isabelle Mathieu, concentrata su Angiò e Maine. Si passa, quindi, all’Italia settentrionale e centrale – contributi di Riccardo Rao, Gabriele Taddei e Paolo Grillo – e, infine, al principato di Morea e all’Ungheria, rispettivamente per opera di Isabelle Ortega e di Enikö Csukovits. Sulla base dei risultati raggiunti dai vari studiosi, Jean-Paul Boyer può tracciare alcune conclusioni e prospettive di lavoro sugli ufficiali coinvolti nell’alta amministrazione angioina grazie alla banca dati in costruzione che senz’altro favorisce la possibilità di seguire le sorti di ufficiali che si potevano muovere tra le varie terre angioine sparse sul suolo europeo di fine medioevo, con l’intreccio tra gli elementi innovativi da essi portati e quanto ricevevano in eredità dalle precedenti amministrazioni. Si tratta di una impostazione foriera di risultati rilevanti, tanto più apprezzabile perché, in una prospettiva di lunga durata che giunge fino ai giorni nostri, nel volume viene esplicitata un’attenzione all’odierno processo di integrazione europeo che palesa una sensibilità sul ruolo degli storici rispetto all’attualità, se non necessaria, senz’altro rimarchevole e positiva.+TABRE+Mario Marrocchi

Église et état, église ou état? Les clercs et la genèse de l’état moderne. Actes de la conférence organisée à Bourges en 2011 par SAS et l’université d’Orléans en l’honneur d’Hélène Millet, sous la direction de Christine Barralis, Jean-Patrice Boudet, Fabrice Delivre et Jean-Philippe Genet, Roma (École française de Rome) 2014 (Collection de l’École française de Rome 485,10. Publications de la Sorbonne. Série Histoire ancienne et médiévale 125,10. Le pouvoir symbolique en Occident [1300–1640] 10), 496 S., Abb., ISBN 978-2-7283-1077-7, € 28.

Der Sammelbd. vereinigt die Resultate einiger Treffen, die im Rahmen des vom European Research Council getragenen Programms „Signs and States“ stattfanden und nun Hélène Millet gewidmet sind, die sich in vielfältiger Weise um die Erforschung der Avignoneser Kurie und des Großen Abendländischen Schismas verdient gemacht hat. Gemäß den Forschungsschwerpunkten der Historikerin ist der Bd. in vier Teile gegliedert: Part I beschäftigt sich mit der Rolle der Kleriker in diversen Funktionen des sich verfestigenden spätmittelalterlichen Staates; Part II geht den Verbindungen zwischen der Kurie und dem französischen Königshof nach; Part III dreht sich um Kardinäle, Konzilien und Kirchenversammlungen; Part IV behandelt schließlich einige Aspekte der Kultur der Geistlichen im ausgehenden Mittelalter. Die Aufsätze, unter denen einige noch den an ihrer Kürze erkennbaren Werkstatt-Charakter durchscheinen lassen, stammen durchweg von Weggefährten der Gefeierten, die u. a. an ihrem 1991 begonnenen Projekt der „Fasti Ecclesiae Gallicanae“ (woran zu Recht Pascal Montaubin und Vincent Tabbagh erinnern, S. 121, 149–151) mitgewirkt haben. Allenthalben scheint das neue Verständnis des Großen Abendländischen Schismas durch, das dieses nicht mehr als rein religiöses Krisenphänomen sieht, sondern es als eine institutionnelle Krise betrachtet, die mitunter zu einer gesteigerten Frömmigkeit führen konnte (S. 417). Jean-Philippe Genet beschreibt einleitend die „sémiologie de l’État“ und definiert den Kleriker gegenüber dem Laien über seine bessere Bildung und die rechtliche Voraussetzung, dass er mindestens die Tonsur erhalten hat (S. 10). Unbestritten ist aber auch, dass viele Kleriker mit den niederen Weihen heirateten. Der ordo clericalis und der ordo laicalis sowie letztlich Kirche und Staat könnten in der Lebenswirklichkeit nicht mehr so strikt auseinandergehalten werden (S. 7, 11, 13, 26). Dies zeigt auch – mit Blick auf England – Virginia Davis (S. 25–33). Françoise Lainé beleuchtet das Thema anhand des Engagements in weltlichen Ämtern von Kanonikern und Generalvikaren aus dem vom Nepotismus nicht freien Domkapitel von Bordeaux (S. 35–54). Charles Vulliez kann die beispielhafte Karriere des Pierre de Mornay, des Bischofs von Orléans (1288–1296), im Dienste der Kirche und des Königs nachzeichnen (S. 55–71). Bruno Galland analysiert die Rolle der Geistlichen von Lyon, wobei immer noch darauf hinzuweisen ist, dass die Stadt an der Rhône ein Sonderfall war, da die Stadt zum Reich gehörte und für eine Aufnahme in das Domkapitel der Adelsrang erforderlich war (S. 75 f.). Politisch orientierten sich die Kanoniker mehr am Dauphin des Viennois oder an den Herzog von Burgund denn am König von Frankreich. Diesem standen dagegen die von Véronique Julerot vorgestellten Domkanoniker näher, die im Parlament von Paris saßen. Hier erkennt man Doppelkarrieren in Kirche und im Dienst des Staates. Unter der Regierungszeit Karls VIII. (1483–1498) machten die 55 Kleriker im Parlament einen Anteil von nur 37 % aus (S. 89). Cédric Michon vergleicht die Rolle der Prälaten in den Staatsräten Franz‘ I. von Frankreich und Heinrichs VIII. von England. Die geistlichen Räte in Frankreich – darunter die Kardinäle Gabriel de Gramont, Jean Du Bellay, Charles Hémard de Denonville – entstammten dem Adel, während sie am englischen Hofe Parvenus aus den Universitäten waren (S. 111–115). Dieser letzte Faktor erklärt wohl auch die große Unterwürfigkeit bei der Übernahme der theologischen Neuerungen, aber auch die große Entschiedenheit der englischen Bischöfe bei der Verteidigung der Privilegien der Kirche von England (S. 106 f.). Gergely Kiss stellt die noch frische Forschung zu den Kanonikern in Ungarn (S. 127–135), Élisabeth Mornet, die skandinavischen (S. 145–148) und Hermínia Vasconcelos Vilar die portugiesischen Verhältnisse vor (S. 153–156). Wie Anne Massoni zeigt, wurde oft schon bei der Gründung von Kollegiatkirchen deren Versorgungsfunktion durch die fürstlichen Stifter mitbedacht. Jean-Michel Matz umreißt auf drei Seiten die Relevanz von Universitäten (S. 141–143). Part II wird von Armand Jamme eingeleitet, der die vorherrschende Meinung von einem dem französischen König vollständig ergebenen avignonesischen Papsttum einer Revision unterzieht. Im Gegenteil lassen sich etliche Divergenzen zwischen den beiden Höfen feststellen. Man denke nur an die Italien-Politik Johannes‘ XXII. oder den Kreuzzug Urbans V. gegen die Söldnerbanden. Legaten waren in Frankreich nur selten zugelassen, obgleich einige niedrigere Nuntien durchaus erfolgreich zwischen England und Frankreich vermitteln konnten (S. 159–187). Étienne Anheim sieht in der Kurie schon ein Modell für den Hofdienst à la Norbert Elias, denke man doch nur an die Amtseide, die Geschenke, an Liturgie und Zeremoniell (S. 189–198). Amandine Le Roux hat die in der ganzen Christenheit zu findenden Kollektoren, die für die Päpste Einnahmen eintrieben, als „curialistes non résidants“ im Blick (S. 199–213). Daniel Le Blévec folgt dem Kanoniker Jean Richard auf seiner Reise im Juni 1382 durch die Diözese Viviers, als er als „vicarius generalis in spiritualibus et temporalibus sedis episcopalis Vivariensis sede vacante“ nach dem Tod des Bischofs Bernard d’Aigrefeuille bis zur Wahl des Nachfolgers die Geschäfte führte (S. 215–224). Mit Benedikt XIII. war 1394 ein adeliger Aragonese Papst geworden. Kein Wunder, dass das nur 80 km von seinem Geburtsort Illueca entfernte Zaragoza und die dortige Kollegiatkirche de Nuestra Señora del Pilar – wie María Narbona Cárceles zeigt – seine besondere Gunst erfuhr. Dabei spielte auch der Ablass für die Kapelle des noch heute verehrten, wundertätigen Gnadenbildes der Jungfrau „vom Pfeiler“ eine große Rolle (S. 225–239). Jacques Verger und Pierre Jugie leiten mit ihren kurzen Statements zur Rolle der Kurie und der Kardinäle auf dem Sektor der für das 14. Jh. typischen juristischen Untersuchungskommissionen („enquêtes“) (S. 241–246) über zu Part III, der den großen Kollegien und Versammlungen in der Kirche gewidmet ist. Zunächst untersucht Philippe Genequand die Rolle des Kardinalskollegs in den Berichten des ausgehenden Mittelalters – wie den „Chroniques“ des Jean Froissart – und stellt dabei fest, dass das Bild eines amorphen Kollektivs noch lange die Wahrnehmung dieser einflussreichen Gruppe bestimmte (S. 249–279). Monique Maillard-Luypaert rekonstruiert anhand der Akten des Kathedralkapitels von Cambrai, wie die großen kirchengeschichtlichen Wandlungen des Schismas (1378–1417) ihren lokalen Niederschlag fanden. Konkret geht es um die sich geschickt den örtlichen Empfindsamkeiten anpassende Rolle des 1397 zum Bischof erhobenen Pierre d’Ailly in der Phase des vom König von Frankreich betriebenen Obödienzentzugs zu Lasten Benedikts XIII. und dessen Wiederanerkennung 1403, die allerdings durch die Konzilien von Pisa und Konstanz wieder hinfällig wurde, wo d’Ailly Protagonist war (S. 281–292). Das letztere Konzil steht im Mittelpunkt des Beitrags von Sophie Vallery-Radot zur Frage, wie sich die Franzosen dort Verhör verschafften. Beispielhaft wird dies am Verhalten des Erzbischofs von Bourges Guillaume de Boisratier (Erzbischof 1409–1421) aufgezeigt, als er in Konstanz als Botschafter des Königs von Frankreich mit Erfolg für die gesamte „nation française“ sprach (S. 293–307). Émilie Rosenblieh beschäftigt sich dagegen mit den Verhandlungsmechanismen auf dem Konzil von Basel (1431–1449), das sich aufgrund der gewandelten politischen Lage vom Konzept der Konzilsnationen abwandte und zu themenbezogenen Kommissionen überging, eine Neuerung, die dann ab Trient auch auf den modernen Konzilien aufgegriffen wurde. Sie entsprach auch dem päpstlichen Universalismus, wurden doch die Konkordate mit Nationen (wie bei Martin V.) durch solche mit Monarchen (wie das Wiener Konkordat mit Friedrich III. 1448) ersetzt. Christine Barralis untersucht die Provinzialkonzilien im Norden Frankreichs, die dem Einfluss gleich dreier Potentaten ausgesetzt waren: dem des französischen Königs, des englischen Königs sowie des Herzogs von Burgund. Der Klerus dort war stark gallikanisch, während der südfranzösische Klerus eher päpstlich orientiert war. Hinter den Versammlungen standen zwei reformwillige Erzbischöfe: Jean Jouvenel des Ursins (Erzbischof von Bourges, 1388–1473) und Louis de Melun (Erzbischof von Sens, 1432–1474). Allgemein war die Forderung nach fiskalischer Unabhängigkeit sowohl vom Papst wie vom französischen König (S. 333–344). Im Part IV zur Kultur des Klerus dominieren zunächst zwei Beiträge zum astrologisch-astronomischen Wissen. Jean-Patrice Boudet geht dem Urbanisten Giovanni da Legnano nach, der mit einem auf das Jahr 1365 datierten, hier auch edierten Horoskop seinem Papst verhalten den Rücken stärkte (S. 347–365). Jean-Baptiste Lebigue präsentiert den Vorstoß des (im Übrigen von Dezember 1412 bis Mai 1413 in Rom weilenden) Pierre d’Ailly für eine Kalenderreform (bei der drei Tage vorzurücken gewesen wären), was von Johannes XXIII. aufgegriffen wurde. Dank des Interesses des Herzogs Johann von Berry fand das Projekt auch einen Widerhall in der berühmten Hs. der „Très Riches Heures“ (S. 367–389). Paola Guerrini belegt das fortdauernde Interesse an den „Vaticinia de summis pontificibus“, die 1629 in der Hs. Vittorio Emanuele 307 der Biblioteca Nazionale Centrale von Rom noch eine dem Kardinal Barberini gewidmete Abschrift erfuhren. Das Bild des Mönchs mit der Sichel war inzwischen schon zu einem Sinnbild für Martin Luther und die Sichel für Reform im Allgemeinen geworden (S. 391–415). Im Beitrag von Michèle Fournié steht wieder eine Episode der Volksfrömmigkeit gepaart mit politischen Implikationen im Zentrum. Denn es war wohl kein Zufall, dass in der dunklen Zeit des Schismas an gleich zwei Orten der Kult einer offenbar dem späteren Turiner Grabtuch ähnelden Tuchreliquie gepflegt wurde. Zum einen handelt es sich um die Zisterzienser-Abtei von Cadouin im Périgord, deren Grabtuch 1392 nach Toulouse gebracht wurde, wo es eine eigene Kapelle erhielt. Zum anderen gab es ein Tuch-Partikel in Carcassonne. Der in die Defensive geratene Benedikt XIII. machte es beiden Seiten recht: 1403 genehmigte er den Kult in Carcassonne und 1405 gewährte er der Reliquie in Toulouse einen Ablass (S. 417–432). Olivier Marin spürt den Idealen und Lebensläufen des mährisch-böhmischen Reformpredigers Johannes Militsch von Kremsier (Jan Milíč z Kroměříže) († 1374) und seines Biographen Matthias von Janov († 1394) nach. Matthias machte in der „Narracio de Milicio“ aus dem Kritiker der Amtskirche Jan Milíč einen „zweiten Elias“. Die enttäuschten Ambitionen der beiden auf ertragreichere Pfründen dürften ihren Unmut gefördert haben (S. 433–456). Um Versorgungsängste und Karriereerwartungen geht es auch im abschließenden Beitrag von Clémence Revest, die anhand der Ernennung des Gasparino Barzizza zum päpstlichen Sekretär Johannes’ XXIII. (1414) zeigen kann, wie schon vor Martin V. die Humanisten an der Kurie auf dem Vormarsch waren (S. 457–475). In ihrem „Épilogue“ resümiert Nicole Lemaitre die Schwerpunkte des Bd. und zeigt noch einige Forschungsdesiderate auf, die das große Thema „Kirche und Staat“ auch weiterhin spannend halten werden.+TABRE+Andreas Rehberg

Roberto Rusconi, Immagini dei predicatori e della predicazione in Italia alla fine del Medioevo, Spoleto (Fondazione Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo) 2016 (Medioevo francescano. Saggi 17), XXXVII, 516 S., Abb., ISBN 978-88-6809-110-1, € 50.

Roberto Rusconi gehört zu den angesehendsten Mediävisten Italiens. Seine jahrzehntelange Lehrtätigkeit an den Universitäten von Triest, Perugia, Salerno, L’Aquila und Roma Tre und eine Flut an Publikationen haben seine Stimme weit über Italien hinaus vernehmbar werden lassen. Vorliegende Aufsatzsammlung gewährt Einblick in Rusconis Arbeiten, die um den Themenschwerpunkt „Predigt“ kreisen. Die hierbei befolgte editorische Praxis ist diejenige, die man von der Reihe der „Variorum Collected Studies“ aus dem Hause Ashgate kennt: die 15, ursprünglich zwischen 1985 und 2008 veröffentlichten Artikel wurden ohne weitere Bearbeitung mit ihrem jeweiligen Schriftbild, der Paginierung, vor allem aber allen Druckfehlern übernommen. Eine zusätzlich ergänzte, durchlaufende Seitenzählung findet sich immerhin am Ende jeder Seite. Um sich über das ursprüngliche Erscheinungsjahr der jeweiligen Artikel zu informieren, ist ein Blick in die mehr als 300 Nummern umfassende Bibliographie Rusconis (S. XIII–XXXVII) nötig, wo durch ein graphisches Zeichen am Rand auf den jeweils wiederabgedruckten Aufsatz aufmerksam gemacht wird. Eine Aktualisierung der Beiträge fand leider nicht statt, so dass maßgebliche Erträge der internationalen Predigtforschung fehlen. Im Gegensatz zu den „Variorum Collected Studies“ ist vorliegender Bd. aber fast schon preisgünstig zu nennen – und das ist ausgesprochen begrüßenswert, ist der in vier große Abschnitte gegliederten Sammlung (I. In principio; II. La rappresentazione delle prediche; III. La santità dei predicatori; IV. Percorsi) doch eine breite Rezeption vor allem im angloamerikanischen Sprachgebiet zu wünschen. Rusconi ist an Aspekten der Predigtpraxis, vor allem aber an der bildlichen Darstellung von Predigt bzw. Predigern interessiert. Aus Bildtafeln, Freskenzyklen, dem ikonographischen Programm auf Grabdenkmälern oder Farbfenstern lassen sich wertvolle Hinweise auf die Predigtpraxis des späten Mittelalters gewinnen. Ordensheilige wie Dominikus, Bernardino von Siena oder Vinzenz Ferrer wurden darauf häufiger als Prediger dargestellt, die die Massen anzogen. Franz von Assisi kam dabei besondere Bedeutung zu, richteten sich seine Sermones doch sowohl an Menschen als auch an Tiere („avibus et hominibus“, wie Étienne de Bourbon betont). Franzʼ „Vogelpredigt“ stieg zu einem Element ikonographischer Identifizierung auf. Auch die 1234 bzw. 1253 kanonisierten Dominikus und Petrus Martyr wurden predigend dargestellt. 1254 wurde vom dominikanischen Generalkapitel gar verfügt, dass jede Ordenskirche über bildliche Darstellungen beider Heiliger verfügen müsse. Bedauerlich, dass die Gemälde, Bildtaf., Freskenzyklen und Grabdenkmäler, über die Rusconi so eloquent handelt, nur in schwarz-weiß-Abb. mittelmäßiger Qualität abgedruckt sind – insbesondere der Aussagegehalt der großen Glasfensterzyklen geht hier gegen Null. Viele Mitglieder der International Medieval Sermon Studies Society (nicht „Medieval Society for Sermon Studies“ wie von Rusconi in seinem augustinisch-elaboriert „Retractatio“ betitelten Vorwort behauptet) würden sich entschieden gegen den Vorwurf verwahren, im Zentrum ihrer Forschungen hätten „i sermoni“ und nicht „la predicazione“ gestanden (S. VIII). Diese Feststellung (und Abgrenzung) zielt tatsächlich ins Leere, beschäftigt sich die Predigtforschung doch seit längerem neben der klassischen Textexegese und – horribile dictu – der Erstellung kritischer Editionen umfangreicher spätmittelalterlicher Predigtcorpora mindestens ebenso intensiv mit Fragen der Predigtpraxis und der Rezeption durch die Zuhörenden (bzw. Lesenden). In seinem noch immer lesenswerten Beitrag zur Praxis der reportatio (S. 33–62) äußert sich Rusconi nicht nur zur Frühgeschichte des Phänomens, sondern geht auch dem Zusammenhang nach, der zwischen der reportatio einerseits und den Unterrichtsformen der neu entstehenden Universitäten andererseits besteht. Was der Prediger von der Kanzel verkündete, musste nicht zwangsläufig dem entsprechen, was die Zuhörer tatsächlich verstanden und dokumentierten (insbesondere, wenn es sich dabei um Laien handelte). Der Franziskaner Ludovico da Pirano (1390–1450) konnte zwar immer wieder betonen, dass „si ordo non esset, memoria confundetur“, doch selbst bei klarer Gliederung der Predigten ließ deren Verschriftlichung durch die Zuhörer immer wieder zu wünschen übrig. Wie stark reportationes den Inhalt des Gesagten verfälschen konnten, zeigt das Beispiel des Berthold von Regensburg, der selbst für die Ausgabe seiner „Sermones rusticani“ sorgte, hätten doch reportatores „multa falsa notaverunt“. Sicher, Rusconis Artikel stammt aus dem Jahr 1989, und die Predigtforschung ist inzwischen weitergegangen, doch behält er seinen Wert als nützliche Einführung in das Phänomen unter italienischem Blickwinkel. Wenn eine Predigtschule des späten Mittelalters betont, „ut predicatio fiat populo fructuosa“, ist die Stoßrichtung vorgegeben. Nutzbringend sollte die Predigt sein, doch war es damals wie heute schwierig, allen Ansprüchen gleichermaßen gerecht zu werden. Waren viele mit einer Auslegung des biblischen Textes auf der Ebene des sensus historicus zufrieden, forderten andere deutlich mehr als die „aliquante parolette utili“, mit denen ein reportator der Fastenpredigten des Giordano da Pisa dessen sermones wenig schmeichelhaft charakterisierte. Die Bedeutung der Predigt zeigt sich auch in Form von Einblattdrucken des 15. Jh., so wenn beispielsweise bei der Erläuterung der Zehn Gebote die Heiligung des Sonntags mittels eines Kanzelpredigers visualisiert wird. Dies deutet auf die wachsende Bedeutung der Predigt hin, und Persönlichkeiten vom Schlag eines Bernardino von Siena, für die eine gute Predigt nahezu ebenso wichtig wie die Messliturgie war, dürften sich gegen derartige Darstellungen nicht verwahrt haben. Zusätzliche Beispiele für die Darstellung von Predigt auf Einblattdrucken werden in einem lesenswerten Beitrag vorgestellt (S. 421–466). Rusconis Expertise im Bereich der Predigt im Italien des hohen und späten Mittelalters ist unbestritten. Die an Rusconi gerichtete Aufforderung Hervé Martins (dem vorliegende Aufsatzsammlung dediziert ist), alle thematisch einschlägigen Aufsätze zur Grundlage einer geschlossenen, auch aktuelle Forschungen miteinbeziehenden Monographie zu machen, ist unmittelbar einsichtig und nachvollziehbar. Schade, dass Rusconi diesem Rat nicht gefolgt ist.

Ralf Lützelschwab

Enno Bünz, Die mittelalterliche Pfarrei. Ausgewählte Studien zum 13.–16. Jahrhundert, Tübingen (Mohr Siebeck) 2017 (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation 96), IX, 862 S., Abb., ISBN 978-3-16-153874-2, € 109.

Die Pfarrei zählte im Mittelalter zu den zentralen Schnittstellen zwischen Kirche und Welt. Durch die seit dem Hochmittelalter erfolgte Untergliederung der Bistümer in Pfarrsprengel und ihren weiteren Ausbau im Spätmittelalter ist in den deutschen Diözesen um 1500 von ca. 50 000 Pfarreien auszugehen. In diesen flächendeckenden Ausbau war im ausgehenden Mittelalter in Europa das gesamte Territorium einbezogen. „Selbst das entlegenste Dorf, der einsamste Einödhof“ gehörte zu einer Pfarrei (S. 299), so Enno Bünz, der sich diesem lohnenden Forschungsfeld bereits seit rund drei Jahrzehnten widmet und hier eine erste Synthese seiner Ergebnisse vorstellt, die in der deutschsprachigen und internationalen Mediävistik auf hohes Interesse stoßen. Eine Auswahl seiner breitgefächerten Studien hat Bünz in 21 Beiträgen, von denen drei neu verfasst und die weiteren überarbeitet und aktualisiert wurden, im vorliegenden Bd. zusammengeführt. Die sehr informative, über 70 Seiten umfassende und den internationalen Forschungsstand einschließende Einleitung eröffnet das erste Hauptkapitel zu den „Allgemeinen Perspektiven“ (S. 3–149). Von ebenfalls grundlegendem Charakter ist der zweite Beitrag zur Entwicklung der Seelsorgestrukturen im Spätmittelalter, in dem die Dynamik des Ausbaus der hoch- und spätmittelalterlichen Kirchenorganisation und der damit zusammenhängenden Seelsorgeverhältnisse aufgezeigt wird. Daran schließt sich eine Auswertung der vatikanischen Registerüberlieferung des 15. Jh. an, in der die hohe Bedeutung des kurialen Provisionswesens für die Erforschung von Pfarrei und Pfarrgeistlichkeit deutlich wird. Ausgewertet wird die durch das „Repertorium Germanicum“ erschlossene Registerüberlieferung, die Angaben z. B. zu Patrozinien von Pfarrkirchen, den Altären, den Inhabern der Benefizien, Rechtsverhältnissen, Inkorporationen, und auch Aussagen über den Wert und die Einkünfte einer Pfarrei, den Umfang der Benefizien und Dispense sowie biographische Angaben zum Klerus enthält, was, wie Bünz eindrucksvoll zeigt, tiefe Einblicke in die Thematik gewährt. Das zweite Hauptkapitel greift in vergleichender Perspektive die Themen „Frömmigkeit – Ökonomie – Gesellschaft – Kultur“ auf (S. 151–351). Der Blick richtet sich zunächst auf die ländlichen Pfarrkirchen, die zum Großteil älter waren als die städtischen. Ein Schwerpunkt wird dabei auf Gestaltungsspielräume der Landbevölkerung gelegt, die – auch durch eine bisher so nicht gekannte finanzielle Beteiligung – bemerkenswerte Einflussmöglichkeiten bei der Errichtung und Ausgestaltung einer eigenen Pfarrkirche und der Auswahl eines Geistlichen vor Ort besaß. Im nächsten Beitrag steht das Totengedenken auf dem Land im Vordergrund, das bisher seitens der Forschung weitgehend unberücksichtigt geblieben ist. Bünz wertet dafür die nur fragmentarisch erhaltenen Memorialquellen aus. Beim folgenden Beitrag zu den Vikariestiftungen und ihrem Einfluss auf die Wirkung des Kirchenraumes handelt es sich um eine Erstveröffentlichung. Darin weist Bünz auf die heute wahrzunehmende eher einheitliche Gestaltung des Gottesdienstraumes und die Ausrichtung auf den Hauptaltar hin, die im Mittelalter so nicht greift. Eine spätmittelalterliche Pfarrkirche vermittelte z. B. durch die mit dem Stiftungswesen zusammenhängende, nicht geringe Zahl von Nebenaltären einen heterogenen Eindruck. Eng damit zusammen hängt das siebte Kapitel, in dem die materiellen Grundlagen der spätmittelalterlichen Pfarrgeistlichen und deren differenzierte Einkommensverhältnisse thematisiert werden. Im Kern wird dafür das wichtige Pfründenverzeichnis des Erzbistums Hamburg-Bremen, der „Taxus beneficiorum“ von ca. 1336, zugrunde gelegt, dessen komplizierte Genese Bünz zunächst aufarbeitet und anschließend den Text ediert. Im achten Kapitel – erneut eine Erstveröffentlichung – wird der Buchbesitz von Pfarrern – ein gegenüber der Forschung zu Bibliotheken von Klöstern und Stiften kaum behandeltes Thema – untersucht. Neben inhaltlichen Aspekten werden auch die Formen der Bücheranschaffungen, der Zweck dieser Bibliotheken und die Auswirkungen des Buchdrucks thematisiert sowie klare Umrisse von Pfarr- und Kirchenbibliotheken gezeichnet. Die Pfarrei- und Pfarrersiegel werden im anschließenden Kapitel behandelt. Diese im 13. Jh. aufkommende Beurkundungsform wird hier in ihren wesentlichen Grundzügen, Erscheinungsformen und Materialien vorgestellt. Der dritte Teil widmet sich den regionalen Perspektiven, hier vor allem den Bistümern, Landschaften und Orten (S. 353–628). Dabei wird zunächst der Beitrag der Grundwissenschaften gewürdigt, wie der landesgeschichtlichen Atlasarbeit in Bayern, die Bünz mit auf breiter Quellenbasis beruhenden Überlegungen für eine neue, zuverlässige und differenzierte Darstellung anregen möchte. Untersucht wird aber auch die Lage der Pfarrgeistlichkeit im Bistum Würzburg nach dem Bauernkrieg, hier v. a. in wirtschaftlicher Hinsicht, was durch einen Quellenanhang zu ausgeschriebenen Klerussteuern vertieft wird. Behandelt wird weiterhin die Druckkunst im Dienst der kirchlichen Verwaltung. Bünz thematisiert darin das starke Anwachsen der Verschriftlichung in diesem Bereich anhand der überlieferten Archivalien zu Abwesenheitsgeldern, zu deren Zahlung Inhaber geistlicher Pfründen in absentia verpflichtet waren, und greift damit zentrale Fragen, wie die Rezeption des kanonischen Rechtes und die organisatorische Ausdifferenzierung geistlicher Behörden vor Ort, auf und dokumentiert dadurch das sich im Laufe des Spätmittelalters wandelnde Verhältnis von „Mündlichkeit“ und „Schriftlichkeit“. Weitere Beiträge beziehen sich auf die Kirchenorganisation innerhalb des flächendeckend größten mittelalterlichen Bistums Mainz, und hier den sogenannten Orlagau, ein geschichtlich und administrativ bemerkenswertes Verwaltungsgebiet an der Ostgrenze des Mainzer Bistums; oder auf das Vogtland, das durch seine Lage als Durchgangslandschaft in den heutigen Bundesländern Sachsen, Thüringen und Bayern vielfältigen historischen Einflüssen ausgesetzt war; oder auch auf die Kirche St. Michael in Jena, die sowohl als Klosterkirche der Zisterzienserinnen als auch als Pfarrkirche Jenas fungierte. Weiterhin finden sich Darstellungen zur Gründung des Kirchspiels Barlt in Dithmarschen und der St. Jürgenskapelle in Heide, die weit über die Themenstellung hinausgehen und auf breiter Quellenbasis stehen, wie die Edition der Gründungsbestätigung der Heider St. Jürgenskapelle durch Papst Nikolaus V. im Jahr 1448 zeigt. Im vierten Teil werden prosopographische und biographische Perspektiven eröffnet, hier vor allem mit Blick auf die Pfarrer (S. 629–764). Zunächst wird die Pfarrgeistlichkeit Thüringens beleuchtet; von ihrer Lebensführung, ihrem Verhältnis zu den Laien sowie zur Gemeinde, ihrer wirtschaftlichen Lage und schließlich ihrem Bildungsgrad kann ein differenziertes und „insgesamt positives Bild“ (S. 665) gezeichnet werden, was gerade vor der Frage nach den Ursachen der Reformation in diesem für die Reformationsgeschichte bedeutenden Raum von besonderem Interesse ist. Daran anschließend wird das „Repertorium Poenitentiariae Germanicum“ ausgewertet – hier die Bde. 1–6, die die Reg. der Apostolischen Pönitentiarie der Jahre von 1431–1484 aufarbeiten – mit Vorstellung der darin enthaltenen Suppliken. Gerade hier eröffnet sich ein zum Teil sehr sprechendes Bild über die praxis pietatis der Geistlichen. Darüber hinaus lassen Einzelbiografien, wie die des Winand von Steeg (1371–1453), der an der jungen Universität in Würzburg lehrte, am Konstanzer Konzil teilnahm, Jurist, Schriftsteller und Künstler war und somit zahlreiche Schriften und auch einige Kunstwerke hinterlassen hat, oder auch von Andreas Brus, der rund 40 Jahre die Büsumer St. Clemens-Pfarrei innehatte, die Konturen des niederen Klerus deutlicher werden. Bei der vorliegenden Studie handelt es sich ganz zweifellos um ein magnum opus, das die Forschung zur spätmittelalterlichen Pfarrei auf eine neue Grundlage stellt. Enno Bünz hat dieses Thema räumlich, zeitlich, inhaltlich und methodisch sehr breit ausgeleuchtet und in stupender Kenntnis der Quellen und der Literatur aufgearbeitet. Zudem bleibt dieses Buch immer lesenswert – wann stößt man z. B. in der Einleitung zu einer Studie über den Buchbesitz von Landpfarrern auf eine Passage von Carlo Levis‘ „Christus kam nur bis Eboli“, wo sich im Hause des örtlichen Erzpriesters ein Bücherhaufen mit wertvollen Exemplaren des 18. Jh. befand, der von einer Schicht aus Staub und Hühnermist bedeckt war (S. 295 f.)? Und schließlich ist es auch ein sehr persönliches Werk, denn jeder Aufsatz trägt eine persönliche Widmung, in der sich die verschiedenen Lebens- und Wirkungsorte von Enno Bünz spiegeln, der in Norddeutschland aufwuchs, in Würzburg studierte und promovierte, in Göttingen seine erste wissenschaftliche Stelle bekleidete, in Jena habilitiert wurde und nun in Leipzig lehrt. Für die deutschsprachige und internationale Wissenschaft wird dieses grandiose Panorama der mittelalterlichen Pfarrei für Jahrzehnte eines der wichtigsten Referenzwerke darstellen.

Jörg Voigt

Anti Selart/Matthias Thumser (Hg.), Livland – eine Region am Ende der Welt? Forschungen zum Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie im späten Mittelalter / Livonia – a Region at the End of the World? Studies on the Relations between Centre and Periphery in the Later Middle Ages, Köln et al. (Böhlau) 2017 (Quellen und Studien zur baltischen Geschichte 27), 519 pp., ill., ISBN 978-3-412-50805-0, € 65.

Livonia è il nome storico latino di una regione dell’area baltica che ricopre le attuali Estonia e Lettonia, territorio dominato tra i secoli XIII e XVI (periodo d’interesse del presente volume) da contatti con una moltitudine di centri politici, economici, religiosi, culturali al cui destino si è trovato connesso in maniera diretta o indiretta: il vicino regno della Lituania, il Sacro Romano Impero, la Roma pontificia, le Città Anseatiche del Baltico, ma anche alcune entità politiche dell’Europa centro-orientale. La posizione di questa regione medievale, tanto da una prospettiva geografica (essa si trovava in corrispondenza dell’estremità nord-orientale del continente europeo), quanto da una culturale (al limite del doppio concetto di Christianitas –Latinitas, che tra i secoli XIII–XV conferiva unità allo stesso continente), rappresenta il tema del volume in oggetto, come dettagliatamente esposto nell’introduzione firmata dai due editori. Entrambi gli aspetti ricordati indicano l’assunzione di un ruolo periferico della regione; ai quindici saggi del volume (cui si somma un’introduzione ed un saggio conclusivo firmato da Kurt Villads Jensen) spetta il compito di studiare l’interazione della periferia baltica con i vari centri europei. La raccolta a stampa conclude i lavori della conferenza „Medieval Livonia: Interchange between a Peripheral Region and European Centres / Livland – eine Region an der Peripherie im Austausch mit den Zentren Europas“, organizzata dall’Università di Tartu dal 18 al 19 settembre 2015, sistematizzando ed approfondendo in una forma coerente gli interventi di studiosi di cinque paesi, Svezia, Finlandia, Lettonia, Estonia e Germania (interessante l’assenza della Polonia, nonostante la sua vicinanza geografica). I saggi sono raggruppati intorno a quattro grandi categorie concettuali dedicate a (1) individui e comunicazione, (2) rapporti con le grandi potenze continentali, la Santa Sede e l’Impero germanico, (3) la presenza regionale e sovra-regionale dell’Ordine teutonico e, infine, (4) gli scambi culturali avvenuti all’interno dell’Europa policentrica. Gli articoli mettono in luce, man mano, gli elementi di appartenenza e coesione (il rito e le strutture ecclesiastiche comuni, l’utilizzo del latino come lingua di cultura e come veicolo di comunicazione), ma anche quelli di differenziazione imposti dal carattere multi-etnico e multi-linguistico della regione. „Periferico“ o „marginale“ – due apparenti sinonimi, che non si sovrappongono però nella valutazione del ruolo storico della Livonia – rappresentano concetti discussi dagli autori dei saggi raccolti nel volume, che portano oltre e definiscono meglio le proposte di ricerche anteriori dedicate alla percezione dello spazio nel Basso Medioevo, nelle sue più variegate forme d’espressione. Sono discusse in una maniera innovativa le differenze tra il discorso esterno sulla Livonia e quello auto-definitorio, interno, entrambi inseriti nel contesto etnico, religioso e sociale. Alla terminologia associata tradizionalmente alla periferia („contrasto“, „isolamento“, „distanza, „trasferimento, „ritardo, „eterogeneo“ ecc.) viene contrapposta in varie forme l’idea che la marginalità geografica e culturale non avesse costituito un ambiente dominato esclusivamente dalla passività. Tutti questi elementi, ben illustrati nei vari saggi che compongono il volume, ricevono un senso molto più definito se vengono guardati dalla prospettiva di un’altra periferia della Latinitas medievale, la Transilvania. Entrambe le regioni hanno in comune il carattere pluri-etnico e pluri-linguistico, che sovrappone al latino i vari strati linguistici vernacolari. Altri parallelismi tra le due regioni, osservate nella stessa finestra temporale dei secoli XIII–XVI, comportano similitudini nell’ordine gerarchico socio-etnico, nel contesto della vita urbana, nello sviluppo degli scambi economici intorno alle grandi vie commerciali europee e, non in ultimo, nella perdita di una buona parte degli archivi interni, fatto che presuppone da un lato il ricorso ai depositi archivistici esterni (quelli pontifici, ad esempio) e, dall’altro, una certa inventività metodologica, che si rispecchia in uno sforzo comparatista più ampio. Le somiglianze e le differenze specifiche a questa categoria di spazi di transizione hanno contribuito in uguale misura alla coesione delle comunità intorno ad alcuni concetti specifici delle periferie, come quello di antemurale Christianitatis, un topos sempre presente lungo la frontiera del mondo latino. I saggi di questo volume offrono senz’altro una prospettiva fresca sui rapporti tra i vari centri di attrazione e di intersezione dell’Europa medievale latina ed aree culturali site a grande distanza da essi. Seguendo questo modello di trattazione multilaterale dei rapporti tra centro e periferia imposto dallo studio della Livonia medievale, ma ispirato anche dalla proposta di Anna Adamska in un saggio recentemente pubblicato (Intersections. Medieval East Central Europe from the Perspective of Literacy and Communication, in: Gerhard Jaritz/Katalin Szende [Eds.], Medieval East Central Europe in a Comparative Perspective. From Frontier Zones to Lands in Focus, London-New York 2016, pp. 223–238), ossia quello di costruire un discorso comparatista a livello macro-regionale, che possa coinvolgere le regioni marginali della latinità, dalla Scandinavia al Mar Nero, posso affermare che le prospettive degli studi comparativi sulle aree periferiche e di frontiera del Basso Medioevo hanno prospettive valide di sviluppo. Anche volendo guardare esclusivamente da questo punto di vista possiamo formulare una risposta alla domanda posta nelle conclusioni del volume: adesso, è una buona cosa essere periferici („it is good to be peripheral“)!

Adinel Dincă

Alain Demurger, Die Verfolgung der Templer. Chronik einer Vernichtung 1307–1314, München (Beck) 2017, 408 pp., ill., ISBN 978-3-406-70665-3, € 26,95.

La pubblicazione del libro di Demurger sulla fine dell’Ordine dei „Poveri Cavalieri del Cristo“ ha dimostrato che scrivere su tematiche apparentemente „conosciute“ dal grande pubblico dei lettori è una sfida da cogliere, in primis, da chi ha dedicato ad un determinato filone di ricerca diversi decenni della propria attività di studioso. La prima parte del volume (pp. 13–303) descrive accuratamente le fasi che portarono gradualmente alla cancellazione dei Templari (1305–1314). Opportunamente strutturato in una veste editoriale capace di interessare tanto il grande pubblico quanto gli specialisti, l’autore colloca una ricca appendice di approfondimenti, note e rimandi documentario–bibliografici solo in appendice (pp. 307–408), al fine di non „appesantire“ la lettura scorrevole del testo. Basterebbe fare scorrere il dito lungo l’elencazione degli imputati soggetti agli interrogatori tenuti a danno dei Templari a Parigi tra l’aprile del 1310 e il maggio del 1311 (pp. 334–342) per avere l’idea della capillarità del processo di annientamento a danno dei Templari, sapientemente orchestrato dalla corona francese con il beneplacito delle alte gerarchie ecclesiastiche. Ed è proprio dall’analisi delle nove appendici poste a conclusione del volume (pp. 307–342) che emerge il profondo valore innovativo dell’opera. Il Demurger, infatti, permette così al lettore di acquisire una nuova immagine dell’Ordine dei Templari. Dalla lettura del libro emerge con evidenza come l’ordine monastico–cavalleresco non costituisse un corpo monolitico, ma fosse composto al suo interno da diverse voci, annoveranti tanto quelle che ne difesero fino all’ultimo la dignità, come il Maestro di Normandia Geoffroy de Charnay, quanto quelli che pensarono a salvare la vita, de facto abiurando quanto fatto in seno all’Ordine, come Hugues de Pairaud e Geoffroy de Gonneville. Quest’ultima pubblicazione del medievista francese completa idealmente un brillante percorso di studi sull’argomento. Dopo la pubblicazione di opere specificatamente dedicate alla ricerca sui Templari (e in buona parte tradotte anche nelle lingue italiana e tedesca), basti ricordare, tra i titoli più noti delle edizioni originali, „Vie et Mort de l’ordre du Temple“ (1985), „Jacques de Molay. Le crépuscule des Templiers“ (2002) e „Les Templiers. Une chevalerie chrétienne au Moyen Âge“ (2005), mancava ancora un ultimo tassello al completamento del mosaico d’insieme. Con la stampa del libro „La persécution des templiers. Journal (1305–1314)“, uscito per la prima volta in lingua francese nel 2015, lo studioso „chiude“ con un vero e proprio coup de maître un tema di ricerca approfondito in oltre trent’anni di serrata consultazione di fonti archivistiche. „L’ultima parola“ viene lasciata dallo storico proprio ai protagonisti della sua indagine, a quei Pauperes commilitones Christi templique Salomonis, che tra il 1305 e il 1314 combatterono fino all’ultimo una battaglia giuridica per difendere il loro operato contro forze soverchianti, culminata nella morte sul rogo, il 18 marzo 1314, del Gran Maestro dell’Ordine Jacques de Molay e di tre alti dignitari dell’Ordine del Tempio. Alla luce di quanto emerso finora, auspichiamo che il libro venga letto soprattutto dalle generazioni più giovani. Nell’ultimo decennio, l’inondazione sul mercato dell’entertainment di prodotti incentrati sui Templari di dubbio fondamento storico, rende pubblicazioni come quella del Demurger una lettura allo stesso tempo piacevole e rigorosamente documentata, da diffondere tanto nelle scuole quanto nelle università. Quale risposta migliore sarebbe opportuno fornire oggigiorno ad uno studente che conosce la storia dei „Poveri Cavalieri del Cristo“ unicamente attraverso la quadrilogia il „Romanzo delle Crociate“ di Jan Guillou (1998–2011) o che identifica un Cavaliere del Tempio con le fattezze assunte dell’attore Nicolas Cage nel film „Season of the Witch“ (2010), se non quella di invitare alla lettura appassionata del libro di Demurger?+TABRE+Marco Leonardi

Pierluigi Licciardello, Un vescovo contro il papato. Il Conflitto fra Guido Tarlati e Giovanni XXII (1312–1339), prefazione di Luca Berti, Arezzo (Società Storica Aretina) 2015 (Studi e storia aretina 12), 191 S., Abb., ISBN 978-88-89754-17-7, € 18.

Nach Sylvain Parents maßstabsetzender Arbeit zu den Inquisitionsprozessen Johannesʼ XXII. (1316–1334) gegen die Feinde der Kirche in Oberitalien (vgl. Rezension in: QFIAB 95 [2015], S. 566–568) liegt nun eine weitere Detailstudie zum robusten Vorgehen dieses Avignon-Papstes im genannten Gebiet vor. Im Zentrum der Betrachtungen steht dabei Guido Tarlati da Pietramala, seit 1312 Bischof und aufgrund militärischen Engagements im Sinne Ludwigs des Bayern von 1321 bis zu seinem überraschenden Tod 1327 zugleich auch Signore von Arezzo mit dem klangvollen Titel eines dominus generalis. Das Vorwort zu vorliegender Arbeit von Luca Berti, dem Präsidenten der Società Storica Aretina, lässt an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig. Zu Unrecht habe die städtische memoria in Guido Tarlati einen unermüdlichen Verteidiger der Freiheit und Unabhängigkeit Arezzos erblickt und ihn damit deutlich überschätzt. Dieses Verdikt ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Zeitgenössische Chroniken ghibellinischer Färbung singen vielfach das Lob des Signore-Bischofs. Benvenuto da Imola nennt ihn in seinem Kommentar zu Dantes „Commedia“ „uomo famoso, magnanimo e magnifico“. Pierluigi Licciardello, der Vf. der vorliegenden Studie, geht hierbei etwas behutsamer vor. In einem lesenswerten historiographischen Überblick wird verdeutlicht, worin das vornehmliche Interesse der Forschung an der Person Tarlatis begründet lag. Weniger das pastorale Wirken des Bischofs als seine militärischen Erfolge und die politischen Ereignisse in und um die Signorie standen lange Zeit im Vordergrund. Kaum überraschend ist deshalb der Befund, dass erst seit 2013 ein ausgewogener Überblick zur Person Tarlatis vorliegt, der beide Seiten seines Wirkens, das geistliche und das weltliche, gleichberechtigt gewichtet (Andrea Barlucchi, Note sulla signoria aretina del vescovo Guido Tarlati [1321–1327], in: Le signorie cittadine in Toscana. Esperienze di potere e forme di governo personale [secoli XIII–XV], a cura di Andrea Zorzi, Roma 2013, S. 169–193). Licciardello will die Prozesse gegen Tarlati nicht allein aus einem lokalen Blickwinkel heraus betrachten, sondern sie in den größeren Rahmen der regionalen, „nationalen“, ja supranationalen Politik des 14. Jh. einbetten, und dies vor dem Hintergrund einer sich fundamental wandelnden Ekklesiologie, in der das Konzept der päpstlichen plenitudo potestatis stetig weiterentwickelt und verfeinert wurde. Die Gründe, die Johannes XXII. 1324/25 dazu bewogen, einen Prozess gegen Tarlati anzustrengen, lagen in der fortgesetzten Einmischung des kriegerischen Bischofs in die Kämpfe zwischen Guelfen und Ghibellinen in der Toskana, Umbrien und den Marken. Als erklärter Anhänger der kaiserlichen Partei wandte er sich dabei klar gegen die Interessen der Kirche. Drei Bereiche kennzeichnen das Wirken Tarlatis: 1. die territoriale Erweiterung zugunsten der Kommune und der eigenen Familie; 2. die Unterstützung der ghibellinischen Fraktion in Mittelitalien und das Vorgehen gegen die Guelfen, vor allem in Florenz; 3. die Parteinahme für Ludwig den Bayern. Völlig zu Recht bemerkt der Autor: „I tre ambiti sono strettamente intrecciati e fanno parte di un disegno coerente e unitario, in cui si saldano insieme le dimensioni locale, regionale e nazionale“ (S. 42). Tarlati war an der Kurie kein Unbekannter. Besonders aufmerksam hatte man seine Beteiligung an der Konfiskation des im Franziskanerkonvent zu Assisi verwahrten päpstlichen Schatzes registriert. Ein Teil davon landete in Arezzo und wurde dort gewinnbringend veräußert. Ein erstes Warnschreiben aus Avignon traf im April 1320 in Arezzo ein. Das Fass zum Überlaufen brachte jedoch Tarlatis Vorgehen gegen Città di Castello 1323, das in der Eroberung der Stadt und der Vertreibung von Bischof und hohem Klerus kulminierte. In seiner Bulle Crescat immense vom 12. April 1324 konfrontierte Johannes XXII. Tarlati mit sieben schwerwiegenden Vorwürfen und drohte mit Exkommunikation, sollte sich der Bischof nicht innerhalb von drei Monaten nach Avignon begeben und auf das dominium über Arezzo und Città di Castello verzichten. Von dem im päpstlichen Ultimatum gewährten tempus gratiae machte Tarlati keinen Gebrauch. Nur vier Tage später schickte der Papst an die Rektoren des Patrimonium Petri in Tuscia, des Herzogtums Spoleto und der Mark Ancona nahezu gleichlautende Schreiben, in denen nicht nur der Wortlaut der Bulle, sondern auch die Aufforderung enthalten waren, ihren Inhalt überall bekannt zu machen. Licciardello beschreibt das damit verbundene Procedere detailliert und unterstreicht dabei zu Recht die Bedeutung der 50 im „Fall Tarlati“ erhaltenen instrumenta publicationis, d. h. Notariatsinstrumente, durch die Städte bzw. kirchliche Institutionen bestätigten, ihrer Publikationspflicht nachgekommen zu sein. Der Großteil der Quellen in diesem Inquisitionsverfahren scheint verloren, umso wertvoller ist deshalb ein Zeugenrotulus, der die Aussagen von 49 Zeugen aus Spoleto gegen Tarlati dokumentiert. Tatsächlich getroffen haben dürfte Tarlati weniger seine Verurteilung als Häretiker und die Exkommunikation als das, was Johannes XXII. mit einer weiteren Bulle vom 19. Juni 1325 verkündete: die Gründung des Bistums Cortona. Diese ging mit einer substantiellen Verkleinerung des Bistumsgebiets von Arezzo einher. Im April 1326 erfolgte die offizielle Amtsenthebung. Der vom Papst ernannte Gegenbischof konnte sich in Arezzo freilich nicht durchsetzen. Das 1330 in der Kathedrale von Arezzo fertiggestellte Grabmal preist Tarlati als beispielhaften Oberhirten. Der Bruder des Verstorbenen, Pier Saccone Tarlati, hatte inzwischen die Signorie übernommen, sah sich angesichts der politischen Gemengelage ab 1331 jedoch dazu gezwungen, diskret die Rückkehr ins päpstliche Lager vorzubereiten. Im Oktober 1331 wurde das Interdikt schließlich aufgehoben. In den Anhang des Buches ausgelagert finden sich Ausführungen zur Sphragistik und Heraldik im Umfeld Tarlatis. Hinzu kommen Regesten von Urkunden, die vom Papst bzw. von päpstlichen Amtsträgern ausgestellt worden sind. Von großem Wert sind die Editionen einiger Papsturkunden, verschiedener instrumenta publicationis und weiterer Schriftstücke, die im Umfeld des Prozesses gegen Tarlati entstanden sind. Diese Editionen dürften auf lange Sicht hin ihren Wert behalten. Für die Beschreibung und Analyse der Ereignisse wird man freilich eher auf die sehr viel breiter angelegte Untersuchung über die „età dei processi“ von Sylvain Parent zurückgreifen, die Licciardello leider nicht mehr konsultieren konnte. Was in dieser Untersuchung deutlich wird, ist die Tatsache, dass es im Prozess bei allen juristischen Auseinandersetzungen nicht um das Gegensatzpaar ‚Wahrheit-Lügeʻ ging. Im Zentrum stand vielmehr das komplexe Problem von Gehorsam bzw. Ungehorsam eines geistlichen Würdenträgers gegenüber dem Papst.+TABRE+Ralf Lützelschwab

Rino Modonutti/Enrico Zucchi (a cura di), „Moribus antiquis sibi me fecere poetam“. Albertino Mussato nel VII centenario dell’incoronazione poetica (Padova 1315–2015), Tavarnuzze, Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzzo) 2017 (MediEVI 17), XX, 287 S., ISBN 978-88-8450-785-3, € 46.

In Albertino Mussato, 1261 in Padua geboren und 1329 in Chioggia gestorben, verbanden sich zeitlebens politisches Engagement und schriftstellerische Tätigkeit. Mit seinem Lese-Drama „Ecerinis“, in dem er sich stilistisch eng an die Tragödien Senecas anlehnte, behandelte er ein hochpolitisches Thema: die Expansionsbestrebungen des Cangrande della Scala gegenüber Padua. Auch in seinem zweiten Werk, „De gestis Henrici VII Cesaris“, einer facettenreichen Beschreibung des Italienzugs Heinrichs VII., ließ Albertino an seiner eigenen politischen Positionierung keinerlei Zweifel aufkommen. Tragödie und Geschichtswerk stehen gleichsam am Beginn seines literarischen Ruhms und brachten ihm den Dichterlorbeer ein. Als erster Dichter der Neuzeit wurde er 1315 in Padua zum Dichter gekrönt. 2015 wurde daselbst anlässlich einer Tagung der 700. Wiederkehr dieser Dichterkrönung gedacht. Die 14 dabei gehaltenen Vorträge liegen nun im Druck vor und sind in drei große Abschnitte untergliedert: 1. L’incoronazione poetica del 1315; II. Albertino Mussato e le sue opere; III. Il genere tragico, Seneca ed Ezzelino. Gabriella Albanese eröffnet den Bd. mit einer detaillierten Beschreibung, Kontextualisierung und genauen Datierung dieses Ereignisses, durch das Albertino Mussato zum vates, ystoriographus et trageda, zum Patavinus poeta et historicus wurde („Poeta et historicus“. La Laurea di Mussato e Dante, S. 3–45). Von großem Wert ist dabei die erste kritische Edition des Verhandlungsprotokolls des capitolo dei giudici zur Verleihung des Dichterlorbeers an Albertino („super facto honoris conferendi domino Albertino Muxato“, S. 7 f.). Eingegangen wird auch auf die nahezu zeitgleiche Rezeption dieses Ereignisses in Dantes „Paradiso“ und den „Eclogen“ – eine Thematik, in die Giorgio Ronconi über Dante hinaus auch Giovanni del Virgilio mit einbezieht (Echi dell’incoronazione poetica di Albertino Mussato in Dante e Giovanni del Virgilio, S. 47–62). In seinen eigenen historiographischen Werken liefert Mussato mehr als einen Anhaltspunkt für die Rekonstruktion der eigenen Biographie und des politischen Wirkens. Marino Zabbia geht diesen Spuren nach und analysiert dabei vor allem die Vergleiche, die Albertino zwischen seiner eigenen Vita und der Geschichte bzw. den Geschicken Paduas zieht (Note autobiografiche nelle opere di Albertino Mussato, S. 106–124). Nicht alle Erkenntnisse präsentieren sich als unanfechtbar: zu unsicher ist die editorische Lage, insbesondere mit Blick auf Albertinos historiographisches Schaffen. Doch stellen seine Chroniken für das erste Viertel des 14. Jh. eine der Hauptquellen für die Geschichte Paduas und seines Hinterlandes, darüber hinaus aber auch der Toskana dar, und die Bedeutung dieser Schriften tritt nach der Lektüre des Beitrags noch klarer ans Licht: „Mussato ha redatto un minuzioso racconto di storia contemporanea che non ha pari nella produzione cronachistica medievale italiana …“ (S. 111). Zu Recht wird darauf hingewiesen, dass neben Seneca es insbesondere Cicero war, dem sich Mussato verbunden fühlte, auch und gerade Cicero dem Politiker, der dem Mittelalter weniger durch die eigenen Briefcorpora (für deren Verbreitung erst Petrarca Sorge tragen sollte), als durch Beschreibungen seines Wirkens bei Sallust, Plinius d. Ä. und weiteren Autoren bekannt war. Eines wird dabei deutlich: die „glücklichen“ Jahre der Kommune Padua fallen für Albertino mit seiner eigenen Jugend zusammen; sein Erwachsenenleben hingegen war von innerstädtischen Unruhen geprägt, die in der Signoria der Carrara-Familie kulminierten. Zu diesem Zeitpunkt begann die Identifizierung mit Cicero und dessen politischem Schicksal: beide riskier(t)en ihr Leben, um die res publica zu retten. Einige Detailstudien behandeln einzelne Werke Albertinos, und nahezu überall wird auf die Schwierigkeiten beim Erarbeiten der seit langem dringend erwarteten kritischen Editionen hingewiesen. Luca Lombardo tut dies mit Blick auf die metrischen „Briefe“, 20 Gedichte variabler Länge mit insgesamt 1570 Versen, deren Aussagegehalt insbesondere hinsichtlich der Exil-Problematik erheblich ist (L’edizione critica delle „Epistole“ metriche di Albertino Mussato: il testo, i temi, le fonti, S. 89–106). Die Hälfte der Beiträge behandelt unterschiedliche Aspekte innerhalb der Tragödie „Ecerinis“, von eher allgemein gehaltenen Ausführungen zur Bedeutung Senecas im Trecento (Claudia Villa, S. 161–176) oder zu Formen und Themen der humanistischen Tragödie (Attilio Grisafi, S. 199–212), über Beschreibungen der ersten italienischen Übersetzungen der „Ecerinis“ (Stefano Giazzon, S. 213–226) bis hin zur Analyse der „Aneignung“ des Textes durch Tragödiendichter des 18. Jh. (Enrico Zucchi, S. 227–240). Nicht allen Beiträgen sind die Sprachbeherrschung und das stilistische Feingefühl eines Albertino Mussato zueigen. Insbesondere in den allzu detailverliebten philologischen Untersuchungen verliert sich der Leser mitunter im Dickicht der Darstellung. Summa summarum handelt es sich bei diesem Tagungsbd. jedoch um einen wichtigen, mit editorischer Sorgfalt erstellten Beitrag zur Erforschung einer bedeutenden Persönlichkeit des italienischen Trecento, in der sich politisches Engagement mit hohem Verantwortungsbewusstsein, Begeisterung für die klassische Antike und Liebe zum stilistischem Raffinement aufs Trefflichste verbindet.

Ralf Lützelschwab

Paweł Kras/Tomasz Gałuszka/Adam Poznański (Hg.), Proces beginek świdnickich w 1332 roku. Studia historyczne i edycja łacińsko-polska, Lublin (Wydawnictwo KUL) 2017, 292 S., Abb., ISBN 978-83-8061-367-6, zł 35.

Anzuzeigen ist die folgende Publikation zu einem Häresieprozess in Schweidnitz – dem heutigen Świdnica – in der Diözese Breslau aus dem Jahr 1332. Verhört wurden 16 Frauen einer religiösen Gemeinschaft, die sich selbst als moniales capuciatae bezeichneten. Das Verhör, das zwischen dem 7. und 12. September 1332 im Refektorium der Schweidnitzer Dominikaner stattfand, wurde vom päpstlich ernannten Inquisitor und Dominikaner Johannes Schwenckenfeld geleitet. Die Verhörprotokolle sind in zwei Fassungen überliefert. Das Original befindet sich in der Biblioteca Apostolica Vaticana (BAV, Vat. Lat. 13119a), die Abschrift aus dem 15. Jh. im Kapitelsarchiv Krakau (Archiwum Krakowskiej Kapituły Katedralnej, Ms. LA 37). Die durch das Verhör überlieferten Inhalte sind u. a. seitens der Häresiegeschichte und der Forschung zum Beginenwesen ausgewertet worden, hier vor allem unter der Fragestellung nach den Auswirkungen des Konzils von Vienne (1311/12) auf die Beginen im 14. Jh. Die vorliegende Studie, die eine ausführliche englische Zusammenfassung enthält (S. 251–268), setzt verschiedene Schwerpunkte. Neben der Überlieferung beider Texte wird auch deren Rezeption in der Forschung untersucht; anschließend werden die Inhalte des mehrtägigen Verhörs vorgestellt, in denen auch die überregionalen Verbindungen dieser Gemeinschaft, wie z. B. nach Erfurt und Leipzig, sowie das spirituelle Profil deutlich werden. Den Schwerpunkt bildet die Edition des Verhörs (S. 178–249), die die bisherige Edition aus dem Jahr 1889 ablöst und durch den ausführlichen textkritischen Apparat nun die Grundlage für die weitere Beschäftigung mit diesem Thema bildet. Eine englische Übersetzung dieses Buches ist in Bearbeitung.+TABRE+Jörg Voigt

Giorgio Ravegnani, Il traditore di Venezia. Vita di Marino Falier doge, Roma-Bari (Laterza) 2017 (Storia e società), X, 152 S., ISBN 978-88-581-2715-5, € 18.

Die Vita des Dogen Marino Falier ist insofern außergewöhnlich für die venezianische Geschichte, weil er der einzige Doge war, der eine Verschwörung gegen die Republik initiierte – so vermittelt es zumindest das tradierte Narrativ. Maßgeblich durch Vittorio Lazzarini wurde die Vita Faliers im späten 19. und frühen 20. Jh. erforscht. Ravegnani gliedert seine Darstellung in fünf chronologisch aufeinanderfolgende Kapitel mit zwei Schwerpunkten: die Karriere Faliers und die Verschwörung. Der Autor verknüpft seine Ausführungen mit thematischen Aspekten, vor allem der Entwicklung der Verfassungsinstitutionen, des Dogenamts, des Amts der Dogaressa, der Dogenwahl, der symbolischen Kommunikation sowie der politischen Geschichte der Zeit Faliers. Zunächst geht der Autor auf die Familiengeschichte der Falier ein, die zu den ältesten und prestigereichsten Familien gehörten (S. 3–12). Danach schildet er die über 40 Jahre reichende vielseitige Karriere des späteren Dogen, durch die er zu einem der angesehensten Männer Venedigs wurde (S. 13–49). Gerade im höheren Alter hatte Falier zahlreiche Ämter inne: er war alternierend Gesandter, militärischer Führer, Galeerenkapitän, Gouverneur in den venezianischen Besitzungen, Podestà und Mitglied zahlreicher Regierungsgremien. Der dritte Teil beschäftigt sich mit dem nur mehrere Monate währenden Dogat und den Gemahlinnen, denen zwar keine politische, aber doch eine relevante gesellschaftliche Rolle zukam (S. 51–74). Über die Dogaresse ist grundsätzlich nur relativ wenig bekannt, was deren Erforschung erschwert. Im vierten Teil analysiert Ravegnani die Verschwörung, die sich im April 1355 zutrug (S. 75–108). Der Doge soll sich mit niederen sozialen Schichten, vor allem den Seeleuten, gegen die Führungsschicht verschworen haben, um diese abzusetzen und sich zum Alleinherrscher, zum Signore, zu machen. Die Verschwörung war unzureichend geplant, wurde aufgedeckt und niedergeschlagen. „Il mistero è fitto“ (S. X), wie der Autor urteilt, weil nur wenige zeitgenössische und zudem tendenziöse Quellen existierten. Ein Schleier des Vergessens wurde über die Angelegenheit gelegt und Legenden wurden ersonnen, wie die Geschichte der Beleidigung des alten Dogen, der eine deutlich jüngere Frau geheiratet hatte, von Seiten junger Adliger, die nur milde dafür bestraft wurden (S. 75–81). Zu erklären bleibt nach wie vor der abrupte Verhaltensumschwung des zuvor vorbildhaften Dogen. Vielleicht herrschten Parteikämpfe innerhalb der venezianischen Führungsschicht, die von der siegreichen Partei dann narrativ übertüncht wurden (S. 104–106). Im fünften Kapitel werden die Konsequenzen der Revolte behandelt (S. 109–133). Marino Falier wurde seines Amtes enthoben, des Hochverrats verurteilt und in einem symbolisch hoch aufgeladenen Akt enthauptet. Seine Memoria fiel der Damnatio anheim, unter anderem sein Portrait. Manchen Mitverschwörern erging es ebenso oder sie wurden verbannt oder eingekerkert. Noch lange nach der Verschwörung wurden Komplizen gesucht und verurteilt. Die Strafen waren hart und wurden konsequent umgesetzt. Faliers Nachfolger wurde Giovanni Gradenigo, der wegen seiner Ergebenheit gegenüber der Republik gewählt wurde. Mit dem vorliegenden Werk hat Giorgio Ravegnani eine moderne, konzise und quellennahe Biographie Marino Faliers vorgelegt, die viele Anregungen für künftige Studien bietet. Verwiesen sei hier auf die angeführten thematischen Aspekte, die noch weiteres Potential besitzen. Die gewählte akteurszentrierte Sicht auf die Dogen, die auf den Adel insgesamt ausdehnbar wäre, kann dazu beitragen, der Analyse der venezianischen Verfassungs- und Politikgeschichte eine stärkere Dynamik zu verleihen. Insbesondere wäre in diesem Kontext nach den Handlungsspielräumen der vermeintlich nur repräsentierenden spätmittelalterlichen Dogen und den Funktionsweisen der Institutionen im Detail zu fragen. Denn gerade Faliers Geschichte zeigt, dass sie einen nicht zu unterschätzenden Einfluss besaßen.+TABRE+Christian Alexander Neumann

Unn Falkeid, The Avignon papacy contested. An intellectual history from Dante to Catherine of Siena, Cambridge, Mass.-London (Harvard University Press) 2017 (I Tatti studies in Italian Renaissance history), 269 S., ISBN 978-0-67-97184-4, € 35,95.

Unn Falkeid hat mit ihrer Ideengeschichte der Kritik am Avignoneser Papsttum ein Thema gewählt, das in der Forschung nicht ohne Grund immer wieder behandelt worden ist. Dass sich die Kurie zwischen 1309 und 1377 durchgängig in Südfrankreich aufgehalten hat, provozierte zahlreiche zeitgenössische Autor/-innen zu einer leidenschaftlichen Ablehnung dieser „Babylonischen Gefangenschaft“. Mit Dante, Marsilius von Padua, Wilhelm von Ockham, Francesco Petrarca und Cola di Rienzo, Birgitta von Schweden sowie Katharina von Siena werden die bekanntesten je kapitelweise ins Zentrum gestellt. Nach einer den Kontext in groben Strichen rekapitulierenden Einleitung widmet sich die Autorin zunächst Dante, wobei sie sich auf den sechsten Gesang des „Paradiso“ und die „Monarchia“ konzentriert. Die für die Thematik ebenfalls einschlägigen Briefe werden nur am Rande behandelt. Damit ist die Marschrichtung für die folgenden Kapitel vorgezeichnet: Im Mittelpunkt stehen die zentralen philosophischen, theologischen und literarischen Werke der Protagonist/-innen. Diese erfahren grundsätzlich eine kundige Interpretation, die sich zumeist auf der Höhe der englischsprachigen Forschungsdiskussion bewegt. Italienische und französische Arbeiten sind nur vereinzelt, deutsche spärlich berücksichtigt. Lediglich im Kapitel zu Petrarca und Cola di Rienzo stützt sich die Darstellung vorrangig auf Briefe und damit auf eine Quellensorte, die es erlaubt, die Interaktion der Akteure näher zu betrachten und diese in direkter Auseinandersetzung mit dem Geschehen in Rom und Avignon zu beobachten. Am überzeugendsten fallen die Ausführungen zu Birgitta von Schweden und Katharina von Siena aus. Das liegt daran, dass Falkeid hier eine klarere Perspektive einnimmt als in den mitunter stark nachvollziehenden übrigen Kapiteln. Sie kann zeigen, dass sich Birgitta gegenüber den Päpsten gezielt als Witwe stilisiert, die mit dem durch die Abwesenheit der Kurie verwitweten Rom parallelisiert wird. In ihren späteren Briefen bedeutete über Rom zu sprechen auch immer über sich selbst zu sprechen – und umgekehrt. So entstand eine drängende, appellative Rhetorik. Inwiefern diese allerdings tatsächlich größeren Einfluss auf die Päpste hatte als die Bemühungen ihrer männlichen Vorgänger, die insgesamt zwar viel agitierten, aber wenig Konkretes in Avignon und an der Kurie bewirkten, wird nicht untersucht. Diese Frage ließe sich auch für Katharina von Siena stellen. In ihren Briefen inszenierte sie ihren großen Einfluss auf Gregor XI. und Urban VI., worin ihr Beichtvater sie tatkräftig unterstützte. Was literarische Strategie, was Fiktion einer selbstbewussten Prophetin, was Widerspiegelung tatsächlicher Wirkungszusammenhänge ist, bedürfte einer gründlichen Untersuchung. Falkeid vertraut sich dagegen ganz Katharinas Perspektive an. Nachweisen kann sie, wie sehr die Autorin ihren eigenen Körper als Argument einsetzte. Darüber wollte sie die Päpste dazu bringen, sich endlich der Korrumpierung des mystischen Körpers Christi entgegenzustellen. Der Aufenthalt in Avignon war für Katharina nur der sichtbarste Beleg für diesen Missstand. Falkeids Studie ist gut zu lesen und eignet sich als kompetente Einleitung in die Ideengeschichte der Kritik am Avignoneser Papsttum. Allerdings erweist sich der gewählte Fokus insgesamt als zu eng: Da die Avignoneser Perspektive fast vollständig ausgeblendet wird, kann nicht deutlich werden, inwiefern sich die Kritik an konkreten Missständen entzündete, ob situationsspezifisch Probleme verhandelt wurden, ob man bestrebt war, eigene Agenden durchzusetzen, oder man das Avignoneser Papsttum lediglich nutzte, um andere, möglicherweise grundsätzlichere Themen zu verhandeln. Dass die Texte nur grob in konkrete kommunikative Situationen eingefügt werden, lässt insbesondere die Darstellungen zu Marsilius und Ockham unvollständig wirken. Bei Falkeid bleiben das Avignoneser Papsttum und dessen zeitgenössische Kritik zwei getrennte Geschichten. Grundlegend Neues ist mit dieser Perspektive wohl nicht mehr herauszufinden, weshalb die Studie eher als Zusammenfassung bisheriger Diskussionen denn als Aufbruch zu neuen Ufern zu lesen ist.+TABRE+Jan-Hendryk de Boer

Urs Brachthäuser, Der Kreuzzug gegen Mahdiya 1390. Konstruktionen eines Ereignisses im spätmittelalterlichen Mediterraneum, Paderborn (Fink u. a.) 2017 (Mittelmeerstudien 14), 822 S., ISBN 978-3-7705-6104-9, € 99.

Der Ausgangspunkt der hier zu besprechenden Arbeit, die im Jahr 2015 von der Ruprecht-Karls-Universität noch unter einem leicht variierenden Titel als Diss. angenommen wurde, ist für den Kreuzzugsforscher ebenso vertraut wie virulent. Bekanntlich wurde und wird in der Kreuzzugsforschung eine intensive Kontroverse um die Frage geführt, was ein Kreuzzug eigentlich ist. Und weil diese Frage – trotz teilweise gegenteilig lautender Bekundungen – keineswegs ausgemacht ist, steht die Kreuzzugsforschung gleichsam auf „schwankendem Boden“, um eine treffende Formulierung Ernst-Dieter Hehls aufzugreifen (Hehl, Was ist eigentlich ein Kreuzzug?, 1994, S. 300). Indem der Autor bei diesem Desiderat ansetzt, suggeriert er, einen Beitrag zu einer, wenn nicht der Kernfrage der Kreuzzugsforschung zu leisten – und befreit sich damit gleichzeitig von dem Begründungszwang, unter dem jede wissenschaftliche Qualifikationsarbeit steht. Nachdem dem Leser jedoch in einem gelungenen Überblick die unterschiedlichen Traditionsstränge der komplexen Forschungsfrage dargelegt wurden, erfährt er, dass die ganze Definitionsdebatte nicht nur für das von Brachthäuser anvisierte Untersuchungsobjekt, eben den Kreuzzug gegen Mahdiya, sondern insgesamt ins Leere laufe, weshalb der Autor es für klüger befindet, „… auf eine Definition des Kreuzzugs zu verzichten“ (S. 14). Selbst wenn man die grundsätzliche Frage nach dem heuristischen Wert von Definitionen einmal beiseite lässt – selbige Frage wird bekanntlich auch hinsichtlich des Religionsbegriffs kontrovers diskutiert –, so bleibt aus Sicht des Rezensenten fraglich, warum die Definitionsfrage überhaupt als Ausgangspunkt der Arbeit gewählt wurde, wenn jene Frage für die Arbeit „letztlich unerheblich“ sei, wie der Autor im Fazit konstatiert: „Ob die Expedition ein Kreuzzug war oder als ein solcher bezeichnet werden kann, scheint letztlich unerheblich zu sein“ (S. 729). Das eigentliche Erkenntnisinteresse der Arbeit will über das „klassische Parameter kreuzzugsgeschichtlicher Fragestellungen“ hinausgehend der „kulturellen Dimension“ (S. 33) der Expedition nach Mahdiya nachspüren, womit sich Brachthäuser einer von Norman Housley geforderten Prämisse anschließt, die Kreuzzüge „verstärkt auch in ihrer kulturellen Dimension zu erforschen“ (Housley, Contesting the Crusades, 2008, S. 166). Konkret geht es Brachthäuser dabei um die „historische und auch gesellschaftliche Bedingtheit der Expedition“ (S. 35). Ein besonderes Augenmerk gilt dabei „dem interreligiösen Konflikt, der Expedition als Ausdruck der Beziehungen zwischen Christen und Muslimen im Spätmittelalter, der zeitgenössischen Wahrnehmung des Ereignisses und seiner Darstellung in den Quellen“ (S. 33). Für diese Zielsetzung greift der Autor auf unterschiedliche analytische Kategorien der Vorstellungs-, Diskurs-, Struktur- und Handlungsgeschichte zurück, wobei das Konzept des historischen Ereignisses den methodischen Mittelpunkt der Analyse bildet. Es ist dabei ebenso begrüßenswert – wie für historische Arbeiten unüblich –, dass der Autor im methodischen Teil seiner Arbeit einen Überblick über die von ihm verwendeten analytischen Kategorien präsentiert (S. 37–50). Neben der bereits erwähnten Kategorie des Ereignisses begegnen dem Historiker hier weitere analytische Grundbegriffe, wie Wahrnehmung, Darstellung, Struktur, etc. Leider bleibt dieser interessante methodische Teil sichtlich auf den Diskurs in der eigenen Disziplin beschränkt und nimmt nur selten die Diskussion jenseits der Disziplingrenze zur Kenntnis. So wird etwa der Strukturbegriff – wobei es sich bekanntermaßen nicht nur um einen Grundbegriff der Geschichtswissenschaft handelt – nur unter Rückgriff auf Jacques LeGoff, Georges Duby, Gert Melville und Reinhart Koselleck entfaltet. Hier wäre ein Blick über die Disziplingrenze mindestens hilfreich, wenn nicht notwendig gewesen. Der inhaltliche Fokus der Arbeit konzentriert sich auf drei miteinander verknüpfte Themenkomplexe: „Die Rolle der Expedition in den Beziehungen zwischen Genua und Tunis und ihrer Bedeutung für die genuesische Position im westlichen Mittelmeer, der Bedeutung des Unternehmens in der französischen Adelsgesellschaft und seine milieuspezifischen ideellen Grundlagen und schließlich der Darstellung des Maghreb und der Muslime durch die Chronisten“ (S. 50). Das historische Ereignis, das der Autor in einer zweiseitigen Überblicksdarstellung einleitend knapp skizziert, wird dann in den darauf folgenden rund 700 Druckseiten entsprechend der drei erkenntnisleitenden Themenkomplexe beschrieben, rekonstruiert und dekonstruiert. Hierfür stützt sich der Autor auf ein beeindruckendes Quellencorpus, das so unterschiedliche Gattungen wie archivalische Quellen, z. B. Urkunden und genuesische Notariatsquellen, aber auch narrative Texte wie Historiographie und Chronistik, ferner die Textgruppe der Ritterspiegel, geographische Schriften und literarische Werke umfasst. Zwar wird vom Autor dabei nahezu jeder Aspekt der Darstellung und Wahrnehmung berücksichtigt, indes hat diese umfangreiche Darstellung auch ihren Preis. Die Veröffentlichung lässt in ihrer enormen Materialfülle und ihrem Detailreichtum eine klare These vermissen. Insgesamt wäre dem Buch eine inhaltliche Straffung bzw. Komprimierung zugute gekommen. Dies wäre insbesondere bei denjenigen Passagen möglich gewesen, in denen der Autor den Forschungsstand reproduziert und zusammenträgt. So erfährt der Leser etwa aus dem Kapitel 4.4.2 „Ritterliches Reisen und Heidenkampf“ nur wenig Neues (S. 483–510). Auch der Passus über die Wahrnehmung des Islam im christlichen Westen ist im wesentlichen ein Forschungsüberblick, der Kürzungspotential erkennen lässt (S. 614–622). Der Überblick zum bellum istum und Heiligen Krieg (S. 703–711) wird indes der Komplexität des Forschungstandes nicht gerecht, weil wichtige Arbeiten von Arnold Angenendt, Ernst-Dieter Hehl, Friedrich Wilhelm Graf und Andreas Holzem nicht berücksichtigt wurden (Angenendt, Kreuzzüge, 2009, S. 341–367; Hehl, Heiliger Krieg, 2009, S. 323–340; Graf, Sakralisierung von Kriegen, 2008, S. 1–30; Holzem, Gott und Gewalt, 2007, S. 371–414). Gelungen sind demgegenüber die problemorientierten Teile der Arbeit, in denen der Autor systematischen Fragen und Problemlagen nachgeht. So überzeugt die Argumentation, dass die militärische Expedition nicht „anhand objektiv nachhaltbarer Kriterien wie militärischen Erfolgs oder Misserfolgs beurteilt [wurde], sondern auf Basis ritterlich-höfischer Ehrvorstellungen“ (S. 527). Außerdem gelingt es Brachthäuser die simplifizierende These von Christopher Tyerman zu dekonstruieren, dass die „Expedition lediglich ein Instrument der kommerziellen Expansion in den Händen Genuas“ war (S. 724). Hierfür weist er überzeugend auf die „in den französischen Chroniken greifbare Bedrängnis der Genuesen“ (S. 724) hin. Abschließend bleibt vor allem die große Anschlussfähigkeit der Arbeit von Urs Brachthäuser hervorzuheben, die nicht nur zentrale Aspekte der Kreuzzugsgeschichte thematisiert, sondern auch Fragen zur inter- und transkulturellen Verflechtung des Mittelmeerraums aufgreift sowie neue anstößt, ebenso wie Fragen zur höfischen Kultur im mittelalterlichen Europa. Damit verspricht die Lektüre nicht nur für Kreuzzugshistoriker einen großen Erkenntnisgewinn.+TABRE+Tim Weitzel

Pierluigi Terenzi, L’Aquila nel Regno. I rapporti politici fra città e monarchia nel Mezzogiorno tardomedievale, Bologna (Il Mulino) 2015 (Istituto italiano per gli studi storici in Napoli 65), LXV, 728 S., ISBN 978-88-15-25761-1, € 73,80.

Der vorliegende Bd. ist ein eindrucksvolles Beispiel für das neugeweckte Interesse an den Beziehungen zwischen Stadt und Monarchie im Königreich Neapel während des Spätmittelalters, da die Geschichte von L’Aquila besonders aus zwei Gründen ein lohnendes Forschungsobjekt darstellt. Zum einen verfügen wir für den Hauptort der Abruzzen über eine verhältnismäßig reiche Quellenbasis, da die Libri reformationum (Ratsprotokolle) für die zweite Hälfte des 15. Jh. weitgehend erhalten sind, und sich zudem auch eine reiche städtische Chronistik herausgebildet hat. Zum anderen nahm L’Aquila zumindest eine Sonderstellung innerhalb des Regno ein, da sich die Mitte des 13. Jh. gegründete Stadt eines raschen wirtschaftlichen Aufschwungs erfreuen und eigenständige Institutionen in der städtischen Verwaltung entwickeln konnte. Seit der Ermordung des „Tyrannen“ Lello Camponeschi im Jahre 1354 wurde die Stadt durch die Camera aquilana als Exektivorgan und einen Rat (Consilium Artium) regiert. Die beiden Organe waren ausschließlich aus Mitgliedern der fünf städtischen Zünfte zusammengesetzt. Dominiert wurden diese Institutionen durch eine Elite von rund 100 Personen, die vor allem aus Händlern und Juristen bestand, und welche die innerstädtische Politik weitgehend bestimmte. Den Löwenanteil des Buches nehmen entsprechend des Untertitels die Beziehungen zwischen den aragonischen Königen von Neapel und L’Aquila ein. Überzeugend kann der Autor nachweisen, dass das Verhältnis zwischen Krone und Stadt deutlich weniger konfliktbeladen war, als bisher behauptet, da L’Aquila letztendlich von guten Beziehungen zur Zentralgewalt profitierte. Obwohl es gelegentlich zu Revolten kam, die jedoch meist nur von einem Teil der Bürgerschaft unterstützt wurden, setzte die Regierung der Stadt in der Regel bevorzugt auf Verhandlungen, ohne die Autorität der Krone ernsthaft in Frage zu stellen. Tatsächlich war dieses Vorgehen von Erfolg gekrönt, da L’Aquila auf diese Weise z. B. eine immer weiterreichende Steuerautonomie erhielt. Zahlreiche Bürger aus der abruzzesischen Stadt bekleideten zudem Ämter in der Zentral- und Provinzialverwaltung des Regno, was sich neben der „klassischen Methode“ diplomatischer Gesandtschaften als probates Mittel erwies, die Beziehungen zur Krone zu verbessern. Treffend sind auch die Bemerkungen zur Rolle des königlichen capitaneus im Rahmen der städtischen Verwaltung. Im Gegensatz zur traditionellen Forschungsmeinung gelingt es dem Autor zu zeigen, dass kaum von einem Gegensatz zwischen den königlichen Amtsträgern und den gewählten Instanzen der kommunalen Regierung gesprochen werden kann, sondern der capitaneus sogar wiederholt von der Camera aquilana instrumentalisiert wurde, um eine umfassende Kontrolle der Stadt und des umliegenden Territoriums zu gewährleisten. Ein vollständiges Verzeichnis der Mitglieder der Camera aquilana in den Jahren 1458–1503 und ein prosopographischer Anhang der bedeutenden Persönlichkeiten in der städtischen Verwaltung von L’Aquila in der zweiten Hälfte des 15. Jh. runden die Darstellung ab. Terenzi gelingt es eine innovative und grundlegende Arbeit nicht nur zu den Beziehungen zwischen dem Hauptort der Abruzzen und den aragonischen Königen Neapels im 15. Jh., sondern generell zum Verhältnis zwischen Krone und Stadt in Süditalien während des Spätmittelalters vorzulegen. Der Bd. besticht nicht nur durch zahlreiche neue Erkenntnisse zur Geschichte von L’Aquila, sondern revidiert auch weitgehend das Stereotyp des Dauerkonfliktes zwischen Städten und Monarchie und spricht hingegen zu Recht von einer weitgehenden Kooperation zwischen der Stadt in den Abruzzen und der Zentralverwaltung. Unbegreiflich bleibt dem Rezensenten allerdings, dass in einem solch gewichtigen Werk von mehr als 700 Seiten (!) eine abschließende Bibliographie fehlt. Der Leser ist somit oft gezwungen, mühevoll über hunderte von Seiten zu suchen, um den vollständigen Titel einer Publikation zu finden.

Andreas Kiesewetter

Claudia Engler, Regelbuch und Observanz. Der Codex A 53 der Burgerbibliothek Bern als Reformprogramm des Johannes Meyer für die Berner Dominikanerinnen (Kulturtopographie des alemannischen Raums 8), Berlin-Boston (De Gruyter) 2017, XIII, 355 S., Abb., ISBN 978-3-11-044779-8, € 119,95.

„Reformbemühungen und Observanzbestrebungen des mittelalterlichen Ordenswesens“, so der Titel eines 1989 von Kaspar Elm herausgegebenen Sammelbd., stoßen seit mittlerweile rund drei Jahrzehnten auf hohes Interesse seitens der Wissenschaft. Durch diese Studie wurde deutlich, dass Reformbestrebungen zu einem der wesentlichen Elemente des gesamten Ordenswesens des 15. Jh. zählen – dadurch wurde eine Neubewertung dieser Epoche möglich. Deutlich wurde dabei aber auch, wie umfangreich die Forschungsaufgaben sein würden, und welche Fülle an überlieferten Zeugnissen, deren Bedeutung noch kaum erkannt werden konnte, es auszuwerten galt. Dazu gehörte auch der Codex A 53 der Burgerbibliothek Bern, der zwar Mitte des 19. Jh. in den wissenschaftlichen Diskurs eingebracht wurde, seither jedoch nur punktuell Berücksichtigung fand. An diesen Forschungsstand hat Claudia Engler mit einer Untersuchung dieses Codex angeknüpft und ist vor 20 Jahren an der Universität Bern zu diesem Thema promoviert worden. Darin geht sie der Bedeutung der Hs. zunächst durch eine kodikologische und inhaltliche Untersuchung nach, um den eigentlichen Text dann in der Entwicklung des Berner Dominikanerinnenordens zu verankern, was mit Blick auf die Frage, ob und wie sich die Observanz im Zuge der Ordensreform des 15. Jh. in diesem Kloster niederschlug, von Interesse ist und die Gliederung der Arbeit festlegt. Den in der Zwischenzeit erreichten Forschungsstand hat sie dabei durch eine Zusammenfassung der in den vergangenen Jahren erschienenen einschlägigen Veröffentlichungen berücksichtigt. Der Einleitung mit einem kurzen Überblick über die wesentlichen Etappen in der Klostergeschichte folgen im zweiten Hauptkapitel eine ausführliche Beschreibung der Hs. und eine Analyse der Hintergründe für die Abfassung dieses Codex (S. 9–38). Hervorzuheben ist Englers Beobachtung einer „ordnenden Hand“ (S. 21) hinter den auf den ersten Blick scheinbar zufällig zusammengestellten Textteilen. Als Redaktor benennt sie den Dominikaner Johannes Meyer, der zu den wichtigsten Vertretern der spätmittelalterlichen Reform des Dominikanerordens zählte und einer der produktivsten Ordensschriftsteller war. Zudem wirkte er als Seelsorger in reformierten Dominikanerinnenklöstern in Bern und anschließend in Basel, wo eine literarische Schaffensperiode nachweisbar ist. Durch textanalytischen Vergleich gelingt es Engler überzeugend, Johannes Meyer als Redaktor der untersuchten Hs. bezeichnen zu können. Als wichtiges neues Detail in der Biografie Johannes Meyers wird deutlich, dass er über seine bekannte Rolle als Chronist der Ordensreform – so stellt er sich bevorzugt auch selbst dar – hinaus offenbar auch die konstitutiven und rechtlichen Grundlagen des Ordens aufarbeitete und in die Ordensreform einbrachte, was auch von der observanten Ordensleitung getragen wurde. Dadurch werden seine Bedeutung und seine Absicht bei der Neuausrichtung des Ordens noch konkreter fassbar. Das dritte Hauptkapitel enthält die Edition einer Auswahl der Texte, die im Codex A 53 enthalten sind (S. 39–149). Vergleichend herangezogen werden dabei 16 Hss. aus weiteren Reformkonventen, die heute in Bibliotheken und Archiven in Berlin, Erlangen, Freiburg im Breisgau, Haarlem, Nürnberg, Rom, Überlingen, Wien, Wil, Würzburg und Zürich überliefert sind. Die jeweiligen Inhaltsangaben werden angegeben, wodurch der vergleichende Blick vereinfacht wird. Von den daran anschließenden Bemerkungen zur Rolle der Augustinusregel in klösterlichen Gemeinschaften sind besonders Englers Beobachtungen zur deutschsprachigen Übersetzung dieser Regel hervorzuheben, denn hier kann sie zwischen einem „Typ Straßburg“ und einem „Typ Nürnberg“ unterscheiden. Im vierten Hauptkapitel werden die Regelbücher im Dominikanerorden thematisiert (S. 151–201). Engler typisiert darin die Gattungen der Regelbücher auf breiter Quellengrundlage. Dabei zeichnen sich die Grundzüge für die Bestände observanter Klosterbibliotheken ab, zu deren Grundbestand die bereits genannte Augustinusregel und die Konstitutionen der Dominikanerinnen zählen, und zwar in lateinischer und / oder deutscher Fassung; vergleichend veranschaulicht wird dieser zentrale Befund durch eine Tabelle auf S. 156–159. Nach diesen Vorarbeiten kann Engler den von ihr untersuchten Codex als observantes Regelbuch überzeugend klassifizieren, wodurch die zunächst heterogen anmutenden Texte in einen Sinnzusammenhang gestellt und der Gebrauch nun plausibel gemacht werden kann. Das abschließende fünfte Kapitel gibt einen präzisen Überblick über die Reform des Dominikanerordens, deren Anfänge im späten 14. Jh. zu greifen sind, und ihre wesentlichen Protagonisten. Hierbei beschränkt sich Engler nicht auf den deutschsprachigen Raum, weiterhin bezieht sie Ordensgeneräle mit ein und fragt nach der Bedeutung päpstlicher Reformbullen, die sie jedoch modifiziert. Bei der vorliegenden Untersuchung handelt es sich mit Blick auf die genannten Punkte um eine der wichtigsten Studien zur spätmittelalterlichen Reform des Dominikanerordens der letzten Jahre, in der germanistische und historische Herangehensweisen mustergültig vereint werden. Sie wird trotz des vielleicht etwas eng geführten Untertitels aufgrund ihrer übergreifenden Ergebnisse und vergleichenden Ansätze in der Forschung einen wichtigen Platz einnehmen.

Jörg Voigt

Catalogazione, storia della scrittura, storia del libro. I manoscritti datati d’Italia vent’anni dopo, a cura di Teresa De Robertis e Nicoletta Giovè Marchioli, Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzzo) 2017 (mediEVI 16), XVIII, 285 S., Abb., ISBN 978-88-8450-784-6, € 40.

Im Dezember 2014, zwanzig Jahre nach der Gründung der Associazione Italiana Manoscritti Datati (AIMD), wurde auf einem Kongress in Cesena eine Bilanz des Projekts „Manoscritti datati d’Italia“ gezogen, dessen Beiträge in vorliegendem Bd. veröffentlicht sind. Im Rahmen dieses Projekts werden die Hss. einer Provinz (oder bei sehr umfangreichen Beständen einzelner Bibliotheken), die eindeutige Daten zur Entstehungszeit, zum Ort der Abschrift oder zu Schreibern, Miniaturmalern, Auftraggebern und Empfängern aufweisen, nach einheitlichen Regeln katalogisiert. Die inzwischen 28 Bde. der bei SISMEL. Edizioni del Galluzzo erschienenen Reihe „Manoscritti datati d’Italia“ sind mit reichem Bildmaterial zu den Hss. und mit umfangreichen Einführungen zur Entwicklung der jeweiligen Bibliotheksbestände versehen. Aufgrund der definierten Auswahlkriterien handelt es sich dabei allerdings immer nur um einen Bruchteil des gesamten Handschriftenbestands mit einer starken zeitlichen Konzentration auf das 14. und vor allem 15. Jh. Ein Teil der Einträge ist inzwischen auch online (www.manoscrittidatati.it) zugänglich, allerdings fehlen in der Datenbank nähere Angaben zum Aktualisierungsstand und zu einer eventuellen movingwall; die Links zu den Beispiel-Bilddateien funktionieren nur teilweise. Eine Einführung (S. IX–XVIII) gibt einen Überblick über Geschichte, Definition und aktuellen Stand des Projekts. In einem ersten Hauptkapitel (S. 1–207) folgen zehn Beiträge zu ausgewählten Aspekten der Paläographie und Handschriftengeschichte. Die grundsätzliche Bedeutung der Projekte der Katalogisierung datierter Hss. unterstreichen die Aufsätze von Albert Derolez, The importance of the catalogue of dated manuscripts for paleographical and codicological studies, and a reply to recent criticisms, S. 61–74, Jan Peter Gumbert, On „MDI“ as a source for codicology, S. 97–100, und Dominique Stutzmann, Les manuscrits datés, base de données sur l’écriture, S. 155–207. Dass die Erschließung datierter Hss. für Studien über spezielle spätmittelalterliche Schriftformen von besonderer Bedeutung sein kann, zeigt überzeugend Irene Ceccherini am Bespiel der mercantesca (Irene Ceccherini, Per una storia della mercantesca attraverso i manoscritti datati, S. 21–48). Auch die wachsende Verbreitung des volgare lässt sich quantitativ gut an den datierten Hss. belegen (Sandro Bertelli, Il codice in volgare italiano delle origini nei „Manoscritti datati d’Italia“, S. 3–20). Vor besondere Probleme bei der Erschließung (und bei folgenden Auswertungen) stellen die Bearbeiter/-innen Sammelkodizes (Martina Pantarotto, Convivenze difficili, stabili sodalizi. I manoscritti compositi all’interno del corpus dei datati, S. 101–118) und Kodizes, die nach einer „Datierung“ noch weitergeführt wurden (Gabriella Pomaro, L’idiografo tra datato e databile, S. 119–131). Einzelfragen lokaler oder regionaler Natur behandeln Sonia Chiodo, Un manoscritto datato per il monastero di San Pier Maggiore a Firenze: contesto e nuove prospettive, S. 49–59, Leonardo Granata, Libri e scritture dell’umanesimo veneto nei cataloghi di manoscritti datati, S. 75–95, und Laura Regnicoli/David Speranzi, Le collezioni private fiorentine nel corpus dei Manoscritti datati d’Italia, S. 133–154. Das zweite Kapitel (S. 209–256) präsentiert sechs kürzere Beiträge zu praktischen Fragen. An dieser Stelle sei nur auf die Frage einer analogen Erfassung griechischer datierter Hss. (Paola Degni/Paolo Eleuteri, I repertori dei manoscritti datati in paleografia greca: uno strumento necessario?, S. 209–219) und auf die Möglichkeiten datenbankgestützter Recherchen (Marilena Maniaci, Chi cerca (cosa) trova? I manoscritti datati dal catalogo cartaceo al database (e, parziale ritorno), S. 229–236) hingewiesen. Umfangreiche Indizes (der erwähnten Hss. sowie der historischen Personen, Autor/-innen und Geographika) und mehrere qualitätsvolle Abbildung runden den Kongressbd. ab. Der vorliegende Bd. zeigt die große Bandbreite der Forschungsmöglichkeiten, die auf einem ambitionierten Projekt der Grundlagenforschung aufbauen. Naturgemäß standen dabei die positiven Aspekte im Vordergrund. In der Tat ist der Wert der qualitätsvollen Erschließung datierter Hss. unbestritten und führte zu methodisch neuen Fragestellungen und Antworten. Allerdings ist vor der ausschließlichen Anwendung quantitativer und statistikbasierter Methoden in der Paläographie und Kodikologie zu warnen. Die durch die datierten Hss. vorgegebene weitgehende Beschränkung auf das 14. und 15. Jh., aber auch die Problematik individueller „konservativer“ oder bewusst antikisierender Hss. macht deutlich, dass auf die individuelle Forschung an der einzelnen Hs. nicht verzichtet werden kann. Leider wird die methodologische Grundsatzfrage nur in wenigen Beiträgen (Derolez, Degni/Eleuteri) thematisiert. Die hohe Prozentquote „undatierter“ Hss. macht bei den besonders umfassenden Beständen italienischer Bibliotheken eine konsequente Fortführung von Aktivitäten, wie sie in beispielhafter Form im „censimento dei manoscritti medievali della Lombardia“ vorliegen, und einen konsequenten zentralen elektronischen Nachweis in Manus OnLine (https://manus.iccu.sbn.it) mit gesicherter Finanzierung unerlässlich.

Thomas Hofmann

I manoscritti datati delle biblioteche Casanatense e Vallicelliana di Roma, a cura di Paola Busonero et al., Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzzo) 2016 (Manoscritti datati d’Italia 25), 150 pp., ill., ISBN 978-88-8450-735-8, € 120.

Due i fondi librari romani oggetto di questo volume, quello di 88 codici conservati alla Biblioteca Casanatense (pp. 33–74) e quello di 39 presso la Biblioteca Vallicelliana (pp. 75–100), presentati secondo le regole canoniche dei „Manoscritti datati d’Italia“. Il primo è riconducibile al lascito del cardinale Girolamo Casanate (1620–1700) assegnato in eredità ai domenicani di S. Maria sopra Minerva: una ricca collezione di manoscritti e di stampati raccolta da un raffinato bibliofilo e collezionista, molto attento agli scambi culturali e aperto, anche nel suo ruolo di Bibliotecario di Santa Romana Chiesa, a facilitare gli studiosi alla ricerca di libri pregiati e rari. Nel suo testamento, rogato il 5 ottobre 1698, aveva disposto che la biblioteca dovesse nascere accanto al convento ed essere aperta al pubblico; inoltre la dotò di rendite autonome che i padri avrebbero dovuto gestire oculatamente per garantirne l’implemento con acquisti di manoscritti e di „librarie“ private. E così il fondo è costituito dalla collezione del cardinale impreziosita da testi sacri, liturgici e patristici della raccolta del padre Mattia e dai lasciti e donazioni che i domenicani seppero incamerare nel tempo. A loro si deve infatti l’acquisizione del prezioso „Chronicon“ di Martin Polono (ms. 309) e del rotolo di cuoio damasceno contenente il „Pentateuco ebraico“ (ms. 4849). Rimane difficile però, afferma Isabella Ceccopieri, „risalire alla sua consistenza originale, poiché allo stato attuale delle ricerche non vi è presenza tra le fonti a nostra disposizione di dati che ci aiutino ad individuare i codici appartenuti al cardinale al momento del passaggio della sua collezione ai Domenicani“ (p. 7). Prevalgono in questa raccolta manoscritti del sec. XV, in prevalenza con i testi di autori classici, come il Tibullo-Properzio del ms. 3227 (p. 67) vergato da un giovane Francesco Maturanzio (ca. 1471), o scritti di umanisti, come il ms. 1368 (p. 58) testimone unico del „Commento“ di Cristoforo Landino ai primi sette libri dell’Eneide, appunti presi verosimilmente da uno studente presente alle lezioni tenute nello Studio fiorentino nel 1462–1463, o appartenuti a personaggi della vita culturale ed ecclesiastica del Quattrocento, come il ms. 620 (p. 46) con „Vite“ dei santi Padri (Antonio, Ilarione, Pacomio, Macrina etc.) scritto nell’aprile 1436 a Basilea e posseduto dal cardinale Giuliano Cesarini. Tra quelli di secoli precedenti, in particolare del sec. XIV, un interessante esemplare di Virglio con commento di Servio, ms. 960 (pp. 50 sg.), copiato a Pavia tra settembre 1393 e agosto 1394 da Astolfino de Marinoni, accedendo al Virgilio del Petrarca, il famoso Ambr. A 79 (olim S. P. 10/27), di cui trascrive le note marginali compresa quella sulla morte di Laura. Pure tra i manoscritti datati della Biblioteca Vallicelliana prevalgono nettamente quelli del sec. XV in numero tre volte superiore a quelli medievali, tra i quali emergono il „Sacramentarium Sublacense“ del sec. XI, ms. B 24 (pp. 80 sg.) realizzato dallo scriba Guittone per commissione dell’abate di Subiaco, Giovanni VII (1068–1120), il „Missale plenarium“, ms. B 8 (pp. 79 sg.) scritto nella seconda metà del sec. XI da Ubertus felix e riconducibile a S. Eutizio in Val Castoriana presso Norcia o il ms. B 76 (p. 84) con il „Liber gestorum et doctrinarum“ di Martino di Braga, appartenuto alla Certosa di S. Bartolomeo di Trisulti, quasi interamente palinsesto con scriptio inferior in beneventana del sec. XI. Una biblioteca nata dopo che la Congregazione dell’Oratorio di Roma venne riconosciuta giuridicamente da papa Gregorio XIII (1575), che ricevette nel 1581 un lascito librario interessante dall’umanista portoghese Achille Stazio e che fu velocemente incrementata da donazioni di studiosi legati alla cerchia filippina e di importanti fondazioni monastiche, come quelle già nominate sopra. Al Quattrocento sono riconducibili le trascrizioni di versioni di autori greci: la „Praeparatio evangelica“ di Eusebio di Cesarea tradotta da Giorgio Trapezunzio nel ms. A 27 (p. 76), gli scritti dello pseudo-Dionigi nella versione di Ambrogio Traversari nel ms. A 31 (pp. 77 sg.) vergato dal notaio Niccolò Berti di S. Gimignano attingendo all’originale del camaldolese; mentre la miscellanea umanistica del ms. E 49 (pp. 92 sg.) conserva alcune „Epistole“ di Francesco Barbaro e di suoi corrispondenti copiate nel 1484 dal notaio Maffeo Ferrando di Brescia dall’originale del figlio del Barbaro, Zaccaria. La Vallicelliana, con i fondi librari degli intellettuali impegnati al progetto della Riforma papale, funzionali alla ricerca e allo studio, come quelle di Cesare Baronio, di Guglielmo Sirleto, di Roberto Bellarmino ad esempio, risulta così una delle più rilevanti raccolte manoscritte d’Europa.+TABRE+Mariarosa Cortesi

I manoscritti datati di Ferrara, a cura di Gilda P. Mantovani e Silvia Rizzi e con il contributo di Elena Bonatti e Mirna Bonazza. Direzione scientifica Nicoletta Giovè Marchioli, Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzzo) 2017 (Manoscritti datati d’Italia 28), XIX, 138, 64 S., Abb., ISBN 978-88-8450-835-5, € 95.

Mit dem Katalog der datierten Hss. von Ferrara ist in rascher Folge der 28. Bd. der von der Associazione Italiana Manoscritti Datati in Verbindung mit der Società Internazionale per lo Studio del Medioevo Latino herausgegebenen Reihe „Manoscritti datati d’Italia“ erschienen. Er präsentiert 63 datierte Hss. aus den Beständen von drei Einrichtungen in Ferrara. Die Hg., die mit der Überlieferungslage in Ferrara bestens vertraut sind und auf zwei vorbereitende Tesi di laurea von Nicola Porta und Silvia Rizzi selbst zurückgreifen konnten, liefern in bewährter Tradition zunächst eine Kurzbeschreibung der besitzenden Bibliotheken und Museen (S. 3–29), es folgen die Katalogisate der ausgewählten Hss. (S. 33–82). Der Bd. wird abgerundet durch eine umfangreiche Spezialbibliographie (S. 89–113), verschiedene Indizes (S. 117–138), von denen der Index „Autori, opere e initia“ als besonders nützlich hervorgehoben werden soll, sowie 64 Abb. in Schwarz-Weiß in chronologischer Ordnung und guter Qualität. Die einführenden Beschreibungen dokumentieren die besondere Überlieferungslage Ferraras: Die politischen und kulturellen Zentralisierungstendenzen auf den Hof der Este seit dem 14. Jh. führten zu einer Bündelung der Handschriftenbestände in der Biblioteca Comunale Ariostea, der Hofbibliothek, die seit 1753 formal der Öffentlichkeit zugänglich war. Zahlreiche Privatsammlungen und Bibliotheken aufgelöster Klöster wurden in der Folgezeit in den Bestand eingegliedert, die Systematik, die eine Trennung zwischen der Classe I (autori ferraresi) und der Classe II (autori non ferraresi) vorsah, wurde für die Hss. bis ins 19., teilweise bis ins 20. Jh. beibehalten. Hinzu kommen die sechs großformatigen Graduale und Bibelhandschriften, die zwischen 1898 und 1915 von der Biblioteca Comunale an das Museo Schifanoia (heute Musei Civici di Arte Antica) übergingen, um in einer Dauerausstellung als Musterbeispiele illuminierter Handschriften aus der Blütezeit der Este im Salone dei Mesi im Palazzo Schifanoia präsentiert zu werden. Schließlich sind noch fünf Chorbücher aus dem Museo della Cattedrale zu erwähnen. Auch im Fall Ferraras stellen die datierten Hss. nur einen kleinen Anteil des gesamten Bestands dar, der gesamte Handschriftenbestand der Biblioteca Comunale Ariostea beläuft sich (einschließlich der modernen Hss.) auf ca. 7000 Einheiten. Die im vorliegenden Bd. erfassten Hss. bilden aber in idealer Weise die Handschriftenproduktion und -sammlung in der kulturellen Blüte der Stadt im 15. Jh. ab. Entsprechend hoch (über 40 %) ist der Anteil von Klassikerhandschriften und von zeitgenössischer Literatur, darunter Biondo Flavio, Guarino Veronese und Niccolò da Ferrara. Wie die Vorgängerbde. bietet auch das vorliegende Werk einen detaillierten Einblick in die Geschichte der Handschriftenbestände und Provenienzen und liefert mustergültige Katalogisate mit gutem Bildmaterial. Bei aller methodologischen Vorsicht ist der Bd. nicht nur für paläographische und kodikologische Studien, sondern auch für Forschungen zur Kulturgeschichte Ferraras und der italienischen Renaissance eine unverzichtbare Quelle.+TABRE+Thomas Hofmann

Markus Schürer, Die Enzyklopädie der berühmten Männer und Frauen. Domenico Bandini, sein „Fons memorabilium universi“ und die kompilatorische Biographik der Renaissance, Tübingen (Mohr Siebeck) 2017 (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation 97), XII, 468 S., Abb., ISBN 978-3-16-154526-9, € 99.

Mit seiner überarbeiteten Habilitationsschrift legt Markus Schürer eine grundlegende Arbeit zum „Fons memorabilium universi“ des Domenico Bandini (ca. 1340–1418) vor. In der enzyklopädisch angelegten und über ein halbes Jh. hinweg entstandenen „Quelle der Denkwürdigkeiten des Alls“ (S. 4) sammelte der Gelehrte aus Arezzo das Wissen seiner Zeit in universal-kosmologischen sowie anthropozentrisch gehaltenen Werkteilen. Der fünfte von seinen insgesamt fünf Teilen macht den größten Umfang des monumentalen Fons aus. Er umfasst neben allgemeinen Ausführungen zu Mann und Frau Sammlungen von Lebensbeschreibungen berühmter Vertreter beider Geschlechter. Diese Anteile der sog. kompilatorischen Biographik – ein Genre, das in der Renaissanceforschung oft als Schlüsselsignatur einer den Menschen in den Mittelpunkt rückenden Epoche beschrieben wurde – stehen im Zentrum von Schürers Arbeit. Sie gliedert sich in eine Studie (I) sowie eine partielle Edition des Fons als deren Quellengrundlage (II). Im Dialog mit der Forschung und dem Fons führt Schürer in der Studie zunächst zu Autor und Œuvre ein sowie zu seinem weiteren literarisch-kulturellen Umfeld an Stationen wie Arezzo, Padua, Florenz oder Città di Castello (I.2 und I.3). Besondere Aufmerksamkeit gilt Bandinis Briefwechsel mit Salutati als Spiegel der Diskurse des Fons (z. B. der nobilitas-Debatte) sowie der Anregung, die Petrarcas Projekt „De viris illustribus“ möglicherweise auf ihn ausübte. In weiteren Unterkapiteln (I.4 und I.5) behandelt Schürer die (schrittweise) Genese und Rezeption des Fons (unter anderen durch Filippo Villani oder Giannozzo Manetti), bevor er ihn in I.6 ausführlich in der weiteren enzyklopädischen Tradition verortet. Ein eigener Abschnitt widmet sich eingehend den Büchern „De viris claris“ sowie „De mulieribus claris“ (I.7). Mit dem Fons liegen deren Biographien erstmals in einem enzyklopädischen Werk vereint vor. Schürer stellt diese Bücher ausführlich im Weltbild des Autors vor. Abschnitt (I.8) setzt sich abschließend mit generellen Fragen von Wissensordnung auseinander wie beispielsweise Bandinis „Etablierung des Alphabets als Gliederungs- und Ordnungsinstrument für biographisches Wissen“ (S. 9). In der stark deskriptiven Studie gelingt Schürer die sorgfältige und kenntnisreiche Verortung des Fons in seinen literatur- und geistesgeschichtlichen Traditionen. Der Autor wendet sich dabei gegen Voreingenommenheiten früherer Renaissanceforscher, deren Genie- und Originalitätsästhetik dem enzyklopädischen Werk wegen seines kompilatorischen Charakters und Mangels an Virtuosität eine eingehendere Behandlung verwehrte. Schürer entgegnet mit dem Bild eines kritischen, das verfügbare Wissen aktualisierenden Kompilators, der sich geistesgeschichtlich auf der Höhe seiner Zeit befand. Mit Blick auf die Darstellung scheint der Autor bisweilen im Bann seines enzyklopädischen Sujets. Die einleitenden Ausführungen zu den Unterkapiteln (z. B. zur Enzyklopädik oder zur Biographik) schaffen für sich genommen gewiss nützliche Gesamtübersichten. Sie nehmen jedoch wiederholt eigendynamischen Handbuchcharakter an. Die eigentliche Arbeit am Fons rechtfertigt dabei nur bedingt die Tiefenschärfe ihrer erschöpfenden Anlage. Eine explizitere Interaktion mit einer konkreten Fragestellung würde besser über die diversen detailreichen Exkurse tragen. So taucht beispielsweise nach ca. 50 Seiten zur Biographik von Antike bis zur Neuzeit erst auf S. 176 eine gewichtige These wieder auf – die der „Epochensignatur“ der kompilatorischen Biographik –, die Schürer mit Blick zurück auf die (weit zurückliegende) Einleitung nun als bestätigt und den Fons im Zentrum und auf der Höhe der literarischen Diskurse seiner Zeit sieht. Zahlreiche Nennungen von Autoren und Werken aus früheren sowie späteren Epochen wirken kumulativ; sie verhallen, ohne ein weiteres Echo in der Arbeit am Fons zu erzeugen. Gerade bei dem bekannten Wissen, das Schürer detailreich verdichtet, fallen sonderbare Lücken umso stärker auf. So habe ich beispielsweise eine Einbeziehung der Florilegienliteratur in die Arbeitsweise des Autors vermisst. In der Darstellung der kompilatorischen Biographik des 15. und 16. Jh. (I.7.5.8) verwundert die Abwesenheit zentraler Texte wie Agrippa von Nettesheims „De nobilitate et praecellentia foeminei sexus“ oder Mario Equicolas „De mulieribus“. Generell wird zudem das nur vierseitige „Register vormoderner Personen“ der Reichhaltigkeit der Studie nicht gerecht. Mit seiner partiellen Edition (II) liefert Schürer Textmaterial für die vorausgehende Darstellung. Sie umfasst Auszüge aus dem Fons sowie die Kapitelanfänge der Bücher „De viris claris“ und „De mulieribus claris“. Schürer beschreibt die Überlieferungslage des Fons ausführlich und in Dialog mit der bisherigen Forschung (A. Teresa Hankey). Aus den insgesamt 31 bekannten Textzeugen trifft er eine Auswahl und trägt aus ihnen den Text zusammen. Die Entscheidungen zur Textwiedergabe und zum Apparat sind ausführlich dokumentiert. Sie sind mit Blick auf die komplexe Überlieferungslage zielführend und dem Gegenstand angemessen getroffen. In den knapp 40 Seiten umfassenden Beschreibungen der ausgewählten Überlieferungsträger tritt erneut der Charakter der Studie zu Tage: Sie versammeln granulares Wissen, das hier nur in geringem Umfang in die Lesweise des Fons einfließt. Da ihr Nutzen somit vor allem bei künftigen Studien liegt, wären Handschriftenbeschreibungen nach aktuellen Standards (DFG-Richtlinien; hier: Otto Mazal) zu erwägen gewesen. Schürers kenntnisreiche Arbeit arbeitet der Erschließung von Bandinis massiven Werk zu und unterzieht es einer verdienten Neubewertung. Allerdings geschieht diese Rehabilitierung weitestgehend vor denselben Kriterien, die die frühere Forschung an den Fons herangetragen hat (s. o.). Schürer stellt deren generelle Legitimität kaum in Frage, sondern zeigt vielmehr, dass frühere Forscher nicht genau hingesehen hätten: So argumentiert er für eine Aufwertung entlang anerkannter geistiger Größen (Petrarca fungiert – wenn auch nur spekulativ – als geistiger Pate des Werkes), geht Bandinis Kenntnis noch wenig verbreiteter klassischer Autoren nach, entgegnet dem Vorwurf von mangelnder stilistischer Raffinesse mit dem Diktat einer anwendungsorientierten Wissenssammlung oder fokussiert auf seine Behandlung von Künstlern (I.7.6.4) als Lackmustest für die Teilhabe des Autors an neu erstarkenden Diskursen seiner Zeit. Am Ende steht Bandinis Nobilitierung zu einem „bedeutende[n] Akteur im Kreis des Florentiner Humanismus“ (S. 221). Generell findet diese Verortung häufig zwischen den Polen des ‚noch nicht‘ oder ‚doch schon‘ der etablierten Meistererzählungen der italienischen Renaissance statt. Vermisst habe ich bisweilen „frische“ Überlegungen, die über diese geistesgeschichtliche Verortung und Rehabilitierung des Fons hinausreichen und die der Studie mehr von einer wegweisenden case study geben würden. Eine selbstbewusste Arbeit mit Aspekten der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen im Fons könnte eine (ergänzende) Alternative zum Rehabilitationsnarrativ und Anschlussversuch an etablierte humanistische Leistungen darstellen und der Studie zugleich vom apologetischen Unterton nehmen. Zudem würde sich eine stärkere Historisierung gerade der Tendenzen und Ästhetiken anbieten, welche Bandinis kompilatorischem Werk nicht nur zu Lebzeiten (I.5.4.1), sondern auch noch in der jüngeren Forschung Geltung absprachen. Hierin liegt Potential brach, der Renaissanceforschung einen kulturhistorischen Spiegel vorzuhalten, überkommene Kategorien aufzubrechen und die fruchtbare Auseinandersetzung mit vernachlässigten Autoren der frühen Neuzeit weiter zu befördern.

Bernhard Schirg

Andrea Padovani, Dall’alba al crepuscolo del commento. Giovanni da Imola (1375 ca.–1436) e la giurisprudenza del suo tempo, Frankfurt a. M. (Klostermann) 2017 (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 303), XIV, 311 S., ISBN 978-3-465-04308-9, € 79.

Die Erforschung der spätmittelalterlichen Kanonistik wird immer noch dadurch behindert, dass für diese Zeit die systematische und kritische Erfassung der vorhandenen Überlieferung fehlt, die Stephan Kuttner bis 1234 mit dem „Repertorium der Kanonistik“ geliefert hatte. Für die spätere Zeit muss man nicht selten noch auf das alte Kompendium von Johann Friedrich Schulte zurückgreifen, sofern sich nicht ein mutiger Forscher findet, der sich traut, diesen oder jenen Text oder Autor aus dem Gestrüpp der Überlieferung zu ziehen. Das ist aus verschiedenen Gründen ein anspruchs- und entsagungsvolles Unterfangen, das aber regelmäßig durch überraschende und wichtige Ergebnisse belohnt wird. Das vorliegende Werk ist einem Autor gewidmet, den man wie so viele spätmittelaterliche Kanonisten als bekannten Unbekannten bezeichnen kann. Iohannes de Imola war seinen Zeitgenossen ebenso bekannt wie der kanonistischen Literaturgeschichte seit Thomas Diplovatatius, aber was man bisher von ihm wusste, war unvollständig, unzusammenhängend und vor allem unkritisch. Nun bietet uns Andrea Padovani ein gründlich recherchiertes, abgerundetes und gesichertes Gesamtbild von seinem Leben und Werk. Der doctor utriusque hat eine Reihe von Texten zu den beiden Rechten hinterlassen, von denen man bisher nicht viel mehr kannte als die Titel. Kernstück der vorliegenden Untersuchung ist ein kritisch revidierter Katalog der Werke (S. 51–120), der mit zahlreichen neuen Erkenntnissen einmal mehr zeigt, dass der Ansatz bei den Hss. unverzichtbar, sachgemäß und ertragreich ist. Am erfolgreichsten war Iohannes mit seinem Kommentar zu den „Constitutiones Clementinae“, obwohl der wissenschaftliche Bedarf hier schon mit einer langen Reihe von z. T. weit verbreiteten Kommentaren gedeckt schien (vgl. Martin Bertram, Kanonisten und ihre Texte, Leiden 2013, S. 91–108 und S. 481–483). Mit einer umfangreichen und einheitlichen Überlieferung steht dieses Werk des Imolesen in einem auffallenden Gegensatz zu seinen Kommentaren zum „Infortiatum“, zum „Digestum Novum“ und zu den Dekretalen, die extrem fragmentiert und verworren überliefert sind. In allen Teilen wird die handschriftliche Überlieferung durch früh einsetzende Drucke überlagert, die u. a. mit der Einfügung von Zabarellas Dekretalenprooemium in die Lectura des Johannes zu einem krassen Fall von „falsificazione editoriale“ (Domenico Maffei) geführt hat. Der Clementinenkommentar bringt es zu fünf Inkunabelausgaben, von denen heute noch insgesamt rund 150 Exemplare vorhanden sind. Das reiche Material, das Padovani für die Überlieferungsgeschichte zusammengetragen hat, regt viele Nachfragen an, die den Rahmen dieser Anzeige sprengen würden; es sei aber schon hier betont, dass die fälligen Ergänzungen und Vertiefungen die grundlegende Leistung von Padovani in keiner Weise mindern werden, deren Verdienst vielmehr darin besteht, dass sie sinnvolle Anschlussfragen überhaupt erst möglich macht. Das gilt auch für die kritische Sichtung der Consilia, die neben den knapp 150 Stücken in gedruckten Sammlungen auch zahlreiche verstreut überlieferte Einzelstücke erfasst und eine instruktive Topographie der Fälle und der Auftraggeber einschließt (S. 88–105). Die Analyse der Werke und ihrer Überlieferung ist in eine gründliche, durch archivalische Recherchen angereicherte Biographie des Autors (S. 17–49) sowie eine eindringliche Würdigung seines intellektuellen und kulturgeschichtlichen Kontexts (S. 120–174) eingebettet. Dazu gehört auch ein Schlusskapitel über die Heimatstadt des Johannes, das ein Verzeichnis von rund 150 juristisch ausgebildeten Personen einschließt, die dort im 14. und 15. Jh. in den unterschiedlichsten Funktionen aktiv waren. Über den lokalen und den individuellen Horizont hinaus führen die grundsätzlichen Ausführungen zur Gattungsgeschichte des „Kommentars“, der ja der literaturgeschichtlichen Periode der Kommentatoren ihren Namen gegeben hat und nur zögerlich von der negativen Beurteilung durch Savigny befreit wird. Zu diesem Phänomen, dessen Beurteilung durch eine rasante Zunahme der Überlieferung, fließende Terminologie und variable Qualitätsmaßstäbe erschwert wird, bietet Padovani hier eine Bilanz, die in klaren Formulierungen und mit sicherem Urteil zwischen fallbezogener Deskription und idealtypischer Begriffsbildung aufgespannt ist (vgl. besonders S. 155–158). Diese Vorzüge kommen auch dem Protagonisten zugute, für den Padovani wie vor ihm schon Karl Friedrich von Savigny (VI, S. 277) und Johann Friedrich Schulte (II, S. 297 Anm. 13) Enea Silvio Piccolomini als Augen- und Kronzeugen zitiert: „Nam homo is erat, qui in scriptis totus esset, atque non mortuus est, cum libri eius manserint extra quos is nihil fuit“. Padovani bestätigt, dass sich Johannes als reiner Schulgelehrter weder politisch noch sozial engagierte, keine philosophischen, theologischen oder literarischen Interessen erkennen lässt und methodisch und sachlich einen sich verhärtenden mos italicus vertritt, dem allenfalls mildernde Umstände zugebilligt werden können: „Il suo orizzonte mentale resta quello di un interprete tardomedievale capace, tuttavia, di correggere alla luce del buon senso le più evidenti storture di un metodo di cui coglie il peso insostenibile e la sterilità“ (S. 157, vgl. auch S. 170 f.).+TABRE+Martin Bertram

Philippe Braunstein, Les allemands à Venise (1380–1520), Roma (École française de Rome) 2016, 975 S., Abb., ISBN 978-2-7283-1125-5, € 65.

Das Thema von Migration und Fremdengemeinschaften in verschiedenen Städten Europas und darüber hinaus erfreut sich seit einigen Jahrzehnten ebenso großer Popularität in der historischen Forschung wie lebensweltlicher Aktualität. Die italienische Stadt par excellence „deutscher“ Präsenzen ist seit dem 19. Jh. Venedig mit dem berühmten, erstmals von Henry Simonsfeld monographisch behandelten Fondaco dei Tedeschi. In der Erforschung dieses Themas ist seit den 1950er Jahren Philippe Braunstein eine bedeutende Autorität. Mit vorliegender zusammenfassender Studie für die Jahre 1380 bis 1520 legt er laut eigener Aussage die „Arbeit [seines] Lebens“ vor (S. 3). Nach einigen einleitenden Bemerkungen (Kap. 1) beginnt das Werk mit dem Weg über die Alpenpässe bis zur Ankunft in Venedig (Kap. 2). Sodann werden Geschichte, Organisation und Leben im Fondaco, die dort vertretenen Personen und Personengruppen, Bedingungen und Praktiken ihres Handels, ihr Zusammenleben, soziale Differenzierung und Konflikte, schließlich auch Architektur, Einteilung sowie materielle und künstlerische Ausstattung und Ausgestaltung des Fondaco behandelt (Kap. 3). Kap. 4 nimmt die einzelnen Handelsherren und -gesellschaften nach Kollektiven bzw. Landsmannschaften gegliedert in den Blick (Hansekaufleute, Augsburger, Frankfurter, Nürnberger, Regensburger …). Kap. 5 beschreibt, welche Deutschen am Rialto wohnten und in welchen Gewerbezweigen sie tätig waren, vom Hotelier bis zum Handwerker. Kap. 6 diskutiert den Austausch zwischen Deutschen und Venezianern, erstens anhand einer neuen Diskussion der Unterschiede in der Buchführung, zweitens in Bezug auf sprachliche Verständigung, auch mit Blick auf die bekannten Sprachbücher. Nachfolgend wird die Bedeutung und der Anteil der deutschen Händler an der venezianischen Wirtschaft im Spätmittelalter untersucht (Kap. 7), um dann die Kooperation der Familien Fugger und Foscari näher exemplarisch zu beleuchten (Kap. 8). Kap. 9 stellt die deutschen Handwerker und Künstler in Venedig (u. a. Bäcker, Schuster, Weber, Schneider, Kürschner, Goldschmiede, Bildhauer, Maler, Glaser) insbesondere anhand der venezianischen Notariatsquellen dar. Besonders zu erwähnen sind die bekanntlich in Venedig besonders bedeutsamen deutschen Buchdrucker und -händler. Kap. 10 ist bruderschaftlichen Vereinigungen und Stiftungen gewidmet. Kap. 11 gibt einen kurzen Ausblick auf das 16. und 17. Jh. und den Niedergang der deutschen Präsenz am Rialto. Beschlossen wird das Buch durch einen editorischen Anhang, bei dem vor allem die Testamente hervorgehoben seien. Bei klassischer Entwicklung der Argumentation beeindruckt Braunsteins Studie durch die ungeheuer tiefe Durchdringung der Bestände vor allem venezianischer Archive, denen der Vf. viele neue, nur teils im Anhang edierte Quellen entlocken konnte. Die Monographie ist ohne jeden Zweifel als das neue unverzichtbare Standardwerk zum Thema zu bezeichnen. Angemerkt sei zu dem Buch, dass es viele Ansatzpunkte für vertiefende Studien in lokalen Überlieferungen bietet, und zu dem Forschungsfeld, dass es bei nunmehr vorliegenden Studien zu Florenz, Genua, Rom, Treviso und Venedig auch einmal lohnend erschiene, kleinere Realitäten in den Blick zu nehmen. Als Wehrmutstropfen zu der Monographie muss benannt werden, dass angesichts der großartigen Erschließungsarbeit, die Braunstein geleistet hat, die Qualität der Register leider völlig unzureichend ist. Leser des Buches sei dringend angeraten, die reichen Datennester in Text und Fußnoten mit genauem Blick zu durchforsten.

Tobias Daniels

Suse Andresen, In fürstlichem Auftrag. Die gelehrten Räte der Kurfürsten von Brandenburg aus dem Hause Hohenzollern im 15. Jahrhundert, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2017(Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 97), 655 S., Abb., ISBN 978-3-525-36089-7, € 90.

Studien zu den gelehrten Räten sind eine tragende Säule der Geschichtsforschung zum Spätmittelalter. Für den Bereich des Alten Reiches liefert das „Repertorium Academicum Germanicum“ (RAG) eine schier unerschöpfliche Materialbasis für derartige Arbeiten. Die nun erschienene Diss. von Suse Andresen, einer langjährigen Mitarbeiterin des RAG, demonstriert das immense Potential solcher prosopographischer Großdatenbanken für die Erforschung von Karrierebedingungen und Herrschaftsstrukturen des Spätmittelalters. Gegenstand der Arbeit sind 95 Karriereprofile von gelehrten Räten der vier brandenburgischen Markgrafen und Kurfürsten Friedrich I. (1415–1440), Friedrich II. (1440–1470), Albrecht Achilles (1440–1486) und Johann (1486–1499). Im Fokus der Argumentation steht vor allem die lange Regierungszeit des Albrecht Achilles, der die Mehrzahl der untersuchten Ratskarrieren zuzurechnen sind, und für die sich eine signifikante Hinwendung zum Einsatz von Gelehrten feststellen lässt. Der allerorts spürbare Modernisierungsschub hin zu einer stärkeren Zentralisierung und Professionalisierung der Herrschaftspraxis lässt sich anhand der hier untersuchten Karriereprofile für die Territorien der Hohenzollern gut fassen. Als besonderer Glücksfall erweist sich die eigentümlich zweigeteilte Territorialstruktur der Hohenzollern-Herrschaft. Da Albrecht Achilles meist im fränkischen Ansbach residierte, dirigierte er seine Räte durch zahlreiche Briefe, aus denen auch Einzelheiten der Ratstätigkeit hervorgehen. Die Quellenlage, nicht nur für prosopographische Datensammlungen, sondern auch für hierauf aufbauende biographische Fallstudien, stimmt optimistisch. Die Auswahl der untersuchten Personen erfolgt nach zwei simplen Kriterien: nachweisbares Universitätsstudium und Dienst für mindestens einen der Hohenzollern-Kurfürsten. Für den Rahmen einer solchen Arbeit ist die Eingrenzung pragmatisch sinnvoll, auch wenn eine gewisse Lebensfremdheit in Kauf genommen werden muss, da sowohl die Karriereprofile der Gelehrten als auch die am Hohenzollern-Hof tätigen Räte nur ausschnittsweise erfasst werden können. Fast alle der untersuchten Räte waren auch für andere Dienstherren tätig, sei es bei anderen Fürsten und Städten, geistlichen Institutionen oder Universitäten; und oft war Brandenburg nur eine Episode im Leben der hochmobilen Experten. Die Quote der Gelehrten unter den kurfürstlichen Räten lag insgesamt bei ca. 13–16 %; die Mehrzahl der Räte bleibt also ausgeblendet. Universitätsstudium und gelehrte Kompetenz war oft nur ein Kriterium für die Auswahl einer Person für bestimmte Aufgaben. Wenn etwa ein Leibarzt des Fürsten auf Gesandtschaftsreise geschickt wurde, dann nicht wegen seiner medizinischen Fachkompetenz, sondern vielmehr aufgrund einer besonderen Vertrauensstellung zum Dienstherrn. Seine Mission wird gleichwohl vom Analyseraster erfasst, nicht jedoch ein Küchenmeister oder Hofschneider, der auf eine ebenso fachfremde Mission geschickt werden konnte. Die sehr differenzierten Strukturanalysen, die häufig mehrere Parameter (soziale und geographische Herkunft, Familie usw.) so miteinander kombinieren, dass die Zahl der Treffer im einstelligen oder unteren zweistelligen Bereich liegt, hätten durch die Einbeziehung der nicht-gelehrten Räte mit großer Wahrscheinlichkeit zu anderen Ergebnissen geführt. Ohnehin ist die Gesamtzahl von 95 Personen, die vielfach durch die Differenzierung nach Fachdisziplinen bzw. Dienstherrn reduziert wird, für eine vor allem statistisch-quantifizierend vorgehende Untersuchung denkbar schmal. Wenn beispielsweise konstatiert wird, dass von den 36 Juristen im Dienst Albrecht Achilles’ 14 adliger Herkunft waren (= 39 Prozent), ist die Feststellung einer stärkeren Bevorzugung des Adels gegenüber der Zeit Friedrichs I. (vier Adlige von 14 Juristen = 28 Prozent) und Friedrichs II. (vier Adlige von zwölf Juristen = 33 Prozent) nur begrenzt belastbar. All das ist zur Einordnung der Ergebnisse zu bedenken, schmälert jedoch die Leistung der Autorin in keiner Weise, zumal sie die Probleme der Datenbasis erkennt und durch einzelne Kapitel zu den Beschäftigungsfeldern jenseits des Hohenzollern-Hofes zumindest teilweise kompensiert. Zum Aufbau der Arbeit: Einem konzisen Überblickskapitel zu den politischen Rahmenbedingungen der Hohenzollern-Herrschaft (S. 42–57) folgen die eigentlichen Kernkapitel über die Herkunft und Ausbildung (S. 59–152), Netzwerke (S. 153–173) und über die Tätigkeiten für die Hohenzollern (S. 207–347). Ergänzt wird die Analyse durch Kapitel über die Tätigkeit der untersuchten Räte an kirchlichen Institutionen und Universitäten (S. 175–206) und Tätigkeiten für andere Dienstherren (S. 349–366), die über den Fürstendienst hinausweisen und die Karriereprofile essentiell ergänzen. Den Abschluss bilden, vor der eigentlichen Zusammenfassung (S. 379–386), zwei essayartige Entwürfe zum Prozess der Professionalisierung und Spezialisierung von Ratstätigkeit und fürstlicher Herrschaft (S. 367–372) sowie zu Karriere- und Aufstiegschancen (S. 373–378). Die Ergebnisse der Arbeit sind im Detail reichhaltig und können nicht vollständig aufgelistet werden. So zeigt die Autorin, dass die Wahl für einen bestimmten Studienort (Leipzig, Erfurt, Padua) maßgeblich von Familientraditionen und Handelskontakten beeinflusst sein konnte. Der besondere Bedarf an Juristen überrascht nicht. Bemerkenswert ist aber die Tendenz zu Rekrutierung von Nachwuchs für den Ratsdienst direkt nach der Promotion, die durch Intervention beim zuständigen Landesfürsten sogar beschleunigt werden konnte (S. 169). Die Spitzenjuristen wurden lange Zeit im Fürstendienst gehalten. Ein Wechsel von Professoren in den Fürstendienst ist 16 Mal nachgewiesen; kein einziges Beispiel markiert den umgekehrten Weg. Wer einmal als Rat im Fürstendienst angekommen war, wechselte nicht zurück. Bezeichnend ist auch die gegenüber den Juristen geradezu deplorable Rolle der Theologen: nur acht von ihnen waren überhaupt im gesamten Untersuchungszeitraum nachweisbar, sogar die fürstliche Seelsorge wurde von Juristen übernommen, die zum großen Teil Geistliche waren. Pfründen bildeten überhaupt die wirtschaftliche Grundversorgung der Räte: Personalfinanzierung aus „Drittmitteln“ (S. 336). Der hohe Anteil an Adligen unter den gelehrten Juristen zeigt, dass das Universitätsstudium nicht nur für bürgerliche Söhne ein wichtiger Aufstiegskanal, sondern auch mit adligem Standesbewusstsein in einer glänzenden Karriere kombinierbar war. Musterbeispiel ist der aus dem märkischen Strausberg stammende Adlige und Doctor utriusque iuris Nikolaus Pfuhl, der in jahrzehntelangem Dienst für Albrecht Achilles zu einem der wichtigsten Räte aufstieg und ein immenses Vermögen anhäufte. In der Forschung war dieser Jurist bislang weitgehend unbekannt, was überhaupt für die allermeisten der hier untersuchten Personen gilt; Ausnahmen sind Hertnidt vom Stein, Peter Knorre und Johann Lochner. 17 der gelehrten Räte hat die Autorin überhaupt erst als solche entdeckt. Besonders verdienstvoll und nützlich ist eine Sammlung von Biogrammen der 95 gelehrten Räte im Dienst der Hohenzollern inklusive Namensvarianten, persönlichen Daten (Herkunft, Familie, Tod u. Ä.), Ausbildungs- und Karrierestationen, die im Anhang (S. 387–577) gedruckt und nicht, wie inzwischen oft üblich, auf eine CD verbannt werden. Ein sorgfältig gearbeitetes Register erschließt den Bd.+TABRE+Thomas Wölki

Jan Keupp/Jörg Schwarz, Konstanz 1414–1418. Eine Stadt und ihr Konzil, 3. überarb. Aufl., Darmstadt (Primus Verlag-Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2017, 181 S., Abb., ISBN 978-3-86312-038-2, € 19,90.

Heinrich Finke, der Grandseigneur der älteren Konstanzer Konzilsforschung, war 1928 der Meinung, dass mit Abschluss des vierten Bd. seiner „Acta Concilii Constanciensis“ die Geschichte des Konzils geschrieben werden könne. Dennoch hat es mehr als 60 Jahre gedauert, bis Walter Brandmüller 1991/97 die erste umfassende, neu aus den Quellen gearbeitete wissenschaftliche Darstellung des Constantiense vorlegte. Mit diesem Werk kann und will die vorliegende Darstellung nicht konkurrieren. Das geht schon daraus hervor, dass sie von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft zusammen mit dem neuen Faksimile-Druck der Konstanzer Hs. der Richental-Chronik vermarktet wurde. Denn das Faksimile, das – im Gegensatz zur Ausgabe Otto Fegers von 1964 – ohne Transkription und Textkommentar erschien, bedarf für den nicht paläographisch geschulten Leser einer Ergänzung. Diese Lücke sollte offenbar der Bd. von Jan Keupp und Jörg Schwarz füllen. Er erklärt, ausgehend vom lateinischen Wortgebrauch, was ein Konzil ist, führt in den historisch-politischen Zusammenhang ein, bietet mithin all das, was für den modernen Betrachter angesichts des Jubiläums über das historische Ereignis zu wissen notwendig und wichtig war. Die beiden Autoren haben sich die Aufgabe geteilt. Während Schwarz die Einleitung (S. 7–10) formulierte und den ersten Teil des Buches (S. 12–88) schrieb, der sich im Wesentlichen um eine politisch-kirchenhistorische Einordnung des Geschehens bemüht, konzentrierte sich Keupp im zweiten Teil (S. 90–171) auf die Konzilsstadt an Rhein und Bodensee und die damit einhergehenden sozial-, kultur-, wirtschafts- und alltagsgeschichtlichen Aspekte, die teilweise sehr weitläufig und nicht immer zielorientiert vorgestellt werden. Das Buch ist insgesamt flüssig, klar und ansprechend geschrieben. Es bedient die Bedürfnisse seiner Adressaten, wenn die Begrifflichkeit auch manchmal (vor allem im ersten Teil) etwas gesucht erscheint. So „morschten“ (S. 14) die Balken in den altrömischen Kirchen, das Schisma wirkte „ausgehämmert wie auf Jahrhunderte“ (S. 17) und die Säulen „fluchten“ (S. 39) das Innere des Konstanzer Kirchenschiffes. Die Autoren bemühten sich jedenfalls bewusst um eine lebensnahe Ausdrucksweise. So sehen wir die Bürger der Stadt vor dem Einritt des Papstes am 28. 10. 1414 „unruhig auf der Stelle treten“ (S. 33). Als König Sigmund in der Weihnachtsnacht nach Konstanz kam, war überall „Totenstille“, nur das „Plätschern der Wellen und das Aufschreien einiger Wasservögel am Hafen“ (S. 35) war zu hören. Im zweiten Buchteil sind kleinere Trennungsfehler stehen geblieben (etwa S. 118, Z. 8 f.), die jedoch einem voreiligen PC-Programm geschuldet sein dürften. Im Literaturverzeichnis wird mitunter falsch zitiert: Bd. 57 der „Vorträge und Forschungen“ ist nicht nur von Heribert Müller, sondern auch von Johannes Helmrath herausgegeben worden (S. 175–177). Der Untertitel lautet auch nicht „Institutionen und Personen“, sondern „Institution und Personen“. Einmal scheint auch eine nicht näher genannte Quelle ungenau zitiert, etwa wenn es heißt, dass Geschlechter und Gemeindemitglieder „gute Freunde seien sollen“ (S. 105). Doch das sind Kleinigkeiten angesichts der Leistung, die die Autoren wohl unter relativ hohem Zeitdruck erbrachten, und schmälern deren Verdienst in keiner Weise. Denn die Neuerscheinung bettet das komplexe konziliare Geschehen angemessen und umfassend in den Zusammenhang der Zeit ein, die in all ihren Details, vor allem im zweiten Teil (mit schmuck-, mode- und musikgeschichtlichen Hinweisen), sehr ausführlich vorgestellt wird. Das kommt formal etwa dadurch zum Ausdruck, dass immer wieder ausgewählte Quellenzitate in den Text inseriert werden. Zentrale Persönlichkeiten des Konzils (etwa Baldassare Cossa, S. 22 f., aber auch Job Vener, S. 49, 83) werden bis in Details konturiert vorgestellt, Einzelheiten (etwa das päpstliche soliculum beim Adventus des Papstes, S. 33) präzise eingeordnet, wichtige Dokumente wie etwa Haec sancta (S. 46 f.) überzeugend erklärt, auch wichtige Hintergrundaspekte wie etwa die Samaitenmission (S. 77 f.), die Rolle der „gelehrten Juristen“ (S. 83) oder der Hinweis auf „Schlittschuhknochen“ zum Eislaufen (S. 119) werden nicht übergangen. Wichtig ist auch der einleitende Hinweis auf „unterschwellige Prozesse“ (S. 38), die mit der Konstitution des Konzils in Gang kamen und es erschwerten, die Ereignisse, die eine eigene Dynamik generierten, gezielt zu steuern. Was aufgrund der Kompaktheit der Darstellung etwas ins Hintertreffen gerät, ist die in geschichtskultureller Hinsicht nicht ganz unwichtige Frage nach der Relevanz des Geschehens für unsere Zeit. Jubiläen sind zwar durchaus wichtig. Sie bieten Anlass, über weit zurückliegende historische Ereignisse aus neuen Blickwinkeln nachzudenken, aber die Frage, warum ein historisches Ereignis nach wie vor erinnert und erzählt wird, wo also seine Aktualität und Gegenwartsrelevanz liegen, sollte in einem populären Sachbuch durchaus gestellt werden. Sie ist für das Constantiense, dessen Dekrete bis heute kontrovers diskutiert werden, auch nicht allzu schwer zu beantworten. Hier hätte man sich zuweilen einen etwas weiteren Blick auf die spätere kirchengeschichtliche Entwicklung erwartet. Die moderne Forschung hat durch die Deutung der spätmittelalterlichen Konzilien als „polyvalente Phänomene“ zudem eine Schwergewichtsverlagerung vorgenommen. Diese kam bereits auf der Herbsttagung des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte im Oktober 2004 (publiziert 2007) zum Ausdruck. Die Konzilien werden nicht mehr, wie dies in der älteren Forschung teilweise der Fall war, ausschließlich kirchlich-theologisch, sondern vielmehr als „Forum, Fokus, Arena, Knotenpunkt, Katalysator, Drehscheibe, Ideenbörse, Diffusionszentrum“ (Johannes Helmrath/Heribert Müller) gesehen. Jürgen Miethke hatte schon relativ früh (1981) von „Foren der öffentlichen Meinung“ gesprochen, Thomas Rathmann (2000/2004) die „Textualität“ und „Medialität“ des Ereignisses betont. Diese Aspekte werden im vorliegenden Buch kaum, allenfalls am Rande berührt. Zum Teil hat sich auch die Sicht auf die zentralen Quellen verschoben, die teilweise neu ediert wurden. Im Falle Ulrich Richentals ist im Sinne einer material philology der Blick vom kanonisierten Text auf die disparate Überlieferung gelenkt worden. Es ist mithin relativ müßig, darüber zu diskutieren, ob König Sigmund am 24. 12. 1414 „zwo stund“ nach Mitternacht (S. 35) in Konstanz eingetroffen sei, wenn die Chronikausgabe, die die Autoren auf S. 174 als Referenzquelle zitieren, auf S. 22, Z. 2 schreibt, dies sei „zwo stund vor mittnacht“ der Fall gewesen. Hier „irrt“ (S. 35) also nicht Richental, wie die Autoren vorschnell annehmen, sondern die Überlieferung bietet keine eindeutige Antwort. Das gilt auch für die immer wieder kolportierte Zahl der Gesamtteilnehmer von „72 460“ (S. 133), die sich am Ende der New Yorker Hs. (fol. 505) von einer späteren Hand am unteren Blattrand nachgetragen findet, also nicht vom Chronisten stammt. Bei der Bildlegende auf S. 31 „Hic iacet i[n] animus [d]yabilis“ bleibt die Provenienz des Zitats unklar, der Text findet sich so jedenfalls nicht in der Konstanzer Hs. Der Ausspruch, den der Konzilspapst vor Bludenz tätigte, lautet auch nicht „Hier also fängt man Füchse“ (S. 32), sondern in derselben Handschrift fol. 9r „Also werdend die füchs gefangen“ (oder lateinisch: „Sic capiuntur vulpes“), was einen etwas anderen Sinn ergibt. Was die Interpretation der causa fidei betrifft, so ist es korrekt, wenn die Vf. betonen, dass es sich bei dem Prozess gegen Jan Hus um einen Ketzerprozess handelte (S. 68), der „nach den Gesetzen der Zeit korrekt durchgeführt“ (S. 68) wurde. Er hatte allerdings bereits lange vor Konstanz, nämlich 1409/10, eingesetzt, wurde dort also nur erneut aufgenommen und weitergeführt, nachdem Hus der Vorladung nach Rom nicht nachgekommen war. In diesem Zusammenhang wäre auch auf die Ergebnisse neuerer Untersuchungen (etwa von Karel Hruza, Jiří Kejř und Thomas A. Fudge) hinzuweisen gewesen. In summa: Mit dem vorgelegten Buch erhält der historisch interessierte Leser eine ebenso knappe wie kompakte Einführung in den Gegenstand. Das Werk schließt mit einem Anhang (S. 174–181), der „häufig verwendete Quellen“ und, kapitelweise gegliedert, wichtige Basisliteratur aufführt. Die eingestreuten Abbildungen sind allesamt der Konstanzer Hs. der Richental-Chronik entnommen. Illustrationen anderer Chronik-Überlieferungen wurden nicht berücksichtigt. Das Buch erfüllt in jedem Fall den anvisierten Zweck, eine größere interessierte Öffentlichkeit in eine komplexe Thematik einzuführen, die aufgrund ihrer theologischen bzw. kirchenhistorischen Ausrichtung für moderne Betrachter nicht in jeder Hinsicht einfach zu verstehen ist.

Thomas Martin Buck

Stefan Morent/Silke Leopold/Joachim Steinheuer (Hg.), Europäische Musikkultur im Kontext des Konstanzer Konzils, Ostfildern (Thorbecke) 2017 (Konstanzer Geschichts- und Rechtsquellen 47), 265 S., Abb., ISBN 978-3-7995-6847-0, € 45.

Zum 600-jährigen Jubiläum des Konstanzer Konzils (1414–1418) finden seit 2014 zahlreiche kulturelle, wissenschaftliche und gesellschaftliche Veranstaltungen in und um Konstanz statt (vgl. die offizielle Webseite der Konzilsstadt Konstanz unter https://www.konstanzer-konzil.de/). Das Eröffnungsjahr 2014 stand unter dem Motto „Jahr der europäischen Begegnungen“ und erinnerte an den europäischen Austausch und die Vielfalt der Gäste während des Konzils. Im Zusammenhang mit der Landesausstellung Baden-Württemberg und dem Musikfestival „Europäische Avantgarde um 1400“ organisierten Stefan Morent, Silke Leopold und Joachim Steinheuer das internationale und interdisziplinäre Symposion „Europäische Musikkultur im Kontext des Konstanzer Konzils“ im Juni 2014, dessen Vorträge nun als Publikation vorliegen. Ziel der Konferenz war es, die musikgeschichtlichen Verflechtungen und Auswirkungen rund um das Konstanzer Konzil aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten: Bislang nicht berücksichtigte Archivalien ergeben eine breitere Quellenbasis für neue Erkenntnisse, und Studien zu Interaktionen zwischen den verschiedenen europäischen Musikkulturen zeigen umfassende kulturelle Austausch- und Transferprozesse (Vorwort S. 7 f.). Diesem Anspruch wird der Sammelbd. in hohem Maße gerecht. 13 Beiträge aus internationaler historischer und musikwissenschaftlicher Perspektive zeichnen das Konstanzer Konzil als musikalisches Tableau intensiven Austauschs und wechselseitiger Befruchtung. Die historischen Beiträge Klaus Oschemas und Ansgar Frenkens kennzeichnet eine dezidiert europäische Sichtweise auf das Konzil und die drei kirchlich-religiösen Hauptprobleme, die das Konzil lösen sollte (Überwindung des Schismas, Reform der Kirche und Einheit des Glaubens). Ergänzt werden sie durch den Blick auf die bisher nur ansatzweise ausgewerteten Teilnehmerkataloge, welche zur Prosopographie der Konzilsgesellschaft beitragen und Erkenntnisse in Bezug auf deren Selbstverständnis und Universalitätsanspruch bieten (Thomas Martin Buck). Grundlagen für weiterführende Forschungen bieten die Quellenfunde Anette Löfflers und Stefan Morents: Löffler wertet die Bibliotheksverzeichnisse der Päpste Urban V. bis Benedikt XIII. aus und bietet in detaillierten Tabellen einen Überblick über den enthaltenen Anteil der liturgischen Hss. Morent skizziert den vielfältigen Klangraum Konstanz während der Konzilszeit. Mit seinem Fund von ca. 300 liturgisch-musikalischen Hss.-Fragmenten im Konstanzer Stadtarchiv lassen sich die jeweils eigenen liturgischen Traditionen der Kirchen- und Klosterlandschaft in und um Konstanz auf eine breitere Quellenbasis stellen – die detaillierte Auswertung dieser Sammlung steht noch aus. Die weiteren musikwissenschaftlichen Betrachtungen zeichnen die musikalische Epoche zu Beginn des 15. Jh. sowohl aus der Überblicksperspektive als auch mit Studien zu Einzelpersonen, einem Kompositionsstil und nationalen Traditionen nach. Mit seinem Konzept einer historischen Ästhetik der Musik, die sich mit den musikalisch-sinnlichen Erfahrungen der Vergangenheit auseinandersetzt, legt Reinhard Strohm schlüssig Kontinuitäten und Brüche der verschiedenen Musikkulturen Europas zu Beginn des 15. Jh. dar. Marc Lewons Untersuchung zum Einfluss des Konzils auf das Schaffen des deutschen Dichters und Sängers Oswald von Wolkenstein betont die Unabhängigkeit von Oswalds künstlerischer Tätigkeit jenseits von Regeln und Hierarchien, die aber dennoch wiederholt auf die Konzilsereignisse verweist. Die verschiedenen nationalen Traditionen auf der iberischen Halbinsel (Beitrag von Mariacarmen Gómez), in England (Margaret Bent), Italien (Signe Rotter-Broman, Francesco Zimei) und Frankreich (Jason Stoessel) bilden jeweils eigene Kompositionsstile und Musikkulturen aus, stehen aber aufgrund von politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Mobilität in ständigem Austausch miteinander. Deshalb plädiert Uri Smilansky in seinem Beitrag dafür, den zeitgenössisch vorherrschenden Kompositionsstil der Ars subtilior als europäisches Phänomen zu begreifen: Die Berührungspunkte zwischen den sozialen, geographischen, politischen und religiösen Bereichen sind zahlreich und mannigfaltig. Mit seiner multiperspektivischen Herangehensweise ordnet der vorliegende Bd. die musikalischen und musikgeschichtlichen Prozesse zur Zeit des Konstanzer Konzils in den Kontext der kulturellen Entwicklungen ein und bietet eine grundlegende interdisziplinäre und internationale Sicht auf dieses europäische Großereignis. Das sorgfältige Reg. erschließt den Bd. und erleichtert die Handhabung.+TABRE+Frédérique Renno

Silvio Calzolari/Nino Giordano, Antonino Pierozzi. Un santo domenicano nella Firenze del Quattrocento, Firenze (Polistampa) 2017, 108 S., Abb., ISBN 978-88-596-1728-0, € 15.

Hier schreibt jemand gegen das Vergessen an. Es geht um die „divulgazione storica“ (S. 3) einer Persönlichkeit, so Fausto Sbaffoni in seinem Vorwort, die die Geschichte Florenzʼ in der ersten Hälfte des 15. Jh. prägte: Antoninus Pierozzi, Dominikaner und Erzbischof der Arno-Stadt. Beklagt wird allgemein, dass „fama e fortuna di un personaggio storico e della sua opera“ (S. 3) nicht immer gebührend wertgeschätzt würden. Beklagt wird darüber hinaus aber sehr viel konkreter, dass die Erinnerung an Antoninus Pierozzi selbst in seiner Heimatstadt Florenz langsam, aber sicher verblasse. Untrügliches Zeichen: die jährliche Gedächtnismesse zu seinen Ehren werde von Jahr zu Jahr schlechter besucht. Es gilt nun also, diese Erinnerung wieder wachzurufen. Zweifelhaft ist, ob das vorliegende schmale Bändchen dazu wirklich geeignet ist. Nach einem kurzen Abriss über Ansiedlung und Bedeutung des Predigerordens in und für Florenz und einer Einführung in die Persönlichkeit des Antoninus folgen 18, ausgesprochen knappe, chronologisch fortschreitende Kapitel, die mitunter verdächtig nahe am hagiographischen Genre vorbeischrammen. Auch finden sich fiktive Dialoge, so z. B. zwischen Cosimo und Antoninus, in denen das Lateinische als schmückendes, jedoch nicht in allen Fällen sprachlich korrektes Beiwerk zu finden ist („Fratres nostri mediocres domo set umile habeant“ [!]). Die Dominikaner waren in Florenz seit 1221 präsent. Was bescheiden begann, entwickelte eine eigene Dynamik: Ende des 14. Jh. umfasste der Konvent Santa Maria Novella mehr als 90 Brüder, die nahezu alle den wohlhabenden Schichten der Stadt entstammten. Mit Giovanni Dominici drückte ein Vertreter der Observanz dem dominikanischen Leben in Santa Maria Novella seinen Stempel auf. Er sorgte dafür, dass in der benachbarten Diözese Fiesole ein Konvent nach seinen Reformvorstellungen errichtet werden konnte. Unter seinen Schülern ragte Antonino Pierozzi hervor, und ihn entsandte er 1406 in den neu errichteten Konvent. 1389 hatte Antoninus das Licht der Welt erblickt, unter Dominici war er in den Orden eingetreten. Seine ordensinterne Karriere gestaltete sich glanzvoll. In rascher Folge wurde er Prior der Konvente in Cortona (1418), Fiesole (1421), Neapel (1428) und Rom (1430). Ab 1432 agierte er als Generalauditor der Rota und Generalvikar aller italienischen Dominikanerobservanten. Seine Bekanntschaft mit Cosimo deʼ Medici fällt noch in die Zeit seines Fiesolaner Priorats. Mit finanzieller Unterstützung Cosimos erfolgte ab 1436 der Ausbau des zweiten dominikanischen (Reform)Konvents der Stadt, San Marco, mit dessen Ausschmückung kein Geringerer als Fraʼ Angelico (Beato Angelico) betraut wurde. 1446 erfolgte die Ernennung zum Erzbischof von Florenz. Antoninus starb im Mai 1459 und wurde wunschgemäß in San Marco bestattet. Seine persönlichen Hinterlassenschaften waren so gering, dass eine Verteilung nicht lohnte. Erste Wunder soll Antoninus noch zu Lebzeiten gewirkt haben. Leider wird zu dieser Thematik nur summarisch auf „alcuni antichi racconti“ (S. 34) verwiesen, die nicht näher charakterisiert werden. Dieses Verfahren zieht sich durch den ganzen Bd.: Die kurzen Abschnitte, die der Vita gewidmet sind, enden meist mit Auszügen aus seinen Schriften – allerdings sucht man genaue Belegstellen vergeblich. Diese Schriften wirkten in die Breite und sind weniger Ausdruck hochspekulativen Denkens als praktischen Tuns. Antoninus sieht sich selbst als Ameise, die nur das sammelt, was für ihr (Über-)Leben wirklich notwendig ist. Von all den großen Theorien der (noch größeren) Autoritäten übernimmt er in seinen Werken also nur, was ihm und seinen Zielsetzungen nützt. Sicher, kein Zweifel kann daran bestehen, dass das christliche Liebesgebot für Antoninus praktische Konsequenzen nach sich zog. Davon zeugt sein Verhalten in den Jahren 1448/49, als Florenz eine der größten Pestepidemien seiner Geschichte zu bewältigen hatte. Priester mochten fliehen – Antoninus aber blieb vor Ort und sorgte dafür, dass die Apotheken der beiden Konvente kostenlos Heilmittel zur Verfügung stellten. In einer Stadt, in der Handel und Bankwesen eine beherrschende Stellung innehatten, wirkte der Erzbischof mit seinen Klagen gegen Habsucht und Wucher als Rufer in der Wüste. In seiner „Summa moralis“ wandte er sich klar auch gegen alle versteckten Formen von Wucher. Ethische Erwägungen wollte er sehr viel stärker gewichtet wissen. Als Erzbischof zeigte sich Antoninus auch um das spirituelle Wohlergehen all derjenigen Frauen besorgt, die – egal ob als Witwen oder als Unverheiratete, oftmals aus den höchsten Gesellschaftsschichten stammend – sich für ein Leben im Kloster entschieden hatten. Ihrer Seelenführung diente ein erst jüngst wiederentdeckter Traktat („La Nave spirituale“). Gerne hätte man etwas mehr darüber erfahren, wie Antoninus den Großen seiner Zeit ins Gewissen redete. Als 1458 Enea Silvio Piccolomini den Papstthron bestieg, soll Antoninus ihn zum Kampf gegen unwürdige Priester und für einen neuen Kreuzzug aufgefordert haben. Wo und wie geschah dies genau? Der chronologische Durchlauf durch die unterschiedlichen Lebensstationen des Florentiner Oberhirten erweist sich selbst angesichts der knapp 100 Seiten, die dafür zur Verfügung stehen, als vergleichsweise oberflächlich und wird all diejenigen ratlos zurücklassen, die genaue Belegstellen für die zahlreichen, mitunter wirklich eindrucksvollen Zitate aus seinen Schriften suchen. Gut gelungen ist hingegen die Diskussion darüber, ob Antoninus als großer Vertreter der Moraltheologie den „neuen“ humanistischen Strömungen tatsächlich reserviert gegenüberstand. Dies ist so sicher nicht richtig. Seine Persönlichkeit war komplex und facettenreich. Zu ihr gehörte auch die Offenheit für neue Denkströmungen. Allerdings bleibt auch hier unklar, wie tief die „Freundschaften“ mit einigen exponierten Vertretern des Humanismus florentinischer Prägung wie Giorgio Antonio Vespucci oder Marsilio Ficino tatsächlich reichten. Oder sollten es doch nur einfache Bekanntschaften gewesen sein? Eine Auswahlbibliographie, die angesichts von nur 10 Titeln (S. 108) schmal zu nennen noch überaus wohlwollend wäre, verzichtet (mit Ausnahme eines einzigen französischen Titels) auf die Angabe nicht-italienischer Forschungsliteratur, was ausgesprochen bedauerlich, aber vor dem Hintergrund des avisierten Publikums verständlich ist. Der Ertrag des Bd. für die Wissenschaft mag darin bestehen, auf die Bedeutung einer Persönlichkeit hingewiesen zu haben, die angesichts all der glanzvollen Arbeiten der vergangenen Jahre und Jahrzehnte über den Florentiner Humanismus tatsächlich etwas ins Hintertreffen geraten ist. Antoninus Pierozzi hätte es sicherlich verdient, aus dem engen Dunstkreis von katholischer Moraltheologie und Predigtforschung herauszutreten.

Ralf Lützelschwab

Laura Esposito, I documenti dei principi di Taranto in età orsiniana conservati nell’Archivio di Stato di Napoli (1429–1463), prefazione di Andreas Kiesewetter, Napoli (Società napoletana di Storia Patria) 2016, X, 412 pp., ISBN 978-88-8044-084-0, € 20.

Il volume di Laura Esposito propone la ricostruzione dei documenti emessi dalla cancelleria di Giovanni Antonio del Balzo Orsini, principe di Taranto dal 1420 sino alla sua morte occorsa nel mese di novembre del 1463 e poi probabilmente in gran parte distrutti per ordine di re Ferrante, a seguito della scomparsa del principe rivale. Le uniche tracce consistenti di queste fonti si trovano nell’Archivio di Stato di Napoli e proprio di esse si occupa l’edizione di Esposito. Il volume contiene una serrata ma esaustiva introduzione (pp. 3–41) che spiega la sopravvivenza degli atti con il processo di incameramento nel demanio regio dei beni dei feudi orsiniani, dopo la morte di Giovanni Antonio. Come ricorda l’autrice in una breve notizia storica (pp. 6–9), gli Orsini del Balzo governarono il principato di Taranto dal 1399 (con Raimondo) sino al 1463, con un’interruzione sotto il re Ladislao di Durazzo. Al governo di Giovanni Antonio è associato quello di due donne, ovvero sua madre, la regina Maria d’Enghien (doc. nr. 6), e sua moglie, Anna Colonna, nipote di Martino V (presente nel volume con 11 documenti). Per molti aspetti, il principato visse il suo splendore proprio durante il lungo governo di Giovanni Antonio del Balzo Orsini. Tuttavia, come osserva l’autrice (p. 9), a tutt’oggi non esiste „uno studio che si sia occupato di raccogliere in maniera complessiva la documentazione prodotta da questa significativa realtà politico-istituzionale“. Il lavoro preparatorio all’edizione è consistito nel recuperare i documenti emanati da Giovanni Antonio, da sua madre e da sua moglie, scartando invece i documenti a loro indirizzati. Allo stesso modo, l’edizione non prende in considerazione gli atti orsiniani distrutti nell’incendio appiccato ai fondi dell’archivio partenopeo dall’esercito tedesco nel 1943, vista l’impossibilità di consultarne gli originali, ma riproduce questi (quattro) documenti nell’introduzione (pp. 20–23). L’edizione vera e propria ci offre 145 atti, prodotti in un arco temporale che va dal 12 agosto 1429 (doc. 1) al 16 novembre 1463 (doc. 145), ma, per lo più, dal 1440 al 1463, con particolare intensità dal 1459 in poi (ben 113 documenti). Come nota Esposito nell’introduzione del volume (pp. 23–33) e come si deduce dagli atti pubblicati, ci troviamo di fronte ad una ricchissima documentazione sul governo del principato e dei suoi satelliti. Si tratta di un’amministrazione capillare e ben organizzata, definita sul modello angioino. I quaderni dai quali provengono le fonti edite nel volume sono per lo più quelli prodotti dagli erari generali e dai tesorieri delle quattro città principali. La documentazione principesca, copiata o inserita nei registri o rintracciabile altrove, consiste principalmente in mandata, lictere, apodixe, privilegia, instrumenta e concessioni di grazia. Il territorio controllato da Giovanni Antonio sfugge al governo centrale e gli spostamenti di persone richiedono un’autorizzazione e un’agevolazione diretta del principe. Costui trattiene i proventi della tassa del focatico, benché si tratti di un’imposta regia, e se ne serve come strumento di esonero fiscale. Gli atti editi da Esposito permettono di seguire anche altre tematiche interessanti, ad esempio la navigazione e l’equipaggiamento delle navi (docc. 44, 45, 90 e altri) o il credito, argomento ben visibile nel caso della famiglia dei mercanti veronesi Dentarino (docc. 91, 96, 97, 99 e 100), passando per la concessione di grazia ai condannati, la gestione di Santa Caterina di Galatina o, infine, le vicende di Bartolomeo, unico figlio, sebbene illegittimo, di Giovanni Antonio del Balzo Orsini, sovvenzionato dal padre (docc. 41–42) e provvisto di una piccola corte (doc. 64). Il volume è dotato di tre serie di indici: onomastico, toponomastico e quello delle „cose notevoli“; che si completano, ma non si ripetono. Degna di nota anche la quantità di informazioni offerte nelle note storiche dell’edizione. La bibliografia dell’edizione consiste in circa 270 titoli ed è da considerare molto utile, nonostante qualche piccola svista. Il volume ha il merito di essere stato redatto osservando una metodologia precisa e rigorosa (si veda p. 44), il che non impedisce minimamente un’agevole lettura dell’edizione.

Kristjan Toomaspoeg

Acta Cusana. Quellen zur Lebensgeschichte des Nikolaus von Kues nach Vorarbeiten von Hermann Hallauer und Erich Meuthen hg. von Johannes Helmrath und Thomas Woelki, Bd. II, Lieferung 2: 1453 Juni 1–1454 Mai 31; Lieferung 3: 1454 Juni 1–1455 Mai 31; Lieferung 4: 1455 Juni 1–1456 Mai 31, Hamburg (Meiner) 2016; 2017; 2018, VIII S., S. 449–711; VIII S., S. 713–946; VIII S., S. 947–1262 (+ Beilagen), ISBN 978-3-7873-2769-0; 978-3-7873-2907-6; 978-3-7873-3344-8, € 198; 198; 268.

Nach dem Erscheinen der ersten Lieferung des zweiten Bd. im Jahr 2012 sind die Arbeiten an den „Acta Cusana“ in höchst beachtlicher Weise fortgeführt worden – seit 2016 sind im Zeitraum von nur zwei Jahren die hier zu besprechenden Lieferungen 2–4 erschienen. In diesen drei Bde. sind rund 1350 Quellen aufbereitet worden, was mit Blick auf den kurzen Bearbeitungszeitraum allein quantitativ ein sehr bemerkenswertes Ergebnis ist. Inhaltlich setzen die Bde. im Juni 1453 ein, also knapp über ein Jahr nach der offiziellen Inbesitznahme des Bistums Brixen durch Nikolaus von Kues zu Ostern 1452. Stand das erste Pontifikatsjahr in Brixen noch deutlich unter dem Eindruck der Legationsreise von 1451/52, so treten nun die neuen Aufgabenfelder hervor. In den aufbereiteten Dokumenten der Lieferung 2 sind dies vor allem das bisweilen spannungsreiche Verhältnis zum Landesherrn Herzog Sigismund von Österreich-Tirol, weiterhin Kues’ Bemühen um eine administrative und finanzielle Konsolidierung des Bistums, vor allem aber die Fortsetzung der Kirchenreform in der Diözese Brixen. Wichtige Hinweise auf seine Spiritualität werden im Briefwechsel mit dem Benediktinerkloster Tegernsee greifbar. In Lieferung 3 rückt der mit besonderer Schärfe geführte Streit um die Reform des Benediktinerinnenklosters Sonnenburg in den Vordergrund. Es werden aber auch Einblicke in den Hofalltag eröffnet und Korrespondenzpartner genannt, wie z. B. Enea Silvio Piccolomini, mit dem sich Kues über die Reichspolitik und die Türkenkriege austauschte. Bemerkenswert sind aber auch jene Dokumente, die den amtsmüden Kues zeigen, der in Briefen an die Abtei in Tegernsee über seine Resignation und den Rückzug in dieses Kloster nachdenkt. In Lieferung 4 wird dagegen deutlich, wie seine Reformprojekte allmählich durchgesetzt werden; von Bedeutung sind darüber hinaus die Quellen zum Verhältnis zu Papst Calixt III. und der Kurie, hier vor allem das nicht umgesetzte Projekt, Kues für die Einforderung des Kreuzzugszehnten als apostolischen Legat nach England zu senden. Damit sind nur einige wenige der Themen angedeutet, die auf das enorme Forschungspotenzial der vorliegenden Bde. verweisen und die die beiden Hg. in den jeweiligen Vorworten noch vertiefen. Das aufbereitete Quellenmaterial ist in jahrzehntelanger Archivarbeit der beiden Begründer der „Acta Cusana“, Hermann Hallauer († 2013) und Erich Meuthen († 2018), zusammengetragen und von den beiden jetzigen Hg. durch intensive weitere Recherchen vertieft und aktualisiert worden. Eigens zu erwähnen sind auch die ausführlichen Hinweise zur Textüberlieferung der einzelnen Stücke und zur Forschungsliteratur. Dass bei dieser Fortführung der Edition die editorischen Prinzipien der Vorgängerbde. beibehalten worden sind, kommt dem Werk und seiner Benutzung sehr zugute; z. B. werden die Quellen in verschiedenen Formen aufbereitet, die von knappen Inhaltsangaben bis zum Volldruck reichen. Hier obliegt es dem Ermessen der Bearbeiter, für welche Form sie sich entscheiden; eine Volledition wird jedoch immer dann angefertigt, wenn es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen Text von Nikolaus von Kues handelt. Bis zum Erscheinen des Registerbd. – angelegt ist der zweite Bd. bis zum Jahr 1458 – kann der Benutzer auf der Internetseite der Acta Cusana (https://actacusana.de/) sowohl auf ein vorläufiges Reg. zugreifen als sich auch die jeweiligen Bde. herunterladen, um darin bequem recherchieren zu können. Mit Blick auf die vorliegenden Bde., die eine wichtige Etappe des zweiten Bd. der „Acta Cusana“ sind, der die Jahre 1452 bis 1460 und damit die „Brixener Jahre“ von Nikolaus von Kues umfasst, gewinnt der zu erwartende reiche Ertrag dieses Editionsprojektes immer deutlichere Konturen. Dies liegt nicht nur in der geografischen Lage des Bistums Brixen begründet, das sich in einer Mittellage zwischen Nord- und Südeuropa befindet und damit in komplexen historischen und kulturellen Rahmenbedingungen steht, sondern vor allem in der Persönlichkeit Nikolaus von Kues‘, der zu den ganz wenigen Gestalten des 15. Jh. von reichsgeschichtlicher und auch europäischer Bedeutung zählt. Wer immer zu dieser Epoche forscht, stößt regelmäßig auf ihn und es gibt keinen anderen Bischof des Spätmittelalters, der anhand der aufbereiteten Quellen detaillierter betrachtet werden kann. Abschließend seien die berührenden Hinweise der Hg. auf die Begründer der Reihe, Hermann Hallauer und Erich Meuthen, hervorgehoben, die mit umfangreichen Vorarbeiten auch die Grundlage für die hier zu besprechenden Bde. gelegt haben. Nach dem Tod von Hermann Hallauer im Jahr 2013 hat Erich Meuthen trotz seiner schweren Krankheit die dritte Lieferung zumindest noch zur Kenntnis nehmen können. Die vierte Lieferung ist wenige Wochen vor seinem Tod erschienen. Dass dieses Werk im Sinne der Begründer fortgeführt und von den beiden Hg. in so beeindruckender und überzeugender Weise realisiert wird, kann nicht hoch genug gelobt werden.+TABRE+Jörg Voigt

Francesco Storti, I lancieri del re. Esercito e comunità cittadine nel Mezzogiorno aragonese, presentazione di Giovanni Vitolo, Battipaglia (Laveglia & Carlone) 2017 (Iter Campanum 12), 175 S., ISBN 978-88-86854-61-0, € 13.

Mit diesem in der Reihe „Iter Campanum“ erschienenen Bd. setzt Francesco Storti (Universität Neapel) seine langjährige Forschung zur Entwicklungsgeschichte der neapolitanischen Armee während der Regierungszeit König Ferdinands I. (1458–1494) fort. Gegenstand der Arbeit ist die sogenannte Lista Estense, eine Urkunde aus dem Staatsarchiv Modena (ASMo, Cancelleria Ducale, Documenti di stati e città, 85), die vom Vf. im Anhang des Buches ediert worden ist. Dabei handelt es sich aufgrund von Hinweisen, die sich aus dem Dokument selbst ergeben, um eine auf das Frühjahr 1482 datierbare Liste der namentlich genannten Ritter, die König Ferdinand seinem Verbündeten, dem Markgrafen Ercole I. d’Este von Ferrara, für dessen bevorstehenden Krieg gegen Venedig („den Krieg von Ferrara“) zur Verfügung stellte. Der neapolitanischen Terminologie gemäß wird jeder mit Speer und Schwert bewaffnete Krieger mit dem Wort „Helm“ (Elmetto) bezeichnet, was ihn zum Anführer einer aus insgesamt fünf Soldaten bestehenden militärischen Einheit (lancia quinaria) macht. In dieser Liste erscheinen 1182 Speerträger, die auf zwei Gruppen verteilt sind: die 942 „alten“ Krieger, die für König Ferdinand schon in vorangegangenen Kriegszügen gekämpft hatten, und die 240 „neuen“ Kämpfer, die für diese Gelegenheit rekrutiert wurden. Auf Basis der Angaben in der Urkunde kann der Vf. den Ursprungsort (innerhalb des Königreichs Neapel) von 417 Helmen, d. h. von 35,2 Prozent der Krieger der gesamten Armee, exakt identifizieren. Sie stammen aus 130 Ortschaften der alten neapolitanischen Provinzen, von den Abruzzen bis Kalabrien und Apulien. Das größte Kontingent mit 216 Helmen aus 28 Ortschaften stellte die Provinz Terra di Lavoro, wo sich auch die größten Städte befanden: Capua und Aversa, jede Stadt mit 25 Kriegern, und die Hauptstadt Neapel, die dem König 122 Speerträger sandte. Dagegen sind die Terra d’Otranto (mit acht Ortschaften und zwölf Helmen), die Calabria Ultra (mit sieben Ortschaften und neun Helmen) und der Contado di Molise (mit zwei Ortschaften und acht Helmen) die Provinzen, die die kleinsten Kontingente bereitstellten. Um adäquater verstehen zu können, inwiefern diese Angaben eine bestimmte Entwicklung im sozio-politischen Kontext des Königreiches widerspiegeln, vergleicht der Autor diese mit einer auf den August 1459 datierten Liste von den Kriegern, die während des neapolitanischen Erbfolgekrieges für König Ferdinand kämpften. Es handelt sich um eine für den Mailänder Gesandten Antonio da Trezzo ausgestellte Urkunde, die sich im Staatsarchiv Mailand befindet (Dispacci Sforzeschi da Napoli II, S. 339–348). Von den 1188 dort erwähnten Speerträgern sind die Namen von nur 272 Kriegern bekannt. 164 davon stammen aus dem Königreich Neapel. Da jede Einheit in dieser Liste nicht aus fünf, sondern aus drei Kriegern (lancia ternaria) besteht, beläuft sich die gesamte Zahl der Soldaten auf 3564, während in der Liste von 1482 insgesamt 5910 Männer erwähnt sind. Aufgrund dieses Vergleiches und anderer Angaben aus verschiedenen Quellen stellt der Vf. die in diesen Jahrzehnten zunehmende Stärke der staatlichen Miliz in den sogenannten „königlichen Städten“ (città demaniali) Neapels fest. Seiner Meinung nach intendierte Ferdinand I., die Aufstiegsaspirationen des städtischen Patriziats durch eine engere Verbindung zwischen den sogenannten „bewaffneten Bürgern“ (cives armigeri) und der Monarchie zu kanalisieren. Aus der Perspektive der Krone sollte so die Unterstützung der Städte als Stand gegen den aufständischen Adel gewonnen werden. Vom Standpunkt der Militärgeschichte aus gesehen handelt es sich nach der Ansicht des Autors bei diesen Maßnahmen um die ersten Schritte zur Schaffung der Grundlagen einer dauerhaft installierten staatlichen Armee.

Ernest Marcos Hierro

Stefania Buganza/Marco Rainini (a cura di), Il Convento di Santa Maria delle Grazie a Milano. Una storia dalla fondazione a metà del Cinquecento. Atti del convegno di studi, Milano, 22–24 maggio 2014, Firenze (Nerbini) 2016 (Memorie domenicane. Nuova serie 47), 767 S., Abb., ISBN 978-88-6434-121-7, € 70.

Einmal ist nicht ausschließlich von Leonardo da Vinci die Rede. 1494–1498 hatte der große Renaissancekünstler sein „Abendmahl“ für das Refektorium des Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie in Mailand geschaffen – und noch heute zählt es zu den Hauptattraktionen jedes Bildungstouristen, den es in die Hauptstadt der Lombardei verschlägt. Vorliegender Bd. beschäftigt sich mit der Geschichte des Klosters bis ins Jahr 1550. Sein Bau verdankt sich dem Mailänder Herzog Francesco I. Sforza, der große Summen zur Verfügung stellte, so dass das Kloster bereits 1469, die Kirche rund 20 Jahre später fertiggestellt werden konnte. Wenige Jahre gingen ins Land, bis der Teilabriss der neuen Kirche erfolgte, hatte der Nachfolger im Herzogsamt, Ludovico Sforza, doch beschlossen, sie zur Grablege des Sforza-Geschlechts zu erheben. Man plante größer und verpflichtete mit Bramante einen der prominentesten Baumeister der damaligen Zeit. Angesichts dieser Gemengelage erstaunt es nicht, dass von den 23 Beiträgen des vorliegenden Sammelbd. allein zwölf Fragen der Architektur und Bildenden Kunst gewidmet sind (sezione III: Architettura e arti figurative). Daneben gibt es mit Analysen zur Gründung und politisch-religiösen Einbindung des Konvents in die Geschicke der Stadt Mailand und dem Einblick in die im Kloster entstandene theologisch-literarische Produktion zwei weitere größere Themenblöcke, die kompetent abgehandelt werden (sezione I: Fondazione e istituzioni fra politica e religione; sezione II: Teologia e letteratura alle Grazie). Eines verdient gleich zu Beginn festgehalten zu werden: hier schreiben Kenner der Thematik, in deren Beiträgen das verwirklicht wird, was sich in der Einleitung als eigentliches Ziel der Aufsatzsammlung definiert findet, nämlich die Zusammenführung der umfangreichen Sekundärliteratur zur Thematik, d. h. die Darstellung des status quo, die sich freilich nicht allein an der Nennung und Einordnung des bereits Bestehenden abarbeitet, sondern gleichzeitig auf Forschungslücken hinweist und neue Forschungsperspektiven eröffnet. Gabriella Zarri skizziert in ihrem einleitenden Beitrag die Bedeutung der dominikanischen Observanz in und für Mailand und geht dabei auf die Rolle der Mailänder Herzöge bei der Propagierung dieser Reformbewegung ein (S. 23–36). Sara Fasoli führt diesen Gedanken weiter und richtet ihren Blick auf die soziale Einbindung des Konvents in die Stadtgemeinde (S. 37–57), während sich Maria Nadia Covini mit der Gründungspersönlichkeit Gaspare Vimercati und weiteren frühen Unterstützern des Klosters auseinandersetzt (S. 59–77). Der Konvent beherbergte einige Gelehrte von Rang. Zu ihnen gehörte ohne Zweifel Ambrogio Taegio (in Mailand von ca. 1474 bis ca. 1523), über den Silvia Nocentini handelt. Sie zeigt sich dabei vor allem an der Rekonstruktion des literarisch-historiographischen Schaffens interessiert, wobei nicht so sehr die Überblickswerke zur Geschichte des Dominikanerordens, sondern die Vita der Seligen Colomba da Truccazzano († 1517) im Zentrum der Betrachtungen stehen (S. 79–102). Von einiger Bedeutung ist auch Vincenzo Bandelli (1435–1507), dessen Ablehnung der Lehre von der Unbefleckten Empfängnis Mariens mit den Gegenpositionen des Franziskaners Francesco da Mozzanica verglichen werden (Edoardo Fumagalli, S. 147–170). Einblick in das franziskanische Denken gewährt der Abdruck der „Apologia Philomatris“ aus franziskanischer Feder, deren Aufgabe darin bestand, die „dritta opinione stabilire e fermare“, d. h. im Sinne der Immaculata Conceptio zu agieren. Gianni Festa weist auf die Bedeutung des Isidoro Isolani (um 1480–1523) und dessen Einsatz für die Propagierung der Verehrung des hl. Joseph in Gestalt der „Summa de donis Sancti Ioseph“ hin (S. 171–186). Diese Schrift, die auf die explodierende Josephsverehrung im Übergang vom 15. zum 16. Jh. reagierte, lieferte zwar das lang erwartete „radicamento nella tradizione scritturistica e teologica“ (S. 177) und fand einige Verbreitung, war letztendlich aber doch nicht derart meinungsbildend, dass durch sie das Verlöschen der Verehrung nur einige Jahrzehnte später hätte verhindert werden können. Isidoro Isolani ist Gegenstand eines weiteren Beitrags aus der Feder von Marco Rainini, der sich mit apokalyptischen Vorstellungen und Prophetien zu Beginn des 16. Jh. auf der Grundlage der Schriften Isolanis auseinandersetzt (S. 229–243). Gelehrte dieser Qualität müssen für ihre Arbeiten auf eine leistungsfähige Bibliothek zurückgegriffen haben. Das Wenige, was man über die bibliotheca von Santa Maria delle Grazie weiss, fasst Marco Petoletti zusammen (S. 245–256). Der Blick auf die (ungeliebte) cura monialium durch die Dominikaner (Elisabetta Canobbio, S. 103–124) und die Betreuung von Laienbruderschaften in dominikanischem Umfeld (Danilo Zardin, S. 125–143) vervollständigen das Bild. Einen hochinteressanten Einblick in die urbanen Vorstellungen der Sforza-Herzöge geben Edoardo Rosetti (S. 259–290), Richard Schofield und Jessica Gritti (S. 305–326). Selbstverständlich wird auch das kompetent gebündelt, was über den ersten Baumeister von Kirche und Konvent, Cristoforo Solari, bekannt ist (Marco Rossi S. 291–304; Charles Morschek, S. 435–444). Und auch Leonardo da Vinci hat einen diskreten Auftritt (Edoardo Villata, S. 379–394). Zur Verfügung steht nun also der erstrebte „macrotesto che non solo facesse il punto della ricerca … ma indicasse percorsi nuovi, avviasse e sperimentasse carotaggi in terreni mai finora esplorati“ (S. 15). Stadt-, Ordens- und Architekturhistoriker werden gleichermaßen mit großem Gewinn auf einen Sammelbd. zurückgreifen, dem eine breite Rezeption zu wünschen ist.

Ralf Lützelschwab

Sylvie Duval, La beata Chiara conduttrice. Le vite di Chiara Gambacorta e Maria Mancini e i testi dell’Osservanza domenicana pisana, Roma (Edizioni di Storia e Letteratura) 2016 (Temi e testi 150), VIII, 220 S., ISBN 978-88-6372-922-1, € 36.

Vorliegender Bd. enthält die kritische Edition dreier Texte aus dem Umfeld der dominikanischen Observanz in Pisa, genauer: die Viten der Chiara Gambacorta und Maria Mancini nebst dem Nekrolog des Klosters San Domenico in Pisa, in dem beide Frauen als Priorinnen lebten und wirkten. Während sich die um 1450 entstandene Vita Chiaras als „opera militante“ (S. 70) präsentiert, in dem ein Modell von Heiligkeit gemäß neuer observanter Vorstellungen propagiert wird, beschreibt die Vita Marias eine Abfolge von Wundern und Visionen, ist also typologisch genau so sehr dem Bereich der Visionsliteratur wie dem der Hagiographie zuzuordnen. Vieles erinnert an die im 14. Jh. blühende „Revelationsliteratur“ mit Birgitta von Schweden als Hauptvertreterin, und tatsächlich scheint die Vita Marias mit nur wenig konturierten „observanten“ Zügen älter als diejenige Chiaras zu sein. Skizziert also die Lebensbeschreibung der Chiara Gambacorta die Verwandlung einer entschlossenen, aber eigentlich für das Eheleben bestimmten jungen Frau in eine respektierte und verehrte Mutter-Priorin, dokumentiert die zweite Vita völlig andere Aspekte der Observanz. Bemerkenswert ist die „solitudine spirituale“ (S. 75) der Protagonistin. Visionen werden Maria ohne konkrete „Gebrauchsanweisung“ zuteil und in der Folge stets von einer anderen Person (vorzugsweise ihrem Schutzengel) erläutert. Narrative Elemente wie der unbedingte Wille zum Gehorsam, discretio oder Reserviertheit fügen sich jedoch auch hier passgenau in observante Frömmigkeitsvorstellungen ein. Die Textherstellung erwies sich in beiden Fällen als schwierig. Im Falle der Vita Chiaras (S. 33–74; Edition S. 131–173) sind keine mittelalterlichen Hss. erhalten. Alle fünf erhaltenen Textzeugen können auf die Zeit zwischen 1580–1620 datiert werden. Ohne Verfasserangabe und genaue Datierung bleibt der Text in der Tat „una materia malleabile“ (S. 42). Duval äußert sich bei der Beschreibung der erhaltenen Textzeugen ausgesprochen kompetent zur „Formbarkeit“ dieser Viten und tut gut daran, auf die Funktionalität hagiographischer Texte allgemein zu verweisen, die eben nicht nur eine Geschichte „erzählen“, sondern immer auch Mittel der Unterweisung sind, „proprio per questo caratterizzati da un’elevata plasticità“ (S. 6). Die Vita Chiaras wurde in einem wenig eleganten Italienisch verfasst, das anders als das gelehrte Toskanisch jedoch den Vorteil hatte, von den Nonnen unmittelbar verstanden zu werden. In ihnen ist denn auch der Hauptrezipientenkreis zu sehen: alle Hss. stammen aus Pisa und entstanden im Umfeld von San Domenico. Die anonym überlieferte, um 1420 verfasste Vita der Maria Mancini (S. 75–92, Edition S. 175–193) ist lediglich in der von Serafino Razzi vermittelten Druckversion von 1586 zugänglich. Razzi hatte bei der Textherstellung nach eigenen Aussagen eine lateinische Hs. vor Augen, die er auf das Ende des 14. Jh. datierte. Aus dem lateinischen Original wurde bei ihm freilich nicht nur eine italienische Übersetzung. Ganz offensichtlich griff er auch inhaltlich in den Text ein, der bereits im späten Mittelalter nur noch unvollständig überliefert war: die Kette von Visionsberichten bricht nämlich bereits mit dem Jahr 1393 ab – Maria allerdings starb erst 1429. Der dritte edierte Text, der Nekrolog von San Domenico (S. 93–117, Edition S. 195–213), ist wie die Vita der Maria Mancini ein gutes Beispiel für eine réécriture. Doch anders als bei den beiden Viten existiert hier ein Verfassername: Domenico da Peccioli, der erste Beichtvater der Nonnen von San Domenico. Der lateinische Text mit dem Gründungsbericht von San Domenico und acht kurzen Biographien von zwischen 1385 und 1403 verstorbenen Schwestern wird zu Recht als „tipico della visione ‚maschile‘ della riforma“ (S. 93) charakterisiert. Als Besonderheit findet sich in der Mitte des Nekrologs eine lange Visionserzählung, die dem ansonsten wenig spektakulären Nekrolog eine individuelle Note verleiht. Der Nekrolog, der lediglich in späteren Abschriften überliefert ist, war wohl ursprünglich nichts weiter als ein nachlässig ausgeführtes Schriftstück in schlechtem Latein auf noch schlechterem Papier, „un documento di ‚lavoro‘, un testo essenzialmente incompiuto, una specie di bozza redatta attorno al 1403“ (S. 104). Die Nekrologeinträge erfolgten eventuell deshalb auf Latein, weil zum avisierten Rezipientenkreis wohl vor allem Dominikanerbrüder gehörten, die diese Einträge zur Vorbereitung ihrer Predigten vor den Schwestern nutzten. Indizes der Personen- und Ortsnamen erleichtern die Erschließung der drei Texte, die in ihrer Gesamtheit die memoria des Klosters von San Domenico am Ende des Cinquecento widerspiegeln. Für die weitere Erschließung der Charakteristika dominikanischer Observanz liefern sie wertvolle Hinweise.+TABRE+Ralf Lützelschwab

Daniele Lombardi, Dalla dogana alla taverna. Il vino a Roma alla fine del Medioevo e gli inediti Statuta comunitatis artis tabernariorum Alme Urbis Rome (1481–1482), Roma (Roma nel Rinascimento) 2018 (RR Inedita 75, Saggi), XV, 491 S., ISBN 978 88 85913 98 1, € 45.

In seiner fragmentarischen Überlieferung mittelalterlicher Archivalien verfügt Rom doch über einen Quellenbestand, der selbst in reicheren Stadtarchiven meist fehlt: die lange Zeit wenig beachteten Zollregister. Lombardi macht sich diesen Fonds zunutze, um Weinimport und Weinkonsum im spätmittelalterlichen Rom zu untersuchen. Um die Bedeutung der Arbeit zu begreifen, muss man sich darüber klar sein, dass Wein damals einen anderen Stellenwert hatte als heute; dass er Alltagsgut war, das Getränk, sozusagen Mineralwasser, Kaffee, Bier, Limonade zusammen; ja der Marktanteil des Weines war so groß, dass er mehr aussagt als die meisten anderen gehandelten Güter. Und das in einer Stadt mit Hof: einem besonderen Hof, nicht dem Hof irgendeines Territorialfürsten, sondern des Herrschers über die Seelen der Christenheit, umgeben von seinen Kardinälen, von denen jeder wieder einen kleinen Hof bildete. So lässt sich das unterschiedliche Konsum- und Kaufverhalten einerseits des Hofes und andererseits der Stadt erkennen, die mit ihren Menschen lange Zeit so wenig das Interesse der Forschung fand. Aus perfekter Kenntnis von Archivalien und Forschungsliteratur gibt Lombardi zunächst einen Überblick über die verfügbaren Quellen: besonders die Zollregister für den Import auswärtiger Weine, aber auch die Quelle für den Import lokalen Weins, der hier stärker berücksichtigt ist als in bisherigen Arbeiten; die Besteuerung verkauften Weins zur Finanzierung der stadtrömischen Universität; die Statuten der römischen Wirtezunft, die hier zum ersten Mal publiziert werden. Dabei werden, methodisch gut reflektiert, die Eigenheiten der einzelnen Quellengattungen und ihr Bezug zu den zuständigen Behörden dargestellt, dann auch die Behörde selbst (die Camera Urbis war, nach der Vernichtung der Kommune 1398, nun ganz in der Hand der Camera Apostolica). Wir sehen den Hafen, seine Einrichtung, seine Kapazität, sein Personal, den Zolltarif der einzelnen Warenkategorien. Import- und Konsum-Mengen werden erfasst, die Herkunft und die Wege des Antransports zu Wasser und zu Lande verfolgt, die Rolle einzelner Importeure unter Heranziehung auch außerrömischer Archivalien hervorgehoben (natürlich begegnen auch viele Namen der römischen Führungsschicht, deren wirtschaftliche Grundlage ja agrarischer war als in den meisten vergleichbaren Städten), die Preise und ihre Entwicklung, und das alles mit guten Graphiken veranschaulicht. Wir sehen den Wein auf die Hafenquais oder durch die Tore kommen (doch wächst der lokale Wein teilweise auch innerhalb der Aurelianischen Mauern!) und weiter in die einzelnen Tavernen transportiert. Dann die interessanten Fragen an das Material: Was ist der Anteil des von der Kurie (zollfrei) bzw. von der Stadt importierten Weines (Graphik 6), und welche Sorten innerhalb des weiten Spektrums italienischer Weine werden in Rom bevorzugt? Lässt sich die Wirkung eines Hl. Jahres mit seinem Pilgerzustrom auf Wein-Import-Konsum beobachten? Kurz: eine ausgezeichnete Arbeit, die am Beispiel des Weins einen weiten Lebensbereich erfasst und so, über das engere Thema hinaus, in Bereiche der Bevölkerungs-, der Sozial-, der Kulturgeschichte vordringt.

Arnold Esch

Petitiones. Suppliche di bergamaschi a Innocenzo VIII 1484–1492, a cura di Ermenegildo Camozzi, Roma (Aracne) 2015 (Storia del diritto e delle istituzioni. Sezione III: Materiali 10), 178 S., ISBN 978-88-548-7825-9, € 12.

Anzuzeigen ist ein schmaler Bd. aus der Feder von Ermenegildo Camozzi, eines zuletzt im Staatssekretariat des Vatikan tätigen Geistlichen Jahrgang 1931 und seit langem ausgewiesenen Erforschers der Geschichte Bergamos, seiner Herkunftsregion und Ort erster beruflicher Tätigkeiten. Die ausführliche methodologisch-analytische Einleitung (S. 13–51) verfasste hingegen ein Archivar des Vatikanischen Geheimarchivs, Pier Paolo Piergentili, der auch einen wesentlichen Beitrag zur Edition dieses Bd. selbst geleistet hat (S. 11). Er beschäftigt sich hier neben Erläuterungen zur Quelle und zum kurialen Geschäftsgang (in großen Teilen anhand von konkreten Beispielen, darunter auch dem damaligen örtlichen Bischof, Lorenzo Gabriel), auch mit der Natur der Beziehungen zwischen dem Klerus von Bergamo und dem Papst, d. h. mit einer knappen Analyse der Supplikeninhalte, die einen „clero litigiosissimo e ostinato“ zeigen würden – ein Bild, das in der Art der Quelle selbst begründet liegt. Piergentili kennzeichnet die hier aufscheinenden Auseinandersetzungen als einen regelrechten Krieg um Pfründen („guerra dei benefici“, S. 24), bei dem alle möglichen Mittel und Strategien angewandt wurden. Der Autor bringt die Texte der Supplikeneinträge in italienischer Sprache, was bedeutet: er übersetzt die im Original der Quelle lateinischen Texte. Da auch für das „Repertorium Germanicum“ (RG) – auf das vom Autor achtungsvoll Bezug genommen wird (S. 10: „pioneristico e insuperato“) – immer wieder die Verwendung des Deutschen statt des quellengetreuen Latein angeregt wird, sei angemerkt, dass eine Übersetzung, gerade bei komplexeren Sachverhalten, immer eine Interpretation des Bearbeiters darstellt, und eine Übersetzung auch eine Identifizierung der Orte beinhalten würde, die im weit gestreckten Rahmen des RG nicht zu leisten ist. Gerade in diesem Punkt sind die Spezialkenntnisse eines regional ausgerichteten Forschers unabdingbar, wie Camozzi sie im Raume Bergamo besitzt und nutzen kann. Gleichwohl ist natürlich einzugestehen, dass die Regesten auf die von Camozzi gewählte Weise wesentlich leichter verständlich sind als die lateinischen und stark abgekürzten des RG. Es handelt sich jeweils um einen einzigen Satz, der das gesamte Regest ausmacht. Die Bestimmungen der Klauseln werden auf Latein gebracht; auch werden die Namen der die Suppliken bearbeitenden Referendare angegeben. Nur 373 Suppliken enthält der Bd., alle aus der Diözese Bergamo – damit aus einem sehr eng umgrenzten Bereich Italiens, das viele hundert Diözesen besaß, und zudem nur aus einem einzigen Pontifikat, den acht Regierungsjahren des Papstes Innozenz VIII. Mit dem Fokus auf kleinere Regionen reiht sich das Büchlein ein in den Zusammenhang ähnlich konzipierter Werke wie Michele Ansani, Gianluca Battioni, Elisabetta Canobbio-Beatrice Del Bo und Marzia De Luca (zu Mailand, 1994, 1997, 2006 und 2007) und Belloni-Nubola (zu Trient, 2006 und 2007). Erfreulich ist, dass hier nicht nur eine singuläre Quellenreihe ausgewertet wurde (vgl. S. 26 f.), die mindestens der Ergänzung durch die Bullen- und Brevenregister bedarf (denn nur anhand der Existenz einer Bulle bzw. eines Breve – außer bei sola signatura-Expedition – lässt sich nachweisen, dass genehmigte Suppliken wirklich ausgefertigt wurden): neben Einzelbde. der Armarien, Annaten und Breven sowie des Indice sind 22 Bde. Reg. Vat. und 38 Bde. Reg. Lat. berücksichtigt. Jedoch erfährt man von den korrespondierenden Bullenabschriften der Bullenregister und anderen die Suppliken ergänzenden Stücken nur aus einer separaten Auflistung im Essay Piergentilis – nicht im Repertorio selbst. Die Texte der Bullen sind auch nicht mit den Texten der Suppliken verglichen worden, was notwendig wäre, da Petenten im Laufe der Bullenausfertigung durchaus noch Abänderungen ihres Ursprungstextes vornahmen. Angeführt werden auch die Bergamasker Bullen aus verlorenen Bullenbänden, von denen keine Suppliken vorliegen (S. 28) sowie Bullen aus Bergamo, zu denen keine Suppliken überliefert sind (S. 30), – beides kommt eben vor; gerade darum ist die wechselseitige Ergänzung so nötig. Enthalten ist am Ende eine internationale Bibliographie, die auch die deutsche Kurienforschung ausführlich berücksichtigt, sowie ein an den Nachnamen orientiertes Namensregister, das nicht allein die Namen der Personen bringt, sondern bei diesen zugleich auch noch eine Kurzfassung des Supplikeninhalts. Doch handelt es sich bei den Personen leider nur um die Petenten selbst, weitere im Bd. erwähnte Personen sind hier nicht nachgewiesen. Wird diese Publikation auch ihre dankbaren Nutzer im Bereich Bergamos finden, so ist es doch bedauerlich, dass sich in Italien bisher kein ambitionierteres Erfassungsprojekt etablieren konnte, das auch überregionales Echo und Nutzung zu Fragen finden könnte, die über die Lokal- und Regionalgeschichte hinausreichen. Die Publikation ist außer als gedrucktes Buch auch als günstiger, eine Freitextsuche ermöglichender PDF-Download auf den Seiten des Verlages Aracne erhältlich.+TABRE+Sven Mahmens

Francesco Salvestrini, Il carisma della magnificenza. L’abate vallombrosano Biagio Milanesi e la tradizione benedettina nell’Italia del Rinascimento. Con l’edizione critica del „Memoriale“ dell’Abate Biagio Milanesi, Roma (Viella) 2017 (I libri di Viella 265), 761 S., Abb., ISBN 978-88-6728-901-1, € 70.

Viel wurde zuletzt zu den Observantenbewegungen des späten Mittelalters, nicht nur denjenigen mendikantischer, sondern auch benediktinischer Prägung, mit ihrem unbedingten Willen zur spirituellen Erneuerung und zur Wiedereinführung eines strengen Lebens in Gemeinschaft publiziert. Dabei traten die Vielgestaltigkeit und die Vitalität von Ordensgemeinschaften zutage, die sich nicht selbstreferentiell hinter die eigenen Klostermauern zurückzogen und einen ennui du siècle pflegten, sondern im Gegenteil den Dialog mit der Welt suchten. Im Zentrum des Interesses standen dabei bisher vor allem die „realtà comunitarie“ (S. 15), nicht so sehr einzelne, herausragende Persönlichkeiten. Dass aber viele der vorzüglich ausgebildeten Mönchsgelehrten, über die eben nicht nur die Bettelorden, sondern auch Zisterzienser, Kamaldulenser oder Vallombrosaner verfügten, Anschluss an die neu aufkommenden humanistischen Bewegungen suchten und sich geschickt im Spannungsfeld von kirchlicher Hierarchie und laikaler Gesellschaft bewegten, kann kaum erstaunen. Zu diesen Persönlichkeiten gehört auch der um 1440 geborene Vallombrosanermönch Biagio Milanesi, der ein „Memoriale“ mit stark autobiographischen Anklängen verfasste, das gleichzeitig auch als Geschichte des Ordens von 1420 bis in die 1510er Jahre hinein gelesen werden kann und in der Tat eine der wichtigsten Quellen zur Geschichte der Vallombrosaner im späten Mittelalter darstellt – ein Orden, der zu dieser Zeit „la più cospicua e incisiva presenza monastica caratterizzante la compagine urbana di Firenze“ (S. 36) präsentierte. Detailliert werden im „Memoriale“ Zerwürfnisse, Konflikte, aber auch institutionelle Wandlungsprozesse innerhalb der von Johannes Gualbertus im 11. Jh. gegründeten benediktinischen Reformbewegung bis ins Jahr 1515 beschrieben, als Biagio Milanesi nach 30 Jahren im Amt des Generalabts von Vallombrosa abgesetzt wurde. Der Text ist umso wertvoller, als er mit der Welt der Klöster einen Bereich der italienischen Renaissance beleuchtet, der bisher nur im Verborgenen strahlen konnte, gleichwohl aber für das Verständnis dessen, was sich in Florenz politisch, wirtschaftlich und kulturell ereignete, von großer Bedeutung ist. Fast ist man geneigt zu behaupten, dass sich nach der Lektüre der Schrift das sehr viel besser verstehen lässt, was als genuine Hervorbringung des Renaissancehumanismus italienischer Prägung gilt. Vorliegender Bd. ist in drei große Abschnitte untergliedert. Der erste, 14 Kapitel umfassend, widmet sich dem historisch-monastischen Kontext, der zweite liefert die kritische Edition des „Memoriale“, der dritte schließlich eine Fülle an z. T. unediertem Quellenmaterial, durch das die Schrift zusätzlich erschlossen wird. Das „Memoriale“ umfasst insgesamt drei Bücher. Das erste steht unter dem Eindruck der internen Streitigkeiten innerhalb des Ordens, die diesen an den Rand des Zusammenbruchs führten. Das zweite Buch greift weiter in die Vergangenheit zurück und schildert Kindheit, Ausbildung und Aufstieg Milanesis bis zu seiner Wahl zum Generalabt 1480. Das dritte Buch widmet sich schließlich der vom Abt massiv forcierten Entstehung der Kongregation von Santa Maria di Vallombrosa (1485). Das „Memoriale“ ist in sechs Hss. überliefert. Grundlage der vorliegenden Edition bildet die im Staatsarchiv von Florenz befindliche Handschrift ASFi, Corporazioni religiose soppresse dal Governo Francese, 260, 260, bei der es sich eventuell sogar um das Autograph handeln könnte. Bisher war der Text nur in wenigen Auszügen bekannt. Die Edition verfügt über lediglich einen Apparat, den apparatus criticus. Endnoten im Anschluss an jedes der drei Bücher tragen wesentlich zum besseren Verständnis und zur historischen Einordnung des Textes bei, der sich als fortlaufender Block präsentiert, in dem auf eine Unterteilung in Kapitel oder gar Unterkapitel verzichtet wurde. Das originale Inhaltsverzeichnis (indice) am Ende von Buch III (S. 514 f.) vermittelt immerhin einen Eindruck von der Spannbreite der behandelten Themen. Eine umfangreiche Bibliographie (S. 619–730), die keine Wünsche offen lässt, bestätigt den positiven Eindruck, den die Lektüre sowohl der Untersuchung als auch des Editionstextes hinterlässt. Leider beziehen sich die Orts- und Namensindizes allein auf die Untersuchung selbst und die Endnoten der Edition, nicht aber auf die Inhalte des „Memoriale“. Über diese Form einer zusätzlichen Tiefenerschließung hätte sich zumindest der Rezensent gefreut. Tatsächlich stellt der Bd. die angekündigten „nuove chiavi di lettura“ (S. 17) für einen Zeitraum zur Verfügung, in dem die Bedeutung des monastischen Elements bisher eher verhalten diskutiert wurde. Trotz seines kontemplativen Hintergrunds zeigt sich Biagio Milanesi als Mann, dessen Ideen und Ambitionen, dessen in sich stimmige Strategien dem nahestanden, was von den Mächtigen, egal ob in weltlichem oder kirchlichem Kontext, gepflegt wurde: Biagio zeigt sich damit als Mann der Renaissance, als Machtmensch, der die Fragen der Zeit mit großer Offenheit reflektierte, gleichzeitig aber der benediktinischen Kultur verbunden blieb. Der Autor sieht darin ein „carisma della magnificenza“ am Werk, eine Art, Regierungsverantwortung als Ausfluss bewährter Traditionen monastischer Kongregationen zu begreifen, sich dabei aber modernster, in den Kanzleien der kirchlichen und weltlichen Großen entwickelter und gepflegter sprachlich-inhaltlicher Ausdrucksformen zu bedienen. Ein großer Wurf.+TABRE+Ralf Lützelschwab

Alexis Gauvain (a cura di), Memorie di Ansuino De Blasiis sacerdote e notaio a Roma (1468–1502), Roma (Roma nel Rinascimento) 2017 (RR inedita 71), 465 S., ISBN 978-88-85913-96-7, € 45.

Alexis Gauvain hat schon in einer Monographie (s. Besprechung in: QFIAB 95 [2015], S. 660 f.) die Rechnungsführung des römischen Geistlichen Ansuino aus den Jahren 1468 bis 1502 ausgewertet. Nun legt er ihre Edition vor, die es jedem erlaubt, mit eigenen Anliegen dieses Material zu durchforsten. Gewiss wird auch weiterhin das Geschäftsgebaren des aus Anticoli Corrado im Hinterland Roms stammenden Klerikers im Mittelpunkt des Interesses stehen. Man kann genau studieren, wie er mit allen ihm zur Verfügung stehenden juristischen Mitteln gegen Zahlungssäumige vorging, wobei er nicht davor zurückschreckte, als Druckmittel den Kirchenbann – wenn nötig, auch wiederholt gegen dieselbe Person – einzusetzen. Diese Gerichtshändel hatten allerdings auch einen Preis, mussten doch Notare und Büttel für die Erstellung von Eingaben, Kopien und Mandate sowie deren Zustellung bezahlt werden. Man erhält Einblicke in den Wohnungs- und Arbeitsmarkt im Rom der Renaissance auf der Ebene der Durchgangsreisenden, Untermieter und Studentenbuden, der Wäscherinnen, der Kleinhändler und Handlanger. Mit den vielen in diesen Sparten tätigen Auswärtigen und Ausländern entsteht ein Bild des kosmopolitischen Roms um 1500 von „unten“. Der aufmerksame Leser wird viele Hinweise zu Preisentwicklung und zum Münzwesen (hilfreich sind die „note metrologiche“, S. 423–429), zum (Kunst-)Handwerk, zu hygienischen Verhältnissen, zur Namenskunde und Topographie, zur Sprachentwicklung und sogar zum römischen Büchermarkt finden. Man erfährt auch viel zu den Baustellen und zum dazugehörenden Materialeinsatz, den Ansuino beispielsweise bei seinen Mietshäusern und seiner stets restaurierungsbedürftigen Pfarrkirche San Cosma della Pigna zu gewärtigen hatte. Wenn man sich bei der Fülle von Begriffen des Alltags vielleicht hier und da eine Übersetzungshilfe in Form eines kommentierten Wortverzeichnisses wünscht, so schmälert diese Anregung in keiner Weise den Wert der sorgfältigen Edition.+TABRE+Andreas Rehberg

Die Inschriften der Stadt Lüneburg, Teil 1: Einleitung, Anhänge, Register, Quellen und Literatur, Abbildungen, Teil 2: Die Inschriften, gesammelt und bearbeitet von Sabine Wehking (unter Verwendung der Materialien von Eckhard Michael), Wiesbaden (Reichert) 2017 (Die deutschen Inschriften 100. Die deutschen Inschriften. Göttinger Reihe 19), 1072 S., Abb., ISBN 978-3-95490-231-6, € 99.

Die Reihe „Die deutschen Inschriften“ ist ein zentrales Langzeitprojekt der Grundlagenforschung, das – getragen von mehreren Akademien der Wissenschaften – die überlieferten Inschriften spezifischer Bauwerke, Städte oder Landkreise in Deutschland, Österreich und Südtirol aufarbeitet und ediert. Der Bearbeitungszeitraum reicht bis zum Jahr 1650 und macht diese Reihe sowohl für die Mediävistik als auch die Frühneuzeitforschung zu einer wertvollen Quellenpublikation. Im 100. Bd. werden die Inschriften der Stadt Lüneburg aufgearbeitet, die im Spätmittelalter neben Lübeck und Hamburg zu den wichtigsten Städten Norddeutschlands zählte. Der Reichtum dieser Hansestadt und seiner Bürger, der im Mittelalter vor allem auf dem Handel mit Salz gründete, hat in Lüneburg zu umfangreichen Bautätigkeiten geführt. Die bereits durch frühere Inschriften-Bde. bestens ausgewiesene Bearbeiterin Sabine Wehking hat diesen Bd. in mehrjähriger Forschungsarbeit und unter Einbeziehung einer sehr breiten Quellengrundlage erarbeitet. Dabei stützt sie sich zum einen auf ältere Vorarbeiten, wie z. B. von Jakob Rikemann († 1626) und Eckhard Michael († 2011), vor allem auf die Original-Inschriften selbst, aber auch die kopiale Überlieferung in verschiedenen Archiven und Bibliotheken Niedersachsens. So konnten insgesamt 1012 Inschriften zusammengetragen werden, die im bewährten Stil dieser Reihe kritisch ediert und kontextualisiert werden. Der erste der beiden vorliegenden Bde. ist eine inhaltsreiche Einführung des Themas, in der Aspekte, wie die Quellenüberlieferung, die verschiedenen Arten der Inschriften, die Wiedergabe stadtgeschichtlich relevanter Ereignisse in Inschriften, die Sprache der Inschriften, die Ausstattung der Bauwerke untersucht werden. Ebenfalls enthalten ist ein detailliertes Reg. mit 19 Unterregistern, durch die die Inschriften sehr gut erschlossen werden. Weiterhin ist ein Bildteil mit insgesamt 533 Abb. enthalten, der die baulichen und gegenständlichen Inschriftenträger veranschaulicht. Aus den über eintausend edierten Inschriften kann hier nur eine kleine Auswahl herausgenommen werden, und zwar jene Inschriften zu Personen, die mit Italien und mit Rom in Verbindung zu bringen sind. Dazu zählt z. B. die nicht mehr erhaltene Grabplatte des Nikolaus Stoketo († 1485), der zunächst eine geistliche Karriere verfolgte und 1453 im Auftrag des Lüneburger Rates nach Rom reiste, der dann in den weltlichen Stand übertrat, heiratete und 1469 das Amt des Bürgermeisters bekleidete (Teil 2: S. 337 f.). Ebenfalls zu nennen sind einzelne Ratsmitglieder wie z. B. Johannes Garlop (Teil 2: S. 322 f.) und Hartwig Schomaker (Teil 2: S. 393 f.), die sich im Zuge des sogenannten Lüneburger Prälatenkrieges, eines Mitte des 15. Jh. über mehrere Jahre bestehenden Konfliktes zwischen Rat und Klerus um die Einnahmen der Sülzpfannen, auch an die Kurie in Rom wandten. Dieser Aspekt, also die Einbeziehung der Kurie durch hochrangige städtische Amtsträger wird im vorliegenden Bd. leider übersehen. Hier hätte eine Konsultation der verschiedenen Bde. des „Repertorium Germanicum“ (RG) und des „Repertorium Poenitentiariae Germanicum“ (RPG) die Quellengrundlage noch erweitern können. So wird der bereits erwähnte Nikolaus Stoketo in der kurialen Überlieferung an drei Stellen – einmal zusammen mit seiner Frau – genannt (RG VI, Nr. 4665; RG VII, Nr. 2023; RPG III, Nr. 921). Johannes Garlop und Hartwig Schomaker sind ebenfalls im RG und RPG erwähnt wie auch weitere prominente Lüneburger Bürger, wie beispielsweise Johannes Springintgut (Teil 2: S. 314–316). Hier wäre die kuriale Überlieferung, die durch das RG und RPG erschlossen und online zugänglich ist, miteinzubeziehen. Trotz dieser Einzelkritik kann die Bedeutung dieses Bd. nicht hoch genug eingeschätzt werden, denn hier wird eine sehr wichtige, für die Forschung ohne diese Vorarbeiten jedoch kaum greifbare Quellengattung erschlossen. Mit Blick auf die Datenbank, die im Internet barrierefrei zugänglich ist (www.inschriften.net), zeigt sich bei den verschiedenen Recherchemöglichkeiten das gesamte Auswertungspotential der bisher zusammengeführten Inschriften. Mit Blick in die mittelfristige Zukunft ist die Vernetzung dieser Datenbank mit den verschiedenen weiteren Datenbanken der Grundlagenforschung anzustreben.+TABRE+Jörg Voigt

Winfried Wilhelmy (Hg.), Schrei nach Gerechtigkeit. Leben am Mittelrhein am Vorabend der Reformation, Regensburg (Schnell & Steiner) 2015 (Publikationen des Bischöflichen Dom- und Diözesanmuseums Mainz 6), 487 S., Abb., ISBN 978-3-7954-2965-2.

Die Mainzer Ausstellung „Schrei nach Gerechtigkeit“ will die vielen Facetten des sozialen und kulturellen Lebens am Vorabend der Reformation in der von Bingen bzw. Rüdesheim bis Koblenz reichenden Gegend des Mittelrheins darlegen, wobei neben dem Rheingau auch die Städte Mainz, Frankfurt und Worms erfasst werden. Der visuelle Aufhänger des Katalogs ist die bekannte, vom Flachschnitzer Erhart Falckener geschaffene Gerechtigkeitsspirale vom Gestühl der Kiedricher Pfarrkirche (1510) mit seiner eindringlichen Inschrift „Die Gerechtigkeit lit in grosser Not / die Wahrheit ist geschlagen dot …“ (S. 3, 23, 62 f., 125, 252, vgl. 368–371). Das Layout des Katalogs ist gewöhnungsbedürftig, da die Abb. oft über viele Seiten von den Beschreibungen getrennt sind, was zum steten Blättern zwingt. Unschön ist auch die mitunter stark reduzierte Wiedergabe der Exponate (Beispiele: S. 137 Abb. 1, S. 202 Nr. 33, S. 221 Abb. 47, 48, S. 234 Abb. 59.1 usw.). Die Aufsätze sind zusammen mit den Ausstellungsstücken in vier Sektionen geteilt: I. Herrschaft am Mittelrhein, II. Schrei nach Gerechtigkeit, III. Wirtschaft und Kunst, IV. „Bedenck das End“ (zur Rolle Mainz’ und seines Erzbischofs Albrecht von Brandenburg am Beginn der Reformation). Nur einige Schwerpunkte des materialreichen Katalogs können an dieser Stelle näher beleuchtet werden. Nach einer Einführung in die komplexen politisch-territorialen Gegebenheiten des behandelten Mittelrhein-Gebiets von der Mainzer Stiftsfehde 1462 bis zum Bauernkrieg 1525, werden einzelne führende Persönlichkeiten vorgestellt, wobei zunächst die wichtigste Territorialmacht – das Erzbistum Mainz – im Vordergrund steht. So findet sich der Mainzer Erzbischof Berthold von Henneberg (Erzbischof 1484–1504) neben dem Vizedom Friedrich von Stockheim (1462–1528). Danach folgt der Bischof von Worms Johann von Dalberg (1455–1503), der ein konfliktreiches Verhältnis zu den Bürgern seiner Bischofsstadt hatte. Zwei Beiträge sind den Verhältnissen in der Reichsstadt Frankfurt gewidmet, wobei exemplarisch die Karriere des Frankfurter Juristen Ludwig von Marburg zum Paradies (um 1430–1502) vertieft wird. Sie zeigen, dass die städtische Obrigkeit den Klerus gerne gefügsam machen wollte, was nahtlos bei erstbester Gelegenheit mit der Reformation umgesetzt wurde. In der kultur- und sozialgeschichtlich angelegten Hauptsektion zu den Gerechtigkeitsforderungen werden zunächst die immer stärker nachgefragten Rechtsstudien sowie die Rolle der Theologen thematisiert. Unter den letzteren glänzten der Mainzer Domprediger Gabriel Biel (ca. 1410–1495) (er äußerte sich zum Münzwesen; mit seinem Rechtfertigungsverständnis sollte sich noch Martin Luther auseinandersetzen) und der u. a. wegen seiner Kritik am Fastengebot und Ablass als Häretiker zur Klosterhaft verurteilte Mainzer Dompfarrer Johann Rucherat von Wesel (ca. 1420–ca. 1480). Der Frankfurter Pfarrer Johannes Lupi († 1468) ist als Stifter eines didaktischen Zehngebote-Steins und Verfasser eines Beichtbüchleins hervorgetreten. Auf die Großzügigkeit des Mainzer Domherrn Johann von Hattstein (1455–1518) gehen schließlich die Domorgel und eine an Michelangelo ausgerichtete Pietà zurück. Der zweite Laie (nach Ludwig zum Paradies), dem ein eigenes Kapitel gewidmet wird, ist der Frankfurter Ratsherr Jakob Heller (um 1460–1522), der aufgrund seiner Kunstaufträge an Albrecht Dürer Eingang in die Kunstgeschichtsschreibung gefunden hat. Mag damit die Auswahl der Biogramme noch ein weitgehend vom (hohen) Klerus bestimmtes Bild suggerieren, so machen doch die breiter gefassten Aufsätze klar, dass längst Bewegung in die auf den ersten Blick so starren Herrschaftsstrukturen der Region gekommen war. Allenthalben verlangten Bürger und Bauern nach mehr politischer Mitsprache und Reduzierung der Steuern. Besonders unbeliebt war der Kirchenzehnt, gegen den der genannte Domprediger Johann Rucherat wetterte (S. 62). In Worms sah sich der Klerus 1499 zu einem zehn Jahre dauernden Auszug aus der Stadt genötigt (S. 72). Großen Raum nimmt die Darstellung der Schulen (zumal der Mainzer Universität, S. 157–160), der Alphabetisierung sowie des Humanismus ein. Beispielhaft für letztere Strömung sei auf Dietrich Gresemund den Jüngeren verwiesen, der 1501 ein zweites Mal nach Italien reiste und sich in Rom archäologischen Studien widmete, zwei bissige Epigramme gegen Alexander VI. und die kirchlichen Missstände schrieb (S. 172), aber nichtsdestotrotz kirchliche Pfründen übernahm. Laie dagegen war der „vergessene Student“ Peter Kern († 1514) aus Lorch im Rheingau, der, jung verstorben, ein Epitaph erhielt, das – in Kapitalis ausgeführt – an das Vorbild der 1488 hergestellten Grabplatte für den Humanisten-Kardinal Nikolaus von Kues in Bernkastel-Kues erinnert (S. 162–165). Es sind diese vielfältigen kulturellen und religiösen Bezüge und Netzwerke, die diesen Katalog zu einer Fundgrube machen! Bekannter dagegen ist das Werk des Bernhard von Breidenbach (um 1440–1497), der hier als Medienstratege in eigener Sache vorgestellt wird, hatte er doch mit seiner reich bebilderten „Peregrinatio in Terram Sanctam“ neue Maßstäbe für den Buchdruck gesetzt (S. 183–185). Als Nachweis dafür, dass auch – allerdings oft noch privilegierte – Frauen am Bildungsaufschwung teilhatten, sei auf das Beispiel der Gräfin Margarethe von Rodemachern (1426–1490) und ihre Gebets- und Andachtsbücher hingewiesen (S. 248 f., S. 296–299). Das Kunsthandwerk florierte allenthalben. Unter den Exponaten sind – in einer subjektiven Auswahl des Rezensenten – eine Ablassurkunde der Mainzer Sebastiansbruderschaft, die 1484 von mehreren Kardinälen ausgestellt und 1484/85 in Mainz bemalt worden war (S. 226 f., S. 216), und eine Paxtafel von 1503 hervorzuheben. Mit dem Küssen der Paxtafel war ein Ablass von 40 Tagen verbunden, den der Kardinal Peraudi wohl 1503 auf seiner Reise durch Deutschland gewährt hatte (S. 452–454). Aber die prächtigen Artefakte täuschen darüber hinweg, dass die Umbrüche der Bauernaufstände und der Religionskriege unaufhaltsam nahten. Der Bd. endet in der ambivalenten Figur des Erzbischofs und Kardinals Albrecht von Brandenburg (Erzbischof 1514–1545). Man bedenke nur, dass bis 1520 in seinem Beraterkreis noch ein Förderer der Reformation wie Ulrich von Hutten Zuflucht und Unterstützung erhalten konnte (S. 408 f.). Erst 1523 verstand sich der Kirchenfürst zu einer härteren Politik, was zu einem Exodus der Köpfe der evangelischen Bewegung aus Mainz führte (S. 413).

Andreas Rehberg

Thomas Brix, Ein unbekanntes Rechtsgutachten von Felinus Sandeus über die Auslegung des Testaments des Juristen Johannes de Lignano (Biblioteca Apostolica Vaticana, MS Vat. lat. 14094, fol. 88r–95v), Berlin (Duncker & Humblot) 2016 (Schriften zur Rechtsgeschichte 173), 255 S., ISBN 978-3-428-14805-9, € 74,90.

Am 27. März 1376 errichtete der berühmte und wohlsituierte Bologneser Jurist Johannes de Lignano (ca. 1320–1383) ein Testament, über dessen Auslegung unter seinen Urenkeln ein Rechtsstreit (mit unbekanntem Ausgang) entbrannte. Dieser Fall war – zunächst vor einem Gericht in Bologna, dann vor der Sacra Rota Romana – von 1485 bis in die 1520er Jahre anhängig. Inhaltlicher Ausgangspunkt war die Testamentsbestimmung, dass immer nur legitime Söhne erbberechtigt sein sollten, und dass beim Fehlen legitimer männlicher Nachkommenschaft der Nachlass des Johannes de Lignano zur Errichtung eines Kollegs für mindestens zwölf arme Studenten verwendet werden sollte. Beklagte waren zwei Urenkelinnen, die das Erbe ihres Vaters angetreten hatten, Kläger einer ihrer Vettern. Über die Frage, ob der Testator generell weibliche Nachkommen von der Erbfolge hatte ausschließen wollen, wurden mehrere Rechtsgutachten (Consilia) verfasst, von denen vier im 16. Jh. gedruckt wurden (vgl. S. 253). Vierzehn weitere in einer Hs. der Vatikanischen Bibliothek (Vat. lat. 14094) überlieferte Gutachten entdeckte Gero Dolezalek. Sein Schüler Thomas Brix wählte eines davon zum Ausgangspunkt seiner preisgekrönten juristischen Diss. (Leipzig 2014), nämlich – „als geradezu idealtypisch für Consilia dieser Zeit“ (S. 14) – das Gutachten des bekannten Rechtsprofessors und Rota-Auditors Felinus Sandeus (1444–1503). Bereits der Umfang der „Einführung“ (S. 13–113) und der dazugehörigen Fußnoten zeigen, wie breit und intensiv der Vf. sich in unterschiedlichste Materien eingearbeitet hat. Papsturkunden-Spezialist/-innen werden allenfalls über das vereinzelte „Motuproprium“ – statt: motu proprio – stolpern. Brix hat biographische Daten zu allen beteiligten Gutachtern und Advokaten zusammengetragen. Aufgrund ihrer Lebensdaten datiert er die meisten Gutachten auf 1485, die übrigen um 1520 (vgl. S. 98 f.). Die „Edition“ (S. 114–221) bietet sowohl eine Transkription als auch eine Paraphrase, d. h. eine Übersetzung mit inhaltlichen Erläuterungen, die zum Verständnis des Rechtsgutachtens zumindest für Nichtjuristinnen und -juristen unabdingbar sind. Der „Anhang“ enthält eine gleichfalls hilfreiche Stammtafel der Familie de Lignano (S. 222), das Testament des Johannes de Lignano (S. 222–228), wiederum mit Paraphrase (S. 228–235), das Literaturverzeichnis (S. 236–252, ohne Siglenverzeichnis; S. 253: gedruckte Quellen) sowie ein – sehr rudimentäres – „Sach- und Personenverzeichnis“ (S. 254 f.). Für Historiker/-innen ohne juristische Fachausbildung, die sich über Consilia informieren wollen, ist dieser Bd. sehr gut als Einführung geeignet. Das gewählte Beispiel und die Form der Präsentation ermöglichen es, dem Gutachter quasi über die Schulter zu schauen, einen Blick in seine juristischen Nachschlagewerke zu werfen und sowohl seine Argumentation als auch die seiner Gewährsleute nachzuvollziehen.+TABRE+Christiane Schuchard

I manoscritti greci di Perugia. Biblioteca Comunale Augusta e Biblioteca dell’Archivio del monastero di San Pietro, catalogo a cura di Isabella Proietti, Spoleto (Fondazione Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo) 2016 (Quaderni del Centro per il collegamento degli studi medievali e umanistici in Umbria 56), XV, 251 pp., ill., ISBN 978-88-6809-104-0, € 42.

I 39 manoscritti catalogati e ampiamente descritti in questo volume sono conservati per lo più nella Biblioteca Comunale Augusta, eccetto uno appartenente alla Biblioteca dell’Archivio del monastero di San Pietro. Una corposa e scrupolosa introduzione ricostruisce la storia della raccolta libraria, legata in gran parte alla figura dell’umanista Francesco Maturanzio, amante del greco, possessore di numerosi manoscritti greci qui presentati in forma più ampia e documentata rispetto a quanto già apparso nella bibliografia precedente, grazie al ritrovamento dell’inventario post mortem dei libri dell’intellettuale conservato all’Archivio di Stato della città. Dalla descrizione si delinea un umanesimo italiano, perugino in particolare, legato al mondo bizantino rappresentato da alcuni copisti, già noti, quali Michele Apostolio, Giorgio Gregoropulo, Giorgio Trivizia, Giovanni Roso, Costantino Lascaris ad esempio, i cui prodotti grafici sono giunti a Perugia grazie alle iniziative di alcuni intellettuali. Emerge dalla raccolta soprattutto la figura di Maturanzio (1443–1518), interessato nel suo itinerario formativo e culturale alla conoscenza del greco, che perfeziona con un viaggio in Grecia (1472–1473), e al commercio librario tra Occidente e Oriente con punte a Creta e a Venezia. Numerosi i manoscritti ora riconducibili a lui, nonostante non li abbia contrassegnati con note di possesso, ma a lui attribuibili sulla scia della ricerca intrapresa per la parte latina da Alessandro Perosa (1977) e per quella greca da Philippe Hoffmann. Con l’analisi del manoscritto Perus. I 102, una silloge ausoniana con l’epistola metrica greco-latina nr. XII, vergata da Maturanzio, i cui inserti greci sono scritti con lo stesso inchiostro e in continuità con il testo latino offrirono un importante elemento di paragone per recuperare quanto Maturanzio donò al monastero benedettino di S. Pietro di Perugia, un notevole polo culturale fino alla dispersione causata dalle soppressioni delle corporazioni religiose del 1797 e del 1810. Queste acquisizioni, unite ad alcune note nella forma „ex testamento Francisci Maturantii“, permettono di chiarire le attribuzioni fino ad ora basate su indizi, di spiegare il significato di un verso presente su molti manoscritti greci, quale l’incipit del Salmo 50 Miserere mei deus o un verso del Te Deum. Di grande aiuto risulta l’inventario post mortem, qui trascritto alle pp. 21–34 con le relative proposte di identificazione, e fornisce ulteriori dati su un altro momento importante per la storia dei codici greci perugini, quello che vede quali attori Prospero Podiani (1535–1615), fondatore della Biblioteca Augusta, bibliofilo e collezionista, e il canonico lateranense Basilio Zanchi, dalla cui biblioteca arrivarono al Podiani, per acquisto verosimilmente attraverso il mercato antiquario, sei manoscritti greci, ora a Perugia, e tre oggi conservati nella Biblioteca Vaticana. I codici greci conservati nel fondo perugino sono per lo più poco appariscenti quanto a decorazione, destinati allo studio personale o all’insegnamento, sia che si tratti di strumenti lessicali e grammaticali, come l’E 43, „Etymologicum Gudianum“, acquistato da Maturanzio a Creta, il G 80 con la „Schedografia“ di Moscopulo postillato dal perugino, il G 83, un lessico greco, l’I 108 con l’„Onomasticon“ di Polluce insieme a trattati di metrica e a testi di Senofonte, appartenuto al Podiani, o l’I 31, palinsesto, con gli „Erotemata“ di Manuele Moscopulo scritti da Giorgio Baioforo e il „Fons scientiae“ di Giovanni Damasceno nella scriptio inferior (sec. IX–X), oppure di testimoni di scritti di autori classici, quali il G 84 con Euripide comperato dal Podiani a Roma dai libri di Zanchi, l’Aristofane H 56 del Podiani et amicorum, il bibliofilo che inserì nel miscellaneo H 57 un elenco autografo di suoi libri. Pure rilevante è il panorama grafico rappresentato da questi manoscritti, grafie individuali caratterizzate da tratti personali, proprie di scribi e di ambienti a cui soprattutto Maturanzio si era rivolto: un cantiere che, accanto a scritture di copisti noti, ne presenta altre anonime sulle quali i paleografi potranno ampiamente operare. L’autore ha già appuntato la sua attenzione su quella dell’umanista più rappresentativo di questa raccolta, Maturanzio, con un contributo dedicato proprio alla sua grafia greca: Per uno studio della grafia greca di Francesco Maturanzio (1443–1518), in: Segno e Testo 14 (2016), pp. 603–617 e tavv. 10. Il volume risulta quindi uno strumento utilissimo per procedere a nuove ricerche su testimoni da valorizzare non solo sul piano grafico e codicologico ma pure su quello testuale.+TABRE+Mariarosa Cortesi

Michele Ciliberto, Il nuovo Umanesimo, Roma-Bari (Laterza) 2017 (Anticorpi 52), XIII, 201 pp., ISBN 978-88-581-2738-4, € 18.

Il volume nasce dalla persuasione dell’autore che „la lezione dell’Umanesimo sia oggi particolarmente attuale, e questo per un preciso motivo: alla radice, esso è sempre stato una interrogazione sulla condizione dell’uomo, sul suo destino, ed è diventato attuale ogni volta che si è riaperto questo problema, specie in tempi di crisi e di trasformazione come quelli che anche a noi sono toccati in sorte“. Nuovo è così il modo con cui egli propone l’immagine dell’Umanesimo e del Rinascimento rileggendo testi, attentamente selezionati, degli intellettuali del tempo, cercando di liberarli dall’atmosfera mitica in cui la storiografia li ha collocati. Per questo i temi toccati nella prima parte del volume, quali ad esempio la visione dell’uomo come ludus deorum, il rapporto tra virtù e fortuna, la concezione del mondo come teatro, la ricerca di un nuovo significato dell’uomo nell’universo infinito, sono efficacemente accompagnati nella seconda da una appropriata e ricca antologia di testi corrispondenti ai nove temi-base della riflessione. A rappresentare la condizione umana entrano in campo Machiavelli e Guicciardini in polemica con le concezioni espresse da Giannozzo Manetti e da Giovanni Pico della Mirandola di un uomo faber fortunae suae, una visione antropocentrica già messa in discussione da Leon Battista Alberti nelle sue rappresentazioni della debolezza umana. Al centro dell’analisi del vivere c’è quell’Alberti, che Eugenio Garin ci aveva guidato a comprendere e su cui l’autore, suo allievo, insiste a ragione, mettendo in evidenza la chiave di lettura del „Momus“, quale critica radicale del potere, cui viene accostata l’altra bellissima intercenale „Defunctus“, nella quale il morto si rende conto di ciò che realmente avviene in casa sua, luogo di finzione e menzogna. Una riflessione sul rapporto tra essere e apparire, simulazione e maschera, destinate a cadere al momento della morte. Di fronte all’impossibilità di una renovatio mundi all’uomo rimane, secondo Machiavelli, la sola possibilità di rifarsi agli antichi, non così per Guicciardini che ritiene unica risorsa l’arte della dissimulazione da giocarsi nel „teatro“ della vita. D’altro lato Tommaso Campanella ritiene possibile l’uscita dallo stato di decadenza e Giordano Bruno vede nella giustizia „il terreno su cui si gioca la battaglia cruciale fra decadenza e renovatio“ (p. 36). Ma quale umanesimo oggi, si chiede l’autore, che coglie nella „Oratio de hominis dignitate“ di Pico il valore della tolleranza riconoscendo in ogni ricerca autentica un riflesso di verità, esempio illuminante „in un mondo che si divide in forme sempre più feroci, nel quale le differenze di religione o di razza generano conflitti sanguinosi“ (pp. 63–64). Attraverso le pagine di grandi pensatori dell’Umanesimo-Rinascimento, come quelle di Alberti, di Erasmo convinto che l’uomo possa determinare il proprio agire e che la misericordia di Dio sia infinita, contrapposte a quelle di Lutero, nelle quali il volere umano è dipendente ora da Dio ora dal diavolo, di Marsilio Ficino per cui il furor amoris rende l’uomo quasi deus, di Giordano Bruno che descrive l’uomo confinato per quanto riguarda la conoscenza nella sua „umbratilità“, si coglie la loro capacità di non cedere di fronte alla realtà, di proporre nuovi orizzonti politici, religiosi, artistici, entrando pure nel mondo dell’utopia. Su questo l’autore ci invita a riflettere con un convincente e attraente percorso.+TABRE+Mariarosa Cortesi

Peter Burke, Hybrid Renaissance. Culture, language, architecture, Budapest-New York (Central European University Press) 2016, XI, 271 S., ISBN 978-963-386-087-8, € 20,49.

Der schmale Bd. stellt eine überarbeitete Verschriftlichung von Vorlesungen dar, die der renommierte britische Kulturhistoriker und Renaissancespezialist Peter Burke im Rahmen der Natalie Zemon Davis Annual Lecture im Jahr 2013 an der Central European University in Budapest gehalten hat. Burke untersucht darin die Renaissance in Italien, Europa und weltweit (hier mit speziellem Blick auf der islamischen und der Neuen Welt) als Beispiel für „kulturelle Hybridität“. In einer nützlichen Einleitung (S. 1–42) werden neben Definition des Gegenstandes und historiographischem Abriss verschiedene Spielarten kultureller Hybridisierung unterschieden (Hybridisierung des Übriggebliebenen, reaktive oder wiederbelebende Hybridisierung oder nicht intendierte Hybridisierung), die bis zu vollständiger Aneignung, Wiederverwertung oder Bricolage führen kann. Ferner wird zwischen kurz- und langfristiger Hybridisierung unterschieden und ein Drei-Phasen-Modell beschrieben (kulturelle Begegnung, Appropriation und Konvergenz/Übersetzung). Beobachtet werden könne Hybridisierung aus systemischer Makro- oder individueller Mikroperspektive. Bedeutsam sei auch der Blick auf Vermittler sowie zeitgenössische Wahrnehmungen. Nachfolgend identifiziert Burke drei Hauptorte, an denen er Hybridisierung beobachtet: Höfe, Städte und Grenzräume (Kap. 2). In Kap. 3 wird der Bereich der Architektur auf Hybridisierung hin befragt. Dabei hebt Burke besonders auf das Nebeneinander und die Vermischung von gotischen und antikisierenden Formen sowie deren Abwandlungen in der Neuen Welt ab. Kap. 4 ist der Malerei gewidmet, hier vor allem Grotesken und Arabesken sowie byzantinischen und islamischen Einflüssen. Kap. 5 behandelt den Bereich der Sprache und führt Phänomene wie das Vulgärlatein, ,macaronic‘ language und andere Sprachmischungen ins Feld. In Kap. 6 wird die Betrachtung für den Bereich der Literatur, in Kap. 7 für Musik, Recht (Rezeption des römischen Rechts) und Humanismus, in Kap. 8 für die Philosophie (Neoplatonismus, Aristoteles-Renaissance, hebräische Einflüsse usw.) fortgeführt. Kap. 9 bespricht den Bereich der Religion (Reformation und Missionierungen). Schließlich spricht Burke an, dass es auch Gegenbewegungen gegen Prozesse von Hybridisierungen gab, die in puristischer Absicht auf eine Rückkehr zu den Ursprüngen bedacht waren. Bei allen Meriten dieses verdienten Autors wird man vorliegendes Büchlein nicht als seinen größten Wurf bezeichnen können. Die Phänomene sind bekannt und in den einzelnen Disziplinen teils ausführlich beschrieben und seit langer Zeit erforscht. Nach Dafürhalten des Rezensenten liegt der Wert der Studie einerseits in der Zusammenschau, andererseits vor allem in der kurzen konzeptionellen Eingangsbetrachtung, die Theoriebildungen nützlich sein kann, nicht zuletzt auch daher, weil das Konzept der Hybridisierung kein alleiniges proprium der Renaissance ist.+TABRE+Tobias Daniels

Filippo De Vivo/Andrea Guidi/Alessandro Silvestri (a cura di), Archivi e archivisti in Italia tra medioevo ed età moderna, Roma (Viella) 2015 (I libri di Viella 203), 395 S., ISBN 978-88-6728-457-3, € 36.

Die Archive Italiens weisen eine reiche Überlieferung auf, da bekanntlich die Verschriftlichung des politischen, wirtschaftlichen, administrativen und religiösen Handelns im Vergleich z. B. zu Deutschland weit früher einsetzte. Als singulär zu bezeichnen sind die zeitlich weit zurückreichenden notariellen Quellen. Diesem reichen Erbe ist der vorliegende Bd. gewidmet, der der Bedeutung von Archiven vor ihrer heute bekannten Funktion als Orte der Forschung nachgehen möchte. Nach einer ausführlichen Einleitung der Hg. wird im ersten der drei Hauptteile des Buches der Fokus auf die „Figure e strategie collettive“ gelegt. Der Beitrag von Alessandro Silvestri zum Notariatswesen im Königreich Sizilien in der ersten Hälfte des 15. Jh. greift ein bisher wenig erforschtes Thema auf und zeichnet die wesentlichen institutionellen Entwicklungen der Verwaltung und ihrer Schriftführung unter aragonesischer Herrschaft nach. Pier Paolo Piergentili stellt in einer auf breiter Quellenbasis – hier fließen auch die Rechercheergebnisse zahlreicher Quellen des Vatikanischen Archivs mit ein – beruhenden biografischen Annäherung Luca Beni della Serra († 1455) vor, der im diplomatischen Dienst der Herzöge von Urbino stand und für sie auch an der Kurie Martins V. und Eugens IV. wirkte. Andrea Gardi geht in seiner Untersuchung der Kanzlei des päpstlichen Gesandten in Bologna im 16. Jh. der wichtigen Frage nach, welche Größenordnungen das Verwaltungspersonal im frühneuzeitlichen Kirchenstaat hatte. Irene Mauro untersucht den administrativen Ausbau des Großherzogtums Toskana im 16. Jh., indem sie deutlich macht, wie Hofbeamte in Städten des Valdinievole die Verwaltung und das Archiv betreuten, und auf welche Widerstände sie dabei stießen. Die Kanzlei der Republik Genua im 16. und 17. Jh. wird von Carlo Bitossi vorgestellt, hier mit einem Schwerpunkt auf dem Personal. Dargelegt werden dessen Aufstiegsmöglichkeiten in einflussreiche politische Ämter. Der zweite inhaltliche Fokus liegt auf dem Thema „Archivi e potere“. Zu Beginn stellt Filippo De Vivo die Republik Venedig zwischen dem 15. und 17. Jh. und ihre weit entwickelte Kanzlei vor. Vanna Arrighi wirft den Blick auf Florenz zwischen den Jahren 1512 und 1527, der Krisenzeit der Medici, in der sie sich ihre Stellung in der Stadt erneut aufbauen mussten (sehr passend dazu die Überschrift „Dopo Machiavelli“). Dem Wirken des Archivars und Sekretärs Giovan Battista Pigna, der in der zweiten Hälfte des 16. Jh. am Hofe der Herzöge von Ferrara wirkte, geht Laura Turchi nach und untersucht dessen systematische Anlage eines historischen Archivs, das nicht mehr als Registratur für das Regierungshandeln diente. Manuel Rivero Rodríguez untersucht in seiner breit angelegten Studie die Gründung des Archivs des Consejode Italia, das Philipp II. von Spanien in Madrid für die Verwaltung seiner umfangreichen Besitztitel in Italien – er war u. a. König von Neapel, König von Sizilien und Herzog von Mailand – errichtete. Dabei tritt besonders Juan de Casanate mit seinem engen persönlichen Netzwerk hervor. Andrea Giorgi und Stefano Moscadelli widmen sich der wachsenden Einflussnahme auf die Verwaltung und die Archive seitens der lokalen und regionalen Autoritäten, die in der Frühen Neuzeit in Nord- und Mittelitalien zu verzeichnen ist. Der dritte Teil unter der Überschrift „Archivi e cultura“ wird durch den Beitrag von Beatrice Saletti eingeläutet, die die bisher unbekannte „Storia della città di Ferrara“ des Notars Ugo Caleffini bearbeitet und hier die Bibliothek der Herzöge von Este und deren Nutzungsmodalitäten vorstellt. Giacomo Giudici widmet sich Ludovico Annibale Della Croce († 1577), der in den 1540er bis zu den 1570er Jahren zu den Repräsentanten des kulturellen Lebens in Mailand zählte. Zentral ist jedoch auch seine Funktion als Sekretär und Archivar des Mailänder Senats, die hier erstmals umfassender gewürdigt wird. Daran schließt sich der Beitrag von Gian Maria Varanini an, der anhand der Auswertung der Kanzleiregularien des Paduaner Notars Giovanni da Prato della Valle – der Titel dieses Buches lautet „De arte cancellarie“ – die fortschreitende Professionalisierung dieses Berufes aufzeigt. Hervorzuheben ist auch der Überblick zur Schriftlichkeit und zur Überlieferungssituation in kleineren Städten Italiens im 12. und 13. Jh. (S. 338–341). Der vergleichende Blick der vorliegenden Studie, die wesentliche Herrschaftsträger und Staaten der italienischen Renaissance einbezieht, hat die Bedeutung der Archive als Grundlage für eine funktionierende Administration deutlich gemacht. Dass dabei die Rolle der Kanzleileiter und führenden Mitarbeiter von Archiv und Verwaltung, die aufgrund ihrer Position in der zweiten bzw. hinteren Reihe seitens der Forschung weniger Aufmerksamkeit erhalten, berücksichtigt wurde, ist ebenfalls lobenswert; ebenso die Breite der Quellen, die die Beiträge kennzeichnen. In der wissenschaftlichen Diskussion über die Geschichte und Bedeutung von Archiven wird der vorliegende Bd. einen wichtigen Platz einnehmen.

Jörg Voigt

Rubén González Cuerva/Alexander Koller (ed.), A Europe of Courts, a Europe of Factions. Political Groups at Early Modern Centres of Power (1550–1700), Leiden-Boston (Brill) 2017 (Rulers & elites 12), IX, 263 S., ISBN 978-90-04-35057-1, € 121,99.

Parteien und Faktionen wird in jüngeren Forschungen zur Hofgeschichte – nicht zuletzt im Lichte mikropolitischer Zugänge – eine große Aufmerksamkeit zuteil. Dieses Forschungsinteresse an Hoffaktionen, die einerseits zwar um Macht und finanzielle Ressourcen konkurrierten, andererseits aber auch eine die fürstliche Herrschaft und das Gemeinwesen stabilisierende Funktion besaßen, hängt unter anderem mit der Krise des modernen Staates und der Kritik am teleologisch konzeptionalisierten Staatsbildungsprozess zusammen, wie Rubén González Cuerva und Alexander Koller in ihrer Einleitung zu Recht betonen. Allerdings sind solche Faktionen, so räumen die Hg. selbst ein, insofern keineswegs leicht zu definieren und bestimmen, als sie naturgemäß informell sind, zur Instabilität tendieren und eine informelle Kommunikation pflegen, sodass ihnen nachzuspüren in etwa der „Photographie eines Geistes“ (so der Obertitel der Einleitung) ähnele. Methodisch orientieren sich die Hg. an den differenzierten jüngeren Forschungsansätzen, die José Martínez Millán in Spanien, Maria Antonietta Visceglia in Italien etablierten und Roger Mettam bereits Ende der 1980er Jahre in Großbritannien mit seinen Arbeiten zum Hof Ludwigs XIV. initiierte, in denen die Faktionen als durch die Beförderung ihrer jeweils eigenen Interessen verbundene soziale Gruppen verstanden werden, deren opportunistische Methoden durchaus legitim und legal sein konnten. Als zeitgenössischer Quellenbegriff wird „Faktionen“ von González Cuerva und Koller den heute zum Teil mit anderen Konnotationen verbundenen Termini „Parteien“ und „Netzwerke“ vorgezogen. Im Mittelpunkt des Bd. stehen drei Fragekomplexe: erstens das Problem des Auftretens und der Dauerhaftigkeit höfischer Faktionen in Abhängigkeit von der jeweiligen Hofstruktur, der Stellung des Herrschers, dem konfessionellen setting und den sozialen Voraussetzungen, damit verbunden die grundlegende Frage nach ihrer Einordnung als außerordentliches Krisenphänomen oder als ordentliches Element der sozialen Grundstruktur eines frühneuzeitlichen Hofes; zweitens die Fragen hinsichtlich der Koexistenz verschiedener Faktionen und ihres gegenseitigen Verhältnisses; und drittens die Quellenproblematik, insbesondere im Hinblick auf die Identifikation von Faktionen und den methodischen Umgang mit den Wahrnehmungen auswärtiger Beobachter. In letzterer Hinsicht wird etwa auf die spezifischen mentalen Deutungsschemata italienischer (vor allem venezianischer und päpstlicher) Gesandter an außeritalienischen Höfen hingewiesen. Die Auswahl der in den zehn Fallstudien, die den Zeitraum zwischen der Mitte des 16. und dem Ende des 17. Jh. betreffen, untersuchten Herrschaftsmodelle ist sehr gut durchdacht. So werden etwa neben Erb- auch Wahlmonarchien berücksichtigt, ferner neben den Monarchien auch eine Republik; neben christlichen Höfen mit konfessionell unterschiedlichen Ausrichtungen findet auch die islamische Welt Berücksichtigung. Selbstverständlich fehlen London (Janet Dickinson) und Paris (David Potter) nicht, dazu werden die habsburgischen Höfe in Madrid (José Martínez Millán), Wien/Prag (Rubén González Cuerva, Pavel Marek) und Brüssel (Luc Duerloo) behandelt, ferner unter den italienischen Höfen Rom (Maria Antonietta Visceglia), Turin (Toby Osborne) und Venedig (Stefano Andretta), schließlich der herzoglich-lothringische Hof von Nancy (Jonathan Spangler) sowie der osmanische Hof in Istanbul (Evrim Türkçelik). Formal ist die Erschließung der sehr ordentlich redigierten, jeweils mit einem übersichtlichen Literaturverzeichnis endenden Beiträge durch ein Personen- und Ortsregister sehr zu begrüßen. Insgesamt betrachtet stellt der Bd. über die einzelnen Fallstudien hinaus durch den komparatistischen Zugriff eine wesentliche Bereicherung der Forschung zu Faktionen, Höfen und darüber hinausgehend zu sozialen Ordnungsmodellen und politischen Herrschaftsstrukturen der Vormoderne dar. So wird unter anderem deutlich, dass das Wirkungsfeld von Faktionen keineswegs auf ihren jeweils eigenen Hof begrenzt blieb, sondern sie sich auch der Ressourcen des jeweiligen weiteren Herrschaftsraumes zu bedienen versuchten und (unter anderem über räumliche Mobilitätsprozesse) von einer europäischen Vernetzung höfischer Eliten geprägt waren. Wenngleich Faktionen besonders in Krisenzeiten sichtbar geworden seien, ließen sie sich auch in ruhigeren Zeitabschnitten, die ihnen weniger Visibilität verliehen, durchaus nachweisen. Sie erscheinen mithin in den Untersuchungen des vorliegenden Bd. als ein Grundphänomen sozialer und politischer Ordnung im vormodernen Europa. Für die Einordnung des Phänomens in außerchristlichen Gesellschafts- und Herrschaftsformen bedürfte es der Ausweitung über die betrachteten Fallstudien hinaus, die mit Istanbul gleichwohl bereits ein interessantes Schlaglicht in diese Richtung werfen.

Guido Braun

Andrea Del Col/Anne Jacobson Schutte (a cura di), L’Inquisizione romana, i giudici e gli eretici. Studi in onore di John Tedeschi, Roma (Viella) 2017 (I libri di Viella 237), 245 pp., ISBN 978-88-6728-733-8, € 26.

Per tradizione, i libri in onore costituiscono una meritoria iniziativa di amici e allievi desiderosi di offrire a studiosi di cui si sono condivisi percorsi culturali e interessi di ricerca il segno tangibile di quella comunanza intellettuale. Proprio per questo, però, essi rischiano di trasformarsi in voluminosi zibaldoni di contributi poco omogenei, relegati al di fuori del mercato editoriale e, dunque, difficilmente presenti nel dibattito scientifico. Non è questo il caso del volume „L’Inquisizione romana, i giudici e gli eretici“ che, per esplicita scelta dei curatori, raccoglie un numero limitato di saggi con l’obiettivo di comporre un insieme compatto e organico che dia il senso del magistero di John Tedeschi al quale la raccolta è dedicata. Un intento colto da Andrea Del Col e Anne Jacobson Schutte che, impegnati da tempo e con prospettive molteplici nel campo degli studi inquisitoriali, hanno saputo imprimere al volume la forza di un contributo coerente con la rilettura critica delle categorie storiografiche del disciplinamento e della riforma cattolica che si sta recentemente manifestando in questo settore degli studi. Una scelta che, oltre ad inserire il volume in un contesto critico e problematico di grande originalità e attualità, coglie la necessità di rivedere una periodizzazione che, finora, ha dato ampio spazio alle ricerche dedicate alla prima età moderna, penalizzando una prospettiva di più lunga durata che, invece, dovrebbe guardare con interesse alla seconda metà del secolo XVII. Non è possibile discutere singolarmente ciascuno dei dieci saggi che compongono la raccolta, a cominciare da quelli dei curatori che aggiungono chiavi sintetiche di comprensione, quello di Del Col, e aperture di problematizzazione nella storia dell’Indice, quello di Jacobson Schutte. È però interessante rilevare come, nel mettere insieme ricerche originali e riletture innovative, tutti i testi possano essere aggregati per prospettive metodologiche tra le quali prevale un forte ancoraggio alle fonti integrato dalla ricchezza del confronto con la letteratura internazionale. Lo dimostrano ampiamente i contributi di Marina Caffiero, incentrato, con consueta perizia, sul controllo dei neofiti, quello di Guido Dall’Olio dedicato alla battaglia contro gli „increduli“ combattuta con le armi dell’esperienza diretta nel manuale per esorcisti di Girolamo Menghi e quello di Vincenzio Lavenia che, affrontando la questione difficilissima di Pilato, ha coniugato un approccio problematico di notevole respiro teorico con un ricco itinerario bibliografico tra XVI e XVII secolo. Interessanti sono certamente il recupero, da parte di Tamar Herzig, di un procedimento inquisitoriale per sodomia contro un ebreo malgrado la mancanza della documentazione processuale, la riproposizione di un intervento sul matrimonio tridentino a firma congiunta di Pierroberto Scaramella e Giuseppe Fonseca e un nuovo contributo a quel metodo di ricerca che ha promosso l’apporto congiunto di storia dell’arte e del controllo ecclesiastico qui riproposto da Massimo Firpo in collaborazione con Fabrizio Biferali. Ma originali e innovativi mi paiono il dotto percorso di Carlo Ginzburg attraverso il rapporto di Dante con l’opera di sant’Agostino per delineare la convinzione del poeta circa la matrice mentale del linguaggio e, soprattutto, il „Lutero italiano“ di Adriano Prosperi nel quale, con un brillante gioco di specchi, si attraversa il dibattito storicistico dell’Ottocento europeo innovando, proprio nel tornante dell’ampia produzione storiografica promossa dal bicentenario della Riforma, approcci più tradizionali al ruolo di Savonarola e Machiavelli nella costruzione della cultura moderna.+TABRE+Vittoria Fiorelli

Herman H. Schwedt (Hg.), Die römische Inquisition. Kardinäle und Konsultoren 1601 bis 1700, Freiburg u. a. (Herder) 2017 (Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte. Supplementheft 64), 701 S., ISBN 978-3-451-34867-9, € 110.

Nur vier Jahre nach seinem Buch über die Anfänge der römischen Inquisition (vgl. QFIAB 94 [2014], S. 507) hat Herman H. Schwedt den weitaus umfangreicheren Anschlussbd. zum Sanctum Officium des 17. Jh. vorgelegt. Der Zugriff dieser prosopographischen Untersuchung folgt dem bewährten Muster. In etwa 470 Kurzbiographien unterrichtet der Vf. über all jene Kardinäle, Sekretäre, Konsultoren, Qualifikatoren, Kommissare, Notare und Summisten, die im Laufe des Jh. für das Dicasterium gearbeitet haben. In ihrer personellen Struktur unterscheidet sich die Behörde des hier in den Blick genommenen Zeitraums nur unwesentlich von der des 16. Jh., denn auch jetzt dominieren nach den Italienern die spanischen Mitarbeiter. Neben den Dominikanern gewinnen allerdings die Jesuiten an Bedeutung. Schon der Umstand, dass das Sanctum Officium bis zum Jahrhundertende 112 Kardinäle aufweisen konnte – unter ihnen fast alle Purpurträger, die später zum Papst gewählt wurden –, zeugt von seiner Bedeutung als der wichtigsten päpstlichen Behörde überhaupt. Deutlich wird überdies, wie sehr die römische Dikasterie als Sprungbrett für eine Tätigkeit in den mittel- und norditalienischen Inquisitionen dienen konnte. Die Karrieren dieser Inquisitoren wie auch die der weit weniger prominenten Mitarbeiter hat Schwedt mit bemerkenswerter Akribie und Geduld aus weit verstreuten publizierten und unpublizierten Quellen erschlossen. Sofern sie als Autoren in Erscheinung traten, sind ihre wichtigsten Schriften zusammengestellt, selbst dann, wenn es sich dabei um heute kaum noch nachweisbare Einblattdrucke handelt. Hier kann nun auch die Zensur- und Indexforschung von Schwedts Arbeit profitieren, denn seine bibliographischen Bemühungen weisen insbesondere die Buchgutachten der Protagonisten nach. Dazu gehören nun aber nicht nur ältere Druckschriften betreffende Urteile, sondern auch Bewertungen noch unveröffentlichter Manuskripte. Hier wird folglich ein Bereich der über das vatikanische Indexarchiv so gut wie gar nicht zu ermittelnden Vorzensur greifbar. Nicht weniger aufschlussreich erscheinen Schwedts Hinweise auf die von den Magistri sacri palatii in regelmäßigen Abständen publizierten Anweisungen zu Buchdruck und -handel; auch sie bedürfen noch einer systematischen Auswertung. Im Rückblick auf seine Beiträge zur Inquisition des 18., 19. und frühen 20. Jh. (2005 und 2010) hat Schwedt mit der vorliegenden Monographie die verbliebene chronologische Lücke bewundernswert zügig geschlossen. Mit berechtigtem Stolz merkt der Autor an, dass damit „insgesamt Personenbeschreibungen aus rund 380 Jahren“ zugänglich sind, „wie sie in vergleichbarer Form für keins der päpstlichen Ämter vorliegen und weltweit für keine bestehende Behörde dieses Alters zusammengestellt wurden.“ Dafür sollten ihm der Dank und die Glückwünsche der Fachwelt gewiss sein.+TABRE+Ingo Herklotz

Katherine Aron-Beller/Christopher Black (Hg.), The Roman Inquisition. Centre versus Peripheries, Leiden-Boston (Brill) 2018 (Catholic Christendom, 1300–1700), XIII, 411 S., ISBN 978-90-04-34018-3, € 139.

„The Roman Inquisition. Centre versus Peripheries“ nimmt die verschiedenen Ebenen inquisitorialer Interaktion in den Blick und greift so ein wichtiges Forschungsdesiderat auf. Die Hg. nehmen sich vor, nach der Interaktion zwischen dem römischen, zentral agierenden und Absolutheit reklamierenden Heiligen Offizium und den diversen Peripherien päpstlicher Autorität maßgeblich innerhalb des Kirchenstaats und auf der italienischen Halbinsel zu schauen. Dabei wird eine Differenzierung zwischen der „inneren“ (die großen Niederlassungen lokaler Inquisitoren) und „äußerer“ Peripherie (kleine, schlecht vernetzte Orte, die oft nur einen Vikar vorweisen konnten) vorgenommen. Um Aussagen über „the controlling tentacles of the Italian institution“ zu erhalten, fragen die Hg. danach, ob das Zentrum in der Lage gewesen sei, ein einheitliches Gerichtsverfahren und Strafsystem zu bewahren, das von den Peripherien adoptiert und inkorporiert werden konnte, oder ob nicht eher die lokalen Inquisitoren von den politischen Eliten vor Ort in der Durchsetzung ihrer Aufgaben verhindert wurden und ihre Befehle aus Rom ständig neu verhandeln und adaptieren mussten, um sich durchsetzen zu können. Die dritte Frage zielt auf das Maß der Zusammenarbeit zwischen den jeweiligen lokalen Inquisitoren jenseits der römischen Anfragen und Befehle. Im Anschluss befindet sich eine sehr breit angelegte Einführung in die Geschichte der Kurie und der Inquisition im konfessionellen Zeitalter. Sie beruht maßgeblich auf den Arbeiten von Christopher Black sowie auf Thomas Mayers Trilogie zur Geschichte der Inquisition. Eine differenzierte Rezeption zumindest der von den Beiträger/-innen des Sammelbd. bereits geleisteten Forschung hätte sicherlich auf jedem Fall dem Fragenkatalog gut getan. Diese Annahme bestätigt bereits der quasi einleitende Aufsatz von Irene Fosi, der auf das Mit- und Gegeneinander der verschiedenen römischen Tribunale abhebt und den Blick zwangsweise auf die Akteure verschiebt, auf diejenigen, die innerhalb der Institutionen mehrere Hüte gleichzeitig trugen bzw. diverse Präzedenzdifferenzen auszutragen hatten. Das von Fosi abgearbeitete Fragenset zieht sich durch alle Aufsätze, zumal sie alle verstärkt auf die Akteure, deren Praktiken und vielfältigen Aktionsfelder fokussieren. Über sie wird eine Geschichte der Verflechtung erzählt, die letztlich viel mehr aufzeigt als die Frage nach Zentrum und Peripherie aufzuwerfen vermag. Die meisten Beiträge sprechen von Verfahrensfragen, Fragen der Kommunikation und ihrer Instrumentalisierung, der Verfremdung und Dissimulation sowie von damit verbundener Inszenierung einzelner Instanzen. Möchte man die Aussage der 14 Beiträge zusammenfassen, so bieten sich die folgenden Punkte an: 1. Rom machte verhältnismäßig wenig normative Vorgaben, stattdessen gab es den Einzelfall regulierende Handlungsanweisungen vor. Damit war einerseits nicht zu befürchten, dass ein groß angelegter normativer Apparat zum Papiertiger mutierte, weil ihm niemand Folge leistete. Andererseits waren Lokalinquisitoren und andere Amtsträger stets gezwungen, weiter zu fragen und sich ihres Handelns zu vergewissern. Dies ging so weit, dass der von Christopher Black behandelte Inquisitor von Modena, Giacomo Tinti, einen solchen Grad der institutionellen Unselbständigkeit erreicht hatte, dass er mit seinen ständigen Anfragen und Rückversicherungen irgendwann selbst den Kardinälen der Inquisition auf die Nerven fiel. 2. Diese Praxis des sich ständig Rückversicherns ist nur eine Konsequenz des erfolgreich von den verschiedenen Instanzen der päpstlichen Herrschaft entworfenen Bildes von Effizienz. Ein anderes Beispiel bieten die Katechumenhäuser. Hier bedurfte es keiner in hohen Konversionszahlen sich niederschlagenden Wirkkraft wie Matteo Al Kalak zeigt, sondern lediglich punktueller symbolträchtiger Inszenierungen, wie es bei den pompösen Taufen von Konvertiten der Fall war. Sie allein entwarfen ein Bild von permanent stattfindenden Konversionen zum Katholizismus und funktionierten so als konfessionalisierendes Paradeinstrument der Vergewisserung nach innen wie außen. 3. Bezüglich der Frage der Interaktion zwischen den vermeintlichen Peripherien zeigt der Aufsatz von Jonathan Seitz, wie durch Kommunikation alternative inquisitoriale Machtzentren generiert wurden. Appellationen aus dem venezianischen Umland wurden in der Regel nach Venedig und nicht nach Rom geschickt, womit dieselben Mechanismen der Aneignung, beidseitiger Definition und Zuschreibung aktiviert wurden, auf die auch Rom in der eigenen Inszenierung als Zentrum setzte. 4. Rom regelte aber stets das Verfahren! Es sollte einen hohen Wiedererkennungswert für alle Angeklagten haben, und es sollte Herrschaft legitimieren. Dies zeigt auch das verstärkte Interesse der römischen Inquisition an friulanische Verfahrensfragen. Eine Spiegelung findet die Sorge um das Verfahren auch im Bereich der Volksfrömmigkeit. Von einer stärkeren Betonung der Orthopraxie als der Orthodoxie geht auch Stefano Villani in seinem Aufsatz über das Fleischessen bei in Livorno lebenden Briten aus. 5. Devianzen in der Volksfrömmigkeit wurden in der Regel abhängig von deren Bedeutung für die Konsolidierung römischer Herrschaft geahndet, so stellt Vincenzo Lavenia geradezu Nachlässigkeit der Inquisition bei andernorts stark verfolgten Sachverhalten wie Hexerei oder Sodomie fest. Beides sind Tatbestände, deren rigorose Bestrafung die Festigung der jeweiligen lokalen Gesellschaft über Exklusion bzw. Inklusion anvisierten und keine direkten Vorteile für die römische Inquisition mit sich brachten. Theologisch bargen sie keine Fallstricke und ihre intensive Verfolgung zeigte sich bisweilen sogar kontraproduktiv für den Prozess der Zentralisierung. Dies zeigt Giorgio Caravale am Beispiel der Carafas in Neapel. Das lokale Gleichgewicht wäre hier massiv gestört worden, wodurch auch Abhängigkeits- und Kooperationsverhältnisse zwischen Inquisition und wie auch immer definierten lokalen Eliten belastet worden wären. 6. Diese waren aber wichtig für die Durchsetzung von Herrschaft durch die Inquisition, zumal der Ausbau einer autonomen Infrastruktur unmöglich war. Wie heikel solche Strukturen aber weniger für die Etablierung als für die Institutionalisierung von Herrschaft waren, zeigen Christopher Black und Irene Fosi am Beispiel der so genannten Patentati, deren Verselbständigung regelmäßige Massenbewegungen zur Folge hatte. Fast fühlt man sich an dieser Stelle an Goethes Zauberlehrling erinnert „Die Geister, die ich rief, die werd’ ich nun nicht los“: Die Patentati, die einst über den Erhalt von Privilegien die Ordnung der Inquisition sichern sollten, eigneten sich immer mehr Herrschaftsmerkmale im Laufe der Zeit an und setzten sie im eigenen Interesse oder im Dienste eigener Bedürfnisse und Triebe ein. 7. Betrachtet man Durchsetzung und Erhalt von Autorität über Instrumente wie die von Lavenia an anderer Stelle bereits diskutierte Gleichsetzung von Sünde und Straftat und sucht gleichzeitig nach Mechanismen der Selbstrepräsentation in Wechselwirkung mit jeweils anderen Akteuren, ist es sicherlich sinnvoll bei der von Villani eingeforderten Kontextualisierung dieses gesamten Sets an Möglichkeiten anzusetzen und sie als Praktiken der Konfessionsbildung wahrzunehmen. 8. Prüft man die Interaktion zwischen den verschiedenen Territorien untereinander und mit Rom, so stolpert man ständig über die Vielzahl der involvierten Akteure, die sich mit Fragen und Antworten aneinander wenden, und die sich gegenseitig aushebeln oder bestätigen. Damit erscheint die Frage danach, welcher dieser Akteure unter welchen Umständen jeweils über Deutungs- und Entscheidungshoheit verfügt, legitim. Anders als es der Titel verspricht, gelingt es in den Beiträgen des Bd., den eindimensionalen Blick zwischen Zentrum und Peripherie zu überwinden und die Vielseitigkeit der Akteure und ihres Handelns in den Blick zu nehmen. Fern eines teleologischen Verständnisses von Institutionalisierung könnte man es nun wagen, sogar von diversen Zentren in der Umsetzung von geistlicher bzw. weltlicher Herrschaft zu sprechen und gleichzeitig auf die Besonderheiten zu fokussieren, die jenseits von Trient zur Erstarkung Roms geführt haben – denn dass Trient allein nicht als Erklärungsmuster für das nachtridentinische Rom gereicht hatte, wusste bereits Sarpi.+TABRE+Andreea Badea

Andrea Cicerchia, Giuristi al servizio del papa. Il Tribunale dell’auditor Camerae nella giustizia pontificia di età moderna, Città del Vaticano (Archivio Segreto Vaticano) 2016 (Collectanea Archivi Vaticani 101), 329 S., Abb., ISBN 978-88-98638-02-4, € 25.

Das Werk Andrea Cicerchias erhellt erstmals das Wirken des bisher von der Geschichtswissenschaft „vergessenen“ Tribunals des auditor Camerae (AC) in der Frühen Neuzeit. Dieses Justizorgan des Kirchenstaats mit Zivil- und Kriminalgerichtsbarkeit für Geistliche und Laien führte u. a. 1518 den Prozess gegen Martin Luther. Eine wichtige politische und soziale Rolle kam ihm nicht nur in Rom selbst zu, es fungierte in bestimmten Fällen auch als Appellationsgericht für die Provinzen des Kirchenstaats. Ziel der Arbeit ist es, die Rolle des AC aus der Perspektive der institutionellen Geschichte, der kurialen Dynamiken sowie der Persönlichkeiten der Auditoren und ihrer prosopographischen Profile heraus zu analysieren. Die Abhandlung beginnt mit der Vorgeschichte und der Entstehung des Tribunals und verfolgt dessen Durchsetzung und Blütezeit am Ende des 16. und in weiten Teilen des 17. Jh., um schließlich zum Niedergang im späten 17. und im beginnenden 18. Jh. zu gelangen. Zu jeder dieser Perioden werden die Rechtsnormen und die päpstlichen Reformbemühungen dargestellt, die eine Rationalisierung der Arbeitsweise bezweckten und in der Abschaffung der Käuflichkeit des Amtes durch Innozenz XII. (1692) und der Eindämmung der Willkür in der Justizverwaltung durch Benedikt XIV. (1744) kulminierten. Kapitel IV widmet sich den Verfahrensweisen, also den Praktiken und der Produktion der Gerichtsakten (Bandi, Erlässe und Vorschriften). Der Autor bedient sich hier der Werke Giacomo Buccas, Quintiliano Mandosis und Sallustio Tiberis, aus denen sich der Gerichtsstil des AC rekonstruieren lässt. Kapitel VI über die Struktur des Tribunals konzentriert sich auf den aus den luogotenenti criminali (Unterrichtern) bestehenden gerichtlichen Apparat sowie auf die Notare. Dabei geht Cicerchia auch auf Irregularitäten und Amtsmissbräuche ein. Da die Zuständigkeit des AC in vielerlei Hinsicht mit jener anderer Tribunale Roms konkurrierte bzw. kumulativ ausgeübt wurde, zeigt sich hier das Charakteristikum der frühneuzeitlichen Justiz als Netzwerk von Gerichtsbarkeiten mit einer jeweils komplexen Gliederung von Kurien, Gerichten und Instanzenzügen. Das Tribunal des AC kann demnach als „einer der fortgeschrittenen Bausteine eines sehr komplizierten Systems betrachtet werden“, innerhalb dessen „die Justiz der nun bestätigten päpstlichen Macht zweckdienlich zu fungieren scheint“ (S. 157). Die Darstellung einiger Prozesse und der Angelegenheit um den Auditor Camillo Cybo – der einzige Auditor, der jemals zurücktrat – sowie um dessen Memorandum über die institutionelle Geschichte des AC (1724) beleuchtet die benannten Aspekte exemplarisch. Cicerchia bietet zudem einen ausführlichen Anhang mit einer Liste aller Auditoren und luogotenenti sowie mit ausgewählten Dokumenten. Ein Personen- und Sachregister komplettiert den Bd. Für dieses bedeutende Werk der Justizgeschichte hat Cicerchia das verstreute und bisher zu großen Teilen nicht ausgewertete Archivmaterial eingehend erforscht. Zwar wird die Spannung zwischen dem Vorhaben, das Thema erschöpfend zu behandeln, und dem Zwang zur Selektion aufgrund der Menge an Informationen, die die Quellen bieten, spürbar. Das ändert jedoch nichts daran, dass es dem Autor gelungen ist, die Position des Tribunals des AC in der römischen Justiz und seine Funktion als Instrument der päpstlichen Politik schlüssig herauszuarbeiten. Aus der Abhandlung werden die zeitliche Dimension des Rechts und der Zusammenhang zwischen Justiz, sozialen Faktoren und gesellschaftlichen Bedingungen im Kirchenstaat deutlich, so dass schließlich die komplexen Beziehungen zwischen dem juristisch Sichtbaren und dem juristisch Unsichtbaren – den politisch-sozialen Kontexten frühneuzeitlicher Justizpraxis – erkennbar werden. Das Buch bietet als grundlegende Arbeit nicht nur Anstöße zur Vertiefung einzelner Aspekte, es regt auch zur weiteren Beschäftigung mit der frühneuzeitlichen Kirchen-, Rechts- und Justizgeschichte sowie mit der juristischen Anthropologie in thematisch wie methodisch breit angelegten Studien an.+TABRE+Maria Pia Lorenz-Filograno

Roberto Ruggi d’Aragona, I Ruggi d’Aragona di Salerno, con due note di Antonio Braca e Giuseppe Cirillo, Bracigliano (D&P Editori) 2016, 335, VI pp., ill., ISBN 978-88-95647-43-2, € 25.

La ricostruzione delle relazioni di potere fra sovrani e sudditi, uno dei campi in cui la storiografia sull’età moderna ha più lavorato negli ultimi tre decenni, è imprescindibilmente legata all’analisi dei gruppi dirigenti e, in particolar modo, dei casati aristocratici: non è un caso se gli archivi nobiliari sempre più si rivelano autentiche miniere per un rinnovato studio del passato. Il presente volume di Ruggi d’Aragona, più che uno studio esauriente sulla famiglia salernitana dei Ruggi d’Aragona appare come un primo contributo alla sua conoscenza: l’autore, infatti, si limita a ricostruire i percorsi biografici degli esponenti di maggior spicco del lignaggio, a partire dall’epoca angioina del Regno di Napoli per giungere al XXI secolo, corredando la narrazione con la trascrizione di documenti originali. In particolare, la famiglia risulta essere inserita, sin dal XV secolo, nei circuiti locali e sovranazionali, grazie all’impegno di alcuni suoi componenti: Benedetto Ruggi, meglio noto come Abbas Regius (1434 ca.–1494), diplomatico per conto di Ferdinando I e Alfonso II d’Aragona; Matteo Angelo I Ruggi, anfitrione di Carlo V di ritorno da Tunisi nel 1535; Giulio Ruggi (1599–1691), impegnato nella vita pubblica di Salerno e appassionato studioso del passato del Principato Citra; Nicola Ruggi (1664–1722), abate del monastero di Montecassino; Giuseppe I (1660–1730), possessore di una pregiata quadreria; Antonio (1758–1799) e Ferdinando (1760–1799), protagonisti della repubblica napoletana del 1799, morti sul patibolo. Il volume, che si sofferma su aspetti specifici della vita di Salerno e sul ruolo ricoperto dai Ruggi d’Aragona nelle vicende cittadine invita, quindi, a un ampliamento dell’orizzonte di studio, in una prospettiva di più ampio respiro, in grado di collocare la famiglia al centro della complessa rete di relazioni che essa intessé nel corso dei secoli, aprendo così la porta a una riconsiderazione complessiva del ruolo ricoperto dai casati aristocratici presenti in epoca medievale e moderna nel Regno di Napoli.

Nicoletta Bazzano

Hartmut Kühne/Enno Bünz/Peter Wiegand (Hg.), Johann Tetzel und der Ablass. Begleitband zur Ausstellung „Tetzel – Ablass – Fegefeuer“ in Mönchenkloster und Nikolaikirche Jüterbog vom 8. September bis 26. November 2017, Berlin (Lukas Verlag) 2017, 427 S., Abb., ISBN 978-3-86732-262-1, € 29,80.

Es kommt selten vor, dass ein Katalogbd. – so gut er auch gemacht sein mag – zu einem Referenzwerk wird. Dies ist zweifellos dem hier anzuzeigenden Begleitbd. zur Ausstellung „Tetzel – Ablass – Fegefeuer“, die vom 8. September bis zum 26. November 2017 in Jüterbog stattfand, gelungen. Wer sich künftig mit dem vielverschrieenen Dominikaner Johann Tetzel (ca. 1465–1519) beschäftigen wird, muss zu diesem Werk greifen. Enno Bünz, Petr Hrachovec, Peter Wiegand und Wilhelm Ernst Winterhager fächern aus je eigener Perspektive die Karriere des berühmten Bettelmönches auf – von seiner Geburt in Pirna, über sein Studium in Leipzig, dem Eintritt bei den Dominikanern ebenda, bis hin zu den einzelnen Ablasskampagnen, an denen er mitwirkte. Er war an der Predigt des 1. und 2. Livlandjubelablasses (1505–1510), des Arcimboldiablasses (1516) und des Albrechtsablasses (1516–1517) beteiligt. Dabei werden Wirkungsstätten wie die Oberlausitz und Annaberg besonders vertieft. Der Einsatz Tetzels als Generalsubkommissar für den Ablassbetrieb in der Magdeburger Kirchenprovinz und den Gebieten der Brandenburger Markgrafen führte zur fatalen Auseinandersetzung mit Martin Luther, als der Predigermönch sich gerade in Jüterbog aufhielt. Wie die Hg. darlegen, ist es gelungen, alle bislang bekannten als Lebenszeugnisse Johann Tetzels anzusehenden Archivalien und Drucke hier in Bild und oft mit vollständigen Transkriptionen vorzulegen (S. 32 f., S. 302–384). Damit liegt nun auch ein Korpus von Urkunden vor, das die auch hilfswissenschaftlich interessante Produktion im Rahmen von Ablasskampagnen dokumentiert und zu weiterführenden, auch vergleichenden Forschungen anregen kann. Die beiden Mitarbeiter am Gesamtkatalog der Wiegendrucke Oliver Duntze und Falk Eisermann dokumentieren detailreich die zum Teil dutzendfach überlieferten Formulardrucke für die Livlandkampagnen und für den Vertrieb des Petersablasses durch Arcimboldi. Die Vielzahl der Auflagen spricht für einen enormen Bedarf, der wiederum eine entsprechend rege Nachfrage voraussetzt (S. 243–266, vgl. dazu auch Ulrich Bubenheimers Beitrag zu den Druckerzeugnissen aus der Leipziger Offizin Melchior Lotters d. Ä. für Albrecht von Brandenburg: S. 267–285). Dass man dabei auch an die visuelle Ausstattung der von den Ablasspredigern besuchten Kirchen dachte, belegen Zahlen aus dem Umfeld der Peterablasskampagne im Bistum Utrecht, wo man noch 1519 (!) 300 arma papalia, also gedruckte Papstwappen, und 1600 volkssprachliche und 500 lateinische stationes (zur Kennzeichnung von Altären mit den Namen römischer Kirchen im Rahmen des mitverliehenen Stationenablasses) hatte drucken lassen (S. 256, 277 f.). Christiane Schuchard zeichnet das Anforderungsprofil für einen erfolgreichen Ablasskommissar, der nicht nur gegenüber päpstlichen Stellen in der Pflicht stand, sondern auch geschickt mit örtlichen Kräften zusammenarbeiten musste (S. 111–123). Von Ablassmüdigkeit am Vorabend der Reformation möchte Peter Wiegand pauschal nicht ausgehen (S. 140 f.). Wiegand weist auch zu Recht auf weitere erfolgreiche Ablasskommissare hin, wie den Provinzial der Dominikaner von Sachsen Hermann Rab oder den Naumburger Domkanoniker Günther von Bünau-Schkölen, um nicht gleich auf den von Wiegand monographisch behandelten Marino von Fregeno zurückzugehen (s. Besprechung in: QFIAB 96 [2016], S. 618–620) (S. 156 f.). Neues Licht wird auch auf die Phase im Leben Tetzels geworfen, die ihn schon zu einer Randfigur der Geschichte machte: In seinen letzten beiden Lebensjahren 1518–1519 betrieben nicht zuletzt seine Ordensbrüder in Rom die causa Lutheri, während Tetzel mit dem Gründungsrektor der Universität von Frankfurt an der Oder Konrad Wimpina „Gegenthesen“ zu Luther zum Druck brachte, die 1518 zu einem nochmaligen Schlagabtausch zwischen den beiden Ordensmännern führten (s. zu diesem „Medienkrieg“ S. 156–160 und den Beitrag des Kirchenhistorikers Michael Höhle, S. 232–242). Der Germanist Volker Honemann illustriert das rege geistige Klima im Leipziger Dominikanerkonvent, wo viele Brüder – darunter der schon genannte Hermann Rab – Predigten und sonstige theologisch-pastorale Schriften verfassten, die auch um Ablass kreisten (man denke nur an Marcus von Weidas „Spiegel der hochloblichen Bruderschaft des Rosenkranz Mariä“, gedruckt in Leipzig 1515) (S. 161–177). Die Kunsthistorikerin Susanne Wegmann bettet die Fegefeuer-Darstellung des Retabels des Lucas Cranach d. Ä. in der Nikolaikirche zu Jüterbog in das weitere Schaffen des Meisters ein und dokumentiert damit auch, dass ein in Luthers Augen nicht mehr zeitgemäßes Bildwerk dank seines Status als Cranach-Werk der Zerstörung entgehen konnte (S. 45–56). Der Potsdamer Landeshistoriker Frank Göse stellt die Stadt Jüterbog um 1500 aus landes-, stadt- und kirchengeschichtlicher Perspektive vor (S. 57–73). Nach einem katastrophalen Brand von 1478 wurde die Stadt 1495 auch noch von einer Pestepidemie heimgesucht. Die zahlreichen Gotteshäuser und Altäre in der Stadt deuten nicht auf größere Missstände hin. Von Bischöfen und Kardinälen – z. B. für Bruderschaften oder einzelne Kapellen – erteilte Ablässe müssen dem damaligen Kirchenvolk viel geläufiger gewesen sein als die so verhängnisvolle Ablasspredigt des viel umfassenderen Peterskirchenablasses durch Tetzel, die den Protest Luthers mit all ihren bekannten Folgen auf sich gezogen hat. Hartmut Kühnes Rekonstruktion der Entstehung der geschickt medial ausgeweideten Tetzellegende im 16. und 17. Jh. (S. 74–110) wird den Ruf des Ordensmannes auch nicht dauerhaft retten können, zumal Tetzel schon 1517 – wie Winterhager zeigt – von seinem eigenen Arbeitgeber, Erzbischof Albrecht von Brandenburg, als „Sündenbock“ für den aus dem Ruder gelaufenen Petersablass gebrandmarkt worden war (S. 230). Abschließend verdienen auch die vorzügliche Wiedergabe-Qualität der reichen Bebilderung und das anschauliche Kartenmaterial eine gebührende Erwähnung.+TABRE+Andreas Rehberg

Peter Wolf/Evamaria Brockhoff/Fabian Fiederer (Hg.), Ritter, Bauern, Lutheraner. Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2017, Veste Coburg und Kirche St. Moriz, 9. Mai bis 5. November 2017, Stuttgart (Theiss) 2017, 392 S., Abb., ISBN 978-3-8062-3496-1, € 29,95.

Zum Luther-Jahr 2017 waren Ausstellungen zur Reformation Legion. Jedes Bundesland, jede irgendwie mit dem Reformator in Kontakt gekommene Region oder Stadt versuchte, eine eigene Ausstellung zu realisieren. Aus dem großen Angebot vergleichbarer Kataloge sei im Folgenden die zur Bayerischen Landesausstellung im Luther-Gedenkort Coburg vorgestellt. Man spürt in der vorsichtig gehaltenen Einführung in das Ausstellungskonzept seitens Richard Loibls und Peter Wolfs, respektive des Direktors und des Leiters des Ausstellungsreferats des Hauses der Bayerischen Geschichte, schon diese geballte bundesweite Konkurrenz. In Coburg versuchte man, die Zeit um 1500 insgesamt als eine Periode der Umwälzungen darzustellen, die neben den religiösen auch von zahlreichen sozialen Konflikten geprägt war. Die Exponate bieten also viel zur blühenden spätmittelalterlichen Volksfrömmigkeit, aber auch zum Alltagsleben und zu den wirtschaftlichen Herausforderungen im Agrarwesen und Bergbau. Die Reformatoren und ihre führenden fürstlich-adeligen und bürgerlichen Unterstützer sind mit ihren ikonengleichen Abbildern präsent. Aber auch zweier früher Verfechterinnen der evangelischen Lehre – Argula von Grumbach († 1554) und Elisabeth von Hessen († 1557) – wird gedacht (S. 280, 294 f.). Dem bewährten Muster der Landesausstellungen folgend, gibt es ausführliche Sektionen zur lokalen Relevanz des Rahmenthemas. So erfährt man viel zur Reformation in den noch heute protestantischen Regionen Bayerns, zur örtlichen Morizkirche und zur Veste Coburg selbst, die im 19. Jh. als Lutherveste zu einem Gedenkort gleich der Eisenacher Wartburg ausgebaut wurde. Die Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten wird dabei nicht ausgespart (s. dazu auch den Beitrag von Klaus Weschenfelder). Kompakt wird der Katalogteil eingeleitet durch Beiträge von Anselm Schubert, Eberhard Isenmann, Hartmut Kühne, Andrea K. Thurnwald, Birgit Ulrike Münch und Andreas Tacke zu Themen des kulturellen und sozialen Hintergrundes der Lebenswelt um 1500 mit besonderem Nachdruck auf die medialen Neuerungen (Buchdruck!) und die Umbrüche für die Künstler, die auf die Erfordernisse des neuen religiösen Empfindens reagieren und sich vielerorts auf die Suche nach neuen Abnehmern ihrer Werke begeben mussten. Rainer Axmann, Dieter J. Weiß, Günter Dippold und Johannes Laschinger beleuchten die Geschichte der Reformation – und ihrer Gegner – zwischen Glauben und Landesherrn in Coburg, im Herzogtum Bayern, im Hochstift Bamberg und in der Oberpfalz. Zwei Aufsätze verdienen eine gesonderte Erwähnung, da sie das Religions- und Geschichtsverständnis einiger Protagonisten der Zeit beispielhaft illustrieren. Silvia Pfister stellt die atemberaubenden Aktionen des Herzogs Johann Friedrich II. des Mittleren von Sachsen und Wilhelms von Grumbachs dar, die sich beide auf ihre Weise in den sich radikal wandelnden Zeitläuften behaupten wollten, letztlich aber am Gewaltmonopol des nicht mehr aufzuhaltenden modernen Staates scheiterten: Der genannte Fürst verstarb nach 28 Jahren Gefangenschaft 1595 und fand sein Konterfei noch in dem bald nach seinem Tod errichteten, nahezu 14 Meter hohen ernestinischen Familienepitaph in der Coburger Morizkirche (Abb. 7.1.2 A). Der um einige soziale Stufen niedrigere Ritteradlige und Berater Johann Friedrichs II. Grumbach dagegen bezahlte seine Unbotmäßigkeit gegen den Kaiser 1567 mit der Vierteilung auf dem Coburger Marktplatz. Karl Möseneder widmet sich einem bislang wenig beachteten Inschriftenprogramm und der 1583 datierten Papstwappenserie von Schloss Obernzell bei Passau. Mit diesen visuellen Medien hatte der von 1561 bis 1598 amtierende Fürstbischof von Passau Urban von Trenbach seiner Treue zu Rom Ausdruck verliehen. Dank der Hg. dieser Inschriften Ramona Epp weiß man, dass – neben der Bibel und den Kirchenvätern sowie Seneca und Cicero – die Schriften der Humanisten Juan Luis Vives und Erasmus die Vorbilder für das Inschriftenprogramm waren. Die von Panvinios Werk „Epitome“ (1557) beeinflusste Wappenreihe verdient noch weitere Forschungen. Man erfasst das Provokante an diesem Zyklus aber erst, wenn man bedenkt, dass zur Zeit seiner Entstehung im Bistum Passau etwa die Hälfte der Bevölkerung und fast der gesamte Adel evangelisch waren (S. 89).+TABRE+Andreas Rehberg

Jan-Hendryk de Boer, Unerwartete Absichten. Genealogie des Reuchlinkonflikts, Tübingen (Mohr Siebeck) 2016 (Spätmittelalter, Humanismus, Reformation 94), IX, 1362 S., ISBN 978-3-16-154026-4, € 189.

Der Reuchlinkonflikt entzündete sich 1510 an einem Gutachten, das der Humanist Johannes Reuchlin (1455–1522) im Auftrag Maximilians I. zur Frage der Bewahrung oder Vernichtung jüdischer Bücher verfasste. In seinem „Ratschlag“ sprach sich Reuchlin im Unterschied zu den anderen Gutachtern für den Erhalt der jüdischen Schriften aus, ja empfahl sogar deren Lektüre. Durch seine Haltung geriet er in Konflikt mit dem Konvertiten Johannes Pfefferkorn, der die Vernichtung des jüdischen Schrifttums als einen unverzichtbaren Schritt zur Bekehrung der Juden ansah. Der von Reuchlin zur Verteidigung gegen die Angriffe Pfefferkorns publizierte „Augenspiegel“ fand das Missfallen der Kölner theologischen Fakultät: Die Theologen entdeckten in ihm zahlreiche anstößige und häretische Stellen und werteten die Schrift als Unterstützung der jüdischen Perfidie. Ein von der Fakultät angestrengter und von ihrem Mitglied Jakob Hoogstraten eröffneter Prozess zog sich durch mehrere Instanzen. Er endete 1520 an der Kurie in Rom mit der Verurteilung des „Augenspiegel“. Die Auseinandersetzung war von einer literarischen Schlammschlacht begleitet, die Johannes Schwitalla als „größten Flugschriftenstreit im Vorfeld der Reformation“ bezeichnet hat. Der Konflikt ist schon häufig in der Literatur behandelt worden, nirgendwo aber derart umfassend wie in dem anregenden Buch von de Boer. Das auf eine Göttinger Diss. zurückgehende Opus magnum mit stolzen 1362 Seiten ist in fünf Kapitel eingeteilt: Die ersten beiden Kapitel dienen als Einleitung: Sie umfassen eine Erläuterung des eigenen Ansatzes und des Aufbaus der Untersuchung (Kap. 1), einen Überblick über die vom 18. Jh. an erschienene Literatur zu Reuchlin sowie eine Skizze zur Entwicklung der Ideengeschichte, der sich de Boer besonders verpflichtet fühlt, und zu deren methodologischen Weiterentwicklung er mit seiner Arbeit beitragen will (Kap. 2). Das „Zentrum“ des Buches bilden die beiden Großkapitel 3 (S. 147–551) und 4 (S. 552–1173). Das „Vom Gutachterstreit zum Gelehrtenkonflikt“ überschriebene dritte Kapitel beleuchtet die Entwicklung der Auseinandersetzung bis zum Speyerer Urteil 1514. Der erste Teil bietet dabei einen Überblick über die von Reuchlin und seinem Widersacher Pfefferkorn publizierten Streitschriften und den Kreis ihrer Rezipienten, eine Analyse der Gutachten der Universitäten zum „Augenspiegel“ sowie eine Darstellung des Verfahrens gegen diese Schrift. Eine eigene Untersuchung ist dem Gutachten der Pariser theologischen Fakultät gewidmet. In diesem Zusammenhang wird auch die Wirksamkeit der kirchlichen Zensur thematisiert. Als „Vorgeschichten“ des Reuchlinkonflikts werden der Prozess gegen Johann Rucherat von Wesel und der im Jetzerhandel gipfelnde Streit um die Unbefleckte Empfängnis Mariens behandelt. Nach einer Reflexion über die Bedeutung von „Institutionen“ geht der dritte Teil der Frage nach, wie der Streit über das Gutachten Reuchlins sich immer weiter zuspitzen konnte: Dabei stehen zunächst Johannes Pfefferkorn und die Motive für sein Handeln im Vordergrund. Es schließt sich eine Analyse der von den Universitäten und Gelehrten erstellten Gutachten zu den jüdischen Büchern an, die in starkem Maße von judenfeindlichen Ressentiments geprägt sind, und von denen sich Reuchlins „Ratschlag“ deutlich abhebt. Der abschließende Teil zeigt anhand der Korrespondenz zwischen Reuchlin und den Kölner Theologen, wie sich der Ton auf beiden Seiten immer weiter verschärfte und die üblichen Mechanismen zur Eingrenzung von Lehrkonflikten versagten. Zur „Eskalation“ führte das Erscheinen von Arnold von Tongerns „Articuli“ und von Reuchlins „Defensio“, in denen das „gegenseitige Missverstehen geradezu zelebriert“ wird. Das vierte Kapitel „Integration und Desintegration“ beginnt mit einer Untersuchung der beiden „gelehrten Rollen“ Reuchlins als Humanist und als christlicher Kabbalist anhand seiner Schriften. Im Anschluss wird die Entwicklung des Konflikts nach der Verlagerung des Prozesses gegen den „Augenspiegel“ an die Kurie behandelt. Der Verlauf des Prozesses wird dargestellt und die möglichen Gründe für das für Reuchlin ungünstige Urteil diskutiert. Diese Phase des Konflikts ist durch das Eingreifen der Humanisten auf Reuchlins Seite gekennzeichnet. Reuchlin gelang es, ein ausgedehntes Netzwerk von Unterstützern aufzubauen. Zu den wirkungsvollsten Kräften dieses Netzwerks zählten die Mitglieder des Erfurter Humanistenkreises um Mutianus Rufus. Von den Humanisten wurden unterschiedliche literarische und publizistische Methoden zur Verteidigung Reuchlins entwickelt. Die bekannteste Frucht ihrer Unterstützung bilden die „Dunkelmännerbriefe“, denen eine ausführliche Abhandlung gewidmet ist. Das abschließende fünfte Kapitel dient der Zusammenfassung der Ergebnisse aus den beiden vorhergehenden Großkapiteln. Drei Reg. (Bibel- und Rechtsstellen, Personen und Schriften, Orte) erschließen den für die Reuchlinforschung wichtigen Bd.+TABRE+Gerald Dörner

Raffaele Ruggiero, Baldassarre Castiglione diplomatico. La missione del Cortegiano, Firenze (Olschki) 2017 (Biblioteca dell’Archivum Romanicum. Serie 1: Storia, letteratura, paleografia 471), XV, 151 S., ISBN 978-88-222-6513-5, € 22.

Die diplomatische Kommunikation als politische Verständigung gemäß den Regeln der humanistischen Rhetorik kennzeichnet, so ein Ergebnis von Ruggieros Studie, sowohl die Tätigkeiten Baldassarre Castigliones (1478–1529) als päpstlicher Nuntius am Hof Karls V. als auch sein berühmtes Werk „Il Cortegiano“ (Venedig 1528). Dieses Werk, dessen Verschriftlichung von Castiglione bereits 1508 in Angriff genommen wurde, erhielt nicht zufällig, nach einem letzten Überarbeitungsgang, gerade in jener Zeit das textliche Erscheinungsbild, das uns von der Erstedition von 1528 bekannt ist, als Castigliones „Diplomatie“ am Vorabend des Sacco di Roma (6. Mai 1527) am spanischen Hof gescheitert war. Nicht nur in Textdetails finden sich in seinem literarischen Hauptwerk Spuren einer Verarbeitung von Begegnungen und Erfahrungen des Diplomaten Castiglione (s. etwa S. 2, 8, 91). Es wird von Ruggiero insgesamt als Werk gedeutet, dessen letzte Überarbeitung und Veröffentlichung eng mit dem diplomatischen Erfahrungshorizont des Autors verzahnt ist. Ein weiterer Schwerpunkt von Ruggieros Buch ist der Vergleich zu Castigliones Zeitgenossen Machiavelli, dessen diplomatische und politische Aktivitäten im Dienste der Republik Florenz bis 1512 als wichtiger Hintergrund des „Principe“, der „Discorsi“ und anderer politiktheoretischer Werke, ja als Inkubationsphase seines politischen Denkens herausgestellt worden sind (z. B. durch Jean-Jacques Marchand, Jean-Louis Fournel, Dirk Hoeges). Demgegenüber benennt Ruggiero das Desiderat, auch den „Cortegiano“ innerhalb der politischen und diplomatischen Praxis Castigliones zu kontextualisieren. So wirkte dieser über zwei Jahrzehnte als diplomatischer Akteur, zunächst im Dienst des Herzogs von Urbino und später im Dienst der Medici-Päpste Leo X. und Clemens VII. Seit 1524 als ständiger Gesandter der pro-französischen Kurie am spanischen Hof trat Castiglione für eine Politik des Ausgleichs und der Kooperation mit Karl V. ein (in einer diplomatischen Relation vom 26. April 1526 spricht er etwa davon, dass „la salute de Italia consiste in concordare con l’imperatore“, S. 73). Immer wieder thematisiert Ruggiero Analogien und Unterschiede zwischen Castiglione und Machiavelli, nicht zuletzt die Gegensätzlichkeit der Positionen Castigliones zum „Anti-Humanisten Machiavelli“ (Volker Reinhardt) und dessen Eintreten für eine Außenpolitik, die auf dem Primat der „armi proprie“ beruht, und die der sprachlichen Kommunikation eine rein manipulative und instrumentale Bedeutung zumisst. Es sei angemerkt, dass die Kontextualisierung politiktheoretischer Werke Castigliones und Machiavellis in dieser, in ihrem Umfang schmalen Studie nur einen Nebenschauplatz darstellt. Hauptgegenstände sind, v. a. in den Kap. 1 bis 5, die Auswertung der diplomatischen Korrespondenzen Castigliones und ihre Verortung innerhalb der Genese eines diplomatischen Systems, in welchem die kleinen bis mittelgroßen italienischen Staaten zusehends in den Sog der globalen politischen Konflikte zwischen den Habsburgern und der französischen Krone gerieten und allein der Kirchenstaat einen unabhängigen politischen Kurs zu verfolgen versuchte. Ruggiero rekurriert dabei vor allem auf Forschungsbeiträge zur Diplomatiegeschichte der Renaissance (Garrett Mattingly, Lino Lazzarini, Daniela Frigo, Massimo Firpo). Die diplomatische Epistolographie des Adeligen Castiglione stellt sich hierbei als ein Quellenfundus heraus, der wertvolle Einblicke in die Bedeutung der „symbolischen Kommunikation“ (Barbara Stollberg-Rilinger) liefert, etwa der rituellen Aushandlungen symbolischer Ordnungen, die die Rangordnung der entstehenden europäischen Staaten und die Ehr-Ökonomien unter ihren gekrönten und ungekrönten Häuptern repräsentieren. Auch noch im Umfeld des propagandistischen Kampfes um die Deutung des Sacco di Roma sah Castiglione kurz vor seinem Tod, in seiner Invektive gegen den Erasmianer Alfonso de Valdés, eine Chance, seiner Politik durch politische Kommunikationsmittel zum Erfolg zu verhelfen. Ruggieros Perspektivierung Castigliones als Politiker und Diplomat lässt sich als Handreichung an die Forschung begreifen, Ideengeschichte und Diplomatiegeschichte enger miteinander zu verbinden.+TABRE+Stefano Saracino

Niccolò Alessi, Columbeidos, sive Vita b. Columbae virginis Reatinae Ordinis de poenitentia s. Dominici, a cura di Andrea Maiarelli, Spoleto (Fondazione Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo) 2017 (Quaderni del Centro per il Collegamento degli Studi Medievali e Umanistici in Umbria 57), CXVI, 331 S., Abb., ISBN 978-88-6809-141-5, € 65.

Die Dominikanerterziarin und Mystikerin Columba von Rieti (1467–1501) gehört zu denjenigen mystisch „begabten“ Frauen des späten Mittelalters, die für ihre Lebensweise kämpfen mussten. Geboren wurde sie als Angela Guadagnoli und ihre soziale Herkunft hätte – ähnlich wie bei Katharina von Siena – eher eine Existenz als Ehefrau und Mutter nahegelegt. Sie war knapp über 20 Jahre alt, als sie in Perugia einen Kreis gleichgesinnter Gefährtinnen um sich scharte, um mit ihnen ein Leben im Geiste Katharinas von Siena zu führen. Der strenge Lebenszuschnitt und die Ernsthaftigkeit ihrer Absichten beeindruckten Herzog Ercole I. von Ferrara, der ihr Förderer wurde und 1490 den Bau eines Konvents in Perugia finanzierte, wo Columba Priorin wurde. Sie machte durch Visionen und mystische Ekstasen von sich reden, vereinte „contemplazione e azione, acceso ascetismo e attivo apostolato“ (S. VIII), musste sich aber auch gegen Anfeindungen zur Wehr setzen, die gar zu ihrer kurzzeitigen Absetzung führten. Ihr Ansehen wurde deshalb aber nicht längerfristig in Mitleidenschaft gezogen: selbst Alexander VI. besuchte 1499 die im Ruf der Heiligkeit stehende Priorin. Im Alter von nur 34 Jahren starb sie. Ihre Seligsprechung durch Urban VIII. erfolgte 1625. Erste hagiographisch geprägte Schriften entstanden bereits kurz nach ihrem Tod, keine ist freilich mit derartig hohem literarischem Anspruch verfasst worden wie Niccolò Alessis 6802 Hexameter umfassendes Werk „Columbeis“. Seine Entdeckung in einer Hs. der Vatikanischen Bibliothek geschah zufällig – Andrea Maiarelli, dem dieser Glücksfund gelang, zeichnet denn auch als Hg. dieser komplexen Schrift verantwortlich, von der bisher nur kleinere Auszüge bekannt waren. In seiner umfangreichen Einführung geht Maiarelli zunächst auf die Person des Autors ein. Niccolò Alessi, um 1509/1510 in Perugia in eine Familie des gehobenen, more nobilium lebenden Bürgertums hineingeboren, war zunächst an der Kathedrale von Perugia bepfründet, bevor er 1533 im Florentiner Dominikanerkonvent San Marco den Habit nahm. Dort wurde man recht schnell auf seine geistigen Fähigkeiten aufmerksam: die weitere Karriere vollzog sich innerhalb dominikanischer studia. Als Prediger wurde er sehr geschätzt: auch Paul III. und Paul IV. lauschten seinen sermones. Seine im Jahr 1556 gehaltenen Fastenpredigten führten zu einer Bekehrung zahlreicher Prostituierter in Perugia, für die das Kloster „delle Convertite“ gegründet wurde. Unter dem Dominikanerpapst Pius V. stieg Niccolò ab 1566 zum Generalinquisitor für Perugia und Umbrien auf – ein Amt, für das er aufgrund seiner charakterlichen Prägungen und wissenschaftlichen Interessen nur bedingt geeignet war. Zeitgleich amtierte er ab 1570 als regens des dominikanischen studium generale in Perugia. Der Tod trat 1585 ein. Zuvor konnte Niccolò jedoch noch seine „Elogia“ abschließen – ein Werk zur Geschichte des Ordens und seiner viri illustres. Es bildet neben einigen kleineren Gelegenheitsdichtungen und der Vita der hl. Columba den einzigen Überrest einer einst stattlichen literarischen Produktion. Wie umfangreich diese tatsächlich war, zeigen die Auflistungen von Werktiteln, die Maiarelli verschiedenen Lebensbeschreibungen, Bibliotheks- und Ordensgeschichten entnimmt und deutet (S. LIX–LXV). Ohne Zweifel bildet die „Colombeide“ „il banco di prova più impegnativo per Niccolò letterato e poeta“ (S. LXVI). Auf Entstehungsgeschichte, Aufbau und Inhalt wird in einem gesonderten Kapitel eingegangen (S. LXVII–XCIV). Die Datierung des Werks ist allein aufgrund textimmanenter Hinweise möglich. 1577 scheint eine erste Fassung vorgelegen zu haben, die von Alessi in den folgenden Jahren freilich immer wieder überarbeitet wurde. Zur Abfassung des Werks stieg Alessi nicht selbst in die Archive, sondern stützte sich auf biographische Vorarbeiten: eine „Legenda latina“ samt ihrer volkssprachlichen Übersetzung von Sebastiano Angeli und eine gedruckte Biographie von Leandro Alberti. Die neun Bücher der „Colombeide“ sind in ihrer Struktur sehr eng an die Kapitelfolge der beiden Lebensbeschreibungen von Sebastiano Angeli angelehnt, setzen jedoch eigene Schwerpunkte. Hinzufügungen wie der bekannte Lobpreis der Stadt Perugia (lib. VI, V. 1–354) stehen neben nicht weniger „sprechenden“ Auslassungen, deren Zensur-Charakter auf der Hand liegt. Alessi verzichtet darauf, von den Schwierigkeiten in der monastischen Existenz Columbas, vor allem aber von den Auseinandersetzungen ihres Beichtvaters Sebastiano Angeli mit den kirchlichen Behörden zu berichten: ihm wurde eine allzu große Nähe zum Gedankengut Savonarolas unterstellt. Das Ansehen Columbas sollte durch solcherart Berichte nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Was Alessi letztendlich zur Abfassung seiner metrischen, aufgrund der inhärenten sprachlichen Herausforderungen an ein gebildetes Publikum aus hohem Klerus und Universitätsangehörigen gerichteten Lebensbeschreibung veranlasste, ist unklar; vielleicht entstand sie mit Blick auf eine „ufficializzazione del culto di Colomba“ (S. LXXXVIII). Stilbildend wirkte wohl Vergil mit seiner „Aeneis“. Zum Schicksal der Originalhandschrift und möglichen Abschriften (S. XCV–CXI) und zur Bedeutung der einzigen, noch heute erhaltenen Abschrift im Kodex Vat. lat. 11808 (S. CXIII–CXVI) äußert sich der Hg. in zwei weiteren Kapiteln. Die Edition selbst präsentiert sich nahezu fehlerlos und zeugt sowohl von der lateinischen Sprachbeherrschung Alessis als auch von den editorischen Fähigkeiten Maiarellis. Zum besseren Verständnis sind den einzelnen Kapiteln kleine „Regesten“, d. h. Inhaltsangaben auf Italienisch als Zugabe des Hg. vorgeschaltet. Sie finden sich en bloc noch einmal am Ende des Bandes unter dem Titel „Sequenza dei libri e della loro struttura“ (S. 291–315) vereint. Die Edition verfügt über zwei Apparate. Während der erste auf Besonderheiten innerhalb der lateinischen Lexik und Grammatik eingeht, erschließt der zweite den Text inhaltlich, indem Begriffe bzw. Begebenheiten erläutert und kontextualisiert werden. Als Verständnishilfe ist dieser zweite Apparat in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen. Die Edition gewährt Einblick in das, was man im 16. Jh. unter weiblicher Heiligkeit verstand, legt gleichzeitig aber auch Zeugnis ab von der stupenden Beherrschung der lateinischen Sprache durch Vertreter des Gelehrtenordens par excellence. Die Lektüre der „Colombeide“ lohnt in beiderlei Hinsicht.

Ralf Lützelschwab

Angelo Turchini, Il papa, vescovo e pastore. Nuove fonti per la riforma della Chiesa a Roma nel secolo XVI, Cesena (Il Ponte Vecchio), 2016 (Storie 97), 271 pp., ill., ISBN 978-88-6541-577-1, € 20.

Il volume di Angelo Turchini si presenta come una edizione di fonti dedicate alle visite pastorali realizzate nella diocesi di Roma dal 1529, pontificato di Clemente VII, al 1590, pontificato di Sisto V. L’opera è introdotta dall’autore, che presenta la raccolta documentaria e pubblica otto illustrazioni, ed è corredata da un indice dei nomi, dei luoghi e delle cose notevoli realizzato dallo stesso Turchini e da Luigi Vendramin (pp. 253–271). Nell’introduzione (pp. 7–40), l’autore presenta le fonti edite alla luce della storiografia che avvalora l’ipotesi di una Riforma cattolica, precedente e indipendente dal movimento controriformatore successivo alla divisione confessionale. Inoltre, l’autore esalta il ruolo del romano pontefice quale vescovo della città di Roma fin dai primi decenni del XVI secolo. La riforma progettata dal „Libellus ad Leonem X“ o dal „Consilium de emendanda Ecclesiae“ – per citare alcuni dei più autorevoli documenti che hanno anticipato progetti di riforma solo in parte realizzati dal concilio di Trento – sono intersecati dall’autore con le prime attestazioni di un interesse ordinatore da parte del pontefice verso le chiese, intese come edifici, come decoro materiale degli oggetti connessi al culto, come ordinata amministrazione economica e dei sacramenti, e verso i parroci e il clero in cura di anime della città. Solo in un secondo tempo, l’interesse dei visitatori si sarebbe spostato verso i conventi femminili e le confraternite, prendendo in considerazione solo parzialmente il popolo, coinvolto, ad ogni modo, solo in quanto testimone delle attività svolte dal clero. Interessanti sono poi le prime attestazioni di un esame per verificare l’idoneità dei candidati alla carica di parroco o la preparazione di parroci e curati, che documentano l’attenzione per l’identità professionale dei preti, ma che si inseriscono anche in una precedente tradizione locale di volontà uniformante della preparazione di base del clero. Anche per la diocesi romana, il concilio di Trento ha rappresentato un’accelerazione nella direzione del disciplinamento delle strutture di cura animarum, ma, nel contempo, il papato ha accentuato l’importanza di Roma come modello e riferimento per le Chiese europee. Delle otto illustrazioni pubblicate a corredo del volume, una presenta un documento di indulgenze per il clero e sette sono cartine topografiche dei luoghi pii visitati e dell’ordine seguito dai visitatori nel susseguirsi delle diverse visite. I documenti (pp. 45–252), che provengono prevalentemente da vari archivi romani (Archivio di Stato, Archivio del Vicariato, Archivio Segreto e Biblioteca Apostolica), sono raggruppati in sette nuclei secondo un andamento cronologico. Si alternano fonti tipologicamente diverse, come atti di visite, editti di riforma e normative; elenchi di nomi di parrocchie e di rettori, di ospedali, monasteri e confraternite romane; libri di visite; relazioni sintetiche chiesa per chiesa; linee guida date dai pontefici ai visitatori con l’indicazione delle priorità per i visitatori. I primi documenti editi sono in latino, mentre gli ultimi gruppi di documenti, risalenti al pontificato di Sisto V, sono quasi tutti in italiano. Nell’ultimo gruppo vi sono memoriali di denuncia dei disordini e della irriducibile indisciplinatezza della realtà religiosa romana; petizioni al papa per il buon governo materiale e spirituale di Roma o per gli esercizi spirituali da proporsi alla popolazione per l’anno santo del 1575.+TABRE+Maria Teresa Fattori

Felix Hartlaub, Don Juan d’Austria [sic!] und die Schlacht bei Lepanto, hg. von Wolfram Pyta und Wolfgang Matthias Schwiedrzik, Neckargemünd (Edition Mnemosyne) 2017 (GegenSatz 8), 292 S., Abb., ISBN 978-3-934012-30-1, € 24.

Der im Nachkriegsdeutschland und den vergangenen Jahrzehnten wiederentdeckte Schriftsteller Felix Hartlaub (* 1913, † vermutlich 1945) promovierte 1939 an der Berliner Universität mit einer Arbeit zu „Don Juan d’Austria und die Schlacht bei Lepanto“, dem Oberbefehlshaber eines katholischen Ligaverbundes, der im Oktober 1571 die Osmanische Flotte vernichtend bezwang. Bereits im Folgejahr erschien die Monografie in der Reihe „Schriften der kriegsgeschichtlichen Abteilung im Historischen Seminar der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin“ des Verlags Junker und Dünnhaupt, der „sich deutlich auf die Seite der neuen Machthaber“ geschlagen hatte (S. 27). Hartlaub selbst wurde wenig später (1942), wie die Hg. der nun vorliegenden Neuauflage zurecht hervorheben, zu einem „Rädchen im zentralen Getriebe einer skrupellosen Mordmaschinerie“ (S. 22): als Mitarbeiter der Kriegsgeschichtlichen Abteilung im Oberkommando der Wehrmacht arbeitete Hartlaub an dem für Adolf Hitler vorgesehenen „Kriegstagebuch“ mit; bis November 1944 hielt er sich im Führerhauptquartier auf. Weshalb haben die Hg. Hartlaubs Monografie nun neu zugänglich gemacht? Wolfgang Schwiedrzik feiert die Schrift als „glänzende Dissertation“ (S. 9), die zu einer Neuentdeckung Hartlaubs als Militärhistoriker beitrage (S. 15). Zur Seeschlacht von Lepanto arbeitende Historiker/-innen sind allerdings mit seiner Arbeit vertraut. Hartlaub stützte sich in seiner Lepanto-Studie auf die um 1900 zahlreich erschienenen Quelleneditionen. Die Archive mit ihren massenhaften Quellenbeständen zur Seeschlacht – hier ist Wolfram Pytas Anmerkung zu „einer nur spärlichen Quellenüberlieferung“ (S. 267) nachdrücklich zu widersprechen – beließ Hartlaub gänzlich unberührt. Angesichts dieser Beobachtung sowie zahlreicher in der Zwischenzeit erschienenen ereignisgeschichtlichen Lepanto-Studien (Alessandro Barbero, Hugh Bicheno) und Biografien des Liga-Befehlshabers (Marita A. Panzer) ist umso nachdrücklicher zu fragen, weshalb Hartlaubs Monografie eigentlich einer Neuauflage bedurfte. Die Frage stellt sich umso dringender, wenn wir die zeitgenössische Rezeption der Arbeit berücksichtigen (vgl. die Rezension von Roger B. Merriman, in: American Historical Review 46,3 [1941], S. 713). Wofür zeitgenössische Historiker Hartlaub einhellig lobten, war sein erzählerisches Talent, die persönlichen Erfahrungswelten des Oberbefehlshabers der sogenannten „Heiligen Liga“ darzustellen. Ein Rezensent der „Historischen Zeitschrift“ pries 1942 Hartlaubs „Kenntnis der Gesamtpersönlichkeit“ Don Juans (Historische Zeitschrift 165,1 [1942], S. 208). An dieser Stelle soll besonders auf die politischen Implikationen und Problematiken der Neuauflage von Hartlaubs Monografie hingewiesen werden. Akribisch arbeiten die Hg. Hartlaubs Milieu heraus: sein Beitrag zum nationalsozialistischen Regime sowie das geistesgeschichtliche Umfeld, in dem seine Lepanto-Studie entstand. Zwar distanzierte sich Hartlaub teilweise von einem Geschichtsverständnis, das an Stefan Georges Arbeiten angelehnt war, doch sein Doktorvater Walter Elze, selbst Mitglied des George-Kreises, gab die Thematik vor. Es ist deshalb bedauerlich, dass es die Hg. versäumen, genauer danach zu fragen, inwieweit Hartlaubs Studie selbst im Dunstkreis des nationalsozialistisch vereinnahmten George-Zirkels zu verorten ist: Es waren letztlich gerade der von den Hg. als literarische Leistung gepriesene Duktus und das ästhetisch gestalterische Geschichtsnarrativ Hartlaubs, die die Studie für einen nationalsozialistischen Propaganda-Verlag interessant machte. In dem Jahr, in dem die Lepanto-Studie veröffentlicht wurde, erschienen bei Junker und Dünnhaupt u. a. die Arbeiten von Ernst Anrich, „Die Bedrohung Europas durch Frankreich: 300 Jahre Hegemoniestreben aus Anmassung und Angst“, und Gert Bennewitz, „Die geistige Wehrerziehung der deutschen Jugend“. Hartlaubs Studie fand in diesem nationalsozialistischen Umfeld gerade deshalb Akzeptanz und Wertschätzung, weil er Don Juan als männliche Heroenfigur im Weltgeschehen, als Helden inmitten der „großen Zusammenhänge der abendländischen Geschichte“ stilisierte, die Lepanto „als das mächtige Denkmal eines geschichtlichen Wendepunktes“ erscheinen lassen (S. 234). Hier übernimmt Hartlaub nicht nur das Rankesche Diktum der „universal-historischen Entscheidung“, sondern narrativiert es als ästhetisches Gestaltungsprinzip seiner Monografie. Es geht ihm um eine „Sinngebung des Tages von Lepanto“ anhand Don Juans „Wesenheiten“ (S. 238) und „Wirken“ (S. 45). Hartlaubs psychologisierendes Erzählpathos wirkt form- und inhaltsgebend, wenn er beispielsweise anführt, wie Don Juan „von düsteren Stimmungen gequält“ gewesen sei: „Je näher er dem Kriegsgebiet kam, desto weiter schien sich die ersehnte große Gelegenheit zu entfernen“ (S. 173). Der Vf. beabsichtigte, „das Seelische (Don Juans zu) berühren“ (S. 239), womit er das „Rauschen“ der Geschichte (im Sinne Georges und seiner Adepten) im dialektischen Wirken großer Mächte zu veranschaulichen suchte. Dieses erzählerische Prinzip feiern die Hg. nun als literarische Leistung; doch das Erzählprinzip war vor allem propagandistisch. Es war ebenjener, in der Diss. zu Lepanto erprobte Erzählstil, der es Hartlaub ermöglichte, seine Karriere in der Kriegsgeschichtlichen Abteilung im Oberkommando der Wehrmacht fortzusetzen. Er hatte „die Aufgabe, für Hitler persönlich eine lebendige Geschichte des Krieges zu schreiben, in welcher nicht zuletzt Hitler als Feldherr eine zentrale Position einnehmen sollte“ (S. 276). Im Erzählen einer ebensolchen, auf einen „Führer“ fokussierten, „lebendige[n] Geschichte“ militärischer Ereignisse hatte sich Hartlaub in seiner Lepanto-Studie als Meister erwiesen. Wenn die Hg. ihn nun gerade aufgrund seines erzählerischen Zuschnittes als „ein[en] frühe[n] Exponent[en] einer heute modern wirkenden Kulturgeschichte“ preisen, „der einen Zugang favorisierte, welcher die historischen Akteure ins Zentrum rückte und diese farbig ausleuchtete“ (S. 281), verfehlt es die Kontexte und verschweigt die ideologischen Aspekte dieser Erzähltechnik. Umso problematischer ist es, wenn Medien wie „Der Tagesspiegel“ diese Einschätzung und Hartlaub als einen „frühe[n] Vorläufer einer modernen Kulturgeschichte“ feiern (Ausgabe vom 08. 08. 2017). Es bedarf alternativer Narrative, die der Komplexität Lepantos sowie der Geschichte christlich-muslimischer Kontakte in Europa, im Mittelmeerraum sowie in Eurasien gerecht werden. Der Hg. hingegen sitzt den ideologischen Implikationen von Hartlaubs Erzählstil auf, wenn er dessen Heldennarrativ wiederbelebt und Lepanto mit heutigen Ereignissen vergleicht. Hartlaubs Arbeit stoße, so Schwiedrzik, sicher auf „größeres Interesse“ angesichts des „bedrohliche[n], militante[n] Vorstoß[es] des (politischen) Islam[s] nach Europa in Form von gezieltem Terror, in Form von massenhaften Flüchtlingsströmen aus muslimischen Ländern, aber auch in Form des bewussten Ausbaus von Parallelstrukturen (mit dem Primat der Scharia) und den Aufbau 5. Kolonnen durch die Regimes in Saudi Arabien, der Türkei und anderen Ländern.“ Mit „den Millionen von Muslimen, die in den letzten Jahrzehnten nach Europa eingewandert sind“, so fährt er fort, sei „Europa … heute in einer Weise von außen (und inzwischen auch von innen) bedroht wie schon seit den Türkenkriegen von 1526–1532 und der Belagerung Wiens im Jahr 1683 nicht mehr … Die öffentliche, über die modernen Medien verbreiteten Hinrichtungen [sic!] christlicher Männer und Schändung christlicher Frauen durch die IS-Terroristen gibt einen Vorgeschmack auf das, was die Islamisten anzustellen bereit sind, sollten sie irgendwo in Europa auch nur vorübergehend die Oberhand gewinnen“ (S. 33 f.). Derartige Stellungnahmen stilisieren „Lepanto“ als ein Leitmotiv für aktuelle Ereignisse, sie entbehren geschichtswissenschaftlicher Haltbarkeit und verwandeln die Neuauflage von Hartlaubs Diss. in eine Hetzschrift, die sich rechtspopulistischer und -propagandistischer Vereinnahmungen der Seeschlacht bedient (vgl. hierzu der Hans-Georg Betz/Susi Meret, Revisiting Lepanto. The political mobilization against Islam in contemporary Western Europe, in: Patterns of Prejudice 43,3–4 [2009], S. 313–334). Statt also wie Schwiedrzik die „Regensburger Vorlesung“ Papst Benedikts XVI. als weiterführende Lektüre zu empfehlen, möchte ich die für alternative Lepanto-Erzählungen sensibilisieren. Wer über die Seeschlacht mehr erfahren will, tut gut daran, sich den Quellen zuzuwenden und nicht allein die Schilderungen ranghoher Befehlshaber zu lesen, sondern auch solche von Juden, Muslimen, Griechisch-Orthodoxen, Protestanten und einfachen Katholiken sowie von Frauen und Sklaven. All jenen Stimmen werden die Leser/-innen weder in Hartlaubs Bd. noch in der hier vorliegenden Neuauflage begegnen. Wie die Fehlschreibung des Protagonisten im Titel bereits zeigt, sind die Hg. keineswegs Kenner der Seeschlacht von Lepanto. Gerade aufgrund ihrer Expertise in der Geschichte des 19. und 20. Jh. und ihrer detaillierten Aktenarbeit zu Hartlaubs ideengeschichtlichem und persönlichem Umfeld wäre es aber wünschenswert gewesen, wenn sie die Diss. auch im Hinblick auf eine bereits 1941 aufgeworfene Frage erforscht hätten. Damals schrieb Roger B.Merriman über Hartlaubs Diss.: „… one instinctively wonders, as one inevitably does whenever one reads any German historical monograph that has been published since September, 1939, what the inner feelings of the author are in regard to the present crisis“ (The American Historical Review 46,3 [1941], S. 713). Merrimans scharfsinnigem Kommentar in Folge der deutschen Kriegsverbrechen in Polen und des Beginns des Zweiten Weltkrieges ist umso dringlicher nachzugehen, als dass Hartlaubs Monografie zumindest eine doppeldeutige Textstelle enthält: Lepanto „gehörte … zu den … allzu verschwenderischen Blutopfern, an denen vor allem auch die deutsche Geschichte so reich ist“ (S. 237). Ein solcher Satz vermag zu veranschaulichen, wie Hartlaub im Nationalsozialismus lebte, dachte, publizierte und sich zugleich von gewissen Aspekten distanzierte. Diese Ambivalenz des Textes begründet zugleich, warum er keineswegs in Vergessenheit geriet. Fernand Braudel, den Hartlaub in seiner Diss. mit einem 1928 erschienenen Aufsatz zitiert, griff umfänglich auf Hartlaubs Lepanto-Studie zurück. Pyta führt zurecht an, dass Braudel Hartlaub „einen bislang kaum beachteten Ritterschlag“ verlieh, indem er dessen Lepanto-Studie umfänglich rezipierte. In der „Méditerranée“ nannte Braudel Hartlaub „allein viermal … namentlich … – selbst Leopold von Ranke brachte es ebenfalls nur auf vier Namensnennungen“ (S. 271). Dies ist sicher Braudels Wertschätzung des erzählerischen Gehaltes und Faktenreichtums von Hartlaubs Studie geschuldet, aber es ist zumindest teilweise auch eine Konsequenz der Umstände, unter denen Braudels „Méditerranée“ entstand: in deutscher Kriegsgefangenschaft von 1940 bis 1945. In den Bibliotheken der „Offizierslager“ war Hartlaubs zumindest propaganda-affine Erzählung eine rezente bibliografische Referenz für Braudels schriftstellerische Mammutaufgabe. „It was in captivity that I wrote that enormous work“, schrieb Braudel 1972, und „had it not been for my imprisonment, I would surely have written quite a different book“ (Fernand Braudel, Personal Testimony, in: The Journal of Modern History, 44,4 [1972], S. 453). Die Frage stellt sich also, ob Hartlaub – der just in jenen Jahren Zutritt zum Führerhauptquartier besaß – nicht auch eine andere Lepanto-Arbeit geschrieben hätte, wenn sie nicht von Walter Elze betreut, nicht 1939 eingereicht, und nicht 1940 publiziert worden wäre. Eine solche kontrafaktische Überlegung hilft ganz sicher, das „Nachleben“ (Aby Warburg) der Seeschlacht von Lepanto bei der Lektüre des hier rezensierten Bd. mitzudenken. Die Frage, wie Lepanto zu einer solch ambivalenten Denkfigur werden konnte – einer Denkfigur, die Faschisten in den 1940er Jahren ansprach und heute nach wie vor anspricht, die es einem Autor wie Hartlaub erlaubte, von nationalsozialistischen Karrierepfaden zu profitieren und sich zugleich vorsichtig zu distanzieren, und die schlussletztlich heutige Hg. dazu verleitet, ideologisch über Flüchtlinge zu schreiben –, findet auch in der vorliegenden Neuauflage keine zufriedenstellende Antwort.+TABRE+Stefan Hanß

Gigliola Fragnito/Alain Tallon (ed.), Hétérodoxies croisées. Catholicismes pluriels entre France et Italie, XVIe-XVIIe siècles, Roma (École française de Rome) 2017 (Collection de l’École française de Rome 508), 514 pp., ISBN 978-2-7283-1143-9, € 27.

The essays of this anthology (Corrado Pin’s and Sylvio Hermann de Franceschi’s are, unfortunately, incomplete in the printed version due to errors in the production process) are available online on https://books.openedition.org/efr/2823. The book is the outcome of several workshops organised in the context of the joint research project „Hétérodoxies croisées et controverses doctrinales entre France et Italie (xvie–xviie siècles)“ of the École française de Rome, the University of Parma and the University of Paris-Sorbonne (2008–2011). In the introduction, Alain Tallon and Gigliola Fragnito immediately identify the proverbial elephant in the room in the relationship between French and Roman Catholicism: the conundrum of a vigorously Gallican Church that nonetheless never parted ways with the Apostolic Church of Rome, and that bears witness to the plurality of early modern Catholicisms evoked in the anthology’s title. Unsurprisingly, Gallicanism is a recurrent theme in the five sections of this book. In the first section, „Parlement, diplomatie et pouvoirs romains“, Bernard Barbiche presents a typology of affairs and strategies of conflict avoidance in papal and royal diplomacy under Henry IV (including book censorship), while Elena Bonora provides insightful reading of the confessionalisation of papal diplomacy, notably by the Holy Office and agents of the religious orders, in the 16th Century. Sylvie Daubresse furnishes the reader with well-researched examples of the pragmatic dealings of the Paris Parliament with papal writs in the early 16th Century that puts the occasionally highly conflictual nature of relations between Rome and France into perspective. The section „Organisation du contrôle de l’imprimé“ hosts two excellent surveys of the evolution and maturing of religious censorship in Italy in the 16th Century (Gigliola Fragnito) and France in the 16th and 17th Centuries (Jean-Louis Quantin). In controverses more specific issues pass the review: the conflicting theories of doctrinal authority between Cajetan and the Gallican author Almain, which raise the question of whether doctrinal and ecclesiological plurality was in fact the worm in the apple of confessional unity (Frédéric Gabriel); two complementary contributions by Benoît Schmitz on the perception of papal power in France, in the context of the Roman bulls against Henry of Navarre and on the Paris condemnation of Luther’s propositions respectively; and the Roman, European and French experiments leading to the authoritative Catechism of Bellarmine, which aimed at avoiding references to controversy and shied away from immediate references to the Scripture (Michela Catto). The next section, „La censure des livres“, kicks off with Giorgio Caravale’s exploration of Roman censorship of French books in the 2nd half of the 16th Century, ending on a high note concerning the tensions and rivalries between Inquisition, Index congregation and the Pontiff in the 1590s. Elena Valeri highlights how Italian historiographers found a mirror in the French religious wars to dwell on the Pax Hispanica, in analogy to similar instrumentalizations of the War of Flanders after its collapse in Italy. The next two articles by Jean-Louis Quantin and Miguel Gotor investigate the censorship of Masson in Rome and Ignatius’ Sermons by the Faculty of Divinity of Paris respectively against the background of different shades of Gallicanism. The position of the Society of Jesus in France and in Rome proves also central to Jean-Pascal Gay’s in-depth analysis of Nicolas Chichon’s travails in the 1620s and 1630s to have Suarez and other Jesuits censures by the Holy Office in the wake of the Congregations de Auxiliis in Rome and the „dynasticisation“ of the order in France. Rome is still looming large in the histoires croisées „without Rome“ between Venise and France in the fifth and last section. Two contributions focus on affinities between the Kingdom and the Most Serene Republic that blossomed in the early 1600s, via the analysis of Paolo Sarpi’s dialogue with the Gallicans (Corrado Pin); and the profiling of Venice as „perfect governance“ with the reason of State as the guarantor of Orthodoxy on par with the Most Christian King (Sylvio Hermann de Franceschi). The last contribution of this section and of the anthology, by Antonella Barzazi, explores the rise and demise of intellectual networks that strongly identified with French literary culture as long as Spain was the dominant force to be challenged, but that dismantled gradually under the Reign of Louis XIV – in the same time period in which Gallia amica non vicina became, across the Alps, the parole of that other great Republic, the United Provinces. The anthology succeeds in offering a panoramic view on research in Italy and France addressing the doctrinal ruptures and entanglement between the Holy See, Italian states (i. e. Venice), and the Church’s „Eldest Daughter“ between 1500 and 1650 through a series of case studies that, to variable degrees, engage with the central subjects of the book – entanglement and plurality. These two concepts constitute lines of approach that, in the opinion of this reviewer, are likely to revolutionise modern scholarship on early modern Catholicism (for conceptualisation, see especially Schmitz, Gabriels, and Gay). Two questions remain, however. Firstly, this reviewer is somewhat baffled by the absence of contributions for the 2nd half of the 17th Century. The contributions of eminent specialists in that time period (Quantin, Gay, among others) feed the impression that this was a deliberate choice on behalf of the editors. However, such a choice would call for an explanation – and, above all, for a sequel to this volume: together with the Spanish Netherlands, France is the best represented country outside Italy in the Archives of the Congregation for the Doctrine of the Faith; in the context of the Jansenist and other theological and ecclesiological controversies, but also because of French quietist works flooding the Italian book market and due to the radiation of French historiography, among others. Roman interventions being often triggered by the warring factions themselves, the assessment that „en France, on se souciait peu de l’Index“ (Barbiche) does little justice to the recurrent solicitation, appropriations and transfers of Roman doctrinal authority across the Alps. Because of its centrality, some problems may reside, secondly, in the rather classical, top down approach to Gallicanism in the introduction. This approach does little to address the conundrum of the ongoing entanglement of the French Church with the „Church of Rome“. Daubresse’s contribution lifts a tip of the veil. In the decades under her scrutiny, the proud Gallican Church was paradoxically devouring Roman bulls and briefs for benefices, indulgences, dispensations in ever larger numbers, turning upside down the (unproven) assumption that the emergence of national churches and dynastic states inevitably triggered a demise of the Roman curia. These little histoires croisées between local realities and Roman offices in papal registers, these grassroots moments of „glocalisation“ and papal universalism, need to be taken into account too, alongside the themes addressed in this book, for a better understanding of early modern Catholicism as a polycentric and plural community of conflict headed by a polymorphic papacy.+TABRE+Bruno Boute

Le cacce reali nell’Europa dei principi, a cura di Andrea Merlotti, Firenze (Olschki) 2017 (Centro Studi della Reggia di Venezia. La civiltà delle corti. Nuova serie 1), XII, 350 S., Abb., ISBN 978-88-222-6417-6, € 34.

Lange Zeit tummelten sich im kleinen Gehege der Jagdhistoriographie fast ausschließlich passionierte Jäger, die für frühneuzeitliche Fürstenjagden vor allem Tadel übrighatten: Zu sehr standen etwa die sogenannten „Eingestellten Jagden“, bei denen mehrere Duzend Tiere zusammengetrieben und vor versammeltem Hof niedergeschossen wurden, in Kontrast zur modernen Weidmannsethik, die als Jagd vor allem die einsame Pirsch auf offener Flur gelten lassen will. Bereits in den 1970er Jahren erkannten jedoch vereinzelte Studien die Bedeutung der Fürstenjagd für Prozesse der Staatsbildung, und spätestens seit der 1996 publizierten Monographie von Philippe Salvadori über die Jagd im französischen Ancien Régime ist auch deren Bedeutung für die Organisation des Hofes und die Repräsentation königlicher Souveränität grundsätzlich bekannt. Dennoch lässt sich seit einigen Jahren eine eigentliche Konjunktur historischer Forschungen zur Jagd feststellen, die von der stärker sozial- und kulturgeschichtlichen Ausrichtung der Adels- und Hofgeschichte zeugt, aber auch von neuen, global-, umwelt- oder tiergeschichtlichen Fragestellungen herrührt. Der zu besprechende Sammelbd. untersucht die Bedeutung von Fürstenjagden in Räumen, die bisher etwas weniger im Fokus der internationalen Forschung standen, etwa Dänemark, Polen, Spanien und insbesondere Italien. Dabei geht es dem Hg. u. a. darum, den politischen Funktionen der Fürstenjagd als Mittel zur Disziplinierung der Eliten und der Repräsentation von Souveränität auf die Spur zu kommen. Insgesamt 18 Beiträge, die sich zuerst europäischen Fallbeispielen (Teil 1) und dann detaillierter mit den Jagden italienischer Souveräne (Teil 2) befassen, nehmen sich dieser Aufgabe an. Bei der Lektüre des ersten Teils zeigen sich vielfältige Transferprozesse, etwa wenn der dänische König Friedrich II. in der zweiten Hälfte des 16. Jh. organisatorische Strukturen und Jagddomänen zur Ausrichtung von „Hauptjagden“ nach kursächsischem Modell aufbaute, oder Akteure wie der vom Turiner Hof herkommende Maler Giovanni Battista Curlando, der um 1690 für den Kurfürst von Bayern einen Zyklus großformatiger Jagdgemälde schuf, zur Entstehung einer hofübergreifenden Jagdikonographie beitrugen. Zudem lassen sich gesamteuropäische Konjunkturen feststellen, etwa die Verbreitung der hochgradig formalisierten chasse à courre, welche die Stellung des Souveräns besonders hervorhob, aber auch regionale Varianten wie die spektakulären Jagden auf Auerochsen, Elche und Bären in Polen-Litauen, die König Sigismund II. August für seine Diplomatie nutzbar zu machen wusste. Etwas bedauerlich ist, dass die meisten Beiträge kaum über ihren Untersuchungsfall hinausblicken, und eine abschließende (oder in der Einleitung vorgelagerte) Synthese fehlt. So stehen auch die Beiträge zu den Fürstenjagden in Italien im zweiten Teil recht unvermittelt nebeneinander, obgleich gerade sie viel kontrastierendes Vergleichsmaterial für die unterschiedliche repräsentative Nutzung der Fürstenjagden böten: Während sich die bourbonischen Herrscher in Neapel ab etwa 1734/35 anschickten, die neuerlangte Königswürde im Medium repräsentativer Jagdarchitektur zum Ausdruck zu bringen, inszenierte sich das fast zeitgleich an die Macht gelangte Haus Lothringen im Großherzogtum Toskana in Abgrenzung zu dieser Tradition als Motor der Aufklärung, indem die Ausgaben für „unnütze“ Prunkjagden stark reduziert und Jagdparks in Orte agrarisch-zootechnischer Innovation oder öffentlicher Erholung umgestaltet wurden. Insgesamt lohnt sich ein Blick in den reich illustrierten Bd., der die Bedeutung des Phänomens Fürstenjagd facettenreich unterstreicht, aber allemal.

Nadir Weber

Francesco Vitali, I nunzi pontifici nella Firenze di Ferdinando I (1587–1609), Roma (Edizioni Nuova Cultura) 2017 („I Chioschi gialli“. Collana di Storia e Cultura d’Europa 24), 196 S., ISBN 978-88-86812-849-4, € 19.

Die apostolische Nuntiatur von Florenz zählt zu den am wenigsten erforschten päpstlichen Vertretungen in der Frühen Neuzeit. Dies gilt vor allem im Hinblick auf die Herausgabe der Korrespondenz der Florentiner Nuntien mit dem päpstlichen Staatssekretariat. Im Gegensatz zu den anderen Nuntiaturen kann die Forschung bislang auf keine Edition der regelmäßigen Instruktionen und Berichte der Nuntiatur in der Toskana zurückgreifen. Für das ausgehende 16. Jh. und das beginnende 17. Jh. geben uns immerhin die von Klaus Jaitner und Silvano Giordano publizierten Hauptinstruktionen eine Vorstellung von der Perspektive der römischen Kurie und deren Erwartungshaltung im Hinblick auf das Großherzogtum. Einige Spezialstudien lieferten darüber hinaus wichtige Details. Nun aber liegt eine an der Sapienza entstandene Doktorarbeit im Druck vor, die für die zwei Jahrzehnte um 1600 auf der Grundlage der guten vatikanischen Überlieferung einen Einblick in die Praxis der Nuntiatur von Florenz gibt. Den Rahmen der Studie bildet die Regierungszeit von Großherzog Ferdinando I. Zu jener Zeit war das Nuntiaturwesen nahezu voll ausgebaut und funktionsfähig, insbesondere im Hinblick auf die Informationsflüsse von und nach Rom. Vor allem zwei Themen der großen internationalen Politik spiegeln sich in der Tätigkeit der am Arno wirkenden Nuntien wieder: der Kampf gegen die Osmanen und der französisch-spanische Gegensatz vor dem Hintergrund der zunächst noch offenen französischen Sukzessionsfrage, wobei die Toskana unter Großherzog Ferdinando weitgehend eine dezidiert francophile Haltung verfolgte. Auch die von Rom argwöhnisch beobachteten Kontakte zwischen der Toskana und England (Reise von Virginio Orsini) bzw. Schottland um 1600 entsprechen dieser Tendenz. Erst gegen Ende der Regierungszeit von Ferdinando I. erfolgte ein Kurswechsel zugunsten Spaniens, der mit der Verheiratung des Thronfolgers mit der spanischen Infantin Maria Magdalena 1608 besiegelt wurde. Einen zentralen Punkt der Aktivitäten der Florentiner Nuntien bildete die Behauptung der kirchlichen und päpstlichen Rechte, wie die zahlreichen Jurisdiktionsstreitigkeiten belegen (auch im Zusammenhang mit dem Banditenwesen). Besonders komplex gestaltete sich die Beilegung des Streits um die Besteuerung des Klerus im Kontext der fossi pisani gegen Ende des 16. Jh., an der die Nuntien Offredi und Ginnasi arbeiteten. Die in dieser Publikation behandelte Agenda der von 1587 bis 1609 in Florenz tätigen Nuntien enthält überraschend wenig „Trient“, vor allem im Hinblick auf die Klerusreform. Offensichtlich gab es keine größeren Probleme bei der Umsetzung der Dekrete des Konzils, die vom Landesherrn schnell anerkannt worden waren (S. 19). Im Bereich der Inquisition agierten die Nuntien zwischen dem weltlichen Arm, dem örtlichen Inquisitor und dem SantʼUffizio. Besondere Aufmerksamkeit schenkte etwa Nuntius Grimani den Häfen von Livorno und Pisa, die im Hinblick auf die Bewahrung der katholischen Konfession eine hohe Vulnerabilität aufwiesen (Maßnahmen gegen Juden und Engländer). Auch die Kontrolle des Buchmarkts gehörte zu den Kernaufgaben der toskanischen Nuntiatur. Vitali behandelt in diesem Zusammenhang zwei interessante Fälle (die Schrift des Cosimo Filiarchi über den Monte di Pietà von Florenz und den Fall des gegen Clemens VIII. und seine Nepoten gerichteten „Credo“ des Bartolomeo Peretti). Die Arbeit bewegt sich auf einer soliden Quellenbasis. Ausgewertet wurden einschlägige Dokumente des Archivio Segreto Vaticano und des Archivio di Stato von Florenz. Gerade aufgrund des Umfangs des ungedruckten Materials, das herangezogen wurde, wäre ein Verzeichnis der benutzten Bestände wünschenswert gewesen. Auch ein Verzeichnis der einschlägigen Literatur fehlt, was gerade bei diesem noch weitgehend unerforschten Thema bedauerlich ist. Diese beiden Monita schmälern indes in keiner Weise den Wert dieser Studie, die uns das schillernde Spektrum der Aufgaben der Florentiner Nuntien vor Augen führt. Dadurch gewinnen das Großherzogtum der Toskana, aber auch die Beziehungen zwischen Rom und Florenz im Kontext der italienischen und europäischen Staatenwelt und ihrer politischen und konfessionellen Debatten um 1600 neue Konturen.+TABRE+Alexander Koller

Marco Albertoni, La missione di Decio Francesco Vitelli nella storia della Nunziatura di Venezia. Dai primi incarichi alla guerra di Castro (1485–1643), Città del Vaticano (Archivio Segreto Vaticano) 2017 (Collectanea Archivi Vaticani 104), 347 S., ISBN 978-88-98638-06-2, € 25.

Francesco Vitelli − der Vorname Decio wurde selten gebraucht – trat 1612 als Referendar beider Signaturen in den Dienst der römischen Kurie. Das Amt des Nuntius in Venedig, wo auch noch nach dem Tod Paolo Sarpis stets mit krisenhaft eskalierenden Spannungen zu rechnen war, übte er von 1632 bis 1643 aus – erheblich länger als die meisten Amtsträger – und hinterließ eine umfangreiche Dienstkorrespondenz, die bisher bei weitem nicht ihrem Gehalt entsprechend von der Forschung wahrgenommen wurde. Es ist daher verdienstvoll, dass der Autor die Sammlung und Beschreibung des reichen Quellenmaterials übernahm. Darüber hinaus bietet seine Darstellung einen Überblick über die Gesamtgeschichte der Nuntiatur in Venedig während der ersten eineinhalb Jahrhunderte ihres Bestehens und eine auf umfangreiche Textzitate gestützte thematische Auswertung der Korrespondenz Vitellis mit dem Staatssekretariat in Rom. Wertvoll für weitere Forschung ist insbesondere die Auflistung der einzelnen Kodizes im Vatikanischen Geheimarchiv, die Originale oder Register von Berichten und Weisungen der Nuntiaturkorrespondenz enthalten, mit Angaben zum zeitlichen Rahmen, zur Übermittlungsart in Normalschrift oder Chiffren und mit Nennung der wichtigsten Inhalte. Nicht näher beschrieben, aber mit Signaturen genannt ist ferner der Schriftverkehr mit anderen Nuntiaturen und mit weiteren Adressaten. Er ist wichtig für eine Einschätzung der über Venedig hinausweisenden Aufgaben der Nuntiatur und für eine allgemeine Würdigung der Persönlichkeit Vitellis. Als verdienstvoll ist auch anzuerkennen, dass der Vf. die Nuntiatur Vitellis nicht zeitlich isoliert darstellt, sondern sie weit ausholend in den Zusammenhang der konfliktreichen historischen Entwicklung stellt, die die Beziehungen zwischen Papsttum und Venedig charakterisiert und ihren Tiefpunkt in dem Interdikt von 1606/07 erlebt. Nach den Anfangsjahren, in denen Probleme der europäischen Politik im Vordergrund stehen, ergeben sich als Konstanten die wiederkehrenden Spannungen um die Kompetenzen des Nuntius, insbesondere um das Verhältnis der kirchlichen zur venezianischen Jurisdiktion. Eine Besonderheit der Situation in Venedig ist das durch die Ausbreitung reformatorischen Gedankenguts bedingte enge Zusammenwirken von Nuntien und römischer Inquisition, wobei seit 1547 Venedig Mitspracherechte erwirkte und ausübte. Eine bedeutende, auch wirtschaftliche Rolle spielten daneben stets Auseinandersetzungen um die Überwachung von Buchdruck und Buchhandel und um die Schiffahrt auf der Adria. Zur Schilderung der Amtsgeschäfte Vitellis zieht der Vf. neben älterer Literatur die Biographie heran, die ein dankbarer Mitarbeiter nach dessen Tod verfaßte. Er kann so Angaben machen zum Personal, zur Finanzausstattung, zur Lebensweise und zum Arbeitsgang in der Nuntiatur, wo eine der Hauptaufgaben in der Beschaffung der Nachrichten bestand, mit denen Rom zu beliefern war. Da der Bereich der Erkundungsmöglichkeiten sich in Venedig nicht nur auf Mitteleuropa, sondern auch den Balkan und den gesamten Mittelmeerraum erstreckte, lag darin ein der Kurie wichtiges Arbeitsfeld. Von den juristischen Schwierigkeiten vermittelt der Vf. einen Eindruck, indem er beispielhaft je einen Fall aus dem Anfang und aus dem Ende der Amtsperiode ausführt, die augenfällig die Entschlossenheit Venedigs aufzeigen, die kirchliche Rechtsprechung nicht in dem vom Papsttum geforderten Ausmaß zuzulassen. Dagegen kann der Nuntius sich weder im Fall des umstrittenen Bischofs Giovanni Dolfin noch in dem des Pamphletisten Ferrante Pallavicino durchsetzen. Gestreift wird auch die schwere diplomatische Krise, die sich ergab, als Urban VIII. in der Sala Regia des Vatikans die Inschrift übermalen ließ, die die Rolle Venedigs beim Friedensschluß von 1177 historisch unrichtig, d. h. allzu rühmend dargestellt hatte. Ein lebhaftes Bild von der den Nuntius umgebenden politischen Atmosphäre ergibt sich ferner aus der Schilderung der Aktivitäten des umtriebigen spanischen Gesandten della Rocca (Juan Antonio de Vera conde de la Roca), der sich nicht nur durch provozierende diplomatische Auftritte, sondern zugleich als Autor und Drucker antipäpstlicher Pamphlete hervortat. Schließlich wird aus der detailreichen Berichterstattung Vitellis zum Castro-Krieg referiert, aus der sich zugleich die Ursache des unglücklichen Endes seiner Dienstzeit ergibt, denn er rechnete fest mit der Neutralität Venedigs und führte damit die Kurie in die Irre. Nach langjähriger verdienstvoller Tätigkeit erntet er darum wenig Würdigung und nicht die erwartete Erhebung zum Kardinal. Ein oberflächlicher Eindruck von den zahlreichen weiteren Themen, die in den Berichten zur Sprache kommen, ergibt sich aus den Angaben des Vf. zu den Archivalien. Aus Sicht der deutschsprachigen Nuntiaturforschung kann man bedauern, dass die zu den Amtspflichten gehörende Zusammenarbeit mit anderen Nuntiaturen nicht weiter behandelt ist. Es fehlte nicht an Gegenständen, die die Nuntiaturen in Venedig wie in Wien betrafen; darum sei darauf hingewiesen, dass die Quellen sich in günstiger Weise ergänzen könnten. So waren mit den langjährigen Problemen im Patriarchat Aquileia, der Schiffahrt auf der Adria und der Suche nach Autoren von Schmähschriften gelegentlich beide Nuntiaturen befasst. Erwähnt soll auch sein, dass der Nuntius in Venedig sich um die Postverbindung der Kurie nach Wien kümmern musste. Im Reg. des Werks finden sich zuverlässig Personen- und Ortsnamen verzeichnet; der Benutzer würde es allerdings schätzen, wenn zudem Gegenstände der Korrespondenz aufgenommen wären.+TABRE+Rotraud Becker

Anna Cantaluppi/Blythe Alice Raviola (a cura di), L’umiltà e le rose. Storia di una compagnia femminile a Torino tra età moderna e contemporanea, Firenze (Olschki) 2017 (Quaderni dell’Archivio Storico della Compania di San Paolo. Nuova serie 1), XXII, 401 pp., ill., ISBN 978-88-222-6504-3, € 40.

Il volume raccoglie 12 saggi che fanno luce sulla Compagnia dell’umiltà, confraternita femminile laica di tipo elemosinario-assistenziale, attiva a Torino dalla fine del XIV ai primi decenni del XX secolo e legata alla ben più nota Compagnia di San Paolo. Come le curatrici rilevano nel saggio introduttivo il punto di partenza di questo cantiere di ricerca multidisciplinare è stato il ritrovamento di un corpus documentario relativo all’ente presso l’Archivio di Stato e presso l’Archivio arcivescovile di Torino. Il lavoro archivistico preliminare, condotto da Nicoletta Calapà, è consistito in uno spoglio della documentazione grazie al quale è stato possibile redigere un repertorio di 1700 consorelle (1590–1901), confluito in un data-base che sarà reso accessibile al pubblico. La suddivisione interna del volume riflette quattro nuclei tematici. Nella prima parte (dedicata al rapporto con la Compagnia di San Paolo, ai legami con la corte sabauda e ai presupposti istituzionali) Anna Cantaluppi ricostruisce i rapporti tra il sodalizio femminile delle Umiliate – più aristocratico e con un ambito di intervento più ristretto e una minore disponibilità di risorse –, e la compagnia maschile di San Paolo – fondata dal ceto medio in ascesa di mercanti, banchieri, funzionari e uomini di legge –, che svolgeva un ruolo di primo piano tanto in ambito finanziario quanto assistenziale. Sono emersi legami familiari e varie forme di collaborazione, oltre che di stimolo e di sostegno reciproco, nell’assistenza ed educazione delle ragazze, nell’erogazione di doti, nel soccorso e nel reinserimento nella società di donne in difficoltà. I rapporti con la corte sabauda – molto fitti agli esordi della compagnia a fine ‘500 e via via più rarefatti tra Sette e Ottocento – sono analizzati da Blythe Alice Raviola e Pierangelo Gentile. La seconda parte, che riguarda più direttamente gli aspetti economici in rapporto alle reti sociali, si apre con un saggio di Emanuele C. Colombo e Giorgio Uberti che ricorrono alla categoria di „contabilità spirituale“ per indicare le pratiche complesse che entravano in gioco nell’amministrazione dei lasciti. Le voci di spesa riguardavano l’elargizione di elemosine per i poveri infermi e, più in generale, per i bisognosi, la celebrazione di messe in suffragio e dal Settecento l’istituzione di doti per fanciulle indigenti: attività differenziate, che subirono una battuta di arresto a metà Ottocento, mostrando la loro inadeguatezza nel contesto di una città avviatasi sulla via dell’industrializzazione. Si tratta di un’evoluzione che trova conferma anche nel contributo di Marcella Maritano, Beatrice Zucca e Davide Tabor che, utilizzando anche la ricostruzione prosopografica, indagano le pratiche assistenziali all’interno delle reti sociali e dei contesti di appartenenza delle consorelle, interrogandosi „sulla natura e sulla qualità delle relazioni“ che legavano le consorelle tra loro e alle beneficiarie, sui legami tra le Umiliate e i confratelli di San Paolo e gli altri enti assistenziali torinesi, sui meccanismi di ingresso e di coinvolgimento delle dame nella confraternita e sulle dinamiche di accesso alle cariche. L’ultima fase di vita della Compagnia appare segnata da uno „scambio imperfetto“ tra la funzione originaria della compagnia e un pauperismo che aveva mutato fisionomia: quello della Torino industriale Otto-Novecentesca. Fin dalle sue origini il sodalizio non ebbe solo un carattere assistenziale ma anche devozionale: la vita religiosa e le devozioni sono al centro della terza parte del volume (saggi di Marzia Giuliani e Paolo Cozzo) che esplora il culto verso Elisabetta d’Ungheria, esempio di santità regale-dinastica cui significativamente si sovrapposero anche nell’iconografia altre „santa Elisabetta“ (come la madre di Giovanni Battista e Isabella di Portogallo), la devozione mariana, i rapporti con la Compagnia di Gesù – intensificatisi durante il ducato di Cristina – e i rapporti con la visitazione sotto la reggenza di Giovanna Battista di Savoia Nemours. La quarta e ultima parte del volume (saggi di Rolando Bellini e Melanie Zefferino, Giuseppina Giamportone, Chiara Maria Carpentieri, Simona Santacroce e Luisella Giachino, Luca Bianco, Stefania Tagliaferri) è rivolta alle espressioni artistiche collegate alla compagnia dell’Umiltà e al culto di Elisabetta d’Ungheria tanto in ambito figurativo quanto letterario nel contesto piemontese e in quello europeo. Il volume è corredato da un ricco inserto iconografico a colori e da un’appendice documentaria (con due testi secenteschi inediti). Frutto di una fertile collaborazione tra studiose/-i di varie discipline e incrocio tra diverse prospettive e scale di analisi, il volume rappresenta un punto di riferimento per gli studi futuri sulle istituzioni assistenziali dell’età moderna e, auspicabilmente, un modello da seguire.

Adelisa Malena

Péter Tusor, Pázmány, a jezsuita érsek. Kinevezésének története, 1615–1616 (Mikropolitikai tanulmány), Budapest et al. (Gondolat) 2016 (Bibliotheca Historiae Ecclesiasticae Universitatis Catholicae de Petro Pázmány nuncupatae. Series I, Collectanea Vaticana Hungariae. Classis I 13), 459 S., ISBN 978-963-308-254-6, ohne Preis, e-book frei im Netz zugänglich.

Seit mittlerweile über 20 Jahren befasst sich Péter Tusor mit der für die katholische Konfessionalisierung in Ungarn zentralen Figur des Kardinals Péter Pázmány, dem Erzbischof von Gran (Esztergom) und Primas von Ungarn. Aufgrund der großen Bedeutung, die Pázmány genießt, hat seine Person bereits zahlreiche Untersuchungen seitens der ungarischen Geschichts-, Literatur- und Kunstgeschichtsforschung erfahren. Die hier zu besprechende Monographie ergibt eine Synthese dieser Forschungen und erweitert sie mit dem mikropolitisch-verflechtungsanalytischen Ansatz eines Wolfgang Reinhard. Péter Tusor hat mit dieser Abhandlung den Titel „Doktor der Ungarischen Akademie der Wissenschaften“ erworben. Der Autor widmet sich den entscheidenden Ereignissen rund um Pázmánys Ernennung und Ratifikation zum Erzbischof von Gran in den Jahren 1615 und 1616. Tatsächlich hatten bisherige Forschungen diesen Bereich tiefgehend untersucht (vgl. vor allem die Arbeiten von László Lukács, Miklós Őry und Ferenc Szabó), aber Tusor legt neue Schwerpunkte und stützt seine Studie ebenso auch auf bislang unbeachtete neue Quellen aus italienischen, mährischen und österreichischen Archiven. Bislang hatte man die Probleme um die Ernennung Pázmánys vor allem auf die jesuitischen Ordensbestimmungen sowie seinen Konflikt mit der Ordensleitung zurückgeführt. Demgegenüber kann Tusor zeigen, dass das 1608 im Landtag angenommene Jesuitengesetz das Eigentumsrecht der Jesuiten begrenzte, und somit die Jesuiten von den Ständen ausgeschlossen waren. Aufgrund dessen war es Papst Paul V. auch nicht möglich, Pázmány einfach von den Bestimmungen der Jesuitenkonstitution zu dispensieren, sondern er hätte hierzu erst in einen anderen Orden übertreten müssen. Der Nuntius in Prag Placido de Mara hatte die Somasken vorgeschlagen. Wegen der Abwesenheit des Nuntius war es Pázmány aber nicht möglich, das Gelübde abzulegen, weswegen er kirchenrechtlich eigentlich Jesuit blieb. Laut eines früher unbekannten Berichtes von Giacomo Olivieri, dem römischen Vertreter des habsburgischen Protektorkardinals Franz von Dietrichstein, dispensierte Papst Paul V. Pázmány vom unterbliebenen Gelübde im Herbst 1616. Entgegen älterer Ansichten kommt Tusor mit seinen prosopographischen Analysen zum ungarischen Episkopat zu dem Ergebnis, dass Pázmánys Amtskollegen nicht ungeeignet für den erzbischöflichen Stuhl gewesen seien. Es war ungewöhnlich, dass ein Außenstehender zum Primas ernannt wurde. Bischof János Telegdy von Großwardein trat zwar ebenfalls als Kandidat an, die katholischen Stände sprachen sich aber für Pázmány aus. Es war der Präsident der Ungarischen Kammer László Pethe de Hetes, der hierbei federführend war, dessen Rolle allerdings in der früheren Forschung kaum Beachtung gefunden hatte. Der Kammerpräsident sollte es auch sein, der Pázmány 1616 gegen Angriffe seitens der Jesuiten in Schutz nehmen würde, als Pázmány der Liebschaft mit einer Edelfrau sowie illegitimer Vaterschaft beschuldigt wurde. Tusor gelingt es, die Urheberschaft der Beschuldigungen mit der Person des Jesuiten und Hofpredigers in Prag Georg Amende zu identifizieren. In Rom konnten die Vorwürfe vom kaiserlichen Vertreter Lodovico Ridolfi entkräftet werden. Dieser war es auch, der zusammen mit seinem Bruder Niccolò und mit Giacomo Olivieri entscheidenden Anteil an der Ernennung und Bestätigung Pázmánys hatte. Ungewöhnlich schnell sollte es ihnen dann gelingen, im Herbst 1616 die päpstliche Ratifikation zu erwirken. Der Vf. kann die wichtigste Motivation hinter der Ernennung darlegen: Pázmány war die Schlüsselfigur, in der Frage der Thronfolge die ungarische Stände vom habsburgischen Kandidaten zu überzeugen. Deswegen wurde die erzbischöfliche Ernennung von Pázmány von Melchior Klesl, dem Bischof von Wien und Präsidenten des Geheimen Rates, trotz aller Schwierigkeiten gestützt. Da der ungarische Palatin György Thurzó – wie die Mehrheit der ungarischen Stände überhaupt – Lutheraner war, war der Habsburger maßgeblich auf den Erfolg Pázmánys angewiesen, um die Krone für Erzherzog Ferdinand und damit für die Dynastie zu sichern. Pázmány sollte ihn nicht enttäuschen: Der ungarische Landtag akzeptierte den Kandidaten und Ferdinand wurde 1618 zum ungarischen König gekrönt. Pázmány war damit zum Protagonisten von Politik und katholischer Erneuerung in Ungarn aufgestiegen und sollte dieses Ansehen unangefochten bis zu seinem Tode 1637 beibehalten. Péter Tusor ist es gelungen, mithilfe der von ihm gewählten mikropolitischen Herangehensweise, den Kontext und die entscheidende Motivation hinter der erzbischöflichen Ernennung Péter Pázmánys herauszuarbeiten. Zudem hat er der alten Frage nach dessen Ordenszugehörigkeit endgültig eine eindeutige Antwort gegeben, die als Titel des Werkes firmiert: Pázmány, der jesuitische Erzbischof.

Béla Vilmos Mihalik

Beatrice Alfonzetti (a cura di), Settecento romano. Reti del classicismo arcadico, Roma (Viella) 2017 (I libri di Viella 249), 532 pp., ill., ISBN 978-88-6728-857-1, € 49,59.

Il volume è frutto di un lavoro d’equipe nel corso di un progetto multidisciplinare finanziato da La Sapienza Università di Roma, comprendente dalla letteratura, alla musicologia, alla storia dell’arte e dell’architettura, e propone una rilettura del Settecento romano attraverso un approccio tematico legato alla categoria di classicismo arcadico. Gli studi storico-artistici sul Settecento sono stati per molto tempo caratterizzati dal bipolarismo cronologico-stilistico che ha contrapposto un „primo Settecento“ rococò a un „secondo Settecento“ neoclassico. Sebbene ormai in gran parte superata, a partire dal campo stesso della storia dell’arte, una simile prospettiva sembra aver costituito la condizione del perdurare di una serie di considerazioni negative in riferimento, in particolare, alla dimensione romana, ritenuta, a torto, meno permeabile anche a buona parte delle istanze innovative del pensiero proto-illuminista e illuminista. Anche negli studi musicologici il Settecento romano, che pure si apre con grandi nomi del mecenatismo e di compositori del calibro di Alessandro Scarlatti, Arcangelo Corelli, Georg Friedrich Händel – per ricordarne solo alcuni – è stato lungamente considerato un periodo il cui interesse viene scemando man mano che ci si addentri nella seconda parte del secolo. Pur con eccezioni significative, si è verificata la „bipartizione“ già ricordata per altre discipline, ma con un discrimine anticipato intorno al 1740. Per il periodo che va all’incirca dal pontificato di Clemente XI a quello di Clemente XII si è parlato, dunque, di un „primo“ Settecento romano, caratterizzato ancora da un fervido mecenatismo e da un ricco sperimentalismo teatral-musicale, definitivamente concluso con la scomparsa, nel giro di una decade, dei tre „ultimi“ grandi cardinali mecenati: Benedetto Pamphilj, Carlo Colonna e Pietro Ottoboni. Successivamente la vita musicale romana apparirebbe molto meno vivace e brillante, per esempio, di quella napoletana o di altri centri della Penisola e oltre. Se ciò è in parte verificabile, specie dal punto di vista della produzione operistica e della musica strumentale, è anche da considerare che in questa presunta debolezza della vita musicale romana settecentesca si riflette una lacuna negli studi, indicativa anche della necessità di individuare differenti paradigmi analitico-interpretativi e diverse impostazioni metodologiche, da affiancare o sostituire a quelli finora utilizzati. È la strada che, sebbene in qualche caso ancora in nuce, alcuni saggi musicologici nel volume indicano di percorrere. In prospettiva interdisciplinare, ancor più che dal punto di vista della sola musicologia, è significativo il titolo del volume curato da Beatrice Alfonzetti, „Settecento romano. Reti del classicismo arcadico“: al di là della scelta di periodizzazione, il titolo è indicativo di un’operazione culturale ampia e profonda compiuta nella ripresa di studi sulla Roma del Settecento. L’introduzione fornisce una chiave di lettura e di concettualizzazione delle principali questioni e del percorso metodologico seguito e una chiave di accesso al volume ricco di spunti verso possibili percorsi di ricerca. Nel progetto complessivo Roma – centro del papato e della cristianità, punto di convergenza di identità e rappresentatività straniere, simbolo dell’antica potenza imperiale e al tempo stesso dell’ineluttabilità della storia attraverso le sue monumentali rovine – Roma città „palinsesto“ per eccellenza rappresenta il trait d’union delle esperienze artistiche e culturali indagate e delineate nei saggi. „Classicismo“, „Arcadia“, e „rete culturale“ costituiscono i concetti chiave del quadro metodologico messo in campo. E ambizioso è l’obiettivo di questa rilettura del Settecento: unificare attraverso la categoria di Classicismo arcadico, per dirlo con la curatrice: „tutto ciò che si crea ed elabora a Roma dalla fondazione dell’Arcadia in avanti“. Sull’Arcadia e sulle istanze culturali ad essa legate molto è stato detto e scritto negli ultimi decenni e alcuni contributi rimangono fondamentali nell’aver evidenziato la necessità di superare categorie analitiche basate sulla periodizzazione cronologica o sull’indagine legata a singoli protagonisti – che, sebbene d’eccezione, rischiano di apparire isolati da un contesto – per rileggere, contestualizzare e reinterpretare la reale portata culturale dell’Arcadia sotto differenti profili. La categoria di „classicismo“ nelle sue declinazioni arcadiche, consente di mettere a fuoco gli elementi di continuità quanto quelli di discontinuità e innovazione, caratteristici della cultura romana del Settecento, e in un percorso „europeo“. Dall’età delle Guerre di Successione (spagnola, austriaca, polacca, ecc.) alla Rivoluzione francese, fin quasi alla Restaurazione, l’Arcadia emerge infatti come un organismo sovranazionale in grado di veicolare senza strappi la cultura classicistica dall’ultimo decennio del Seicento (e probabilmente anche più indietro) a tutto il Settecento e oltre, capace di raccogliere, per accettazione o per contrasto, una pluralità di istanze culturali ancora fortemente legate al Barocco e di giungere a dialogare con l’Illuminismo. Focalizzando attraverso la categoria del classicismo le „pratiche culturali“ riunite – dapprima – e sviluppate – poi – in seno all’Arcadia, emergono le istanze molteplici e le tendenze di cambiamento nel corso di più di un secolo. Coerentemente la scansione del libro riflette il percorso culturale che viene man mano ricostruito, dal „precoce“ classicismo romano all’espansione sovranazionale del classicismo arcadico. I ventiquattro saggi riuniti nel libro sono organizzati in quattro sezioni tematiche: al fondamentale snodo del classicismo secentesco, basilare per comprendere il Settecento romano, è dedicata tutta la prima parte del volume, costituita dal corposo saggio di Amedeo Quondam, Roma 1672: il Classicismo restaurato. L’idea del bello e il canone delle arti secondo Bellori. Esaminando il ruolo fondamentale di Giovan Pietro Bellori nel „restauro“ del Classicismo, lo studioso indaga la concezione belloriana attraverso paratesti e incisioni iconografiche che ne corredano l’opera „Le vite de’ pittori, scultori e architetti moderni“, edita a Roma nel 1672. Fondamentale è il rapporto tra Arte e Natura governato dall’Imitazione, rapporto che sta alla base dell’estetica classicista e del funzionamento di quella che Quondam chiama „officina classicistica del riuso“. Attraverso un’analisi delle posizioni teoriche di Bellori si delinea un percorso esemplificativo dei principali topoi classicisti, sia nella rappresentazione artistica sia nell’esercizio della liberalità (con il modello archetipico di Mecenate) corredata dalle virtù, dal merito dell’exemplum, dall’onore e dalla fama. Se il percorso è fondamentale per comprendere, innanzitutto, la matrice secentesca – tutta romana – di concezioni etiche ed estetiche del classicismo arcadico, evidenzia inoltre tematiche centrali nei saggi che seguono, come quelle legate al mecenatismo e allo sviluppo di carriere artistiche, alle pratiche del „riuso“ classicistico – quella capacità della cultura del Settecento di reinterpretare in forme sempre nuove l’imitazione attraverso l’idea. Accanto alla categoria del classicismo, centrale per la costruzione di un nuovo paradigma storiografico, è importante evidenziare anche l’idea di „restauro“: esso presuppone infatti un corrispondente – e contrario – concetto di „decadimento“, ed entrambi non possono non delinearsi se non rispetto a un „canone“. Il canone classicista rientra così all’interno di dinamiche culturali articolate e tutt’altro che lineari, nelle quali l’imitazione dell’ideale classico dell’antichità greco-latina è soltanto un aspetto. La seconda parte del volume sviluppa queste premesse teoriche e metodologiche, declinandole secondo varie prospettive disciplinari in riferimento all’Arcadia propriamente detta, contenendo i seguenti contributi: Valentina Gallo, La Basilissa: Cristina di Svezia in Arcadia; Javier Gutiérrez Carou, Endimione fra Alessandro Guidi e Francesco de Lemene: drammaturgia, spettacolo, struttura dei finali; MarinaFormica, Dominare il tempo. Clemente XI e i tentativi di riforma del calendario; Simone Caputo, Il „teatro della festa“ nella Roma di Clemente XI; Franco Piperno, Architettura e musica nella Roma del Classicismo arcadico; Angela Cipriani, Un secolo di premiazioni in Campidoglio (1696–1795). Le quattro arti liberali in mutuo soccorso; Nicola Badolato, Il Ciro di Pietro Ottoboni e Alessandro Scarlatti e gli allestimenti operistici romani di Filippo Juvarra; Massimo Zammerini, Architettura e scenografia nella Roma del Settecento; Ilaria Delsere, L’Arcadia alla corte pontificia: la collaborazione tra Ludovico Sergardi e Antonio Valeri alla Fabbrica di San Pietro (1713–1726); Valter Curzi, Memoria dell’antico nella pittura di storia a Roma tra Seicento e Settecento: un contributo per la revisione storico-critica del Neoclassicismo; Silvia Tatti, L’Arcadia di Crescimbeni e il trionfo della poesia: l’incoronazione in Campidoglio del 1725; Alviera Bussotti, La recita del Temistocle di Michele Giuseppe Morei: tra Zeno e Metastasio; Roberto Gigliucci, Il cardinale Pietro Ottoboni tra San Filippo Neri e San Casimiro; Maurizio Campanelli, I Sermones di Giovan Battista Casti (1762–1764); Elodie Oriol, Mecenatismo e sviluppo delle carriere musicali: il ruolo delle famiglie Acquaviva, Stuart e Albani nella Roma settecentesca; Piermario Vescovo, Goldoni: vacanze romane; Rosanna Cioffi, Tra Arcadia e Neoclassicismo. Da Maratti a Mengs nel segno di Shaftesbury e Winckelman; Marina Caffiero, Dal monastero al salotto alla tribuna. La mediazione culturale femminile nella Roma di metà Settecento; Beatrice Alfonzetti, Poeti italiani e stranieri nelle adunanze arcadiche; Andrea Fabiano, Astacide Tespio ovvero Poinsinet le Noyé (le Mystifié): un librettista comico francese in Arcadia; Franca Sinopoli, Giovanni Battista Audiffredi e la realizzazione del modello di biblioteca universale; Antonio Rostagno, Il „nuovo Dante“ nella musica. Dante e Petrarca in due manoscritti romani di Nicolò Antonio Zingarelli; Orietta Rossi Pinelli, Gli artisti stranieri a Roma nel XVIII secolo. Complessivamente, al di là di minime pecche formali (dispiace constatare un cospicuo numero di refusi) e sebbene alcuni approcci abbiano seguito l’impianto metodologico e concettuale in modo non pienamente coerente, con esiti non sempre o non del tutto originali, i tratti d’interesse del volume sono certamente molti, in particolare nell’evidenziare la continuità del classicismo arcadico con il classicismo secentesco e la grande modernità di Roma nel Settecento. Convince l’idea di „classicismo arcadico“ come fattore culturale aggregante e, in cross-disciplinary perspective, come criterio analitico di riferimento, sebbene, specialmente nella prospettiva musicologica, saranno necessari studi ulteriori per una validazione complessiva dell’applicabilità di tale paradigma. Nondimeno l’impostazione concettuale delle ricerche rappresenta, anche per la musicologia, un utile contributo per tracciare nuove strade. È proprio la cross-disciplinary perspective, nell’indagine musicale in parallelo con la letteratura e la cultura della festa, l’architettura, la scenografia, la drammaturgia e il teatro, ad essere caratterizzante e innovativa. Una figura come quella del cardinale Pietro Ottoboni, arcade poliedrico e drammaturgo, collezionista d’arte e mecenate per artisti, musicisti, scenografi, si pone come figura emblematica di liberalità e commistione tra le arti sorelle propugnata dal canone classicista e rimane certamente centrale. Al tempo stesso, però, è sempre più evidente quanto nel corso del secolo l’idea stessa di mecenatismo, i suoi presupposti socio-culturali e le sue funzioni si modifichino di pari passo con i cambiamenti in atto. Nel volume emerge un differente approccio al patronage e al concetto di mecenatismo in nuce nelle nuove letture dedicate alla figura di Ottoboni, e in modo ben più accentuato e ricco di possibili sviluppi nella prospettiva attuata in riferimento allo sviluppo delle carriere musicali, specialmente nel Settecento maturo. Tra gli altri elementi degni di nota e indicativi di percorsi meritevoli di sviluppi, trovo importante sottolineare la diversificazione e moltiplicazione delle sfere produttive legate all’arte e alla musica: penso, per esempio, all’emergere, accanto agli spazi aristocratici (salotti, conventi, ambienti femminili) di altri spazi di relazione e socialità legati al ceto mercantile che, grazie a una disponibilità economica che a volte supera quella delle famiglie di lignaggio, va configurandosi verso una maggiore influenza, se non politica, certamente culturale sia nella produzione che nella ricezione artistica e musicale. Rimanendo ancora all’ambito musicologico, è da constatare che scarsa o nessuna attenzione è stata dedicata, nel volume, alla musica strumentale prodotta nella città papale dopo il grande primato corelliano. Ritengo che l’individuazione o la riscoperta degli „schemi“ del classicismo arcadico come sistema analitico-interpretativo, particolarmente funzionale in ambito artistico e letterario, sia invece stimolante per instaurare un parallelo, tutto da indagare in prospettiva romana, con l’osservazione degli „schemi“ compositivi caratteristici della musica del Settecento: come gli schemi classicisti costituiscono l’elemento di continuità da Bellori alla letteratura di Alfieri e Monti, fino alle soglie del XIX secolo, gli schemi compositivi costituiscono un fil rouge tra la musica di Corelli e quella, per esempio, di Chopin, proprio in una prospettiva di rete culturale transnazionale che ha Roma tra i suoi snodi. Infatti, sebbene riguardo alla musica strumentale si possa affermare che la posizione di centralità nel Settecento spetti ad altre piazze, come quella di Napoli, l’ammissione in Arcadia, a Roma, di compositori napoletani come Niccolò Jommelli o Domenico Terradellas spinge a interrogarsi sul ruolo della città pontificia non solo come snodo transnazionale di irradiamento culturale, ma anche come snodo di ricezione. Ciò che ho evidenziato attraverso l’esempio musicale, appare come più generale tratto lacunoso del volume. L’impostazione complessiva dell’indagine, articolata attraverso snodi di „reti“ culturali, ha permesso infatti di evidenziare le traiettorie transnazionali del classicismo arcadico da Roma verso l’Europa, ma l’osservazione dei percorsi in senso contrario, la valutazione di quanto artisti, mecenati, appassionati, musicisti, letterati e collezionisti stranieri abbiano influito sulla cultura romana dovranno meritare successive indagini. E se questi percorsi possono portare nuovi stimoli alla ricerca musicologica – osservando, per esempio, il ruolo della diffusione degli schemi compositivi propriamente musicali accanto a quelli del classicismo più evidenti nella musica vocale di argomento profano – possono ancor più rivelare, in prospettiva multidisciplinare, nuovi aspetti della „modernità“ del Settecento romano e svelare modi ulteriori in cui – per ricordare ancora le parole di Quondam – poteva lavorare l’„officina classicistica del riuso“.+TABRE+Chiara Pelliccia

Fabiana Veronese, L’inquisizione nel secolo dei lumi. Il Sant’Uffizio e la Repubblica di Venezia, Palermo (New Digital Press) 2017 (Chiese e culture religiose 2), XX, 136 pp., ISBN 978-88-99487-62-1, € 20; consultabile anche in versione online: https://www.newdigitalfrontiers.com/it/book/l-inquisizione-nel-secolo-dei-lumi-97/.

Il libro di Fabiana Veronese, rielaborazione di una tesi di dottorato discussa all’Università Ca’ Foscari di Venezia sotto la direzione del compianto Giuseppe Del Torre, si inserisce nell’ampia e variegata produzione storiografica sull’inquisizione in età moderna degli ultimi due decenni. Da quando, infatti, a metà degli anni 1990 l’archivio centrale dell’attuale Congregazione per la Dottrina della Fede è stato aperto agli studiosi, l’inquisizione romana è tornata a essere un tema di ricerca di primaria importanza. La disponibilità dei documenti vaticani ha stimolato un ritorno di interesse per le branche periferiche del sacro tribunale, già oggetto di una grande stagione storiografica negli anni Sessanta e Settanta; se, tuttavia, si trattava allora di indagare la cultura popolare attraverso le fonti inquisitoriali, oggi si è approfondita la conoscenza dei meccanismi, del personale, dei molti e diversi campi di attività dell’istituzione, oltre che la sua storia politica nel frammentato contesto dell’Italia moderna. Il libro di Veronese sull’inquisizione veneziana ha il merito di intrecciare questi due filoni di ricerca, soffermandosi tanto sulle vittime che sui persecutori. L’autrice trae dai ricchi archivi veneti e friulani una interessante e, si sarebbe quasi tentati di dire, avvincente documentazione sulle vicende processuali di uomini e donne che, nelle città o nelle più sperdute campagne, caddero vittime dell’inquisizione per i più svariati motivi, e di un’altrettanto fitta folla di agenti minori del tribunale – vicari foranei, commissari locali, parroci troppo zelanti, confessori prepotenti – che furono a loro volta oggetto di indagini da parte della Repubblica, nel quadro del conflitto giurisdizionale tra Venezia e Roma riacuitosi nel Settecento. Altro grande merito del libro è infatti quello di concentrarsi sul XVIII secolo, il periodo meno studiato della storia dell’inquisizione, troppo spesso data per morta prima del suo effettivo esaurimento. Più precisamente, il volume si articola in sei capitoli, che alternano (e per la verità, talvolta esitano tra) punto di vista „dal basso“, ossia partendo da episodi e fatti registrati nelle carte processuali, e „dall’alto“, ossia incentrato sulla documentazione delle istituzioni politiche della Serenissima, il Consiglio dei Dieci, il Senato, i Savi all’eresia e i Consultori in iure della Repubblica. Più che una struttura tematica, il libro procede secondo le suggestioni dei processi e dei fascicoli d’archivio. La conclusione che l’autrice trae è la conferma di un irreversibile declino dell’inquisizione, nonostante l’irrigidirsi dell’atteggiamento repressivo nei confronti di alcune fattispecie di crimini, in particolare l’abuso di sacramentalia a fini magico-rituali e il millantato sacerdozio – in questa categoria, del resto, rientrano le ultime condanne a morte comminate dal giudice ecclesiastico ed eseguite. Il declino dipenderebbe da due principali fattori: il rilancio della politica giurisdizionalista del governo veneziano, che aveva da sempre caratterizzato l’atteggiamento del potere politico della Serenissima nei confronti di un’istituzione considerata come estranea ma che nel Settecento si riaccende alimentata dall’illuminismo; la crescita incontrollata e disfunzionale dell’apparato inquisitoriale, che finisce per fornire occasioni e argomenti per l’intervento dello stato, fino alla definitiva abolizione durante il Triennio rivoluzionario. L’analisi di questo secondo aspetto rappresenta il contributo originale di Veronese ad una consolidata tradizione interpretativa della parabola complessiva dell’inquisizione in Italia. In linea generale, non si può che sottoscrivere il giudizio complessivo dell’autrice. Si segnala in particolare l’interessantissimo secondo capitolo, nel quale l’autrice documenta il caso di tre donne di Buttrio, presso Udine, vessate dal locale parroco e dal vicario inquisitore fino ad autoaccusarsi di stregoneria, salvo poi ritrattare tutto davanti ai giudici secolari nel processo ordinato dal Consiglio dei Dieci per rivendicare le prerogative della giustizia secolare su tali materie. Al termine di un lungo procedimento protrattosi dal 1745 al 1753 (ossia, si deve aggiungere, nella delicata congiuntura della soppressione del Patriarcato di Aquileia), le donne furono riabilitate e l’inquisitore ammonito, raro caso di giustizia resa a fronte degli innumerevoli abusi subiti dalle donne nell’Italia moderna, specie se di umile condizione. Certo, il libro solleva alcuni interrogativi di metodo e di merito, e ripropone alcune delle questioni cruciali di molta storiografia sull’inquisizione. Da un lato – un problema classico, e per certi versi insormontabile –, quale sia la valenza esemplare dei casi giudiziari selezionati da archivi che hanno spesso sofferto gravi e aleatorie perdite; dall’altro, se si possa scrivere una storia dell’istituzione inquisitoriale sub specie della contrapposizione tra potere secolare e potere ecclesiastico, senza contestualizzarla nel ritmo frastagliato dei rapporti tra stati territoriali e Sede Apostolica, senza sviscerare il groviglio tra istituzioni laiche ed ecclesiastiche degli antichi stati italiani e nel suo complesso di doppie fedeltà a geometria variabile, e senza tener conto della vicenda interna della Chiesa romana e delle sue aspirazioni di riforma – come per altro proprio il caso sopra citato suggerisce. In fondo, molte delle vicende narrate dal libro possono essere viste come espressioni di quella spinta neotridentina al disciplinamento del clero regolare e secolare che ebbe in Roma un perno essenziale, ancorché in modo ondivago e contraddittorio. Il che vuol dire, per esempio, che tra gli anni 1690, 1740 e 1760 non cambia solo l’intensità delle politiche di riforma messe in atto dal governo di Venezia, né la personalità dei consultori in iure (sui quali, per la verità, come su molti dei dignitari e personaggi citati sarebbe stato utile un maggiore approfondimento biografico), ma anche l’atteggiamento di Roma. Non è un caso se ovunque, non solo a Venezia ma anche nello Stato Pontificio, l’abuso di sacramentalia e il millantato sacerdozio, oltre che la repressione di condotte irregolari di preti, frati e (come sempre) monache diventi nel Settecento l’ambito principale di azione del Sant’Uffizio. È certamente vero che sulle prerogative dell’inquisizione si misurò sempre la volontà del papato di esercitare controllo sulle chiese locali come sulla società e la politica in Italia – la questione, anzi, fu sempre una cartina di tornasole tra diverse anime (e fazioni) della Chiesa e corte romana, tra linea episcopalista e linea „pontificia“, la cui contrapposizione tornò a farsi acutissima proprio nel Settecento. Ma è anche vero che una maggiore attenzione alle più ampie dinamiche (istituzionali, ecclesiali, sociali) della Chiesa cattolica nell’età dei Lumi permette di contestualizzare meglio il caso veneziano nel quadro italiano, da un lato, e la stessa inquisizione nel quadro della storia ecclesiastica, dall’altro. Veronese apre qui alcune piste documentarie e individua alcuni nodi che sarà sicuramente utile approfondire in futuro.+TABRE+Maria Pia Donato

Gianfranco Armando/Laura Facchin/Diego Lanzardo (a cura di), Gli Eremiti Camaldolesi di Piemonte 1601–1801. Volume di studi derivato dal Convegno svoltosi nel Palazzo comunale di Cherasco il 14 novembre 2015, Cherasco (Associazione Cherasco Cultura) 2017, XII, 239 S., Abb., ISBN 978-88-942257-5-4, € 15.

In der Entwicklung des im 11. Jh. gegründeten Kamaldulenserordens, der sich hauptsächlich in Italien ausbreitete, spielten die Alpenregionen erst in der Frühen Neuzeit eine wichtigere Rolle. Im 17. Jh. kam es im Piemont mit der Gründung der Niederlassungen in Turin (1601), Busca (1614), Cherasco (1623) und Lanzo (1661) zu einer Blütephase des Ordens, was eng mit dem Wirken des Kamaldulensers Alessandro Ceva (1538–1612) verbunden war. Diesem Teil der Ordensgeschichte ist der vorliegende Bd. gewidmet, der aus einer von Gianfranco Armando organisierten Tagung in Cherasco im November 2015 hervorgeht. Den Beginn markieren die Ausführungen von Paolo Cozzo zu den Gründungsumständen der Niederlassung in Turin, die auf den eingangs erwähnten Alessandro Ceva zurückgeht, der Beichtvater des Herzogs von Savoyen, Karl Emanuel I. († 1630), war. Diese enge spirituelle Beziehung gab den Anstoß für die Ausbreitung des Kamaldulenserordens im Piemont. Laura Facchin stellt die Geschichte der Niederlassung in Torino-Pecetto vor mit einem besonderen Schwerpunkt auf den Kunstgegenständen des Klosters und ihre Veräußerung nach dessen Auflösung im Jahre 1801. Der Bibliothek dieses Klosters ist der darauffolgende Beitrag von Alberto Piola gewidmet; hervorzuheben ist dabei, dass sich über diese Bibliothek nur äußerst wenige Hinweise greifen lassen, wodurch das Mitte des 18. Jh. angelegte Verzeichnis der einstigen Manuskripte besonderen Wert gewinnt, das hier ausgewertet wird. Nach einer Zusammenfassung der wichtigsten Daten zur Geschichte des Klosters in Cherasco von Massimo Scotto werden weitere Aspekte dieser Niederlassung von Diego Lanzardo vertieft. Ihr zeitlicher Schwerpunkt liegt im 17. Jh., der Blütephase der Gemeinschaft, die im Zuge des Vorrückens der französischen Armee 1801 aufgelöst wurde. Im Anschluss daran stellt Giancarlo Chiarle die Niederlassung in Lanzo vor, die auf den regionalen Herrschaftsträger Gaspare Graneri zurückgeht. Bemerkenswert ist dabei, dass in Lanzo zuvor im Zuge der Gegenreformation in der Diözese Turin bereits Kapuziner und Jesuiten missionierten, ohne jedoch ein Kloster zu gründen. Mirella Lovisolo geht der Geschichte der Kamaldulenser in Belmonte nach, wo im Jahr 1611 eine Niederlassung gegründet wurde, die deutliche Analogien zu den Gemeinschaften dieses Ordens in der Region aufweist. Verstärkt in den Blick genommen werden dabei auch die Lokalgeschichte und die Baugeschichte. Durch den Beitrag von Micaela Antola wird auch das Kamaldulenserkloster in Genova, das seitens der Forschung nur punktuell berücksichtigt wurde, vorgestellt. Hervorzuheben sind hier die Hinweise auf verschiedene Archivbestände in Genua und Florenz, die weitere Fragestellungen erlauben. Daniele Bolognini setzt seinen Schwerpunkt auf einzelne Ordensmitglieder vom späten 16. Jh. bis Ende des 18. Jh. Vorgestellt werden 25 Kamaldulenser, darunter mehrere Franzosen, mit Angaben zum sozialen Hintergrund – überwiegend adelige Familienangehörige können hier benannt werden –, zu den jeweiligen biografischen Stationen vor dem Ordenseintritt und schließlich zu ihrer Rolle als Mönch. Daran schließt passend der Beitrag von Cesare Silva zu Alessandro Ceva an, der Hauptfigur der Blütezeit des Kamaldulenserordens im Piemont, der zunächst als Novize in den Jesuitenorden eintrat. Vorgestellt werden auch zwei Biografien aus den Jahren 1792 und 1877, die noch deutliche hagiographische Züge tragen. Der am Etablierungsprozess der Kamaldulenser eng beteiligte Erzbischof von Turin – hierbei handelt es sich um den eher wenig bekannten Colombani Chiaveroti, der selbst Kamaldulenser war –, wird in den aufeinanderfolgenden Beiträgen von Gianpaolo Fassino und Claudio Anselmo vorgestellt. Abschließend wird die im Jahr 1818 errichtete Schule in Racconigi von Pierangelo Gentile thematisiert, hier vor allem die Vorbereitung für diese Bildungseinrichtung durch den aus Avigliana stammenden Kamaldulenser Michele Sassetti, der sich dabei an der Pädagogik des Engländers Joseph Lancaster, hier besonders an dessen Konzept zur Grundausbildung von Kindern, orientierte. Mit Blick auf diese einzelnen Darstellungen stellt der vorliegende Bd., der durch ein Register erschlossen und mit zahlreichen Farbabb. ansprechend aufbereitet ist, einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Kamaldulenserordens dar. Die Arbeiten zum spezifischen Entstehungskontext der Kongregation der Piemonteser Kamaldulenser und zur Geschichte der einzelnen Häuser bereichern die Kenntnis über diesen Orden um Aspekte, welche in den Publikationen, die im Zuge des Ordensjubiläums 2012 erschienen sind, noch eine eher geringe Rolle gespielt haben. Es ist zu wünschen, dass die hier vorgelegten Ergebnisse zu einzelnen Ordensmitgliedern und den verschiedenen Niederlassungen eine breite Rezeption finden.+TABRE+Jörg Voigt

Luigi Michele De Palma, Studiare teologia a Roma. Origini e sviluppi della Pontificia Accademia Teologica, presentazione di Riccardo Ferri, Città del Vaticano (Libreria Editrice Vaticana) 2017 (Itineraria/Pontificia Academia Theologica 12), 415 pp., ill., ISBN 978-88-209-8037-5, € 29.

Le origini della Pontificia Accademia Teologica, fondata a Roma dall’ecclesiastico fiorentino Raffaele Cosimo Girolami tra la fine del XVII e l’inizio del XVIII secolo (l’esatta data di fondazione è dibattuta) e approvata ufficialmente nei suoi Statuti da Clemente XI nel 1718, erano state studiate in passato da Antonio Silvestrelli, per la sua tesi di laurea in teologia – mai edita –, presso la Pontificia Università Lateranense. L’autore era giunto fino al 1770, anno in cui papa Clemente XIV aveva concesso all’Accademia il privilegio di assegnare ogni anno il dottorato in teologia a uno dei suoi membri. L’opera di De Palma si riconnette a quella di Silvestrelli e la completa. Vi si riconnette, giacché, dopo la dispersione degli archivi dell’istituzione – tutt’ora irreperibili, malgrado le accurate ricerche dell’autore –, il testo di Silvestrelli „si è trasformato in una fonte imprescindibile per la conoscenza delle origini dell’Accademia e per proseguire nell’approfondimento della sua storia“ (pp. 18 sg.); la completa, poiché si spinge alle soglie del presente, sondando gli sviluppi successivi del sodalizio, fino all’ultima riforma statutaria, compiuta da Giovanni Paolo II nel 1999. Valorizzando le fonti disponibili, De Palma concentra la propria attenzione sulle relazioni „di vertice“, ovvero tra i Segretari dell’Accademia e la Santa Sede, ricomponendo dettagliatamente, attraverso un’accurata analisi dei carteggi e dei documenti pontifici, il laborioso processo di tornitura dell’identità istituzionale dell’Accademia dalle origini ad oggi, dal quale emergono con chiarezza continuità e cesure sul lungo periodo. Laddove le fonti lo consentono, la ricerca apre anche interessanti scorci sul profilo culturale dell’istituzione, come nel caso dell’analisi dei tesari sette-ottocenteschi approntati per le discussioni interne, i quali riflettono l’orientamento prevalentemente tradizionale e apologetico del sodalizio, o di quella della rivista „Divinitas“, della quale l’Accademia si dota nel 1957, che ne documenta la viva partecipazione ai dibattiti pre e postconciliari. De Palma riesce a restituire un profilo storico complessivo della Pontificia Accademia di Teologia, pur dovendo fare i conti con il limite invalicabile costituito dalla perdita dei suoi archivi. Per il primo periodo, egli si avvale del materiale messo a disposizione da Silvestrelli, non limitandosi a una pedissequa ripetizione, ma dilatando l’intelligenza storica dei contesti, con il riferimento alla storiografia più recente e l’elaborazione di una riflessione personale che lo porta talvolta a discostarsi dalle interpretazioni di quell’autore. Per la fase posteriore, la penuria di fonti si materializza invece vistosamente in due „fossati“ cronologici, sporadicamente riempiti da qualche informazione: il primo, dal terminus ad quem della ricerca di Silvestrelli (1770) alla riforma delle costituzioni operata da papa Gregorio XVI (1838); il secondo, da quest’evento alla nuova riforma statutaria attuata da Pio XII (1956). In generale, certi vuoti, legati all’assenza di fonti „dirette“, si sarebbero, forse e in qualche misura, potuti compensare approfondendo lo studio delle persone, reso possibile dalla disponibilità di alcuni elenchi dei membri dell’Accademia, che l’autore utilmente pubblica – assieme ad alcuni documenti del fondatore – nella corposa appendice del volume. Incrociando i dati prosopografici si sarebbe potuto ricavare un profilo tipologico dei membri dell’Accademia e la sua evoluzione nel tempo. In ogni caso, pur rimanendo aperto ad approfondimenti e a quel compimento che potrebbe derivare da un futuro ritrovamento degli archivi, il lavoro di De Palma viene a costituire l’opera più completa sulla storia della Pontificia Accademia Teologica, soddisfacendo a quel bisogno interno di memoria e identità, che aveva portato l’allora Prelato Segretario Piero Coda (2003–2008) a chiedere all’autore di avviare questa ricerca (pp. 5 sg.).+TABRE+Davide Marino

Angela Falcetta, Ortodossi nel Mediterraneo cattolico. Frontiere, reti, comunità nel Regno di Napoli (1700–1821), Roma (Viella) 2016 (I libri di Viella 226), 325 S., ISBN 978-88-6728-599-0, € 35.

Der hier vorgestellte Bd. ist eine zu einer Monografie umgearbeitete Fassung der in den Jahren von 2011 bis 2014 von Angela Falcetta an der Universität Padua verfassten Diss. Die Forschungen der Vf. wurden wesentlich durch das Werk des dort unterrichtenden Professors Egidio Ivetic inspiriert. Im Fokus dieses Werks steht die größte Bruchlinie, die das christliche Mediterraneum zweiteilte, nämlich die Grenze zwischen Katholizismus und Orthodoxie. Thema des Bd. von Falcetta ist die Geschichte der im Königreich Neapel lebenden orthodoxen Christen im 18./19. Jh., die die Autorin sowohl methodisch und hinsichtlich der Fragestellung als auch mit Blick auf die erschlossenen Archivquellen auf eine neue, die früheren Forschungen in mehrerlei Hinsicht übertreffende Art und Weise aufarbeitet. Ausgangshypothese des Bd. ist, dass Italien in der Frühen Neuzeit – trotz der starken Präsenz, Macht und Kontrolle der katholischen Kirche – das Grenzgebiet zwischen der östlichen und westlichen christlichen Welt darstellte, und die konfessionellen Determinanten und Trennlinien keineswegs eine so starre Struktur bedeuteten, wie wir das bislang annahmen. Die Vf. untersucht mit kritischem Blick die These von der Verfestigung der Grenzen zwischen dem katholischen und orthodoxen Christentum in Italien, in erster Linie im Königreich Neapel und insbesondere in dessen Adriaprovinzen, am Beispiel der griechischen Diaspora in der Terra di Bari. Diese Ortswahl erscheint auch deshalb gelungen, weil sich die früheren Forschungen vor allem mit den griechischen Kolonien in der Republik Venedig beschäftigten. Dieser Perspektive ist es zu verdanken, dass die Ergebnisse, die die Stabilität der konfessionellen Identität und Grenzen in vielfacher Hinsicht widerlegen, im Falle einer Diaspora, die unter einer viel kraftvolleren katholischen Konfessionskontrolle lebte, eine noch stärkere Beweiskraft haben. Die Tatsache, dass Handelsinteressen im 18. Jh. in den Vordergrund traten, führte zu einer Neupositionierung der Stellung der orthodoxen Christen im mediterranen Raum, und so wurde – um den Titel einer klassischen Schrift von Traian Stoianovich zu zitieren – der erobernde orthodoxe Händler vom Balkan („the conquering Balkan Orthodox merchant“) zu einem wichtigen Vermittler zwischen den italienischen Staaten und dem Habsburger Reich bzw. der Levante. Diese Veränderungen wirkten sich auch in bedeutendem Maße auf den Status der orthodoxen Gemeinschaften und auf ihr Beziehungssystem aus. Es ist also kein Zufall, dass auch die Helden in Falcettas Buch vor allem griechische Händler in Süditalien sind, und dass sie ihre Geschichte unter den Gesichtspunkten der erneuerten Diasporaforschung untersucht. In diesem Sinne weist sie einerseits die Durchlässigkeit der Grenzen nach, andererseits widerlegt sie die Vorstellung einer ethnischen und konfessionellen Homogenität der Diasporagemeinschaften bzw. die Ausschließlichkeit der identitätsbildenden Rolle dieser Faktoren. Die früheren Forschungen beschäftigten sich in erster Linie mit den Institutionen der Diaspora und arbeiteten vor allem das Quellenmaterial der Konfraternitäten auf. Diese Art und Weise der Annäherung und Dokumentation rückte zwangsläufig das Phänomen der inneren Kohäsion in den Vordergrund. Demgegenüber betont die Vf. auf der Basis des außerordentlich reichhaltigen Archivs der Propaganda Fide-Kongregation in Rom bzw. der Notariats- und Gerichtsakten von Neapel, Bari, Trani und Barletta die Phänomene des Zusammenlebens mit dem katholischen Milieu bzw. die Heterogenität der Diaspora und ihre innere strukturelle Untergliederung. Einen der größten Verdienste des Bd. bildet seine der Mikrohistorie verwandte Herangehensweise. Das erste der fünf Kapitel, die Einleitung, stellt den Prozess der orthodoxen Migration, die Topografie der orthodoxen Gemeinschaften in Italien sowie die wichtigsten Elemente der katholischen kirchenrechtlichen Regulierungen in Verbindung mit den Orthodoxen vor. In den folgenden Teilen der Arbeit werden die individuellen Schicksale lebendig. Mittels der Lebensgeschichten von Geistlichen, Händlern, Seeleuten, Soldaten und Spionen, die sich an der Grenze der beiden Welten bewegen, wird ein orthodoxes Diasporabild gezeichnet, das – im Vergleich zu früher – viel bunter und strukturierter ist, und in dem die Diaspora an zahlreichen Punkten aktive Beziehungen zur katholischen Außenwelt pflegte und ihre Übergangssituation sogar geschickt verzinsen konnte. Das Buch von Angela Falcetta stellt nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der orthodoxen, griechischen und albanischen Diaspora in Süditalien dar, sondern hilft auch, die Dynamik von Migrationsprozessen, die Anpassungsstrategien von Minderheiten und ihre Interaktionen mit dem aufnehmenden Milieu sowie die Logik und die Mechanismen der Bildung von Netzwerken innerhalb der Diaspora und über sie hinaus zu verstehen.+TABRE+Antal Molnár

Rosario Forlenza/Bjørn Thomassen, Italian Modernities. Competing Narratives of Nationhood, New York (Palgrave Macmillan) 2016, XII, 296 S., ISBN 978-1-137-50155-4, € 90,94.

Dass ein Buch zu italienischen Moderne-Entwürfen auf dem Umschlag den Dom von Spoleto aus dem späten 12. Jh. zeigt, gehört zu den vielen Merkwürdigkeiten, die es kennzeichnen. Nun ja, die beiden Autoren, ein italienischer Zeithistoriker und ein italophiler dänischer Kultursoziologe, haben sich dort kennengelernt und beim Joggen dieses Buch entwickelt. Und dann steht auf der Fassade des Doms eine lateinische Inschrift von 1207, die ihnen wichtig war. Dabei geraten sie freilich schwer ins Stolpern: erstens kann wohl keiner der beiden Latein, denn in den 20 Wörtern sind fünf Übertragungsfehler, und zweitens nehmen sie das dort zu lesende Adjektiv „modernus“ allen Ernstes als Beleg, dass die Italiener immer schon bemüht waren, modern zu sein. Das nämlich ist ihr Ziel: Sie wollen die (vorwiegend ausländische, so jedenfalls die beiden Autoren) Rede vom ewig rückständigen Italien mit dem Nachweis widerlegen, dass die Italiener selber seit dem Risorgimento unentwegt über die Moderne nachgedacht haben. Dass man die These von der Rückständigkeit durch den bloßen Aufweis von Modernisierungsdiskursen widerlegen kann, überzeugt nur, wer eine derart unterkomplexe Version von intellectual history praktiziert, wie sie hier im Abschnitt „Methodology“ (S. 11–14) vorgestellt wird: Man schmückt sich mit klangvollen Namen wie Foucault, die beiden Assmanns, Voegelin, Gellner und van Gennep (vorher fielen schon Jaspers und Koselleck, später kommt noch Bracher ins Spiel) und gibt schon mit dieser Zusammenstellung zu erkennen, dass aus diesem modisch-beliebigen Gemisch keine tatsächliche Inspiration ausgehen kann. In acht Kapiteln machen die beiden Autoren einen Gang durch die Geschichte des italienischen Nationalstaats. In Kap. 2 bis 5 stellen sie zusammen, was Liberale, Katholiken, Sozialisten und Faschisten zum Thema Moderne zu sagen hatten. Meist geschah das indirekt, d. h. im Rahmen einer Auseinandersetzung mit dem Risorgimento, das sich selbst bekanntlich als Weg Italiens in die (politische) Moderne verstanden hat. Dem Kenner wird kaum Neues geboten, und das tatsächlich Gebotene ruft bei ihm oftmals Stirnrunzeln hervor. Kap. 6 gilt dem Zweiten Weltkrieg als einer historischen Wasserscheide mit dem 8. September 1943, die folgenden beiden den geschichtspolitischen Auseinandersetzungen der letzten 70 Jahre. Im letzten Kapitel mit einem verrätselten, auf Bruno Latour anspielenden Titel („What, if we were never modern?“), dessen radikale Moderne-Kritik aber gerade nicht aufnehmend, enthüllen die beiden ihr eigentliches Ziel. Es ist ein theoretisches. Indem sie das Bild vom ewig rückständigen Italien mit Hilfe der dort vorfindlichen vielfältigen Modernisierungsdiskurse korrigieren wollen, möchten sie zugleich die hergebrachte normative Vorstellung einer einzigen Moderne überwinden. Das ist ein sympathisches Ziel, aber den Weg dorthin verstellen sich die Autoren mit theoretischen und argumentativen Barrieren, jedenfalls aus Sicht der Geschichtswissenschaft. Der Historiker würde anders argumentieren. Er würde erstens „Moderne“ historisieren, d. h. zur Epoche erklären mit phasenweise je spezifischen Merkmalen. Er würde zweitens natürlich neben der Diskurs- die hier so verabscheute sogenannte Sachgeschichte heranziehen („The primary aim of the book is not to present new empirical materials“, S. 14) und Gegenstandsbereiche identifizieren, an denen sich Modernität ablesen lässt – oder eben nicht. Er würde dann drittens die in Italien gewählten Lösungen aus Pfadabhängigkeiten und kontingenten Umständen zu erklären versuchen (wobei zu letzteren auch die sich wandelnde, sich gleichsam „modernisierende“ Moderne zählt) und daraus viertens die Erkenntnis ableiten, dass Italien (wie jedes andere Land) einen eigenen Weg in die Moderne geht, dabei freilich zunehmend präzise andere Modernen beobachten und eventuell rezipieren kann, neuerdings auch durch Senkung von Schranken und Grenzen in vielem seine autonomen Entscheidungsmöglichkeiten eingebüßt hat. Der Rezensent geht seit langem diesen Weg, während das hier vorgestellte Buch nicht zum Ziel führt.

Christof Dipper

Sabine Mayr/Joachim Innerhofer, Quando la patria uccide. Storie ritrovate di famiglie ebraiche in Alto Adige, a cura del Museo ebraico di Merano, Bolzano (Raetia) 2017, 543 pp., ill., ISBN 978-88-7283-512-8, € 24,90.

„Quando la patria uccide“ è il risultato di una enorme ricerca, condotta con gli autori assieme al Museo Ebraico di Merano, sulle vicende personali delle famiglie ebraiche che subirono la persecuzione fascista e nazista in Alto Adige. Si tratta di una zona particolarmente interessante, sia per l’antichità della presenza ebraica, sia per le particolari vicissitudini del territorio negli anni che vanno dalla fine della Prima Guerra Mondiale al 1945. Le prime tracce di vita ebraica a Merano, infatti, datano al 1475. Fino alla Prima Guerra Mondiale Merano era una meta di turismo per le famiglie ebraiche di tutta Europa, anche per il sanatorio per gli indigenti realizzato da Raphael Hausmann. Nonostante l’importanza che la comunità ebraica locale ebbe nello sviluppo economico della regione, l’antisemitismo si sviluppò molto precocemente. Nel Sud Tirolo, nel periodo immediatamente successivo alla fine della Prima Guerra Mondiale, tra gli ex sudditi dell’Impero Austro-Ungarico di lingua tedesca diventati improvvisamente cittadini del Regno d’Italia, lo scontento per la nuova situazione fece rinascere l’ostilità nei confronti degli ebrei. L’anti-giudaismo era un pregiudizio molto diffuso nella zona, grazie anche al mito degli omicidi rituali nato nel Quattrocento con la leggenda di San Simonino, santo molto popolare a Trento. Con la fine della Grande Guerra e la fine della Duplice monarchia, il mito della „congiura ebraica“ conobbe una nuova e forse più pericolosa fase. Dopo questa breve introduzione sulla storia degli ebrei nel Sud Tirolo, il libro racconta le vicende delle famiglie ebree colpite dalle leggi antiebraiche del fascismo e poi travolte dalla Shoah nel periodo dell’occupazione nazista. Si tratta di decine di biografie, estremamente dettagliate e, quando possibile, illustrate con fotografie e documenti dell’epoca. Si tratta, come è facilmente comprensibili, di storie terribili, e particolarmente deprimenti se si pensa al contributo che molte di queste vittime avevano dato alla società dell’epoca. Ad esempio Wilhelm Loew era figlio dell’avvocato della nunziatura apostolica a Vienna. Wilhelm aveva abbandonato l’ebraismo e dopo aver servito come volontario della Prima Guerra Mondiale sotto Francesco Giuseppe, nel 1919 si trasferì a Caldaro. Nel 1924 chiese ed ottenne la cittadinanza italiana, ma tutto ciò non bastò a salvarlo. Nel febbraio del 1944 fu arrestato dai nazifascisti e portato nel campo di concentramento di Bolzano-Gries. Nonostante l’ormai tarda età, nonostante non fosse più di religione ebraica e nonostante avesse scelto di essere cittadino italiano, fu brutalizzato nella maniera più sadica dalle guardie italiane del campo. Nell’ottobre successivo fu trasferito a Birkenau, dove perse la vita. La breve biografia dell’avvocato Loew, come tutte quelle riportate dagli autori, è basata su tutte le fonti disponibili; un lavoro veramente notevole che permette di avere informazioni preziose per ricostruire la prassi della persecuzione. Sempre per rimanere sul caso Loew, infatti, tutto il procedimento che portò alla sua deportazione e morte dimostra quanto i nazifascisti non tenessero in alcun conto la religione, oppure l’età o le „benemerenze“ politiche che avrebbero, secondo le leggi della Repubblica sociale, dovuto mantenere al riparo dallo sterminio queste persone. In molti casi, inoltre, gli autori sono riusciti a ricostruire le vicende successive delle famiglie perseguitate, che raccontano le grandi difficoltà che dovettero superare per rientrare in possesso dei loro averi e dei loro diritti. I risultati di questa ricerca sono importantissimi quindi non solo per avere notizie sui perseguitati, ma anche sulla prassi della persecuzione. Anche se a volte un po’ confuso nell’esposizione, il testo è un esempio virtuoso di come si debba eseguire una ricerca locale sulla Shoah in Italia.+TABRE+Amedeo Osti Guerrazzi

Anna Foa, La famiglia F., Roma-Bari (Laterza) 2018 (I Robinson. Letture), VII, 174 pp., ill., ISBN 978-88-581-2764-3, € 16.

Ai primi decenni del XV secolo, un gruppo di ebrei si stabilisce a Moncalvo dove nel corso degli anni si sviluppa un particolare rituale di preghiera sinagogale poi officiato unicamente in Asti, Monferrato, Fossano e appunto Moncalvo. Nel 1840 vi nasce Giuseppe Foa, figlio di Moise il cenciaiuolo, futuro rabbino e bisnonno dell’autrice, la storica Anna Foa già docente a La Sapienza di Roma. Il figlio del rabbino, Ettore, è il padre di Vittorio Foa, una delle figure più interessanti dell’antifascismo italiano, della Resistenza e della vita politica e culturale in Italia. Le famiglie di cui si ricostruisce il protagonismo nella vita culturale italiana si chiamano Foa, ma anche Della Torre, Luzzatti, Giua, Agnini e molteplici sono i luoghi delle provenienze originarie evocate; Moncalvo in Piemonte, dopo la migrazione da Foix in Occitania, Castelsardo, Finale Emilia e altri luoghi abituali del soggiorno montano o marino. Cinque alberi genealogici e oltre 350 nomi per una restituzione di eventi privati e pubblici, anzi politici, che fa riferimento a diari importanti e scritti di memoria che includono Primo Levi, Ursula Hirschmann, Ada Gobetti, e lo stesso Vittorio Foa padre dell’autrice. Vittorio Foa e Michele Giua, nonno materno dell’autrice, furono entrambi imprigionati a partire dal 1935. A Torino avevano aderito a Giustizia e Libertà, il movimento politico liberal-socialista fondato a Parigi nel 1929 da un gruppo di esuli antifascisti. Le pagine dedicate dall’autrice alla prigionia sono importanti; i protagonisti fanno parte di una Resistenza in cui all’antifascismo si coniuga la complessa appartenenza a una sinistra distrutta ma non annientata dalla dittatura. Come negli scritti di Antonio Gramsci (ma anche nella narrazione di Primo Levi) emerge la scelta di una resistenza spirituale, una „università del carcere“, priva di connotazioni eroiche. Il percorso di memorie familiari in realtà parte da Renzo lo zio materno, caduto giovanissimo in Spagna nel 1938 e termina con la vicenda di Renzo Foa, fratello dell’autrice che dello zio materno prese il nome otto anni dopo quella tragica morte. Anima del gruppo giovanile romano Nuova Resistenza, diventa giornalista; dopo l’adesione al PCI dirige „l’Unità“, organo del partito. Sua è la prima intervista fatta ad Alexander Dubček (segretario generale del partito comunista della Cecoslovacchia) dopo che era stato allontanato dalla vita politica. L’intervista suscitò interesse internazionale e fu premessa al ritorno del leader del „socialismo dal volto umano“ alla politica attiva nel suo paese. Il percorso di allontanamento di Renzo dal comunismo fu diverso da quello di sua madre Lisa che a lungo aveva collaborato con Togliatti e l’Associazione Italia-Urss. Mentre Renzo abbandonò la sinistra, Lisa scelse la sinistra extraparlamentare, continuando un fitto dialogo col figlio. Intensi sono anche i dialoghi di Renzo con suo padre Vittorio di cui è rimasta traccia nell’ultimo scritto di Renzo Foa: „Un padre che chiamavo Vittorio“. Ma non meno di rilievo sono le figure femminili, la bisnonna dell’autrice, Elisa Agnini, femminista del gruppo romano, sposa di Vittorio Lollini, che fu tra i fondatori nel 1892 del Partito Socialista Italiano. „In ogni famiglia, c’è uno dei figli che si fa tramite fra il passato e il futuro, colui che si interessa di più ai parenti e alla loro storia, che prende sulle sue spalle il compito di trasmettere alla generazione futura il lascito di quella passata. Se così non fosse, ci troveremmo di fronte a pagine bianche, ogni memoria famigliare sarebbe cancellata. Certo, a volte si tratta di un ruolo condiviso, ma è più comune che esso sia assunto, per ogni generazione, da uno solo dei figli. … Succede anche per il passato dei sopravvissuti della Shoah, e una psicoanalista italo-israeliana, Dina Wardi, ha chiamato chi si assume questo compito ‚le candele della memoriaʻ. Le loro responsabilità sono grandi, come grande è, almeno quando si è giovani, l’incomprensione dei fratelli che preferiscono guardare al futuro che tornare indietro al passato. Ma quando tutti si è vecchi, allora talvolta il peso del ricordo si suddivide fra le spalle di tutti.“ Questo scriveva l’autrice nell’agosto del 2013, per la rubrica „Tracce del quotidiano“ del giornale „Avvenire“; la scelta di farsi o il destino di essere „candela della memoria“ è all’origine del libro che certamente nasce da memorie famigliari ma racconta tutte le articolazioni e lo spessore della sinistra italiana del Novecento.+TABRE+Giovanna Grenga

Jean-Baptiste Amadieu, La littérature française au XIXe siècle mise à l’Index. Les procédures, Paris (Éditions du Cerf) 2017, 542 pp., ISBN 978-2-204-10644-3, € 39.

A dieci anni esatti dalla discussione della tesi di dottorato dedicata da Jean-Baptiste Amadieu alla „mattanza“ della letteratura francese del XIX secolo da parte della Congregazione dell’Indice, vede finalmente la luce questo volume, che di quell’imponente lavoro costituisce la prima parte. L’autore ha riempito questo decennio attraverso una folta messe di articoli su riviste specializzate e contributi in opere collettive, offrendo al pubblico degli studiosi uno sguardo ampio e dettagliato sull’approccio e i principali contenuti della sua vasta indagine. Quanti hanno seguito in questi anni la sua produzione non devono dunque aspettarsi dal presente testo grandissime novità. Con questo, non si vuole affermare tuttavia che esso rappresenti una pedissequa riproposizione di contenuti già editi. Da una parte, infatti, quei contributi, pur attingendo al nucleo della ricerca originaria ed elaborandolo, non ne hanno esaurito la ricchezza, qui pienamente dispiegata; dall’altra, il volume in oggetto consente di cogliere lo sviluppo della ricostruzione storica di Amadieu nella sua costitutiva compattezza e unità. La prima parte del libro – preceduta da un’introduzione che fissa con grande precisione alcune questioni generali, oltre a fornire un’utile tabella relativa alle opere letterarie francesi all’Indice nell’800 – presenta un excursus sulla storia della censura ecclesiastica, che, muovendo dalla nascita della stampa, si spinge fin oltre la soppressione dell’Index librorum prohibitorum da parte di Paolo VI nel 1966, sondando i provvedimenti della Congregazione per la Dottrina della Fede verso alcune opere teologiche, durante il pontificato di Giovanni Paolo II. La fioritura, negli ultimi anni, di studi sull’Indice e la buona disponibilità di ricostruzioni sintetiche della sua storia – nonché la stessa destinazione dell’opera, verosimilmente, a quel pubblico mediamente colto o specializzato che potrebbe essere interessato a una ricerca dottorale – fanno apparire questa sezione del testo (una quarantina di pagine in tutto) forse anche troppo ampia e pleonastica. Essa va ad ogni modo compresa alla luce del disegno originario di un’opera, concepita ed elaborata nella prima fase delle ricerche sull’Indice, quando simili ricognizioni storico-istituzionali si presentavano come necessarie. La maggiore originalità del testo risiede dunque nei quattro capitoli che compongono la sua seconda e terza parte e costituiscono anche quantitativamente la porzione di gran lunga più consistente dell’opera. Qui, l’autore segue ed espone passo passo – con un’ampiezza e sistematicità senza precedenti – il processo della censura libraria, dalla denuncia delle opere fino alla ricezione delle proibizioni romane (in ambito francese). Tale processo è presentato tuttavia non in astratto, bensì in contesto, ovvero attraverso l’analisi dei casi concreti di censura. In questo modo, il lettore – mentre è trasportato nel vivo dei procedimenti contro le opere di scrittori del calibro di Sue, Huysmans, Sand, Balzac, Lamartine, Dumas e Zola – è messo nelle condizioni di misurare lo scarto tra norme e pratiche della censura. Giova, a questo fine, anche la pubblicazione in appendice – in traduzione francese, con testo latino a fronte – delle Regulae tridentine dell’Indice e della costituzione Sollicita ac provida di Benedetto XIV, che nel 1753 aveva riformato la censura, le quali rappresentano l’orizzonte normativo e procedurale per i censori romani dell’800. La vastità e metodicità di questa presentazione dell’iter istituzionale della censura – che abbraccia virtualmente un intero secolo – fa dell’opera di Amadieu una pietra miliare nella storiografia sull’Indice dell’ultimo ventennio e un punto di riferimento obbligato per gli studiosi che negli anni a venire si dedicheranno alla storia della censura pontificia, in attesa della pubblicazione di un secondo volume, nel quale saranno esposte le motivazioni della messa all’Indice della letteratura francese nell’800.+TABRE+Davide Marino

Die letzte Grand Tour. Die Italienreise der Patres Alois Stubhahn und Albert Nagnzaun von St. Peter in Salzburg 1804–1806, hg. von Korbinian Birnbacher, Wien-Köln-Weimar (Böhlau) 2017 (Itinera Monastica 1), 1034 S., Abb., ISBN 978-3-205-20205-9, € 90.

Am Ende eines jeden Tages halten Benediktiner in der Komplet Fürbitte für sich und für die abwesenden Mitbrüder der Gemeinschaft. Auch die Regel des hl. Benedikt macht in drei Kapiteln klare Vorgaben für aufbrechende, reisende und wiederkehrende Mitbrüder. Die Mobilität von Benediktinern scheint allein mit Blick auf diese beispielhaften liturgischen und normativen Texte einen größeren Platz eingenommen zu haben, als man es dieser monastischen Lebensform angesichts der Klausurbestimmungen, der Klostermauern der Abteien und der stabilitas loci der Brüder zunächst zutrauen würde. Zwar ist in der Forschung die Bedeutung von Benediktinern, z. B. als Missionaren, als Diplomaten, als Wissenschaftler und Bibliothekaren oder als Förderer von Klostergründungen und -reformen, bekannt. Weniger bekannt sind dagegen die Reisetätigkeiten von Benediktinern in der Frühen Neuzeit, die aus Bildungsaspekten, Sammlungstätigkeiten und weiteren Motiven erwachsen sind, und die sich in unterschiedlichen Klosterarchiven in Form von Briefen, Kalendereinträgen und Ausgabenbüchern bis heute erhalten haben. Diese Aspekte in den wissenschaftlichen Diskurs über das benediktinische Mönchtum einzubringen, ist das Ziel der vorliegenden Publikation, in deren Mittelpunkt das Tagebuch der beiden Mönche der Benediktinerabtei St. Peter in Salzburg Alois Stubhahn und Albert Nagnzaun von ihrer zwischen April 1804 und Juni 1806 unternommenen Italienreise sowie die mit ihr zusammenhängende Korrespondenz stehen. Eine sehr gute Kontextualisierung der Thematik bietet die Einleitung von Peter Erhart, dem St. Gallener Stiftsarchivar und Hg. der neuen Reihe Itinera Monastica (S. 11–33). Das Reisetagebuch der beiden Salzburger Benediktiner ist inhaltsreich und enthält eine Fülle von Beobachtungen und Begebenheiten, die für fast alle geisteswissenschaftlichen Disziplinen von Interesse sind (S. 41–363). In der Darstellung ihres rund fünf Wochen dauernden Weges von Salzburg bis nach Rom werden Reiserealitäten des frühen 19. Jh. greifbar; es werden Personen, Landschaften, Unterkünfte, Wegesituationen, Mitreisende und die Verpflegung beschrieben, aber natürlich auch Kirchen, Kapellen und Kunstwerke festgehalten, vor allem während ihres Aufenthaltes in Florenz, wo beide u. a. die Oper besuchten (S. 64–75). Am Ziel der Reise in Rom verweilten die beiden Mönche von Mai 1804 bis August 1805. Hier verdichtet sich das Erlebte; vor allem die Begegnungen mit Personen der Kurie sowie die Besichtigung von Bau- und Kunstwerken der Stadt stehen im Zentrum der Schilderungen. Es ließen sich hier zahlreiche Beispiele wiedergeben, die von großer Bewunderung für die Stadt und die Kurie und ihr Personal sprechen, aber auch Kriminalfälle einschlossen, wie den Mord am Bauleiter der Villa Doria Pamphili durch einen kurz zuvor entlassenen Arbeiter (S. 181 f.). Verschiedene Reisen führten ins Umland, auch nach Subiaco und Monte Cassino zu den für Benediktiner zentralen Wirkungsstätten des hl. Benedikt, wo sie ihre Eindrücke auch der Bibliothek und des Archivs festhielten (S. 208–211 bzw. 213–220). Die längsten Tageseinträge stammten von der Rückreise, und zwar aus Venedig, wo sie sehr detaillierte Beschreibungen ihrer Besichtigungen festhielten (S. 324–355). Der zweite Teil des vorliegenden Werkes enthält die Reisekorrespondenz, die weitgehend im Original im Archiv der Erzabtei St. Peter in Salzburg überliefert ist. Auch in den hier 181 in Volltext edierten Briefen wird ein ähnlich breites Spektrum wie im bereits genannten Tagebuch abgedeckt (S. 365–787). Neben verschiedenen Schreiben, die den Weg und den Aufenthalt der beiden Mönche in Rom erleichtern sollten – die Korrespondenz beginnt mit einem Schreiben des Abtes von St. Peter an Papst Pius VII. (S. 365 f.) –, sind hier die angebotenen Kunstwerke zu nennen, die von den beiden Mönchen inspiziert wurden, und deren Preislisten sie an ihren Abt sandten. Die in diesem Zusammenhang aufgeworfenen Fragen zu Sammlungstätigkeit und Bestandsbildung von Klosterbibliotheken – und zur Klosterbibliothek von St. Peter in Salzburg im Speziellen – werden in einem eigenen Beitrag von Petrus Eder aufgezeigt (S. 837–895). Daneben wird ebenfalls von Petrus Eder der Wert der vorliegenden Edition für die Musikgeschichte hervorgehoben, da viele der im Reisetagebuch genannten Personen mit der Musik verbunden waren, und auch zahlreiche Hinweise zu Heiligenfesten, Militärkapellen und zu den Theatern enthalten sind (S. 897–911). Weitere Wissenschaftsdisziplinen, die von dieser Reise berührt werden, wie z. B. die Mineralogie (hier der Beitrag von Gerald Hirtner zur mineralogischen Sammlung von St. Peter, S. 913–930) und die Numismatik (hier der Beitrag von Hubert Emmerig, S. 931–960), können an dieser Stelle nur kurz erwähnt werden. Abgeschlossen mit mehreren farbigen Abb. zu den Quellen und einigen Protagonisten dieser Publikation, weiterhin einem sehr guten Personen- und Ortsregister, stellt dieses Werk einen wichtigen – und äußerst lesenswerten – Forschungsbeitrag zur monastischen Mobilität und zum breiten Interessenspektrum des benediktinischen Mönchtums dar.+TABRE+Jörg Voigt

Marco Valerio Solia, Il Medico degli Eroi. Agostino Bertani e l’Estrema Sinistra Storica, Roma (Armando Editore) 2017, 271 S., ISBN 978-88-6992-301-2, € 25.

Eine wissenschaftlich fundierte Studie zu Leben und Werk des Mediziners und Politikers Agostino Bertani (1812−1886), einem bedeutenden Protagonisten des Risorgimento, stand bislang aus. Die erste, bislang maßgebliche Biografie datiert aus dem Jahr 1888. Dies überrascht, war Bertani doch führender Akteur in den Einheitskämpfen, in denen er Garibaldis Sanitätskorps vorstand, zudem in großem Umfang Geld, Waffen und Kleidung für die Truppen sammelte und Freiwillige rekrutierte – Initiativen, die die militärischen Expeditionen Garibaldis absicherten und überhaupt erst ermöglichten. Als Politiker wandte sich Bertani als einer der ersten konsequent sozialen Fragen zu, stritt gegen die Abqualifizierung Süditaliens sowie die administrative Präpotenz des sardisch-piemontesischen Königshauses im Gesamtstaat. Immer wieder betätigte er sich zudem publizistisch und als Hg. verschiedener fachwissenschaftlicher, aber auch politischer Zeitschriften, etwa „La Nuova Europa“, „La Riforma“, oder „La Gazzetta Medica“. Auch trat Bertani, eine der Gründungsfiguren der Estrema Sinistra Storica, für ein allgemeines, den weiblichen Teil der Bevölkerung einschließendes Wahlrecht ein, sprach sich als führend mit der Sanitätsfrage befasster Parlamentarier gegen die Prostitution aus und vertrat radikal säkulare Positionen: So engagierte er sich für die Aufhebung religiöser Orden, für die Verstaatlichung kirchlicher Besitzungen und für einen allgemein verbindlichen laikalen Schulunterricht. Überdies war er maßgeblich an der Einführung der Feuerbestattung im Königreich Italien als wahlfreie Alternative zur (christlichen) Erdbestattung beteiligt. Dieses facettenreiche Wirken lädt ein zu Fragen und Annäherungen aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Bedauerlicherweise trägt die vorliegende Arbeit wenig dazu bei, Bertani und sein Werk historisch-kritisch aufzuarbeiten oder neue Erkenntnisse zu präsentieren. Dies liegt zum einen an dem äußerst schmalen Quellen- und Literaturkorpus, auf den sich die Studie stützt. Sie kompiliert vorwiegend bekannte Sachverhalte aus den edierten Primärquellen bzw. rekurriert auf Erkenntnisse der Sekundärliteratur. Zum anderen fehlt wiederholt die kritische Distanz: Der Text greift das patriotisch-heldenhafte Narrativ der italienischen Einigungsbewegung („nostro Risorgimento“, S. 11) auf, welches die Geschichtsforschung längst dekonstruiert und aufgearbeitet hat (vgl. etwa die Arbeiten Lucy Rialls und Silvana Patriarcas). Fragestellungen, Hypothesen, kritischen Analysen oder dem Rückbezug auf geschichtswissenschaftliche bzw. soziologische Theorien wird demgegenüber kaum Raum gegeben. Nach der Lektüre dieses auf das Risorgimento und Bertanis Wirken darin fokussierenden Buchs bleiben daher zahlreiche Fragen offen: Wie fand Bertani zu seinen politischen Positionen und welche Einflüsse, Hintergründe bzw. Texte waren hierfür maßgeblich? Auf welche Weise gelang es ihm, erhebliche Summen und Sachmittel für Garibaldis Sache zu akquirieren? In welchen Netzwerken war er aktiv, und wie gestalteten sich seine Kontakte ins Ausland, wo der polyglotte Arzt Mitglied verschiedener Medizingesellschaften war? Weshalb schloss er sich 1866 den Freimaurern an, und wo ergeben sich Schnittmengen zu seiner politischen Haltung? Wie erklärt sich sein Eintreten gegen die Prostitution, und wie fügt es sich ein in das Hygienedenken seiner Zeit? (Vgl. hierzu etwa Malte König, Der Staat als Zuhälter. Die Abschaffung der reglementierten Prostitution in Deutschland, Frankreich und Italien im 20. Jahrhundert, Berlin 2016.) Die Studie von Marco Valerio Solia kann den Ausgangspunkt bilden, sich diesen und anderen Fragen zuzuwenden.+TABRE+Carolin Kosuch

Francesca Brunet, „Per atto di grazia“. Pena di morte e perdono sovrano nel Regno Lombardo-Veneto (1816–1848), Roma (Edizioni di Storia e Letteratura) 2016 (Studi sulla comunicazione politica 7), XXX, 352 pp., ill., ISBN 978-88-6372-933-7, € 55.

Il libro affronta un tema a prima vista molto tecnico e specialistico qual è il rapporto fra pena di morte e concessione della grazia nei territori del Lombardo-Veneto dall’emanazione del Codice penale austriaco nel 1803 alla rivoluzione del 1848. L’abilità dell’autrice – va detto subito – consiste nell’essere riuscita a tenere insieme con molto equilibrio tale aspetto con prospettive e tagli di lettura più ampi e originali. Ciò è potuto accadere grazie ad avvertenze metodologiche molto aggiornate, capaci di trasformare il caso storico prescelto in una sorta di stazione sperimentale in cui esaminare i complessi incroci non solo fra teoria e prassi giuridica, ma anche fra azione giudiziale e opinione pubblica, oltre che fra i diversi livelli di competenza giurisdizionale fra centro e periferia. Il tutto in un quadro storico di transizione com’era la restaurazione post-napoleonica in territori alla ricerca di nuova identità quali quelli austriaci, dopo la caduta del Sacro Romano Impero. La complessità della vicenda risalta perfettamente dalla notevole massa di materiale raccolta nell’appendice „Fonti e bibliografia“ alla fine del volume. La griglia di cui Francesca Brunet si è servita è, nella sua semplicità, molto funzionale: la ricerca è divisa in quattro parti rispettivamente dedicate a „Norma“, „Teoria“, „Prassi“, „Misure d’eccezione“. Dopo un dovizioso „profilo normativo, processuale, istituzionale“ – in cui viene presentato l’ambiente storico-politico a cui l’indagine si riferisce – quest’ultima entra nel vivo svelando il nodo principale dell’intera questione, consistente nella frequente inadeguatezza fra la larghezza di previsione normativa della pena capitale e la rilevanza socialmente percepita dei relativi reati. Il meccanismo a cui i componenti del Senato Lombardo-Veneto del Supremo Tribunale di Giustizia, con sede a Verona, fecero ricorso era dunque quello di procurarsi, per mezzo della proposta di grazia, un certo grado di discrezionalità allo scopo di provvedere sia alle inadeguatezze del Codice penale che, per converso, alle complicazioni inerenti a certi tipi di reati e a casi giuridicamente ambigui. Sarebbe come se condanna a morte e concessione della grazia costituissero due facce della stessa medaglia, con l’intento doppio d’intimorire e minacciare, da una parte, i sudditi riottosi e di presentare dall’altra la faccia buona del potere, nella dimensione paterna se non paternalistica che ancora apparteneva alla visione culturale diffusa nell’Austria post-napoleonica e forse ancor più nella sue province, tra cui il Regno Lombardo-Veneto. Questo elemento tecnico è proprio del diritto penale in generale e consiste nell’intima coerenza che dev’essere sempre considerata e tenuta presente nel lungo processo che va dalla previsione della pena all’emissione della sentenza e all’esecuzione della condanna. Più di qualsiasi altra branca del diritto, perciò, quella penale esige una considerazione di tipo globale, che potrebbe anche dar luogo ad una trattazione di tipo storico-sociale, ma l’autrice dichiara apertamente di non volere seguire questa linea di lettura: ella intende infatti concentrarsi sull’ambigua dualità di pena e perdono che ha consentito una non comune elasticità al sistema penale lombardo-veneto, in particolare anche con riferimento ai reati di natura politica, quelli di „alto tradimento“. A questo aspetto è dedicato il capitolo forse più interessante del libro che tratta appunto dei delitti „di alto tradimento“. Rispetto ad essi il divario fra la percezione sociale della loro odiosità e la ripugnanza politica da parte dell’autorità costituita è grande. Altrettanto impegnativo è di conseguenza il ruolo dei giudici nel commisurare delitto e pena. Tanto più che, ai primi dell’Ottocento, si è già nella fase in cui l’antica Polizey, intesa come governo e buona amministrazione del paese, sta assumendo il significato contemporaneo di polizia, come organo del potere esecutivo dello Stato. Brunet sa muoversi con destrezza nell’intricata questione, offrendone uno spaccato sia teorico che pratico che getta nuova luce sul significato più immediatamente politico delle „sette“ anti-austriache. L’ultimo paragrafo del capitolo s’intitola esplicitamente „L’arte politica di ‚saper combinare rigore e clemenzaʻ“.

Pierangelo Schiera

Laura Meneghello, Jacob Moleschott. A Transnational Biography. Science, Politics, and Popularization in Nineteenth-Century Europe, Bielefeld (Transcript-Verlag) 2017 (Histoire 117), 488 S., ISBN 978-3-8376-3970-4, € 49, 99.

Laura Meneghellos Arbeit über den vielleicht bekanntesten Vertreter des naturwissenschaftlichen Materialismus im 19. Jh., den in den Niederlanden, in Deutschland, der Schweiz und im Königreich Italien tätigen Physiologen und Politiker Jacob Moleschott (1822−1893), stellt eine Pionierleistung dar. Trotz Moleschotts Bedeutung für die Wissenschaftsgeschichte und einer breiten Rezeption sowie der vielfachen Übersetzung seiner Werke stand eine profunde, kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit seiner Person und seinem Oeuvre bislang aus. Einen ersten, indes auf schmaler Quellenbasis ruhenden Versuch in diese Richtung lieferte Giorgio Cosmacini, Il medico materialista: vita e pensiero di Jakob Moleschott, Roma-Bari, Laterza 2005. Meneghello untersucht Moleschott in ihrer Studie – eine überarbeitete Dissertationsschrift – als einen transnationalen Akteur, der die neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Zeit europaweit popularisierte, politisierte und zu ihrer universitären Institutionalisierung beitrug. Besonderes Augenmerk legt der Bd. dabei auf die Themen Übersetzung und Transfer von Wissen, zum einen in unterschiedliche Sprachen, aber auch in verschiedene gesellschaftliche und soziale Sphären. Ihr Beitrag zum Erfolg von Moleschotts Wirken resultiert aus dem Ineinandergreifen von privatem und beruflichem Netzwerk, das die Vielfalt der von ihm eingenommenen Rollen (als Arzt, Forscher, Autor, kultureller Mediator, Anwalt der Moderne und Politiker) vor dem Hintergrund einer politisch unruhigen Zeit, von deutscher und italienischer Nationalbewegung, von Verwissenschaftlichung, Antiklerikalismus und Säkularisierungstendenzen spiegelt. Meneghello stützt ihre Analyse dabei auf einen umfassenden, zum Teil erstmalig für die Forschung konsultierten, vielsprachigen Archivbestand. Die Kapitelstruktur des Buches folgt biografischen und werkbezogenen Linien, ergänzt um kurze Zusammenfassungen am Ende jedes Hauptkapitels sowie einen umfassenden Fußnotenapparat und ein Werk- und Literaturverzeichnis. Bei der Fülle der im Text genannten Namen und Orte vermisste die Rezensentin indes entsprechende zusätzliche Reg., die Leser/-innen den Zugang zu dieser Arbeit erleichtert hätten. Neben Moleschotts akademischem Werdegang, seinen Schriften, Reden und Netzwerken bezieht Meneghello insbesondere auch seine bisher kaum untersuchte kulturpolitische Bedeutung für die italienische Wissenschaftslandschaft und hier speziell seinen Beitrag zum Hygienediskurs und zur später durch seinen Schüler Cesare Lombroso weiter popularisierten Kriminalanthropologie mit ein. Auch Moleschotts ideal gesetzter holistischer Wissenschaftsbegriff, der Kunst, Ethik und Sitte mit umfasste, kommt wiederholt zur Sprache. Ferner fokussiert die Autorin auf das Erinnern und die Vereinnahmung Moleschotts für den wissenschaftlichen und politischen Kanon. Die Arbeit streift schließlich auch Genderaspekte, etwa die Rezeption von Moleschotts Ernährungslehre durch Frauen oder die Rolle seiner Ehefrau für sein wissenschaftliches Werk, und berührt weiter sein Eintreten gegen den europaweiten Antisemitismus. Diese gewichtigen Themen deutet das Buch indes nicht aus, und hier ließe sich entsprechend eine vorsichtige Kritik an einem generell sehr gut recherchierten und kenntnisreich geschriebenen Text formulieren: Die Rollen- und Themenvielfalt und das internationale Agieren Moleschotts verleiten zu einem kaleidoskopischen Blick, den das Buch selbst mit seinen Schwerpunkten auf Wissenschaftsbiografie, auf Wissenschaftspopularisierung und Übersetzungen (siehe „Introduction“) gerade nicht einnehmen möchte. Davon unbesehen gelingt es der Autorin, ein reiches und umfassendes Bild Moleschotts als Teil der Wissenschaftslandschaft seiner Zeit zwischen nationaler Sendung und internationalem Selbstverständnis zu zeichnen.+TABRE+Carolin Kosuch

Amerigo Caruso, Nationalstaat als Telos? Der konservative Diskurs in Preussen und Sardinien-Piemont 1840–1870, Berlin-Boston (De Gruyter Oldenbourg) 2017 (Elitenwandel in der Moderne 20), X, 516 pp., ill., ISBN 978-3-11-054207-3, € 89,95.

Tra il 1840 e il 1870, man mano che in buona parte d’Europa i movimenti liberali spingevano per una trasformazione degli ordinamenti politici vigenti in senso costituzionale – talvolta coniugando questa aspirazione con quella alla costruzione di stati nazionali moderni basati sull’esercizio della sovranità da parte della cittadinanza – prese forma un discorso politico alternativo, di stampo conservatore, che il volume di Caruso, in una prospettiva di storia comparata, prende qui in considerazione in rapporto a due casi paradigmatici, quello della Prussia e quello del Piemonte, i due motori delle unificazioni nazionali tedesca e italiana. Il discorso conservatore si alimentava alla fonte dei classici del pensiero antirivoluzionario – da Burke, a Haller a De Maistre –, che prospettavano la necessità di una politica „religiosa“, basata sul culto monarchico e sull’individuazione di un rinnovato legame tra trono e altare come necessario presupposto per la ricristianizzazione di una società percepita come disgregata dalla convulsione di una modernità che avanzava in modo tumultuoso, abbattendo troni e strutture di coesione politica e sociale consolidate. Questo studio, dopo avere opportunamente ricostruito il retroterra ideologico del pensiero conservatore, ne analizza con efficacia, sulla base di una vasta perlustrazione documentaria tanto a stampa quanto d’archivio, una fase importante di svolta e di evoluzione, avviata già negli anni ’40, ma destinata a dispiegarsi soprattutto dopo il 1848. Fu, infatti, soprattutto quando alle aspirazioni costituzionali del mondo liberale iniziò a coniugarsi anche la spinta verso una unificazione nazionale concepita come telos della cittadinanza sovrana, che tanto in Prussia quanto in Piemonte il fronte conservatore affilò con maggiore determinazione le proprie lame. Lo fece – e questo fu un fatto nuovo – sfidando i liberali sul loro stesso terreno prediletto; quello, cioè, dell’utilizzo sistematico della comunicazione a stampa, la cui irradiazione, resa possibile dall’attenuarsi dei tradizionali meccanismi censori, rappresentava di per sé un sinonimo della libertà moderna. Figure come, tra le altre, Radowitz, Gerlach, Niebuhr, Stahl nel mondo tedesco, come Luigi D’Azeglio, Curci, Margotti, Solaro della Margherita in Piemonte, nonché autori di romanzi popolari come Antonio Bresciani o Cesare Cantù nel più generale ambito italiano, dettero allora vita a iniziative pubblicistiche (paradigmatiche, in tal senso, la „Kreuzzeitung“, da un lato, „L’armonia“ e „La Civiltà cattolica“, dall’altro) il cui successo era testimonato da tirature in genere molto più elevate di quelle che la stampa di orientamento liberale poteva all’epoca vantare, e si sforzarono di rilanciare e adattare ai tempi un’ ideologia paternalistica e autoritaria che l’avanzata liberale stava contestando. E, una volta che il costituzionalismo fu comunque divenuto realtà, i politici che si ispiravano alla visione cristiano-conservatrice dettero battaglia nei parlamenti degli anni ’50 affinché i processi di trasformazione politica in atto si conciliassero comunque con una tradizione monarchico-assolutista che aveva radici lontane, saldamente proiettate in un mondo anteriore alla rivoluzione. Visto che il nuovo „destino“ si presentava come irreversibile, la preoccupazione dei conservatori, in entrambi i paesi, fu dunque quella di sottrarre ai liberali il monopolio del tema della nazione e di imprimere a quest’ultimo una connotazione prevalentemente verticistica e dinastica, declinata in antitesi rispetto alla „falsa“ libertà alla francese rivendicata dai liberali e in continuità, viceversa, con quella „vera“ libertà cristiana monarchica e cetuale, che essi presentavano come il vanto di una tradizione autoctona. Davvero meritorio per l’originalità della sua impostazione e per la solidità dei risultati scaturiti da uno scavo documentario di cui qui solo in parte è stato possibile restituire la ricchezza e la varietà dei toni, questo volume apre con successo una pagina nuova di quel tradizionale confronto tra le due unificazioni nazionali, che ha una lunga storia pregressa nella storiografia tedesca e in quella italiana.

Marco Meriggi

Lettere di Theodor Mommsen agli Italiani, a cura di Marco Buonocore, Città del Vaticano (Biblioteca Apostolica Vaticana) 2017 (Studi e Testi 519–520), 2 Bde., 1281 S., ISBN 978-88-210-0991-4, € 120.

Die Herausgabe von Theodor Mommsens zahlreichen Briefen an italienische Gelehrte und Freunde war ein Desiderat, das nun auf das glücklichste eingelöst worden ist. Marco Buonocore, Scriptor latinus der Vatikanischen Bibliothek und Leiter ihres Archivs, Präsident der Päpstlichen Akademie für Archäologie, Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts, hervorgetreten durch zahlreiche Publikationen vor allem zu den Inschriften Mittelitaliens (für die Berlin-Brandenburgische Akademie bearbeitet er das Supplement zu „Corpus Inscriptionum Latinarum“ [CIL] IX, regio IV), war für diese Aufgabe geradezu prädestiniert, da ihn seine Funktionen und Forschungsthemen immer wieder mit Mommsen und dessen italienischen Gesprächspartnern zusammenführten. Mommsen hat zwischen 1844 und 1896 viele Male Italien bereist, auch entlegene Gegenden (das Land der Samniten gilt noch heute als entlegen), um neue Inschriften aufzunehmen oder bereits bekannte zu verifizieren, und dabei die Hilfe nicht nur hoher Kollegen in Anspruch genommen, sondern auch die von lokalen Altertumsfreunden: „quella silenziosa ‚cultura locale‘“ (Buonocore), die er auch im CIL mit ehrendem Dank bedachte – schließlich war er sogar auf den Bauern angewiesen, der die erbetene Leiter zur Verfügung stellte, um die hoch am Campanile einer Landkirche (womöglich verkehrt herum) vermauerte Inschriftspolie entziffern zu können, und kam mit ihm ins Gespräch. Zwar neigen Italiener, angesichts ihres Reichtums an Monumenten und Archivalien, ohnehin mehr zu großzügigem Teilen als zu eifersüchtiger Abgrenzung, wie man noch heute aufs schönste erfahren kann. Aber es spricht doch, wie Buonocore mit Recht hervorhebt, für Mommsen (und für die italienischen Lokalforscher!), dass er, schon als Unbekannter, jedermann von seinen Absichten zu überzeugen und mögliche lokale Eifersuchten zu beschwichtigen verstand, und dieses Entgegenkommen (das damals, in italienischen Archiven und Bibliotheken, auch die Mitarbeiter der Monumenta Germaniae Historica erlebten und in ihren Briefen schildern) mit echter und nicht nur berechnender Dankbarkeit erwiderte. Das Ergebnis dieser Begegnung Mommsens mit Italien (oder richtiger: mit den Italienern, denn das ist nicht selbstverständlich! Buonocore hat einleitend dieses Verhältnis einfühlsam beschrieben) ist ein Brief-Korpus von 883 Briefen aus öffentlicher und privater Überlieferung bzw. Nachlässen in öffentlichen Bibliotheken, natürlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit, wie schon die „Addenda“ während der Drucklegung zeigen. Der kommentierende Apparat ist gewaltig. Von größtem Wert ist die Präsentation der italienischen Adressaten dieser Briefe: insgesamt 161 Personen, von denen jede eine Kurzbiographie erhält, aus der Anlass und Inhalt der Beziehung zu Mommsen hervorgeht; darunter Persönlichkeiten wie Bartolomeo Borghesi, Giovanni Battista de Rossi (an ihn allein 136 Schreiben), Pasquale Villari, Rodolfo Lanciani, Giovanni Mercati. Das ergibt geradezu eine Prosopographie der italienischen Altertumsforscher und Historiker und der italienisch-deutschen Beziehungen im 19. Jh., und das eben auch auf der Ebene der dilettierenden (ein damals noch positiv besetztes Wort!) Lokalhistoriker, Bibliothekare, Antiquare, mit denen Mommsen ohne akademischen Hochmut Umgang hatte. Darüber hinaus werden auch die in Mommsens Briefen erwähnten (historischen und zeitgenössischen) Personen nicht nur identifiziert, sondern kurz gewürdigt (dabei ergibt sich übrigens, dass Mommsen gegenüber den Italienern mit keinem Wort Gregorovius erwähnt, der in Italien doch – damals und sogar noch heute – neben Mommsen der weitaus bekannteste deutsche Historiker ist). Sehr reich auch die Sacherklärungen, die bei dieser Materie so nur ein Inschriftenkenner wie Buonocore liefern kann. Die Briefe – anfangs französisch, dann bald in einem recht spontanen, nicht immer korrekten Italienisch geschrieben – sind immer lebhaft und persönlich, auch wo sie präzise um Auskunft über einen neuen Fund bitten: Dank für zugesandte Abschriften, Erläuterungen seines Projekts eines Inschriften-Korpus, Diskussion über die Abhängigkeit von Hss. oder auch nur über Buchstabenformen, Austausch über Konjekturen und Korrekturen, Bitte um Fernleihe von Kodizes aus Bibliotheken (und darin manchmal etwas viel verlangend), Ermutigungen zu rascher, unkommentierter Publikation und, manchmal mit leisem Tadel, Ratschläge zu besserer Organisation (Nr. 8), Empfehlungsschreiben u. a. Im Ganzen ein Panorama der Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsorganisation des 19. Jh. (deutlich auch die Rolle des preußisch geführten Instituto di corrispondenza archeologica). Und natürlich beobachtete und kommentierte er, der liberale Abgeordnete, mit kritischer Liebe auch die politische Lage Italiens, seiner „seconda patria“. In den wenigen Septembertagen 1870 zwischen Sedan und der italienischen Eroberung Roms finden sich prononcierte Äußerungen zu Frankreich und zum Ausgang des deutsch-französischen Krieges (Nr. 220, vgl. 224; Nr. 503 spielt auf seine Carducci-Übersetzung an; Nr. 684 seine Rechtfertigung zu dem damals vielberedeten Vorfall, dass er, in der Vatikanischen Bibliothek arbeitend, sich beim Eintreten Leos XIII. nicht erhob). Umfangreiche Indizes erschließen das reiche, von Buonocore vorbildlich zusammengetragene und kommentierte Briefmaterial, das uns, aus der Augenhöhe eines großen Gelehrten, tiefen, persönlichen Einblick in den – von Nationalismen noch ungetrübten, von gegenseitiger Achtung getragenen – italienisch-deutschen Wissenschaftsaustausch gibt.+TABRE+Arnold Esch

Paolo Macoratti/Leandro Mais (a cura di), Giuseppe Garibaldi in 152 lettere e documenti autografi, prefazione di Mara Minasi, Roma (Garibaldini per l’Italia Edizioni) 2016, 312 S., Abb., ISBN 978-88-94174-20-5, € 25.

Wissen wir inzwischen nicht schon alles über Giuseppe Garibaldi, den „Helden beider Welten“ und die Lichtgestalt schlechthin des Risorgimento? Sind seine Schriften mittlerweile nicht vollständig ediert? Die Antwort muss selbstverständlich zweimal „Nein“ lauten. Wer die vorliegende Quellensammlung in den Händen hält und durchblättert, wird schnell erkennen, wieviel Arbeit Leandro Mais investiert hat, um die 152 Briefe und autographischen Dokumente zu einem guten Teil erstmals der Forschung dauerhaft zugänglich zu machen. In Zeiten, in denen an italienischen Schulen das 19. Jh. immer weiter in den Hintergrund rückt, gebührt allein dafür dem Sammler Mais und dem Hg. Macoratti Anerkennung für ihr Wirken. Wie letzterer in seinem Grußwort schreibt, genügt es nämlich nicht, Garibaldi auf eine heroische Ikone der italienischen Einheit zu reduzieren, sondern durch gründliches Studium der erhaltenen Quellen dessen profunden Humanismus auch den jüngeren Generationen aufs Neue zu erklären. Mais selbst hat die Sammlung der Stadt Rom geschenkt, die sie künftig auf dem Gianicolo im historischen Gebäude des Arco dei Quattro Venti der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung stellen will. In seinen knappen einleitenden Bemerkungen skizziert Mais den entstehungsgeschichtlichen Rahmen der Edition. In über fünfzigjähriger Forschung ist es ihm gelungen, die bisher zu zwei Dritteln nur archivalisch erschlossenen handschriftlichen Dokumente Garibaldis zusammenzutragen. Von diesen rund einhundert unedierten Quellen stammen etwa zwei Drittel aus dem Privatarchiv von Garibaldis Leibarzt und engem Vertrauten Enrico Albanese, das letzte Drittel aus Mais’ Privatarchiv. Chronologisch erstrecken sich die Autographe über die Jahre 1846 bis zu Garibaldis Tod 1882 und decken damit außer seiner „brasilianischen“ Phase 1836–1848 sowie den Revolutionen und Unabhängigkeitskriegen 1848/49 und 1859 nahezu alle wichtigen Abschnitte seines Lebens ab. Eine kontinuierliche Überlieferung ist freilich nur für die Jahre 1859 bis 1878 zu erkennen. Während die farbigen Originale auf der rechten Buchseite zu finden sind, erfolgt auf der linken Seite die Transkription – und im Falle französischer Texte ebenfalls eine Übersetzung ins Italienische durch Mais. Zahlreiche Fußnoten besonders zu genannten Personen erleichtern das Kontextverständnis. Bis auf wenige kaum zu entziffernde Passagen sind die Texte vollständig transkribiert. Inhaltlich wird jeder Leser andere Schwerpunkte setzen und unterschiedliche Aspekte bemerkenswert finden. Dem Rezensenten fielen mehrere Dokumente mit internationalen Bezügen auf, die einmal mehr den grenzüberschreitenden Kampf Garibaldis für Freiheit und Demokratie unterstreichen. Dazu gehören Proklamationen an deutsche (Nr. 21 A-1), russische (Nr. 21 A-2), spanische (Nr. 24), griechische (Nr. 68) und polnische (Nr. 152) Unabhängigkeitskämpfer, aber auch Briefe an die italienischen Arbeiter in Montevideo (Nr. 100) oder als transnationaler Kriegsfreiwilliger an französische Offiziere im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 (Nr. 102 und Nr. 105). Abgerundet wird die gelungene Edition durch qualitativ hochwertige farbige Abb., einen Namensindex sowie einen Abbildungsnachweis.+TABRE+Jens Späth

Maria Iolanda Palazzolo, Gli editori del papa. Da Porta Pia ai Patti Lateranensi, Roma (Viella) 2016 (La corte dei papi 30), 162 pp., ISBN 978-88-6728-676-8, € 20.

La storia dell’editoria pontificia nei decenni della questione romana si può far iniziare quando con la fine del potere temporale venne a mancare uno strumento editoriale al servizio del potere centrale della Chiesa, riconosciuto come tale da tutti i credenti, e capace di diffondere i messaggi del magistero romano. Le relazioni della Santa Sede con il Regno d’Italia fanno da sfondo alla ricostruzione di Palazzolo, che mostra come l’interesse per la comunicazione nel XIX secolo abbia spinto la Chiesa a un processo di modernizzazione in questo ambito, che la porterà nel Novecento ad appropriarsi di tecnologie sempre più all’avanguardia (radio, televisione, internet) per far sentire la sua presenza nella società. Le conseguenze sull’editoria della perdita del potere temporale si fanno sentire già all’indomani della breccia di Porta Pia, con la soppressione della Tipografia della Reverenda Camera Apostolica da parte del governo italiano. Sopravvissero la Tipografia Poliglotta di Propaganda Fide, gestita dalla famiglia Marietti, con la pubblicazione di un modesto catalogo di opere apologetiche, e la Tipografia Vaticana, al sicuro perché posta all’interno delle mura leonine, che riuscì a continuare la sua attività di stamperia come servizio per i comunicati e le circolari delle congregazioni romane. Come spiega l’autrice con dovizia di particolari, fu solo dopo che Leone XIII succedette a Pio IX che tre case editrici non italiane conquistarono il mercato librario dei testi religiosi, liturgici e teologici, ammodernando, in linea con la relativa apertura di papa Pecci, il sistema tipografico con capacità progettuali e produttive nuove. I Desclée di Tournai aprirono una filiale a Roma sperando di diventare gli interlocutori privilegiati della curia. Nel 1904 venne inaugurata la collana „Scienza e religione. Studi per i tempi presenti“ per aprire la casa editrice alle questioni di esegesi biblica e storia ecclesiastica. La Desclée va soprattutto ricordata perché nel 1910 cominciò la pubblicazione della traduzione a opera di Angelo Mercati della monumentale „Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters“ di Ludwig von Pastor, pubblicata in prima edizione da Herder nel 1891. Diretta rivale della Desclée era la casa editrice Pustet, nata negli anni venti dell’Ottocento in Baviera. Dal 1901 Pustet promosse la rivista di Giovanni Minocchi „Studi religiosi“, di cui erano collaboratori Semeria, Gallarati Scotti, Murri, Fracassini, tutti esponenti di quell’apertura agli studi religiosi e biblici con strumenti storico-critici. La ditta Mame di Tours, infine, si affacciò sulla scena romana probabilmente spinta dall’esigenza di ricercare nuovi spazi di mercato in seguito alle leggi di separazione tra Stato e Chiesa, che portarono a una progressiva marginalizzazione degli editori confessionali in Francia. Come è facile immaginare, la lotta antimodernista condizionò inevitabilmente anche l’editoria cattolica. Nel 1905 nacque a Roma l’Unione Tipografico Libraria Cattolica che ambiva a raccogliere e difendere gli interessi di tutte le imprese editoriali, italiane e straniere, che si ispiravano ai principi cattolici. Inizialmente aderirono 28 case editrici che divennero 115 nel 1906. Nel marzo 1908 nella prima pagina del bollettino bibliografico mensile dell’associazione, che si proponeva di rispecchiare la produzione cattolica mondiale, venne pubblicato un testo nel quale si affermava la piena e incondizionata adesione di tutta l’Unione ai principi dell’enciclica Pascendi. Per gli editori cattolici l’adesione alla Pascendi comportava l’obbligo di espungere dai propri cataloghi i testi ritenuti controversi e di rivedere tutti i progetti editoriali per adeguarli alle nuove norme. Ebbe inizio quindi una sorta di autocensura che portò Desclée a rinunciare alla pubblicazione delle opere di Giovanni Minocchi, e Pustet a quella degli studi di Giovanni Semeria e alla traduzione e alla diffusione della pubblicazione di Lucien Laberthonnière. Un caso su cui indugia l’autrice è quello della traduzione italiana dell’opera di Louis Duchesne, „Histoire ancienne de l’Eglise“, che vide la contrapposizione tra il direttore della filiale romana della Desclée, Augusto Zucconi, e i gruppi dell’antimodernismo italiano, come l’„Unità Cattolica“ di Cavallanti, il Sodalitium pianum di Benigni e la „Civiltà Cattolica“. A suscitare l’interesse degli editori cattolici fu anche il fermento per il rinnovamento liturgico tra Otto e Novecento. I percorsi accidentati della riedizione del „Graduale romanum“ di Pio V e della riedizione del breviario sotto Pio X sono ripercorsi da Palazzolo nel ricco capitolo dedicato alle grandi edizioni liturgiche. Fu proprio papa Sarto a potenziare, affidandole queste ed altre opere, il ruolo della Tipografia Vaticana, unica vera casa editrice del papa.+TABRE+Raffaella Perin

Tina Modotti. Arte e libertà fra Europa e Americhe, a cura di Paolo Ferrari e Claudio Natoli, Udine (Forum) 2017 (Tracce. Itinerari di ricerca), 287 pp., ill., ISBN 978-88-8420-982-5, € 20.

Il volume raccoglie le relazioni presentate al convegno internazionale „Tina Modotti nella storia del Novecento“ che si è tenuto a Udine nel novembre del 2015 e che ha visto la partecipazione di numerosi studiosi italiani e stranieri. Sono qui raccolti i saggi di: Patricia Albers, Letizia Argenteri, Christiane Barkhausen-Canale, Laura Branciforte, Rosa Casanova, Antonio Cobalti, Enzo Collotti, Paolo Ferrari, Adolfo Mignemi, Claudio Natoli, Elena Poniatowska, Alessandro Portelli, Marco Puppini, Federico Rocco e Roberta Valtorta. Si tratta di studiosi o intellettuali, com’è il caso della scrittrice Elena Poniatowska, che nel corso delle loro carriere si sono occupati, da prospettive diverse, delle vicende umane e politiche di Tina Modotti. I due curatori sono stati capaci di tenere insieme contributi plurali ed eterogenei e di offrire così al lettore un volume particolarmente interessante. Gli anni compresi tra i due conflitti mondiali videro, tanto in Europa quanto nello spazio atlantico, una grande circolazione di uomini e donne che si identificavano nel campo antifascista; quella diasporica fu un’esperienza condivisa da molti e la vita di Tina Modotti è in questo senso emblematica. Nata a Udine nel 1896, la Modotti sarebbe morta a Città del Messico nei primi giorni del 1942 dopo aver vissuto, in costante movimento, tra Stati Uniti, Messico, Germania, Unione Sovietica e Spagna. „La vita di Tina Modotti“, scrive giustamente Laura Branciforte nel suo intervento, „artista e fotografa di origine italiana e, per ‚adozione‘, cittadina statunitense, messicana e spagnola, è stata un’espressione unica di diverse culture e paesi, … il suo profilo identitario si potrebbe definire come transnazionale“ (pp. 118 sg.). Sempre secondo Branciforte si può a tutti gli effetti parlare di „nomadismo geografico“, categoria sicuramente utile per studiare le diaspore antifasciste tra i due conflitti mondiali, ma non solo. Il volume, in particolare grazie ai contributi di Argenteri, Albers, Casanova, Branciforte e Barckhausen-Canale, offre un quadro completo della lunga e transnazionale militanza nel campo antifascista e comunista di Tina Modotti. Si trattò di un percorso complesso e non scontato che sarebbe culminato con l’impegno della politica e artista italiana nella guerra civile spagnola, la „guerra antifascista per eccellenza“, come scrive nel volume Enzo Collotti (p. 93). Ma Tina Modotti non fu solo una militante comunista e antifascista, fu anche una fotografa dalla grande sensibilità e a questo aspetto è dedicato un altro importante blocco dei contributi del volume. Sono in particolare Mignemi e Valtorta a riflettere sull’arte fotografica dell’artista italiana. Ad un livello più generale ci pare che la vita transoceanica della Modotti, e il modo in cui questa viene trattata nel volume, serva anche a legare esperienze politiche e artistiche che ad una lettura superficiale potrebbero sembrare tra loro molto lontane. Gli ultimi due interventi, quelli di Cobalti e Ferrari, fanno luce sulla lenta e inesorabile riscoperta della figura di Tina Modotti nel corso degli ultimi decenni. Un processo che, si potrebbe dire, ha nella pubblicazione di questo volume una tappa importante, anche se non finale. Si deve infine segnalare, in chiusura del volume, due ricche appendici fotografiche intitolate rispettivamente „Tina Modotti fotografa“ e „Il mondo di Tina Modotti“. Si tratta di due strumenti ancora più fondamentali vista e considerata la natura del volume che, come si è detto, non si limita ad essere una raccolta di interventi di storici ma che ambisce invece ad offrire un quadro più complesso della figura di Tina Modotti: senza queste fotografie sarebbe più difficile per il lettore entrare in contatto non solo con la Modotti, ma anche con il mondo nel quale questa si mosse e il modo in cui lo visse.+TABRE+Enrico Acciai

Paolo Passaniti (a cura di), Lavoro e cittadinanza femminile. Anna Kuliscioff e la prima legge sul lavoro delle donne, Milano (Franco Angeli) 2016 (Collana della Fondazione di Studi Storici Filippo Turati 29), 367 S., Abb., ISBN 978-88-917-4042-7, € 42.

Wichtige Impulse für die Historiographie zur Frauenarbeit im liberalen Italien gehen seit Jahrzehnten von juristischen Studien aus. Das Standardwerk der Juristin Maria Vittoria Ballestrero begründete 1979 die Verflechtung zwischen arbeitsrechtlichen und geschlechtergeschichtlichen Fragestellungen. Der vorliegende, von dem Rechtshistoriker Paolo Passaniti herausgegebene Sammelbd. widmet sich nun aus einer dezidiert interdisziplinären Perspektive dem ersten italienischen Gesetz zum Schutz arbeitender Frauen und Kinder aus dem Jahr 1902, dessen Entstehung von den Einflüssen des zeitgenössischen Feminismus sozialistischer Prägung und der Frauenrechtlerin russisch-jüdischer Herkunft Anna Kuliscioff nicht zu trennen ist. Im Zentrum steht die Frage nach der Bedeutung der legge Carcano von 1902 für die gesellschaftliche Situation von Frauen und ihren Weg zu gleichberechtigter Staatsbürgerschaft in Italien. Die ersten vier Beiträge des Bd. führen in das Thema ein. Nach dem programmatischen Einstieg des Zeithistorikers Maurizio Degl’Innocenti, der die Zusammenhänge zwischen der Entstehung der modernen Massengesellschaft und der Intensivierung der „Frauenfrage“ herausstellt, skizziert der Jurist Lorenzo Gaeta die Entwicklung des italienischen Arbeitsrechts im Zeitraum von 1898 bis 1902. Maria Vittoria Ballestrero hinterfragt anhand der legge Carcano die ambivalente Beziehung zwischen den Konzepten „Schutz“ und „Gleichheit“. Gianni Silei nimmt die Gesetzgebung des frühen 20. Jh. zur Frauen- und Kinderarbeit im europäischen Vergleich in den Blick. Die folgenden Aufsätze beschäftigen sich mit politischen, sozialen und rechtlichen Entwicklungen, die den historischen Kontext der legge Carcano bilden. Michela Minesso diskutiert die Veränderungen der Mutterschafts-Politik im liberalen Italien, Ninfa Contigiani behandelt die ausgebliebene politische Gleichberechtigung italienischer Frauen auch vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs. Paolo Passaniti erläutert in seinem reflektierten Beitrag die Relevanz des Gesetzes von 1902 für die angestrebte ökonomische Selbständigkeit von Frauen und das damit verbundene langfristige Ziel von Feministinnen wie Anna Kuliscioff, freie egalitäre Paarbeziehungen zu fördern. Floriana Colao analysiert den Rechtsstatus italienischer Frauen im Kontext des kriminologischen Diskurses der Jahrhundertwende, und Irene Piazzoni rekonstruiert die Entstehung neuer feministischer Frauenbilder als Gegenbewegung zu traditionellen bürgerlichen Weiblichkeitsentwürfen. Die Verbindungen zwischen Sozialismus und zeitgenössischem Frauenrechtsdiskurs werden von Fiorenza Taricone anhand Kuliscioffs Zeitschrift „La Difesa delle Lavoratrici“ analysiert. Ihr Beitrag bietet einen faszinierenden Einblick in die Beziehungsnetzwerke zeitgenössischer Feministinnen sozialistischer Weltanschauung. Ideologische Parallelen zu Anna Kuliscioff stellt Maria Dolores Santos Fernández in ihrer Studie über die spanische Frauenrechtlerin Clara Campoamor vor, während Bruno Fiorai sich auf die Bedeutung des Gesetzes von 1902 speziell für die Kinderarbeit in Italien konzentriert. Der Bd. wird abgerundet durch Luigi Tomassinis Text über Frauen- und Kinderarbeit in italienischen Fabriken und der Landwirtschaft, der sich auf eine Analyse aussagekräftiger Fotografien der Jahrhundertwende stützt. Der Sammelbd. leistet einen innovativen Beitrag zur Geschichte der Frauenarbeit in Italien. Die Untersuchung der Interdependenzen zwischen der von Anna Kuliscioff maßgeblich geprägten legge Carcano und dem zeitgenössischen Frauenrechtsdiskurs könnte allerdings durch einen transnationalen Zugang erweitert werden. So ist die Vorbildfunktion gesetzlicher Neuerungen wie etwa die Etablierung staatlicher Mutterschaftskassen, die ebenfalls von Vertreterinnen der frühen italienischen Frauenbewegung inspiriert wurden, für die Geschichte der Frauenarbeit in Europa insgesamt nicht zu unterschätzen.+TABRE+Ruth Nattermann

Lorenzo Botrugno (a cura di), „Inutile strage“. I cattolici e la Santa Sede nella Prima Guerra Mondiale. Raccolta di Studi in occasione del Centenario dello scoppio della Prima guerra mondiale (1914–2014), Città del Vaticano (Libreria Editrice Vaticana) 2016 (Atti e Documenti / Pontificio Comitato di Scienze Storiche 44), 746 pp., ISBN 978-88-209-9683-3, € 34.

Il Pontificio Comitato di Scienze Storiche ha edito con la Libreria Editrice Vaticana gli atti del convegno tenutosi a Roma nell’ottobre 2014, nel centenario dello scoppio della Prima Grande Guerra. Il volume „,Inutile strageʻ. I cattolici e la Santa Sede nella Prima Guerra Mondiale“ della collana „Atti e Documenti“ è presentato dal presidente del Pontificio Comitato Padre Bernard Ardura, introdotto dal Cardinal Segretario di Stato Pietro Parolin, curato da Lorenzo Botrugno e da un notevole contributo accademico grazie alla selezione di specialisti dei principali istituti storici e università europee riguardo al tema. La politica antecedente alla Guerra, i rapporti di forza tra i belligeranti, l’opera della Santa Sede, il procedere degli eventi, le prospettive e gli slanci che la Guerra determinerà nell’Europa e nel mondo sono ben condensati e dettagliati con accortezza nell’intero tomo, composto da ben 746 pagine e corredato da un indice analitico ben curato. Spesso gli storici utilizzano il termine spartiacque per definire un evento di cesura particolarmente rilevante, ebbene la Prima Guerra Mondiale fu sicuramente un evento spartiacque che stravolse la società politicamente, culturalmente, socialmente. D’altra parte propose di risolvere i problemi che l’avevano innescata con delle risoluzioni di pace che poi si tradussero per molti aspetti nelle cause di un altrettanto sanguinoso conflitto mondiale. Quattro anni intercorrono tra il 28 luglio 1914 e il 11 novembre 1918, nei quali la fisionomia dell’Europa mutò radicalmente. A ridosso dello scoppio moriva Pio X e veniva eletto Benedetto XV, al quale si prospettava una complessa situazione politica che seppe gestire, malgrado alcuni paesi fossero completamente indifferenti ai suoi richiami. È da questi tentativi di pace perorati dai pontefici Pio X e Benedetto XV che parte questo volume col contributo di Massimo de Leonardis. Durante la Guerra assistiamo, inoltre, al mutamento di paradigma del conflitto stesso, da espansionistico a ideologico, poiché con il subentrare degli Stati Uniti nel 1917 il conflitto iniziò ad esser dipinto come lotta tra le democrazie e gli imperi centrali, un combattimento per le nazionalità „oppresse“ contro il multinazionale impero asburgico. Anche perché nell’intesa la Russia aveva perso la connotazione autoritaria a seguito della rivoluzione contro gli Zar. Il Pontefice continuò a lavorare mantenendo sempre una posizione pacificatrice, „perfettamente imparziale verso tutti“ (Benedetto XV, Lettera Enciclica, 1 agosto 1917). E le disattese speranze del Pontefice di una pace che contrapponesse „alla forza delle armi la forza morale del diritto“, affinché „lo spirito di equità e di giustizia dovrà dirigere l’esame di tutte le altre questioni territoriali e politiche, nominatamente quelle relative all’assetto dell’Armenia, degli Stati Balcanici e dei paesi formanti parte dell’antico Regno di Polonia“, suggerivano profeticamente ai vincitori di non schiacciare e umiliare i vinti, poiché ciò avrebbe alimentato lo spirito di vendetta che sarebbe covato e accresciuto, facendo da propulsore ai regimi totalitari sorti nei venti anni successivi. Tutto ciò emerge dai contributi presentati nel volume da Antón M. Pazos, Antal Molnár, Roberto Morozzo della Rocca (Le divisioni dei Cattolici), Aldo A. Mola (Il Papa e la questione romana nell’azione della massoneria), Filippo Lovison (Cappellani militari d’Italia), Giancarlo Rocca (Assistenza da religiosi e religiose), Antoine Fleury (Attività umanitarie svizzere) e Daniele Menozzi (Strumentalizzazione della religione e sacralizzazione della guerra). Ai quali si aggiungano gli interventi di Andreas Gottsmann (Austria), Xavier Boniface (Francia), Jörg Zedler (La situazione nel Reich e a Ratisbona), Keith Robbins (Gran Bretagna), Jérôme aan de Wiel (Irlanda), Luigi Michele De Palma (L’Ordine di Malta), András Fejérdy (Il vescovo Ottokár Prohászka), Stanisław Wilk (La Polonia), Massimiliano Valente (Serbia), Emilia Hrabovec (I cattolici Slovacchi), Cristóbal Robles Muñoz (I cattolici spagnoli e l’imparzialità), Antón M. Pazos (Censura postale in Spagna), Cosmin Cristian Oprea (Chiesa ortodossa romena), Alexey Beglov (Restaurazione del patriarcato ortodosso russo nel 1917) e Lorenzo Botrugno (Stati Uniti), che analizzano la guerra e alcuni temi specifici ad essa legati in base al proprio paese di interesse e studio. Sul Belgio nella Grande Guerra si veda Johan Ickx, „De Oorlog en het Vaticaan. Geheim verzet na de brand van Leuven in 1914“, Tielt 2017 (traduzione in italiano: „Diplomazia segreta in Vaticano [1914–1915]. Eugenio Pacelli e la resistenza alleata a Roma“, Siena 2018; traduzione in francese: „La Guerre et le Vatican“, Paris 2018). Conclude l’opera facendo un sunto dei contributi Gianpaolo Romanato. Ogni autore offre armonicamente al lettore un tassello che va a comporre un grande affresco del lavoro svolto prima, durante e dopo il conflitto da cardinali, vescovi, parroci, sacerdoti, religiosi, dirigenti di associazioni, politici e semplici fedeli di ogni paese, dalla Francia alla Polonia, dall’Irlanda alla Slovacchia, dalla Gran Bretagna alla Serbia e alla Russia. Dalle pagine del libro, inoltre, trasuda anche il clima drammatico che si respirò in quegli anni, nei campi di battaglia e nelle ferventi azioni politico-diplomatiche, lasciando emergere, al contempo, le speranze, le paure e gli interessi in conflitto. Persino i lati apparentemente meno rilevanti vengono messi in luce, dall’arruolamento delle donne-medico (Cecilia Dau Novelli, Le donne italiane nella Grande Guerra), agli effetti della guerra nelle terre di missione e sugli istituti missionari (Claude Prudhomme, Le missioni cattoliche). Nell’Europa che si delineava alla conclusione della guerra, solo un uomo, Giacomo Paolo Battista Dalla Chiesa, Papa Benedetto XV, ebbe la saggezza e la lungimiranza di affermare l’insensatezza del „suicidio dell’Europa“ o dell’„inutile strage“, per definirla con le parole che utilizzò nella celebre nota del 1 agosto 1917, e che danno titolo all’opera. Benedetto XV avvalorò instancabilmente e coraggiosamente la protezione delle minoranze, l’unione dei popoli, il rispetto della legalità internazionale, il perdono e il condono dei debiti. Egli seppe ribadire come il vero e il giusto, basi dell’immutabile patrimonio della Chiesa, siano sempre un sicuro investimento per il bene spirituale e materiale degli uomini.

Johan Ickx

András Fejérdy (a cura di), Rapporti diplomatici tra la Santa Sede e l’Ungheria (1920–2015). Atti dei convegni „Capitoli delle relazioni diplomatiche tra l’Ungheria e la Santa Sede“, organizzato il 14 aprile 2015 nel Parlamento ungherese a Budapest, e „Rapporti diplomatici tra la Santa Sede e l’Ungheria“, tenutosi il 2 giugno 2015 presso l’Accademia d’Ungheria in Roma, Città del Vaticano (Libreria Editrice Vaticana) 2016 (Atti e documenti / Pontificio Comitato di Scienze Storiche 45), 389 pp., ill., ISBN 978-88-209-9860-8, € 28.

Il volume qui recensito contiene una selezione degli atti di due convegni tenutisi nel 2015, il primo per commemorare il 95esimo anno dell’inaugurazione della nunziatura di Budapest ed il secondo in occasione del 25esimo anniversario della ripresa dei rapporti diplomatici tra la Santa Sede e l’Ungheria. Con l’aiuto di nuove fonti d’archivio, l’opera presenta i frutti delle più recenti ricerche ungheresi sulla storia della nunziatura di Budapest e narra il percorso delle relazioni diplomatiche tra il 1920 ed il 1945 e dal 1990 fino al 2015. Dopo la dissoluzione dell’Impero Austro-Ungarico, sia l’Ungheria che il Vaticano desideravano entrambi ristabilire il prima possibile le reciproche relazioni diplomatiche. Ciò era tuttavia ostacolato dalla situazione interna dello stato magiaro: le rivoluzioni, le occupazioni straniere e lo smembramento del paese ne rallentarono la stabilizzazione, e solamente nel corso del 1920 fu finalmente possibile ripristinare i contatti bilaterali tra i due paesi (Tamás Tóth, pp. 70–89). Il rapporto con la Santa Sede era importante per il governo ungherese per due motivi principali: da un lato i circoli politici vi vedevano la possibilità di uscire dall’isolamento internazionale, nella vana speranza che il Papa potesse intercedere a favore dell’Ungheria durante i trattati di pace; dall’altro lato il governo ungherese intendeva risolvere alcune questioni in sospeso con la Chiesa (Márk Aurél Érszegi, pp. 90–105). Di tali questioni si occupano anche altri studi inclusi nel volume. Tra questi András Fejérdy evidenzia come il Vaticano riuscì ad imporre con successo la propria posizione riguardo al giuramento di fedeltà dei vescovi ungheresi al reggente (pp. 139–167), mentre Balázs Csíky tratta della questione dell’attribuzione dell’autorità sulla nomina dei vescovi in Ungheria e della gestione dei benefici ecclesiastici, fino ad allora entrambe appannaggio del re. Il volume è arricchito inoltre da alcuni saggi che si occupano di avvenimenti meno noti del periodo che va dal 1920 al 1945, come il progetto, tra il 1930 ed il 1934, di fondazione di un istituto scientifico in Turchia da parte dei gesuiti ungheresi (Antal Molnár, pp. 226–281) o le visite apostoliche tra il 1927 e il 1935, che ebbero lo scopo di ottenere „una radiografia spirituale, disciplinare e finanziaria“ degli ordini monastici della Chiesa cattolica in Ungheria (Ádám Somorjai, pp. 282–304). Gli ultimi contributi si occupano infine della ripresa dei contatti diplomatici tra i due stati, avvenuta nel 1990, e degli sviluppi positivi negli ultimi 25 anni (pp. 329–372). Si può dire che i saggi qui raccolti rivelano gli aspetti più importanti della storia diplomatica tra Santa Sede ed Ungheria, fondandosi su una vasta documentazione archivistica risalente al periodo antecedente al 1945, così come sulla principale letteratura sull’argomento. Tuttavia l’imponente opera crea un senso di mancanza nel lettore, rimanendo in silenzio assoluto circa il periodo tra il 1945 e il 1990. Nonostante i rapporti ufficiali tra i due paesi si fossero effettivamente interrotti al termine della Seconda Guerra Mondiale, i precedenti studi degli stessi autori inclusi in questa raccolta dimostrano invece quanto fossero ricche in quel periodo le relazioni tra i paesi al di là della Cortina di Ferro e la Santa Sede. Neppure la postfazione offre al lettore una spiegazione in merito. Nonostante questo, grazie anche all’inclusione delle fonti archiviste utilizzate, il libro costituisce un importante manuale per coloro che vogliano immergersi nella storia dei rapporti diplomatici tra il Vaticano e l’Ungheria nell’ultimo secolo.+TABRE+Melinda Kindl

Andrea Albrecht/Lutz Danneberg/Simone De Angelis (Hg.), Die akademische „Achse Berlin-Rom“? Der wissenschaftlich-kulturelle Austausch zwischen Italien und Deutschland 1920 bis 1945, Berlin u. a. (De Gruyter Oldenbourg) 2017, VI, 445 S., Abb., ISBN 978-3-11-046641-6, € 119,95.

Das erklärte Ziel des vorliegenden Sammelbd. ist es, die im November 1936 proklamierte „Achse Berlin-Rom/Rom-Berlin“ nicht mehr nur als rein politisch, militärisch und wirtschaftlich ausgerichtetes Bündnis zu interpretieren, sondern auch die vielfältigen kulturellen, künstlerischen und vor allem akademischen Verbindungen in den Fokus der Aufmerksamkeit zu rücken. Immerhin habe sich das „bilaterale Bündnis … auf alle Bereiche der Gesellschaft [erstreckt]“ (S. 1), so die zentrale These des Bd. Die Beiträge in deutscher, englischer und italienischer Sprache gehen auf ein von den Hg. organisiertes Villa Vigoni-Gespräch im September 2014 und einen gemeinsam mit Wolfgang Schieder im Mai 2015 in Stuttgart veranstalteten Workshop zurück. Der Sammelbd. vereint Beiträge aus der Geschichtswissenschaft, der Kunstgeschichte, der Philosophie sowie der Literaturwissenschaft. Die Einleitung informiert knapp, aber prägnant und konzise zum einen über das politisch-militärische sowie das akademische Achsen-Bündnis, zum anderen über den Aufbau des Sammelbd.: Dieser gliedert sich in vier Teile mit jeweils eigenem Schwerpunkt: 1. Politische und kulturpolitische Koordinaten des Bündnisses, 2. Biografische Profile, 3. Disziplinhistorische Perspektiven und 4. Mussolini und dessen Rezeption. Dabei fällt auf, dass die dritte, disziplinhistorische Sektion mit doppelt so vielen Aufsätzen gegenüber den anderen Sektionen besonderes Gewicht hat. Neben der guten Einleitung hebt sich denn auch vor allem diese Sektion hervor. Hier werden schlaglichtartig Philosophie, Kunstgeschichte, Klassische Philologie, Humanismus-Konzepte und die Mathematik hinsichtlich ihrer Kooperations- und/oder Konkurrenzsituationen während der „Achse“ untersucht. Gerade der Aufsatz von Volker R. Remmert – der einzige mit einem nicht rein geisteswissenschaftlichen Thema, der sich mit der Kooperation italienischer und deutscher Mathematiker beschäftigt, zeigt eindrücklich, wie sich Beziehungen von Akademikern unter dem Achsenbündnis veränderten: der Wunsch zu einem intensiveren Austausch bestand, dennoch habe es diesen kaum in einer institutionalisierten Form gegeben. Es blieb vor allem bei „individuell motiviert[en]“ Kontakten (S. 321). Die verschiedenen disziplinhistorischen Beiträge der dritten Sektion vermitteln einen guten Eindruck der akademischen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien während der „Achse“. Kleinere Ungenauigkeiten hätten sich durch ein genaueres Lektorat vermeiden lassen: So wird in den zwei aufeinanderfolgenden Aufsätzen von Ugo Bartucci und Michael Stolleis das Parteiprogramm der NSDAP von 1920 einmal auf den 24., einmal auf den 25. Februar (S. 51 und S. 75) und Mussolinis Sterbejahr auf 1845 (S. 345) datiert. Insgesamt fällt zudem im gesamten Sammelbd. ein inkonsistenter Gebrauch des Begriffs „Achse Berlin-Rom“ bzw. „Achse Rom-Berlin“ auf, wie beispielsweise bei Toni Bernhart, der in seinem Beitrag beide Varianten verwendet (S. 377 und S. 399). Missverständlich ist auch die Interpunktion des Titels. Denn in der Einleitung wird explizit gesagt, „man [könne] von einer kulturellen und akademischen ‚Achse Berlin-Rom‘ sprechen“ (S. 1), und so stellt sich der Rezensentin die Frage, warum der Titel dennoch mit einem Fragezeichen versehen wurde. Insgesamt haben die Hg. mit dem vorliegenden Sammelbd. einen guten thematischen Überblick über die akademischen und intellektuellen Verbindungen zwischen Deutschland und Italien von 1920 bis 1945 vorgelegt. Der Bd. bietet durch die gesammelte thematische und methodologische Vielfalt zahlreiche Ansätze für weitere interdisziplinäre Forschungen, die auch explizit als wünschenswert benannt werden (S. 14). Trotz der interdisziplinären und internationalen, thematisch weit gestreuten Anlage wollen die Hg. keine erschöpfende Behandlung der Thematik garantieren (S. 13). Diese muss selbstverständlich auch nicht gewährleistet werden. Vielmehr gelingt es dem Bd., mit guten Schlaglichtern auf verschiedene Facetten der akademischen Beziehungen zwischen Italien und Deutschland diesen bisher von der Forschung weniger beachteten Themenkomplex anzugehen.

Dorothea Wohlfarth

Patrick Ostermann, Zwischen Hitler und Mussolini. Guido Manacorda und die faschistischen Katholiken, Berlin-Boston (De Gruyter) 2018 (Elitenwandel in der Moderne 21), VIII, 423 S., ISBN 978-3-11-053635-5, € 89,95.

Guido Manacorda (1879–1965) stand im Mittelpunkt eines Netzwerks italienischer Intellektueller, die besonders seit Mitte der 1930er Jahre eine wichtige Rolle im italienischen Faschismus und in der Annäherung zwischen Mussolini und Hitler spielten. Patrick Ostermanns wissenssoziologische und historische Untersuchung dieser sehr spezifischen Elite arbeitet mit einem Ansatz, der Ideen und Überlegungen Karl Mannheims aufgreift. So definiert er die Intellektuellen um Manacorda als „Rechtfertigungsdenker“, die verschiedene Ideen entwickelten, indem sie imperiale und katholische Vorstellungen (Rom als Imperium und Zentrum der Kirche) in Einklang zu bringen versuchten, ohne jedoch grundsätzliche Widersprüche zwischen Faschismus und Katholizismus aufzulösen. Die Gruppe handelte aus Überzeugung und half bei der Stablisierung des Regimes, während sie Widersprüche zur kirchlichen Doktrin willkürlich als „katholische“ Ideen verbreiteten (S. 378 f.). In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre schließlich spielte der in beiden Ländern renommierte Germanist Manacorda eine wichtige Rolle als Vermittler zwischen Hitler und Mussolini, was insofern interessant war, da er seit 1915 an einem dichotomischen Gegensatz zwischen „Romanität“ und „Germanität“ gearbeitet hatte, was den Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg gegen das Deutsche Reich hatte rechtfertigen sollen. Als er 1941 entscheidenden Einfluss auf die von beiden Regimen geförderte deutsch-italienische Gesellschaft erhielt, trug er zur Propagierung rassistischer Ideen in Italien und des Achsenbündnisses bei, das Italien zu seinem Imperium verhelfen sollte (S. 232). Zur Denkfigur des kulturellen italienisch-deutschen Gegensatzes sollte Manacorda nach 1945 zurückkehren, was zur nachträglichen Verharmlosung des als „universal“ verstandenen italienischen Faschismus und der „lateinischen“ Zivilisation gegenüber der deutschen Barbarei gebraucht wurde. Im wissenssoziologischen Teil der Arbeit zeigt Ostermann auf, wie die Intellektuellengruppe durch Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Reden sowie exklusiven Zugang zur politischen Führung ihre Denkstile institutionalisierten. Wichtig ist, dass der Autor auch die Grenzen des Einflusses der Gruppe um Manacorda aufzeigt. Obwohl ihn Mussolini oft empfing, hielt der Duce nicht viel von einer „Katholisierung“ des Faschismus und auch der Vatikan hielt Manacorda auf Distanz. Ostermanns Untersuchung bietet ein anschauliches Bild der intellektuellen Strömung um Manacorda, ihrer Geschichte im Kontext von Faschismus und Zweitem Weltkrieg. Das lässt über Schwächen des Buches hinwegsehen: Zum Beispiel wird der populäre Heilige Padre Pio nur einmal erwähnt (Manacorda glaubte, Padre Pio habe ihn von einem Augenleiden geheilt) – während er im Namensregister sieben weitere Male auftaucht (verwechselt mit den Päpsten Pius XI. und Pius XII.!). Das ist schade, da Luzzattos Studie über den Aufstieg des Kultes um Padre Pio im faschistisch-katholischen Milieu (auch unterstützt von Giovanni Papini, dem prominentesten Vertreter der katholischen Faschisten) zeigte, dass sich Ideen einer religiösen Wiedergeburt des römischen Reiches durchaus mit einer sehr populären Volksfrömmigkeit verknüpfen ließen. In Ostermanns Buch kommt der weitere Kontext italienischer Geschichte zu kurz. Das Buch hätte auch besser redigiert werden müssen, es gibt zahllose Wiederholungen und Überschneidungen, etwa, wenn die „Leitideen“ der katholischen Faschisten beschrieben werden. Mühsam zu lesen sind auch analytische Kapitel, die neben narrativen Abschnitten stehen. Eine straffe, chronologische Erzählung hätte eine spannende Lektüre ergeben.+TABRE+Árpád von Klimó

Patrizia Gori (a cura di), L’assistenza sociale negli anni del Governatorato di Roma. L’inventario dell’Ufficio Assistenza Sociale (1926–1935). Con un saggio di Simona Lunadei sulla cura dell’infanzia, Roma (Viella) 2016 (Carte scoperte 5), 373 S., Abb., ISBN 978-88-6728-758-1, € 46.

Die soziale Fürsorge für die Bedürftigsten blieb im geeinten Italien ein höchst unübersichtliches Feld, auf dem eine unendliche Vielzahl privater Wohltätigkeitseinrichtungen tätig wurde und in das die öffentliche Hand zuweilen regulierend einzugreifen versuchte. Die Tendenzen einer strafferen Kontrolle setzten sich im Faschismus teilweise fort. In der Hauptstadt schuf dazu vor allem die Entstehung des Governatorato, dem die Kompetenzen der ausgehebelten städtischen Regierungsorgane übertragen wurden, günstige Voraussetzungen. In diesen Zusammenhang gehört auch die Entwicklung eines städtischen Sozialfürsorgedienstes, die im Jahr 1928 in die Gründung des eigenständigen Ufficio Assistenza Sociale einmündete. Das Amt befasste sich zu einem großen Teil mit der Beschaffung von Wohnraum für die Stadtbewohner, die ihre Unterkünfte aufgrund von Sanierungs- oder städtebaulichen Maßnahmen verloren hatten. Ein zweiter wichtiger Zuständigkeitsbereich galt der Schulfürsorge, d. h. der Organisation von Schulen im Freien und von Landschulheimen. Diese Bestände gingen zusammen mit den Akten zur Bekämpfung der Bettelei in das Archivio Capitolino ein, nachdem das Amt 1935 abgeschafft worden war. Die Kontrolle der Fürsorgeeinrichtungen im Allgemeinen, die in einer direkten oder indirekten Beziehung zum Governatorato standen, wurde hingegen einer anderen Abteilung der Stadtverwaltung übertragen, an die dementsprechend auch das einschlägige Aktenmaterial ging. Ob die Auflösung des Amtes damit zusammenhing, dass – wie es hieß – einige seiner wesentlichen Aufgaben sich mittlerweile erledigt hätten, mag fraglich erscheinen, wenn der Generalsekretär des Governatorato noch für die zweite Hälfte der 30er Jahre von einem unvermindert fortbestehenden Problem der Barackensiedlungen auf städtischem Gebiet sprach. Simona Lunadei, die diesen Bericht in ihrem dem Inventar vorgeschalteten, im Wesentlichen auf dem gebotenen Archivmaterial beruhenden Beitrag erwähnt, geht allerdings nur insoweit auf die Wohnungsfrage ein, als sie die Schulfürsorge betrifft, deren hygienisch-prophylakische und erzieherische Funktion sie auch mit Blick auf die Herkunftsfamilien betont. Sie erkennt hier im Einzelnen nicht wenige Kontinuitätslinien zu den Orientierungen des liberalen Staates, denen die faschistische Partei zunehmend mit eigenen Initiativen entgegenzuwirken versuchte. Viele weitere Einzelmomente, so die hochqualifizierte Arbeit von Frauen, die in der Montessori-Tradition standen, vermag die Autorin auf der Grundlage des reichhaltigen Materials zu erhellen und zeigt damit beispielhaft die Bedeutung auf, die es nicht nur für die konkrete Entwicklung des Sozialwesens in der italienischen Hauptstadt während des Faschismus, sondern auch für die allgemeineren theoretisch-programmatischen Perspektiven besitzt.+TABRE+Gerhard Kuck

Matteo Pasetti, L’Europa corporativa. Una storia transnazionale tra le due guerre mondiali, Bologna (Bononia University Press) 2016 (DISCI. Dipartimento di Storia Culture Civilità. Scienze del Moderno, Storia, Istituzioni, Pensiero Politico 5), 336 S., ISBN 978-88-6923-140-7, € 30.

Mit Charles S. Maiers „Recasting Bourgeois Europe“ etablierte sich die Komparatistik 1975 als Standard in der Forschung zum Korporatismus. Demgegenüber zeichnet sich die aktuelle Hochkonjunktur des Feldes zunehmend durch das Einnehmen einer transnationalen Perspektive aus. Diese Wende lässt sich insbesondere auf einen wachsenden Einfluss der neueren Faschismusforschung zurückführen. Pasettis Studie ist an der Schnittstelle beider Forschungsfelder zu verorten und repräsentiert ein Beispiel für das sich daraus ergebende Potential. Als sein Untersuchungsziel definiert Pasetti den Korporatismus „in Bewegung“ und als „in seiner faschistischen Version …, als Rezeptions- und Reproduktionserfahrung“ zu betrachten (S. 19). Zwar mag dies in Bezug auf das im Titel offener formulierte Erkenntnisinteresse etwas verwirren, aber die konzeptionelle Einleitung bietet alle für die Lektüre nötigen Bezugspunkte. Die Leitthese ist in entschiedenem Gegensatz zum noch immer verbreiteten Argument formuliert, der faschistische Korporatismus habe keine effektive Wirkung in der europäischen Geschichte erzielt: Gerade seine nationalübergreifende Verbreitung sei nach Pasetti der Beweis dafür, dass dieses Phänomen in der europäischen Geschichte der Zwischenkriegszeit „politisch ausschlaggebend“ (S. 27) gewesen sei. Dieser These geht das Buch in drei chronologisch geordneten Teilen nach. Das erste Kapitel analysiert das „Revival“ korporatistischer Konzeptionen in den ersten Nachkriegsjahren. Aufgrund gezielter Fallbeispiele und der zeitgenössischen Publizistik werden diese in ihren idealen sowie praktischen Erscheinungsformen betrachtet. Es entsteht der Eindruck eines vielfältigen Phänomens, das weder auf eine diskursive noch auf eine technisch-praktische Ebene zu reduzieren sei. Beide Deutungslinien verfolgt die Studie auch im zweiten Kapitel zum „Neuen Modell“, das sich der korporatistischen Umstrukturierung des italienischen faschistischen Regimes ab 1926 und deren Rezeption widmet. Hier definiert die Studie das italienische Modell als ein diskursives „Produkt“ (S. 184) und dessen transnationale Verbreitung als eine erfolgreiche „Marketingoperation“ (S. 179). Gegenüber diesem vom Regime propagierten Primat des italienischen Korporatismus argumentiert Pasetti auf der Basis internationaler Publizistik, dass „die faschistische Erfahrung nicht der einzige Bezugspunkt“ gewesen sei, und dass sich vielmehr eine „polyzentrische Zirkulation korporatistischer Projekte“ nachweisen lasse (S. 175). Letztere, so führt das dritte Kapitel aus, habe dennoch nicht den qualitativen Sprung vom transnationalen Austausch zu einer internationalen Bewegung geschafft (S. 226). Vielmehr seien in den Jahren 1933–1943 europaweit sog. „Avatars“ des italienischen Korporatismus erschienen, die zu einem zunehmend „widersprüchlichen Faschisierungsprozess“ geführt und somit den faschistischen Universalismus schon vor 1945 zum Scheitern verurteilt hätten. Die Analyse stützt sich auf mehrsprachige zeitgenössische Publikationen und erweist sich insbesondere diesbezüglich als eine innovative Bereicherung des Forschungsstandes. Die Betrachtung des deutschsprachigen Raums basiert zwar lediglich auf Sekundärliteratur; dies ist aber nicht als Manko zu sehen, da der Fokus auf dem „Gesamtbild“ des europäischen Korporatismus mit seinem „polyzentrischen Austausch“ liegt (S. 24 f.). Ebenso aus dieser Perspektive ist auch das Fehlen einer grundlegenderen Analyse der Transferprozesse an sich zu bewerten, die der Studie einen tieferen empirischen Mehrwert verliehen, aber der breiteren Erzählung auch geschadet hätte. Mit Pasettis Studie wird demzufolge ein Beitrag vorgelegt, der den Korporatismus erstmals im weiten Spektrum als transnationales Phänomen zu begreifen versucht. Aus diesem Grund lässt die Darstellung noch weiteres Forschungspotenzial übrig. Aber in den immer stärker integrierten Feldern der transnationalen Studien zum Faschismus und Korporatismus liegt damit eine erste wegbereitende Überblicksdarstellung vor.

Daniele Toro

Ildefonso Schuster/Ildefonso Rea, Il carteggio (1929–1954). Tra ideale monastico e grande storia, a cura di Mariano Dell’Omo, Milano (Jaca Book) 2018, 304 S., Abb., ISBN 978-88-16-30595-3, € 30.

Diese Aufgabe ließ Ildefonso Rea, Abt des Benediktinerklosters Cava dei Tirreni, erzittern, wie er es in einem Brief an den Mailänder Erzbischof und Benediktiner Ildefonso Schuster am 18. Oktober 1945 festhielt. Er sollte, so vernahm er in Rom die Gerüchte immer deutlicher, dem am 6. September 1945 verstorbenen Abt von Montecassino durch päpstliche Einsetzung folgen. Inständig bittet er um das Gebet des Erzbischofs „in un momento per me così terribile“; kurz darauf folgt der Ausruf „che il Signore allontani questo calice!“ (S. 158). Mit Blick auf diese wenigen Zeilen wird deutlich, was für wertvolle, beinah intime Aussagen in Briefen enthalten sein können. Wer könnte erahnen, was künftige Amtsträger im Moment des Gewahrwerdens zu übernehmender außerordentlicher Aufgaben empfinden? Als neuer Abt von Montecassino ging es um den Wiederaufbau der zerstörten Abtei und der damit verbundenen spirituellen Fortentwicklung des für die europäische Geschichte bedeutenden Benediktinertums. Dass aus solchen Quellen, die nicht für einen breiten Leserkreis und für keine Öffentlichkeit bestimmt waren, eine bewusste Auswahl getroffen und ediert wird, ist daher zu loben, besonders im Fall der vorliegenden Publikation. Doch zunächst zu den beteiligten Personen. Beide Protagonisten machten steile geistliche Karrieren; Ildefonso Schuster (1880–1954) legte 1900 seine Profess in San Paolo fuori le mura ab, wo er 1918 Abt wurde; 1929 folgte die Ernennung zum Erzbischof von Mailand; 1996 wurde er von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Ildefonso Rea (1896–1971) legte 1915 seine Profess in der Abtei Montecassino ab, bekleidete 1929 das Abbatiat im Kloster Cava dei Tirreni, wurde 1945 zum Abt von Montecassino ernannt und 1963 zum Titularbischof von Corone geweiht. Der eigentlichen Edition der Briefe ist eine Einleitung vorangestellt, die die Beziehung der beiden Geistlichen seit dem Jahr 1929 vorstellt (S. 15–66). Hervorzuheben sind dabei die Quellennähe und die tiefe Vertrautheit des Autors mit der Materie – der Benediktiner Mariano Dell’Omo ist Autor zahlreicher einschlägiger Veröffentlichungen, Archivar in Montecassino und lehrt am Päpstlichen Athenaeum Sant’Anselmo in Rom die Geschichte des benediktinischen Mönchtums –, denn es werden nicht nur die im vorliegenden Werk edierten Briefe paraphrasiert, sondern auch Briefe weiterer Archivbestände ausgewertet. Wie umfangreich diese Bestände sein können und welches Forschungspotenzial sie vermuten lassen, macht ein Blick auf den rund 80 000 Stücke umfassenden Briefkorpus von Ildefonso Schuster deutlich. In der vorliegenden Publikation wird ein exemplarischer Teil aufgearbeitet. Von der vermutlich umfangreicheren Korrespondenz zwischen Schuster und Rea sind 191 Stücke überliefert, die sich über einen Zeitraum von 25 Jahren erstrecken. Die Edition der Briefe in italienischer und zum Teil in lateinischer Sprache erfüllt die gestellten Ansprüche. Sehr umfangreich und inhaltlich weiterführend sind die Anmerkungen, durch die eine Kontextualisierung rasch möglich ist. Die Inhalte können hier nicht im Einzelnen gewürdigt werden; diese reichen von knappen Dankes- und Grußformeln, die beinahe Texten mittelalterlicher Gebetsverbrüderungen ähneln, bis hin zu einem ausführlicheren Austausch, wie z. B. über das Verhältnis zwischen der römischen und der ambrosianischen Liturgie (S. 114–116). Hervorzuheben sind jene Briefe ab dem Jahr 1945, in denen auf beiden Seiten die großen Aufgabenbereiche zum Ausdruck kommen, vor denen beide beim religiös-spirituellen – und mit Blick auf das zerstörte Montecassino auch faktischen – Wiederaufbau in ihren jeweiligen Ämtern standen (S. 163–264). Wissenschaftsgeschichtlich interessant sind die Äußerungen und Selbsteinschätzungen, die sie gelegentlich zu ihren Publikationen trafen, so z. B. Ildefonso Schuster zu seiner 1946 erschienenen „Storia di san Benedetto e dei suoi tempi“ (S. 167 f.). Die vorliegenden Briefe sind somit ein wichtiger und lesenswerter Beitrag zum Benediktinertum des 20. Jh. aus der Sicht von zwei seiner prominentesten Vertreter.+TABRE+Jörg Voigt

Emanuele Ertola, In terra d’Africa. Gli italiani che colonizzarono l’impero, Roma-Bari (Laterza) 2017 (Storia e società), XII, 246 S., Abb., ISBN 978-88-581-2767-4, € 20.

Anfang Oktober 1935 begann das faschistische Italien mit der Invasion des abessinischen Kaiserreichs. Das liberale Italien hatte bereits Ende des 19. Jh. vergeblich versucht, das Land am Horn von Afrika seinem bislang spärlichen Kolonialbesitz hinzuzufügen, war jedoch von den Äthiopiern militärisch geschlagen worden. Seit 1923 war Abessinien Mitglied des Völkerbunds, der die italienische Aggression verurteilte und Sanktionen gegen Italien verhängte. Dennoch gelang es Mussolini, die abessinischen Truppen im Verlauf von sieben Monaten mit einem enormen Einsatz von Soldaten und Material einschließlich Giftgas zu besiegen. Nachdem die Hauptstadt Addis Abeba eingenommen und die Kämpfe weitgehend zum Abschluss gekommen waren, proklamierte der Duce am 9. Mai 1936 vom Balkon des Palazzo Venezia das „Imperium“, das mit Eritrea, Italienisch-Somaliland und Äthiopien eine Landmasse von großer strategischer Bedeutung am Ausgang des Suezkanals umfasste. Der italienische König Viktor Emanuel konnte sich nun „Kaiser von Äthiopien“ nennen, bis sich das Blatt im Zweiten Weltkrieg wendete, und 1941 die Briten dem Negus Haile Selassie wieder auf den abessinischen Kaiserthron verhalfen. Ertolas Erkenntnisinteresse richtet sich auf die italienischen Kolonisten, also auf jene Männer und Frauen, die in die neu gewonnene Kolonie gingen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Er schätzt, dass am Vorabend des Zweiten Weltkriegs etwa 166 000 italienische Zivilisten in Italienisch-Ostafrika ansässig waren. Ungefähr 80 000 davon lebten in Äthiopien, darunter etwa 10 000 Frauen. Diese Zahl sei hoch, wenn man bedenke, dass die Einwanderung von Frauen in den ersten schwierigen Jahren eines Kolonisationsprozesses generell sehr gering sei. Von den Italienern in Äthiopien hatte sich etwa die Hälfte in der Hauptstadt Addis Abeba niedergelassen. Ertola untersucht, wie die Kolonisten ihren Alltag erlebten, wie sie die koloniale Gesellschaft gestalteten, welchen Wünschen und Zielen sie anhingen und welche Enttäuschungen sie hinzunehmen hatten. Er beleuchtet ihre Beziehungen zu den Äthiopiern und zu den faschistischen Behörden. Für die Rassenpolitik des Regimes war die Einwanderung von Frauen besonders wichtig, um das „Konkubinat“ italienischer Siedler mit äthiopischen Frauen einzudämmen und durch eigene Kinder zu erreichen, dass sich die Italiener im Impero selbst reproduzieren können. Tasächlich waren erste Erfolge zu verbuchen: Die Geburtenzahlen schlugen im Jahr 1938 mit mehr als 200 zu Buche, 1939 stiegen sie auf mehr als 700 an und 1940 blieben sie auf diesem Niveau. Als „Mutter, Ehefrau und Hüterin der Moral“ (S. 106) hatte die Frau den Auftrag, ihren Mann in allen Lebenslagen zu unterstützen, was allerdings kein Alleinstellungsmerkmal des faschistischen Italien gewesen sei, wie z. B. ein Blick auf das Britische Kolonialreich zeige. Ertola verdeutlicht die gravierende Diskrepanz zwischen dem idealisierten Bild, das die faschistische Propaganda von Afrika zeichnete, und der harten Realität, der sich viele Kolonisten in dem rückständigen Land ausgesetzt sahen. Sie äußerte sich in schlechten Lebensbedingungen wie primitiven Behausungen ohne Wasser, ohne Hygiene, manchmal ohne Beleuchtung, Schlamm auf den Baustellen, niedrigen Löhnen und teuren Preisen. Dies sei die überwiegende Erfahrung der Kolonisten gewesen. Stellvertretend dafür beschließt Ertola seine Untersuchung mit einem Zitat aus einem Brief des Kolonisten Almerico Muzio aus Addis Abeba an seine Frau Anna vom 13. November 1940: „Verdammtes Afrika, und der Tag, an dem ich hier hergekommen bin“ (S. 236). Die Untersuchung stützt sich auf eine breite Quellengrundlage: Die Archivalien der italienischen Kolonialverwaltung, die im Impero publizierten Zeitschriften, die – wenn auch in der Perspektive des Regimes – einen Querschnitt des kolonialen Alltags offerieren, die von der Zensur abgefangenen Briefe der Siedler, ihre größtenteils nicht edierten Memoiren und Tagebücher, Memoiren der Missionsbischöfe, Berichte der Inspektoren der Banca d’Italia, sowie die Darstellungen, die das französische und das britische Konsulat in Addis Abeba nach Paris bzw. London geschickt haben. Die Berichte des deutschen Generalkonsulats hat Ertola nicht beachtet, obwohl gerade der Blick des Verbündeten interessante Einsichten vermittelt. Auf ein abschließendes Literatur- und Quellenverzeichnis hat Ertola verzichtet, was den Überblick über die benutzten Materialien unnötig erschwert. Insgesamt erweitert dieses interessante und empfehlenswerte Buch die Kenntnisse über das kurzlebige italienische „Imperium“ in Ostafrika.

Michael Thöndl

Raffaella Perin, La radio del papa. Propaganda e diplomazia nella seconda Guerra mondiale, Bologna (Il Mulino) 2017 (Studi e ricerche. Storia 725), 288 S., ISBN 978-88-15-27294-2, € 27.

Das Buch behandelt die Geschichte des vatikanischen Radiosenders von der Gründung Mitte der 1930er Jahre bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Dabei geht es vor allem um Sendungen der vom Jesuitenorden geleiteten und organisierten Redaktion, die der Vatikan und die am Weltkrieg hauptsächlich beteiligten Regierungen besonders registrierten und kommentierten. Raffaela Perin hat dazu Quellen aus verschiedenen Archiven in Rom, Paris, London und Washington, DC zusammengetragen, wo Regierungsstellen (und die französische katholische Resistance) Sendungen des Vatikans genauestens verfolgt und dokumentiert hatten. Pius XI. hatte, wie später sein Nachfolger, das Radio als ein Mittel betrachtet, sich direkt an Millionen Katholiken im In- und Ausland zu wenden, was dem Vatikan ein größeres Maß an Handlungsspielraum gegenüber dem faschistischen Italien gab. Das neue Medium versprach, ganz neue Möglichkeiten der Propaganda, des Apostolats und der Diplomatie zu eröffnen. Doch schon bald nach Ausbruch des Krieges, den Pius XII vergeblich zu verhindern gehofft hatte, wurden diese Möglichkeiten bereits wieder beträchtlich eingeschränkt. Im Laufe des Jahres 1940 häuften sich die Beschwerden des deutschen Außenministeriums, Sendungen von Radio Vatikan seien „contro Hitler, il Nazismo“ gerichtet (S. 108). Der Papst, der um die Imparzialität des Vatikans und um die Sicherheit der Katholiken in den von Deutschland und seinen Verbündeten kontrollierten Gebieten bemüht war, verbot daraufhin offene Kritik am „Dritten Reich“. Dennoch gab es immer wieder Sendungen, besonders jene des belgischen Jesuitenpaters Emanuel Mistiaen, der zur Stimme der Hoffnung für das besetzte Frankreich avanciert war, in denen die Ideologie des Nationalsozialismus und dessen Gefahr für die katholische Kirche angeprangert wurden. Es gab dabei auch deutliche Unterschiede zwischen spanisch- und englischsprachigen Sendungen, die offener Kritik übten, und den deutsch- und italienischsprachigen Transmissionen, die sich stärker zurückhielten. Oft wurden Sendungen auch gestört oder Falschmeldungen verbreitet, wie etwa in Polen, wo die Nazis Gerüchte streuten, der Papst interessiere sich nicht für das Schicksal der Opfer deutscher Aggression. Doch auch Großbritannien oder die polnische Exilregierung beschwerten sich gelegentlich über das Schweigen des Papstes angesichts der deutschen Aggression. Die von der Vf. geschilderten zahlreichen Konflikte zwischen den verschiedenen Kirchenvertretern, auf das Radioprogramm Einfluss zu nehmen, beleuchten die äußerst komplexe und schwierige Situation nicht nur des neuen Mediums, sondern auch des Vatikans. Die streng chronologisch und sehr quellennah gestaltete Studie veranschaulicht einmal mehr das tragische Dilemma, in dem sich Pius XII. im Zweiten Weltkrieg befand.+TABRE+Árpád von Klimó

Karlo Ruzicic-Kessler, Die Italiener auf dem Balkan. Besatzungspolitik in Jugoslawien 1941–1943, Berlin u. a. (De Gruyter Oldenbourg) 2017, 363 S., ISBN 978-3-11-054141-0, € 89,95.

Auf der Balkanhalbinsel, so eine bis vor wenigen Jahren verbreitete Auffassung, habe die italienische Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg kaum Spuren hinterlassen. Die Soldaten Viktor Emanuels III. hätten sich bei Kriegsbeginn als Überbringer einer Pax Romana gesehen, die es sich zutrauten, im Anschluss an einige militärische Erfolge weite Teile der Bevölkerung in das italienische „Imperium“ einzufügen. Die Lehrmeinung kam auch dem Bild nahe, das Italien auf der Friedenskonferenz von sich selbst zeichnete. Sie fand umso eher Glauben, als für Kriegsverbrechen verantwortliche Besatzungsoffiziere des Königreichs nach 1945 von den Alliierten anders als viele Repräsentanten des deutschen Verbündeten nicht zur Rechenschaft gezogen worden waren. Tatsächlich steht außer Zweifel, dass der Vf. mit seinem Buch eine Forschungslücke füllt, die umso schmerzlicher ist, als die Archive, in denen die aufzuarbeitenden Dokumentationen lagern, seit langem bekannt sind. Zudem mangelte es nicht an Vorarbeiten: Die brutale Säuberungspolitik von SS und Wehrmacht und der gegen die Minderheiten im Unabhängigen Staat Kroatien (NDH) gerichtete exterministische Terror der Ustaše sind von Autoren wie Walther Manoschek („Serbien ist judenfrei“, München 1993) und Alexander Korb („Im Schatten des Weltkriegs“, Hamburg 2013) aufgearbeitet worden; der slowenische Historiker Tone Ferenc hat das Ineinandergreifen der Repressionsmechanismen beider Achsenmächte thematisiert. Warum also jetzt die „Italiener auf dem Balkan“? Manoschek und Korb rekonstruieren jeweils die Untaten eines Protagonisten – die der Wehrmacht in Serbien und die des NDH auf seinem um Bosnien erweiterten und Teile Dalmatiens reduzierten „Territorium“. Ferenc hatte demgegenüber im Wesentlichen den Süden Sloweniens während der italienischen Besatzungszeit im Blick. Ruzicic-Kessler widmet sich seinerseits einer Pluralität an Protagonisten und Kriegsschauplätzen. Von der Provincia di Lubiana – rund um das administrative, kulturelle und wirtschaftliche Zentrum der Slowenen gelegen – bis zum Kosovodas und zum italienisch kontrollierten Albanien gehörte, reichen die Gebietsstreifen, die entweder als Provinzen an Italien angegliedert oder auf dem Wege der Personalunion mit den Ländern der Savoyer verflochten waren. Nach einer sehr frühen und recht kurzen Phase, in der die Provincia als eine Art antikommunistisches Arkadien gelten konnte, eskalierten hier ebenso wie in den anderen Besatzungsgebieten Gewaltherrschaft und ethnische Bereinigung, Massaker und Internierungen. Beispiellos war die von NS-Deutschland, dem faschistischen Italien und dem Kroatien der Ustaše gemeinsam zu verantwortende Ketten-Zwangsverschiebung über weite Teile der Balkanhalbinsel hinweg. Erwähnung verdient auch ein wenig bekannter Aufstand der Montenegriner, in dessen Verlauf an etlichen Orten italienische Soldaten in Bataillonsstärke in Gefangenschaft gerieten. Der Vf. ist bemüht, die Forschungsdebatte zum Schicksal der kroatischen Juden um eine dritte Variante zu bereichern. Weder glaubt er an einen rückhaltlosen, durchweg humanitär begründeten Einsatz der italienischen Streitkräfte für die Verfolgten, noch mag er mit denjenigen Forschern konform gehen, die von einer durchweg taktisch motivierten, längst nicht immer konsequent durchgehaltenen Hilfestellung des Reale Esercito für die jüdischen Opfer des Ustaše- und NS-Terrors sprechen. Vor allem könne, so argumentiert Ruzicic-Kessler, die Rücksichtnahme auf die Alliierten in einer frühen Phase noch nicht zu den Hauptgründen für die italienische Politik gerechnet werden. Hier stellt sich die Frage, wie die Unterstützung Italiens für die serbischen und montenegrinischen Četniks zu interpretieren ist, die im Krieg gegen den deutschen Besatzer bis zu einem Tito-freundlichen Machtwort Churchills auch von London favorisiert wurden.+TABRE+Rolf Wörsdörfer

Maria Teresa Giusti, La campagna di Russia 1941–1943, Bologna (Il Mulino) 2016 (Biblioteca storica), 376 pp., ill., ISBN 978-88-15-26648-4, € 26.

Prima di ogni considerazione nel merito, ci sono buoni motivi per accogliere con soddisfazione questo libro. Il tema si è sempre prestato poco alla ricerca e le pubblicazioni degli ultimi anni, eccetto quelle di Thomas Schlemmer, hanno aggiunto poco alle nostre cognizioni sulla guerra italiana nell’URSS. Quest’opera costituisce uno sforzo di sintesi su quel particolare evento bellico e mostra la possibilità di scavare ulteriormente negli archivi italiani, in parte ancora inesplorati per l’argomento in oggetto. Proprio per questo, sarebbe stato preferibile che il libro dedicasse meno spazio alle premesse, dalla storia politico-diplomatica del periodo allo sforzo bellico dell’Italia, o alle operazioni militari in sé, delle quali avrà un senso parlare quando si sarà scritta una storia altra rispetto a quella ufficiale delle pubblicazioni dell’Ufficio Storico dello Stato Maggiore dell’Esercito. Lo stesso vale per le numerose digressioni sulla situazione socio-politica dell’URSS e sull’Armata Rossa, che comunque hanno il merito di mostrarci la trincea opposta. È per questi aspetti del lavoro che l’autrice si è giovata degli archivi ex sovietici. Dopo una prima parte introduttiva, il libro sposta opportunamente l’attenzione sulle motivazioni squisitamente economiche alla base della partecipazione italiana alla guerra sul fronte orientale (pp. 53–55). Il rilievo mostra una via che la ricerca deve ancora imboccare e contribuisce ad abbattere l’idea che la campagna di Russia sia nata come un’operazione puramente politica, più o meno riconducibile al solo Mussolini. Gli spunti sul volontarismo di guerra (pp. 43–45, 91–93) indicano allo studioso un altro tema ancora da indagare, che va comunque accostato con molta prudenza e integrando i dati biografici dei volontari, qui richiamati, con documenti d’archivio significativi, atti a rendere la questione meno scivolosa o episodica. La sezione del volume dedicata all’esperienza di guerra (Capitolo V) è quella che più interessa chi si attende dalla ricerca cose nuove sugli italiani in Russia, con rilievi sull’umore dei combattenti, sulla struttura occupazionale, sui rapporti coi civili, sull’apertura dei bordelli militari, altro tema, assieme a quello del sesso e della violenza in guerra, che stenta ad affermarsi in Italia. Grande pregio dell’opera è quello di aver affiancato alla documentazione d’archivio classica le testimonianze coeve alla guerra, come i diari inediti dei combattenti, che forniscono „quella realtà naturale … che di rado è colta dai documenti“, scriveva Davide Rodogno nel 2003. Ottima l’idea di attingere all’Archivio Diaristico Nazionale di Pieve S. Stefano, quasi inesplorato e finora utilizzato, per la campagna di Russia, solo in un saggio del 2011 di Roberta Vegni. Qualche appunto va fatto alla compartecipazione emotiva dell’autrice agli episodi bellici in cui furono coinvolti gli italiani, slatentizzata da espressioni come battersi „valorosamente“ o „battaglia epica“ (pp. 244, 259), secondo una terminologia più vicina a quella delle rievocazioni memorialistiche che non a quella di una „fredda“ ricerca scientifica. Lasciano perplessi, infine, alcune affermazioni categoriche, come il fatto che gli italiani nell’URSS non intendessero stabilire un regime d’occupazione (pp. 182, 189), tanto più che il libro non si occupa di accertare quanto avvenne in due anni nelle retrovie più o meno profonde, poco coinvolte negli eventi del fronte. Del pari, non era così „sconcertante“ che i comandi superiori chiedessero notizie sulla situazione politico-militare delle zone occupate anche durante la battaglia sul Don, a ridosso del crollo del fronte (p. 248). Quei rapporti servivano anche a tastare il „polso politico“ della popolazione ed erano tanto più utili proprio nel momento in cui l’occupante entrava in crisi. Non a caso, parte della popolazione locale mutò atteggiamento anche nei confronti degli italiani all’avvicinarsi della linea del fronte.+TABRE+Raffaello Pannacci

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Bd. 14: Besetztes Südosteuropa und Italien, bearb. von Sara Berger, Erwin Lewin, Sanela Schmid und Maria Vassilikou, Berlin-Boston (De Gruyter) 2017, 812 S., ISBN 978-3-11-055559-2, € 59,95.

Die seit 2008 im Auftrag des Bundesarchivs, des Instituts für Zeitgeschichte und des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg herausgegebene deutschsprachige Quellenedition, die den gesamten Herrschaftsbereich des Nationalsozialismus einbezieht, ist auf 16 Bde. angelegt. Bd. 14 hat im ersten Teil mit 83, in der Regel ungekürzten Dokumenten auf 310 Seiten Italien zum Gegenstand. Des Weiteren wurden Jugoslawien, Griechenland und Albanien in den Bd. aufgenommen. Der Dokumententeil zu Italien wurde Sara Berger anvertraut, einer in Rom ansässigen und freiberuflich tätigen Historikerin, die mit einer wegweisenden und mit dem Sybil-Milton-Preis ausgezeichneten Arbeit über die Aktion Reinhardt in Polen promoviert worden ist und sich zuletzt in Publikationen und Ausstellungen mit der Verfolgung der Juden in Italien befasst hat. Ihre den Dokumenten vorangestellte Einleitung fasst mit ausgewogenem Urteil den neuesten Forschungsstand in den wesentlichen Punkten zusammen. Die Dokumente sind fast ausnahmslos chronologisch angeordnet. Sie setzen 1936 mit den Anfängen der faschistischen Rassenpolitik ein, die im Folgenden als Voraussetzung für die spätere Entwicklung ausführlich in den Blick kommt, und reichen bis zum Ende der nationalsozialistischen und der faschistischen Herrschaft, wobei die von den Alliierten befreiten Gebiete, vor allem Rom, einbezogen sind. Der Schwerpunkt liegt selbstverständlich auf dem Zeitraum der deutschen Besetzung und der Republik von Salò, als sich die Deportation der Juden in die Vernichtungslager auch auf Italien erstreckte. Inhaltlich geht die Auswahl der Dokumente von dem Prinzip aus, das gesamte Ausmaß der Verfolgung möglichst vielgestaltig in repräsentativen Stücken vorzustellen. Dies betrifft sowohl die Entscheidungen hauptsächlich auf den verschiedenen staatlichen Ebenen – gesetzliche und administrative Anordnungen, deren Vorbereitung und Durchführung von deutscher wie von italienischer Seite – und die sie begleitende antisemitische Propaganda als auch die Auswirkungen all dessen auf das Leben der Juden und ihre Antwort darauf, die sich vor allem in Berichten, Tagebüchern und Briefen aus der Zeit erhalten hat. Zu den letzteren bietet die Auswahl die meisten Neuigkeiten, die ohne umfassende Kenntnis der öffentlichen und privaten Archive in Italien, Deutschland, Israel, der Schweiz, den Vereinigten Staaten und auf Rhodos kaum denkbar wären. Aber auch die Erarbeitung des umfangreichen Anmerkungsapparats, etwa im Hinblick auf die unentbehrlichen biographischen Hinweise, stellt eine beachtliche Forschungsleistung dar. Die chronologische Anordnung hat zur Folge, dass der Leser oft nach dem Dokument eines Verfolgers abrupt auf das Schriftstück eines Verfolgten stößt. Im Allgemeinen wird die Lektüre jedoch nicht in einem Zug stattfinden; umso wichtiger ist, dass die einzelnen Dokumente jetzt – vielfach erstmals – der weiteren Forschung und für pädagogische Zwecke zur Verfügung stehen.+TABRE+Klaus Voigt

Liliana Picciotto, Salvarsi. Gli ebrei d’Italia sfuggiti alla Shoah. 1943–1945, Torino (Einaudi) 2017 (Einaudi storia 74), XVIII, 565 S., ISBN 978-88-06-23509-3, € 38.

Das CDEC (Centro di documentazione ebraica contemporanea) in Mailand hat sich seit Beginn der achtziger Jahre die Aufgabe gestellt, die Shoah in Italien umfassend zu erforschen. Als erstes Ergebnis erschien 1991 das von Liliana Picciotto mit einem Kreis von Kollegen erarbeitete „Il libro della memoria. Gli ebrei deportati dall’Italia (1943–1945)“. Deportiert wurden nach neuestem Wissensstand 7172 Juden (italienische und ausländische) oder 19 % von 38 944, die zu Beginn der deutschen Besatzungsherrschaft in Italien ansässig waren; 81 % von ihnen haben den grenzenlosen Terror überlebt. Mit diesen befasst sich das zweite große Forschungsvorhaben des CDEC, erneut unter Leitung von Liliana Picciotto, das vor Kurzem nach fast zehnjähriger Vorbereitung mit der Veröffentlichung des Buches „Salvarsi“ abgeschlossen wurde. Die wichtigste Quellengrundlage bilden 613, hauptsächlich von der Vf. selbst durchgeführte Interviews und die vom CDEC seit seiner Gründung 1955 gesammelten und in seinem Archiv aufbewahrten umfangreichen Materialien. Die Bibliographie bezieht sich auf 500 meist italienische Titel, die das gesteigerte Interesse der italienischen Zeitgeschichtsschreibung an Fragen der Shoah belegen. Die Darstellung ist in vier Hauptteile gegliedert. Im ersten werden das Forschungsziel und der methodologische Ansatz begründet, Definitionen gegeben und die benutzten Bestände in Archiven und Dokumentationszentren beschrieben. Der folgende, mit „La storia“ überschriebene Teil behandelt in thematisch locker aneinandergereihten Abschnitten ausführlich sowohl die Voraussetzungen und Bedingungen des Überlebens als auch dessen Umstände. Von zentraler Bedeutung sind die Abschnitte mit den Ausführungen zur Hilfe von Seiten der katholischen Kirche, d. h. von Klerikern wie von Mitgliedern von Laienorganisationen, und zum Schutz durch Angehörige des Widerstands. Im dritten Teil mit der Überschrift „I numeri“ sind quantitative und statistische Angaben zu den Überlebenden und den Beistand Leistenden zusammengestellt. In diesem Rahmen werden auch die örtlichen Unterschiede aufgezeigt: Rom mit seiner Vielfalt von zur Aufnahme bereiten kirchlichen Einrichtungen stand im Gegensatz etwa zu Mailand als Ausgangspunkt und Zwischenstation der Flucht in die Schweiz. Den bisher bekannten Verzeichnissen mit Zahlen zu den Juden, die in Rom in kirchlichen Gebäuden Unterkunft fanden, werden zu jedem einzelnen Gebäude die ermittelten Namen gegenübergestellt. Danach ist die Gesamtzahl von 4300 als überhöht anzusehen. Der vierte Teil „Le persone“ schließlich bietet eine große Auswahl der aussagekräftigsten Interviews. Einzelne Themenbereiche der Darstellung können im Rahmen dieser Besprechung nur mit wenigen Beispielen ganz knapp betrachtet werden. Es fällt vor allem auf, dass die jüdische Selbsthilfe nicht in einem eigenen Abschnitt in sich geschlossen erörtert wird und nur jeweils in anderem Zusammenhang in den Blick kommt. Ein eigener Abschnitt ist hingegen der jüdischen Hilfsorganisation Delasem gewidmet, die in einigen Teilen Italiens trotz der extremen Verfolgung ihre Tätigkeit zugunsten der jüdischen Flüchtlinge, zunehmend aber auch der italienischen Juden fortsetzen konnte. Auch im Abschnitt „Rettung durch kollektive Flucht“ sind die Protagonisten immer Juden. Es seien hier nur die Kinder der Villa Emma in Nonantola erwähnt, deren geglückte Flucht in die Schweiz vor allem der Weitsicht und Entschlossenheit ihres Leiters Josef Indig zu verdanken ist. Welche Rolle haben die jüdischen Gemeinden und ihre karitativen Einrichtungen einschließlich der örtlichen Vertretungen der Delasem gespielt, als sie in den ersten Wochen der deutschen Besetzung vor ihrer Auslöschung noch unterschiedlich lange weiterbestanden? Was haben einzelne Juden für andere Juden getan, indem sie etwa mit Geld weiterhalfen, geheime Unterkünfte vermittelten oder Ratschläge für die Flucht erteilten? Auch in den Interviews klingt hierzu kaum etwas an. Beide Fragen bedürfen noch weiterreichender Klärung durch zukünftige Forschungen. Ein anderer Abschnitt setzt sich mit der Frage auseinander „Was wusste man in Italien über die Vernichtungspolitik?“. Ihre Beantwortung war für die Juden insofern von Bedeutung, als sie die Voraussetzung für den Entschluss bildete, sich zu verstecken. Nicht überzeugend geklärt bleibt in diesem Abschnitt, wie schon in allen vorausgegangenen Publikationen, ob die jüdischen Organisationen in Italien – dasselbe gilt für die faschistischen Regierungsorgane und Behörden und damit auch für Mussolini – vollständige Kenntnis der planmäßigen Vernichtung aller Juden im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich hatten. Der lange Zeit noch unsichere Kenntnisstand der Union der Israelitischen Gemeinden Italiens wird aus einer Eingabe von deren Präsident Dante Almansi von Ende April 1943 an das Innenministerium deutlich, mit der er sich für die Mutter eines jüdischen Mädchens der Villa Emma einsetzte, deren Abschiebung zu befürchten war. Almansi schrieb: „Sollte diese Mutter gezwungen sein …, nach Deutschland zurückzukehren, würden sie dort sicher Not und Entbehrung erwarten, wenn nicht gar die Deportation und der Tod“. Vollständige Kenntnis der planmäßigen Vernichtung erhielt Almansi erst – es war der entscheidende Einschnitt –, als ihm Lelio Vittorio Valobra, der Leiter der Delasem, über seine Ende Juni 1943 geführten Besprechungen mit namhaften Vertretern der jüdischen Organisationen in der Schweiz berichtete, die umfassend informiert waren, nachdem ihm das Innenministerium kaum erwartet die Reise dorthin genehmigt hatte. In diesem Zusammenhang ist zu sehen, dass in einigen jüdischen Gemeinden Norditaliens in den Wochen vor dem Waffenstillstand der Regierung Badoglio am 8. September 1943, als Truppentransporte über den Brenner die Besetzung ankündigten, Pläne entwickelt wurden, die Juden nach Süden in die Nähe der von den Alliierten befreiten Landesteile zu überführen. Besondere Beachtung verdienen die Aussagen im Abschnitt „Welche Gefahr lief jemand, der Juden Beistand leistete?“. Die Vf. ist bei ihren umfangreichen Recherchen in keinem einzigen Fall einer Bestrafung begegnet, die über eine Festnahme, ein Verhör, eine polizeiliche Ermahnung oder eine vorübergehende Haft in einem Quästurgefängnis hinausging. Die Angst vor Bestrafung auf Grund der Einschüchterung durch den allgemeinen Terror hielt demnach viele von einer Hilfeleistung ab. Die Deportation in ein Konzentrationslager in Deutschland oder im äußersten Fall die Erschießung wurde meistens nur dann vollzogen, wenn jemand außer Juden auch alliierten Kriegsgefangenen auf der Flucht oder Wehrdienstverweigerern Schutz und Hilfe gewährt hatte. Diese Feststellung ist auch im europäischen Vergleich von Interesse. Sogar in Deutschland kam es, wie Studien des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin unvermutet ergeben haben, nicht immer zu einer Bestrafung mit Haft in einem Zuchthaus oder einem Konzentrationslager. Oft geschah kaum mehr als in Italien. In Polen hingegen erfolgte nach Aufdeckung einer Hilfeleistung in der Regel die Erschießung. Alles in allem ist „Salvarsi“ ein grundlegendes und in Zukunft unverzichtbares Werk, das einfühlsam geschrieben ist und viele Forschungen anregen wird.+TABRE+Klaus Voigt

Susanne C. Knittel, Unheimliche Geschichte. Grafeneck, Triest und die Politik der Holocaust-Erinnerung, übersetzt aus dem Amerikanischen von Eva Engels, Elisabeth Heeke und Susanne C. Knittel, Bielefeld (Transcript-Verlag) 2018 (Erinnerungskulturen 7), 387 pp., ill., ISBN 978-3-8376-3994-0, € 39,99.

Il volume è la traduzione di un testo apparso in inglese nel 2015: „The Historical Uncanny. Disability, Ethnicity, and the Politics of Holocaust Memory“ (New York, Fordham University Press). La prima parte del titolo, rimasta invariata, ha un chiaro riferimento alla categoria freudiana dell’Unheimlich, in regola tradotto in italiano come „perturbante“, o „inquietante“, ma che solo con attenzione all’etimo tedesco (Heim, casa, intesa non solo come struttura fisica ma soprattutto come il luogo familiare, il luogo proprio) rivela il suo significato fondamentale di spaesamento, straniamento. La ricerca, che unisce la ricchezza della documentazione a una discussione approfondita degli aspetti teorici, si muove fra due poli tematici distinti, il programma di eutanasia messo in atto dal regime nazista nel lager di Grafeneck, e il sistema della Risiera di San Sabba, dove dopo l’8 settembre furono internati in attesa di essere smistati verso altri campi, e in parte eliminati, numerosi detenuti, fatti prigionieri per motivi razziali e politici. Due filoni di indagine privilegiati, i Memory Studies e i Disability Studies, due aspetti dell’Olocausto (l’autrice preferisce questo termine, più ampio rispetto alla Shoah), due luoghi, due „politiche della memoria“ che si muovono fra ricordo e rimozione (altro termine freudiano esplicitamente utilizzato nel libro), rivelando meccanismi di marginalizzazione che accomunano (insieme ad alcune traiettorie biografiche ricostruite nella parte centrale del volume) i due case-studies. La ricerca evidenzia come sia sul piano storiografico che nell’ambito delle politiche della memoria si attivino potenti processi di selezione dei dati e di distorsione interpretativa, soprattutto rispetto a temi unheimlich, le atrocità della storia, dure da comprendere e metabolizzare, che possono attivare retoriche di „copertura“ (ancora freudianamente). L’indagine storiografica assume allora un compito antiretorico, a sua volta unheimlich, „spiazzante“, volto a produrre uno spaesamento positivo, ad alta valenza intellettuale e civile. I primi tre capitoli del libro sono dedicati alla „eterotopia“ del lager di Grafeneck; il luogo oggi ospita tanto un museo quanto, singolarmente, un centro per anziani non autosufficienti e per portatori di handicap. Viene ricostruita la storia del terribile capitolo della „biopolitica“ nazista e discussi criticamente i percorsi della memoria, da una serie televisiva dedicata all’Olocausto alle non poche testimonianze letterarie. Analogo procedimento analitico viene riservato, nella seconda metà del libro, alla Risiera di San Sabba: l’attenta indagine dell’autrice mette bene in evidenza le vistose distorsioni che ne hanno accompagnato la ricostruzione storica, sia nella saggistica che nella fiction, mentre la letteratura (Fulvio Tomizza in primo piano) dimostra una capacità accentuata nella resa della polifonia dei vissuti e, semplicemente, nella ricerca della verità. Nell’ampia introduzione di carattere metodologico le questioni prese in esame indicano anche un passaggio generazionale, e possono essere considerate quasi una rassegna dell’attuale costellazione storiografica. Emerge ad esempio l’ottica transnazionale, oggi molto à la page, qui ampiamente giustificata dai dati materiali della ricerca, e intelligentemente connessa alla prospettiva, più usuale, della comparazione. Viene discusso ampiamente il legame fra la memoria, il suo uso pubblico, e l’„identità“ nazionale. Viene messo in rilievo il potenziale conoscitivo della letteratura e la sua centralità nella costruzione di una memoria condivisa; il complesso rapporto fra cultura „alta“ e „bassa“. L’istanza epistemologica generale che sottostà alla indagine riguarda lo statuto di una disciplina non più tramite di una historia magistra vitae ma parte essa stessa di un campo di forze che propone e impone una continua elaborazione della memoria e delle narratives a essa collegate. La stessa preoccupazione pedagogica collegata ai luoghi di memoria pubblica come quelli dell’Olocausto ha condotto ad appiattire, o, meglio, a rimuovere, la dimensione politica intesa come campo di tensione e potenziale di conflitto, e a comprimere il carattere dinamico del processo di ricostruzione/interpretazione (l’autrice parla a questo proposito di „multidirezionalità“), rendendo inefficace il monito: „che non si ripeta!“ Se il focus della casistica analizzata nel libro è il processo sociale, politico, giuridico della emarginazione, stigmatizzazione, ed esclusione, nella sua bruciante attualità, l’indagine che ne scaturisce ha implicazioni molto ampie, che riguardano non solo il metodo del lavoro storiografico, ma il suo senso stesso e il nostro rapporto con il passato in un mondo globalizzato che sembra aver abolito non solo le distanze spaziali ma anche presentificato il tempo, come rilevava Eric J. Hobsbawm nel dare alle stampe, nel 1994, il suo fortunato „The Age of Extremes“. Questo brano è posto dall’autrice in esergo all’introduzione, insieme a una citazione, familiare per il lettore italiano, dall’inizio de „Il giardino dei Finzi Contini“ di Giorgio Bassani. Il riferimento al romanzo, tutto giocato sul filo della memoria, sulla aristocratica famiglia ebraica destinata a estinguersi nella Shoah, riporta al ruolo che lo storico talvolta deve assumersi (come di fronte alle vittime dell’eutanasia nazista e dell’Olocausto): il ruolo di fare le veci del testimone assente („stellvetretende Zeuge“). Ma forse questa è sempre la prerogativa dello storico – così come del romanziere.+TABRE+Costanza D’Elia

Guido Formigoni/Daniele Saresella (a cura di), 1945. La transizione del dopoguerra, Roma (Viella) 2017 (I libri di Viella 253), 307 pp., ISBN 978-88-6728-871-7, € 32.

Il volume „1945. La transizione del dopoguerra“, è il risultato di un convegno organizzato dall’Istituto Nazionale per la storia del Movimento di Liberazione in Italia (oggi intitolato a Ferruccio Parri) nell’ambito delle celebrazioni del settantesimo anniversario della Liberazione. Come scrivono i curatori, l’anniversario è stata l’occasione per riflettere „sulla storia e sulla memoria di quel passaggio cruciale della storia d’Italia“ (p. 7). Il volume è molto denso, essendo costituito da ben quattordici saggi (oltre all’introduzione), scritti da alcuni dei più noti storici italiani. L’ambizione è stata quella di collocare le vicende italiane nel contesto internazionale, nel periodo di quella cesura storica rappresentata dalla fine della Seconda Guerra Mondiale e dall’inizio della „Guerra fredda“. I due primi saggi, di Marcello Flores (Il 1945 nell’orizzonte internazionale) e di Alberto De Bernardi (Oltre la crisi degli anni Trenta. Politica ed economia nel contesto globale) ricostruiscono proprio questo quadro globale, inserendo fascismo e post fascismo italiano ed europeo nella storia mondiale globale. Come detto il libro è estremamente denso di suggestioni, ed è quindi difficile riportare tutti gli spunti proposti dagli autori. Di particolare interesse, a parere di chi scrive, è il saggio di Paolo Pezzino (Note sulla categoria di resistenza civile), dove l’autore ripercorre la storiografia sull’argomento polemizzando, in alcuni passaggi, con una interpretazione troppo ampia del termine „Resistenza civile“, che rischia di coinvolgere categorie che sì rifiutarono la collaborazione e la Repubblica Sociale Italiana, ma che lo fecero „aspetta[ndo] che la situazione si risolvesse senza prendere posizione e assumere rischi, al di là di quelli inevitabili dovuti allo stato di guerra“ (p. 117). Molto utile anche il saggio di Giorgio Vecchio (La Shoah italiana: ritorni, incomprensioni, prime rimozioni), dedicato al difficile ritorno alla vita degli ebrei italiani e soprattutto alle difficoltà di accettare, da parte della società italiana, l’enormità delle loro sofferenze. Testo utile, anche se la ricostruzione parte dal 1945, quando alcuni articoli, e le prime notizie, erano giunte in Italia già nel 1943 (si vedano l’articolo de „L’Italia libera“ e le trasmissioni di „Radio Londra“ alla razzia del 16 ottobre), e la stampa socialista e comunista a Roma aveva già dedicato alcuni articoli al ritorno dei deportati nell’estate del 1944. Notevole anche il testo di Marco Cuzzi (La sconfitta dell’altra Europa: il diverso destino dei collaborazionisti), un lavoro comparativo sulle giustizie di transizione nel Vecchio Continente e la punizione di chi aveva collaborato nella costruzione del „Nuovo Ordine Europeo“. Il saggio di Cuzzi ripercorre anche i tentativi di accordo e le fughe organizzate dagli ex nazisti, fornendo un quadro completo, appunto, dei „diversi destini“ dei collaborazionisti. Last but not least, il saggio di Filippo Focardi analizza la straordinaria operazione politico-storiografica che ha portato allo „sdoganamento“ del fascismo da parte di movimenti di centro destra che, nati dopo la caduta del Muro di Berlino, hanno governato l’Italia fino al 2011. Nonostante alcuni segnali di controtendenza, conclude preoccupato Focardi „il paese che ha tenuto a battesimo il totalitarismo fascista continua a rimandare una resa dei conti collettiva con l’eredità più oscura del suo passato e stenta ad avviare la costruzione di una memoria storica capace di andare oltre il mito auto consolatorio del ‚bravo italiano‘“. (p. 291).+TABRE+Amedeo Osti Guerrazzi

II Concilio Vaticano II e i suoi protagonisti alla luce degli archivi, a cura di Philippe Chenaux e Kiril Plamen Kartaloff, Citta del Vaticano (Libreria Editrice Vaticana) 2017 (Atti e documenti / Pontificio Comitato di Scienze Storiche 46), 583 S., ISBN 978-88-266-0005-5, € 48.

Zwei große internationale Konferenzen zur Erforschung des 2. Vatikanums (bezeichnender Weise 2012 und 2015) stellen das Fundament der Beiträge für diesen umfangreichen Bd. aus dem Hause der Päpstlichen Kommission für Geschichtswissenschaft unter Leitung von Bernard Ardura dar. Inhaltlich folgt die Veröffentlichung dabei erkennbar der Schwerpunktsetzung Arduras – gemeinsam mit zahlreichen Wissenschaftler/-innen, den Fokus der Kommission noch mehr auf die Erschließung von unterschiedlichsten (regionalen, biografischen, institutionellen etc.) Quellenbeständen zum 2. Vatikanum zu richten. Selten werden die Titelbilder von wissenschaftlichen Werken in die Rezensionen zentral einbezogen, gelten sie doch häufig als akzidentell. In diesem Fall jedoch verweist die Collage aus Miniaturbildern von Konzilsteilnehmern auf dem Einband auf den Kern des Inhaltes: Die Erforschung der vielfältigen Beiträge der Konzilsväter, Periti, Beobachter und Journalisten, und das vor allem in globaler Perspektive, mit ökumenischem Habitus. So überrascht es kaum, dass neben der afrikanischen, nord-, süd-, mittelamerikanischen und asiatischen Perspektive, auch west- und osteuropäische Aspekte beleuchtet werden (z. B. Laurent Monsengwo Pasinya zur Rolle Kardinal Malulas auf dem Konzil, S. 13; Gilles Routhier zu Netzwerken kanadischer Bischöfe auf dem Konzil, S. 203; Carlos Salinas Araneda zum Einfluss der Erzbischöfe von Lima und Santiago de Chile, S. 329; Eduardo Chávez Sánchez zur Rolle des mexikanischen Episkopats, S. 317; Francis A. Thonippara zu den Vertretern der orientalischen katholischen Kirche Indiens auf dem Konzil, S. 219; Peter Pfister zur Rolle Kardinal Döpfners, S. 295; Krisztina Tóth zum Einfluss ungarischer Konzilsväter, S. 253). Allein dieser Umstand ist schon bedeutend, denn so konnte unilateralen Sichtweisen vorgebeugt werden. Der besondere Gewinn dieses Bd. liegt jedoch – neben innovativen Ansätzen zur Konzilsinterpretation bei John W. OMalley (S. 21) oder Alberto Melloni (S. 507) – vor allem in der Erschließung und Analyse einzelner Quellenbestände zu Personen unterschiedlichster Herkunft, Konfession und Profession. So werden z. B. Quellen zum Leben und Wirken des ukrainischen Metropoliten Slipy präsentiert (Oleh Turiy, S. 309), der Nachlass des bedeutenden Ökumenikers und Konzilsvaters Kardinal Bea wird vorgestellt (Saretta Marotta, S. 59), und Bestände aus Archiven auf allen Kontinenten werden analysiert. Weiterhin finden sich Aufsätze aus ökumenischer Perspektive, auch auf wichtigen Quellenbeständen basierend (Michael Quisinsky zur Konzilsrelevanz Lukas Vischers, aus den Beständen der Archive des World Council of Churches S. 41). Es ließen sich weitere Beispiele für das multiperspektivische Panorama, das der Bd. auffächert, nennen, doch wird so schon sehr deutlich, worin die Leistung des Bd. besteht: zum einen in der Vielfältigkeit der geografischen, theologischen und methodischen Blickwinkel auf die Geschehnisse und Ergebnisse des 2. Vatikanums und zum anderen in der Präsentation reichhaltiger archivalischer Quellenbestände und Egodokumente weltweiter Provenienz. Damit gelingt es den Hg. (dem römischen Kirchenhistoriker Philippe Chenaux und dessen Mailänder Kollegen Kiril P. Kartaloff), diese Bestände teilweise erstmalig, aber in jedem Fall nun unkomplizierter, einer breiteren interessierten wissenschaftlichen Öffentlichkeit bekannt bzw. noch bekannter zu machen. Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zu noch intensiveren quellengestützten Forschungen und vor allem zu daraus hoffentlich resultierenden Untersuchungen der globalen – nicht nur – (kirchen)historischen Zunft zur Erforschung des 2. Vatikanums.+TABRE+Roland Cerny-Werner

Alessandro Santagata, La contestazione cattolica. Movimenti, culture e politica dal Vaticano II al ’68, Roma (Viella) 2016 (I libri di Viella 214), 283 pp., ISBN 978-88-6728-508-2, € 28.

Negli ultimi anni si sono susseguiti numerosi studi sul „cattolicesimo progressista“, una categoria utilizzata con più frequenza nel panorama storiografico internazionale rispetto all’Italia, dove sono in uso definizioni con accezioni diverse che rimandano alla specificità del contesto nazionale. Sebbene s’intenda un fenomeno di lunga durata dell’età contemporanea, gli studi storici hanno privilegiato la ricostruzione e l’analisi della pluralità dei gruppi e dei movimenti che all’indomani del Concilio Vaticano II sostennero, sul piano religioso come su quello politico, tesi apertamente progressiste, interpretando le indicazioni conciliari in chiave radicale. Il fenomeno non fu solo europeo, ma ebbe proiezione globale, sebbene la maggioranza delle ricerche si sia concentrata sull’Europa occidentale e sulle Americhe. Il contributo di Alessandro Santagata s’inserisce in questo filone di studi, proponendo un’originale ricostruzione e un punto di vista inedito su un tema che ha atteso a lungo, per lo meno sul caso italiano, una trattazione sistematica. I luoghi di formazione di questa ricerca sono stati molteplici: la Fondazione per le Scienze Religiose Giovanni XXIIII di Bologna, il dottorato in Storia dell’Europa moderna e contemporanea dell’Università Tor Vergata di Roma, l’École Pratique des Hautes Études, il gruppo Sociétés, Religions, Laïcités del CNRS e altri ancora. Così come centrale è stato il confronto con gli storici che si sono occupati, da diverse prospettive, del tema studiato dall’autore: Alberto Melloni, Lucia Ceci, Denis Pelletier e Gerd-Rainer Horn, per fare solo qualche esempio. Un saggio storiografico aveva anticipato nel 2010 l’uscita del volume, una cui sintesi e aggiornamento sarebbero stati forse auspicabili nel libro pubblicato sei anni dopo, nel 2016 (Alessandro Santagata, Una rassegna storiografica sul dissenso cattolico in Italia, in: Cristianesimo nella storia 31 [2010], pp. 207–241). La scelta metodologica decisa da Santagata, „isolare…l’elemento della ricezione politica come punto centrale dello scontro tra due letture diverse del Concilio“ (p. 8), ha permesso di costruire un’architettura molto solida e di delineare con nettezza una gerarchia di temi che rendono il libro chiaro e lineare. Il volume è diviso in cinque capitoli, ciascuno dei quali è dedicato ai luoghi dove più percettibili furono gli effetti del Concilio e le sue ricadute politiche: la Conferenza Episcopale Italiana (primo capitolo), l’associazionismo cattolico e il laicato (secondo capitolo), la Democrazia Cristiana (terzo capitolo), le comunità di base, i gruppi del dissenso e l’associazionismo studentesco (quinto capitolo) dove infine esplose la protesta contro l’interpretazione moderata attribuita al pontificato di Paolo VI. Il capitolo quarto, invece, è dedicato all’intreccio dei grandi temi di politica internazionale – la guerra in Vietnam, il conflitto israeliano-palestinese, la politica estera del Vaticano all’indomani del Concilio – con i processi di trasformazione che investirono le principali società dell’occidente capitalistico: la secolarizzazione, la crisi della fede istituzionale, l’avvento della società dei consumi, il riconfigurarsi del rapporto tra religione e politica. Santagata ripercorre puntualmente le diverse evoluzioni che accompagnarono la ricezione del Concilio e i dilemmi che la sua eredità poneva sul piano teologico come su quello politico e sociale. In continuità con altre interpretazioni, l’autore individua come termine ad quem di questo processo l’esplosione della contestazione studentesca del ’68, la cui genesi s’intrecciava con le inquietudini e i fermenti che avevano accompagnato il post-Concilio, una lunga fase di transizione per molti versi non ancora conclusasi. Gli effetti, tuttavia, erano già ben visibili e misurabili dai primi anni Sessanta, data la rilevanza del Vaticano II, la cui portata universale si stagliava molto al di là del solo caso nazionale: a partire dalle ricadute sul sistema politico italiano, dove la nascita dei governi di centro-sinistra, la cui teorizzazione affonda le radici già nei primi anni Cinquanta, aveva avuto un’improvvisa accelerazione durante i lavori del Concilio. Allo stesso modo si riconfigurarono prima il confronto e poi il dialogo con il marxismo e il mondo comunista che negli anni passati solo una minoranza di cristiani aveva intrapreso. Il cambiamento investì la società in tutti i suoi aspetti: dai rapporti tra i sessi al mondo del lavoro, dall’educazione alle politiche sociali. Santagata si sofferma in particolar modo su un tema, il divorzio, quello che probabilmente ebbe più impatto sul piano politico, provocando un vero e proprio terremoto nel 1974 quando il referendum abrogativo della sua legge istitutiva registrò una pesante sconfitta, segnando la riconfigurazione dei rapporti tra Chiesa, società italiana e la Democrazia Cristiana, il cui ruolo d’intermediazione e la cui centralità uscirono scosse da quella prova. Seguì, infatti, la crisi del sistema politico, le cui radici risalivano agli anni Sessanta quando si sprigionarono le forze liberate dal Concilio. Proprio per questa ragione, argomenta Santagata, le gerarchie vaticane, sotto la guida di Paolo VI, puntarono a contenerne gli effetti, favorendo una lettura moderata se non addirittura conservatrice delle disposizioni conciliari. La scelta decisa dal pontefice portò ad una polarizzazione, fuori e dentro la Chiesa, tra due letture opposte e inconciliabili del Vaticano II. Il dissenso, l’aperta contestazione e infine la diaspora di tante comunità e fedeli avrebbero così rappresentato il prezzo più alto pagato per garantire la continuità secolare delle istituzioni ecclesiastiche e compattare il vasto mondo cattolico che rischiava di frantumarsi. La contropartita di questo disegno, tuttavia, fu una generale involuzione, con l’affermazione di tendenze identitarie e letture apertamente conservatrici del Concilio che non solo furono incapaci di arrestare gli effetti più deleteri della secolarizzazione e della modernizzazione consumista, ma portarono ad una nuova configurazione del rapporto tra cristianità e potere, un nodo che il Vaticano II aveva provato invece a sciogliere. Si tratta di un risultato importante di questa ricerca, condotta in diversi archivi, non sempre di facile reperibilità, che ha portato, tra l’altro, ad una ricostruzione nitida dello scarto esistente tra le indicazioni conciliari e la loro reale applicazione. Esemplare, a questo proposito, il dibattito sulla non-ingerenza delle gerarchie ecclesiastiche italiane e la mancata messa in pratica di questo principio, anzi continuamente ribadito attraverso una costante pressione sulle forze politiche. La lettura di Santagata è, dunque, per molti versi condivisibile, essendo, tra l’altro, in continuità con molte interpretazioni che l’avevano preceduta. La scelta compiuta dall’autore, lo studio delle ricadute politiche del Concilio presenta, tuttavia, alcune problematicità che in questa sede si possono brevemente elencare. Innanzitutto, la tendenza a stilizzare un dibattito che fu invece molto più articolato e sfumato di quanto possa apparire ad un primo sguardo. Se si capovolge, infatti, il piano dell’analisi, privilegiando le ricadute teologiche e religiose del Vaticano II, si comprenderebbe meglio la circolazione di temi, posizioni e punti di contatto che animarono il post-Concilio. Forse apparirebbe in una luce diversa lo stesso pontificato di Paolo VI, la cui statura intellettuale, teologica e politica rischia di essere sottovalutata, riproponendo il cliché di un papa mediatore e incerto tra una maggioranza conservatrice e una minoranza dissidente, fuori e dentro la Chiesa, ma infine incline ad appoggiare le istanze più moderate e retrive del mondo cattolico (italiano e non). Allo stesso modo, le riflessioni sull’episcopato italiano rischiano di essere appiattite su un canone interpretativo monotematico. Se è vero che in Italia una Chiesa nazionale affiorò con ritardo e proprio negli anni a ridosso dell’apertura del Vaticano II, se è altrettanto vero che l’impianto della Conferenza Episcopale Italiana fu sostanzialmente conservatore, ridurre, tuttavia, l’operato della Chiesa italiana, per di più attestata nella difesa del Concordato col regime fascista, alla sola contrapposizione della modernità, potrebbe indurre ad una o più disfunzioni interpretative: come, ad esempio, il ridimensionamento del carattere universale della Chiesa italiana, per molti versi, soprattutto ai suoi inizi, non facilmente distinguibile dalle gerarchie romane, la cui difficoltà ad interiorizzare e indirizzare le disposizioni conciliari dipese anche dalla peculiarità della sua funzione e dei suoi tratti genetici. Così allo stesso tempo, il dibattito intellettuale in corso nella cultura cattolica, compresi i fermenti del dissenso, si caricò di un significato che travalicò il solo contesto nazionale. L’aver privilegiato una lettura politica del Vaticano II, nonostante lo spazio e l’attenzione dedicate alle ricadute sociali del Concilio, ha portato, infine, a sottodimensionare alcuni ambiti su cui invece sarebbe valsa la pena soffermarsi: per esempio il mondo del lavoro – ad eccezione di un’approfondita analisi delle Acli – e le tensioni di tipo religioso sprigionatesi nel conflitto sociale degli anni Sessanta e Settanta che in parte lo avevano preceduto e alimentato. Allo stesso modo, la scelta di concentrarsi primariamente sulle riviste del dissenso e non sui gruppi ha lasciato aperto il problema di una reale misurazione di un universo assai vasto quanto frastagliato, il cui impatto è stato forse sopravvalutato rispetto alla sua reale consistenza. Si tratta di scelte imposte dal disegno complessivo di questo libro e dalle difficoltà di arrivare ad una sintesi che si presenta, comunque, innovatrice, efficace e per molti aspetti esaustiva.+TABRE+Guido Panvini

Gianni Silei (a cura di), Tutela, sicurezza e governo del territorio in Italia negli anni del centro-sinistra, Milano (Franco Angeli) 2016 (Collana della Fondazione di Studi Storici Filippo Turati 31), 299 pp., ISBN 978-88-917-4276-6, € 35.

Il volume, pubblicato nell’ambito della collana della Fondazione di studi storici Filippo Turati, prende le mosse da un convegno svoltosi all’Università di Siena nel dicembre 2015. È una raccolta di quindici saggi – frutto della rielaborazione e dell’ampliamento degli interventi presentati in quell’occasione – che si caratterizza per la vastità delle questioni affrontate, la diversità degli approcci e la molteplicità di prospettive da cui si guarda al macrotema indicato nel titolo, nonché il taglio interdisciplinare: oltre che da storici dell’età contemporanea (Maurizio Degl’Innocenti, Davide Gobbo, Stefano Maggi, Alberto Malfitano, Dino Mengozzi, Gerardo Nicolosi, Federico Paolini, Luigi Piccioni, Andrea Ragusa, Stefano Ventura, più il curatore Gianni Silei), i capitoli che compongono il libro sono firmati infatti da geofisici, giuristi e geografi (Dario Albarello, Francesca Degl’Innocenti, Paolo Passaniti, Leonardo Rombai). È dunque arduo, in uno spazio ridotto, dar conto dei contenuti del volume in modo anche lontanamente esaustivo. Alcuni contributi prendono in esame i disastri di origine naturale che colpirono il territorio italiano negli anni del centro-sinistra e ne rivelarono tutta la fragilità (soprattutto il Vajont, le alluvioni del 1966 in Toscana e Veneto, il terremoto del Belice), concentrandosi alternativamente sulla prevenzione, sulla gestione dell’emergenza, sulle forme che assunse l’opera di soccorso o sui provvedimenti e gli interventi che furono varati sulla scia di quei drammatici eventi in funzione di riduzione del rischio idrogeologico e di riassetto del territorio. Altri vertono sulla legislazione urbanistica e sull’animato confronto politico che si sviluppò intorno ai progetti di riforma promossi dai ministri dei Lavori Pubblici Sullo, Pieraccini e Mancini. Altri ancora guardano alle innovazioni nella pianificazione delle aree naturali protette, alle concezioni che guidavano le politiche di tutela del patrimonio culturale e ambientale, o al ruolo che in questo ambito ricoprì un’associazione come Italia Nostra. Alcuni saggi, peraltro, si concentrano esclusivamente sugli anni del centro-sinistra, mentre altri collocano le vicende di quel periodo all’interno di analisi di più ampio respiro che talvolta si estendono agli anni Cinquanta e/o Ottanta, talaltra abbracciano l’intera parabola storica dell’Italia unita. Scorrendo l’indice dei nomi si rileva come le due persone più citate siano di gran lunga Antonio Cederna e Fiorentino Sullo, a testimonianza della centralità che a livello tematico rivestono da un lato la tensione tra i concitati processi di sviluppo che l’Italia stava vivendo sull’onda del boom e la protezione del suo straordinario patrimonio storico e ambientale, dall’altro i tentativi di disciplinare la disordinata crescita edilizia attraverso la riforma urbanistica. Merito del volume è fare il punto su una fase storica cruciale per gli assetti territoriali del paese, durante la quale la necessità di far fronte agli sconvolgimenti risultanti sia dagli intensi processi di urbanizzazione e industrializzazione sia da una sequenza di eventi eccezionali di natura calamitosa sensibilizzò i settori più attenti dell’opinione pubblica sui temi della gestione e tutela del territorio, alimentò nuove forme di organizzazione e di mobilitazione sociale, e spinse a elaborare nuovi strumenti di gestione e ambiziosi progetti riformatori spesso declinati nella prospettiva, coltivata in particolare dai socialisti, di combinare programmazione economica e pianificazione territoriale. Tutto ciò, peraltro, senza che si approdasse a un sistema di governo del territorio davvero capace di superare i gravi problemi che si andavano manifestando e di rispondere appieno alle attese di cambiamento suscitate dall’avvento del centro-sinistra.+TABRE+Bruno Bonomo

Published Online: 2019-03-18
Published in Print: 2019-03-01

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 27.9.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/qufiab-2018-0026/html
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