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Publicly Available Published by De Gruyter November 22, 2019

Rezensionen

Allgemein

Arnold Esch, Historische Landschaften Italiens. Wanderungen zwischen Venedig und Syrakus, München (C. H. Beck) 2018, 368 S., Abb., ISBN 978-3-406-72565-4, € 29,95.

Der Mittelalterhistoriker und langjährige Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom Arnold Esch entfaltet in diesem Buch einen kaleidoskopartigen Blick auf die Kulturgeschichte Italiens zwischen Antike und Moderne anhand von 21 Bildern italienischer Landschaften. Der Vf. stützt sich dabei auf langjährige Forschungen und Begehungen, die bereits zu einer Vielzahl einschlägiger Publikationen geführt haben (Arnold Esch, Römische Straßen in ihrer Landschaft. Das Nachleben antiker Straßen um Rom mit Hinweisen zur Begehung im Gelände, Mainz 1997; ders., Zwischen Antike und Mittelalter. Der Verfall des römischen Straßensystems in Mittelitalien und die Via Amerina, München 2011). Sechs der insgesamt 21 Beiträge sind in der FAZ erschienen und für den Bd. ergänzt worden. Der Vf. nähert sich, gestützt auf eine vorzügliche Ortskenntnis, dem Thema zunächst von einer kulturgeographischen Warte aus an: Hierbei spielen Orte und Städte wie Ostia, Rom (zweimal), Venedig, Subiaco, Syrakus und Mugnano in Teverina genauso eine Rolle wie die Regionen Apulien, die Abruzzen, Latium, Molise, Umbrien, Toskana, die Marken und die Romagna, ferner das Gebiet zwischen Lucca und dem Arno entlang der mittelalterlichen Pilgerroute Via Francigena. Überschrieben ist dieser erste Teil, der insgesamt 17 Beiträge umfasst, mit „Landschaft in ihrer Zeit“. Diese Überschrift ist insofern zutreffend, als der zweite gewählte Zugang ein explizit historischer ist – es geht ihm auch um Faktoren, die zu historischem Wandel der jeweiligen Städte bzw. Regionen geführt haben. Die Überschrift trifft aber auch nicht vollkommen zu, denn der Vf. bleibt nicht bei einer bestimmten Zeitspanne wie der Spätantike, dem Mittelalter oder der Renaissance in Bezug zu einer konkreten Stadt wie Rom oder Venedig bzw. einer spezifischen Region stehen, sondern schlägt immer wieder, ausgehend von seinen Begehungen und Beobachtungen einzelner Landschaften und Markern wie Gebäuden, Denkmälern und Details – ob es sich um antike Ruinen oder Kirchen handelt – Transekte in die jeweilige Vorgeschichte auf der einen bis hin zur Moderne auf der anderen Seite. Der zweite Teil des Buches ist fokussiert auf antike Denkmäler – Straßen, Amphitheater, Aquädukte und in Archiven dokumentierte frühmittelalterliche Grenzbeschreibungen um Rom – in der sie umgebenden Landschaft (überschrieben als „Antike in der Landschaft“). Der Kernbegriff, um den die Beobachtungen, Beschreibungen und Wahrnehmungen des Vf. kreisen, ist der der Landschaft Italiens, die er in vielfältigen Schattierungen beschreibt: Kulturlandschaft, Naturlandschaft, Berglandschaft, Stadtlandschaft etc. Der Begriff wird mit seinen Facettierungen zwar nicht methodologisch fundiert erläutert, aus der Herangehensweise des Vf. wird aber deutlich, dass es sich nicht um einen systematischen, sondern letztlich um einen idealistischen, man könnte auch sagen historisch-romantisch gefärbten Landschaftsbegriff handelt. Mit seiner im wahrsten Sinne des Wortes einfühlsamen Vorgehensweise dringt der Vf. darauf, auch „die Empfindungen der Menschen mit einzubeziehen, für die diese Zeit Gegenwart war“ (S. 38). Dieser intuitive Zugang ist uns mit der Postmoderne eher fremd geworden. Landschaft ist ohne Zweifel ein zentrales Forschungssujet u. a. der Geographie, der Kunstgeschichte, der Geschichtswissenschaften (z. B. Mikroregionen; Area Studies; Lokalgeschichte), aber auch der Archäologie (z. B. Siedlungskammern; Gedächtnislandschaften; GIS-Projekte, Least-Cost-Path-Berechnungen). Die dort entwickelten Ansätze spielen in dem Buch aber ebenso wenig eine Rolle wie die Gegenwart in Form von „Zersiedelung und Verwahrlosung“ (S. 9). Der Zugriff des Vf. erinnert in vielerlei Hinsicht an Forschungsansätze zur historischen Landeskunde, die in der ersten Hälfte des 19. Jh. erstmalig unter dem Eindruck der Aufklärung Bedeutung erlangt hatten, etwa in der Geographie: Carl Ritter, der Begründer der sogenannten Ritterschen Wissenschaft, verstand den Erdraum als eine Symbiose zwischen Mensch und Naturraum; in Ritters Wissenschaftsverständnis spielten physische und materielle Aspekte ebenso eine Rolle wie soziale Faktoren (dazu Andreas Schach, Carl Ritter [1779–1859]. Naturphilosophie und Geographie. Erkenntnistheoretische Überlegungen, Reform der Geographie und mögliche heutige Implikationen, Münster 1996). Diese synthetischen Ansätze gingen in Folge der sich im deutschsprachigen Bereich stark ausdifferenzierenden Fächer und Disziplinen in der 2. Hälfte des 19. Jh. teilweise verloren. Der Leser gewinnt den Eindruck, dass sich der Vf. mit seiner Wahrnehmung italienischer Landschaft(en) als Bildern selbst in eine lang zurückreichende Tradition stellt, die er in den Kapiteln zur Landschaftswahrnehmung Pius‘ II. in der Frührenaissance (Kapitel VI) oder Ferdinand Gregorovius’ (Kapitel VIII) umreißt. Die Grenzen zwischen idealer und sachbezogener Darstellung sind vom Vf., der schon zu Beginn klarstellt, dass er keinen systematischen Zugang gesucht habe, ebenso wie die zwischen Geschichtswissenschaften und Archäologie bewusst unscharf gehalten, dem auch entsprechen die Platzierung der Literaturhinweise, die eine vorzügliche Kenntnis der jeweiligen lokal-/regionalbezogenen Forschungslage verraten, ebenso wie Hinweise auf Koordinaten bestimmter Orte am Ende des Buches. Beschlossen wird der Bd. mit 60 schwarz-weißen Abb. und Karten durch ein Personen- und ein Ortsregister, mit deren Hilfe sich der Leser leicht in dem Bd. unabhängig von den 21 Landschaftsbildern bewegen kann. Fazit: Entstanden ist ein enorm kenntnisreiches Buch, das zu eigenen Begehungen einlädt und gerade durch seinen persönlichen Zugriff, der heutzutage nicht alltäglich ist, sowohl den breit interessierten Leser als auch den Wissenschaftler anzusprechen vermag, was nicht zuletzt an dem sehr einnehmenden Sprachgebrauch liegt.

Ortwin Dally

Iain Chambers/Marta Cariello, La questione mediterranea, Milano (Mondadori) 2019 (Saggi oltre), V, 149 S., ISBN 978-88-6184-700-2, € 12.

Seit der Herausbildung des italienischen Nationalstaats ist die sogenannte „Südfrage“ in Italien virulent, wobei derzeitig in Politik und Medien eine neue Dynamik zu beobachten ist, die offenbar mit einer veränderten, vor allem ökonomisch konnotierten Polarisierung zwischen Nord und Süd zusammenhängt. Eng verbunden mit Vorstellungen vom Mittelmeer(raum) und vom globalen Süden als subalternen Räumen verführt der Ausdruck „questione meridionale“ zu Stereotypisierungen, verkörpert er doch begrifflich eine Charakterisierung des Mezzogiorno bzw. des Südens als rückständig und unterlegen. Mit Iain Chambers und Marta Cariello gehen zwei in den Postcolonial studies versierte Autoren gegen historische Kurzschlüsse an und hinterfragen ganz im Sinne Antonio Gramscis die hegemonialen Strukturen, die dem Narrativ vom „Mediterraneo“ als distinktem Raum inhärent sind. Es geht um kein geringeres Ziel als einen neuen kritischen Ansatz, der hinausweist über große Namen wie Fernand Braudel, Peregine Horden, Nicholas Purcell, David Abulafia, Edward Said, Predrag Matvejević oder Franco Cassano. Chambers’ und Cariellos Vorgehen beruht auf zwei Prämissen: 1. ist das Mittelmeer keine geografische oder historische Gegebenheit, sondern ein raum-zeitlich gebundenes, durch kulturelle und politische Faktoren geprägtes Produkt; und 2. kann es keine wissenschaftlich objektive bzw. neutrale Antwort auf die „Mittelmeerfrage“ geben. Um andere Denkhorizonte jenseits okzidentaler Sichtweisen zu eröffnen und den Mittelmeerraum dezidiert nicht teleologisch als Wiege der abendländischen Kultur wahrzunehmen, wird eine „ri-mappatura e ri-narrazione“ sowie eine „de-territorializzazione e ri-territorializzazione“ angestrebt, und zwar auf der Grundlage des konventionellen, historisch-kritischen Fragerasters: Wer hat was wie und warum über das Mittelmeer geschrieben bzw. erzählt? Es gilt also, Pluralität, Multiperspektivität und Kontextgebundenheit einzufangen sowie solche historischen und kulturellen Prozesse zu betrachten, die den Mittelmeerraum unaufhörlich in ein offenes, lebendes Archiv verwandeln. In drei problemorientierten Kapiteln – „Mappe“, „Memorie e archivi“, „Tempi e luoghi“ – loten die Vf. die Perspektiven, die sich aus einem solchen „postkolonialen Mittelmeerraum“ ergeben, aus. Begleitet von vielschichtigen Reflexionen und anhand prägnanter Beispiele wie dem mittelalterlichen islamischen Weltsystem, der Wüste, Palästina, der weiblichen Poesie, kosmopolitischen Städten oder der Ottomanenzeit wird der Blick für „fluide Geografien“ im Sinne von sich kontextgebunden verändernden Bezugsgrößen geschärft; wird dem im europäisch dominierten Mittelmeernarrativ Nicht-Gesagten, Nicht-Übermittelten Signifikanz zugesprochen; wird das Mittelmeer zu einem „contro-spazio critico“, um jenseits von National- und Disziplingrenzen wahrzunehmen, welche historischen Hypotheken sich in bestimmten (auch heutigen) Praktiken verbergen. Die Autoren plädieren mit anderen Worten dafür, das Mediterraneum als „polyrhythmisches System“ „multipler und individueller Intonation“ zu untersuchen, um das vorherrschende Raum-Zeit-Kontinuum zu durchbrechen, um Raum zu lassen für die „Diversität des Unerwarteten“, für „mehrstimmige Heterogenität“, für Differenzen, Diskontinuitäten und sich ändernde Rhythmen. Zwischen den Zeilen schwingt wie ein roter Faden eine scharfe Kritik an Wissenshierarchien mit, die die Forschung und politisches Handeln nach wie vor beeinflussen. So werden nicht zuletzt auch die gegenwärtigen Migrationsbewegungen historisiert und die aktuelle Xenophobie mit dem im nationalstaatlichen kollektiven Unbewussten verankerten Machtdiskurs europäischer Staaten, dem eine kolonial geprägte „razzializzazione“ innewohne, in Zusammenhang gebracht. Wer über vormoderne Epochen mit verflechtungsgeschichtlichen und transkulturellen Zugängen arbeitet und die entsprechende theoretische Literatur kennt, wird bei der Lektüre auf wenig Neues stoßen. Das Verdienst von Chambers und Cariello liegt deshalb aus Sicht der Rezensentin besonders darin, all diese Perspektiven und Ansätze auf knapp 150 Seiten selbstreflektiert mit starkem Gegenwartsbezug auf eine epochen- und disziplinübergreifende historische Beschäftigung mit dem Mittelmeerraum anzuwenden, gängige Metanarrative zu dekonstruieren und gleichzeitig künftige Untersuchungsfelder aufzuzeigen. Durch ihren bewussten Verzicht auf eine klare räumliche Eingrenzung und Definition des Mittelmeer(raum)s, durch ihr vehementes Plädoyer dafür, das Fragmentäre in Kauf zu nehmen, das Unverbundene zuzulassen und das scheinbar Sekundäre in den Mittelpunkt zu rücken, werden Hybriditäten und die Fluidität von (nicht nur politischen) Grenzen zur Forschungsagenda. Das Buch ist aber noch weit mehr: ein nachdrücklicher Aufruf, ein für alle Mal die Ansicht zu überwinden, Moderne, Fortschritt und Okzident seien in eins zu setzen – ein gegenwartskritisches Manifest für Offenheit und dafür, auch als Wissenschaftler/-in Verantwortung zu übernehmen.

Kordula Wolf

Historikerkommissionen und historische Konfliktbewältigung. Beiträge des Kolloquiums „La Composizione dei Conflitti Storici / Historische Konfliktbewältigung“, Roma, Accademia Nazionale dei Lincei, 9./10. Oktober 2014, hg. von Christoph Cornelißen und Paolo Pezzino, Übersetzung der italienischen Beiträge von Gerhard Kuck, Berlin-Boston (De Gruyter Oldenbourg) 2018, VII, 359 S., ISBN 978-3-11-053908-0, € 99.95.

Dass Historiker sich mehr oder weniger von aussen mit der Bedeutung von Historikerkommissionen befassen, ist noch immer als ein Novum anzusehen. Den Anfang machten Oliver Rathkolb („Die späte Wahrheitssuche. Historikerkommissionen in Europa“) im Jahr 2000 und Marina Cattaruzza/Sacha Zala („Negotiated history? Bilateral historical commissions in twentieth century Europe“) sieben Jahre später. Der hier angezeigte Bd., der die Beiträge zu einer Tagung an der Accademia dei Lincei in Rom versammelt, geht einen Schritt weiter: Er möchte in einem umfangreichen allgemeinen Teil den vielfältigen Aufgabenstellungen gegenwärtiger Historikerkommissionen gerecht werden (S. 19–131) und konkretisiert das Vorhaben dann auf zwei Feldern, dem der Rechtsprechung (S. 135–217) und dem der Erinnerungskulturen (S. 231–311). Internationale Historikerkommissionen entstanden vielfach Anfang der 1990er Jahre, als im Gefolge der Umwälzungen in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa ein neuer Bedarf an wechselseitiger Verständigung über die historischen Grundlagen der bilateralen Beziehungen zwischen Staaten auftauchte, die zuvor unterschiedlichen Blöcken angehörten. Dazu zählen Themen wie die Raub- und Vernichtungspolitik der deutschen und italienischen Besatzer im Zweiten Weltkrieg ebenso wie die Grenz- und Bevölkerungsverschiebungen in den Nachkriegsjahren. Dass man östlich und westlich der Demarkationslinie von sehr unterschiedlichen Interpretationen der Geschichte des jeweils Anderen ausgegangen war, verlangte nach einer kritischen Reflexion, die angesichts der zu bewältigenden Stoffmenge nur organisiert von statten gehen konnte. Zeitlich mehr oder weniger parallel dazu schärften öffentliche Kontroversen wie der Historikerstreit, die Diskussion um die „Wehrmachtsausstellung“ und die Goldhagen-Debatte das Bewusstsein für den Nachholbedarf der bundesdeutschen Gesellschaft, was die spezifische NS-Belastung einzelner Sektoren in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik angeht. Am meisten Aufsehen erregte in diesem Zusammenhang die Debatte um die Stellung des Auswärtigen Amtes (AA) innerhalb des NS-Regimes; die Arbeiten der eigens zur Untersuchung der AA-Vergangenheit eingerichteten Kommission setzte im Jahre 2004 ein. Die Diskussion um Entschädigungszahlungen für erlittenes Unrecht und Gerichtsurteile, die die Bundesrepublik für solche Zahlungen haftbar machten, trugen im deutsch-italienischen Fall dazu bei, dass sich eine Historikerkommission zur Aufarbeitung der gemeinsamen Vergangenheit gründete. Dieser letzte Fall ist dann auch dafür verantwortlich, dass die Tagung über weite Strecken bilateral angelegt war, auch wenn im internationalen Teil deutsch-tschechisch-slowakische, italienisch-slowenisch-kroatische oder deutsch-ukrainische Problemlagen zur Sprache kamen. Ein besonderes Feld ist das der Schulbuchkommissionen, im Sammelbd. vertreten mit dem deutsch-polnischen Exempel. Wenig verwundert, dass sich zu dem noch recht jungen Themenfeld vor allem Historiker zu Wort meldeten, die als Leiter oder Mitglieder von Historikerkommissionen einschlägige Erfahrungen vorweisen, zugleich aber im Hinblick auf die eigene Tätigkeit in den Kommissionen naturgemäß nur wenig Kritisches beisteuern können. Zudem sind keine Forscher aus den Ländern östlich des früheren „Eisernen Vorhangs“, etwa aus der Tschechischen Republik oder aus Slowenien, vertreten, die die Beiträge der jeweiligen westlichen Kommissionsmitglieder (etwa Raoul Pupo oder Martin Schulze-Wessel) hätten ergänzen können. Davon einmal abgesehen ist der Sammelbd. eine Fundgrube für jeden, der sich mit den vielfältigen Arbeitsfeldern von Historikerkommissionen auseinander setzen möchte. Die Fallstricke staatlich oder privat finanzierter Auftragsforschung werden am deutlichsten im abschließenden Kommentar von Axel Schildt benannt, der seinerseits wiederum nicht mit Lob an die 2008 einberufene deutsch-italienische Historikerkommission geizt.

Rolf Wörsdörfer

Benjamin Hasselhorn, Johannes Haller. Eine politische Gelehrtenbiographie, mit einer Edition des unveröffentlichten Teils der Lebenserinnerungen Johannes Hallers, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2015 (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 93), 480 S., ISBN 978-3-525-36084-2, € 79,99.

Johannes Haller war einer der bedeutendsten Historiker des vorigen Jh., freilich wie bis in die sechziger Jahre üblich, noch Professor für mittlere und neuere Geschichte, bevor das immer engere Spezialistentum einsetzte. Er gehörte keinem Kartell an, keiner Akademie, wurde nicht mit Ehrungen und Ehrendoktoraten überhäuft, hatte nur wenige Schüler – am bekanntesten der Neuzeithistoriker Reinhard Wittram und die Mediävisten Fritz Ernst und Heinrich Dannenbauer –, er war Individualist, provokativ und Außenseiter, gehörte aber zu den meistgelesenen deutschen Historikern. Als Sohn eines baltischen Pastors war er aus Angst vor der Russifizierung aus seiner Heimat nach Heidelberg ausgewandert, war von Bernhard Erdmannsdörffer mit einer Arbeit über die deutsche Publizistik 1668–1674 promoviert worden und war dann von 1892 bis 1897 Mitarbeiter am „Repertorium Germanicum“ am Preußischen Historischen Institut in Rom, dessen Entwicklung er mit Paul Kehr beeinflusste. Er war vom „Zauber“ Roms und Italiens angetan, hatte freilich wenig Kontakte mit Italienern. Er lehnte den politischen Katholizismus ab, war aber relativ positiv gegenüber dem mittelalterlichen Papsttum und wurde später sogar als „Katholikenfreund“ gebrandmarkt. Freilich wurde er mit der italienischen Sprache und Geschichtswissenschaft vertraut, was bei seinen späteren Arbeiten vor allem über das Papsttum bedeutsam war. Im Jahre 1897 ging er zu Rudolf Wackernagel nach Basel, wo er die Akten des Konzils von Basel (vier Bde. bis 1903) publizierte, sich im gleichen Jahre habilitierte und ein wichtiges Werk über „Papsttum und Kirchenreform“ (1903) verfasste. Früh begann seine journalistische Tätigkeit und die Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte. Nach kurzem erneutem Romaufenthalt 1901–1902 – eine Dauerstelle am Institut lehnte er ab, da er sich nicht Kehr unterordnen wollte – verschaffte ihm Friedrich Althoff ein Extraordinariat in Marburg. Seine Beziehungen zum römischen Institut rissen aber nicht ganz ab, noch 1941 publizierte er in dessen Schriftenreihe eine Edition der Briefsammlung des Piero da Monte. Im Jahr 1904 erhielt er ein Ordinariat in Gießen. Nach zehn Jahren wenig erfolgreicher Zeit wurde er 1913 auf den Tübinger Lehrstuhl berufen, den er bis zu seiner Emeritierung 1932 innehatte. Ein Riesenerfolg war sein von der Kritik mit großen Vorbehalten aufgenommenes Werk „Epochen der deutschen Geschichte“, das von 1923 bis 1962 in 11 Auflagen von insgesamt mehr als 200 000 Exemplaren erschien, wohl das erfolgreichste deutsche historische Werk des 20. Jh., das ihn wohlhabend machte. Im Ersten Weltkrieg wurde er zum politischen Publizisten. Zahlreiche Publikationen zur Zeitgeschichte belegen den deutschnationalen Historiker. Der Vf. schildert überzeugend seine Entwicklung vom lutherischen Glauben über den „Kulturprotestantismus“ bis zur völligen Abkehr vom persönlichen Christentum und seine politische Entwicklung vom aristokratischen über den nationalsozialen Liberalen zum Deutschnationalen und Volkskonservativen. Sein konventionelles Geschichtsbild hatte noch kaum Bezug zur völkischen und der daraus teilweise hervorgegangenen gesellschaftsgeschichtlichen Geschichtsschreibung. Sein wichtigstes und bis heute nachwirkendes Werk war jedoch seine mehrbändige, zuletzt nach Überarbeitung von Dannenbauer in fünf Bde. erschienene, aber unvollendete Geschichte des mittelalterlichen Papsttums, „eine der großartigsten Leistungen der deutschen Geschichtsschreibung im zwanzigsten Jahrhundert“ (Siegfried Reicke, Nachwort, in: Johannes Haller, Das Papsttum, Bd. 1: Die Grundlagen, Reinbek bei Hamburg 1965 [Rowohlts Deutsche Enzyklopädie 221/222], S. 406). Wenn auch eine zentrale These Hallers, wonach das Papsttum zu seiner religiösen und politischen Machtstellung durch die Vorstellungswelt der Germanen, ihre Petrusverehrung, emporstieg, umstritten ist, das Werk noch nicht die Ergebnisse der erst nach dem Tode Hallers verstärkt einsetzenden kanonistischen Forschung integrieren konnte – über den Dekretalenapparat Innozenz’ IV. bemerkt er (Johannes Haller, Das Papsttum, Bd. 4: Die Krönung, Reinbek bei Hamburg 1965 [Rowohlts Deutsche Enzyklopädie 227/228], S. 124): „der der beste seiner Art sein soll“ – und die letzten Bde. unter den schwierigen Bibliotheksverhältnissen des Zweiten Weltkriegs entstanden, so wird es doch nicht zuletzt durch seinen umfangreichen Apparat von „Nachweisen und Erläuterungen“, „wahre Meisterstücke gelehrter Beweisführung“ (Reicke, Nachwort S. 409), für alle Zeiten von Bedeutung bleiben. Die von Ernesto Grassi besorgte ungekürzte Rowohltsche Taschenbuchausgabe hat dem Werk zudem eine weite Verbreitung gesichert. Man wird freilich Hallers Arbeiten nicht einfach als „konservativ“ abtun können, denn seine Methode bei der Erforschung des Papsttums ist keineswegs überholt, sondern wurde lediglich durch Durchbrechen der Fächergrenzen besonders zur Kanonistik und Theologie hin vertieft. Im Detail und mit ausgewogenem Urteil behandelt der Vf. die vielen Kontroversen Hallers wie die mit Gerhard Ritter über die Beurteilung des Humanismus (S. 200 f.) und die mit Albert Brackmann, Carl Erdmann und Friedrich Baethgen über die Bedeutung von Canossa (S. 247–251), ein heute wieder umstrittenes Thema. Das Ende des Ersten Weltkrieges erlebte Haller als Rektor der Universität Tübingen (1918/19), ein Amt, das er mit Ruhe und Umsicht führte. Sein Verhältnis zu Frankreich war ambivalent. „Von seiner insgesamt sachlichen Beurteilung der deutsch-französischen Frage ist Haller nur während der beiden Weltkriege abgewichen“ (S. 211). Englands Rolle belegte er mit starker Kritik. Aufgrund seiner baltischen Herkunft legte er besonderes Gewicht auf den Krieg gegen Russland, war aber kein Annexionist und Befürworter einer deutschen Weltherrschaft. Seine Ablehnung der Weimarer Republik brachte ihn in die Nähe des Nationalsozialismus. Mussolini bewunderte er. Im Juli 1932 unterschrieb er den Wahlaufruf für die NSDAP, 1932 unterstützte er seinen gar nicht auf der Vorschlagsliste der Universität stehenden Schüler Dannenbauer, der als Parteigenosse vom NS-Kulturministerium von Württemberg als sein Nachfolger auf den Tübinger Lehrstuhl berufen wurde (S. 231–235). In differenzierter Weise analysiert der Vf. Hallers Verhältnis zum NS-Regime (S. 219–229, 255–266), das bereits Heribert Müller eindringlich untersucht hatte. Insgesamt war dieses trotz gelegentlicher Distanz positiv, bezog sich aber vornehmlich auf die politische Seite: Restitution Deutschlands nach der Schande von Versailles. Trotz gelegentlicher antijüdischer Bemerkungen war er kein Rassist, lehnte die Eingriffe des Regimes in Wissenschaft und Kirche, den Germanenkult und die „Deutschen Christen“ ab, setzte sich jedoch nirgends mit den Verbrechen des Systems auseinander. Für den Islam äußerte er Sympathien. Im Zweiten Weltkrieg begeisterte ihn der Sieg über Frankreich. Er bewunderte Hitler, den er als „Erben und Fortsetzer Bismarcks“ ansah: das Attentat Stauffenbergs hielt er für ein Verbrechen. Noch bis Mitte 1944 hoffte er auf einen deutschen Sieg. Zum 75. Geburtstag erhielt er „vom Führer“ die Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft. Der vierte Bd. vom „Papsttum“ wurde im Oktober 1943 durch Bomben zerstört. Sein Haus in Stuttgart fiel im Februar einem Bombenangriff zum Opfer; er zog sich für den Rest seines Lebens nach Tübingen zurück. Der Kriegsausgang bedeutete für ihn den Untergang des Abendlandes, für den er jetzt den Nationalsozialismus verantwortlich machte. Obwohl er weder der Partei noch einer Unterorganisation beigetreten war, galt er, nicht zuletzt wegen der nach 1933 erschienenen Auflagen seiner „Epochen“ als belastet und durfte an der Universität nicht mehr lehren. Nach 1945 interessierte ihn die Politik kaum noch. Mit dem Schuldbekenntnis der Evangelischen Kirche war er nicht einverstanden. Im Jahre 1960 publizierte sein Schüler Reinhard Wittram drei Teile seiner „Lebenserinnerungen“ mit einigen problematischen Eingriffen in den Text. Den vierten Teil ließ er wegen der „Zeitbedingtheit“ fort. Er wurde mit Kommentar von Hasselhorn als Anhang in diesem Werk ediert (S. 287–439); er behandelt im wesentlichen Ursachen und Verlauf des Ersten Weltkriegs. Haller starb am Heiligabend 1947. Der Vf. schildert eingehend die Würdigung seiner Persönlichkeit und seines Werkes von der scharfen Kritik seines ihm politisch gar nicht so fernstehenden „Intimfeindes“ Gerhard Ritter bis zur positiven Beurteilung durch Golo Mann (S. 277–280). Er weist darauf hin, dass er infolge des Wandels der Geschichtswissenschaft seit den sechziger Jahren als politisch suspekt und wissenschaftlich antiquiert galt, heute aber „wieder Ansätze zu einer differenzierten Beurteilung“ festzustellen sind (S. 281). In der Tat lohnt sich weiterhin die Beschäftigung besonders mit seinem Hauptwerk über das Papsttum und seinem umfangreichen wissenschaftlichen Apparat. Dem Vf. ist es gelungen, auf breiter Quellengrundlage und mit ausgewogenem Urteil ein überzeugendes Bild von Haller in seinem wissenschaftlichen und politischen Umfeld zu zeichnen.

Peter Herde

Andreas Sohn/Jacques Verger (Hg.), Le cardinal Franz Ehrle (1845–1934). Jésuite, historien et préfet de la Bibliothèque Vaticane. Actes du colloque de Rome (19–20 février 2015) / Franz Kardinal Ehrle (1845–1934). Jesuit, Historiker und Präfekt der Vatikanischen Bibliothek. Akten der Tagung in Rom (19.–20. Februar 2015), Roma (École française de Rome) 2018 (Collection de l’École française de Rome 551), 351 S., Abb., ISBN 978-2-7283-1328-0, € 27.

Der von Andreas Sohn und Jacques Verger herausgegebene Bd. über die Tagung im Römischen Institut der Görresgesellschaft und in der École française de Rome über Franz Kardinal Ehrle enthält 18 Beiträge und eine Einführung von Sohn sowie eine Zusammenfassung von Verger, in denen die Autoren mit unterschiedlichen Schwerpunkten die wichtigsten Stationen seines Lebens und seine Stellung als Jesuit beschreiben. Sohn stellt kurz den Werdegang des Jesuiten von seiner Geburt in Isny (im schwäbischen Teil des Allgäus) bis zu seinem Tod in Rom dar. Klaus Schatz betont Ehrles Rolle als Berater der Gesellschaft Jesu bei mehreren Anlässen und seine Anregung, sich mit der Ordensgeschichte auseinanderzusetzen. Während des Ersten Weltkriegs, als viele Deutsche Italien verlassen mussten, war er vorübergehend Hg. der jesuitischen Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ in München, vormals „Stimmen aus Maria Laach“, für die er bereits geschrieben hatte. Ehrle publizierte zu zeitpolitischen Themen, vor allem zur Römischen Frage, wobei er für eine engbegrenzte weltliche Herrschaft des Papstes eintrat (Andreas R. Batlogg). Das wichtigste Amt, das er in Rom einnahm, war das des Präfekten der Vatikanischen Bibliothek. Aufgrund seiner Forschungen zur Bibliotheksgeschichte wurde er im Sommer 1890 als außerordentliches Mitglied in den dortigen Verwaltungsrat berufen. Er erschien Papst Leo XIII. als der geeigneteste Kandidat, um eine Modernisierung der Institution durchzusetzen, zumal er auf Erfahrungen aus verschiedenen europäischen Bibliotheken aufbauen konnte. 1895 wurde er „erster Kustos“ (ab 1910 als Präfekt bezeichnet). Während seiner Tätigkeit (bis 1914) konnte er mehrere Büchersammlungen aufkaufen (etwa die Borghese-Bibliothek), Neuerung für den Erhalt der Buchbestände durchsetzen, sie für ein breites wissenschaftliches Publikum öffnen und die Anfertigung von Schwarzweißfotographien für die Benutzer ermöglichen (Christine Maria Grafinger). Im Dezember 1922 nahm ihn Papst Pius XI. ins Kardinalskollegium auf, wo er u. a. für die Selig- und Heiligsprechungsverfahren eingesetzt war (etwa Don Bosco oder Maria Ward) (Stefan Gatzhammer). Ab 1930 war er Protektor des Campo Santo Teutonico, dem er bereits seit seiner Ankunft in Rom verbunden war. Seine wichtigste Aufgabe war es, einen Nachfolger für den scheidenden Rektor des Priesterkollegs zu finden, in die er sich hineinstürzte, aber auch große Verwirrung schuf (Stefan Heid). Wissenschaftlich hat sich Ehrle mit vier Themen auseinandergesetzt: a) Geschichte der scholastischen Literatur (Isabelle Mandrella) und der mittelalterlichen Universitäten in Italien, speziell der theologischen Fakultäten (Carla Frova); b) Geschichte des franziskanischen Ordens (Heinz-Dieter Heimann); c) Geschichte der päpstlichen Bibliotheken und anderer Buchbestände, die auf die Päpste des späten Mittealters zurückgehen (Donatella Nebbiai); d) Geschichte des Papsttums, der Konzilien und primär des Großen Schismas (Hélène Millet). Eher überraschend, aber wohl biographisch bedingt – er war von 1873 bis 1877 im theologischen Studienhaus der Jesuiten bei Liverpool, wo er die soziale Frage kennenlernte und selber katholische Bewohner in einem workhouse betreute –, war seine Beschäftigung mit der Armenfürsorge, vor allem im Spätmittelalter. Der Jesuit betrachtet sie aber auch als Anregung für die soziale Frage in Deutschland (Michaela Sohn-Kronthaler). Er zeigte Sympathien für Mussolini und den Faschismus, wobei dies im Umfeld der Lateranverträge bei den Kurienkardinälen nicht ungewöhnlich war. Auf der anderen Seite stammt von ihm der bemerkenswerte Satz, der sich zwar auf die Auseinandersetzung mit Quellen bezieht, aber auch weitere Bedeutung haben kann: „Unsere Kirche und unser Glaube verträgt sehr wohl die Wahrheit“ (zitiert nach Sohn), selbst bei unangenehmen Dingen. Die Bemerkung geht ursprünglich auf Leo XIII. zurück, was Sohn nicht erwähnt („Non abbiamo paura dei documenti“). Die Tagung, die sich zum ersten Mal ausführlich mit Ehrle auseinandersetzt, bietet einen ersten Einstieg zum Leben des Jesuiten; die Beiträge konzentrieren sich auf seine wissenschaftliche Tätigkeit und seine Zeit in Rom. Es wäre sinnvoll gewesen, das umfangreiche Schrifttum Ehrles in einem Anhang zu dokumentieren. Das Buch wird durch ein Personen- und Sachregister erschlossen.

Franz-Josef Kos

Dario Mantovani, Legum multitudo. Die Bedeutung der Gesetze im römischen Privatrecht, aus dem Italienischen übersetzt von Ulrike Babusiaux, Nachwort von Jakob F. Stagl, Berlin (Duncker & Humblot) 2018 (Freiburger rechtsgeschichtliche Abhandlungen. Neue Folge 78), 139 S., ISBN 978-3-428-15265-0, € 59,90.

Nach fast einhelliger Meinung der modernen Romanisten hat es nur ganz wenige leges publicae gegeben, die dem Privatrecht gegolten hätten. Das Recht sei insbesondere durch das prätorische Edikt und durch die Rechtswissenschaften weiterentwickelt worden. Diese Auffassung geht auf eine fundamentale Publikation von Giovanni Rotondi zurück: Osservazioni sulla legislazione comiziale romana di diritto privato, in: Filangieri 35 [1910], S. 641–670) und wurde insbesondere von der deutschen Romanistik durch Fritz Schulz weiterentwickelt. In der Tat wird man in den Jahrhunderten der Republik auf nicht allzu viele das Privatrecht regelnde Gesetze stoßen. Mantovanis Haupttheorie besagt, dass die justinianischen Juristen, die Kompilatoren der Digesten, systematisch jeden Hinweis auf die leges publicae in den Schriften der klassischen Juristen getilgt hätten. Zur Untermauerung dieser innovativen These behandelt Mantovani in Abschnitt II die Masse der leges publicae aus der Sicht der Zeitgenossen. In der Tat findet man immer wieder Hinweise, wie etwa Cicero, Pro Sestio 55, wo von einer legum multitudinem cum earum quae latae sunt, tum vero quae promulgatae fuerunt die Rede ist. Dass das Gesetz der Prototyp einer Rechtsquelle war, ist völlig unbestritten, sagt aber noch nichts darüber aus, ob die Römer im Privatrecht an Seite des prätorischen Edikts auch weitere zahlreiche Gesetze beschlossen hätten. Im Übrigen, und darauf haben Kritiker wie Gianni Santucci in: Studia et Documenta Historiae et Iuris 80 (2014), S. 379, hingewiesen, ist die Terminologie ius civile nicht zwangsläufig alleine auf das Privatrecht zu beziehen. In zahlreichen Belegstellen scheint es doch eher so zu sein, dass das Recht der civitas des Staates als solchen gemeint ist. Abschnitt III widmet Mantovani den von Rotondi individualisierten leges publicae des Privatrechts, es folgt in Abschnitt IV. eine Bestandaufnahme der in juristischen und literarischen Quellen zitierten leges publicae des Privatrechts. Rotondi selbst hatte 32 Gesetze als privatrechtlich angesehen. Mantovani präsentiert eine erweiterte Tabelle in folgender Unterteilung: 1) die Institutiones des Gaius, 2) die Tituli ex corpore Ulpiani, 3) die übrigen präjustinianischen Quellen (unter Einschluss der epigraphischen und papyrologischen Dokumente), 4) die Digesten, 5) die übrigen Teile des Corpus iuris civilis und schließlich 6) Livius und die übrigen literarischen Werke. Immerhin konnte Mantovani weitere 26 Gesetze ausfindig machen, darunter nur sieben Gesetze, die sich mit Verfassensrecht befassen, Interessant ist tatsächlich der von Mantovani (S. 61) hervorgehobene Umstand, dass von den 58 von ihm dem Privatrecht zugeschriebenen Gesetzen immerhin bei 39 Gaius vorkommen, während in den gesamten Digesten nur 23 Gesetze genannt werden. Wenn in dem viel knapperen Gaius so viel mehr Gesetze genannt werden, kann dies nur einen Grund haben: Die Kompilatoren haben anlässlich der Aufnahme der klassischen Juristen-Texte in die Digesten systematisch die Hinweise auf Gesetze getilgt (S. 62). Mantovani nennt dies Delegifizierung. Bedeutende Gesetze wie die lex Laetoria zum Minorenschutz, die lex Cincia zum Schenkungsrecht, die lex Fufia Caninia zum Freilassungsrecht und lex Voconia zum Erbrecht werden kein einziges Mal namentlich erwähnt, obwohl die auf ihnen beruhende Rechtslage in extenso traktiert wird. Offen bleibt die Frage, warum dann nicht alle Gesetze dieser Delegifizierung zum Opfer gefallen sind und sich immerhin 23 Gesetze in den Digesten erhalten haben. Sehr eingehend wird in den Digesten auf zwei Gesetze Bezug genommen, auf die lex Aquilia zum Schadensrecht mit etwa 200 Zitaten und die lex Falcidia zum Erbrecht mit ca. 250 Zitaten. Hätte man nun eine Delegifizierung durchführen wollen um die Rechtsquelle „Gesetz“ per se zu eliminieren, dann hätte man dies ganz allgemein und viel radikaler durchführen müssen. Die Realität der Dinge ist aber eine völlig andere. Die besonders wichtigen Gesetze, deren normativer Gehalt auch für die klassischen Juristen von großer Bedeutung war, werden geradezu im Übermaß zitiert. Die Tatsache, dass das Zitieren von Gesetzen in den juristischen Texten beschränkt war, hängt vielfach mit der Methode der Rechtsanwendung im römischen Formularprozess und der Weiterentwicklung des Rechts, auch des bestehenden Gesetzesrechtes, durch das prätorische Edikt zusammen. Von intellektueller Tiefenschärfe sind Mantovanis Ausführungen in Abschnitt VII, „Geschichte der Historiographie: Die leges publicae und das römische Privatrecht zwischen römischem Recht, allgemeiner Rechtslehre und Rechtssoziologie“. In diesem Kapitel untersucht Mantovani die geistigen Wurzeln, insbesondere von Giovanni Rotondi, dessen eindeutige Einflussnahme durch seinen Lehrer Pietro Bonfante wohl auch ausschlaggebend für seine Rechtsquellenlehre gewesen sein musste. Als besonders zielführend erscheint der Hinweis auf Eugen Ehrlichs Beiträge zur Theorie der Rechtsquellen, 1. Das IusCivile, Ius Publicum, IusPrivatum, 1902, ein Werk, das auch Rotondi als Bezugspunkt erwähnt (S. 88–93). Für Ehrlich war das Ius Legitimum das Ius Publicum, ein vom Staat gesetztes Recht. Nicht als Ius Legitimum hätten die Römer das nicht staatlich gesetzte Recht angesehen, das eigentliche Ius Civile, welches sie zusammen mit dem Ius Gentium und dem Ius Naturale unter dem Begriff Ius Privatum subsumiert hätten. Mit der Übersetzung von Ulrike Babusiaux ist nun eine wichtige Schrift zugänglich, die in einem geradezu tralatizisch behandelten Problem der römischen Rechtsgeschichte, nämlich der Bedeutung der leges publicae im Privatrecht, berechtigterweise die Frage aufgeworfen hat, ob denn die u. a. von Rotondi und Schulz vertretenen Meinung der geringeren Bedeutung der Gesetze im Privatrecht nicht doch noch zu überprüfen sei. Diese Überprüfung war völlig gerechtfertigt und auch die Auffassung der Delegifizierung ist eine gerechtfertigte These. Insofern sollten wir Mantovani dankbar sein, der durch pointierte Behauptungen eine erfrischende Diskussion der Wertung und der Wichtigkeit der römischen Rechtsquellen ausgelöst hat. Wenn uns auch einige leges publicae im Bereiche des Privatrechts verborgen bleiben, so hat dies nur denjenigen Grund, dass diese von keiner Bedeutung mehr waren, als die klassischen römischen Juristen ihre Schriften niederschrieben. Im Gegenzug sind uns sämtliche bedeutende Gesetze, die zum Privatrecht beschlossen wurden, bekannt, über die wichtigsten von ihnen wissen wir sogar sehr detailreich Bescheid. So muss die durchaus geistvolle Idee der Delegifizierung durch die justinianischen Kompilatoren zurückgewiesen werden.

J. Michael Rainer

Rainald Becker/Dieter J. Weiß (Hg.), Bayerische Römer – römische Bayern. Lebensgeschichten aus Vor- und Frühmoderne, St. Ottilien (EOS Verlag) 2016 (Bayerische Landesgeschichte und europäische Regionalgeschichte 2), 374 S., Abb., ISBN 978-3-8306-7771-0, € 49.

Der Sammelbd. vereint die ausgearbeiteten Beiträge eines Kolloquiums am Campo Santo Teutonico in Rom im November 2014. Verschiedene Facetten der Kontakte Bayerns zum päpstlichen Rom vom 8. bis zum 19. Jh. werden nicht primär systematisch bzw. strukturell thematisiert, sondern gespiegelt in den konkreten Lebensgeschichten „römischer Bayern“. Ludger Körntgen plädiert dafür, die Beziehungen der Agilolfinger nach Rom nicht schon im frühen 8. Jh. von der Rivalität mit der expansiven Politik des Frankenreichs her zu lesen. Der Entwurf von 716, Bayern in eine Kirchenprovinz zu gliedern, entstammte so wohl eher den päpstlichen Ordnungsvorstellungen als einem bayerischen Unabhängigkeitsstreben. Intensive Romkontakte pflegte dann Tassilo lll. und sein Umfeld; Arn von Salzburg genoss auch nach dem Sturz des Herzogs eine Vertrauensstellung bei Alkuin und musste für Karl den Großen nach 799 in Rom sondieren. Dieter J. Weiß stellt die drei aus Bayern oder bayerischem Umkreis stammenden Päpste zwischen 1046 und 1058 vor, Clemens ll., Damasus ll. und Victor ll. Alle drei stammten aus dem Umfeld Heinrichs lll. und nahmen als Papst einen altrömischen Namen an, ein Zeichen, dass ihre Loyalität dem vergangenen, idealisierten Rom galt. Alois Schmid untersucht den Romzug Ludwigs des Bayern 1327–1330. Obwohl unklar ist, ob er wirklich aus einer längerfristigen strategischen Planung erwachsen ist, spiegelt er doch die Romidee des Bayern: Die Stadt als Haupt des Erdkreises, eine Tradition, die er in Abwesenheit des Papstes als Kaiser fortführen müsse. In Rom vermittelte der Kaiser für St. Peter in München und für andere Kirchen römische Privilegien und Reliquien. Die Romfahrten süddeutscher Bischöfe 1046–1216 nimmt Jochen Johrendt in den Blick. Ab dem 12. Jh. bekommen Romaufenthalte in den Viten bayerischer Bischöfe ein größeres Gewicht. Grund war oft eine Vermittlungstätigkeit zwischen Papst und König; zum Empfang des Palliums zogen viele Metropoliten hingegen kaum persönlich nach Rom. Die Rede des herzoglichen Rats und Regensburger Domdekans Johann Neuhauser 1484 vor lnnozenz Vlll. und den Kardinälen stellt Johannes Paulus vor. Das Ziel, für den jüngeren Bruder Wolfgang das Kardinalat zu erhalten und ihn so als potentiellen Mitregenten auszuschalten, wurde auch in einer zweiten Gesandtschaft 1487 nicht erreicht. Das Bruderschaftsbuch ist beinahe die einzige Quelle der am Campo Santo vorübergehend existierenden Kilians-Bruderschaft, das 659 Eintragungen von 1584 bis 1639 aus ganz West- und Mitteleuropa aufweist; es wird von Helmut Flachenecker ausgewertet. Auffallend ist der relativ hohe Anteil an Laien, etwa Handwerkern und Künstlern. Jörg Bölling geht dem Interesse an römischer Musik und römischen Zeremoniell im 16. Jh. nach. Onofrio Panvinio (1530–1568) übergab Abschriften von Diarien päpstlicher Zeremonienmeister erstmals nach außen, an Johann Jakob Fugger, ein Druck des Kardinalszeremoniale von 1564 ist Kardinal Otto von Waldburg gewidmet. Kenntnisreich führt der Autor in die Forschungsgeschichte zum päpstlichen Zeremoniell ein, die durch die lange Geheimhaltung der Hauptüberlieferung gekennzeichnet war. Thomas Brockmann analysiert die Bedeutung Roms für den aus dem Elsass stammenden Konvertiten Jakob Rabus. Er studierte 1566/67 am römischen Germanikum, 1575 pilgerte er zum Heiligen Jahr nach Rom und verfasste über die Reise einen Bericht, 1576/77 war er wieder in Rom. Sein Denken und seine Frömmigkeit waren davon geprägt, dass wahre Einheit und Katholizität nur in der Papstkirche zu fínden seien. Die Romerfahrung auf dem Gebiet der Kunstgeschichte dokumentiert Helene Trottmann am Studienaufenthalt Cosmas Damian Asams 1711–1713. An der Accademia di San Luca scheint er eine gründliche akademische Ausbildung erhalten zu haben. Viele Fresken und Werke Asams zitieren später die römischen Meister. Besonders wichtig wurde für ihn die Kuppelausmalung Ciro Ferris (Sant‘Agnese an der Piazza Navona), die für die Kuppeln in Frauenbrünnl bei Straubing und Ensdorf wichtig wurde. Der römische Formenschatz, eingefangen in einer Sammlung von Kupferstichen, blieb für ihn eine wichtige lnspirationsquelle. Einen Diplomaten in päpstlichen und bayerischen Diensten, Minuccio Minucci (1551–1604), dessen Nachlass sich im DHI in Rom befindet, stellt Alexander Koller vor. 1583 konnte er zusammen mit den Nuntien im Kampf um Köln die Wahl des Wittelsbachers Ernst als Erzbischof und Kurfürst durchsetzen. In der Folge wurde er mit Kölner und bayerischen (Propstei von Altötting) Benefizien entlohnt und kurfürstlicher bzw. herzoglicher Rat. Auch nach seiner Ernennung zum Sekretär der Congregatio Germanica in Rom (1591) war er über viele Jahre ein wichtiger Briefpartner der Wittelsbacher. Wilhelm V. setzte sich für seine (ausgebliebene) Kardinalsernennung ein. Minucci war zumindest vorübergehend auch „Vertreter“ der bayerischen Belange in Rom; das Amt wurde nach seinem Tod bei den Familien Crevelli (1605–1678) und Scarlatti (1678–1765) als Residenten institutionalisiert. Dieses Amt erforderte – so Bettina Scherbaum – eine gewisse Ausschließlichkeit in der Loyalität für Bayern, bot den Familien aber auch (limitierte) Aufstiegschancen. Die genannten Familien waren auch Anlaufpunkt für Studien- und Kavaliersreisen bayerischer Prinzen nach Rom, so von den Söhnen Max Emmanuels Philipp Moritz und Clemens August 1717, die Britta Kägler nach den Tagebüchern von Urban Heckenstaller und Maximilian von Schurff auf Wildenwart beschreibt. Die vielen Opernbesuche der Prinzen machen diese Berichte zu interessanten musikwissenschaftlichen Quellen. Eine ganz andere Rolle spielte Rom im Bericht des aus Aichach stammenden Franziskaners Theodor Krump, der 1700 bis 1703 in päpstlichem Auftrag an den äthiopischen Hof reiste, um Bündnis- und Unionsmöglichkeiten auszuloten. ln seinem 1710 gedruckten Bericht streute er immer wieder Informationen über Land und Leute ein, freilich in katechetischer Absicht, die göttliche Weltregierung zu demonstrieren, wie Rainald Becker in seinem Beitrag aufzeigt. Schließlich charakterisiert Walter Brandmüller die vier „bayerischen“ Kardinäle des 19. Jh., Reisach, Hohenlohe, Hergenröther und Steinhuber. Er sieht im 19. Jh. Gegensätze an der Kurie ringen, die noch immer bestehen. Über die Jahrhunderte war Rom Ort der Pilgerschaft und des Privilegien- und Stellenerwerbs. Für die bayerische Politik wuchs die Bedeutung dieser Beziehung seit dem 15. Jh. Im Zeitalter der Gegenreformation stilisierte man sich zum treuesten Exponenten römisch-katholischer Politik. Auch wenn die politische Bedeutung dieser Verbindung im 18. Jh. zurückging, für die Kirche in Bayern gewann Rom immer mehr Einfluss. Wichtige Stationen dieser Entwicklungslinien werden in dem vorgestellten Sammelbd. greifbar.

Klaus Unterburger

Reidar Aasgaard/Cornelia Horn/Oana Maria Cojocaru (Ed.), Childhood in History. Perceptions of Children in the Ancient and Medieval Worlds, London-New York (Routledge) 2018, XIV, 383 pp., ill., ISBN 978-1-4724-6892-5, GBP 120.

Il vol. a cura di Reidar Aasgaard, Cornelia Horn e Oana Maria Cojocaru si apre con unʼintroduzione che ne chiarisce i presupposti teorici. Oggetto precipuo dell’ampia serie di saggi sono le „idee sui bambini e sull’infanzia“ (p. 5; le brevi traduzioni qui riportate sono mie) in un arco temporale di lungo periodo (dal V secolo avanti Cristo al XIV secolo dopo Cristo). I curatori precisano altresì che lo scopo del testo – che raccoglie studi di vario orientamento culturale relativi a contesti e fonti diversificati – è quello di „tracciare percorsi di riflessione sui modi di pensare il bambino e l’infanzia in questo lungo arco cronologico“ (p. 6), destinando particolare attenzione alle interrelazioni tra condizioni materiali e sociali, posizioni culturali, religiose, ideologiche. Insieme a „Children and everyday life in the roman and late antique world“ (London-New York 2017), curato da Christian Laes e Ville Vuolanto, il vol. qui discusso costituisce uno dei frutti di un progetto di ricerca dal titolo „Tiny Voices of the Past: New Perspectives on Childhood in Early Europe“ (2013–2017) finanziato dal Research Council della Norvegia e dalla Facoltà di Humanities dell’Università di Oslo. Le due opere vengono presentate come complementari, in quanto si dice che il testo a cura di Laes e Vuolanto è centrato su fonti di stampo archeologico e sociale, quello a cura di Aasgaard, Horn e Cojocaru su fonti letterarie di varia tipologia. I propositi esplicitati dai curatori di „Childhood in history“, delineati con chiarezza nell’introduzione, si possono considerare raggiunti, in quanto nei diversi saggi emerge una prospettiva di ricerca comune, attenta a scorgere le immagini di bambino e di infanzia in fonti (testi filosofici, sapienziali, giuridici, regolativi, devozionali, medici, letterari...) ascrivibili (come dichiarato) a diverse discipline (la filosofia, la teologia, il diritto, la medicina, la pedagogia...) e generi (l’agiografia, l’autobiografia, la poesia...). Di particolare interesse l’approccio cross cultural che affronta temi del mondo antico (Malin Grahn-Wilder discute la filosofia dell’infanzia in Platone, Allvard J. Fossheim in Aristotele, W. Martin Bloomer si occupa dell’idea di infanzia nel mondo romano e Patricia Baker della pediatria greco-romana), bizantino (con particolare riferimento all’agiografia, Cornelia Horn, Alice-Mary Talbot), musulmano (Avner Giladi, Mohammed Hocine Benkheira), ebraico (Hagith Sivan, Israel Zvi Gilat) fino al Medioevo cristiano, in contesti assai diversificati (dal mondo di Clemente di Alessandria – Henny Fiskå Hägg – a quello dei capitolari carolingi – Valerie L. Garver –, ai monasteri dell’Occidente europeo – Brian Patrick Mc Guire –, all’Inghilterra medievale tra Chiesa, diritto ed educazione – Nicholas Orme). Si parla anche dei bambini nel mondo vichingo (Ármann Jakobsson) e nella commedia dantesca (Unn Falkeid), senza trascurare specifici approcci all’idea di infanzia nel Neoplatonismo (Eyjólfur Kjalar Emilsson), in Gerolamo, Giovanni Crisostomo e Agostino (Reidar Aasgaard). La rassegna ragionata della letteratura presente nell’introduzione e argomentata nei vari saggi, riassunta nell’elenco dei testi citati alla fine del vol., offre al lettore un’ampia panoramica degli studi sul tema, in cui tuttavia sembrano prevalere testi di matrice anglosassone o comunque tradotti in inglese. Il vasto filone di ricerche originato dal notissimo vol. di Philippe Ariès del 1960, „L’enfant et la vie familiale sous l’ancien régime“, non viene esplorato con sguardo attento anche alle lingue romanze. Inoltre, pur chiamando in causa a più riprese Ariès come spunto polemico e come punto di partenza del dibattito internazionale sul „sentimento dell’infanzia“, non si mira alla ricostruzione di alcune tappe cruciali del complesso divenire di una storia dell’infanzia che ha affrontato, con vario taglio, nella seconda metà del Novecento e nei primi anni del Duemila, il tema del „bambino nella storia“ per un arco temporale che va ben oltre il Medioevo, contribuendo inoltre a definire alcuni inediti costrutti euristici. La peculiare storia dell’infanzia in età antica e medievale che si vuole tracciare nel vol. si configura comunque come un itinerario davvero interessante in quanto non così ampiamente esplorato nel dibattito internazionale in specifico riferimento all’arco di tempo considerato e ad alcune delle aree culturali qui chiamate in causa, anche nelle loro interrelazioni. Di particolare rilevanza le riflessioni metodologiche, come, ad esempio, l’idea di una „intersectionality“ (discussa a p. 114 da Marianne Bjelland Kartzow) necessaria quando si studia l’infanzia in ottica diacronica; „prototipi antropologici“, idee, percezioni delle età della vita, attitudini degli adulti riguardo ai bambini come individui e come gruppo sociale, metafore, loci communes e immagini connesse alla prima età (temi comuni di questo libro: solo ad esempio Aasgaard, Horn, Cojoucaru, p. 13; Aasgaard, p. 167 e p. 172; Horn, p. 174,) infatti sono oggi, non solo in riferimento a questo arco temporale, a tali contesti e fonti, al centro di un dibattito vastissimo. Tale dibattito merita di essere affrontato nella consapevolezza che l’immagine dell’infanzia del passato remoto, raccontata, testimoniata, descritta, immaginata o auspicata, ci giunge grazie alle mediazioni della voce degli adulti, configurandosi così come una costruzione culturale.

Monica Ferrari

Serena Ferente/Lovro Kunčević/Miles Pattenden (Ed.), Cultures of Voting in Pre-modern Europe, London-New York (Routledge) 2018, XI, 362 S., Abb., ISBN 978-1-138-21596-2, GBP 115.

Während wir gegenwärtig Wahlen und direkte Abstimmungen als Ausdruck politischer Partizipation verstehen und damit gleichzeitig Vorstellungen (liberal-)demokratischer Ordnungen verknüpfen, zeigt sich in aktuellen Debatten auch die zunehmende öffentliche Umstrittenheit von Urnengängen. Nach wie vor vieldiskutiertes Beispiel ist die Brexit-Entscheidung, die via Referendum im Jahr 2016 in die Wege geleitet wurde und das Vereinigte Königreich in eine anhaltende Regierungskrise geführt hat, deren Ausgang weiter ungewiss scheint. Vor dem Hintergrund solcherlei aktueller Bedeutungen von kollektiven Entscheidungsprozessen richten die Hg. des hier zu besprechenden Sammelbd. aus der Mittelalter- und Frühneuzeitforschung Serena Ferente, Lovro Kunčević und Miles Pattenden ihren Blick auf unterschiedliche historische Wahlkulturen im vormodernen Europa und vermögen somit die Vielfalt von Wahlen und Abstimmungen wie ihre jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Bedeutungsdimensionen herauszustellen. Die Beiträge selbst sind dabei als Ergebnisse gleich zweier Konferenzen zu verstehen: Unter den Titeln „Cultures of Voting in the Mediterranean (ca. 1200 – ca. 1600)“ und „Cultures of Voting in Pre-modern Europe“ trafen sich die Beitragenden 2014 in Dubrovnik und rund ein Jahr später in London (S. 7). Anhand verschiedener Fallbeispiele aus den Bereichen der Stadt-, Kultur- und Sozial- wie Verfassungs- und Kirchengeschichte vermögen die in englischer Sprache verfassten Beiträge internationaler Autor/-innen einen Einblick in die Bedeutung vergangener Wahlen und Abstimmungen, den daran beteiligten Akteuren, den Zielen, Normen und Praktiken verschiedener Entscheidungsfindungen sowie den Einfluss von Wahlen auf gesellschaftliche Konstellationen zu geben. Kollektive Entscheidungsprozesse fanden unter anderem in Kirchen, Klöstern, Bruderschaften, Gilden sowie in städtischen Räten oder Parlamenten statt. Während die Fallbeispiele einen sehr breiten Untersuchungszeitraum von der Antike bis ins 18. Jh. hinein abdecken, verbinden die Beiträge unter anderem Fragen nach dem jeweiligen Wahlrecht, der Bedeutung und den Grenzen des Mehrheitsprinzips bei Abstimmungsprozessen wie Überlegungen zu Informationen, die als Ressource für Entscheidungsprozesse verstanden werden. Berücksichtigung fanden ferner verschiedene Verfahrenspraktiken sowie die zum Teil kulturell-symbolischen Bedeutungen von Wahlen. Leider versäumen es die Hg. des Bd., das Thema der Wahlkulturen und kollektiven Entscheidungsprozesse, das beispielsweise seit 2015 intensiv im Münsteraner Sonderforschungsbereich 1150 „Kulturen des Entscheidens“ diskutiert wird, in aktuelle Forschungsdebatten einzubetten. Auch eine systematische Differenzierung zwischen den Phänomenen „Wählen“ und „Abstimmen“ bleibt aus, hätte dem Bd. allerdings merklich gutgetan. Struktur gewinnt die Aufsatzsammlung durch ihre Zweiteilung: Die ersten neun Beiträge sind unter dem Titel „Ideas and representations“ zusammengefasst. In chronologischer Reihenfolge angeordnet finden sich etwa Texte über das antike Griechenland, das byzantinische Reich, die Karolingerzeit, das Konstanzer Konzil sowie das England des 17. Jh. Der zweite Teil des Bd. ist überschrieben mit „Practices, institutions, procedures“ und eint weitere elf Beiträge, die unter anderem Beispiele aus Split, Ragusa sowie aus Polen und Frankreich enthalten. Einen Schwerpunkt bilden Überlegungen, die sich auf den italienischen Raum beziehen. Aus stadthistorischer Perspektive sind es nicht nur die Stadt Parma, sondern auch Genua und Venedig, die im Rahmen einzelner Beiträge besonders berücksichtigt werden. Serena Ferente (S. 187–204) etwa legt ihren Schwerpunkt auf das mittelalterliche Genua und das komplexe politische System der Stadt. Dabei berücksichtigt sie mit Blick auf die häufig konfliktbeladene Vielschichtigkeit von Abstimmungsprozessen klassische Themen, wie die Wahl des genuesischen Dogen, vermag aber auch die Rolle des Volks bei der Wahl politischer Entscheidungsträger herauszustellen. Auch Claire Judde de Larivière (S. 242–256) legt ihren Fokus auf städtische Strukturen, wählt als Untersuchungsgegenstand jedoch das mittelalterliche Venedig. Anhand verschiedener Wahlen des Spätmittelalters thematisiert sie unter anderem die Dogenwahl wie die Wahl von Priestern durch ihre Gemeinden, berücksichtigt aber auch die Bedeutung von Abstimmungen innerhalb venezianischer Gremien, die der jeweiligen Entscheidungsfindung dienten. Insgesamt orientiert sie sich an bewährten Fallbeispielen, durch die sie die umfassende Präsenz und ritualisierte Bedeutung entsprechender Verfahren im politischen Gefüge der Seerepublik aufzeigt. Die Vielzahl an Beispielen aus unterschiedlichen europäischen Regionen zu verschiedenen Zeiten verdeutlicht die Allgegenwärtigkeit von Wahlen seit der Antike. Auswahl und Bedeutung von Wählern, Abstimmungspraktiken, die symbolische Relevanz von (teil-)öffentlichen Wahlen, wie die mitunter geheimen wie anonymen Stimmabgaben weisen auf die Vielfalt des Untersuchungsgegenstandes hin, dem im Rahmen des Sammelbd. Rechnung getragen wird – und der damit eine Vielzahl facettenreicher Perspektiven auf eine Kulturgeschichte von Urnengängen im vormodernen Europa in der longue durée aufzuzeigen vermag.

Eileen Bergmann

Stefan Weinfurter u. a. (Hg.), Die Päpste und ihr Amt zwischen Einheit und Vielfalt der Kirche. Theologische Fragen in historischer Perspektive. Beiträge eines Symposiums zum Thema „Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt“ am 28. und 29. April 2016 in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim. Begleitbd. zur gleichnamigen Ausstellung vom 21. Mai bis 31. Oktober 2017 im Museum Zeughaus C5 der Reiss-Engelhorn-Museen, Regensburg (Schnell & Steiner) 2017 (Die Päpste 4. Publikationen der Reiss-Engelhorn-Museen 777), 302 S., Abb., ISBN 978-3-7954-3090-0, € 39,95.

Der vorliegende Sammelbd. ist mit seinen 12 Beiträgen das Resultat der Tagung „Die Päpste und die Einheit der lateinischen Welt“, die 2016 in den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim im Vorfeld der gleichnamigen, am selben Ort eröffneten Ausstellung stattfand. Der vierte Bd. aus der Reihe „Die Päpste“ hinterfragt aus historischer Sicht mit einem Fokus auf theologische Aspekte das Wesen des Petrusamtes und die Konflikte sowie Herausforderungen für den Pontifex von seinen Anfängen bis zur Moderne. Im Zentrum der insgesamt fünf Themenfelder steht die historische Kontextualisierung eines theologischen und in einem ökumenischen Dialog stattfindenden Diskurses um den großen Zwiespalt der Papstfigur: Einerseits in der Verantwortung als moralischer Wegleiter die christlichen Ideale zu wahren, sahen sich die Päpste mit einer wachsenden politischen Funktion konfrontiert, die eine Ausdehnung von Macht und Herrschaft immer attraktiver erscheinen ließ. Die interdisziplinäre Untersuchung genau dieser Verflechtung von geistlichem und herrschaftlichem Anspruch des Papsttums sowie der daraus resultierenden Wechselwirkungen hat sich dieser Bd. zum Ziel gesetzt. Den Beginn macht Peter Walter in dem ersten Abschnitt „Zum Wesen des päpstlichen Amtes“ mit seiner These, der theologische Auftrag des Papsttums liege (u. a. angelehnt an die Apsis-Inschrift in St. Peter) in der kirchlichen Einheit für „alle“ Gläubigen. Walter, der die Realisierung eines kirchlichen Zusammenhaltes als fehlgeschlagen interpretiert, vernachlässigt dabei jedoch die historischen Zusammenhänge. In demselben Themenfeld leider deplatziert, aber sehr stichhaltig, stellt Günther Wassilowsky den Papst als Reformer vor, der in seiner traditionellen Rollenfunktion und trotz früher Reformforderungen bis heute keinen dezidierten Strukturwandel erreichen konnte. Hier kann auf Stefan Weinfurters sehr anregendes Fazit über die „Problematik päpstlicher Reformen“ vorgegriffen werden. Weinfurter diskutiert, inwieweit im Spannungsfeld zwischen „Moral“ und „Autorität“ Reformforderungen, aber auch Widerstände gegen solche bis in die Gegenwart hinein als Hindernis für das traditionelle und institutionelle Papstamt gesehen werden. Im Teil „Päpste und Welt“ reflektiert Bernd Schneidmüller informativ das spätmittelalterliche Verhältnis der Päpste zu Autoritäten der profanen Machtpolitik, während sich Michael Matheus in seinem faktenreichen Beitrag zum Renaissancepapsttum der Neukonstruktion des Kirchenstaates und der Papstkurie zu jener Zeit widmet. Dabei verweist er zurecht auf Forschungslücken hinsichtlich der Kurienkontakte und des Finanzwesens der Päpste des 15. und 16. Jh. Der dritte Abschnitt „Päpste und Kirchenverständnis“ fokussiert hingegen noch stärker die Schwierigkeit der Päpste, zwischen ihren Positionen als christliche Führer und weltlicher Machtautorität die Balance zu halten. Volker Leppin vertieft dies anhand von Ausführungen zu den Debatten um den politischen Papalismus um 1300, die zunehmend eine Rückbesinnung zu den urchristlichen Idealen bewirkten. Für das Spätmittelalter vertritt Thomas Prügl in seiner Darlegung zur „Rollenverteilung von Papst und Konzil“ die gewagte These, dass die Konziliaristen in Konstanz und Basel weniger eine konstitutionelle Neuorientierung des Papstamtes, als vielmehr vorrangig deren akkurate und der Kirche förderliche Ausübung gewährleisten wollten. Hinsichtlich der „Rolle des Papsttums in der Religiosität der Frühen Neuzeit“ kommt Klaus Unterburger zu dem nur schwer nachvollziehbaren Schluss, dass der päpstliche Jurisdiktionsprimat mit der wachsenden Bedeutung der Frömmigkeit in der Apostelstadt Rom „in die Seelen der Katholiken gelangte“. Die im Vorwort angekündigte „konfessionelle Ausgewogenheit“ der Themen schafft Karl Pinggéra mit einem Blick auf die frühe und moderne Orthodoxie-Kritik und die östliche Wahrnehmung des römischen Primats. Aus der Perspektive der Reformation liefert Christoph Strohm vor allem eine sehr differenzierte Untersuchung der oftmals eher polemisch interpretierten Kritik Luthers am kanonischen Recht. Dagegen bieten die Beiträge von Hubert Wolf und Mariano Delgado einen verdienstvollen Ausblick auf die Möglichkeiten und Grenzen des Papsttums im 3. Jahrtausend. Wolf konstatiert eine Aufwertung der geistlichen Autorität des Papstes, dessen Aura heute eine überkonfessionelle Faszination auslöse. Ähnlich schlussfolgert Delgado, doch weist er explizit auf die noch unkonkrete Neuausrichtung des modernen Papsttums und die Notwendigkeit einer neuen Form des Petrusdienstes hin. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der durchaus lesenswerte und abwechslungsreiche Sammelbd. – trotz seiner eher „klassischen“ Schwerpunktsetzungen sowie teils wünschenswerten Querverbindungen zwischen den sehr fachspezifischen und somit stellenweise eine Interdisziplinarität vermissen lassenden Beiträgen – einen breitgefächerten Einblick in die vielseitige Geschichte des Papsttums leistet.

Anahita Ghanavati

Orietta Verdi/Raffaele Pittella (a cura di), Notai a Roma. Notai e Roma. Società e notai a Roma tra Medioevo ed età moderna. Atti della Giornata di studi promossa dall’Archivio di Stato di Roma (Roma, 30 maggio 2017), Roma (Roma nel Rinascimento) 2018 (RR inedita 77. Saggi), VIII, 229 S., ISBN 978-88-85800-02-1, € 28.

Über die herausragende Bedeutung der mittelalterlichen und neuzeitlichen notariellen Überlieferung der Stadt Rom vor allem für die frühen Jh., in denen Quellen wie Chroniken und Schriftgut aus Verwaltungen und Familienarchiven fehlen, herrscht Einigkeit. Zu einer Standortbestimmung und Iniziierung weiterer Forschungen auf diesem Gebiet kamen auf Anregung von Anna Esposito und Einladung des Staatsarchivs Rom am 30. 5. 2017 anläßlich der Pensionierung von Orietta Verdi und Maria Antonietta Quesada ausgewiesene Experten zusammen. Die elf in diesem Bd. chronologisch geordneten Beiträge der Tagung beleuchten institutionen-, personen-, stadtplanungs-, kunst- und archivgeschichtliche Belange der Ewigen Stadt. Als roter Faden durch alle Beiträge zieht sich die bipolare Stellung der Notare, die einerseits als „Freiberufler“ für private Klienten, andererseits in städtischem oder päpstlichem Auftrag in Gerichten und Verwaltungen tätig wurden. Auf die Präsentation des Direktors des Staatsarchivs, Paolo Buonora, und ein Grußwort des Präsidenten des Consiglio Notarile di Roma, Cesare Felice Giuliani, folgt eine einordnende Übersicht der Hg. Orietta Verdi und Raffaele Pittella. Im ersten Beitrag beleuchtet Cristina Carbonetti Vendittelli den bisher wenig erforschten scrinarius vom späten 11. bis zum frühen 13. Jh. mit dem Fokus auf seine Position in der städtischen Gesellschaft, seine Arbeitsfelder und seine Einbindung in die Strukturen der Macht. Als Kleriker dürften die scrinarii des 12. Jh. bezüglich ihrer sozialen und ökonomischen Stellung sowie auch ihres professionellen Selbstverständnisses keine homogene Gruppe gebildet haben. Anna Modigliani wendet sich den historischen Notizen der Imbreviaturbücher der Notare des 15. Jh. zu und betont ihre Bedeutung sowohl für die Anfänge einer Stadt- als auch einer Familienchronistik. Detaillierte Schilderungen zeugen von tiefem Einblick in die Verhältnisse, unabhängiger Urteilskraft und zugleich dem Bewußtsein der Augenzeugen, dass ihre Berichte aufgrund der unbeschränkten Aufbewahrungspflicht der Bücher späteren Generationen bekannt werden würden. Im zweiten Beitrag aus der Zeit der italienischen Renaissance setzt sich Ivana Ait mit verschiedenen kreativ eingesetzten finanztechnischen Kniffen der Notare auseinander, die den Akteuren die Bezeichnung publico ma infido notario eintrug. Anna Esposito gibt anhand von Testamenten des 15. und frühen 16. Jh. Einblicke in selten überlieferte familiäre Innenverhältnisse, deren zum Teil ausführliche Schilderung extremer Emotionen von Zuneigung und Hass im Kontrast zu den starren Formeln der Rechtsdokumente steht. Andreas Rehberg wendet sich den auswärtigen Notaren der ersten Dezennien des 16. Jh. und ihrer Klientel zu und macht auf die enge Vernetzung dieser Rombesucher aus ganz Europa innerhalb der jeweiligen Nationen und über Sprachgrenzen hinaus aufmerksam. Anhand der seit 1507 abschriftlich erhaltenen Notarsprotokolle lassen sich die Auswärtigen nicht nur unter geographischen, sozialen und wirtschaftlichen, sondern auch unter Aspekten der Migration erforschen, was eine Bewertung der Rolle Roms im Europa der Reformationszeit miteinschließt. Bei Orietta Verdi steht der Notar der Bauaufsichtsbehörde Stefano de Amannis mit seiner akribischen und detaillierten Dokumentation aus der ersten Hälfte des 16. Jh. im Zentrum. Aus dieser können einerseits die Schritte zur städtebaulichen Aufwertung des großflächig landwirtschaftlich genutzten Marsfeldes rekonstruiert werden und andererseits – anhand ihrer Bautätigkeit an der Piazza Navona – der Aufstieg einer Händlerfamilie mit Kontakten bis nach Indien und in die Neue Welt (mit 12 Abb.). Maria Antonietta Quesada berichtet über das Archiv der Notare der Apostolischen Kammer des 16. Jh. Vor dem Hintergrund der lückenhaften Überlieferung ihrer Protokolle führt sie die päpstlichen Bemühungen seit dem 15. Jh. zur Bewahrung historischer Dokumente auf und weist weiter auf die Tätigkeit auch der Kammernotare für private Auftraggeber hin. Laurie Nussdorfer widmet sich den kapitolinischen Notaren des 17. Jh., deren institutionelle Verankerung sich von der der kurialen Notare unterschied, und die in der Folge zu den eifrigeren hinsichtlich der Umsetzung päpstlicher Anordnungen und zugleich finanziell schlechter gestellten unter den Notaren Roms gehörten. Francesca Curti portraitiert in ihrem Beitrag mittels seines Kunden- und Klientenkreises und seiner Stellung in der Stadt den 1743 verstorbenen Notar des Tribunale della Signatura Giovanni Battista Costantini, der einen Kunsthandel mit Gemälden und Zeichnungen von hoher Qualität und bemerkenswertem Umfang betrieb. Eine Brücke vom späten 16. zum frühen 18. Jh. schlägt Raffaele Pittella mit der Analyse der 1588 erlassenen Neuordnung der Notarstätigkeit anhand der Auseinandersetzung des Präfekten der Archive des Vatikanstaates Camillo Cybo von 1710 mit dieser Neuordnung. Dabei wird das Spannungsfeld zwischen der Unabhängigkeit der Notare, den direkten Weisungen durch den Papst und den Versuchen der Archivvorsteher, auch im Kirchenstaat eine Archivbildung voranzutreiben, ausgeleuchtet. Der Bd. schließt mit der Vorstellung der online-Datenbank der notariellen Bestände des Staatsarchivs „Notarilia“ aus der Feder des Direktors Paolo Buonora (URL: http://www.cflr.beniculturali.it/notarilia/notarilia_introPB.html; 10. 6. 2019). Reg. der erwähnten Hss., der Illustrationen sowie der Namen und Orte erleichtern den schnellen Zugriff auf relevante Informationen.

Suse Andresen

Marian Füssel/Antje Kuhle/Michael Stolz (Hg.), Höfe und Experten. Relationen von Macht und Wissen in Mittelalter und Früher Neuzeit, Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht) 2018, 228 S., Abb., ISBN 978-3-525-30123-4, € 55.

Ausübung und Sicherung von Herrschaft war in der Vormoderne ohne Fachleute kaum möglich. Auch das Bedienen der Repräsentationszwänge in den Horizonten der alteuropäischen zunächst ritterlich-höfischen, ab der Frühen Neuzeit dann höfischen Gesellschaften bedingte kompetenten Sachverstand, zudem verlangten individuelle Interessen und Bedürfnisse nicht nur des Herren, sondern auch seiner Familie und seines Hofes nach qualifiziertem Personal. Um die Erforschung der von solchen „Experten“ befriedigten Nachfrage nach Sonderwissen hat sich das 2018 ausgelaufene Göttinger Graduiertenkolleg „Expertenkulturen des 12. bis 18. Jahrhunderts“ verdient gemacht, das 2014 eine Tagung zu der Frage „Experten des Hofes – Hofkultur als Expertenkultur?“ veranstaltet hat. Zwei Drittel der damaligen Vorträge sind nun unter einer leicht abgewandelten Fragestellung publiziert worden. Den Auftakt gibt eine prägnante Einführung von Marian Füssel mit einem reich belegten Überblick über die einschlägige Forschung (S. 7–18) und einer Vorstellung der einzelnen Beiträge. Füssel streicht heraus, dass bei der Beschäftigung mit Experten und Expertenkulturen das Augenmerk den „Situationen, Relationen und Dynamiken von Wissen bei Hof“ gilt, um „die spezifische soziale Rolle des Experten zu historisieren“. Den Experten selbst definiert Füssel nach Frank Rexroth, dem langjährigen Sprecher des Graduiertenkollegs, als Rollentypus, ausgezeichnet durch die „Verheißung passgenauen Wissens in einer bestimmten Kommunikationssituation“, konstituiert durch die Erfahrung, dass Nichtwissen durch spezifisches Sonderwissen kompensiert werden kann, das auch über einen je aktuellen Sonderfall relevant bleibt, weitergegeben im Rahmen sozialer Institutionen und damit institutionell verstetigt, in der Vormoderne u. a. an den Höfen als Zentren höfischer Patronage und kultureller Hegemonie mit ihrer entsprechend „spezifischen institutionellen Wissenskultur“. Damit weitet der Bd. in methodisch und thematisch vielfältiger Weise nicht nur den Erkenntnishorizont der interdisziplinär angelegten und gemäß ihrem Gegenstand europäisch-internationalen Hofforschung. In chronologischer Anordnung reicht der Beobachtungshorizont aus germanistischer, geschichtswissenschaftlicher, kirchen-, medizin- und architekturgeschichtlicher Perspektive vom hohen Mittelalter bis in das 18. Jh. Zunächst beschäftigt sich Timo (Reuvekamp-)Felber mit „Experten und Expertenwissen am Fürstenhof des 12. und 13. Jahrhunderts“ (S. 19–38). Felber widerspricht zu Recht der von Johannes Fried formulierten These, „dass der mittelalterliche Königs- und Fürstenhof ab dem 12. Jahrhundert der Knotenpunkt einer sich vernetzenden Wissensgesellschaft gewesen sei“, dass diese höfischen Zentren als „wissenslenkende Verteilungsmacht der … geistlichen und weltlichen Höfe in den Netzwerken der mittelalterlichen Wissensgesellschaft“ fungiert hätten. Felber unterstreicht die weithin fehlende Überlieferung, nennt mit Kirche, Schule, Kloster, Universität bildungs- und wissenschaftsgeschichtlich weit wesentlichere Einrichtungen und sieht in den vor allem weltlichen Fürstenhöfen lediglich die „Endverbraucher“ der zeitgenössischen Wissensgesellschaft. Freilich seien einzelne Juristen, Astrologen, Astronomen, Mathematiker oder Mediziner bekannt, sicher kann festgestellt werden, dass am Hof Verwaltungs- und Herrschaftswissen, mathematisch-naturwissenschaftliches oder pragmatisch-handwerkliches Wissen nachgefragt wurde, tatsächlich aber seien die vereinzelt bekannten Fachleute oder etwa die Höfe Karls des Großen oder Friedrichs II. als Beispiele für den Hof als Ort von Wissenskonzentration, -organisation, -distribution überlieferungsbegünstigt prominente Einzelfälle, aber mitnichten „Motor einer Entwicklung zur modernen Wissens- und Informationsgesellschaft“ gewesen. In den sich anschließenden Beiträgen von Gerrit Deutschländer und Benjamin Müsegades wird die Erziehung des adligen Nachwuchses behandelt. Deutschländer lenkt den Blick auf „Gelehrte Prinzenerzieher um 1400“ (S. 39–51), Müsegades auf die „Experten für Lehren und Latein“ an den reichsfürstlichen Höfen um 1500 (S. 53–69). Deutschländer hebt in seiner sehr konzisen Studie hervor, dass Prinzenerzieher zwar „Experten am Hof [gewesen seien], doch Experten des Hofes, … Experten für die ganz eigenen Fragen der höfischen Lebenswelt, waren sie in der Regel nicht.“ Denn häufig genug sei deren Aufgabe in dem schon allein wegen des Standesunterschiedes nicht selten konfliktbedrohten Verhältnis von Lehrer und Schüler auf die Einübung von Lese-, Schreib- und Rechenfähigkeiten beschränkt gewesen. Auch Müsegades kann vor allem am Beispiel Lukas Edenbergers, Erzieher am kursächsischen Hof, und orientiert an der von Rexroth gegebenen Definition den gelehrten Erzieher deutlich als Experten identifizieren, denn schließlich habe dieser universitär-gelehrtes Sonderwissen vermittelt, eingeschränkt allerdings durch die wertvolle Beobachtung, dass der selbst behauptete oder jeweils zugeschriebene Expertenstatus eine zusätzliche Absicherung beispielsweise durch Autoritäten und Förderer benötigt habe. „Zeremoniare als Experten des Papsthofes der Renaissance“ sind Gegenstand der umfangreichen Studie von Jörg Bölling (S. 71–119). Die Zeremoniare seien vor der Aufgabe gestanden, kirchliche, städtische, kirchenstaatliche und höfische Traditionen, Liturgie und Etikette im Zeremoniell nicht nur zu vereinen, sondern auch zu erneuern. Auf Grundlage von Tagebüchern und Zeremonialtraktaten dreier Amtsinhaber kann Bölling deren je spezifisch profilierte Kompetenzen, Karrieremuster und Konzepte herausarbeiten, die ein jeweils sehr individuell gefärbtes Expertentum offenbaren. Geradezu klassische Experten an den Höfen waren die Leibärzte, untersucht am Beispiel des Mediziners Marcello Donati (1538–1602) am Hof der Gonzaga zu Mantua von Sabine Herrmann (S. 121–134). Dabei sei Donati nicht nur als Arzt gefragt gewesen, sondern auch als Erzieher. Zu seinem Zögling habe er in langjährigen freundschaftlichen Beziehungen gestanden, wurde in den Adelsstand erhoben und mit einem Grabmonument geehrt. Annette C. Cremer zeichnet aufgrund ihrer eindrücklichen Kenntnis des „hausväterlichen Musenhofes“ der Grafen zu Schwarzburg-Arnstadt im 17./18. Jh. ein sehr differenziertes Bild des an diesem Hof vertretenen Expertentums (S. 135–164), deren Träger sie in Anlehnung an Florinus‘ Hausväter-Schriften (Anfang 18. Jh.) den vier Bereichen der Grundversorgung, der Personalführung, der Hofhaltung und der Staatsführung zuweist, wobei sich in allen Bereichen als fünfte Gruppe externe Experten mit Sonderwissen finden. Cremer schlägt als Ergebnis ihrer Beobachtungen ein nach Funktion und Reputation, regionaler und transregionaler Herkunft, der Art von Wissen und Können erweitertes, anti-hierarchisches Verständnis von Expertentum vor, das neben akademisch gebildeten Experten auch „Milchmägde, Büttner und Kellermeister“ einbezieht, die von nicht unerheblicher Bedeutung für „das Funktionieren des Gesamtsystems“ gewesen seien. In das eigentümliche Spannungsfeld von Expertise und sprezzatura – so der Untertitel –, in dem sich der Hofadel von Versailles zwischen 1660 und 1789 befunden habe, führt Leonhard Horowski (S. 165–197). Weil sich die Standesüberlegenheit der noblesse d’épée gegenüber der noblesse de robe in habitueller Abgrenzung verfestigt habe, sei „die Entwicklung eines wirklich höfischen Expertenhabitus von vornherein unmöglich“ gewesen, zumal die hohen und höchsten Hofämter nicht mit Kompetenz, sondern mit dem Herkommen, mit Rang und Ehre verkoppelt waren. Horowski beschreibt eine untergehende Welt, denn um 1800 sei das „Zeitalter subalterner und durch Geburt in ihre Rolle gezwungener Experten“ endgültig vorbei gewesen. Anna-Victoria Bognár schließlich untersucht die „Beziehung von Bauexperte und Dienstherr im 18. Jahrhundert“ am Beispiel des Architekten Balthasar Neumann (S. 199–217). Gekennzeichnet gewesen sei diese Beziehung durch Spannungen und Konflikte, die sich aus dem Selbstverständnis des Architekten als Künstler und seinem Angestelltenverhältnis ergaben, provoziert unter anderem durch Fragen der Urheberschaft. Denn zum einen sah sich der Bauexperte als Gestalter dem fürstbischöflichen Gestaltungswillen gegenüber, profitierte zum anderen aber von der Institutionalisierung seines Berufes. Vorgelegt wurde ein überaus anregender Bd., dessen Studien von großer Expertise zeugen und überzeugen.

Jan Hirschbiegel

Hoc nomen vite eterne. Sigilli conservati nell’archivio della Certosa di Farneta, a cura di Graziano Concioni, Lucca (Accademia Lucchese di Scienze, Lettere e Arti) 2018 (Memorie e documenti per servire alla storia di Lucca. Nuova serie 11), 190 S., Abb., ISBN 978-88-6550-617-2, € 35.

Das Archiv der Kartause Farneta (rund 10 km westlich von Lucca) enthält eine Reihe von Dokumenten, die für die Geschichte dieser Niederlassung, aber auch für den Gesamtorden von hoher Bedeutung sind. Denn die Kartäuser der Grande Chartreuse (rund 25 km nördlich von Grenoble) hatten nach ihrer Vertreibung aus ihrem Mutterkloster im Jahre 1903 die Leitung des Ordens für fast vier Jahrzehnte nach Farneta verlegt. Dort blieben sie bis zu ihrer Rückkehr im Jahre 1940, als Italien im Juni dieses Jahres den Alliierten den Krieg erklärte. In diesem Zeitraum kam es nicht nur zu einem erheblichen Ausbau der Kartause in Farneta, sondern auch zur Erweiterung des bisherigen Klosterarchivs, da Teile der Archivbestände aus der Grande Chartreuse mitgebracht wurden. Wichtige Teile dieser Bestände sind vor kurzem inventarisiert worden, darunter auch die Siegel. Aus dieser Überlieferung, die nach der Rückkehr der Kartäuser in die Grande Chartreuse in Farneta verblieben sind, hat Graziano Concioni, der zu den großen Kennern der Geschichte der Luccheser Kirche und des Kartäuserordens zählt, der jedoch das Erscheinen dieser Publikation nicht mehr miterleben konnte, eine Auswahl von 115 Siegeln und Siegeldrucken zusammengestellt. Diese stammen aus insgesamt 55 Kartausen aus ganz Europa und reichen über einen Zeitraum vom 14. bis ins 20. Jh. Concioni stellt sich ausdrücklich nicht in eine Linie mit den systematischen sphragistischen Forschungen von Gustav Vallier, der 1891 das Standardwerk zu den Siegeln des Kartäuserordens publizierte, die jüngst von Éloi Delbecque fortgeführt werden. Vielmehr möchte er einen Eindruck von den Siegeln speziell dieser weit überregional bedeutenden Archivbestände vermitteln, was er selbst als „un lavoro ‚amatoriale‘ o ‚hobbistico‘“ (S. 15) bezeichnet. Das Resultat, das aus dieser Passion hervorgegangen ist, ist bemerkenswert und spiegelt sich im Hauptteil der vorliegenden Publikation mit den einzelnen Artikeln wider (S. 17–184). Diese sind chronologisch gemäß der Gründung der jeweiligen Kartause angeordnet; die jeweiligen Siegel bzw. Siegeldrucke folgen einem Überblick über die Klostergeschichte. Hervorzuheben ist die besondere Qualität der Abbildungen, was gerade bei Siegeln nicht selten eine Herausforderung sein kann. Weiterhin hervorzuheben ist, dass Concioni eine Vielzahl von frühneuzeitlichen Siegeln berücksichtigt, wodurch ein in der sphragistischen Forschung eher unbekannter Zeitraum in den Blick rückt. Von vier Kartausen, darunter auch die 1425 gegründete Niederlassung von Venedig, werden hier zum ersten Mal Siegel bzw. Siegeldrucke erschlossen. Diese Publikation bietet trotz ihrer vielleicht eher individuellen Struktur einen Erkenntnisgewinn und verweist auf die Dimensionen dieses europaweiten Ordens, der für knapp vier Jahrzehnte seine archivischen Spuren in der Kartause Farneta hinterlassen hat. Zu deren weiteren Erforschung regt die vorliegende Publikation an.

Jörg Voigt

Romedio Schmitz-Esser (Hg.), Venezia nel contesto globale = Venedig im globalen Kontext, Roma (Viella) 2018 (Centro tedesco di studi veneziani. Venetiana 20), 182 S., ISBN 978-88-6728-760-4, € 20.

Im Spätmittelalter gehörte die Republik Venedig zu den am besten vernetzten Städten Europas. Als Sammelbecken für einheimische wie ausländische Händler, Pilger oder Gelehrte stieg sie zu einem bedeutsamen Ort des inter- und transnationalen Wissenstransfers auf, war Umschlagplatz nicht nur für Waren, sondern auch für Ideen und Informationen. Dieser kontinuierliche Austausch auf unterschiedlichen Ebenen spiegelte sich auch in einem spezifischen Zusammenspiel von Bewegung und Urbanität wider, das der ehemalige Direktor des Deutschen Studienzentrums in Venedig (DSZV) Romedio Schmitz-Esser zum Ausgangspunkt des hier zu besprechenden Sammelbd. macht. Bereits sein Direktorat stand unter dem Leitmotto „kinesis – Stadt und Bewegung“ (S. 17) und bot Raum für die intellektuelle Auseinandersetzung mit der Lagunenstadt selbst wie ihrer Rolle in einer global vernetzten Welt. Unter Berücksichtigung internationaler Verflechtungen erscheint „Globalisierung“ dabei keineswegs als ausschließlich moderne Erscheinung; vielmehr vermag das Thema sich von einer genuin stadthistorischen Perspektive zu lösen, um so der internationalen Bedeutung der ehemaligen Republik Rechnung zu tragen. Vor dem Hintergrund der kinesis versteht sich auch der Titel des nunmehr zwanzigsten Bd. aus der Reihe „Venetiana“ des DSZV, der sieben Beiträge in deutscher oder italienischer Sprache sowie eine zweisprachige Einleitung eint. Neben Texten aus dem Bereich der historischen Mediävistik finden sich in dem Bd. auch Aufsätze so vielfältiger Disziplinen wie der Byzantinistik, Anthropologie, Architektur- wie Stadtgeschichte und Germanistik. Sie gehen zurück auf öffentliche Abendvorträge am DSZV, die zwischen den Jahren 2015 und 2017 stattfanden. Ihre Veröffentlichung bietet nun einem breiteren Publikum die Möglichkeit, rückwirkend einen Einblick in die inhaltliche Ausrichtung des Studienzentrums in diesen Jahren zu erhalten. Angezogen vom Reiz dieses weltweit imaginierten Sehnsuchtsortes fließen heute stärker denn je Touristenströme durch die Lagunenstadt, deren Ursprung nicht zuletzt in einer stetig steigenden (Individual-)Mobilität zu sehen ist. Zeigt sich an diesem Beispiel wie Bewegung und Urbanität in direktem (wie häufig konfliktträchtigem) Zusammenhang zueinanderstehen, vermögen die Autor/-innen des Sammelbd. dieses Wechselspiel anhand verschiedener Fallbeispiele für das Spätmittelalter und die Frühe Neuzeit auszuloten. Felicitas Schmieder (S. 27–43) richtet ihren Blick auf die Mappae Mundi, die sie als Medien (und ergiebige historische Quellen) versteht, in denen spätmittelalterliches Weltwissen im Wortsinne „sichtbar“ gemacht wurde (S. 29). Romedio Schmitz-Esser (S. 45–66) berücksichtigt hingegen aus kultur- und mentalitätsgeschichtlicher Perspektive die Voraussetzungen der europäischen Expansionspolitik des ausgehenden Mittelalters, wobei besonders die Verflechtungsgeschichte zwischen Europa und Asien eindrucksvoll die Komplexität des Austausches verdeutlicht. Aus mediävistisch-germanistischer Perspektive geht Albrecht Classen (S. 67–88) der Frage nach, welches Venedigbild sich in der deutschsprachigen Literatur des 12. bis 16. Jh. ausfindig machen lässt. Neben bloßen Erwähnungen der Stadt nimmt er aber auch Bezug auf detailliertere Beschreibung wie sie im „Fortunatus“ (S. 79–81) oder den spätmittelalterlichen Reiseberichten (S. 82–85) zu finden sind. Sergei Mariev (S. 89–98) konzentriert sich auf Bessarion (S. 89) und dessen philosophische orientierte Schrift „De natura et arte“. Auf der Grundlage des Traktats stellt der Autor u. a. die konvergierenden Elemente aristotelischer und platonischer Sichtweisen zu ‚Natur‘ und ‚Überlegung‘ dar. Bettina Pfotenhauer (S. 99–120) schreibt eine Beziehungsgeschichte der Städte Nürnberg und Venedig, in deren Zusammenhang sie besonders die Rolle des Fondaco dei Tedeschi hervorhebt, der als Begegnungsort neben dem wirtschaftlichen Austausch auch intellektuelle wie künstlerische Entwicklungen beeinflusste. Mit der Thematisierung des jüdischen Ghettos in Venedig gibt Donatella Calabi (S. 121–129) einen weiteren Einblick in spezifische räumlich-innerstädtische Dynamiken, verweist aber auch auf andere Minderheiten, die in der Stadt lebten. Abschließend widmet sich Ruben Anderson (S. 131–160) in seinem Beitrag dem facettenreichen Thema Migration, schließt jedoch nicht an Überlegungen zum Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit an, sondern vermag mit gegenwartsbezogenen Überlegungen den Bd. abzurunden. Die internationalen wie globalen Verflechtungen Venedigs in den Mittelpunkt zu rücken, bietet eine zweifache Chance: Es ist zum einen eine „Globalisierung im Kleinen“, die sich in der Stadtgesellschaft wiederfindet; zum anderen ist es aber auch die Rolle der Stadt bzw. ihr Einfluss in einer zunehmend globalen Welt selbst, der berücksichtigt werden muss. Der Anspruch des Hg. globalhistorische wie urbane, quasi „globale“ Phänomene miteinander zu verknüpfen, stellt einen innovativen Beitrag zur Geschichte und Rolle Venedigs in der Welt dar und bietet einen gelungenen Einstieg in das Thema.

Eileen Bergmann

Benjamin Paul (Ed.), The Tombs of the Doges of Venice, Roma (Viella) 2016 (Centro Tedesco di Studi Veneziani. Veneziana 18), 595 S., 161 Abb., ISBN 978-88-6728-559-4, € 40.

Diese Publikation enthält mehr als der Titel ankündigt, denn die zahlreichen Beiträge zu den Gräbern der Dogen in Venedig (und Istanbul), die aus einer Tagung aus dem Jahr 2010 hervorgingen, geben über die aufschlussreichen historischen wie kunsthistorischen Analysen der Grabmonumente der venezianischen Staatsoberhäupter hinaus einen profunden Einblick in das Selbstverständnis des Dogenamtes vom Mittelalter bis in die Neuzeit und den Umgang der Seerepublik mit ihren höchsten Repräsentanten zu Lebzeiten und posthum. Während die Dogen selbst (bereits vor ihrem Tod oder durch testamentarische Verfügungen für die Zeit danach) oder ihre Nachkommen im Interesse der Familie ein mehr oder weniger spektakuläres Sepulkralprogramm mit teils heidnisch-imperialen Elementen, teils mit deutlicher Bezugnahme auf Christus und bestimmte Heilige entwickelten, schränkte das republikanische Staatsverständnis die Möglichkeiten der posthumen Inszenierung der Dogen ein, u. a. durch das Verbot der Errichtung von Grabmälern ausserhalb von Kirchen (mit ganz wenigen Ausnahmen) unter Verweis auf den Status des Dogen als eines primus inter pares, wie Benjamin Paul in seinem einleitenden Beitrag betont. Dennis Romano zeigt die unterschiedlichen Strategien und Möglichkeiten der Nutzung von Dogengrabmälern im Sinne einer Prestigerhöhung von Familien. Im Spannungsfeld zwischen persönlichem Herrschaftsverständnis des Staatsoberhaupts und Dienst am Staat als dessen Funktionsträgern bewegt sich auch der umfassende und aufschlussreiche Beitrag von Judith Ostermann, die für die longue durée die Behandlung des natürlichen und politischen Körpers des Dogen nach dessen Tod mit der Tendenz einer Trennung von individueller Grablege und Prunkdenkmal für den ranghöchsten Dieners der Republik unter Einbeziehung u. a. der einschlägigen Testamente und Zeremonialbücher beleuchtet. Dieter Girgensohn widmet sich in gewohnter Präzision den Testamenten der Dogengattinnen unter besonderer Berücksichtigung der Verfügungen für wohltätige und weltliche Zwecke sowie die Bestattung. Das Grabmal für Enrico Dandolo in der Hagia Sophia in Istanbul, mit dem sich Henrike Haug beschäftigt, steht im Kontext einer expansiven venezianischen Ostpolitik. Der exzeptionelle Charakter des Standorts des Monuments wird auch dadurch unterstrichen, dass es sich hier wohl um den einzigen Fall einer alleinigen staatlichen Entscheidung für den Ort der Dogengrablege handelt (S. 185). Nur ganz wenige Dogen fanden ihre letzte Ruhestätte in der Markusbasilika, und dort allerdings nicht im zentralen Kirchenraum. Selbst dem für San Marco bedeutenden Dogen Andrea Dandolo wurde – entgegen seinen Bestrebungen – auf Grund einer staatlichen Intervention das Baptisterium der Basilika als Ort der letzten Ruhestätte zugewiesen, wie Rudolf Dellermann anschaulich darstellt. Drei Beiträge behandeln explizit die künstlerische Ausstattung der Dogengrabmäler durch Malerei und Mosaiken (Tiziana Franco), Inschriften (Debra Pincus) und Bronze (Victoria Avery), deren Verwendung aus einer Reihe von Gründen (S. 307–310) im Vergleich zu Marmor eine untergeordnete Rolle spielt und bis zum Ende der Republik nie für Dogenfuneralstatuen Verwendung fand. David J. Drogin analysiert die verschiedenen Typen der teilweise interagierenden Dogengrabmäler der Renaissance: hängender Sarg mit und ohne gisant-Figur; reich gegliedertes, altarähnliches Szenarium mit fakultativem geteiltem Vorhang als theatralischem Effekt; dreigliedriger Triumphbogen. Eine akkurate Beschreibung des Denkmals für Niccolò Tron und seines Standorts im Presbyterium der Frarikirche (gegenüber dem Monument für Francesco Foscari) gibt Benjamin Paul mit Blick auf die ambivalente imperiale (u. a. Münzprägung) und republikanische Elemente verbindende Figur von Tron. Mit San Giobbe in Cannareggio wählte Cristoforo Moro einen eher dezentralen Ort für seine Grablege. Nach Janna Israel wird die scheinbar bescheidene Form einer Grabplatte konterkariert durch den privilegierten zentralen Ort vor dem Zugang zum Presbyterium und durch raffinierte Bezugnahme auf die Kulte des hl. Markus und des hl. Bernhardin von Siena. Dass die franziskanischen Hausherren 1000 (!) Totenmessen am Tag der Beisetzung lesen sollten auf Grund der testamentarischen Verfügungen (S. 384), erscheint allerdings höchst unrealistisch. Das Grabmonument von Marin Grimani, eines Vertreters des romfreundlichen Patriziats, und seiner Frau Morosina Morosini in San Giuseppe di Castello (mit der erstmaligen Darstellung einer Dogenkrönung in diesem Zusammenhang) wird von Ruth Schilling vorgestellt. Offensichtlich ließ Marin sich während seiner ausserordentlichen Gesandtschaften nach Rom von den Papstgrabmälern in S. Maria Maggiore für sein eigenes Grabmonument inspirieren. Einen besonderen Sinn für Inszenierung wird zu Recht von Giulia Ceriani Sebregondi auch Lorenzo Donà attestiert, der sich unter Umgehung der Familienkapelle in S. Maria dei Servi auf der Innenseite der weitgehend von ihm beeinflussten und vom weltlichen Machtzentrum der Stadt gut sichtbaren Fassade von S. Giorgio Maggiore ein Grabmonument errichten ließ. Die wohl monumentalste memoria konnten über mehrere Generationen hinweg die Dogen der Familie Mocenigo in SS. Giovanni e Paolo mit ihren sich ergänzenden Grabmonumenten stiften (Florian Horsthemke). Ein abschließender Beitrag geht über die Zeit der venezianischen Republik hinaus: Benjamin Paul und Jan May beschreiben die feierliche Umbettung des Dogen Sebastiano Venier am Vorabend des Ersten Weltkriegs von der eher unscheinbaren Grabstätte in S. Maria degli Angeli auf Murano in ein Monumentalgrab in SS. Giovanni e Paolo für den Sieger von Lepanto als Akt national-risorgimentaler Vereinnahmung. Die zahlreichen Abb. bilden eine wertvolle Ergänzung der Beiträge. Auf Grund der mangelnden Qualität oder Größe lassen sich jedoch in einigen Fällen die beschreibenden Passagen nicht im Bild nachvollziehen (S. 447 zu Abb. 29). Erfreulicherweise enthält dieser Sammelbd. ein Register, das allerdings nicht die Namen des Abbildungsapparats berücksichtigt. Die wenigen Monita schmälern jedoch in keiner Weise den Referenzcharakter dieser Publikation zum venezianischen Dogat.

Alexander Koller

Andrea Caracausi/Nicoletta Rolla/Marco Schnyder (Hg.), Travail et mobilité en Europe (XVIe–XIXe siècles), Villeneuve d’Ascq (Presses Universitaires du Septentrion) 2018 (Histoire et civilisations 1808), 270 S., Abb., ISBN 978-2-7574-2076-8, € 25.

Der Sammelbd. basiert auf zwei Tagungen jüngerer Forscher/-innen aus Frankreich, der französischen und italienischen Schweiz sowie Italiens, die in Paris 2015 und Genf 2016 stattgefunden haben. Das erklärte Ziel der Hg. ist es, jüngere Impulse aus den Forschungsfeldern der Migrations- und Arbeitsgeschichte aufzunehmen und das Erkenntnispotential einer diese Themen verknüpfenden Perspektive anhand von konkreten Beispielen aufzuzeigen. Bezüglich der Migrationsgeschichte wird auf die inzwischen anerkannte besonders hohe Bedeutung der temporären Arbeitswanderung in der Vormoderne verwiesen, die nicht im Gegensatz zur vorgeblich gesuchten „Stabilität“, sondern in vielen Fällen sogar als eine Stütze derselben verstanden werden soll. Zum Forschungsfeld der Arbeitsgeschichte wird eine Krise in den 1980er Jahren konstatiert, die inzwischen durch eine Weitung der Perspektiven in epochaler und inhaltlicher Sicht in die Vormoderne und über die formal organisierten Strukturen hinaus überwunden werden konnte. Im in der Einleitung vorweggenommenen Resultat des Sammelbd. sehen die Hg. als wichtige Grundelemente der Beiträge die verschiedenen Rechtssphären, die Institutionen im erweiterten Sinne und das spezialisierte Know-How der Migranten hervortreten, deren besondere Beachtung sie in künftigen Studien empfehlen. Im ersten Aufsatz beleuchten Andrea Caracausi und Rafael Giron-Pascual den Produktionszyklus spanischer Rohwolle aus der Region Huéscar, die nach Padua exportiert wurde, um dort einen weiteren Veredelungsprozess vor ihrem Weiterexport zu durchlaufen. Herausgehoben werden vor allem die Migrationsregimes in beiden Regionen und die Organisatoren dieser Produktionskreisläufe. Nicoletta Rolla richtet den Blick auf den Bausektor im Turin des 18. Jh. Die rasch wachsende Stadt zog auf vielen Baustellen Arbeitskräfte aus der Umgebung an, was komplexe Konflikte um deren Kontrolle und ihre Löhne bedingte. Romain Grancher analysiert die Fischereimeister von Dieppe, die unter mehrfachem Druck standen, möglichst erfolgreich in ihrem Metier zu sein. Ihre Reputation hing essentiell von ihren Fängen ab, und wenn diese litt, wurde es für sie immer schwieriger, auf dem von Fluidität gekennzeichneten Arbeitsmarkt eine Mannschaft zu rekrutieren. Beatrice Zucca Micheletto identifiziert im Turin des 18. und 19. Jh. Formen von horizontalen, also nicht auf Aufstieg gerichteten „Mikromobilitäten“ der Mittel- und Unterschichten beiderlei Geschlechts, die durch Flexibilität und Beschäftigung in verschiedenen Metiers die Tendenz hatten, die Korporationen zu unterlaufen. Aurélien Gras zeichnet die Migrations- und Arbeitsstrategien von ca. 2 000 Musikern Südostfrankreichs nach, die in der Vormoderne oftmals von prekären Verhältnissen bedroht waren. Hierbei stechen die „polyactivité“, die Beherrschung mehrerer Instrumente, und die „pluriactivité“, die Arbeit in einem anderen Bereich als der Musik, als Subsistenzstrategien hervor. Marco Schnyder schreibt über die Graubündner Wanderhandwerker, die in der Republik Venedig im 18. Jh. tätig waren, und wertet hierzu umfangreiche Analysen der venezianischen Behörden aus den 1760er Jahren aus. Diese zeigen einerseits den Gaststaat als Kontrolleur, der durch umfangreiches Wissen seine Handlungsoptionen erweitern wollte, andererseits spiegeln diese Texte ein steigendes Ressentiment der einheimischen Handwerker gegenüber den Konkurrenten wider. Francesca Chiesi Ermotti bietet eine Übersicht zu den Handels- und Migrationsstrategien der Kaufmannsfamilie Pedrazzini aus Campo (Vallemaggia) im Tessin. Diese Händler waren über Jahrzehnte in Kassel präsent und konnten im dadurch ermöglichten Fernhandel über die Alpen einigen Wohlstand erwerben. Erica Mezzoli präsentiert die politischen, sozialen und ökonomischen Komplexitäten der Präsenz osmanischer Untertanen aus Bosnien-Herzegowina als Lehrlinge in der Gilde der Goldschmiede der christlichen, aber dem Sultan tributpflichtigen Republik Ragusa (Dubrovnik). Richard Flamein analysiert Privatbankiers in Paris im 18. Jh. und Strategien ihrer örtlichen Niederlassung angesichts von hoher Instabilität ihrer Geschäfte und zeigt, wie bedeutend diese Wahl des richtigen Quartiers für den Erfolg sein konnte. Die Heterogenität des Bd. macht seine besondere Stärke aus. Die Beispiele sind ungewohnt und regen zum Nachdenken über die unterschiedlichsten Formen von Erwerbsmigration in der Vormoderne an. Alle Beiträge versuchen ein hohes Reflexionsniveau zu halten, was auch auf eine wichtige Leistung der Hg. hindeutet und sich in häufigen Danksagungen zu Beginn der Aufsätze widerspiegelt. Zur verknüpften Geschichte von Arbeit und Mobilität in der Frühen Neuzeit stellt dieser Bd. eine gelungene Bereicherung dar.

Magnus Ressel

Carlo Prezzolini (a cura di), Le chiese di Arcidosso e la pieve di Lamula, Arcidosso (Edizioni Effigi) 2017, 272 S., Abb. s/w und farb., ISBN 978-88-6433-803-3, € 20.

Der Bd. ist der Nachdruck des zur 950-Jahr-Feier der Kirche des Klosters S. Salvatore von Monte Amiata im Jahre 1985 erschienenen Ausstellungskatalogs, dem vier neue Studien vorangestellt sind (Carlo Prezzolini, Le chiese di Arcidosso e la Pieve di Santa Maria in Lamula: una nuova edizione, S. 13–19; Mario Marrocchi, Lamula trent’anni dopo: chiese, insediamenti, società sull’Amiata, S. 21–30: ein Literaturüberblick; Marianna De Falco, Il contributo della ricerca archeologica, S. 31–41; Salvatore Di Salvo, Novità storico-artistiche sulle chiese di Arcidosso, S. 43–59) und der von 71 Farbaufnahmen beschlossen wird (S. 227–269), die die wichtigsten zuvor nur in schwarzweiß vorgestellten Objekte in hoher Qualität abbilden. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Nachdruck (dessen ursprüngliche Seitenzählung S. 3–166 parallel beibehalten ist) – vom Hinweis einmal abgesehen, dass das 1348 gegründete imponierende Santuario della Madonna delle Grazie o dell’Incoronata ursprünglich ja wohl nur ein „minuscolo tempietto“ (S. 200) gewesen sei – vor allem aber wegen der genauen Untersuchung der Baugeschichte der vier romanischen Kirchen S. Maria in Lamula, S. Niccolò, S. Leonardo und S. Andrea Apostolo, deren Bausubstanz im Laufe ihrer Geschichte stark erweitert und umgestaltet (S. 131, 153, 185, 200, 202, 203), restauriert, ja sogar romanisch „neu erfunden“ wurde (S. 105, 121–123, 137–139). Mitgewirkt haben seinerzeit am Katalog außer dem Herausgeber Carlo Prezzolini, Alessandra Angelini, Fiora Bonelli Ceccarelli, Wilhelm Kurze (dessen wichtiger Beitrag über die pieve Lamula später in ders., Monasteri e nobiltà nel Senese e nella Toscana medievale, Siena 1989, S. 375–390 abgedruckt wurde), Italo Moretti, Giuseppe Morganti und Bruno Santi.

Thomas Szabó

Mittelalter

Longevity and Immortality. Europa – Islam – Asia. International Conference, Erlangen 2016, Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzzo) 2018 (= Micrologus. Nature, Sciences and Medieval Societies 26), XVI, 421 S., Abb., ISBN 978-88-8450-838-6, € 85.

Das vorliegende Sammelwerk vereint die meisten verschriftlichten Beiträge einer Tagung, die im Jahr 2016 an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg stattfand. Um weitere Beiträge ergänzt, enthält der Bd. insgesamt 18 Aufsätze, von denen die Mehrzahl auf Englisch verfasst ist. Die Zusammenstellung folgt einem komparatistischen Ansatz, der in hohem Maße transkulturell ausgestaltet ist, da er das lateinische Europa, die muslimische Welt und Asien zusammenführt. Genauer betrachtet liegen die geographischen Schwerpunkte auf Westeuropa und dem Fernen Osten (China, Tibet). Der muslimische Raum wird in zwei Beiträgen explizit in den Blick genommen, erscheint allerdings deutlich häufiger in einigen anderen Beiträgen, um Rezeptionsstränge aufzuzeigen und Vergleiche zu ermöglichen. Was den chronologischen Fokus betrifft, liegt dieser auf der Zeitspanne des europäischen Mittelalters und der Renaissance. Neben der komparatistisch-transkulturellen Ausrichtung bildet der hohe Grad der Interdisziplinarität der Studien eine weitere Stärke des Bd. Übergreifend ist eine kulturgeschichtlich-kulturanthropologische Sichtweise auf die drei großen behandelten Themenbereiche, nämlich (1) die Vorhersagbarkeit der Lebensdauer und des Todeszeitpunktes, (2) Reflexionen über Mittel der Lebensverlängerung und (3) Vorstellungen von und Wege zur Unsterblichkeit. Vor allem die letzten beiden Aspekte stehen im Mittelpunkt. Diese komplexe Thematik wird hauptsächlich in den Bereichen Medizin, Alchemie, Astrologie, Religion, Philosophie und Literatur untersucht. Die Beiträge und die in ihnen herangezogenen Quellen wurden als eine repräsentative Auswahl von Fallstudien konzipiert (S. VIII), was gelungen ist. Im Folgenden sollen einige relevante Einsichten und Problematiken resümiert und aufgezeigt werden: Im lateinischen Europa kennzeichnete sich die Intensität der Reflexion über Lebensdauer, Lebensverlängerung und Unsterblichkeit durch gewisse Konjunkturen (S. 5–26). Im Zuge der Übersetzungstätigkeiten des 12. und 13. Jh. verstärkte sich diese Auseinandersetzung. Reflexionen verschiedener Wissenschaften vermischen sich häufig in den mittelalterlichen Werken. Im tibetanischen Buddhismus wurden gewisse Techniken und Mittel – wie Geomantie, Orakel, Würfel, Spiegel – zur Zukunftsvorhersage eingesetzt (S. 113–130). Als problematisch erwies sich im lateinischen Westen das Verhältnis zwischen göttlicher Vorhersehung und menschlicher Intervention (S. 49–77, 183–225). In galenischer Tradition stehend, erklärten die mittelalterlichen Mediziner den natürlichen Tod eines Menschen durch den Verlust der inneren Wärme und Feuchtigkeit (calor innatus und humidum radicale). Debattiert wurden die Beschaffenheit des humidum, dessen Verhältnis zu anderen Flüssigkeiten sowie dessen Erneuerungsfähigkeit (S. 8–12, 58–70). In (früh-)neuzeitlichen Mortalitätsstatistiken wurde als Todesursache häufig „Tod durch Altersschwäche“ angeführt – eine Kategorie, die heute kaum mehr verwendet wird und noch weiterer Erforschung bedarf (S. 169–182). Ein autoritatives Vorbild extremer Langlebigkeit – fast Unsterblichkeit –, das zur Reflexion anregte, lieferte die biblische Erzelternerzählung (S. 79–112). Zwischen Lebensverlängerung und Herrschaft lässt sich eine enge Verbindung konstatieren: Neben den bestimmte Gesundheitsempfehlungen offerierenden regimina sanitatis, die häufig im herrscherlichen Auftrag entstanden, sollten künstlich und unter Anwendung geheimen Wissens bereitete Mittel, z. B. Trinkgold, das Altern der Eliten, besonders der Päpste, denen viele dieser Schriften gewidmet wurden, hinauszögern, gar verjüngend wirken (S. 133–144, 155–168, 227–254). Im Daoismus bestand ein Mittel zur Erlangung der Unsterblichkeit im Verzehr von Pilzen mit übernatürlichen Kräften (S. 353–383). In den weiteren Beiträgen des Bd. über den Daoismus und auch Tantrismus werden aber vor allem Meditation, Kontemplation und bestimmte Praktiken dargelegt, welche den Weg zur spirituellen Erleuchtung ermöglichen sollten (S. 27–46, 337–352, 385–407). Neben den Menschen waren auch bestimmte real existierende und imaginierte Tiere (Hirsch und Phoenix) in der Lage, ein langes Leben zu erreichen bzw. unsterblich zu sein (S. 255–263). In der griechisch-römischen Antike galt die Unsterblichkeit als ein Attribut der Götter, die nur aufgrund besonderer Umstände darauf verzichteten (S. 303–320). Vor allem ab dem 13. Jh. setzte eine intensive christlich-theologische Auseinandersetzung mit der Wiederauferstehung ein und fokussierte insbesondere den Körper (S. 267–282). Darüber hinaus behandelt der Bd. literarische Vorstellungen von Unsterblichkeit am Beispiel der muslimischen Welt: Die Liebe in der klassischen arabischen Literatur konnte zur Erhöhung, aber auch zum Tod führen (S. 321–335). Al-Ḫiḍr, der Begleiter Alexanders des Großen im persischen Epos „Schāhnāme“, erreichte letztlich den Jungbrunnen an den Grenzen der Welt, sein Herr dagegen nicht (S. 283–301). Durch die transkulturelle Zusammenschau wird deutlich, dass die Thematiken des Bd. kulturübergreifende Relevanz besitzen, was verbindend wirkt. Dennoch scheinen gewisse Spezifika die Diskurse und Praktiken der einzelnen Kulturräume gekennzeichnet zu haben, wodurch Abgrenzungen entstehen. Darüber hinaus lassen sich phasen-, quellen-, milieu- und autorenabhängige Charakteristika konstatieren. Diesen Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen, ihren Konjunkturen sowie den gewählten Thematiken generell weiter nachzugehen, spornt dieser anregende Bd. an.

Christian Alexander Neumann

Laura Andreani/Agostino Paravicini Bagliani (a cura di), Cristo e il potere. Teologia, antropologia e politica, Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzzo) 2017 (mediEVI 18), XV, 381 S., Abb., ISBN 978-88-8450-805-8, € 62.

Als die Pariser Kathedrale Notre-Dame am 15. April 2019 in Flammen aufging, kamen rasch Fragen nach Schicksal und Verbleib der Kunstschätze auf. An erster Stelle: die Dornenkrone Christi, die von Ludwig IX. von Frankreich erworben worden war, für die er die 1248 eingeweihte Sainte Chapelle hatte bauen lassen, und die vor den revolutionären Übergriffen Ende des 18. Jh. in die Kathedrale in Sicherheit gebracht werden konnte. Heute liegt die corona Christi in der Schatzkammer von Notre Dame, ist damit der liturgischen Verehrung aber nicht entzogen. Objekt der Verehrung und mittelalterliches Kuriosum: in diesem Spannungsfeld bewegt sich heute das Bild, das eine breitere Öffentlichkeit von der Dornenkrone gewinnen muss. Der das gesamte Mittelalter über vorherrschende Aspekt, nämlich derjenige der Herrschaftslegitimierung, bleibt dabei zumeist ausgeblendet. In (reliquiaren) Objekten wie der Dornenkrone verdichtet sich die enge Verbindung zwischen der Person Jesu Christi und säkularer Macht in besonderer Weise. Viele weitere Beispiele ließen sich für diese nicht immer segensreiche Verbindung anführen. Auf einer gemeinsam von der Opera del Duomo di Orvieto und der Società internazionale per lo studio del medioevo latino 2016 in Orvieto organisierten Tagung wurde diesen Aspekten nachgegangen. Ausgehend von der Annahme, dass „per ogni sovranità medievale Cristo è stato un fondamentale punto di riferimento“ (S. IX), belegen 18 Beiträge, umschlossen von einer Einführung aus der Feder von Agostino Paravicini Bagliani und Schlussbemerkungen von Francesco Santi, in chronologischer Abfolge den Zusammenhang von Christusfrömmigkeit und den komplexen Mechanismen von Machtaufbau und -erhalt. Was brachte mittelalterliche Herrscher dazu, ihre eigene Autorität in derjenigen Jesu Christi begründet zu sehen? Zur Beantwortung dieser Frage wird auf das historische Methodeninstrumentarium zurückgegriffen und so dem Verhältnis von Herrschaft und Christus(-frömmigkeit) auf konzeptioneller, metaphorischer, ritueller und selbstverständlich auch politisch-institutioneller Ebene nachgespürt. Behandelt werden mit Byzanz, dem Reich und dem Papsttum nicht nur die drei Universalmächte. Der Blick richtet sich gleichermaßen auch auf die Monarchien in England, Frankreich, Neapel, Portugal und Kastilien, daneben auf die beiden Herzogtümer Burgund und Savoyen. Auf einige der Beiträge sei in der Folge näher eingegangen. Giuseppe Cremascolis Ausführungen über die mittelalterliche Exegese des von Christus an seine Jünger gerichteten Wortes in Mt 20,25–26 („Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener“) bildet den Hintergrund für alle weiteren Beiträge (S. 3–16), nutzten die Exegeten des Mittelalters hier doch die Möglichkeit, das Spannungsfeld von dominium und ministerium auszuloten und immer wieder darauf hinzuweisen, dass potestas spiritualis und potestas ecclesiastica allein mit Rückbezug auf die Evangelien ausgeübt werden sollten. Diese Mahnung versuchten auch die englischen Herrscher aus dem Haus Plantagenet zu beherzigen. In Heinrich III. zeigt sich der Wunsch, mittels einer eigenen, in Konkurrenz zum französischen Herrscher angelegten, christozentrischen Reliquienverehrung Herrschaft in ganz besonderer Weise zu legitimieren. Anders als in Frankreich gelang es dem englischen König freilich nicht, die von ihm mit einigem Aufwand erworbene und in der Abtei von Westminster deponierte Heilig-Blut-Reliquie legitimatorisch zu nutzen. Schnell wurden Zweifel an ihrer Authentizität laut, die sich ungeachtet aller propagandistischer Maßnahmen nicht mehr entkräften ließen. Als insulares Pendant zur kontinentalen Dornenkrone musste die Blutreliquie aufgrund mangelnder Akzeptanz versagen. Auch das Papsttum nahm zum Zweck der Herrschaftslegitimierung immer wieder Christusbezüge in das eigene, prall gefüllte Argumentationsarsenal auf. Wie Agostino Paravicini Bagliani mit Blick auf Innozenz III. zeigt, zählt dieser zu den ersten Päpsten, deren Symbolsystem aus Metaphern, Ritualen, Titeln und Predigten derart eng auf Christus bezogen war (S. 127–142). Diese Gedanken werden von Serena Romano vor einem etwas breiteren Horizont, demjenigen der Kirchen der Stadt Rom, weiter entfaltet (S. 143–155). Analysiert werden die Christusbilder in den römischen Basiliken und Titelkirchen, die sich insbesondere in der Zeit vom 11.–13. Jh. vervielfachten und einen eigenen, sehr gelehrten visuellen Diskurs über die politischen, d. h. innerweltlichen Ansprüche des Papsttums begründeten. Zwei Beiträge sind Guillaume de Nogaret gewidmet, von 1285–1314 Ratgeber Philipps des Guten und Gegner Papst Bonifazʼ VIII. Das „Attentat von Anagni“ (1303), in dessen Verlauf Guillaume den Papst gefangen genommen haben soll, hat sich tief in das kollektive Gedächtnis des Abendlands eingeschrieben. Elizabeth Browns Untersuchungsgegenstand ist die Frömmigkeit Guillaumes, die sie stark antihäretisch ausgerichtet, von profunden Studien des kanonischen und weltlichen Rechts und einer breiten Kenntnis der Bibel und Kirchenväter geprägt sieht. Guillaume war kein nüchterner Pragmatiker der Macht, der dem Arsenal der gegen ihn gerichteten geistlichen Waffen indifferent gegenübergestanden hätte. Unter der von Benedikt XI. verhängten Exkommunikation litt er – freilich im vollen Bewusstsein der Richtigkeit seines eigenen Handelns. Julien Thérys Ausführungen zur christozentrischen Rhetorik, die Guillaume vor allem in seinen Rechtfertigungsschreiben nach den Ereignissen von 1303, darüber hinaus in den im Rahmen der Templerprozesse entstandenen Urkunden pflegte, dienen als willkommene Ergänzungen zu Browns luziden Ausführungen. Negotium Christi wurde zum Kampfbegriff, mit dem sich nicht nur das eigene Agieren gegen Bonifaz VIII., sondern auch das providentielle Vorgehen des Königs gegen die Templer rechtfertigen ließ. Thérys Hypothese eines kausalen Zusammenhangs zwischen Guillaumes de Nogarets Kampf um die Aufhebung der Exkommunikationssentenz und der Eröffnung der Templerprozesse bedarf freilich noch weiterer argumentativer Unterfütterung, um wirklich überzeugen zu können. Zwei Beiträge sind Orvieto und seiner Kathedrale gewidmet. Während Julian Gardner gewohnt kompetent in die komplexe (Macht-)Symbolik der Kathedral-Fassade einführt (S. 305–322), beschreibt Pippa Salonius die Karrieren zweier Geistlicher, die an der im 13. Jh. lange in Orvieto residierenden päpstlichen Kurie Karriere machten: Kardinal Theodericus und Bischof Francesco da Bagnoregio, dessen neu entdecktes Siegel als Elekt von Palermo hier zum ersten Mal präsentiert wird (S. 323–339). Der Bd. zeugt von der enormen Vielschichtigkeit der im Titel beschworenen Verbindung von „Cristo e il potere“ und gibt mit seiner Sammlung einzelner Fallstudien, die nicht in jedem Fall unter der Rubrik „origineller Beitrag“ verbucht werden sollten, einen guten, wenn auch nicht erschöpfenden Einblick in die Thematik.

Ralf Lützelschwab

Robert Gramsch-Stehfest, Bildung, Schule und Universität im Mittelalter, Berlin-Boston (De Gruyter Oldenbourg) 2019 (Studium. Seminar Geschichte), X, 273 S., Abb., ISBN 987-3-11-045214-3, € 24,95.

Unter dem Titel „Bildung, Schule und Universität im Mittelalter“ hat Robert Gramsch-Stehfest ein Studienbuch zur mittelalterlichen Bildungsgeschichte vorgelegt, welches Anfang 2019 in der Reihe „Studium. Seminar Geschichte“ des Verlags De Gruyter Oldenbourg erschienen ist. Wie alle Bde. der Reihe richtet es sich explizit an Studierende und Dozierende, verfolgt einen kompetenzorientierten Ansatz und setzt sich nicht nur zum Ziel, einen inhaltlichen Überblick zu verschaffen, sondern auch quellenbasiert in geschichtswissenschaftliche Methoden und Fragestellungen einzuführen. Der Autor selbst betont, Anregungen „zum Weiterdenken und Weiterlesen“ sowie „zu einer weiterführenden Diskussion“ (S. 11 f.) liefern zu wollen. Dies ist ihm vollumfänglich gelungen. Wie in der Reihe üblich, umfasst der Bd. 14 Kapitel und kann von Dozierenden somit als Vorlage für die Konzipierung einer Lehrveranstaltung genutzt werden. Nach einem einführenden Kapitel folgt der Autor einem primär chronologischen Aufbau. Beginnend mit dem antiken Erbe (Kapitel 2) führt er im Anschluss durch die karolingische Zeit (Kapitel 3), die Scholastik (Kapitel 4 und 5), die Entstehung der Universitäten im 12. und 13. Jh. (Kapitel. 6–8) sowie das Spätmittelalter (Kapitel 10–13) und endet mit Humanismus und Reformation (Kapitel 14). Darüber hinaus setzen die Kapitel auch methodische Schwerpunkte. So können etwa der Geschlechter- und Sozialgeschichte (Kapitel 5), der Ideen- und Wissensgeschichte (Kapitel 6, 7, 9, 14), der Institutionengeschichte (Kapitel 11), der Alltagsgeschichte (Kapitel 12) oder der für die Universitätsgeschichte wichtigen Prosopographie (Kapitel 13) eigene Einheiten zugeordnet werden. Die Kapitel werden stets mit einer Textquelle, einer Bildquelle oder einem Forschungsstatement eröffnet und schließen zum einen mit einer Auswahl an Quellen sowie Beispielaufgaben zur tiefergehenden Beschäftigung mit diesen und zum anderen mit einem thematischen und kommentierten (!) Literaturanhang zur weiterführenden Lektüre. Die zahlreichen und verschiedenartigen Quellenbeispiele bieten einen exzellenten Einstieg in die bildungs- und universitätsgeschichtliche Arbeit. In diesem Zusammenhang ist auch das Zusatzmaterial hervorzuheben, das online abrufbar ist, und auf das im Buch an den entsprechenden Stellen durch ein Symbol verwiesen wird. Zum Download sind etwa die Bildquellen in Farbe zu finden, auch zusätzliches Quellenmaterial und Links zu Volltexten. Die Präsentation auf der Verlagsseite wäre allerdings leicht noch übersichtlicher zu gestalten (in einheitlichem Format und der Reihenfolge der Kapitel). Die thematischen Literaturempfehlungen am Ende jedes Kapitels werden ergänzt durch ein umfangreicheres Literaturverzeichnis im Anhang, welches über die einschlägige deutschsprachige Literatur informiert. Ein eigenes Unterkapitel (1.4) bietet einen Überblick über die wesentlichen Entwicklungen in der „Wissenschafts- und Universitätsgeschichtsforschung“, und im Text wird an zahlreichen Stellen auf die maßgeblichen Werke hingewiesen. Die internationale Universitätsgeschichtsschreibung wird hingegen nur am Rande erwähnt (S. 19) und bleibt auch in den Literaturanhängen weitgehend unberücksichtigt, was der „primär zentraleuropäischen Perspektive“ (S. 13) geschuldet sein wird und sicher zielgruppengerecht ist. Besonders positiv herauszustellen sind die Exkurse zu grundlegenden Forschungsdebatten, denen trotz des zweifellos beschränkten Platzes eine prominente Stellung eingeräumt wird. So wird beispielsweise der umstrittene institutionelle Charakter der mittelalterlichen Universität thematisiert (Kapitel 11.1) und ausführlich auf die Kontroverse um die Durchlässigkeit der sozialen Ordnung durch Bildung eingegangen (S. 96 f. und Kapitel 13.2). Abgeschlossen wird der Bd. mit einem reichen Anhang, der neben Orts-, Personen- und Sachregister auch ein Glossar enthält, das Studierenden die Handhabe erleichtern wird. Häufig wird aber bereits im Text eine kurze Erklärung (z. B. „Synoden“) oder Übersetzung (z. B. „peregrinatio academica“) geliefert. Insgesamt zeichnet sich das Werk durch eine sehr zugängliche Sprache aus, die durch eindrückliche Zitate, zahlreiche anschauliche Beispiele und einprägsame Vergleiche eine sowohl angenehme als auch lehrreiche Lektüre gewährt. Das Studienbuch ist somit für einen Einstieg in die Bildungs- und Universitätsgeschichte des Mittelalters uneingeschränkt zu empfehlen und wird hoffentlich ein breites Publikum finden.Lotte Kosthorst

Paolo Rosso, La scuola nel Medioevo. Secoli VI–XV, Roma (Carocci) 2018 (Quality paperbacks 511), 311 S., ISBN 978-88-430-9006-8, € 21.

Anfang 2018 veröffentlichte Paolo Rosso in der Reihe „Quality Paperbacks“ des Verlags Carocci unter dem Titel „La scuola nel Medioevo. Secoli VI–XV“ ein Handbuch zur Bildungsgeschichte des Mittelalters. Er wagt sich dabei an das anspruchsvolle Unterfangen, das gesamte mittelalterliche „Bildungssystem“ mit all seinen Schulformen bis hin zur Universität zum Gegenstand zu wählen, ohne einen bestimmten Schultyp priorisieren zu wollen, und ohne sich mit einer reinen Institutionengeschichte zufriedenzugeben. Der Aufbau spiegelt die wesentlichen Problemstellungen wider, die der Autor zu Beginn aufwirft (S. 14 f.). Er begnügt sich nicht mit den Fragen, wo und wann gelernt wurde und wer lernte, sondern stellt insbesondere auch die, was gelernt wurde, wie es gelernt wurde und nicht zuletzt warum. Der Bd. ist im Anschluss an die Einleitung, die Thema, Aufbau, Forschungs- und Quellenlage darlegt, chronologisch in vier Teile gegliedert. Der erste umfasst die Zeit der christlichen Schulen vom 6. bis 11. Jh., der zweite die Neuerungen des 12. Jh. und der dritte die spätmittelalterlichen Schulen des 12. bis 15. Jh. Die Entscheidung, für den vierten Teil die chronologische Struktur aufzubrechen und diesen gesondert den Universitäten zu widmen, überzeugt. Jeder der vier Abschnitte ist wiederum in vier thematisch strukturierte Kapitel unterteilt, wobei das erste jeweils einen historischen Überblick („quadro generale“) bietet und das vierte eine sozialgeschichtliche Perspektive. In den ersten beiden Teilen ist das zweite Kapitel jeweils der institutionellen Geschichte gewidmet und das dritte den Studieninhalten, während im dritten und vierten Teil zunächst die Inhalte behandelt werden und anschließend auf Zweck und praktische Anwendung der Bildung eingegangen wird. Ein Schwerpunkt liegt somit auf den Lehr- und Lerninhalten. Es gelingt dem Autor, die Entstehung und Weiterentwicklung der Disziplinen in der longue durée zu beschreiben, wobei allen Fächern der nötige Raum zugestanden wird. Eindrücklich zeigt er Kontinuitäten und Veränderungen des Kanons in den einzelnen Fächern auf. Neben den Inhalten beschäftigt er sich in besonderem Maße mit den Methoden des Lernens und Lehrens und der Veränderung dieser, etwa dem Übergang zum leisen Lesen (S. 176 und 188). Viel Platz wird zudem den Protagonisten der Schulen, den Schülern und Lehrern, eingeräumt, wobei auch die Mädchenbildung, soweit vorhanden, Beachtung findet (S. 101 f., 163 f. und 216). Zentral behandelte sozialgeschichtliche Themen sind die Mobilität von Lehrern wie Schülern (z. B. Kapitel 4.2, 8.2, 16.3) sowie die soziale Mobilität (z. B. S. 150 und Kapitel 15.3). Vor dem Hintergrund der Motivation für das Lernen ist ferner die Behandlung bestimmter Berufsgruppen zu sehen (Kapitel 3.5, 11 und 15), die eine zunehmend differenzierte Vorbildung verlangten, wie die der Notare. Immer wieder wird in allen Teilen außerdem die Alphabetisierung aufgegriffen. Ähnlich präsent ist das eng mit der Schriftlichkeit verbundene Thema der Bücher und Bibliotheken. Besonders hervorzuheben ist der gesamteuropäische Zuschnitt des Buches. Schon ein Blick in das Literaturverzeichnis zeigt, dass dieses nicht nur ausgesprochen umfangreich und auf aktuellem Stand ist, sondern vor allem die internationale Geschichtsschreibung zu Grunde legt. Den Eindruck einer Bildungsgeschichte des gesamten mittelalterlichen Okzidents bestätigt die Lektüre. Neben dem italienischen Raum werden vor allem der französische, iberische, englische und deutschsprachige vergleichend in den Blick genommen, wobei dies in den ersten beiden Teilen konsequenter gelingt als im dritten und vierten. Neben dem Literaturverzeichnis verfügt der Bd. über ein Personen- und Ortsregister. Ein Sachregister sowie Abb. oder Karten sind hingegen nicht vorhanden. Auch werden nur am Rande Quellen problematisiert oder Forschungsdebatten aufgegriffen. Anders als das auf S. 578 f. besprochene Studienbuch von Robert Gramsch-Stehfest, welches kompetenzorientiert und an das Format des (deutschen) Proseminars angelehnt ist, handelt es sich hier um ein klassisches Überblickswerk, das auf didaktisches Beiwerk verzichtet und sich Studierenden als Begleitlektüre für eine Vorlesung und zur inhaltlichen Prüfungsvorbereitung anbietet. Es zeichnet sich durch eine klare Sprache aus und die Wahl, Literatur anhand von Kurzverweisen im Text zu zitieren, erscheint die beste Lösung, um eine angenehme Lektüre zu ermöglichen, ohne im Text auf Literaturangaben zu verzichten. Insgesamt gelingt es Paolo Rosso hervorragend, den Leserinnen und Lesern die heterogene europäische Bildungslandschaft des Mittelalters zu sortieren, zu beschreiben und zu erklären. Er bietet dabei eine für ein Überblickswerk ausgesprochen perspektivreiche und in die Tiefe gehende Darstellung, die sicher nicht nur für Studierende lehrreich ist.

Lotte Kosthorst

Andrea Fara/Donatella Strangio/Manuel Vaquero Piñeiro (a cura di), Oeconomica. Studi in onore di Luciano Palermo in occasione dei suoi settant’anni, Viterbo (Edizioni Sette Città) 2016 (Nova collectanea), 319 S., ISBN 978-88-7853-734-7, € 22.

Die hier präsentierte Aufsatzsammlung behandelt in verschiedenen Perspektiven die Wirtschaftsgeschichte Südeuropas im Spätmittelalter. Der eine Teil der Studien zielt auf einen aktuellen Forschungsüberblick und umreißt Fragestellungen wie Pere Benito i Monclús, der die Wege und Wirkungen der im 13. Jh. verstärkt auftretenden, zum Teil europaweit feststellbaren Hungersnöte mit dem Getreidehandel in Verbindung bringt. Antoní Furió charakterisiert die Dimensionen von „Kredit“ vor allem im Trecento, indem er die Wahrnehmung von Kreditwürdigkeit, die Einstufung als Wucher und die Entstehung von Zinshöhen beschreibt. Demgegenüber erklärt Alberto Grohmann vor dem Hintergrund wirtschaftstheoretischer Argumentationsstränge die Vertiefung der Forschung zum Verhältnis von Kredit und Kapitalismus in der Umbruchsphase um 1300. Der agrarwirtschaftliche Wandel und die Diversifizierung von Sorten, Qualitäten und Konsumgewohnheiten im europäischen Weinanbau und -handel nach der Krise des 14. Jh. steht im Zentrum des Beitrags von Michael Matheus. Der mittelalterliche Normendiskurs zum Fleischkonsum ist Thema von Antoni Riera i Melis, der besonders den wachsenden, adeligen Gewohnheiten angepassten Fleischgenuss durch den Aufstieg der Kaufmannbankiers vorführt. Die Ambiguitäten des Begriffes der Armut und dessen durch die sozio-ökonomischen Krisen des Trecento stimulierten Bedeutungswandel, bei dem zwischen den pauperes Christi und den almosenabhängigen pauperes differenziert wurde, thematisiert Giacomo Todeschini. Der andere Teil der Beiträge exemplifiziert in Fallstudien grundlegende Entwicklungslinien wie Arnold Esch mit dem aus Bologna stammenden Gabione Gozzadini, der vor 1403 eine entscheidende Rolle als Papstbankier spielte und dessen geschäftlicher Horizont vor der weitgehenden Übernahme der Papstfinanzen durch die Medici ausgeleuchtet wird. Anna Esposito charakterisiert den erst ökonomischen und dann sozialen Aufstieg der römischen Familie der Santacroce, die sich im Verlauf des Quattrocento unter Mithilfe der juristisch aktiven Familienmitglieder verstärkt Grundbesitz aneignete. Die Gruppe der sächsischen Kaufleute spielte nach Andrea Fara eine wichtige Rolle für die konfliktreichen Beziehungen zwischen dem ungarischen Königreich und den Fürsten der Walachai, weil der Voivode Vlad III. die Handelsrouten an den Karpaten durch die Einrichtung von „Stapelplätzen“ für Händler unterschiedlicher Provenienz regulierte. Am Beispiel der Teuerungskrisen im abruzzischen L’Aquila 1329 und 1340 zeigt Laurent Feller, wie eine städtische Regierung mit der Kontingentierung des freien Getreidehandels, der Anlage von Speichern sowie dem verbilligten Kornimport durch die eigenen Kaufleute die Versorgung der Bevölkerung in der Krise sicher zu stellen gedachte. Die Erbverwaltung des in Genua 1376/1377 und 1382/1383 aktiven Florentiner Kaufmannes Michele Rodulfi durch dessen Witwe Margherita illustriert im Beitrag von Giovanna Petti Balbi neben der speziellen Reichweite von Handelstätigkeiten die geschäftlichen Handlungsspielräume von Ehefrauen als Erblasswalterinnen. Gabriella Piccinni zeigt am Beispiel der Produktion und Verarbeitung von Waid die weitgehend vergeblichen Bemühungen der Stadt Siena, im Verlauf des Quattrocento eine Qualitätssteigerung des in der Stadt gefertigten und gefärbten Tuches zu bewirken. Am Fall des Hospitals Santo Spirito in Sassia schildert Andreas Rehberg die Abhängigkeit charitativer Institutionen in Rom von Einkünften, die die Päpste wie Sixtus IV. 1478 durch die Verwendung der Mittel aus der Pönitentiarie entsprechend zuwiesen. Donatella Strangio diskutiert die Einwanderung von Handwerkern in das seit dem Pontifikat Martins V. neu bebaute Rom an den Netzwerken der Kurienbankiers als Prozess der Akkumulation sozialen Kapitals. Die Verpachtung der Einkünfte Perugias durch die Päpste seit 1425 stellt Manuel Vaquero Piñeiro als Machtinstrument dar, durch das als erstes Alexander VI. die großen Bankhäuser zuungunsten des Adels wie den Baglioni in Stellung brachte. Die offenkundige Umfangsbeschränkung der Beiträge hat den einzelnen Darstellungen nicht gut getan, fast alle Aufsätze hätten durch die konsequente Bearbeitung ihrer spannenden Themen gewonnen.

Heinrich Lang

Gabriele Annas/Jessika Nowak (Hg.), Et l’homme dans tout cela? Von Menschen, Mächten und Motiven. Festschrift für Heribert Müller zum 70. Geburtstag, Stuttgart (Steiner) 2017 (Frankfurter historische Abhandlungen 48), 789 S., Abb., ISBN 978-3-515-11469-1, € 99.

Ein Blick in das Online-Publikationsverzeichnis des Mediävisten Heribert Müller, der lange Jahre den Lehrstuhl für spätmittelalterliche Geschichte in Frankfurt innehatte, lässt den neugierigen Betrachter nicht nur aufgrund der 17 Monographien und knapp über 100 publizierten Aufsätze ehrfurchtsvoll staunen. Auch die beinahe 250 verfassten Rezensionen zeugen von der regen wissenschaftlichen Tätigkeit des Emeritus, der das an Bedeutung verlierende Terrain der Buchbesprechungen regelmäßig mit profunden Besprechungen, stilistischem Vermögen und teils spitzer Feder bereichert. Die hier anzuzeigende Festschrift anlässlich seines 70. Geburtstags vereint eine Fülle geographisch, zeitlich und thematisch breit gefächerter Beiträge. Auf 789 S. werden in sechs Abschnitten zu den über Jahrzehnte verfolgten Forschungsinteressen (Konzilien, mittelalterliches Königtum, Frankreich und Burgund im 15. Jh., Geschichtsschreibung) des Kölner Gelehrten gewinnbringende Ergänzungen geliefert. Obwohl alle Beiträge eine intensivere Besprechung verdienen, kann in der Folge nur eine kleine Auswahl von Aufsätzen, vornehmlich zur Kirchen- und Papstgeschichte, kurz gewürdigt werden. Der große Block der Konziliengeschichte wird von Johannes Helmrath eröffnet, der das IV. Lateranum aus vergleichender Perspektive untersucht. In seinen grundlegenden Überlegungen definiert er Konzilien als Teil der europäischen Versammlungskultur, für die er schließlich ähnliche Vergleichsparameter anwendet: Oratorik, Teilnehmerspektrum sowie sekundäre Funktionen, wie Festkultur, Kirchen- und Stadträume. Dem Komplex des Konstanzer Konzils widmen sich in ihren Beiträgen Jürgen Miethke, Malte Prietzel und Franz Fuchs. Während Miethke die Grundlinien zur und die Diskussionen um die Beendigung des Großen Abendländischen Schismas nachzeichnet, widmet sich Prietzel den Briefen Dietrich Kerkerings von Münster, des Kölner Gesandten am Konzil, und fragt nach den Themen, die dieser den Kollegen in der Heimat berichtete. Besonders zu erwähnen ist der Beitrag von Franz Fuchs, der den Fund des bislang als verschollen gegoltenen „Malleus Hussonis“ des Johannes Lange aus Wetzlar anzeigt und im Anhang eine Edition und Übersetzung des Prologs als Kostprobe bietet. Der Fund des Exemplars in einer Hs. aus dem Besitz des Nürnberger Humanisten Christoph Scheurl darf dabei durchaus als Sensation gelten, da es sich wohl um eine autorennahe, wenn nicht sogar um ein Autograph handeln dürfte. Der bislang kaum erforschten Finanzgeschichte des Basler Konzils widmet sich Christian Kleinert, der den 1436 verkündeten Griechenablass aus lokaler Perspektive vorstellt und somit eine ergänzende Perspektive zu den bislang lediglich auf Grundlage der großen Quellenkorpora, wie den Konzilsprotokollen, verfassten Studien liefert. Anhand mehrerer im Frankfurter Stadtarchiv überlieferter Arbeitsmaterialien von Ablassexekutoren zeigt er, wie sich die Verkündung und Predigt des Ablasses vor Ort vollzog und dass dieser bis in die Mitte der 40er Jahre ein virulentes Thema für das Basler Konzil blieb. Jessica Nowak und Claudia Märtl widmen sich in ihren Beiträgen dem Kardinalat des 15. Jh., wobei sie die beiden französischen Kardinallegaten Guillaume d’Estouteville und Alain de Coëtivy und deren Legationen nach Frankreich behandeln. Nowak widmet sich dem Beginn der Legation von Guillaume d’Estouteville in den Jahren 1451/1452. In den Blick nimmt sie deren kurze Zeitspanne in Italien und rückt die Beziehung zum Mailänder Herzog Francesco Sforza in den Fokus. Auf Grundlage der dichten Überlieferung der mailändischen Gesandtschaftsberichte zeigt sie, dass der Kardinallegat gerade zu Beginn für den Mailänder bei der Annäherung an Frankreich ein wichtiger Partner war, da er wegen der noch ausstehenden Investitur mit dem Mailänder Herzogtum an einem großen Legitimationsdefizit litt. Ausgehend von der Diskussion um die Identifizierung des in der Mitte des 15. Jh. angefertigten Porträts eines römischen Legaten von Jean Fouquet, bei dem es sich laut Claudia Märtl nicht um Guillaume d’Estouteville, sondern Alain de Coëtivy handelt, spürt sie dem Lebensweg dieses Kardinals nach. Besondere Aufmerksamkeit widmet sie dabei dessen nur teilweise von Erfolg gezeichneten Legation in das Königreich Frankreich 1455, wofür sie neben Verständigungsschwierigkeiten zwischen dem Legaten und dem Papst auch Behinderungen durch den französischen König verantwortlich macht. Insgesamt folgert sie, dass es sich bei seiner Person um einen Kardinal der zweiten Reihe handelte, der zwar durch seine politischen Missionen Ansehen an der Kurie erwarb, aber aufgrund seiner mangelnden intellektuellen Eigenschaften keinen dauernden Nachruhm erwerben konnte. Die Festschrift besticht nicht nur durch die hochwertigen Untersuchungen der Autor/-innen, sondern auch durch die sorgsame und somit mustergültige Darbietung der Beiträge. Als einziges kleineres Monitum ist das Fehlen eines Registers anzuführen, das aber den insgesamt positiven Gesamteindruck des Bd. in keiner Weise zu schmälern vermag.

Christopher Kast

Isabella Gagliardi, „Novellus pazzus“. Storie di santi medievali tra il Mar Caspio e il Mar Mediterraneo (secc. IV–XIV), Firenze (Società Editrice Fiorentina) 2017, 241 S., ISBN 978-88-6032-443-6, € 18.

Die Autorin stellt in ihrem jüngsten Werk das von ihr erstmals 1994 behandelte und später mehrmals aufgegriffene Thema der „heiligen Verrücktheit“ in den größeren Zusammenhang des östlichen und westlichen Christentums. Sie vermutet, dass sich die Geschichten der Asketen des Ostens, die nach dem Beispiel von 1. Kor. 4,10 als „Toren um Christi Willen“ lebten (S. 17), im Westen durch die auf französischem Boden entstandenen Vies des Pères verbreiteten und in deren Übersetzung ins Volgare auf die Konversion des Franz von Assisi gewirkt hätten (S. 14, 118). Im Einzelnen schildert sie das Phänomen im Osten, dessen literarischen Reflexe und Beurteilung im Westen und schließlich in großer Breite die „heilige Verrücktheit“ des Franz von Assisi und seiner Nachfolger bis hinab zu Giovanni Colombini († 1367), dem Begründer des Ordens der Jesuaten, über deren Geschichte von der Vf. im Jahr 2004 bei Herder Editrice der Bd. „I Pauperes Yesuati tra esperienze religiose e conflitti istituzionali“ erschienen war.

Thomas Szabó

Il gioco nella società e nella cultura dell’alto medioevo. Settimana di studio, Spoleto, 20–26 aprile 2017, Spoleto (Fondazione Centro Italiano di Studio sull’Alto Medioevo) 2018 (Atti delle settimane di studio della Fondazione Centro Italiano di Studio sull’Alto Medioevo 65), 2 voll., XV, 920 pp., ill., ISBN 978-88-6809-160-6, € 150.

La 65° settimana di studi spoletini, tenutasi dal 20 al 26 aprile 2017 e organizzata dal Centro Italiano di Studio sull’Alto Medioevo, ha avuto come tema il gioco nella società e nella cultura altomedievali. I due poderosi voll. raccolgono le lezioni tenutesi in quell’occasione, 32 in tutto, con le trascrizioni delle domande e delle discussioni intervenute tra gli studiosi in calce a ogni saggio. L’organizzazione dei voll. segue la struttura del programma del convegno: il tema è affrontato secondo otto diverse prospettive che cercano di comporre un quadro esaustivo della ludicità nelle società altomedievali. Si noti, tuttavia, che, pur fondamentali nella struttura del convegno, queste otto distinte sezioni non sono state riportate nella pubblicazione degli atti, organizzata, invece, senza suddivisioni, proponendo l’insieme dei saggi in continuità. Dopo il discorso inaugurale di Gherardo Ortalli, Alto medioevo e gioco: tra storia e storiografia (pp. 1–23), dove si traccia un percorso cronologico-spaziale che si apre con la crisi della cultura ludica pagana e prosegue con l’affermazione di quella cristiana, che si evolve nel corso dell’alto medioevo fino alle novità introdotte dagli scacchi, la prima sezione è composta da tre saggi che indagano il gioco come categoria culturale: François Bougard, Les jeux, de l’Antiquité tardive au Moyen Âge (pp. 25–55), Vanina Kopp, Aachen, Baghdad, Constantinople. The intercultural function of play and games in the early Middle Ages (pp. 59–91) e Martha Bayless, The pleasures of the ludic (pp. 95–108). La seconda propone studi che prendono in esame i luoghi e le rappresentazioni nel gioco sia dal punto di vista materiale, epigrafico e archeologico, in Carlo Carletti, Un gioco da tavolo tra tarda antichità e alto medioevo (pp. 111–126), e in Donatella Nuzzo, Spazi e strumenti dei giochi nei ritrovamenti archeologici (pp. 153–189), sia dal punto di vista testuale e simbolico in Bruno Dumézil, Les jeux de société, de la valorisation à la critique (Ve–Xe siècles) (pp. 129–148), Mark A Hall, Matters of life and death: aspects of board games and their interaction with Picts, Anglo-Saxons and Viking (pp. 195–218). La terza sezione indaga le funzioni, le norme e la regolamentazione del gioco: Alessandra Rizzi, Le normative sul gioco nei secoli V–XI (pp. 219–240); Lucinia Speciale, Il gioco come status-symbol. Gli scacchi tra formule rappresentative e testimonianze materiali (pp. 241–270); Claudio Azzara, Barbarus ludens (pp. 273–290); Stefan Esders, Der Klerus und das Spiel im kirchlichen und weltlichen Recht der Spätantike und des Frühen Mittelalters (pp. 291–309). La quarta e la quinta sezione si occupano di indagare come era vissuta la ludicità nel mondo religioso, monastico ed ecclesiastico, e nel mondo laico di corte, nonché in campagna e in città. Si occupano soprattutto dell’ambiente monastico Jörg Sonntag, A Matter of Definition? Game, Play, and Ritual in Medieval Monasteries (pp. 335–355), e François Ploton-Nicollet, Entre jeu et érudition religieuse: les Ioca monachorum (pp. 363–384); di quello liturgico ed ecclesiastico Giuseppe Cremascoli, Gioire nel tempio. L’aspetto ludico nella ritualità liturgica (pp. 389–407); Leonardo Lugaresi, „Alea ne luseris … ubi nulla veritas“ (Ps. Cipriano, De aleatoribus, 11). Verità e gioco nella riflessione dei Padri della Chiesa (pp. 409–457). Analizzano il mondo laico Duccio Balestracci, La guerra come gioco (pp. 463–489); Giorgio Vespignani, Ludi pubblici nell’Oriente bizantino (pp. 493–529); Paolo Galloni, Un gioco che non è un gioco: la caccia nell’alto medioevo (pp. 521–569); Antonio Carile, Giochi e intrattenimenti nella corte bizantina (pp. 571–599). Compone, invece, un quadro complessivo per la Spagna altomedievale Manuel Martín-Bueno, Juego y juegos árabes, judíos y mozárabes en la Península Ibérica (pp. 317–332). Nella sesta parte, indagano il gioco come metodo educativo Máire Ní Mhaonaigh, Verbal Play in Medieval Ireland (pp. 605–623), Patrizia Lendinara, La raccolta di indovinelli in anglossassone del Codice Exoniense: imparare giocando (pp. 627–677), Paolo Garbini, Tra didattica e narrativa: gli indovinelli nell’alto medioevo latino (pp. 682–699). Le ultime due sezioni sono, infine, dedicate alla ludicità nella sua declinazione letteraria e testuale. I giochi letterari sono considerati in Christiane Veyrard-Cosme, Jeux poétiques à la cour carolingienne (pp. 703–723), Gianfranco Agosti, Poesia sul gioco e giochi letterari nella poesia tardoantica e bizantina (pp. 727–759), Massimo Oldoni, Il gioco e i suoi inganni (pp. 765–783); gli aspetti lessicali sono invece affrontati in Isabelle Mandrin, Der Wortschatz des Spiels im lateinischen Mittelalter (pp. 787–818), Yan Greub, Le lexique roman du jeu au haut Moyen Âge (pp. 821–852), Simone Beta, Gli indovinelli a Bisanzio tra il simposio e la scuola (pp. 855–881), Simona Leonardi, Semantica del ‚gioco’ nel medioevo tedesco con un quadro del lessico germanico del ‚gioco’ (pp. 885–920).

Edoardo Manarini

Maya Maskarinec, City of Saints. Rebuilding Rome in the Early Middle Ages, Philadelphia, Penn. (University of Pennsylvania Press) 2018 (The Middle Ages series), VI, 290 pp., ill., ISBN 978-0-8122-5008-4, GBP 42.

Verso la metà del IX secolo Adone di Vienne intraprese la redazione di un martirologio. Il progetto era ambizioso: Adone mirava a fornire un testo che riportasse almeno una notizia liturgica per ogni giorno dell’anno. Ponendosi in continuità con la tradizione avviata da Beda, egli volle dotare ogni notizia di dettagli sulle vicende dei santi menzionati, desumendoli dalle agiografie. Alcuni santi avevano però alle spalle già diversi secoli di tradizioni narrative, talora tra di loro contraddittorie. Redigendo il suo martirologio, Adone si prese diverse libertà interpretative, con il risultato di appiattire una stratificazione di storie, tradizioni e culti di varia origine geografica e cronologica. Il vol. di Maskarinec mira a fare l’opposto, ricostruendo quella stratificazione, analizzandone le fasi, restituendo la complessità dei santi, dei culti e dei centri di culto analizzati. Il vol. si concentra sulla questione, mai indagata sistematicamente, dell’importazione di santità a Roma tra VI e IX secolo. L’immagine di Roma come città cristiana è tradizionalmente legata ai martiri locali, primi tra tutti Pietro e Paolo. Maskarinec volge invece il suo sguardo ai santi che furono recati a Roma, tramite il loro culto e le loro reliquie, da comunità straniere, provenienti perlopiù dall’Oriente mediterraneo, e al loro ruolo nell’arricchimento del panorama cultuale, liturgico e sociale della città. Le comunità orientali a Roma si dotarono di fondazioni ecclesiastiche, in origine private, che assunsero la forma di tituli o di diaconie; e vi impiantarono culti con cui avevano familiarità nelle loro terre d’origine, o le cui vicende agiografiche trasmettevano messaggi che venivano incontro alle loro esigenze. Solo lentamente, tra VII e VIII secolo, i papi estesero il loro controllo su questi culti, ridefinendone i significati e in questo modo consolidando la loro autorità su una città che, sotto la loro supervisione, andava assumendo un carattere pienamente cristiano. Quando i papi stabilirono relazioni diplomatiche con i Carolingi, questi ultimi videro in Roma un deposito di santità mobile e mobilitabile per arricchire di reliquie le istituzioni ecclesiastiche transalpine. L’investimento carolingio sul culto dei santi come strumento di unificazione religiosa attinse a piene mani dal serbatoio romano, compresi i culti di importazione straniera, ormai divenuti sue parti integranti. I Carolingi elaborarono immagini di Roma funzionali ai loro scopi di autolegittimazione. Un esempio è il Codex Einsiedlensis, i cui itinerari romani non servivano tanto come guide di viaggio, quanto come guide per la mente, chiamata a costruirsi un’immagine della città come depositaria di innumerevoli tesori di santità. Un altro esempio è proprio il martirologio di Adone, che, esaltando il legame formatosi nel tempo tra Roma e i santi ivi importati dall’Oriente, li romanizzò definitivamente ed elaborò una rappresentazione di Roma come centro della santità mediterranea. Questi, in sintesi, i contenuti del vol., che si chiude con sei brevi appendici. Lo studio di Maskarinec costituisce un’aggiunta notevole a un panorama di studi su Roma nell’alto medioevo in costante crescita nell’ultimo decennio. I suoi meriti sono molti, a iniziare dalla ricostruzione dei dossier agiografici dei santi trattati, per proseguire con l’incrocio tra fonti scritte e fonti materiali. Non mancano gli spunti interpretativi di grande interesse, come lo sforzo di ricondurre l’ambiente romano altomedievale nel contesto che, fino a metà VIII secolo, gli era proprio, quello dei domini bizantini. L’autrice si colloca così in una linea storiografica recente e innovativa che non esita a parlare di universalismo anche per questa fase della storia della Chiesa di Roma: universalismo non nel senso di potere universale, sviluppato solo a partire dall’XI secolo, bensì della rivendicazione di una posizione di vertice nelle gerarchie ecclesiastiche di un potere – questo sì – universale, quello imperiale bizantino. Alcuni appunti all’autrice possono essere mossi. L’uso delle fonti agiografiche appare poco attento alle vicende redazionali di ogni testo. La parte finale sorvola sulle politiche carolinge sulla santità; il discorso risulta slegato dal contesto entro cui i casi analizzati si inserivano. Il vol. avrebbe potuto essere più corposo; molti spunti avrebbero meritato argomentazioni più diffuse. La sua utilità sta però anche nel suo carattere di primissima esplorazione su tematiche meritevoli di ulteriori approfondimenti.

Francesco Veronese

Régine Le Jan/Geneviève Bührer-Thierry/Stefano Gasparri (éd.), Coopétition. Rivaliser, coopérer dans les sociétés du haut moyen âge (500-1100), Turnhout (Brepols) 2018 (Collection Haut Moyen Âge 31), 424 pp., ill., ISBN 978-2-503-57634-3, € 80.

Il trentunesimo vol. della serie „Haut Moyen Âge“ dell’editore Brepols propone una raccolta di studi – presentati al convegno internazionale di Venezia del 19–21 marzo 2015 – incentrati sul concetto di coopétition nelle società altomedievali. Il concetto è stato sviluppato negli ultimi venti anni nel campo delle business economics and management per descrivere le interazioni tra imprese e aziende che operano tra loro in competizione e in cooperazione allo stesso tempo, con l’obiettivo di ottenere interessi e profitti individuali. Pur con le prudenze del caso, gli autori dei saggi qui proposti hanno mostrato come questo concetto ben si adegui alla realtà altomedievale, allorquando si vogliano enfatizzare le strategie originali e mutevoli delle élite impegnate nell’agone politico. I protagonisti della politica avevano, infatti, interesse a collaborare con i loro rivali nella prospettiva di profitto reciproco o di profitto futuro, nella vita terrena o in quella dopo la morte. Per comprendere queste strategie, i saggi indagano le relazioni tra centro e periferia, tra l’aldiquà e l’aldilà, oltre alla capacità dell’autorità pubblica di creare e sviluppare consenso attorno alla persona del sovrano, in grado di suscitare la necessaria fiducia tra le élite per rischiare la collaborazione tra rivali. Poiché l’intensità della coopétition varia nel tempo e dipende dal contesto generale e da quello locale, gli studi esaminano i processi politici concentrandosi su tre periodi precisi, caratterizzati dall’alternanza di stabilità e instabilità politica. Dopo il saggio introduttivo di Régine Le Jan, Coopétition. Rivaliser, coopérer dans les sociétés du haut Moyen Âge: réflexions préliminaires (pp. 9–20), la prima parte raccoglie otto saggi relativi al periodo cronologico 550–650. Sei sono dedicati all’area franca: Hans-Werner Goetz, Grégoire de Tours: (comment) a-t-il perçu une „coopétition“? (pp. 49–60); Charles Mériaux, La compétition pour l’épiscopat en Gaule mérovingienne (pp. 61–76); Bruno Dumézil, La compétition pour la régence en Austrasie entre 575 et 587 (pp. 77–91); Thomas Lienhard, Remarques à propos des partages territoriaux mérovingiens dans la seconde moitié du VIe siècle (pp. 93–102); Adrien Bayard, De la civitas au royaume. Analyse des réseaux en coopétition pour la cité de Clermont (550–580) (pp. 103–112); Ian Wood, La compétition monastique à l’âge de saint Colomban (pp. 113–124). Stefano Gasparri, Compétition ou collaboration? Les Lombards, les Romains et les évêques jusqu’au milieu du VIIe siècle (pp. 39–47) si dedica alla penisola italica al tempo della dominazione longobarda, mentre Verena Epp, La coopétition à la cour de l’Empire Romain d’Orient (400–650) (pp. 23–37) all’Oriente bizantino. La seconda sezione affronta il secolo IX abbracciando un più ampio spazio geografico: Martin Gravel, Pourquoi Loup ne s’est-il pas présenté à l’assemblée de Chartres? Les stratégies compétitives de l’affaire de Saint-Josse (pp. 127–140), Warren Pezé, Compétition et fidélité à l’épreuve de la guerre de succession, 840–843 (pp. 141–165), Tiziana Lazzari, Tra Ravenna e regno: collaborazione e conflitti fra aristocrazie diverse (pp. 167–183), Marco Stoffella, Collaborazione e competizione nelle esecuzioni testamentarie dell’Italia carolingia (pp. 187–215) si occupano dell’Europa continentale e dell’Italia, mentre i saggi di Alban Gautier, Le jeune Alfred et les vikings: de la coopération à la confrontation? (pp. 217–230), e Igor Santos Salazar, Competition in the frontiers of the Asturian kingdom: the comites of Castile, Lantarón and Álava (860–940) (pp. 231–251), sono dedicati, rispettivamente, al regno anglosassone del Wessex e ai regni delle Asturie. La terza e ultima parte copre il periodo 1050–1120 e allarga ancora l’ambito geografico trattato, comprendendo anche l’area tedesca con il saggio di Geneviève Bührer-Thierry, Henri IV, Otton de Northeim et les Saxons: quelles formes de la coopétition dans un royaume en crise? (pp. 283–294); l’area scandinava con Lucie Malbos, Le roi, les grands et les évêques: alliés et compétiteurs dans la Norvège de la seconde moitié du XIe siècle (pp. 321–333); l’Italia meridionale con Vito Loré, Coesione aristocratica e competizione politica. Italia meridionale, XI secolo (pp. 335–346); e l’area croata con Stéphane Gioanni, Les donations aux établissements ecclésiastiques dans le Royaume croate (Xe–XIe siècle): de l’écriture du consensus à la compétition (pp. 347–369). Sulla Spagna pieno-medievale ragiona Adam J. Kosto, Too Many Kings? Iberia, 1050–1120 (pp. 371–382). Infine, sull’area franca si soffermano Florian Mazel, Frères ennemis. Compétition intra-familiale et intervention pontificale dans les successions princières à l’âge grégorien (espace français) (pp. 255–267); Charles West, From Coopetition to Competition? Relations between the laity and the religious in the Moselle valley, c. 1050–1120 (pp. 269–281); Christopher Loveluck, Coopetition and urban worlds, c. AD 1050–1150: archaeological and textual case studies from northwestern Europe (pp. 295–319). Le conclusioni di Chris Wickham sono seguite dagli abstract in inglese di tutti i saggi, oltre che dall’indice dei nomi di persona e di luogo.

Edoardo Manarini

Annalisa Marsico, Il Tevere e Roma nell’alto Medioevo. Alcuni aspetti del rapporto tra il fiume e la città, Roma (Società Romana di Storia Patria) 2018 (Miscellanea della Società Romana di Storia Patria 68), 260 S., Abb., ISBN 978-88-97808-54-1, € 25.

Flüsse als Lebensadern, landschaftsprägende Elemente, Grenzmarker und Kommunikationswege stehen seit mehreren Jahren verstärkt im Mittelpunkt stadt-, raum-, umwelt- und landschaftsgeschichtlicher Forschungen. Manche Flüsse werden sogar zu den europäischen Erinnerungsorten gezählt (URL: http://www.bpb.de/system/files/pdf_pdflib/pdflib-135594.pdf; 18. 6. 2019). Nicht so der Tiber; dennoch gilt auch für Rom, dass das Leben in der Stadt – bis zum Bau der heute das Stadtbild prägenden Flussmauern (1876–1926) – maßgeblich durch den Tiber gekennzeichnet war, angefangen von den wirtschaftlich wichtigen Häfen bis hin zu teils schweren Überschwemmungen. Anders als für die Zeit ab dem Spätmittelalter lassen sich die mit der Flussnähe verbundenen sozioökonomischen Dynamiken für das Früh- und Hochmittelalter wegen der dünnen Quellenbasis nur sehr ausschnitthaft analysieren. Um trotzdem für den Zeitraum zwischen dem 6. und 12. Jh. das soziale und wirtschaftliche Leben am Tiber so weit wie möglich zu rekonstruieren, integriert die Vf. in ihre Studie Untersuchungsergebnisse aus der Archäologie und städtischen Topografie und verschränkt in sechs Kapiteln topografische und thematische Aspekte eng miteinander. Das erste Kapitel widmet sich am Tiber gelegenen, extraurbanen Strukturen und Siedlungen nahe den Stadtmauern, und zwar der Vatikangegend (Engelsburg, civitas Leoniana, scholae peregrinorum, S. Spirito in Sassia) sowie St. Paul vor den Mauern mit der dortigen befestigten Siedlung (Johannipolis), während das zweite auf flussnahe Regionen mit Siedlungskontinuität innerhalb des Aurelianischen Mauerrings (Trastevere, jüdische Gemeinde, Tiberinsel, Campo Marzio, Ripagraeca und Aventin) eingeht. Im Zentrum des dritten Abschnitts stehen flussfernere Bauten in der Stadt (Kapitol, Torre delle Milizie), bevor in zwei weiteren Kapiteln Infrastrukturen, Naturkatastrophen, Ressourcen, Versorgung und Verteidigung sowie der Transport von Menschen und Waren zu Wasser thematisiert werden. Das Buch schließt mit Ausführungen zur Tibermündung (Ostia, Porto) und verzichtet auf eine konzise Zusammenfassung. Vielschichtige Transformationen und Bevölkerungsrückgang hatten seit der Spätantike das Stadtbild tiefgreifend verändert, und zwar vielerorts mit besonderer Orientierung auf den Tiber als Wasser- und Energieressource sowie als Verbindungs- und Versorgungsweg. So hatte beispielsweise die Engelsburg strategische Funktionen als befestigter Kontrollpunkt für vom Meer über den Tiber nach Rom kommende Schiffe. Ihre Position beeinflusste die Ausrichtung der zum Schutz von St. Peter errichteten Leoninischen Mauern ebenso wie der Verlauf zentraler Verkehrsadern und die Lage der Gebäude der scholaeperegrinorum, deren auch in Porto nachzuweisende Präsenz über die militärische Verteidigung hinaus ein Bindeglied im (Über-)Seehandel mit Rom darstellte. Hinter dem im 9. Jh. erfolgten Ausbau von Ostia (Gregoriopolis) und Porto sowie der an der Via Ostiense gelegenen Siedlung bei St. Paul vor den Mauern zu Verteidigungsanlagen standen ebenfalls strategische Motive. Innerhalb der Stadtmauern besaß das direkt dem Papst unterstellte Stadtviertel Trastevere durch seine „configurazione portuale“ (S. 36) sowie durch seine Anbindung an die Via Aurelia und Via Portuense große Bedeutung als Umschlagsplatz für Waren aus dem Norden und dem Mittelmeerraum, was nicht zuletzt die Niederlassung von Juden und anderen Personengruppen auswärtiger Provenienz beförderte. Genauso wirtschaftlich zentral blieb das Viertel an der Ripagraeca nahe dem portus Tiberinus, das dann im Hochmittelalter zu einem bevorzugten Wohnsitz einflussreicher römischer Adelsfamilien wurde. Überhaupt scheint die Weiternutzung antiker Hafenanlagen im Frühmittelalter ein Indiz dafür zu sein, dass der Tiber für die Versorgung der Stadt essentiell blieb, was u. a. auch an der Lage einiger Diakonien, Klöster und Kirchen deutlich wird. Ein weiteres, „alles andere als sekundäres Detail“ (S. 88) betrifft die zahlreichen posterulae, Öffnungen in der Stadtmauer am Tiberufer, die einen Durchlass für Waren und Menschen jenseits der Stadttore ermöglichten. Neben städtischen Märkten prägten ferner Wassermühlen und Fischerei – teils sogar bis ins 19. Jh. hinein – das mittelalterliche Stadtbild. Die Relevanz des Flusses zeigt sich aber auch an der engen Verbindung zwischen Salzproduktion und Fischerei oder an der Lage der für die städtische Versorgung wichtigen domuscultae, die wiederum den Bau von Wachtürmen und Befestigungsanlagen als Teil eines Verteidigungsnetzes von der Flussmündung bis Rom bedingten. Obwohl die schriftlichen und materiellen Quellen meist nur unverbundene und zeitlich verstreute Informationen bieten, die aus bestimmten Perspektiven bereits eingehend analysiert wurden, gelingt es der Vf., die zahlreichen Einzelbefunde unterschiedlicher Forschungsbereiche zusammenzuführen und komplexe Zusammenhänge sichtbar zu machen. Das Buch eignet sich deshalb als Einstieg, vertiefende Lektüre und Ausgangspunkt für künftige Arbeiten zur Thematik.

Kordula Wolf

Boris Gübele, Deus vult, Deus vult. Der christliche heilige Krieg im Früh- und Hochmittelalter, Ostfildern (Thorbecke) 2018 (Mittelalter-Forschungen 54), 449 S., ISBN 978-3-7995-4377-4, € 50.

Mit der Frage nach der christlichen Idee des „heiligen Krieges“ zielt Boris Gübele unter der Verwendung eines ideengeschichtlichen Ansatzes auf die Neubewertung eines seit jeher intensiv diskutierten Forschungsgegenstands der Mediävistik ab (vgl. etwa: Carl Erdmann, Die Entstehung des Kreuzzugsgedankens, Stuttgart 1935). Nachdem der Autor zunächst in Zurückweisung aller bisherigen Begriffsdefinitionen als Ausgangspunkt der Studie das weite Verständnis des „heiligen Krieges“ als eine Kulthandlung („so, wie wenn ein Gottesdienst zelebriert wird“, S. 24) etabliert, markiert er ein geschärftes Verständnis als Ziel der Analyse. Mit einer beachtlichen Quellenkenntnis und detailliertem Tiefgang analysiert der Autor hier von der Spätantike bis ins Hochmittelalter mehrheitlich Textquellen, aber auch einige bildliche Darstellungen und kann damit zeitlich weit zurückreichende Traditionslinien der Verbindung von Krieg und religiöser Sphäre aufzeigen. Die Haltung des spätantiken Christentums zeichnet sich ihm zufolge, wenngleich auch Gott bei Konstantin dem Großen als Schlachtenhelfer vorkomme und ebenso das augustinische Konzept des Bellum iustum über das gesamte Mittelalter wirkmächtig gewesen sei, mehr durch eine Rechtfertigung denn eine Sakralisierung des Krieges aus. Auch für die von Chlodwig über die Karolinger und Ottonen nachweisbaren Verbindungen von Krieg und christlich-religiöser Sphäre lehnt er die Bezeichnung „heiliger Krieg“ grundsätzlich ab, da Krieg hierbei noch nicht als heiliges Handeln an sich bewertet worden sei. In einem gewinnbringenden Blick nach Byzanz zeigt der Vf., wie Berichte über die Kriegszüge des oströmischen Kaisers Herakleios und die Deutungsmuster der darüber berichtenden Historiographie in den lateinischen Westen transportiert worden seien. Er kommt hier zu dem bisher nicht in dieser Form bekannten Befund, dass Herakleios auch im lateinischen Mittelalter als christlicher Kämpfer gedeutet und auch von der Kreuzzugsbewegung ab dem 11. Jh. als „Vorkämpfer“ wiederentdeckt worden sei (S. 383 f.). Das Verständnis eines „echten heiligen Krieges“ macht Gübele dann im 11. Jh. aus, etwa während der Eroberung Süditaliens durch die Normannen (S. 258–260). Neue Elemente seien dann während der Pontifikate Gregors VII., im Zuge von dessen „Orientplan“ (S. 267–274), und vor allem Urbans II. in den Diskurs eingegangen. Letzterer habe als maßgeblicher Begründer der Kreuzzugsbewegung dem Krieg auch zu seiner letztendlichen, für Gübeles Verständnis zentralen Sakralisierung verholfen, die er vor allem an der Vergebung der Sünden im Zuge des Kampfes für den Glauben festmacht. Als herausragend am neuen Konzept hebt der Autor dabei die Idee der Schlacht als Gottesdienst hervor, die kriegerisches und religiöses Handeln miteinander verschmelzen ließ (S. 335–337). Religiosität sei ab dem 11. Jh. zur „Triebfeder und Kern kriegerischer Handlungen“ (S. 385) geworden und die Imitatio Christi habe nun über Kriegertum stattfinden können (S. 386). Die hohe Dichte der in den Kreuzzugsquellen vorkommenden religiösen Denkmuster belegen dem Vf. zufolge so die neue Qualität des Krieges. Der Autor legt damit eine umfassende und in ihrer Quellendichte honorable Studie vor. An einigen Stellen hätten die Quellen sicherlich noch tiefer in Hinblick auf die Intention ihrer Autoren und ihre narrativen Spezifika diskutiert werden können, um den ideengeschichtlichen Zugang zu schärfen (vgl. beispielsweise S. 397 zur Frage der Schlachtenrede). Auch eine stärkere kategoriale Abgrenzung von „Krieg“ hätte durchaus weiteren Erkenntnisgewinn bringen können; eine Annäherung an das Attribut „heilig“ nimmt Gübele bewusst nicht vor (S. 388). Das verdienstvolle Werk wird die Forschungsdiskussion um die Heiligkeit von Krieg sicherlich gewinnbringend befruchten.

Sebastian Schaarschmidt

Rolf Grosse/Michel Sot (éd.), Charlemagne. Les temps, les espaces, les hommes. Construction et déconstruction d’un règne, Turnhout (Brepols) 2018 (Collection Haut Moyen Age 34), 605 pp., ill., ISBN 978-2-503-57797-5, € 95.

Il vol. raccoglie gli atti del convegno tenutosi nel 2014 a Parigi in occasione del 1200° anniversario della morte di Carlomagno. La ricorrenza ha propiziato l’opportunità di tornare a riflettere su uno dei personaggi più significativi della storia medievale europea. Gli studiosi impegnati nel convegno si sono proposti di superare le tradizionali celebrazioni del capostipite dei Carolingi, padre dell’Europa e fondatore dell’impero; hanno inteso, bensì, collocare il mezzo secolo del suo governo in un ambito spaziale e temporale più complessivo che enfatizzi sia gli aspetti tradizionali, sia quelli più innovativi del suo potere, attribuendo inoltre il giusto risalto agli spazi periferici del suo immenso dominio. Sebbene le fonti esaminate siano le stesse da tempo ormai nelle mani degli storici, lo scopo dei saggi raccolti è valorizzare questi materiali attraverso una prospettiva innovativa che indaghi i diversi aspetti del regno di Carlo, le sue iniziative, le sue creazioni e le sue acquisizioni, spingendosi ben oltre lo spazio geografico originario dei franchi, tra Loira e Reno. Il corposo vol. contiene ventotto saggi, compresa la conclusione di Michel Sot (Conclusions: Charlemagne: les temps, les espaces et les hommes. Construction et déconstruction d’un règne, pp. 567–574), suddivisi in sei sezioni tematiche. La prima si intitola „Penser et organiser le pouvoir“ e affronta gli strumenti di gestione del potere messi in atto da Carlo e il suo orizzonte di pensiero nell’idealizzare e concettualizzare il suo ruolo: Philippe Depreux, Charlemagne et les capitulaires: formation et réception d’un corpus normatif (pp. 19–41), Carine Van Rhijn, Charlemagne’s correctio: A Local Perspective (pp. 43–59), Karl Ubl, Die Recapitulatio solidorum aus der Zeit Karls des Großen. Studie und Edition (pp. 61–79), Maximilian Diesenberger, Karl der Große und die Predigt (pp. 81–99), Sumi Shimahara, Charlemagne, premier souverain chrétien commanditaire d’exégèse biblique? (pp. 101–117). La seconda parte, „Représenter le pouvoir“, si sofferma sull’uso dello spazio nel rappresentare il potere politico e religioso al tempo di Carlomagno: Sylvie Balcon-Berry, Les personnalités religieuses proches de Charlemagne à l’origine de la réalisation de complexes monumentaux: les exemples d’Autun et Reims (pp. 121–136), Sveva Gai, La construction des palais royaux à l’époque de Charlemagne: introduction de modèles de l’Antiquité dans une architecture d’origine germanique (pp. 137–164), Rosamund McKitterick, Charlemagne, Rome, and the Management of Sacred Space (pp. 165–179). „Uniformisation et résistances“ è il titolo della terza sezione che indaga gli strumenti politici e ideologici messi in pratica da Carlo e dalla sua corte per espandere il proprio potere su tutto l’impero: Matthias Becher, Omnes iurent! Karl des Große und der allgemeine Treueid (pp. 183–192), Warren Pezé, Un faussaire à la cour: hérésie et falsification pendant la controverse adoptianiste (pp. 193–226), Charles West, Carolingian Kingship and the Peasants of Le Mans: the Capitulum in Cenomannico pago datum (pp. 227–244), François Bougard, Le peseur du monde: l’orbicule de la royauté, de Charlemagne à Saint Louis (pp. 245–269), Sebastian Scholz, Normierung durch Konzile. Die Reformsynoden von 813 und das Problem der Überschneidung von geistlicher und weltlicher Sphäre (pp. 271–280). Con la quarta parte, „À l’est et au sud: modèles, émulation, innovation“, si valicano i confini del tradizionale dominio franco, indagando le aree periferiche dell’impero di nuova conquista in Gian Pietro Brogiolo, L’architecture en Italie du Nord entre Lombards et Carolingiens (pp. 291–318), Marco Stoffella, In a Periphery of the Empire: Tuscany between the Lombards and Carolingians (pp. 319–336), Geneviève Bührer-Thierry, À l’Est du Rhin: construction et gestion des espaces périphériques (pp. 337–349), e i rapporti con l’impero bizantino in Rudolf Schieffer, Karl der Grosse und das Kaiserreich der Griechen (pp. 283–290). „Communications et réseaux“, la quinta sezione, è composta dai saggi di Jean-Pierre Devroey/Nicolas Schroeder, Mettre l’Empire en réseau: Approvisionner et manger à la table de Charlemagne (pp. 353–370), Florian Hartmann, „A Textual Community“? Zur Lukrezrezeption karolingischer Gelehrter (pp. 371–384), Lawrence Nees, Networks or Schools? Production of illuminated manuscripts and ivories during the reign of Charlemagne (pp. 385–407), Courtney M. Booker, By Any Other Name? Charlemagne, Nomenclature, and Performativity (pp. 409–426), Simon Coupland, Charlemagne and his Coinage (pp. 427–451). Affronta, infine, il tema dell’eredità politica e culturale di Carlomagno la sesta sezione, „Anticipations et Héritages“, con i saggi di Jean-Pierre Caillet, Aux origines de l’architecture monastique du règne de Charlemagne: les éventuels antécédents du cloître à galeries (pp. 455–475), Charlotte Denoël, La Parole révélée: essai sur la symbolique visuelle du livre dans les livres d’Évangiles de l’époque de Charlemagne (pp. 477–505), Anne-Orange Poilpré, Représenter la vie du Christ sous le règne de Charlemagne (pp. 507–527), Richard Matthew Pollard, Charlemagne’s Posthumous Reputation and the Visio Wettini, 825–1851 (pp. 529–549), Mayke de Jong, Einhard, the astronomer, and Charlemagne’s Daughters (pp. 551–565). Dopo le conclusioni di Michel Sot, in calce al vol. sono compresi gli abstract dei saggi in lingua inglese e l’indice dei nomi di persona e di luogo.

Edoardo Manarini

Edoardo Manarini, I due volti del potere. Una parentela atipica di ufficiali e signori nel regno italico, Milano (Ledizioni) 2016 (Collana del Dipartimento di Studi Storici, Università di Torino 12), 395 pp., ill., ISBN 978-88-6705-453-4, € 28.

Lo „strutturale“ dualismo del potere nel regno italico altomedievale, un potere oscillante tra la dimensione funzionariale e quella più propriamente signorile, può considerarsi un tema ormai classico, un vero e proprio paradigma interpretativo della medievistica italiana. Valorizzando gli approcci metodologici di Gerd Tellenbach e Cinzio Violante, numerosi sono gli studi che, negli ultimi decenni, hanno analizzato la vicenda storica di gruppi parentali dell’aristocrazia italica: i tre voll. dei tre rispettivi convegni di Pisa „Formazione e strutture dei ceti dominanti nel medioevo“ (1988, 1996 e 2003) rappresentano senza dubbio uno dei prodotti più rappresentativi di tale florida stagione storiografica. È in questo filone di ricerche che si colloca la monografia di Edoardo Manarini, la quale, ripercorrendo l’evoluzione del gruppo parentale degli Hucpoldingi tra il secolo IX ed il XII, viene a colmare una singolare lacuna dovuta alla difficile „afferrabilità“ della discendenza del conte palatino Hucpold. Nella prima delle tre sezioni del vol., l’autore ricostruisce la discendenza di Hucpold, franco ripuaro stabilitosi in Italia nel contesto della spedizione dell’imperatore Lotario nell’847 e attivo in qualità di comes palatii nel primo decennio di impero di Ludovico II. Entro la terza generazione si definirono i tre principali ambiti di azione della parentela hucpoldingia: la Tuscia, l’Esarcato e la cosiddetta iudiciaria Mutinensis, a cavallo tra le odierne province di Modena e Bologna. Sotto gli Ottoni ed i primi due sovrani Salici individui appartenenti a diversi rami della discendenza hucpoldingia esercitarono cariche ducali o marchionali: Bonifacio e Tebaldo, Ugo il Grande e Bonifacio II come pure, da ultimo, Ugo II. Anche per gli Hucpoldingi, infine, i decenni a cavallo tra XI e XII secolo furono caratterizzati dall’emergere di lignaggi dinastici verticali con ambizioni signorili-patrimoniali ben definite: è questo il caso dei Conti di Panico, degli Adimari e dei Conti di Casalecchio. Facendo ampio ricorso alla documentazione „privata“, la seconda parte affronta la questione del radicamento fondiario della compagine hucpoldingia sui due versanti dell’Appennino tosco-emiliano. Nella Tuscia la presenza patrimoniale del gruppo fu precoce (IX secolo) e conobbe una notevole dilatazione allorché, a cavallo tra X e XI secolo, la Marca fu governata da Ugo e Bonifacio II e beni fiscali furono utilizzati per beneficiare enti monastici e ampliare la propria rete vassallatica. Tale presenza venne tuttavia diradandosi dopo l’estromissione di membri del gruppo dall’honor marchionale, sicché solo il ramo degli Adimari poté conservare una base fondiaria nel Fiorentino. Molto diverso è il quadro che emerge dall’analisi delle fonti d’area bolognese. È nella iudiciaria Mutinensis, infatti, che, esaurita la breve esperienza funzionariale di Bonifacio, la presenza fondiaria dei discendenti di Hucpold divenne maggiormente consistente, dando luogo a sviluppi significativi come la fondazione di monasteri „privati“ (su tutti S. Bartolomeo di Musiano) e la dinastizzazione del titolo comitale già nel X secolo. Nella terza sezione l’autore si sofferma su quegli elementi che potrebbero essere ricondotti ad una coscienza parentale comune: l’ostentata vicinanza ai detentori del potere regio (specie nelle prime generazioni), la dinastizzazione del titolo comitale in area bolognese, la progressiva definizione di uno stock onomastico, nonché la professio legis dei franchi ripuari. Una percezione della discendenza di Hucpold quale gruppo familiare da parte di „osservatori“ esterni è riscontrata nell’„Epitome chronicorum Casinensium“, mentre a singoli membri del gruppo dedicarono attenzione anche Liutprando nell’„Antapodosis“ e l’anonimo autore dei „Gesta Berengarii“. La monografia di Manarini ha il merito di ricostruire con estrema precisione l’ampia parentela e le dinamiche relazionali e patrimoniali di una compagine aristocratica sinora trascurata dalla storiografia. Le ripetizioni di taluni concetti e alcune imprecisioni linguistiche (il termine ‚Adel“, di genere maschile, è sistematicamente preceduto da aggettivo femminile, lo stesso vale per „Unterkönig“ a p. 42, n. 30) non sminuiscono il valore di una ricerca che arricchisce di un tassello, tanto importante quanto atipico, il mosaico dei ceti dominanti del regno italico altomedievale.

Étienne Doublier

Jean-Marie Martin/Annick Peters-Custot/Vivien Prigent (a cura di), L’héritage byzantin en ltalie (VIIIe–XIIe siècle), vol. 4: Habitat et structure agraire, Roma (École française de Rome) 2017 (Collection de l’École française de Rome 531), 432 pp., ill., ISBN 979-2-7292-1224-5, € 30.

Chris Wickham rightly states in his masterly conclusion to this work that „La storia dell’Italia bizantina è stata rinnovata in quest’ultimo decennio, grazie a una nuova generazione di ricercatori italiani e francesi“ (p. 383). In fact this vol., the fourth in a series of publications of five conferences held at the École française de Rome between 2008 and 2011 which analysed and compared the development of regions which came at various times under Byzantine authority, is a worthy tribute to the massive contribution to the study of Byzantine Italy made by French scholars such as Charles Diehl, Jules Gay, André Guillou and more recent members of the École. The present vol. deals with „habitat et structure agraire“ and covers not only the various regions of Byzantine Italy from Venice in the North to Sicily in the South but various aspects of the economy including settlement, large estates, agrarian contacts, production and commerce. It has to be said that some areas are given fuller treatment than others; Lazio, Puglia, Sardegna and Calabria receive one paper each, by Alessandra Molinari, Giovanni Stranieri, Alessandro Soddu and Annick Peters-Custot respectively, but each of these is useful and illuminating and complements the extensive work previously carried out by French scholars. The corollary of this is that there is full treatment of three areas in particular. Thus Ravenna and its hinterland attract the attention of Sauro Gelichi, discussing Byzantine connections on the North-West seaboard of the Adriatic, Nicola Mancassola on the large estates of the Exarchate and Salvatore Cosentino on merchants and objects traded in the Ravenna area. There is a similarly rich harvest for scholars of Sicily: Vivien Prigent writes on large estates in the early middle ages, Luca Arcifa on the archaeological evidence for such estates and Annliese Nef on the documents of the Sicilian diwan as a source for the Byzantine past. Particularly welcome are the three studies devoted to the duchies of the Tyrrhenian coast, an area which has previously received comparatively little attention. Here we have two excellent papers by Jean-Marie Martin, one on settlement and social relations and the other on agrarian contracts, and a third, by Amedeo Feniello, on trade in the 10th and 11th centuries. Space does not permit a detailed discussion of all these contributions, some of which are syntheses of recent work and others detailed and illuminating presentations of original research. This reviewer will confine himself to singling out two striking papers. Vivien Prigent offers important new insights into the nature and extent of estates in Sicily and their integration into the tax system. In his paper on large properties in the Ravenna area, Nicola Mancassola makes a clearer distinction than is customary between the estates of the archbishop and those of monasteries and secular landlords and postulates the development of new forms of land management in the ninth and tenth centuries. All the papers in fact contain a wealth of useful scholarly material, convincingly demonstrate the social and economic dynamism of these Byzantine and formerly Byzantine provinces and (most importantly) include extensive and useful bibliographies. The editors are also to be commended for including useful resumés in French and English and a comprehensive index, a feature all too often lacking in conference vols. Altogether there are two rewarding features of this exemplary vol. The first is the detailed evidence it offers for the diverse but vigorous development of the various areas associated with Byzantium. The second is a demonstration of the common experiences and contacts in all these areas and the fact that, as Wickham points out (p. 394), they represent „dal punto di vista economico … un insieme“.

Thomas S. Brown

Margherita Feller, La Recensio Wissenburgensis. Studio introduttivo, testo e traduzione, prefazione di Paolo Gatti, Trento (Università degli Studi di Trento) 2018 (Labirinti 175), 198 S., ISBN 978-88-8443-796-9, € 12.

Die Fabel diente seit der Antike als bevorzugte Gattung, Wertvorstellungen und Grundtugenden kindgerecht zu vermitteln. Aufgrund ihrer Kürze und relativ einfachen Sprache findet die lateinische Fabel bis heute teilweise didaktischen Einsatz als Eingangslektüre im Sprachunterricht. Da die fabula aber nie als „hohe“ Literaturgattung definiert wurde, und da die Einzelstücke in gebrauchsorientierten Sammlungen vereinigt waren, verfügen wir in der Regel nur über eine fragmentarische Überlieferung. Die in augusteischer oder nachaugusteischer Zeit entstandene Fabelsammlung des Phaedrus (in jambischen Senaren) wurde in der Spätantike in eine Prosaversion umgeschrieben, die (nach dem Vf. eines Eingangsbriefes) unter dem Titel „Romulus“ kursierte. Dieser ist in drei Handschriftensträngen, die im Wesentlichen auf das 9. bis 10. Jh. zu datieren sind, überliefert. Eine davon, die sogenannte Recensio Wissenburgensis, wird in vorliegender Arbeit ediert und übersetzt. Die Vf.in widmet in einer ausführlichen Einleitung (S. 9–42) der Beschreibung der einzigen Hs., des Wolfenbütteler Codex Gudianus Latinus 148, dem Aufbau der Sammlung und der Einordnung in die komplizierte Überlieferungslage des „Romulus“ breiten Raum. Die Definition der Recensio Wissenburgensis als eigenständiger Überlieferungsstrang ist sehr überzeugend. Ob in ihr eine Kontamination zwischen dem „Ur-Romulus“ und verlorenen Phaedrus-Fassungen vorliegt, kann philologisch nicht abschließend geklärt werden. Leider ist der Vf.in bei der Provenienzbestimmung der Hs. ein Fehler unterlaufen: Der Kodex stammt nicht aus Weißenburg in Bayern, sondern aus dem Kloster der Hl. Petrus und Paulus in Wissembourg (im heutigen Nordelsass). Wie die Leiths. der parallelen Recensio gallicana ist er also im nordfranzösisch-lothringischen Raum zu verorten und könnte somit die spätkarolingische Bildungs- und Schulpolitik dokumentieren. Die Edition (mit paralleler italienischer Übersetzung) nimmt die S. 46–191 ein. Die einzelnen Fabeln sind strikt nach der Bucheinteilung und Ordnung der Hs. aufgeführt, während die Vorgängeredition von Georg Thiele (Der lateinische Äsop des Romulus und die Prosa-Fassungen des Phädrus, Heidelberg 1910) die einzelnen Fabeln in einen rekonstruierten Gesamtkorpus des „Romulus“ einfügte (eine Konkordanz zur Zählung von Thiele findet sich S. 192–195). Die Hs. weist zahlreiche sprachliche Besonderheiten und Fehler auf. Bei der Textkonstituierung wurde ein Kompromiss zwischen Handschriftennähe und Lesbarkeit gesucht, der nicht in jedem Fall eindeutig überzeugt; die Kriterien werden aber in der Einleitung (S. 38–42) detailliert vorgestellt, die ursprüngliche Lesart der Hs. ist aus dem textkritischen Apparat eindeutig erkennbar. Mit der vorliegenden Edition wird eine wichtige Textgattung der antiken und mittelalterlichen „Alltagsliteratur“ und Schulbildung in einer ansprechenden und preisgünstigen Ausgabe zugänglich gemacht. Die (vorsichtige) Rekonstruktion der komplizierten Überlieferungslage ist absolut überzeugend. Naturgemäß treten in einer philologischen Arbeit historische Aspekte eher in den Hintergrund. Im Kontext der karolingischen Bildungsgeschichte und Schulreform und unter dem Aspekt der Vermittlung antiken Kulturguts im Mittelalter bietet die Studie darüber hinaus auch dem Historiker interessante Einblicke.

Thomas Hofmann

Reuven Amitai/Christoph Cluse (Eds.), Slavery and the Slave Trade in the Eastern Mediterranean (c. 1000–1500 CE), Turnhout (Brepols) 2017 (Mediterranean nexus 1100–1700 5), 487 S., ISBN 978-2-503-57019-8, € 125.

Der Mittelmeerraum der Vormoderne steht seit gut fünfzehn Jahren im Fokus der neuen Sklavereiforschung. Unzählige Konferenzen und Tagungsbde. widmen sich dem mittelmeerischen Menschenhandel vor dem transatlantischen Dreieckshandel und fragen nach den transkulturellen Verflechtungen zwischen Kaffa, Konstantinopel, Alexandria, Genua und Venedig. Auch die 2009 in Trier veranstaltete Tagung, deren Ergebnisse nun im Druck vorliegen, fällt in dieses Feld. Allerdings hält der Bd. wichtige Einsichten bereit, die in der bisherigen Diskussion fehlten. Der Fokus des Buches liegt auf der sogenannten „Mamluk institution“, d. h. auf dem Import und der Ausbildung von Militärsklaven zentralasiatischer Herkunft, die zwischen ca. 1250 und 1500 das Rückgrat des ägyptischen Sultanats bildeten. Im Konflikt zwischen dem Reich der Mamluken und dem mongolischen Ilkhanat, so hatte es Andrew Ehrenkreutz 1981 formuliert, konvergierten ökonomische, diplomatische und strategische Interessen und führten zu einer überregionalen Kooperation. Die Mamluken benötigten „Rohmaterial“ für ihre Armee im Krieg gegen das Ilkhanat, und die Goldene Horde belieferte sie. Die Genuesen transportieren die männlichen Sklaven nach Ägypten und brachten die weiblichen Sklavinnen nach Europa, und die Byzantiner verdienten an der Durchfahrt dieses Handels durch ihr Gewässer. Reuven Amitai und Christoph Cluse, die beiden Hg. dieses Bd., möchten diese Annahmen nun mit jüngsten Ergebnissen aus den Islamwissenschaften, der mediävistischen Wirtschaftsgeschichte und der Byzantinistik konfrontieren und das „Mamluk system“ in seinen breiteren Entstehungskontext einbetten. Das Buch überzeugt dabei durch einen äußerst kohärenten Aufbau. Auf Darstellungen zum kulturell-religiösen Hintergrund der mittelmeerischen Sklaverei aus christlich-lateinischer (Norman Housley), muslimischer (Kurt Franz), jüdischer (Miriam Frenkel) und byzantinischer (Johannes Pahlitzsch) Sicht folgt eine Auseinandersetzung mit dem Aufstieg (Amir Mazor) und Niedergang (Yehoshua Frenkel) des Mamlukenreichs, bevor die Rolle der handelnden Genuesen (Michel Balard), Venezianer (Danuta Quirini-Poplawska) und Katalanen (Ernest Marcos Hierro) in diesem Geschäft diskutiert wird. Das eigentliche Herzstück des Bd. aber bildet die kritische relecture der Ehrenkreutz-These durch eine gelungene Perspektivkreuzung unterschiedlicher Disziplinen und empirischer Befunde. Hier, im letzten Teil des Bd., lesen sich die einzelnen Beiträge eher wie aufeinander aufbauende Buchkapitel denn wie eine Sammel-Publikation von Tagungsbeiträgen. Drei Einsichten scheinen zentral. Erstens: Die mittelmeerische Sklavereiforschung hat sich jahrzehntelang in erster Linie auf die lateinische Notariatsüberlieferung gestützt. Sowohl Georg Christ als auch Annika Stello führen jedoch vor, dass dieses notarielle Verwaltungsschriftgut nur einen Teil der Handelsgeschichte abbildet. Die in Alexandria ansässigen venezianischen Notare, so Christ, registrierten beispielsweise in erster Linie den Transfer von „weißen“ Sklavinnen und Sklaven aus Zentralasien und Osteuropa. Die Privatarchive venezianischer Kaufleute hingegen erwähnen andere Sklavinnen und Sklaven, insbesondere auch „schwarzer“ Hautfarbe. Ähnlich erfassten die Notariatsregister im genuesischen Kaffa, Stello zufolge, primär die Aktivitäten italienischer Kaufleute und ließen den Anteil genuesischer Sklavenhändler überproportional groß erscheinen. Die Massaria-Register hingegen, welche die Steuerzahlungen aller in Kaffa Handel treibenden Personen unabhängig von Herkunft und Status aufnahmen, zeichnen ein ganz anderes Bild von der Zusammensetzung der im Schwarzmeerraum aktiven Sklavenhändler. Zweitens ergibt sich aus Stellos Auswertung der Massaria-Register ebenso wie aus der von Reuven Amitai und Jenia Yudkevich vorgenommenen Durchsicht der mamlukischen Überlieferung, dass der Seeweg nicht die wichtigste Route für die Belieferung des ägyptischen Sultanats mit Militärsklaven gewesen sein konnte und weit mehr Sklaven auf dem Landweg über Kleinasien nach Alexandria gelangt sein mussten. Die ökonomische Ratio des verfeindeten Ilkhanats, so Amitai, tolerierte offenbar die Durchfahrt des zentralasiatischen „Rohmaterials“ für das Mamlukenheer. Drittens scheint die Beteiligung genuesischer Kaufleute am mamlukischen Sklavenhandel deutlich später eingesetzt zu haben und weit weniger umfangreich ausgefallen zu sein als bislang angenommen. Bis 1300 ist in der mamlukischen Überlieferung Amitai zufolge nur von muslimischen Kaufleuten die Rede, die Männer und Frauen aus Zentralasien auf mamlukischen Schiffen nach Ägypten transportierten. Auch in der lateinischen „De recuperanda“-Tradition, so Cluse, wurde die Vorstellung einer Seeblockade zur Überwindung des Islam bis zum Konzil von Vienne 1311–1312 nirgendwo mit dem Sklavengeschäft zur See in Verbindung gebracht. Die Rolle der Genuesen als strategischem Partner in diesem Geschäft scheint zudem, basierend auf dem stark rezipierten dominikanischen Traktat „De modo Saracenos extirpandi“ von 1317, eher eine Konstruktion des 19. Jh. gewesen zu sein. Der Genuese Segurano Salvaygo, der in diesem Traktat zum Stereotyp des schlechten Christen aufgebaut wird, erscheint in der mamlukischen Überlieferung, Jenia Yudkevich zufolge, jedenfalls als weithin geschätzter Diplomat, nicht aber als Transporteur von Militärsklaven. Der Bd. führt somit überzeugend vor, wie der interdisziplinäre Dialog über die Sprachraumgrenzen hinweg Verzerrungen der Überlieferungsbildung aufzuspüren vermag. Was jedoch hier, wie auch in der sonstigen Diskussion zur mittelmeerischen Sklaverei, nach wie vor zu kurz kommt, ist die Integration der zentralasiatischen Perspektive und der nicht-schriftlichen Überlieferung durch die Einbeziehung der Kolleg/-innen aus der Mongolistik und der Archäologie.

Juliane Schiel

Pasquale Natella, I Sanseverino di Marsico. Una terra un regno, vol. II: Dalle signorie alle contee ai principati (1081–1568), Salerno (Arci Postiglione) 2018 (Centro di Cultura e Studi Storici Alburnus), 935 pp., ill., ISBN 978-88-97581-36-9, € 100.

Si tratta della prosecuzione di un lavoro di riscrittura, piuttosto che revisione, in due voll. di una precedente opera dell’autore, pubblicata nel 1980. Un primo vol. è stato pubblicato nel 2008 (cf. recensione in: QFIAB 89 [2009], p. 666) e già manifestava pregi e limiti dell’opera. Secondo il titolo dovremmo avere di fronte una trattazione di tipo genealogico delle vicende di un ramo di una delle famiglie più importanti della feudalità meridionale tra XII e XVI secolo. Della vasta rete della famiglia Sanseverino si seguono infatti le vicende del ramo che fece di (Mercato) S. Severino il suo centro di riferimento, tanto da trarne il cognome, e poi assunse il titolo di conti di Marsico, aggiungendo una serie crescente di possedimenti feudali e burgensatici, sino al conseguimento del titolo di Principi di Salerno e al trasferimento residenziale in Napoli, nel palazzo Sanseverino presso S. Chiara. Il vol. si compone di 12 parti; di queste, le prime dieci ripercorrono le vicende della famiglia con suddivisioni per generazioni o secoli sino alla „Dissoluzione“ (Parte Undicesima) seguita alla fuga da Napoli e poi morte in Francia di Ferrante alla metà del XVI secolo. Un’ultima, corposa parte (pp. 611–856) è dedicata ad una rassegna per documenti, notizie, curiosità e immagini delle località passate per il dominio sanseverinesco. L’autore è sicuramente un valente conoscitore della documentazione relativa alla famiglia e alle zone interessate dal dominio dei Sanseverino, ma purtroppo non è sorretto da uno spirito metodico e non si pone nei panni di un lettore che deve navigare attraverso quasi mille pagine di storia familiare e locale senza il supporto di una qualche tavola genealogica, che aiuti a seguire le complicatissime reti di discendenze e di alleanze matrimoniali della nobiltà regnicola, oppure di carte geografiche per una visione d’insieme dell’evolversi dello Stato dei Sanseverino nell’arco di cinque secoli, sia per estensione sia per tipologia di dominio e possesso. Neppure aiuta uno stile di scrittura creativo e certo molto ostico per un lettore straniero. Sarebbe stata utile invece una più attenta revisione del ponderoso vol. Segnalo di seguito solo alcune sviste o incongruenze. Secondo il titolo la trattazione si chiude con il 1568, in quanto anno di morte dell’ultimo rappresentante della casata, Ferrante; ma a p. 601 lo stesso autore rileva che ormai pare acclarato che l’anno di morte è il 1567 e non il 1568. Nella prima frase del vol., a p. 9, si dice di Trosio I che „un suo figlio sposerà la figlia d’un principe di Salerno“, ma a p. 35 lo stesso autore rileva che tale „apparentamento principesco in effetti non sussisteva“ per il secondogenito Roberto, mentre il primogenito Ruggero I aveva sposato una nipote del principe Guaimario IV. A p. 358 diventa principe di Taranto nel 1442 un incongruente „Gabriele“ Del Balzo Orsini. Sarebbe inutile e ingeneroso proseguire, anche perché il vol. offre comunque elementi di interesse nelle indicazioni di carattere topografico, nell’uso di documentazione del XV e XVI secolo spesso inedita e in una bibliografia che tiene conto di molta produzione anche locale e spesso poco nota. Aiuta la consultazione un ampio indice analitico nelle pp. 885–935.

Francesco Panarelli

Benjamin Schönfeld, Die Urkunden der Gegenpäpste. Zur Normierung der römischen Kanzleigewohnheiten im 11. und im beginnenden 12. Jahrhundert, Köln-Weimar-Wien (Böhlau) 2018 (Papsttum im mittelalterlichen Europa 7), 456 S., Abb., ISBN 978-3-412-50913-2, € 70.

In der auf absolute Stringenz angelegten Papstreihe der katholischen Kirche, die sich beispielsweise im offiziellen Organ des „Annuario pontificio“ manifestiert, wird eindeutig zwischen den rechtmäßigen Päpsten und den sogenannten „Gegenpäpsten“ unterschieden. Lange Zeit wurde das Phänomen konkurrierender Kandidaten um den Stuhl Petri – wenn man von der Phase des „Großen Abendländischen Schismas“ absieht – von der Geschichtswissenschaft weitgehend vernachlässigt. Erst in den letzten Jahren nahm dieses Thema unter der Fragestellung nach der Legitimation des Papstes einen wichtigen Platz in der historiographischen Diskussion ein (vgl. Harald Müller/Brigitte Hotz [Hg.], Gegenpäpste. Ein unerwünschtes mittelalterliches Phänomen, Wien u. a. 2012; Harald Müller [Hg.], Der Verlust der Eindeutigkeit. Zur Krise päpstlicher Autorität im Kampf um die Cathedra Petri, München 2016). In diesen Forschungsstrang reiht sich die vorliegende Münchener Dissertation ein, die die Gegenpäpste des 11. und 12. Jh. auf der Basis der von ihnen ausgestellten Urkunden zum Thema hat. Methodologisch verbindet der Vf. eine detaillierte grundwissenschaftliche Untersuchung zur Papstdiplomatik mit der ideengeschichtlichen Fragestellung nach der Strategie der päpstlichen (und gegenpäpstlichen) Legitimation im Rechtsakt der Papsturkunde. Ein umfangreiches einleitendes Kapitel (S. 13–91) beleuchtet unter den Überschriften „Problemhorizont“, „Forschungsstand“, „Fragestellung“ und „Quellenbestand und methodisches Vorgehen“ die Grundlagen der Arbeit. Besonders zu betonen ist die terminologische Differenzierung, eine schismatische Situation „… als noch unentschiedene Auseinandersetzung zweier miteinander konkurrierender Päpste [zu] interpretieren“ (S. 57 f.). Damit erhalten die Urkunden zusätzlich die (wichtige) Funktion „eines Übermittlungsmediums von legitimationsstiftenden Botschaften“ (S. 58). Aufgrund der faktisch gegebenen schlechten Überlieferungslage gegenpäpstlicher Urkunden werden Originaldiplome der „legitimen“ Päpste zum Vergleich herangezogen. Die „Analyse der Quellen“ im zweiten Kapitel (S. 92–191) bildet den Kern der Studie. Mit dem Schwerpunkt auf dem sogenannten „Wibertinischen Schisma“ (1084–1100) werden die äußeren und inneren Merkmale der Urkunden Gregors VII., Clemens’ III., Urbans II. und Paschalis’ II. untersucht. Protokoll, Eschatokoll und Unterfertigung lassen eine zunehmende Homogenisierungstendenz erkennen (S. 99–127). In der Eingangszeile setzt sich eine elongata mit hervorgehobener Initiale durch, bei der Unterfertigung wird zunehmend auf die graphischen Symbole der rota und des bene valete zur Legitimierung normiert. Auch bei den inneren Merkmalen (S. 127–144) verfestigt sich das Formular: Während die intitulatio bereits seit Gregor VII. auf die Formel episcopus servus servorum Dei normiert ist (mit einer einzigen Ausnahme bei Clemens III.), ist bei der inscriptio erst unter Urban II. und Paschalis II. ein ähnlicher Normierungsprozess festzustellen. Von besonderer Bedeutung ist die Frage der eigenhändigen Unterschrift (S. 144–177). Die in der Regel fehlende eigenhändige Unterschrift bei Clemens III. steht in Kontrast zur gegenläufigen Praxis bei Urban II. und Paschalis II. Dies wird vom Vf. überzeugend mit unterschiedlichen Legitimationskonzeptionen gedeutet. Interessanterweise sollte die von Clemens III. angewandte Praxis der Subskriptionen, die den Unterstützerkreis und die Reichweite der Obödienz dokumentieren sollten, sukzessive in der abgewandelten Form der Kardinalsunterschriften Eingang in das Formular der Papsturkunden finden. Ein Exkurs über die Schriftform (S. 178–191) schließt dieses Kapitel ab. Einzelne Phänomene, wie eine Reduzierung der Zeilenhöhe oder die Eindämmung von Ober- und Unterlängen, lassen auch in diesem Bereich Normierungstendenzen erkennen. Die Hypothese des Vf., diese Entwicklungen mit einem wachsenden Einfluss süditalienisch-montecassinensischer und französischer Traditionen gegenüber dem Stil der salischen Herrscherurkunde zu begründen, ist durchaus plausibel. Zur Verdeutlichung wären allerdings einschlägige Beispiele dieser Schreibschulen hilfreich. Möglicherweise sind lokale Einflüsse (wie z. B. die ravennatische Tradition unter Clemens III.) verstärkt in die Diskussion einzuführen. Der zweite Teil der Arbeit dokumentiert die analytischen Ergebnisse in einem umfassenden Verzeichnis aller nachgewiesenen Urkunden der „Gegenpäpste“ von Benedikt X. (1058–1059) bis Calixt III. (1168–1178) (S. 203–331). Die Einträge sind chronologisch geordnet und enthalten in übersichtlicher Form Datum, Ausstellungsort, Regest sowie Angaben zu Überlieferungslage, Editionen und Literatur. Bei den über 60 im Original erhaltenen Urkunden liefert der Vf. zusätzlich eine eigene Transkription und Angaben zu rota, bene valete, Subskriptionen und zur Datumszeile. Mit Spuria und Deperdita belaufen sich die Einträge auf insgesamt 275 Nummern. Folgend (S. 332–370) werden in Kurzform alle zum Vergleich herangezogenen Urkunden der „legitimen“ Päpste aufgelistet. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis (S. 371–421), eine sehr nützliche Liste der Protokollformeln der Päpste und „Gegenpäpste“ des „Wibertinischen Schismas“ (S. 422–436), eine Konkordanz mit den Urkundennummern bei Jaffé und in den „Pontificia-Serien“ (S. 437–446) und ein Personen- und Ortsregister (S. 447–456) runden die Studie ab. Die Arbeit mit ihrer überzeugenden Kombination von Urkundenanalyse und detailliertem Verzeichnis stellt ein Maßstäbe setzendes Nachschlagewerk für die Papstdiplomatik des ausgehenden 11. und beginnenden 12. Jh. dar. Mit der Einbindung in den aktuellen Forschungsdiskurs zu den „Gegenpäpsten“ und zur päpstlichen Legitimation ist über die Urkundenforschung hinaus die Lektüre für alle Historiker/-innen, die sich mit dieser Phase der hochmittelalterlichen Geschichte und mit Papstgeschichte im Allgemeinen beschäftigten, lohnenswert und überaus gewinnbringend. Zweifelsohne konnten nicht alle Probleme eines komplexen Normierungsprozesses und päpstlicher Legitimierungsstrategien abschließend gelöst werden. Insbesondere die Frage eventueller lokaler Einflüsse von Schreib- und Urkundentraditionen sowie der Problemkreis der Rechtssicherheit für Empfänger „gegenpäpstlicher“ Urkunden, der vom Vf. bewusst ausgeblendet wird, bieten Möglichkeiten für weiterführende Untersuchungen. Für alle Studien in diesem Kontext wird die vorliegende Arbeit aber eine unerlässliche Basis bieten.

Thomas Hofmann

Codice diplomatico aretino. III: Le carte di Santa Maria in Gradi, vol. I (1029–1198), a cura di Benedetta Cenni, Spoleto (Fondazione Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo) 2018 (Palaeographica 6. Documenti 2), XLVI, 215 S., ISBN 978-88-6809-158-5, € 35.

Si è già data notizia in questa rivista (QFIAB 96 [2016], pp. 455–469, particolarmente pp. 457–461) della nascita nel Dipartimento di Scienze storiche e dei beni culturali dell’Università di Siena dell’articolata collana „Palaeographica“: il vol. che si presenta è il secondo a uscire nella sotto-collana Documenti, dedicata all’edizione delle fonti documentarie. Come il primo, rivolto alle carte della Canonica di Arezzo, anche questo offre l’edizione di documenti conservati presso l’Archivio Capitolare aretino, una ricca miniera ancora da valorizzare in pieno. Il profilo dei due lavori è però decisamente diverso poiché, mentre l’edizione delle più antiche carte della Canonica comprende trentasei diplomi imperiali e regi e quattro documenti pontifici su cinquantuno pezzi, la maggior parte dei cento documenti presentati – così nell’introduzione (p. XIX), ma vengono poi numerate novantanove edizioni; non risulta molto chiara la ripartizione e il computo dei diversi tipi di documento (si veda in particolare alle pp. XX–XXI, note 83–101) – e distribuiti in novantasei pergamene sono atti privati, cui vanno aggiunti pochi documenti vescovili e papali; del tutto assente risulta la documentazione regia. La tipologia di ciascun documento non viene esplicitata in apertura di ogni singola edizione: questa scelta è un uso sempre più affermato dai diplomatisti che, però, può suscitare qualche rimpianto in chi dell’edizione si voglia avvalere per vari usi interpretativi. L’introduzione offre, comunque, diversi elementi per un primo orientamento sulla raccolta documentaria, a partire dal tentativo di individuare la provenienza di questi documenti. Infatti, il fondo „Santa Maria in Gradi“ raccoglie atti che vedono coinvolti più enti e che, dunque, potrebbero essere stati in origine prodotti e conservati per essi e solo in seguito confluiti in tale raccolta. Inoltre, il titolo di Santa Maria in Gradi sembra essere collegabile a una chiesa nell’area suburbana di Arezzo, dipendente da un’abbazia rurale, Santa Maria di Agnano, e che poi in monastero evolvette; sebbene ci sia anche chi ritiene che si tratti di due distinte fondazioni, un monastero e una pieve, è tuttavia almeno certo che ci fosse uno stretto rapporto tra Santa Maria in Gradi e Agnano. Un’ulteriore difficoltà è data dalla mutevolezza della denominazione di Santa Maria in Gradi, non solo perché nei documenti si parla ora di chiesa ora di monastero ma perché varia anche la determinazione locativa, tra „in Graticulis“ (doc. 75, a. 1172), „in Gradibus“ (docc. 50 e 96, rispettivamente a. 1138 e 1198), „in Cratibus“ (docc. 76, 97, 98, a. 1173, per il 76 e 1198 per gli altri due), nonché „que dicitur Gratiçata“ (doc. 32, a. 1106) e „in Graticciata“ (doc. 67, a. 1154). La questione è complessa e, certo, non risolvibile in questa sede, anche perché Santa Maria in Gradi appare, in questa documentazione, sempre definita come „ecclesia“ (docc. 32, 50, 75, 76, 96, 97 e 98) con l’unica eccezione di un documento papale (doc. 67) in cui viene invece definita „monasterium“. Se, poi, si va a indagare su chi la amministrasse, si troverebbero un pievano e preposito „canonice ecclesie“ (doc. 50), un priore (doc. 76), un „presbiter“ (doc. 96) e dei „clerici“ e „laici“ (doc. 97) che divengono nel doc. 98 „clerici“ e „monaci“ ma questi ultimi per una proposta di integrazione che non sappiamo quanto sia basata su una pur difficoltosa lettura delle lettere „mona“; può essere, in proposito, di interesse che il documento papale sopra ricordato (doc. 67) si rivolga ai „fratribus regularem vitam professis“. Sono tutti indizi meritevoli di approfondimenti e non per un interesse proprio di quella che viene talvolta definita con qualche sufficienza „microstoria“, perché la storia territoriale è necessaria anche alla „grande“ storia generale per fornirla di basi documentate: in questo caso, pare ancora meritevole di attenzione la relazione tra monasteri e chiese, tra chierici, canonici, presbiteri e monaci, nonostante non siano mancati gli studi al riguardo. L’introduzione affronta aspetti diplomatistici dei documenti, pervenutici tutti, tranne uno, in originale, e si addentra in un’analisi del fondo, quantitativamente più che discreto (744 pergamene fino al 1694), di certo utile per un progressivo approfondimento delle conoscenze sulla documentazione scritta dell’area aretina. Fanno seguito altre pagine legate agli usi cronologici: i problemi di datazione, come è noto, non sono pochi per la documentazione altomedievale. Anche l’edizione che si va presentando ha dovuto affrontarne non pochi e si farà qui cenno solo a uno, in relazione alla datazione del doc. 86, p. 142, con cui Clemente III attribuisce alla chiesa di San Michele la protezione apostolica. Tale atto viene posticipato di un anno rispetto alla tradizione di edizioni e regesti precedenti: sempre in relazione a un documento relativo a Clemente III, si tratta di una variazione già comparsa in un’altra, ottima iniziativa editoriale (Carte della badia di Settimo e della badia di Buonsollazzo, a cura di Antonella Ghignoli e Anna Rosa Ferrucci, Firenze 2004, doc. 96, pp. 210 sg.), ma in nessuno dei due casi viene data esaustiva spiegazione circa questa scelta, non così secondaria. Se le opere mediocri non meritano più di tanta attenzione, le buone iniziative come il „Codice diplomatico aretino“ possono sempre migliorarsi, muovendo da una solida base che può essere ulteriormente rafforzata.

Mario Marrocchi

Maria Boccuzzi/Pasquale Cordasco (a cura di), Civiltà a contatto nel Mezzogiorno normanno svevo. Economia società istituzioni. Atti delle ventunesime giornate normanno-sveve, Melfi, Castello Federiciano, 13–14 ottobre 2014, Bari (Adda) 2018 (Centro di Studi Normanno-Svevi, Università degli Studi di Bari „Aldo Moro“. Atti 21), 483 pp., Abb., ISBN 978-88-6717-391-4, € 35.

Der zu besprechende Bd., hg. von Maria Boccuzzi und Pasquale Cordasco, geht auf die 21. Giornate normanno-sveve zurück, die am 13. und 14. Oktober 2014 in Melfi stattfanden. Der inzwischen vierzigjährigen Tradition des Zentrums angemessen versammelt er zehn Aufsätze zum Thema „Civiltà a contatto nel Mezzogiorno normanno svevo. Economia società istituzioni“. Der Bd. beginnt mit einer konzisen Einführung Cosimo Damiano Fonsecas, die den Titel „Civiltà a contatto nell’Italia meridionale prenormanna. Assimilazioni e repulsioni“ trägt. Fonseca stützt seinen Beitrag auf drei Forschungsfelder, denen sich die Tagung besonders gewidmet hat, und geht zudem auf die Konzepte Assimilation, Ausgrenzung und Grenzen ein. Das erste Feld betrifft die geopolitische Situation Süditaliens vor der normannischen Eroberung; das zweite die Identifikation der unterschiedlichen ethnischen Gruppen, die sich im Hochmittelalter im Süden niedergelassen haben; das dritte die Resultate des mitunter konfliktreichen Aufeinandertreffens der verschiedenen Kulturen in Süditalien. Die Frage, ob das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen in Sizilien friedlich verlief, wird ausführlich im Beitrag von Francesco Paolo Tocco diskutiert: „Coesistenza e acculturazione nella Sicilia normanno-sveva“. Römern und Langobarden widmet sich hingegen Jean-Marie Martin. Der französische Gelehrte analysiert systematisch diese beiden Völker, die im nördlichen Teil des Königreichs lebten, die Römer in den Herzogtümern Amalfi, Gaeta und Neapel, die Langobarden überall auf dem Festland; sie hatten die gleiche Religion und Sprache, unterschieden sich aber im Personen- und Familienrecht. Martin untersucht auch die soziale Oberschicht und zeigt zum Beispiel, wie in den lombardischen Gebieten die lokale Aristokratie in das normannische Herrschaftssystem eintrat und öffentliche Rechte erwarb, während die comites in Amalfi nicht zu königlichen Vasallen wurden. Ein eigener Beitrag über die „Deutschen“ stammt von Kristjan Toomaspoeg. Dieser geht von dem berühmten Aufsatz Norbert Kamps über die Präsenz der „Deutschen“ in Süditalien aus und dehnt die Untersuchung auf die Gebiete der Nordhanse und der Ostsee aus. Toomaspoeg zeigt eine starke Präsenz der „Deutschen“ zwischen 1194 und 1197 während der Herrschaft Heinrichs VI.; diese Periode war entscheidend für die langfristige Stabilität und den späteren Reichtum des Deutschen Ordens auf der Insel. Einen Vergleich zwischen Frauen und Familien, welche die Geschichte Süditaliens beeinflussten, zieht Nikolas Jaspert in seinem Aufsatz über Konstanze von Aragon, die erste Frau Friedrichs II., und Konstanze von Sizilien, die Tochter Manfreds und Frau Peters III. von Aragon. Jaspert analysiert die Beziehung zwischen Staufern und Aragonesen sowie die Handlungen dieser beiden wichtigen Persönlichkeiten. Von besonderem Interesse ist der ausführliche Aufsatz von Kordula Wolf über gewalttätige Handlungen (Plünderungen, Versklavungen) zwischen Christen und Muslimen während der normannischen Zeit (insbesondere zwischen 1061 und 1091). Der religiösen Dimension der sozialen Realität im Königreich wendet sich Annick Peters-Custot zu; sie liefert eine Neuinterpretation des italienisch-griechischen Mönchtums in der normannisch-staufischen Zeit; es handelt sich um einen wichtigen Aufsatz, der alle Aspekte des Themas genau verfolgt. Die Beziehung zwischen der arabischen Welt und Friedrich II. wird von Giuseppe Mandalà klar und ausführlich behandelt. Filippo Ronconi untersucht den philologischen und kodikologischen Aspekt der italogriechischen und griechischen Sprache unter Berücksichtigung einer großen Anzahl überlieferter italogriechischer Manuskripte. Der Bd. schließt nach dem interessanten archäologischen und kartographischen Beitrag von Rossanna Cirielo und Isabella Marchetta sowie einer resümierenden Reflexion von Giancarlo Andenna mit einem genauen, von Maria Boccuzzi erstellten Personen- und Ortsindex.

Riccardo Berardi

Enrico Faini, Italica gens. Memoria e immaginario politico dei cavalieri-cittadini (secoli XII–XIII), Roma (Viella) 2018 (Italia comunale e signorile 12), 230 pp., ISBN 978-88-6728-999-8, € 27.

Lo studio intende „raccontare la storia delle città italiche tra i secoli XII e XIII basandosi sulla storiografia di allora“ (p. 21) e offre, in effetti, una convincente lettura delle varie prospettive con cui i gruppi sociali emergenti in tale fase guardavano quanto andava accadendo a loro e alle loro città. La documentazione è in amplissima parte composta da cronache e da altre forme di scrittura prodotte da tali soggetti, contrapposte in pochi ma significativi casi ad altra tipologia di fonte. Rispetto alla monografia „Firenze nell’età romanica (1000–1211). L’espansione urbana, lo sviluppo istituzionale, il rapporto con il territorio“, Firenze 2010 (Biblioteca storica toscana 62), recensita in QFIAB 91 (2011), pp. 594–596, Faini opera, dunque, un cambio significativo poiché in quel caso erano le fonti documentarie a prevalere fortemente, mentre sarebbe superfluo dilungarsi più di tanto sull’importanza dell’ampliamento a più casi sottoposti all’analisi. Sempre onesto nel richiamare una ricca e varia tradizione storiografica – fin dal sottotitolo, esplicito rispetto ai „Cavalieri e cittadini“ di quel Jean-Claude Maire Vigueur che li ha guardati, però, in una prospettiva più socio-economica – il libro si caratterizza, dunque, per il marcato interesse rispetto alla storia culturale, in particolare alle pratiche scrittorie della comunicazione politica e della memoria, di quella categoria di uomini che sono stati, invece, più spesso studiati perché imbracciavano le armi in difesa della propria città. L’ampio ed eterogeneo caleidoscopio di prestiti storiografici internazionali dimostra come si possa avere un’apertura intellettuale notevole senza prodursi in itineranze à la page, di questi tempi, ma non sempre utili a costruire percorsi arricchenti per un ricercatore rigoroso e delle quali, in ogni caso, Faini non ha avuto bisogno. A proposito di prassi scrittorie, nel rapporto tra contenuti e forme dello scrivere, non sembra fuori luogo sottolineare un aspetto del registro scrittorio proprio dell’autore, controllato, asciutto, lineare – seppure impegnato in percorsi interpretativi problematici e complessi – anche quando propone apporti innovativi, sia per aspetti secondari sia per i nodi centrali dell’indagine, oltre alla scelta di tradurre in italiano i brani originali in latino. Faini presenta i suoi ragionamenti e i risultati cui, con essi, approda, senza indulgere in coloriture enfatiche, anzi; ed è un ulteriore pregio di un libro che è un bell’esempio di come si possa fare storia a tutto tondo, poiché, pur nelle sue non eccessive dimensioni, è un libro di storia culturale ma anche di storia politica e sociale. Nell’introduzione, Faini chiarisce l’uso di alcuni concetti chiave, esplicita i principali debiti storiografici e presenta un’idea costantemente presente nel libro e di nuovo esplicitata nelle pagine conclusive, ossia quella che, se la storia della penisola italiana nei secoli del pieno e tardo medioevo può essere una storia delle città, pure queste città vanno viste nei loro reciproci rapporti multilaterali o in quelli con il poter regio, comunque calati nei contesti regionali. I quattro capitoli e l’epilogo che costituiscono l’ossatura dello studio guidano, così, in un percorso che porta, in un primo capitolo, a incontrare i cavalieri-cittadini attraverso il loro immaginario politico, l’uso della memoria e la costruzione, più o meno cosciente, di una vera e propria storiografia, un’autonarrazione e, se si vuole, l’auto-storia che di sé hanno lasciato. Il secondo capitolo, intitolato „La grammatica del confronto“, si concentra, invece, sullo stile, sulla competenza linguistica e letteraria di vari autori e opere, cominciando dalla „Historia Mediolanensis“ di Landolfo di San Paolo e spostandosi, poi, su esempi derivanti da altri centri urbani, come Caffaro e gli altri annalisti genovesi, il bergamasco Mosè del Brolo, Boncompagno da Signa o il lodigiano Ottone Morena, anche andando a riflettere sul nesso tra scrittura, retorica giudiziaria e produzione storiografica dei secoli XII e XIII. Faini può così, poi, nel terzo capitolo „Dallo spazio pubblico agli spazi politici“ e nel quarto „Storia, rango e spazio“ palesare una vasta conoscenza delle fonti cronachistiche, sempre calate anche nel contesto politico in cui nacquero, seguendo gli esempi di impiego politico del passato, fino al „più clamoroso di tutti: quello della Lombardia“ (p. 178). Ragionando su Codagnello, Mosè di Brolo e la circolazione di una tradizione di uno spazio politico „lombardo“ ben precedente Codagnello e la Lega Lombarda del 1167, Faini arriva a concludere che „la sensazione … è che questo spazio politico ‚lombardoʻ così evidente nella prospettiva della comunicazione politica, possedesse – ben prima della cronaca di Codagnello – una narrazione fondativa condivisa e perfino una sua concezione della libertà“ (p. 184). Le città di Faini si possono prendere anche il lusso di aggiornare il Cattaneo cantore della città come „principio ideale delle istorie italiane“ ricordato a p. 187: per l’autore, la cultura politica dei cavalieri-cittadini risulta raffinata, maturata, evoluta, nelle relazioni intercittadine e nei rapporti con i signori, particolarmente nella conoscenza del diritto e della storia recente che giocava un ruolo determinante anche nella lotta politica. Faini restituisce, così, la dimensione culturale delle scritture dei cavalieri-cittadini, osservando che essi non indulgono solo a „ripetitive descrizioni del conflitto armato“ perché „la loro storiografia ci appare intrisa di un’acutissima predilezione per la parola, per l’argomentazione razionale, per una larga condivisione dei pareri; potremmo dire, se non temessimo l’anacronismo, che essa condivide un profondo senso di dignità civile“ (p. 189).

Mario Marrocchi

Sandro Carocci/Amedeo De Vincentiis (a cura di), La mobilità sociale nel Medioevo italiano, vol. 3: Il mondo ecclesiastico (secoli XII–XV), Roma (Viella) 2017 (I libri di Viella 254), 430 S., ISBN 978-88-6728-868-7, € 38.

Die soziale Mobilität im italienischen Mittelalter stand im Zentrum eines „Progetto di rilevante interesse nazionale“ (PRIN), das in den Jahren 2014–2017 mehrere Träger von der Universität Rom II „Tor Vergata“ angefangen bis hin nach Mailand, Pisa und Cagliari involviert und schon weitere Bde. zum Thema hervorgebracht hat. Wie die beiden Herausgeber Sandro Carocci und Amedeo De Vincentiis des dritten Bd. der bei Viella erscheinenden Reihe „La mobilità sociale nel Medioevo italiano“ in ihrer Einleitung darlegen, gehört die Vorstellung, dass die Kirche – wie schon Wolfgang Reinhard postulierte – ein prominenter Kanal für den sozialen Aufstieg gewesen sei, zum Allgemeingut der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Allerdings sei in Italien der Dienst in der Kirche kein eigentlicher Motor gewesen, und auch die weltliche Macht habe sich nicht so massiv im kirchlichen Bereich engagiert wie in anderen europäischen Ländern. Kirchenkarrieren erscheinen als ein Kanal der sozialen Mobilität unter anderen, wie Bildung, Bürokratie, Militärdienst usw. (S. 12). Für diese Sicht der Dinge werden 16 Aufsätze versammelt. Der Schwerpunkt liegt zwar – wie schon der Titel besagt – im Mittelalter, es werden aber durchaus auch Parallelen und Unterschiede zur Situation in der frühen Neuzeit untersucht. Der Sammelbd. ist locker in vier Bereiche unterteilt: Die „Sprachen“ der kirchlichen Mobilität (I), die Rolle von Kurie und Papsttum (II) sowie der weltlichen Mächte (IV), und die Perspektiven von Säkular- und Ordensgeistlichen (III). Giacomo Todeschini zeichnet mit gewohnter Akribie die Reflektion über die kirchliche Hierarchie aus dem Blickwinkel des Kirchenvaters Augustinus und anderer Theologen nach, die das Kirchenvolk von den wenigen geistbegabten „Hirten“ (pastores), den vielen korrupten „Lohnarbeitern“ (mercenarii) und den reißenden „Wölfen“ (lupi) umgeben sehen. Die Führungspositionen sind per se schon Anfechtungen ausgesetzt. Das sich entwickelnde Kirchenrecht hielt dagegen das bonum commune hoch, dem alle cives christiani, die den christlichen ordo mit all seinen Schichten und Berufen bilden, verpflichtet seien. Zeichen des Misstrauens gegenüber den kirchlichen Oberen und ihrer Nähe zu den Mächtigen (S. 37 f.) finden sich im Beitrag von Daniela Rando, die einen Forschungsbericht zum Thema aus der Sicht der deutschen Geschichtsschreibung gibt. Die Affinität zur Adelsgesellschaft war in der deutschen Kirche besonders stark ausgeprägt. Nicht einmal die mit päpstlichen Rechtstiteln Ausgestatteten konnten in so manchem Adelskapitel reüssieren, die die anderenorts unbekannten Ahnenproben verlangten. Die Datenbanken zum „Repertorium Germanicum“, zur „Germania Sacra“ und zum „Repertorium Academicum Germanicum“ schaffen die Grundlage für Karrierestudien gerade auch für die geistlichen Räte der Kaiser und Landesfürsten, die einmal mehr den hohen Grad der „Verflechtung“ (Wolfgang Reinhard) in den staatstragenden Schichten des Heiligen Römischen Reiches zeigen. Rom und die Kurie stehen im Mittelpunkt von drei Beiträgen: Cristina Carbonetti Vendittelli wendet sich einer Gruppe von Professionisten zu, die durch ihren Dienst in der päpstlichen Kanzlei und Verwaltung zu Ansehen gelangte. Es waren dies zwischen dem 8. und 12. Jh. die aus dem Kreis der tabelliones urbis Romae hervorgegangenen päpstlichen Schreiber (scrinarii sancte Romanae ecclesiae). Hierbei handelte es sich meist um Laien, die ihren sozialen Aufstieg im Schatten der Kirche vollzogen. Armand Jamme analysiert die Zusammensetzung der Papst- und Kardinalsfamilien in der Avignoneser Epoche und erinnert daran, dass – was ihre Herkunft angeht – das Schwergewicht keineswegs im Königreich Frankreich lag, sondern im Limousin und Cahors. Dass man aber auch ohne die massive Unterstützung der Verwandten effizient regieren konnte, zeigen die Pontifikate Benedikts XII. und Urbans V. (S. 134 f.). Hinter jedem Papst und Kardinal standen nicht nur die leiblichen Angehörigen, sondern die sog. familiares, die Hausgenossen, die ebenfalls versorgt werden mussten (S. 144–147). Sandro Carocci sieht in seinem Beitrag zu „Nepotismi di curia e mobilità sociale fra XIII e XV secolo“ die Ursprünge des Nepotismus im 13. Jh. (S. 95 f.). Die Karriere eines geistlichen Mitglieds zu planen, forderte die ganze Kraft eines Familienverbandes, der zudem in eine Universitätsausbildung investierte. Den römischen Baronalfamilien erwuchsen zumal im 15. Jh. Konkurrenten in den oft von außerhalb Roms, wenn nicht sogar Italiens stammenden Papstfamilien wie den Borgia und Della Rovere. Die Kardinäle bildeten die entscheidenden Knotenpunkte, die Machtstrukturen im Großen fanden ihre Entsprechung auch im Kleinen. Die Ebene der Bischöfe untersuchen Mauro Ronzani für Pisa im 13. und 14. Jh. und Stefano G. Magni in Mittel- und Norditalien, die mit ihren reichen Städten gemeinhin als das kommunale Italien gelten. Die Verquickung der Bischofsmacht mit den Verwandtenkreisen blieb der zeitgenössischen Chronistik nicht verborgen. Dem päpstlichen Kardinalskolleg entsprach das bischöfliche Domkapitel. Entsprechend achteten auch die Bischöfe darauf, dass diese Gremien ausreichend mit eigenen Leuten besetzt waren. Die (vermeintliche) stabilitas loci und das Armutsgebot – zumal in den Bettelorden – scheinen auf den ersten Blick gegen die Themen von Giulia Barone („Mobilità sociale e mondo mendicante“) und Anna Rapetti („Monachesimi e mobilità tra XI e XV secolo“) zu sprechen. Versetzungen auf Führungspositionen in verschiedenen Klöstern können allerdings durchaus als Auszeichnungen eingestuft werden (S. 226). Außerdem zeigen die oft adeligen Klarissen und Dominikanerinnen, dass soziale Unterschiede auch hinter Klostermauern weiter tradiert werden konnten (S. 209). Dass zumindest in einigen Kommunen Mittel- und Norditaliens die Bindungen der städtischen Eliten zu ausgewählten Ordensvertretern beträchtlich sein konnten, zeigt Paolo Grillo mit signifikanten Beispielen aus dem 13. Jh. und Anfang 14. Jh., als sich nicht wenige Franziskaner im Zuge der „Halleluja-Bewegung“ (1232–1233) als Vermittler in innerstädtischen Zwisten anboten (S. 314–316). Bald übernahmen Mendikanten, Tertiaren, Humiliaten und Mitglieder anderer Orden (Kamaldulenser, Zisterzienser usw.) städtische (Finanz-)Verwaltungsaufgaben. Die Beobachtung, dass im 14. Jh. die Orden selbst dieser Beanspruchung mit Verboten entgegenwirkten, deutet darauf hin, dass man einen solchen Einsatz letztlich mehr als eine (auch spirituelle) Belastung denn als einen Vorteil für die eigene Kommunität ansah. Die Spitze des städtischen Klerus stellten die Angehörigen der Kapitel der großen Dom- und Kollegiatkirchen dar, denen sich Tommaso di Carpegna Falconieri und Andrea Tilatti zuwenden. Diese hochdotierten Stellen gelten in Italien als das soziale Sprungbrett für die städtischen Oberschichten (S. 254). Analog zu den Kardinals- und Bischofsrängen konnten sich auf niederer Ebene auch Kanonikerdynastien herausbilden, die ihren Verwandten in der Stadt von Nutzen sein konnten. Der allgemeine Bevölkerungsanstieg führte in Stadt und Land zur steigenden Nachfrage nach geistlichem Personal. Da allerdings gleichzeitig die Exponenten der städtischen Oberschichten und des Adels die gutdotierten Pfarrstellen und Kanonikate monopolisierten, wurden die Seelsorge und die Seelmessen – wie Michele Pellegrini zeigt – immer mehr an einfache Geistliche ohne eigene Pfründe („sine titulo“) abgegeben, die oft kaum das Nötigste für ihren Unterhalt besaßen. Diese oft ortsfremden Lohn-Priester verdingten sich als Vikare. Hatten viele sich in der Hoffnung auf ein Auskommen im kirchlichen Dienst und der Privilegien des geistlichen Standes wegen tonsurieren lassen und die niederen Weihen empfangen, so ließen sich auch viele wieder relaisieren. Das allgemein verbreitete, aber bis heute noch viel zu wenig beachtete Phänomen der „riconversioni“ wird im vorliegenden Bd. verschiedentlich angesprochen (S. 11, 174, 271, 364–366, 378). Mit dem Beitrag von Federica Cengarle ist der letzte Themenschwerpunkt erreicht, der die Schnittstellen zwischen den kirchlichen Karrieren und dem Dienst im laikalen Umfeld untersucht. Cengarle kann diese Symbiose an den Prälaten im Machtbereich der Mailänder Visconti veranschaulichen. Die Karriere des aus Kreta stammenden Franziskaners Pietro Filargo zeigt beispielhaft, wie weit man es mit einer gediegenen Universitätsausbildung, eigenem Fleiß und der Patronage eines Potentaten bringen konnte: Der gebürtige Grieche wurde 1408 vom Konzil von Pisa zum Papst gewählt! Aufgrund der besonderen kirchlichen Strukturen im Königreich Sizilien, in dem es 145 Kleinstdiözesen mit zum Teil wenigen Hunderten von Gläubigen gab, lassen sich die Ergebnisse, die Kristjan Toomaspoeg zu Süditalien im 12. und 13. Jh. unter Benutzung des Nachlasses Norbert Kamp im DHI Rom vorlegt, kaum mit den Verhältnissen in der Lombardei vergleichen. Aber auch hier zeigt sich der hohe Stellenwert der juristischen Studien, der dazu führte, dass sogar der ein oder andere städtische Richter kurzerhand zum Bischof gemacht wurde (S. 343 f.). Eine Besonderheit Süditaliens in den genannten Jh. war außerdem die Präsenz von einigen nicht-italienischen Prälaten und Mönchen, die von den normannischen und staufischen Herrschern ins Land gerufen wurden (S. 354–356). Der abschließende Beitrag von Gian Maria Varanini fasst aus der nord- und mittelitalienischen Perspektive noch einmal die Konstanten zusammen, die im Bd. immer wieder zu Tage getreten sind: Die Grenzen zwischen dem klerikalen und Laien-Status waren oft fließend. Die Familien von Geistlichen – wobei zwischen casa (der Kernfamilie) und casata (dem den Adel auszeichnenden Verwandtschaftsverband) zu unterscheiden ist (S. 369) – betrachteten deren Karrieren unabhängig von ihrer Standeszugehörigkeit letztlich oft als „Investition“ im eigenen Interesse. Dass die erfolgreichen Prälaten ihren Aufstieg zudem in Grabkapellen und sonstigen Bauten dokumentierten, und die adeligen Geschlechter das Juspatronat über einige Kapellen und Kirchen hielten, ist auch als symbolisches Kapital zu deuten (S. 367, 376, 390). Schließlich kann man als eine wichtige Erkenntnis aus der Lektüre des anregenden Bd. mitnehmen: Kirchliche Karrieren waren sogar im romnahen Italien nicht nur im Schatten der Kurie möglich, sondern hatten viele lokale Koordinaten.

Andreas Rehberg

Sandro Carocci/Isabella Lazzarini (Ed.), Social Mobility in Medieval Italy (1100–1500), Roma (Viella) 2018 (Viella Historical Research 8), 426 pp., ill., ISBN 978-88-6728-820-5, € 75.

Il libro che si presenta è il punto di arrivo di un percorso complesso e articolato di cui l’introduzione dei curatori rende conto: prodromo dello stesso è stata un’altra esperienza di indagini a più voci, circoscritta cronologicamente ai decenni intorno al 1300 – dunque, una fase più ristretta – ma con un orizzonte geografico più ampio, poiché esteso a tutto il Mediterraneo occidentale. I risultati di tale percorso furono evidenziati da un vol. uscito nel 2010 nella collezione dell’École française de Rome a cura dello stesso Sandro Carocci (QFIAB 91 [2011], pp. 443–445) ed esposti in un articolo comparso, l’anno seguente, sul numero 66/3 del 2011 delle „Annales“ e scritto, in una prospettiva europea, a più mani, tra cui, ancora, quelle di Carocci per un apporto dal contesto italiano; né mancano, da quegli stessi anni, altri contributi preliminari intorno al tema della mobilità, allora poco frequentato dalla medievistica italiana. Il progetto PRIN – cioè di più università italiane, basato su finanziamenti ministeriali – de „La Mobilità sociale nel medioevo italiano (secoli XII–XV)“, avviato nel febbraio 2014, ha circoscritto la sua visuale alla penisola italiana – termine geografico di necessità reso nel titolo in inglese con quell’Italy che potrebbe suonare per certi aspetti anacronistico – ma con un arco di analisi più esteso, dal 1100 al 1500. Va, però, subito detto che il vol. che si presenta offre una prima sezione – „Frameworks“ – di un centinaio di pagine circa, composta da cinque contributi utili a inquadrare le vicende proprie della penisola italiana in un contesto europeo articolato in Inghilterra medievale (per opera di Christopher Dyer), Francia (François Menant), Germania (Pierre Monnet), Paesi Bassi (Frederik Buylaert e Sam Geens) e penisola iberica (David Igual Luis). Segue una seconda sezione, „Surveys“, con cui vari autori offrono saggi di approfondimento basati in gran parte sui risultati conseguiti da più studi sviluppati su vari temi nel corso del progetto pluriennale e presentati in ben cinque voll. a partire dal 2016, tutti editi da Viella. La particolarità di questo in analisi è quella di essere stato proposto direttamente in lingua inglese; una scelta che rientra in una più generale scelta della casa editrice che, da qualche anno, ha promosso la collana in lingua inglese di cui il vol. è parte, insieme ad altre che traducono studi in precedenza apparsi in italiano. In questo senso, dunque, ben si comprende che, dopo i cinque voll. suddetti che raccolgono gli esiti del PRIN, il gruppo di ricerca coordinato da Sandro Carocci abbia scelto di offrire un vol. che, in un certo senso, chiuda il progetto e che offra in una versione più accessibile, grazie all’opzione linguistica, i risultati dello stesso in una dimensione internazionale. La seconda sezione è composta da scritti dello stesso Carocci, sul ruolo giocato dalla Chiesa italiana nel favorire o meno la mobilità sociale; di Andrea Gamberini, su quello del funzionariato, sempre come canale di mobilità sociale, nelle prospettive aperte basandosi sul caso della Lombardia viscontea e sforzesca; di Giuseppe Petralia, sulle ascese sociali nei comuni italiani dei secoli XIV e XV, che non manca di porsi in una prospettiva problematica, come è opportuno per un tema così importante quanto complesso; di Simone M. Collavini, sulla mobilità sociale in rapporto alla signoria, con pagine importanti anche per inquadrare più genericamente le dinamiche socio-economiche del sistema signorile, meno evidenziate dalla storiografia rispetto a quelle politico-istituzionali; di Isabella Lazzarini, che presenta alcune parabole individuali utili a mostrare il nesso che univa, tra metà secolo XIV e primi decenni del XVI, diplomazia e mobilità sociale ma, anche, geografica: gli uomini seguiti dalla Lazzarini si spostavano per varie città di Italia e pur provenendo, talvolta, da centri minori; di Sergio Tognetti, attento nel seguire quanto fosse possibile per gli uomini d’affari poter compiere un’ascesa sociale nei diversi contesti peninsulari, evitando superficiali generalizzazioni. La sezione è chiusa dai contributi di Serena Ferente e di Giuliano Milani che prendono entrambi le mosse da fonti letterarie, Boccaccio e Dante rispettivamente. Si approda, così, alla terza parte, „Themes“, con studi esplicitamente riferiti a un territorio e altri più decisamente di taglio tematico. Tra i primi, i contributi di Francesco Senatore e Pierluigi Terenzi sul Regno di Napoli, di Alessandro Silvestri sulla Sicilia tardo medievale, di Olivetta Schena sul Regno di Sardegna. Ancora, Bianca de Divitiis propone un’interessante indagine tra mobilità sociale e architetture nel Rinascimento meridionale, mentre Massimo Della Misericordia, Maria Elena Cortese, Alma Poloni e Lorenzo Tanzini presentano indagini rispettivamente sui beni comuni, sui milites, su economia, società e modelli culturali nei Comuni e sulle società di notai e avvocati. Le conclusioni sono affidate a Jean-Claude Maire Vigueur, non nuovo a ricoprire tale ruolo anche in voll. dedicati alla mobilità sociale. L’ampia serie di studi sul tema della mobilità sociale impostata da Carocci, uno dei medievisti di punta dell’orizzonte disciplinare non solo italiano di una generazione ormai approdata a una piena maturità, propone riflessioni stimolanti all’ambito scientifico ma che sarebbe importante trasporre anche in un contesto politico-culturale più ampio.

Mario Marrocchi

Pietro Delcorno/Eleonora Lombardo/Lorenza Tromboni (a cura di), I sermoni quaresimali. Digiuno del corpo, banchetto dell’anima, Firenze (Nerbini) 2017 (Memorie domenicane 134), 484 S., Abb., ISBN 978-88-6434-122-4, € 70.

Während der 40 Fastentage, die dem Osterfest vorgeschaltet waren, wurde es an vielen Orten zur Gewohnheit, bekannte Prediger einzuladen, die angehalten waren, an den Sonntagen, häufiger aber auch während der gesamten Fastenzeit ihre rhetorischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen und die Gläubigen zur Umkehr zu bewegen. Körperlich wurde gefastet, geistig-geistlich geschlemmt. Dies hatte durchaus Vorteile, ermöglichte eine Abfolge von 40 Sermones während 40 Tagen doch die Chance auf systematische und tief greifende Unterweisung. Der Predigtforschung war dieses Phänomen nicht unbedingt neu, doch begnügte man sich bisher damit, die Fastenpredigtzyklen einzelner, besonders bekannter Prediger wie Vicente Ferrer, Bernardino da Siena oder Girolamo Savonarola zu analysieren (und mitunter auch zu edieren). Eine umfassende Gesamtdarstellung des Phänomens fehlt noch immer. Diesen Überblick kann und will auch die vorliegende Publikation nicht ersetzen, doch bilden die 16 Beiträge, die auf Vorträge im Rahmen des International Medieval Congress in Leeds 2016 zurückgehen, eine Art Prolegomenon, einen ersten Schritt hin auf dem Weg zu einer systematischen Studie. Die Beiträge decken zeitlich einen Rahmen ab, der vom 12. bis zum 16. Jh. reicht. Der geographische Schwerpunkt liegt klar auf Italien. Fastenpredigtzyklen erscheinen als genuin christliches Phänomen. Doch zeigt Linda G. Jones in ihrem Beitrag über die Fastenmotivik in Ramadan-Predigten des im Ägypten des 14. Jh. wirkenden Sufi-Predigers al-Shu’ayb al-Hurayfish (S. 43–58) Chancen und Grenzen einer vergleichenden Perspektive auf. Bereits Eleonora Lombardo hatte in ihrem Überblick über einige Aschermittwochspredigten des 12. und 13. Jh. (S. 17–42) – und damit zu einem Zeitpunkt, als das Genre der Fastenpredigten erst im Entstehen begriffen war – auf eine Passage bei Petrus Cantor aufmerksam gemacht, in der dieser die strenge Abstinenz der Muslime während des Ramadan lobend hervorhebt. Stefan Visnjevac macht in seinem lesenswerten Beitrag „As we sin in forty ways, so we fast for forty days: Sermons for a confessor“ (S. 145–165) zunächst auf ein Paradoxon aufmerksam: während der Großteil der auf uns gekommenen Fastenpredigten wohl tatsächlich gehalten wurde, spielt die Fastenzeit in den erhaltenen Sammlungen von Musterpredigten lediglich eine untergeordnete Rolle. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Sammlung mit 48 Fastenmusterpredigten aus der Feder des Dominikaners Leonardo Mattei da Udine (c. 1399–1469), bekannt unter dem Titel „Sermones quadragesimales de legibus“ besondere Bedeutung. Entstanden ist die Sammlung wohl im Jahrzehnt zwischen 1447–1458. Ziel war es „to be intuitive to use, and ideally to contain effective preaching material“ (S. 147). Die Predigten sollten als Referenztext für andere Prediger dienen und ihnen bei der Vorbereitung ihrer eigenen sermones helfen. Man ist geneigt, in ihnen reine Lesetexte zu sehen, zu kompliziert ist ihre Struktur, zu überbordend die Menge und Vielfalt zitierter Autoritäten. Von der Rezeption der Sammlung zeugen viele zwischen 1450 und 1520 erschienene Druckausgaben (sie bewegt sich damit auf einer Höhe mit der „Legenda aurea“ oder Roberto Caracciolos „Sermones de laudibus sanctorum“). Visnjevac geht auf eine strukturelle Besonderheit ein, die nahezu jede Predigt auszeichnet: die „Sündenlisten“. In jeder von ihnen wird auf 40 unterschiedliche Sündenarten eingegangen, mit denen Gläubige gegen Gebote verstoßen und sich (Tod-)Sünden hingeben können. Die Listen sind eine Fundgrube an Informationen (und Meinungen) über wirtschaftliche, soziale und religiöse Themen, „a carefully-structured and easily-digestible condensation of penitential and theological thought“ (S. 154), wie anhand einiger Passagen über Geldverleih, Handel und soziale Spannungen innerhalb von Städten bzw. Gemeinschaften demonstriert wird. Deutlich wird darüber hinaus, wie eng Predigt und Beichte in Leonardos Werk aufeinander bezogen sind: „They lie somewhere between a preaching aid and a confessor’s handbook“ (S. 164). Leonardo greift bei der Abfassung seiner Musterpredigten stark auf die „Secunda secundae“ des Thomas von Aquin zurück, eines Gelehrten, der mit seinen collationes selbst einen gewichtigen Beitrag zum Genre der Fastenpredigten geleistet hat, wie Jussi Hanska in seinem Beitrag unter Beweis stellt (S. 59–74). Die franziskanische und dominikanische Observanz sollte später darauf zurückgreifen. Fastenpredigten dienten auch dazu, Emotionen auf Seiten der Zuhörer zu wecken. In keinem Beitrag wird dies deutlicher als in den Ausführungen Valentina Berardinis zu einigen in England im 14. Jh. gehaltenen Karfreitagspredigten. In ihnen wird gezeigt, welch enge Verbindungen zwischen Predigt und Theater bestanden mit dem Übergang „da un discorso astrattamente teorico e dottrinale a uno concreto, visivo“ (S. 92). Dies demonstriert auch Pietro Delcorno mit Blick auf eine Predigtreihe, in der eine einzige Erzählung den gesamten Zyklus als eine Art Makro-Exemplum umspannt. Das vor 1420 in italienischem Kontext entstandene und anonym in 16 Hss. überlieferte „Quadragesimale peregrini“ gehört zu den frühesten Vertretern eines sermonialen Subgenus, den „sermonari semidramatici“. Die Sammlung besticht durch die fortgesetzten Bezüge auf Dantes „Commedia“. Der Prediger lädt darin seine Zuhörer dazu ein, sich zusammen mit ihm auf eine imaginäre Reise in die jenseitige Welt zu begeben. Die „Commedia“ dient hier nicht (wie bei vielen anderen Predigern) als Steinbruch für erhebende Zitate, sondern wird als Werk in seiner Gesamtheit miteinbezogen. Die Analyse einiger Beispielpredigten offenbart kommunikative Strategien, durch die Prediger und Zuhörerschaft eng aneinander gebunden wurden. Alle Beiträge des Bd. zeugen von der Kennerschaft der Autoren, die sich (Ausnahmen bestätigen die Regel) auf der Höhe der nach wie vor florierenden internationalen Predigtforschung bewegen. Fastenpredigten sind „affascinanti e articolati microcosmi della cultura tardomedievale“ (S. 11) – und vorliegender Sammelbd. eröffnet einen weiten Blick in diesen Mikrokosmos, ein Blick, der Lust auf mehr macht.

Ralf Lützelschwab

Enrico Pisano, Liber Maiorichinus de gestis Pisanorum illustribus, introduzione e testo critico di Giuseppe Scalia, commento di Alberto Bartola, traduzione di Marco Guardo, Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzzo) 2017 (Edizione nazionale dei testi mediolatini d’Italia 44. Edizione nazionale dei testi mediolatini d’Italia. Serie 2 20), VI, 670 pp., ISBN 978-88-8450-775-4, € 80; Roma (Istituto Storico Italiano per il Medio Evo) 2017 (Fonti per la storia dell’Italia medievale. Rerum Italicarum scriptores, 3° serie 13), VI, 670 pp., ISBN 978-88-98079-67-4, € 68.

Dopo il „Carmen in victoriam Pisanorum“ (1971) e i „Gesta Triumphalia per Pisanos facta“ (2010), Giuseppe Scalia completa con il „Liber Maiorichinus“, dedicato alla guerra dei Pisani e di altri contro i Musulmani delle Baleari (1113–1115), la pubblicazione del ricco corpus di opere storiografiche pisane redatte tra la fine del secolo XI e i primi decenni del XII. Il Liber era già disponibile nell’edizione Calisse (1904), ma gli studi condotti da Scalia a partire dagli anni ’50 rendevano necessaria la pubblicazione di una nuova edizione. Centrale nella ricostruzione dello studioso è la riconsiderazione del rapporto tra le due versioni del testo a noi pervenute, che l’autore chiama M e M1: la prima è testimoniata dal ms. Pisa, Biblioteca Universitaria, 723 (P) (XII sec.), la seconda dal ms. Firenze, Biblioteca Medicea Laurenziana, Rediano 202 (R) (XIV sec.), da Londra, British Library, Additional 10315 (B) (XIV–XV sec.) e dal codice perduto che Ughelli usò per l’editio princeps (V). Secondo la convincente ipotesi dell’editore, M e M1 sono da attribuirsi allo stesso autore e rappresentano l’una „la stesura originaria o comunque uno stadio redazionale antecedente“, mentre l’altra „una revisione dell’autore intervenuta su M“ (pp. 92 sg.). Inoltre, le varianti di M1 non sono molte e sono perlopiù emendazioni di carattere stilistico (con alcune eccezioni, come il proemio): ne risulta che il testo di M1 sia migliore a livello formale ma non significativamente diverso da M sul piano del contenuto. Per queste ragioni, troviamo a testo M1 in quanto „R e B sono da ritenere i codici più autorevoli ai fini dell’accertamento dell’ultima volontà dell’autore“, supplito da P e da V quando le loro lezioni consentano un miglioramento. Si ha così un rovesciamento dell’impostazione di Calisse, che aveva prediletto P in quanto versione originaria. L’edizione del testo latino (pp. 184–455) è accompagnata dall’utile traduzione di Marco Guardo, che consente di leggere con agilità l’opera e che supera la scorretta traduzione di Pietro Loi (1964), e da numerose note di commento (pp. 457–595), curate da Alberto Bartola, che sono un primo strumento di orientamento nella selva di personaggi, luoghi, eventi citati nel Liber, con gli opportuni rimandi bibliografici. Bartola ha anche curato l’indice di loci similes (pp. 611–629) che può consentire stimolanti paralleli letterari e altri indici utili per una rapida consultazione dell’opera. Nell’introduzione di Scalia (pp. 3–110) trovano spazio non solo le questioni più propriamente filologiche, ma anche un generale inquadramento storico dell’impresa di Maiorca, un riassunto dei contenuti del Liber e delle sue caratteristiche letterarie nel contesto culturale in cui fu prodotto e un paragrafo dedicato all’autorialità dell’opera. Qui Scalia, riprendendo l’ipotesi a suo tempo formulata da Serafino Marchetti (1893), scartata in modo convincente l’attribuzione tramandata da R e B a Lorenzo Veronese, propone come possibile autore Enrico Pisano, basandosi, in ultima analisi, sulla sola testimonianza dell’erudito pisano Roncioni (XVI sec.). Quest’ultimo diceva l’opera „di Enrico cappellano dell’arcivescovo di Pisa…presente all’assedio ed alla presa di Majorica“, non sappiamo attingendo a quali fonti d’informazione. In effetti, nel Liber vi è un Enrico, presbiter e plebanus, probabilmente il membro del capitolo della cattedrale e pievano di Calci, attestato dalla documentazione pisana dal 1108 al 1133. Enrico non è ricordato nell’opera con toni elogiativi come nel caso degli altri ecclesiastici presenti all’assedio ed è destinatario di una profezia di vittoria per i Pisani. In base a questi elementi che lo distinguono dagli altri protagonisti dell’impresa, Scalia attribuisce l’opera a Enrico ponendone esplicitamente il nome sulla copertina dell’edizione stampata dalla SISMEL (non compare, invece, in quella stampata dall’ISIME). L’attribuzione, tuttavia, resta incerta. In ogni caso, grazie all’egregio lavoro di Scalia e dei suoi collaboratori, ora la fonte può essere fruita a pieno dagli storici che riescano a sfruttarne al massimo il potenziale informativo per una migliore comprensione della storia di Pisa e del Mediterraneo nella prima metà del XII secolo.

Alberto Cotza

Klaus Naß, Codex Udalrici, Wiesbaden (Harassowitz), 2017 (Monumenta Germaniae Historica. Die Briefe der deutschen Kaiserzeit 10), 2 voll., CXXVI, 747 pp., ill., ISBN 978-3-447-10946-8, € 198.

Con l’edizione critica completa del „Codex Udalrici“ si concretizza uno dei desiderata della ricerca sulla lotta per le investiture e sulla prima ars dictaminis. Questa importante collezione di testi – prevalentemente lettere – era finora accessibile solo nell’edizione parziale e centrata sulla restituzione dei singoli testi, curata nel quinto vol. della „Bibliotheca Rerum Germanicarum“ da Philipp Jaffé (1869). La nuova edizione permette di riconsiderare i problemi connessi con l’attribuzione, la redazione e le funzioni di questa raccolta di 395 testi, dei quali ben 161 tràditi solo nel Codex. La collezione, destinata nel 1125 al contrastato candidato alla cattedra episcopale di Würzburg, Gerardo, fu continuata prima fino al 1127 e poi almeno fino al 1134: l’edizione restituisce lo stato della collezione a quest’ultima altezza cronologica. Secondo Naß l’autore si può identificare con il custos della canonica della cattedrale di Bamberga, Udalrico, già attivo intorno al 1090, e attestato dal 1108 nello svolgimento di tale ufficio. Il dedicatario Gerardo, eletto e investito vescovo di Würzburg nel 1122, ma avversato da un partito locale sostenuto dall’arcivescovo Adalberto di Magonza, riparò tra l’altro brevemente a Bamberga. Le vicende dello scisma diocesano di Würzburg, testimoniate da un gruppo di significativi testi (Nr. 350, 352–358, 361, 363), costituirono l’occasione – tra agosto e dicembre 1125, dopo la morte del presule avversario Ruggero – per la dedica a Gerardo. Al momento della dedica la sua consacrazione e il suo insediamento dovettero sembrare sicuri in assenza di un altro pretendente che emerse solo pochi mesi dopo. La prima redazione si chiude proprio con l’invito rivolto a Gerardo dall’arcivescovo di Magonza a partecipare a un sinodo che avrebbe dovuto riconoscerlo (Nr. 350). Successivamente Udalrico continuò la redazione fino alla morte (1127) con testi riguardanti gli ulteriori sviluppi della questione di Würzburg (fino al Nr. 363), cui furono aggiunti poi 32 testi di tema diverso, il più tardo dei quali è databile al 1134. Anche nella parte centrale vi sono due inserti (Nr. 23–34; 141–145) attribuibili all’attività del continuatore dopo la morte di Udalrico. La collezione risultante è composta di vari generi di testi, ordinati tendenzialmente, nella prima versione, secondo il loro tipo: alcuni poetici (22), altri documentari (113), per oltre la metà epistolari (228), con un residuo di 32 scritti di altro genere, quali formule epistolari, decisioni conciliari, decreti pontifici, libelli polemici, resoconti e giuramenti. La constatazione dell’eterogeneità della raccolta e dell’assenza di una rielaborazione didattica consente a Naß di mettere in discussione le interpretazioni precedenti – tra cui quelle di Carl Erdmann – che sostenevano un collegamento con la cancelleria regia, la tenuta protocollare di una raccolta di atti o l’impiego primario nell’insegnamento. Un’analisi attenta mostra come il Codex fu una raccolta „aperta“ e „privata“ (cioè non ufficiale) pensata come un’opera di documentazione storico-giuridica, utile prevalentemente dal punto di vista del contenuto – il criterio più rilevante di raccolta e ordinamento – e non primariamente dal punto di vista formale (quindi senza testi programmaticamente fittizi o sistematicamente ritoccati dal punto di vista retorico), pensata per un pubblico di ecclesiastici in vista della loro carriera. Sgombrato il campo da sovrainterpretazioni, il Codex si apre così a nuove ricerche in un’edizione curata secondo gli affidabili moduli e standard dei MGH, in cui è stata omessa la riproduzione di soli due libelli polemici (l’„Epistola de continentia clericorum“ dello Pseudo-Udalrico e il „Liber de controversia“ di Guido di Osnabrück), di cui si pubblicano i regesti.

Eugenio Riversi

Tanja Broser, Der päpstliche Briefstiel im 13. Jahrhundert. Eine stilistische Analyse der Epistole et dictamina Clementis pape quarti, Köln-Weimar-Wien (Böhlau) 2018 (Archiv für Diplomatik, Schriftgeschichte, Siegel- und Wappenkunde. Beiheft 17), 406 pp., ill., ISBN 978-3-412-51137-1, € 60.

Questo studio si pone l’ambizioso obiettivo di affrontare la questione generale dell’identità testuale della lettera nel Medioevo e quella, più particolare, dei caratteri delle epistole papali nel XIII secolo attraverso l’analisi di una peculiare collezione pontificia, le „Epistolae et dictamina“ di Clemente IV (1265–1268). La collezione è disponibile dal 2015 in un’edizione provvisoria nel sito dei MGH, curata da Matthias Thumser. Dall’analisi approfondita degli aspetti linguistici e comunicativi di questa collezione di 556 lettere, tramandata prevalentemente da mss. del XIV secolo, Broser intende giungere a più generali conclusioni metodologiche, che possano fungere cioè da criteri di descrizione del medium epistolare nel (tardo) Medioevo. Da ciò deriva l’esigenza di una lunga parte introduttiva (pp. 14–98), dedicata alla ricognizione dei metodi utilizzati in varie discipline per indagare lo „stile“, cioè la complessa identità linguistica di un testo (epistolare). Broser vi dà un saggio esemplare di eclettismo teorico-metodologico che da un lato soddisfa la domanda di complessità propria della medievistica (e più in generale della storiografia) contemporanea, intesa come una „scienza storica della cultura“ transdisciplinare, e dall’altro approda, attraverso l’integrazione di diverse prospettive di ricerca – soprattutto quella della linguistica testuale –, alla costituzione di una propria griglia di analisi, al contempo dettagliata e operativa. La griglia è divisa in due parti: la prima definita „stile linguistico“, all’interno della quale si tiene conto di diversi livelli di codificazione testuale (dalla struttura ai temi, dal lessico alla sintassi, dalle citazioni al cursus, tenendo conto delle prescrizioni dell’ars dictaminis), e la seconda, denominata „stile letterario“, in cui domina la dimensione comunicativa del testo, distinta nelle sue funzioni – cinque, secondo il modello di linguistica testuale di Klaus Brinker: appellativa, informativa, dichiarativa, contattiva e obbligante – e nel suo rapporto al referente tematico e alla situazione/contesto. E proprio sulla base delle due componenti dello „stile letterario“ viene articolata la presentazione dell’analisi: nella parte terza quella funzionale (pp. 99–265) e nella parte quarta quella contestuale (pp. 266–365). I rilevanti risultati dell’indagine, che viene esemplificata attraverso minuziosi scavi e confronti di passi testuali, si collocano su molteplici piani: Broser può così mostrare la flessibilità del medium epistolare nelle sue funzioni e nella sua struttura, flessibilità basata su un’applicazione „costruttiva“ delle regole di codifica proposte dall’ars dictaminis. La variabile dipendente „stile“ può essere allora descritta con buona approssimazione come una „derivata“ riconducibile a fattori prevalentemente comunicativi e referenziali, sui quali si modulavano le prescrizioni del dictamen del XIII secolo. L’analisi delle scelte compiute sul piano dei codici dei testi epistolari permette una migliore interpretazione del contesto, come mostra l’esempio delle lettere riguardanti la coeva situazione politica di Firenze. Al termine di un’analisi complessa, così proficua e promettente, viene però da chiedersi se non sia il caso, con un passo ulteriore, di mettere in secondo piano o addirittura accantonare il concetto stesso di „stile“ – retaggio di uno stadio delle scienze umane ormai invecchiato – per concentrarsi ancora di più sull’elaborazione teorica (e sull’euristica) della dimensione comunicativa e semiotica dei testi, che costituisce un indispensabile ancoraggio epistemologico e metodologico per storiche e storici che camminano da qualche decennio sul „bordo della scogliera“.

Eugenio Riversi

Die Register Innocenz’ III., 14. Bd.: 14. Pontifikatsjahr, 1211/1212. Texte und Indices, bearb. von Andrea Sommerlechner gemeinsam mit Othmar Hageneder, Till Hötzel, Rainer Murauer, Reinhard Selinger und Herwig Weigl, Wien (Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) 2018 (Publikationen des Historischen Instituts beim Österreichischen Kulturforum in Rom, II. Abteilung: Quellen. 1. Reihe 14), XCI, 307 S., Abb., ISBN 978-3-7001-8109-5, € 144.

Der Bd. bietet sowohl editorisch wie inhaltlich unauffällige Routine. Bekanntlich sind die Originalregister der Jahrgänge 13–16 verloren und müssen von da ab durch eine „Sicherheitskopie“ ersetzt werden, die 1367 in Avignon angefertigt worden war. Die editorischen Probleme, die mit dem Sprung in das neue Überlieferungsbecken (ASV, Reg. Vat. 8) verbunden sind, waren schon in der Einleitung zum 13. Bd. eingehend dargelegt worden (vgl. QFIAB 96 [2016], S. 601 f.). Die Gegebenheiten ändern sich für den neuen Jahrgang nur insofern, als die beiden vorangegangenen Kopisten nun von einem dritten Kollegen abgelöst wurden, der den gesamten 14. Jahrgang bis auf einen minimalen Rest im allerletzten Brief im Alleingang erledigt hat, während die rubrizierten Adressen und die schmucklosen roten Initialen nachträglich von anderer Hand eingefügt wurden. Insgesamt ist das Schriftbild, das man in den sechs beigegebenen Farbabb. vor sich hat, dem des vorherigen Jahrgangs so ähnlich, dass die Unterschiede vermutlich nur für geschulte Paläographen erkennbar sind. Die Eigenheiten des Schreibers werden deshalb auch weniger in seinem graphischen Erscheinungsbild gesucht als vielmehr in seiner Orthographie und in seinen Fehlern, die mit geduldiger philologischer Kleinarbeit nicht nur textimmanent, sondern auch im Vergleich mit der Edition von François Bosquet (1625) eruiert werden, die aus dem seinerzeit noch vorhandenen Original, dem sog. „Codex Fuxensis“ schöpfte (S. XVIII–XXVI). Aus der Empfängerüberlieferung konnten 13 Briefe im Original und zehn in teils mittelalterlichen, teils neueren Abschriften ermittelt und verglichen werden. Die 161 Briefe, die zwischen 22. Februar 1211 und 13. Februar 1212 registriert wurden, sind mit Ausnahme von zwei Sommerwochen in Grottaferrata durchweg im Lateranpalast datiert (vgl. die tabellarische Übersicht, S. LIII–LIX). Inhaltlich betreffen sie überwiegend unspektakuläre Privilegien, Kirchendisziplin, Pfründsachen, Rechtsstreitigkeiten und -auskünfte. Der wie immer instruktive Rundgang durch die europäischen Länder und Regionen (S. XXXVI–XLII) lässt außer der Bedrohung der christianitas durch Muslime und Ketzer keinen thematischen Schwerpunkt erkennen (S. XLII), führt aber viele bemerkenswerte Vorgänge und Einzelheiten vor Augen, die in zahllosen Sachanmerkungen erschlossen werden. Sechs Briefe fanden den Weg über die „Compilatio Quarta“ (1216) in den „Liber Extra“ (1234) und erlangten damit dauernde kanonistische Bedeutung (vgl. die Übersicht S. 265). Am erfolgreichsten war Brief 160, mit dem Innozenz ein Bündel von vier Anfragen des Bischofs von Genf beantwortete. Die responsa 3 und 4 betreffen zwei ganz unterschiedlich gelagerte Todesfälle, für die der Papst den Sachverhalt, die Schuldfrage und das Strafmaß in sorgfältiger Trennung erörterte, während Johannes Teutonicus und ihm folgend Raymund von Peñafort die beiden Teile wenig sachgemäß in ein einziges Kapitel des Dekretalentitels de homicidio voluntario vel casuali zusammenpressten (Tertio quesivisti … Ad ultimum ex parte tua fuit propositum: Comp. IV 5.6.3, X 5.12.19); vgl. Stephan Kuttner, Kanonistische Schuldlehre, Città del Vaticano 1935 (Studi e Testi 64), S. 194 und 244, mit dem Hinweis, dass der dritte Teil offensichtlich das nur wenig später ergangene, allgemeine Chirurgieverbot für Kleriker vorbereitet hat (Conc. Lat. IV c. 2, Comp. IV 3.19.2, X 3.50.9). Damit liefert dieser Brief bezeichnende Beispiele für den Weg von peripheren Einzelfällen über die päpstliche Beratung, die zunächst gar nicht allgemein verbindlich gemeint war, zur kanonistischen Auswahl, die schließlich zur gemeinrechtlichen Norm wurde. Mit dem vorliegenden Bd. biegt das Marathon-Unternehmen in seine Zielgerade ein; von den erhaltenen Volltextregistern fehlen nun nur noch die zwei Bde. für das 15. und 16. Pontifikatsjahr (1212/1214), während für die drei letzten Jahre nur Rubrizellen vorliegen, die eine radikale editorische Umstellung erfordern würden. Mögen die Bearbeiter die Kraft und die Mittel finden, das so weit gediehene Werk zu seinem von der Überlieferung vorgegebenen Ende zu bringen.

Martin Bertram

Nicola Ciola/Antonio Sabetta/Pierluigi Sguazzardo (a cura di), Il Concilio Lateranense IV a 800 anni dalla sua celebrazione. Una rilettura teologica, Città del Vaticano (Lateran University Press) 2016, 422 pp., ill., ISBN 978-88-465-1109-6, € 20.

La miscellanea curata da Nicola Ciola, Antonio Sabetta e Pierluigi Sguazzardo – tutti attivi presso l’Università Pontificia Lateranense – raccoglie i contributi del simposio che si è tenuto presso questo stesso ateneo dal 30 novembre al 1 dicembre 2015 in occasione dell’ottavo centenario del Concilio Lateranense IV. Il vol. intende analizzare questo concilio, definito nella introduzione „il più importante del medioevo“ (p. 11), in una prospettiva storico-teologica. Secondo i curatori, infatti, gli studi fin qui condotti hanno sottolineato la finalità disciplinare del Lateranense IV e i profili giuridico-canonistici delle sue costituzioni, trascurandone invece la dimensione dogmatica e teologica. Si tratterebbe di una lacuna di non modesto rilievo, dal momento che l’assise conciliare affrontò materie decisive per la teologia sacramentaria, quella trinitaria, l’ecclesiologia, l’escatologia e la gnoseologia teologica. Lo scopo del vol. è dunque restituire la fecondità teologica del Lateranense IV, inquadrandola nello specifico contesto storico in cui essa maturò. I diciassette saggi che compongono la miscellanea (diciannove, se si includono introduzione e conclusione) toccano trasversalmente alcuni temi che meritano di essere segnalati ora per l’originalità ora per l’ampiezza della trattazione a essi riservata. Un primo tema concerne il rapporto tra eresia e comprensione concettuale delle verità di fede. Se le eresie non sono per se stesse motivo di sviluppo dogmatico, la loro diffusione in un certo momento storico determina tuttavia le condizioni per una chiarificazione dottrinale più lucida e articolata di quanto non sia stato necessario fino a quel momento: in questa prospettiva Nicola Ciola (pp. 11–22) e Pierluigi Sguazzardo (pp. 77–95) considerano la professione de fide catholica con cui si aprì il Lateranense IV. Questa professione di fede, rivelativa dell’autocoscienza di un concilio che si volle generale se non proprio ecumenico, non può tuttavia essere ritenuta un nuovo simbolo della Chiesa, poiché mai adottata nella liturgia, come nota Giuseppe Lorizio (pp. 119–152). Un altro tema meritevole di segnalazione concerne l’opzione teologica, fatta propria dal Lateranense IV, a favore di Pietro Lombardo. Ne discutono Sergio P. Bonanni (pp. 41–56) e Antonio Sabetta (pp. 217–233), ricostruendo con acribia l’approvazione conciliare della tesi del Maestro delle Sentenze sull’unica essenza divina che „nec genuit nec genita est“ contro le obiezioni di Gioacchino da Fiore. Smentendo un’opinione diffusa, si fa notare che il Vaticano II non è stato dunque il primo e l’unico grande concilio a raccomandare un teologo (in quel caso Tommaso d’Aquino), poiché il Lateranense IV segna, a tale riguardo, un importante precedente. Non poteva mancare un’analisi del rapporto tra il Lateranense IV e colui che figura come il suo unico legislatore: Innocenzo III. L’analisi di Giulia Barone (pp. 25–40) si concentra su due coppie di testi riconducibili in tutto o in parte a questo papa: da una parte, il „Libellus de eleemosyna“ insieme con la bolla di canonizzazione di Omobono; dall’altra parte, il „De quadripartita specie nuptiarum“ insieme con la bolla di canonizzazione di Cunegonda. Si delineano così due linee fondamentali del pensiero innocenziano, poi accolte dal Lateranense IV: il potenziale salvifico della elemosina, precluso agli eretici, e l’assoluta indissolubilità del sacramento matrimoniale. Anche Riccardo Ferri (pp. 57–66) si occupa di Innocenzo III, e in particolare dei sermoni – due o tre, a seconda delle interpretazioni – che questi pronunciò durante il concilio, evidenziando come il Desiderio desideravi proponga una esegesi di Ez 9,4 che assegna al pontefice romano – e solo a lui – il grave dovere di benedire i giusti e di colpire i malvagi all’interno della Chiesa universale. Già da queste ultime osservazioni si scorge la centralità assunta nel Lateranense IV dalla ecclesiologia, la quale costituisce un ulteriore tema-chiave della miscellanea. Come spiega Pierluigi Sguazzardo, il Lateranense IV propose una ecclesiologia incentrata sulla eucarestia assai più che sul battesimo, da comprendere anche in rapporto alla dottrina della transustanziazione e a una rinnovata coscienza del ministero sacerdotale, su cui si sofferma Santiago del Cura Elena (pp. 153–197). Sempre riguardo all’ecclesiologia si segnalano le pagine di Giovanni Tangorra (pp. 199–216) sulla plenitudo potestatis, che hanno anche il merito di individuare nella salus animarum la categoria ermeneutica fondamentale per comprendere questo concilio. Da prospettive diverse, sia il saggio, già ricordato, di Antonio Sabetta sia quello di Natale Loda sui rapporti con la cristianità orientale (pp. 237–273) esaminano il principio, già patristico, „extra Ecclesiam nullus omnino salvatur“, che il Lateranense IV elevò per la prima volta a magistero universale, recependo un passo della professione di fede che Innocenzo III prescrisse ai Valdesi. Leggendo il vol. si ricava l’impressione che proprio l’ecclesiologia costituisca, in prospettiva, uno dei terreni più fertili per nuove ricerche storico-teologiche attorno al Lateranense IV. Meriterebbe attenta considerazione, per esempio, l’invito di Giulia Barone a riconsiderare fonti testuali e iconografiche legate a Innocenzo III alla luce di una comprensione nuziale del mistero della Chiesa, anche perché molte di queste fonti attendono una più approfondita analisi filologica e teologica. Forse, da questo punto di vista, la miscellanea avrebbe potuto osare di più. Nel complesso, comunque, essa ha il merito di offrire una panoramica ampia e una messa a punto aggiornata delle principali questioni storico-teologiche che il Lateranense IV fu chiamato a chiarificare e disciplinare.

Stefano Manganaro

Thomas W. Smith, Curia and Crusade. Pope Honorius III and the Recovery of the Holy Land 1216–1227, Turnhout (Brepols) 2017 (Outremer. Studies in the Crusades and the Latin East 6), XII, 393 pp., ill., ISBN 978-2-503-55297-2, € 93.

Il pontificato di Onorio III ha a lungo scontato un forte disinteresse storiografico, schiacciato tra le due figure di Innocenzo III e Gregorio IX, due papi che a lungo hanno calamitato l’attenzione degli studiosi. In una densa voce biografica di qualche anno fa Ovidio Capitani notava la forte problematicità valutativa connessa alla figura di Onorio III legato alle vicende dell’ascesa al trono imperiale dello Svevo Federico II, avvenuta nel corso del suo pontificato (Ovidio Capitani, Onorio II, in: Federico II. Enciclopedia fridericiana, Roma 2005, II, pp. 412–419). La pubblicazione del lavoro qui discusso e della monografia di Pierre-Vincent Claverie, Honorius III et l’Orient (1216–1227), Leiden-Boston 2013, costituiscono dunque un punto di riferimento da cui partire per chiarire quanto resta ancora da fare al riguardo sul pontificato qui analizzato, strettamente legato alle vicende del movimento crociato, vista la contemporanea spedizione definita per convenzione storiografica „Quinta crociata“. Il libro si divide in tre parti: la prima (pp. 31–100) ricostruisce il contesto in cui situare la figura storica del futuro pontefice, proveniente da un ceto sociale non elevato, nonché le modalità di funzionamento della cancelleria papale dell’epoca, la seconda (pp. 103–209) le questioni diplomatiche e gli eventi connessi con la cosiddetta „Quinta crociata“ e le sue conseguenze che interessarono da vicino Federico II, la terza (pp. 213–341) gli strumenti operativi con cui si attuò l’autorità papale nell’ambito dell’organizzazione e del lancio della crociata: le arengae, i legati, la tassazione. Il punto focale è rappresentato dallo studio attento dei registri della cancelleria papale del pontificato di Onorio III, uno degli uomini più addentro la macchina curiale visto il precedente ruolo di camerarius ricoperto da Cencio (il futuro Onorio III), un ambito di ricerche su cui sono stati presentati alcuni studi nel recente vol. intitolato „Nuovi studi su Onorio III“, a cura di Cristian Grasso, Roma 2017 (in particolare il contributo di Enrico Dumas, Il „Liber Censuum“. Strutture e logiche compositive del manoscritto Vaticano Latino 8486, pp. 37–48). La cifra complessiva del vol. può essere riassunta in due aspetti di base che innervano la terza parte – quella, a nostro avviso, di maggior interesse per la valutazione della monografia – e che vengono ribaditi nella breve conclusione (pp. 343–345): da un lato il fatto che il pontificato di Onorio non rappresentò una mera continuazione di quello di Innocenzo III ma assunse una direzione teologica e politica peculiare che necessita di essere valutata con grande attenzione (si vedano le conclusioni dell’analisi delle arengae pp. 242–260); dall’altro la convinzione che emerge dall’analisi approfondita dei registri papali secondo cui „the majority of Honorius’s orders regarding the crusades reflected the content of supplications and entreaties presented at his curia“ (p. 343). Si tratta di un’interpretazione che caratterizza la politica di Onorio definendola „responsive“ (un aggettivo che ritorna spesso nel corso del vol.) rispetto alle sollecitazioni degli interlocutori che si rivolgevano alla Curia romana in merito alle questioni connesse con quella crociata, una delle questioni più urgenti emerse nel corso dei lavori del Quarto Concilio Lateranense. Una lettura complessiva, sollecitata dal particolare tipo di fonte che costituisce la spina dorsale del lavoro, quei registri papali su cui l’autore si sofferma in un capitolo dedicato alla cancelleria papale e alla produzione documentaria ad esso connessa (pp. 49–100), una sezione che avremmo spostato in un altro punto del vol. ma che rappresenta una dettagliata e lucidissima analisi del farsi della documentazione presso la Curia papale duecentesca. Appare chiaro che l’autore intenda negare un approccio top-down nell’analisi degli strumenti con cui il governo papale esercitò il controllo della cristianità (vedi p. 49). Ciò comporta un’interpretazione a nostro avviso “riduttiva” dei rapporti tra centro e periferia di quelle istituzioni ecclesiastiche emerse a seguito della „rivoluzione gregoriana“ del secolo XI. Leggere tale rapporto sulla scorta delle sollecitazioni provenienti dall’esterno della Curia minimizza infatti la dimensione verticistica per cui la Sede romana rappresentava per ogni parte in causa il punto di riferimento ultimo di ogni decisione, soprattutto sulle questioni connesse alla crociata. Anzi nella dinamica esistente tra questi due poli ruotò, con esiti alternanti, la linea tenuta del papato di Onorio III, una linea spesso ondeggiante come nel caso del comportamento fraudolento dell’arcivescovo Rodrigo di Toledo nella raccolta della ventesima per la crociata, le cui irregolarità non furono sanzionate con la severità che meritavano (pp. 326–332), ma che si svolse pur sempre secondo procedure gestite da un’istituzione come la Curia romana il cui livello di sofisticazione è testimoniato dalle procedure documentarie così attentamente descritte nel capitolo 2. Una dinamica variabile e difficilmente riducibile ad assiomi precisi in sede di sintesi storica, come sottolineato opportunamente dall’autore, ma che rappresenta uno dei fili conduttori della storia del movimento crociato, legato strettamente al Papato ma al tempo stesso svincolato da esso, come la cosiddetta „deviazione“ della „Quarta crociata“ di qualche anno prima aveva mostrato con l’impossibilità per Innocenzo III di gestire una spedizione finita con la conquista di Costantinopoli. In conclusione, il libro presentato in questa sede (così come quello di Claverie) costituisce un ottimo punto di partenza per ripercorrere il periodo immediatamente successivo al Quarto Concilio Lateranense e le evoluzioni cui andò incontrò il movimento crociato, alla ricerca di quella sistematizzazione giuridico-ecclesiastica tanto cercata dai vertici della cristianità bassomedievale.

Luigi Russo

Manlio Bellomo, Roffredo Beneventano, professore a Roma. Lectura super Codice in un Apparatus recollectus di ignoto allievo, Frankfurt a. M. (Vittorio Klostermann) 2018 (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 313), XVIII, 298 S., ISBN 978-3-465-04357-7, € 79.

Giurista di grande spessore, professore in molte sedi – Bologna, Arezzo, Napoli e Roma ‒, pratico delle alte funzioni, degno della fiducia dell’imperatore, poi attivo nella curia pontificia, autore di notissime opere, quali le „Quaestiones sabbatinae“, i „Libelli de iure canonico“ e quelli „de iure civili“, e naturalmente glosse, Roffredo da Benevento (1170 circa – post 1243) rappresenta la stagione culminante della cosiddetta scuola dei glossatori, prima che la „Magna Glossa“ di Accursio ne concludesse il cammino e avviasse i giuristi civilisti verso altre forme letterarie. Mentre le sue opere più „strutturate“ avevano goduto di una certa trasmissione manoscritta e avevano poi destato l’interesse già degli stampatori cinquecenteschi, non altrettanto è accaduto alle glosse e agli apparati di Roffredo: come del resto per altri giuristi, in generale questa produzione ‒ poco diffusa nei ms. perché superata dalla glossa accursiana, con tradizioni disomogenee e per di più di non immediata individuazione per via delle sigle di difficile o non univoco scioglimento ‒ ha intimorito anche i più arditi fra gli editori moderni, scoraggiati dalle difficoltà insite in lavori di tal fatta, a voler tacere che oggi sono fatiche innegabilmente poco remunerative e poco apprezzate. Eppure le glosse organizzate in apparati spesso consentono di „udire“ la voce del maestro in cattedra e, se lette e studiate non solo singolarmente ma nel loro insieme, forniscono notizie, indicazioni e suggestioni sull’autore e sul suo ambiente altrimenti destinate a rimanere sconosciute. A Praga, nella biblioteca del Museo Nazionale, si conserva il ms. XVII.A.10, ampiamente noto agli storici del diritto per la presenza dell’apparato di Ugolino al Codice giustinianeo. Tuttavia esso contiene anche un apparatus recollectus di Roffredo, composta da circa 600 glosse, la cui paternità è celata dietro una sigla costituita da tre punti disposti a triangolo (un’immagine della quale è offerta dalla copertina del libro qui segnalato). Già solo ad un esame esterno, dunque, il ms. praghese offre ben due caratteristiche piuttosto rare: un apparato raccolto a lezione e non rielaborato alla scrivania e una sigla „grafica“. Pur essendo conosciuti altri casi di sigle grafiche, peraltro di norma finora non ricondotte ad una paternità, allo stato attuale il codice di Praga è l’unico esempio di questa specifica sigla: senza il paziente lavoro di lettura dell’apparato difficilmente si sarebbe potuto identificare con sicurezza l’anonimo maestro in Roffredo. Ed è sempre grazie allo studio certosino dell’insieme di glosse che il benemerito editore dell’apparato è giunto al convincimento di essere di fronte ad un apparatus recollectus. Esso è costituito non solo da glosse direttamente composte da Roffredo o reportatae da allievi, ma anche da interventi del recollector (o forse di più recollectores), cui sono riferibili certamente circa venti glosse: si tratta dunque di un’opera composita. A loro volta, com’era usuale, le glosse di Roffredo spesso incorporano, con piccole modifiche, parti di glosse altrui facendole proprie, o rinviano esplicitamente ad altri maestri, così fornendo la possibilità di ricostruire le sue fonti. La presenza di glosse geminate indica inoltre che l’apparato raccoglie lezioni tenute in anni diversi. Vagliando e incrociando gli elementi suggeriti dalle singole glosse, se ne deduce che l’apparato nel complesso copre un periodo che va dal 1220 circa al 1233 circa e testimonia almeno due fasi: quella „napoletana“, che vede Roffredo legato a Federico II e docente forse prima in scuole e poi, dal 1224, nel neonato Studium; e quella „romana“, in cui il maestro beneventano muta orientamento e si avvicina al pontefice, esercita l’avvocatura nei tribunali romani e insegna in una scuola attiva presso la curia, s’intende non ufficialmente fondata. L’insegnamento romano di Roffredo dimostra una volta di più l’esistenza a Roma di scuole di diritto canonico e civile e di teologia prima del 1245, cioè prima della lettera di fondazione dello Studium curiae attribuita a Innocenzo IV. L’analisi dall’apparato offre una larga messe di informazioni sul maestro beneventano. Dei sette maestri attribuitigli dal Savigny, nelle glosse l’appellativo di dominus è riservato solo a Ugolino de’ Presbiteri e ad Azzone; mentre i riferimenti a Piacentino, comunque inverosimili per motivi cronologici, dipendono inequivocabilmente dall’allievo di lui Ugolino; Giovanni Bassiano, pur citatissimo, non riceve mai l’appellativo di dominus, e così il raramente ricordato Ottone; altrettanto accade per Carlo di Tocco, che compare una volta sola, mentre Cipriano non s’incontra mai. Veniamo a conoscere dell’esistenza, oltre alle ben note opere di Roffredo, di altri suoi scritti. I ricordi legati a esperienze personali o a fatti appresi per via indiretta spesso accompagnano le sue riflessioni; queste vengono espresse in alcuni casi in modo veemente ‒ come contro le rappresaglie ‒ ma assai più frequentemente con espressioni canzonatorie, confermando quell’arguzia, quell’ironia, insomma quell’attitudine alla „festosità“ attribuitagli dal primo suo biografo, Giuseppe Ferretti. Pur civilista, Roffredo è fra i primi ad impiegare il diritto canonico: le decretali citate verosimilmente sono ricavate, piuttosto che dal „Liber Extra“ (promulgato nel 1234), dalle „Compilationes antiquae“, di almeno quattro delle quali conosce la successione. L’esperienza professionale di Roffredo ne fa anche un conoscitore del diritto longobardo, del diritto feudale e del diritto regio normanno-svevo. Molti altri spunti sono messi in evidenza dall’editore; altri ancora potrà il lettore ricavare direttamente dalla lettura dell’apparato. Grazie a questa edizione le glosse di Roffredo si sono salvate da un destino di oblio o al più di saltuaria e faticosa consultazione. Una prefazione firmata da Orazio Condorelli, Emanuele Conte e Andrea Padovani (pp. VII–XVII) apre il vol. La densa introduzione propone un’analisi acuta dell’apparato e mette a frutto una moltitudine di notizie (pp. 1–45). L’edizione si apre con una descrizione del ms. di Praga e fornisce per ogni glossa note e storiografia (pp. 47–289). Seguono gli indici della storiografia, dei luoghi, dei mss., dei personaggi e dei giuristi (pp. 291–298). Questo studio entra subito in medias res come si conviene a lavori scientifici diretti ad un pubblico di specialisti, segnatamente storici del diritto, ma suggerisce piste da esplorare anche agli studiosi di altri aspetti del medioevo: uno strumento di ricerca del quale dobbiamo essere grati.

Paola Maffei

Giorgio Tamba, Ranieri da Perugia nei suoi documenti di notaio (1212–1254), Bologna (Deputazione di Storia Patria per le Province di Romagna) 2018 (Documenti e studi / Deputazione di Storia Patria per le Province di Romagna 42), 179 S., Abb., ohne ISBN, ohne Preis.

Der beste Kenner der Bologneser Notariatsüberlieferung, dem wir schon mehrere grundlegende Editionen und Erschließungsmittel zu diesem unerschöpflichen Quellenkomplex verdanken, stellt hier einen der bekanntesten Notariatslehrer in einer instruktiven Verbindung seiner Theorie und seiner Praxis vor. Kern der Arbeit sind 18 noch vorhandene, teilweise erst von Tamba aufgespürte eigenhändige Instrumente des Rainerius, mit denen dieser zwischen 1221 und 1254 unterschiedliche Rechtsgeschäfte für verschiedene Beteiligte beurkundet hatte. Die im Volltext edierten Urkunden untersucht Tamba im Licht der beiden Notariatslehrbücher des Rainerius, mit denen dieser die Notariatskunst als akademische Disziplin etabliert hatte und weit über Bologna hinaus bekannt geworden war: der „Liber formularius“ (1214/1216, ed. Gaudenzi 1890) und die umfangreichere „Ars Notariae“ (1226–1233, ed. Wahrmund 1916). Die Untersuchung konzentriert sich auf den juristischen Gehalt der in den Urkunden verwendeten Formeln, die mit den Beispielen aus den beiden Lehrbüchern verglichen werden, wobei z. B. die allmähliche Ablösung von der Pseudoirnerianischen Emphiteuse durch die modernere locatio/conductio erkennbar wird oder die Herausbildung des Begriffs der locatio terre ad superficiem, der mit seiner Unterscheidung von Grund- und Baurecht die zeitgenössische Urbanisierung des ausgedehnten kirchlichen Grundbesitzes förderte. Die leider beschädigte Sentenz eines geistlichen Richters vom 6. Sept. 1215 (Nr. 3), die den Wortlaut des drei Jahre zuvor (24. Nov. 1212) ergangenen Delegationsmandats Papst Innozenz’ III. einschließt, entspricht in der summarischen Wiedergabe des Tatbestands und des Verfahrens den entsprechenden Formeln des zeitgenössischen „Liber Formularius“. Als imperiali auctoritate iudex et notarius ergänzt Rainerius seine Datierung durch die politisch korrekte Formulierungdiscordia inter dictum summum pontificem et Ottonem existente“. Drei Urkunden (Nr. 13, 14, 17) betreffen eine langjährige (1245/1253) und verwickelte familiäre Auseinandersetzung, in der sich Erb- und Vormundschaftsrecht überlagerten, wobei Rainerius die nicht immer eindeutigen rechtlichen Vorgaben situationsgemäß bzw. im Interesse seiner Auftraggeber anzupassen wusste. Den Beschluß einer kommunalen Kommission, mit der 1223 das Umland entsprechend den innerstädtischen quarterii gegliedert wurde (Nr. 7), hatte Rainerius als jüngstes Dokument in das von ihm organisierte und teilweise eigenhändig geschriebene Stadtrechtsbuch (Registrum grossum) eingetragen. Das Dokument, das mit seiner Aufzählung von 342 Lokalitäten des Contado für dessen Topographie ebenso wichtig ist wie für die administrative und militärische Organisation, wird hier erstmals in einer modernen Edition vorgelegt. Mehrere Urkunden beleuchten die ausgefeilten Prozeduren, mit denen die Übertragungen aus eigenen oder fremden Imbreviaturen beglaubigt wurden, darunter auch eine postume Ausfertigung „ut inveni in rogationibus magistri Raynerii de Peruxio“, d. h. aus seinen Imbreviaturen, die gleich nach seinem Tod an seinen nepos (laut Tamba eher ein Enkel als ein Neffe) übergeben worden waren; diese vorschriftsmäßige commissio war in einem speziellen Register festgehalten worden, dessen Erschließung ebenfalls Tamba zu verdanken ist: Commissioni notarili. Registro (1253–1289), in: Studio bolognese e formazione del notariato, Studi storici sul notariato italiano IX, Milano 1992, S. 197–446, hier S. 237. Zusätzlich zu den vielfältigen Einblicken in die Praxis und Theorie des Bologneser Notariats kann Tamba auch eine nicht unwichtige biographische Korrektur präsentieren: Rainerius ist 10 Jahre später gestorben als bisher angenommen, nämlich erst im Jahr 1255.

Martin Bertram

Antonio di Padova e le sue immagini. Atti del XLIV convegno internazionale, Assisi, 13–15 ottobre 2016, Spoleto (Fondazione Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo) 2017 (Atti dei Convegni della Società Internazionale di Studi Francescani e del Centro Interuniversitario di Studi Francescani. Nuova serie 27), X, 387, XVI, XII S., Abb., ISBN 978-88-6809-149-1, € 48.

Es gibt Dinge, die schlechter erforscht sind als die Anfänge der franziskanischen Bewegung. Dieser Forschungseifer, dem wir Tausende von Publikationen über den „Gründer“ Franz von Assisi und sein Wirken in den ersten Jahrzehnten des 13. Jh. verdanken, zeigt sich deutlich reduzierter in Hinblick auf eine andere Person, die für die Ausbreitung und Konsolidierung des Ordens eine fast ebenso wichtige Rolle spielte: Antonius von Padua. Dies ist umso erstaunlicher, als es sich bei ihm nicht nur um einen der ersten franziskanischen Ordensheiligen handelt (kanonisiert wurde er 1231), sondern er auch mit verantwortlich für eine Öffnung des Ordens hinein in die Welt der Wissenschaft war. In seinem einleitenden Beitrag zum status quaestionis der Antonius-Forschungen macht Luciano Bertazzo auf dieses Missverhältnis aufmerksam (trennte man die Spreu vom Weizen der rund 800 im Zuge des großen Antonius-Jubiläums 1995 erschienenen Beiträge, würde sich diese zunächst recht eindrucksvolle Zahl sehr schnell auf ein unauffälliges Normalmaß zurückstutzen lassen) und stellt ebenso knapp wie kompetent die wichtigsten, in den vergangenen Jahrzehnten erschienenen Publikationen zu Leben und Werk des Heiligen vor. Verwiesen wird auch auf die 1981 von Raoul Manselli aufgeworfene, noch heute provokante These einer „questione antoniana“, der zufolge das Predigtwerk des Heiligen klar erkennbare kanonikale Bezüge aufweise und nur bedingt als Quelle für die Frühzeit der franziskanischen Armutsbewegung herangezogen werden könne. Wenig überraschend sind es denn auch die Predigten, die im Zentrum von vielen der nachfolgenden zehn Beiträge stehen. Für Antonius bildete das Predigen das Zentrum seines Schaffens – und in seinen von klugen Betrachtungen zur ars praedicandi durchwirkten sermones wies er immer wieder auf die Bedeutung von Wissen und guter Ausbildung für den Prediger hin („praedicator debet esse filius scientiae et notitiae“).Während sich Carlo Delcorno den erzählenden Aspekten im Predigtwerk (sowohl in den sermones dominicales als auch den sermones festivi) widmet und dabei auf die starke Verwurzelung in der zwar traditionsreichen, aber altmodischen Perikopenauslegung verweist, richtet Pascale Bourgain ihren Blick auf die Bedeutung der Heiligen innerhalb des antonianischen Predigtwerks, unter denen die Apostel eine Spitzenstellung einnehmen. „Moderne“ Heilige hingegen sind eine rare Species, selbst Franz von Assisi taucht nicht auf. Heilige dienen Antonius offensichtlich als Modell christlicher Lebensführung, wirken aber nicht als Fürsprecher. Und man versteht Bourgain, wenn sie etwas resigniert bekennt: „Les saints y ont peu de place“ (S. 72). Giovanni Paolo Maggioni bleibt hagiographischen Themenfeldern treu, wenn er den „immagini dalla tradizione agiografica“ in den sermones festivi Antoniusʼ nachspürt, diese „Bilder“ in den Bestimmungen des IV. Lateranum begründet sieht und als Ausgangspunkt guten, wirkungsvollen Predigens ausmacht. Überschneidungen mit den Ausführungen Bourgains bleiben hier naturgemäß nicht aus. Eleonora Lombardo behandelt in ihrem wichtigen Beitrag das Bild Antoniusʼ in den 1230–1350 entstandenen und ihm gewidmeten 221 sermones anderer Prediger. In ihnen wird nicht nur das Bild eines gebildeten, wortmächtigen magister et doctor entworfen, sondern auch auf die Nahbeziehung zu Franz von Assisi eingegangen. Auf die von ihr angekündigte Edition des gesamten Corpus der mittelalterlichen Predigten über Antonius darf man gespannt sein. Faszinierend zu lesen sind die Ausführungen von Nicoletta Giovè Marchioli, die sich dem sogenannten „Codice del Tesore“ (ms. 720, aufbewahrt in der Pontificia Biblioteca Antoniana in Padua), dem Hauptüberlieferungsträger des antonianischen Predigtwerks, widmet. Lange wurde die Hs. als Autograph angesehen und damit in der Paduaner Antonius-Basilika als Sekundärreliquie des Heiligen verehrt. Marchioli zeichnet nun die Geschichte dieser Hs. (und damit die Bibliotheksgeschichte des Konvents) vom „oggetto culturale a oggetto cultuale“ (S. 204) nach – als ältestem und vollständigstem Überlieferungsträger kommt ihr enorme Bedeutung zu. 18 Abb. (s/w) illustrieren hier das Gesagte. Auch andere Quellengruppen werden berücksichtigt. Während Filippo Sedda sich der Präsenz Antoniusʼ in liturgischen Quellen widmet, spürt Maria Teresa Dolso dem gleichen Phänomen in Hinblick auf die sogenannten testimonia minora (darunter Chroniken oder Papstbriefe) nach und macht als einigendes inhaltliches Band, das die sehr disparaten Quellengruppen miteinander verbindet, die „inclinazione allo studio“ und die „missione pastorale“ aus. Ausfluss dieser beiden Charakteristika ist dabei einmal mehr die Predigt. Antonius erscheint als „non dispar imitator“ des Ordensgründers, wodurch nicht nur etwas von der Aurorität des Franziskus auf ihn übergeht, sondern auch der von ihm vertretene (nicht in allen Aspekten „franziskuskonforme“) Weg einer Hinwendung zu einer elaborierten Pastoral autoritativ untermauert wird. Zwei kunsthistorische Beiträge von Tiziana Franco und Luca Baggio beschäftigen sich mit der Antonius-Ikonographie in den ersten Jahrzehnten des 14. Jh. bzw. mit der ikonographischen Antonius-Tradition in und um Padua. Abschließende Bemerkungen von Antonio Rigon bündeln die Beiträge, zeigen verbindende, aber auch trennende Elemente auf und verankern die Person des Antonius, des „eterno secondo“ (S. 354), mit ihren vielen Schattierungen – Thaumaturg, Prediger, Kirchenlehrer, Mystiker – innerhalb der religiösen Bewegungen des 13. Jh. „Christi Ecclesiae vita eius utilis extitit“ – das, was im „Dialogus de gestis beati Antonii“ (1245) so treffend auf den Punkt gebracht wird, ist Gegenstand nahezu jeden Artikels. Antonius mag hinter Franziskus der „ewig Zweite“ gewesen sein, sein Einfluss auf Kirche, Welt und Wissenschaft war gleichwohl enorm. Er war der Kirche Christi in der Tat ausgesprochen nützlich.

Ralf Lützelschwab

Damien Ruiz, La vie et l’œuvre de Hugues de Digne, préface d’André Vauchez, Spoleto (Fondazione Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo) 2018 (Medioevo francescano. Opera prima 2. Collana della Società internazionale di studi francescani 37), XXII, 498 S., ISBN 978-88-6809-173-6, € 64.

Hugues de Digne (c. 1205 – c. 1255/57), ein aus der Provence stammender Franziskaner, verdankt seinen hohen Bekanntheitsgrad vor allem der Freundschaft mit Salimbene de Adam, der ihm in seiner Chronik einige bemerkenswerte Passagen widmete. Damien Ruiz, der letzte Doktorand von André Vauchez, widmete Hugues de Digne seine monumentale, fünf Bde. umfassende und 2009 an der Université de Paris Ouest La Défense verteidigte Diss., deren wichtigste Ergebnisse nun auf knapp 500 S. im Druck vorliegen. Ruizʼ Anspruch präsentiert sich, zumindest auf den ersten Blick, bescheiden: „Le présent ouvrage entend simplement faire le point sur la biographie du frère provençal et l’histoire de son œuvre à travers sa tradition manuscrite“ (S. XV). Der zweite Blick offenbart die Fallstricke: Viele Werke wurden dem Franziskaner im Laufe der Zeit zugeschrieben. Und nicht das kleinste Verdienst der vorliegenden Arbeit besteht darin, den dichten Zuschreibungsdschungel gelichtet zu haben. Als tatsächlich authentisch lässt Ruiz lediglich zwei Werke gelten: den „Libellus de finibus paupertatis“ (um 1241/42) und die „Elucidatio super regulam Fratrum Minorum“ (um 1252/54). Diese beiden Traktate wurden zwar schon zuvor veröffentlicht, Ruiz ist freilich der erste, der unter Berücksichtigung neuer, von ihm im Laufe seiner Recherchen entdeckter Textzeugen, Editionen vorlegen kann, die den Namen „kritisch“ verdienen. Ihre Lektüre zeigt, dass Hugues zukünftig wohl kaum guten Gewissens als „Vater der Spiritualen“ apostrophiert werden dürfte – ein Name, der ihm innerhalb der Forschung nicht zuletzt deshalb verliehen wurde, weil man in ihm den Autor einiger joachimitisch geprägter Prophetien sehen wollte. Vielmehr erscheint er als aufgrund seiner Gelehrsamkeit hoch angesehener Prediger, der Franz von Assisi nicht persönlich kannte, der aber den Weg, den Gregor IX. den Franziskanern wies, bejahte und beschritt. Was Hugues freilich von der Mehrzahl der zeitgleich wirkenden, gelehrten Ordensbrüder unterschied, ist die zentrale Stellung, die er der Armut im Leben der Franziskaner zuwies. Das mag zunächst widersprüchlich erscheinen, doch gelingt es Ruiz auf der Basis einer mit großer Akribie und noch größerer Kennerschaft der komplexen kirchenpolitischen Situation in der Provence verfassten biographischen Darstellung, diesen Widerspruch aufzulösen. Hugues ist Prophet, Verächter der Mächtigen, Vertreter joachimitischen Gedankenguts, ist gleichzeitig aber auch Verfasser der beiden Schriften, die sich gleichsam sehr viel „zahmer“, auf jeden Fall abgewogener, als das präsentieren, was Hugues ansonsten von sich gab. Hauptquellen für die Rekonstruktion der in vier Abschnitte gegliederten Biographie, die den ersten Teil des vorliegenden Bd. bilden, sind die Vida der Hl. Douceline, der Schwester Hugues (deren eigener Lebensweg als Begine vielleicht etwas zu ausführlich beschrieben wird), und die Cronica des Salimbene. Zusammen mit einigen Urkunden der Grafen der Provence und Briefen des englischen Franziskaners Adam de Marsh bilden sie das eigentliche Quellengerüst. Insbesondere der Vida kommt für die frühen Jahre der Existenz Huguesʼ gesteigerte Bedeutung zu. Die Herkunft aus einer durch den Salzhandel zu Geld gekommenen Familie wird dabei ebenso schlüssig nachgewiesen wie eine Ausbildung in eher lokalem Kontext, genauer: in Barjols im Umfeld der Kollegiatskirche Notre-Dame de l’Épine. Obwohl bereits 1235 in den Orden eingetreten, wird Hugues erst nach Übernahme des Amtes eines Provinzialministers (ab 1240) tatsächlich fassbar. Der Vorhang lichtet sich endgültig 1245, als Hugues auf dem Ersten Konzil von Lyon Papst und Kardinäle in einer Ansprache energisch zurechtwies. Dies sollte sich in noch harscherem Ton 1254 wiederholen, als Hugues vor Ludwig IX. predigte: „Fidèle à sa réputation, Hugues de Digne ne dissimule pas sa mauvaise humeur“ (S. 93). Zur Verbindung Huguesʼ zu den Franziskanerspiritualen, oder zu Joachim von Fiore, wird das Nötige gesagt. Im Konvent von Hyères, in dem Hugues lange lebte, verfügte man über „omnes libros abbatis Ioachim“ (S. 57). Zu Recht sieht Ruiz in Hugues „l’un des principaux rouages de la diffusion de ces textes“ (S. 58). Dies und die Tatsache, dass heterodoxe Franziskaner wie Petrus Johannes Olivi, Ubertino da Casale oder Angelo Clareno aus seinen Werken zitierten, trug wohl dazu bei, dass seinen Schriften nur eine bescheidene Rezeption vergönnt war. Hochinteressant sind die Ausführungen zur Rolle Huguesʼ bei der Entstehung der Sackbrüder, deren Existenz strahlend, aber kurz war: bereits 1274 wurde der Orden auf dem II. Konzil von Lyon aufgelöst. Huguesʼ Nachleben wird knapp, aber präzise abgehandelt. Sein postmortaler Ruhm währte nur kurz und wurde bald von demjenigen des Hl. Ludwig von Toulouse, der ebenso wie Hugues in der Franziskanerkirche zu Marseille begraben wurde, überstrahlt. In einem zweiten Teil werden die Werke des Hugues de Digne und ihre handschriftliche Überlieferung behandelt. Zunächst der „Libells de finibus paupertatis“, der erste analytische, ausschließlich dem franziskanischen Armutsideal gewidmete Traktat in der Geschichte des Ordens. Sechs Hss. dieses „essai de grande technicité“ (S. 120) sind erhalten und Ruiz liefert für jede von ihnen eine umfassende Beschreibung. Vom Regelkommentar, der „Elucidatio super regulam fratrum Minorum“, haben sich lediglich ein Textzeuge aus der zweiten Hälfte des 15. Jh. und ein Frühdruck von 1506 erhalten. Es handelt sich dabei um den umfangreichsten Kommentar des gesamten 13. Jh., der den zwölf Kapiteln der Franziskanerregel folgt, „un subtil mélange de tradition et d’actualité, de discours à la tonalité juridique accusée et de considérations spirituelles profondes“ (S. 200). In ihm vesucht Hugues, Angriffe von außen zu parieren und der Unwissenheit der eigenen Brüder aufzuhelfen. Die kritische Edition der beiden Texte zeugt von den herausragenden editorischen und sprachlichen Fähigkeiten des Hg. Wie viel Akribie auf die Textherstellung verwendet wurde, zeigen die beiden Apparate (apparatus criticus und apparatus fontium). Der Forschung stehen nun über jeden Zweifel erhabene Texte zur Verfügung, die Einblick in franziskanische Befindlichkeiten zu einem Zeitpunkt geben, als der Orden seinen Weg in die Welt bereits gefunden hatte, diesen jedoch gegen vielerlei Widerstände und Angriffe von innen und außen noch verteidigen musste. Ruiz hat eine umfassende Darstellung des Hugues de Digne vorgelegt und gezeigt, dass seine Stellung sehr viel bedeutender als die eines „oracle à la réputation parfois sulfureuse“ (S. XX) ist. Hugues zählt, und das wird nach der Lektüre überdeutlich, zu den faszinierendsten franziskanischen Ordenspersönlichkeiten des Mittelalters.

Ralf Lützelschwab

Die Urkunden Alfonsʼ von Kastilien, bearb. von Ingo Schwab unter Mitwirkung von Alfred Gawlik, Wiesbaden (Harrassowitz) 2016 (Monumenta Germaniae Historica. Diplomata. Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser 19,1), XLVIII, 280 S., Abb., ISBN 978-3-447-10088-5, € 80.

Als „weiser“ König von Kastilien ist Alfons X. wesentlich bekannter denn als römisch-deutscher König. Nachdem ihn bereits 1256 Vertreter der Städte Marseille und Pisa zum römisch-deutschen König erhoben hatten, wurde er von einem Teil der späteren Kurfürsten im Jahr darauf in Doppelwahl erneut zum König gewählt. Das Reich betrat Alfons jedoch nie. Umso erstaunlicher mag die Tatsache wirken, dass er sich auch nach der Erhebung Rudolfs von Habsburg 1273 weiterhin als römischer König bezeichnete und erst 1281 darauf verzichtete. Damit ist der Zeitraum umrissen, den Ingo Schwabs Edition der Urkunden Alfons’ von Kastilien als römisch-deutscher König abdeckt. Die Edition ist unter Mitwirkung von Alfred Gawlik entstanden und schließt eine Quellenlücke zur Erforschung des sogenannten Interregnums und insbesondere des römisch-deutschen Königtums im 13. Jh. Der vorliegende Bd. profitiert von mehr als 30 Jahren profunder Beschäftigung Ingo Schwabs mit der Materie. Dies gilt nicht nur für die Edition, sondern insbesondere auch für die Einleitung, die eine fundierte und überzeugende Interpretation des fecho del imperio leistet. Die im vorliegenden Bd. publizierten Urkunden decken den Zeitraum von 1255 bis 1281 ab (S. IX). Insbesondere der Beginn des Untersuchungszeitraums macht deutlich, dass König Alfons schon im Jahr vor dem Tod Wilhelms von Holland reges Interesse am römisch-deutschen Königtum hatte. In der Einleitung kann Schwab die These erhärten, dass Alfonsʼ Ziel die Kaiserwürde war, um so seine Herrschaft über die gesamte iberische Halbinsel zu etablieren (S. XIII). Gleichzeitig bietet Schwab in der Einleitung eine konzise und geordnete Chronologie der Ereignisse um die Doppelwahl 1256/57 aus der Perspektive Alfonsʼ (S. IX–XIV), die in dieser Klarheit bislang nicht vorliegt. Die inhaltlichen Überlegungen werden um die Einordnung von Alfons’ Kanzlei, inneren und äußeren Merkmalen der Urkunden sowie Alfonsʼ Siegel ergänzt (S. XXIII–XLV). Hochwertige Abb. ausgewählter Urkunden mit ihren – soweit vorhandenen – Siegeln schließen die Einleitung ab. Den Hauptteil der Edition bilden diejenigen Urkunden, die einen direkten Zusammenhang mit Alfonsʼ römisch-deutschem Königtum besitzen (S. XXIV). Bemerkenswert sind die weiteren 27 Urkunden, die vom Hauptteil der Urkunden abgesetzt sind und den fecho del imperio indirekt zum Gegenstand haben (Nr. AA 1–27). Zum ersten Mal liegen damit alle Urkunden Alfonsʼ in Bezug auf sein römisch-deutsches Königtum gemeinsam in einer modernen Edition vor. Diese ist übersichtlich eingerichtet, die Kopfregesten liefern häufig ausführliche Informationen zum Urkundeninhalt und machen diesen damit schnell zugänglich. Besonders für die komplizierten Vorgänge der Jahre 1255 bis 1257 bieten sie einen raschen und umfassenden Zugang zu den Ereignissen auf dem neusten Stand der Forschung. Ergänzt wird die ausgesprochen überzeugende Edition durch umfassende Namens- (S. 147–171), Wort- und Sachregister (S. 173–251) sowie ein hilfreiches Register „altkastilische[r] Wörter und Sachen“ (S. 253–264). Dem Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 265–276) folgt die Konkordanzliste (S. 277–279). Mit der vorliegenden MGH-Edition ist eine empfindliche Quellenlücke für die Erforschung des 13. Jh. geschlossen. Schwab leistet mit der Einleitung außerdem eine sehr gelungene, quellennahe und aktuelle Einordnung der Politik Alfonsʼ von Kastilien in Bezug auf die Doppelwahl 1256/57 sowie das weitere knappe Vierteljh. Interregnumsgeschichte. Mit Spannung sind nun die weiteren Diplomata-Bde. zu den Königen des Interregnums zu erwarten – Schwab hat die Messlatte hier sehr hoch gelegt.

Anuschka Holste-Massoth

Duccio Balestracci, La battaglia di Montaperti, Bari-Roma (Editori Laterza) 2017 (Società e storia), 243 S., ISBN 978-88-581-2745-2, € 20.

Die erste Auflage des im April 2017 erschienenen Bd. war nach 25 Tagen, die zweite nach 35 Tagen ausverkauft – so präsent ist die Erinnerung an die große, vor über 750 Jahren am 4. September 1260 geschlagene Schlacht, in der Siena den größeren Rivalen, die Arnostadt Florenz, vernichtend schlug und damit den letzten großen Sieg der staufischen Partei in Italien erfocht. Dem neuen Buch des in Siena lehrenden Autors werden das große Interesse wohl nicht nur seine Sieneser Mitbürger beschert haben, zumal zu der Literatur über Montaperti in den letzten Jahren verschiedene Studien hinzugekommen sind, und damit eine neue Vertiefung des Themas zu erwarten war. Von der Beobachtung ausgehend, dass die Vorgeschichte der Schlacht und ihre historischen Konsequenzen leicht zu rekonstruieren seien, weist der Autor auf das Problem hin, dass man in Ermangelung direkter zeitgenössischer Nachrichten trotz aller Bemühungen bis heute weder wisse, wie sich die Schlacht im einzelnen abgespielt habe, noch wo sie genau stattfand (Kapitel I. „Una battaglia fantasma“), und zeigt die offenen Fragen, indem er die Berichte der Quellen kritisch überprüft: Das Aufgebot des Florentiner Heeres, seine Zusammensetzung, Organisation und Marschroute bis zum Vorabend der Schlacht sind, wie der Autor darlegt, dank der einzigartigen Überlieferung des ‚Reisearchivs‘ des Heeres, des sog. „Libro di Montaperti“ (ed. Cesare Paoli, 1889), genauestens überliefert. Doch da beginnen die Probleme. Denn in der parallelen Überlieferung Sienas fehlen ausgerechnet die Archivalien dieser Monate, d. h. die Protokolle des Consiglio Generale und der Staatskasse, der Biccherna. Sie wurden von einer unbekannten Hand entfernt, vermutlich nach der Niederlage Sienas und der Eingliederung des Sieneser Staates in das Großherzogtum Toskana, vielleicht in der Zeit, als einer der ersten Gouverneure von Siena, Federico Barbolani di Montauto (1572–1582), den Carroccio des 1260 geschlagenen Florentiner Heeres und den „Libro di Montaperti“ dem Großherzog übersandte. Es fehlen aber auch zeitgenössische Schilderungen der Ereignisse, so dass man auf chronikalische Berichte aus späterer Zeit angewiesen ist, deren Problematik der Autor eingehend darlegt (Kapitel VII. „Il romanzo di Montaperti“, S. 87–124): Der älteste chronikalische Bericht aus Siena über die Schlacht, aus der Feder des sog. Anonimo, der etwa hundert Jahre später schreibt, wird in wesentlichen Details von der Überlieferung nicht gestützt und bietet darüber hinaus Anachronistisches und Erfundenes. Auf seinem Bericht fußend hat im 15. Jh. der Chronist Paolo di Tommaso Montauri ein filmreifes Drehbuch von der Schlacht geschaffen (S. 95), das die Grundlage der späteren Tradition bildet und gewissermaßen „das heilige Buch“ jeder Erzählung von Montaperti in der Neuzeit geworden sei (S. 113). Nicht viel besser sei es um den Bericht des Florentiner Chronisten Giovanni Villani bestellt, der Details berichtet, die, sofern sie verbürgt wären, sicher auch in Dantes „Divina comedia“ eingegangen wären. Eingerahmt wird dieser Kern der Darstellung von fünf Kapiteln, die die an Parteiungen, Spannungen und Kriegen reichen Jahrzehnte der Toskana vor der großen Schlacht schildern – u. a. mit dem Hinweis, dass der eigentliche Grund, der zur Schlacht geführt hat, Sienas Expansion nach dem Süden gewesen sei – und von drei Schlusskapiteln, die die Jahrzehnte nach der Schlacht, den Triumph des Guelfentums und das Agieren Karls von Anjou schildern, der die Politik des Staufers Manfred nahtlos fortsetzte, wobei sich neue Modelle politischer Strukturen abzeichneten.

Thomas Szabó

Pierpaolo Bonacini, Multa scripsit, nihil tamen reperitur. Niccolò Mattarelli giurista a Modena e Padova (1240 ca. – 1314 ca.), Bologna (Bononia University Press) 2018 (Seminario Giuridico della Università di Bologna 292), 263 S., ISBN 978-88-6923-301-2, € 30.

Der lateinische Obertitel, der im 16. Jh. von Guido Panciroli formuliert wurde, gibt einen allgemeinen Eindruck wieder, der das Bild Mattarellis in der juristischen Literaturgeschichte schon seit dem 14. Jh. und noch bis heute bestimmt. Seinerzeit war er ein angesehener Autor, der gerne und häufig zitiert wurde, obwohl von seiner literarischen Produktion schon in der nächsten Generation nur noch ein paar verstreute Bruchstücke vorlagen. Dieser oft konstatierte Befund wird nun durch die vorliegenden Recherchen wohl endgültig bestätigt, welche die bisherige Forschung in verdienstvoller Weise zusammenfassen, aber nur marginale neue Erkenntnisse bieten. Die willkommene und nützliche Bilanz ist in drei Kapitel gegliedert, deren erstes (S. 9–65) dem Lebenslauf und der professionellen Karriere gewidmet ist. Eine Nachlese in den reichen Modeneser Lokalquellen, insbesondere in den dortigen „Libri Memoriali“, aus denen Emilio PaoloVicini schon Anfang des 20. Jh. eine wegweisende biographische Studie zusammengestellt hatte, ergibt noch einige zusätzliche Informationen über die Familie, den Besitz und gelegentliche Aufgaben für die Kommunalregierung. Für die Rekonstruktion der Karriere ist die Registrierung als doctor legum in der 1270 aufgezeichneten Matrikel der Richter und Advokaten wichtig. Dagegen bleiben ein Beratungsvertrag mit der Kommune Foligno (1282) sowie die Berufung zu einer Vorlesung über den justinianischen Codex in Cremona (1292) weiterhin ohne Erkenntnisse zu ihrer Realisierung. Ab 1290 war Mattarelli in Padua tätig, wo er mit zwischenzeitlicher Rückkehr nach Modena (1306–1308) bis 1310 nachweisbar ist. Für das Todesdatum verbleibt eine Spanne von Juli 1310 bis Juni 1315. Das zweite Kapitel (S. 67–142) ist den Werken gewidmet, die, wie gesagt, bis auf wenige Reste verloren sind. Unter den noch vorhandenen Texten sind an erster Stelle mehrere Serien von thematisch vielfältigen quaestiones zu nennen, die MarioBevilacqua und ManlioBellomo aufgespürt und untersucht haben. Die Hss. des Codex, die zur Glosse des Accursius additiones von Mattarelli überliefern, hat GiuseppeSpeciale 1994 zusammengestellt. Daneben verdienen die Mattarelli zugeschriebenen Glossen zum „Digestum Vetus“ in der Hs. Padua, BU 941 schon deshalb Erwähnung, weil sie das anhaltende Studium dieser ehrwürdigen Hs. aus dem 12. Jh. bezeugen. Zu den ca. 40 Glossen (Nachweise S. 81, Anm. 50), die anscheinend ein Reportator von Mattarellis Vorlesungen in Bologna (?), Modena (?), Reggio (?) in diese Hs. eingetragen hatte, kam dann in Padua noch ein langer Eintrag mit der Sigle des Sohnes Franciscus hinzu. Interessant wären sicher die verkürzenden Wiedergaben der lecturae des Odofredus zu den Digesten und zum Codex, die im 14. Jh. unter dem Titel „Decisa“ umliefen, dann aber spurlos verschwanden. Die vollständige Fassung eines wohl als Repetitio zu Cod. 4.21 (de fide instrumentorum) entstandenen, auszugsweise von Johannes Andreae in seinen additiones zum „Speculum“ reproduzierten und später von Baldus benutzten „Tractatus super instrumentis“ wird in einer einzigen Hs. überliefert (Vat. lat. 5753, fol. 47v–50v; die S. 119 erwähnte „recente e meritevole trascrizione“ von FrancescaMacino ist anscheinend noch nicht erschienen). Die umfangreiche Repetitio zu Cod. 7.47 un. (Cum pro eo) für die ebenfalls nur eine einzige Hs. zur Verfügung steht (Modena, Estense 1161, fol. 133r–161r) kann man jetzt in der Edition von Mario Conetti lesen (Economia e diritto nel Trecento. La repetitio di Niccolò Matarelli sul tema dell’interesse, Roma 2017), die wohl zu spät kam, um von Bonacini noch berücksichtigt zu werden; die gründliche Einleitung führt weit über die einschlägigen Ausführungen von Bonacini (S. 88–91) hinaus. Eine zwischen 1290 und 1295 in Padua vielleicht für den eigenen Sohn Franciscus gehaltene Promotionsrede war 1985 von PaoloMarangon ediert und erläutert worden. Inhaltlich rechnet Bonacini Mattarellis verstreute Äußerungen pauschal einer von ManlioBellomo postulierten „linea alternativa“ der italienischen Legistik nach Accursius zu. Das dritte Kapitel (S. 143–192) geht in redundanter Breite den Erinnerungen an Mattarelli („tracce della memoria“) in der gelehrten Literaturgeschichte und Bibliographie des 15. bis 17. Jh. nach, die mit irrigen Nachrichten (z. B. MarcoMantova: angeblicher Unterricht in Bologna und Pisa; Guido Panciroli: ein spätes Amt und Tod in Lucca) Verwirrung stiften und in der Substanz nicht über den Befund hinauskommen, der Ende des 18. Jh. nochmals von dem gründlichen GirolamoTiraboschi konstatiert wurde: „niuno ci indica ove tali opere or si conservino“. Der eilige Leser kann sich mit der zusammenfassenden „Introduzione“ (S. 1–8) begnügen. Unter den nicht seltenen Druck- und Flüchtigkeitsfehlern ist der Ausfall der S. 70 und S. 218 besonders störend.

Martin Bertram

Arnaud Fossier, Le bureau des âmes. Écritures et pratiques administratives de la Pénitencerie apostolique (XIIIe–XIVe siècle), Roma (École française de Rome) 2018 (Bibliothèque des Écoles françaises d’Athènes et de Rome 378), XV, 617 S., Abb., ISBN 978-2-7283-1286-3, € 39.

Die Forschungen zur päpstlichen Bußbehörde (Sacra Poenitentaria Apostolica) des Mittelalters haben sich in den letzten Jahrzehnten fast unweigerlich dem 15. Jh. zugewandt. Grund dafür sind die Pönitentiarieregister, die wissenschaftlich nicht vor 1988 zugänglich wurden und ihrerseits erst mit einem schmalen Bd. von 1410/11 einsetzen. Arnaud Fossier hat diesem Trend nun auf gut 600 S. entgegengesteuert, indem sein Buch das Reg. von 1410/11 zeitlich nicht an den Anfang stellt, sondern zur jüngsten Hauptquelle macht. Damit tritt Fossier nach eigener Auskunft (S. 6) in die Nachfolge Emil Göllers, der die Frühzeit der Poenitentiaria (von etwa 1200 an) zuletzt vor mehr als einem Jahrhundert (1907) monographisch behandelt hat. In Ermangelung weiterer Reg. für seinen Untersuchungszeitraum wirft sich Fossiers Studie insbesondere auf die an der Pönitentiarie entstandenen Sammlungen von Briefmustern (Formularien), die er in zwei zentralen Kapiteln zunächst literaturgeschichtlich, dann mit Bezug auf die inhaltliche Gestaltung einzelner Briefformeln und schließlich hinsichtlich der darin angesprochenen Rechtsangelegenheiten bespricht (S. 135–240). Diesem stark philologisch orientierten Mittelteil geht eine chronologische Einführung in die Ursprünge und Institutionalisierung der Pönitentiarie bis 1410 voraus, die vor allem prosopographisch verfährt (S. 21–134). Der Rest des Werks entpuppt sich vor allem als lexikalische Untersuchung, in der Fossier nacheinander auf die in den Formularien verwendete Begrifflichkeit zu Schuldfragen (S. 241–299) und die in der Pönitentiarie gewährten juridischen oder pastoralen Gnadenerweise, also Dispense (S. 301–366) und Absolutionen (S. 367–438), eingeht. Das letzte Kapitel bietet erneut eine begriffliche Analyse, in der der Sorge der Pönitentiarie um Vermeidung von öffentlichem Skandal nachgegangen wird (S. 439–501). Die Bibliographie, verschiedene Reg. und das Inhaltsverzeichnis sind zuletzt noch einmal von beträchtlicher Länge (S. 509–617), so dass man auf alle Fälle von einer sehr materialreichen Abhandlung reden kann. Zur Pönitentiarie vor 1410 findet sich hier ohne Zweifel eine Fülle von nützlicher Historiographie versammelt, die Fossiers Vorgänger Emil Göller nicht kannte. Doch wäre es verfehlt, Göllers Werk als endgültig ersetzt oder gar veraltet anzusehen. Im Gegenteil. Seine bereits auf denselben Formularien fußende Analyse des Geschäftsgangs der Pönitentiarie hat auch nach neuerer Auswertung der Reg. durch Ludwig Schmugge, Kirsi Salonen und andere fast nichts von ihrer Gültigkeit eingebüsst. Außerdem vermeidet Göller verschiedene Irrtümer, die sich seither in die Geschichtsschreibung eingeschlichen haben, wie etwa die auch von Fossier geteilte Vorstellung, Minderpönitentiare hätten nur Briefe unter dem Beichtsiegel ausgestellt und sich nicht mit öffentlichen Sünden beschäftigt. Als Institutionengeschichte nach Art von Göller lässt sich Fossiers Arbeit nicht verstehen. Letzterer spürt fast ausschließlich der Herkunft von in den Formularien gängigen Begriffen (wie crimen, peccatum, dispensatio und natürlich scandalum) nach, wobei sein Fangnetz zwischen Etymologien, antiken, kanonischen und älteren scholastischen oder normativen Quellen schon recht weit aufgespannt ist. Eine Unterscheidung von Begriffsverwendungen in pönitentiarienahe und -ferne Belege fehlt, weshalb das zusammengetragene Material oft nur zu dem Ergebnis führt, entscheidende Termini seien von Ambiguität, Biegsamkeit und Dunkelheit geprägt oder einer Grauzone zugeordnet gewesen. Spätmittelalterliche Zeitgenossen, die an der Pönitentiarie als Petenten vorstellig wurden, ließen sich davon nicht beirren. Vielmehr wussten sie die sprachliche Eindeutigkeit der ihnen gewährten Gnadenbriefe so zu schätzen, dass sie auch steigende Gebühren dafür in Kauf nahmen. Zu Unrecht, wenn man Fossiers terminologischen Schlussfolgerungen glauben will.

Wolfgang Müller

Giuliano Pinto/Lorenzo Tanzini/Sergio Tognetti (a cura di), Notariorum itinera. Notai toscani del basso medioevo tra routine, mobilità e specializzazione, Firenze (Olschki) 2018 (Biblioteca storica toscana. Serie I 78), VIII, 310 pp., ill., ISBN 978-88-222-6614-9, € 35.

Il tema del notariato non è certo una novità per la medievistica, tanto meno in una regione così ricca di tradizione storiografica come la Toscana. Eppure, i sedici contributi e la premessa di questo libro riescono ad apportare più di un elemento nuovo e di interesse, tanto da rendere del tutto parziale una presentazione in poche righe del ricco contenuto. Può in qualche modo indirizzare il sottotitolo che bene indica il taglio del progetto, una ricerca interregionale finanziata dalla Giunta Centrale per gli Studi Storici nel biennio 2016/2017 e promossa dalle Deputazioni di Storia Patria per la Toscana, per le Marche e per l’Umbria e dalla Società ligure di storia patria: dei tre elementi che racchiude, quello della mobilità dei notai è forse il più evidente perché l’insieme delle relazioni riesce ad affacciarsi fuori delle grandi città, i luoghi tradizionalmente più studiati per i notai, ed anche a spingersi in territori poco legati allo sviluppo cittadino. All’interno dei centri urbani, si vanno a scavare e meglio comprendere dinamiche sociale e relazioni culturali che i notai intesserono con altri soggetti. Con ciò, si soddisfano anche gli altri due temi, quello della specializzazione – con riferimento ad alcuni aspetti del ruolo dei notai anche nell’ambito della formazione della memoria cittadina – e della routine che non è in alcun modo, chiaramente, un fenomeno privo di interesse per lo storico. Almeno tre contributi, quelli di Enrico Faini, Antonella Ghignoli e il terzo di Irene Ceccherini e Teresa De Robertis, sono particolarmente interessanti per chi voglia leggere le vicende del notariato nel campo della storia della scrittura e della cultura. Vi sono, poi, studi più strettamente legati ai territori: è il caso del saggio iniziale con cui Paolo Pirillo indaga con minuziosa precisione, senza essere in alcun modo asfittico, questioni legate a piccole aree del Fiorentino; o del sintetico quanto efficace quadro di insieme che Gian Paolo G. Scharf offre per i notai aretini del Due e Trecento; o, ancora, delle pagine di Piero Gualtieri su Pistoia o di quelle di Matthieu Allingri su Siena. E se è certamente l’area fiorentina a fare la parte del leone – con i lavori di Lorenzo Tanzini su un piccolo registro di imbreviature presso l’Archivio Diocesano di Fiesole, importante perché permette di seguire l’attività di un notaio di metà Duecento sia con i privati sia per il vescovo fiesolano; di Sergio Tognetti, su notai e commercio nella Firenze del Trecento e, ancora, di Lorenzo Fabbri e di Veronica Vestri rispettivamente sui notai dell’Opera di Santa Maria del Fiore e su quelli al servizio della Compagnia di Orsanmichele – non mancano contributi legati a quei centri „minori“ della Toscana così importanti nella strutturazione del profilo peculiare di questa regione e non solo: se la storia d’Italia è sempre stata una storia delle città, sarebbe davvero il tempo di ritornare a studiare con più attenzione i territori, compresi quelli su cui la pressione cittadina è stata fenomeno lieve e marginale. Lo studio di Giuliano Pinto sul notaio Ludovico di ser Barone è, ad esempio, un bel contributo anche per lo sviluppo della conoscenza di Pescia in cui, appunto, Ludovico viveva e operava sebbene, in questo caso, la presenza delle vicine Pistoia, Lucca e Firenze si sia fatto sentire e la stessa Pescia assumeva un profilo per il quale Pinto usa, convinto e in maniera convincente, la definizione di „terra“; ma non si dimentichino nemmeno le pagine di Ilaria Becattini su ser Francesco Chiavelli da Castel San Giovanni o, ancora, quelle di Alberto Malvolti su ser Luca di Gasparo Montigiani, nativo di San Gimignano ma vero e proprio campione di mobilità nella Toscana del Quattrocento, da lui letteralmente attraversata in lungo e in largo. A chiudere il quadro di casi locali, vengono seguiti da Francesco Bettarini gli anni del primo operare di ser Dietaiuti di Lapo da Prato. Infine, non va nemmeno dimenticato il lavoro di costruzione di una banca dati on-line sugli atti dei notai fiorentini presentata da Emanuela Porta Casucci. Il libro è, dunque, un ben riuscito insieme di studi, per quanto tra loro piuttosto difformi – anche nelle dimensioni – ricchi di spunti e di stimoli e ciascuno, a vario modo, già foriero di successive indagini.

Mario Marrocchi

Teresa D’Urso/Alessandra Perriccioli Saggese/Daniele Solvi (a cura di), Da Ludovico d’Angiò a San Ludovico di Tolosa. I testi e le immagini. Atti del convegno internazionale di studio per il VII centenario della canonizzazione (1317–2017), Napoli, S. Maria Capua Vetere, 3–5 novembre 2016, Spoleto (Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo) 2017 (Figure e temi francescani 7. Medioevo francescano 34), X, 411, 48 S., Abb., ISBN 978-88-6809-153-8, € 62.

Die vorliegende, 20 Beiträge umfassende Aufsatzsammlung geht auf eine 2016 in Neapel und S. Maria Capua Vetere organisierte Tagung zurück, die sich mit einer der schillerndsten Persönlichkeiten in der zweiten Hälfte des 13. Jh. beschäftigte: Ludwig von Toulouse (oder auch Ludwig von Anjou). Als Sohn Karls II. von Anjou († 1309) wurde er nach dem Tod seines erstgeborenen Bruders Thronerbe, verzichtete 1295 auf diesen Titel, trat in den Franziskanerorden ein und amtierte schließlich 1297 bis zu seinem Tod wenige Monate als Erzbischof von Toulouse. Er starb jung: begraben wurde er im Alter von nur 23 Jahren im Franziskanerkonvent von Marseille. Johannes XXII. sprach ihn 1317 heilig. An seinem Grab ereigneten sich Wunder, sein Kult verbreitete sich schnell in ganz Europa. 1423 bemächtigten sich die Aragonesen seiner Reliquien und transferierten sie nach Valencia. Der hl. Ludwig von Toulouse ist ikonographisch breit dokumentiert. Bemerkenswerte Predigten aus seiner Feder haben sich ebenso erhalten wie eine „Vita s. Ludovici episcopi Tholosani“, verfasst 1320–1325 und einem gewissem „Giovanni de Orta“ zugeschrieben. Umso erstaunlicher ist es, dass sich die historische Forschung lange nur sehr verhalten mit dem franziskanischen Ordensheiligen und Erzbischof beschäftigte, und ihr nicht immer der Spagat zwischen hagiographischem Lobpreis und nüchterner Faktendarstellung gelang. 1929 erschien die maßgebliche Biographie des Heiligen, verfasst von Margaret R. Toynbee, die auch der Darstellung des Kanonisationsprozesses breiten Raum widmete. Nach der kritischen Edition des Kanonisationsdossiers im Jahr 1951 nahmen die Forschungen an Fahrt auf. André Vauchez äußert sich in seinem einleitenden Beitrag kenntnisreich über die verschlungenen Wege der Ludwig-Historiographie, während sich Edoardo D’Angelo mit den 20 unterschiedlichen Teilen des Kanonisationsdossiers beschäftigt. Ergänzt werden diese Ausführungen durch Marco Guidas Analyse der Kanonisationsbulle Sol oriens, die Johannes XXII., der Ludwig von Toulouse persönlich kannte, am 7. April 1317 promulgierte. Guida führt nicht nur in Struktur und Inhalt der Bulle ein, in der die Demut (humilitas) des neuen Heiligen die zentrale Rolle spielt, sondern weist anhand einer minutiösen Detailanalyse die Übernahme einiger Passagen aus dem Kanonisationsdossier, insbesondere der capitula, nach. Zusätzlich wird der Frage nachgegangen, weshalb der Papst jedweden Verweis auf einen (von einigen Zeugen durchaus erwähnten) möglichen Verzicht Ludwigs auf sein Bischofsamt vermied. Deutlich wird, dass die Bulle als „manifesto della santità di Ludovico compatibile con la visione papale dell’episcopato e della vita minoritica“ (S. 345) angesehen werden kann – ein Manifest, in dem die prominentere Stellung des Bischofsamtes mit Händen zu greifen ist. Was Johannes XXII. darüber hinaus immer wieder unterstreicht, ist Ludwigs Verzicht auf die Primogenitur und das Königreich, obwohl diesem Verzicht keinerlei rechtlicher Wert zuzumessen war, so lange Ludwigs Vater noch am Leben war. Diese juristischen Überlegungen führt Vinni Lucherini fort und kommt dabei zu dem überzeugenden Schluss, dass die zunehmende Fokussierung auf Fragen des Thronverzichts allein vor dem Hintergrund des beginnenden Kanonisationsprozesses zu verstehen sei, etwas, das seine volle Wirksamkeit erst einige Jahre nach dem Tod Karls II. von Neapel entfalten konnte: „Una rinuncia di Ludovico, con un re ancora vivo e vegeto sul trono di Napoli, difficilmente avrebbe potuto avere validità giuridica nel quadro normativo successorio del Regnum Siciliae“ (S. 152). Ludwigs Eintritt bei den Franziskanern stieß im höfischen Milieu, aus dem er stammte, nicht auf ungeteilte Zustimmung. Damien Ruiz gelingt es in seinem Beitrag jedoch zu verdeutlichen, wie stark die Anjou dem geistlichen, vom Franziskanertum geprägten Milieu in und um Marseille verbunden waren. Ludwigs Wunsch, in Marseille begraben zu werden, wird denn folgerichtig auch auf die „familiarité avec un environnement spirituel fortement lié aux frères Mineurs de Marseille“ (S. 69) zurückgeführt. Wertvolles Hintergrundwissen zur Spiritualität der Franziskaner am Hof der neapolitanischen Anjou und zu ihrem Verhältnis zum Königshaus vermittelt Rosalba Di Meglio vor allem mit Blick auf Robert den Weisen und seine Gattin Sancia. Dabei wird auch auf die besondere Rolle der Bettelorden im Allgemeinen, der Franziskaner im Besonderen eingegangen, die diese in Hinblick auf die angiovinische Herrschaftslegitimierung spielten. Aufgrund der explosionsartigen Ausbreitung des Ludwigs-Kultes im 14. und 15. Jh. finden sich unzählige Darstellungen des Heiligen, deren ikonographische Auswertung noch längst nicht abgeschlossen ist. Francesco Aceto präsentiert die neuesten Erkenntnisse zu der von Simone Martini gemalten, heute im Museo di Capodimonte zu Neapel aufbewahrten Darstellung mit der Krönung Roberts von Anjou zum König von Neapel durch seinen Bruder Ludwig, während Sophie Delmas analysiert, wie stark sich die Ikonographie der beiden Heiligen Ludwige, d. h. Ludwigs IX. von Frankreich und Ludwigs von Toulouse, zunächst einander annäherte, um sich dann im Verlauf des ausgehenden Mittelalters klar auseinander zu entwickeln. Die ursprüngliche Nähe wird dabei auch auf der Grundlage der jeweiligen Predigtcorpora analysiert, die im Falle Ludwigs IX. 50, im Falle Ludwigs von Toulouse ca. 38 sermones umfassen. An letzterer Zahl äußert Aleksander Horowski in seinem Beitrag über das Bild Ludwigs in den Predigten Johanns von Aragon und Antoniusʼ von Spanien berechtigte Zweifel. Horowski zählt bis zum Jahr 1500 allein 96 Ludwig gewidmete Predigten, bezieht dabei aber allerdings auch jene consilia mit ein, die am Tag der Heiligsprechung gehalten wurden, und von denen lediglich die einleitenden biblischen Verse (themata) erhalten geblieben sind. Die Qualität der in vorliegendem Bd. enthaltenen Beiträge ist durchgehend hoch. In ihnen wird eine derartige Fülle einzelner, für Leben und Werk Ludwigs zentraler Punkte abgehandelt, dass man mitunter den Eindruck gewinnen könnte, ein kleines, ausgesprochen nützliches Handbuch vor sich liegen zu haben. 48 Farbabb. von hervorragender Qualität illustrieren die Ausführungen. Ein ausführlicher Namensindex erschließt den Bd. zusätzlich. Zum äußerst positiven Gesamteindruck trägt sicherlich auch die Tatsache bei, dass die Beiträge nicht als wissenschaftliche Solitäre konzipiert worden sind, sondern in ihnen stetig aufeinander Bezug genommen wird.

Ralf Lützelschwab

Ennio Igor Mineo, Popolo e bene comune in Italia fra XIII e XIV secolo, Roma (Viella) 2018, 142 pp., ISBN 978-88-3313-011-8, € 30.

È breve – nemmeno centoventi pagine di testo effettivo, seguite da diciotto di fonti e bibliografia – ma non semplice, questo libro il cui titolo esplicita, del resto, un arco cronologico che è anch’esso, seppur contenuto in pochi decenni, estremamente complesso. I casi proposti sono sostanzialmente relativi all’Italia centrale e, ancor più specificamente, a Firenze, ma la ricerca spazia su varie tipologie di fonte, in particolare scritti giuridici e dei pensatori politici e teologi coevi, a prescindere dai loro luoghi di vita. È così che il titolo del libro avrebbe anche potuto, da un lato, rinunciare alla determinazione storico-geografica; oppure, dall’altro, concentrarsi sulla appena ricordata Firenze poiché essa fornisce la stragrande maggioranza degli argomenti anche se l’autore tiene a precisare che „non mette in realtà Firenze al centro dell’analisi“ (p. 13): un’affermazione comprensibile, nella misura in cui l’oggetto dello studio non si limita al capoluogo toscano, ma non si può non notare la forte preponderanza di fonti e di analisi relative all’ambito fiorentino. Se si è accennato anche alla possibilità opposta, di uno sganciamento dall’ancoraggio geografico è perché il lavoro di Mineo è di interesse generale, specie in questa attualità che usa e abusa, tra l’altro, dei termini „popolo“ e „bene comune“. Un primo capitolo svolge il ruolo di introduzione, intitolandosi „Il momento 1300 a Firenze“. In esso, l’autore evidenzia la disponibilità di testimonianze relative alla discontinuità che si consumò nei pochi anni precedenti e successivi a tale anno nella città del giglio ma precisa anche la non lineare genealogia di populus, portando l’esempio di Alexander von Roes, canonico coloniense attivo a Roma che distingueva negli anni Ottanta del secolo XIII tres ordines principales in cui si dividevano le gentes: in Francia il clerus, in Germania la militia e in Italia, appunto, il popolus, avviando così l’evidenziazione dell’ambivalenza del termine che è un filo rosso di tutto il libro, accompagnata dallo scavo nelle fonti scelte per l’altro termine del titolo, bene comune. Il secondo capitolo, „Il popolo prima del popolo“, compie un salto indietro per andare a cogliere il significato del termine „popolo“ in fonti precedenti la fase oggetto dell’analisi: in primo luogo, ancora, a Firenze; poi a Pisa, Perugia, Siena, Orvieto, Spoleto e, spostandosi nell’Italia settentrionale, a Piacenza e a Cremona dove Mineo nota un’alternanza tra l’uso del termine per indicare l’intera cittadinanza e una sola parte fin dalla fine secolo XI. Viene poi compiuto un rapido excursus nella letteratura dettatoria e negli scritti di ambito imperiale e pontificio. Il terzo capitolo, „Il fantasma del popolo“, si getta con grande vitalità sulle fonti fiorentine della fase calda del „momento 1300“ per seguirvi le sorti del termine popolo, sempre inteso ad afferrare – innanzitutto – il significato, o i significati, che assumeva nel linguaggio e nella mentalità del tempo. Proprio in questo capitolo emerge un elemento di particolare importanza, là dove si coglie che, se si va a marcare sempre più la distinzione con i milites, si comincia a evidenziare anche l’eterogeneità e la mobilità del popolo, all’interno del quale si consuma una spaccatura in basso, con la comparsa del popolo „minuto“ quando non, con terminologia più esplicitamente spregiativa, il „popolazzo“. Il quarto capitolo, „Il corpo del popolo e i suoi codici“, cerca ancora spunti di comparazione per il caso fiorentino e lo fa con quello peculiare di Roma, in particolare con la fase che vide attivo Cola di Rienzo; ed è appena il caso qui di ricordare la continua tensione tra il locale e l’universale della Città – appunto – Eterna: basti rammentare le riflessioni in Cicerone sul concetto di popolo ma Mineo, nell’economia di un libro già tanto complesso pur nella sua asciuttezza, evita accuratamente di spingersi così in là. Con il quinto capitolo, più ampio dei precedenti – da p. 7 a p. 73 i primi quattro, mentre questo ultimo si sviluppa da p. 81 a p. 118, cui seguono altre quattro di conclusioni – si affronta l’altro elemento, non meno complesso, di bene comune. Nelle fonti, Mineo distingue sostanzialmente un uso che si potrebbe definire in senso religioso, bene comune come sommo bene, metafora del divino; e un altro in senso civile, bene comune come ordine, come interesse di tutti: ma se il popolo non è l’intera città – e i cenni anche all’ambiguo uso di città e cittadini non mancano – bensì solo una parte, chi potrà compiere il bene comune? Pensatori del tempo, come Bono Giamboni, Marsilio da Padova e Remigio dei Girolami, sono i protagonisti delle ultime pagine del libro, pagine che contribuiscono a produrre nel lettore l’idea di un uso, si potrebbe dire, mai netto e determinato delle parole studiate da Mineo, il quale approda all’unificazione fittizia che si compie a Firenze, con l’espulsione dal concetto di popolo dei Ciompi, come avviene in Salutati e Cavalcanti, i quali mai popolo li chiamano, e l’inclusione, invece, dei magnati, cui la legislazione consente un rientro in città, accolti da quella parte del popolo intenzionato a distinguersi dall’altra, apostrofata col sopra ricordato disprezzo. Si compì, in tal modo, una nuova tappa di un „noi“ civile che escludeva una parte, pur rappresentandosi come inclusivo di tutti; una variante del muoversi nel sottile confine tra democrazia e demagogia.

Mario Marrocchi

Maria Andaloro/Serena Romano, La pittura medievale a Roma, 312–1431. Corpus e atlante: Corpus, vol. 6: Apogeo e fine del Medioevo 1288–1431, a cura di Serena Romano, Milano (Jaca Book) 2017, 495 S., Abb., ISBN 978-88-16-60553-4, € 170.

Serena Romano hat mit dem Bd. „Apogeo e fine del Medioevo 1288–1431“ einen weiteren Meilenstein des monumentalen Projektes „La pittura medievale a Roma, 312–1431“ vorgelegt. Die Einzeltexte stammen von 17 Autor/-innen. Mit dem Zeitraum von 1288 bis 1431 werden zwei Schlüsselmomente der Kunst- wie der politischen Geschichte evoziert. Das Jahr 1288 steht für den Beginn des Pontifikats des Franziskaner-Papstes Nikolaus IV. und für die Abreise des großen Malers Jacopo Torriti nach Assisi und die (Wieder-)Eröffnung der grossen Malerwerkstätten in der Laterankirche und in S. Maria Maggiore. Konnte man damals noch von einer großen Zukunft ausgehen, so trat schon nach wenigen Jahrzehnten Ernüchterung ein, da das hierokratische Papsttum unter Bonifaz VIII. an den politischen Gegebenheiten scheiterte und sich unversehens auf südfranzösisches Territorium verpflanzt sah. Das Machtvakuum wussten am besten die ehrgeizigen Baronalfamilien für sich zu nutzen. Immerhin erhielt auch die Mittelschicht – zu der man Teile des Stadtadels rechnen kann – ihre Chance, was dazu führte, dass sich nach dem Scheitern des Intermezzos des redegewandten selbsternannten „Volkstribuns“ Cola di Rienzo († 1354) endlich 1360 die Kommune Rom wieder eine gewisse Autonomie erstritt, die sie im Großen Abendländischen Schisma allerdings bald wieder verlor, als es Bonifaz IX. 1398 gelang, dem Papsttum wieder die Herrschaft über Rom zu sichern. Es war schließlich der Spross der Baronalfamilie Colonna Martin V., der die Kircheneinheit wieder herstellte und die päpstliche Herrschaft über Rom zementierte. Größen wie Gentile da Fabriano, Pisanello, Masolino da Panicale oder Masaccio kamen ab 1420 in die Stadt. Es ist nur folgerichtig, dass mit Ende des Pontifikats Martins V. der auch kunstgeschichtlich überzeugende Endpunkt des Bd. gesetzt wird. Die Arbeiten von Serena Romano stehen in Verbindung mit den neuesten Erkenntnissen zur Sozial-, Literatur- und Kulturgeschichte Roms. Dieser interdisziplinäre Ansatz macht den vorliegenden Bd. zu einer anregenden Lektüre und Fundgrube für den Historiker. Denn nach den Glanzlichtern der Zeit um 1300 (als in Rom Künstler ersten Ranges wie Pietro Cavallini, Filippo Rusuti oder gar Giotto – mit Fresko oder Mosaik – wirkten), prägte die Stadt nach dem Weggang der Kurie eine verhaltene Stimmung. Einerseits konnten örtliche Kräfte wie die Barone und einige Kreise der römischen Oberschicht das Machtvakuum ausnutzen, andererseits gab es auch Ausnahmegestalten wie Cola di Rienzo, die mediale Instrumente mit künstlerischem Anspruch verbanden. Die Hg. vergleicht diese ephemeren Werke des politischen Kampfes an den Wänden des Senatorenpalastes oder auf den Bannern der Kommune mit heutigen Plakaten („gli antenati dei manifesti dei nostri giorni“, S. 23). Dass man von all der Auftragskunst der Laien und Geistlichen im privaten und kirchlichen Raum so wenige Zeugnisse hat, liegt an der massiven Überformung der Stadt in den nachfolgenden Kunstepochen. Die akribische Spurensuche Romanos und ihres Stabes nicht nur an den Gebäuden (oft an schwer zugänglichen Stellen), sondern zudem in Museen samt Depots, Archiven und Bibliotheken kann nicht hoch genug geschätzt werden, denn sie gibt wertvolle Indizien zum Aussehen der Stadt und ihrer weltlichen und sakralen Gebäude. Wichtig erscheint außerdem die Feststellung, dass man dem im späten 16. Jh. einsetzenden antiquarischen Sammeleifer viele Hinweise auf das Verlorene zu verdanken hat. Dies gilt zumal für die prächtige Ausmalung der 1815 abgerissenen Kirche S. Giacomo al Colosseo, die man aus Nachzeichnungen des 18. und frühen 19. Jh. kennt (S. 336–343; Beitrag von Philine Helas). Diese Kirche mit ihrem Hospital wurde in der zweiten Hälfte des 14. Jh. neu errichtet. Die Institution, die hierfür die Mittel hatte, war die am besten ausgestattete und mächtigste Bruderschaft Roms, die des „SS. Salvatore ad Sancta Sanctorum“. Die Kirche erhielt ihre Ausschmückung mit Unterstützern aus den Familien Annibaldi, Marroni und Angeleri, die der Bruderschaft nahestanden. Unter Martin V. – auch er ein Mitglied! – war die Sozietät wieder so gefestigt, dass für die von ihr in Auftrag gegebenen (heute verschwundenen) Fresken an einer Fassade des Hospitals am Lateran herausragende Künstler wie Gentile da Fabriano oder Pisanello gehandelt werden (S. 405–408; Beitrag von Philine Helas). Neben den berühmten „Highlights“ wie den Mosaiken in den großen Basiliken gehört die Aufmerksamkeit der Autor/-innen aber auch zahlreichen kleineren Objekten. Für den Stadthistoriker sind vor allem die Kunstwerke von Bedeutung, die im Zusammenhang mit der kommunalen Entwicklung der Urbs zu sehen sind, für die die schriftlichen Quellen in dieser wichtigen Phase rar sind. Hier sind vor allem die Mosaiken und Fresken – darunter die erst 2000–2003 freigelegte Ausmalung von ca. 1295 in der Kapelle des hl. Paschalis Baylon (S. 162–166) in der Franziskanerkirche S. Maria in Aracoeli zu nennen. Diese Kunstwerke lassen sich mitunter auch durch heraldische Zeichen den Familien des Baronal- und Stadtadels zuschreiben, die zu den tragenden Kräften der römischen Kommune gehörten, und die das Gotteshaus auf dem Kapitol nicht nur für Amtsgeschäfte, sondern zudem als bevorzugten Repräsentationsraum für die eigene Memoria nutzten. Auch der benachbarte Senatorenpalast kann mit Resten aufwarten, die belegen, dass Rom – analog zu anderen italienischen Stadtkommunen – neben der kirchlichen Kunst auch öffentliche Bildprogramme förderte. Diese oft vernachlässigten Bezüge verdeutlichen nicht nur die Notwendigkeit des permanenten Austausches zwischen Kunstgeschichte und Historiographie, sondern geben Rom ebenfalls einen Hauch der Normalität des kommunalen Lebens zurück, die sogar in der Kapitale der Christenheit, im Schatten des mächtigen Papsttums, möglich war. Die Päpste selbst verloren auch während ihrer Abwesenheit in Avignon die Stadt nicht aus den Augen und bedachten zumal die großen Basiliken mit Kunst- und Restaurierungsaufträgen. Der Vorstellung, dass die Urbs in jenen Jahrzehnten völlig verödete, wirkt zudem die Tatsache entgegen, dass Bruderschaften und auch die zahlreichen Frauenklöster und -konvente der alten und neuen (Bettel-)Orden (S. Silvestro in Capite, S. Maria in Campo Marzio, Sant’Agnese fuori le mura, Sant’Aura, S. Sisto Vecchio usw.), die dank ihrer sozialen und wirtschaftlichen Vernetzung mit den Führungsgruppen in der Stadt ebenfalls eine öffentliche Bedeutung besaßen, in ihren Kulträumen durchaus visuelle Zeichen setzten. Welche Raffinesse in römischen Baronalpalästen erreicht werden konnte, dokumentiert der wohl schon 1482 durch Brand zerstörte Zyklus der sechs Weltzeitalter im Palazzo Orsini am Montegiordano. Diese Masolino zugeschriebenen Wandmalereien stellten eine Art historischer Enzyklopädie nach Eusebius von Caesarea – mit einigen interessanten Hinzufügungen wie Karl dem Großen, Gottfried von Bouillon, den Päpsten Nikolaus III. (Orsini!) und Bonifaz VIII. – dar (S. 425–431; Beitrag von Ilaria Molteni). Nimmt man noch den besonders dem Zahn der Zeit ausgesetzten Fassadenschmuck (auch mutmaßlich an den Wänden von Privathäusern) und die ebenfalls anfälligen textilen Träger (Banner, Zierbehänge etc.) hinzu, muss man sich die Stadt recht farbig mit einer Unzahl von – zudem heraldischer konnotierter – visueller Botschaften vorstellen. Das Bewusstsein für diese Zusammenhänge geschärft zu haben, ist aus der Sicht der Geschichtswissenschaften ein Hauptverdienst dieser auch als Nachschlagewerk unverzichtbaren Publikation.

Andreas Rehberg

Valerio Cappozzo, Dizionario dei sogni nel medioevo. Il Somniale Danielis in manoscritti letterari, Firenze (Olschki) 2018 (Biblioteca dell’„Archivum Romanicum“. Serie I: Storia, Letteratura, Paleografia 466), XII, 404 pp., ill., ISBN 978-88-222-6495-4, € 35.

„Tu rex cogitare cepisti in stratu tuo quid esset futurum post hec et qui revelat mysteria ostendit tibi que ventura sunt etc.“. La legittimazione biblica di Daniele come interprete di sogni figurati e allegorici, e l’impressionante fortuna del manualetto a chiave – piuttosto meccanico, rispetto alla tradizione greca da cui origina – che va sotto il suo nome („Somniale Danielis“, o „Libro dei sogni di Daniele“) sono ben noti, e costituiscono anzi una parte fondante della cultura medievale. Tanto gli oltre duecento codici, tra latino e vari volgari europei, del „Somniale Danielis“, quanto le condanne ecclesiastiche che lo colpirono, come già prima avevano colpito la divinazione in genere, sono significativi del ruolo che i sogni ebbero per la mentalità medievale, con tutte le conseguenti implicazioni sulla loro origine, cause, affidabilità, forza prognostica, e le molteplici tipologizzazioni e categorizzazioni stratificate le une sulle altre dalla cultura greca in poi. Basterebbe peraltro una scorsa ai 566 mss. catalogati nella „Handlist of Dream Divination and Lunar Prognostication in Western Manuscripts and Early Printed Books up to 1550“ di László Sándor Chardonnens per comprendere non solo il ruolo dei sogni nel mondo medievale, ma il bisogno di riconoscervi una funzione e, di conseguenza, individuare modalità e tecniche per decriptarli, ricorrendo a strumenti molteplici e combinabili come lunari, alfabeti mantici o, per l’appunto, quel dizionario onirico che è il „Somniale Danielis“, i cui simboli fissi presentano un’elasticità che, affondando le sue radici già nell’Egitto antico, hanno attraversato i secoli per raggiungere, ancora riconoscibili, la smorfia e i proverbi (e di grande interesse è il percorso del detto corrente e corrivo „se cade un dente muore un parente“ seguito da Cappozzo fin dalla cultura egizia). La bibliografia sul libro dei sogni danielino è di conseguenza vastissima, anche se spesso frequentata solo da specialisti, e vanta fondamentali monografie che ne indagano aspetti differenti, come quelle di Di Tommaso o Semeraro, e molteplici edizioni o strumenti, fin dai pionieristici studi di Max Förster, e poi Steven Fischer, Lawrence Martin nonché molteplici singole edizioni di mss. di vari ambiti e lingue. Ad arricchirla giunge ora alle stampe per Olschki il „Dizionario dei sogni“ di Valerio Cappozzo (University of Mississippi), che conduce a termine un lavoro di oltre dieci anni. Il suo „Dizionario“ è ben più che ciò che il titolo sembra promettere: in primo luogo ha il pregio di pubblicare otto diverse versioni – non tutte estese a coprire l’intero alfabeto – del „Somniale“, tre latine e cinque volgari, tratte da sei distinti mss.di area italiana: il Martelli 12 della Laurenziana (ex. XIII–in. XIV); il Laurenziano Tempi 2 (1362), il Rossiano 947 della Vaticana (ex. XIV), l’Ashburnham 1724 (1455), il Riccardiano 859 (seconda metà XIV), il Riccardiano 1258 (1495). Le redazioni qui edite per la prima volta (al riconoscimento di nuovi testimoni, precedentemente sfuggiti anche per una strategia di „occultamento“ di un testo scomodo, si aggiunge come ulteriore merito di Cappozzo l’apertura al mondo volgare italiano) permettono di abbracciare due secoli fondamentali per l’oneirocritica, dalla rivoluzione „scientifica“ del XII–XIII secolo, che molto deve all’ingresso nel dialogo culturale europeo di testi e materiali islamici, alle soglie del pieno Rinascimento. L’edizione vera e propria, peraltro, è preceduta da 64 pp. di introduzione-saggio del curatore, che costituisce un percorso nelle forme che il „Somniale“ ha assunto, non solo attraverso la differente ampiezza delle voci, ma in primo luogo grazie ai differenti testi a cui nei mss. miscellanei è accostato e che quindi ne orientano funzione e fisionomia. Così il Riccardiano 859, della seconda metà del XIV e di molteplici mani, si presenta come un composito trattato interamente dedicato all’oniromanzia attraverso l’assemblaggio di materiali diversi, di matrice greca, araba, cristiana. A due somniali latini (uno limitato a quattro voci) e a uno latino si associano, tra gli altri, uno stralcio sulla genesi dei sogni dal „De fato“ di Alberto Magno, il „Liber Physionomie“ del „dantesco“ Michele Scoto – un eccezionale collettore di metodi e teorie dell’oneirocritica, da quella ippocratica sul ruolo della digestione al ruolo dell’influsso della luna, alla corretta disposizione del corpo per ricordare i sogni al risveglio –, la traduzione di Leo Tuscus del „De interpretatione somniorum“ dello pseudo Achmet, le categorizzazioni di Albohazen Haly e Gregorio Magno, i passi onirici della Bibbia, alfabeti mantici, due codici per l’interpretazione dei sogni attraverso l’uso dei salmi e dei pianeti. Oppure può prospettarsi una miscellanea di marca chiaramente letteraria, in cui il „Somniale“ diventa un vero repertorio di materiali per la costruzione di testi onirici letterari. In merito, non a caso Cappozzo si cimenta, col ricorso al „Somniale“, in una prova di interpretazione sui sogni del „Purgatorio“ dantesco e sulle novelle decameroniane di Lisabetta da Messina, Gabriotto, Talano d’Imola. Ma si potrebbe anche osservare che davvero interessante è notare come nel Riccardiano, nella sezione sull’influsso dei pianeti, si osservi „Et si sibi fuerit Saturnus vidit demones, mortuos et res timorosas et turpes“, che naturalmente induce a ripensare al Saturno che grava sul sogno erotico-orroroso della femmina balba di „Purgatorio“ XIX. Esemplare è il Cod. Martelli 12 della Laurenziana (ex. XIII–in. XIV), di sei mani distinte, che raccoglie tanto un somniale latino e uno volgare, quanto sedici testi di Dante (tra cui tutte le petrose, sei altre canzoni, e i primi testi della „Vita Nova“: e la mancanza tra questi del sonetto onirico „A ciascun’alma presa“ fa davvero pensare paradossalmente a una sua „estrapolazione monografica“), sei di Cavalcanti, nonché la più antica trascrizione intera della „Vita Nova“. A questo côté letterariamente alto risponde nel ms. un versante più basso con i „Conti di antichi cavalieri“, i „Proverbia Salomonis“, i „Fiori di filosafi“ e un lapidario. Così il Rossiano 947 della Vaticana, con data di completamento 1395, a un „Decameron“ quasi completo affianca le lettere A–C di un somniale volgare. E di interesse davvero particolare è il Laurenziano Tempi 2 (1362), approntato da Antonio Pucci con aggiunte successive, in nove fascicoli densi di citazioni e materiali letterari accorpati per argomenti (da „Delle virtù e dei vizi“ a „D’Adamo e dei suoi discendenti“) e che presenta una bipartizione tra una vasta sezione amorosa e una onirica (in cui il „Libro dei sogni“ è introdotto da una „corporea“ introduzione sul tema degli umori, e dell’alimentazione, e da un lunario come manuale per l’affidabilità dei sogni), giuntate dal significativo sintagma „amore cresce songnando“. Se ancora onirico-letterario è l’Ashburnham 1724, datato 1455, in cui il racconto dell’intervento di Daniele è associato, tra gli altri, all’„Acerba“, una distinta tipologia è riconoscibile nel Riccardiano 1258, databile al 1495: una miscellanea che, oltre a testi squisitamente letterari e calcoli per le indulgenze, include testi religiosi, prognostici, profezie, visioni. Risvolto particolarmente interessante è che il somniale volgare è l’antigrafo dell’edizione Morgiani-Petri del 1496, che si proietterà ancora nel Cinquecento inoltrato fino all’edizione Guadagnino 1550, ma soprattutto sarà l’edizione utilizzata da Leonardo da Vinci per l’elaborazione delle sue profezie. Esito dell’edizione è dunque il „Dizionario“ finale che fornisce le chiavi per oltre 650 simboli onirici assemblando, in ordine cronologico-linguistico, tutte le voci presenti negli otto somniali editi nel vol., che variano dai 495 sogni dell’Ashburnham ai 191 del Riccardiano 859 volgare, tra i completi, e agli 87 del Rossiano. Alle voci, in apparato critico in nota, si affiancano le redazioni di venti testimoni, manoscritti o a stampa, che vanno dal codice C 664 di Uppsala, IX secolo, all’edizione Guadagnino del 1550, offrendo così uno strumento in grado di fornire una mappatura dello spazio-tempo della circolazione del „Libro dei sogni“. Un dizionario che permette di riconoscere nella decriptazione di uno stesso simbolo non solo slittamenti di senso, ma anche sorprendenti contraddizioni, persino in un unico ms., sicché un forno acceso può significare tanto un futuro guadagno quanto una „mutazione di luogo“: discrasie che rimandano a diverse tradizioni testuali. Infine il dizionario, oltre a costituire di per sé un utilissimo strumento di decriptazione, fornisce anche un atlante simbolico in cui immaginario, meraviglioso e irruzione del divino si incontrano con la cultura materiale medievale, affiancando la gramigna al formaggio, il lupo al bue, il papa al filosofo.

Guglielmo Barucci

Serena Morelli (a cura di), Périphéries financières angevines. Institutions et pratiques de l’administration de territoires composites (XIIIe–XVe siècle) / Periferie finanziarie angioine. Istituzioni e pratiche di governo su territori compositi (sec. XIII–XV), Roma (École française de Rome) 2018 (Collection de l’École française de Rome 518,2), VIII, 488 pp., ISBN 978-2-7283-1318-1, € 30.

Tanto in formato cartaceo quanto nel sito collaborativo „Études Angevines“ https://angevine-europe.huma-num.fr/ea/, procede il Programme ANR – EUROPANGE „Les officiers de l’Europe angevine“, del quale si è già parlato in questa rivista (QFIAB 98 [2018], pp. 559 sg.), in occasione dell’uscita del primo vol. ad esso relativo e dedicato ai grandi ufficiali. Questo secondo assume un concetto non meno consueto nella ricerca storica in generale, ossia quello di periferie, prestando particolare attenzione agli aspetti finanziari della complessa macchina che il sistema di potere angioino fu. Il tema è stato affrontato durante i due giorni del Colloquio annuale del programma Europange tenutosi a Napoli il 13 e 14 novembre 2014 ma il legame tra i due momenti, congressuale ed editoriale, non viene evidenziato nel presente vol., così come era già accaduto per il primo, legato all’incontro di Bergamo del 2013. Il vol. è aperto da una introduzione della curatrice da cui emerge netto uno dei principali fili conduttori, cioè il livello di integrazione tra le varie „periferie finanziarie“ angioine; a questa fanno seguito diciannove contributi, divisi in tre sezioni, e le conclusioni, affidate a Giuseppe Galasso. La prima sezione, „Les institutions et leur organisation“, porta il lettore nel mondo delle istituzioni angioine e della loro organizzazione; la seconda, „Pratiques et officiers“, presenta specifiche forme del governare e uffici a ciò connessi; la terza, „Politiques économiques“, si concentra appunto sulle scelte di politica e di gestione economica in vari territori angioini. Sono tuttavia possibili anche letture trasversali su temi pur distanti da quello centrale del vol.: a mero titolo di esempio, si trovano vari spunti assai interessanti per la storia culturale, esplicitamente nel contributo di Alessandra Perriccioli Saggese, Le spese per la cultura alla corte angioina di Napoli (pp. 375–386), ma anche nel contributo di Alfredo Maria Santoro sugli ufficiali delle zecche (pp. 233–250) o in quello di Carolina Belli sul diplomatico dell’Archivio Ruffo di Scilla (pp. 205–218), o, ancora nel saggio di Andreas Kiesewetter che offre un ricco e puntuale contributo sulla cedola per la riscossione dell’adohamentum (pp. 177–204). Le conclusioni di Galasso sono senz’altro una chiave di lettura attenta, puntuale e articolata e a esse si fa riferimento con deferente convinzione perché, purtroppo, rimangono uno degli ultimi contributi dello studioso napoletano, scomparso nel settembre 2018, ad essere stati pubblicati. Un elemento evidenziato da Galasso è che la complessità del problema posto al centro del vol. deriva in primo luogo dalla frammentazione dei territori posti sotto il controllo degli Angiò, la cui vicenda si dispiegò, inoltre, nel corso di circa cinquecento anni, tra il 1000 e il 1500, articolata in tre successive Casate di cui quella di Napoli e d’Ungheria, preminente oggetto di attenzione del vol., fu la seconda. Ma la complessità dell’articolazione delle amministrazioni angioine nei vari territori derivò anche – sempre seguendo il ragionamento di Galasso – dalla volontà degli Angiò di rispettare caratteri e strutture di ogni singolo dominio. Ciò non significa che in ogni angolo del loro articolato dominio gli Angiò attuassero le stesse misure: là dove lo ritenevano necessario, ad esempio nel caso illustrato da Isabelle Ortega e relativo al principato di Morea (Acaia), introducevano, invece, novità anche significative. Così come vi furono dei territori nei quali furono inseriti modelli provenienti da un’area ma funzionari da un’altra, come nel caso dei comuni piemontesi seguiti da Riccardo Rao nei quali i modelli istituzionali di tipo provenzale venivano interpretati da funzionari napoletani. Se Galasso muove con garbo una considerazione critica là dove osserva che allo stesso termine di „periferie angioine“ assunto dal convegno fin dal titolo non viene poi attribuito da tutte le relazioni lo stesso significato (p. 435), egli stesso sottolinea opportunamente l’importanza di un approfondimento e di una sempre migliore conoscenza delle tematiche relativa alla finanza e alla fiscalità, un tema che travalica i confini varii dei territori angioini essendo „problemi di tutta l’Europa di quel tempo“ (p. 436). Anche alle vicende, solo in apparenza evenemenziali, del Vespro Galasso fa riferimento perché esse mostrano, secondo lo studioso, un incremento di potere della feudalità e un sopravvento delle periferie (p. 437). Questo secondo vol. del progetto mostra, in continuità con il primo, l’importante aggiornamento degli studi che Europange porta su una delle vicende più studiate per il tardo medioevo europeo, appunto quelle degli Angiò. Ciò fa attendere con interesse gli ulteriori sviluppi delle indagini oltre a fare del sito „Études Angevines“ un esempio di come l’uso della risorsa informatica e telematica possa favorire il conseguimento di risultati proficui sul piano didattico e di diffusione degli esiti degli studi di un gruppo di indagine internazionale.

Mario Marrocchi

Tra Campidoglio e Curia. L’Ospedale del SS. Salvatore ad Sancta Sanctorum tra Medioevo ed età moderna. Atti del convegno internazionale di studi „Tra Campidoglio e Curia. L’Ospedale del SS. Salvatore ad Sancta Sanctorum dal Medioevo all’Età Moderna“, Bibliotheca Hertziana a Roma, 28–29 gennaio 2016, a cura di Philine Helas e Patrizia Tosini, Cinisello Balsamo (Silvana Editoriale) 2017 (Studi della Bibliotheca Hertziana 11), 216 S., Abb., ISBN 978-88-366-3886-4, € 70.

Die beiden Hg. der vor allem kunstgeschichtlichen Publikation haben besonderen Wert darauf gelegt, auch Expertise für die sozial- und politikgeschichtichen Aspekte des Hospitals sowie die Hospitalslandschaft Roms insgesamt einzubeziehen. Dabei ist die Entstehungsgeschichte der bedeutsamsten Laien-Bruderschaft Roms und ihres Hospitals am Lateran noch nicht im Einzelnen geklärt. Konsens besteht darüber, dass man die lange vorherrschende Datierung in das Jahr 1216 aufgegeben hat und von einer Kette von gründungsrelevanten Ereignissen um 1318 ausgeht (S. 65, 80). Barbara Wisch geht der Konstruktion der eigenen Geschichte innerhalb der Institution selbst nach, die zu Beginn des 15. Jh. einsetzte. Damals brachte Nicolò Signorili, Mitglied der Bruderschaft und Vertrauter des Papstes Martin V. aus dem Hause Colonna, den Kardinal Pietro Colonna († 1326) als Gründerfigur ins Spiel (S. 33). Es war wohl kein Zufall, dass dies gerade in die Zeit fiel, als der Colonna-Papst 1422 der Bruderschaft die Kontrolle über die Salvator-Ikone in der päpstlichen Palastkapelle (eben der Sancta Sanctorum) verlieh, die der Sozietät den Namen gegeben hatte (ebd.). Man war jetzt darauf bedacht, dass ein Mitbruder nicht noch anderen Bruderschaften angehörte (S. 34). Frauen waren im Übrigen erst ab 1452 zugelassen, konnten aber nicht – wie durchaus in anderen Bruderschaften – Führungsaufgaben übernehmen (S. 34 f.). Nach einer Zeit der Expansion mit massivem Erwerb von Immobilien musste die Sozietät im Laufe des 16. Jh. herbe Rückschläge für ihr Prestige einstecken, z. B. die Einstellung der bis dato jährlich stattfindenden Assumptio-Prozession am 15. August, als man die Salvator-Ikone aus der Papstkapelle der Sancta Sanctorum zur Kirche S. Maria Maggiore brachte. Das Papsttum propagierte mittlerweile mit den Prozessionen zu den sieben Hauptkirchen eine eigene symbolische Sakraltopographie (S. 38, 41). Anna Modigliani geht prosopographisch vor, wenn sie die Bruderschaftsmitglieder, die sog. Raccomandati des SS. Salvatore, und die hinter ihnen stehenden Familien in ihren verschiedenen Funktionen als Inhaber von Führungsstellen (die der Guardiane und Kämmerer) sowie Teilnehmer an den Zeremonien und Praktiken der Sozietät vorstellt. Sie bezieht sich dabei auf das 15. und frühe 16. Jh., eine Zeit der besonderen Blüte mit für Rom exzeptionell guten Archivbeständen. Während im weniger gut belegten 14. Jh. der Einfluss des Baronaladels, zumal der Colonna, bedeutsam gewesen zu sein scheint, dominierten dagegen die Bruderschaft im genannten Untersuchungszeitraum Familien aus den Kreisen des Stadtadels und der wohlhabenden Mittelschicht, die zudem in der römischen Kommune das Sagen hatten. Anna Esposito stellt die zahlreichen Aktivitäten der Sozietät im Bereich der Fürsorge vor, die letztlich zur Einrichtung und zum Unterhalt von gleich mehreren Hospizen führten. Neben dem Haupthaus am Lateran ist vor allem das Hospital (mit gleichnamiger Kirche) S. Giacomo al Colosseo zu nennen, das Frauen vorbehalten war. Eigentliche Ärzte waren noch selten. Bemerkenswert erscheint, dass die Führung der Hospitäler mitunter an Dritte vergeben wurde und das Personal im Krankenhaus am Lateran oft von Fremden gestellt wurde (S. 51 f.). Man dankt Esposito auch für den Abdruck von interessanten Quellen zum Thema. Alessandra Peri wendet sich der Verwaltung des Hospitalbesitzes in der Epoche der Renaissance zu. Während innerhalb der Stadtmauern die Weingärten und der Hausbesitz dominierten, strebte die Bruderschaft in der offenen Campagna Romana nach dem Erwerb von casali. Die dort gewonnenen Naturalien (Fleisch, Milch) wurden zum Teil selbst verarbeitet und vermarktet oder kamen direkt den Bedürftigen zugute (S. 57). Auf der Ausgabenseite machten die Personal- und Versorgungskosten (in den Krankenhäusern wie in den Agrarstätten) den Löwenanteil aus, gefolgt von den Ausgaben für Heilmittel (S. 59). Die Kenntnisse über das Aussehen der Hospize haben sich in den letzten Jahrzehnten vermehrt, wobei im vorliegenden Bd. das Hauptaugenmerk auf architektonische und künstlerische Fragen liegt. Francesco Gandolfo, Walter Angelelli und Philine Helas wenden sich den ältesten Bauteilen des Hospitals „zum Engel“ (dann des Erlösers) gegenüber der Laterankirche zu. Allgemein bedauert wird die vom bekannten Architekten Gustavo Giovannoni zu verantwortende, ungeschickte Restaurierung im Geist der 1920er Jahre, der wertvolle Bausubstanz zum Opfer fiel (S. 72, 76). Hilfreich für Datierungen erweisen sich stets die über die ganze Stadt verteilten steinernen Embleme der Bruderschaft – das Haupt des Christus Erlöser oft flankiert von zwei Kandelabern und knieenden Mitbrüdern in Anbetung –, die den Besitz markieren. Für das Verständnis der Ausmalung des Krankensaals und einer damals freigelegten Portikus muss man auf die problematischen Stiche zurückgreifen, die Rohault de Fleury 1877 publiziert hat (S. 80–86). Die von Helas akkurat beschriebenen, nur aus Nachzeichnungen bekannten Fresken der Kirche von S. Giacomo al Colosseo (14. Jh.) und des Ospedale Nuovo bei der Laterankirche (frühes 15. Jh.) belegen, dass es der Bruderschaft in ihrer Entstehungszeit trotz unruhiger Zeitumstände materiell recht gut gegangen sein muss. Einem signifikanten Beispiel des Nachlebens mittelalterlichen Glanzes im Selbstbild der Sozietät geht Enrico Parlato nach. Er analysiert die Fresken in der Casa dei Raccomandati del SS. Salvatore (der heutigen Casa delle Suore della Misericordia), die die oben erwähnte Prozession darstellten. Da die Fresken gemäß der Gedenkinschrift 1614 gemalt wurden, hat man es hier mit einer antiquarischen Reinszenierung eines längst abgestellten Brauchs zu tun. Zweifel sind allerdings bei der Vorstellung angebracht, die Bruderschaft insgesamt als eine Art städtisch-laikalen Gegenentwurf zur papalen Kurie zu sehen (S. 127, 134, 147). Unverfänglicher präsentiert sich der Beitrag von Patrizia Tosini, der einem Freskenzyklus im selben Gebäude gewidmet ist, der die Werke der Barmherzigkeit feiert. Bemerkenswert ist der (wie ab dem frühen 16. Jh. allgemein nachweisbare) ausgiebige Einsatz heraldischer Elemente, insbesondere von Wappen, in Ergänzung der zahlreichen Inschriften, die die Aktivitäten der Guardiane bzw. Kustoden der Bruderschaft würdigen (S. 111 Abb. 3, S. 129 Abb. 6, S. 130 Abb. 7). Der Einsatz von Wort und Bild war diesen Exponenten des stadtrömischen Adels ein probates Mittel, auch für die eigene Memoria visuelle Zeichen zu setzen. Martin Raspe, Guendalina Serafinelli und Philine Helas belegen mit ihren Studien zu Bau- und Verschönerungsmassnahmen der Barockzeit – an der sog. Corsia Nuova des Salvatore-Hospitals am Lateran (der Architekten Giacomo und Giovanni Battista Mola sowie des Malers Gregorio Grassi) und dem Frauen-Hospital der Straße gegenüber (die Maler Giovanni Maria Mariani und Luigi Garzi) – die Fortdauer des karitativen Engagements. Die entsprechenden Bildzyklen um Heilungswunder Christi dienten zur spirituellen und pastoralen Hebung der Kranken. Der sorgfältig bebilderte Bd. mit seinen zahlreichen neuen Erkenntnissen belegt einmal mehr, wie der interdisziplinäre Zugang besonders auf dem Gebiet der Kunstgeschichte und Geschichte zum besseren Verständnis gerade von multimedial nach innen und außen wirkenden Institutionen wie Hospitalbruderschaften beitragen kann.

Andreas Rehberg

Gustav Pfeifer (Hg.), 1317 – Eine Stadt und ihr Recht. Meran im Mittelalter, Bolzano (Athesia) 2018 (Veröffentlichungen des Südtiroler Landesarchivs 43), 528 S., Abb., ISBN 978-88-6839-331-1, € 39.

Am 11. Juni 1317 wurde erstmals eine schriftliche Stadtordnung für Meran durch Herzog Heinrich von Kärnten-Tirol fixiert. Grund genug, diesen Anlass zu feiern sowie auch wissenschaftlich zu begleiten. Im Februar 2017 – knapp 700 Jahre nach den Ereignissen – fand daher in Meran eine Tagung statt. Der anzuzeigende Bd. veröffentlicht die Tagungsakten, insgesamt 21 Beiträge, die in erstaunlich kurzer Zeit publiziert werden konnten. Einige Beiträge seien hier beispielhaft herausgegriffen. Josef Riedmann beleuchtet in seinem Überblick die Rolle der Tiroler Städte im Spätmittelalter (S. 11–24). Er hebt hervor, dass sie gerade für den Verkehr und den Handel eine wichtige, überregional bedeutsame Rolle spielten, die sich natürlich auch auf das Umland auswirkte. Zwei Beiträge befassen sich mit der Vorgeschichte: Die Frühzeit des Landstrichs steht im Zentrum der Ausführungen Günther Kaufmanns. In seinem grundlegenden Beitrag auf der Basis aller verfügbaren Quellen skizziert er die Geschichte des Meraner Raumes bis zum Frühmittelalter. Da hier die Einflusssphären von Baiern und Langobarden aneinanderstießen, die Maiser Burg war bis im 8. Jh. eine umkämpfte Grenzfestung, ist dies nicht nur besonders spannend, sondern auch überregional von erheblichem Interesse (S. 39–116). Hieran zeitlich anschließend erörtert Giuseppe Albertoni die Machtstrukturen in diesem Raum zwischen dem 10. und 13. Jh. (Strutture di potere nel Meranese tra X e XIII secolo, S. 117–129). Gewissermaßen ins Zentrum des Jubiläums greift der Beitrag von Christian Hagen (Der Stadtherr und seine Bürger. Beobachtungen zur Interaktion zwischen Herzog Heinrich von Kärnten und der Stadt Meran unter besonderer Berücksichtigung des Stadtrechts von 1317, S. 131–150). Er betont nicht nur die Bedeutung des Dokuments für die Stadtwerdung Merans – auch wenn es sich um keine formelle Stadterhebung handelte – sondern analysiert die Urkunde zudem eingehend. Sehr verdienstvoll ist ferner eine kritische Edition der Quelle (S. 147–150). Mit den vielfältigen und durchaus wechselvollen Beziehungen zwischen Meran und den Tiroler Landesfürsten setzt sich Julia Hörmann-Thurn und Taxis auseinander (S. 151–175). Sie kann zeigen, dass Meran keine Residenzstadt im eigentlichen Sinn war, aber dennoch vielfältige Anknüpfungspunkte zu den Tiroler Landesfürsten bestanden. Erst als 1420 die Residenz von der Burg Tirol nach Innsbruck verlegt wurde, nahmen die Beziehungen merklich ab. Mit Hilfe prosopographischer Methoden und auf der Basis einer großen Zahl urkundlicher Quellen analysiert Erika Kustatscher die Sozialstruktur der Stadt in den knapp zwei Jh. zwischen 1300 und 1480 (S. 177–211). Ihr auf die Bevölkerung der Stadt Bezug nehmender Beitrag wird flankiert von einer Betrachtung der Verwaltungsstrukturen der spätmittelalterlichen Stadt durch Gertraud Zeindl (S. 229–243). Die städtischen Eliten Merans wiederum stehen im Zentrum der Ausführungen von Katia Occhi (Le istituzioni urbane: i membri del consiglio e i borgomastri di Merano nel tardo Medioevo, S. 245–257). Geradezu konstitutiv für eine mittelalterliche Stadt sind die Stadtmauern. Martin Laimer sammelt in seinem bauhistorischen Beitrag umfassend Belege für die Stadtbefestigung Merans (S. 327–356). Dass die hier vorgelegten Beiträge – von denen an dieser Stelle aufgrund begrenzter räumlicher Kapazitäten nur einige wenige herausgehoben werden konnten – sich auf die mittelalterliche Geschichte der Stadt fokussieren, liegt angesichts des äußeren Anlasses zwar nahe, ist aber keinesfalls selbstverständlich. Umso mehr ist dem Hg. ebenso wie den Beiträgern zu gratulieren. Sie haben gemeinsam einen wichtigen Bd. vorgelegt, der die mittelalterliche Geschichte Merans facettenreich und umfänglich dokumentiert und nachgerade als Musterbeispiel für andere Städte dienen kann. Denn die Geschichtsforschung – und hier ist Ferdinand Opll uneingeschränkt zuzustimmen (S. 483) – ist immer als „work in progress“ zu verstehen.

Bernhard Lübbers

Marsilius von Padua, Defensor pacis – Der Verteidiger des Friedens, textum edidit Richard Scholz, versionem vulgarem notis commentisque instruxit Horst Kusch, praefationem novam addidit Jürgen Miethke, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2017 (Ausgewählte Quellen zur Geschichte des Mittelalters 50), CLXI, 1177 S., ISBN 978-3-534-74281-3, € 129.

Die Bedeutung des „Defensor pacis“ für die mittelalterliche Ideengeschichte insgesamt sowie für die Geschichte des politischen Denkens im Besonderen ist unbestritten. Dass der lateinische Text in der von Richard Scholz für die Monumenta Germaniae Historica erstellten Fassung zusammen mit der bewährten Übersetzung von Horst Kusch nun in einer Neuausgabe wieder zugänglich gemacht wurde, ist daher unbedingt begrüßenswert. Wie Jürgen Miethke in seiner Vorbemerkung erläutert, war es aus technischen und finanziellen Gründen nicht möglich, Korrekturen im lateinischen Text oder in der deutschen Übersetzung vorzunehmen. Das ist nachvollziehbar, aber doch bedauerlich, da man Kuschs in den 1950er Jahren entstandener Übersetzung ihr Alter mitunter anmerkt. Einige stilistische, aber auch terminologische Eingriffe wären hier wünschenswert gewesen, wiewohl Kuschs Arbeit insgesamt nach wie vor als gelungen gelten muss. Insbesondere die sehr knappen Anmerkungen, die vor allem Zitate nachweisen, Verweise innerhalb des Textes auflösen und kurze sachliche Erläuterungen geben, hätten einer Überarbeitung bedurft, welche die Benutzbarkeit der Ausgabe auch in der universitären Lehre erhöht hätte. Immerhin wurden jene Anmerkungen, in denen die alte zweisprachige Ausgabe auf Scholz’ MGH-Edition verweist, im Anhang mit Erläuterungen versehen, was es ermöglicht, die vorliegende Ausgabe unabhängig von der kritischen Edition zu benutzen. Kuschs Vorbemerkungen zur Sprache des Marsilius von Padua wurden ebenfalls wieder abgedruckt, die historische Einführung zu Autor und Werk dagegen wurde von Jürgen Miethke neu verfasst. Die bibliographischen Hinweise wurden aktualisiert. Zu hoffen ist, dass diese Neuausgabe des „Defensor pacis“ als Ermunterung verstanden wird, sich im deutschsprachigen Raum wieder intensiver mit diesem Text zu befassen, der auch außerhalb der üblicherweise beschrittenen Wege der Geschichte politischer Theorie ein lohnendes Forschungsobjekt darstellt. Leiten lassen kann man sich bei der Entwicklung eigener Fragestellungen von Miethkes souveräner Einleitung, welche die Leistungen und Erkenntnisse der Forschung der letzten Jahrzehnte zusammenfasst. Marsilius und Johannes von Jandun, der im Mittelalter als Mitverfasser des „Defensor pacis“ galt, werden eingangs in ihrem universitären Wirken betrachtet, das zunächst von der Fertigstellung der Schrift nicht unterbrochen worden zu sein scheint. Erst 1326 flüchteten beide plötzlich aus Paris an den Hof Ludwigs IV., von seinen Gegnern abschätzig „der Bayer“ genannt. In den folgenden Jahren und zumal während des Romzugs Ludwigs wurde Marsilius zu einem der wichtigsten Gelehrten im Umfeld des Königs, ohne dass sich heute die Art seines Einflusses auf dessen Politik oder gar einzelne Entscheidungen präzise nachvollziehen ließen. In Avignon war man in jedem Fall vom Schaden, den Autor und Werk anrichteten, überzeugt, weshalb Johannes XXII. am 23. Oktober 1327 fünf Sätze aus dem „Defensor pacis“ verurteilte und die Gefangennahme von Marsilius und Johannes von Jandun forderte. Dass es sich hierbei nicht um eine reine Routineangelegenheit handelte, dokumentieren zahlreiche Abhandlungen, die während der Untersuchung im Umfeld der Kurie zu einzelnen Problemen und Streitfragen entstanden sind. Wie Miethke zu Recht betont, lässt sich aus derartigen Gelegenheitsschriften, mit denen die jeweiligen Autoren nicht zuletzt ihre eigenen Karrierechancen befördern wollten, das „Meinungsklima“ (S. XXXVIII) an der Kurie zu dieser Zeit erschließen. Auch eine eingehendere Untersuchung kommunikativer Abläufe an der Kurie wie in ihrem Umkreis sowie die Interaktion der Kurie mit anderen institutionellen Akteuren ist anhand des reichen Materials der 1320er Jahre möglich. Inhaltlich wäre in künftigen Arbeiten die konsequente Einbindung des „Defensor pacis“ in die universitären Diskussionen des ersten Viertels des 14. Jh. sowohl hinsichtlich der Ideen und verwendeten Autoritäten als auch der Argumentationsweise und der Beweisstruktur wünschenswert; die ältere ideengeschichtliche Forschung hatte häufig eher den singulären, über seine Zeit hinausweisenden Charakter des Werkes betont. Schließlich wäre nach den Wirkungen zu suchen: Die zahlreichen Hss. dokumentieren das erhebliche Interesse an dem sehr umfangreichen Werk. Inwiefern dies auf die Gelehrtenwelt beschränkt blieb, oder ob es auch die praktische Politik anzuleiten vermochte, bleibt eine jener Fragen, die keinesfalls als beantwortet gelten können.

Jan-Hendryk de Boer

Maria Elisa Soldani, I mercanti catalani e la Corona d’Aragona in Sardegna. Profitti e potere negli anni della conquista, Roma (Viella) 2017 (I libri di Viella 238), 164 S., ISBN 978-88-6728-806-9, € 19.

Die zweitgrößte Insel des Mittelmeeres, Sardinien, ist aufgrund ihres Rohstoffreichtums von der Frühgeschichte an als Schnittstelle der Handelsrouten in die Kreisläufe des mediterranen Wirtschaftsraumes einbezogen. In der Folge der Sizilianischen Vesper 1282 kam es zu einer Neuordnung der Machtverhältnisse im westlichen Mittelmeerbogen. Nach der Belehnung der Krone Aragóns mit Sardinien unternahm König Jakob II. in den Jahren 1323–1336 die Eroberung der Insel, wobei er die bis dahin dominierenden französischen Kräfte und die gut verwurzelten Pisaner sowie Genueser Kaufmannbankiers und Feudalfamilien vertrieb. Mit Maria Elisa Soldani analysiert eine ausgewiesene Expertin für die Wirtschaftsgeschichte Barcelonas und die katalanisch-italienischen Beziehungen im Spätmittelalter die mehrschichtigen Netzwerke zwischen der Krone Aragóns und der merkantilen Elite Barcelonas auf der Grundlage der Archive der Krone sowie wichtiger Bestände der stadtbürgerlichen Gesellschaft, aber auch von Rechnungsbüchern beteiligter Kaufmannbankiers. Zunächst beruhte das Engagement der katalanischen Patrizier bei der Aneignung Sardiniens auf der Verknüpfung der Interessen ökonomischer Akteure an Sardinien als Drehscheibe für deren Geschäfte zwischen dem westlichen Mittelmeer und der Levante mit der Durchdringung der herrschaftlichen Institutionen vonseiten des Königs. Während die Finanzierung für die militärischen Vorhaben anfangs vor allem noch durch die großen Florentiner Banken Acciaiuoli, Peruzzi und Bardi geleistet wurde, sicherte die Krone die Verteidigungsfähigkeit der Insel durch die Einsetzung der Patrizier aus Barcelona in Lehen und fiskalische sowie militärische Funktionen. Das zweite Kapitel markiert die Veränderungen in den Beziehungen zwischen Kaufmannbankiers und Krone im Zuge des Eroberungskriegs, durch den eine Reihe Barceloneser Patrizier wie Ramon Savall, Pere de Mitjavila und Joan Benet in den 1330er und 1340er Jahren Steuerpachten, den herrschaftlichen bzw. kirchlichen Finanztransfer und den wichtigen Getreidehandel an sich ziehen konnte. Nach der Jahrhundertmitte, so das dritte Kapitel, gewannen diese Pächter der Fiskaladministration verstärkt an Einfluss. Die wirtschaftliche Krise der 1340er Jahre nötigte dann König Peter IV. Zugeständisse an Monopolisten aus der Kaufmanns-Oligarchie bei der königlichen Abgabenverwaltung ab. Akteuren wie Miquel Sarrovira oder der Patrizierfamilie Doni gelang der Aufstieg von Schlüsselpositionen im Handel der Stadt Barcelona zu nobilitierten Funktionsträgern auf Sardinien, die für die Krone den Zugriff auf die Ressourcen der Insel gewährleisteten und die miltärische Verteidigung organisierten. Maria Elisa Soldani charakterisiert die Beteiligung der merkantilen Stadtoligarchie Barcelonas an der kriegerisch begonnenen Inkorporation Sardiniens unter die Krone Aragón, indem sie die Verschränkung der wirtschaftlichen Absichten des Stadtpatriziats mit der „Aragonisierung“ der Verwaltung der Insel darstellt. Hierbei traten einige Kaufmannbankiers prominent hervor, die sowohl ihre Geschäfte über Sardinien betreiben konnten, als sie auch von der Krone für die militärische Absicherung in Lehen eingesetzt wurden. Einzig das Ausblenden des wirtschaftshistorischen Kontextes, der nicht nur die Entwicklung auf Sardinien, sondern auch grundsätzlicher die strukturelle Transformation von Märkten und damit der ökonomischen Aktivitäten der Kaufmannbankiers sowie ihrer Familien begriffen hätte, wäre an der erfreulich profunden Abhandlung zu kritisieren.

Heinrich Lang

Lorenzo Tanzini, 1345, la bancarotta di Firenze. Una storia di banchieri, fallimenti e finanza, Roma (Salerno) 2018 (Aculei 29), 170 pp., ISBN 978-88-6973-274-4, € 14.

„Giovanni Villani credeva negli oroscopi“. È l’incipit del bel libro che Lorenzo Tanzini ha dedicato alla ricostruzione di uno dei primi crack della storia finanziaria dell’Occidente: quello che alla metà del Trecento investì Firenze, dove – secondo la classica suggestione di Fernand Braudel – il credito coinvolgeva „l’intera storia della città“. Nell’anno 1345 la prevista congiunzione di Saturno e Giove fu premonitrice, come altre volte in passato, dell’accadimento di fatti grandiosi. Quelli verificatisi allora furono il clamoroso fallimento della „super-compagnia“ dei Bardi, seguito al crack degli Acciaiuoli e dei Peruzzi, e di quello, collegato, del Comune di Firenze. La crisi congiunta della finanza privata e di quella pubblica sembrò trascinare nel baratro il centro nevralgico del capitalismo finanziario medievale e con esso parte dell’Europa. L’autore ripercorre le tappe di quel dramma, e del suo superamento, articolando la ricostruzione in sette densi capitoli che si estendono cronologicamente dagli inizi del ’300, quando vennero poste le basi della potenza della finanza fiorentina, agli anni Ottanta, quando, superata la crisi, una nuova classe dirigente assunse le leve del potere, imponendo una rinnovata etica civica. Il racconto della crisi si dipana a partire dalla creazione della rete mercantile e bancaria da parte delle „colonne della cristianità“: una rete di dimensioni continentali, fragile però nei suoi assetti giuridici. Nel campo della finanza i banchieri fiorentini erano divenuti i principali prestatori dei pontefici e dei sovrani inglesi, consentendo a Edoardo III di avviare la Guerra dei cent’anni. Quei legami si sarebbero rivelati fatali quando il re inglese, nel 1345, si rifiutò di onorare i debiti contratti con esse. Il fallimento segnò „lo schianto“ di un sistema piramidale del quale le compagnie fiorentine rappresentavano i vertici e i cui gradi intermedi e la base erano costituiti da una miriade di medi e piccoli investitori che avevano affidato ai primi i propri risparmi. La caduta delle compagnie fiorentine provocò – secondo Villani – un „mancamento della credenza“ – che si ripercosse sulla stessa tenuta dei già sofferenti conti pubblici della città. Con un’audace decisione il Comune decise il consolidamento del debito a breve termine, i prestiti volontari, fatti confluire „forzosamente“ nel „Monte comune“ istituto nel febbraio 1345: ai creditori sarebbe stato corrisposto un interesse del 5 % ma non il rimborso del capitale prestato. La modernità della soluzione adottata fu confermata dalla creazione di un registro pubblico in cui furono iscritti i nomi di tutti i creditori. Esso rappresentò il primo passo per la restaurazione di un clima di fiducia, preludio a nuove richieste di denaro sostenute dalla promessa della restituzione, al loro valore nominale, dei crediti „congelati“ sul Monte, le cui quotazioni erano nel frattempo discese sul mercato secondario. Tra innovazioni finanziarie e riforme monetarie, il sistema trovò un nuovo equilibrio, anche in virtù della precoce ripresa delle compagnie cittadine. A tale ripresa contribuì paradossalmente la Morte Nera del 1348, che aveva sì dimezzato la popolazione di Firenze ma lasciato intatte le ricchezze materiali, aprendo in tal modo a quello che l’autore chiama „il ventennio del consumismo“, tra 1349 e 1369. Un ventennio segnato dall’espansione territoriale dello „stato“ fiorentino cui corrispose una nuova ascesa del debito pubblico e una drastica impennata dei prezzi. Il tumulto dei Ciompi rappresentò l’epilogo di quella duplice spinta ma fu „soprattutto la cartina di tornasole del 1345“, quando la sfera della finanza pubblica si trasformò nel fattore decisivo dell’esistenza della città, riequilibrando a proprio vantaggio il rapporto con la ricchezza privata. La crisi aveva prodotto un nuovo assetto e una nuova cultura istituzionale, originati dagli inestricabili nessi tra finanza, politica e società.

Massimo Fornasari

Rainer Berndt (Hg.), Der Papst und das Buch im Spätmittelalter (1350–1500). Bildungsvoraussetzungen, Handschriftenherstellung, Bibliotheksgebrauch, Münster (Aschendorff) 2018 (Erudiri Sapientia. Studien zum Mittelalter und seiner Rezeptionsgeschichte 13), 661 S., Abb., ISBN 978-3-402-10445-3, € 79.

Päpste und Bücher – das ist ein spannendes Thema, wie der anzuzeigende Sammelbd. demonstriert. Er geht auf ein Teilprojekt innerhalb des von der DFG geförderten Schwerpunktprogramms „Integration und Desintegration der Kulturen im Mittelalter“ zurück. Am Frankfurter Hugo von Sankt Viktor-Institut wurde in diesem Kontext die Bibliothek Benedikts XIII. (Pedro de Luna), des letzten der Avignoneser Päpste während des Schismas, erforscht. Vorgelegt wurden nun zwei Erträge dieser Arbeit, die Einsichten in das gebildete Papsttum des Spätmittelalters gewähren: in der ersten Hälfte die Ergebnisse einer Tagung, die 2014 in Mainz stattfand, in der zweiten Hälfte die von Anette Löffler erstellten Beschreibungen von Hss. der Bibliothek Benedikts XIII. Löffler beschränkt sich dabei auf 162 von insgesamt 538 Hss., nämlich auf kanonistische und theologische Traktate, Bibelkommentare und Häresienkataloge, die der Bibliothek des Papstes zugeordnet werden konnten. Sortiert nach den Bibliotheken, in denen sie sich heute befinden, werden die einzelnen Hss. sorgfältig hinsichtlich des Einbandes, der Kodikologie, der paläographischen Befunde, des Inhalts und ihrer Geschichte zusammen mit knappen bibliographischen Angaben präsentiert. Vor dem Bücherverzeichnis als vierter Sektion wird in elf, auf drei Sektionen verteilten Aufsätzen und einer knappen Zusammenfassung das Verhältnis Papst und Buch im 14. und 15. Jh. untersucht. Die Strukturierung anhand der Kategorien Bildungsvoraussetzung, Handschriftenherstellung und Bibliotheksgebrauch ist für einen Tagungsbd. einleuchtend und sinnvoll, allerdings stellt sich – gegen den von Britta Müller-Schauenburg in ihrer Einleitung erhobenen Anspruch – die Frage, ob es nicht auch andere legitime, ebenso erkenntnisfördernde Zugriffsweisen gegeben hätte, zumal die drei gewählten Kategorien recht weit gefasst und methodisch wie theoretisch nur schwach unterfüttert sind. Den Aufsätzen der drei Sektionen, die ihr jeweiliges Thema zumeist akribisch und nahe an der Überlieferung behandeln, ist ein Beitrag des Hg. zur päpstlichen Bibliothek als Fingerabdruck vorausgeschickt, dessen hochgestimmter Ton verrät, dass es sich hier um einen überarbeiteten Abendvortrag handelt. So interessant viele der Aufsätze geraten sind, ihr kleinteiliger Zugriff führt mitunter dazu, dass auf die weitgreifenden Sektionstitel allenfalls kleine Schlaglichter geworfen werden können. So werden die Bildungsvoraussetzungen thematisiert anhand der Bibliothek und Schriften des Kardinals Adam Easton, eines Enea Silvio Piccolomini gewidmeten Manuskripts Juan de Segovias sowie der Rolle von Bildung bei der Papstwahl 1458. Jessika Nowak zeigt in diesem lesenswerten Aufsatz, dass Gebildetsein im 15. Jh. kein Hinderungsgrund war, zum Papst gewählt zu werden, aber keinesfalls als einzige oder auch nur vorrangig erwünschte Qualität eines Kandidaten galt. In der zweiten Sektion spielen Pedro de Luna/Benedikt XIII. bzw. mit ihm verbundene Hss. in allen Beiträgen eine wichtige Rolle, was einer inhaltlichen Zentrierung förderlich ist. Die ersten drei Beiträge der dritten Sektion von Paul Payan, Christine Maria Grafinger und Antonio Manfredi bauen lose aufeinander auf, wenn sie die Geschichte der päpstlichen Bibliothek vom päpstlichen Avignon bis ins Rom der Renaissance nachzeichnen. Es folgt eine kurze, eher lose mit dem Bandthema verbundene Studie von Nicolas Weill-Parot zu Pedro Garsia und seiner Auseinandersetzung mit der „Apologia“ des Giovanni Pico della Mirandola. Naturgemäß kann ein Sammelbd. das weite Themenfeld des gebildeten Papsttums und des Verhältnisses von Päpsten zu Büchern kaum erschöpfend behandeln. Im vorliegenden Fall wäre eine stärkere thematische und zeitliche Zentrierung jedoch sicherlich erkenntnisfördernd gewesen. Die Orientierung an der Person Pedro de Luna/Benedikt XIII. in der der Handschriftenherstellung gewidmeten Sektion oder die chronologische Folge in den Beiträgen zur Geschichte der päpstlichen Bibliothek weisen diesbezüglich künftigen Forschungsprojekten den konzeptionellen Weg. Eine größere Flughöhe, eine präzisere theoretische Rahmung und ein Wille zur begrifflichen Abstraktion hätten ermöglicht, die einzelnen Ergebnisse stärker zusammenzubinden und über die Erhellung von Einzelfällen hinaus Zusammenhänge und Entwicklungen ausmachen zu können. Die zahlreichen Rahmentexte helfen dabei nur bedingt weiter, zumal sich Einleitung und Zusammenfassung am Tagungsprogramm orientieren und damit auch Beiträge besprechen, die nicht in den Bd. Eingang gefunden haben.

Jan-Hendryk de Boer

I manoscritti datati della Biblioteca Nazionale Centrale di Firenze, vol. 4: Fondo Magliabechiano, a cura di Michaelangiola Marchiaro e Stefano Zamponi, Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzzo) 2018 (Manoscritti datati d’Italia 29), VIII, 185 S., 196 Abb., ISBN 978-88-8450-889-8, € 125.

Nach gerade einem Jahr konnte mit dem Katalog der datierten Hss. des Fondo Magliabechiano der Biblioteca Nazionale Centrale di Firenze der 29. Bd. der von der Associazione Italiana Manoscritti Datati in Verbindung mit der Società Internazionale per lo Studio del Medioevo Latino herausgegebenen Reihe „Manoscritti datati d’Italia“ veröffentlicht werden. Er präsentiert 191 datierte Hss. aus diesem Bestand. Nach den Katalogen zum Fondo Conventi Soppressi (Manoscritti datati d’Italia 5, Firenze 2002), zum Fondo Palatino (Manoscritti datati d’Italia 9, Firenze 2003) und zu verschiedenen kleineren Bestandsgruppen (Manoscritti datati d’Italia 21, Firenze 2011) liegt hiermit der vierte Teilbd. vor, so dass nur noch der Fondo Nazionale (o Principale) fehlt. Die weiteren umfangreichen Florentiner Handschriftenbestände werden bisher durch vier Bde. zur Biblioteca Riccardiana und zwei Bde. zur Biblioteca Laurenziana dokumentiert. Die Arbeiten zum vorliegenden Katalog, der auf drei tesi di laurea von Simona De Lucchi, Benedetta Rigoli und Eleonora Giusti zu ausgewählten Hss. basiert, konnten nach längerer Unterbrechung erst 2011 wiederaufgenommen werden. Nach einer Kurzbeschreibung des Fondo und seiner Geschichte durch Sandro Bertelli (S. 1–21) folgen die Katalogisate der ausgewählten Hss. (S. 23–114). Der Bd. wird abgerundet durch eine umfangreiche Spezialbibliographie (S. 117–150), mehrere Indizes, darunter der bewährte Index „Autori, opere e initia“, sowie 196 Abb. in s/w in chronologischer Ordnung und guter Qualität. Die einführenden Beschreibungen dokumentieren nicht nur den Aufbau der am universalen Wissen der Zeit ausgerichteten Sammlung in 31 Systemgruppen (classi), die auf den umfangreichen, testamentarisch zum öffentlichen Nutzen bestimmten Buchnachlass von Antonio Magliabechi (1633–1714) zurückgeht, sondern auch die komplizierte Geschichte des Bestands, der in der Folgezeit durch zahlreiche weitere Nachlässe und Übernahmen angereichert wurde, allerdings durch großherzoglich verfügte Abgaben an die Biblioteca Laurenziana auch bedeutende Verluste zu verzeichnen hatte. Trotz eindeutiger testamentarischer Verfügung und intensiver Bemühungen des Testamentsvollstreckers Anton Francesco Marmi konnte der Bestand erst im Jahr 1747 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. In der Folgezeit wurden umfangreiche Sammlungen für die Bibliothek erworben, so z. B. die Buchsammlung der Familie Gaddi (1755), Teile der Bibliothek von Anton Maria Biscioni (1756), die großherzogliche Bibliothek aus dem Palazzo Pitti (1771) und der Buchnachlass der Familie Strozzi (1786). Die heterogenen Sammlungen, die Abgaben an die Biblioteca Laurenziana und unvollständige Verzeichnung erschweren die Beschreibung des bedeutenden Bestands. 1861 wurde die Biblioteca Magliabechiana mit königlichem Dekret zur Biblioteca Nazionale umgewandelt, seit 1935 mit Bezug des neuen Sitzes an der Piazza Cavalleggeri wird der Ausgangsbestand offiziell als Fondo Magliabechiano bezeichnet. Er umfasst aktuell 5799 Hss., die inhaltlich in eine Systematik von 40 classi aufgeteilt sind, und wird durch den handschriftlichen Katalog von Giuseppe Targioni Tozzetti (1783) mit drei ergänzenden Bde. der Biblioteca Strozziana erschlossen. Auch im Fall des Fondo Magliabechiano stellen die datierten Hss. nur einen kleinen Anteil des gesamten Bestands dar. Die im vorliegenden Bd. erfassten Hss. bilden eine universal ausgerichtete Bibliothek mit großer inhaltlicher Breite ab, die neben den üblichen Klassikerhandschriften mit Dante Alighieri, Petrarca und Boccaccio auch die italienische Literatur umfasst. Der besondere städtische Bezug wird in der Repräsentanz des Florentiner Humanismus (vertreten durch zahlreiche Schriften Leonardo Brunis oder Poggio Bracciolinis), Stadtgeschichten von Florenz und Pistoia oder den „Statuta communis Florentiae“ deutlich. Interessanterweise sind auch Werke der Fachliteratur von Grammatiken bis hin zu medizinischen und alchemistischen Sammelwerken gut vertreten. Wie die Vorgängerbde. bietet das vorliegende Werk einen detaillierten Einblick in die Geschichte der Handschriftenbestände und Provenienzen und liefert mustergültige Katalogisate mit gutem Bildmaterial. Bei aller methodologischen Vorsicht ist der Bd. vor allem wegen der relativ hohen Anzahl datierter Hss. für paläographische und kodikologische Studien zur Handschriftenproduktion des 15. Jh. eine unverzichtbare Quelle. Er bietet darüber hinaus (wenn auch durch spätere Zuwächse und Verluste eingeschränkt) wichtige Einblicke in eine Gelehrtenbibliothek des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jh., in die nicht unkomplizierte Bibliotheksgeschichte von Florenz und nicht zuletzt in die Kultur- und Bibliothekspolitik der Großherzöge und stellt damit auch für weitergehende kulturgeschichtliche Studien eine gute Grundlage dar.

Thomas Hofmann

Evgeny Khvalkov, The Colonies of Genoa in the Black Sea Region. Evolution and Transformation, London-New York, NY (Routledge) 2018 (Routledge research in medieval studies 11), XIV, 443 pp., ill., ISBN 978-1-138-08160-4, GBP 105.

Questo libro, nato dall’elaborazione della tesi di dottorato dell’autore, s’inserisce in una ricca tradizione di studi che, risalendo al XIX secolo, ha avuto negli anni fra le due Guerre illustri esponenti in Nicolae Iorga, George Brǎtianu e Roberto Sabatino Lopez, per poi conoscere una particolare fortuna negli ultimi decenni del XX secolo con le opere, ormai classiche, di autori come Michel Balard, Geo Pistarino e Sergej Karpov, che hanno a loro volta contribuito a indirizzare sulla tematica della presenza genovese nel bacino pontico le ricerche dei loro allievi e continuatori. L’autore affronta quindi un argomento ben noto e oggetto di un’ampia bibliografia scientifica e di preziose edizioni di fonti, a cominciare dal fondamentale „Codice diplomatico delle colonie tauro-liguri durante la signoria dell’Ufficio di San Giorgio (MCCCCLIII–MCCCCLXXV)“ edito fra il 1868 e il 1879 da Amedeo Vigna nella collana della Società Ligure di Storia Patria per arrivare fino alla recentissima edizione del vol. degli „Atti redatti a Caffa ed in altre località del Mar Nero nei secoli XIV e XV“, coordinato da Sergej Karpov, che completa la serie di edizioni dei notai liguri attivi nel Mar Nero inaugurata nel 1973 dalla scuola universitaria genovese di Geo Pistarino. Di tale vastità di letteratura e fonti Evgeny Khvalkov è ben conscio, e infatti dedica un ampio capitolo del vol. a un’attenta rassegna degli scritti di coloro che lo hanno preceduto (che in parte supplisce all’inconsueta e lamentabile assenza di una bibliografia generale, fondamentale in opere di questo tipo) e soprattutto delle fonti archivistiche, tanto edite quanto inedite, disponibili per le ricerche. Proprio a questo proposito, però, va sottolineato come l’autore, trascinato dal proprio entusiasmo, si lasci andare ad affermazioni che non esitiamo a considerare francamente esagerate, come quella secondo la quale la documentazione disponibile per gli anni 1400–1475 sarebbe stata scarsamente utilizzata dagli autori precedenti. Ciò è forse in parte dovuto al fatto che il costante termine di riferimento del libro è costituito dalla monumentale „Romanie génoise“ di Michel Balard, che programmaticamente chiude il proprio affresco all’inizio del XV secolo, al quale va aggiunta la considerazione che la letteratura scientifica posteriore all’inizio di questo secolo (e in particolare proprio quella prodotta a Genova) appare citata in modo più incompleto e frammentario di quella precedente. Queste avvertenze nulla tolgono all’importanza dell’approfondito lavoro di scavo compiuto dall’autore su tre unità inedite del fondo „Casa di San Giorgio“ dell’Archivio di Stato di Genova, e cioè i registri contabili della Massaria (l’amministrazione finanziaria) di Caffa per gli anni 1381, 1423 e 1461. Il primo di questi registri era stato studiato in precedenza da studiosi come Michel Balard e Gian Giacomo Musso, e soprattutto era stato oggetto di importanti analisi da parte del compianto Andrey Ponomarev, che lo aveva utilizzato per sperimentare l’applicazione di metodi statistici e quantitativi dai quali Khvalkov trae ispirazione per il lavoro da lui condotto sugli altri due registri. In effetti, mentre le parti iniziali e finali del libro si presentano sostanzialmente come una sintesi puntuale delle principali acquisizioni della letteratura precedente riguardo la storia politica, economica e amministrativa delle colonie genovesi nel Mar Nero, i capitoli 5 e 6, dedicati alla composizione e alla stratificazione sociale della popolazione di Caffa nel XV secolo, ne costituiscono la parte di gran lunga più innovativa e interessante. Il lavoro condotto sui registri, in particolare quelli del 1423 e 1461 (che era stato oggetto di anticipazioni in saggi dello stesso autore disseminati in differenti riviste italiane ed europee), consente infatti di raggiungere alcune importanti acquisizioni: ad esempio, vengono smentite alcune convinzioni nutrite da tutti coloro che hanno scritto in precedenza sull’argomento, come quella relativa alla predominanza numerica della comunità armena fra quelle presenti in città e, conseguentemente, quella che riteneva l’elemento occidentale in perenne minoranza tra gli abitanti del grande centro urbano. In questo caso specifico, pur tenendo presenti le cautele da assumere nei confronti di statistiche basate su documenti non seriali, le analisi di Khvalkov permettono di cogliere un processo che, nel generalizzato calo della popolazione negli ultimi decenni di governo genovese, evidenzia un’accentuata riduzione proprio delle componenti greca e armena della popolazione cittadina, con l’inattesa conseguenza di un’esaltazione dell’importanza dell’elemento occidentale, ridottosi in maniera percentualmente minore. In conclusione, possiamo considerare quest’opera di sintesi un valido strumento di accesso alla pubblicistica sul tema per un pubblico anglofono, che può essere stato ostacolato fino a ora nella conoscenza di una letteratura scientifica prevalentemente di lingua italiana, francese, o russa, di straordinaria ampiezza e profondità.

Enrico Basso

Giuseppe Caridi, Alfonso il Magnanimo. Il re del Rinascimento che fece di Napoli la capitale del Mediterraneo, Roma (Salerno) 2019 (Profili 81), 372 pp., ISBN 978-88-6973-340-6, € 25.

Il vol. offre una narrazione biografica costituita da undici capitoli, che tracciano con traiettoria cronologica la vita di Alfonso il Magnanimo (1396–1458), re della Corona d’Aragona. Si parte, dunque, nei primi tre capitoli, dal Compromesso di Caspe (1412), che permise al padre Ferdinando di Trastámara di ascendere al trono, per proseguire con la successione di Alfonso (1416) e con la sua adozione da parte di Giovanna II d’Angiò (1420). Fu questo evento che lo legittimò a rivendicare la corona di Napoli, poi ottenuta solo nel 1442, dopo una guerra ventennale che gli permise di unire nuovamente, dopo i Vespri (1282), la parte continentale del Regno con la Sicilia: alla lunga conquista del Regno sono dedicati i successivi quattro capitoli, che ne scandiscono le diverse fasi in Italia e nella penisola iberica. Al consolidamento del Regno e alle successive guerre sono dedicati due ulteriori capitoli. Nel penultimo, infine, sono indagate la vita culturale e la personalità del sovrano (compreso il suo amore senile per Lucrezia d’Alagno); in quello conclusivo si ripercorrono gli ultimi anni di vita. Nella „Premessa“ Caridi rammenta il vol. di Alan F. Ryder (Oxford 1990), che „non ha tuttavia esaminato in modo approfondito le fasi e i contesti politico-militari che hanno visto impegnato il re aragonese nella guerra di successione al trono napoletano“ (p. 9), e gli studi, sul versante italiano, di Ernesto Pontieri, Giuseppe Galasso e Mario Del Treppo, nonché, su quello spagnolo, di José Ametller i Vinyas, Ángel Canellas López e Jaime Vicens Vives. Aggiunge poi di aver voluto ripercorrere le vicende con il supporto di documenti d’archivio e di fonti letterarie, in particolare di „cronache, tra cui in particolare quelle spagnole di Zurita e García di Santa María e napoletane del duca di Monteleone, Di Costanzo e Summonte“ (p. 10). In realtà, va notato che alla lunga guerra di conquista di Alfonso aveva dedicato due approfonditi studi monografici (nel 1904 e nel 1908) Nunzio Federico Faraglia, che aveva fatto ampio ricorso a un gran numero di fonti, maneggiate con la piena consapevolezza di chi le aveva attentamente lette e studiate. Proprio le fonti rivelano evidenti incertezze in prospettiva dell’approfondimento scientifico: dall’elenco sopra citato, a fronte del Di Costanzo e del Summonte, che usarono materiale derivato da altri, mancano i nomi di alcuni autori imprescindibili, che negli ultimi decenni sono stati ampiamente analizzati, dal momento che proprio la produzione storiografica alfonsina generò una rivoluzione letteraria di enorme portata europea. Si pensi, solo per fare pochi esempi, ai „Gesta“ di Lorenzo Valla (editi in maniera eccellente da Ottavio Besomi, 1973), alle „Historiae“ di Bartolomeo Facio (pubblicate nel 2000 da Daniela Pietragalla e ora destinate a nuova edizione da Gabriella Albanese e Bruno Figliuolo) o di Gaspar Pelegrí (a cura di chi scrive nel 2007 e nel 2012), oppure a Jeronimo Zurita (ed. Ángel Canellas Lopez, 1980, anche online), al „Dietari“ del cappellano di Alfonso (ed. Mateu Rodrigo Lizondo, 2011) o alla „Crónica del rey Juan II“ (ed. Michel García 2017): tutte fonti che, inammissibilmente, o appaiono del tutto ignorate, o sono citate in insufficienti edizioni cinquecentesche. Attenzione estrema, negli ultimi decenni, è stata dedicata ad Alfonso e al Regno aragonese, con contributi innovativi (per citarne solo alcuni) sia da parte italiana, come quelli di Giuiana Vitale, Francesco Senatore, Francesco Storti, Guido Cappelli, Gabriella Albanese o Francesco Tateo, sia da parte catalana, come quelli di Lola Badia, Jaume Torró o Lluis Cabré o Joan Molina Figueras (per non parlare dell’imponente vol. in francese di Joana Barreto). Si tratta di studi – pure del tutto ignorati – che hanno trovato espressione nella fondazione del Centro Europeo di Studi su Umanesimo e Rinascimento Aragonese (CESURA), e che, secondo le parole di un profondo conoscitore del periodo come Bruno Figliuolo (nella premessa a uno specifico dossier della „Nuova Rivista Storica“ 3 [2018], pp. 1119–1123, in part. p. 1121), costituiscono „contributi di ampiezza, intelligenza e densità tale… da porsi come autorevole guida ed esempio de historia conscribenda per gli studi a venire“. Un’ultima annotazione necessita la definizione del sottotitolo: „re del Rinascimento“. Di Rinascimento, in effetti, quasi non si parla affatto nel vol., e non risulta percepita l’ampia riscrittura dei concetti di Umanesimo e Rinascimento, che, negli ultimi anni, con la più specifica connotazione „meridionale“, „aragonese“ (come nel dossier curato da Guido Cappelli per „Humanistica“ 2016) o „monarchica“ (come ha fatto chi scrive, Roma 2015), ha permesso di rapportarli senza complessi di inferiorità a quelli di altri centri dell’Italia centro-settentrionale (come mostra anche il progetto europeo HistAntArtSi: http://www.histantartsi.eu; 18. 6. 2019). Insomma, l’estrema importanza di Alfonso il Magnanimo, da cui è partita una revisione radicale delle categorie di Rinascimento e Umanesimo, attende un profilo biografico aggiornato e documentato che ne faccia risaltare i tratti più innovativi e caratterizzanti.

Fulvio Delle Donne

Jürgen Dendorfer (Hg.), Reform und früher Humanismus in Eichstätt. Bischof Johann von Eych (1445–1464), Regensburg (Pustet) 2015 (Eichstätter Studien. N. F. 69), 436 S., Abb., ISBN 978-3-7917-2494-2, € 49,95

Il vol. raccoglie 19 contributi che rappresentano una considerevole parte degli interventi al convegno tenutosi ad Eichstätt nel settembre 2011 e dedicato a Johann von Eych, uno dei vescovi protagonisti della riforma ecclesiastica, esponente di spicco dell’umanesimo tedesco, amico di Enea Silvio Piccolomini fin dal Concilio di Basilea. Le cinque sezioni, in cui i vari articoli sono raggruppati, individuano vari aspetti della sua vita, della sua carriera e del suo ruolo determinante nel processo di cambiamento della Chiesa. Rilevante lo spazio riservato alla sua formazione: presso l’Università di Padova, dove il 7 febbraio 1430 assiste al conferimento del dottorato in diritto canonico a Gregor Heimburg e dove viene nominato rettore della facoltà giuridica per l’anno accademico 1433–1434 (Melanie Bauer, Fränkische Studenten an der Univerrsität Padua. Johann von Eych und seine comprovinciales, pp. 27–46); presso quella di Vienna, dove nel 1435 è decano della facoltà di giurisprudenza e dove rimane per parecchi anni (Martin Wagendorfer, Johann von Eych und sein Umfeld an der Universität Wien nebst einigen Bemerkungen zur Biographie des Johannes Mendel aus Amberg, pp. 47–64). Si affiancano due interventi che ritraggono Johann quale oratore (Jörg Schwarz, Johann von Eych als Orator König Albrechts II. auf dem Basler Konzil und die Bildung der frühen Netzwerke, pp. 65–92) e i suoi rapporti con il Piccolomini (Claudia Märtl, Bischof Johann von Eych und Eneas Silvius Piccolomini, pp. 93–113). Attorno a lui, divenuto nel 1445 vescovo di Eichstätt, si muove un valido drappello di intellettuali, che, anche attraverso i propri ruoli e le specifiche mansioni, e per alcuni dopo esperienze di studio nelle università italiane di Padova, di Pavia e di Bologna, incidono in modo decisivo sulla storia del primo umanesimo in terra alemanna. Da ricordare il medico e umanista norimberghese Hermann Schedel (Franz Fuchs, Hermann Schedel und der Frühhumanismus in Eichstätt, pp. 117–132), amico pure di Wilhelm von Reichenau, succccessore di Johannes sulla cattedra vescovile, come testimoniano alcune sue lettere (Maximilian Schuh, Zwischen Erfurt, Wien und Padua. Wege Wilhelms von Reichenau in der Bildungslandschaft des Spätmittelalters, pp. 163–179); Albrecht von Eyb, l’autore della „Margarita poetica“ (Matthias Thumser, Neuer Ort, neue Chance. Albrecht von Eyb kommt nach Eichstätt, pp. 133–145); il vicario generale e qualificato giurista Johannes Heller (Georg Strack, Recht, Reform und Rhetorik. Der Generalvikar und Offizial Dr. Johannes Heller († 1478), pp. 146–162); e per completare la seconda sezione la presentazione del poco noto certosino Jakob von Tückelhausen e dell’attivo benedettino Bernard von Waging, priore a Tegernsee (Victoria Hohenadel, Schweigend ins Gespräch vertieft. Ein Kartäuser, ein Benediktiner und Johann von Eych, pp. 180–195). All’opera di riforma del clero e dei monasteri, della liturgia e della predicazione, dopo il Concilio di Basilea, in cui il vescovo si impegnò con intensa operosità, è dedicata la corposa terza sezione (Ernst Reiter, Die Basler Reformdekrete und die Reform des Bischofs Johann von Eych. Anmerkungen und Beobachtungen zur Reform der Liturgie in der Eichstätter Diözese im Spätmittelalter, pp. 213–231; Maria Magdalena Zunker, Die Reform der Benediktinerinnenabtei St. Walburg in Eichstätt durch Bischof Johann von Eych. Ursachen – Durchführung – Auswirkungen, pp. 232–256, Franz Machilek, Rebdorf und die Reformen der Augustiner-Chorherrenstifte in Süddeutschland im 15. Jahrhundert, pp. 257–279; Gerd Dicke, Predigt im Kontext von Reform und Frühhumanismus. Der Eichstätter Domprediger Ulrich Pfeffel (urk. 1452–1492), pp. 280–312; Hiram Kümper, Von der plicht unnsers ampts. Johann von Eych als Rechtsreformer, pp. 313–332). Completano la raccolta due brevi sezioni con due contributi ciascuna: la prima illustra il fenomeno del primo umanesimo nel circolo di Eichstätt, il suo impulso al rinnovamento continuato dagli illuminati successori di Johann von Eych (Rainald Becker, Johann von Eych und die deutschen Humanistenbischöfe der ersten Generation, pp. 335–351; Dieter Mertens, Der soziale Ort des Eichstätter Frühhumanismus in überregionalen Vergleich, pp. 352–368); la seconda presenta un excursus sulle biblioteche e sui libri che conservano e tramandano l’attività di lettura dei vescovi-umanisti passati da Eichstätt, dei loro segretari, dei canonici, in un periodo di intensa attività culturale, alimentata dalla conoscenza dei classici e delle opere degli umanisti italiani, di cui essi furono i divulgatori nella loro terra (Jutta Zander-Seidel, Die Eichstätter Walburga-Behänge im Kontext hagiographischer Bildteppiche, pp. 371–382; Klaus W. Littger, Ob memoriam quondam venerabilis viri, qui hoc in testamento suo fieri deposuit. Die fata libellorum der frühen Eichstätter Humanisten, pp. 383–403).

Mariarosa Cortesi

Matthias Eifler, Die Bibliothek des Erfurter Petersklosters im späten Mittelalter. Buchkultur und Literaturrezeption im Kontext der Bursfelder Klosterreform. Teilbd. 1: Darstellung; Teilbd. 2: Kataloge und Anhänge, Köln-Weimar-Wien (Böhlau) 2017 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen. Kleine Reihe 51,1–2), 2 Bde., 1255 S., Abb., ISBN 978-3-412-50558-5, € 150.

Das Erfurter Peterskloster zählte zu den bedeutendsten Klöstern der Bursfelder Kongregation und damit der wichtigsten benediktinischen Reformbewegung im spätmittelalterlichen Reich. Anders als in den meisten ereignisgeschichtlichen Darstellungen, die nach den Voraussetzungen und den Abläufen der Reform einzelner Klöster fragen, oder auch in architektur- und wirtschaftsgeschichtlichen Studien zu den Baumaßnahmen oder Wirtschaftsreformen dieser Klöster konzentriert sich Matthias Eifler auf die Auswirkungen dieser umfassenden Reform auf die Bibliothek und die Buchkultur. Damit greift er ein für diese Reformkongregation zentrales Thema auf, nämlich die Frage, inwieweit sich die Umsetzung einer spätmittelalterlichen Ordensreform konkret in den Beständen einer exemplarischen Klosterbibliothek niederschlug. Das Erfurter Peterskloster eignet sich für eine Untersuchung aufgrund seiner herausgehobenen Stellung als eines der Hauptklöster der Bursfelder Kongregation. Vor allem bietet es sich aber aufgrund der überlieferten Buchbestände an, deren Umfang Eifler in ganz bemerkenswerter Weise erweitern kann. Bevor Eifler die Bibliothek des Petersklosters untersucht, zeichnet er die wesentlichen Etappen der Bursfelder Reformkongregation nach, die sich ab Mitte der 1440er Jahre strukturell-rechtlich und spirituell immer stärker verdichtete. Der Anschluss des Erfurter Petersklosters erfolgte 1451, was die Entwicklung der Bibliothek nachhaltig beeinflussen sollte. Neben der Anfertigung von Hss. im Skriptorium – dazu die beiden Hauptkapitel IV. und V. zur Handschriftenproduktion und zur Einbandwerkstatt des Petersklosters – ging die Erweiterung der Bibliothek auf Buchstiftungen zurück, die ihr zum einen als Legate von Wohltätern – hier vor allem Geistliche, Mitglieder der Erfurter Universität sowie Klöster – übertragen wurden, zum anderen aber auch vereinzelt von den Mönchen selbst bei ihrem Eintritt in das Kloster. Aus den Stiftungen einzelner Mönche lassen sich für das 15. und 16. Jh. Aufschlüsse über ihre Ausbildungs- und Tätigkeitsstationen gewinnen. Mit Blick auf den Umfang und die inhaltliche Ordnung dominieren z. B. kirchen- und zivilrechtliche Bde., gefolgt von Sermones-Sammlungen und Literatur, die bei der Predigtvorbereitung verwendet wurde, was für ein Benediktinerkloster von Bedeutung ist. Einen jeweils ähnlichen Umfang von rund 5–7 % besitzen die kirchen- und hagiographiegeschichtlichen Werke, Bibelkommentare sowie scholastische und monastische Autoren. Eifler wägt angesichts der zentralen Frage, inwieweit man in der Bibliothek eine idealtypische Büchersammlung eines Bursfelder Klosters sehen kann, sein Urteil sicher ab und macht deutlich, dass die Einführung der Reform die Bibliothek in ihrem Umfang erkennbar wachsen ließ, die von einer „praktisch orientierte[n] ‚Frömmigkeitstheologie‘“ geprägt wurde – so eines seiner vielen wichtigen Ergebnisse, die hier im Einzelnen nicht alle gewürdigt werden können. Im zweiten Teilbd. erfasst Eifler alle bislang bekannten Hss. des Klosters. Schon der Blick auf die nüchternen Zahlen – über 600 der rund 1000 Bde. zählenden Bibliothek hat er in rund 90 Bibliotheken weltweit ausfindig machen können – lässt erstaunen. Alle Hss. und Inkunabeln, die Eifler zu großen Teilen in Autopsie oder anhand eines vollständigen Digitalisates auswerten konnte, werden kodikologisch und inhaltlich einheitlich aufbereitet. Allein diese Mühen, die für die Bearbeitung dieses Teilbd. aufgebracht worden sein müssen, können nicht hoch genug eingeschätzt werden. Denn hier hat Eifler nicht nur die Grundlage für seine Studie gelegt, er eröffnet mit der weitestmöglichen Rekonstruktion der Bibliothek der Erfurter Benediktiner fächerübergreifende Fragen zur spätmittelalterlichen Ordensreform, die mit der Geschichte einzelner Klosterbibliotheken und der Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte von Texten aller Sparten sehr eng zusammenhängt. Damit liegt eine Studie von sehr hoher Qualität vor, die die Forschungen zur Bursfelder Kongregation bereichert und die für so viele geistliche Institutionen zu wünschen ist!

Jörg Voigt

Frühe Neuzeit

Maria Antonietta Visceglia, La Roma dei papi. La corte e la politica internazionale (secoli XV-XVII), a cura di Elena Valeri e Paola Volpini, Roma (Viella) 2018 (I libri di Viella 300), XI, 402 S., Abb., ISBN 978-88-3313-074-3, € 36.

Aus dem reichen Lebenswerk der Vf. (S. 367–380) haben die beiden Hg. zu ihrer Ehre elf Beiträge (darunter einen noch unveröffentlichten) zu Visceglias „römischen“ Jahren seit 1995 ausgewählt – 1972–1994 hatte ihr Hauptinteresse noch dem Königreich Neapel gegolten. Die Reihe beginnt (1) mit ihrem ersten einschlägigen und bereits programmatischen Beitrag über Bürokratie, Mobilität und Patronage an der römischen Kurie, wobei Ämterhandel und Kardinalat die Schlüsselrollen zukommen. Gründliche Auseinandersetzung mit der internationalen Forschung und souveräne Disposition über das reiche römische Quellenmaterial kennzeichnen diesen wie die folgenden Aufsätze. (2) Die Zeremonialgeschichte neuer Kardinäle beginnt mit deren metaphorischer Verwandlung aus schwarzen Auberginen in rote Peperoni und endet mit Rangfragen zwischen diesen Eminenzen und den Kurfürsten und den Pairs de France. (3) Die Geschichte der Fronleichnamsprozessionen im Kontext politischer Selbstdarstellung war bisher erstaunlicherweise für Frankreich oder Spanien besser erforscht als für Rom. Visceglia holt das mit umfangreichen Quellenstudien nach, wobei die Rolle der verschiedenen Bruderschaften ebenso zur Sprache kommt wie die Rivalität zwischen Vatikan, Lateran und Quirinal. (4) Auch die Untersuchung der demonstrativen Rivalität der verschiedenen spanischen und französischen Obödienzgesandtschaften des 17. Jh. demonstriert profunde Archivalienbeherrschung, ebenso zwei Beiträge zur kontroversen Geschichte Urbans VIII.: (5) Die mit Magie betriebene Verschwörung des Kardinalsneffen Giacinto Centini wird in den Kontext anderer Attentatsversuche gegen Päpste gerückt, während (6) der spektakuläre Protest des spanischen Kardinals Gaspar Borja gegen Urbans implizit frankophile Politik Anlass zu intensiver mikropolitischer Erweiterung der Diplomatiegeschichte im Hinblick auf Aktivität und Behandlung „feindlicher“ Kardinäle bietet; dabei ist ein Zusammenhang mit der Centini-Affäre nicht auszuschließen. (7) Eine ausführliche Auseinandersetzung mit Thomas James Dandelet, Spanish Rome 1500–1700, und AlessandraAnselmi, Il Palazzo dell’Ambasciata di Spagna presso la Santa Sede (beide 2001) kommt zu dem nicht ganz unerwarteten Ergebnis, dass die internationalen Beziehungen zwischen Spanien und Rom, genauer besehen, erhebliche uneindeutige Komplexität aufzuweisen haben. (8) Damit verwandt ist die umfangreiche Untersuchung der internationalen Politik der Päpste in Sachen Neapel von Nikolaus V. bis Leo X., aus der die spanisch-französische Bipolarität als Grundproblem von 200 Jahren Papstgeschichte hervorgehen sollte. (9) Für die folgende Zeit von den „Papal Wars“ um 1500 (David Chambers) bis zu den im Zeichen des Spanischen Erbfolgekriegs neu gemischten politischen Karten erprobt Visceglia stattdessen eine alternative universalhistorische Perspektive. Denn zwischen der vollen Entfaltung der päpstlichen Diplomatie einerseits, der konfessionellen Frontbildung andererseits entdeckt sie in den 1570er/80er Jahren einen Höhepunkt päpstlicher Autorität, der nicht zuletzt in römischen Aktivitäten bis Persien und Japan zum Ausdruck kam. (10) Anlässlich der Inkorporation des Herzogtums Ferrara 1597/98 rückt sie auch die Politik Clemens’ VIII. in universalen Zusammenhang. Es geht dabei um eine neue Schiedsrichterrolle des Papsttums im Zeichen des wiedererstarkten Frankreich, um Intensivierung der katholischen Konfessionalisierung im Reich, um anti-osmanische Politik auf dem Balkan und abermals um Universalpolitik im Nahen und Fernen Osten. (11) Der bisher ungedruckte Beitrag über Rom, das Papsttum und das Mittelmeer schließt den Kreis zum ersten Aufsatz von 1995, aber eben aus der neuen universalhistorischen Perspektive, die nicht mehr nur auf Jean Delumeau, sondern auch auf Fernand Braudel zurückgreift. Nicht nur von den mediterranen Konflikten ist die Rede, sondern auch von den mediterranen Geschäften und abermals von der außermediterranen Welt. Nach der Pionierleistung von Paolo Prodi waren es vor allem Maria Antonietta Visceglia, Irene Fosi und Renata Ago, die zusammen mit unseren eigenen Arbeiten entscheidend zu einer neuen Papst- und Kuriengeschichte beigetragen haben. Visceglias Untersuchungen sind deswegen längst unentbehrlich geworden.

Wolfgang Reinhard

Alessandro Serra, La mosaïque des dévotions. Confréries, cultes et société à Rome (XVIe–XVIIIe siècle), Louvain-la-Neuve (UCL Presses Universitaires de Louvain) 2016 (Collection L’Atelier d’Erasme), 367 pp., ill., ISBN978-2-87558-495-3, € 27,50.

Non è certo nuovo il tema delle confraternite alla più recente storiografia che si è occupata della vita sociale, religiosa, devozionale e artistica a Roma in età moderna. Il vol. di Alessandro Serra si propone però di esaminare alcuni aspetti specifici di quel policromo mondo che si espresse nella pluralità di associazioni per lo più laicali, separate sia dal mondo degli ordini religiosi – come mostra l’analisi dell’Arciconfraternita delle Sacre Stimmate di S. Francesco (pp. 193–242) – che dalla realtà parrocchiale, capaci di marcare efficacemente spazi urbani nella Roma cinquecentesca e barocca. Il vol., suddiviso in cinque capitoli, è frutto di approfondite ricerche svolte negli archivi confraternali e in alcuni loro fondi inesplorati, come gli inventari redatti dagli ufficiali delle confraternite stesse ed inviati alla congregazione della Visita Apostolica, a partire dal 1726. Accanto a questa straordinaria documentazione, le indagini condotte nell’Archivio Segreto Vaticano, nell’Archivio Storico del Vicariato di Roma, nonché in numerose biblioteche romane, sempre ricche di sorprese per lo storico, hanno permesso all’autore di redigere una serie di grafici e di corredare il vol. di due appendici che, grazie ad un’ottima elaborazione grafica, permettono di collocare nell’urbanistica romana, la fitta trama confraternale, segnalandone l’infittirsi tardocinquecentesco e di individuarne la tipologia. È quindi possibile individuare confraternite nazionali, di mestiere, le arciconfraternite, i nuovi sodalizi nati nel XVIII secolo – tutti elementi che danno perfettamente l’idea del dinamismo che sostanziava queste istituzioni e la loro vita. Completano il vol. le pagine che elencano le fonti e una esaustiva bibliografia (pp. 271–348). Alessandro Serra ricostruisce, nei primi capitoli, il composito e articolato mondo delle confraternite romane, sottolineandone il progressivo differenziarsi fra tardo Medioevo, Cinquecento e la Roma barocca. In questo ampio tournant cronologico – che poi l’autore, molto acutamente, limiterà al tardo ‘500 e soprattutto al ‘600 – egli coglie infatti la trasformazione anche sociale della struttura confraternale, nella quale si riscontra, in linea di massima, una progressiva aristocratizzazione. Si tratta di un processo intrinseco (termine usato per definire un processo „basée sur des éléments internes, purement structurels, qui ont dominé ces experiences de sociabilité“, p. 49), che segna anche il governo „democratico“ di questi sodalizi ed implica poi il mutamento progressivo delle risorse finanziarie sempre più dovute a lasciti testamentari di intere famiglie aristocratiche o di loro esponenti. Questo aspetto economico, come ben si evince dalla ricerca, non era privo di conseguenze nel lungo periodo: chi destinava le proprie risorse al sodalizio, pretendeva, più o meno esplicitamente, di „appropriarsene“ o, quanto meno, di lasciare in esso segni visibili e duraturi della sua munificenza. Ecco che allora simboli, cerimonie, feste, apparati, così come la committenza artistica e persino il possesso di reliquie e il loro uso diventano spie di un mutamento che mostrava soprattutto la capacità di adattamento continuo di questi sodalizi alla realtà sociale. Il loro dinamismo, come il mosaico della loro presenza nel tessuto urbano, erano elementi fondamentali per rispondere alle esigenze e alle spinte devozionali in continua trasformazione ed evoluzione. Ed è proprio nel sottolineare il particolare aspetto dinamico, il reinventarsi e riproporsi in maniera nuova alla città e alla società, non solo romana e non solo popolare, ma anche alle gerarchie curiali, unendo antichi e nuovi culti, santi antichi e più recenti, che il mosaico di devozioni continuava a parlare ai Romani, ai viaggiatori, a chi accorreva a Roma dalle città dello Stato Pontificio non solo negli anni santi o per partecipare ad eventi particolari, ma nella quotidianità, nelle espressioni di una pietas che si esprimeva in liturgie, carità, devozione, parti integranti di una società ed espressione di socialità radicata e trasversale. L’autore ha saputo insomma coniugare una tradizione storiografica già ricca con una metodologia originale che gli ha permesso di portare alla luce e analizzare le pieghe molteplici delle espressioni devozionali del cattolicesimo barocco romano, una realtà che può definirsi certamente unica.

Irene Fosi

Sabine Meine/Nicole K. Strohmann/Tobias C. Weißmann (Hg.), Musik und Vergnügen am Hohen Ufer. Fest- und Kulturtransfer zwischen Hannover und Venedig in der Frühen Neuzeit, unter Mitarbeit von Raphael Köhler, Regensburg (Schnell & Steiner) 2016 (Studi / Centro Tedesco di Studi Veneziani. Neue Folge 15), 344 S., Abb., ISBN 978-3-7954-3142-6, € 49,95.

Mindestens seit der Frühen Neuzeit besitzt Venedig eine hohe Anziehungskraft. Die Stadt an der Lagune lockt mit ihrer außergewöhnlichen Festkultur, die sich in vielfältigen kulturellen Veranstaltungen, Prunkregatten, Staatsfesten und dem venezianischen Karneval manifestiert. Diesen Musik-, Fest- und Kulturtransferprozessen spürten die Referent/-innen im Rahmen einer internationalen und interdisziplinären Doppeltagung nach, die von Nicole K. Strohmann und Sabine Meine organisiert wurde. Sie fand in Hannover und Venedig im Dezember 2014 und Februar 2015 statt. Die Ergebnisse liegen nun in einem von Sabine Meine, Nicole K. Strohmann und Tobias C. Weißmann herausgegebenen Sammelbd. vor, der sich den sozialen, wirtschaftlichen, politischen und künstlerischen Dimensionen der Serenissima und den gesamteuropäischen Transferprozessen zwischen Venedig sowie weiteren italienischen Zentren und Höfen nördlich der Alpen widmet. Ziel der Beiträge ist eine kulturhistorische Kontextualisierung des multimedialen Spektakels „Fest“ ausgehend von Venedig in Europa. Diesem Anspruch wird der Bd. in hohem Maße gerecht. 22 Beiträge aus internationaler kunst-, musik- und literaturwissenschaftlicher, sozial- und politikgeschichtlicher Perspektive zeichnen den Fest-, Musik- und Kulturtransfer zwischen Venedig und Mitteleuropa als Zusammenspiel einer intensiven Rezeption und variationsreichen Anverwandlung. Die ersten sieben Beiträge skizzieren die Modellhaftigkeit des frühneuzeitlichen venezianischen Musik- und Kulturlebens. Während Daria Perocco die einzigartige Festkultur Venedigs auf dem Wasser darstellt und deren doppelten Zweck zwischen panegyrischer Selbstinszenierung und Huldigung der Gäste herausarbeitet, beschreibt Joseph Imorde am Beispiel von opulenten Zuckerskulpturen bei Festbanketten, wie soziale Ordnung anhand höfischen Zeremoniells, Symbolen und Distinktion durch eine Dingkultur veranschaulicht wurde. David Bryant und Umberto Cecchinato blicken auf das durch Wiederholung und Routine gekennzeichnete Musikleben während der kirchlichen Feste Venedigs und verorten populäre Feste im historischen Lebensalltag der venezianischen Stadtbevölkerung. Sabine Herrmann erläutert, wie der Umgang mit Prostitution als Teil der venezianischen Unterhaltungskultur zwischen gesellschaftlicher Akzeptanz im 16. Jh. und politischem Reglement in den folgenden Jh. oszilliert und dabei einen festen Bestandteil des „Mythos Venedig“ bildet. Drei Beiträge zum Karneval beleuchten den Aspekt der venezianischen Theaterkultur des 18. Jh., verschiedene Formen des Maskierens und das Bildformular des heutigen Karnevals. Jörn Steigerwald situiert die Selbstinszenierung Venedigs im Theater des Karnevals zwischen höfischer Festkultur und Lachkultur und eröffnet eine neue Perspektive auf Gozzis Triumph im Theaterstreit mit Goldoni. Anhand venezianischer Schauspiel-, Karnevals- und Gesellschaftsmasken dekonstruiert Julia Gehres die Vorstellung eines immerwährenden Karnevals und plädiert für eine Differenzierung von Karneval, karnevalesk und Karnevalisierung. Exemplarisch an der Figur des Engels untersucht Petra Schaefer ikonographische Spuren und Brüche des heutigen Karnevals und beschreibt den Engelsflug als Spektakel zwischen Traditionsbekenntnis und Vergnügungskommerz. Sieben Beiträge der zweiten Abteilung widmen sich den Formen, wie ausländische Gäste und Diplomaten an der venezianischen Festkultur des 17. und 18. Jh. partizipierten und sie zugleich rezipierten. Davon beleuchten drei Aufsätze zur Reiseliteratur die französische Perspektive auf Venedig, die deutlich von Frankreichs Hegemonieanspruch im 18. Jh. geprägt ist (Rotraud von Kulessa), entwerfen mittels des Reisetagebuchs von Ferdinand von Bayern ein buntes Bild der Musik- und Festkultur an oberitalienischen Höfen (Francesco Pezzi) und kontrastieren eine geschlechtsspezifische Sicht auf die italienische Gastlichkeit am Beispiel der Reisezeugnisse Ferdinand Albrechts von Braunschweig-Lüneburg und Sophies von der Pfalz (Andrea Grewe). Vier weitere Artikel untersuchen divergente Repräsentationsstrategien sowohl der Venezianer als auch der ausländischen Gäste: Evelyn Korsch zeigt anhand der Stanzen Celio Magnos zu einer Dogenkrönung, wie Gelegenheitsmusik als Teil der öffentlichen Festkultur Venedig als von Gott erwählten Staat vermittelt. Eleonora Lanza und Andrea Zedler veranschaulichen die Perspektive der Gäste aus dem Ausland, ihre Repräsentationsformen bei selbst veranstalteten und venezianischen Festmusiken und Karnevalsveranstaltungen. Zusammengeführt werden beide Perspektiven im Beitrag von Tobias C. Weißmann: Repräsentation und Kommunikation treffen bei multimedialen Festveranstaltungen der ausländischen Botschafter aufeinander und dienen der Stadt Venedig sowie den Diplomaten und Gästen als Kontaktplattform. Mit Transfer- und Zirkulationsprozessen venezianischer Festkultur an Höfen nördlich der Alpen setzen sich acht Beiträge auseinander. Vier dieser Aufsätze untersuchen Gattungen und deren Transformation in einen anderen musikkulturellen Rahmen: So zeichnet Stefan Keym die Rezeption der italienischen Oper in Frankreich nach, während Sabine Ehrmann-Herfort anhand der Rezeptions- und Aufführungsgeschichte der Oper „L’Orontea“ von Antonio Cesti die politischen Aktualitätsbezüge im Prolog herausstellt. Margaret Scharrer verfolgt die Spuren der Bühnentänze am Beispiel des französischen Balletts und zeigt, dass für den Tanz im europäischen Kulturraum französische Komödianten und Musiker verantwortlich waren. Und für die dramatische Serenata stellt Adriana De Feo dar, wie diese theatrale Form der Selbstdarstellung und Propaganda der Auftraggeber und Widmungsträger genügen muss. Helen Geyer ergänzt diese Perspektive, indem sie die Rezeption venezianischer Musikmanuskripte und -drucke an mitteldeutsch-thüringischen Höfen skizziert. Mit der Vermittlung (musik-)kultureller Güter und Objekte setzen sich Susanne Rode-Breymann und Reinmar Emans auseinander und lenken den Blick auf Mittlerfiguren und Akteure des Kulturtransfers: Der erste Beitrag zeigt am Beispiel der beiden Italienerinnen Eleonora I. und Eleonora II. aus Mantua am Wiener Hof, wie kultureller Transfer vollzogen wird, und macht zugleich auf Grenzen des Kulturtransferbegriffs aufmerksam; der zweite Aufsatz rückt den Komponisten und Kapellmeister der Hannoveraner Hofkapelle Antonio Sartorio in den Blick. In einem zweiten Aufsatz untersucht Reinmar Emans die Vorbildfunktion Venedigs für den Wolfenbütteler Hof. Mit seiner multiperspektivischen Herangehensweise bietet der vorliegende Bd. einen grundlegenden Beitrag zur Erforschung der Fest- und Kulturtransferprozesse zwischen Italien und Deutschland in der Frühen Neuzeit und ermöglicht eine interdisziplinäre und internationale Sicht auf die unterschiedlichen Facetten der Vergnügungsmetropole Venedig sowie der gesamteuropäischen höfischen Zentren. Das sorgfältige Personen- und Ortsregister erschließt den Bd. und erleichtert die Handhabung.

Frédérique Renno

Werner Greiling u. a. (Hg.), Die Ernestiner. Politik, Kultur und gesellschaftlicher Wandel, Köln-Weimar-Wien (Böhlau) 2016 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen. Kleine Reihe 50), 512 S., Abb., ISBN 978-3-412-50402-1, € 60.

Mit der Leipziger Teilung 1485 entstanden zwei Linien des Fürstenhauses Wettin, deren eine – die Albertiner mit Stammsitz in Dresden – trotz temporärer Sekundogenituren die Integrität ihres Territoriums wahren konnte; der andere Zweig – die Ernestiner – traf weniger Vorkehrungen, ihr Herrschaftsgebiet durch Erbteilungen zersplittert zu sehen. In der Folge entstand ein Dutzend von Fürstentümern auf dem Gebiet des heutigen Thüringen – Inbegriff von deutscher Kleinstaaterei und eigensinnigen Machtambitionen von Potentaten, deren politischer Einfluss im auffälligen Gegensatz zur kulturgeschichtlichen Bedeutung ihrer Ländereien steht: als hätte die Forcierung von Kultur und Bildung, von Theater und Museum dazu dienen müssen, machtpolitische Aporien zu kompensieren. Das genaue Gegenteil aber ist der Fall, wie aus den rund zwei Dutzend Beiträgen hervorgeht, die an den Hochschulen Thüringens engagierte Wissenschaftler/-innen zum Begleitbd. einer Landesausstellung in Gotha und Weimar 2016 zusammengestellt haben. Dass die Dynastie der Ernestiner in der Zeit vom Vorabend der Reformation bis zum Ende des Ersten Weltkrieges ganz Europa geprägt habe, klingt zunächst erstaunlich, kann aber mit Blick auf markante Fallbeispiele aus Bildungs- und Wirtschaftsgeschichte, Ideen- und Mentalitätsgeschichte überzeugend postuliert werden. Fluchtpunkt dieses Ansatzes ist die Überlegung, dass der Verbund von Kleinstaaten, in den sich die ernestinischen Fürstentümer schon bald nach der Teilung aufsplitteten, auf der Suche nach wirtschaftlicher Eigenständigkeit und kultureller Identität den Protestantismus entdeckte, um eine Widerständigkeit gegen das Kaiserreich zu formieren, die nicht nur durch die historische Person Martin Luthers eine Legitimation erhielt. Diese Option, in der Forcierung einer protestantisch geprägten Kultur ein Bindeglied zu finden, das die Dynastie jenseits alles Duodezdenkens verband, wird in der Mehrzahl der Beiträge dieses Bd. unter wechselnden Perspektiven gezeigt. Visitationen der Kirchen als Instrument von Kontrolle und Herrschaftssicherung, Förderung der Künste in Weimar, die zu Zeiten von Aufklärung die ehedem der Religion zugewiesenen Funktionen übernehmen sollten, auch die Unterstützung der Jenaer Universität, um durch Untersuchungen zu Genese und Virulenz gouvernementaler Strukturen die Herrschaft des Adels wissenschaftlich zu legitimieren, sind Themen von Fallstudien, deren immanentes Thema im Laufe der Lektüre immer deutlicher wird: Die Frage, wie ein relativ kleines Territorium, militärisch schwach und durch die zentrale Lage außerordentlich gefährdet, eine Identität ausbilden konnte. Dass dieses Projekt gelang, belegt allein die lange Existenz dieser Fürstentümer, und vom Erfolg, der die Landesgrenzen überschritt, kündet das epochale „Ereignis Jena-Weimar“ mit seinen „klassischen“ Exponenten. Dieses Konzept konnte – mutatis mutandis – auch im 19. Jh. erfolgreich weitergeführt werden, indem die Position des Adels, der seinen Herrschaftsanspruch bewahren wollte, um Tugend und Meriten als Kategorien der Teilhabe erweitert wurde. So leicht ein paternalistisches Gesellschaftsmodell auf diese Weise auch in Zeiten der Industrialisierung zu konservieren war, so wenig Widerstand bot der Adel, der eine Sonderstellung nun nicht mehr qua Geburt behaupten konnte, dezidiert demokratischen Bestrebungen, erst recht nicht revolutionären Strömungen, wie sie am Ende des Ersten Weltkrieges das gesamte Reich veränderten. Da nutzte es nichts, dass mit einem intensivierten Denkmalkult, wie dem Ausbau der Wartburg, soziokulturelle Identifikationsangebote geschaffen worden waren. In einer zunehmend säkularen Gesellschaft mussten zunehmend auch restriktive Mechanismen, nicht zuletzt die Zensur, aktiviert werden, um Herrschaftsstrukturen in einer Zeit zu perpetuieren, in der die gemeinschaftsbildende Kraft von Kunst und Kultur ihre Virulenz zunehmend verlor. Die Bedeutung, die dem Meininger Hoftheater am Ende des 19. Jh. durch das Engagement Hans von Bülows, Max Regers und nicht zuletzt Richard Strauss’ zukam, bezeugt nur scheinbar das Gegenteil. Die identitätsstiftende Kraft der Kultur erreichte nur noch eine Minderheit, kaum schon die Mitte der Gesellschaft. So wird der ausgezeichnet redigierte Bd. methodologisch zum Lehrstück. Die Bedingung der Möglichkeit politischer Sinnstiftung qua Kunst und Kultur wird am Beispiel der Ernestiner eindrucksvoll deutlich; das Narrativ, das hier entfaltet wird, fordert zu Analogien heraus – und es ist anzunehmen, dass das vorgestellte Paradigma sich auch unter anderen Bedingungen bewährt.

Michael Heinemann

Stefano Biancu (a cura di), Riforma e modernità. Prospettive e bilanci a 500 anni dalle tesi di Lutero, Roma (Edizioni Studium) 2018 (Cultura Studium 145. La dilaectica / Libera Università Maria SS. Assunta), 236 pp., ill., ISBN 978-88-382-4690-6, € 22,50.

Il vol. edito da Stefano Biancu (Università di Roma – LUMSA) raccoglie tredici contributi derivati da una serie di conferenze svoltesi a Roma in occasione del cinquecentesimo anniversario della Riforma – celebratosi nel 2017 – e promosse dal Coordinamento dei rettori universitari di Roma e del Lazio (CRUL). Il libro si rivolge dunque a un lettore colto e interessato, ma non specialista della disciplina, e intende discutere di alcuni aspetti salienti della storia e del pensiero della Riforma, e specialmente quelli di maggior possibile interesse per un pubblico italiano. Il vol. si apre con un saggio di Emidio Campi (Zurigo), che bene tratteggia la storia del concetto di Reformatio Ecclesiae. Muovendosi tra storia delle idee e storia della teologia, Campi ben chiarisce l’impatto della cultura medievale nel pensiero di Lutero, e al contempo la carica innovativa di questi. Agli eventi del 1517 volge invece l’attenzione il saggio di Giancarlo Pani (Roma – La Sapienza), che tratteggia la vicenda delle 95 tesi, tra storia e mito. Di certo interesse il capitolo a firma di Gaetano Sabatini e Renata Sabene (Roma Tre) sulla pratica delle indulgenze. Vi si intreccia infatti tanto un approccio di storia economica quanto l’attenzione alle pratiche sociali, nei territori dell’Impero come a Roma. Dopo i primi capitoli dedicati a introdurre i temi e gli eventi chiave della Riforma luterana, si incontrano tre saggi dedicati al rapporto tra Riforma e architettura, in una prospettiva di lungo periodo. Federico Bellini (Camerino) tratteggia le linee generali dei cambiamenti dell’architettura ecclesiastica a seguito della rottura tra Roma e Wittenberg. Il vol. presenta poi due casi di studio: di particolare interesse quello dell’architettura protestante a Roma, a cura di Mario Panizza (Roma Tre), che concentra la propria attenzione in particolare sull’architetto inglese Street; alla „forma“ urbana di Stoccolma come capitale luterana viene invece dedicato lo studio di Saverio Strum (Roma Tre). La seconda parte del vol. abbandona in qualche modo la storia, per dedicarsi prevalentemente alla teologia e alla filosofia, e all’impatto su queste della Riforma. Appaiono qui i classici temi della libertà del cristiano, dell’autonomia del singolo di fronte al divino, il Sola Scriptura, e la vexata quaestio del rapporto tra protestantesimo e modernità. Il saggio di Michel Grandjean (Ginevra) sulla modernità della Riforma, che apre la sezione, risulta forse il meno aggiornato nell’approccio, e tra i meno incisivi. Interessante appare invece il punto di vista dei teologi e filosofi cattolici presenti nel vol.: proprio al Sola Scriptura in chiave ecumenica viene dedicato il saggio del vescovo di Frosinone, Ambrogio Spreafico, mentre di rara chiarezza è il capitolo dedicato al complesso tema dell’analogia fidei da parte di Giampaolo Ghilardi (Campus Biomedico – Roma). All’antropologia luterana – ma il termine appare un poco vago, e potrebbe essere meglio discusso, ancorché di largo uso – è volto il capitolo di Gabriella Cotta (Roma – La Sapienza), affiancato da un incisivo saggio dello stesso Biancu sui temi di autorità e libertà. Chiudono il vol. lo studio di Benedetta Papasogli (Roma – LUMSA) su mistica e la Riforma, e quello di Giuseppe Tognon (Roma – LUMSA) sul rapporto tra grazia e merito. In generale, questa raccolta di saggi presenta materiali assai diversi tra loro. Alcuni di questi capitoli sono rivolti a un lettore interessato alla storia della teologia e della filosofia, altri a un pubblico più vasto. Non tutti i saggi sono pienamente efficaci, e forse l’inserimento in un quadro storiografico più aggiornato sarebbe stato di beneficio al vol. Ma senza dubbio si tratta di un vol. introduttivo utile a chi voglia approcciare la storia della Riforma luterana.

Simone Maghenzani

Werner Freitag, Die Reformation in Westfalen. Regionale Vielfalt, Bekenntniskonflikt und Koexistenz, Münster (Aschendorff) 22017, 383 S., Abb., ISBN 978-3-402-13167-1, € 28,80.

Aus der im Zuge des Reformationsjubiläums 2017 erschienenen Fülle wissenschaftlicher Studien zu den Voraussetzungen, Verläufen und Nachwirkungen des Reformationsgeschehens ist das vorliegende Buch von Werner Freitag ein bemerkenswertes Beispiel einer Reihe innovativer und anregender regional- und überregionalgeschichtlicher Untersuchungen (vgl. dazu u. a. Irene Fosi, Leggere e rileggere Lutero: a proposito di alcune opere pubblicate in occasione del cinquecentesimo anniversario della Riforma, in: QFIAB 98 [2018], S. 406–424). Der Untersuchungsraum Westfalen bildet aufgrund der unterschiedlichen Territorien – mit weltlichen und geistlichen Herrschaftsträgern – und Städte keine Einheit, was zu vielfältigen Verläufen der Reformation führte, die nicht durch Luther persönlich, sondern durch seine Weggefährten und Briefe nach Westfalen gelangte und weiter ausgestaltet wurde. Auf welche „[h]eile katholische Welt um 1520?“ (S. 23) diese Lehre traf, stellt Freitag im zweiten Hauptkapitel vor, in dem er neben der Heiligenverehrung und den Wallfahrten auch auf die Kommunalisierung kirchlicher Einrichtungen verweist. Daran schließt sich eine Darstellung der wichtigsten Träger der reformatorischen Botschaft an, hier vor allem zum Augustinereremiten Johann Westermann. Die folgenden drei Hauptkapitel gehen den Verlaufsformen der Reformation in den Städten sowie den geistlichen und weltlichen Territorien nach. Mit Blick auf die Städte differenziert Freitag zwischen den vier Bischofsstädten Minden, Münster, Osnabrück und Paderborn, weiterhin den faktisch autonom agierenden Städten, wie z. B. Herford, Lemgo und Soest, sowie den kleineren und mittleren Landstädten. Rasch ging es gerade in den Städten um die Einführung eines neuen Bekenntnisses und Kirchenregimentes, was auch zu Extremformen führte, wie anhand von Münster gezeigt wird, wo es zu einer Spaltung zwischen dem Rat und den sich zunehmend radikalisierenden täuferischen Predigern kam. Eine via media schlugen dagegen die Grafschaften Mark und Ravensberg sowie die Städte Dortmund und Essen ein, die eine eng an die Bibel angelehnte und auf die Stärkung der Seelsorge bauende Erneuerung der katholischen Kirche anstrebten, zum Teil auch konfessionelle Konfliktpunkte entschärften. Dadurch konnten sich z. B. in der Grafschaft Mark die lutherische, die reformierte und die katholische Konfession etablieren, was auch dazu führte, dass sich in einigen Gemeinden gemischte Gottesdienstformen und Simultaneen herausbildeten. Hervorzuheben ist zudem das Kapitel IX. zur Pfarrei in den Jahrzehnten nach der Reformation. Freitag behandelt hier die Änderungen für die Pfarrer, wie ihre Besoldung und ihr Selbstverständnis, weiterhin den Wandel der Messliturgie und der Gottesdienste sowie auch der Kirchenausstattung, was mit mehreren Abb. veranschaulicht wird. Vorgestellt werden in den abschließenden Kapiteln die Religiosität in den Gemeinden, die Konflikte innerhalb des Luthertums und die Formen der Koexistenz nach der Einführung bzw. Abwendung der neuen Lehre. Eine zentrale Erkenntnis des Buches ist die Vielschichtigkeit der Reformationsgeschichte in Westfalen, was zu einem Vergleich einlädt mit Territorien, deren Herrschaftsstrukturen geschlossener waren. Dass in dieser Vielfalt die Übersicht für den Leser gewahrt bleibt, ist nicht allein der bemerkenswerten Vertrautheit des Autors mit seinem Untersuchungsgebiet geschuldet, sondern auch den angewandten Terminologien. So ist z. B. von Stadt-, Territorial-, Adels-, Pfarrer- und Gemeindereformation zu lesen, wodurch die einzelnen inhaltlichen Schwerpunkte gebündelt werden. Damit liegt eine sehr lesenswerte und inhaltsreiche Arbeit vor, die diese epochalen Entwicklungen aus einer „reformationsfernen“‘ Region heraus vermittelt.

Jörg Voigt

Heather Dalton, Merchants and Explorers. Roger Barlow, Sebastian Cabot, and Networks of Atlantic Exchange 1500–1560, Oxford (Oxford University Press) 2016, XII, 241 pp., ill., ISBN 978-0-19-967205-9, GBP 50.

Il libro di Heather Dalton si situa all’incrocio tra la storia delle reti dei mercanti e la ricostruzione delle biografie e dei racconti delle esplorazioni cinquecentesche. Attraverso un paziente lavoro d’indagine bibliografica e d’archivio, l’autrice ha ripercorso la storia del viaggiatore e mercante Sebastian Cabot (Sebastiano Caboto), il figlio del più famoso Giovanni, e di Roger Barlow, mercante, viaggiatore e cosmografo della prima metà del Cinquecento. Il libro è composto da tredici capitoli, ben documentati e dettagliati, che possiamo dividere in tre parti o nuclei tematici. Il primo di questi nuclei (pp. 7–55) descrive la rete dei mercanti inglesi a Siviglia e i loro legami e affari con altri gruppi di mercanti, in particolare genovesi. All’interno di questa parte si situa l’inizio della carriera di Barlow e Cabot. Nel secondo nucleo viene raccontato il loro viaggio nel Nuovo Mondo, in particolare nel Pernambuco e nel Rio della Plata. Fa da cerniera tra queste due prime parti il quarto capitolo, che s’incentra su alcuni momenti iniziali della biografia dei due esploratori. Il terzo e ultimo nucleo, il più lungo (pp. 110–212), descrive il ritorno di Barlow e Cabot in Inghilterra, la fine della loro carriera, i legami con importanti figure, come Thomas Cromwell, i loro nuovi investimenti in imprese commerciali e la composizione di una cosmografia per mano di Roger Barlow, A Brief Somme of Geographia, che riprende la „Suma de geografia que trata de todas las partidas e provincias del mundo: en especial delas Indias di Martín Fernández de Enciso. L’opera di Barlow è anche uno degli snodi di apertura del libro. Nell’introduzione l’autrice avverte come sia stata la sfortunata tradizione di quest’opera ad aver messo in ombra le figure di Barlow, Cabot e della loro rete commerciale. L’intento dei primi capitoli è proprio quello di ricostruire tale rete. Dalton descrive la presenza di diverse famiglie di mercanti inglesi a Siviglia (Bridges, Pollard, Thorne e Malliard) e i loro legami con quelle dei genovesi (Cattaneo, Centurione, Grimaldi). Tali legami (se si eccettuano le ricerche precedenti della stessa autrice) non erano mai stati messi in evidenza ed è questa, dunque, una novità rilevante. Il sistema delle reti è qui analizzato in modo piuttosto tradizionale, mediante la descrizione e l’enumerazione dei rapporti commerciali. Una critica, minore, che può forse essere mossa al vol., riguarda questa parte. Per comprendere la natura di un legame tra mercanti o tra famiglie di mercanti è necessario analizzarne l’intensità e valutarla in modo quantitativo, attraverso una serie consistente di transazioni: non sempre un semplice trasferimento di denaro (si veda quello, meramente bancario, menzionato a p. 28, che dimostrerebbe i legami tra le famiglie Bridges e Pinelli) consente di attestare un legame economico significativo. I capitoli successivi raccontano il viaggio di Cabot e Barlow nel Nuovo Mondo. Il susseguirsi dei capitoli, preceduti da quelli che descrivono la comunità degli inglesi a Siviglia, riecheggia l’opera di Ruth Pike, „Enterprise and Adventure. The Genoese in Seville and the Opening of the New World“ (1966), incentrata sulla diaspora genovese. Nella parte che descrive le imprese e i viaggi di Barlow e Cabot (capitolo 6) la narrazione si fa interessante, perché l’autrice utilizza la cosmografia di Barlow, per comprendere quanto ci fosse di nuovo nel loro viaggio. Segnala come Barlow e Cabot fossero i primi europei ad addentrarsi in profondità nell’entroterra del Rio della Plata e come il loro fosse un viaggio percorso lungo i sistemi fluviali del Paranà e del Rio della Plata, piuttosto che un tragitto che aveva come meta un luogo ben preciso (p. 108). Dalton si sofferma inoltre sulla descrizione che Barlow fa delle tradizioni di alcuni gruppi di nativi creduti cannibali. Pur avvertendo che ci troviamo probabilmente di fronte a un mero topos letterario (nessun altro membro del viaggio menzionò mai l’incontro con i cannibali), specifica come si tratti di un racconto nuovo, che precede di alcuni anni descrizioni più famose di altri viaggiatori europei, come quella di Hans Staden sui Tupinambà (p. 101). Barlow avrebbe dunque attinto a fonti diverse e non ancora studiate. L’ultima serie di capitoli si sofferma sul ritorno di Barlow e Cabot in Inghilterra. Barlow si radicò nel Galles (dal 1535) e insieme ai fratelli John e William intrecciò contatti con Thomas Cromwell. Cabot invece investì in una compagnia per commerciare verso oriente, tra Novgorod e la Cina, che dal 1555 divenne la famosa Muscovy Company. Il capitolo dodicesimo analizza infine il testo di Barlow, „A Brief Somme“, e la sua poca fortuna nel corso del tempo. Barlow fu tra i primi a proporre una sorta di esplorazione del polo, attraverso due vie (p. 194), quella orientale (le regione dei Tartari) e quella occidentale (le vie dell’attuale Canada). Dalton individua le manipolazioni cui il testo è stato sottoposto nel corso del tempo. Barlow copiò e rimaneggiò, come detto, il lavoro di Martín Fernández de Enciso. Aggiunse però a questo delle parti nuove, in particolare la descrizione delle persone e degli animali incontrati nel sud delle Americhe (usate in parte, come si è detto, nel capitolo 6). Richard Hakluyt nel 1582 attribuì il testo a Robert Thorne, un altro dei mercanti inglesi presenti a Siviglia ai primi del Cinquecento, e non a Barlow e destinò quest’ultimo, il vero autore dell’opera, all’oblio. L’autrice nota come tale manipolazione abbia contribuito a lasciare nell’ombra anche la memoria del ruolo dei mercanti inglesi del primo Cinquecento a Siviglia, il loro interesse nelle esplorazioni del Sudamerica e infine i loro legami commerciali con le reti dei mercanti genovesi, anch’esse radicate negli stessi luoghi, ugualmente diasporiche e disseminate nel vasto spazio dell’Atlantico, da Siviglia alle Canarie, da Lisbona a Capo Verde e São Tomé, fino all’Atlantico americano. Una serie di reti la cui presenza tra Quattro e Cinquecento ancora mette conto di essere studiata.

Carlo Taviani

Rafael Ramis Barceló, Doctores hispanos en leyes y cánones por la Universidad de La Sapienza de Roma (1549–1774), Madrid (Editorial Dykinson) 2017 (Historia de las universidades 39), 274 pp., ISBN 978-84-9148-069-3, € 30 (https://e-archivo.uc3m.es/bitstream/handle/10016/24015/doctores_ramis_hd39_2017.pdf).

Dopo un lunghissimo periodo di disinteresse, dovuto forse alla sua origine ‒ sospesa ambiguamente fra lo Studium Urbis e lo Studium Curiae ‒ e alle sue vicende, finalmente l’Università di Roma ha cominciato a guadagnare spazio come tema di ricerca: l’accresciuto interesse è ben percepibile consultando l’utilissimo l’elenco ragionato delle pubblicazioni su La Sapienza proposto da Maria Cristina De Rigo, Bibliotheca Sapientiae. Bibliografia delle pubblicazioni sull’Università degli Studi di Roma La Sapienza 1515–2012, Roma 2013 (segnalato dalla sottoscritta in: QFIAB 95 [2015], pp. 535). Si aggiunge ora il censimento dei laureati spagnoli nelle materie giuridiche, con un’appendice su quelli portoghesi, che copre quel lungo periodo, dal 1549 al 1774, per il quale si conservano i registri. I fondi riguardanti La Sapienza sono conservati nell’Archivio di Stato di Roma, mentre il materiale relativo al Collegio degli avvocati concistoriali si trova nell’Archivio Segreto Vaticano. Fra le novità che emergono dall’analisi dei dati del laborioso spoglio, va sottolineato, come La Sapienza risulti essere stata frequentata da un elevatissimo numero di studenti provenienti da tutta l’Europa, sfatando così il mito negativo di una sede poco accorsata e poco internazionale: in realtà si addottorarono a Roma varie migliaia di studenti, legisti e canonisti. Senza poter competere per numero di laureati con Bologna, Padova, Pavia e Pisa, La Sapienza sopravanzava però le pur famosissime Perugia, Siena, Macerata e Ferrara. Al di là del numero cospicuo di addottorati, vanno tuttavia rimarcate una serie di differenze con le università più note, a cominciare dal corpo docente, che a Roma non raggiunse mai grande fama, perché la maggior parte dei professori considerava l’insegnamento come un passaggio verso posizioni ‒ di norma ecclesiastiche ‒ e retribuzioni migliori. Quanto agli studenti, è vero che, specialmente dopo il Concilio di Trento, si trattava prevalentemente da ecclesiastici; ma si contano anche molti laici, costituiti prevalentemente da nobili oppure da familiares. Ed è vero anche che, al contrario di quanto accadeva in altre sedi, come Padova, più tolleranti verso coloro che provenivano da aree che avevano abbracciato la Riforma, La Sapienza romana accoglieva solo gli studenti cattolici. La presenza della Curia fungeva da richiamo per quegli studenti che, avendo magari già svolto una parte dei loro studi in altre sedi, speravano, allacciando rapporti, di ottenere vantaggi, benefici e prebende; altri studenti erano in realtà burocrati, agenti o spie politiche, o comunque al servizio del potere ecclesiastico o laico; altri ancora nobili per i quali la laurea era una questione di maggior prestigio. Secondo il privilegio conferito da Sisto IV nel 1483, i titoli dottorali, concessi dal papa e in suo nome dal cardinale camerlengo, venivano conferiti dal Collegio degli avvocati concistoriali, con una cerimonia pubblica, dal cui pagamento erano esentati solo i candidati poveri oppure coloro che allegavano vincoli di parentela con un membro del Collegio, del papa o di un importante curiale. Il Collegio degli avvocati concistoriali era caratterizzato da un notevole familismo e controllato dalle grandi famiglie romane e italiane. Nello spoglio dei laureati hispanos sono stati inclusi non solo coloro che provenivano dalla penisola iberica ma anche dalle Americhe e dalle Filippine, mentre non sono ricompresi gli studenti, pur se con cognome „spagnolo“, giunti da tutte quelle altre terre che per un tempo più o meno lungo furono legate alla corona spagnola come il Regno di Napoli e di Sicilia, la Sardegna, il ducato di Milano, la Borgogna, la Franca Contea, le Fiandre. Nonostante queste esclusioni si contano oltre quattrocento laureati ispanici, per ognuno dei quali sono forniti i dati essenziali ricavabili dai registri: nome, laurea (in diritto civile, canonico o nei due diritti), data, promotore, esaminatori e testimoni e, per un certo numero di personaggi, brevissime note informative; mentre alcune caratteristiche complessive sono indagate attraverso quadri statistici ‒ sulla provenienza e sul numero dei laureati per decennio ‒ e riflessioni generali. I poco meno di settanta laureati portoghesi non sono accompagnati da note biografiche e non sono ricompresi nelle analisi dell’insieme. Le schede dei laureati si succedono secondo l’ordine cronologico della laurea, senza una numerazione che le distingua; la mancanza di un indice dei nomi rende tutt’altro che agevole la ricerca sia dei doctores, sia dei promotori e dei testimoni. Tuttavia, scorrendo con pazienza il lungo elenco, si possono spigolare spunti e suggestioni. Il vol. è completato dall’elenco della bibliografia utilizzata. Nel complesso si tratta di uno studio basato su una ricerca archivistica di prima mano che, pur presentando alcune manchevolezze, fornisce un ulteriore strumento per la ricostruzione della storia de La Sapienza e più in generale costituisce un tassello per lo studio di quei secoli in cui la Spagna ebbe un’influenza determinante sulla vita italiana e nello scacchiere europeo e mondiale.

Paola Maffei

Maria Anna Noto, Élites transnazionali. Gli Acquaviva di Caserta nell’Europa asburgica (secoli XVI–XVII), Milano (FrancoAngeli) 2018 (Temi di storia 255), 235 pp., ISBN 978-88-917-6959-6, € 29.

Inserendosi nella solida tradizione di ricerca che ha ripreso gli studi sulla feudalità e sul ruolo delle élites attraverso il respiro transnazionale delle reti politiche e sociali che hanno attraversato l’Ancien régime, il libro di Maria Anna Noto colma una lacuna storiografica relativa a uno dei grandi casati italiani, quello degli Acquaviva di Caserta, probabilmente marginalizzato dalla breve parabola della loro storia che si è esaurita, dopo tre sole generazioni, per una precoce crisi demografica, determinando il trasferimento di titoli e feudi per via femminile al potente casato romano dei Caetani di Sermoneta dopo il matrimonio con Francesco di Anna, ultima erede dello stato. Seguendo la traccia del ricco filone di studi dedicati alla ricostruzione del sistema aristocratico meridionale attraverso la storia dei casati (si vedano per esempio i lavori di Flavia Luise sui D’Avalos, di Elena Papagna sui Caracciolo di Martina e di Giulio Sodano sugli Acquaviva d’Atri), „Élites transnazionali“ proietta saldamente la vicenda dei signori di Caserta entro le dinamiche europee della potenza degli Asburgo e lo fa mantenendo una sapiente connessione con l’analisi della cultura signorile moderna tanto nella sua proiezione militare che nell’attenta valorizzazione del radicamento feudale del lignaggio in termini patrimoniali, ma nella promozione di una di quelle „corti provinciali“ che erano in realtà centri di raffinata cultura e componente non secondaria della proiezione internazionale dei loro signori. Nel libro, il caleidoscopico posizionamento degli esponenti della famiglia Acquaviva d’Aragona accompagna l’attenta ricostruzione delle vicende del casato fin dall’inizio del secolo XVI e le inserisce nel quadro del sistema europeo degli Stati in pieno consolidamento. Le fedeltà divergenti del condottiero filospagnolo Giovan Francesco, scomparso prematuramente nel 1527, quella filofrancese del padre di lui, Andrea Matteo, e, soprattutto, del figlio Giulio Antonio, accusato di tradimento e privato dei suoi beni, intrecciano le concitate fasi delle Guerre d’Italia con le strategie baronali di rafforzamento delle ramificazioni territoriali di un lignaggio impegnato a fortificare la propria presenza al di là dei possedimenti abruzzesi, ma soprattutto a mantenere il controllo su alcuni centri urbani che avrebbero contribuito a qualificare il loro posizionamento signorile. È il caso dei contrasti con la città di Teramo, infeudata da Carlo V e mai piegata al vassallaggio, ma strenuamente impegnata a ottenere il riconoscimento demaniale, come Bitonto che, dopo l’arrivo di Lautrec, cercava di sottrarsi al giogo feudale di un marchesato destinato a finanziare il riscatto del suo signore. Ma sono le conseguenze di questa complessa stagione politica a costituire il nucleo centrale di una ricerca che si concentra sulla breve fase di autonomia dal ramo principale degli Acquaviva di Baldassarre e dei suoi discendenti. La lucida abilità della madre, Anna Gambacorta, erede dei della Ratta, titolari del feudo di Caserta, e vedova del ribelle Giulio Antonio, morto in Francia dove si era rifugiato col primo figlio, le aveva consentito, grazie ai diritti dotali, di recuperare terre e giurisdizioni della propria famiglia a vantaggio del secondogenito Baldassarre al quale lo stato tradizionalmente legato agli Aragonesi garantiva la riconciliazione con la Corona e l’allineamento definitivo agli Asburgo. Seguendo l’ascesa progressiva del conte e di suo figlio Giulio Antonio, premiato con il titolo di principe per il risoluto sostegno garantito al consolidamento spagnolo nel Regno, ma soprattutto attraverso la parabola del figlio di lui, il principe Andrea Matteo, compiutamente integrato nella rete clientelare transnazionale della Corona, l’autrice dà conto del prestigio del nuovo lignaggio sottolineandone da un lato la saldatura in continuità con l’antica tradizione di famiglia dei duchi d’Atri, radicata nel servizio al fianco delle milizie imperiali e nell’attaccamento ai loro possedimenti feudali, dall’altro l’orgogliosa affermazione di uno standing autonomo di alto profilo. Pilastri della nazione napoletana per l’importanza dei loro feudi tra Abruzzo e Terra di Lavoro e per l’impegno attivo nella politica dei seggi della capitale, le tre generazioni degli Acquaviva di Caserta seppero accrescere la distinzione sociale e politica del casato fino al conseguimento del Toson d’oro e alla nomina dell’ultimo principe, Andrea Matteo, nel Consiglio di Stato napoletano. Ma non solo di storia politica, economica e militare si tratta nel libro di Maria Anna Noto. La scelta delle dimore, la ristrutturazione dei palazzi, la committenza e l’organizzazione della corte feudale ci parlano di storia sociale e materiale con una chiara apertura alle più nuove tendenze della storiografia, e il capitolo finale dedicato alla storia delle donne del lignaggio ripercorre in un’ottica diversa e innovativa la successione delle generazioni degli Acquaviva con uno sguardo ricco di spunti per una storia delle élites compiutamente sistemica e di ampio respiro.

Vittoria Fiorelli

Elisa Goudriaan, Florentine Patricians and Their Networks. Structures Behind the Cultural Success and the Political Representation of the Medici Court (1600–1660), Leiden-Boston (Brill) 2017 (Rulers & Elites 14), XVIII, 479 pp., ill., ISBN 978-90-04-34652-9, € 179.

Il dibattito sulla reale influenza dell’aristocrazia nel Granducato di Toscana ha interessato diversi storici durante gli ultimi decenni. Lo sa bene l’autrice del vol. che qui si recensisce che, nelle prime battute del testo, suddivide la tradizione storiografica in base a due diverse prospettive: la prima, definita „tradizionale“ e affermatasi negli anni ’70 del secolo scorso, riteneva che i patrizi fiorentini, dopo l’instaurazione del governo mediceo, si fossero allontanati dalla vita politica, economica e sociale, ritirandosi in un sostanziale otium all’interno dei vasti possedimenti familiari; la seconda, con la quale l’autrice stessa si identifica, è maturata nei decenni successivi e tende invece a rilevare l’importanza rivestita dai nobili in numerosi aspetti della vita di corte. La ricerca è basata sullo studio degli archivi di alcune importanti famiglie fiorentine e pone l’accento in particolare sull’attività di quattro figure chiave: Giovanni Niccolini (1544–1611), il figlio Filippo (1586–1666), Piero Guicciardini (1560–1626) e Michelangelo Buonarroti il Giovane (1568–1646). Il vol. è suddiviso in sei capitoli ed è corredato da una ricca serie di illustrazioni e da quattro corpose e utili appendici documentarie in cui si riportano le fonti primarie, perlopiù epistolari. Il primo capitolo funge da introduzione al Granducato di Toscana e a ciò che è noto del ruolo svolto in esso dai nobili sulla base delle recenti acquisizioni storiografiche. Ne emerge un quadro sfaccettato del rapporto tra i Medici e l’aristocrazia che, in cambio della fedeltà, riceveva privilegi con i quali accresceva il proprio prestigio sia in patria che fuori, anche grazie al conferimento di ruoli di rappresentanza che consentivano la creazione di una vasta rete di rapporti sociali. Di quest’ultimo aspetto si discute nel secondo capitolo, a partire dal quale vengono esposte le nuove fonti rinvenute dall’autrice. Dalla documentazione si evince l’importanza rivestita dai nobili nell’assistere gli esponenti della casata medicea come ambasciatori presso altre corti, nonché nell’istruirli e consigliarli come ciambellani esperti delle consuetudini e delle mode. Il terzo capitolo esamina, invece, il mecenatismo aristocratico che, procedendo di pari passo con la tendenza al collezionismo di opere d’arte e con l’abbellimento dei palazzi e delle cappelle familiari, costituiva uno strumento di affermazione culturale e sociale. Nel quarto capitolo viene approfondito il tema della partecipazione alle accademie culturali, che per gli aristocratici costituivano un’occasione importante per mettere in contatto i Medici con gli artisti e gli intellettuali dell’epoca, nonché per far risaltare le proprie capacità individuali. Il quinto capitolo si concentra sullo studio della figura di Michelangelo Buonarroti il Giovane come mediatore culturale: grazie ai propri legami con numerose personalità italiane ed europee, infatti, il pronipote del celebre artista toscano riuscì a intrattenere una poliedrica attività incentrata sulla capacità di mettere in contatto artisti e committenti, procurare libri e perfino permessi di lettura per i voll. posti all’Indice, nonché favorire lo scambio di informazioni tra aree geograficamente distanti tra loro. Infine, nel sesto capitolo viene analizzato l’importante contributo fornito dai patrizi all’organizzazione di eventi culturali che i signori medicei organizzavano in occasione di cerimonie pubbliche o di visite di importanti ospiti stranieri (come avvenne nel caso della presenza in Toscana dell’emiro libanese Fakhr-ad-Din tra il 1613 e il 1615), che permettevano ai sovrani di creare un’immagine positiva di se stessi e del proprio dominio, incrementare il prestigio e consolidare le alleanze politiche. In conclusione, vi sono due concetti storiografici che l’autrice tende a mettere in rilievo, sui quali occorrerà che gli studiosi si soffermino ulteriormente in futuro: il primo riguarda l’intendere „the Florentine patricians and their cultural importance as a group“, al di là delle individualità più o meno accentuate che pure si evincono dalla stessa lettura del testo; il secondo è l’idea secondo cui i meccanismi dell’attività nobiliare fiorentina studiati nel corso della ricerca descrivano un quadro generale che può essere applicato anche ad altre realtà coeve.

Vincenzo Tedesco

Godfrey Henschen, The Bollandist Dossier (1643) on St Peter Thomas O.Carm., edited and translated by Patrick Mullins O.Carm., Roma (Edizioni Carmelitane) 2018 (Textus et Studia historica Carmelitana 46), 303 S., Abb., ISBN 978-88-7288-17-4, € 24.

Pierre Thomas gehörte Mitte des 14. Jh. zu den aktivsten (und durchaus erfolgreichen) päpstlichen Diplomaten im östlichen Mittelmeer. Als Erzbischof von Kreta und späterer Lateinischer Patriarch von Konstantinopel war ihm besonders an einem neuen Kreuzzug gegen die Muslime gelegen. Dieser kam 1365 tatsächlich zustande, brachte mit der Eroberung von Alexandria jedoch nur einen kurzfristigen Erfolg. Pierre Thomas starb 1366 im Ruch der Heiligkeit. Kanonisiert wurde er im Jahr 1609. Philippe de Mézières, Kanzler des Königreichs Zypern, Mitstreiter Pierres in Kreuzzugsdingen und nach eigenem Bekunden „spiritueller Sohn“ des Heiligen, verfasste seine Vita, der bald autoritativer Rang zugesprochen wurde. Im Rahmen eines der großen Forschungsvorhaben, das von den Jesuiten in der ersten Hälfte des 17. Jh. begonnen und noch immer nicht abgeschlossen wurde, geriet auch Pierre Thomas ins Visier: in den „Acta sanctorum“ versuchte Godfrey Henschen 1643, diese karmelitische Heiligenpersönlichkeit in historisch-kritischem Zugriff zu würdigen (Acta sanctorum 2 [Jan II], S. 990–1023). Innerhalb des Karmeliterordens wurden diese Anstrengungen der sogenannten „Bollandisten“ mit Argwohn verfolgt, waren in den „Acta sanctorum“ zuvor doch bereits andere, vermeintlich karmelitische Heilige behandelt worden. Für die Hll. Telesphorus, Anastasius und Cyril von Alexandria war dabei eines unmissverständlich nachgewiesen worden: Karmeliter waren sie niemals gewesen. Damit unterstellten die Jesuiten den Karmelitern eine Geschichtsfälschung größten Ausmaßes. Die Auseinandersetzungen darüber zogen sich über Jahrzehnte hin und wurden mit großer Heftigkeit geführt. Pierre Thomas freilich hatte gelebt, war über eine Vielzahl von Quellen nachweisbar und wurde von Henschen mittels eines Eintrags in den „Acta sanctorum“ gewürdigt, mit dem sich auch die Karmeliter zufrieden geben konnten. Eine revidierte, 1659 publizierte Fassung des Dossiers könnte gar von der belgischen Karmeliterprovinz in Auftrag gegeben bzw. finanziert worden sein (vgl. S. 16). In vorliegender Publikation setzt sich Patrick Mullins mit dem Dossier der Bollandisten zu Pierre Thomas auseinander. Nach einer knappen Einleitung (S. 9–21) wird nicht nur Godfrey Henschens einleitender Kommentar zu dem von ihm bearbeiteten Eintrag in den „Acta sanctorum“ (Sektion 1), sondern auch die von Philippe de Mézières verfasste Vita in englischer Übersetzung abgedruckt. Henschens Kommentar umfasst vier Kapitel und behandelt Pierre Thomas’ diplomatische Missionen (I), seinen bischöflichen cursus honorum (II), die Todesumstände (III) und schließlich Kultentstehung und -praxis (IV). Das Ganze wird von Mullins in einem umfangreichen Fußnotenapparat kommentiert. Faszinierend ist dabei der Einblick in die akribische, sorgsam alle Argumente abwägende Arbeitsweise Henschens, durch die so manches Licht ins biographische Dunkel gebracht werden konnte. Nachgewiesen wurde so beispielsweise, dass Pierre Thomas niemals Bischof des spanischen Badajoz war und auch sicherlich nicht das Martyrium erlitt. Die nur lateinisch überlieferte, ursprünglich auf Französisch verfasste Vita aus der Feder des zypriotischen Kanzlers, in der Pierre Thomas als „eximium carmelitici ordinis lumen“ (S. 23), „lucerna Orientalium Christianorum“ (S. 257) oder auch als „praedicator Crucis et veritatis“ (S. 257) erscheint, galt Henschen als glaubwürdiger Gewährszeuge insbesondere für die letzten Lebensjahre des Karmeliters. Deshalb wurde dieser Text in die „Acta sanctorum“ mit aufgenommen und von Henschen durch die Hinzufügung einer Vielzahl von Zwischenüberschriften sehr gut gegliedert. Mullins liefert eine sehr gut lesbare englische Übersetzung des Textes, in der die quälend langen Satzperioden des Originals elegant aufgebrochen werden, gibt dem interessierten Leser aber dennoch in den Fußnoten die Möglichkeit, sich ins lateinische Original zu versenken. Inzwischen existiert freilich eine zuverlässigere kritische Edition, die Joachim Smet 1954 besorgt hat. Auf sie wird in den erläuternden Fußnoten immer wieder verwiesen: in ihnen geht Mullins auf unklare bzw. in der Forschung umstrittene Aussagen de Mézières ein und erläutert die meisten der auftauchenden Personen- und Ortsnamen. Hier hätte man sich etwas ausgeprägteren bibliographischen Spürsinn, im Index der Namen, Personen und Orte hingegen etwas mehr Mut zu einer Ausdifferenzierung der Lemmata gewünscht. Weder Henschen noch Mullins waren bzw. sind allwissend: gelegentliche Fehler kommen deshalb vor. In einem Kommentar zum Tod von und Trauerzug für Clemens VI. macht er den Papst nicht nur zu einem ehemaligen Mönch (was richtig ist), sondern sogar zum Abt von La Chaise Dieu (was falsch ist) (vgl. S. 89). Man fragt sich, ob in solchen Fällen ein Eingreifen des Editors nicht von Vorteil gewesen wäre. Zudem gilt: ein zusätzlicher Korrekturdurchgang hätte dem Ganzen gut getan. Sollte dereinst endlich eine Abhandlung über den Bedeutungsgehalt des Wortfeldes praedicatio/praedicare im 14. Jh. geschrieben werden, dann käme Philippe de Mézières Bericht zentrale Bedeutung zu. In ihm bezeichnet das Verb nicht zwangsläufig nur den Predigtakt selbst, sondern auch eine (öffentliche) Erwiderung, einen Widerspruch (vgl. S. 122), oder einfach die Darlegung eines Sachverhalts, so beispielsweise wenn Pierre Thomas dem venezianischen Dogen seine Beauftragung zur Kreuzzugspredigt „mirabiliter in quodam sermone declaravit“ (S. 104). Auch Praktisches über die Predigtpraxis an der avignonesischen Kurie erfährt man. Im geistigen Schlagabtausch mit den Kardinälen scheint sich der Karmeliter besonders ausgezeichnet zu haben. Das von Mullins hg. und kommentierte Dossier zum Karmeliterheiligen Pierre Thomas lässt die genaue, an der Sache selbst und nicht an einer möglichen hagiographischen Überhöhung ausgerichtete Arbeitsweise der Bollandisten eindrucksvoll hervortreten: ein wichtiger Beitrag zur frühneuzeitlichen Wissenschaftsgeschichte. Abschließend sei angemerkt, dass die in Brüssel beheimatete Société des Bollandistes mit ihrer über 400-jährigen Geschichte derzeit turbulente Zeiten durchläuft, die ohne weiteres in eine Schließung des Forschungsinstituts mit seiner phänomenalen Bibliothek münden könnten. Die weltumspannende scientific community, die sich noch immer großzügig der von den Bollandisten erarbeiteten Grundlagenwerke bedient, scheint darauf noch nicht aufmerksam geworden zu sein.

Ralf Lützelschwab

Umberto Oppus, La spada e la gloria – dalla Sardegna all’America. Storia del viceré Baltasar de Zuñiga fondatore nel 1718 di San Antonio nel Texas, Sassari (Carlo Delfino) 2018, 157 pp., ill., ISBN 978-88-9361-125-1, € 22.

La costruzione di una carriera all’interno della corte madrilena, nel delicato passaggio dagli Asburgo ai Borbone, è un tema di notevole interesse, tanto più se le vicende in questione spingono il protagonista ad avventurosi viaggi e al contatto con realtà diverse, come nel caso di Baltasar de Zúñiga (1658–1727), al centro della biografia di Umberto Oppus. A rendere ancora più interessante il personaggio, è il fatto che egli parte da una situazione iniziale non proprio vantaggiosa: figlio del duca di Béjar, egli è solo il cadetto della casata, insignito del titolo di marchese di Valero, ma escluso dall’eredità destinata al primogenito. L’esercizio delle armi appare, quindi, l’unico modo per emergere e conquistare un ruolo politico all’interno del gruppo dirigente della monarchia. La prima occasione per il giovane gentiluomo si presenta nel 1686, quando gli eserciti asburgici, dopo aver respinto l’esercito ottomano nel 1683 alle porte di Vienna, vogliono sferrargli un colpo decisivo a Buda. Baltasar, seguito dopo poche settimane dal fratello Manuel, raggiunge il fronte di battaglia. I due Zúñiga dànno prova di grande ardimento, ma non arride loro la medesima fortuna. Manuel, infatti, viene ferito e muore. Proprio la morte del fratello sul campo di battaglia e il valore dimostrato fanno meritare a Baltasar la nomina a gentiluomo di camera del sovrano Carlo II e gli schiudono le porte della carriera al suo servizio: infatti, nel 1692, egli ottiene la carica di viceré e capitano generale del regno di Navarra. Durante la Guerra dei nove anni, che vede la frontiera fra Francia e Spagna interessata dalle azioni militari, il viceré, suggerendo al sovrano la conquista della città francese di Bayonne, ha nuovamente modo di meritare il suo plauso, comprovato dal ritorno a corte e dalla nomina a reggente del Consejo de Indias. Dopo lo scoppio della Guerra di successione spagnola (1700) e la divisione dell’aristocrazia spagnola fra sostenitori di Filippo V di Borbone e quelli dell’arciduca Carlo d’Asburgo, la scelta di don Baltasar di giurare fedeltà al primo lo conduce alla nomina a viceré della Sardegna, dove giunge nel 1704. Anche qui l’aristocrazia è profondamente divisa. A fianco di Zúñiga si schiera il marchese di Laconi, don Francisco di Castelví, mentre il fronte opposto è capitanato dal marchese di Villasor, Artale di Alagon. Proprio la messa al bando di partigiani dell’arciduca Carlo alienano al viceré molte delle simpatie degli isolani e complicano la sua azione di governo. Egli viene, infatti, accusato di mancanza di rispetto del diritto vigente e di malversazione nell’esportazione di grano. La partenza da Cagliari nel 1706 gli permette, in ogni caso, di non assistere alla caduta della Sardegna nelle mani del nemico. Dopo alcuni anni a corte, dove diviene componente del Consejo de Estado y Guerra, nel 1716 Baltasar è insignito del titolo di viceré della Nuova Spagna. Si inaugura così una fase avventurosa della vita del nobile castigliano, che si trova ad amministrare un vastissimo territorio, comprendente gli attuali Messico, California e Texas, popolato da indigeni e costantemente minacciato da Francesi e Inglesi, desiderosi di estendere il proprio dominio coloniale. Per rafforzare la presenza spagnola sul territorio e garantire le frontiere, Zúñiga, con la solerte collaborazione della Compagnia di Gesù e dell’Ordine francescano, si impegna inoltre nella fondazione di presidi militari e di missioni. Non sempre, però, si tratta di stanziamenti destinati a crescere. I conflitti europei, infatti, hanno ripercussioni nelle colonie: così, la Guerra della quadruplice alleanza (1717–1720), per esempio, comporta l’attacco francese alle postazioni spagnole in Texas e l’abbandono precipitoso dell’avamposto di San Francisco de Valero. Del resto, è difficile resistere alle pressioni nemiche, perché i centri di nuova fondazione sono spesso sottopopolati. Nel 1718, il viceré, fortunosamente, sfugge a un attentato perpetrato da uno squilibrato nella ricorrenza del Corpus Domini. Una leggenda vuole che, per ringraziare del supposto miracolo, don Baltasar fondi a Città del Messico il convento cappuccino femminile del Corpus Christi, destinato ad accogliere le native di famiglia di origine spagnola. Rientrato in Spagna nel 1724, Zúñiga, a coronamento di una carriera spesa al servizio della Corona, viene nominato duca di Arion, marchese di Ayamonte e grande di Spagna. Muore nel 1727, disponendo significativamente che il titolo di duca di Arion sia destinato ai secondogeniti della famiglia dei duchi di Béjar e che il suo cuore sia sepolto nel convento del Corpus Christi. La vicenda umana e politica di don Baltasar de Zúñiga è senza dubbio interessante, per l’ampiezza geografica della sua azione, dalle mura di Buda al palazzo viceregio di Cagliari alle lontane terre della Nuova Spagna. Essa, visto anche il tormentato passaggio dinastico che si consuma a Madrid, è sicuramente frutto di scelte politiche ponderate, di alleanze cortigiane, di sodalizi importanti. L’ascesa di un singolo, come del resto ci hanno insegnato i recenti studi sulla corte, è sempre il risultato di complesse dinamiche familiari e fazionali. Tuttavia, questi aspetti sono trascurati dall’autore, che, pur usando documentazione di prima mano, non ritiene opportuno approfondire legami e circostanze che consentono a Zúñiga un cursus honorum di primo livello. Il vol. rimane così un punto di partenza per ulteriori e significativi approfondimenti.

Nicoletta Bazzano

Vincenzo Lavenia, Dio in uniforme. Cappellani, catechesi cattolica e soldati in età moderna, Bologna (Il Mulino) 2017 (Studi e Ricerche 730), 293 S., ISBN 978-88-15-27325-3, € 28.

Die neue Monographie des italienischen Frühneuzeit-Historikers Vincenzo Lavenia analysiert die Verflechtungen von Gewaltdiskursen, Religion und Disziplinierung des Militärs in der Moderne. Diese Themen bilden seit mehr als einem Jahrzehnt das zentrale Forschungsinteresse und den Publikationsschwerpunkt Lavenias, eines Schülers von Adriano Prosperi. Das hier zu besprechende Buch mit dem bezeichnenden Titel „Dio in uniforme“ (Gott in Uniform) ist eine transnational konzipierte Diskurs- und Ideengeschichte mit Fallbeispielen und Quellen aus mehreren (west-)europäischen Ländern für den Zeitraum zwischen den Religionskriegen des 16. Jh. und dem Ersten Weltkrieg. Im Fokus der Studie stehen religiöse und theologische Texte über Krieg, Militär und Gewalt, insbesondere Soldaten-Katechismen und Kriegspredigten. Des Weiteren hinterfragt das Buch die Funktion ständig präsenter Militärgeistlicher. Die entscheidende Rolle, die die Jesuiten in diesem Zusammenhang spielten, wird ebenfalls eingehend thematisiert und mit der Entwicklung in protestantischen Ländern verglichen. Dabei interpretiert der Autor seine Quellen vor allem mit Hinblick auf die Prozesse der Disziplinierung von Soldaten sowie auf die Deutung und Legitimierung von innereuropäischen Kriegen und imperialer Expansion. Obwohl die Rhetorik des heldenhaften Todes für Gott und das Vaterland eine sehr lange Vorgeschichte hat, entstand das missionarische Projekt, das gezielt den Soldaten gewidmet war, erst im Zeitalter der Religionskriege mit ad hoc verfassten Katechismen und der Organisation der Seelsorge bei den Armeen. Nach dem Westfälischen Frieden wurden religiöse Texte und Predigten, die an Soldaten und Offiziere explizit adressiert waren oder generell das Thema Krieg und Gewalt behandelten, zunehmend patriotisch aufgeladen. Der dynastische und eigenstaatliche Patriotismus war mit Religion und Konfession eng verbunden, wodurch die Treue zu Gott und Vaterland zum zentralen Ideal der Überlegenheit und Ehre eines „guten christlichen Soldaten“ avancierte. Im 19. Jh. erlebte die Verflechtung von religiösen, patriotischen und imperialen Diskursen phasenweise eine Renaissance, nicht nur während der sogenannten Restauration, sondern auch im Kontext der Nationsbildung und kolonialen Expansion. Hier ist das von Lavenia präsentierte Fallbeispiel Belgiens besonders interessant. Im Laufe des Ersten Weltkriegs gewannen der moderne Nationalismus und der patriotische Heldendiskurs endgültig die Oberhand über die christlich-religiöse Indoktrination der Soldaten. Dennoch funktionierten religiöse und nationale Propagandaelemente im 20. Jh. weiterhin gut zusammen, und es ist auch daher kaum überraschend, dass die (verspäteten) Friedensbemühungen des Vatikans im Jahr 1917 erfolglos blieben. Lavenias Buch ist eine gelungene Synthese einer umfangreichen und systematischen Forschungsarbeit, die durch ihre transnationale und epochenübergreifende Dimension besticht.

Amerigo Caruso

19.–20. Jahrhundert

Mirjam Neusius, Herrschaftslegitimation und Kulturtransfer in der habsburgischen Lombardei. Die Zeitschrift „Biblioteca italiana“ und die deutsche Kultur (1815–1830), Frankfurt a. M. (Peter Lang) 2017 (Zivilisationen & Geschichte 48), 513 S., ISBN 978-3-631-67200-6, € 87,95.

Die nach Ende der napoleonischen Herrschaft 1816 bis 1841 in Mailand publizierte, wissenschaftlich-literarische Zeitschrift „Biblioteca italiana“ wurde in der Historiographie des Risorgimento oft mit österreichfreundlichen und gegen die italienische Romantik gerichteten Positionen identifiziert. In seinem mit Franco Della Peruta verfassten Standardwerk „La stampa italiana del Risorgimento“ (Roma 1979) betonte Alessandro Galante Garrone, dass das Periodikum schon bei seiner Gründung in erster Linie als „Propagandaorgan“ zur Festigung des gesellschaftlichen Konsenses um die wiedererstandene habsburgische Regierung konzipiert gewesen sei, um dann immer mehr einem reaktionären, an die herrschenden Autoritäten angelehnten Kurs zu folgen (vgl. ebd., S. 22 und S. 32). Demgegenüber wagt Mirjam Neusius mit ihrer Diss. zumindest teilweise eine Neuinterpretation. Vor dem Hintergrund ihrer einschlägigen Betrachtung und Analyse der „hybriden Identitäten“ der wichtigsten die „Biblioteca italiana“ umgebenden Akteure sowie der Inhalte der Zeitschrift bis 1830 wirft sie die Frage auf, ob das Periodikum wirklich nur einzig und allein der Legitimation der österreichischen Herrschaft durch gezielte Einflussnahme auf die lombardische Öffentlichkeit diente, und inwiefern das Journal tatsächlich einer rein antiromantischen Ausrichtung folgte. Ins Blickfeld der Untersuchung gerät dabei auch der mit der Zeitschrift geleistete deutsch-italienische Kulturtransfer, zumal ihre Zielsetzung nicht zuletzt darin bestand, den Lesern deutschsprachige Wissenschaft, Literatur und Kunst zu vermitteln. Diesem Kulturtransfer kam zugute, dass der bis 1825 die „Biblioteca italiana“ leitende Giuseppe Acerbi über zahlreiche Kontakte zu deutschen Gelehrten verfügte, neben August Wilhelm Schlegel besonders zu dem aus Österreich stammenden Botaniker Joseph August Schultes in Landshut und zum Altertumswissenschaftler und Philologen Karl August Böttiger in Dresden, die sich beide auch um die Verbreitung des Periodikums in Deutschland bemühten. Letztgenannter nutzte die „Biblioteca italiana“ zudem, um für seine archäologisch und künstlerisch ausgerichteten Journale in Italien zu werben, während man in der Zeitschrift gerne über die sprachwissenschaftlichen Arbeiten des österreichischen Orientalisten Joseph von Hammer informierte. Darüber hinaus berichtete man über Übersetzungen bestimmter Werke von deutschsprachigen Autoren wie Gottfried August Bürger, August Wilhelm Schlegel, Salomon Gessner, Friedrich Gottlieb Klopstock, August von Kotzebue, August Wilhelm Iffland und vor allem Friedrich Schiller ins Italienische, ferner über deutsche Literaturgeschichten und zum Teil zweisprachige Gedichtanthologien. Mittels der „Biblioteca italiana“ wurden außerdem regelrechte Gelehrtendebatten mit deutschen Intellektuellen ausgetragen. Überaus positiv dargestellt wurden darüber hinaus das Aufblühen des deutschen Buchmarkts und deutschsprachige Bildungsinstitutionen wie beispielsweise Universitäten – Zeugnisse Deutschlands als Kultur- und Wissensnation –, besonders aber auch die Errungenschaften der habsburgischen Regierung auf den Feldern der Wirtschaft, Bildung und Kultur ebenso in der Lombardei wie in anderen Regionen des Kaiserreichs. Letztgenannter Aspekt verdeutlicht, dass die Redakteure und Mitarbeiter der „Biblioteca italiana“ durchaus loyal gegenüber der habsburgischen Obrigkeit eingestellt waren. Gleichwohl nahmen sie sich die Freiheit, selbstbewusst eigenständige Positionen mit Blick auf Publikationen von Wissenschaftlern jenseits der Alpen einzunehmen, wie etliche kritische bis eindeutig ablehnende Rezensionen des Periodikums zeigen. Stolz verteidigten sie auch den vermeintlichen Primat italienischer Altertumswissenschaften gegenüber deutschen Kritikern und Konkurrenten. Deutschsprachige Wissenschaft und Kultur wurden also keineswegs immer nur so positiv vermittelt, wie es sich die österreichische Obrigkeit, die das Journal anfänglich sogar subventionierte, wohl eigentlich wünschte. Hinzu kommt, dass mit Giovanni Rasori und Melchiorre Gioja zwei weithin bekannte Intellektuelle an der „Biblioteca italiana“ mitarbeiteten, die austrophile Positionen sicher nicht unhinterfragt reflektierten, zumal Rasori unter napoleonischer Herrschaft Karriere gemacht und Gioja schon früher seine unabhängige Haltung gegenüber staatlichen Autoritäten manifestiert hatte. Insofern sind einige Zweifel daran angebracht, das Periodikum lediglich als „Verlautbarungsorgan“ der Österreicher in der Lombardei zu bewerten, da auch selbständige italienische Sichtweisen in ihm zu finden sind. Außerdem erweist es sich bei näherer Betrachtung, dass die bislang meistens vorausgesetzte, strikt antiromantische Orientierung des Journals und seiner Autoren, die oft mit einer reaktionären politischen Linie gleichgesetzt wurde, nicht immer konsequent durchgehalten wurde. Selbst ein so durchweg österreichfreundlicher Jurist und Literaturkritiker wie Paride Zajotti, der neben Acerbi zu den wichtigsten Mitarbeitern des Journals zählte, konnte in seinen hierin publizierten Beiträgen über in Ritterromanen geschilderte „romantische Tugenden“ ins Schwärmen geraten oder über den sonst von italienischen Romantikern zum Vorbild erkorenen Schiller. Ob letztere von Neusius allerdings mehr am Rande ins Feld geführten Befunde jedoch bereits ausreichen, um die von Paul Ginsborg und Alberto Mario Banti formulierte These vom besonderen Stellenwert des Romanticismo für die italienische Einigungsbewegung des 19. Jh. in Frage zu stellen, wie von ihr behauptet, scheint eher zweifelhaft. Dazu müssten ausführlichere Studien folgen, die diesen durchaus interessanten Ansatz weiter vertiefen und auch die antiösterreichische Gegenseite stärker beleuchten. Denn nur weil ein habsburgtreuer Funktionär einige Sympathien für Ideale oder vermeintliche Autoren der Romantik äußerte, ist damit wiederum noch nicht gesagt, dass romantische Ideen und Vorstellungen ohne höhere Bedeutung für führende Protagonisten des Risorgimento gewesen sind.

Jan-Pieter Forßmann

Jan-Pieter Forßmann, Presse und Revolution in der Toskana 1847–49. Entstehung, Inhalte und Wandel einer politischen Öffentlichkeit, Köln-Weimar-Wien (Böhlau) 2017 (Italien in der Moderne 24), 519 S., Abb., ISBN 978-3-412-50777-6, € 70.

Die Frage nach den Antriebkräften, Zielen und Folgen der italienischen Revolution von 1848/49 hat in den Geschichtswissenschaften immer wieder zu heftigen Debatten geführt. Die Studie von Jan-Pieter Forßmann liefert dazu einen grundlegenden, innovativen Beitrag, indem er methodisch versiert das Verhältnis von „Öffentlichkeit“ und „Revolution“ im Großherzogtum Toskana ausleuchtet. Im Anschluss an Antonio Chiavistelli und Alberto Mario Banti entwickelt Forßmann einen neuartigen Ansatz, da er die Revolution von 1848/49 als „Kommunikationsrevolution“ (S. 15) versteht und systematisch eine „Presseöffentlichkeit“ (S. 18) analysiert, die sich seit 1847 in der Form eines „Meinungs- und Tendenzjournalismus“ (S. 17) formierte und den revolutionären Prozess anfeuerte, rasch auf die Schaffung einer repräsentativen Verfassung drängte und schließlich die Entfaltung einer dezidiert italienischen Nationalbewegung einforderte. Dabei stützt sich Forßmann vor allem auf die Auswertung von sinnvoll ausgewählten Zeitungen unterschiedlicher politischer Richtung und stellt damit eindrücklich unter Beweis, welch großes analytisches Potential dieser Quellentypus bietet. In einem ersten Kapitel (S. 77–169) wird nachgezeichnet, wie sich die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen des Journalismus entwickelten. Nach dem Pressegesetz vom 6. Mai 1847 kam es zur Gründung einer Vielzahl von (mehr oder weniger langlebigen) Zeitungen mit überaus differenzierten politischen Positionen, die selbst innerhalb der Hauptlager von Liberalen und Demokraten nicht einheitlich waren. Das zweite Hauptkapitel (S. 171–233) befasst sich mit Prozessen der Institutionalisierung und nimmt die zentralen Akteure der Presseöffentlichkeit in den Blick, also die meist akademisch gebildeten Mitglieder der Zeitungsredaktionen und ihr Umfeld. Die Redaktionen liberaler wie demokratischer Blätter hätten sich aus unterschiedlichen sozialen Schichten rekrutiert, so dass man die Zeitungen nicht als Ausdruck spezifischer sozialer Interessenlagen verstehen könne. Vielmehr habe der toskanische Journalismus eine Art „Netzwerk politisch engagierter Intellektueller“ (S. 203) dargestellt, denen ungeachtet der sozialen Unterschiede „eine enge Verflechtung mit der Politik“ (S. 209) gemeinsam gewesen sei. Besonders einflussreich seien die Redaktionen in den großen Städten gewesen, wo sie ein lesefähiges Publikum fanden. Dass die Redaktionen und die von ihnen geschaffene Presseöffentlichkeit höchst relevante Kräfte der Revolution darstellten, wird von Forßmann beeindruckend herausgearbeitet, doch hätte man gern noch mehr darüber erfahren, wie die Machtverhältnisse in den Redaktionen aussahen und wie die „Protagonisten der Presseöffentlichkeit“ (S. 296) mit anderen Teilöffentlichkeiten (etwa dem Parlament) zusammenwirkten, oder wie sich ihr Verhältnis zu den Parteiungen gestaltete. Im letzten Kapitel (S. 235–471) werden die politischen Positionen der Zeitungen analysiert und ausführlich dargestellt. Im Unterschied zu älteren Pressestudien gelingt es Forßmann, die vielfältigen politischen Stellungnahmen der Zeitungen in ihrem Zusammenspiel als debattierende Öffentlichkeit zu präsentieren, die das politische Denken und Geschehen der Toskana in hohem Maße beeinflusst habe. Dabei vertritt Forßmann die Auffassung, dass das Konzept einer italienischen Nation auch in der toskanischen Presseöffentlichkeit früh als dynamisches Moment präsent gewesen sei. So habe sich über die Grenzen der konkurrierenden Parteiungen hinweg eine gegen das Habsburgerreich gerichtete „Idealvorstellung einer wahrhaft wehrhaften Nation“ (S. 330) der Italiener ausmachen lassen. Darüber hinaus vertritt Forßmann – in kritischer Auseinandersetzung mit der These von einem toskanischen Adelsliberalismus – die Position, dass die Verfassungsdiskussion der Toskana schon bald gemäßigt liberale Vorstellungen von einer zentralen Rolle der Gemeindesouveränität hinter sich gelassen, und der Hauptstrom der Presseöffentlichkeit moderne Ideen des Repräsentativsystems verfochten habe. Trotz der sich verschärfenden Konflikte zwischen Liberalen und Demokraten habe das Konzept von der italienischen Nation, als einer die verschiedenen Schichten gleichberechtigt integrierenden „nationalen Identitätsgemeinschaft“ (S. 337), breite Zustimmung gefunden. Auch wenn man deshalb die These des Adelsliberalismus keineswegs für erledigt halten muss, bleibt festzustellen, dass Forßmann überzeugend nachgewiesen hat, welche große Wirkung das Konzept einer italienischen Nation in der revolutionären Presseöffentlichkeit von 1848/49, unter Demokraten wie Liberalen, entfaltet hat. Es ist zu wünschen, dass diese kluge Studie zur toskanischen Presseöffentlichkeit in der historischen Forschung zur italienischen, aber auch zu den übrigen europäischen Revolutionen von 1848/49 breit rezipiert wird.

Thomas Kroll

Luca Clerici, Libri per tutti. L’Italia della divulgazione dall’Unità al nuovo secolo, Bari-Roma (Editori Laterza) 2018 (Storia e Società), XXII, 258 S., ISBN 978-88-581-2788-9, € 24.

„Libri per tutti“ bietet eine Tour d’Horizon der italienischen Wissenschaftspublizistik der Zeit zwischen 1861–1900. In diesen Jahrzehnten entstand im geeinten italienischen Nationalstaat die moderne öffentliche Meinung, die, wie das vorliegende Buch deutlich macht, stark von einem demokratischen Positivismus geprägt war. Die Wissenschaften, insbesondere die Naturwissenschaften, rückten in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses: Erfindungen, Entdeckungen, Faszinosa, Kuriositäten und Raritäten bewegten Fachleute wie Laien, und sie wurden nicht nur durch Schriftlichkeit vermittelt, sondern insbesondere durch Museen, Zoologische Gärten, Ausstellungen, Wissenschafts- und Technikschauen, Lesungen und Vorträge, welche auch die illiterate und nicht alphabetisierte Bevölkerung erreichten (S. 74). Die vier Kapitel der Arbeit lassen keine eigentliche Schwerpunktsetzung erkennen. Der locker und gut zu lesende Text bietet vielmehr eine Gesamtschau. Die Methodik der annotierten Enumeration führt den Lesenden eine Vielzahl von Genres, Titeln und Autoren vor Augen, die eindrücklich zeigt, wie umfassend sich die wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Buchproduktion, -distribution und -rezeption im Königreich Italien gestaltete. Die gelungene Darstellung lässt indes eine verbindende Klammer vermissen. Auch die Kapitelgliederung kann diese fehlende Ordnung nicht ersetzen. Zudem mangelt es stellenweise an Analyseangeboten und am Einbezug kritischer und distanzierender Überlegungen der Sekundärliteratur (etwa bzgl. der zeitgenössischen Anthropologie, S. 55, oder im Hinblick auf Kriminelle). Die einzelnen Kapitel fokussieren mehrheitlich auf die bekanntesten Köpfe der italienischen Wissenschaftslandschaft der Zeit: Carlo Cattaneo, Giuseppe Colombo, Paolo Gorini, Paolo Mantegazza, Cesare Lombroso, Gaetano Pini und Antonio Stoppani. Ihre Kollektivbiografie weist sie als Aufsteigertypen aus, die fast alle in den italienischen Unabhängigkeitskriegen aktiv und vom Erlebnis des Aufbruchs geprägt waren. In die von ihnen geleistete Wissensproduktion, ihre Aufbereitung und Vermarktung war meist die gesamte Familie involviert. Ihre Arbeiten waren dieser patriarchalen Grundstruktur der bürgerlichen Gesellschaft folgend von einem erzieherischen Moment getragen, das hygienische und sozialmedizinische Vorstellungen transportierte. Überzeugend kann der Autor zeigen, dass das Zentrum der neuen (bürgerlichen) Wissenschaftlichkeit über die Stadt Mailand hinausging, obgleich hier die Knotenpunkte des Wissens-Netzwerkes zusammenliefen. Kultur, Technik und Wissenschaft wurden im ausgehenden Jh. zum Konsumgut, zur Freizeitbeschäftigung, die ein Laienpublikum erreichte: sei es durch Reisen, Klubs wie dem Club Alpino Italiano, durch mobile Projektoren oder später dem Kino. Zahllose Zeitschriften, Bücher, Almanache, Enzyklopädien und Ratgeber verbreiteten als Bestseller und Longseller neugewonnene Erkenntnisse junger Disziplinen wie Psychologie, Anthropologie, Statistik, Kriminologie und Geologie. Den positiven Wissenschaften standen von der neuen Technik (Fotografie, Radiologie, Magnetismus) getragene Parawissenschaften gegenüber: Spiritismus, Hypnose und Seancen gaben der Wissenschaft einen spektakulären Anstrich. Lesen galt bei all dem nicht länger nur der Erbauung, sondern wurde zum Einheitsprojekt, vermittelte Mode, Geschmack und Stil und erfüllte – gerade in der neuen Kategorie „Self-Help“ – auch praktische Zwecke. Der entstehende Buchmarkt hielt dementsprechend Angebote für alle Lebensalter und für beide Geschlechter bereit; er erforderte auch von den Autoren eine neue Professionalität. Clerici liefert mit diesem Bd. eine wertvolle, konzise Zusammenschau, die die italienische Einheitskultur des 19. Jh. lebhaft abbildet und einen wichtigen Beitrag zu ihrer Erforschung leistet.

Carolin Kosuch

Marco Manfredi, Emozioni, cultura popolare e transnazionalismo. Le origini della cultura anarchica in Italia (1890–1914), Milano-Firenze (Mondadori-Le Monnier) 2017 (Quaderni di Storia), XVI, 211 S., Abb., ISBN 978-88-00-74767-7, € 17.

Anders als der Titel es vermuten lässt, steht im Mittelpunkt des hier angezeigten Bd. eine einzelne Person: der italienische Jurist, Poet und anarchistische Aktivist Pietro Gori (1865–1911). Anhand dessen Aktivitäten in einem transnationalen Kontext intendiert der Autor, eine italienische Kulturgeschichte des Anarchismus zu schreiben oder doch zumindest zu ihr beizutragen. Eine solche Geschichte stellt für Italien in der Tat ein Desiderat dar; sie wird auch generell gerade erst geschrieben (vgl. etwa die Arbeiten Lily Litvaks zur spanisch-anarchistischen Kulturgeschichte oder Florian Eitels zum anarchistischen Lied). Für einen doch recht schmalen und auf Gori zugeschnittenen Bd. erscheint dieser Anspruch sehr ambitioniert formuliert, zumal neben Bildern, Praktiken, Repräsentationen und Diskursen auch Symbole, Liedgut und Rituale mit einbezogen werden. Die Arbeit spricht folglich vieles an, verbleibt aber wiederholt an der Oberfläche. Das erste von sieben Kapiteln, denen auch bisher wenig bekanntes Bildmaterial beigegeben ist, fokussiert auf den Unterschied zwischen Anarchismus und Sozialismus. Die Vergleichslinien sind sehr grob gezogen: dem Anarchismus wird etwa eine größere Internationalität und eine ausgeprägtere Nähe zur proletarischen Subkultur zugeschrieben. Das zweite Kapitel bettet die Person Goris in diesen Kontext ein und präsentiert ihn als volksnahe Führungsfigur, die über einen emotional gefärbten politischen Stil in Werken und Reden verbindend wirken konnte, die anarchistische Kultur und Propaganda bereicherte und zur Kanonbildung beitrug. Vorbild dieses persönlichen, besonders das analphabetische Publikum ansprechenden Ansatzes war die Oralität des Theaters. Als charismatischer Redner wurde Gori dabei als biblische Heilsgestalt wahrgenommen, christliche und politische Inhalte vor einem sich säkularisierenden Hintergrund mischten sich. Dennoch sprach er – ein Bohemien – für das Volk, das Hierarchiegefälle blieb. Was das für eine herrschaftsfreie Ideologie bedeutet, bleibt offen. Im dritten Kapitel liegt der Schwerpunkt auf Kunst und Emotion, genauer, der Verbindung zu den Avantgarden der Zeit, die hier verdienstvollerweise nicht allein auf den Futurismus beschränkt bleiben. Kunst wird im Zusammenspiel mit Politik zum einheitsstiftenden Moment einer „politica del cuore“ (S. 37), Gefühle – unterstützt durch Musik und Poetik – überwiegen dabei die Ratio. Italienische Anarchisten um Gori orientierten sich eng an französischen Anarchisten wie Grave und Faure oder Künstlern wie Zola und Mallarmé. Ob es sich bei dieser Anlehnung um ein bloßes Zitat oder eine wirkliche Durchdringung handelt, wird indes nicht diskutiert. Transnationalität und die Verbindung zum Risorgimento bilden die Gegenstände des vierten Kapitels. Goris Exilerfahrung machte ihn zum Grenzgänger zwischen den Kulturen und Einflüssen; er verlieh den italienischen Emigranten eine Stimme. Der Erfahrungsbestand der Generation Garibaldi mischte sich dabei mit jenem der italienischen und anderer Anarchisten. Transnationale Solidarität und Kooperation (etwa in Zeitschriftenprojekten) trugen zu einem gemeinsamen Bewusstsein bei. Die folgenden Kapitel tangieren Praktiken, Symbole und Verbreitungswege des Anarchismus und beziehen Genderfragen mit ein. Es bleibt hier allerdings bei Stichworten: der Broschüre und dem Almanach als anarchistischen Leitmedien; Lesezirkeln, Diskussionsklubs, aber auch osterie als Vermittlungsorte anarchistischen Denkens; Feste, Lesungen oder Picknicks als Möglichkeiten des Fundraisings; einer distinkten anarchistischen Feierkultur (Sonntagsfeste, Trauerfeiern) und eher traditionellen Geschlechterbildern. Der vorliegende Bd. eignet sich damit als schlaglichtartiger Einstieg in das künftig weiter zu erforschende Feld der anarchistischen Kulturgeschichte.

Carolin Kosuch

Giacomo Puccini, Epistolario, vol. II: 1897–1901, a cura di Gabriella Biagi Ravenni e Dieter Schickling, Firenze (Olschki) 2018 (Edizione Nazionale delle Opere di Giacomo Puccini), XXVII, 701 S., Abb., ISBN 978-88-222-6581-4, € 80.

Die kritische (Buch-)Edition der Briefe und kurzen Kommunikationsnotizen Giacomo Puccinis ist eine vergleichsweise junge Unternehmung, die nach etlichen Jahren der Vorbereitung 2015 den ersten Bd. des „Epistolario“ (1877–1896) vorlegen konnte. Nun hat das bewährte Hg.-Duo Gabriella Biagi Ravenni und Dieter Schickling unter Mitwirkung der namhaftesten internationalen Puccini-Experten den zweiten der auf insgesamt neun Bde. (zuzüglich zweier Ergänzungsbde.) projektierten Ausgabenreihe veröffentlicht. Sie verfährt streng chronologisch und deckt mit jetzt weiteren 863 edierten Quellen (326 von ihnen erstmalig publiziert) die Jahre von 1897 bis 1901 ab, mithin die Zeit nach dem Welterfolg von „La bohème“ (Turin 1896), in der Puccini an dramaturgischer Konzeption und Komposition von „Tosca“ arbeitete, die schließlich am 14. Januar 1900 am römischen Teatro Costanzi Premiere feierte. Die vom Centro Studi Giacomo Puccini in Lucca bis dato vorgenommene systematische Erschließung kann die erstaunliche Gesamtanzahl von über 8 500 erfassten Briefquellen des Komponisten vorweisen, wobei die jüngsten Zuwächse vorrangig der nicht immer einfachen Konsultation von Privatsammlungen und der Beobachtung der Angebote auf dem Autografenmarkt zu verdanken sind. Der Publikationsplan des Langzeitprojekts trägt dem für die letzten Lebensjahrzente Puccinis womöglich noch weiter anwachsenden Quellenkorpus Rechnung. Aber bereits dieser zweite Bd. macht den proportionalen Anstieg von Kommunikationsdichte pro Jahr und von Erweiterung des Adressatenkreises (von 116 auf 165 Personen) zum stetig wachsenden Erfolg des Komponisten eindrücklich deutlich. Die Zahlen belegen: obwohl Puccini – anders als Giuseppe Verdi – nur noch den Ricordi-Verlag als einzigen Geschäftspartner benötigte, um Zugang zu Theatern und internationalem Opernmarkt zu erlangen, war er Mittelpunkt eines stetig wachsenden kommunikativen Netzes. Er korrespondierte quasi mehrmals täglich, und das Spektrum der Empfänger reicht über Angehörige der Familie, Freunde, Bekannte, Politiker, Künstler, Fotografen, Verleger, Librettisten, Dirigenten, Gesangssolisten, Komponisten bis hin zu Journalisten in und außerhalb Italiens. Die konsequente Aufnahme sämtlicher der Wissenschaft zugänglichen brieflichen und briefähnlichen Quellen in die Edition (Postkarten, Visitenkarten sowie Nachdruck relevanter graphischer Marginalien und Zeichnungen) führt zu einer exzeptionellen Zusammenschau aller lebensrelevanten Themen des Komponisten, die selektive Korrespondenzeditionen zwangsläufig ausblenden müssen. Die große inhaltliche Bandbreite sowie die Interaktion zwischen biografischer und werkgenetischer Perspektive lassen sich nun mithilfe dieser Materialien für fünf weitere Jahre im Leben Puccinis nachzeichnen: die zunehmende Entfremdung zu Elvira Bonturi etwa (erst ab 1904 offiziell seine Ehefrau) oder der Beginn seiner Affäre mit der inzwischen identifizierten Maria Anna Lucia Coriasco (Deckname: Corinna) Ende Mai 1900 und zeitgleich zur intensivierten Reflexion über neue Opernstoffe, die schließlich dann zu „Madama Butterfly“ führen sollte. Durch das Ableben der Enkelin Puccinis im Jahr 2017 wurde es den Hg. möglich, den Wortlaut jener Briefe privaten Inhalts an Elvira aus diesem Zeitfenster abzudrucken, deren generelle Existenz im ersten Bd. auf Wunsch der Erbin nur erwähnt werden durfte. Die Konsolidierung des Privatvermögens Puccinis aufgrund des „Bohème“-Erfolgs spiegelt sich in Briefinhalten z. B. zu Villenkäufen und Erwerbung motorisierter Boote oder des ersten Automobils wider. Wie ein Reisetagebuch lesen sich dagegen die zahlreichen Briefe etwa aus Paris, London, Manchester, Berlin, Wien usw., die zeigen, dass die Wechselwirkung von Werbestrategien des Ricordi-Verlags mit dem persönlichen Erfahrungszuwachs des Komponisten schon in den 1890er Jahren eine feste Konstante bildete, die durch die späteren Interkontinentalreisen noch einmal räumlich erweitert wurde. Die Internationalität seines Musiktheaters gründet sich zu einem wesentlichen Teil auf diese intensive Rezeption künstlerischer und kompositorischer Avantgarden in den europäischen Metropolen. Die Geschäftskorrespondenz mit Librettisten, Dirigenten und dem Verlag erhellt diesen wichtigen Mechanismus von Puccinis Kreativität in besonderem Maße, weshalb deren Kenntnis unabdingbare Voraussetzung für jede kompetente Werkanalyse oder Entstehungsgeschichte ist. Der vorliegende „Epistolario“-Bd. ist damit der zweite Meilenstein für die Puccini- und Opernforschung des langen 19. Jh. Seine editorischen Kriterien sind von vorbildlicher Konsistenz und handwerklicher Akkuratesse. Die Qualität der Kommentare (man ist den Kritikern, die eine Erweiterung zum „Carteggio“ anmahnten, durch weitere Ausführlichkeit der Kommentierung ein Stück weit entgegengekommen) zeugt von höchster Präzisionsarbeit, ergänzt durch einen umfangreichen Apparat z. B. mit teilweise nur hier zu findenden biografischen Basisinformationen zu den erwähnten Personen. Wer zukünftig zur (italienischen) Operngeschichte der 1890er Jahre forscht, hat nicht nur ein unerlässliches Referenzwerk zur Hand, es bietet gleichfalls willkommene Orientierungshilfe für analytische Feinarbeit.

Richard Erkens

Jan Dirk Busemann, Katholische Laienemanzipation und römische Reaktion. Die Indexkongregation im Literatur-, Gewerkschafts- und Zentrumsstreit, Paderborn (Schöningh) 2017 (Römische Inquisition und Indexkongregation 17), X, 402 pp., ISBN 978-3-506-77789-8, € 59.

Frutto di una tesi di dottorato discussa nella Facoltà di Teologia dell’Università di Münster sotto la guida del prof. Hubert Wolf, il libro di Jan Dirk Busemann (prematuramente scomparso nel novembre 2015) affronta la questione molto dibattuta („Streitfrage“) dell’emancipazione dei laici nella Chiesa tedesca sotto il pontificato di Pio X (1903–1914). Con l’enciclica Pascendi dominici gregis (8 settembre 1907) papa Sarto aveva, infatti, condannato, non solo le „pericolose dottrine moderniste“ nel campo della teologia e dell’esegesi, ma anche la pretesa „rovinosissima“ di alcuni ambienti riformatori di voler separare „la Chiesa dallo Stato“ e „il cattolico dal cittadino“, contestando all’autorità ecclesiastica ogni forma di intervento nella sfera politica e sociale. Alcuni movimenti di ispirazione „democratica e cristiana“ in Italia (la Democrazia cristiana di Romolo Murri) e in Francia (il Sillon di Marc Sangnier) vennero colpiti dalle sentenze di condanna del magistero romano sotto l’accusa di „modernismo pratico“. Benché i vescovi avessero dichiarato che l’eresia modernista non esistesse in Germania, la repressione antimodernista non risparmiò nemmeno il cattolicesimo tedesco. Diverse pubblicazioni vennero sospettate di „modernismo“ e, come tali, denunciate alla Congregazione dell’Indice: la rivista monachese „Hochland“ fondata dal pubblicista Karl Muth nel 1903, l’opera del teologo di Münster, Joseph Mausbach, „Die katholische Moral und ihre Gegner“ (1911), il discorso di uno dei leader del partito cattolico nel paese di Baden, Theodor Wacker, sul tema „Zentrum und kirchliche Autorität“ (1914). L’interesse della vasta ed accurata indagine storica condotta da Jan Dirk Busemann negli archivi del Sant’Uffizio sta nel mettere questi procedimenti in relazione con tre grandi controversie attinenti alla presenza dei fedeli laici nella vita politica e sociale della Germania guglielmina: la questione della letteratura cattolica ovvero la possibilità per gli autori cattolici di aprirsi alle acquisizioni („Errungenschaften“) della modernità letteraria; la questione dei sindacati misti ovvero la possibilità per i lavoratori cattolici di aderire a delle organizzazioni interconfessionali („Christliche Gewerkschaften“) per difendere i loro interessi; la questione, infine, dell’autonomia del partito cattolico tedesco („Zentrum“) rispetto alla gerarchia ecclesiastica. Tre quesiti di fondo hanno guidato la sua ricerca dal punto di vista metodologico: l’origine (esterna o interna) dei procedimenti inquisitoriali, i criteri di giudizio adottati dai censori romani, la ricezione dei provvedimenti decisi da parte degli imputati. Se l’impulso iniziale veniva quasi sempre dall’esterno, il ruolo giocato dal segretario della Congregazione, lo „zelante“ domenicano tedesco Tommaso Esser (1850–1926), appare del tutto centrale. Se l’accusa di „modernismo“ è pregnante nei giudizi emessi dai consultori, le considerazioni relative all’opportunità di una condanna hanno avuto un peso spesso determinante nella presa di decisione finale. L’efficacia („Wirkung“), infine, dei vari provvedimenti fu, nei tre casi presi in esame dall’autore, assai relativa. L’uso della censura dei libri non si rivelò il mezzo più adatto per arginare le velleità di emancipazione del laicato cattolico tedesco. Pubblicata nella collana „Römische Inquisition und Indexkongregation“ dell’editore Ferdinand Schöningh, l’opera postuma di Jan Dirk Busemann costituisce un apporto importante al rinnovamento della storiografia sul modernismo.

Philippe Chenaux

Frank Wiggermann, Vom Kaiser zum Duce. Lodovico Rizzi (1859–1945). Eine österreichisch-italienische Karriere in Istrien, Innsbruck-Wien (Haymon) 2017, 616 S., Kt., ISBN 978-3-7099-7287-8, € 29,90.

Muss ein auf österreichische bzw. italienische Geschichte spezialisierter Historiker unbedingt Lodovico Rizzi kennen? Diese Frage wird man guten Gewissens verneinen können. Sicherlich kommt Rizzi, einem Advokaten aus dem istrischen Pola, weder für die Geschichte des Habsburgerreiches noch für die des jungen Nationalstaats Italien eine herausgehobene Rolle zu. Mithin ist er aber auch keine mediokre Gestalt, denn „im regionalen Kontext Istriens nahm die Familie Rizzi eine Spitzenposition ein“ (S. 155) als Angehörige der alteingesessenen venetianisch-istrischen Elite mit deutlichen Sympathien für das Risorgimento. Sowohl als Bürgermeister des prosperierenden Kriegshafens Pola (1889–1904) ebenso wie als Landeshauptmann (ab 1903) der bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zur cisleithanischen Reichshälfte der Doppelmonarchie gehörenden Region hat er sich durchaus einen Platz in regionalgeschichtlichen Lexika erworben. Dass der Vf. ihn dennoch in seiner Einleitung als „verlorenen Protagonisten“ (S. 7) apostrophiert, hat auf der einen Seite mit dem Exodus der italienischen Bevölkerungsmehrheit aus dem 1947 jugoslawisch gewordenen Istrien zu tun. Auf der anderen Seite liegt zwar für ein besonders erfolgreiches Lebensjahrzehnt Rizzis (1903–1914) ein Tagebuch vor, weite Strecken seines Tuns und Handelns waren jedoch nur aus der Lokalpresse zu rekonstruieren. „Das fremde Leben Rizzis Monat für Monat, Woche für Woche zusammenzufügen, ist nicht möglich“ (S. 395), konstatiert der Vf. dann auch ebenso beiläufig wie prosaisch. Frank Wiggermann, der bereits über die österreichisch-ungarische Kriegsmarine im Kontext der italienischen Nationalbewegung auf der größten Halbinsel promoviert worden ist (K.u.K. Kriegsmarine und Politik. Ein Beitrag zur Geschichte der italienischen Nationalbewegung in Istrien, Wien 2004) ist es ganz sichtlich darum zu tun, eine verloren gegangene Kultur zu rekonstruieren. Die Auswahl seines Protagonisten begründet er mit dessen langer Lebenszeit, die „Jahrzehnte vom langen 19. zum 20. Jahrhundert…, eine ungeheure Spanne der politischen Systeme und Ideologie in Europa“ (S. 8) beinhaltet. Der Vf., der als Gymnasiallehrer tätig ist, vermag, sicherlich nicht zuletzt aufgrund seiner pädagogischen Erfahrungen, zum einen „seinen Helden“ so in Szene zu setzen, dass er vor dem geistigen Auge des Lesers lebendig und als Exponent der liberalen italienischen Elite Istriens überdies sympathisch erscheint. Zum anderen entfaltet er ein überaus umfangreiches, ja großartiges Panorama der Lebenswelt in Pola bzw. in Istrien vor dem Zweiten Weltkrieg und ist außerdem immer wieder bemüht, die Geschehnisse vor Ort in die großen weltgeschichtlichen Ereignisse einzubetten. So verbindet Wiggermann beispielsweise seine Schilderung der Umstände der Geburt Lodovico Rizzis 1859 mit dem Hinweis auf den gleichzeitig begonnenen Bau des Suezkanals (vgl. S. 13) und negiert in seinen Ausführungen zum Kriegsausbruch 1914 deutlich die „Schlafwandler-These“ von Christopher Clark (vgl. S. 306). Mit diesem Konzept stellt sich der Vf. in die Tradition der vielfältig in Mode gekommenen biographischen Geschichtsdarstellungen der letzten Jahre, die oft im Gewand von Familiensagas daherkommen, hinter denen sich das Spiegelbild einer ganzen Epoche verbirgt. Im vorliegenden Fall wird einerseits der Dualismus zwischen österreichisch-ungarischer Marine und selbstbewusster italienischer Bürgerschaft thematisiert, andererseits aber auch die slawische Unterschicht mit einbezogen und der Längsschnitt in die Zwischenkriegszeit und darüber hinaus fortgesetzt. Lodovico Rizzi stellt dabei die Folie für das Hauptaugenmerks Wiggermanns dar, jene „urban-bürgerliche, in den Küstenstädten politisch-kulturell definierte Sphäre des Italienertums“ (S. 28) der Vergessenheit zu entreißen, was ihm durch akribische Analyse der Literatur, aber auch der lokalen Zeitungen und ungedruckten Archivmaterials gelingt. Eine über weite Strecken parataktische Syntax sorgt trotz der Vielzahl an Informationen für Verständlichkeit. Charakteristisch für Wiggermanns Stil erweisen sich die immer wieder eingestreuten Fragen, durch welche er die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich zieht. Oft sind diese Fragen mit ihren unbestimmten Antworten aber auch Ausdruck der fehlenden Informationen darüber, wie sich Rizzi in dieser oder jener Situation überhaupt konkret verhalten hat, zum Beispiel „ob die nationalen Antipoden Rizzi und Langinja gemeinsam zu den Sitzungen des Abgeordnetenhauses von Pola nach Wien gereist sind? Eher nicht“ (S. 266). Wenn der Vf. den Leichenzug des antisemitischen Wiener Bürgermeisters Karl Lueger 1910 als wichtigen Aspekt der k.u.k. Monarchie einblendet, dazu aber keine Reaktion seines Protagonisten in den Quellen gefunden hat, dann heißt es sibyllinisch: „Rizzi wird dem nationalistischen Demagogen Lueger keine Träne nachgeweint haben“ (S. 294). Ähnlich gibt sich Wiggermann häufiger Vermutungen hin, wenn er nicht weiter weiß, insinuiert damit aber Kenntnis über Rizzis Haltung: So heißt es über dessen Aktivitäten als Vertreter Istriens im Reichsrat, Rizzi sei „wohl nicht offen gegen das Heeres- und Marinebudget“ (S. 301) vorgegangen. Solche Konstruktionen sind zugleich aber auch Ausdruck des sprachlichen Geschicks, mit dem Wiggermann auch dort, wo seine akribischen Quellenstudien an Grenzen stoßen, die weißen Flecken seines Rizzi-Bildes zu kompensieren versteht. Letztere werden ebenso durch die schon angesprochenen Exkurse in nahezu alle Bereiche des Alltags in Istrien verdeckt, wobei neben politischen Fragen auch die Topographie, Kunst- und Kirchengeschichte Istriens gestreift werden. Manche Passagen wirken etwas zu detailverliebt, wenn beispielsweise selbst der Stundenplan des Schülers Rizzi zu rekonstruieren versucht wird (vgl. S. 30), andere erscheinen schlicht obsolet, wie beispielsweise der Abschnitt über die 23 PKW, die vor 1914 in Pola zugelassen waren (vgl. S. 311 f.). Aber im Großen und Ganzen stellen diese und andere Rahmenerzählungen einen treffenden Anreiz zum Weiterlesen dar, weil sie ein schier enzyklopädisches Wissen über eine am Schnittpunkt dreier Kulturen gelegene Region vermitteln. Dass das Interesse primär Istrien und nicht dem Protagonisten gilt, mag auch daran liegen, dass die Karriere Rizzis, der 15 Jahre Bürgermeister und ebenso lange Landeshauptmann war, nach 1918 ein abruptes Ende fand, obwohl er jetzt im Regno, also in Italien, lebte. Mehr als ein Vierteljahrhundert der Lebenszeit des „Helden“ markiert damit den Abgesang, sieht man von einem Intermezzo als Bürgermeister-Sonderkommissar am Beginn der Ära Mussolini Mitte der 1920er Jahre einmal ab. 1945 erhielt Rizzi dann auch nur „einen schmalen Nachruf“ (S. 445) in der Lokalzeitung. Schon in der faschistischen Zeit galt offensichtlich, wie Wiggermann lapidar feststellt: „Rizzis politische Vergangenheit fiel dem öffentlichen Vergessen anheim“ (S. 387). Dieses Desiderat zu beseitigen, ist dem Vf. allemal gelungen. Weit darüber hinaus hat er ein eindrucksvolles Kaleidoskop der untergegangenen Lebenswelt der italienischen Bevölkerung Istriens in der Donaumonarchie und im faschistischen Italien vorgelegt, die nicht nur der Istrien-Reisende oder -Forscher mit Gewinn aus der Hand legen wird.

Michael Hirschfeld

Paolo Giovannini/Marco Palla (a cura di), Il fascismo dalle mani sporche. Dittatura, corruzione, affarismo, Bari-Roma (Editori Laterza) 2019 (Storia e società), XIX, 250 pp., ISBN 978-88-581-3409-2, € 22.

Chiunque abbia un minimo di dimestichezza con gli archivi del periodo fascista ha ben presente la notevole quantità di documentazione relativa al „malcostume“ dei gerarchi. Le carte della polizia politica, dell’OVRA, dei carabinieri e del partito sono piene di denunce, il più delle volte anonime, contro l’arricchimento dei dirigenti del PNF. Lo stesso Mussolini teneva sempre a portata di mano i fascicoli personali dei suoi più importanti collaboratori (civili o militari), e uno dei sottofascicoli si intitolava „rilievi a suo carico“, spesso contenente quelle stesse denunce che arrivavano o tramite il Ministero dell’Interno, oppure direttamente sul suo tavolo attraverso la „Segreteria particolare del Duce“. Alla caduta del fascismo Badoglio costituì una commissione per indagare sugli arricchiti del regime, che teoricamente continuò a lavorare anche durante la Repubblica Sociale Italiana. Insomma alla fine del regime il gerarca „arricchito“ era diventato una specie di cliché, che la memorialistica neofascista ha tentato invano di cancellare. Il libro curato da Giovannini e Palla è uno dei primi tentativi di indagare in maniera scientifica l’argomento del rapporto tra dittatura e corruzione, andando al di là dei cliché. Essendo una raccolta di saggi di diversi autori, il libro ha delle parti più o meno riuscite, ma sempre comunque utili. Soprattutto il primo capitolo, di Paul Corner („Corruzione di sistema? I ‚fascisti realiʻ tra pubblico e privato“), permette di avere un quadro generale del rapporto tra la dittatura fascista e il malcostume. Oltre a definire e spiegare i vari metodi della corruzione (ad esempio „contributi volontari“ ai giornali fascisti, estorsioni per concedere lavoro, rapporti di patronage in grandi società statali o parastatali, ecc.), Corner sottolinea proprio il rapporto consustanziale e necessario tra pratiche illegali e regime fascista, dovuta all’impunità, prima di tutto, dei gerarchi che si sentivano, e spesso erano, al di sopra della legge, ma anche il caotico reticolo di conoscenze e „clan“ politici nei quali si concretizzava la politica del partito. Infine il ruolo di Mussolini, che tollerava il malcostume anche perché colpire la corruzione avrebbe voluto dire indebolire il partito. Insomma la corruzione non si limitava a casi isolati, ma era proprio una caratteristica necessaria del PNF e dei suoi uomini, sfruttata dal dittatore per tenere sulla corda i suoi collaboratori. Il libro si compone di altri nove capitoli dedicati o a personaggi molto noti (Roberto Farinacci, Costanzo Ciano e la sua famiglia, Giuseppe Volpi, Ugo Cavallero, Raffaello Riccardi, Alfredo Cucco, Carlo Scorza), o a dei case study (la città di Verona, l’Impero africano). Il quadro complessivo che emerge dai vari capitoli conferma tutto il primo capitolo di Corner. La corruzione durante il fascismo era dilagante e, soprattutto, i maggiori gerarchi erano insaziabili. Anche quando non emergono (almeno dai testi di questo vol.), degli episodi apertamente criminali, come nel caso di Costanzo Ciano, la pervasività del potere e della rete di affari del potentissimo gerarca sembra avvolgere come una rete un’intera città e, forse, un’intera provincia, quella di Livorno, dove i Ciano hanno governato fino al 25 luglio del 1943. Poteva succedere che un gerarca venisse sanzionato anche per l’eccessiva corruzione, e allora la caduta diventava inarrestabile, e coinvolgeva tutti i suoi clienti, famigliari e parassiti. Ma, anche nel caso del gerarca toscano Scorza, si poteva sempre risorgere in quanto non era la corruzione che, come detto, preoccupava Mussolini, dominus di ogni carriera, ma solo la fedeltà. Così anche un perfetto mascalzone come Scorza riuscì a tornare ai massimi livelli, anche se per un breve periodo, nel 1943.

Amedeo Osti Guerrazzi

Carlo Cresti, Firenze, da nazionalista a „fascistissima“ 1903–1944. Arti figurative, architettura, letteratura e circostanze politiche, Firenze (Angelo Pontecorboli editore) 2018, 437 pp., ill., ISBN 978-88-99695-74-3, € 26.

Nato nel novembre 1931, Carlo Cresti – scrive nell’introduzione – ha fatto in tempo a vestire la divisa di „figlio della lupa“ e di „balilla“, a sentirsi quasi comproprietario dell’Impero riapparso, nel maggio 1936, sui colli fatali di Roma. Ha trascorso tredici anni nel fascismo, ha vissuto la guerra e il passaggio del fronte, l’occupazione tedesca, il coprifuoco, l’emergenza, in una Firenze che i belligeranti avevano promesso di considerare „città aperta“. Ha visto il desolante scenario dei ponti distrutti sull’Arno, ha parteggiato, quindicenne, per la Repubblica. Il suo obiettivo qui è di offrire un „libro ‚onestoʻ e di ‚servizioʻ, finalizzato al soddisfacimento del lettore in cerca di salutare obiettività“ (p. 8). Al di là della perplessità sul fatto che un autore possa considerare „salutari“ e „obiettive“ le proprie riflessioni, incertezze derivano anche dal metodo adottato da Cresti. Il libro, articolato in tre capitoli – Firenze nazionalista e interventista 1903–1918; Il fascismo di Ottone Rosai; Artisti, architetti, letterati, nella Firenze „fascistissima“ – intende offrire „obiettività“ dando spazio alle parole pronunciate dai protagonisti politici e culturali di allora. Il primo capitolo si concentra sulle riviste nazionaliste e interventiste fiorentine e il travaglio, in realtà già noto, de „La Voce“. Tutto intento a ripercorrere le vicende fiorentine e i suoi personaggi, l’autore sembra perdere di vista che si tratta di una crisi della modernità che ha le sue origini a fine Ottocento, con lo sguardo sulla società di Mosca e Pareto. È centrale il parallelo tra primo futurismo e „La Voce“, tra Marinetti e Prezzolini, convinti entrambi di voler formulare e modellare il rigetto dell’Ottocento e il nuovo ordine. È in quest’ottica che va vista la guerra; non solo: anche in un’ottica che non riguarda solo le élites italiane ma europee. Il capitolo sul fascismo di Ottone Rosai è articolato allo stesso modo. L’autore si sorprende che il pittore nel 1919 dipingeva tra le sue pitture „più struggenti e avvincenti“ (p. 115) mentre si riconosceva nel fascismo. Rosai non era il solo, se si pensa alle periferie urbane di Mario Sironi, anche lui fascista. Forse questo struggimento va ricondotto a ciò che Freud ha chiamato „disagio“: componente fondamentale, di nuovo, dei primi anni del XX secolo. Mentre Sironi ha preso parte in modo attivo nel fascismo – si pensi, per fare un esempio, alle illustrazioni per il „Popolo d’Italia“ – altri, come Rosai, lealmente fascisti, sono forse più rimasti in un’atmosfera di struggimento (cfr. la mostra sul „Realismo magico. L’incanto nella pittura italiana degli anni Venti e Trenta“, MART, Rovereto 2017). Il terzo capitolo intende mostrare la Firenze „fascistissima“. Per comprendere ciò che le élites italiane, e non solo fiorentine, avevano vissuto è folgorante un ricordo di Prezzolini: „Ai tempi del Leonardo e poi de ‚La Voceʻ non c’era nessuno che non avesse in tasca un’Italia rifatta a suo modo… La scarsa simpatia per le istituzioni democratiche era comune tra di noi… Ne ‚La Voceʻ direi s’accettava la democrazia come una condizione di fatto, non come un ideale. C’era e bisognava adattarsi; ma senza entusiasmo. Se qualcuno avesse potuto trasformare l’Italia a modo nostro, violando la costituzione e i diritti dell’uomo, e le elezioni, e la libertà della stampa, credo che nessuno avrebbe esitato un momento. Il problema non si presentò mai fino a che non si manifestò col fascismo. Ed allora apparve che il frutto de ‚La Voceʻ stava da una parte, come dall’altra. Come disse bene Malaparte, ‚La Voceʻ aveva preparato il fascismo e l’antifascismo“ (Giovanni Prezzolini, L’Italiano inutile, Firenze 1964, pp. 250 sg.).

Monica Cioli

Stefano Cavazza/Thomas Großbölting/Christian Jansen (Hg.), Massenparteien im 20. Jahrhundert. Christ- und Sozialdemokraten, Kommunisten und Faschisten in Deutschland und Italien, Stuttgart (Franz Steiner) 2018 (Aurora. Schriften der Villa Vigoni 5), 268 S., ISBN 978-3-515-11192-8, € 52.

Der Sammelbd. eröffnet einen vergleichenden Blick auf den Typus der Volks- bzw. Massenpartei im 20. Jh. in Deutschland und Italien, einen Typus, der gegenwärtig in eine schwere Krise geraten sei. Generell sinke die gesellschaftliche Akzeptanz der Parteien als adäquates Mittel der Politik. In Deutschland sei heutzutage nicht mehr das demokratisch verfasste Gefüge von Ortsvereinen über die Kreis- und Landesverbände das Instrument der parteiinternen politischen Willensbildung, sondern die Vermittlung über die Medien. Die spezifische Instabilität des italienischen Parteiensystems sei darauf zurückzuführen, dass die italienische Verfassung im Unterschied zum deutschen Grundgesetz nicht verlange, den inneren Aufbau der Parteien an demokratischen Mindeststandards zu orientieren. Die Hg. vermuten, dass das Zeitalter der Volksparteien zu Ende sei, und dass das Politische gegenwärtig neu konzeptualisiert werde, wobei die Folgen dieser Entwicklung nicht absehbar seien. Ausgehend von diesen Überlegungen beschreiben die Beiträge des Sammelbd. in transnationaler Perspektive die Geschichte der Volksparteien, ihre Erfolge und Misserfolge. Der erste Teil befasst sich mit der Entwicklung und der Organisation dieses Parteientypus von 1890 bis 1930, wobei die deutschen Sozialdemokraten (Thomas Welskopp, Detlef Lehnert), die Sozialistische Partei Italiens (Maurizio Punzo), der Partito Popolare Italiano (Antonio Scornajenghi) und die Kommunistische Partei Italiens (Aldo Agosti) untersucht werden. Der zweite Teil ist der NSDAP und der Faschistischen Partei Italiens gewidmet. In den beiden Aufsätzen über die NSDAP werden die Mechanismen der Mitgliederorganisation (Armin Nolzen) und das von Franz Xaver Schwarz verkörperte Amt des Reichsschatzmeisters (Susanne Meinl) analysiert. In den drei Beiträgen über die Faschistische Partei Italiens stehen die Organisation und Funktionsweise (Loreto Di Nucci), die Lokalpolitik (Stefano Cavazza) und die Sozialpolitik (Chiara Giorgi) im Mittelpunkt. Mit der Sozialpolitik habe die Faschistische Partei ihre Legitimität als Volkspartei erhöht, sie sei als „Wohlfahrts-Partei“ (S. 172) zu charakterisieren. Während der Faschismus „auf die Parteimitgliedschaft der gesamten Nation abzielte“ (Di Nucci, S. 137), war „die NSDAP nicht einfach eine Organisation …, die nach einer möglichst weitgehenden Einverleibung der gesamten deutschen Bevölkerung trachtete.“ (Nolzen, S. 107) Der dritte und letzte Teil des Sammelbd. befasst sich mit der Entwicklung der Volksparteien nach 1945 und wirft die Frage auf, ob es sich dabei um ein (zeitlich begrenztes) „Erfolgsmodell“ handle. Die hier versammelten Beiträge bringen zunächst eine Fallstudie zur Italienischen Sozialistischen Partei (Paolo Mattera) und behandeln dann die Entwicklung der CDU von der Kanzlerpartei zur „modernen Volkspartei“ (Daniel Schmidt), sowie den Wandel der SPD zur Volkspartei (Rüdiger Schmidt). Dann untersucht Paolo Pombeni generell den Zusammenhang zwischen der durch das allgemeine Wahlrecht abgesicherten liberal-repräsentativen Verfassung und dem Parteiensystem als politischem Stabilitätsfaktor von 1945 bis 1963. Die letzten beiden Aufsätze befassen sich mit dem politischen System Italiens seit den 1970er Jahren (Massimiliano Livi) und einem möglichen Zusammenhang zwischen der „Krise der Volksparteien“ und dem Aufstieg der „Alternative für Deutschland“ (Thomas Großbölting). Insgesamt sind die Beiträge interessant und lesenswert, ihr besonderer Wert liegt aber eher in den Einzelergebnissen und Diskussionsbeiträgen, weniger im inhaltlichen Gesamtzusammenhang, der sich dem Leser nicht einfach erschließt.

Michael Thöndl

Francesco Leoncini, Alternativa mazziniana, Roma (Castelvecchi) 2018 (Le Navi), 337 S., ISBN 978-88-328-2308-0, € 35.

Die Hoffnung auf eine gerechte und dauerhafte Friedensordnung nach dem Ersten Weltkrieg, wie sie Papst Benedikt XV., der amerikanische Präsident Woodrow Wilson und die Schöpfer des Völkerbundes hegten, wurde von der Pariser Friedenskonferenz in die Sphäre der politischen Utopie verwiesen. Geschaffen wurde hingegen ein Europa der Nationalstaaten, mit umstrittenen Grenzen und sich überschneidenden ökonomischen Interessenssphären, was zwangsläufig zu weiteren Konflikten führen musste. Doch es hätte auch eine andere Möglichkeit gegeben, so Francesco Leoncini in seinem Buch, nämlich die „Alternativa mazziniana“. Der Autor leitet seine Studie mit einem Zitat aus einem Beitrag Leo Valianis ein, den dieser 1972 im „Corriere della Sera“ veröffentlicht hatte, in dem der große italienische Historiker die politischen Folgen des Ersten Weltkriegs zum Gedankengut Giuseppe Mazzinis in Beziehung setzt. Valiani und mit ihm Leoncini sehen eine durchgehende ideologische Entwicklungslinie von Mazzini über den Irredentismus Cesare Battistis zum „interventismo democratico“ Gaetano Salveminis sowie zu Giovanni Amendola, Luigi Albertini, Carlo Sforza und anderen antifaschistischen politischen Intellektuellen. Diese Entwicklungslinie ist geprägt von einem demokratischen italienischen Patriotismus, der eine Verbindung mit den „nazionalità ribelli“ der Donaumonarchie sucht und auf eine Zusammenarbeit zwischen Italien und dem entstehenden Jugoslawien setzt. Im Gegensatz zum italienischen Nationalismus, der in den Faschismus mündete, sieht Leoncini in dem auf Mazzini zurückgehenden Patriotismus eine starke internationalistische und sogar universalistische Komponente, die, wäre sie verwirklicht worden, eine gerechte und dauerhafte europäische Friedensordnung ermöglicht hätte. Italien hatte im Londoner Vertrag 1915 Anspruch auf die östliche Adriaküste erhoben, was das Konfliktpotential in diesem Gebiet nach Kriegsende deutlich erhöhte. Die Konzeption Mazzinis wäre eine andere gewesen, nämlich ein antiimperialistisches Bündnis Italiens mit einem zu schaffenden „großillyrischen“ Nationalstaat. Vom 8. bis 10. April 1918 fand am römischen Kapitol eine Konferenz von Vertretern der habsburgischen slawischen Nationalitäten statt, die mit dem „Patto di Roma“ endete. Vom italienischen Ministerpräsidenten Orlando wurde die Konferenz lau unterstützt, Außenminister Sonnino lehnte sie ab, denn ein Verzicht auf die adriatischen Ansprüche kam für ihn nicht in Frage. Die wichtigste Folge der Konferenz war die Gründung der tschechoslowakischen Legion durch ein Übereinkommen zwischen dem slowakischen General Milan Rastislav Štefánik und dem italienischen Generalstabschef Armando Diaz, die Legion kämpfte ab sofort mit den italienischen Truppen gegen den Habsburgerstaat. Es handelte sich um knapp 20 000 Freiwillige, fast ausschließlich Kriegsgefangene und Deserteure aus süditalienischen Gefangenenlagern. Der Großteil waren Tschechen, das Oberkommando unterstand einem Italiener. Štefánik selbst nahm daran nicht teil, er leitete eine Mission der Entente in Sibirien. Italien unterstützte die Gründung der Tschechoslowakei, doch hinsichtlich eines südslawischen Staates war man skeptisch, Sonnino und andere bevorzugten eine von der Adria verdrängte Habsburgermonarchie als Ordnungsmacht am Balkan, was die Verwirklichung der adriatischen Aspirationen Italiens möglich machen sollte. Österreich-Ungarn sollte durch Fiume weiterhin über einen Meereszugang verfügen (S. 163–196), aber aus den anderen Küstengebieten zugunsten Italiens verdrängt werden. Nach Leoncini verhinderte dieses Festhalten am Londoner Vertrag eine autonome italienische Außenpolitik. Man geriet in das Fahrwasser des Revisionismus und unterstützte schließlich den deutschen Imperialismus am Balkan (S. 9, 212). Tatsächlich konnte dies nicht im Sinne Mazzinis sein, das Verdienst Leoncinis ist es, diese Entwicklungslinien aufzuzeigen. Doch es tauchen Widersprüche auf. So schreibt der Autor auf S. 118, dass der Großteil der nationalen intellektuellen und politischen Eliten in der Habsburgermonarchie nicht die Zerstörung des Staates anstrebten, und auch die kriegsführenden Mächte dies nicht als Kriegsziel hatten. Wenn sich aber die Habsburgermonarchie nicht auflöste, wie sollte die auf demokratischen Kritierien beruhende Mazzinianische Konzeption Anwendung finden? Leoncini löst diesen Widerspruch nicht auf, sondern rettet sich in die Vergangenheit. Er verweist darauf, dass schon der italienische Aufklärer Antonio Genovesi darauf hingewiesen habe, dass die Fraktionierung der Staaten überwunden werden müsse (S. 12). Nun sind die transeuropäischen Verbindungen der Ideen Mazzinis unbestreitbar – der behauptete Einfluss auf Gandhi und Sun Yat-sen (S. 12) scheint mir allerdings doch etwas weit gegriffen. Dass das Gedankengut Mazzinis besonders für die slawischen politischen Aktivisten in der Habsburgermonarchie eine wichtige Referenz war, steht aber außer Zweifel. Widersprüche tun sich dennoch auf: Denn dass Mazzini zwar die Zusammenarbeit mit den Südslawen befürwortete, gleichzeitig aber Istrien und Fiume als Teil Italiens sah, wird wohl bei jugoslawischen Politikern der Zwischenkriegszeit wenig Anklang gefunden haben. Das Problem der italienischen Ostgrenze, der „frontiera orientale“, ließ sich also mit Mazzini nicht lösen. Konzepte wie den Austroslawismus oder den Strossmayerschen Panslawismus spricht Leoncini an (S. 30), verschweigt jedoch, wie sie mit den Ideen Mazzinis in Einklang gebracht werden sollten. Der Autor ergeht sich in den unterschiedlichsten Details, vom Kremsierer Verfassungsprojekt über die Badenikrise bis zu Karl Renner und Tomáš G. Masaryk, sogar der „Blaue Reiter“ kommt vor und Kaiser Karl IV. als Bezugsperson für den böhmischen Landespatriotismus. Der Leser steht ratlos vor diesem name dropping, das von langatmigen Zitaten unterbrochen wird. Selbstverständlich können universalistische Konzepte im langen 19. Jh. überall in Europa ausgemacht werden – übrigens lässt Leoncini einen Hinweis auf die transnationale Kultur der Wiener Secession vermissen –, doch in allen diesen Fällen eine Verbindung zu Mazzini zu ziehen, scheint mir etwas gewagt. Die „Alternativa mazziniana“ war also dann doch keine. Sie hätte vielleicht ein Baustein einer gerechteren Friedensordnung im Rahmen internationalistischer Konzeptionen sein können – ein Instrument zur Überwindung nationalstaatlichen Denkens, wie Leoncini meint, wäre sie aber nicht gewesen.

Andreas Gottsmann

Nunzio in una terra di frontiera. Achille Ratti, poi Pio XI, in Polonia (1918–1921) = Nuncjusz na ziemiach pogranicza. Achilles Ratti, późniejszy Pius XI, w Polsce (1918–1921), Pontificio Comitato di Scienze Storiche, a cura di Quirino Alessandro Bortolato e Mirosław Lenart, traduzione dei testi di Magdalena Wrana et al., Città del Vaticano (Libreria Editrice Vaticana) 2017 (Atti e documenti / Ecclesia Catholica / Consilium de Scientiis Historicis 47. Opera extraordinaria 10), 521 S., Abb., ISBN 978-88-266-0031-4, € 25.

Die kirchenpolitische Karriere Achille Rattis, des späteren Papstes Pius XI., begann mit seiner Entsendung im Mai 1918 als Apostolischer Visitator nach Warschau, mit der Aufgabe, über die kirchliche Situation in den ehemals russisch besetzten Gebieten Polens zu berichten. Als Qualifikation ausreichend erschienen dem entsendenden Papst Benedikt XV. vor allem die Sprachkenntnisse des bereits 61jährigen gelehrten Präfekten der Vatikanischen Bibliothek. Der völlig unerfahrene Ratti geriet in Polen sprichwörtlich zwischen alle Fronten des zu Ende gehenden Krieges, der aufbrechenden ethnischen und Nationalitätenkonflikte und der Spannungen zwischen den konfessionellen Gruppen. Dass auch der als „übernational“ geltende Katholizismus sich im entstehenden Polen in zwei sich erbittert gegenübertretende Lager trennte, ein deutsches und ein polnisches, erlebte – der im Juli 1919 vom Visitator zum ersten Apostolischen Nuntius im neuen Staat Polen ernannte – Ratti im November 1920 als päpstlicher Vertreter in der Interalliierten Regierungs- und Plebiszitkommission für Oberschlesien überaus eindringlich. Sowohl er selbst als auch sein Dienstherr im Vatikan standen den nationalpolitischen Konflikten mit religiöser Untersetzung weitgehend hilflos gegenüber. Alle Parteien (auch nichtkatholische) wollten den Gesandten des Papstes für sich einnehmen, keiner konnte er es recht machen. Im Juni 1921 wurde Ratti durch seine Versetzung auf den Erzbischofstuhl zu Mailand seiner misslichen Stellung enthoben. Das diplomatische Desaster Rattis in Polens ist seit längerem gut dokumentiert und erforscht, nicht zuletzt durch die beiden 2013 und 2015 erschienenen Editionen der Tagebücher Rattis aus den polnischen Jahren und durch die schon seit den 1990er Jahren veröffentlichten Inventare und Akten der polnischen Nuntiatur. Der vorliegende Bd. gibt zu all dem einen informativen Appendix vor allem aus polnischer Sicht. Er dokumentiert die Beiträge eines 2016 in Opole (Oppeln, Oberschlesien) abgehaltenen Symposions, zu dem im Wesentlichen polnische, daneben einige vatikanische Historiker beitrugen. Die Libreria Editrice Vaticana hat die Beiträge zweisprachig, polnisch und italienisch, herausgebracht, was nach beiden Richtungen zu einer breiteren Rezeption verhilft. Die archivalisch in der Regel gut fundierten Beiträge erschließen vor allem auch polnisches Quellenmaterial. Genannt seien stellvertretend die Studien von Tadeusz Krawczak über die Haltung der polnischen Gesellschaft gegenüber dem Visitator und Nuntius Ratti (mit Ausblick auf die gleiche Frage in Bezug auf den Papst Pius XI.), von Dominik Zamiatala über das Echo der Ratti-Gesandtschaft in der polnischen Presse und in den Erinnerungen polnischer politischer wie intellektueller Akteure, und von Piotr Górecki über die Rolle Rattis als kirchlicher Hochkommissar während des Oberschlesien-Plebiszits (mit aufschlußreichen Ausführungen über das unkoordinierte Nebeneinander Rattis und des Breslauer Fürstbischofs Adolf Bertram in dieser aggressiv aufgeladenen Phase, die den deutschen und polnischen Klerus spaltete). Daneben gehen einzelne Beiträge aber auch über die engere Phase der Ratti-Gesandtschaft hinaus und beziehen das spätere Pontifikat mit ein, indem sie etwa die Erinnerungen Pius’ XI. an seine Zeit in Polen thematisieren und, wiederum anhand polnischer diplomatischer Akten, hinterfragen (Marek Kornat). Auch die Zeit vor dem Weltkrieg bleibt nicht unterbelichtet; so befaßt sich Sławomir Marchel mit dem Anteil des polnischen Klerus an der vatikanischen Mittelosteuropa-Diplomatie zu Beginn des 20. Jh. und fragt, ob es hier nicht eine regelrechte „polnische Lobby“ gegeben habe. Dies alles wird eingebettet in übergreifende Überlegungen zum Verhältnis des Hl. Stuhls zu Polen seit Gregor XVI. (Bernard Ardura) oder zu den Problemlagen des polnischen Katholizismus nach der Wiedergründung des Staates (Mirosław Lenart). Ein Beitrag fällt etwas aus dem Rahmen: Achille Ratti, il papa alpinista (Quirino Alessandro Bortolato), mit einer Kurzbeschreibung aller Groß-Bergtouren Rattis, vom Monte Rosa über das Matterhorn bis zum Mont Blanc und Vesuv. Das hat mit Polen nichts zu tun, mündet aber in eine Exegese Rattis vom Bergsteigen als Lebens-Metapher und -Paradigma. Seine polnische Gesandtschaft wäre in diesem Sinne eher als eine lange und entbehrungsreiche Wanderung durch ein dunkles Tal zu begreifen.

Thomas Brechenmacher

Maddalena Guiotto/Helmut Wohnout (Hg.), Italien und Österreich im Mitteleuropa der Zwischenkriegszeit = Italia e Austria nella Mitteleuropa tra le due guerre mondiali, Wien-Köln-Weimar (Böhlau) 2018 (Schriftenreihe des Österreichischen Historischen Instituts in Rom 2), 517 S., ISBN 978-3-205-20269-1, € 55.

Der Sammelbd. ist aus einer Studientagung hervorgegangen, die im Dezember 2008 am Italienisch-deutschen Historischen Institut der Fondazione Bruno Kessler in Trient stattgefunden hat. Maddalena Guiotto verdeutlicht in ihrer Einführung, wie sich die stets engen Beziehungen zwischen Österreich und der Appenninenhalbinsel seit dem 18. Jh. gewandelt haben. Standen damals noch die beiderseits der Alpen als symbiotisch empfundenen kulturellen Beziehungen zwischen Österreich und Italien im Vordergrund, brachte die napoleonische Zeit einen tiefen Einschnitt. Der Wiener Kongress erneuerte zwar die Herrschaft der Donaumonarchie über große Teile Italiens, doch wurde die österreichische Präsenz nun als landesfremd empfunden. Österreich wiederum bekämpfte die italienischen Reformbestrebungen als Bedrohung seiner multinationalen Legitimität. Das 19. Jh. war geprägt durch den Widerstreit von „zwei Ländern mit gegensätzlichen und unversöhnlichen Auffassungen einer Staatskonzeption: einerseits der multinationale Staat der Habsburger Monarchie und andererseits der entstehende italienische Nationalstaat“ (S. 15). Der 1882 abgeschlossene „Dreibund“ zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und Italien führte nicht zu einem freundschaftlichen Verhältnis zwischen den beiden letzteren. Im Mai 1915 trat Italien in den Krieg gegen Österreich-Ungarn ein, um die Gebiete der Irredenta zu erhalten und damit das Risorgimento zu vollenden. Die Zerstörung Österreich-Ungarns war allerdings auch unmittelbar vor Kriegsende kein italienisches Kriegsziel, weil die Donaumonarchie in der italienischen Perspektive die Funktion der „Eindämmung des Pangermanismus und des Panslawismus“ (S. 18) hatte. Aus italienischer Perspektive sollten nach dem Ersten Weltkrieg die Nachfolgestaaten Österreich und Ungarn diese Aufgabe übernehmen, den Einfluss Frankreichs und der „Kleinen Entente“ minimieren und damit den italienischen Großmachtinteressen dienen: „Italien zielte darauf ab, in Mitteleuropa einen Raum zu schaffen, der seine Grenzen im Norden und Nordosten schützen sollte, um hauptsächlich seiner Wirtschaft einen weiten Absatzmarkt zu sichern“ (S. 24). Mussolini betrachtete Anfang der 1930er Jahre folgende politische Ziele als Voraussetzung für die italienische Hegemonie im Donauraum (vgl. den Beitrag von Wohnout, S. 375): 1. Die Erhaltung der österreichischen Unabhängigkeit als vitales Interesse Italiens; 2. Den Antimarxismus und die Bekämpfung der österreichischen Sozialdemokratie; 3. Die dauerhafte Etablierung eines autoritären Regierungssystems unter Berücksichtigung der österreichischen „Heimwehr“. Einen Export des faschistischen Systems nach Österreich habe der Duce jedoch nicht angestrebt: „Die Einsetzung einer autoritären Rechtsregierung, die sich auf die Grundsätze des Korporativismus berief, genügte ihm offensichtlich, denn er war an einer treuen, von seinem nördlichen Nachbarn realisierten Kopie des Vorbilds des italienischen Faschismus nicht besonders interessiert.“ (S. 33) Diese Bemühungen wurden durch die Annäherung zwischen dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland obsolet. Italien verlor seinen Einfluss im Donauraum und akzeptierte schließlich den „Anschluss“ Österreichs an Deutschland. Vor diesem Hintergrund sind die durchweg interessanten und instruktiven Beiträge des Sammelbd. zu lesen: Zunächst werden die Beziehungen zwischen Österreich und Italien im mitteleuropäischen Kontext behandelt. Die Analyse erstreckt sich von den mitteleuropäischen Integrationsplänen (Andreas Gémes) über den Volta-Kongress zu Europa im Jahr 1932 (Giorgio Petracchi) bis zu den Drittstaaten Ungarn (Gianluca Volpi), Jugoslawien (Luciano Monzali) und Polen (Valerio Perna). Im Folgenden wird das „Dreiecksverhältnis Italien – Österreich – Deutschland“ analysiert, zunächst in Bezug auf die deutsche Österreich- und Italienpolitik (Joachim Scholtyseck), dann im Hinblick auf die Einschätzung der autoritären Regime in Italien und Österreich durch die bayerische Politik (Jörg Zedler) und schließlich auf Mussolinis Südtirolpolitik (Federico Scarano). Im anschließenden Teil befassen sich zwei Aufsätze mit der vatikanischen Diplomatie (Andreas Gottsmann und Emilia Hrabovec). Weiterhin werden die bilateralen Beziehungen in Politik und Kultur am Beispiel der Heimwehr (Lothar Höbelt), des politischen Systemwechsels in Österreich 1933/34 (Helmut Wohnout) und der Vermittlung der österreichischen Literatur in Italien (Renate Lunzer) dargestellt. Zuletzt thematisieren zwei Beiträge die Beziehungen im Wirtschafts- und Finanzbereich (Pasquale Cuomo) und die italienischen Kapitalbeteiligungen in Österreich 1918–1938 (Gertrude Enderle-Burcel).

Michael Thöndl

Maria Casalini (a cura di), Donne e cinema. Immagini del femminile dal fascismo agli anni Settanta, Roma (Viella) 2016 (I libri di Viella 229), 216 pp., ISBN 978-88-6728-705-5, € 26.

Il vol. è l’esito finale di una ricerca, intitolata „L’immagine della donna nel cinema italiano“ e svolta presso l’Università di Firenze, dove la stessa curatrice insegna Storia contemporanea. Il libro è composto da sei saggi, ognuno dei quali prende in esame uno specifico periodo: dai modelli di femminilità nel cinema fascista (Maria Casalini) alla rappresentazione delle donne nel neorealismo italiano (Cristina Jandelli), passando per il secondo dopoguerra, con particolare riferimento alla commedia degli anni cinquanta (Valeria Festinese) e al cinema del miracolo (Francesca Tacchi), per concludere con un approfondimento sugli anni settanta tramite il filtro del divismo (Stephen Gundle) e del femminismo (Anna Scattigno), i singoli studi intrecciano ricerca storica e studi sul cinema in una prospettiva di gender studies. Oltre dalla tradizione interdisciplinare che ha analizzato il dialogo tra cinema e storia, il vol. trae spunto da un impianto metodologico fortemente caratterizzato dagli studi culturali, e dalla specifica attenzione da questi dimostrata alla rappresentazione delle dinamiche di genere nell’immaginario cinematografico. L’intento del progetto è quello di fornire una sintesi degli elementi di continuità, persistenza e intermittenza dell’immaginario femminile nel cinema italiano attraverso un’analisi delle trasformazioni del ruolo delle donne nella società italiana, dal fascismo agli anni settanta: una „decostruzione“, così la definisce Casalini stessa nell’introduzione, „della declinazione di genere del linguaggio cinematografico nella sua doppia faccia di rispecchiamento della mentalità collettiva e di ‚cooptazione culturaleʻ“ (p. 10), dove dinamiche industriali e aspetti politici si intrecciano nell’arco di un cinquantennio decisivo nella storia d’Italia. Il punto di partenza di questo percorso non può che essere il rapporto controverso tra cinema fascista e immaginario hollywoodiano, così come esso si configura nel campo della costruzione del divismo cinematografico. I tentativi da parte del regime fascista di conformare alla convenzione lo spirito trasgressivo femminile trovano, infatti, un esito particolarmente incisivo in campo cinematografico. Nel saggio che apre il vol., Casalini passa in rassegna alcuni sforzi di costruire uno star system al femminile fascistizzato, prendendo in esame il cinema dei „telefoni bianchi“ e tracciando delle linee di continuità che persistono anche dopo la caduta del regime. Il contributo di Jandelli si sofferma proprio sul lato oscuro e minaccioso della femminilità che emerge dal cinema italiano degli anni quaranta, e che si manifesta esplicitamente all’interno del cinema neorealista nella figura ambigua ed emancipata della donna „tenebrosa“. Il passaggio dal neorealismo alla commedia viene poi analizzato da Festinese, che si concentra su un decennio decisivo nelle trasformazioni non solo dell’immaginario cinematografico, ma della società italiana: gli anni cinquanta. Se l’analisi delle commedie che escono durante il decennio aiuta a definire il ruolo modernizzatore attribuito alle donne dall’industria cinematografica, è nel cinema degli anni sessanta, specificamente nei film del „miracolo“, che Tacchi rintraccia i semi sia di un nuovo protagonismo femminile, sia di uno stereotipo della donna seduttrice e oggetto del desiderio, che si affermeranno nel decennio successivo. Ed è proprio da un focus su tre attrici chiave del periodo che prende le mosse il saggio di Gundle: Melato, Muti e Antonelli rappresentano l’incarnazione di percezioni conflittuali, seppur differenti, della femminilità italiana durante gli anni settanta. Proprio negli anni settanta si conclude il vol., con il saggio di Scattigno che si sofferma sull’emersione della critica femminista che utilizza il cinema per mettere in questione, più in generale, il rapporto tra i sessi nella società italiana in piena crisi identitaria e valoriale.

Damiano Garofalo

István Deák, Europa a processo. Collaborazionismo e giustizia fra guerra e dopoguerra, Bologna (Il Mulino) 2019, 296 pp., ill., ISBN 978-88-15-28088-6, € 25.

Le politiche di occupazione del Terzo Reich sono state estremamente variate. Si va dalla occupazione diretta del Warthegau ad una sorta di indirect rule in Serbia. Anche in territori già appartenenti alle stesse nazioni sconfitte i nazisti potevano utilizzare politiche molto diverse, come in Francia dove nel Nord il paese veniva amministrato dai militari mentre il sud, almeno fino al novembre 1942, rimaneva teoricamente indipendente, anche se sempre sottoposto alle ferree regole dell’armistizio. Anche gli alleati della Grande Germania venivano trattati in modo molto diverso. Se l’Italia rimase, almeno fino alla fine del 1940, una potenza alla pari, altre nazioni, come la Slovacchia, erano più o meno stati vassalli. La reazione degli occupati, secondo Deák, era altrettanto variegata, „in uno spettro che va dalla semplice accettazione dell’inevitabile alla collaborazione attiva, fino alla resistenza armata“ (p. 27). Il libro è un‘ampia ed esaustiva ricostruzione di tutte le forme di collaborazione, forzate o volontarie, con l’Impero di Hitler, con particolare attenzione agli aspetti politici e giuridici. Secondo l’autore, tutti gli stati sottoposti al dominio nazista ebbero comunque possibilità di scelta, così come i loro governanti. Come esempio di tali possibilità viene citata la collaborazione nella „Soluzione finale della questione ebraica“, dove i romeni massacrarono volontariamente centinaia di migliaia di ebrei dei territori ex sovietici da loro conquistati durante „Barbarossa“, mentre i bulgari non cedettero mai alle pressioni naziste e „si rifiutarono di consegnare i propri ebrei“ (p. 111). Non solo, ma lungi dall’essere una coalizione compatta, l’Asse aveva al suo interno spaccature profondissime, con paesi che teoricamente alleati tra loro, in realtà si odiavano e non collaboravano, come i romeni e gli ungheresi, divisi da questioni di confine che portarono a scontri diretti tra le loro forze armate. Un altro aspetto di questa complessa storia ricostruita da Deák sono le varie forme di resistenza e soprattutto i rischi che l’opposizione, armata o meno, agli occupanti poteva comportare. Secondo l’autore, infatti, le convenzioni dell’Aja, cioè la legge internazionale vigente all’epoca, lasciava sostanzialmente mano libera all’occupante di fronte ad ogni atto di ribellione. Questa parte rimane forse la più debole del libro. Entrando in alcuni case studies, Deák analizza in dettaglio le rappresaglie di Oradour e delle Fosse Ardeatine. Questo secondo caso viene definito da Deák „moralmente indifendibile“ (p. 201), mentre lascia in dubbio la legalità della rappresaglia. Come esercito occupante, secondo tutto il ragionamento dell’autore, la convenzione dell’Aja permetteva le rappresaglie, mentre i partigiani, che non agivano con distintivi fissi, erano combattenti illegali (sempre secondo le direttive dell’Aja). Deák non tiene però conto che spessissimo, nell’occupazione di Roma, le forze armate tedesche non rispettavano le leggi di guerra. La deportazione in massa di cittadini, avvenute già dalla fine di dicembre 1943, per l’utilizzo di lavoro schiavo non era certamente un atto permesso dalle convenzioni internazionali, come d’altronde le razzie degli ebrei romani attuate allo scopo di sterminarli completamente. Il battaglione di polizia „Bozen“ era una delle unità che svolgevano questi compiti, chiaramente illegali. Tenendo conto che le leggi di guerra valgono fino a che sono reciprocamente rispettate dalle parti in causa, l’attacco di via Rasella si poteva, e si può, tranquillamente considerare un atto legittimo di guerra o, più precisamente, di ribellione. I cittadini romani, ebrei o non ebrei, avevano assolutamente il diritto di reagire di fronte ai continui soprusi delle forze di occupazione che potevano portare, e spesso portavano, alla loro morte. Il libro si conclude con una ampia panoramica delle varie forme di giustizia esercitate dai vincitori e dagli ex paesi occupati nei confronti dei nazisti e dei loro complici. Anche qui il vero valore del libro è quello nel suo insistere sulla complessità dell’argomento e soprattutto sulle contraddizioni dei vincitori. Riguardo a Norimberga, ad esempio, Deák scrive: „è difficile comprendere come sia stato possibile accumulare un numero così cospicuo di errori e contraddizioni nel documento d’accusa contro i grandi criminali di guerra e più ancora nelle procedure giudiziarie“ (p. 228). Contraddizioni dovute al fatto che i giudici si erano macchiati di crimini che spesso erano gli stessi di quelli commessi dai giudicati, come l’aggressione della Polonia, facilitata dal patto Molotov-Ribbentrop, e poi attuata anche dall’Armata rossa. In conclusione il vol. è estremamente utile, per l’ampiezza della ricostruzione e per le questioni sollevate, anche se discutibile in alcune delle conclusioni.

Amedeo Osti Guerrazzi

Marco De Paolis/Paolo Pezzino, La difficile giustizia. I processi per crimini di guerra tedeschi in Italia 1943–2013, Roma (Viella) 2016 (I processi per crimini di guerra tedeschi in Italia 1), 168 pp., ISBN 978-88-6728-640-9, € 20.

Il testo è il primo vol. della collana „I processi per crimini di guerra tedeschi in Italia“, curata dagli stessi autori e promossa dall’Istituto Nazionale Ferruccio Parri e dalla Regione Toscana: progetto editoriale che prevede lo sviluppo di un percorso in dieci tappe attraverso la storia giudiziaria di alcune fra le più importanti stragi naziste ai danni di civili e militari italiani commesse dopo l’8 settembre 1943 e dibattute presso i tribunali militari italiani in anni recenti. Il vol. introduttivo si compone di due saggi distinti: il contributo di Pezzino su „La punizione dei crimini di guerra commessi in Italia dai tedeschi (anni Quaranta e Cinquanta)“ e quello di De Paolis su „L’indagine penale sui crimini di guerra in Italia e all’estero dopo il 1994“. Le voci di uno storico e di un giurista, protagonisti dell’esperienza di giustizia tardiva rappresentata dalla recente stagione processuale italiana, apertasi – come ormai noto – a seguito del rinvenimento nel 1994 dei fascicoli d’indagine sui crimini di guerra nazifascisti illegittimamente archiviati dal procuratore generale militare Enrico Santacroce nel 1960 ed enfaticamente ribattezzati „l’armadio della vergogna“. Il saggio di Pezzino, rivisitazione ampliata dello studio presentato nel 2006 alla „Commissione parlamentare d’inchiesta sulle cause dell’occultamento di fascicoli relativi a crimini nazifascisti“, offre un’accurata disamina dello sviluppo dei lavori della United Nation War Crime Commission sul caso italiano, che condussero nel dopoguerra alla quasi completa impunità sui crimini di guerra tedeschi in Italia. L’esiguo numero di processi dibattuti tra il 1945 e i primi anni ‘50 (soltanto 13 presso i tribunali militari italiani) viene infatti ricondotto dall’autore all’ambivalente posizione rivestita dall’Italia nel conflitto – già messa in rilievo da Filippo Focardi e Lutz Klinkhammer – che induce le forze politiche nazionali a desistere dal rivendicare un giudizio sui militari tedeschi indiziati per crimini di guerra in Italia, al fine di tutelare da simultanee richieste gli italiani accusati dei medesimi crimini nel corso delle campagne d’occupazione fasciste. Garantita l’impunità a quest’ultimi, sono gli equilibri della Guerra fredda a disincentivare la punizione dei criminali tedeschi. L’analisi delle sentenze relative ai pochi procedimenti dibattuti pone comunque l’accento sugli effetti distorsivi delle contiguità culturali fra magistratura militare e imputati, partecipi di una comune concezione della responsabilità individuale sensibilmente condizionata dal dovere d’obbedienza agli ordini superiori. L’intervento di De Paolis, tra i principali artefici dell’attività della magistratura militare italiana tra il 2002–2016 – con 17 procedimenti portati a termine contro 78 imputati, di cui 57 condannati all’ergastolo – mette a fuoco invece gli elementi di inerzia operativa dopo il 1994. L’autore individua infatti una seconda fase giudiziaria di limitata attività che si protrae fino al 2002 con soli cinque procedimenti giunti a dibattimento, anche a causa del lento trasferimento dei fascicoli d’inchiesta alle procure territoriali. Esplicita risulta la denuncia di una diffusa coscienza tra i magistrati militari dell’esistenza della documentazione sui massacri già prima della sua riscoperta ufficiale, così come della mancata volontà di dotarsi di strumenti organizzativi e d’orientamento di giudizio commisurati all’eccezionalità della situazione – quali nuclei di polizia giudiziaria bilingui, un impianto accusatorio esteso all’intera catena di comando, la possibilità di rinviare a giudizio uno stato estero quale responsabile civile. Elementi innovativi dirompenti sul piano procedurale e interpretativo che, insieme alla capacità della Procura di La Spezia di stabilire un rapporto di fiducia con le comunità martiri, offrono alla giustizia militare italiana un aggiuntivo significato di supplenza istituzionale e codificazione degli eventi, divenendo i canoni di una peculiare attività di giudizio incarnata dall’attività dello stesso De Paolis. Resta da chiedersi se l’enfatica centralità giudiziaria riservata ai crimini tedeschi negli ultimi anni non abbia involontariamente contribuito ad oscurare le responsabilità nazionali. La storia giudiziaria delle stragi naziste potrebbe, infatti, essere arricchita dalla disamina delle motivazioni che non hanno consentito anche in anni recenti il parallelo rinvio a giudizio dei presunti criminali di guerra italiani, titolari comunque di un cospicuo numero di fascicoli d’inchiesta rinvenuti nel 1994.

Toni Rovatti

Felix Bohr, Die Kriegsverbrecherlobby. Bundesdeutsche Hilfe für im Ausland inhaftierte NS-Täter, Berlin (Suhrkamp) 2018, 558 S., Abb., ISBN 978-3-518-42840-5, € 28.

Der Haupttitel erfasst schon genau, worum es geht: Es geht um Verbrecher, NS-Verbrecher, die der Verfasser dem niederländischen, aber auch dem deutschen Sprachgebrauch nach lieber „Kriegsverbrecher“ nennt. In einem ersten Kapitel berichtet er nüchtern die Taten des SD-Chef in der italienischen Hauptstadt Rom, Herbert Kappler, des „Henkers von Rom“, und von vier in den Niederlanden verurteilten Männern, die maßgeblich an der Deportation von Juden beteiligt waren. Alle anderen waren bis 1960 entlassen. Da sie in Breda in Haft einsaßen, fungierten sie bald öffentlich als die „vier von Breda“ (später drei…). Um diese (und wichtig: andere, zunächst in der BRD verurteilte und in alliierter Haft einsitzende) Verbrecher bildeten sich sehr schnell Interessenvertretungen, die angemessen mit dem sonst zumeist der Wirtschaft vorbehaltenen Begriff der „Lobby“ gekennzeichnet werden. Ein erster Eindruck zu dieser Göttinger Diss. des nunmehrigen Spiegel-Journalisten Felix Bohr könnte lauten: das wissen wir doch schon aus vielen Einzelstudien, durch welche jeweils Teile des Themas untersucht sind. Das zutreffende Urteil jedoch: Das ist fast alles neu, größtenteils aus Archivquellen gearbeitet und mit souveräner Verarbeitung der gerade angedeuteten Forschungsliteratur. Das Neue stellt zum ersten der lange Zeitraum dar. Bis zur Entlassung der letzten zwei von Breda im Frühjahr 1989 reicht die Arbeit und begleitet somit die ganze alte Bundesrepublik. Zum zweiten berichtet die Arbeit in nie gekannter Breite über die entsprechenden Netzwerke und Lobby-Gruppen. Das waren seit Kriegsende 1945 als erste die beiden großen christlichen Kirchen, doch dann bildeten sich u. a. mit dem Verband der Heimkehrer, der Stillen Hilfe für Kriegsgefangene und Internierten e. V., der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit (HIAG – der Waffen-SS) eine ganze Reihe von Gruppierungen, die nur scheinbar humanitäre Aspekte als ihr zentrales Ziel ausgaben, tatsächlich eine massive Lobby zum Weißwaschen der Verbrechen und zur Stilisierung der Protagonisten zu ganz normalen Soldaten und deren angeblich völkerrechtlich gedeckten Kampfhandlungen dienten. Drittens untersucht der Vf. quellengesättigt die bundesdeutsche Regierungspolitik durch alle einschlägigen Ministerien bis hin zu Kanzler- und Bundespräsidialamt. Zum Vierten bezieht Bohr die italienische und niederländische Erinnerungskultur gekonnt ein und kann so die diversen „Drahtseilakte“ (so S. 113 für Außenminister von Brentano 1954) bundesdeutscher Diplomatie, teils offen, zumeist diskret intern in den Blick nehmen. Entscheidend war die Rede über diese Verbrechen, die einen bedeutenden und hier in der Tiefe neu erschlossenen Beitrag zur „Vergangenheitspolitik“ (Norbert Frei für die Zeit bis in die 1950er hinein) bieten. Denn sprachlich ging es die ganze Zeit darum, diese Täter in die Nähe von „normalen“ Soldaten zu rücken, wenn sie mit Wehrmachtdienstgraden bezeichnet, als Kriegsgefangene, ja Personen mit „normalem“ Soldatenhandeln etikettiert werden sollten, um damit ihre Freilassung zu erlangen. Aus Tätern sollten so Opfer gemacht werden, von Martyrium etc. ließ sich dann gern reden. Das ist der basso continuo des Bd. Dass dies von den Verbänden der Lobby unternommen wurde, überrascht nicht, wohl aber, wie sehr sich auch Regierung und weite Teile von Öffentlichkeit partiell damit identifizierten bzw. sprachlich darauf Rücksicht nahmen. Signifikant ist hierfür der schein-neutrale Begriff der „Kriegsverurteilten“, den sich auch das offizielle Bonn zu eigen machte, und der bis 1989 galt. Für die unmittelbare Nachkriegszeit, als die – auch– caritative Hilfe der Kirchen dominierte, und für die 1950er Jahre mit CDU geführten, meist u. a. mit der FDP oder anderen Rechtsparteien koalierenden Regierungen gehörten immer mehrere Abgeordnete zu dieser Lobby. Mögen bei den Kirchen und so zumal bei der Caritas – dort hatten auch NS-Verfolgte über den Kurs des Verbandes zu bestimmen – auch christliche Motive eine Rolle gespielt haben, so dürften doch die „seit 1945 bestehende Nähe zu Wehrmacht und Soldatentum“ (S. 77) zentral gewesen sein. Sicherlich waren die Diplomaten verpflichtet, deutsche Staatsbürger im Ausland zu betreuen, Bohr sieht hier aber durchgehend durch die Jahrzehnte auch die NS-Sozialisation dieser Beamten wirksam. Erstaunlicher auf den ersten Blick wirkt das nachhaltige Eintreten Willy Brandts, dann auch Gustav Heinemanns und schließlich Richard von Weizsäckers für diese „Kriegsverurteilten“ seit Mitte der sechziger bis in die achtziger Jahre. Gerade letzterer machte es zu einem Herzensanliegen, sich nicht-öffentlich für die Breda-Verbrecher einzusetzen. Wie von Bohr ausgeführt, strich er erst in letzter Minute aus seiner berühmt gewordenen Rede 1985 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes einen entsprechenden Appell zugunsten der Breda-Häftlinge. Das sozialdemokratische Vorgehen seit Mitte der sechziger Jahre, voran Brandts, ist schwerer zu erklären. Vf. sieht es in der ausgeprägten Neigung des SPD-Kanzlers, die Gesellschaft insgesamt zu versöhnen, erkennt aber bei allen Regierungen der BRD das Bestreben, einer wichtigen Wählerklientel nach dem Mund zu reden. In diesen dichten Beschreibungen dieser zum Teil heute unsäglich wirkenden Apologien von Lobby, undeutlicher Sprache der Regierung und weit über das erforderliche diplomatische Maß hinausreichenden, auch privaten Bemühungen um Entlassung, ja Rehabilitierung liegt das große Verdienst der Studie. Die hier untersuchten Kriegsverbrecher wurden – trotz z. T. recht komfortablen Haft- bzw. Krankenhausbedingungen – seit den 1960er Jahren zunehmend krank, einige von ihnen starben auch. Damit gewannen seit Ende der 1960er Jahren Argumente des Humanitären auch in breiteren Kreisen entscheidendes Gewicht. Doch gerade das hatte viele Facetten; es reichte von der bloßen Apologie scheinbar Unschuldiger zu ernsthaften moralischen Überlegungen gerade im linkeren Spektrum von Öffentlichkeit, wo man trotz einwandfrei festgestellter Verbrechen wohl nicht nur taktisch für Freilassungen, sondern für die Resozialisierung eintrat. Letzteres scheint Bohr weniger zu akzeptieren. Einleuchtend entwickelt er die „doppelte Symbolfigur“ Kapplers und der vier von Breda: in Italien und den Niederlanden für deutsche Schuld und Verbrechen, im Inland „als lebende Monumente deutscher Schuld“, die stellvertretend auch für „straffrei davongekommene Täter“ (S. 371) in Haft saßen. Zu beanstanden gibt es wenig. Einmal unterläuft ihm der – verzeihliche – Fehler zu behaupten, die HIAG der Waffen-SS habe für ihr Wirken einen konstitutiven Unterschied zwischen Waffen-SS und Wehrmacht konstruiert (S. 339); das Gegenteil war der Fall: „Soldaten wie andere auch“, lautete eine ihrer Parolen. Bemerkenswert streicht Bohr am Ende seines Haupttextes (S. 351) heraus, gerade im Historikerstreit der achtziger Jahre hätten solche apologetischen Fragen keine Rolle gespielt. Die Trennung von NS-Verbrechen und Kriegführung besaß jedoch für den Autor bis zum Ende der alten BRD eine „integrative gesellschaftliche Funktion“ (S. 380), die erst seit den 1990er Jahren widerlegt worden sei. Dafür spricht einiges, doch sollte darauf hingewiesen werden, dass Andreas Hillgruber schon seit den frühen 1970er Jahren und insbesondere im Historikerstreit nachdrücklich auf die unauflösliche Verbindung von Weltkrieg und Genozid verwiesen hat. Bohr hat einen bislang zu wenig beachteten Strang bundesdeutscher Vergangenheitspolitik in seiner Bedeutung für die gesamte alte BRD sichtbar gemacht. Das ist eine wichtige Leistung.

Jost Dülffer

Jacopo Perazzoli, Il socialismo europeo e le sfide del dopoguerra. Laburisti inglesi, socialisti italiani e socialdemocratici tedeschi a confronto, Milano (Biblion edizioni) 2018 (Storia, politica, società 43), 214 S., ISBN 978-88-98490-85-1, € 20.

Mit dem Niedergang der Sozialgeschichte, des real existierenden Sozialismus und der kulturgeschichtlichen Wende vor etwa dreißig Jahren wandte sich die historische Forschung von den (west-)europäischen sozialistischen Parteien ab. Erst seit kurzem ist das Interesse wieder erkennbar gestiegen, wie an mehreren Monographien internationaler Autor/-innen ersichtlich wird. Die meisten dieser neuen Arbeiten verknüpfen erfolgreich vergleichende und beziehungsgeschichtliche Ansätze und gelangen so zu europäischen, transnationalen Frage- und Problemstellungen. In diese Linie reiht sich auch Jacopo Perazzoli mit seiner Untersuchung übergreifender Herausforderungen für den europäischen Sozialismus der Nachkriegszeit ein. Am Beispiel der britischen Labour Party, der italienischen sozialistischen Partei (PSI) und der deutschen Sozialdemokratie (SPD) möchte er einerseits aufzeigen, dass die Blickrichtung der europäischen Sozialisten in den drei Jahrzehnten zwischen 1945 und 1975 im Rahmen des dominierenden Szenarios des Kalten Krieges eher national als international war. Andererseits strebt er mittels des Vergleichs danach, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei Parteien herauszuarbeiten. Die Studie kreist um drei Analyseachsen: die ideologische Neuausrichtung im Sinne des Revisionismus, die programmatische Neugestaltung im Rahmen veränderter kapitalistischer Entwicklungen und schließlich das politische Handeln in Regierungsverantwortung mit dem Ausbau des Wohlfahrtsstaates. Bei allen gebotenen Differenzierungen streicht Perazzoli die großen Ähnlichkeiten der britischen, deutschen und italienischen Sozialisten hinsichtlich der untersuchten Felder heraus. Labour, SPD und PSI erneuerten sich bis Ende der 1950er Jahre in den jeweiligen parlamentarischen Demokratien. Ihr Revisionismus war vor allem innenpolitischer Natur, während die außenpolitische Sphäre etwa in den zentralen Parteiprogrammen deutlich vernachlässigt wurde. Bis in die 1960er Jahre hinein vollzogen alle drei Parteien den sozialdemokratischen Kompromiss, d. h. sie opferten das Konzept der Klassenpartei der Demokratie und einem Produktivitätspakt mit dem Bürgertum. Der Primat der Politik, ein positives interventionistisches Staatsverständnis und der Wille zur aktiven Gestaltung des sozioökonomischen Wandels führten in den Jahren sozialistischer Regierungsbeteiligung in Deutschland, Großbritannien und Italien zu deutlich mehr Investitionen in Bildung, Forschung und Infrastruktur. Perazzolis Arbeit zeigt zugleich, dass bei aller Gemeinsamkeit, sich an die Spitze der Modernisierung des jeweiligen Landes stellen zu wollen, der PSI oft ein wenig hinter den Vorreitern Labour und SPD hinterher hinkte. Dies lag erstens daran, dass in Italien mit der überaus starken kommunistischen Partei noch ein zentraler linker Konkurrent vorhanden war. Zweitens fand der Generationswechsel in der politischen Führung im PSI vergleichsweise spät statt. Und drittens litt der italienische Sozialismus seit der Abspaltung des sozialdemokratischen PSDI 1947 nahezu den gesamten Betrachtungszeitraum über an einer fehlenden organischen Einheit – ein Umstand, der ebenso wie die (kurze) Wiedervereinigung 1966 in der Studie bemerkenswert wenig präsent ist. Die einschlägige Literatur sowie archivalisches und publizistisches Material zu allen drei Vergleichsfällen verarbeitet der Autor souverän. Dass sich um 1970 Labour, SPD und PSI zu klassenübergreifenden Parteien mit einer Politik für mehrere, wenn nicht gar alle Bevölkerungsschichten gewandelt hatten, ist Konsens. Den italienischen Sozialisten jedoch das Attribut einer Volkspartei zuzusprechen, daran dürften angesichts von maximal knapp 15 % errungenen Wählerstimmen Zweifel bleiben. So überzeugend die Eingangsthese einer Nationalisierung der drei sozialistischen Parteien nach 1945 auf dem Feld der Ideologie, Programmatik und konkreten Politik zunächst klingt, so anders gestalten sich die Ergebnisse, wenn man neuere Arbeiten zur inter- und transnationalen Zusammenarbeit der Sozialisten berücksichtigt. Hie und da blitzen diese beziehungsgeschichtlichen Elemente in Perazzolis Buch auf, etwa wenn er von der gegenseitigen Wahrnehmung bei Parteitagen berichtet, doch böte sich hier genügend Stoff für eine neue Untersuchung. Insofern bleibt seine Analyse eine anregende, aber auch eine von mehreren möglichen Lesarten zur Geschichte des (west-)europäischen Sozialismus in der Nachkriegszeit.

Jens Späth

Julian Traut, Ein Leben für die Kultur. Reinhard Raffalt (1923–1976) zwischen Bayern, Deutschland und Italien, Regensburg (Pustet) 2018, 302 S., Abb., ISBN 978-3-7917-2936-7, € 39,95.

Nach dem Historiker Christof Dipper vollzog sich die Wiederaufnahme der (west-)deutsch-italienischen Beziehungen nach dem Zweiten Weltkrieg auf drei unterschiedlichen, zeitversetzten Ebenen: (1) der privaten, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen, (2) der politisch-institutionellen und (3) der offiziell-kulturellen Ebene (vgl. Christof Dipper, Deutsche und Italiener in der Nachkriegszeit, in: Michael Matheus [Hg.], Deutsche Forschungs- und Kulturinstitute in Rom in der Nachkriegszeit, Tübingen 2007, S. 1–20). Während man im privaten, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Sektor rasch wieder in gegenseitigen Austausch trat, und sich ab 1949 auch die politisch-institutionellen Beziehungen zwischen der jungen Bundesrepublik und Italien zu festigen begannen, intensivierten sich die offiziell-kulturellen Kontakte erst Mitte der 1950er Jahre. Die Eröffnung der Deutschen Bibliothek 1955 in Rom erwies sich aus dieser Perspektive als bedeutender Meilenstein, mit dem der Name Reinhard Raffalt untrennbar verbunden ist. Ihm hat Julian Traut eine biografische Studie gewidmet. Im Mittelpunkt der 2015 an der Ludwig-Maximilians-Universität München angenommenen Diss. steht Reinhard Raffalt als „Publizist mit kulturellen, wenn nicht gar kulturpolitischen Ambitionen“ (S. 29) und „transnationaler Mission“ (S. 216). Seine akteurszentrierte Studie, die Traut als Beitrag auf dem Feld der Auswärtigen Kulturpolitik und der Außenbeziehungsforschung ansiedelt, rahmt der Historiker methodisch mit „pragmatisch angewendeten“ (S. 25) Ansätzen der Netzwerktheorie. Der umfangreiche Nachlass des Publizisten bildet die Grundlage der Untersuchung, die Traut mit Quellenbeständen verschiedener Archive in Deutschland und Italien ergänzte. Acht Zeitzeugeninterviews, die der Historiker mit Freunden und Weggefährten Raffalts führte, komplettieren den Quellenkorpus. Wie viele Biografien beginnt auch die vorliegende Arbeit mit einer biografischen Skizze. Diese mündet in einer überzeugenden Analyse der Weltanschauung des aus Passau stammenden Publizisten, die Raffalt als einen tief im Katholizismus und bayerischen Regionalismus verwurzelten Menschen ausweist. Anschließend geht Traut mit rein kursorisch verbliebenen Anleihen aus der Netzwerktheorie auf Raffalts gesellschaftliche Vernetzung ein und benennt mit Alois Fink, Dieter Sattler, Franz Josef Strauß, Gabriele Henkel und Bruno Wüstenberg fünf „Schlüsselpersonen“ (S. 79), die Raffalts beruflichen Werdegang entscheidend geprägt haben. Über die verschiedenen, zum Teil gleichzeitig verlaufenden beruflichen Karrieren wird der Leser weiter durch Reinhard Raffalts Leben geführt, das durch viele gesellschaftliche wie karrieristische Raster fällt: als Publizist, dessen Schaffen vom tagesaktuellen Journalismus über Reiseliteratur bis hin zu Theaterstücken reichte, als Leiter der Deutschen Bibliothek und Begründer der Römischen Bachgesellschaft in Rom, als Hörfunkjournalist und Repräsentant des Bayerischen Rundfunks in Rom und als Sonderbeauftragter des Auswärtigen Amtes für die deutschen Kulturinstitute in Asien und Afrika. Abgerundet wird die Biografie durch die nützliche wie gewinnbringende Edition ausgewählter programmatischer Schriften Raffalts. Traut weist stichhaltig nach, wie Raffalt als Quereinsteiger, der knapp ein Jahrzehnt mit staatlichem Auftrag kulturpolitisch wirkte, mit neuen Veranstaltungsformaten (S. 152) und einem volkstümlichen Ansatz (S. 171) die Programmatik der Auswärtigen Kulturpolitik Anfang der 1960er Jahre richtungsweisend beeinflusste: fortan sollte nicht mehr nur die Elite, sondern auch die Masse der Bevölkerung angesprochen werden. Eine stärkere Herausarbeitung der von Traut konstatierten, beidseitig ausgerichteten, transnationalen Mission Raffalts wäre zumindest für die Zeit seiner Tätigkeit für das Auswärtige Amt wünschenswert gewesen. Hier drängt sich beim Lesen der Kapitel VII. und VIII. verstärkt der Eindruck auf, dass Raffalts kulturelles Wirken auf einen einseitigen oder zumindest asymmetrischen Transfer von deutschen Kulturinhalten nach Italien bzw. Asien und Afrika ausgerichtet war; italienische bzw. asiatische oder afrikanische Kulturinhalte nicht aber nach Deutschland importiert wurden. Als etwas befremdlich erweist sich die von Traut konsequent verwendete Zuschreibung von Reinhard Raffalt als „barock“, die ohne Definition oder engen Bezug zur gleichnamigen Epoche europäischer Kunstgeschichte auskommt („Barockmensch“, S. 14; „barock in der Lebensführung“, S. 89, „barockes Kirchenverständnis“, S. 91). Diese Wertung trägt nicht nur eine moralisierende Dimension in die ansonsten ausgewogene Darstellung des Publizisten Reinhard Raffalt hinein, sondern scheint von Weggefährten wie Gustav René Hocke oder Manfred Klaiber implementiert worden zu sein (S. 154, S. 202, S. 218). Insgesamt hat Julian Traut eine gründlich recherchierte und detaillierte Biografie von Reinhard Raffalt vorgelegt, die solide das Potenzial eines akteurszentrierten Ansatzes im Feld der Auswärtigen Kulturpolitik veranschaulicht.

Franziska Rohloff

Elisabeth Dietrich-Daum, Über die Grenze in die Psychiatrie. Südtiroler Kinder und Jugendliche auf der Kinderbeobachtungsstation von Maria Nowak-Vogl in Innsbruck (1954–1987), Innsbruck (Wagner) 2018 (Veröffentlichungen des Südtiroler Landesarchivs 44), 376 S., Abb., ISBN 978-7030-0978-5, € 29,90.

Im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der Heimskandale in Österreich untersucht Elisabeth Dietrich-Daum die Überweisung von 163 Südtiroler Kindern im schulpflichtigen Alter in die Kinderbeobachtungsstation. Da in Südtirol lange Zeit für Minderjährige mit psychiatrischen, mit psychologischen, psychosomatischen, entwicklungsbedingten und sozial begründeten Problemen Anlaufstellen mit deutschsprachigem Personal fehlten, was vor allem an den historischen Voraussetzungen lag, war es für die österreichische Psychiaterin und Heilpädagogin Maria (Nowak-)Vogl leicht, für ihre Institution, die Kinderbeobachtungsstation in Innsbruck, über Vorträge Werbung bei Eltern zu machen, aber auch mit führenden Mitarbeitern der Fürsorgeverwaltung Kontakte zu knüpfen. An sie wandten sich Eltern, Lehrer, Schulen, Heime und die Sozialbehörden. In den meisten Fällen ging es um eine Diagnose, warum sich die Mädchen oder Jungen so „unsozial“ – die Palette reichte von Schulschwänzen und Lernbehinderungen über Bettnässen bis zu Diebstählen – verhielten, und um eine zukünftige Behandlung für die schulpflichtigen Kinder – ältere Jugendliche wurden nur selten untersucht. Nowak-Vogl richtete sich nach den gesetzlichen Bestimmungen und fragte bei den Behörden nach, welche Empfehlung von ihr erwartet wurde. Der Aufenthalt in ihrer Institution dauerte von einigen Tagen bis mehrere Monate, je nach Diagnose. Dabei wurden die Kinder, die in der Regel nicht darüber informiert worden waren, warum sie sich dort aufhielten, untersucht, beobachtet und medikamentös behandelt, z. T. mit Psychopharmaka, die nicht unbedenklich waren. Am Ende stand eine Empfehlung für die Jungen oder Mädchen, die von einer weiteren Einnahme von Medikamenten bis zur Einweisung in ein Heim reichten. Dabei bevorzugte die Psychiaterin, aber auch vielfach die Eltern, österreichische Institutionen, da die italienischen als nicht konsequent genug galten, welche auch nach 1970 im Gegensatz zu Italien, wo Sonderschulen für behinderte Kinder aufgehoben und in „normale“ Einrichtungen integriert worden waren, weiterhin existierten. Der Aufenthalt war nach Aussage ehemaliger österreichischer Kinder – trotz Aufruf hat sich nur eine ehemalige Patientin aus Südtirol bei Dietrich-Daum gemeldet – qualvoll, was zu Fluchtversuchen führte – einer endete tödlich. Neben Isolierung, demütigender Behandlung, vor allem für Bettnässer, gab es körperliche Züchtigungen. Allerdings handelte es sich wohl lediglich um Ohrfeigen, die vielfach in der damaligen Zeit nicht als Züchtigung wahrgenommen wurden, sondern als „Besinnungszeichen“, das zu einer Änderung der Haltung führen sollte. Das Buch bietet eine lesenswerte Studie über die psychiatrische Behandlung von Kindern in solchen Institutionen. Allerdings vermag ein fachlich nicht vorgebildeter Leser kaum zu entscheiden, ob die Methoden Nowak-Vogls zur damaligen Zeit eine Besonderheit oder eher üblich waren. Es reicht nicht aus, sie als konservativ zu beschreiben. Im Vergleich zu Heimen, Schulen und Elternhaus wären die körperlichen Züchtigungen, sofern es sich wirklich nur um Ohrfeigen handelte, noch nicht einmal aufgefallen. Einige hätten sogar auf die Idee kommen können, sie als weichlich zu betrachten. Die Studie zerfällt in zwei Teile, die nur lose verknüpft sind: Einmal die Situation in Südtirol und einmal die Beobachtungsstation in Innsbruck, die lediglich durch die 163 Kinder zusammengehalten wird. Theoretisch hätten beide Teile als getrennte Arbeiten erscheinen können. So wird die Fürsorgeerziehungssituation in Südtirol geschildert, obwohl nur drei Kinder in dieses Schema gehörten. Problematisch ist der unreflektierte Umgang mit Zeugenaussagen ehemaliger Insassen.

Franz-Josef Kos

Daniela Adorni/Maria D’Amuri/Davide Tabor, La casa pubblica. Storia dell’Istituto autonomo case popolari di Torino, Roma (Viella) 2017 (I libri di Viella 241), 237 S., Abb., ISBN 978-88-6728-821-2, € 28.

Der Schwerpunkt des Bd. über den sozialen Wohnungsbau in Turin liegt auf der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und geht bis in die 80er Jahre hinein. Zunächst allerdings skizziert Maria D’Amuri nach den ersten noch zögernden Schritten im Königreich Piemont-Sardinien die Maßnahmen, die mit dem Umbau und der Sanierung des Turiner Stadtzentrums in den 80er und 90er Jahren des 19. Jh. einhergingen, und die Entwicklung bis hin zum Institut für den sozialen Wohnungsbau, das 1907 im Rahmen der nationalen Wohnungsbaugesetzgebung gegründet wurde; ebenso behandelt sie die Zeit des Faschismus, als dieses Institut die Immobilienbestände verschiedener Akteure auf diesem Gebiet in seinen Händen zu konzentrieren versuchte und gleichzeitig das propagandistische Programm des Regimes zur Beschaffung von Minimalwohnraum für die bedürftigsten Schichten einerseits und die Annäherung an eine Arbeiteraristokratie und bestimmte Teile der Mittelschichten andererseits unterstützte. Daniela Adorni betrachtet im zweiten Teil die Phase vom Kriegsende bis zum Beginn der 60er Jahre. Das Institut hatte in den ersten Friedensjahren mit hohen Haushaltsdefiziten zu kämpfen, weil einerseits die Ausgaben für den Wiederaufbau und die Beseitigung der Kriegsschäden vom zuständigen Ministerium für öffentliche Arbeiten nur schleppend erstattet wurden, während andererseits die Verwaltungs- und Instandhaltungskosten enorm anstiegen; einen nicht unwesentlichen Anteil an dieser Entwicklung hatte der Personalfaktor. Die Anfang der 50er Jahre getroffene Entscheidung, die höchst unterschiedlichen Mietpreise einander anzugleichen und zu erhöhen, rief zunächst erhebliche Spannungen mit den Mieterorganisationen hervor, leitete aber bald schon zu einem umfassenden Erneuerungs- und Instandhaltungsprogramm sowie zur Beteiligung an groß angelegten organischen Bauplanungen wie beispielsweise der von der Regierung geförderten Errichtung einer Satellitenstadt im Gebiet der Cascina Le Vallette über. In den Jahren des Wirtschaftswunders, als die Turiner Bevölkerung innerhalb von sechs Jahren um über 20 % zunahm und die Bodenspekulation sich zunehmend erhitzte, vermochten derartige Maßnahmen dem Bedarf an sozialem Wohnraum allerdings in keinster Weise zu genügen, während infolge eines „fast anthropologischen Wandels in der Idee vom Wohnen“ immer mehr Mieter darauf drängten, Eigentümer der ihnen zugewiesenen Wohnungen zu werden. Ein Präsidialdekret von 1959 kam diesen Bestrebungen entgegen, so dass sich der Immobilienbestand des Instituts in einigen Stadtteilen Turins um bis zu 40 %, außerhalb der Stadt auch bis zu 55 % verringerte. Insgesamt, so schließt die Autorin, lassen sich für den von ihr untersuchten Zeitraum bei allen Hindernissen und Problemen die außerordentlichen Anstrengungen des Turiner Instituts für den sozialen Wohnungsbau nicht von der Hand weisen. Im dritten Teil schließlich behandelt Davide Tabor dieselbe Zeitspanne, die er bis in die 80er Jahre hinein ausdehnt, unter soziologischen Gesichtspunkten. Anhand einer Reihe von statistischen Daten zeigt er auf, dass die – nicht nur vom Institut betriebene – öffentliche Wohungsbaupolitik nicht unwesentlich der Förderung von Wohnungseigentum diente und vorrangig den beschäftigten Arbeitern und Angestellten bzw. den Angehörigen des öffentlichen Dienstes zugutekam, während sich weniger als ein Drittel der Baumaßnahmen an die sozial benachteiligten Schichten richtete. Zweifellos seien dabei auch, so der Autor, Mechanismen der politischen Konsensgewinnung am Werke gewesen, die sich allerdings nicht auf das Verhältnis zwischen Regierungsparteien und Mittelschichten beschränkten. Das letzte Kapitel schließlich erörtert die Entwicklung der Mietermitbestimmung innerhalb des Instituts für den sozialen Wohnungsbau, die nach ersten Anfängen in den 50er Jahren im Zuge einer sich demokratisierenden Gesellschaft über die städtischen sozialen Bewegungen immer weiter ausgebaut wurde und in Turin modellhaft in die Selbstverwaltung der Energie-, Wasser- und Wärmeversorgung einmündete. Was davon nach den gesellschaftlichen Umbrüchen der letzten zwanzig Jahre geblieben ist, diese Geschichte, bemerkt der Autor, sei noch zu schreiben. Eine Zusammenstellung der wichtigsten Gesetze zum öffentlichen Wohnungsbau und ein Anhang mit einschlägigen Abb., beide besorgt von Pasquale Fedele, schließen den Bd. ab.

Gerhard Kuck

Philipp Tolloi (Hg.), Archive in Südtirol. Geschichte und Perspektiven, Innsbruck (Wagner) 2018 (Veröffentlichungen des Südtiroler Landesarchivs 45), 540 S., Abb., ISBN 978-3-7030-0992-1, € 44,90.

Der Sammelbd. „Archive in Südtirol. Geschichte und Perspektiven“ entstand aus Anlass des 30-jährigen Bestehens des Landesarchivs in Südtirol. Die Beiträge der Autor/-innen in deutscher und italienischer Sprache möchten dazu einen Überblick über die autonome Südtiroler Archivlandschaft geben. Die einzelnen Beiträge sind in folgende Rubriken geordnet: Südtiroler Archivwesen, Südtiroler Landesarchiv, Archive öffentlicher örtlicher Körperschaften, Kirchliche Archive, Medienarchive, Archivare/-innen: Ausbildung und Tätigkeiten, Außenansichten, Exkurs. Der Einstieg in das Südtiroler Archivwesen wird von Harald Toniatti aus einer rechts- und politikgeschichtlichen Perspektive auf die Vorgeschichte des Landesarchivwesens gegeben. Dabei behandelt er die Gesetzgebung und deren Verhandlungen zur Kulturautonomie Südtirols und die damit verbundene Einrichtung eines Südtiroler Landesarchivs sowie die Verabschiedung eines Landesarchivgesetzes im Jahre 1985. Auf die Entwicklung der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Bedeutung der Archivlandschaft in Südtirol konzentriert sich Hans Heiss. Er stellt den Bedeutungsgewinn der Archive in Zusammenhang mit dem Entwicklungsprozess der Autonomie Südtirols, thematisiert den daran anschließenden Wandel in der Wertschätzung sowie den aktuellen Legitimationsbedarf der öffentlichen Archive. Im folgenden Abschnitt zum Südtiroler Landesarchiv bringt Christoph Haidacher die Nordtiroler Perspektive ein und plädiert für eine engere Kooperation und Vernetzung sowie für einen regelmäßig stattfindenden Gesamttirolerarchivtag. Josef Nössing, der erster Direktor des Landesarchivs war, schreibt über seine Erinnerungen an die Zeit vor und während der Einrichtung des Südtiroler Landesarchivs. Philipp Tolloi hält eine kritische Rückschau auf die Geschichtsschreibung der Behörde des Südtiroler Landesarchivs. Er geht dabei vor allem der Frage nach, inwieweit anvisierte Ziele, wie beispielsweise eine fachgerechte Unterbringung des Archivs – um die Erschließung, Verwahrung und Zugänglichmachung des Archivgutes zu ermöglichen – trotz der damit verbundenen Schwierigkeiten, der langwierigen Bauplatzfindung und des Wartens auf den Archivbau mit der Eröffnung des Archivs im April 1985 erreicht wurden. Von der Namensgebung über die Gebäude, die Institutionalisierung und personelle Fragen und Aufgaben blickt er auf die 30 Jahre der Geschichte des gesellschaftspolitischen Umfelds des Südtiroler Landesarchivs und der allgemeinen Archivlandschaft Südtirols. Abschließend verweist Philipp Tolloi auf bevorstehende Herausforderungen wie die Digitalisierung. Im dritten Abschnitt zu den Archiven öffentlicher örtlicher Körperschaften befasst sich Verena Messner mit den Gemeindearchiven zwischen 1997 und 2007, während Hannes Obermair, Hubert Mock und Andreas Oberhofer jeweils ein Stadtarchiv vorstellen, und zwar in Bozen, Brixen und Bruneck. Claudia Fasso gibt einen Einblick in das Archivio del comprensorio sanitario di Bolzano. Unter der Rubrik Kirchliche Archive stellt Erika Kustatscher das Diözesanarchiv in Brixen vor. Die Medienarchive sind durch Beiträge von Alessandro Campaner, der sich mit der Entstehung und der Entwicklung des Fotoarchivs der Provinz Bozen beschäftigt, und Marlene Huber, die das Medienarchiv des Amtes für Film und Medien vorstellt, vertreten. Marlene Huber führt an, dass für eine europäische und transregionale Vernetzung und Weiterentwicklung des Medienarchivs seit 2005 EU-Mittel für Projekte im entsprechenden Kontext eingeworben werden. Im Kapitel zur Ausbildung und zu den Tätigkeiten von Archivar/-innen stellt zunächst David Fliri den Meraner Sammler und Archivar Karl Christoph Moeser (1877–1963) vor mit ausführlicher Biographie und Würdigung seiner Bedeutung für das Stadtarchiv Meran. Gemeinsam genutzte Ordnungssysteme der Archive der Region Trentino-Tirolese werden von Angela Mura vorgestellt. Im Anhang findet sich ein Aufstellungsverzeichnis über das Hofarchiv Brixen. Einen Rückblick auf 50 Jahre Archivschule am Staatsarchiv Bozen hat Harald Toniatti verfasst. Im Abschnitt, der sich mit den Außenansichten befasst, beschreibt Richard Niedermair seine Erfahrungen in der Archivarbeit aus der Nutzerperspektive. Margareth Lanzinger setzt sich in philosophischer und kulturhistorischer Blickrichtung mit Archiven, Quellen und Nutzer/-innen auseinander. Dabei gibt sie einen förderlichen Eindruck von verschiedenen Standpunkten in der Forschung ab dem 18. Jh. So schreibt sie: „Vor allem aber ist das Archiv Inspiration und Möglichkeitsraum.“ Der Bd. bietet einen sehr guten Überblick der Südtiroler Archivlandschaft und greift wichtige Einzelaspekte aktueller archivischer Fachthemen auf. Ein Exkurs wird abschließend von Armando Tomasi zur Entwicklung des Archivio provinciale di Trento unternommen.

Adina Eckart

Domenico De Masi, Il lavoro nel XXI secolo, Torino (Einaudi Editore) 2018 (Passaggi Einaudi), XVII, 819 pp., ISBN 978-88-06-22846-0, € 24.

Ad un primo sguardo „Il lavoro nel XXI secolo“ (Einaudi) potrebbe apparire come una risposta al „Capitale nel XXI secolo“ di Thomas Piketty (Bompiani 2013), per mole e completezza, ma più che emulare lo sforzo dell’economista francese, De Masi compie una pregevole operazione di sintesi storica che corona tutta la sua lunga attività di sociologo del lavoro. Muovendo dalla „Genesi“ biblica, arriva agli esiti più recenti della pratica postindustriale, passando per le diverse definizioni di lavoro nelle varie epoche e soffermandosi soprattutto sul passaggio dalla società industriale al lavoro immateriale. Un testo fondamentale e illuminante, destinato a segnare un punto fermo negli studi sociologici. Perché il lavoro è un tema centrale in sociologia e ha costituito l’elemento primario per la realizzazione dell’identità umana, ma con notevoli diversificazioni nel corso del tempo. Nell’antichità classica era un semplice servizio materiale di scarsa considerazione, riservato ai più umili e alle donne. Bisogna aspettare l’avvento della modernità perché diventi un bisogno, un dovere morale, lo scopo stesso dell’esistenza. È la modernità, infatti, che elabora un’etica del lavoro, principio della dignità umana, persino riconosciuto dalla Costituzione come valore universale a fondamento dello Stato. Anche se André Gorz, con spirito critico, scrive che „ciò che chiamiamo lavoro è un’invenzione della modernità“ (Metamorfosi del lavoro. Critica della ragione economica, Torino 1992), quell’etica del sacrificio e della subordinazione è stata necessaria per lo sviluppo dell’industrializzazione. L’analisi di De Masi contrappone così il lavoro nella società preindustriale e industriale a quello nella società postindustriale, dove si viene a perdere la „certezza“ del lavoro e persino la sua funzione identitaria, per certi versi sostituita dal consumismo. Le conseguenze sono evidenti: aumento della produttività e diminuzione dell’occupazione, automazione dei processi produttivi, smaterializzazione del lavoro, prevalenza del terziario, superamento del tempo libero rispetto al tempo del lavoro, sottoccupazione (benché i giovani siano in possesso di una preparazione mediamente più alta che in passato) e, infine, crisi economica. A ciò si aggiungono i problemi creati dall’applicazione di una politica economica neoliberista, che favorisce la competitività tra gli individui, la diminuzione del welfare e una crescente disuguaglianza economica, elementi che tradiscono la promessa originaria del lavoro come libertà. Un concetto già degradato a macabro slogan posto sopra l’ingresso di Auschwitz („il lavoro rende liberi“). Ma l’opus magnum di De Masi non si limita all’evoluzione storica che l’attività produttiva ha compiuto nei secoli: è anche un manifesto appassionato per la liberazione da un lavoro oppressivo, noioso, non appagante e competitivo. Il futuro che preconizza con spirito utopico, di fronte alle difficoltà che la digitalizzazione e la meccanizzazione impongono al mercato occupazionale, è alla luce della creatività e della cooperazione tra gli individui. Traspare in De Masi una predilezione per l’ozio creativo, dove l’uomo sia l’élite agiata all’interno di una società delle macchine: quasi un ritorno alla romanità che aveva praticato l’otium, opposto al meno nobile negotium, da svolgere nelle terme, luogo di piaceri, ma anche di affari e di decisioni politiche, che la cristianità ha provveduto a cancellare per la sua indecenza. Ma la società romana era classista e viveva sfruttando gli schiavi e la plebe, mentre la società postindustriale può contare, senza remore, sui benefici dell’automazione. Un mutamento che non solo impone un ripensamento sul concetto di lavoro, ma fa riflettere sulla scarsa attenzione per il lavoro intellettuale, quello più creativo per eccellenza, che per troppo tempo è stato considerato improduttivo. Adesso che la smaterializzazione ci spinge decisamente verso un’attività del pensiero, forse non sarà più necessaria la classica domanda che si poneva Joseph Conrad: „Come faccio a spiegare a mia moglie che, quando guardo dalla finestra, io sto lavorando?“.

Edmondo Montali

Published Online: 2019-11-22
Published in Print: 2019-11-01

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