Klaus Bergdolt, Kriminell, korrupt, katholisch? Italiener im deutschen Vorurteil, Stuttgart (Franz Steiner) 2018, 243 S., ISBN 978-3-515-12123-1, € 32.

Das deutsche Italienbild ist immer wieder Thema wissenschaftlicher und populärer Veröffentlichungen. Wer sich ein wenig auskennt, weiß auch um eine gewisse Redundanz, die diese Veröffentlichungen begleitet. Unbestritten ist sicherlich, dass das Urteil bildungsbürgerlicher, deutschsprachiger Autoren, besonders im 18. und 19. Jh. und vor allem im Genre des Reiseberichts von Vorurteilen Italien gegenüber geprägt war. Diese Vorurteile sind inzwischen hinreichend dargestellt und analysiert worden. Interessant bleibt aber, woher sie kamen, welche Veränderungen das 20. Jh. mit sich brachte, und wie diese Vorurteile noch heute den Blick auf Italien beeinflussen. Klaus Bergdolt, Kulturhistoriker und ehemaliger Direktor des Deutschen Studienzentrums in Venedig, erweist sich in seinem neuen Buch als genauer Kenner der Italienliteratur, mag sie von Reisenden, Schriftstellern oder Wissenschaftlern verfasst worden sein. Außerordentlich belesen, mit umfassender Quellenkenntnis nicht nur deutschsprachiger Autoren, breitet Bergdolt sein Material aus. Er beschränkt sich dabei nicht auf deutschsprachige Autoren, sondern bezieht ab und an auch den Blick der Italiener auf Deutschland ein. In seiner Arbeit geht Bergdolt thematisch vor und schildert die Entwicklung verschiedener Topoi zu Italien jeweils durch die Jahrhunderte, manchmal im 16. Jh. beginnend, vor allem aber konzentriert auf das 18. und 19. Jh. Einige Male bezieht er auch das 20. Jh. ein. Diese Ausflüge in das vergangene Jh. wirken aber leider eher zufällig und unsystematisch. In Bergdolts fachkundiger Darstellung fehlt keines der Themen und Darstellungsmuster, die die Italienbeschreibungen konstituieren: Hochschätzung der südlichen Natur und der Überreste der Antike, Verachtung der Italiener (besonders der Neapolitaner), Antikatholizismus und Ablehnung einer vom Katholizismus geprägten Alltagswelt. Als Gründe für diese Wahrnehmung benennt Bergdolt die preußisch-protestantische Prägung der Italienkritiker, ihr offen zur Schau getragenes Überlegenheitsgefühl, einen „Moralismus um jeden Preis“. Die Erwartungen der Italienreisenden, so Bergdolt, ließen eigentlich gar kein positives Urteil zu. Ihre Voreingenommenheit führte quasi automatisch zu einer selektiven und vor allem negativen Wahrnehmung. Warum es den Autoren aber so wenig möglich ist, ihren Prägungen zu entgehen, und um welche Art von Prägung es sich handelt, bleibt hier recht unbestimmt. Soziale Herkunft, Ausbildung, politische Einstellung, literarische oder wissenschaftliche Schulen und Konventionen als Grund für die deutschen Vorurteile nennt Bergdolt kaum. Dabei sind es doch die Maximen der Aufklärung, die neben Idyllendichtung und Antikenrezeption, ökonomischen und ethnologischen Theorien für die Italienliteratur des 18. Jh. erkennbar von großer Bedeutung sind. Doch warum gelingt es den Autoren kaum, sich aus ihren „Denkschulen“ zu befreien, abweichende Wahrnehmungen zu machen? Pierre Bourdieu hat für die Beschreibung einer solchen körperlichen und mentalen Prägung den Begriff des Habitus vorgeschlagen. Er erklärt, inwiefern wissenschaftliche Veröffentlichungen und Diskurse als soziales oder ökonomisches Kapital einer sozialen Gruppe angesehen werden können, als Äußerungen, die eine soziale Position ausdrücken bzw. dem Autoren zu einer besseren sozialen Position verhelfen sollen. Im Sinne dieses bourdieuschen Ansatzes hält der Rezensent es für notwendig, nicht bei den immer gleichen Urteilen deutschsprachiger Autoren über Italien stehen zu bleiben, sondern sich mehr mit den sozialen und mentalen Grundlagen der Italienwahrnehmung durch verschiedene soziale Gruppen zu beschäftigen. Besonders interessant wäre hier die genauere Beschäftigung mit dem deutschen Italienbild im 20. Jh., vom faschistischen Bündnispartner der dreißiger und vierziger Jahre bis hin zur Zeit des Massentourismus und der Mafiaberichterstattung nach der Jahrhundertwende. Bergdolt erwähnt in seinem Buch immer wieder Themen und Personen aus dem 20. Jh., kommt aber nicht zu einer deutlicheren Charakterisierung der neuen Urteile und Akteure. Täte man dies, so würde wohl auch deutlich, dass das Italienurteil mit der Wende zum 20. Jh. nicht nur positiver wurde, wie Bergdolt meint. Die Sichtweise auf den Achsen- und späteren EU-Partner blieb weiter von negativen Urteilen geprägt. Die Meinung der deutschen Öffentlichkeit über die politische Verfasstheit des italienischen Staates dürfte zu Zeiten Berlusconis im Vergleich zum 19. Jh. kaum freundlicher geworden sein. Negative wie auch positive Topoi der Italienwahrnehmung blieben im 20. Jh. aktiv, auch wenn man gern an italienischen Stränden Urlaub machte.Kay Kufeke

Faire parler et faire taire les statues. De l’invention de l’écriture à l’usage de l’explosif, études réunies par Caroline Michel d’Annoville et Yann Rivière, Rome (École française de Rome) 2016 (Collection de l’École française de Rome 520), 515 S., 81 Abb., ISBN 978-2-7283-1207-8, € 39.

Der vorliegende Tagungsbd. publiziert Vorträge zweier Tagungen mit Vertretern verschiedener geisteswissenschaftlicher Disziplinen, die im Juli 2010 und März 2011 an der École française de Rome stattgefunden haben. Ausgehend von den römischen sprechenden Figuren, allen voran dem berühmten, für die Sozial- und Literaturgeschichte Roms und darüber hinaus hochbedeutenden Pasquino (daneben aber auch Marforio, Lucrezia, Babuino, Facchino und Abate Luigi) wurden in einem großen zeitlichen Bogen von der Antike bis zum 21. Jh. die unterschiedlichsten Fälle von statue parlanti, aber auch Beispiele von Figuren, die im Sinne einer damnatio memoriae gewaltsam zum Schweigen gebracht wurden, behandelt. Im Zentrum des ersten Textblocks steht der seit 1501 an der Westspitze des Palazzo Orsini/Braschi aufgestellte Pasquino in unmittelbarer Nähe der Piazza Navona, der die École française de Rome vor kurzem ebenfalls einen umfangreichen Sammelband gewidmet hat (vgl. QFIAB 95 [2015] S. 657–659). Paola Ciancio Rossetto beschäftigt sich mit Datierung, Lokalisierung, Ikonographie der Statue unter Einbeziehung der Erkenntnisse der jüngsten Restaurierung von 2009/2010. Caterina Giannottu zeichnet die Kontinuitäten und Brüche der Entwicklungslinien der Satirepraxis am und um den Pasquino nach, wobei sie die Tradition der Figur als Ausdruck der vox populi Romani und die auf die Antike zurückgehende (durch die jüngste Restaurierung nicht mehr mögliche) Anbringung schriftlicher Satiresprüche an der Skulptur als konstitutive Elemente unterstreicht (S. 33). Die Rezeption und Verbreitung von Pasquino/Pasquill im deutschen Sprachraum, Frankreich und den Niederlanden vom 16. bis 18. Jh. bei allmählichem Zurücktreten bzw. Transformation der figürlichen Darstellung der zugehörigen Skulptur untersucht Chiara Lastraioli. Auf Beispiele von sprechenden Christus- und Marienbildern (neben denen anderer Heiliger), welche in zahlreichen Heiligenviten überliefert sind und die im 16 Jh. von protestantischer Seite kritisch bewertet wurden, verweist Jean-Marie Sansterre. Der dem antiken Orient und dem pharaonischen Ägypten gewidmte zweite Teil enthält Beiträge zu sprechenden sumero-akkadischen Votivstatuetten und deren Zerstörung (Pascal Butterlin) sowie zu ägyptischen und mesopotamischen Figuren hoher Würdenträger und Götter und deren Spezifika wie dem Ritus der Mundöffnung und der nächtlichen Traumvision eines sprechenden Gottes (David Lavergne). Der dritte Teil versammelt sechs Studien zur griechisch-römischen Antike beginnend mit einem Überblick über die sprechenden Statuen der Epoche, v. a. Grabplastiken mit entsprechenden Inschriften, aber auch Götterskulpturen (Massimiliano Papini). Eher allgemein gehalten sind die Überlegungen von Yann Berthelet zu den als Prodigien verstandenen menschlichen Regungen von Statuen (diverse Bewegungen, Weinen, Schwitzen) während der römischen Republik (mit einem Anhang zu den einschlägigen literarischen Quellen) und Sylvia Estienne, die eine wundertätige und eine prophetische Funktion von sprechenden Götterfiguren der römischen Antike von 200 v. bis 200 n. Chr. unterscheidet. Die übrigen Beiträge greifen konkrete aussagekräftige Beispiele auf: das Schicksal der Statuen des Theogenes von Thasos, eines der berühmtesten Sportlers der Antike, dessen Ruhm sich durch die gegen seine Statuen gerichtete Aktionen nur noch verstärkte (Vincent Azouley), die in der antiken Historiographie thematisierte propagandistische Rolle der Statuen von M. Iunius Brutus und Caesar im Vorfeld der Iden des März 44 (Emmanuelle Rosso) und die Instrumentalisierung der Statuen von Octavia und Poppea durch das römische Volk zur Bewertung des Verhaltens von Nero (Cyril Courrier). Der vierte Teil führt in die Spätantike und nach Byzanz. Paolo Liverani zeigt an einigen ausgewählten Beispielen die Veränderungen der Inschriftenpraxis der späten römischen Kaiserzeit und beschäftigt sich mit dem Verhältnis Text-Figur und demjenigen von Betrachter/Leser. Der in antiken Figuren angelegte Gegensatz leblos/stumm – lebendig/sprechend lässt sich in zahlreichen Epigrammen des Ausonius erkennen, die Caroline Michel d’Annoville analysiert. Opfer religiös motivierter Gewalttaten wurden in der Spätantike heidnische Götterstatuen. Gabriel De Bruyn gibt Beispiele für absichtliche Verstümmelungen der Sinnesorgane (Mund, Auge, Nase) von Götterbildern in Nordafrika in Anlehnung an Psalm 115 des Alten Testaments. Insgesamt könne aber – von wenigen Einzelfällen abgesehen – nicht von einem vom Volk ausgehenden Ikonoklasmus in Nordafrika an der Wende vom 4. zum 5. Jh. gesprochen werden (Éric Rebillard). Von Seiten der Kirchenväter und mittelalterlichen Historiker wird den antiken Statuen im byzantinischen Reich wegen ihrer Nähe zu Aberglaube und Zauberei mit Mißtrauen begegnet (Béatrice Caseau). Den Schlußpunkt der Beiträge bildet der Bericht über die definitiven Zerstörung der monumentalen Buddha-Statuen von Bamiyan durch die Taliban 2001 nach verschiedenen früheren intentionellen Beschädigungen und Konservierungsversuchen durch Zemar Tarzi, der selbst über sieben Jahre an der Restaurierungsarbeiten beteiligt war. Ein knapp gehaltener Sachindex und Zusammenfassungen der Beiträge beschließen diesen anregenden Steifzug durch die Kulturgeschichte der sprechenden Skulptur, der einerseits die bedingte Vergleichbarkeit der verschiedenen statue parlanti zu erkennen gibt (real spechend, sprechend mittels Manipulation, sprechend durch beigegebene Texte oder statuenimmantente Aussagen unter völligem Verzicht auf verbale Botschaften) und andererseits die besondere Bedeutung und Wirkung des römischen Pasquino als satirische Figur par excellence untersteicht.Alexander Koller

Christopher Clark, Time and Power. Visions of History in German Politics, from the Thirty Years’ War to the Third Reich, Princeton, N.Y.-Oxford (Princeton University Press) 2019 (The Lawrence Stone Lectures), X, 293 pp., ill., ISBN 978-0-691-18165-3, GBP 25.

Questo volume, scandito in quattro capitoli che corrispondono ad altrettanti periodi della storia tedesca, e che sono disposti lungo una traiettoria cronologica che va dalla Guerra dei Trent’anni all’epoca nazista, ha un obiettivo molto ambizioso. Il suo oggetto, infatti, è il modo nel quale il potere politico sviluppa di volta in volta una propria specifica accezione della temporalità; come esso si rapporta, cioè, alle dimensioni del passato, del presente e del futuro, e come, attraverso formule e combinazioni diverse, le connette le une con le altre. Da Koselleck in avanti, nello strumentario concettuale della storiografia la consapevolezza della frattura tra un prima – contraddistinto da una percezione del tempo ispirata dalla prospettiva della historia salutis o dalla suggestione della sua ciclicità – e un dopo – caratterizzato invece da una spinta alla rescissione dei legami del presente con il passato e dal forte orientamento del primo verso il futuro – è diventata poco meno che un luogo comune. Lo stesso si può dire della nozione di Sattelzeit, ovvero dell’epoca, distesa grosso modo tra metà Settecento e metà Ottocento, durante la quale, attraverso fenomeni culturali o politici come l’illuminismo, la rivoluzione francese, lo sviluppo delle filosofie della storia ottocentesche, prese forma la nuova percezione del tempo e, insieme ad essa, l’idea di moderno; un moderno inteso come costante proiezione verso il futuro (e verso il progresso), sullo sfondo di una supposta linearità del tempo storico. La crisi della modernità di cui si è molto discusso negli ultimi decenni ha, però, indubbiamente intaccato la fiducia di una visione della storia così concepita; quanto meno, ha notevolmente contribuito a complicare e rimettere in discussione quest’ultima. È a partire dalle sollecitazioni imposte da questo campo di tensione, con il quale l’autore dialoga appassionatamente in sede tanto di introduzione quanto di conclusioni, che Christopher Clark elabora un proprio originale tragitto di perlustrazione della storia tedesca tra età moderna e età contemporanea, concentrando l’attenzione su quattro figure: l’elettore Federico Guglielmo, suo nipote Federico II re di Prussia, Otto von Bismarck, Adolf Hitler. Impegnato in un costante braccio di ferro con gli Stände – e, dunque, con la loro percezione della temporalità, tutta orientata all’esaltazione del passato e dei suoi valori – Federico Guglielmo fece dell’embrionale esecutivo statale cui dette vita una „macchina della storia“, ed elaborò il futuro facendo leva sulle opportunità offertegli da uno stato d’eccezione (la Guerra dei Trent’Anni) che seppe trasformare in strumento permanente di legittimazione delle sue scelte dirompenti. A Samuel Pufendorf, ingaggiato come storico di corte, sarebbe poi spettato il compito di glorificarne l’opera di eversore della tradizione. Federico II, invece, pur immerso nella temperie culturale illuminista, intrattenne con il passato un rapporto d’altro tipo. In un contesto storico in cui la battaglia contro il tradizionalismo cetuale era ormai divenuta qualcosa di inattuale, egli cercò l’alleanza con l’aristocrazia che il suo avo qualche decennio prima aveva combattuto e sconfitto. Piuttosto che alla percezione lineare del tempo implicitamente proposta da Pufendorf, egli si ispirò a una temporalità di tipo ciclico, dialogando intensamente da classicista – quale egli soprattutto si concepiva – con l’antichità, considerata come un repertorio di exempla da riproporre o rinnovare attraverso il proprio personale operato. Bismarck, dal canto suo, del nuovo orientamento della storia verso il futuro, pur non apprezzandolo affatto – dal momento che lo identificava con lo spirito di rivoluzione che da fine Settecento in poi s’era impadronito dell’Europa – non poté che prendere atto e concepì la propria politica come una partita a scacchi nel corso della quale egli cercò di bloccare le mosse dell’avversario (la modernità liberale) attraverso il rilancio strategico della prerogativa regia e più in generale dell’istituto monarchico, visti come colonne del passato capaci di garantire la sopravvivenza dello stato nel turbolento presente. Il nazismo, infine, sviluppò visioni plurime della temporalità. Quella di Hitler non coincideva con quella di Darré, e quella di Speer era diversa da quelle di entrambi. Tuttavia, pur intrattenendo un rapporto strumentalmente redditizio con alcune forme della modernità, il regime nazista – a differenza di altri regimi totalitari come il fascismo e il bolscevismo – mirò fondamentalmente a disconnettere il presente da un ancoramento a una percezione della storia intesa come sviluppo lineare e immaginò il tempo come eternità; una eternità nella quale l’elemento coesivo era offerto dalla supposta continuità biostorica e razziale, al cui interno passato remoto germanico e presente nazionalsocialista si tendevano la mano. Quello di Clark è un libro di grandi scenari, ciascuno dei quali viene, tuttavia, riproposto con magistrale padronanza di fonti, letteratura, dibattiti storiografici relativi. Può accadere di non rimanere del tutto persuasi da qualche sua parte. A me, per esempio, non ha convinto del tutto l’interpretazione di un Federico II tutto rispecchiato in un solipsismo classicista che l’avrebbe tenuto lontano da un autentico apprezzamento della dimensione processuale della storia proposta dal suo amico Voltaire e da parte significativa della cultura illuminista. Ma il disegno a sequenze che l’autore traccia è straordinariamente interessante, acuto, creativo, e consegue pienamente l’obiettivo di rimettere proficuamente in discussione un tema di importanza fondamentale per la storia; non solo tedesca.Marco Meriggi

Wael B. Hallaq, Restating Orientalism. A Critique of Modern Knowledge, New York, NY (Columbia University Press) 2018, X, 380 pp., ISBN 978-0-231-54738-3, € 41,99.

L’Orientalismo: cosa espone e cosa nasconde? Nell’esplorare questa domanda Wael B. Hallaq stabilisce i meriti e suggerisce allo stesso tempo i limiti del lavoro più noto di Edward Said. Rifiutando di limitare la questione dell’orientalismo a un campo disciplinare isolato o a una categoria circoscritta, l’autore di questo volume accuratamente argomentato spinge il dibattito oltre la semplice contestazione e l’adeguamento degli studi ereditati sull’„Oriente“. Insiste sul fatto che tali studi forniscono delle chiavi per aprire la porta ai protocolli epistemologici dell’ordine occidentale della conoscenza. Questa è una sfida alle premesse della modernità. Perché se l’Occidente ha storicamente elaborato la sua egemonia sul mondo attraverso l’identificazione, la costruzione e la subordinazione degli „orientali“ resi „altri“, allora lo smantellamento di questo concetto porta anche all’indebolimento e alla dispersione dello stesso Occidente. Secondo il nostro autore, questa è precisamente la strada che Edward Said ha mancato di percorrere. Se l’Orientalismo di Said è stato un segnale politico molto significativo, è stato anche un fallimento critico. Alla fine non è riuscito ad affrontare i poteri che accademicamente autorizzavano e alla fine hanno bloccato la sua sfida storica ed epistemologica. Piuttosto che un’aberrazione o un’eccezione, il campo degli studi orientali tradisce tutte le condizioni dell’ordine di conoscenza occidentale. È qui che Said non riesce a cogliere la portata critica della propria argomentazione mentre inciampa nella faglia provocata dallo scavo dell’epistemologia che fonda le discipline accademiche moderne. Così come la critica di Orientalismo di Said potenzialmente propone una critica della formazione europea delle scienze umane e sociali, „Restating Orientalism“ diventa una critica altamente significativa e percettiva della modernità stessa. L’interlacciamento del capitalismo e del colonialismo occidentali, delle gerarchie razziali e dell’apprendimento istituzionale, della conoscenza e del potere, della sovranità e dell’umanesimo, stabilisce le modalità della modernità e con esse i limiti del „critico e studioso liberale“. Cosa e chi parla qui: „... è la dimostrazione psico-epistemica di un particolare soggetto che articola il mondo interamente attraverso categorie moderne disincantate, che sono intrinsecamente incapaci di apprezzare intellettualmente e tanto meno simpatizzare spiritualmente con fenomeni non secolaristi-umanisti.“ In altre parole, la critica di Said agli studi sull’Oriente di aver ridotto questo a un oggetto silenzioso da classificare e controllare intellettualmente arriva a toccare, senza mai veramente scendere nella sua struttura più profonda, la conoscenza che autorizza non solo quel particolare campo di studio ma tutte le scienze umane e sociali e la loro pretesa di validità universale. Questa prospettiva, elaborata in maniera sofisticata, è il nucleo critico del volume di Hallaq. In questa sede non c’è possibilità di recuperare le sottili argomentazioni avanzate dall’autore sulla Shari’a come ordine etico alternativo che mette in forte discussione la sovranità del soggetto liberale e le ipotesi unilaterali dell’umanesimo occidentale. La compressione dell’apprendimento e del potere che caratterizza la biopolitica dell’ordine moderno della conoscenza è in netto contrasto con „la relazione tra conoscenza e potere nella tradizione islamica della premodernità“, anche se „non laico, tradizionale e forse offensivo per le sensibilità liberali moderne, incluse quella di Said“. Questo contesto diverso, distaccato dalla sovranità moderna che opera in modo razionale e „scientifico“ come se fosse al di là della natura (producendo un nuovo soggetto umano come „oggetto di moderne forme di potere“), registra un’interrogazione critica. Come minimo, siamo invitati a riconsiderare la trasparenza dell’illuminazione razionale che rende la vita, la terra e il tempo asserviti al suo ordine in un’impresa coloniale monitorata dalla legge implacabile del „progresso“ e della sua „tirannia epistemica“. La necessità di rimuovere le minacce a quell’ordine – ridotte alle note antropologiche e all’esotica marginale dell’Orientalismo – produce gli stessi effetti strutturali del colono e del genocidio che denudano il terreno e svuotano il territorio. Questa proposta provocatoria di Hallaq ci porta al centro stesso della produzione coloniale e genocida della modernità europea. Qui, come sostiene l’autore in modo molto efficace, la pretesa neutralità universale della scienza europea collude nelle tenebre con l’imposizione micidiale dell’Occidente sul resto de pianeta. Anche questa è una storia della „nostra“ storia destinata a interrogarci.Iain Chambers

Cora Presezzi (a cura di), Streghe, sciamani, visionari. In margine a „Storia notturna“ di Carlo Ginzburg, Roma (Viella) 2019 (Studi del Dipartimento di Storia Antropologia Religioni Arte Spettacolo / Università degli Studi di Roma La Sapienza 16), 460 S., Abb., ISBN 978-88-3313-212-9, € 39.

Die fünfzehn Beiträge dieses Bd. bewegen sich auf einer Metaebene: Sie sind den unterschiedlichsten Aspekten von Carlo Ginzburgs 1989 erschienener Studie „Storia notturna. Una decifrazione del sabba“ gewidmet, also Interpretationen einer Interpretation, die bei ihrem Erscheinen ebenso heftige wie methodologisch fruchtbare Diskussionen aufwarf und nicht zuletzt deshalb bis heute von grundsätzlichem Interesse ist. Die ausschlaggebende Frage, warum dieser Text drei Jahrzehnte nach seinem Erscheinen weiterhin aktuell sein kann, wird allerdings weder in der Einführung noch in den verschiedenen kommentierenden und analysierenden Artikeln, die aus zwei Tagungen der Jahre 2014 und 2015 hervorgegangen sind, gestellt oder beantwortet. Stattdessen wird die Signifikanz des Untersuchungsobjekts schlicht vorausgesetzt, fraglos zurecht, doch nicht eben leserfreundlich. Weiter hilft hier allein der bei weitem aussagekräftigste Beitrag, der aus der Feder von Carlo Ginzburg selbst: Unter dem Titel „Viaggiare in spirito, dal Friuli alla Sibiria“ zeichnet er nicht nur bemerkenswert uneitel und manchmal mit milder Ironie und ebensolcher Distanz zu seinen Anfängen, speziell zu dem markanten Klassenkampf-Standpunkt seiner frühen Arbeiten, den Weg nach, der ihn zur Niederschrift seiner vier „klassischen“ Texte zu den Benandanti (1966), dem Müller Menocchio und seinem aus Käse und Würmern zusammengesetzten Weltbild (1976), dem Ausnahmekünstler Piero della Francesca, seinen Fresken in Arezzo, deren Auftraggebern und ihren Status-Strategien (1981) und eben dem Hexensabbat führte – eine bemerkenswert konzise geistige Autobiographie in Kurzform. Waren die Studien zu den Geistkämpfern gegen die Hexen in Norditalien und dem häretischen Müller im Friaul „Microstoria“ par excellence, also Fallstudien, die qua Relevanz, Aussage- und Ausstrahlungskraft ein sehr viel weiteres (mentalitäts)geschichtliches Umfeld erhellten, so zog die „Storia notturna“ im Gegensatz dazu weite und kühne interkulturelle Vergleiche, zum Beispiel zur Werwolf-Phobie im Baltikum und zum sibirischen Schamanentum. Speziell die Frage der Vergleichbarkeit so verschiedenartiger Phänomene, die Ginzburg durch ähnliche populäre Vorstellungswelten gewährleistet sah, provozierte Kritik und Debatten, aber auch Anstösse und Weiterentwicklungen. Diesen Perspektiven sind die dreizehn Beiträge gewidmet, die den weitgespannten Interessen und Kenntnissen des in Theologie, Philosophie und Anthropologie profunde verankerten Historikers Ginzburg entsprechend ein weites Spektrum von Einzelfragen behandeln und sich dabei vom „Gravitationszentrum“ der „Storia notturna“ teilweise recht weit entfernen, ohne es völlig aus dem Auge zu verlieren. So untersucht Alessandro Catastini die Zusammenhänge zwischen alttestamentlichen Propheten und Schamanen, Gaetano Lettieri deutet diese und den Hexensabbat im Licht der Offenbarung des Johannes, Luca Arcari vergleicht die ekstatischen Zustände des Sabbats und der Schamanen mit analogen Erscheinungen in der jüdischen Religion und im frühen Christentum, die Hg. Cora Presezzi liest Ginzburgs Referenzwerk vor dem Hintergrund der Simon Magus-Erzählung, Andrea Annese zieht dazu eine Hexenerzählung des Nikolaus von Kues, Luigi Canetti Berichte von Besessenheit aus Spätantike und Mittelalter heran; Margherita Mantovani beleuchtet die „Storia notturna“ von der Seite der jüdischen Dämonologie, Raffaella Cavallaro schlägt einen weiten Bogen zu den „Jenseitserfahrungsberichten“ von Antonin Artaud (1896–1948), Mario Casu zur Philosophie Wittgensteins als Anregung und Ausgangspunkt Ginzburgs, Doriana Licusati zu Sigmund Freud und Francesco Berna zu Michel de Certeau, Sergio Botta zu den Schamanen-Studien von Mircea Eliade. Den Abschluss bilden eine breiter angelegte Analyse von Marcello Mustè zur Einbettung von Ginzburgs Methode in das Zeitklima Italiens während der 1960er und 1970er Jahre sowie eine umfassende Bibliographie Ginzburgs, der 2019 seinen achtzigsten Geburtstag feiern konnte. Mit dem vorliegenden Bd. ist ihm eine „Festschrift“ besonderer Art vorgelegt worden, in der mit profunder (und nicht immer leicht zu rezipierender) Gelehrsamkeit die Vielschichtigkeit und Provokationskraft seines Oeuvres nachgewiesen wurde – ein angemessenes Geschenk für einen bedeutenden Historiker und zugleich ein starker Anreiz, seine Haupttexte im Licht veränderter Zeitverhältnisse erneut zu lesen und zu durchdenken.Volker Reinhardt

Cordula Reichart (Hg.), Italienische Texte zur politischen Theorie – von Dante bis Agamben, München (utzverlag GmbH) 2019 (Münchener Italienstudien 4), 357 S., Abb., ISBN 978-3-8316-4506-0, € 54.

Der vorliegende Bd. ist eine Anthologie von Texten italienischer Denker vom 13. bis zum 20. Jh. Es sind dies: Dante Alighieri, Marsilius von Padua, Francesco Petrarca, Katharina von Siena, Niccolò Machiavelli, Ludovico Ariosto, Francesco Guicciardini, Olympia Morata, Giordano Bruno, Galileo Galilei, Giambattista Vico, Vittorio Alfieri, Ugo Foscolo, Alessandro Manzoni, Giacomo Leopardi, Ippolito Nievo, Gabriele D’Annunzio, Ardengo Soffici, Antonio Gramsci, Curzio Malaparte, Pier Paolo Pasolini, Giorgio Agamben, Antonio Tabucchi, Adriana Cavarero und Andrea Segre. Strukturell werden jeweils zunächst kurze Textauszüge in deutscher Übersetzung geboten, dann folgt eine konzise Interpretation aus literaturwissenschaftlicher Perspektive. Auch wenn sich immer trefflich über solche Anthologien streiten lässt, gibt der Bd. einen Einblick in die Vielfalt italienischer Beiträge zur Kultur des Politischen in Europa, sowohl einer breiteren Öffentlichkeit als auch Absolventen von (geschichtswissenschaftlichen u. a.) Seminaren.Tobias Daniels

Dizionario storico tematico „La Chiesa in Italia“, diretto da Filippo Lovison. Vol. 1: Dalle origini all’Unità Nazionale, a cura di Luigi Michele de Palma e Massimo Carlo Giannini; vol. 2: Dopo l’Unità Nazionale, a cura di Roberto Regoli e Maurizio Tagliaferri, Roma (Associazione Italiana dei Professori) 2019 (Associazione Italiana dei Professori di Storia della Chiesa nel cinquantesimo anniversario di fondazione, 1967–2017), VIII, 624; VIII, 530 pp., ISBN 978-88-944102-0-4; 978-88-944102-1-1, € 40 ogni volume.

Come viene precisato nell’introduzione dell’opera, firmata dal suo direttore P. Filippo Lovison, i due volumi pubblicati dall’Associazione Italiana dei Professori di Storia della Chiesa altro non sono che l’edizione cartacea di quella online consultabile all’indirizzo http://www.storiadellachiesa.it/ (20.9.2020) e in un certo senso rimandano alla fonte digitale, aggiornata, integrata e corretta anche dopo l’apparizione dei volumi a stampa. Questo solo fatto rende piuttosto arduo il compito del recensore, che si trova a maneggiare un materiale potenzialmente fluido, perché considerato dagli stessi curatori non definitivo o in progress, come viene esplicitamente detto. Le osservazioni che seguono riguarderanno esclusivamente l’edizione cartacea, posto che si tratta comunque di un’opera a stampa, suscettibile in quanto tale di una specifica e complessiva valutazione critica. L’oggetto del „Dizionario“ vuol essere la storia della Chiesa cattolica in Italia dalle origini ai nostri giorni, scomposta, per così dire, in 297 lemmi redatti da 130 diversi autori. Il presupposto da cui l’opera prende le mosse – stando almeno alla citata introduzione del direttore – riguarda l’asserita rintracciabilità di „elementi comuni“, di „caratteristiche salienti del cattolicesimo in Italia dall’inizio del Cristianesimo ad oggi“, che avrebbero impresso un tratto indelebile di „identità cattolica“ alla „formazione di un sentimento di unità nazionale“, sfociato nella „lenta benché contrastata formazione di uno Stato unitario“ (pp. VII–VIII). Ad essere chiamata in causa come orizzonte unificante e canone ispiratore del „Dizionario“ sembrerebbe pertanto una rappresentazione della storia della Chiesa in Italia messa in diretto rapporto con la conformazione dell’identità nazionale e, di conseguenza, focalizzata sull’immagine dell’Italia come „nazione cattolica“ per eccellenza. Tale punto di vista avrebbe tuttavia richiesto una più ampia e impegnativa argomentazione preliminare ed esplicativa, in considerazione delle rilevanti controversie che vi si sono accumulate in un arco di tempo plurisecolare, e delle rivisitazioni critiche e storiografiche che ancora in epoca recente ne sono scaturite (illustrate, del resto, con sintetico vigore, nel lemma „Patria-Nazione“ incluso nel secondo volume). D’altra parte, un’analisi più ravvicinata dei contenuti di molti lemmi suscita la sensazione che ad una siffatta, e non poco ambiziosa, linea programmatica abbiano corrisposto solo in parte, e spesso assai marginalmente, le trattazioni effettivamente prodotte da un alto numero di collaboratori: sicché l’opera appare nell’insieme carente di una percepibile omogeneità d’impianto, se non di un’idea-guida che effettivamente la sorregga, oltre a presentare una considerevole difformità di criteri, anche solo di natura formale, nella struttura dei singoli lemmi (a cominciare dal carattere altamente disomogeneo delle bibliografie che li corredano e che in pochi casi sono addirittura assenti). Va in secondo luogo osservato che l’aver posto la proclamazione dello Stato nazionale (ma più precisamente la presa di Roma del 1870) quale momento rigidamente periodizzante anche per la storia della Chiesa in Italia, tanto da assumerlo come criterio giustificativo della divisione del „Dizionario“ in due distinti volumi, sebbene non manchi di una sua legittimità, sia fonte di notevoli inconvenienti nell’articolazione dell’opera, a cominciare dalla totale difformità (e diciamo pure incomparabilità) degli orizzonti temporali presi in considerazione in ciascun volume, e dal conseguente sdoppiamento di vari lemmi, per alcuni dei quali sarebbe parsa molto più appropriata un’unica trattazione: come, per fare degli esempi, nei casi dei lemmi „Cattolicesimo intransigente“, „Cattolicesimo liberale“, „Laicità-Laicismo“ (un abbinamento discutibile, che oltretutto, forse per una svista, viene trattato in un lemma ripetuto in forma identica nei due volumi), „Liberalismo“, „Massoneria“ ecc. Per non parlare, poi, della impropria collocazione nel primo volume di taluni lemmi, come „Neoguelfismo“ o „Rosminianesimo“, i cui intimi nessi con gli argomenti affrontati e sviluppati nel secondo risultano evidenti sotto ogni profilo. Un’ulteriore considerazione merita l’obiettiva difficoltà in cui si sono trovati gli ideatori del „Dizionario“ nell’enucleare una storia della Chiesa in Italia che non risultasse, per così dire, sovrastata dalla storia del Papato, rendendo più problematica la delimitazione dello stesso campo d’indagine posto alla base del „Dizionario“. Neppure sotto questo profilo è agevole individuare un criterio uniforme e ben definito per quanto attiene alla scelta e ai contenuti di molteplici lemmi. Nel senso che, accanto a trattazioni che si attengono rigorosamente allo spazio istituzionale e territoriale della Chiesa in Italia, se ne trovano altre, di non secondario rilievo, che tale spazio trascendono decisamente, o non gli attribuiscono un valore vincolante. Così, per fare qualche esempio, solo alcuni dei numerosi lemmi dedicati agli organismi curiali, e in modo particolare alle Congregazioni romane, si preoccupano di fornire, oltre ad informazioni sulle loro competenze e modalità di funzionamento, anche notizie e riscontri sulle ricadute e gli effetti esercitati dal loro operato e dalle loro delibere sulla Chiesa in Italia (mentre, in altri casi, tali notizie si trovano, ma presentano un carattere prevalentemente episodico). In modo analogo si avverte una considerevole difficoltà a leggere le vicende dei concili ecumenici (tra i quali vengono presi in considerazione esclusivamente quelli localizzati nello spazio geografico italiano) in rapporto al tessuto istituzionale e agli orientamenti pastorali della Chiesa in Italia. Come esempio della suddetta difficoltà si potrebbe citare la voce dedicata al „Concilio di Trento“, inclusa nel primo volume, che si limita a offrire una sintesi, in sé pregevole e bene argomentata, dell’andamento e dei deliberati del concilio tridentino; oppure la voce, inserita nel secondo volume e di taglio essenzialmente cronachistico, riguardante il „Concilio Vaticano I“, nella quale appare soprattutto enfatizzato l’apporto dell’episcopato italiano alla formulazione del dogma riguardante l’infallibilità pontificia. L’accento posto sull’asserito protagonismo dei vescovi italiani lascia una sua impronta, costituendone quasi il motivo saliente, anche sul successivo lemma dedicato al „Concilio Vaticano II“; ma in questo caso si è avvertita l’opportunità di parlare dei riflessi e delle ricadute dell’evento conciliare sulla Chiesa in Italia introducendo un apposito lemma riguardante la sua „Recezione“, intesa per la verità in senso molto estensivo. Se per questi, ed altri, motivi il „Dizionario“ offre il fianco a vari rilievi per quanto attiene al suo impianto generale e alla sua interna struttura, una valutazione più puntuale e dettagliata richiederebbero le centinaia di voci che lo compongono: impresa impossibile nello spazio di una breve recensione. Ci limiteremo pertanto ad alcune osservazioni di fondo. La prima riguarda il marcato dislivello qualitativo che contraddistingue le diverse trattazioni, tra le quali si affiancano voci molto bene impostate ed esaurienti, pur nel loro carattere sintetico, prodotte da studiosi autorevoli che dominano l’argomento perché è stato oggetto di loro particolari ricerche, ad altre molto più abborracciate, talora esageratamente estese o disorganiche o puramente elencative (limiti in qualche caso attribuibili anche alla presenza di lemmi implicanti una vastità di orizzonti pressoché incontrollabile, come „Teologia“, „Filosofia“, „Pittura“, Scultura“, e così via). Una seconda osservazione riguarda la considerevole diversità di valutazioni, implicite od esplicite, riflesse in particolare dalle voci (molto numerose nel secondo volume) che investono più direttamente i rapporti tra la Chiesa e l’ordine socio-politico, o, per meglio dire, le diverse stagioni di tali rapporti: un ambito tematico da cui affiorano con maggiore evidenza non solo le differenti convinzioni degli autori e delle autrici, ma anche le dissonanze tra le tradizioni culturali e le scuole storiografiche da cui provengono: il che potrebbe anche venir considerato il segno di un implicito e positivo pluralismo come connotato strutturale del „Dizionario“, ma al prezzo di qualche sconcerto in chi lo consulta. E certo non giova all’opera la presenza di numerosi errori di stampa, per non parlare di alcune clamorose sviste di fatto, a cui un buon correttore bozze avrebbe facilmente rimediato: come l’attribuzione a Firenze del ruolo di prima capitale dello Stato italiano (vol. II, p. 389) o la datazione al 1942 dell’Asse Roma-Berlino (vol. II, p. 154); ma persino l’autorevole direttore dell’opera sembrerebbe essere incorso nella sua introduzione in uno scambio di papi, confondendo Pio IX con Pio XII (p. VI)!Francesco Traniello

Andreas Sohn (Hg.), Benediktiner als Päpste, Regensburg (Schnell & Steiner) 2018, 384 S., Abb., ISBN 978-3-7954-3359-8, € 49,95.

Mit der Namensgebung „Benedikt“ von Kardinal Joseph Ratzinger nach seiner Wahl zum Nachfolger von Papst Johannes Paul II. am 19. April 2005 knüpfte er an die älteste Ordensfamilie in Europa an und gab damit seinem Pontifikat eine spirituelle und thematische Ausrichtung. Während der langen, bis in das 6. Jh. zurückreichenden Geschichte des Benediktinertums sind daraus mehrere Päpste hervorgegangen, die in der vorliegenden Studie vorgestellt werden. Der zeitliche Schwerpunkt liegt im Mittelalter, bindet aber auch das 19. Jh. mit ein; inhaltlich geht es im Kern darum, inwieweit die Ordensprägung das Verständnis und die Ausübung des Petrusamtes beeinflusste. Den sechs Teilen des Buches vorangestellt sind einleitende Beiträge von Andreas Sohn und von Klaus Herbers zu einzelnen Benediktinern als Päpsten, zum Verhältnis zwischen Mönchtum und Papsttum im Mittelalter, deren wechselseitige Beeinflussung z. B. bei der Bedeutung der monastischen Gemeinschaft für die Kirchengemeinschaft, in der Güterverwaltung und der Rolle von Benediktinern im päpstlichen Umfeld greifbar ist. Zentral ist der Beitrag von Pius Engelbert zur Frage, ob Gregor der Große tatsächlich als Benediktiner angesehen werden kann, was in dem im 20. Jh. vornehmlich von Benediktinern geprägten Diskurs widerlegt wurde; demgegenüber hebt er Gregors Bedeutung für die spirituelle Ausformung des Benediktinertums hervor. Daran schließt sich Hans-Henning Kortüm an mit einer Darstellung des Benediktiners Gerbert von Aurillac und späteren Papstes Silvester II. während seines besonders in politisch anspruchsvoller Hinsicht schwierigen Pontifikats. Der Bedeutung des Klosters Montecassino im Zeitalter der Kirchenreform im 11. und frühen 12. Jh. geht Christof Paulus in seinem Beitrag zu den Päpsten Stephan IX., Viktor III. und Gelasius II. nach, die zuvor dem Konvent dieser Abtei angehörten. Alle drei Pontifikate zeichneten sich vor allem im Konflikt mit dem imperium durch ihre ganz individuelle Haltung aus, ohne eine übergreifende Cassinesische Prägung erkennen zu lassen. Denyse Riche zeigt in ihrer Untersuchung, dass Papst Urban II. als ehemaliger Vertrauter Papst Gregors VII. die Reformen seines Vorgängers fortsetzte. Korbinian Birnbacher beschreibt das Verhältnis zwischen den vier Salzburger Erzbischöfen bzw. einem Gegenerzbischof im Zeitraum der Jahre von 1060 bis 1164 zu den 16 Päpsten bzw. 10 Gegenpäpsten, die in diesem Zeitraum amtierten. Auch wenn die Erzdiözese besonders gegenüber den Reformpäpsten als treu gilt, lässt sich keine herausgehobene Förderung der Erzbischöfe nachweisen. Das zweite Hauptkapitel ist den benediktinischen Gegenpäpsten gewidmet. Ursula Vones-Liebenstein kann bei ihrer Spurensuche zum Aufstieg und zum Sturz Gregors (VIII.) wichtige Einzelheiten zu den frühen Lebensstationen ermitteln. Die Wahl Anaklets II. 1130, die ein acht Jahre währendes Schisma einleitete, stellt Umberto Longo vor. Im dritten Hauptteil fragt Ernst Tremp nach der Rolle der Zisterzienser, vor allem von Bernhard von Clairvaux, der sich mehrfach an Papst Eugen III., vormals Abt der Zisterze Tre Fontane bei Rom, gewandt hat. Hans-Dieter Heimann verbindet Papsttum und Mönchtum während des Pontifikats des Zisterziensers Benedikt XII., der Mitte des 14. Jh. eine Reform der religiösen Orden durch Übertragung zisterziensischer Ordnungsvorstellungen anstrebte. Im 4. Hauptkapitel zu den benediktinischen Päpsten des späten Mittelalters weist Karl Borchardt in seinem Beitrag zu Cölestin V. auf jene, v. a. strukturellen Merkmale hin, die die Cölestiner von den Benediktinern unterschieden. Dazu zählte die befristete Amtszeit eines Cölestinerabtes, wodurch auch sein Rücktritt vom Papstamt in neuem Licht erscheint. Étienne Anheim hebt am Beispiel von Papst Clemens VI., der sich Zeit seines Lebens als Mönch der Abtei La Chaise-Dieu sah, die intensive Prägung eines Papstes durch sein Mutterkloster hervor. Die überraschende Wahl Urbans V., der 1362 ohne vorheriges Kurienamt vom Abtsstuhl auf den Papstthron gewählt wurde, und seine letztlich gescheiterten Bemühungen einer Reform der Kurie stellt Ludwig Vones vor. Die beiden Beiträge des fünften Kapitels zu den Päpsten in der Frühen Neuzeit sind Pius VII. gewidmet, dessen Biografie im ausführlichen Beitrag von Bernard Ardura vorgestellt wird, hier besonders die spannungsreichen Beziehungen zu Napoleon Bonaparte. Giuseppe M. Croce widmet sich dem Pontifikat Gregors XVI., der sein Amt eher nach traditionellen Vorstellungen ausübte. Das letzte Hauptkapitel besteht aus dem umfangreichen kunstgeschichtlichen Beitrag von Wolfgang Augustyn zu den bildlichen Darstellungen der Benediktinerpäpste, deren monastische Prägung mit Ausnahme von Cölestin V. nicht in ihr Erscheinungsbild als Päpste aufgenommen wurde. Eine Bündelung der Beiträge von Dieter J. Weiß sowie deren Zusammenfassung in Deutsch, Französisch und Englisch, zudem ein Personennamen- und Ortsregister beschließen diesen Bd., der ein zentrales Thema vor allem des mittelalterlichen Benediktinertums aufgreift und weiterentwickelt und so die Forschung zur Ordensgeschichte bereichert, in der die Rolle des Papsttums stets von hoher Bedeutung ist.Jörg Voigt

Agostino Paravicini Bagliani/Maria Antonietta Visceglia, Il Conclave. Continuità e mutamenti dal Medioevo ad oggi, Roma (Viella) 2018 (La storia. Temi 66), 312 pp., ISBN 978-88-3313-026-2, € 27.

La storia del conclave – e dico storia per escludere il registro divulgativo o ciarlatano del giornalismo „vaticanista“ – può essere affrontata da molti punti di vista che richiedono, a parità di impegno critico, un diverso impianto euristico. C’è infatti una dimensione del conclave che lo vede come parte di una „storia delle istituzioni“ della chiesa latina e individua in questo segmento della storia della procedura di elezione dei vescovi, e del vescovo di Roma in particolare, scansioni utili a capire le ragioni e le fasi di una specificità che si modifica nel tempo: il conclave come istituzione, dunque, che in quanto tale ha una straordinaria capacità di imporre una grammatica di legittimità, così che – modalità dopo modalità, prassi dopo prassi, norma dopo norma – l’assetto vigente dia garanzie di rapida chiusura della vedovanza della chiesa di Roma, attraverso un risultato a cui non si possa opporre nulla tanto meno un uso antico, perché il mutamento delle istituzioni avviene sempre incistando ciò che è dismesso nelle pieghe ordinamentali della procedura. Il che spiega perché dopo il grande naufragio dello scisma d’Occidente l’istituto si riproponga e perduri fino all’esito paradossale dei secoli XIX e XX, quando un segreto pensato per impedire l’intromissione di poteri statuali ostili non impedisce l’esercizio della esclusiva imperiale contro il card. Rampolla nel 1903 e attira l’interesse morboso dei media per uno dei pochi atti dai quali sono teoricamente esclusi. Ma del conclave si può anche fare una storia che – col titolo del classico studio di Richard Zöppfel del 1871 – potremmo definire „storia delle cerimonie“: una storia che cerca e trova nelle prassi rituali quella „Spitze“ (per prendere in prestito la formula coniata da Joachim Jeremias per le parabole) che garantisce il risultato; rispetto a a questa „punta“ tutti gli aspetti simbolici si prestano ad una interpretazione allegorica che disegna altre costellazioni passibili di una lettura nel quadro di altre forme cerimoniali di trasferimento del potere e oggetto di importante rivisitazione nella società dei media, con risultati di cui Federico Ruozzi diede conto in un volume della casa editrice Treccani sul Conclave del 2013 – di cui non si tiene qui conto e che invece saranno un attore sempre più pervasivo nel conclave del futuro. Ed è di questa seconda modalità di lavoro storico che si serve il volume qui presentato. Una parte di esso la si deve ad Agostino Paravicini Bagliani, dottissimo scriptor e codicologo della Biblioteca Vaticana e della sua scuola, a lungo professore di storia medievale a Losanna ed ora presidente di quella benemerita istituzione fondata da Claudio Leonardi che è la SISMEL, custode nella Certosa del Galluzzo di un sapere specializzato nel latino medievale di cui tutti i dotti conoscono il rigore e la portata. Una seconda parte è dovuta invece a Maria Antonietta Visceglia: allieva di Armando Saitta, professore di storia moderna prima a Roma Tre e poi alla Sapienza di Roma, presidente della SISEM e membro della Giunta storica nazionale italiana, essa ha molto lavorato sulla storia economica del mezzogiorno italiano, per poi passare allo studio della corte papale secondo un approccio comparativo di grande fecondità scientifica. Entrambi erano già passati vicino al tema nella serie „Morte e elezione del papa. Norme, riti e conflitti“ edita da Viella nel 2013 curando l’uno la sezione medievale e l’altro quella moderna. A quella ricerca attinge ora quest’opera che si presenta come opera divulgativa, se non quasi come prenotazione di un posto di riguardo nel momento ritornante in cui – crede experto – stuoli di diplomatici, giornalisti, lettori ignari di tutto si interessano al conclave perché ne è iniziato uno: in realtà è un’opera piena, che riconsidera ed estende i due lavori precedenti citati poc’anzi e che pone un problema critico non di poco conto. Infatti gli autori si propongono di fare una storia del conclave, compresa dunque entro la spanna cronologica XI e XXI secolo, che include tre eventi del tutto eterogenei: in primis l’opera affronta la morte del papa (o la sua rinunzia) che è atto spesso imprevedibile e naturale, e che dunque sfocia in una dimensione funeraria che è stata a sua disposizione, e che esprime il classico topos pontificio d’una ripetitività rituale che nella sua (presunta) immobilità esalta la dimensione istituzionale; poi esamina l’elezione del papa (il conclave vero e proprio) che è atto normato canonicamente e che si svolge secondo regole che sono state esse pure a disposizione del defunto ma nella quale è un soggetto collettivo, il corpus dei porporati, che immette volontà diverse dentro una machina canonica; e infine esplora i riti di intronizzazione, che, salvo qualche ritocco, sarebbero gli stessi chiunque fosse stato eletto. Sussumere questi tre elementi sotto la voce „il conclave“ è una ragionevole semplificazione editoriale, ma una operazione storico critica tutt’altro che banale, tenendo anche conto del fatto che c’è un periodo non proprio brevissimo (un migliaio d’anni di storia cristiana) in cui la morte, l’elezione e la collocazione del vescovo di Roma sulla sua cathedra avviene entro regole, forme, riti, simboli diversi da quelli conclavari, ma portatori di una medesima istanza di legittimazione teologica. Il volume dedica alla questione della elezione del vescovo di Roma nel primo millennio una breve e puntuale sezione (pp. 15–24): e poi segue le premesse e lo sviluppo della prassi conclavaria con una grana storiografica appena diversa nelle due parti, che procedono per „grappoli“ di papi il cui destino rituale, entrando o uscendo di scena, ripete caratteri consimili. Paravicini Bagliani fornisce dunque una catalogazione dotta ed esaustiva di tutte le fonti relative alla disciplina, alla cronaca conclavaria e alle dimensioni liturgiche; restano più sullo sfondo dei suoi interessi i paralleli da adottare o esorcizzare, ma soprattutto resta sullo sfondo il mutamento della autocomprensione del papato che si esprima nella ripetizione e nell’accomodamento dei riti relativi vuoi al corpo malato del papa regnante, vuoi al corpo morto del papa defunto, vuoi al corpo vivo e mobile dell’eletto. Visceglia propone viceversa una serie di suggestioni comparative di straordinaria ricchezza e complessità: le vicende anche militari che circondano il passaggio di pontificato, nonché le dinamiche dell’ordine pubblico, servono a mettere in luce la volontà di smarcarsi o accodarsi agli stilemi delle corti e della corte pontificia, talora con qualche cosa che è meno ovvio ricondurre ad una mera ripetizione con varianti modello „moderno“: la storica romana legge però nella „esigenza di autonomia del Collegio“ la cifra che aveva ispirato „tutta la normativa del conclave di Età moderna“ (p. 221), cosa che sarebbe enormemente inesatta se si riferisse alla dimensione ecclesiologica e non a quella cerimoniale, il cui impatto sul piano dello sviluppo dottrinale sarebbe tutto da dimostrare. Tutto il volume, infatti, considera poco rilevanti le implicazioni che eccedono la forma strettamente rituale e implicano sviluppi ecclesiologici. Faccio due esempi. È certo che Innocenzo III sia il primo papa eletto per scrutinium e il Lateranense IV il primo concilio che formula una teoria dell’elezione del vescovo (pp. 34 sg.): ma non credo si possa tacere il fatto che la mutata concezione della monarchia pontificia agisce come e più della disciplina e della procedura. Ed è certissimo – posto che sia più che ovvio che il Vaticano II, che ha una sua storia e una sua storiografia, sia stato la prima e più urgente preoccupazione di Paolo VI – che il concilio ebbe un impatto sul conclave (p. 229): ma perché propose una ecclesiologia che guardava con occhi antichi e dunque nuovi al ministero petrino. Chi ne cercasse la riprova proprio la troverebbe in vari punti di età medievale, di età moderna ed anche di età contemporanea: ad esempio la scomparsa di ogni „intronizzazione“ del rito con cui il vescovo di Roma inizia il suo ministero non esprime in nulla quella continuità con le acquisizioni di età moderna a cui si allude sul finire; e per altro verso la tesi assai bislacca con cui, all’indomani della renuntiatio ratzingeriana, il suo segretario ha provato a distinguere fra l’esercizio del munus petrino (che Benedetto XVI avrebbe dismesso rendendolo disponibile al suo successore) e il possesso di quel munus, quasi che fosse un ottavo sacramento, mostra quanto conti la concezione del papato. Cito questi casi – ma si potrebbe prendere Pio IV e l’immunità degli elettori o Bonifacio VIII e la costruzione del suo mito o molti altri esempi nel volume – non per insinuare che ci sia la minima parentela fra l’approccio di Paravicini Bagliani e Visceglia e quella stucchevole e obsoleta postura intellettuale, di solito comune alla più ottusa storiografia apologetica e alla più ottusa storiografia anticlericale, che ritiene che delle dimensioni dottrinali debba occuparsi il teologo, considerato come un ermeneuta privilegiato di aspetti preclusi allo studio critico o come corpo estraneo da espungere dal regno dei saperi positivi: ma c’è una scelta. E cioè quella di lasciare le implicazioni dottrinali, le questioni teologiche, le concezioni ecclesiologiche – che possono e devono essere storicizzate adottando gli strumenti propri del lavoro storico-critico basato sullo studio delle fonti, esattamente come si fa con le dottrine politiche, le filosofie della scienza, le teorie del diritto ecc. – di lato: il che esalta quella dimensione propria della istituzione conclavaria che, dopo avere subito quelle che gli autori chiamano „mutamenti“, „innovazioni“, „cambiamenti“ e „rivoluzioni“, si può pacificamente dire che è rimasta in continuità con la sua storia, istituzionale e/o cerimoniale.Alberto Melloni

Francesco Salvestrini (a cura di), La memoria del chiostro. Studi di storia e cultura monastica in ricordo di padre Pierdamiano Spotorno O.S.B., archivista, bibliotecario e storico di Vallombrosa (1936–2015), Firenze (Olschki) 2019 (Studi sulle abbazie storiche e ordini religiosi della Toscana 3), X, 767 S., Abb., ISBN 978-88-222-6590-6, € 78.

In ihren kurzen Erinnerungen spricht Sofia Boesch Gajano von der „profonda e pluridisciplinare competenza“, von einer mit „bonarietà e ironia“ gepaarten „serietà professionale“ (S. 764) und verweist damit auf den 2015 im Alter von 79 Jahren verstorbenen ehemaligen Archivar und Bibliothekar der Abtei Vallombrosa, Pierdamiani Spotorno. Wie kein Zweiter kannte er sich in der Bestandstektonik der von ihm betreuten Institutionen aus und stellte dieses Wissen großzügig all denjenigen zur Verfügung, die als Forscher den Weg in die toskanische Abtei fanden. In vielen der 31, in drei große Abschnitte (I. „Storia“; II. „Filosofia, liturgia, codicologia e letteratura“; III. „Arte e architettura“) gegliederten Beiträge wird explizit Bezug auf die Persönlichkeit eines Mannes genommen, der prägend wirkte. Viele Aufsätze beschäftigen sich mit einzelnen Regionen, in denen die Präsenz der Vallombrosaner nicht nur kulturell prägend war, sondern auch den (hochmittelalterlichen) Reformgedanken maßgeblich beförderte. Cécile Caby richtet den Blick auf Frankreich (S. 23–43) und schreckt vor klaren Positionierungen nicht zurück: sie bezweifelt einen größeren Einfluss der vita vallombrosana auf die institutionelle Entwicklung des eben entstehenden Zisterzienserordens und wendet sich damit klar gegen die auf mehreren Jubiläumskolloquien zuletzt immer wieder vorgebrachte These, Stephen Harding habe sich bei der Abfassung der 1119 entstandenen Carta caritatis, dem zentralen Verfassungsdokument der Zisterzienser, von seinen Erfahrungen in Vallombrosa inspirieren lassen. Ausführlicher geht sie auf die einzige Klostergründung in Frankreich ein, die Verbindungen zu Vallombrosa aufwies, ohne freilich jemals integraler Bestandteil der congregatio selbst zu sein: Chézal-Benoît im Berry. Ugo Antonio Fossa beschäftigt sich mit einem in der Diözese Fiesole gelegenen und 1153 den Kamaldulensern zugesprochenen Kloster, Santa Margherita di Tosina, und schildert dessen Geschichte konsequent vom Beginn bis ins 18. Jh. (S. 125–153). Auch hier hielt sich die Konventsstärke in Grenzen: 1233 lebten acht Personen, darunter vier Konversen, im Kloster. Geographisch war es gut gelegen: auf halber Strecke zwischen Camaldoli und Florenz. Erhalten geblieben ist eine der frühesten volkssprachigen Inventarlisten von 1317, die in einem Anhang (S. 145–153) präsentiert wird. Auch Smeraldo Rustega, Abt des nahe Abano gelegenen Klosters San Daniele in Monte, hatte um die Mitte des 15. Jh. unter der offensichtlich mangelnden Attraktivität seines Klosters zu leiden. Francesco G. B. Trolese widmet sich dieser Persönlichkeit vor dem Hintergrund eines erhaltenen Testaments (S. 155–176; Edition S. 174–176). Rustega hatte es 1450 kurz vor seiner Abreise nach Rom verfasst, wo er der spirituellen Segnungen des Heiligen Jahres teilhaftig werden wollte. Eingegangen wird nicht nur auf die Vita des Abtes, der sich eng dem paduanischen Reformkloster von S. Giustina verbunden fühlte, sondern auch auf die Geschichte des Klosters, dem er 43 Jahre bis zu seinem Tod 1474 vorstehen sollte. Während Sergio Pagano vier päpstliche Urkunden des 14.–16. Jh. präsentiert und ediert (mit einer littera conservatoria Johannesʼ XXII. von 1322 als Ausgangspunkt), in denen die Besitzungen von Vallombrosa unter päpstlichen Schutz gestellt werden (S. 73–90), richtet der Hg. Francesco Salvestrini seinen Blick auf die Mobilität der Mönche aus Vallombrosa im Zeitraum vom 11.–14. Jh. und geht dabei auf frühe Formen eines Generalkapitels ein, zu dem sich alle Äbte des Ordens in regelmäßigem Abstand in unterschiedlichen Klöstern versammelten (S. 45–60). Auf diesen conventus abbatum wurde die Expansion des Ordens beschlossen. Äbte bzw. Mönche reisten auch, um ihren Visitationspflichten nachzukommen und so das vinculum caritatis, das sämtliche Klöster untereinander verband, zu stärken. Einige dieser Aussagen lassen die Ausführungen von Cécile Caby in etwas kritischerem Licht erscheinen. Der Ordensgründer Giovanni Gualberti ist Gegenstand zweier Beiträge von Antonella Degl’Innocenti (S. 439–458) und Roberto Angelini (S. 585–639). Während Erstere sich einer Kurzvita des Gründers aus der Feder des Gregorio di Passignano widmet und diese auch ediert, analysiert und ediert Letzterer ein Preisgedicht auf Giovanni Gualberti, verfasst zu Beginn des 16. Jh. von Ugolino Verino. Deutlich wird dabei, welche hagiographischen Konjunkturen der Ordensgründer im Abstand dreier Jh. durchlief. Der Bd. ist eine Fundgrube für all diejenigen, die sich mit der Geschichte der Vallombrosaner in Italien befassen. Thematisch und zeitlich decken die Beiträge ein breites Spektrum ab – und so ist es nicht verwunderlich, dass ihre Qualität mitunter schwankt. Einiges liest sich als wenig originelle Beschreibung eines status quo innerhalb der Forschung (mitunter um einige Thesen erweitert, die zukünftiger Forschung die Richtung weisen), während sich anderes – insbesondere dort, wo Editionen eine Rolle spielen – als neuer und wichtiger Forschungsbeitrag präsentiert. 50 Abb. in s/w ermöglichen ein tieferes Verständnis der Beiträge. Dies wäre auch Aufgabe eines Generalindex gewesen, dessen Erstellung leider unterblieb.Ralf Lützelschwab

Simonetta Valtieri, Percorrendo la Via Papale da Ponte Sant’Angelo a piazza di Pasquino. Storia, società e architetture di Roma rinascimentale nei rioni di Ponte e di Parione, Roma (GB EditoriA) 2018 (Collana Arti), 176 S., Abb., ISBN 978-88-99618-71-1, € 46.

Enzo Bentivoglio/Simonetta Valtieri, Palazzo del Governo Vecchio a Roma. Sul palazzo già del cardinale Stefano Nardini e sulle sue trasformazioni dal XV secolo a oggi, prefazione di Francesco Prosperetti, Roma (GB EditoriA) 2019 (Collana Arti), 136 S., Abb., ISBN 978-88-99618-89-6, € 30.

In den beiden Bänden stehen eine Reihe von Bauwerken im Mittelpunkt, die Zeugnis von der Bedeutung der römischen Stadtviertel (rioni) Ponte und Parione ablegen. Durchzogen wurden diese Rioni – wie der Titel des Bd. von Simonetta Valtieri betont – von der via papalis, dem alten Prozessionsweg von St. Peter zur Laterankirche, und zwar im Abschnitt von der Engelsbrücke bis hin zur Statue des Pasquino nahe der Piazza Navona. Hier kamen die Päpste vorbei, wenn sie von ihrem Krönungsort zu ihrer Residenz am Lateran und ihrem angestammten eigentlichen römischen Bischofssitz zogen. An den prächtigen Fassaden konnten Markierungen von Tiberüberschwemmungen oder antike Spolien, insbesondere Säulen, verbaut worden sein. An den Nrn. 60 und 61 der Via del Banco di Santo Spirito kann man sogar noch heute eine mittelalterliche Portikus bewundern. Es war der Della Rovere-Papst Sixtus IV. (1471–1484), der viele Bauprojekte in dieser strategisch gelegenen Gegend mit seinen Banken und benachbarten Märkten anstieß. Ausgestattet mit dem Geld des Jubeljahres 1475 konnte er 1480 die Bulle Etsi de cunctarum erlassen, die Enteignungen zum Nutzen der Allgemeinheit vorsah. Den urbanistischen Eingriffen fiel auch alte Bausubstanz wie die Kirche San Salvatore ad Arco mit einem antiken Bogen zum Opfer. Große Pläne verfolgten ebenso Julius II. (1503–1513) und Leo X. (1513–1521). Dank der sog. „Descriptio Urbis“ von 1526/1527 kommt man auch vielen mehr oder weniger prominenten Bewohnern der beiden Rioni auf die Spur (S. 52, 57–59). Die Autorin bringt die Tatsache, dass es nun Säulen und Loggien in den – mitunter von den Nachbarn gemeinsam genutzten – Höfen gab, mit Sixtus IV. in Verbindung. Da der Papst solche Bauelemente nach außen hin zur Begradigung der Straßen verboten hatte, verlagerte sich nun ein Teil des öffentlichen Lebens in die Innenhöfe, die auch zur Aufstellung von Statuen genutzt wurden (S. 80 f.). Bei den urbanistischen Vorhaben der Päpste übten die kommunalen Maestri di Strade die Bauaufsicht aus; sie durften gelegentlich an den Inschriften zum Lob des Stadtherrn neben dem päpstlichen Wappen auch ihr eigenes anbringen. Im 19. Jh. wurde mit Brachialgewalt der 20 m breite Corso Vittorio Emanuele II durch die gewachsenen Strukturen geschlagen, wobei immerhin einige Seitenstraßen im Originalzustand belassen wurden. Zu den herausragenden Gebäuden in dieser Gegend gehört der sog. Palazzo del Governo Vecchio, den die beiden Kunsthistoriker Enzo Bentivoglio und Simonetta Valtieri zusammen untersuchen. Sein prekärer baulicher Zustand und die offene Frage seiner sinnvollen Nutzung sorgten in den letzten Jahren für heftige Diskussionen in den Medien. Akribisch werden die Bauphasen analysiert. Der eigentliche Bauherr, der aus Mailand stammende Kardinal Stefano Nardini († 1484), hatte seinen Palast der Erlöser-Bruderschaft und einem Studentenheim (Collegio Nardini) überlassen. Seinen Namen verdankt das Gebäude dem Umstand, dass es von 1624 bis 1755 der Sitz des Governatore di Roma war, der danach in den Palazzo Madama umgezogen ist. Unter den verschiedenen Mietern und Okkupanten erlangten die Feministinnen des Movimento di Liberazione della Donna, die die Immobilie von 1976 bis 1984 besetzt hielten, eine gewisse Berühmtheit. Den Autoren gelingt es, mit Archiv- und Bildquellen die Baugeschichte des Palazzo durch die Jahrhunderte zu rekonstruieren. Involviert waren dabei bekannte Architekten wie Gioacchino Ersoch und Francesco Vespignani. In den letzten Jahrzehnten stand immer einmal auch zur Debatte, ob man den in den Besitz der Kommune Rom übergegangenen Palast nicht dem Archivio Capitolino und dem Istituto Storico Italiano per il Medioevo übergeben könnte (S. 86). Eine solche Nutzung würde dem geschichtsträchtigen Ort endlich seine alte Würde zurückgeben.Andreas Rehberg

Georgios Theotokis/Aysel Yildiz (Eds.), A Military History of the Mediterranean Sea. Aspects of War, Diplomacy, and Military Elites, Leiden-Boston (Brill) 2018 (History of Warfare 118), XV, 473 pp., ill., ISBN 987-90-04-31509-9, € 100.

Il volume curato da Georgios Theotokis e Aysel Yildiz ha uno scopo ambizioso: settant’anni dopo la pubblicazione del capolavoro di Fernand Braudel, riportare il Mediterraneo al centro della riflessione storiografica come luogo di conflitto tra civiltà, mantenendo però un approccio multidisciplinare e uno sguardo allargato ad ambiti non strettamente militari. Nelle parole dei curatori, „this collection of essays aims to offer a vertical history of war in the Mediterranean, from the early Middle Ages to the early Modernity, putting the emphasis on the changing face of several different aspects and contexts of war over time“. Vaste programme, si potrebbe commentare: perché nonostante il notevole valore scientifico dei diciotto studi che compongono la raccolta, ciascuno dei quali meriterebbe una recensione approfondita, l’impressione finale non è certo quella di una coerente „vertical history“ attraverso un millennio di conflitti mediterranei. La prima sezione („Naval Activity“) è dedicata alle operazioni delle diverse marine da guerra in un orizzonte cronologico e geografico vastissimo: si va dal Mediterraneo occidentale tardoantico (Tilemachos C. Lounghis, „The Byzantine War Navy and the West, Fifth to Twelfth Centuries“) alle acque veneziane della prima età moderna (Lilia Campana, „The Defence of the Venetian Dominio da Mar in the Sixteenth Century: Ship Design, Naval Architecture, and the Naval Career of Vettor Fausto’s Quinqureme“), con ampio spazio dedicato poi alla storia del potere navale ottomano (Elina Gugliazzo, „Sea Power and the Ottomans in the Early Modern Mediterranean World“, e Wayne H. Brown, „Conflict and Collaboration: The Spanish and Ottoman Navies in the Mediterranean, 1453–1923“). La seconda sezione del volume („Weapons & Armour“) è riservata invece a problemi relativi ad alcune specifiche armi utilizzate nell’orizzonte mediterraneo: nonostante il notevole valore scientifico dei tre contributi che la compongono (Raffaele D’Amato, „A Sixth or Early Seventh Century AD Iconography of Roman Military Equipment in Egypt: The Deir Abou Hennis Frescoes“; Georgios Theotokis, „Swkoς: An Unusual Byzantine Weapon“; Iason-Eleftherios Tzouriadis, „Post-Byzantine Art and Western Influences in Military Iconography: The Case of Staff Weapons in the Work of Michael Damaskenos“) questa parte della raccolta appare davvero troppo limitata per rispondere alle promesse del titolo generale. La terza sezione („Strategy & Command“) è incentrata sulle operazioni navali e (soprattutto) terrestri relative al tentativo latino di riconquistare la Terrasanta (Alan V. Murray, „The Middle Ground: The Passage of Crusade Armies to the Holy Land by Land and Sea“; Cornel Contea, „The Theory of the Passagium Particulare: A Commercial Blockade of the Mediterranean in the Early Fourteenth Century?“; Stephen Bennett, „Faith and Authority: Guy of Lusignan at the Battle of Acre (4th October 1189)“; Ian Wilson, „By the Sword or by an Oath: Siege Warfare in the Latin East 1097–1131)“: anche in questo caso, nonostante l’indiscutibile originalità e valore dei singoli contributi, lo sguardo è forse troppo parziale perché si possa parlare di una „storia militare del Mediterraneo“. La quarta sezione („Military Literature“) è aperta dal contributo di Philip Rance, „Late Byzantine Elites and Military Literature: Authors, Readers and Manuscripts (c. 1050–c. 1450)“, che offre interessanti squarci sulla cultura militare del tardo impero d’Oriente, ed è di più ampio respiro rispetto ai successivi saggi di Nikolaos Kanellopoulos, „The Byzantine Influence on the Military Writings of Theodore I Palaiologos, Marquis of Monferrat“, e di Savvas Kiriakidis, „Warfare in the Histories of John Kantakouzenos“, che si limitano all’analisi delle opere di singoli autori. L’intera sezione rimane limitata all’ambito bizantino: un riconoscimento (perfettamente legittimo) del valore della trattatistica imperiale de re militari, ma ancora una volta uno sguardo parziale, mentre in un volume sul Mediterraneo sarebbe stato opportuno dedicare almeno un contributo alla letteratura militare islamica. Il titolo della quinta e ultima sezione („Military Roles within Society) promette di abbracciare realtà e temi molto ampi: l’arco cronologico e lo spazio coperto sono effettivamente vastissimi, e i saggi di grande interesse, ma si resta nell’ambito di specifici case studies senza una visione d’insieme. Leggiamo, nell’ordine: Stathis Birtachas, „Stradioti, Cappelletti, Compagnie or Milizie Greche: ‚Greek‘ Mounted and Foot Mercenary Companies in the Venetian State (Fifteenth to Eighteenth Century)“; Chrysovolantis Papadamou, „A Secret War: Espionage in Venetian Corfu during the Construction of the San Marco Fortress“; Jacopo Pessina, „Rather the Wealth to Support Their Status than Their Quality as Soldiers. The Social Position of the Officers in Lucca’s Ordinanze della Montagna, 1550–1600“; Aysel Yildiz, „Commanders in the Janissary Army: The Janissary Agas, Their Career and Promotion Patterns“. In conclusione: un volume ricchissimo, che offre a giovani e validi studiosi l’occasione di proporre i risultati delle loro ricerche in una serie di grande prestigio, ma non la storia militare del Mediterraneo promessa dal titolo.Gastone Breccia

Antonio Trampus (a cura di), Venezia dopo Venezia. Città-porto, reti commerciali e circolazione delle notizie nel bacino portuale veneziano tra Settecento e Novecento (Trieste, Fiume, Pola e l’area istriano-dalmata), Trieste (Mosetti) 2019 (Istituto Regionale per la Cultura istriano-fiumano-dalmata), 127 S., Abb., ISBN 978-88-942878-6-8.

Egidio Ivetic, Storia dell’Adriatico. Un mare e la sua civiltà, Bologna (Il Mulino) 2019 (Biblioteca storica), 434 S., Abb., ISBN 978-88-15-28557-7, € 32.

Einen Atlas der Hafenstädte am nordöstlichen Rand der Adria möchte Antonio Trampus, ein Triestiner an der venezianischen Universität Ca’ Foscari, sichtbar machen. Die Aufsätze des ersten Projektbd. sollen die nicht allein ökonomische, sondern kulturelle wie institutionelle Funktion der Hafenstädte von Venedig bis Triest (und darüber hinaus in Istrien und Dalmatien) darstellen. Wie sich Häfen und städtische Räume gegenseitig durchdrungen hätten, und in welchem Maße die oberadriatischen Hafenstädte miteinander verflochten geblieben seien, auch nach dem Erlöschen der Serenissima 1797, gelte es herauszuarbeiten, so einleitend Trampus. Diesem Anspruch vermag der erste schmale Sammelbd. „Venezia dopo Venezia“, den Trampus herausgegeben hat, noch nicht gerecht zu werden. Trampus versammelt ein Konglomerat disparater Aufsätze, etwa über italienischen Likör (Rosolio) aus Triest zwischen Fiume, Venedig und New York (David Do Paҫo) sowie Bergbautechniken zwischen dem Piemont und Istrien (Fabio D’Angelo). Diese Darstellungen eingeschränkter Reichweite vermögen den komparatistischen Ansatz eines Atlante storico (auch einer kartographischen Darstellung) der nördlichen Adria nicht einzulösen. Ohne ein vertieftes Studium der Archivbestände lässt sich keine vergleichende Gesamtgeschichte der unterschiedlichen adriatischen Hafenstädte schreiben. So erfüllten beispielsweise Pola und Triest, die Trampus im Blick hat, völlig unterschiedliche Aufgaben im Kontext des österreichischen Litorale des 19. Jh. In den Jahrzehnten bis zum Ersten Weltkrieg erlag Pola (an der Südspitze Istriens gelegen) seiner militärischen Monofunktion für die österreichisch-ungarische Kriegsmarine, und das spätestens seit 1904/1905 im Konflikt zwischen Kriegsmarine und italienischer Stadtbevölkerung. Anders der aufblühende Handelshafen Triest: In den Jahren der österreichischen Budgetüberschüsse (1900–1904) verschrieb sich die k. u. k.-Regierung Ernest von Koerber der wirtschaftlichen Entwicklung Cisleithaniens. Von Koerbers Initiative profitierte Triest – anders als Istrien – stark, indem eine zweite Schienenverbindung zum Hafen (Tauern-Karawanken-Bahn) gebaut und die Erweiterung der Hafenanlagen selbst in Angriff genommen wurde. Aber mit den führenden Vertretern der italienisch-liberalen Partei von Triest koordinierte Koerber diese öffentlichen Investitionen nicht. Hätte Koerber die gemäßigten Liberalen im österreichischen Haupthafen nicht zum volkswirtschaftlichen Zusammenspannen verlocken können, wenn er ihnen seine volle Unterstützung für die lokale Infrastruktur angeboten hätte? Wie sollte eine Verständigung zwischen dem städtischen (italienischen) Raum und dem österreichischen Staat zustande kommen? Ökonomische Prioritäten, die von oben gesetzt wurden, konnten die Lösung der nationalen Fragen in Österreich jedenfalls nicht herbeiführen. Man nehme die neue (und kohärente) Geschichte der Adria von Egidio Ivetic (der an der staatlichen Universität zu Padua lehrt) zur Hand. Diese „Storia dell’Adriatico“ (2019) liefert ein präzises Manual. Der Reichtum an Nachrichten, den Ivetic liefert, ist enorm. Er verfolgt genau die unterschiedlichen Herrschaftsräume der West- und Ostküste dieses Mediterraneo minimo, und das seit der Antike. Über die italienischen Comuni und Signorie der westlichen (italienischen) Adriaküste, überhaupt die Kultur des Mittelalters, des Humanismus und der italienischen Renaissance, die sich in einer Myriade von kleineren kulturellen Zentren materialisierte, arbeitet Ivetic sich zum Aufschwung Venedigs vor, der mit dem 9. Jh. datiert. Spätestens seit der großen Entfaltung der venezianischen Seerepublik im 15. Jh. gingen die Stadt und das Meer eine Symbiose ein, il veneto da mar avancierte zur lingua franca des Adriatischen Meeres. Handel und Wandel bewegten sich auf der Achse Venedig, Istrien und Dalmatien auf und ab. Ein venezianisches Commonwealth entstand. Istrien war die erste – nur 100 km entfernte – Peripherie Venedigs, ein nahes „Ausland“, das sich freilich in zwei Istrien – das küstenländisch-venezianische und das inneristrisch-habsburgische – ausdifferenzierte (mit einer starken slawischen Einwanderung im Mittelalter). Im selben 14. Jh., als Venedig die Herrschaft über die istrische Westküste etablierte (Capodistria, dann Pirano, Cittanova, Parenzo, Rovigno und Pola, schließlich die Quarnerischen Inseln und weiter bis nach Korfu), setzte sich das Haus Habsburg an der Adria fest, in Inneristrien und Triest. Triest, Ancona und Fiume bestritten seit dem 18. Jh. die venezianische Vorherrschaft. Nachdem Napoleon die schwappende Leinwand Venedigs eingerissen hatte (1797), charakterisierte ein wirtschaftlicher Polyzentrismus den Adriaraum in den folgenden beiden Jahrhunderten, und Triest stieg zum global player des 19. Jh. auf. Ivetic vermag nicht alle Lücken der italienischen Historiographie zu schließen, der istrische Historiker hat die Geschichte der Kunst vernachlässigt und schenkt den künstlerischen Einflüssen der Ostküste auf die italienische arte eine zu geringe Aufmerksamkeit, aber Ivetic verwendet kroatische Quellen und bleibt in dichter Beschreibung am intensiven Austausch zwischen den Küsten der Adria dran. Sein Kompendium löst historiographisch ein, was bei Trampus (auch kartographisch) noch aussteht: eine auf den neuesten Stand der Quellenforschung gestützte Vermessung des „kleinen Mittelmeers“.Frank Wiggermann

Dante Fedele, Naissance de la diplomatie moderne (XIIIe–XVIIe siècle). L’ambassadeur au croisement du droit, de l’éthique et de la politique, Baden-Baden (Nomos Verlagsgesellschaft) 2017 (Studien zur Geschichte des Völkerrechts 36), 846 pp., ISBN 978-3-8487-4127-4, € 198.

Con questo imponente volume, Dante Fedele offre agli studiosi della diplomazia e dello stato d’età tardomedievale e protomoderna una ricerca destinata a diventare un classico degli studi su questi temi. La storia della diplomazia, dopo essere stata a lungo considerata una sottodisciplina limitata alla ricostruzione evenemenziale del sistema degli stati nazionali europei, è tornata negli ultimi decenni prepotentemente sul tavolo degli storici del politico grazie a una serie di importanti aperture metodologiche. In questo processo di revisione, che in parte – grazie a una fortunata definizione di John Watkins del 2008 – va sotto l’etichetta di New Diplomatic History, questo libro si iscrive con notevole maestria, indubbia originalità e impressionante ampiezza di riferimenti. Fedele si propone di analizzare in modo critico il discorso che si costruisce fra il XIII e il XVII secolo intorno alla figura dell’ambasciatore attraverso i trattati sull’ambasciatore. Tale insieme di testi comprende tanto trattati veri e propri dedicati all’ambasciatore, quanto parti di altri testi giuridici di diritto canonico e civile che parlano del tema, quanto infine un vario gruppo di ricordi, memoriali, testi difficilmente definibili come il „De officio legati“ di Ermolao Barbaro. L’approccio di Fedele non è né descrittivo, né tassonomico: attraverso un’indagine in cui il principio cronologico si intreccia con quello tematico, l’autore infatti, sulle tracce di importanti suggestioni foucaultiane, intende analizzare il discorso specifico che viene costruito tramite questi testi come „campo di problematizzazione“, vale a dire come luogo d’incrocio e di imbricazione reciproca fra il diritto, l’etica e la politica. In altre parole, punta a ricostruire l’esperienza della diplomazia, cioè il suo essere frutto dell’incrocio di tre diverse operazioni: l’organizzazione di nozioni e di saperi precisi e preesistenti, come il diritto, la teologia, la storia, la filosofia morale e politica; la costruzione di un insieme di norme e di regole che si interfacciano quotidianamente con le pratiche; infine, l’elaborazione di una riflessione interna sulla funzione dell’ambasciatore nel contesto dello sviluppo di una diplomazia vista non solo come uno strumento della costruzione del potere pubblico, ma anche, se non soprattutto, come una delle matrici fondamentali della formazione della razionalità politica d’età moderna. Il volume, dopo una introduzione che chiarisce scopo e metodo dell’indagine e presenta il corpus testuale considerato, si divide in tre parti, a loro volta articolate in quattro capitoli e un numero variabile di sottocapitoli ciascuna, e si chiude con poche limpide pagine finali e una bibliografia finale di estrema ricchezza. La prima parte („Le débat médiéval et ses prolongements à l’époque moderne“) analizza la riflessione giuridica medievale e protomoderna sull’ambasciatore a partire dalle due nozioni di officium legationis e di rappresentanza diplomatica. Il dibattito sulla natura dell’incarico diplomatico trae origine dall’incrocio del diritto canonico, nella figura legatizia, e del diritto civile, nella dottrina del mandato, e si amplia nella definizione dei poteri progressivamente attribuiti all’ambasciatore nel contesto del nuovo jus gentium d’età moderna. La seconda parte („La naissance de l’État et le renouvellement des thématiques“) prende in considerazione le trasformazioni del dibattito sull’ambasciatore a partire dal legame che dalla fine del Quattrocento si stringe fra l’esercizio di una diplomazia ormai fondata sulla negoziazione – e la trasformazione che ne deriva allo statuto giuridico dell’ambasciatore – e una nozione di sovranità in progressiva definizione, che attraverso la costruzione di un complesso sistema cerimoniale si articola nella costruzione di un nuovo jus gentium destinato a regolare un sistema politico continentale basato non più sulla gerarchia delle dignitates, ma sull’equilibrio concorrente delle potenze. La terza parte („L’élaboration du statut professionnel de l’ambassadeur“), infine, entra nel vivo del discorso di autolegittimazione che si viene costruendo attorno alla figura professionale dell’ambasciatore in parallelo con l’analogo processo di definizione di altri attori pubblici, come il consigliere, analizzandone le funzioni, le sue qualità professionali, le sue qualità etiche. Il libro di Fedele è di una grande ricchezza: tra i suoi molti punti forti, l’ampiezza e la varietà del corpus considerato, la capacità di seguire in parallelo i molti fili che costituiscono la trama del discorso sull’ambasciatore attraverso le diverse età considerate, la finezza dell’analisi dei diversi aspetti del fenomeno. In una ricerca che si definisce più di una volta un’indagine di storia del pensiero e che usa regolarmente categorie storiografiche cui ci si avvicina ormai con cautela come „diplomazia moderna“ („nascita della diplomazia moderna“ è già nel titolo) o „nascita dello Stato“, mette conto però evidenziare almeno una questione. Fedele infatti insiste – giustamente – attraverso tutto il libro, sulla matrice multicausale e sulla natura storica degli sviluppi del discorso sull’ambasciatore. Da tale aderenza degli intrecci fra pensiero teorico, norme e autolegittimazione ai contesti storici determinati derivano al discorso sull’ambasciatore flessibilità e adattabilità, e alla ricostruzione dello storico la consapevolezza della molteplicità concreta delle forme del potere e dell’interazione. In questo senso, brillantemente, Fedele nota come invece di rappresentare uno strumento per legare fra loro in astratto equilibrio soggetti politici distinti, la diplomazia ha contribuito a creare, definire e alimentare questa stessa distinzione e a „constituer la subjectivité politique des États“ (p. 757).

Isabella Lazzarini

Francesca Bregoli/Carlotta Ferrara degli Uberti/Guri Schwarz (Eds.), Italian Jewish Networks from the Seventeenth to the Twentieth Century, Cham (Palgrave Macmillan) 2018 (Bridging Europe and the Mediterranean), X, 219 pp., ISBN 978-3-319-89404-1, € 114,39.

Una raccolta di saggi sugli ebrei italiani, questa curata da Francesca Bregoli, Carlotta Ferrara degli Uberti e Guri Schwarz, che ne affronta la storia cercando di superare la dicotomia propria della maggior parte della storiografia tra eccezionalità e rappresentatività, fra locale e globale, sottolineando accanto, o in alcuni casi invece dei rapporti tra ebrei e società esterna, i legami con il resto del mondo ebraico, in particolare con quello sefardita nel Mediterraneo, ma anche, a partire dal XVIII secolo, con quello ashkenazita. Legami non solo commerciali o famigliari, come normalmente messi in rilievo dalla storiografia, ma anche culturali, religiosi, identitari e poi fin politici, con l’emergere del sionismo. Il volume è frutto della collaborazione di storici stranieri e italiani, fra i più innovativi dell’ultima generazione di studiosi. Il periodo trattato copre quattro secoli, dal XVII al XX secolo. Ne emergono, nell’analisi della storia ebraica italiana, aspetti finora non molto rimarcati dalla storiografia, come il ruolo degli emissari di Eretz Israel nel sollecitare aiuti dalle comunità italiane, il ruolo delle tipografie di libri ebraici, i legami tra il mondo rabbinico ashkenazita uscito dalla Wissenschaft des Judentums e l’Italia, il sionismo e la sua diffusione. Tutti temi reinterpretati nell’intento di mettere in luce di questa storia degli ebrei in Italia, tanto spesso considerata „anomala”, le connessioni con gli ebrei del Mediterraneo come con quelli dell’area tedesca e con la terra d’Israele, connessioni che li riportano nel contesto economico e culturale ebraico di quei secoli invece di sottolinearne la specificità. Un approccio originale e innovativo, che credo però possa solo affiancare e rendere più sofisticato, non sostituire, quello che vede la specificità degli ebrei italiani nell’essere una piccolissima minoranza, fortemente condizionata dal rapporto diretto con la Chiesa e dal secolare inserimento nella società esterna, con cui gli essi condividono lingua, cultura, conoscenze, e talvolta, come nel Risorgimento, progettualità politica e ideale. Al centro di ben tre di questi saggi è il caso di Livorno. Un mondo, quello sefardita livornese al centro non solo di importanti reti commerciali che lo collegavano al Nord Africa ma anche, come appare nel saggio di Matthias B. Lehman, di reti filantropiche, che non si limitavano a coprire il mondo sefardita nel suo insieme, ma anche lo connettevano a quello ashkenazita. Una Livorno qui analizzata da Clémence Boulouque attraverso la significativa opera editoriale di Elia Benamozegh, che rifornisce soprattutto il Nord Africa di testi liturgici e rituali, mentre Alissa Reiman analizza, attraverso le vicende della famiglia livornese dei Moreno, il nesso strettissimo fra gli ebrei livornesi e quelli di Tunisi. Ma non c’è solo Livorno. Anche Modena, come mostra Matth Goldish, con i visitatori che passano dalla casa del rabbino Rovigo, sabbatiano in segreto, è nel Seicento un centro di passaggio di filantropi, studiosi, rabbini, non pochi dei quali appunto più o meno segretamente eretici. Spostandoci verso il mondo ashkenazita e verso la fine dell’Ottocento, Cristiana Facchini analizza l’influenza esercitata sul mondo italiano dalla Wissenschaft des Judentums attraverso l’opera di un gruppo di rabbini galiziani che si stabiliscono in Italia, influenzandone in profondità la cultura ebraica e importandovi il dibattito, diffuso nell’area tedesca, sulle radici ebraiche del cristianesimo e sul Cristo ebreo: Margulies, Chajes, Zoller e Sonne. Venendo al Novecento, vediamo che il fascismo e le leggi razziste del 1938 non troncano le connessioni internazionali del mondo ebraico. Se ne formano anzi di nuove, sia per il passaggio di ebrei stranieri in Italia sia per l’attenzione con cui le organizzazioni ebraiche internazionali seguono, anche incontrando timori e resistenze da parte delle istituzioni ebraiche italiane, lo svolgersi della persecuzione antisemita, una vicenda ben descritta da Tullia Catalan. La storia dei profughi che negli anni dell’immediato dopoguerra passarono dall’Italia per raggiungere la Palestina o altri luoghi è colta da Arturo Marzano nei rapporti con gli ebrei italiani, mentre Marcella Simoni analizza le vicende di un gruppo di giovani ebrei italiani divenuti sionisti e emigrati in Israele nel 1948, non senza grandi difficoltà e contraddizioni. In sostanza, un approccio innovativo e capace di illuminare di nuova luce le vicende del piccolo mondo ebraico italiano, cogliendone i nessi mai interrotti con il resto del mondo ebraico, e in genere con gli ebrei del Mediterraneo. Scambi, rapporti e reti che si trasmettono sul lungo periodo, influenzando in profondità le continuità e le trasformazioni del mondo ebraico italiano tanto dal punto di vista economico e sociale che da quello religioso e culturale.Anna Foa

Christian Jaser/Harald Müller/Thomas Woelki (Hg.), Eleganz und Performanz. Von Rednern, Humanisten und Konzilvätern. Johannes Helmrath zum 65. Geburtstag, Köln-Weimar-Wien (Böhlau) 2018, 471 pp., ill., ISBN 978-3-412-50136-5, € 65.

Il volume raccoglie 22 contributi di colleghi di Helmrath, che rispecchiano i temi propri di gran parte della ricerca scientifica del festeggiato; questi sono preceduti da una introduzione dei tre curatori (pp. 11–18), nella quale si delinea una biografia ragionata dello studioso seguendo i suoi principali interessi scientifici e le sue pubblicazioni più significative, dalla storia della Chiesa e dei suoi centri nevralgici, i Concili, al mondo dell’Umanesimo in Germania e in Europa. All’interno di una intensa attività editoriale di ampi ed efficaci progetti di ricerca avviati e condotti da Helmrath si colloca, dal 2010, l’importante ed efficace regia dell’Iter Cusanianum, raccogliendo il testimone dell’impresa degliActa Cusana“, ideata e curata dall’intrepido Erich Meuthen: uno strumento che rende oggi più facile il ricupero delle varie tappe della vita del cardinale protagonista di tante vicende culturali ed ecclesiastiche del Quattrocento. Nella prima delle quattro sezioni, in cui sono strutturati gli interventi, quella dedicata alla storia e alla sua scrittura („Geschichte und Geschichtsschreibung“), la narrazione di Michael Borgolte („Wie Neues in die Welt kommt. Zu Aufkommen und Verbreitung des Stiftungswesens in universalgeschichtlicher Perspektive“, pp. 21–38) individua, da una prospettiva di storia universale, geograficamente estesa anche ai mondi egiziano, mesopotamico, cinese, l’accadere degli avvenimenti e l’incontro di idee e culture, quali quelle dello zoroastrismo, del giudaismo, del cristianesimo e dell’islamismo, che hanno caratterizzato nelle forme varie e diversamente intense l’Oriente e l’Occidente; mentre Gert Melville („Zur Wahrnehmung der Europäer durch die indigenen Völker Südamerikas in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts“, pp. 49–60) punta la sua indagine sulla percezione e il sentire degli Europei di fronte ai nuovi mondi e ai nuovi popoli portati alla ribalta della storia dalle nuove scoperte della fine del sec. XV e dell’inizio del XVI. Se i profili di Erasmo da Rotterdam e di Lutero, anima delle vicende del sec. XVI, vengono colti da Heinz Schilling („Erasmus und Luther. Einheit und Differenzierung Europas“, pp. 39–47) nelle loro peculiarità e nella loro visione dello stato e della chiesa, al rapporto con l’antico nell’epoca moderna, all’analisi di temi affrontati dal mondo classico, greco e latino, spinta e fondamento di nuove teorie, sono rivolti i due contributi che chiudono questo settore: quello di Barbara Schlieben („It’s raining men, halleluja? Zur Transformation eines antiken historiographiegeschichtlichen Motivs in Modesto Lafuentes Historia general de Espanã [1850–1866]“, pp. 61–80), e quello di Aloys Winterling („Die griechisch-römische Antike und die sozio-kulturelle Evolution bei Max Weber und Niklas Luhmann“, pp. 81–138). Introduce la seconda sezione („Kirchen- und Konzilgeschichte“) un omaggio al festeggiato da parte di Heribert Müller, con la presentazione delle origini di una delle più interessanti chiese romaniche a Colonia, legata a Plectrude, moglie di Pipino di Herstal, che vi fondò nel 717 un monastero femminile („Sancta Plectrudis Regina? Eine Spurensuche in St. Maria im Kapitol zu Köln“, pp. 141–170). Partendo dal richiamo all’attuale papa emeritus Jürgen Miethke („Quamvis essent plures apostolici. Eine Mehrzahl von Päpsten gleichzeitig ohne den Makel eines Schismas in Ockhams Dialogus“, pp. 171–191) individua gli argomenti politico-teologici del „Dialogus“ del francescano Guglielmo Ockham, la summa a cui l’autore dedicò gran parte della sua attenzione – dalla pianificazione (ca. 1332) fino al termine della vita (1348) – e che lo colloca in posizione originale anche nei dibattiti del suo tempo che vedono contrapposti Papato e Impero. Su un aspetto poco trattato nella letteratura medievale focalizza l’attenzione Kerstin Hitzbleck („‚Geht ein Mann zum Papst…‘ – Humor und Ironie in der juristischen Kommentarliteratur des Spätmittelalters“, pp. 193–205), dimostrando come pure nell’ambiente giuridico del tardo medioevo si fosse capaci di ironia e come dai testi dei commentatori delle Decretali o delle Clementine, ad esempio, traspaia l’inclinazione allo scherzo e alla presa in giro della realtà giuridica. Ci sposta su una situazione delicata, vissuta all’interno del Concilio di Basilea tra fine 1433 e inizio 1434, Thomas Woelki („Kriegsherren des Konzils. Mailänder Condottieri als Verteidiger des Basler Konzils“, pp. 207–220), offrendo nuova documentazione per comprendere se veramente ci fosse un mandato da parte del Concilio per una guerra contro il papa raccolta dal duca milanese, come potesse essa essere realizzata e se effettivamente i condottieri Francesco Sforza e Niccolò Fortebraccio fossero legittimati a condurre una guerra in Italia negli stati papali. L’analisi del libro consolatorio, che il teologo domenicano Heinrich Kalteisen compose verso il 1434 per Eugenio IV, condotta tenendo presente la sua tradizione manoscritta, permette a Thomas Prügl („Trost für den Papst. Die Cythara spiritualis consolationis des Heinrich Kalteisen OP für Eugen IV.“, pp. 221–237) di esprimere, insieme al carattere politico e polemico la sua concezione ecclesiologica all’interno delle dispute conciliari; mentre Matthias Thumser („Das Projekt einer deutschen Pragmatischen Sanktion und die Germania des Enea Silvio Piccolomini“, pp. 239–266) indaga i presupposti alla scrittura di quel trattato del cardinale Enea Silvio Piccolomini, che, frutto di uno scambio con la curia di Magonza piuttosto inquieta per le gravose e frequenti imposte richieste dalla Chiesa, diventerà nota con il titolo di Germania. Dedicata alla funzione della retorica in raccolte, lettere, discorsi è la terza sezione („Reichstage und Oratorik“), dove i quattro contributi – Gabriele Annas, „Schätze im Verbogenen. Neue Quellenfunde zur Frankfurter Reichsversammlung im Herbst 1454“, pp. 269–298; Malte Prietzel, „Warten, verhandeln, berichten. Die Briefe der städtischen Gesandten vom Regensburger Tag 1471“, pp. 299–320; Jörg Feuchter, „Wer hielt am 21. Juni 1529 eine Rede? Die Oratorik des Londoner Eheprozesses Heinrichs VIII. und ihre verzerrte Repräsentation in der Chronik des Edward Hall“, pp. 321–339; Peter Mack, „Rhetoric and Tradition“, pp. 341–352 – riprendono anche avvenimenti, diete indagati da Helmrath. In chiusura del corposo volume sono collocati i sette interventi che raccontano alcuni aspetti della cultura umanistica spinta fino all’attività di scrittori del secolo XVI: interessano Patrick Baker („Why did Leonardo Bruni Translate Xenophon’s Hiero?“, pp. 355–368) i motivi che hanno spinto il cancelliere fiorentino Bruni a tradurre l’opuscolo politico di Senofonte, lo Ierone, Raphael Stepken („‚Royal humanism‘ oder kritische Distanz? Intertextuelle Ironie, Ambivalenz und Parodie in Enea Silvio Piccolominis Commentarius zu Antonio Beccadellis De dictis et factis Alphonsi regis“, pp. 389–409) la scrittura ironica, parodistica sottesa al „Commentarius“ del Piccolomini e fatta emergere con una lettura intertestuale dello scritto, mentre Marika Bacsóka („Die Lust am Mittelmaß. Hierarchien und soziale Kosten im Manuale Scholarium [ca. 1490]“, pp. 411–427) si occupa di una delle più antiche testimonianze, lasciata da autore anonimo, degli avvenimenti e delle condizioni all’interno del mondo studentesco. Il recupero di testimonianze manoscritte permette a Thomas Haye („Die dialogische Poesie des Pariser Juristen Raoul Bollart [gest. 1545] – eine Ekloge zur Schlacht von Agnadello [1509] und ein Streitgedicht über die Mildtätigkeit“, pp. 429–448) di illustrare con dovizia di particolari due testi del giurista parigino: l’egloga scritta nel quadro della guerra combattuta nelle campagne cremonesi tra le forze vincenti di re Luigi XII e Venezia, funzionale alla celebrazione del francese, e una altercatio sul tema della carità; al centro del contributo di Bee Yun („Machiavelli und das Problem einer Wiederbelebung der Antike“, pp. 449–459) sta la lunga e nota lettera inviata da Machiavelli il 10 dicembre 1513 a Francesco Vettori, dalla quale emerge l’attualità dell’antico, la necessità di riportarlo in vita attraverso un solido studio, e il ruolo ricoperto dallo storico Livio accanto a Sallustio, a Tucidide, nel processo di trasformazione del mondo moderno. Una generale riflessione quella di Christian Jaser („Kompetitive Figuren im italienischen Quatrocento: Humanisten, Künstler, Rennpferde“, pp. 369–387), mentre ad Harald Müller („Nomen est omen. Humanistische Identitätsspielereien“, pp. 461–471) interessa raccontare il ruolo giocato dal nome presso gli umanisti, latinizzato o grecizzato, nei suoi vari aspetti e funzioni attraverso l’accenno a numerosi casi, tra cui ad es. Vadianus per Joachim Watt, Capnion per Johannes Reuchlin, Amor Bacchi per lo stampatore Johann Amerbach. Contributi che spaziano quindi non solo nell’arco cronologico, ma pure tra temi molto diversi, i cui ricchi contenuti sarebbero maggiormente fruibili se il volume fosse stato dotato di utili indici dei nomi.Mariarosa Cortesi

Mittelalter

RICABIM. Repertorio di Inventari e Cataloghi di Biblioteche Medievali dal secolo VI al 1520, Bd. 5: Italia: Campania, a cura di Roberto Gamberini, con la collaborazione di Irene Tinacci, Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzzo) 2018 (Biblioteche e archivi 33), XXXIV, 147 S., ISBN 978-88-8450-872-0, € 110.

Die rasche Publikationsfolge des Repertoriums der mittelalterlichen Bibliotheksinventare und -kataloge, dessen erster Bd. im Jahr 2009 erscheinen konnte, ist ungebrochen. Im jüngsten Bd. wird mit Kampanien eine der zentralen und kulturell reichen Regionen Italiens mit einer Fülle bedeutender Städte abgehandelt: von Amalfi und Benevent über Neapel und Salerno bis hin zu Sorrent. Zwei Institutionen sind es, die dabei besonders hervortreten: Die Abtei SS. Trinità di Cava dei Tirreni und der Hof der Könige von Neapel, der in vorliegendem Werk quantitativ dominiert. Wie bei den Vorgängerbänden wird für den Zeitraum vom 6. bis zum beginnenden 16. Jh. ein Überblick über sämtliche Inventare (unter Einschluss von Testamenten, Schenkungsakten, Verkaufs- und Konfiskationsurkunden oder auch Rechnungen) geliefert, die Hinweise auf Hss. und Inkunabeln enthalten. In seiner ausgesprochen lesenswerten Einleitung (S. XI–XVIII) führt Roberto Gamberini in die komplexe Überlieferungslage ein. Insbesondere während des Zweiten Weltkriegs waren massive Überlieferungsverluste in den Archivbeständen eingetreten, hatten die deutschen Truppen auf ihrem Rückzug am 30. September 1943 doch das zentrale Ausweichlager für die Bestände des Staatsarchivs Neapel in Brand gesteckt. Allein mehr als 54 000 Urkunden wurden dabei ein Raub der Flammen. Die Originale waren verloren, die Texte selbst konnten jedoch in vielen Fällen rekonstruiert werden, waren sie doch bereits zuvor zum Gegenstand einer intensiven Forschungstätigkeit geworden, die deutlich vor dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt hatte. Nach dem Krieg versuchte man sich in Neapel an einer Rekonstruktion der Bestände der angiovinischen Kanzlei. Ohne diese Vorarbeiten wäre vorliegender Bd. überhaupt nicht möglich gewesen. Gerade mit Blick auf den neapolitanischen Königshof, der knapp 75 % der Einträge beisteuert, ist die relevante Überlieferung derart ausdifferenziert, dass sich daraus bequem jährliche (mitunter sogar monatliche) Berichte über das Engagement der Souveräne in libris generieren lassen. Die Entstehung umfangreicher und mit einer Fülle exquisiter Luxushss. ausgestatteter Bibliotheken wird so überaus plastisch erfahrbar. Insbesondere Ferdinand I. von Aragon (1424–1494) tritt hierbei hervor – 50 % der Einträge sind seiner Regierungszeit zuzuordnen. Deutlich wird dabei nicht nur das Interesse der neapolitanischen Souveräne an ihren Bibliotheken, die mit zum Glanz Neapels als kulturellem Zentrum beitrugen, sondern auch die Durchschlagskraft einer Verwaltung, die jeden Bucherwerb minutiös dokumentierte. Rechnungsbelege und Ausgabeanweisungen ermöglichen es, sämtliche Phasen einer Akquise nachzuvollziehen: von der Auswahl einer Hs. über das Übersetzen und Kopieren bis hin zur Korrektur und zum Binden. Verzeichnet wurden auch Ausgaben für den Kauf von metallenen bzw. silbernen Schließen und Bucheinbänden aus unterschiedlichen Stoffen und Farben. Besoldungstabellen zeigen, dass die Entlohnung der Kopisten auf Grundlage der Quantität und Qualität der ausgeführten Buchstaben erfolgte. Lediglich anspruchslose Kopistentätigkeiten wurden nach der Anzahl fertiggestellter Quaternionen abgerechnet. In Ausnahmefällen wurden der königlichen Bibliothek auf direkte Weisung des Königs immer wieder Bände entnommen und Einzelpersonen zum persönlichen Gebrauch übergeben. Die Koexistenz unterschiedlicher Kulturen, für die Kampanien bekannt ist, spiegelt sich in den insgesamt 634 Einträgen wider. Nicht nur die Bibliothek der neapolitanischen Könige präsentierte sich ausgesprochen polyglott. Durchaus eindrücklich sind hier beispielsweise die note di spese, die den Aufwand des Hofes beim Erwerb und der Übersetzung der medizinischen Enzyklopädie „Kitāb al-ḥāwī“ dokumentieren. Viele Klöster nannten umfangreiche Bestände an griechischer Literatur ihr Eigen. Für ein Werk solchen Zuschnitts sind detaillierte, sorgfältig gearbeitete Indizes essentiell. Insgesamt fünf solcher Verzeichnisse erschließen den Inhalt (Indice dei manoscritti citati / delle località e degli enti / onomastico dei possessori e dei destinatari / onomastico delle descrizioni dei documenti inventariali / delle fonti). Dem Index der Institutionen hätte eine weitere Ausdifferenzierung gutgetan. Warum werden Ordenshäuser nicht auch unter der jeweiligen Ordensgemeinschaft subsumiert? Summa summarum: Ein weiterer gelungener Baustein in dem großen Vorhaben, (Buch-)Inventare des italienischen Mittelalters zu erfassen und dadurch Wanderbewegungen, Aufbewahrung und Auflösung von Buchbeständen abzubilden.

Ralf Lützelschwab

Katharina Bolle/Marc von der Höh/Nikolas Jaspert (Hg.), Inschriftenkulturen im kommunalen Italien. Traditionen, Brüche, Neuanfänge, Berlin-Boston (De Gruyter) 2019 (Materiale Textkulturen 21), VIII, 334 S., Abb., ISBN 978-3-11-063836-3, € 79,95.

Der zu besprechende Sammelbd. vereint die Beiträge einer durch den Heidelberger SFB 933 „Materiale Textkulturen“ und das DHI Rom veranstalteten Tagung im Mai 2016, die dem ansteigenden Forschungsinteresse an mittelalterlich-epigraphischer Praxis, v. a. im Kontext des kommunalen Italiens, Rechnung trug. Dabei standen sowohl der Umgang mit dem antiken epigraphischen Erbe als auch neuere kulturwissenschaftliche Zugänge zur mittelalterlichen Inschriftlichkeit im Mittelpunkt. Zudem fragte die Tagung nach dem spezifisch „kommunalen Charakter“ dieser Inschriftenpraxis. In seiner Einleitung (S. 1–30) widmet sich Marc von der Höh den forschungsgeschichtlichen, methodologisch-konzeptionellen und terminologischen Ansatzpunkten. Er plädiert für eine engere Anbindung der deutschsprachigen an die italienische Forschung und den von Armando Petrucci geprägten Terminus scrittura esposta, der hinsichtlich inschriftlicher Medialität und sozial-politischer Funktion ein größeres Erkenntnispotential als herkömmliche Beschreibungsweisen habe. Die verschiedenen Bedeutungsebenen von Inschriften, die insbesondere hinsichtlich ihrer Produktion und Platzierung beschrieben werden, könnte man um den Aspekt der Performanz ergänzen. Zu Recht weist von der Höh darauf hin, dass bei dem häufig diskutieren Vorbildcharakter antiker Epigraphik noch stärker in Prozesse der Transformation und der Rezeption zu unterscheiden sei. Nicoletta Giovè Marchioli überprüft in ihrem Beitrag „Strukturen und Strategien in der epigraphischen Kommunikation des kommunalen Italiens“ (S. 31–64) mit Fallbeispielen ihre These, es habe im kommunalen Italien ein kommunenübergreifendes System epigraphischer Kommunikation gegeben. Inschriften sei eine „hyperkommunikative Funktion“ zuzuschreiben, was neben der textlichen Botschaft auf einen „ikonisch-symbolischen Wert“ abziele. Eine Inschrift weise unterschiedliche Verständnisebenen auf und fungiere als „… Kommunikations-, Verbreitungs-, und Verherrlichungsinstrument …“. Vincent Debiais, „Urkunden in Stein. Funktionen und Wirkungen urkundlicher Inschriften“, S. 65–90, widmet sich Inschriften mit Rechtsinhalten. Dabei zeigt er anschaulich auf, dass diese „Steinurkunden“ zwar keine Kopien von Rechtsurkunden waren, trotzdem aber als Zeichen die zentralen Inhalte von Rechtsakten durch ihre materiale Präsenz verkörperten. Als solche Zeichen seien „Steinurkunden“ auch als Spur vorausgegangener Handlungen bzw. rechtlicher Praxis zu lesen. Flavia De Rubeis geht in ihrem Beitrag „Epigrafia comunale (o epigrafia di età comunale?) in Italia settentrionale“ (S. 91–114) zunächst auf Kontinuitäten und Brüche im Sinne einer epigraphischen longue durée in Italien ein und beschreibt dann einige typische kommunale Inschriften. Die Frage nach dem Terminus „kommunal“ bereichert sie durch die Unterscheidung von familiären oder institutionell-kommunalen Inschriftensetzungen. In „Kontinuität und Diskontinuität epigraphischer Praxis im Übergang von der Antike zum Mittelalter“ (S. 115–132) schenkt Marialuisa Bottazzi dem wichtigen römisch-antikem Vorbild detaillierte Aufmerksamkeit. Sie zeichnet die Entwicklung der epigraphischen Kultur beginnend mit der Christianisierung Westroms über die Hinwendung zu Märtyrer- und Reliquieninschriften im 4. Jh. n. Chr. bis hin zum typisch norditalienisch-frühmittelalterlichen, rein kirchlich-sakralen Gebrauch von Inschriften nach. Wilfried Keil, „Korrelationen zwischen kommunalen Inschriften und Bauskulpturen“, S. 133–166, lenkt den Blick verstärkt auf Artefakt-Ensembles, in denen Inschriften angeordnet werden konnten. Er zeigt auf, wie sowohl nachträglich angebrachter Bauschmuck Inschriften in ihrer Präsenz verändern, als auch Skulpturen oder Verzierungen integraler Bestandteil der kommunizierten Botschaft sein konnten. Einen ähnlichen mikrotopographischen Ansatz stellt Rebecca Müller in ihrem Beitrag „Dinge mit Schrift“ (S. 167–200) vor. An stichhaltigen Beispielen aus Genua weist sie nach, wie Inschriften in Kontext sie umgebender oder gar als Träger fungierender Artefakte (wie Trophäen oder Spolien) Teil eines plurimedialen Kommunikationsaktes waren. Arnold Esch, „Inschrift-Spolien. Zum Umgang mit antiken Schriftdenkmälern im mittelalterlichen Italien“, S. 201–224, stellt zahlreiche Beispiele mittelalterlicher Spolienverwendung mit antiken Inschriften vor. Er bezieht neben den Befunden aus dem urbanen Kontext die campagna mit ein. Mit dieser Vergleichsfolie gelingt es ihm, kommunal-städtische Spolienverwendung hinsichtlich der Intention des Auftraggebers klarer herauszuarbeiten. So zeige sich am Beispiel Pisas durch den Import von Spolien aus Rom eine bewusste Anbindung an die antike „Ewige Stadt“, womit Pisa ihrer „Altehrwürdigkeit“ Nachdruck verleihen wollte. Pragmatischer zu verstehen sei die ländliche Spolienverbauung, die selten auf den textlichen Inhalt, sondern vielmehr auf die grundlegende Ästhetik und die „Aura des Alten“ abzielte. An diese Überlegungen Eschs schließt der Beitrag von Katharina Bolle, „Die Kommune Rom und ihre Inschriften“, S. 225–266, an. Bolle beschreibt die im 12. Jh. mit der neuen kommunalen Verfasstheit Roms wiederauflebende Praxis öffentlich-politischer Inschriften, deren Vorbilder aus der antiken Epigraphik bekannt und in Rom über die Jahrhunderte hinweg omnipräsent waren. Sie zeigt, wie der Senat als Organ kommunaler Selbstverwaltung öffentliche Inschriften als politische Zeichen im Namen des Senats und Volks von Rom (SPQR) wiederentdeckte. Dass auch antike Inschriften als Vorbilder fungierten, wird an einer Renovierungsinschrift am Ponte Cestio deutlich. Ihr abschließender Blick gilt der Casa dei Crescenzi und ihrer antiken Spolien-Sammlung als Träger und Rahmung mittelalterlich-kommunaler Inschriftlichkeit. Henrike Haug, „Copy and Paste. Wechselwirkungen zwischen städtischen Inschriften und historiographischen Texten“, S. 267–288, widmet sich den Relationen zwischen verschiedenen Medien städtischer Erinnerungskulturen. An Beispielen aus Genua (S. 267–273) und Pisa (S. 274–280) zeigt sie, dass Inschriften als Teil „intermedialer Erinnerungskultur“ erst im Wechselspiel verschiedener Formen kommunaler Schriftlichkeit (narrativ oder rechtlich-dokumentarisch; öffentlich-inschriftlich oder aus der Schreibstube) vollends zu verstehen sind. An Eschs und Bolles Beiträgen anknüpfend behandeln Erik Beck und Lukas Clemens, „Antike Inschriften während des Mittelalters nördlich der Alpen“, S. 289–304, mit Inschriften aus Baden-Baden, Salzburg und Konstanz gewinnbringende nordalpine Vergleichsbeispiele für den mittelalterlichen Umgang mit antikem epigraphischem Erbe. Insbesondere sticht die gezielte Instrumentalisierung antiker Inschriften zur Legitimierung herrschaftlicher Ansprüche durch einen propagierten antiken Ursprung ins Auge. Nikolas Jaspert und Christian Witschel, S. 305–324, bieten zunächst als Zusammenfassung einen Rückblick auf die Inschriftenkulturen der Spätantike als Phase der Transformation antiker Inschriftlichkeit hin zum Frühmittelalter, um anschließend die praxeologisch-topologische Dimension der Beiträge hervorzuheben. Besonders hilfreich ist der Begriff der „politische[n] Inschriftenkultur“ laikaler urbaner Eliten, der bei der Frage nach einer spezifisch kommunalen Epigraphik für weitere Unterscheidungsmöglichkeiten sorgen kann. An das Ende ihres Resümees stellen die beiden Autoren einen Ausblick auf sechs mögliche neue Forschungsfelder mittelalterlicher Epigraphik, die sich aus den Überlegungen des Sammelbd. ergeben. Gerade darin zeigt sich der große Mehrwert dieses Sammelbd., der neben spannenden Detailstudien als methodologischer Werkzeugkasten zu weiterführenden Untersuchungen zur kommunalen und auch allgemein-mittelalterlichen Epigraphik einlädt. Julian Zimmermann

L’incastellamento: storia e archeologia. A 40 anni da „Les structures“ di Pierre Toubert, a cura di Andrea Augenti e Paola Galetti, Spoleto (Fondazione Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo) 2018 (Miscellanea / CISAM 19), XIV, 538 pp., ill., ISBN 978-88-6809-175-0, € 60.

Il volume si ricollega a un omonimo Convegno tenuto il 14 e il 15 novembre 2013 a Bologna, ma aggiungendo i termini „storia e archeologia” che rimarcano il duplice approccio alla tematica reso assai evidente da un ulteriore cambiamento: infatti, il libro non è propriamente l’edizione degli Atti del Convegno stesso e presenta un profilo più mosso rispetto alle due giornate bolognesi. Questa, parte da un’introduzione dei curatori e conclusa da Sandro Carocci, era articolata in tre sezioni, una storiografica, legata al rapporto incastellamento/fonti scritte e incastellamento/archeologia, una seconda intitolata „Temi di ricerca“ e una terza, „Un fenomeno globale“, che offriva considerazioni sull’incontro tra incastellamento e storiografie nazionali extra–Italia. Di tutto ciò il libro presenta l’introduzione dei curatori (pp. XI–XIV), una riflessione storiografica di Aldo A. Settia che prende le mosse dalle fonti scritte (pp. 3–16) e un’altra di Andrea Augenti, imperniata, invece su quelle archeologiche (pp. 17–35); poi una sezione sui temi di ricerca, su cui si tornerà oltre e tre relazioni rivolte ad altre aree europee (una quarta non è stata consegnata per le stampe del libro), oltre a un intervento sulla valorizzazione dei castelli di Danilo Mordini (pp. 499–510) e alle conclusioni di Sandro Carocci (pp. 511–538). A tutto ciò si aggiunge nel volume un’ampia parte sui „Quadri regionali“. Il risultato è, così, un articolato e diversificato dialogo con il magnum opus di Toubert con casi che vi fanno esplicito riferimento, come Juan Antonio Quirós e Igor Santos Salazar sull’incastellamento nel nord della Spagna (pp. 211–232), altri più distanti ma pure dialettici con „Les structures“, come Giuseppe Albertoni nel suo contributo sulla Burgenkunde tedesca (pp. 197–209) oppure – e si rammenta così il terzo ed ultimo contributo alla sezione intitolata „Un fenomeno globale: l’incastellamento in Europa“ (pp. 195–256) – con Oliver Creighton che riflette su paesaggi rurali, insediamenti e fenomeno signorile nelle isole britanniche (pp. 233–256), derivando solo un implicito riferimento tematico dalla celeberrima opera dello storico francese. La sezione „Temi di ricerca“ racchiude diversi contributi, tutti presentati nel corso delle due giornate bolognesi ciascuno dei quali incrocia un’altra tematica storiografica, mostrando come il castello sia una chiave interpretativa fondamentale per la medievistica di ambito italiano, almeno per i secoli centrali: Gianfranco Pasquali affianca ai castelli il sistema curtense, Luigi Provero le signorie, Paola Galetti l’edilizia residenziale, Maria Elena Cortese le città, Fabio Saggioro i villaggi, Nicola Mancassola le chiese, Federico Cantini ed Enrico Cirelli i mercati e la dimensione economica e, infine, Federico Zoni l’archeologia delle architetture dei castelli. Arrivando, finalmente all’ampia sezione sui „Quadri regionali“ (pp. 257–495), questa arricchisce significativamente il libro rispetto al convegno, coprendo quasi interamente la penisola italiana con ben quindici contributi, di cui sette relativi all’Italia settentrionale, per la quale solo l’estremo nord-est rimane poco presente, due all’Italia centrale, con Lazio e Umbria – ma si può aggiungere che il contributo sulle città di Maria Elena Cortese, già ricordato, è puntualmente sorretto da casi relativi alla Toscana, oltre a proporre interessanti considerazioni su Roma e le aree limitrofe e ad altre realtà urbane; così che si potrebbe considerare assenti unicamente le odierne Marche – e sei sull’Italia meridionale, della quale solo le terre calabro-lucane rimangono in ombra. Dalle conclusioni di Sandro Carocci pare importante sottolineare, oltre alle attente osservazioni sull’intreccio tra castelli, signorie e crescita economica, almeno altre due considerazioni: la prima che, rispetto al 1973, anno di uscita dell’opera di Toubert, lo studio dell’incastellamento ha conosciuto „l’enorme cammino compiuto dalla ricerca archeologica“ (p. 515) e la seconda che mette in guardia circa la necessità di „evitare una lettura appiattente dell’incastellamento“ perché „oltre alla sua variata configurazione geografica, occorre riconoscere la sua articolazione in fasi“ (p. 533). Di questa pluralità di incastellamenti il volume è pienamente testimone. Mario Marrocchi

Klaus Herbers/Viktoria Trenkle (Hg.), Papstgeschichte im digitalen Zeitalter. Neue Zugangsweisen zu einer Kulturgeschichte Europas, Köln-Weimar-Wien (Böhlau) 2018 (Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte 85), 211 S., Abb., ISBN 978-3-412-50959-0, € 35.

Kaum eine mittelalterliche Institution war in Anspruch und Wirklichkeit europäischer beziehungsweise globaler als das Papsttum. Von den Quellen, ihrer Überlieferung und Erschließung her betrachtet, ist dies bis heute eine Herausforderung für Forscher, bei deren Bewältigung gerade die Digital Humanities (DH) große Dienste leisten können. Der schmale, aber hilfreiche Bd. bietet grundwissenschaftliche Zugangsweisen und Ansatzpunkte zur Erforschung der Papstgeschichte als europäischer Kulturgeschichte. Nach instruktiven Hinführungen der Hg. sind zwei Teile erkennbar, deren erster hauptsächlich auf die DH eingeht, während der zweite kulturgeschichtliche Zugänge aufweist. Malte Rehbein schreibt in dem ersten Beitrag klug differenzierend, dass der „computational turn“ neue Fragestellungen und methodische Ansätze hervorbringe, zeigt aber auch anhand einer Analyse der durch das Projekt „Charting Culture“ erhobenen und visualisierten Daten mögliche Probleme auf, die darin bestehen können, dass historische Methoden an die Erfordernisse der DH angepasst und aufgrund von Grundmodellen und Selektionskriterien falsche Suggestionen entstehen können. Gerade bei den Chancen zur Auswertung großer Datenmengen bedürfe es daher einer „digitale[n] Quellenkritik bzw. eine[r] Quellenkritik des Digitalen“ (S. 37), die es allerdings erst noch zu erarbeiten gelte. Vincent Christlein, Martin Gropp und Andreas Maier zeigen nachfolgend am Beispiel einer digitalen Größenanalyse der Rota in über 400 Urkunden auf, zu welch guten Ergebnissen man hingegen bei der Analyse von großen Datenmengen kommen kann. Die computergestützte Analyse der Schriftentwicklung an der päpstlichen Kurie durch Benedikt Hotz und Benjamin Schönfeld zeigt, dass mithilfe eines Annotierungstools die Entwicklung der päpstlichen Minuskel von 11. zum 12. Jh. aufgrund erleichterter Datenerhebung präziser erfasst werden kann. Thorsten Schlauwitz wendet digitale Paläographie an, um die Urkundenschreiber der päpstlichen Kanzlei des 12. Jh. zu identifizieren. Hier besteht laut Autor das Hauptproblem neben der Erfassungsgenauigkeit vor allem darin, dass noch zu wenige Urkunden digital erfasst sind, um als hinreichendes Korpus genutzt werden zu können. Die nachfolgenden Beiträge sind der Kulturgeschichte des Papsttums gewidmet. Irmgard Fees gibt einen souveränen Überblick über kulturgeschichtliche Elemente von Diplomatik und Paläographie von Papsturkunden, vom Beschreibstoff mit Format und Layout über die Schrift, die Urkundenteile und die Siegel bis hin zu zeremoniellen Aspekten. Judith Werner stellt dann, fußend auf ihrer Dissertationsschrift, die Gestaltung von Papsturkunden in puncto Format, Layout und Formulierungen dar und kann eine Empfängerorientierung aufzeigen. Viktoria Trenkle befragt die Kardinalsunterschriften mediengeschichtlich auf ihre kommunikative Wirkung und weist nach, dass die Unterschriften einen kardinalizischen Beratungsprozess dokumentieren, Konsens darstellen und dadurch auch politisch relevant sein konnten, beispielsweise bei Konfliktlösungen. Werner Maleczek stellt folgend die Entwicklung der Kardinalssiegel vom 12. zum 13. Jh. in vier Phasen stringent dar, im Zuge derer sich eine spitzovale Form mit figürlicher Darstellung durchsetzte. Brigide Schwarz – die kürzlich verstorbene, wohl kaum übertroffene Kennerin der Kurie – stellt das kuriale Amt des Vizekanzlers vor und zeigt Bearbeitungsdesiderate für Papsturkunden gerade im Spätmittelalter auf. Mari Cristina Cunha diskutiert abschließend mögliche Einflüsse der Papsturkunden auf die Kanzleipraxis in Portugal. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Bd. sowohl Möglichkeiten und Chancen als auch noch bestehende Problematiken und Desiderate einer Papstgeschichte unter Nutzung der DH ebenso gut vor Augen führt wie die Relevanz des Papsttums für die Kulturgeschichte Europas.Tobias Daniels

Oliver Auge/Katja Hillebrand (Hg.), Klosterbuch Schleswig-Holstein und Hamburg. Klöster, Stifte und Konvente von den Anfängen bis zur Reformation, Regensburg (Schnell & Steiner) 2019, 2 Bde., 719, 808 S., Abb., ISBN 978-3-7954-2896-9, € 120.

Das „Klosterbuch Schleswig-Holstein und Hamburg“ reiht sich ein in die seit über einem Jahrzehnt erarbeiteten, ähnlich ausgerichteten Klosterbücher anderer Bundesländer, wobei das Erscheinen des Brandenburgischen Klosterbuchs im Jahr 2007 den Auftakt für diese Publikationen darstellt. Im vorliegenden Doppelbd. sind alle Klöster, Stifte und Beginengemeinschaften in den ehemaligen Herzogtümern Schleswig, Holstein und Lauenburg sowie den Hansestädten Hamburg und Lübeck aufgenommen. Dadurch bedingt werden die heutigen Grenzen Schleswig-Holsteins und Hamburgs gelegentlich überschritten und einzelne Institutionen in das Klosterbuch einbezogen, die heute in Dänemark liegen. Die Geschichte des geistlich-institutionellen Gemeinschaftslebens im bearbeiteten Raum reicht vom 9. Jh. bis in die Reformationszeit. In den Regionen nördlich der Elbe, die von verschiedenen geistlichen Herrschaftsträgern, konkurrierenden Adelsfamilien und den beiden Metropolen Lübeck und Hamburg geprägt waren, konnte sich eine differenzierte und zum Teil auch dichte Klosterlandschaft mit Kanonikerstiften, Niederlassungen kontemplativer Orden, Bettelordenskonventen, Beginengemeinschaften und Birgittenklöstern herausbilden. In der Einleitung wird nicht nur ein Überblick über die wesentlichen Entwicklungslinien der Klöster, Stifte und Konvente des Bearbeitungsraumes geboten, sondern es werden auch Beiträge zur Forschungsgeschichte, zur Bau- und Kunstgeschichte, zur Musikkultur, zum Ende des mittelalterlichen Stifts- und Klosterlebens während der Reformation und zum klösterlichen Nachleben in einzelnen Damenstiften einbezogen. Insgesamt umfasst das Klosterbuch 59 Einzelartikel, wobei bestimmte Klöster und Stifte für die Region von besonderer Relevanz waren, wie beispielsweise die Klöster und Stifte in Bordesholm, Cismar, Løgum, Preetz, Ratzeburg und Schleswig, aber auch die Männer- und Frauengemeinschaften in den Metropolen Hamburg und Lübeck. Bereits die umfassenden Beiträge zu den religiösen Gemeinschaften dieser beiden Städte bündeln den bisherigen Forschungsstand und führen über diesen hinaus, beispielsweise in den Artikeln zu den Bettelordenskonventen. Aber auch Artikel zu kleineren Niederlassungen bieten bemerkenswerte Einblicke, wie beispielsweise der Beitrag zu den Hospitalitern des Heilig-Geist-Ordens in Kuddewörde ca. 30 km östlich von Hamburg (Bd. 1, S. 627–642). Diese Gründung Ende des 15. Jh. hing mit einem Rombesuch Herzog Johanns von Sachsen-Lauenburg im Jahr 1474 im Gefolge von König Christian von Dänemark zusammen, der in seinem Herrschaftsbereich eine Niederlassung dieses Ordens, dessen Mutterhaus in Rom lag, initiierte. Besonders hervorzuheben sind der hohe wissenschaftliche Grad, die tiefe Durchdringung der überlieferten – oft noch unedierten – Quellen und der interdisziplinäre Ansatz, da kunst-, bau- und musikhistorische sowie archäologische und theologische Aspekte in den Artikeln berücksichtigt werden. Beeindruckend ist aber auch die sehr hohe Qualität der Karten und Abb. älterer Stadt- und Klosteransichten, von Überblickskarten (in der Regel mit Besitzrechten und Einkünften), von Plänen, von archäologischen Untersuchungen, von historischen und aktuellen Fotos sowie von zahlreichen Siegeln und schriftlichen Quellen. Die geistlichen Institutionen in Norddeutschland, die in der Ordens- und Frömmigkeitsgeschichte, von einigen Ausnahmen einmal abgesehen, bisher kaum eine herausragende Rolle gespielt haben, werden durch dieses Werk in ihrer Bedeutung neu verortet. Zahlreiche Fragen lassen sich nun auch für diese Region beantworten, wie die Bedeutung geistlicher Gemeinschaften im weltlichen und geistlichen Herrschaftssystem des Mittelalters, die Relevanz der europaweit organisierten Bettelorden, der Einfluss adeliger und städtischer Familien in den Klöstern und Stiften und die Rolle der Frauengemeinschaften, um hier nur einige Ansatzpunkte zu benennen, die noch vielfältig ergänzt werden könnten. Dadurch werden nun auch die Klöster, Stifte und religiösen Gemeinschaften von Schleswig-Holstein und Hamburg in ihrer Binnen- und Außenperspektive wissenschaftlich fundiert verstärkt Eingang in die Forschung finden. Die systematische Aufarbeitung von Klosterlandschaften im nördlichen Teil des mittelalterlichen Reiches wird mit diesem hervorragend erarbeiteten und vorzüglich aufbereiteten Doppelbd. fortgesetzt, der für die weitere Forschung nun das wichtigste Fundament bilden wird.Jörg Voigt

Giacomo Todeschini, Gli ebrei nell’Italia medievale, Roma (Carocci) 2018 (Frecce/Carocci 253), 267 S., ISBN 978-88-430-9080-8, € 24.

Wie kaum ein anderer hat Giacomo Todeschini in den letzten Jahrzehnten das ökonomische Denken im christlichen Europa ergründet und dabei auch immer das Verhältnis der Christen zu den Juden in seine Analysen einbezogen. In den ersten fünf Kapiteln dieses Buches, das sich auch an eine größere Leserschaft richtet, zeichnet er die wichtigsten Etappen der Präsenz der Juden auf der italischen Halbinsel nach. Daran schließen sich vier Kapitel zu besonderen Aspekten im 14. und 15. Jh. an. Für den Vf. ist das Bild von den Juden in Italien von der – in seinen Augen – verbreiteten, letztlich aber künstlichen Vorstellung konditioniert, dass Italien vom 4. bis zum 15. Jh. schon geschlossen christlich gewesen sei (S. 12). Hingegen habe sich die katholische Kirche stets in einer Abwehrstellung befunden, wobei Papst Gregor der Große nicht nur die Konkurrenz der Juden, sondern auch die von abtrünnigen „Christen“ und Heiden fürchtete. Die Grenzen zwischen den Religionen im italienischen Hochmittelalter waren fließend (S. 22, 37). Spektakulär war die Konversion eines Erzbischofs von Bari zum Judentum im 11. Jh. (S. 36 f.)! Die Stärkung der lokalen Bischofsmacht in Italien ab dem 10. Jh. ging einher mit Juden-Feindlichkeit. Die Päpste dagegen schwankten zwischen erklärter Protektion der Juden – unter denen auch päpstliche Bankiers, Ärzte und sonstige Bedienstete waren – und Phasen der Abwehr und des offenen Misstrauens, die zu den restriktiven Bestimmungen des IV. Laterankonzils führten (S. 91). Unterschiedliche Machtstrukturen bewirkten ab dem 13. Jh. signifikante Unterschiede zwischen Nord- und Süditalien. Dabei war die numerische Größe der jüdischen Gemeinden über das gesamte Mittelalter eher bescheiden. Benjamin von Tudela zählt ca. 200 Juden in Rom, 1500 in Palermo (S. 62 f.). Von Rom aus zogen einige jüdische Familien nach Norditalien, wobei dort ab dem 13. Jh. verstärkt das „aschkenasische bzw. deutsche Judentum“ („ebraismo ashkenazit o tedesco“) von jenseits der Alpen vordrang (S. 83, 94, 111). Im 15. Jh. taten sich insbesondere Franziskaner-Prediger wie Bernardin von Siena bei der zunehmenden Diskriminierung der Juden – auch wegen der Kampfansage an den Wucher – hervor (S. 172). Der Autor wendet sich gegen das verbreitete Narrativ, das die jüdische Geschichte auf rein wirtschaftliche Themen wie den Wucher reduziert, was das breite Spektrum sonstiger jüdischer Aktivitäten außer Acht lasse (S. 99, 103, 117 f., 130). Die jüdische Identität ist von einer reichen Literatur und Kultur geprägt, die die Philosophie, das Phantastische und die Parodie pflegte und Dichter wie den weit gereisten Immanuel Romano hervorbrachte (S. 132–136). Hervorzuheben sind auch philosophisch-kabbalistische Texte und die Vorliebe für Genealogie und Autobiographie (S. 33 f.). Unter dem Eindruck der von den Mendikanten betriebenen Gründungen der Monti di Pietà ab 1462 verschärften auch die Obrigkeiten immer mehr die Maßnahmen gegen die Juden, die nach 1516 zur Einrichtung der ersten Ghettos führten (S. 174–176). Insgesamt hat man dem Autor für einen gelungenen Überblick zu danken, der einen Eindruck davon gibt, dass die Geschichte der Juden in Italien keineswegs stromlinig, sondern in einem komplexen Beziehungsgefüge mit vielen Facetten eines prekären Zusammenlebens verlief.Andreas Rehberg

Petros Bouras-Vallianatos/Sophia Xenophontos (Eds.), Greek Medical Literature and its Readers. From Hippocrates to Islam and Byzantium, London-New York (Routledge) 2018 (Publications of the Centre for Hellenic Studies, King’s College London 20), X, 239 pp., ill., ISBN 978-1-4724-8791-9, GBP 115.

Il volume qui recensito, che raccoglie una selezione dei contributi presentati al convegno che i curatori hanno organizzato sullo stesso tema, nel 2014, presso il King’s College a Londra, procede degnamente nel solco fruttuoso di un approccio „esternalista“ alla storia della medicina antica che, negli ultimi decenni, ha visto una fioritura di studi tanto sulla storia delle tradizioni testuali quanto sulla relazione fra la forma del testo e la sua funzione nella teoria e pratica del medico. Raccogliendo i ricchi spunti offerti dalla ricerca più recente, i curatori hanno dedicato per la prima volta attenzione specifica (come dichiarano nella prima pagina dell’introduzione) a un problema di amplissimo respiro quale il rapporto fra la letteratura medica e il suo pubblico (o meglio i suoi pubblici), in un percorso che attraversa il Corpus Hippocraticum, la medicina di età imperiale, il mondo dell’Islam e Bisanzio. Progetto ambizioso come si vede, oltre che condizionato, a monte, dalla presenza di zone destinate probabilmente a rimanere in ombra (penso per esempio all’opera frammentaria di un Diocle di Caristo, o di Erofilo ed Erasistrato). Ma l’obiettivo non era evidentemente di offrire un quadro esaustivo, bensì una serie di sondaggi significativi, tali da suscitare ancor più numerose curiosità e vie di ricerca: e in questo senso, il progetto può dirsi sicuramente portato a buon fine. Nella prima parte, dedicata al mondo greco classico, si segnala la lettura dell’incipit dello scritto di Alcmeone di Crotone (prima metà del V sec. a. C.) proposta da Stavros Kouloumentas, „Alcmaeon and his Addresses: Revisiting the incipit“, pp. 7–29, che vi ritrova i segni della presa di distanza di Alcmeone dalla prospettiva speculativo-religiosa degli „amici“ pitagorici, in un’affermazione forte di empirismo destinata a varcare i confini locali con la disseminazione del testo scritto. Manifestazione riconosciuta di empirismo sono anche le „cartelle cliniche“ registrate nelle Epidemie ippocratiche, che secondo l’interessante suggerimento di Chiara Thumiger, „The Professional Audiences of the Hippocratic Epidemics: Patient Cases in Hippocratic Scientific Communication“, pp. 48–64, dovevano richiedere un esercizio, e forse precise tecniche, di memorizzazione da parte di medici di professione. Volendo rilevare in questa sezione delle assenze (o piuttosto delle zone da esplorare in ricerche future) si potrebbero ricordare il trattato „Sull’arte“, perorazione retorica della dignità dell’arte medica di fronte a un pubblico presumibilmente assai ampio, o „La malattia sacra“ per la sua polemica contro la medicina magica accompagnata da una spiegazione naturale dell’epilessia. E analogamente si potrebbe rimarcare che nella parte II, dedicata all’età imperiale, brillano per assenza il „De medicina“ di Celso, Areteo di Cappadocia, Rufo di Efeso. Ma sappiamo quanto sia difficile penetrare la complessità del „marketplace“ (come è stato chiamato da Vivian Nutton) di idee e pratiche mediche nel mondo romano dei primi secoli dell’era cristiana. Significativi comunque, nella loro complementarità, i due studi attinenti al mondo arabo. L’importanza delle traduzioni siriache (e dal siriaco in arabo) del corpus galenico e di alcuni scritti ippocratici, e in particolare dell’impresa compiuta in tal senso a Baghdad da Hunayn ibn Ishāq (nel IX secolo), è stata messa in luce in numerosi studi: e tuttavia Uwe Vagelpohl, „The User-friendly Galen: Ḥunayn ibn Isḥāq and the Adaptation of Greek Medicine for a New Audience“, pp. 113–130, si sofferma con profitto sulla ricerca di precisione e chiarezza comunicativa di Hunayn sia nelle traduzioni sia nella confezione di sommari e manuali rivolti a medici e studenti, ma anche a studiosi di medicina. Elvira Wakelnig, „Medical Knowledge as Proof of the Creator’s Wisdom and the Arabic Reception of Galen’s On the Usefulness of the Parts“, pp. 131–149, mostra invece come il „De utilitate partium“ di Galeno sia stato recepito piuttosto su un piano teologico e filosofico per le sue riflessioni su causalità e finalità. Nell’ultima sezione, i saggi dedicati alla medicina bizantina si pongono in un simile rapporto di complementarità. Su un piano di storia delle idee, Erika Gielen, „Physician Versus Physician: Comparing the Audience of On the Constitution of Man by Meletios and Epitome on the Nature of Men by Leo the Physician“, pp. 153–179, riflette sul processo di cristianizzazione del sistema galenico nel trattato „Sulla costituzione dell’uomo“ del monaco Melezio (IX sec. d. C.), la cui fortuna è provata da una nutrita tradizione manoscritta. Per contro Petros Bouras-Vallianatos, in uno studio forse un po’ sbilanciato sul piano della filologia testuale („Reading Galen in Byzantium: The Fate of Therapeutics to Glaucon“, pp. 180–229), illustra bene il contesto di scuola (condizionato da un syllabus per l’insegnamento della medicina già formato in Alessandria all’inizio del VI sec. d. C.) che favorisce la diffusione del galenismo in manuali e sintesi ad uso e consumo di studenti e medici. All’indagine sul pubblico della letteratura medica si intrecciano inevitabilmente in questo volume molti altri filoni, fra cui il rapporto fra teorie mediche e filosofia, fra l’avanzamento delle conoscenze teoriche e i curricula scolastici, nonché fra i diversi livelli della competenza professionale, della cosiddetta Gebrauchsliteratur, e della conoscenza amatoriale. E non sarebbe stato inopportuno, nell’introduzione, cercare di organizzare i contenuti per un miglior orientamento del lettore. Ma infine, come già detto, queste osservazioni critiche non sono intese a sminuire in alcun modo la qualità scientifica di questo ricco e importante volume.

Maria Michela Sassi

La necessità del segreto. Indagini sullo spazio politico nell’Italia medievale e oltre, a cura di Jacques Chiffoleau, Etienne Hubert e Roberta Mucciarelli, Roma (Viella) 2018 (I libri di Viella 311), 384 pp., ISBN 978-88-3313-088-0, € 34.

Come precisano i tre curatori nell’avvertenza iniziale (che chiarisce anche qualche discrepanza interna dovuta alla non perfetta coincidenza fra interventi al convegno e saggi finali), il volume in questione è il risultato di un seminario internazionale dedicato nel 2017 a Siena a „Il segreto e lo spazio politico“. Il libro si compone di due sezioni, dedicate rispettivamente a „Governare“ (con cinque saggi) e a „Disciplinamento e comportamenti“ (con sette saggi). Rispetto al convegno, mancano gli interventi di Giuliano Milani e di Julien Théry, mentre Lorenzo Tanzini ha sviluppato in un capitolo specifico le considerazioni espresse durante la discussione. Le due sezioni sono inquadrate da una lunga e ricchissima introduzione di Jacques Chiffoleau („De la nécéssité du secret dans la construction de l’espace [et du sujet] politique“) e da una rapida ma significativa conclusione di Mariavittoria Catanzariti („Il segreto e le sue forme: legittimazione, disciplinamento, pratiche“). Il tema del „segreto“ – all’incrocio di questioni cruciali come quelle relative alla natura dell’agire politico e istituzionale, all’efficacia della distinzione pubblico/privato e alla delimitazione delle pratiche di disciplinamento sociale e individuale tanto laiche quanto religiose – è stato oggetto di una notevole attenzione storiografica e politologica tanto risalente quanto più recente soprattutto in merito all’età contemporanea, attenzione aperta a una estrema varietà di contesti, dato che un nocciolo di segreto è in pratica al cuore di ogni interazione sociale. In questo senso, qualunque indagine storica su questo tema si deve guardare dal rischio di offrirne una tassonomia, per quanto articolata, rispetto al contesto scelto. Per evitare tale pericolo, nel volume il segreto viene individuato come elemento fondamentale nella „costruzione del soggetto/suddito e dello spazio politico“ (p. 7), puntando a fare interagire i due piani del politico e del sociale col mostrarne i fittissimi rapporti e le talora inaspettate discrepanze. In questa direzione, il tema viene esplorato d’un lato, nella prima sezione, in rapporto alla natura e alle forme dello spazio politico medievale: se la parte centrale della sezione è dedicata alle pratiche politiche delle città italiane fra XI e XIV secolo, con attenzione alla storiografia (Enrico Faini), ai meccanismi della rappresentanza consiliare (Lorenzo Tanzini) e al controllo dell’informazione politica e diplomatica (Edward Loss), fanno ad essa da contrappunto i due capitoli extra-europei della raccolta che esplorano la dimensione „topografica“ del segreto nelle pratiche di governo della Cina dei secoli X e XI (Christian Lamoureux) e la narrazione delle strategie regali di segretezza e disvelamento nell’Etiopia della fine del Seicento (Eloi Ficquet). Il contrappunto contestuale e documentario rappresentato da questi ultimi due saggi non risulta artificioso, ma anzi, oltre a regalare due contributi di grande interesse di per sé, contribuisce a illuminare di luce diversa aspetti significativi del contesto italiano. Con la seconda sezione il fuoco si restringe alle città dell’Italia comunale (e in prevalenza dell’area toscana), ma d’altro canto si apre a contesti sociali e piani istituzionali diversi: i campi della mercatura – tanto nello spazio della memoria familiare (Isabelle Chabot), quanto in quello della regolamentazione delle comunità economiche di fronte a contesti „esterni“ (Laura Galoppini) e delle pratiche correnti (Mathieu Arnoux) – si intrecciano a quelli dell’artigianato e della circolazione del sapere tecnico (Donata Degrassi/Franco Franceschi), mentre le complesse dinamiche di trasparenza/opacità (Étienne Hubert) e di controllo giudiziario e sociale dei comportamenti (Roberta Mucciarelli) nei contesti urbani e comunali si complicano e si articolano nell’interferenza con le pratiche devozionali (Michele Pellegrini). Il tema è amplissimo e il volume manifesta a tratti la compresenza, all’apparenza contraddittoria, di una varietà di impostazione dei contributi (e del loro respiro: in qualche caso la disparità di dettaglio nell’analisi si avverte) e di un fuoco molto determinato sulla cultura e sulla pratica politica comunale per lo più di area toscana. Ciò detto, l’attenzione sistematica e corale degli autori all’intreccio dei piani della loro indagine – sociale, istituzionale e individuale; normativo, culturale e pragmatico – riesce a ricondurre le innumerevoli diverse facce del „segreto“ e il loro riflettersi in una documentazione altrettanto varia a un quadro polifonico, ma coerente. Il risultato è un volume ambizioso, a tratti diseguale, ma indubbiamente originale: lo sguardo che la prospettiva del segreto e della sua necessità permette di gettare sui meccanismi sociali e istituzionali dell’Italia medievale, teoreticamente definito con maestria dall’introduzione di Jacques Chiffoleau, regala al lettore una chiave innovativa per cogliere alcune dinamiche cruciali di questo stesso spazio politico.Isabella Lazzarini

Michelle Hobart (Ed.), A Companion to Sardinian History, 500–1500, Leiden-Boston (Brill) 2017 (Brill’s Companions to European History 11), XXX, 651 pp., ill., ISBN 978-90-04-34123-4, € 249.

This edited volume is a collection of essays by eighteen prominent voices in Sardinian history. It presents current research and introduces an important subject to English-speaking readers. Medieval and early modern scholarship on Sardinia has considerably grown in the last decades, and Hobart’s volume helps non-Sardinianists surveying this new landscape. The book is organised into three main sections: History, Archaeology and Culture. As an introduction, the editor offers a summary of medieval Sardinian history and a chronological outline of the historical writing, although the methodological and ideological constraints of the historiography are not addressed. In the first section, entitled „Setting the Scene“, Olivetta Schena explores the archives and available textual sources, whereas Nathalie Bouloux reviews cartographical sources for medieval Sardinia. The History section opens with another chronological summary, as Laura Galoppini revises a millennium of Sardinian medieval history. A sharper degree of focus is then offered in terms of both temporal and thematic specialisation. Corrado Zedda expands on the political history of the eleventh century with his take on the thorny issue of the so-called Islamic presence in Sardinia and the origins of the giudicati – Sardinia’s autochthonous polities. Moving into the twelfth century, Henrike Haug’s essay examines how the Pisans and Genoese competed to exercise their influence on Sardinia and control its rulers. Henri Bresc, arguing that the essential difference between the islands is a political one, compares Sardinia, Corsica and Sicily in terms of institutional dependency, demographics, geography and trade. Cecilia Tasca discusses the Sardinian Jewish communities of the Late Middle ages; due to the lack of evidence, the Jewish presence is only hypothesised for the preceding eras in a short overview. Raimondo Turtas covers a larger timeframe and synthesises the history of the Church on the island from the Vandal period to the Aragonese era. The transition into modernity is covered by Gian Giacomo Ortu and Giovanni Murgia. Ortu first discusses the political and economic transformation of the giudicati throughout the Late Middle Ages, which is then complemented by Murgia, as he details the consequences for Sardinia of the Spanish imperial policies in the sixteenth and seventeenth centuries. The next set of chapters condenses some of the latest developments in archaeological research in Sardinia. First, Marco Milanese summarises major themes and methodologies explored in the last decades. Three chapters are then dedicated to key sites: Cagliari, Sassari and Alghero. Milanese’s second text examines excavated sites in Alghero as he discusses castle building in Sardinia under Pisan, Genoese and Aragonese influence. Rossana Martorelli and Daniela Rovina explore the features of Sardinia’s urban archaeology by examining the most recent excavations in the island’s major cities, Cagliari and Sassari, respectively. Regarding types of material evidence, Laura Biccone’s essay focuses on pottery studies and local glazed production, and Daniela Rovina’s second chapter is concentrated on personal ornaments and the history of apparel during the Middle Ages. The Culture section does not discuss the wider state of cultural studies in Sardinia, but instead covers three specific themes: music, architecture and urban planning. Ecclesiastical music featured in the cultural fabric of Sardinia, as Giampaolo Mele shows; his essay discusses the tie between liturgy and Sardinian musical traditions. Roberto Coroneo presents a comprehensive summary of Sardinian medieval churches and their architecture. Finally, Marco Cadinu’s chapter analyses Sardinia’s history of urban topographies, emphasising the development of „new cities“ during the Middle Ages. „A Companion to Sardinian History“ will guide non-Italian researchers in finding new lines of inquiry into a burgeoning subject, with scholarship that goes beyond the „traditional“ works of the last century. Graduate students and medievalists who begin to consider Sardinia will find this collection particularly revealing, as it exemplifies central but still challenging themes, such as Sardinia’s constant need for an independent narrative, its insistence on isolation and the rarity of its culture and institutions, and the adaptation of pre-existing local customs to foreign structures. Unfortunately, the volume’s steep price will make it difficult to use in postgraduate seminars and will put it out of the reach of many. However, the overall contribution of this book deserves serious consultation by any student or scholar interested in the medieval Mediterranean, as it illuminates an island that has been frequently marginalised from historical consideration. The many threads in this book allow it to accomplish its original aim: to dispense with a unifying narrative and produce a multivocal perspective of Sardinia’s medieval and early modern history.

Hervin Fernández-Aceves

Dialoghi con Bisanzio. Spazi di discussione, percorsi di ricerca. Atti dell’VIII Congresso dell’Associazione Italiana di Studi Bizantini (Ravenna, 22–25 settembre 2015), a cura di Salvatore Cosentino, Margherita Elena Pomero e Giorgio Vespignani, Spoleto (Centro Italiano di Studi sull’Alto Medioevo) 2019 (Quaderni della Rivista di Bizantinistica 20), 2 Bde., XXI, 1158 S., Abb., ISBN 978-88-6809-238-2, € 140.

Fast vier Jahre nach dem umfassenden Kongress der italienischen Byzantinistinnen und Byzantinisten (das Programm ist abgedruckt auf S. XIII–XXI) liegen nun auch die Kongressakten in Form eines zweibändigen Werkes mit 1158 S. und insgesamt 69 Beiträgen vor. Ziel des Kongresses war, möglichst alle aktuellen Forschungsgebiete und Tendenzen der italienischen Byzantinistik abzubilden. Bei dieser Vorgabe müssen naturgemäß eine thematische Strukturierung und ein „roter Faden“ fehlen. Dies gilt in verstärktem Maß für die vorliegende Publikation der Akten, bei der die (sehr grobe) Themengliederung des Kongresses (vgl. Programm) zugunsten einer rein alphabetischen Ordnung nach Autorinnen bzw. Autoren aufgegeben wurde. Eine Besprechung oder auch nur Anzeige der 69 Aufsätze oder auch der ca. 30 Beiträge, die einen mehr oder weniger engen Bezug zu Italien aufweisen, ist in diesem Rahmen nicht möglich, aber auch wenig zielführend. Es wird vielmehr versucht, anhand von exemplarisch ausgewählten Aufsätzen die Bandbreite der byzantinistischen Forschung zu dokumentieren. Traditionell stark vertreten sind die Kunst- und Architekturgeschichte (was zweifelsohne auch mit einer relativ hohen Anzahl entsprechender Lehrstühle im italienischen Universitätssystem zusammenhängt). Byzantinische (oder byzantinisierende) Artefakte konnten direkt importiert (Alessandra Avagliano, „Sculture bizantine inedite e poco note di Salerno e della Costa Amalfitana“, S. 13–29), in heimischer Produktion nach byzantinischen Vorbildern hergestellt (Valentina De Pasca, „Il fascino nella produzione orafa longobarda. Alcuni casi da Castel Trosino e Nocera Umbra“, S. 389–407) oder innovativ weiterentwickelt werden (Antonino Tranchina, „‚Salva, o logos, colui che ha scolpito questo fonte‘. Per una revisione dell’opera di Gandoulphos, tra nuovi materiali e spunti interpretativi“, S. 1083–1100). Der Kongressort Ravenna als einer der Knotenpunkte des Kulturkontakts ist mit mehreren Beiträgen vertreten. Als Beispiel sei auf die architekturgeschichtliche Studie zum Exarchenpalast von Massimiliano David, „Nuove tecnologie di indagine per lo studio archeologico del Palazzo dell’Esarca a Ravenna“, S. 343–352 (mit reichem Bildanhang), verwiesen. Von hoher wissenschaftsgeschichtlicher Bedeutung für die Kunst Ravennas ist das Photoarchiv von Friedrich Wilhelm Deichmann (Eva Staurenghi, „L’archivio fotografico di Friedrich Wilhelm Deichmann dell’Istituto Archeologico Germanico di Roma. Il dossier ravennate“, S. 1011–1024). Im Bereich der historischen Grundwissenschaften liegt der Schwerpunkt auf der Epigraphik. Während die Analyse des Dekapentasyllabus auf dem goldenen Brustkreuz von S. Giovanni a Piro, heute im Museo Diocesano di Gaeta, die Verbindung von kunstgeschichtlicher und historischer Forschung dokumentiert (Pietro Pirrone, „La ‚stauroteca‘ di Gaeta: una testimonianza artistica costantinopolitana d’età Macedone nel monastero di San Giovanni a Piro (principato longobardo di Salerno)“, S. 771–787; Mario D’Ambrosi, „Epigramma dedicatorio sull’encolpio di Gaeta: un decapentasillabo ‚imperfetto‘?“, S. 305–324), bietet Francesca Fiori, „Nicola Parathalassites di Palermo. Continuità degli elementi linguistici e formali romano-orientali in una iscrizione di epoca normanna“, S. 459–467, auf der Basis einer griechischen Inschrift aus San Pietro de Balneariis wichtige Erkenntnisse zur administrativen und demographischen Situation in Palermo unmittelbar nach der normannischen Eroberung. Ebenfalls im multikulturellen Kontext Siziliens lokalisiert sind die hagiographische Studie zur Geschichte der Bistümer Lentini und Catania im Übergang vom 8. zum 9. Jh. von Mario Re, „Severo vescovo di Catania nel De Virgantino (B.H.G. 61), additamentum della Passio dei martiri Lentinesi Alfio, Filadelfo e Cirino (con una proposta di datazione)“, S. 863–881, der Aufsatz von Andrea Luzzi, „Note sulla produzione di canoni ‚giambici‘ eclesiastici a Bisanzio dopo l’originaria fioritura tradizionalmente ascritta al Damasceno“, S. 589–613, zur byzantinischen Hymnographie mit besonderer Berücksichtigung der Iamben von Eugenios von Palermo sowie die detaillierte Untersuchung der Bischofsabfolge in Syrakus zur Zeit des Ikonoklasmos von Vittorio G. Rizzone, „I vescovi di Siracusa tra VIII e IX secolo e la diffusione dell’iconoclasmo in Sicilia. Fonti documentarie e archeologiche“, S. 925–941. Einen ähnlichen kulturellen Kontaktraum bildete ab dem 11. Jh. das griechische Kloster von Grottaferrata (vgl. Angela Prinzi, „Nuove ricerche sul dossier greco dei martiri terracinesi Cesario e Giuliano“, S. 849–862). Auch nach dem Verlust der letzten territorialen Stützpunkte des byzantinischen Reichs auf der italienischen Halbinsel im 11. Jh. sind in verschiedenen Bereichen Kontakte und Konflikte zu konstatieren. Besonders intensiv war bekanntlich der „Dialog“ im normannischen Süditalien mit einem partiell hohen Anteil „griechischer“ Bevölkerung. Cristina Rognoni untersucht diesen Aspekt mit einer detaillierten Studie zur Rechtskultur und zur Kenntnis der „Novellae“ Justinians zur Zeit Rogers II. (Cristina Rognoni, „Libri legales e cultura giuridica alla corte di Ruggero II. La testimonianza di un contemporaneo“, S. 943–961). Dabei unterstreicht sie nicht nur die Bedeutung Süditaliens für die Textüberlieferung juristischer Werke, sondern regt auch weitere Studien zum praktischen Gebrauch dieser Texte an. Der intensiv erforschte Sektor der Handelsbeziehungen italienischer Seerepubliken mit Byzanz wird von Livia Bevilacqua, „Veneziani a Costantinopoli. Qualche considerazione sulla circolazione di opere d’arte nel Mediterraneo nel XIV secolo“, S. 109–121, mit einer Detailstudie zum venezianer Kunsthandel im 14. Jh. erweitert. Im Gegensatz zu Venedig oder Genua stand die Handelspolitik von Florenz im östlichen Mittelmeerraum bisher weniger im Brennpunkt der Forschung. Giorgio Vespignani, „Crisobolli e privilegi concessi a Firenze da Giovanni VIII Paleologo (1439). Per lo studio di una Romània fiorentina“, S. 1141–1158, liefert einen detaillierten Überblick über die florentiner Aktivitäten im 14. Jh., der auch die Frühphase der osmanischen Herrschaft miteinbezieht. Während sich Florenz zu Beginn des 15. Jh., auch dank der Kontakte zum Dukat Athen unter den Acciaiuoli, vornehmlich auf die Morea konzentrierte, nahmen die Kontakte zu Byzanz in den 1430er Jahren zu. Das Unionskonzil in Florenz konnte in einem strategischen Gesamtplan auch zum Aufbau von Handelsbeziehungen genutzt werden. Trotz mehrerer diesbezüglicher Privilegien durch den byzantinischen Kaiser erfolgte in den Jahren bis 1453 kein nennenswerter Ausbau der Handelspräsenz in Konstantinopel (Scheitern der Kirchenunion, Konkurrenz von Venedig und Genua). Erst in osmanischer Zeit ist ein florentiner console in Konstantinopel nachweisbar (1467), 1488 wurden Statuten für die florentiner Kolonie in Konstantinopel erlassen. Zweifelsohne konnte das Ziel des Kongresses, die Bandbreite der italienischen Byzantinistik zu dokumentieren, bestens erreicht werden: Die Menge und interdisziplinäre Ausrichtung der behandelten Themen ist beeindruckend. Viele Aufsätze bieten aktuelle Forschungsergebnisse und Anstöße für weitere Studien, im Bereich der Byzantinistik und darüber hinaus. Aufgrund fehlender Register und Gliederung der Themen ist eine zielgerichtete Konsultation allerdings nur über das Inhaltsverzeichnis möglich. In einem solchen Fall stellt sich die Frage, ob nicht eine online-Veröffentlichung (idealerweise open access und zeitnah zum Kongress) sinnvoller gewesen wäre.Thomas Hofmann

Enikö Csukovits, Hungary and the Hungarians. Western Europe’s View in the Middle Ages, Roma (Viella) 2018 (Viella historical research 11), 233 pp., ISBN 978-88-3313-010-1, € 55.

This monograph engages with the image of the kingdom of Hungary among Western European authors, drawing on a wide array of source-material, across the entire medieval period. There is a very good guide to the existing sources up to 1301, the painstaiking collection by A. F. Gombos, „Catalogus Fontium Historiae Hungariae“ (1937–1938), which served as the basis of selection for works to be covered in this book. Enikö Csukovits also added other works for the later medieval period; yet some authors who wrote about Hungary, but do not appear in Gombos, such as Thomas of Cantimpré, do not feature in this book. The material is divided into six chapters and a conclusion. The first chapter treats the knowledge about Hungary from its beginnings to the late medieval period, among neighbours and travellers, as well as those situated farther away from the country. Csukovits links western Europe’s interest in Hungary to interest in the East, first to the issue of the Hungarians’ eastern origins, which was then overwritten by the country’s conversion to Christianity; then the pilgrimage and crusade route through Hungary to the Levant, which generated both positive and negative descriptions; and finally to the Ottoman question, which prompted a renewed interest in Hungary. The second chapter, through descriptions and maps charts Hungary’s place in medieval Europe. Already in the eleventh and twelfth centuries several maps include Ungaria/Hungaria. In addition to knowledge acquired by westerners in Hungary, piecemeal information through travellers from Hungary also reached western Europe, but seems to have been confined to a few authors, and did not enter the general stream of knowledge accumulated about the country. The third chapter focuses on the theme of how Hungarian kings were depicted, often in fictionalized manner. These stories built on the widespread idea about the kingdom as possessing extreme richess, where great power was concentrated in the king’s hands. The fourth chapter engages with depictions of Hungarians as enemies, in wars against Venice, Naples, the Ottomans and Austria. References to eastern ways of fighting characterize the earlier sources, but by the later medieval period, Hungarian armies were more in line with western ones; their obedience to commands and their combat value were emphasized. The fifth chapter describes how narrative accounts depicted the peoples of Hungary. Sources often did not distinguish between different groups who lived in the kingdom. No set adjective came to be associated to the Hungarians, unlike some ethnic stereotyping, but the warrior qualities attributed to the Hungarians played a significant role in many descriptions. The sixth chapter investigates two libraries, one at the Burgundian court, and the second, Hans Dernschwam’s library, and their holdings of Hungarian-related material, in order to show how fifteenth- and sixteenth-century authors could find information on Hungary in books. A final short concluding chapter summarizes the author’s findings, emphasizing that, apart from the earliest descriptions, most descriptive texts on Hungary omit wild exaggerations and inventions. Throughout, the author firmly rejects the use of social sciences and theoretical works, and insists on enumerating results from a close reading of the primary sources. The bibliography is extensive, citing works in many languages, with a few incongruous entries, when French or German works are cited in a Hungarian translation (for example Reinhart Koselleck or Jean Delumeau). In addition, some Hungarian works that had been translated into English (such as Géza Pálffy’s book) are noneless cited in the Hungarian original. Useful appendices close the book: one is a list of mappae mundi-manuscripts that contain a reference to Hungaria, and the second is a list of Hans Dernschwam’s books containing geographical knowledge. The book is generally readable, although it is not always in idiomatic English.Nora Berend

Von der Ostsee zum Mittelmeer. Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte für Wolfgang Huschner = Dal Mar Baltico al Mediterraneo. Ricerche di storia medievale per Wolfgang Huschner, hg. von Sebastian Roebert, Antonella Ghignoli, Cornelia Neustadt, Sebastian Kolditz, Leipzig (Eudora-Verlag) 2019 (Italia Regia. Fonti e ricerche per la storia medievale 4), 542 S., Abb., ISBN 978-3-938533-61-1, € 99.

„Von der Ostsee zum Mittelmeer“ – der Titel umreißt die zentralen Lebensstationen und Forschungsinteressen des Leipziger Mediävisten Wolfgang Huschner, dem an seinem 65. Geburtstag die vorliegende Festschrift gewidmet wurde. In Wismar geboren, forschte er zunächst an der Humboldt-Universität zu Berlin zur Struktur des mittelalterlichen Reiches. Nach dem Umbruch von 1989/1990 richtete Huschner seinen Blick auf Italien. Als einer der ersten Historiker der ehemaligen DDR forschte er in Rom und in Norditalien. Nach seiner bahnbrechenden Habilitation zu den Wechselwirkungen zwischen den nord- und südalpinen Reichsteilen bekleidete er schließlich 2004 die Professur für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Leipzig, wo er inhaltlich und räumlich vielfältige Schwerpunkte setzte, das Fach weiter profilierte sowie als inspirierender und fördernder akademischer Lehrer wirkte. Dies wird in der vorliegenden Festschrift überdeutlich, in die breit gestreute Forschungsthemen der Kolleginnen und Kollegen sowie Schülerinnen und Schüler des Jubilars Eingang fanden. Von den 37 Beiträgen sollen an dieser Stelle nur einige aus den fünf inhaltlichen Themenfeldern „Im Spiegel der Urkunden“, „Herrschaftssymbolik und Herrschaftspräsenz“, „Transalpine und andere Kommunikationen“, „Klöster im europäischen Kontext“ und „Mecklenburgica“ exemplarisch vorgestellt werden. Eine Auswahl, die aufgrund der allesamt erkenntnisreichen und vorzüglich recherchierten Beiträge sehr schwer fällt. Aus dem ersten Themenblock „Im Spiegel der Urkunden“ sei der Beiträge von Reinhard Härtel zu den hochmittelalterlichen Diplomen des Domkapitels von Aquileia genannt, die schon im Mittelalter durch hohe Verluste gekennzeichnet waren. Antonella Ghignoli widmet sich dem Gründungstext aus dem Jahr 1086 für die erste Frauengemeinschaft des Kamaldulenserordens, die auf den Generalprior Rudolf I. zurückgeht. Eine Kontextualisierung des erst kürzlich verbessert edierten Diploms von Kaiser Friedrich I. Barbarossa für Assisi vom 21. November 1160 stellt Nicolangelo D’Acunto vor. Marie Ulrike Jaros geht einem Fälschungskomplex von Urkunden aus der Frühzeit des Cölestinerordens in der Diözese Chieti nach. Im zweiten Themenblock, der der Herrschaftssymbolik und -präsenz gewidmet ist, behandelt Daniela Rando in Anknüpfung an die Forschungsergebnisse des Jubilars zu Johannes Philagathos dessen Bedeutung für die Geschichtsschreibung zur Frühgeschichte Pavias. Liudprand von Cremona, mit dem viele der lange nachwirkenden Forschungsergebnisse Huschners verbunden sind, widmen sich die Beiträge von Vera von Falkenhausen und Andreas Müller, die jeweils Interpretationsvorschläge zu Quellenstellen in der „Antapodosis“ bieten, die in der Forschung zu Diskussionen geführt haben. Olaf B. Rader weist ein differenzierendes Vorgehen bei den Rittererhebungen durch Karl IV. in Rom nach. Aus dem dritten Hauptkapitel zum weiten Themenbereich „Transalpine und andere Kommunikationen“ sei der höchst beeindruckende Beitrag des inzwischen verstorbenen Rudolf Schieffer zum Schriftverkehr zwischen Hinkmar von Reims und mehreren Päpsten genannt, der sich über drei Jahrzehnte erstreckte und zu den wichtigsten Briefwechseln des 9. Jh. zählt. Die Beziehungen zwischen dem Regnum Italie und Byzanz im dritten Viertel des 9. Jh. greift Sebastian Kolditz in einer umfangreichen Studie zum Austausch des Karolingers Ludwig II. von Italien und Kaiser Basileios I. auf, in der vor allem die Auswertung und Kontextualisierung der zentralen chronikalischen Nachrichten beeindruckt. Der anschließende Themenkomplex „Klöster im europäischen Kontext“ wird von Giulia Barone mit einem Beitrag zu den Benediktinern in Rom eingeleitet, deren Klosterkomplexe am Rand bzw. außerhalb der Altstadt sowie deren Beziehungen zum Papsttum über einen Zeitraum von neun Jahrhunderten schlaglichtartig vorgestellt werden. Arnold Esch geht den Selbstzeugnissen entlaufener Mönche, die sich im Militärdienst wiederfanden, nach, die er aus den Suppliken im Archiv der Apostolischen Pönitentiarie exemplarisch vorstellt, wobei er dem Leser auch die hohe Aussagekraft dieses Überlieferungsschatzes nahebringt. Aus diesem Quellenbestand schöpft auch Wolfgang Eric Wagner für seinen Beitrag zum „Prügel-Propst“ Johannes Mileke, der ein Gewaltvergehen aus Studententagen an die Pönitentiarie herantrug. Dieser Beitrag ist bereits dem letzten Kapitel der Festschrift entnommen, das den „Mecklenburgica“ gewidmet ist. Daraus sei der umfassende Beitrag der inzwischen verstorbenen Brigide Schwarz zum Mord am Propst von Bernau, dessen Prozess bis an die Kurie in Avignon getragen wurde, hervorgehoben; dessen weitere Verhandlung und Abschluss wird von Schwarz unter Berücksichtigung der kanonischen Prozessordnung der Kurie in stupender und lehrreicher Weise vorgestellt. Jeder der hier ausgewählten Beiträge, die einen spezifischen Italienbezug haben, basiert auf einer soliden Quellengrundlage und führt mit wichtigen Einblicken und Ergebnissen die jeweils aufgegriffene Thematik fort; dies gilt auch für die hier aus Platzgründen nicht berücksichtigten Aufsätze. Sie alle hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck von den Forschungsschwerpunkten und -kontakten des Jubilars und verweisen auf sein breites Oeuvre und seine forschungszentrierte Lehre, mit der er die Mediävistik an der Universität Leipzig und weit darüber hinaus mitgestaltet und geprägt hat.Jörg Voigt

Bruno Figliuolo/Rosalba Di Meglio/Antonella Ambrosio (a cura di), Ingenita curiositas. Studi sull’Italia meridionale per Giovanni Vitolo, Battipaglia (Laveglia & Carlone) 2018, 3 Bde., 1592 S., Abb., ISBN 978-88-86854-68-9, € 145.

Entgegen der philosophisch-anthropologischen These von Aristoteles „Alle Menschen streben von Natur nach Wissen“ (Aristoteles, Metaphysik I,1) ist dieser Grundzug in der Gesellschaft nicht immer erkennbar. Im Fall von Giovanni Vitolo allerdings kann man die ingenita curiositas ohne jeden Zweifel unterstreichen. Seine breit gefächerte wissenschaftliche Produktion wird in der detaillierten Bibliographie deutlich, die von Francesco Li Pira erstellt wurde (S. 13–28) und neben zahlreichen Lexikoneinträgen, Rezensionen und Präsentationen 35 monographische Werke (als Vf. oder Hg.) und 127 Aufsätze umfasst. Bereits seine laurea über den Feudalismus bei Giambattista Vico (1972) manifestierte die Kombination lokalgeschichtlicher und transregionaler Fragestellungen. In der Folgezeit beschäftigte sich der Gefeierte überwiegend mit Süditalien im Mittelalter (von langobardischer bis aragonesischer Zeit), wobei die Quellen immer den Ausgangspunkt seiner Forschungen bildeten. Ein besonderer Schwerpunkt lag auf dem unerschöpflichen Archivbestand der Badia di Cava: Zwischen 1984 und 2015 sind unter seiner Herausgeberschaft vier Bde. des „Codex diplomaticus cavensis“ erschienen, die nicht nur die Geschichte eines der bedeutendsten Klöster Süditaliens, sondern darüber hinaus in paradigmatischer Weise auch die Klosterpolitik und Formen von Verwaltung und Organisation von Grundbesitz in langobardischer und normannischer Zeit dokumentieren. Dass dem Geehrten neben den wissenschaftlichen Studien auch die Didaktik besonders am Herzen lag, zeigt exemplarisch seine Einführung „Medioevo. I caratteri originali di un’età di transizione“, zuerst 2000 erschienen, inzwischen in 14. Auflage (2017) konsultierbar. Anlässlich des 70. Geburtstags von Giovanni Vitolo hat der Verlag Laveglia & Carlone eine monumentale Festschrift im Umfang von 1592 S. und mit 83 (!) Beiträgen von Fachkolleginnen und -kollegen herausgegeben, die die stupende Bandbreite der curiositas und der Forschungen des Autors manifestiert. Nach einer sehr persönlichen Biographie von Bruno Figliuolo (S. 5–11) folgen fünf umfangreiche thematische Kapitel: „Ambiente, territorio, istituzioni politiche e sociali“ (S. 29–191), „Istituzioni ecclesiastiche e vita religiosa“ (S. 193–507), „Città, comunità rurali, poteri signorili“ (S. 513–714), „Cultura, arte, mentalità“ (S. 715–1002) sowie „Filologia, paleografia, diplomatica“ (S. 1007–1260). Ein sechstes Großkapitel mit geographischem Bezug („Il Mezzogiorno dai Normanni agli Aragonesi“, S. 1261–1556) schließt die Sammlung ab. Die Überschriften bilden exakt die Forschungsmethode des Geehrten ab, der grundsätzlich von den Quellen im lokalen und regionalen Umfeld ausging, diese aber immer in die „italienische“ und europäische Geschichte und in den internationalen Forschungsdiskurs einband. Kurze abstracts in englischer Sprache runden die Festschrift ab. An dieser Stelle können von den 83 Artikeln nur ausgewählte Beispiele angezeigt werden, wobei der Schwerpunkt auf Nord- und Mittelitalien (sowie auf dem europäischen Kontext) liegen soll. Im Kapitel „Ambiente, territorio, istituzioni politiche e sociali“ stehen die klimatischen Rahmenbedingungen, Naturkatastrophen, Grenzen und politischen Einrichtungen im Vordergrund. Paolo Golinelli, „Agiografia e realtà storica su di un ignoto terremoto padano del 1066“, S. 39–45, macht am Beispiel eines norditalienischen Erdbebens des Jahres 1066 deutlich, dass für die historische Erdbebenfoschung auch hagiographische Quellen berücksichtigt werden sollten. Sandro Carocci, „Fondi 1179“, S. 47–59, schildert auf der Basis einer erstmals edierten Urkunde die komplexen jurisdiktionellen Regelungen im Konflikt zwischen baronalem und königlichem Recht in spätnormannischer Zeit im nördlichen Grenzgebiet des Regno. Die Ausprägung korporativer Wirtschaftsformen in Piacenza im Übergang vom 13. zum 14. Jh. zeichnet Roberto Greci, „Tracce di vita e dinamiche corporative in atti notarili piacentini“, S. 87–109, auf der Basis lokaler Notariatsinstrumente nach. E. Igor Mineo, „Riferimenti al popolo nella Cancelleria pontificia fra XII e XIV secolo“, S. 111–123, beleuchtet vor dem Hintergrund des Volkstribunats von Cola di Rienzo parallele Entwicklungen in anderen Städten des Patrimonium Petri. Wichtige Phänomene der Kirchen- und Ordensgeschichte behandeln im zweiten Kapitel die Beiträge von Paolo Delogu, „Theologia picta: Giovanni VII e l’adorazione del crocefisso in Santa Maria Antiqua di Roma“, S. 259–285 (theologische Diskurse im Bildprogramm des beginnenden 8. Jh.), Cristina Andenna, „Dissimulare e simulare nelle vite di due vescovi tedeschi nell’età della riforma della chiesa: Bennone II di Osnabrück e Alberone di Treviri“, S. 319–340 (politische Stellungnahme des Episkopats während des Investiturstreits), Tommaso Di Carpegnea Falconieri, „La vita monastica come modello condiviso o contestato per la riforma della chiesa (metà XI–XII secolo)“, S. 371–383 (Ordensregeln bei der Ausbildung von Gemeinschaften von Regularkanonikern) oder Luigi Pellegrini, „Da S. Spirito del Morrone alla ‚provincia‘ di Terra di Lavoro“, S. 433–446 (Ausbreitung des Cölestinerordens im 14. Jh.) anhand einschlägiger Fallbeispiele. Von den elf Beiträgen zur mittelalterlichen Stadtgeschichte seien exemplarisch drei erwähnt: Nicolangelo D’Acunto, „Alle origini della civitas. Un documento dell’Archivio di S. Rufino in Assisi (1140)“, S. 543–551, zeigt ausgehend von einer Schenkungsurkunde an die Bischofskirche S. Rufino die verzögerte Ausbildung kommunaler Strukturen in Assisi auf. Die Verbindung von Stadtgeschichte und städtisch inszenierter Religiosität dokumentiert am Beispiel des spätmittelalterlichen Genua Giovanna Petti Balbi, „Memoria e religione civica a Genova. I cataloghi festali tra XIII e XV secolo“, S. 573–590, während Gabriella Piccinni, „Pieni e vuoti nelle città italiane, prima e dopo la peste del 1348 e le successive epidemie trecentesche“, S. 591–608, die Schwankungen der städtischen Demographie im Kontext der Epidemien des 14. Jh. thematisiert. Im Themenblock „Cultura, arte, mentalità“ behandeln Anna Esposito und Ivana Ait ausgehend von umfangreichen Archivstudien in Rom und Florenz ausgewählte Aspekte der Kulturgeschichte Roms in der Renaissance: Anna Esposito, „Studiare in collegio a Roma nel tardo Quattrocento e primi decenni del ’500“, S. 819–836, stellt mit dem studentischen Leben einen bisher kaum beachteten Aspekt der städtischen Kultur Roms in der Renaissance vor, Ivana Ait, „Dalla mercatura allo ‚Studium Pisanae urbis‘. I Massimi nella Roma del rinascimento“, S. 837–853, die Geschichte einer römischen Familie, die sich wachsend im Kultursektor engagierte. Aus dem fünften Kapitel „Filologia, paleografia, diplomatica“ seien exemplarisch drei Problemfelder erwähnt: die Echtheitsfrage bei chronikaler Urkundenüberlieferung (Paolo Cherubini, „La cattura di Ugo Malmozzetto: realtà o finzione?“, S. 1027–1040: Quellenwert der Urkunden und historischen Informationen des „Chronicon Casauriense“), Möglichkeiten und Probleme digitaler Editionen (Enrica Salvatori, „La strategia documentaria del vescovo di Luni Guglielmo. Considerazioni a margine di un’edizione digitale“, S. 1175–1190: Möglichkeiten digitaler Editionen bei notariellen Urkundenabschriften) und der Vergleich von Kopialbuch und Original (Attilio Bartoli Langeli/Eleonara Rava, „A proposito dell’uso dei testamenti. I transunti in volgare della Pia Casa della Misericordia di Pisa (XV secolo)“, S. 1191–1247: singulärer Fall von Abschriften von Schenkungsurkunden und Testamenten in volkssprachlicher Übersetzung im frühen 15 Jh.). Die 17 Aufsätze des sechsten Kapitels „Il Mezzogiorno dai Normanni agli Aragonesi“ werden parallel im „Archivio Storico per la Calabria e la Lucania“ behandelt. Die vielfältigen Beiträge der 83 Autorinnen und Autoren repräsentieren den weiten Forschungshorizont von Giovanni Vitolo. Die Hg. haben zwar versucht, die Artikel unter sechs thematische Überschriften zu gruppieren, aber der „rote Faden“ ist teilweise nur mit Mühe erkennbar. Die angestrebte Quantität machte eine stärkere Strukturierung unmöglich. Somit handelt es sich in gewisser Weise um einen „Steinbruch“. Die Vielzahl der angebotenen „Mosaiksteine“ bietet allerdings für unterschiedliche Forschungsansätze reiche Details – und vielleicht einen Anstoß zu weiteren, vertiefenden Untersuchungen. Erfreulicherweise fand die vom Geehrten besonders propagierte Quellennähe ihren Niederschlag in fast allen Beiträgen, häufig mit Anhängen bisher unedierter Quellen. Für Forschungen zur süditalienischen Geschichte in Mittelalter und Renaissance, aber darüber hinaus für den gesamten Bereich der italienischen Halbinsel ist die Konsultation ausgewählter Beiträge unbedingt lohnenswert.Thomas Hofmann

Walter Pohl et al. (Hg.), Transformations of Romanness. Early Medieval Regions and Identities, Berlin-Boston (De Gruyter) 2018 (Millennium-Studien / Millennium Studies 71), X, 586 S., Abb., ISBN 978-3-11-058959-7, € 129,95.

Das Römertum überlebte das Ende der römischen Herrschaft. Bis 1453 blieb es im byzantinischen Osten eng mit dem Reich verknüpft, im Westen hingegen gingen nach dem Verschwinden dieser staatsrechtlichen Grundlage im 5. Jh. die verschiedenen für das antike Römertum konstitutiven Merkmale als neue, zunehmend voneinander getrennte Konzeptionen hervor, die sich nun auf unterschiedliche Lebensbereiche beziehen konnten. Das mittelalterliche Römertum umfasste im Westen die rechtlich definierte Gruppe der Romani und das damit verbundene Recht, die Zugehörigkeit zum Militär, die Identität als Christ im Allgemeinen oder in Bezug auf das lateinisch-päpstliche Christentum, die kulturelle Identität durch römische Bildung und Tradition, die ethnisch verstandene Abstammung aus der ehemals römischen Bevölkerung oder die daraus hervorgehende, aber reduzierte regionale oder städtische Zugehörigkeit. Der nun vorliegende Bd. bietet erstmals eine umfassende Studie zum mittelalterlichen Römertum und seinen antiken Ursprüngen in seinen verschiedenen Ausprägungen. Er umfasst insgesamt 27, qualitativ durchgehend hochwertige Einzelstudien, darunter eine ausführliche Einleitung von Walter Pohl, die wiederum in acht Kapiteln unterteilt sind. Im Folgenden kann nur eine knappe Übersicht geboten werden. Das erste Kapitel verbindet die Einleitung mit einem kritischen Beitrag von Guy Halsall, in dem er auf die grundsätzliche Vergleichbarkeit ethnischer, regionaler oder städtischer Identitäten hinweist, sowie einem Aufsatz von Yitzhak Hen, der die das Römische Reich inhärente christliche Komponente diskutiert. Das zweite Kapitel verbindet die Spätantike – mit Beiträgen von M. Shane Bjornlie zu Ammianus Marcellinus und Richard Corradini zu Augustinus – und dem Byzantinischen Reich – mit Aufsätzen von Johannes Koder und Ioannis Stouraitis. Koder untersucht die byzantinische Terminologie und deckt dabei die Komplexität der byzantinischen Romanität und deren Verknüpfung mit der lateinischen und griechischen Sprache auf, der Beitrag von Stouraitis möchte den Übergang von einer staatsrechtlichen hin zu einer seit dem 12. Jh. zunehmend ethnisch verstandenen Notion von Romanitas im Osten nachvollziehen. Ein drittes Kapitel befasst sich mit der Stadt Rom. Rosamond McKitterick unterstreicht die für das frühmittelalterliche Römerverständnis weiterhin inhärente ethnische Konnotation, für das gleichzeitig religiöse, staatsbürgerliche und historische Elemente von Bedeutung seien. Paolo Delogu untersucht die Ausprägung einer partikular städtisch-lokalen römischen Identität mit Bezug auf das Papsttum, wohingegen Veronica West-Harling aufzeigt, dass die imperiale Vergangenheit auch noch im 9. und 10. Jh. für das stadtrömische Selbstverständnis von großer Bedeutung war. Kapitel vier widmet sich Italien und dem Adriaraum. Giorgia Vocino unterstreicht die Bedeutung Roms als Identifikationsfigur auch außerhalb der immer noch als ewig verstandenen Stadt, indem sie sich auf das sich zunehmend vom Langobardischen abgrenzende Spoleto konzentriert. Thomas Granier und Annick Peters-Custot konzentrieren sich auf das lateinische und byzantinische Süditalien, indem Granier die politische Rivalität und gemeinsame kulturelle Basis des westlichen und östlichen Römerreiches diskutiert, Peters-Custot hingegen die besonderen Schwierigkeiten aufzeigt, die für die in Kalabrien und Apulien beheimateten Byzantiner mit der Selbstbezeichnung als „Römer“ verbunden waren. Anschließend wendet sich Francesco Borri Dalmatien zu, Heimatort einer kleineren Bevölkerungsgruppe, deren Mitglieder in den byzantinischen Quellen als Ῥωμᾶνοι (Romani) bezeichnet werden. Im anschließenden Kapitel folgen sieben Beiträge zu Gallien. In Anbetracht seiner mehrheitlich romanischen Bevölkerung ist die Quellenlage zur römischen Identität für diese Region erstaunlich dünn, wie Ralph W. Mathisen feststellt. Zu einem ähnlichen Schluss kommt Ian Wood, der sich mit Blick auf den burgundischen Raum mit dem Barbarenbegriff befasst, sowie Helmut Reimitz, der in Bezug auf Gregor von Tours ein vorherrschendes Interesse an einer gemeinsamen Identifizierung als Christen hervorhebt. Jamie Kreiner zufolge erwähnt die merowingische Hagiographie die römische Herkunft eines Heiligen vorwiegend, um dessen Ansehen hervorzuheben. Stefan Esders und Lukas Bothe befassen sich anschließend mit den in der fränkischen Gesetzgebung mehrfach genannten Romani und deren Einbindung in die fränkische Gesellschaft, wobei Esders auf eine zunehmende Fragmentierung und Regionalisierung der damit verbundenen Identität bis ins 9. Jh. hinweist. Ein weiteres Kapitel wendet sich der iberischen Halbinsel zu. Javier Arce zeigt auf, dass auch die westgotischen Quellen nur sehr vereinzelt Romani erwähnen, ähnlich wie Ann Christys, die nach römischen Bezügen in den umayyadisch beherrschten Regionen fragt. Kapitel sieben wendet sich Britannien und Noricum zu, wobei Ingrid Hartl nach alternativen Bezeichnungen für Personen von römischer Abstammung und deren Verwendung fragt, wohingegen Katharina Winckler sich den vorwiegend rechtlichen Quellen aus dem bajuwarischen Raum und den dort erwähnten Romani zuwendet. Robin Fleming befasst sich mit der Frage, welche Bedeutung im nachrömerzeitlichen Britannien den römischen Hinterlassenschaften zugesprochen und wie mit deren Verschwinden umgegangen wurde. Das letzte Kapitel befasst sich mit der islamischen Welt, wobei Roland Steinacher auf die Bedeutung römischer Bezugspunkte im durchgehend multiethischen Nordafrika hinweist, ähnlich wie auch Jack Tannous, mit Bezug auf Syrien, wo die Schriftquellen das Römertum mit dem römischen Militär aber zunehmend auch mit dem Christentum verknüpfen. Der Bd. bietet einen sehr breiten Überblick und in Bezug auf die vorgelegten Fallstudien detaillierte Untersuchungen zum behandelten Phänomen. Indem der Fokus auf den Schriftquellen liegt, werden viele nördliche und osteuropäische Regionen nur beiläufig erwähnt. Da sich der Bd. auf die Ausdifferenzierung römischer Identitäten in den verschiedenen Regionen konzentriert, werden ideengeschichtliche Fragen, wie die nach dem Römerbegriff im Rahmen der (Neu)Gründung eines römischen Reiches im Westen, nur am Rande behandelt. Bedauerlich ist, dass dem Bd. ein Schlusswort fehlt, das noch einmal das untersuchte Phänomen zusammenfassend aufgearbeitet hätte. Tatsächlich hat der Bd. aber auch nicht den Anspruch, die Widersprüchlichkeit zwischen den verschiedenen Konzeptionen von Römertum aufzuklären, sondern stellt vor diesem Hintergrund fest, dass „[t]his paradox can tell us a lot about how identities work“ (S. 39). Die im vorliegenden Bd. gesammelten Studien bieten damit einen außerordentlich wertvollen Einblick in die verschiedenen mit der frühmittelalterlichen Identitätsbildung verbundenen Prozesse und deren Auswirkungen, und trägt so dazu bei, dass wir die am Übergang von der Antike zum Mittelalter stattgefundenen Veränderungen besser verstehen können. Laury Sarti

Thijs Porck, Old Age in Early Medieval England. A Cultural History, Westbridge, Suffolk (Boydell & Brewer Ltd) 2019 (Anglo-Saxon Studies 33), X, 276 S., Abb., ISBN 978-1-78327-375-1, GBP 60.

Im Vergleich mit der Antike und der Neuzeit ist das Alter(n) im Mittelalter in den letzten Jahren vergleichsweise wenig betrachtet worden. Dennoch lässt sich ein wachsendes Forschungsinteresse auch für diese Epoche konstatieren. Trotz dieser Intensivierung sind in den letzten zwei Jahrzehnten keine Monographien mehr erschienen. Umso relevanter ist daher die vorliegende Studie von Thijs Porck, in welcher die Thematik theoretisch-methodisch reflektiert und sehr quellennah bearbeitet wird. Der Autor widmet sich dem Alter(n) im angelsächsischen England vom 5. bis zum 11. Jh. Auch durch die Quellensituation motiviert, wird das „cultural age“ in den Fokus gerückt, das als kulturelle Konstruktion verstanden wird, die auf tradiertem Wissen und Topoi, der zeitgenössischen Wahrnehmung und praktischen Erfahrungen fußt (S. 5–6). Die Studie gliedert sich in sieben Kapitel: zunächst werden zur Kontextualisierung zeitgenössische Lebensalterkonzeptionen mit einem Fokus auf der Phase des höheren / hohen Alters, den Begrifflichkeiten und chronologischen Altersgrenzen behandelt (S. 16–51). Darauf folgen zwei Kapitel über die positiven und negativen Aspekte des Alters (S. 52–109). Die Kapitel vier bis sieben widmen sich den Themen Hagiographie (S. 110–134), Kriegertum (S. 135–176), Herrschaft (S. 177–211) und Gender (S. 212–231). Dieses weite thematische Spektrum wird anhand eines breiten Quellenkorpus vor allem aus enzyklopädischen, komputistischen, homiletischen, historiographischen und literarischen Werken bearbeitet. Darüber hinaus werden Kunstobjekte und archäologische Befunde in die Analyse miteinbezogen. Diese Texte, die in elitären Kreisen entstanden und rezipiert wurden, geben in erster Linie über deren Wahrnehmung und Erfahrungen des Alter(n)s Auskunft. Aus der Vielzahl der Befunde sollen die folgenden hervorgehoben werden: Die Konzeptionen der Lebensalter des Menschen machen deutlich, dass das hohe Alter in der Regel als eine einheitliche Lebensphase betrachtet wurde, die ab einem chronologischen Alter von 50 Jahren begann. Porck widerlegt die schon vor längerer Zeit aufgestellte These, dass das Alter im angelsächsischen England als „goldenes Zeitalter“ (S. 75) wahrgenommen wurde, indem er dessen grundsätzlich ambivalente Bewertung herausarbeitet. Nicht nur Weisheit, Achtung und Frömmigkeit, sondern auch die Abnahme physischer und psychischer Kräfte sowie Krankheiten prägten die Vorstellungen von der senectus. In literarischen Texten konnten alte Figuren die Vergänglichkeit des Irdischen verkörpern, und in Predigten wurde bisweilen eine drastische Angst vor dem Alter, „gerontophobia“ (S. 109), verbreitet. Obschon auch Heilige von den physischen Beeinträchtigungen des Alters nicht verschont waren, blieben ihre psychischen Fähigkeiten nicht nur stabil, sondern wuchsen gar so sehr, dass sie zu Vorbildern wurden. Damit trotzten sie heldenhaft dem Alter und zeichneten sich durch alle Stärken aus, die mit diesem Lebensabschnitt verbunden wurden. Gleiches galt für alternde Krieger, die trotz nachlassender physischer Stärke ihren Mut aufrechterhalten und veränderte Funktionen als Ratgeber und Strategen erfüllen sollten. Als besonders innovativ erweist sich Porcks Neuinterpretation des Heldenepos „Beowulf“ als Fürstenspiegel für alte (Krieger-)Könige. Wie auch Heilige und Krieger waren Herrscher in ihrem Alter mit zunehmenden Einschränkungen konfrontiert, welche die politische Stabilität ihrer Reiche gefährden konnten. Die Zentralität der Figuren alter Herrscher im genannten Opus, zunächst Hrothgar und dann Beowulf, wird herausgestellt. Das Werk formuliert als zentrale Verhaltensnorm die Fortsetzung der Aktivitäten des mittleren Alters, insbesondere der Schlachtenführung. Das letzte Kapitel des Buches behandelt das weibliche Alter. Da dieses in den schwerpunktmäßig herangezogenen Quellen kaum thematisiert wird, nutzt der Autor hier andere Quellengenres, vor allem Chroniken, Briefe und Testamente, aus denen sich gewisse Informationen gewinnen lassen. Die Befunde lassen nicht auf einen sich generell verschlechternden sozialen Status alter Frauen schließen, sondern vielmehr auf die Übernahme neuer, durchaus führender Positionen und auf die Eröffnung neuer Handlungsoptionen. Für das Thema Alter(n) kann die Monographie Porcks schon jetzt als ein wichtiges Referenzwerk und Vorbild gelten. Die angewandte „hermeneutic lens“ (S. 12) eröffnet eine neue und bisher nur unsystematisch verfolgte Perspektive auf das angelsächsische England. Künftige Studien zum Thema Alter(n) mit all seinen Facetten wären sowohl im Hinblick auf andere Reiche im Frühmittelalter (S. 235) als auch im Hinblick auf England und andere Reiche im Hoch- und Spätmittelalter wünschenswert, um sowohl synchrone als auch diachrone Vergleiche zu ermöglichen. Für die letztgenannten Teilepochen sind die von Porck thematisierten Aspekte ohne Zweifel ebenfalls relevant, doch werden aufgrund der spezifischen Quellenlage noch andere in den Fokus rücken.

Christian Alexander Neumann

Fabiana Boccini (a cura di), Bibliotheca Gregorii Magni Manuscripta. Censimento dei manoscritti di Gregorio Magno e della sua fortuna (epitomi, florilegi, agiografie, liturgia), Bd. 2: Chur-Grenoble, Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzo) 2018 (Biblioteche e archivi 34), XXVI, 213 S., ISBN 978-88-8450-887-4, € 155.

Drei Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bd. (2015) liegt nunmehr der zweite Bd. der „Bibliotheca Gregorii Magni Manuscripta“ vor. Die Sammlung will die handschriftliche Überlieferung aller Werke, die Gregor selbst verfasst hat, sowie derjenigen Texte, für die seine Autorschaft zweifelhaft ist, oder die ihm zu Unrecht zugeschrieben sind, erschließen. Die Kriterien für die Auswahl der aufgenommenen Werke legt das Vorwort zum ersten Bd. dar (dort auch zum Projekt selbst und seiner Genese). Die Ausführungen sind nicht mehr wiederholt. Insoweit sei daher auf die Besprechung des ersten Bd. in QFIAB 96 (2016), S. 598 f. verwiesen. Der zweite Bd., dem ein umfangreiches Literaturverzeichnis vorangestellt ist (S. IX–XXVI), beginnt mit zwei Hss. aus Chur, die im ersten Bd. keinen Platz mehr fanden, und endet mit den Beständen in Grenoble. Den größten Raum nehmen die Nachweise aus der Biblioteca Vaticana (S. 3–74) und aus den verschiedenen Bibliotheken von Florenz (S. 139–170) ein. Die reichhaltige Überlieferung von Gregorexzerpten in frühmittelalterlichen und hochmittelalterlichen kanonistischen Sammlungen (s. bereits QFIAB 96 [2016], S. 599) bezieht auch der zweite Bd. nicht systematisch ein. So sind die beiden Hss. der Collectio Anselma dedicata (CAD), die sich in der Biblioteca Vaticana befinden (BAV, Pal. lat. 580 und 581), nicht erfasst (s. zu den Gregorexzerpten der CAD nur Wolfgang Kaiser, „Die Epitome Iuliani. Beiträge zum römischen Recht im frühen Mittelalter und zum byzantinischen Rechtsunterricht“, Frankfurt a. M. 2004, S. 555 f.). Inkonsequent ist die Aufnahmepraxis an anderer Stelle: Die Hs. BAV, Vat. lat. 1346, ein Textzeuge der Collectio 7 librorum (dazu Lotte Kéry, „Canonical Collections of the Early Middle Ages [ca. 400–1140]“, Washington D.C. 1999, S. 269), ist nachgewiesen, obgleich hier die Exzerpte aus Gregor Bestandteil der Sammlung selbst sind. Hingegen ist eine weitere Hs. der Collectio 7 librorum, die Hs. Cortona, Biblioteca Comunale e dell’Accademia Etrusca, 43, unter den Hss. aus Cortona (S. 80) nicht verzeichnet. Ebenfalls inkonsequent ist die Hs. BAV, Pal. lat. 578 aufgenommen (S. 26), die den Dekretalenteil der Collectio Dionysio-Hadriana überliefert (s. Kéry, S. 17). Die übrigen Vatikaner Hss. der Collectio Dionysio-Hadriana fehlen hingegen (s. zu diesen Kéry, S. 17). Bei den Datierungen wiederholt sich für die Hss. des 9. Jh. der Befund des ersten Bd.: Teils sind die Datierungen, die in den drei Bd. des Katalogs von Bischoff zu finden sind (Bernhard Bischoff, „Katalog der festländischen Handschriften des neunten Jahrhunderts [mit Ausnahme der wisigothischen], Teil I: Aachen–Lambach, Wiesbaden 1998, Teil II: Laon–Paderborn, ebenda 2004, Teil III: Padua–Zwickau“, ebenda 2014), übernommen, teils nicht, s. für letzteres beispielweise S. 17 zur Hs. BAV, Pal. lat. 220: sec. IX ineunte, Bischoff, Katalog 3, S. 410, Nr. 6493: IX. Jh., 1. Hälfte, oder S. 116 zur Hs. Einsiedeln, Stiftsbibl. 160: sec. IX seconda metà, Bischoff, Katalog 1, S. 238, Nr. 1111: IX. Jh., ca. 2./3. Drittel. Festzuhalten bleibt natürlich trotz obiger Kritik, dass die Publikation der Bde. eine wesentliche Bereicherung für die Gregor-Forschung darstellt. Auch die immense Exzerptionsarbeit, die das Projekt erforderte, verdient jede Anerkennung.Wolfgang Kaiser

Christopher Heath, The Narrative Worlds of Paul the Deacon. Between Empires and Identities in Lombard Italy, Amsterdam (Amsterdam University Press) 2017, 288 pp., ISBN 978-90-8964-823-5, € 95.

Paolo Diacono è stato uno degli intellettuali e storiografi di maggior rilievo del secolo VIII e, in generale, dell’altomedioevo europeo. Alla sua vita e alle sue opere è dedicato il presente studio, che origina dalla tesi di dottorato dell’autore, discussa presso l’Università di Manchester nel 2012. Ben consapevole dell’impossibilità di giungere a risposte definitive su molte delle questioni inerenti la figura di Paolo Diacono, la disamina dell’autore si propone di considerare le quattro narrazioni storiche da lui scritte per indagarne la struttura narrativa, le immagini, le idee e i punti di vista. Attraverso l’esame delle diverse sezioni narrative, lo studio cerca di definire i processi mentali attraverso cui Paolo Diacono realizzava le sue narrazioni storiche, cercando di definirne la crescita opera per opera come storico e narratore. Analizzare le sue scelte in relazione al contesto sociale e politico in cui si trovò a vivere e i diversi passaggi nella formazione dei testi è, per l’autore, l’esame critico più esaustivo e fruttuoso, utile per cercare di cogliere l’orizzonte mentale in cui si muoveva Paolo Diacono. La continua e attenta aderenza alle fonti è senza dubbio un punto di forza dello studio, che si guarda bene dall’appoggiare acriticamente le ipotesi proposte dalla precedente storiografia e, anzi, le passa una a una al vaglio delle effettive informazioni in nostro possesso. Dopo il primo capitolo dedicato alle questioni biografiche, nel secondo sono considerate l’„Historia Romana“, la „Vita Gregorii Sancti Magni“, i „Gesta Episcopum Mettensium“, le tre composizioni che precedono l’opera principale di Paolo, l’„Historia Langobardorum“. Seguendo l’ordine cronologico convenzionalmente riconosciuto – mancano infatti informazioni interne alle opere per stabilirne le date certe di composizione – l’A. esamina per prima l’„Historia Romana“: a partire dal „Breviarium ab Urbe Condita“ di Eutropio (c. 320–c. 390), Paolo redasse una storia delle fortune dell’Impero Romano dalla fondazione di Roma all’anno 552 d. C., cioè il momento decisivo delle operazioni militari di Giustiniano in Italia. La narrazione originò dalle strette relazioni che Paolo aveva con la corte longobarda di Desiderio, poiché l’opera gli fu commissionata dalla figlia del re, Adelperga, dopo essere stata inviata a Benevento come sposa del principe Arechi II. La „Vita Gregorii Sancti Magni“ e i „Gesta Episcopum Mettensium“ sono le due opere in prosa più brevi: la prima riguarda la vita e il pontificato di papa Gregorio Magno (c. 540–604) ed è composta con toni esplicitamente agiografici; la seconda racconta la storia della diocesi di Metz, proponendola come luogo di memoria e potere della dinastia carolingia. I capitoli terzo e quarto sono entrambi dedicati al capolavoro di Paolo, l’„Historia Langobardorum“ (HL). Il terzo esamina la trasmissione testuale dell’opera e, alla luce di questa, il grado di sicurezza del testo che possediamo e della sua struttura, rispetto a quanto uscito dalla penna dal suo autore. Il quarto capitolo prende in esame singolarmente ognuno dei sei libri dell’HL nel dettaglio, sia nell’analisi della struttura narrativa, sia per l’esame contenutistico dei vari blocchi della narrazione. Lo studio intende individuare le fonti usate da Paolo in ogni punto saliente del racconto, così da poter riflettere sulle strategie narrative da lui adottate nella scrittura. In conclusione, l’autore dimostra che lo scopo ultimo di Paolo Diacono fosse quello di delineare attraverso la sua Historia un modello indipendente di regalità longobarda, che potesse così trovare il suo giusto spazio nella cristianità occidentale. Per questo l’opera si arresta con la morte di re Liutprando nel 744: siccome, secondo Paolo, Liutprando fu il re che più si avvicinò al modello di re saggio, giusto, clemente e vittorioso che aveva in mente, egli non ebbe alcuna necessità di andare oltre con la narrazione.Edoardo Manarini

Mariano Dell’Omo (a cura di), Petronace da Brescia nel XIII centenario della rinascita di Montecassino (718–2018). Atti della giornata di studio (Cassino, Palagio Badiale, 23 novembre 2018), Montecassino (Pubblicazioni Cassinesi) 2019 (Miscellanea cassinese 87), 182 pp., ill., ISBN 978-88-8256-087-4.

Il breve volume contiene gli atti della giornata di studio tenutasi in occasione dell’anniversario della rifondazione della comunità cassinese, che venne compiuta sotto la guida di Petronace da Brescia e tradizionalmente collocata nell’anno 718. I sette saggi qui raccolti affrontano la prima rinascita di Montecassino, e più in generale l’epoca in cui visse e operò Petronace, utilizzando ciascuno la lente e le metodologie di una specifica disciplina. Tra i primi tre contributi, che presentano un taglio più strettamente storico, quello di Nicolangelo D’Acunto si occupa del contesto di origine del rifondatore di Montecassino, vale a dire il ducato longobardo di Brescia tra i secoli VII e VIII. Il saggio cerca di identificare le influenze culturali e religiose che Petronace potrebbe aver assorbito nell’Italia settentrionale longobarda, ma sconta il limite di un approccio rigido per l’utilizzo di categorie quali „cattolicizzazione“ e „tradizionalismo longobardo“ (p. 15) già ampiamente discusse e decostruite dalla più recente storiografia. Nel contributo successivo il ritorno della comunità cassinese alla sede originaria viene collegato da Mariano Dell’Omo non solo alla politica papale di riavvicinamento dei Longobardi meridionali in funzione antibizantina, ma anche, come l’autore sembra brevemente suggerire nelle conclusioni, ad un piano di Gregorio II per la diffusione della regola benedettina, di cui avrebbero fatto parte sia Petronace a Montecassino sia Bonifacio in Germania. Il contributo di Federico Marazzi affronta poi più nel dettaglio il rapporto tra la rinascita cassinese e l’azione del pontefice, ma soprattutto il ruolo avuto in questa circostanza dai Longobardi meridionali. Partendo dal confronto tra i numerosi resoconti cronachistici che riportano la vicenda, sia quelli cassinesi sia quelli di matrice vulturnense, l’autore offre un’ipotesi originale e convincente sugli interessi e sugli equilibri politici sottesi alla rifondazione di Montecassino. Quest’ultima non sarebbe stata guidata esclusivamente dalla mano papale e da un monaco particolarmente ispirato, ma negoziata con i Longobardi di Benevento. Se da un lato ciò giustifica il supporto, più volte sottolineato dalla cronachistica, offerto in questa occasione dai monaci di San Vincenzo al Volturno, che intrattenevano un solido legame con la famiglia dei duchi beneventani, dall’altro chiarirebbe anche la provenienza di Petronace. Il duca Romualdo II di Benevento, che secondo l’autore sostenne la rinascita di Montecassino, sposò la figlia del duca Gaidualdo di Brescia e avrebbe potuto sfruttare le proprie reti di relazioni per invitare il monaco in Italia meridionale. A sostegno di un’azione combinata del papa e del duca longobardo alle origini della rifondazione cassinese si collocherebbe anche la successiva collaborazione tra papa Zaccaria e Gisulfo II di Benevento, che agli inizi degli anni ’40 del secolo VIII intervennero per dare alla comunità beni e privilegi. Interessanti, sebbene largamente ipotetiche a seguito dell’esiguità delle tracce presenti nelle fonti, sono anche le considerazioni finali sul monaco Willibald quale agente del pontefice, che sarebbe stato inviato a Montecassino per gestire le difficoltà insorte agli albori della nuova comunità. Il contributo di Daniele Ferraiuolo offre poi un confronto tra la raccolta epigrafica cassinese e quella volturnense, che per il periodo a cavallo tra i secoli VIII e IX risultano composte prevalentemente da iscrizioni funerarie. Se dal punto di vista ideologico la produzione epigrafica fu certamente influenzata dai rimandi a umiltà e uguaglianza contenuti nella regola benedettina, dal punto di vista morfologico le iscrizioni dialogano ampiamente con la produzione libraria. A questo proposito, è possibile rilevare alcuni elementi caratteristici sia per l’epigrafia vulturnese, che, come già suggerito dall’autore in altre pubblicazioni, sembrerebbe influenzata dalle scritture distintive di Corbie, sia per quella cassinese. Dopo il contributo di Nicola Tangari sulla produzione letteraria e il canto a Montecassino e quello di Giulia Orofino sulla miniatura, il volume si conclude con un saggio di Valentino Pace sulla chiesa di Santa Sofia di Benevento. Quest’ultima viene identificata come l’opera più importante dei decenni successivi all’impresa di Petronace nell’Italia meridionale longobarda. Pace si confronta criticamente con la numerosa letteratura, spesso datata, che l’ha preceduto e offre un’analisi puntuale e raffinata del ciclo di affreschi sofiano, capace di renderne sia l’originalità stilistica che le conseguenti difficoltà interpretative.Giulia Zornetta

Deborah G. Tor (Ed.), The ʿAbbasid and Carolingian Empires. Comparative Studies in Civilizational Formation, Leiden-Boston (Brill) 2018 (Islamic History and Civilization 150), X, 231 S., Abb., ISBN 978-90-04-34989-6, € 119.

Fünf Jahre nachdem 2013 eine Konferenz in Notre Dame abgehalten wurde, sind die Vorträge in einem Tagungsbd. erschienen. Der Titel weckt hohe Erwartungen: Die zwei wohl wichtigsten frühmittelalterlichen Imperien im mediterranen Raum sollen miteinander verglichen werden, und zwar unter dem Aspekt der Genese entsprechender Zivilisationen. Der angesichts dieses Anspruchs doch recht schmale Bd. enthält neben einer Einleitung der Hg. und einem vergleichenden Fazit von Michael Cook insgesamt sieben Beiträge, von denen sich vier mit dem christlich-europäischen und drei mit dem nahöstlich-islamischen Bereich beschäftigen. Jennifer Davis analysiert die Institution der Königsboten unter Karl dem Großen und Ludwig dem Frommen, wohingegen Jürgen Paul einen kurdischen Machthaber der zweiten Hälfte des 10. Jh. unter der Fragestellung „From Freehold Castles to Vassality?“ untersucht. Eric Goldberg analysiert vergleichend die Jagd des asiatischen Wildesels in der abbasidischen, byzantinischen und karolingischen Welt; Walter Pohl erläutert Ethnizität im Karolingerreich, und Minoru Inaba behandelt regionale Dynastien am Hindukusch. Abschließend untersucht Ian Wood die Klosterregeln von Columban und Caesarius von Arles, Robert Gleave den Aufstand eines schiitischen Rebellen Anfang des 9. Jh. Die meisten der Texte sind mit Gewinn zu lesen; erhellend sind insbesondere die Beiträge von Davis zu den karolingischen missi (konzentriert auf Arn von Salzburg und Adalhard von Corbie), von Paul zu Netzwerken autonomer Machthaber der Buyidenzeit und historischem Wandel hinsichtlich Militär und Vasallität, sowie von Wood zur merowingischen Epoche der regulae mixtae, der gegen den vermeintlichen Niedergang der merowingischen Kirche argumentiert und demgegenüber den Erfolg südgallischer Klosterregeln hervorhebt. Mit besonderem Gewinn zu lesen sind auch die Beiträge von Pohl und Goldberg, die als einzige einen komparativen Blickwinkel einnehmen, wobei Goldberg zusätzlich auch Beziehungen zwischen den untersuchten Einheiten in den Blick nimmt. Problematisch ist jedoch die Zusammenstellung der Beiträge. Auch Cook muss in seiner Zusammenfassung einräumen, dass manchen Texte sich nicht mit den vorgegebenen Untersuchungsgegenständen beschäftigen (Ian Wood etwa beschränkt sich auf die Merowingerzeit, was bei dem wohl führenden britischen Merowingerspezialisten auch nicht überraschen kann); ebenso konstatiert Cook, dass es für manche der untersuchten Themen kein funktionales Äquivalent im jeweils anderen Bereich gibt; im Abbasidenreich etwa fehlt eine den Königsboten vergleichbare Institution, auch gibt es dort kein Mönchtum und keine Klosterregeln, wohingegen es im christlichen Europa keine Analogie zur ahl al-bayt, der Familie des Propheten gibt, die nicht nur für das schiitische Selbstverständnis, sondern auch für die Legitimation der abbasidischen Kalifen zentral war. Offenbar behandeln die meisten Beiträger und Beiträgerinnen ihr jeweiliges Spezialgebiet, ohne eine mögliche komparative Perspektive zu bedenken. Cook unternimmt in seiner Zusammenfassung zwar einen solchen Versuch, doch ist er darauf angewiesen, Parallelen aus der gesamten Weltgeschichte – von der Antike bis zur Frühen Neuzeit, von Mesoamerika bis China – zusammenzusuchen, um funktionale Äquivalente zu finden. Die als „geographischer“ Beitrag adressierte Studie zu numismatischen Quellen des Hindukuschraums behandelt ein für den angestrebten Vergleich peripheres Phänomen, dem auch nach dem Zeugnis Cooks ein karolingisches Äquivalent fehlt. Auch der von Gleave untersuchte schiitische Aufstand kann nur schwer zu karolingischen Parallelfällen in Beziehung gesetzt werden. Pauls Beitrag hätte hingegen sehr wohl auf das karolingische Militärwesen und die in jüngerer Zeit kontrovers diskutierten Fragen von Lehnswesen und Vasallität bezogen werden können, doch leider fehlt ein solcher Vergleich, auch in der Zusammenfassung. Mit nur drei Beiträgen zur abbasidischen Welt ist diese ohnehin unterrepräsentiert, so dass umso schmerzlicher ins Gewicht fällt, dass sich keiner mit der abbasidischen Dynastie, ihrer Legitimation, Religions- oder Kulturpolitik beschäftigt. Dem Bd. fehlen Analysen zur Hochphase des abbasidischen Kalifats, wie sie Davis eingangs mit ihrem Beitrag zur Epoche Karls des Großen und Ludwigs des Frommen beisteuert. Die Hg. unternimmt in ihrer fünfeinhalbseitigen Einleitung den Versuch, eine „komparative Perspektive“ zu entwickeln, doch gibt sie keine Parameter des Vergleichs vor. Auch ignoriert sie jüngere Arbeiten zur komparativen Geschichte, etwa von Michael Borgolte. Sehr überraschend, wenn nicht skandalös, mutet es an, wenn sie im Hinblick auf die Habilitationsschrift der studierten Islamwissenschaftlerin Almut Höfert bemerkt, „this latter author was unable to utilize Islamic primary sources in the original“; der Anhang von Höferts Arbeit weist immerhin auf insgesamt 37 S. ein Verzeichnis der griechischen, lateinischen und arabischen Quellen im Original auf. Eine solche, fehlerhafte Aussage zeugt nicht vom Bemühen, sich mit der jüngeren Forschung auseinanderzusetzen, denn diese wurde vermutlich nicht einmal zur Kenntnis genommen. Dem wichtigen komparativen Anliegen wurde trotz der mit Gewinn zu lesenden Einzelbeiträge somit insgesamt leider kein Gefallen getan. Vermutlich sind interdisziplinär angelegte, auf mehrere Jahre der Zusammenarbeit hin angelegte Verbundprojekte, wie sie nicht zuletzt der auch hier beteiligte Walter Pohl erfolgreich betreibt, besser geeignet, um komparative Fragestellungen interdisziplinär fruchtbar verfolgen zu können. Wolfram Drews

Sauro Gelichi/Stefano Gasparri (Eds.), Venice and Its Neighbors from the 8th to 11th Century. Through Renovation and Continuity, Leiden-Boston (Brill) 2018 (The Medieval Mediterranean 111), 189 S., Abb., ISBN 978-90-04-35240-7, € 94.

Das vorliegende Sammelwerk vereint insgesamt sieben Beiträge, von denen die drei archäologisch orientierten aus einem Panel des International Medieval Congress in Leeds 2015 hervorgegangen sind. Diese wurden um vier geschichtswissenschaftlich ausgerichtete Aufsätze ergänzt. Venedig und die nördliche Adria werden in einem chronologischen Bogen von der Spätantike bis zum frühen 11. Jh. in den Blick genommen. Die sich formierende Stadt Venedig (S. 5‒26) ist in allen Beiträgen stets direkt oder indirekt präsent, doch wird der geographische Rahmen deutlich ausgedehnt: auf das unmittelbare Hinterland (die Insula Equilus/Jesolo, S. 90‒115; das Kloster Sant’Ilario, S. 116‒141), das Regnum Italiae (S. 68‒89), die heutige Emilia-Romagna (Comacchio, S. 142‒167) und die istrische Halbinsel (S. 27‒50; 51‒67). Diese erweiterte Perspektive gestaltet sich insofern als fruchtbar, als dass die venezianischen Schriftquellen und archäologischen Befunde dadurch ergänzt werden, und Venedig sich so innerhalb eines ganzen Gefüges kontextualisieren und vergleichen lässt. Zu den Anfängen Venedigs existiert eine umfangreiche Forschung, die bisher im Wesentlichen auf den wenigen überlieferten Schriftquellen fußte (S. 1, 32); zu den häufig im Bd. zitierten zählen die „Historia Langobardorum“ des Paulus Diaconus, die „Istoria Veneticorum“ des Johannes Diaconus und das „Placitum von Rižana“. Es wird evident, dass die in diesen enthaltenen Informationen nur durch eine sorgfältige Quellenkritik fruchtbar gemacht werden können (S. 36‒43, 48‒50). Relevante Problematiken bestehen in der Retrospektivität der Narrative und den Intentionen ihrer Autoren. Darüber hinaus wird herausgestellt, dass das frühmittelalterliche Venedig enger als traditionell angenommen mit dem langobardischen, dann fränkischen Italien verbunden war, ohne dass dieser Umstand im Gegensatz zu einer wachsenden maritimen Orientierung gestanden hätte. Die Dogendynastien der Partecipazio, Orseolo und Candiano verfolgten verschiedene Strategien des Machtausbaus, z. B. Heiratsverbindungen zu Adelsfamilien des Festlands und die Akkumulation von Besitz (S. 70‒73, 88‒89). Obwohl das Meer nur bedingt in den Narrativen erscheint, belegen archäologische Funde jedoch einen regen Schiffsverkehr (S. 54‒57). Die Ergebnisse der in den letzten zwei Jahrzehnten unternommenen archäologischen Forschungen sind bisher allerdings nur bedingt von der Geschichtswissenschaft berücksichtigt worden. Ein zentrales Anliegen der Hg. besteht darin, die Archäologie gleichberechtigt neben die Geschichtswissenschaft zu stellen. Wie diese könne auch die Archäologie eigene Thesen und Geschichtsnarrative formulieren (S. 1, 168). Aus räumlicher Sicht stehen Küsten und Lagunenzonen im Fokus. Diese hybriden und liminalen Räume zwischen Land und Meer kennzeichnen sich durch eine starke ökologische Entwicklungsdynamik und bilden Zonen der Transition. Dafür spielen vor allem Flüsse und Kanäle eine wichtige Rolle (S. 98‒100). Der Mensch kann Einfluss auf die Umwelt nehmen, und zugleich beeinflusst diese den Menschen und auch den Lauf der Geschichte. Der Bd. führt die zum Teil drastische Entwicklung und den markanten Funktionswandel von Orten und Institutionen vor Augen. Besonders augenfällig wird der Wandel der Umweltbedingungen am heute nicht mehr existierenden Kloster Sant’Ilario, dessen Gründung mit der venezianischen Adelsfamilie der Partecipazio eng verbunden war, die beabsichtigte, das Kloster auch als Mittel zur Ausübung territorialer Kontrolle zu nutzen. Aufgrund natürlicher und menschengemachter Veränderungen unterscheidet sich die heutige Landschaft sehr stark von der vergangenen (S. 128‒141). Zur Aufgabe des Klosters trug vor allem die Umleitung des Flusses Brenta bei. Darüber hinaus macht die Entwicklung Comacchios die Variabilität der Umwelt und deren Konsequenzen deutlich. Auch diese Gegend unterschied sich im Frühmittelalter deutlich von der heutigen. Zwar markierte die Zerstörung Comacchios durch die Venezianer im Jahr 932 wahrscheinlich den Hauptgrund für dessen signifikanten Bedeutungsverlust, doch trugen auch längerfristig wirkende natürliche Phänomene wie die Erosion der Küste dazu bei (S. 144, 166 f.). Es lässt sich zusammenfassen, dass sich der vorliegende Bd. durch einen umsichtigen und reflektierten Umgang mit den narrativen Quellen auf Basis des aktuellen Forschungsstandes auszeichnet und damit von einem differenzierten Verständnis der Geschichte des frühen Venedig zeugt. Die meisten neuen Erkenntnisse aus der Sicht einer bzw. eines aus der Geschichtswissenschaft kommenden Leserin oder Lesers bieten jedoch die archäologischen Beiträge. Die Kombination von Geschichtswissenschaft und Archäologie erweist sich gerade in Bezug auf die schriftquellenarme Zeit des frühen Venedig und der nördlichen Adria im Vergleich als sehr weiterführend, wenn nicht sogar als essentiell bedeutsam, um zu differenzierten Ansichten und alternativen Narrativen zu gelangen. Christian Alexander Neumann

Nicolangelo D’Acunto/Wolfgang Huschner/Sebastian Roebert (Hg.), Originale – Fälschungen – Kopien. Kaiser- und Königsurkunden für Empfänger in „Deutschland“ und „Italien“ (9.–11. Jahrhundert) und ihre Nachwirkungen im Hoch- und Spätmittelalter (bis ca. 1500). 3. Diplomatische Fachtagung der Projektgruppe „Italia Regia“, 4. bis 6. Juni 2015 Leipzig, Leipzig (Eudora-Verlag) 2018 (Italia Regia. Fonti e ricerche per la storia medievale 3), 332 pp., ill., ISNB 978-3-938533-60-4, € 89.

Il monumentale volume in folio raccoglie gli atti del terzo convegno di studi diplomatistici del gruppo di ricerca „Italia Regia“, tenutosi nel giugno 2015 a Lipsia. I temi affrontati sono la tradizione e la conservazione archivistica dei diplomi regi e imperiali per destinatari tedeschi e italiani e gli effetti che questi documenti ebbero sulle generazioni successive nel pieno e basso medioevo e nella prima età moderna. Il pregio dei casi di studio presentati è evidente fin dal titolo del volume: nell’esaminare la documentazione pubblica altomedievale conservata dai diversi enti religiosi, gli autori hanno preso in considerazione sistematicamente tutto il materiale archivistico a disposizione, non tralasciando, cioè, né i documenti traditi in copia, né quelli riconosciuti come falsificazioni. A differenza di visioni storiografiche precedenti, ormai superate, anche queste fonti, se interrogate nella giusta prospettiva, possono restituire tante, preziose informazioni sui loro autori e sul loro contesto di produzione. A seguito del saggio introduttivo di Theo Kölzer, che ragiona sull’efficacia pratica delle falsificazioni di diplomi imperiali, in particolare quelli attribuiti a Ludovico il Pio, i sedici saggi sono innanzitutto suddivisi in due sezioni tematiche, che tengono conto delle diverse tipologie di tradizione documentaria: la prima propone studi che affrontano documentazione tradita in originale, falsificazioni e copie autentiche o inserite in altri documenti, come per esempio nelle notizie di placito; la seconda comprende saggi che riguardano originali, falsi e copie trascritte in registri o cartulari. Nella prima sezione, per l’ambito geografico italiano, sono compresi quattro saggi di François Bougard, Corinna Mezzetti, Giacomo Vignodelli e Antonella Ghignoli. Tra questi è da segnalare Giacomo Vignodelli, „Prima di Leone. Originali copie di diplomi regi e imperiali nell’Archivio Capitolare di Vercelli“, per il corposo studio a proposito della documentazione pubblica vercellese dei secoli IX–XI e perché si propone in appendice l’edizione di un placito del 996 dalla pergamena originale, fino a questo momento ritenuta perduta. Per l’ambito geografico tedesco centro-meridionale, compaiono due saggi: Mark Mersiowsky si occupa delle copie alto e pienomedievali dei diplomi carolingi per destinatari di area tedesca e austriaca; seguendo la medesima prospettiva, Wolfgang Huschner affronta il tema delle falsificazioni e delle copie dei diplomi ottoniani per le diocesi di Merseburg, Meißen e Naumburg. La seconda sezione conta tre saggi dedicati al nord Italia, soprattutto all’area lombarda, sulla documentazione dell’abbazia dei SS. Leone e Marino di Pavia (Guido Cariboni), sulle carte pubbliche dell’archivio di S. Giulia di Brescia (Gianmarco Cossandi) e sui diplomi regi e imperiali della chiesa vescovile di Bergamo (Gianmarco De Angelis). Coprono il centro Italia di area toscana i due saggi seguenti di Nicolangelo D’Acunto, a proposito della tradizione archivistica dei diplomi imperiali dell’abbazia di Sansepolcro (Arezzo) nei secoli XIII–XIV, e di Simone Collavini e Paolo Tomei, riguardo il diploma D O. III. 269 per il monastero lucchese di S. Ponziano. Quest’ultimo saggio in particolare apre interessanti prospettive sul tema della gestione dei beni del fisco regio e marchionale, laddove si interroga sulle consistenze documentarie degli archivi dei monasteri regi: il caso toscano di S. Ponziano – ma anche S. Michele di Marturi è citato nello studio – delinea una gestione dei beni fiscali finora non ben inquadrata dalla storiografia poiché non lasciava traccia scritta. Per trasferire ai clienti del marchese di Tuscia le quote dei beni monastici ci si affidava ad accordi orali e precari, come del resto avveniva per gli altri beni fiscali. Ecco, dunque, la probabile spiegazione per i vuoti documentari circostanziati a precisi decenni del secolo X e XI nell’archivio del monastero lucchese, fin quando cioè il patrimonio fiscale affidato al monastero rimase sotto il controllo del potere marchionale. Anche nella seconda sezione, l’ambito geografico tedesco è suddiviso per fasce territoriali: Thomas Vogtherr si occupa delle falsificazioni dei diplomi imperiali composte dalla chiesa vescovile di Osnabrück nella Bassa Sassonia; Andrea Stieldorf si concentra sulla tradizione dei diplomi del secolo XI per destinatari di area bavarese, in particolare della città di Bamberg; Andreas Klimm affronta l’esame dei diplomi ottoniani custoditi nei Landesarchive del Sachsen-Anhalt, proponendo in appendice, tra le altre, una tabella che raccoglie tutti i novanta diplomi ottoniani contenuti nel Liber privilegiorum del monastero di S. Maurizio di Magdeburg; Mathias Käble esamina i transunti ottoniani conservati dalla chiesa di Meißen; Francesco Roberg, infine, propone considerazioni di sintesi riguardo la tradizione documentaria dei diplomi conservati all’abbazia di Hersfeld. A supporto dei testi, il volume comprende 114 ill. ad alta definizione, 21 tabelle e una carta. Si segnalano, infine, corposi indici dei documenti citati con l’indicazione della collocazione archivistica e di edizione di ognuno, dei registri e cartulari di documenti, dei nomi di persona e di luogo.Edoardo Manarini

Benedikt Hotz, Litterae apostolicae. Untersuchungen zu päpstlichen Briefen und einfachen Privilegien im 11. und 12. Jahrhundert, München (Utzverlag) 2018 (Münchener Beiträge zur Geschichtswissenschaft 9), 275 S., Abb., ISBN 978-3-8316-4696-8, € 59.

Die 2017 in München eingereichte Diss. behandelt ein wichtiges Desiderat, das seinen Ursprung weniger in den Hilfswissenschaften hat, als vielmehr in den Forschungen zum Papsttum der letzten zwei Jahrzehnte. Zuvor stand trotz der empfängerorientierten Aufarbeitung der Papsturkunden bis zum Pontifikat Innozenz’ III. (1198–1216), mit dem die kontinuierliche Überlieferung der päpstlichen Register einsetzt, vor allem der päpstliche Wille im Zentrum des Interesses, der sich scheinbar ungebrochen in den Urkunden finden ließ. Doch neuere Ansätze haben – wie auch im Bereich der Königsurkunden etwa durch die grundlegende Habilitationsschrift von Wolfgang Huschner – nicht nur unser Bild von der Kanzlei in Frage gestellt, sondern deutlich gemacht, dass die Briefe und Urkunden der Päpste das Produkt eines Aushandlungsprozesses zwischen Aussteller und Empfänger sind. Generell geht die Forschung davon aus, dass es beginnend mit der papstgeschichtlichen Wende ab der Mitte des 11. Jh. und endend mit dem Pontifikat Innozenz’ II. (1130–1143) eine Phase der Veränderungen und des Experimentierens in der Gestaltung päpstlicher Schriftstücke gab, während sich die anschließende Periode als eine Zeit der Konsolidierung und Standardisierung darstellt. In diesen großen Erzählstrang ist das Thema der anzuzeigenden Dissertation eingebettet – eigentlich. Denn schon der Blick auf das sehr übersichtliche Literaturverzeichnis (S. 265–275) und die darin nachgewiesenen Titel erstaunt, da die neuere Literatur zum Papsttum so gut wie nicht berücksichtigt wurde. Demgemäß wird die Fragestellung rein diplomatisch gestellt, der Forschungsstand ausschließlich an klassisch diplomatischen Arbeiten dargelegt, wobei jedoch auch hier einige Arbeiten unter den Tisch fallen (S. 9–25). Das ist sehr bedauerlich, zumal die zitierte Arbeit von Wolfgang Huschner eindrucksvoll demonstriert hat, was solide hilfswissenschaftliche Arbeitsweise im Verbund mit aktuellen Forschungsfragen zu leisten vermag. Die Brücke zu geschichtswissenschaftlichen Fragestellungen wird durch den Vf. jedoch leider nicht geschlagen, obwohl gerade die von ihm behandelte Epoche Gegenstand zahlreicher jüngerer Forschungen mit einem Fokus auf den Urkunden der Päpste war. Ziel der anzuzeigenden Untersuchung ist es, die Entwicklung der Litterae von der Mitte des 11. Jh. bis zu Alexander III. (1159–1181) anhand eines Korpus von 330 Urkunden und Briefen herauszuarbeiten, wozu der Vf. auch digitale Tools heranzog, deren Anwendung er in Abgrenzung zur Standard TEI begründet (S. 43–45). Den größten Teil des ersten inhaltlichen Kapitels nimmt jedoch ein als „Exkurs“ titulierter Abschnitt ein, in dem es um Fälschungen geht. Dabei werden auch Papsturkunden des 11. und 12. Jh. verglichen, ohne dass die fundamentalen Wandlungen der die Urkunden ausstellenden Institution thematisiert werden. Dementsprechend greift auch das Verständnis der Urkunden zu kurz. In den sich anschließenden hilfswissenschaftlichen Beobachtungen (S. 113–172) zu den Urkunden finden sich kluge und beachtenswerte Beobachtungen. Doch sie wirken häufig unfertig – auch in formaler Hinsicht, wenn etwa ein Schreiben mit „ein Brief an Volk und Klerus von Burgos (JL –)“ (S. 119) gekennzeichnet wird, obwohl der „Iberia Pontificia“-Bd. zu Burgos seit 2012 vorliegt. Diese mangelnde Sorgfalt macht es bisweilen unmöglich, die Ergebnisse zu rezipieren, da unklar ist, worauf sich die getroffenen Aussagen beziehen. Literatur wird oftmals willkürlich berücksichtigt, einschlägige Untersuchungen zu den Formulierungen der Urkunden finden leider nur sporadisch Berücksichtigung. Daher knüpft die Arbeit in Teilen auch nicht an die Forschung an und kann daher nicht oder nur sehr schlecht von ihr rezipiert werden. Das wird auch dadurch befördert, dass dem Buch sowohl ein Personen- und Ortsregister als auch ein Register der Urkunden fehlt. Resümierend wird man daher festhalten müssen, dass das Thema der Diss. leider nach wie vor ein Forschungsdesiderat ist, da viele richtige und kluge Beobachtungen nicht (angemessen) belegt und dadurch intersubjektiv nachvollziehbar gemacht werden, was jedoch die Grundlage wissenschaftlicher Forschung ist. Jochen Johrendt

Christof Rolker (Ed.), New Discourses in Medieval Canon Law Research. Challenging the Master Narrative, Leiden-Boston (Brill) 2019 (Medieval Law and Its Practice 28), X, 212 S., ISBN 978-90-04-38993-9, € 127.

1931/1932 veröffentlichten Paul Fournier (1853–1935) und Gabriel LeBras (1891–1970) ihre „Histoire des collections canoniques en Occident: depuis les fausses décrétales jusqu’au décret de Gratien“. In diesen zwei Bde. präsentierten sie den Forschungsstand zur Entwicklung des Kirchenrechts vom 9. bis zum 12. Jh. mit einer unübersehbaren Fülle an Detailstudien zu den Quellen und ihrer Datierung, aber auch zur Deutung der Entwicklung. Sie betonten die Entwicklung von den „Falschen Dekretalen“ bis zu den Sammlungen in der Umgebung Gregors VII. Die Entwicklung kulminierte für sie also in der stärkeren, wenn nicht zentralen Stellung des Papstes, in der zunehmenden Bedeutung des Rechts für den Alltag und der Ausbildung einer „persecuting society“. Dieser Ansatz wurde später weithin übernommen und diente nicht zuletzt auch Eugen Rosenstock-Huessy und Harold Berman bei der Ausbildung ihrer These von der „Papal Revolution“. Christof Rolker und seine Autorinnen und Autoren dieses Sammelbd. bezeichnen diese bisher dominierende Deutung als „Master Narrative“, welche im Bd. kritisch hinterfragt werden soll. Im Detail wurde in den vergangenen Jahrzehnten so viel daran kritisiert, dass man fragen muss, ob diese Deutung insgesamt erhalten bleiben kann. Rolker zeigt zunächst, wie Fournier und LeBras durch eigene Forschungen und zeitliche Umstände auf ihre Deutung kamen. In ihrer Suche nach den effizienten Reformen betonten sie jene Texte, die sie als päpstlichen Ursprungs oder wirksam für die päpstliche Zentralmacht ansahen, während Burchard von Worms und Ivo von Chartres dagegen nur von lokal begrenzter Reichweite begriffen werden konnten. Dabei wurde das Ziel der Hierarchie als Maßstab des Erfolges genommen. Cathleen Cushing zeigt, dass der Siegeszug des „Decretum Gratiani“ nicht sofort alle anderen Sammlungen komplett verdrängte, insbesondere Burchard von Worms zunächst noch interessant blieb. Sein Text wurde bis in die Mitte des 12. Jh. in Italien genutzt, und die meisten Palea des „Decretum Gratiani“ stammen direkt oder indirekt daher, worauf Danica Summerlin hinweist. Greta Austin wendet gegen das „Master Narrative“ ein, dass das Recht schon vor der Gregorianischen Reform für die Kirche zentral war und sowohl systematische Ordnung als auch methodische Ansätze kannte. Es gebe nicht einmal einen logischen Zusammenhang zwischen den Bemühungen von Gregor VII. und dem Bedeutungszuwachses des Rechts. Für die kontroverse Wahl eines Bischofs von Beauvais 1100 wendet John Ott ein, dass alle Parteien sich nur des Rechts bedienten, soweit sie es brauchten. Die Einwände gegen die Wahl wurden juristisch formuliert; ob sie daraus jedoch unmittelbar folgten, wird eher in Frage gestellt. Insofern wurde topisch, nicht dogmatisch argumentiert. Tatsushi Genka weist darauf hin, dass es den behaupteten Fortschritt zwischen den Papaten von Gregor VII. und Urban II. nicht gab, weil die maßgeblichen Texte tatsächlich zeitgleich einzuschätzen seien. Der dogmatische Fortschritt beruhe auf einer neuen Deutung der Legende des Heiligen Apollinaris. Die Anleitung der Hierarchisierung dieses theologischen Textes wurde juristisch übernommen und ausgebaut. Wenn darin begründet liegt, dass „canon law began is development as a constitutive element of the church in the high Middle Ages“, fragt man sich, wie die Geschichte des kanonischen Rechts vor dem 9. Jh. aufgefasst werden soll. Noch schärfer kritisiert John Wei – nach einer Einleitung zum Vorbildcharakter von Abaelards „Sic et non“ für das „Decretum Gratiani“ – die Beschränkung der Blickrichtung auf „große Theologen“, „große Juristen“ oder „große Ideen“. Gleichzeitig fordert er mehr Beachtung der Theologie. Stephan Dusil zeigt nochmals anhand des Zölibats die Unterschiede und Transformation von „Gratian 1“ zu „Gratian 2“ auf. Am Schluss hinterfragt Danica Summerlin noch einmal die seit 100 Jahren vorherrschenden Bezeichnungen von „Canones-“ oder „Dekretalen“-Sammlungen für die früheren bzw. späteren Sammlungen, selbst wenn dies keineswegs durchgängig für die dort gesammelten Texte gilt. Damit sich das „neue“ Recht im 12. Jh. durchsetzen konnte, musste das alte Recht schon vorher verinnerlicht worden sein. Gleichwohl kommt sie, wie dieser Bd. insgesamt, nicht davon ab, „Gratian“ als Wendepunkt in der Entwicklung des kanonischen Rechts anzusehen. Dabei bleibt „Gratian“ kaum mehr als eine Chiffre für eine oder mehrere Personen im zweiten Quartal des 12. Jh. Angesichts unserer fundamentalen Unkenntnis dieser Zeit bleibt dem Betrachter kaum etwas anderes übrig, als die offenbare Entwicklung an dem Wenigen festzumachen, das ihm bekannt ist, also einem Namen und einem Text. Dies gilt auch dann, wenn wir uns immer stärker darüber Rechenschaft ablegen, dass wir zu dem Namen, der Schule, dem Wortlaut der Texte u. ä. kaum etwas Sicheres wissen. Was uns im historischen Wissen fehlt, wird man durch die Hinterfragung der Deutung nur schwer wettmachen können. Dafür haben wir unzählige Texte juristischen Inhalts. Ob es nun die Genese des „Decretum Burchardi“ oder „Gratiani“ ist, die wir näher ergründen wollen, ist einerlei. Uns steht vor allem der Text zur Verfügung und wir können in den einzelnen Sachfragen versuchen, uns auf die dogmatische Entwicklung einen Reim zu machen. Dies kann immerhin ein Indiz für die historische Entwicklung sein. Je stärker wir erfassen, worin die juristischen Leistungen dieser Texte sind, desto leichter wird es uns fallen, die Bedeutung der Texte und ihre Entwicklung zu erfassen.

Mathias Schmoeckel

Fiona J. Griffiths, Nuns’ Priests’ Tales. Men and Salvation in Medieval Women’s Monastic Life, Philadelphia, Penn. (University of Pennsylvania Press) 2018 (The Middle Ages Series), X, 349 S., Abb., ISBN 978-0-8122-4975-0, GBP 54.

Nuns’ priests – Nonnenpriester – konnten phantasievoll und unterhaltsam sein, was jene Episode über den eitlen, aber letztlich doch gewitzten Hahn und den Fuchs belegt, die Geoffrey Chaucer dem Nonnenpriester in seinen „Canterbury Tales“ in den Mund legte. In der Forschung spielen sie jedoch bis auf Ausnahmen eine noch eher untergeordnete Rolle, obwohl durch ihre Funktion als Seelsorger von einer hohen Anzahl auszugehen ist und enge Beziehungen zu den Frauenkonventen bestanden. An diese erste Beobachtung anknüpfend hat sich Fiona J. Griffiths intensiv mit dieser Thematik beschäftigt und eine, soviel sei bereits an dieser Stelle vorausgeschickt, sehr wichtige und erkenntnisreiche Arbeit vorgelegt. Sie möchte dabei neben einer detaillierter zu vermessenden Bedeutung von Priestern von Nonnengemeinschaften auch nach den Rückwirkungen fragen, die aus diesen Ämtern auf die Kleriker zurückstrahlten. Der geografische Rahmen ist mit Deutschland, England und Frankreich weit gezogen; zeitlich bewegt sich die Autorin im späten 11. und 12. Jh. und damit in den wichtigen Jahrzehnten der Kirchenreform, der spirituellen Aufbruchsstimmung, in denen auch die Diskussion um die Umsetzung des Priesterzölibats eine zentrale Rolle spielte. Das erste von insgesamt fünf Hauptkapiteln bietet einen Einblick in die Forschungsgeschichte. Anschaulich wird herausgearbeitet, dass – bis auf Einzelstimmen wie Peter Abelard und Robert von Arbrissel – im Zuge weiblicher monastischer Lebensformen und der zahlreichen Gründungen von Frauengemeinschaften die dafür notwendigen Priester bereits von der zeitgenössischen Literatur unberücksichtigt geblieben sind. So erweitert Griffiths bei der im Zentrum des zweiten Kapitels stehenden Frage nach den wesentlichen Charakteristika dieser Priester und ihrem Amtsverständnis den Zugriff. Dafür werden neben den literarischen Quellen (hier vor allem Predigten, Briefe und Bibelkommentare) auch bildliche Darstellungen in Kirchenräumen und illuminierten Handschriften sowie liturgische Quellen einbezogen. Besonders hervorzuheben ist hier die Beobachtung zu den exegetischen Quellen, dass mit Joh 19,27 – das Anvertrauen von Maria an den Lieblingsjünger Johannes – eine Bibelstelle und ein Jesusspruch eine der zentralen theologischen Grundlagen und einen Bezugspunkt für die Priester von Frauengemeinschaften bildeten. Ein weiterer zentraler Bezugspunkt waren Schriften der Kirchenväter, in erster Linie Hieronymus’, dessen enge spirituelle Beziehungen zu Frauen aus der römischen Oberschicht im dritten Hauptkapitel thematisiert werden. Daran knüpft das vierte Hauptkapitel an, in dem nun nach den verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Priestern und einzelnen Mitgliedern von Nonnengemeinschaften gefragt wird. Dieses Beziehungsmodell, abgesichert auch durch die hagiographische Tradition, an erster Stelle das Geschwisterpaar hl. Benedikt und die hl. Scholastika, unterlag so gut wie keinen Verdächtigungen und erzeugte keine Erklärungsnotwendigkeiten. Im abschließenden fünften Kapitel wird ein wesentlicher Punkt behandelt, und zwar die Rolle, die Frauen als Fürbitterinnen für Männer zugeschrieben wurde; diese bemerkenswerte Rückkopplung des Seelenheils von Priestern auf die Gebetsleistungen von Frauen ist von besonderer Bedeutung. Die Studie von Griffiths zeigt die Kleriker und ihre Beziehungen zu den durch sie betreuten religiösen Frauengemeinschaften als einen wichtigen Teil des Gesamtgefüges Frauenkloster. Dabei wird deutlich, dass – auch im monastischen Kontext – in keiner Weise von einer grundsätzlichen Ablehnung der Frauen auszugehen ist. Besonders lobend hervorzuheben sind die stupende Kenntnis der einschlägigen Quellen, die ausgewogene Berücksichtigung der kaum noch überblickbaren Forschungsliteratur – auch in deutscher und französischer Sprache – und die sehr qualitätvolle Darstellung, die durch den gewählten Titel, der eng an Chaucer angelehnt ist, eine Erwartungshaltung erzeugt, die voll und ganz eingelöst wird. Diese neue Sicht auf die Beziehungen zwischen Klerikern und Frauengemeinschaften hat auch hohe Bedeutung für das Spätmittelalter, in dem sich die weibliche vita religiosa stark ausdifferenzieren sollte, woran Kleriker ebenfalls einen wichtigen Anteil hatten.Jörg Voigt

Florian Hartmann/Benoît Grévin (Hg.), Ars dictaminis. Handbuch der mittelalterlichen Briefstillehre, Stuttgart (Hiersemann) 2019 (Monographien zur Geschichte des Mittelalters 65), 720 S., ISBN 978-3-7772-1906-6, € 196.

Nach nur fünf Jahren Bearbeitungszeit wurde 2019 das umfassende Handbuch zur mittelalterlichen ars dictaminis veröffentlicht. Dies konnte nur gelingen, weil die beiden Hg. als ausgewiesene Experten dieser Textgattung auf umfangreiche eigene Forschungen zurückgreifen und zusätzlich einen namhaften Kreis von Kolleginnen und Kollegen für Beiträge gewinnen konnten. Bei vorliegender Besprechung des monumentalen Werkes sollen die Fragen im Mittelpunkt stehen, ob es eines solchen Handbuchs für eine „Spezialgattung“ überhaupt bedarf, und wenn ja, wie der Nutzwert über den engen Kreis der Experten hinaus einzuschätzen ist. Eingehend ist zu betonen, dass es sich ausgehend von der Quellengattung a priori um ein interdisziplinäres Vorhaben mit Verknüpfung philologisch-rhetorischer Theorie und historischer Praxisanwendung handelt. Rhetorische Handbücher, Formelsammlungen und Anleitungen zur Erstellung spezifischer Texte waren seit der Antike sehr nachgefragt und sind es in der Form von Studienbüchern zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur Erstellung fachwissenschaftlicher Texte bis heute. Die ars dictaminis in ihrer engeren Definition als Lehre für das Verfassen von „Briefen“ (wobei es sich nicht in erster Linie um den heute üblichen „Privatbrief“, sondern um offizielle Schreiben, politische Korrespondenz, rechtliche Verfügungen, Petitionen etc. handelt) wird zurecht als mittelalterliches Phänomen gesehen. Spätantike Traditionen werden nur kurz im einleitenden Kapitel „Vorgeschichte“ (v. a. S. 48–55) angesprochen, eine intensivere Beschäftigung mit spätantiken (lateinischen und griechischen) Rede-Handbüchern und deren praktischem Niederschlag wäre aber sicher lohnenswert. Seit dem 11. Jh. nahm die Bedeutung des „Briefes“ als Kommunikationsmedium sprunghaft zu, entsprechend entwickelte sich eine erhöhte Nachfrage nach Hilfsmitteln für die korrekte Gestaltung eines derartigen Textes. Diese Nachfrage hatte italienische Ursprünge, breitete sich aber sukzessive in fast allen Teilen Europas aus und wurde durch eine Vielzahl von Werken, Abschriften und Formelsammlungen bedient. Während gerade in den letzten Jahrzehnten verstärkt Studien zu einzelnen Autoren und Sammlungen zu verzeichnen sind, fehlte bisher ein systematischer Überblick, der nun durch das vorliegende Handbuch in hervorragender Weise ermöglicht wird. Die Hg. haben sich für eine Gliederung in zwei Hauptkapitel entschieden: Ein „Chronologischer Überblick“ (S. 45–332) führt in zeitlicher und teilweise geographischer Ordnung die jeweiligen artes mit einem detaillierten und aktuellen Forschungsüberblick auf, wobei auch auf zahlreiche bisher unedierte Traktate hingewiesen wird und Desiderate benannt werden. Infolge der Mobilität einzelner Autoren können dabei Überschneidungen und Wiederholungen nicht völlig vermieden werden. Dieses Kapitel eignet sich sowohl zur Lektüre einer umfassenden Gattungsgeschichte als auch – bei Benutzung des akkurat erstellten Registers der Autoren und Werke – zum punktuellen Einstieg mit Information zum aktuellen Forschungsstand bezüglich einzelner Autoren und Werke. Überaus informativ ist ein Exkurs zu den Editionsproblemen (S. 333–367), der nicht nur prägnant die Grundprobleme der Edition mittelalterlicher Texte vorstellt, sondern anhand ausgewählter Beispiele (Textkonstituierung durch codices recentiores, Textmodifikation einer Vorlage oder eigenständige Autorschaft eines Kopisten, editionstechnische Darstellung von Redaktionen bei umfangreichen, häufig kopierten Briefsammlungen, Einbeziehung von Textkommentaren, philologische Probleme bei der Edition von Texten in noch nicht normierten Volkssprachen) die besonderen Schwierigkeiten bei der Edition von artes und summae präsentiert. Auch wenn dieser Exkurs auf den ersten Blick unverbunden zwischen den beiden Hauptkapiteln steht, ist die Sensibilisierung für die jeweils gewählten Editionskriterien von entscheidender Bedeutung für eine zielgerichtete Beschäftigung mit der vorgestellten Gattung. Der Titel des folgenden zweiten Hauptkapitels „Ars dictaminis zwischen Theorie und Praxis“ (S. 369–612) wirkt auf den ersten Blick wenig aussagekräftig, auch wenn er prägnant das gattungsspezifische Spannungsverhältnis zwischen theoretischem Traktat und Vorlage für real erstellte Briefe dokumentiert, das schon aus der häufigen Verbindung der eigentlichen ars mit Sammlungen von Musterbriefen (summae) in der Überlieferung deutlich wird. Die Beiträgerinnen und Beiträger fassen dabei zunächst (S. 369–459) in systematischer Form die wichtigsten Lehrinhalte der artes dictaminis zusammen: die partes, den cursus und die rhetorischen Figuren (colores rhetorici). Folgend (S. 460–470) wird die Praxisnähe erörtert: Auch wenn die Nutzung der Handbücher und Formelsammlungen in der Praxis mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, fehlen oftmals eindeutige Beweise, da die parallele Benutzung allgemeiner Rhetorikhandbücher, Florilegien etc. nicht ausgeschlossen werden kann. Einen wichtigen Beitrag zum aktuellen Forschungsdiskurs der Wissensvermittlung und zur Sozialgeschichte bietet der Abschnitt „Orte der Wissensvermittlung“ (S. 471–523). Zweifelsohne waren die geistlichen und weltlichen Kanzleien immer Adressaten für den praktischen Einsatz der Lehren, die Wissensvermittlung fand allerdings lange Zeit an den traditionellen Bildungseinrichtungen (Klöstern, Universitäten, lokalen Schulen) statt. Da die artes in der Regel bestehende Gewohnheiten standardisieren und verbreiten, bilden sie in hohem Maß die jeweils gültigen gesellschaftlichen Praktiken ab (S. 524–565): Sie liefern zeitnahe Informationen zur sozialen Schichtung in unterschiedlichen Gesellschaftsformen, zum jeweiligen politischen Wissen und zur Stellung der Frau in der Gesellschaft. Ein abschließender Abschnitt widmet sich der Rolle der artes in der mittelalterlichen Kommunikation und ihrer Stellung im Kontext der damaligen Unterrichtsinhalte und der heutigen Fachdisziplinen (S. 566–612). Die Bandbreite reicht vom mittelalterlichen trivium/quadrivium (Rhetorik, Grammatik, Dialektik, Musik) über weitere Kommunikationsformen des Mittelalters (Poesie, öffentliche Rede, Predigt) bis zu modernen Fachdisziplinen, wie Rechtsgeschichte, Theologie, klassische und humanistische Studien oder Historiographie. Wie die Hg. und die Beiträgerinnen und Beiträger wiederholt konstatieren, sollen dabei keine abschließenden Forschungsergebnisse präsentiert, sondern vielmehr Anstöße für künftige Forschungen gegeben werden. Ein umfassender Anhang (S. 613–711) rundet das Handbuch ab. Er bietet u. a. ein reiches Handschriftenverzeichnis (S. 617–625), das die flächendeckende, europaweite Ausstrahlung dokumentiert, und auf mehr als 60 S. (!) eine detaillierte Bibliographie (S. 629–692). Für den zielgerichteten Einstieg besonders hilfreich ist das „Register der Autoren und Werke“ (S. 693–707). Als Gesamturteil lässt sich in Beantwortung der eingangs gestellten Fragen feststellen, dass die detaillierte Bestandsaufnahme einer über ganz Europa verbreiteten Textgattung mit z. T. sehr hoher Überlieferungsquote von großem Nutzen für alle Forschenden ist, die sich dezidiert oder am Rande mit diesen Texten beschäftigen. Darüber hinaus wird ein weiter Blick auf Kommunikationsformen und -praktiken des Mittelalters und der Renaissance eröffnet, der eine differenziertere Sicht sozialer Lebensformen ermöglicht. Die Aufwertung der „Fachliteratur“ als Erkenntnisquelle muss als lange vernachlässigtes Forschungsdesiderat angesehen werden. Schließlich ist das Handbuch durch das Paradigma der Wissensvermittlung und die Anregungen zu interdisziplinären Studien zukunftweisend. Das vorliegende Werk sollte daher zum unverzichtbaren Bestand jeder geschichts-, kultur- und kommunikationswissenschaftlich ausgerichteten Forschungseinrichtung und -bibliothek gehören.Thomas Hofmann

Carrie E. Benes (Hg.), A Companion to Medieval Genoa, Leiden-Boston (Brill) 2018 (Brill’s Companions to European History 15), XXVII, 560 S., Abb., ISBN 978-90-04-36001-3, € 181.

Die Erforschung der Geschichte Genuas zwischen 1100 und 1500 stand und steht im Schatten von zwei weiteren italienischen Handelsstädten: Venedig und Florenz. Eine stärkere Profilierung Genuas und damit einhergehende Impulse für die internationale Forschungslandschaft ist daher die Zielstellung des in der Reihe „Brill’s Companions to European History“ erschienenen und von Carrie E. Benes hg. Sammelbd. „A Companion to Medieval Genoa“. Zu diesem Zwecke ist der Sammelbd. nicht chronologisch, sondern thematisch aufgebaut, wobei die Zeit vom 12. bis zum 16. Jh. in den Aufsätzen im Fokus steht. Insgesamt gibt es vier Großkapitel: 1) „Orientations“, 2) „Politics and Society“, 3) „Culture and Religion“, 4) „Economy and Empire“. Der erste Teil („Orientations“) besteht aus drei Kapiteln. Als Einstieg erfolgt eine Besprechung der Überlieferungslage Genuas. Sandra Macchiavello und Antonella Rovere zeigen in ihrem Beitrag die Spezifika und das Potential der zahlreichen genuesischen Quellen. Daran anschließend fragt Paola Guglielmotti danach, welche Position Genua in der Region Ligurien zukam. Abgeschlossen wird das erste Großkapitel mit einem Aufsatz von Ross Balzaretti, der sich Genua im Frühmittelalter widmet und dabei insbesondere auf die extrem schwache Überlieferungslage für diesen Zeitraum eingeht. Der zweite Teil („Politics and Society“) beinhaltet insgesamt vier Kapitel, die Aspekte und Besonderheiten der Politik- und Stadtgeschichte darstellen. So behandelt Luca Filangieri die politische Entwicklung Genuas, die von der Compagna im 11. Jh. über das Konsulat bis hin zur Etablierung eines Dogen an der Spitze des politischen Systems im 14. Jh. verlief. Es folgt der Beitrag von Antonio Musarra. Schwerpunktmäßig ab dem 13. Jh. beschäftigt er sich mit führenden Familien, ihren Konflikten und Allianzen. Daran schließt der Aufsatz von Roberta Braccia an. Am Beispiel des Antefactum der Frau macht sie deutlich, welches Potential eine verstärkte Wiederaufnahme der Erforschung der Stadtstatuten hätte. Das Großkapitel wird von einer Analyse zu den Sozialstrukturen in Genua, 1200 bis 1500, von Denise Bezzina abgeschlossen. Aufgrund der Überlieferung fokussiert sie sich auf Eliten und Handwerker. Der dritte Teil („Culture and Religion“) beinhaltet insgesamt sechs Beiträge. Carrie E. Benes setzt sich mit der Frage nach der zivilen Identität Genuas auseinander. Darauf folgen zwei Aufsätze zu Kunst und Architektur. Während George L. Gorse der Frage nach Räumen und architektonischen Konstruktionen in der Stadt nachgeht, behandelt Rebecca Müller Künstler und Kunstwerke, die auf den verschiedensten Wegen nach Genua kamen. Einen anderen Aspekt des kulturellen Lebens zeigt Giovanna Petti Balbi. Mit dem 12. Jh. beginnend beleuchtet sie die Bildung der genuesischen Bevölkerung, wobei der Beitrag zeigt, dass selbst dieser Bereich stark von Genuas Status als Handelsmacht geprägt war. Mit der Position der Kirche und dem religiösen Leben der Stadt setzt sich Gervase Rosser auseinander. Der Aufsatz von Valeria Polonio thematisiert ebenfalls religiöse Strukturen: Ordensgemeinschaften und deren Einfluss in Genua und Ligurien. Das letzte Großkapitel („Economy and Empire“) ist der Expansions- und Wirtschaftsgeschichte gewidmet. Der Aufsatz von Jeffrey Miner und Stefan Stantchev ist sehr allgemein gehalten und geht auf die Ökonomie der Stadt Genua ein. Mit den spezifischen Gesellschaftsformen und Institutionen, die zentral für den wirtschaftlichen Erfolg Genuas waren, setzt sich Carlo Taviani auseinander. Sein Beitrag legt einen starken Fokus auf die Casa di San Giorgio, die 1407 gegründet wurde. Thomas Kirk bietet mit seiner Darstellung gewissermaßen die Überleitung von innerstädtischen ökonomischen Phänomenen und Institutionen zur Expansion und Kolonialisierung in Übersee. So stehen die maritimen Auseinandersetzungen der Genuesen im Zentrum seines Aufsatzes. Abschließend folgen zwei Beiträge zu den genuesischen Aktivitäten in Übersee. Die vor allem das 12. Jh. prägenden Kreuzzugsaktivitäten werden von Merav Mack behandelt. Die sich daran anschließende Errichtung und Etablierung eines Stützpunktsystems in Übersee untersucht Sandra Origone. Der Sammelbd. zeichnet sich vor allem durch die spezifische Schwerpunktsetzung in den einzelnen Beiträgen aus. Insgesamt gelingt es, die Vielschichtigkeit des mittelalterlichen Genuas aufzuzeigen und das Potential künftiger Forschung zu markieren. Er ist nur bedingt als Einstiegsbd. geeignet, da die behandelten Phänomene oftmals nicht in den großen Kontext der Geschichte Genuas eingeordnet werden. Eine große Stärke liegt jedoch, dies sei abschließend noch erwähnt, in der Auswahlbibliographie am Ende des Bd., die einen großen Teil der einschlägigen internationalen Forschungsarbeiten enthält. Franzisca Scheiner

André Vauchez, Saint Homebon de Crémone. „Père des pauvres“ et patron des tailleurs. Vies médiévales et histoire du culte, avec la collaboration de Umberto Longo et Laura Albiero et le concours de Véronique Souche-Hazebrouck, Bruxelles (Société des Bollandistes) 2018 (Subsidia Hagiographica 96), 166 S., Abb., ISBN 978-2-87365-033-9, € 50.

Der Heilige Homobonus von Cremona (ca. 1117–1197) zählt außerhalb Italiens zu den eher wenig bekannten Heiligenfiguren, obwohl seine Biographie deutliche Überschneidungen zu den Hauptfiguren der zeitgenössischen Armuts- und Bußbewegungen erkennen lässt. Zudem war er der erste nichtadelige Laie, der kanonisiert wurde. Homobonus führte zunächst ein Leben als Handwerker sowie Ehemann und Vater von drei Kindern, der sich nach einer conversio von seinem bisherigen Leben und Besitz lossagte, um sich ganz der Buße und Armenfürsorge zu widmen. Bereits zwei Jahre nach seinem Tod wurde er auf Betreiben Bischof Sicardus’ von Cremona durch Papst Innozenz III. im Jahre 1199 heiliggesprochen. Über das lange Leben Homobonus’ berichten ausschließlich jene Quellen, die im Rahmen des Kanonisationsprozesses entstanden sind bzw. später darauf aufbauten. In seiner umfassenden und vorzüglichen Einleitung (S. 1–63) stellt Vauchez alle relevanten Quellen vor, die einen Schwerpunkt im Bistum Cremona aufzeigen, aber auch einen darüber hinausreichenden Kult aufweisen; auch die bildlichen Darstellungen werden dabei berücksichtigt. Diese hagiographischen Texte des Spätmittelalters werden in der vorliegenden Arbeit kritisch ediert und in einer französischen Übersetzung wiedergegeben: angefangen mit der Vita „Cum orbita solis“ von Bischof Sicardus von Cremona, die er bereits 1198 verfasste und mit der er die Heiligsprechung entschieden vorantrieb (S. 67–84). Eine Erweiterung dieser Vita verfasste ein anonymer Schreiber mit der Vita „Quoniam hystorie“, die in das erste Drittel des 13. Jh. zu datieren ist (S. 85–93). Und schließlich sind noch die Wunderberichte zu nennen, die 1301 in der Kathedrale von Cremona kopiert wurden und in einer Abschrift um 1500 vorliegen (S. 95–101). Chronologisch an letzter Stelle steht die Vita „Labentibus annis“ (S. 103–115). Hervorzuheben ist zudem die Edition und Übersetzung der Kanonisationsbulle Papst Innozenz’ III. Quia pietas vom 12. Januar 1199 (S. 116–123). Sehr erfreulich und aufschlussreich ist, dass Vauchez sich im Anschluss daran nicht auf die hagiographischen Texte beschränkt, sondern auch die liturgischen Quellen berücksichtigt. So wird das Offizium des Heiligen, das in einer Hs. und einer Inkunabel überliefert ist, ediert – dieses Mal ohne französische Übersetzung (S. 124–134). Besonders hervorzuheben ist darüber hinaus die Zusammenstellung der Rezeptionszeugnisse des hl. Homobonus, die neben dem Lokalbezug auf das Bistum Cremona auch eine frühe Wahrnehmung seines Kultes im Dominikanerorden aufzeigen. Die Verehrung des hl. Homobonus erfuhr zudem im Zuge der Gegenreformation einen gewissen Aufschwung und ist auch ab den 1560er Jahren in Rom nachweisbar; 1614 erbat Papst Paul V. vom Bischof von Cremona Reliquien des Heiligen. Eine Übersicht über die besprochenen Hss. und Inkunabeln, die sich in Italien, Frankreich, England und Deutschland erhalten haben, eine ausführliche Bibliographie, ein Orts- und Namenregister sowie mehrere qualitätvolle Abb. beschließen diesen für die Kirchen- und Frömmigkeitsgeschichte wichtigen Band, der einen außerhalb Italiens wenig bekannten Heiligenkult vorstellt, der sich zeitlich und auch inhaltlich eng mit den Waldensern und auch der frühen franziskanischen Bußbewegung überschneidet, und vergleichende Forschungsperspektiven, auch für die an dem sich im 12. und 13. Jh. entwickelnden Kanonisationsverfahren interessierte Kanonistik, eröffnet.Jörg Voigt

Wolf Zöller, Regularkanoniker im Heiligen Land. Studien zur Kirchen-, Ordens- und Frömmigkeitsgeschichte der Kreuzfahrerstaaten, Münster (LIT-Verlag) 2018 (Vita regularis. Ordnungen und Deutungen religiösen Lebens im Mittelalter 73), XIII, 561 pp., ill., ISBN 978-3-643-14159-0, € 69,90.

L’indagine di Wolf Zöller, frutto delle ricerche condotte per la tesi dottorale sostenuta nel 2016, traccia una panoramica su un tema classico della medievistica, il movimento canonicale regolare, concentrandosi sul suo sviluppo nel regno latino di Gerusalemme, con particolare attenzione alla vita religiosa delle comunità insediate nei maggiori santuari della tradizione cristiana a Gerusalemme (canonici agostiniani del Santo Sepolcro, Templum Domini, Monte Sion, Monte degli Ulivi) e nelle altre città del regno (capitoli cattedrali regolari di Betlemme, Nazareth, Hebron, Sebaste), a cui sono dedicate altrettante sezioni monografiche che costituiscono la parte più consistente del volume (pp. 57–396). L’obbiettivo è quello di esaminare, attraverso l’integrazione di tutti i dati disponibili – in particolare quelli archeologici e quelli ricavati dalle fonti liturgiche –, la costruzione identitaria promossa da queste comunità canonicali e la rete che le collegava con le filiazioni occidentali come elemento fondamentale per supportare il movimento crociato (p. 14). Tale prospettiva prosegue le indicazioni emerse dagli studi di Kaspar Elm sull’ordine del Santo Sepolcro e di Nikolas Jaspert sulle dipendenze iberiche dei canonici del Santo Sepolcro e sulla diffusione delle reliquie della Vera Croce come vettore ideale della crociata attraverso la rete canonicale. Wolf Zöller si prefigge di tentare una trattazione sistematica, fondata su un’ampia bibliografia e su materiali d’archivio, della vita religiosa e degli ideali dei canonici regolari in Oriente nonostante lo stato fortemente lacunoso delle fonti sopravvissute alla dispersione del materiale archivistico. Molto interessante risulta la proposta di valorizzare le indicazioni sulla spiritualità e sul corpus normativo dei canonici che emergono dai manoscritti liturgici del Santo Sepolcro, come, per citare solo qualche esempio, il caso delle disposizioni del patriarca Gibelino, ricondotte all’influsso dei canonici di San Rufo (pp. 78–84), degli interventi di riforma liturgica e normativa promossi dal patriarca Fulchero (pp. 87–90), ispirati parzialmente a quelli premonstratensi, o l’introduzione della festa dei patriarchi Abramo, Isacco e Giacobbe dopo l’inventio delle reliquie a Hebron nel 1119 come segno dell’egemonia liturgica del capitolo del Santo Sepolcro (pp. 351–355). Nel rintracciare e analizzare le origini dei capitoli del Templum Domini, del Monte Sion e del Monte degli Ulivi (Ascensione), Zöller giustamente si sofferma anche sull’importanza della „spatiale Konfiguration“ dei santuari gerosolimitani e dei nuovi ambienti di vita costruiti dai canonici per recuperare l’eredità biblica dei luoghi e riplasmarla secondo gli ideali della Chiesa latina (in particolare per i noti poemi di Acardo e Goffredo del Templum Domini, a cui è dedicato ampio spazio alle pp. 122–137), ma anche sui tentativi dei singoli capitoli di riutilizzare tale eredità per costruire una nuova identità in concorrenza con la supremazia ostentata dal capitolo del Santo Sepolcro (si pensi al caso della mater ecclesia del Monte Sion, pp. 170–185). Questo aspetto di concorrenza tra i capitoli regolari dell’Oriente latino è assai enfatizzato; allo stesso modo Zöller insiste sui discutibili concetti di Appropriation e „colonizzazione“ per definire l’esperienza crociata in Oriente. Meno spazio è dedicato invece alla ricostruzione della loro struttura interna (come accennato alle pp. 397–408) e delle dinamiche istituzionali e prosopografiche che avrebbero fornito ulteriori elementi di riflessione (ad esempio la consistente presenza nel capitolo del Santo Sepolcro di canonici di origine iberica). Si tratta comunque di una mancanza compensata da altri approfondimenti, ad esempio quelli relativi alle dipendenze siciliane e francesi dei canonici del Monte Sion (pp. 186–198) o ai canonici di S. Giovanni Battista di Sebaste e alla loro strategia di ricostruzione della chiesa cattedrale, concessione di indulgenze e invio di reliquie che determinò una notevole espansione delle dipendenze in Occidente, ancora in gran parte da studiare (pp. 369–395). L’analisi delle filiazioni europee dei canonici regolari di Terrasanta costituisce infatti uno degli aspetti più pregevoli del volume di Wolf Zöller e rimane un tema di ricerca che, come si augura l’autore nelle conclusioni, meriterà di essere ulteriormente indagato. Dispiace dover segnalare in un testo così ampio e ricco di spunti la presenza di un sorprendente numero di errori nella trascrizione delle fonti latine nelle note a fondo pagina, che una revisione puntuale avrebbe potuto evitare.Miriam Rita Tessera

Werner Maleczek (Hg.), Die römische Kurie und das Geld. Von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis zum frühen 14. Jahrhundert, Ostfildern (Thorbecke Verlag) 2018 (Vorträge und Forschungen 85), 623 S., Abb., ISBN 978-3-7995-6885-2, € 64.

Die Forschungen zur kurialen Finanzgeschichte nahmen unmittelbar nach der Öffnung des Vatikanischen Archivs durch Papst Leo XIII. 1880/1883 einen beträchtlichen Aufschwung. Mit Blick auf die ab dem späten 13. Jh. einsetzenden und sich im 14. Jh. verdichtenden Registerserien der päpstlichen Kammer lag der Schwerpunkt rasch auf dem Papsttum in Avignon. Die Wirtschafts- und Finanzgeschichte der Kurie in voravignonesischer Zeit blieb dagegen im Hintergrund, obwohl sie sich im 12. und 13. Jh. im Abendland zu einer universalen Instanz entwickelte, deren Administration und Aufgabenbereiche einen kontinuierlichen Geldfluss voraussetzten. Dieses Thema hat Werner Maleczek, einer der besten Kenner der Kurie des Hoch- und Spätmittelalters, 2014 im Rahmen der Frühjahrstagung des Konstanzer Arbeitskreises für mittelalterliche Geschichte aufgegriffen, deren Ergebnisse nun vorliegen. Gewidmet ist dieser Bd. dem Andenken des Ende 2016 verstorbenen Stefan Weiß, der breit zur Papst- und Kuriengeschichte publizierte und hier seine letzte Studie veröffentlichte. Lucia Travaini eröffnet in ihrem numismatischen Beitrag einen sehr profunden Einblick zum Münzwesen im mittelalterlichen Rom, der auch übergreifende Aspekte zur Münzgeschichte in Italien beinhaltet. Es werden die in Rom hergestellten und zirkulierenden Münzen vorgestellt und umfassend kontextualisiert, wobei auch rituelle Aspekte der Verwendung von Münzen berücksichtigt werden. Die Aufzeichnungen der päpstlichen Finanzverwaltung stellt Stefan Weiß vor. Diese schwierige Überlieferung, die im Archivio Apostolico Vaticano vor allem ab dem 14. Jh. in den großen Kammerserien Introitus et Exitus und Collectoriae erhalten ist, sowie die Schrift- und Registerführung des päpstlichen Kämmerers werden äußerst kenntnisreich vorgestellt. Für das 13. Jh. enthalten jedoch die päpstlichen Privaturkunden die wichtigsten Anknüpfungspunkte für weitere Forschungen zu den kurialen Finanzen. Jochen Johrendt zeigt, dass die päpstlichen Einkünfte im 13. Jh. nicht von Pilgern stammten oder auf Gebühren für den Geschäftsgang in der päpstlichen Kanzlei zurückzuführen sind. Weit erkennbarer schlugen die Gunsterweisungen, die bei der Entscheidungsfindung der Päpste erwartet wurden, sowie Einnahmen aus Immobilien und Lehen in der päpstlichen Kammer zu Buche. Abschließend wird die Organisation des Geldtransportes nach Rom, oft über weite Distanzen hinweg, vorgestellt. Markus A. Denzel untersucht die Entwicklung einer ursprünglichen Kreuzzugssteuer hin zu einer allgemeinen Steuer. Von seinen grundlegenden Beobachtungen sei hier hervorgehoben, dass die internationale Entwicklung der Papstfinanzen nicht durch das avignonesische Papsttum, sondern jenes des 13. Jh., das sich geografisch ausdehnte und mithilfe italienischer Bankiers und Kaufleute finanziell verwaltet wurde, angestoßen wurden. Armand Jamme geht der Einbindung von Händlernetzwerken Italiens nach, mit denen die Kurie in der zweiten Hälfte des 12. und im 13. Jh. bei der Finanzverwaltung kooperierte. Im Vordergrund stehen dabei zunächst jene Netzwerke um Siena, die später von den Florentinern abgelöst wurden. Im umfangreichen Beitrag von Andreas Fischer zum Kapital der Kardinäle ist neben vielen bemerkenswerten Einzelaspekten die Beobachtung hervorzuheben, dass die Organisation des Geldflusses und der Zuwendungen an die Kardinäle eine Hierarchisierung innerhalb der Mitglieder des Kardinalskollegiums und letztlich dessen Entwicklung selbst beförderte. Auf breiter Quellengrundlage basiert der Beitrag von Pascal Montaubin zum Legatenwesen im Königreich Frankreich während des 13. Jh. Zu beobachten ist, dass die sich ausdifferenzierenden rechtlichen Grundlagen des Legatenamtes oft angepasst an die lokalen und regionalen Gegebenheiten angewandt wurden. Hervorzuheben ist weiterhin, dass das römische Legatenwesen vergleichsweise kaum Kritik erfuhr, selbst in dem sich zuspitzenden Konflikt zwischen Papst Bonifaz VIII. und König Philipp dem Schönen. Thomas Wetzstein widmet sich den Invektiven gegen die Gier der Päpste und bereichert den Bd. um die Berücksichtigung satirischer Quellen. Kreditgeschäfte für Militärvorhaben stellt Matthias Thumser in seinem Beitrag zur Finanzierung von Karl von Anjou und seiner Auseinandersetzungen mit Manfred von Sizilien durch Papst Clemens IV. vor, die in die Schlacht von Benevent 1266 mündeten. Hervorzuheben ist die Rolle der Apostolischen Kammer, aber auch von Besitz und Rechten römischer Kirchen und Klöster, die bei der Sicherheitsleitung für kreditgebende Kaufleute eingesetzt wurden. Hans-Jörg Gilomen greift mit seiner Untersuchung des Zinsverbots und seiner Überwindung ein komplexes kanonisch-rechtliches Thema auf. Im späten 12. und frühen 13. Jh. wurden im Zuge der Rückgewinnung des Heiligen Landes verstärkt Kampagnen gegen den Wucher gerichtet, die sich zunehmend mit judenfeindlicher Rhetorik verbanden. Andreas Büttner geht den monetären Aspekten des wachsenden Konflikts zwischen Kaiser Friedrich II. und dem Papsttum nach. Eine erste Phase des kooperativen und kostspieligen Vorgehens bei den Kreuzzugsvorbereitungen mündete in einen erbitterten Konflikt beider Mächte, der zunächst mit gegenseitigen Vorwürfen unbändiger finanzieller Habgier propagandistisch geführt wurde, dann aber in reale militärische Auseinandersetzungen mündete, die wiederum einen hohen Geldbedarf nach sich zogen. Der umfangreiche Beitrag von Marco Vendittelli arbeitet die Rahmenbedingungen für römische Kaufleute und Händler heraus, die im 12. und 13. Jh. im Zuge der Internationalisierung des Kurienapparates einen enormen Aufschwung erlebten. Vermutet wird, dass ihr ca. ab der Mitte des 13. Jh. einsetzender Niedergang auf den römischen Baronaladel zurückzuführen ist, der wieder stärker zu seinen Gunsten in die städtische Politik und die der Kurie eingriff. Eine vortreffliche Zusammenfassung des Bd. hat Jürgen Dendorfer verfasst, der die facettenreichen Beiträge bündelt, forschungsgeschichtlich einordnet und Perspektiven für die zukünftige Forschung benennt. Die Erforschung der Wirtschaftsgeschichte des Papsttums und der Kurie, die sich bisher vornehmlich auf die avignonesische Epoche konzentrierte, ist mit diesem thematisch weit gespannten, inhaltlich exzellenten und ausgewogen komponierten Bd., der nun eine Synthese dieses zentralen Themas bietet, durch die Einbeziehung des 12. und 13. Jh. ganz entscheidend erweitert worden. Für übergreifende Fragestellungen nach dem Status des Geldes für die Politik und Verwaltung der Kurie eröffnen sich hier zahlreiche Anknüpfungspunkte für zukünftige Forschungen.

Jörg Voigt

Inventing Modernity in Medieval European Thought ca. 1100 – ca. 1550, ed. by Bettina Koch and Cary J. Nederman, Kalamazoo (Medieval Institute Publications) 2018 (Studies in Medieval and Early Modern Culture 51), VIII, 284 S., ISBN 978-1-58044-349-4, € 95,94.

Hinter dem hochgreifenden Titel des anzuzeigenden Sammelbd. verbirgt sich eine Festschrift für Thomas M. Izbicki, in der sich in zwölf Beiträgen ihm nahestehende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an jener Schwelle zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit abarbeiten, an der auch das Werk des Geehrten situiert ist. Gegliedert ist der Bd. in vier Teile, die jeweils drei Aufsätze umfassen. Den Anfang macht eine Sektion zu „Heresy and Reform“, es folgen Abschnitte zu „Transforming Ideas and Traditions“, „Cusa and Philosophy. Origins and Applications“ sowie zu „The Great Schism and the Conciliar Option“, bevor eine knappe Würdigung Izbickis aus der Feder Gerald Christiansons, ein ebenso knappes Nachwort Izbickis selbst und ein Verzeichnis von dessen Schriften den Bd. beschließen. Die Überschriften der vier Abschnitte wollen nicht recht zum in ihrer Einführung dargelegten Anspruch der Hg. passen, verbindendes Thema des Bd. sei die Entstehung der (westlichen) Moderne im (lateinischen) Mittelalter. Mit Blumenberg wird die Zeit zwischen 1100 und 1550 als Epochenschwelle charakterisiert, in der sich ein stabiler Kanon großer Fragen herausgebildet habe. Eine zentrale Frage, welche Nederman und Koch als Kernelement der westlichen Moderne ansehen, sind die Säkularität bzw. der Prozess der Säkularisierung. Dass in der Soziologie diese Großerzählung inzwischen auf massive Kritik stößt, wird von Nederman und Koch eingestanden, hindert sie aber nicht daran, sie fortzuerzählen. Man wolle zeigen, dass manche Ideen, welche der Moderne zugeschrieben würden, in ihrem Ursprung keinesfalls modern, sondern mittelalterlich seien. Insofern könne man davon sprechen, dass die Moderne im Mittelalter erfunden worden sei. Derartige Überlegungen überraschen in mehrerer Hinsicht. Alle Kritik an Meistererzählungen scheint an der Einleitung ungehört vorübergegangen zu sein. Auch die Debatten über Epochensigna, die inzwischen zumeist mit einem skeptischen Unterton geführt werden, wenn man nicht gar für die Abschaffung überkommener Epochenschemata plädiert, passen nicht zu der von Nederman und Koch aufgespannten Perspektive. Die westliche Moderne schließlich als intendiertes Projekt großer Denker zu begreifen, ist einer ideengeschichtlichen Sicht verpflichtet, die in den letzten Jahrzehnten inhaltlich wie methodisch fundamental herausgefordert wurde. Einzuräumen, die Herausbildung der Moderne sei kein linearer Prozess gewesen, und Rückschritte und Umwege auszumachen, ändert nichts daran, dass die Beiträge unter ein aus guten Gründen überholtes Deutungsschema gezwungen werden. Dementsprechend erscheint es etwa viel aufschlussreicher, mit Louis B. Pascoe und Christopher M. Bellitto textnah darüber nachzudenken, inwiefern Pierre d’Ailly institutionelle und innere Reform verband, als diese Gedanken in einen Säkularisierungsprozess einzubetten. Wenn man ein einendes Band unter den zumeist sehr lesenswerten Beiträgen ausmachen möchte, sollte man sich Izbickis Nachwort anvertrauen, der den argumentativen Gebrauch von Geschichte als ein typisches Merkmal spätmittelalterlichen Denkens benennt. Dabei gestalte sich der Umgang mit historischen Informationen wie mit autoritativen Texten in hohem Maße kreativ – eine These, welche die Cusanus gewidmeten Beiträge von Donald F. Duclow, Constant J. Mews und James Muldoon sowie ein Text Nancy Struevers zu Cusanus und Valla belegen. Den mittelalterlichen Autoren, so Izbicki, sei es nicht darum gegangen, eine äußerliche, objektive Sicht auf die Vergangenheit und die Autoritäten zu werfen, vielmehr hätten sie diese originell, mitunter auch in gewaltsamer Umdeutung in ihre Weltdeutungsversuche eingebaut. Auf diese Weise seien intellektuell neue Welten entdeckt worden, die ihre Entsprechung in der Entdeckung neuer physischer Welten im 15. und 16. Jh. gefunden hätten. Beide Themen, die Entdeckung der Historie als Argument und die kreative Aneignung von Vergangenheit und Autoritäten, finden sich in zahlreichen Beiträgen, so bei Ian Christopher Levy, wenn er John Wyclifs eigensinnigen Gebrauch kanonistischer Texte und Methoden nachzeichnet, der diesen dazu führte, von Johannes Teutonicus jene Argumente zu übernehmen, die seine Überzeugungen argumentativ untermauerten, dessen eigene Position aber zu unterschlagen. Joëlle Rollo-Koster demonstriert anhand der Kritik an Usurpation, wie eine argumentative Figur springen kann: Was zunächst auf Urban VI. im Konflikt mit Clemens VII. gemünzt war, konnte mit veränderter Stoßrichtung genutzt werden, um die Ermordung Ludwigs von Orléans als Tyrannenmord zu rechtfertigen. Als argumentative Ressource erwies sich die Historie als ebenso produktiv wie riskant, da historische Ereignisse vielfältig deut- und erzählbar sind. Diese Entwicklung verdeutlicht Thomas Turley am Beispiel dominikanischer Kritiker des Johannes von Pouilly, Cary J. Nederman anhand der Bedeutung römischer Geschichte für Ptolemaeus von Lucca und Marsilius von Padua und Bettina Koch in ihrer Beschäftigung mit einer deutschsprachigen Kurzfassung des „Defensor pacis“ aus dem 16. Jh. Dass das Mittelalter vielleicht nicht die Moderne erfand, es jedoch die Tendenz besitzt, nicht einfach um 1500 aufzuhören, zeigen schließlich Thomas Fudge anhand der Rezeptionsgeschichte des Jan Hus und Francis Oakley am Beispiel des Theologen Henri Louis Charles Maret, den er als letzten Konziliaristen vorstellt. Hier setzte das 19. Jh. spätmittelalterliche Diskussionen fort – mit einer argumentativen und inhaltlichen Flexibilität, die, glaubt man den versammelten Beiträgen, sehr „mittelalterlich“ ist.Jan-Hendryk de Boer

Viola Skiba, Honorius III. (1216–1227). Seelsorger und Pragmatiker, Stuttgart (Hiersemann) 2016 (Päpste und Papsttum 45), VI, 808 S., ISBN 978-3-7772-1616-4, € 198.

Die vorliegende, von Stefan Weinfurter betreute Diss. besitzt einen beträchtlichen Umfang. Monographisch wurde dem berühmten Vorgänger Honorius’ III., Papst Innozenz III. (1198–1216), noch keine derartige historisch-kritische Würdigung zuteil. Zwar darf sich Innozenz III. etlicher, zum Teil auch äußerst umfangreicher Sammelbde. über ihn erfreuen sowie auch monographischer Studien, doch nicht in diesem Umfang. Doch teilweise ist der Umfang der anzuzeigenden Arbeit durch Innozenz III. zu erklären, da die Vf., obwohl sie ihren Protagonisten eigentlich aus dem Schatten seines bedeutenden Vorgängers holen will, sich doch ständig an diesem reibt, die charakteristischen Züge seines Pontifikates meist nur in Abgrenzung zu Innozenz III. herausarbeitet, so dass ein nicht unerheblicher Teil dieser Diss. eigentlich Innozenz III. gewidmet ist. Nach einer Einleitung mit einem Überblick über die Quellenlage und den Forschungsstand geht Skiba zunächst auf die familiäre Herkunft Honorius’ III. ein, die ungeklärt bleibt. Eine eingehendere Beschäftigung mit seiner Zeit als Kanoniker an S. Maria Maggiore und dem damit verbundenen Personennetzwerk wäre dabei wünschenswert gewesen, zumal die Forschungen der letzten 20 Jahre hier einschlägige Ergebnisse zur Verfügung gestellt hätten. Anschließend wird die kuriale Karriere behandelt. Die restliche Arbeit ist in vier weitere Hauptkapitel untergliedert, die auf die weltliche und kirchliche Politik Honorius’ III. ausgerichtet sind. Zur Einordnung der Wahl Honorius’ III. (S. 95–101) wäre es sicher schön gewesen, wenn die neueste monographische Studie zur Papstwahl im Mittelalter von Agostino Paravicini Bagliani aus dem Jahr 2013 berücksichtigt worden wäre. Ein umfangreiches Kapitel ist der Förderung der neuen Orden durch Honorius III. gewidmet (S. 103–245). Dabei gelingt es der Autorin überzeugend, einen Zusammenhang zwischen der Wertschätzung der Predigt durch Honorius III. und der Förderung der neuen Orden durch diesen Papst herzustellen. In diesem Kontext betont Skiba völlig zurecht den großen Anteil Honorius’ III. an der Ausbildung der Franziskaner und Dominikaner, die eben nicht mehr unter Innozenz III. ihre offiziell approbierten Ordensregeln erhielten, sondern erst unter seinem Nachfolger. Dabei lässt die Autorin den starken Bezug der beiden Orden zu Innozenz III. nicht unter den Tisch fallen, erklärt dies jedoch als eine Art Selbstdeutung der Orden, durch die Honorius III. in der Gründungserzählung der Orden eine geringere Bedeutung erhielt, nicht zuletzt wohl aufgrund der Regelungen des Vierten Laterankonzils (1215), das die Gründung neuer Orden untersagte. Ein ebenso umfangreiches Kapitel ist dem kläglich gescheiterten Kreuzzug nach Damiette gewidmet (S. 247–442). Aufbauend auf die neueren Forschungen kann Skiba das hohe Organisationstalent Honorius’ III. herausarbeiten, sowohl hinsichtlich der Predigt des Kreuzzugs als auch seiner Finanzierung, bei der er „eindeutig Pionierarbeit“ (S. 438) geleistet habe. Das umfangreichste Kapitel behandelt die Beziehungen des Papstes zum französischen, englischen und römisch-deutschen König (S. 443–718). Das Verhältnis zu den französischen Königen Philipp II. August und Ludwig VIII. sei vor allem durch die Herausforderungen der Amtskirche in Südfrankreich in Folge der Albigenser und die Bemühungen um einen Frieden zwischen Frankreich und England gekennzeichnet. Das Verhältnis Honorius’ III. zu England war ganz anders geartet – und der Papst habe seinen Schutzauftrag gegenüber den englischen Königen, die sich aus der Lehnsübertragung dieses Königreichs durch Johann ohne Land an Innozenz III. ergab, sehr ernst genommen. Resümierend stellt Skiba fest, dass die Plantagenet nach 1216 im Grunde Honorius III. ihre Krone verdankten (S. 598). In Bezug auf Friedrich II., den Honorius III. 1220 zum Kaiser krönte, betont die Vf. die Entschlossenheit des Papstes, der sich zwar mit Blick auf den immer wieder aufgeschobenen Kreuzzug als nachgiebig erwiesen, bei Fragen des Patrimonium Petri oder der Besetzung von Bischofsstühlen im Königreich Sizilien jedoch eine harte Haltung an den Tag gelegt habe. Doch bleibt die nachgiebige Haltung Honorius’ III. beim Kreuzzug gerade vor der von Skiba herausgearbeiteten Bedeutung des Unternehmens für diesen Papst nach wie vor erklärungsbedürftig. In einem Fazit (S. 719–726) bescheinigt Skiba Honorius III., dass er „vielleicht auch kein innovativer Charakter war“ (S. 719), und bündelt die Ergebnisse nochmals. Ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 727–776) sowie Register der Personen und Orte sowie ausgewählter Sachbetreffe (S. 777–808) beschließen den Bd. Die Arbeit hinterlässt insgesamt einen zwiespältigen Eindruck. So ist es klar, dass in einer Diss. nicht alle Aspekte eines derart ereignisreichen Pontifikats behandelt werden können. Doch hätten etliche Kapitel kürzer gefasst werden können. Und es erstaunt, dass die Arbeit keine Ausführungen zu Honorius’ Vorstellungen von seinem Amt bietet, dass etwa seine eigene Darstellung im Apsismosaik in S. Paolo fuori le mura, in der er dem thronenden Christus die Füße küsst, lediglich auf S. 44 in Anm. 127 zur Frage behandelt wird, ob Honorius III. einen Bart trug, und nicht mit Blick auf das Selbstverständnis dieses Papstes, der hier ganz anders dargestellt ist als sein immer wieder thematisierter Vorgänger im Apsismosaik der Petersbasilika. Diese im Buch fehlenden Vorstellungen vom päpstlichen Amt bei Honorius III. hätten die Klammer sein können, die die Einzelkapitel miteinander verbindet. An die wissenschaftliche Substanz geht es, wenn die kritischen Ausgaben nicht sorgfältig ermittelt wurden, wie etwa im Falle der „Gesta Innocentii III“, die nach der Migne-Ausgabe zitiert werden und nicht nach Gress-Wright. Bedenklich stimmen handwerkliche Unzulänglichkeiten: So werden beispielsweise auf S. 48 Anm. 140 die Regesten des Bandes „Italia Pontificia“ 1, S. 199, Nr. 16, mit ebd., S. 200, Nr. 18 und 20, als Quellentext zitiert, wobei die dazugehörige Literaturangabe einem sehr eigenwilligen und der einschlägigen Papstgeschichtsforschung unbekannten System folgt. Die zitierten Regesten des Bd. „Italia Pontificia“ 1 sind jedoch keine Quellenwiedergaben, sondern durch Paul Fridolin Kehr formulierte Regesten.Jochen Johrendt

Fulvio Delle Donne, La porta del sapere. Cultura alla corte di Federico II di Svevia, Roma (Carocci) 2019 (Frecce/Carocci 271), 270 S., Abb., ISBN 978-88-430-9502-5, € 25.

In sieben Kapiteln behandelt das schmale und wohlfeile, aber gehaltvolle Bändchen ein großes Thema, die Kultur am Hofe Kaiser Friedrichs II. († 1250). Einleitend wird dessen Geschichte verfolgt mit dem Schwerpunkt auf Süditalien innerhalb des westlichen Kaiserreiches. Zentrale Themen sind vor allem sein Verhältnis zum Papsttum, daneben der Kreuzzug und die Auseinandersetzung mit Kommunen in Nord- und Mittelitalien. Deutschland spielt eher eine Nebenrolle. Das zweite Kapitel behandelt die lateinische Kultur, hauptsächlich die ars dictaminis anhand der nach Petrus de Vinea († 1249) benannten Mustersammlungen und einiger Gedichte. Im dritten Kapitel geht es um Kultur in den Volkssprachen, namentlich provenzalische und sizilische Poesie, darunter auch Liebesgedichte. Das vierte Kapitel befasst sich mit der Wissenschaft, der dem Kaiser nachgesagten Wissbegier und seinem Forschungsdrang. S. 130 wundert man sich, dass al-Kindī als „filosofo arabo nestoriano“ bezeichnet wird. Die wissenschaftliche Übersetzungsliteratur leitet über zum fünften Kapitel, Friedrichs II. Verhältnis zu Juden und Muslimen. So interessant S. 150–156 die Ritualmordvorwürfe gegen die Juden in Fulda sind (die Friedrich für unsinnig hielt), noch interessanter wären Friedrichs Kontakte zur griechischen Welt, die – mangels neuerer Studien? – nicht ausdrücklich thematisiert werden. Der dazu wichtige Aufsatz von Vera von Falkenhausen, in: „Friedrich II.“, hg. von Arnold Esch und Norbert Kamp (Bibliothek des DHI Rom 85), S. 235–262, fehlt im Literaturverzeichnis. Dafür geht es Fulvio Delle Donne um eschatologische Vorstellungen, darunter die Hoffnungen und Ängste, welche mit dem Auftauchen der Mongolen verbunden waren. Die Tartaren (statt richtig Tataren, Tatari, bei Fulvio Delle Donne Tartari, im 13. Jh. abgeleitet von tartarus, der Höllenschlund) sahen die Zeitgenossen teils als Ausgeburt der Hölle, teils als mögliche Verbündete gegen den Islam. Das sechste Kapitel widmet sich der Kunst, namentlich der Baukunst und der Plastik; Malereien aus dem Umkreis von Friedrichs Hof sind kaum bekannt, geschweige denn erhalten. Das siebte und letzte Kapitel fragt nach der offiziellen Kultur des kaiserlichen Hofes. Unter anderem geht es um die Universitätsgründung in Neapel und um das vielbehandelte Proömium der Konstitutionen von Melfi. Die klug disponierte Darstellung zielt auf die zentrale These, Friedrich habe ein für die Gesellschaft seiner Zeit geradezu revolutionäres Ideal verfolgt, Adel (nobiltà) nicht durch Geburt, sondern durch Bildung zu ermöglichen. Dass die im Prinzip absolute kaiserliche Monarchie statt auf den Geburtsadel eher auf eine Bildungselite von Bürokraten setzte, und dass der Staufer einer der ersten war, der nach dem spätrömisch-byzantinischen Imperium dieses Konzept erneut verfolgte, ist nun keine neue Erkenntnis. Es wird hier jedoch stringent und überzeugend aus der kaiserlichen Kulturpolitik heraus entwickelt. Mit seiner „Pforte des Wissens“ weist Friedrich II. damit für Delle Donne in ähnlicher Weise auf die Renaissance voraus wie mit etwas anderer Begründung 1860 für Jakob Burckhardt. Insgesamt besticht das Büchlein durch Klarheit und Prägnanz. In nahezu jeder Zeile zeigt sich die Kennerschaft des Autors sowohl hinsichtlich der Quellenproblematik als auch hinsichtlich der aktuellen Forschungsdiskussionen; drei von 20 S. Sekundärliteratur bieten eigene Veröffentlichungen von Fulvio Delle Donne. Der ständige Rückbezug auf die Quellen verhindert das Abgleiten in Allgemeinplätze oder in vereinfachende Schwarz/Weiß-Malerei. Spekulationen, ob der stupor mundi im 13. Jh. eher als Hoffnungsträger oder als Tyrann erschien, hat es zudem schon zur Genüge gegeben. Dagegen wird bei Delle Donne nicht zuletzt die große Rolle der Stilkunst nach Petrus de Vinea deutlich. Richtig konstatiert der Vf. das weitgehende Fehlen von Historiographie aus dem Umkreis des Stauferhofes. Diskutieren könnte man allerdings z. B. anhand von Pandolfo Collenuccio (1444–1504) und dessen „Compendio de le storie del Regno di Napoli“ die Frage, ob stauferfreundliche Historiographie nur verloren ist, vielleicht bewusst vernichtet wurde. Vertiefen ließen sich ferner sozialgeschichtliche Fragen: Wo kam im Süden Italiens die neue Bildungselite überhaupt her? Scheiterte Friedrich II., weil die sozialen Aufsteiger zu korrupt waren (z. B. Petrus de Vinea, der große Reichtümer anhäufte und schließlich als „Verräter“ gestürzt wurde)? Man sieht also, wie sehr die vorliegende Arbeit zum Weiterdenken anregt. Ein Namen- und Sachregister erleichtert das gezielte Nachschlagen. Alles in allem handelt es sich um ein Werk, das man als aktuelle Einführung zu Friedrich II. nur empfehlen kann.Karl Borchardt

Alberto Spataro, Velud fulgor meridianus. La „vita“ di papa Gregorio IX. Edizione, traduzione e commento critico, Milano (Vita e Pensiero) 2018 (Ordines. Studi su istituzioni e società nel medioevo europeo 8), XII, 226 S., ISBN 978-88-343-3148-4, € 25.

Obwohl die päpstliche Geschichtsschreibung ein Evergreen der deutschen und europäischen Mediävistik darstellt, stand eine der drei im kurialen Umfeld entstandenen Papstviten des 13. Jh. bis vor Kurzem nicht wirklich im Mittelpunkt des Forschungsinteresses. Die Rede ist von der durch eine Hs. des „Liber Censuum“ überlieferten „Vita Gregorii IX“, welche selbst Ovidio Capitani in seinem Artikel zu Gregor IX. für den „Dizionario Biografico degli Italiani“ als eine für die Rekonstruktion des Lebens dieses Papstes nicht besonders hilfreiche Quelle abgewertet hatte. Zu dieser „Marginalisierung“ hatte allerdings auch der Umstand beigetragen, dass die fragliche Vita bis dahin nur in der alten Ausgabe von Fabre und Duchesne zur Verfügung stand. Darüber hinaus geht die letzte monographische Studie auf Jakob Marx (1889) zurück. Vor diesem Hintergrund ist der vorliegende Bd. von Alberto Spataro besonders zu begrüßen, weil eine kritische Edition der Biographie Gregors IX. vorgelegt wird, welche die nicht fehlerfreie Transkription der „Liber Censuum“-Ausgabe emendiert, die Quelle im Lichte der aktuellen Forschungsdiskussion neu bewertet und sie durch eine italienische Übersetzung auch dem nicht-lateinkundigen Publikum zugänglich macht. Die quellenkritische Studie, welche die eigentliche Edition einleitet, ist in fünf Kapitel gegliedert. Im ersten Abschnitt bietet der Vf. einen allgemeinen Überblick über Phasen, Motive und Schwerpunkte der päpstlichen Geschichtsschreibung des frühen und hohen Mittelalters und betont dabei vor allem zwei im 12. Jh. zustande gekommene Neuerungen: die Herstellung einer starken Verbindung zwischen Kammer und Geschichtsschreibung sowie die zunehmende Heranziehung kurialer Dokumentation bei der Abfassung von Geschichtswerken (S. 18 f.). Das zweite Kapitel fokussiert die Überlieferung der „Vita Gregorii IX“: Eine kodikologische Analyse des Codex 228 der Biblioteca Riccardiana zu Florenz legt den Schluss nahe, dass in der vorliegenden Fassung des „Liber Censuum“ einige Hefte erst zu einem späteren Zeitpunkt hinzugefügt wurden, darunter auch die „Vita Gregorii IX“. Die Einbindung der Vita in den „Liber Censuum“ datiert Spataro auf den Pontifikat Alexanders IV., wobei dies in erster Linie aufgrund der Zuschreibung der Schrift an den päpstlichen Schreiber Berengar von Séguret (S. 25 f.) erfolgt. Eingegangen wird im dritten Kapitel auf die Frage nach der genauen Entstehungszeit der Vita: Plausibel erscheint eine letzte Redaktion des Werkes im Zeitraum zwischen der zweiten Exkommunikation Friedrichs II. (Juli 1239) und der Seeschlacht von Giglio (August 1241), denn erst nach der Gefangennahme der nach Rom segelnden Prälaten konnte sich in kurialen Streitschriften die Identifikation des Staufers mit dem Antichrist etablieren, welche in der „Vita Gregorii“ noch nicht zur vollen Reife gelangt war (S. 44–46). Im vierten Abschnitt versucht Spataro, das Profil des Vf. präziser zu definieren: Vermutet werden dabei Erfahrungen in der apostolischen Kammer sowie in der päpstlichen Kapelle, eine Herkunft aus der Campagna Romana und eine gewisse Nähe zu dem eschatologisch interessierten Kreis um den Kardinal Rainer von Viterbo (S. 53–57). Die Aussagekraft der Vita bezüglich der Spiritualität Gregors IX. steht im Mittelpunkt des fünften Kapitels: Hier zeigt Spataro, dass die enge Verbindung zwischen Hugo von Ostia einerseits und Minoriten, dominae inclusae, Pönitenten und Florensern andererseits in der Vita besonders stark hervorgehoben wird, während sonstige kirchliche Orden und Bewegungen kaum Erwähnung finden (S. 60–69). Der zweite Teil des Buches umfasst die kritische Ausgabe der Quelle mit seitensynoptischer Übersetzung ins Italienische (S. 78–145) und einen historischen Kommentar zu den einzelnen Abschnitten der Vita, in welchem umfangreiche Erläuterungen zu den im Text erwähnten Orten, Personen und Vorgängen sowie weiterführende bibliographische Hinweise zu finden sind (S. 147–193). Ein Literaturverzeichnis (S. 195–218) und ein Personen- und Ortsregister schließen den Bd. ab (S. 219–226). Zusammenfassend lässt sich das Werk von Spataro als eine sehr gelungene Arbeit bezeichnen, welche den Ansprüchen von mittellateinischer Philologie und mediävistischer Geschichtsforschung entspricht, zugleich aber auch das studentische und historisch interessierte Publikum anspricht. Besonders überzeugend ist die im letzten Kapitel der quellenkritischen Einleitung vorgeschlagene These, nach welcher die Betonung des Interesses Gregors IX. für die vita religiosa seiner Zeit eine Innovation von erheblicher Bedeutung im Rahmen der päpstlichen Geschichtsschreibung darstellt. Denn die Unterstützung neuer Orden und Bewegungen durch das Oberhaupt der Kirche, welche schwerwiegende Implikationen für das gesamte Kirchenregiment hatte und selbst zur Zeit Gregors IX. alles andere als selbstverständlich war, wird durch die Vita als ein besonderes Verdienst des Papstes präsentiert und somit auch den Nachfolgern indirekt anempfohlen. Die Bewertung des Bd. fällt also durchaus positiv aus. Alberto Spataro hat nicht nur eine einwandfreie kritische Edition und eine gelungene italienische Übersetzung vorgelegt, sondern er hat auch das Potenzial und die Aussagekraft der Vita für eine Annäherung an die Gestalt Gregors IX. deutlich gemacht und somit den Stellenwert dieser kurialen Biographie im Gegensatz zum Urteil der älteren Forschung hervorgehoben.

Étienne Doublier

Breve chronicon de rebus Siculis, edizione critica, traduzione e commento a cura di Fulvio Delle Donne, Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzzo) 2017 (Edizione nazionale dei testi mediolatini d’Italia 42. Serie II), 152 S., Abb., ISBN 978-88-8450-773-0, € 40.

Das Königreich Sizilien war in der ersten Hälfte des 13. Jh. von besonderer Bedeutung für die lateineuropäische und mediterrane Geschichte; doch existieren nur wenige lokale Chroniken zu seiner damaligen Historie: insbesondere die Notarschronik des Richard von San Germano sowie das anonyme sog. „Breve chronicon de rebus Siculis“. Letzteres ist ein recht schnörkelloser Text, der nach einer knappen Vorgeschichte der normannischen Herren Siziliens den Fokus auf die Zeit des Stauferkaisers Friedrich II. legt. Friedrichs außergewöhnlichen Kreuzzug überliefert das Chronicon sogar in Augenzeugenschaft. Nach einer Neuedition dieser wichtigen kleinen Quelle durch Wolfgang Stürner in den MGH SS rer. Germ. 77 aus dem Jahr 2004 ist nun eine alternative Ausgabe von Fulvio Delle Donne verfügbar. Erschienen ist sie in der Reihe „Edizione nazionale dei testi mediolatini d’Italia“. Diese produziert ja manche Doppelungen zu jüngeren Editionen; gleichwohl, Delle Donnes Ausgabe enthält die erste italienische Übersetzung des Breve chronicon, die aufgrund ihrer akkuraten Texttreue einen hohen Wert an sich darstellt. Hinsichtlich der Edition stellt sich natürlich die Frage, welche der jüngeren Ausgaben zu bevorzugen ist. Beide verwenden dieselbe Handschriftenbasis: die Manuskripte Napoli, Bibl. Naz., VIII C 9 (N), und Città del Vaticano, BAV, Ottob. Lat. 2940 (V); von Letzterem existiert noch eine Abschrift. Laut Delle Donne stellen N und V Bearbeitungen eines verlorenen Archetyps dar, der kurz nach 1250 aus mehreren Quellen kompiliert wurde. Stürner war noch von einer einheitlichen Komposition und vor allem von einer Niederschrift im Jahr 1272 ausgegangen; Grundlage dieser Spätdatierung war ein Kommentar des Chronicon zum Jahr 1272 anlässlich von Friedrichs II. Kreuzzug. Delle Donne führt diesen Kommentar auf eine mittlerweile in den Textfluss integrierte Marginalie zurück, doch erscheint dies wenig plausibel: Stil und Inhalt des Kommentars passen zu gut zum übrigen Augenzeugenbericht. Die Datierungsfrage beeinflusst unter anderem die editorische Behandlung einer Verzweigung in der Überlieferung: Vom Tod Friedrichs II. 1250 an weichen die Hss. N und V nämlich voneinander ab; V bietet nurmehr Friedrichs Testament, N hingegen einen kurzen Bericht bis zum Ende der Stauferherrschaft 1266. Delle Donne hält letzteren Bericht nicht mehr für ursprünglich, Stürner hingegen schon. Überhaupt wird die entsprechende Hs. N von Stürner überwiegend bevorzugt, von Delle Donne hingegen Hs. V. Was bedeutet all dies für die Edition? Erstaunlicherweise resultieren eher kleine Abweichungen. So gibt Delle Donne – wie Stürner – die beiden alternativen Enden wieder, nur eben N petit gesetzt. An vielen wichtigen Stellen wählen beide Hg. dieselben Lesarten. Unterschiedlich ist vor allem der kritische Apparat: Bei Delle Donne ist er dreigeteilt, um intentionale Bearbeitungen in den jeweiligen Hss. von simplen Unachtsamkeiten sowie von Quellenzitaten zu unterscheiden. Diese Gliederung spiegelt Delle Donnes Betonung einer aktiven Bearbeitung des postulierten Archetyps wieder. Der so gegliederte Apparat ist recht praktisch, wenn auch manchmal etwas arbiträr. Nach wie vor ist nämlich schwer zu entscheiden, ob N oder V die ursprünglicheren Lesarten bieten. Hier wäre vielleicht noch weiterzukommen, trotz aller Überlieferungsproblematik: Delle Donnes Annahme einer Kompilation aus mehreren Quellen könnte dazu anregen, mehr über Charakter und Tendenz der postulierten Teile herauszufinden. Im Erfolgsfall wäre besser zu entscheiden, ob so manche Wahl des einen oder anderen Hg. plausibler ist. Auf derzeitigem Stand bleibt festzuhalten, dass Delle Donnes edierter Text – wie schon Stürners Ausgabe – sorgfältig erstellt ist. Delle Donne schließt mit einem Sachkommentar, mit sieben etwas kleinformatigen Karten zum Kreuzzug Friedrichs II. sowie mit drei Registern, die Philologen wie Historikern den Zugriff auf erwähnte Quellen, Personen und Orte erleichtern.

Richard Engl

Mechthild von Magdeburg, „Lux divinitatis“ – „Das liecht der gotheit“. Der lateinisch-frühneuhochdeutsche Überlieferungszweig des „Fließenden Lichts der Gottheit“, hg. von Balázs J. Nemes und Elke Senne unter Leitung von Ernst Hellgardt, Berlin-Boston (De Gruyter) 2019, LXXXII, 547 S., ISBN 978-3-11-017602-5, € 149,95.

Das „Fließende Licht der Gottheit“ bzw. „Lux divinitatis“, das einer Autorin namens Mechthild zugeschrieben wird, markiert zusammen mit den zeitgenössischen Werken von Hadewijch den Beginn mystischer Literatur in der Volkssprache. Dieses Werk zählt zu den wichtigsten Texten der mittelalterlichen Mystik in Westeuropa. Seit seiner Entdeckung in einer Sammelhs. in der Benediktinerabtei Einsiedeln durch den Bibliothekar Pater Gall Morel und seine Ausgabe dieses bis heute einzig vollständigen Überlieferungsträgers der alemannischen Übertragung des Textes im Jahr 1869 galten bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jh. Autorschaft, Entstehungszeit und -ort als gesichert. Im Zuge neuerer Forschungen seit den 1990er Jahren, vor allem der 2010 veröffentlichten Freiburger Diss. des Mitherausgebers Balázs J. Nemes wurden das bisherige Deutungsschema kritisch überprüft und die Erkenntnisse über dieses Werk auf eine neue Grundlage gestellt. In seiner heutigen Form ist das „Fließende Licht der Gottheit“, das in die zweite Hälfte des 13. Jh. datiert und aus sieben zum Teil stark differierenden Einzeltexten besteht, erst durch einen mehrstufigen Redaktionsprozess entstanden, sehr wahrscheinlich im Umfeld der Erfurter Dominikaner. Diese Beobachtungen und die kontinuierliche Entdeckung neuer und weit verstreuter Textzeugnisse – zu den wichtigsten Funden zählt ein kürzlich in Moskau entdecktes Fragment – haben der vorliegenden Neuedition des „Fließenden Lichts der Gottheit“, deren Anfänge bis in die späten 1970er Jahre zurückreichen, neue Impulse und eine neue Ausrichtung gegeben. Dies gilt vor allem für die nun jüngst gehobenen Text- und Rezeptionszeugen, die für eine breitere Resonanz der lateinischen Übersetzung sprechen als bisher angenommen. Hervorzuheben ist darüber hinaus die Beobachtung, dass nach der Übertragung in das Lateinische, mit der die „Lux divinitatis“ eine Abkoppelung von ihrer ursprünglichen regionalen Sprachgebundenheit hätte erfahren können, beide Versionen fortan synchron rezipiert wurden. Dieses Ergebnis hat sich folgerichtig auch auf die Konzeption der Neuedition des Textes ausgewirkt, da sich die Bearbeiter für eine synoptische Edition entschieden haben. Die textkritischen Vorarbeiten, die den umfangreichsten Teil der Einleitung ausmachen (S. XXXI–LXXXII), bündeln die Ergebnisse der in den letzten Jahren noch einmal intensivierten Forschungen; ausführlich werden die der Edition zugrunde liegenden Leithss. aus dem Dominikanerkonvent in Basel (heute Basel, Universitätsbibliothek, Cod. B IX 11) bzw. jene, die heute in Luzern aufbewahrt wird (Luzern, Zentralbibliothek, Cod. N. 175), sowie weitere Teilüberlieferungen aus Bibliotheken aus ganz Europa vorgestellt. Auf neue Grundlage werden auch die text- und überlieferungsgeschichtlichen Zusammenhänge der lateinischen Überlieferung des „Fließenden Lichts der Gottheit“ gestellt, die bis in die 1280er/90er Jahre zurückreichen, als der Erfurter Dominikaner Dietrich von Apolda in seiner „Vita sancti Dominici“, der ersten offiziellen Vita des Gründers des Dominikanerordens, auf ein vorhandenes Exemplar des „Fließenden Lichts der Gottheit“ in deutscher Sprache zurückgreifen konnte. Die sich aus diesem Befund ergebende synoptische Edition beider Textgestalten ist folgerichtig und bietet dem Leser die tatsächlich rezipierte Form. Den Kern des vorliegenden Werkes bilden die Neuedition der „Lux divinitatis“ bzw. die Erstedition des „Liecht der gotheit“, wie es in der Luzerner Hs. überliefert ist (S. 1–443). Die vorliegende Arbeit kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, bietet sie doch von nun an die Grundlage für alle wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich mit diesem zentralen Text beschäftigen. Für die germanistische und historische Forschung ist damit nun ein Schlüsseltext erschlossen, der bisher trotz seiner in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher werdenden Relevanz für die spätmittelalterliche Theologie, Spiritualität und Mystik auf keiner wirklich befriedigenden Grundlage stand. Die im Anhang genannten Teileditionen aus insgesamt 14 verschiedenen Hss., sowie Register der Hss., Personen, Orte, Werke und Bibelstellen runden diese exzellente Edition ab, die ohne Zweifel seitens der Forschung breit rezipiert werden wird!Jörg Voigt

Katherine Ludwig Jansen, Peace and Penance in Late Medieval Italy, Princeton (Princeton University Press) 2018, XX, 253 pp., ill., ISBN 978-0-691-17774-8, GBP 30.

Il ricorso all’istituto della „pace“ nel sistema cittadino dell’Italia del tardo Medioevo (pace tra famiglie e consorterie, o accordi intercomunali) è esaminato dall’autrice da un punto di vista originale: l’influenza esercitata dai movimenti religiosi, dalle pratiche penitenziali, dall’attività omiletica sulla composizione degli endemici conflitti. L’analisi di Katherine Ludwig Jansen è condotta con rigore e aderenza alle fonti, scritte e iconografiche, ma per quanto stimolante e ben argomentata sia la trattazione, il volume presenta diversi punti deboli relativi ad aspetti rilevanti, cominciando dal titolo. Il riferimento all’Italia del tardo Medioevo è, infatti, fuorviante: l’autrice, in realtà, è molto selettiva nella scelta dei contesti geografici, limitati alla parte settentrionale della penisola, segnatamente la Toscana, con qualche cursoria estensione dell’interesse verso la fascia centrale. Completamente ignorato è il Mezzogiorno dove, seppure in un quadro istituzionale di tipo monarchico, la vitalità cittadina era florida, impegnata senza soluzione di continuità nella dialettica politica con l’autorità sovrana e tutt’altro che esclusa dal circuito dei movimenti penitenziali. Qualche perplessità è suscitata anche dalle scelte metodologiche effettuate. Per prima cosa, l’assenza di contestualizzazione: le situazioni analizzate e discusse non sono inserite in una cornice più ampia. Il microcosmo cittadino non solo era parte di un mosaico più ampio e complesso che si relazionava con le altre realtà peninsulari, con le istituzioni statuali europee e con le autorità universalistiche, ma ogni reggimento – a qualsiasi tipologia istituzionale afferisse – possedeva strutture di potere, normative e prassi di governo peculiari. Niente di tutto ciò emerge dalla trattazione e, pur essendo un’impostazione voluta, la mancanza di una visione complessiva rende scarsamente collegati gli episodi descritti, oltre a non fornire alcun substrato (sociale, culturale, politico), né elementi comparativi che mettano in comunicazione contesti diversi, ma strettamente interconnessi. La debolezza dell’impianto del volume, in questa prospettiva, trae origine principalmente dalla mancata considerazione della più recente produzione della medievistica italiana e, in parte, internazionale, sulla civiltà comunale che ha ripercorso – rileggendoli e definendoli con maggior chiarezza – gli elementi caratterizzanti l’Italia cittadina. Mi riferisco in particolare ai lavori di Giovanni Cherubini, Giuliano Pinto, Giuliano Milani (del quale l’autrice ha utilizzato soltanto la monografia sulle prassi di emarginazione politica), François Menant, Laura De Angelis, Alma Poloni, Paolo Grillo, Mario Ascheri, Jean-Claude Maire Vigueur (la cui unica menzione riguarda lo studio incentrato sugli ufficiali forestieri). Per tale ragione, Katherine Ludwig Jansen resta ferma alla rappresentazione weberiana del comune, inteso come patto stipulato fra i suoi appartenenti in difesa della libertas contro qualsiasi auctoritas (imperiale, pontificia, vescovile, vassallatica) potesse metterla in discussione (p. 88) e a poco serve, per bilanciare lo squilibrio, la veloce citazione in nota della monografia del 2015 di Chris Wickham „Sleepwalking into a New World“ (trad. it. „Sonnambuli verso un nuovo mondo“, Viella 2017). A mio avviso è frutto dell’eccessiva selezione della letteratura storica anche qualche imprecisione interpretativa, come, ad esempio, definire „Ghibelline coup in Florence“ (p. 65) la situazione politica di Firenze dopo il 1260. Nessun colpo di stato, in realtà, solo il naturale avvento al potere della parte ghibellina vittoriosa nella battaglia di Montaperti (Duccio Balestracci ha dedicato a quello scontro armato il suo studio „La battaglia di Montaperti“, Laterza 2017, anch’esso assente dalla bibliografia elencata dall’autrice). Qualche fraintendimento, talvolta, si rinviene anche nell’uso delle fonti, nonostante la gran quantità di materiale documentario elencato e citato sia testimonanza del rigore e dell’onestà intellettuale della studiosa. Desta quindi qualche perplessità, in relazione al racconto della pace del cardinal Latino del 1280, il ricorso alla „Cronica“ di Giovanni Villani, definito dall’autrice, per quella circostanza, „Excellent observer that he was“ (p. 71). Eccellente osservatore sicuramente, ma nato nello stesso anno dell’accordo e quindi latore, nella „Cronica“, non di una memoria personale, bensì della stratificazione storiografica sedimentatasi nel corso dei decenni. Concludendo, posta senza dubbio la prospettiva stimolante adottata dall’autrice, il libro risente dell’assenza di una contestualizzazione più ampia, considerando l’accentuato policentrismo politico del sistema italiano bassomedievale. Il riferimento a singoli casi enucleati dalla cornice più vasta non riesce a rappresentare con puntualità le lacerazioni, le contraddizioni, lo smarrimento della società italiana alla fine del Medioevo.Eleonora Plebani

Joël Chandelier, Avicenne et la médecine en Italie. Le Canon dans les universités (1200–1350), Paris (Honoré Champion) 2017 (Sciences, techniques et civilisations du Moyen Âge à l’aube des Lumières 18), 604 S., ISBN 978-2-7453-3437-4, € 98.

Die (medizin-)historische Forschung hat sich bisher weitgehend mit der Feststellung begnügt, dass Avicennas „Canon medicinae“ – die lateinische Übersetzung des „Qānūn fī-ṭ-ṭibb“ aus der Feder des persischen Arztes Ibn Sīnā (um 980–1037) – den medizinischen Unterricht an den Universitäten des mittelalterlichen Europa entscheidend prägte. An einer grundlegenden, differenzierten Untersuchung darüber, wie das Werk seinen Weg ins universitäre Curriculum fand, von den Gelehrten bewertet, rezipiert und kommentiert wurde, fehlte es indes bis dato. Mit einer Analyse von bemerkenswerter Tiefenschärfe ist es Joël Chandelier gelungen, diese Lücke zu schließen. Wenngleich der Fokus exemplarisch auf der Situation in Italien liegt, vermitteln Vergleiche etwa zum Umgang mit dem Canon in Frankreich einen soliden Eindruck für Gesamteuropa und machen die besondere Rolle italienischer Universitäten für den Rezeptionsprozess von Avicennas Werk deutlich. Dieser Prozess verlief Chandeliers Befund zufolge in drei Phasen. Den Auftakt bildete dabei gewissermaßen die große, im 12. Jh. von der Iberischen Halbinsel ausgehende Übersetzungswelle arabischsprachiger Schriften, in deren Zug unter anderem der „Canon medicinae“ erstmals ins Lateinische übertragen wurde. Chandelier legt überzeugend dar, dass Avicennas bedeutendes Oeuvre in den ersten rund fünfzig Jahren nach seiner Übersetzung keineswegs konkurrenzlos war und erst allmählich in zeitgenössischen medizinischen Texten Erwähnung fand. Der sogenannte „Liber Pantegni“ mit seinen Passagen aus Ibn al-Mağūsīs (10. Jh.) „Kitāb al-Malakī“ oder auch die „Isagoge“ des Johannitius (arab.: Ḥunain Ibn Isḥāq, 808–873) blieben für die Vermittlung medizinischen Wissens weiterhin von großer Bedeutung. Zum Durchbruch als dem grundlegenden heilkundlichen Werk schlechthin gelangte der Canon zwischen 1260 und 1280 maßgeblich durch das Wirken und persönliche Betreiben Taddeo Alderottis († 1295 oder 1303) an der Medizinischen Fakultät von Bologna. Chandeliers Ausführungen machen deutlich, welcher Einfluss der Reputation so herausragender Gelehrter wie Alderotti für die Wahl des Lehrstoffes zukam, was schließlich zur Etablierung von Avicennas umfangreichem Canon zunächst in Bologna und in der Folge an den anderen italienischen Universitäten führte. Im französischen Montpellier hingegen, wo der katalanische Arzt Arnald von Villanova (um 1235–1305) lehrte und nicht mit Kritik am Canon geizte, nahm das Werk einen deutlich geringeren Stellenwert ein. Doch die Kritiker blieben stets in der Minderzahl und vermochten den vor allem von italienischen Universitäten vorangetriebenen Aufstieg des „Canon medicinae“ zum schier unanfechtbaren Standardwerk nicht zu stoppen. Alderottis namhafte Schüler begannen in einer zweiten Phase, die Chandelier auf die Zeit zwischen 1295 und 1325 ansetzt, Stück um Stück mit der Erschließung des Werkes unter anderem durch ihre Kommentare. Chandelier qualifiziert dieses Wirken als eine gemeinsame Anstrengung dieser Gelehrten („véritable effort collectif“, S. 521), um die Theorien und praktischen Behandlungsanleitungen auf die bestmögliche Weise für den universitären Unterricht nutzen zu können. Gentile da Foligno (1280/1290–1348) erscheint mit seiner synthetischen Zusammenführung von Kommentaren der vorangegangenen Ärztegeneration und seiner Kommentierung bisher noch unbeachteter Teile des Canon als Aushängeschild der dritten Phase. Der Schwarze Tod, dem auch Gentile da Foligno zum Opfer fiel, bedeutete dabei zwar eine tiefe Zäsur, doch dienten die Erläuterungen in der Folgezeit als solide Basis für weitere gelehrte Auseinandersetzungen mit Avicennas Werk. Dessen Erfolg erklärt Chandelier nicht zuletzt mit der engen Verknüpfung zwischen philosophischem Theoriegerüst und medizinischer Behandlungspraxis. Insgesamt ist Joël Chandelier mit diesem Buch ein ganz großer Wurf gelungen, der neues Licht auf die Bedeutung von Avicennas „Canon medicinae“ für die Entwicklung des medizinischen Unterrichts im mittelalterlichen Europa wirft.Kay Peter Jankrift

Marika Räsänen, Thomas Aquinas’s Relics as Focus for Conflict and Cult in the Late Middle Ages. The Restless Corpse, Amsterdam (Amsterdam University Press) 2017 (Crossing Boundaries. Turku Medieval and Early Modern Studies 6), 308 S., Abb., ISBN 978-90-8964-873-0, GBP 94.

Die Arbeit hält deutlich mehr als der kurze Inhaltsabriss auf dem Buchrücken verspricht. Dort liest man davon, eine der Hauptaufgaben der 308 S. starken Untersuchung bestünde im Nachweis, dass die materielle Präsenz der Thomas-Reliquien „became increasingly important in the politically tumultuous Southern Italy“. Kann diese nichtssagende Fragestellung über 300 S. lang tragen, fragt man sich bang? Und die Furcht wird nicht geringer nach dem Blick in eine Bibliographie, die wieder einmal ebenso schmerzhaft wie ernüchternd vor Augen führt, dass selbst auf Gebieten, in denen sich die deutsche Forschung seit Jahrzehnten mit einigem Erfolg abmüht, Germanica non leguntur. Doch der erste (und vielleicht auch zweite) Eindruck täuscht. Marika Räsänen, die derzeit als Postdoc am Institute for Advanced Studies im finnischen Turku forscht, legt mit ihrer Analyse des reliquiaren Nachlebens Thomasʼ von Aquin eine Untersuchung vor, die klug disponiert, methodisch überlegt und ansprechend geschrieben ist. Sorgfältig lektoriert wurde sie auch, was einige kleinere Errata freilich nicht verhindern konnte (Jacques Dalarun taucht beispielsweise beharrlich als „Delarun“ auf). Der Blick richtet sich auf das Schicksal des Thomasleibs ab 1274, dem Jahr seines Todes, bis 1368, als nach fast einem Jh. erbitterter Streitigkeiten der Avignoneser Papst Urban V. eine Translation der Reliquien von Süditalien nach Toulouse verfügte. Dort liegen sie (zumindest das meiste davon) noch heute. In Süditalien wurde Thomas als Sohn der Grafen von Aquino geboren, in Süditalien starb er auch, genauer: in der Zisterzienserabtei von Fossanova. Und Räsänen tut gut daran, in ihren einleitenden Bemerkungen darauf hinzuweisen, wie stark Thomas seiner Heimat nicht nur zeitlebens verbunden, sondern auch wie umfassend er von ihr geistig-kulturell geprägt worden war. Thomas von Aquin, der „Aquinate“, wie er in Institutionen höherer Bildung noch immer gern bedeutungsschwanger geraunt wird, war mehr als der Startheologe und scholastische Übervater Pariser Prägung. Thomas schrieb, lehrte und predigte nicht nur an der Seine, sondern genauso in Neapel. In Paris mag er sich wie ein Fisch im Wasser gefühlt haben, atmen konnte er aber auch anderswo. Räsänen gliedert ihre von einer Einleitung und knappen Schlussbemerkungen umschlossene Abhandlung in vier große Kapitel. Im ersten Abschnitt wird der Tod Thomasʼ in Fossanova am 7. März 1274 thematisiert, insbesondere seine Bemerkung, er sei nun „an seinem Zielpunkt angelangt“ („The Death of Thomas“, S. 27–72). Zisterzienser und Dominikaner interpretierten diese Aussage unterschiedlich. In Fossanova war man daran interessiert, den Thomasleib auch weiterhin in den eigenen Mauern zu beherbergen und verfocht deshalb eine wörtliche Interpretation. Die Predigerbrüder deuteten dieselbe Aussage nicht derart absolut: man war fest davon überzeugt, der im Ruch der Heiligkeit gestorbene Ordensbruder müsse in einem Dominikanerkonvent beigesetzt werden. Mit den Anhörungen im Zuge des von der neapolitanischen Königsfamilie, Mitgliedern des Adels und den Dominikanern von Neapel initiierten, 1323 zum Abschluss gekommenen Kanonisationsprozesses stieg dieses Verlangen noch weiter an. Das zweite Kapitel widmet sich konkret Fossanova als letztem Ruheort Thomasʼ von Aquin („The Miraculous Body in Fossanova“, S. 73–134). Dabei geraten insbesondere die verschiedenen Translationen des Leibs innerhalb der Kirche und die Reaktionen darauf in den Blick. Offensichtlich fürchtete man in der Zisterzienserabtei bereits zu einem frühen Zeitpunkt eine Intervention der Dominikaner in Form eines furtum sacrum, dem man durch unter Geheimhaltung vollzogene Verlagerungen gegenzusteuern trachtete. In diesem Zusammenhang wird auch der ebenso wichtigen wie interessanten Frage nachgegangen, in welchen Formen sich die Thomas-Verehrung in der Klosterkirche überhaupt entfalten konnte. Welche Rolle konnten bzw. durften hier die Laien spielen? War die letzte Binnentranslation der Überlegung der Zisterzienser geschuldet, ein Maximum an Pilgerzuspruch mit einem Minimum an Störung des officium divinum zu verbinden? Die reichlich fließenden Mirakelberichte jedenfalls zeigen, dass zumindest für Männer der Zugang zum Thomasgrab kaum reglementiert wurde. Interessant ist hier auch der Hinweis darauf, dass Thomas in Visionen frommer Gläubiger stets als korpulenter Bruder mit freundlichem Angesicht im Ordenshabit auftauchte. Thomas bewirkte Wunder und hatte dabei Spezialgebiete: insbesondere Blinde und Gelähmte durften auf Heilung hoffen. Dem Thomasgrab wurden zwischen 1274 und 1368 wiederholt Reliquien entnommen und verteilt. In Toulouse kamen schließlich nur noch 50 Knochen an (ein vollständiger Leib müsste in etwa das Vierfache umfassen). Viele der Reliquien waren Gegenstand der Verehrung im Gebiet in unmittelbarer Nachbarschaft von Fossanova – Räsänen spricht hier gar von einer „Terra sancti Thomae“. Diesem Phänomen wird im dritten Kapitel nachgespürt („Thomas’s Land – Praesentia among the Faithful“, S. 135–202). Die Autorin zeigt, wie deutlich sich die einzelnen Kulte voneinander unterschieden: in Priverno, wo Thomas zum Stadtheiligen aufstieg, wurde er anders verehrt als in Sonnino, Terracina, Roccasecca oder Sermoneta, wo er zum Beschützer all derjenigen wurde, die Probleme mit exzessivem Alkoholgenuss oder auch Völlerei hatten. Der Graf von Fondi, Honoratus I., bemächtigte sich des Thomasleibs um 1350 und ließ ihn von Fossanova in seine Burg überführen. Auch dort waren die Überreste dem direkten Zugriff der Dominikaner entzogen, die eine publizistische Kampagne initiierten, um auf das Unhaltbare der Situation hinzuweisen. Im vierten Kapitel wird darauf näher eingegangen („Written Remembrance of the Remains“, S. 203–256). Mit der Ankunft seiner Reliquien 1368 in Toulouse wurde aus Thomas von Aquin ein Franzose. Marika Räsänen hat gezeigt, wie stark er nicht nur zu Lebzeiten im süditalienischen Raum um Neapel verwurzelt war. Wesentliche Anstöße zur kultischen Verehrung gingen von dieser Region aus – eine Region, die nun innerhalb der Forschungen zum (Nach-)Leben Thomasʼ den Rang einnehmen wird, der ihr gebührt.Ralf Lützelschwab

Jan-Hendryk de Boer/Marian Füssel/Maximilian Schuh (Hg.), Universitäre Gelehrtenkultur vom 13.–16. Jahrhundert. Ein interdisziplinäres Quellen- und Methodenhandbuch, Regensburg (Franz Steiner Verlag) 2018 (Geschichte), 589 S., Abb., ISBN 978-3-515-11309-0, € 78.

Die Erforschung der mittelalterlichen Universitäten und ihrer Protagonisten erfreut sich in der modernen Mediävistik einer ungebrochenen Popularität. Dabei haben sich die Gewichte – durchaus im Einklang mit allgemeinen Forschungstrends – von einer institutionen- und ideengeschichtlichen zu einer sozialgeschichtlichen und zuletzt hin zu einer kulturwissenschaftlichen Perspektive verschoben. Freilich behalten ältere Forschungsfragen und -ansätze durchaus ihre Berechtigung und ihren Wert, wie die Hg. des vorliegenden Handbuches betonen (S. 14): Jede Betrachtungsweise hat spezifische Stärken und „blinde Flecken“; eine Zusammenführung und Verknüpfung aller Ansätze in einem Übersichtswerk bietet mithin die Chance, Einseitigkeiten aufzubrechen und Interesse für das jeweils andere zu wecken. Man kann dem Autorenkollektiv, welches dieses voluminöse Handbuch im Rahmen des DFG-geförderten Netzwerks „Institutionen, Praktiken und Positionen der Gelehrtenkultur vom 13.–16. Jahrhundert“ verfasst hat, bescheinigen, dieses Ziel glänzend realisiert zu haben. Unter den Vf. der insgesamt 30 Aufsätze finden sich illustre Namen wie Marian Füssel, Martin Kintzinger, Frank Rexroth und andere, sowie zahlreiche jüngere Autoren, die sich auf dem Feld der Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte ebenfalls hervorgetan haben. Zentral für Konzeption und Aufbau des Werkes ist die Fokussierung auf die Quellen als „einende[s] Band in einer ausdifferenzierten und zumindest partiell unübersichtlich gewordenen Forschungslandschaft“ (S. 12). Dass das Milieu der vormodernen Gelehrten mehr als jede andere gesellschaftliche Gruppe jener Zeit Schriftlichkeit produzierte, ist selbsterklärend – dennoch beeindruckt es, wie vielfältig die Quellensorten sind, die im vorliegenden Bd. einzeln vorgestellt und besprochen werden. Zudem wird auch auf nichtschriftliche Quellen eingegangen wie Alltagsgegenstände (Wolfgang Eric Wagner, S. 405–417), Bilder (Marian Füssel/Stefanie Rüther, S. 419–429), Gebäude (Wolfgang Eric Wagner, S. 431–449), Grabmäler (ders., S. 451–473) und Insignien (Marian Füssel, S. 475–489). Freilich zeigt sich angesichts der Untersuchungsobjekte der Material Culture Studies (dazu allgemein S. 411–413) vorerst noch eine gewisse Ratlosigkeit, sind methodische Zugänge und Aussagemöglichkeiten zum Teil wenig ausgelotet, was die betreffenden Artikel durchaus erkennen lassen. Angeordnet sind die jeweils einer einzelnen Quellensorte gewidmeten Basisartikel in drei Sektionen „Verwaltung“, „Lehre und Lernen“ und „Repräsentation“, was in etwa die drei Forschungsdomänen der Sozial-, Ideen- und Kulturgeschichte widerspiegelt. Jede Sektion wird von einem Dachartikel eingeleitet; es folgen die Basisartikel mit relativ gleichförmigem Aufbau, was Vergleiche untereinander erleichtert. So werden die Quellen nicht nur in ihrer Genese, Funktion, formalen Struktur, Materialität usw. vorgestellt, sondern auch auf ihre Erkenntnispotentiale hin betrachtet. Jeder Artikel schließt mit einem Quellen- und Literaturverzeichnis von zum Teil beträchtlichem Umfang (z. B. S. 76–82 zu universitären Bücherverzeichnissen, S. 240–254 zu Disputationen und S. 296–318 zu Kommentaren, S. 464–473 zu Gelehrtengrabmälern). Einige Schlagworte mögen genügen, um die große Spannbreite des Materials zu verdeutlichen, für welches das Handbuch keine erschöpfende Bestandsaufnahme bieten, sondern Anregungen für weitere Forschungen geben will. Gelehrtenkorrespondenzen, etwa der Humanistenära, versprechen „Aufschluss über netzwerkartige Strukturen“ und über gelehrtes self-fashioning (Antonia Landois, S. 51–66), die Auswertung von Consilia besitzt alltagsgeschichtliche Aussagekraft (Thomas Woelki/Tobias Daniels, S. 83–94), anhand der Insignien zeigt Marian Füssel exemplarisch das „soziale Leben der Dinge“ (S. 485) auf. Die kurialen Quellen, die ein immenses und immer noch eher zu wenig genutztes Erkenntnispotential für die Geschichte der Gelehrten und der Universitäten besitzen, werden höchst kundig vorgestellt (Bruno Boute/Tobias Daniels, S. 139–152). Neugierig macht der Abschnitt über „Studienführer“ (Marcel Bubert/Jan-Hendryk de Boer, S. 337–355), eine für das Mittelalter eher unvermutete Quellensorte. Tatsächlich bedarf es einiger definitorischer Verrenkungen, um sie zu charakterisieren (S. 338). Und ob es tatsächlich Sinn macht, artistisch-philosophische Einführungswerke als Studienführer zu bezeichnen, bleibt zweifelhaft – ist doch bei diesem Begriff eher an Ratgeberliteratur zu denken, die angehende Scholaren in die Usancen des Studiums und in einen „institutionenadäquaten Habitus“ (S. 339) einführt. Alles in allem lässt dieses Buch kaum Wünsche offen. Es bedient keineswegs nur eine modische Forschungsströmung (auch wenn dies im Titel „Universitäre Gelehrtenkultur“ ein wenig anzuklingen scheint), sondern informiert so breit über seinen Gegenstand, dass es jedem, der zur Universität und zu den Gelehrten der Vormoderne forschen will, wärmstens empfohlen werden kann.Robert Gramsch-Stehfest

Alexander Lee, Humanism and Empire. The Imperial Ideal in Fourteenth Century Italy, Oxford (Oxford University Press) 2018, XII, 438 S., ISBN 978-0-19-967515-9, € 70.

Nach dem Erfolg von „The Ugly Renaissance“ (London 2013) untersucht Alexander Lee in seiner dritten Monografie das Verhältnis der Humanisten zur Institution des Heiligen Römischen Reiches, das lange Zeit in der Forschung gegenüber dem vermeintlich dominanten, kommunal-bürgerlichen Charakter der humanistischen Produktion unbeachtet blieb. Einsetzend mit dem Tod Friedrichs II. erstreckt sich der Untersuchungszeitraum bis zur kurzen Italienexpedition Ruprechts 1402. Auf Basis eines breiten Quellenkorpus, das u. a. Rechtstexte, Historiographie, diplomatische Quellen und Korrespondenz umfasst, widerlegt Lee Barons These des „Bürgerhumanismus“, wonach der Humanismus insbesondere republikanischen Werten und Herrschaftssystemen im Sinne der libertas verschrieben war und in Opposition zu einem veralteten, „mittelalterlichen“ Universalismusgedanken – und somit zum Heiligen Römischen Reich stand. Nach einem prägnanten Abriss über die Humanismusforschung analysiert Lee im ersten chronologischen Teil die Entwicklung des Blicks der Humanisten auf imperium und Kaiser im Spannungsfeld von Antiquarismus und Realpolitik. Der Autor zeigt, dass das Reich im Untersuchungszeitraum eine kontinuierliche und wirkmächtige Faszination auf die Humanisten ausübte, deren Rahmen sich im Verlauf des Jh. in enger Relation zu den turbulenten politischen Geschehnissen änderte, wobei weniger kulturelle, sondern vielmehr politische Überlegungen eine Rolle spielten. Anhand ausgewählter Werke von u. a. Ferreto de’ Ferreti, Giovanni di Cermenate, Albertino Mussato, Dante, Petrarca und Coluccio Salutati zeigt Lee, dass die Humanisten keineswegs eine konzeptuelle Aversion gegen das Reich hegten, sondern sich vielmehr an dessen Autorität als Garant von pax und libertas wandten. Die frühen Paduaner Humanisten sahen das Reich als feudale, oberste Instanz und Korrektiv zum Faktionalismus auf lokaler Ebene. Stärker auf die römische Geschichte bezogen, vermischt mit dem Providentialismus der Kirchenväter, verstanden die Veroneser Humanisten es dagegen als remedium peccati. Mitte des 14. Jh. wurde die libertas der ganzen „italischen Welt“ in den Blick genommen. Eng damit verbunden war die renovatio Romae, die wiederum in Relation zur renovatio morum sowie zur renovatio imperii stand. Nach den Konflikten Ludwigs des Bayern mit Johannes XXII. und der zunehmenden Distanzierung des Reiches von den italienischen Angelegenheiten verlor die humanistische Reichsidee an Kontur. Zunächst plädierte Petrarca für den tugendhaften Robert von Neapel als de facto, wenn nicht de iure Erneuerer des Reiches und Friedensstifter. Dagegen verfolgte Cola di Rienzo eine „populäre“ Reichskonzeption auf Basis der renovatio morum in Rom, die letztlich zur renovatio imperii führen sollte. Nach Colas Fall betrachtete man Karl IV. zu Beginn der zweiten Hälfte des Jh. als Agent der Auferstehung Roms und „italischen Friedens“, doch mit Ausbruch der Visconti-Kriege und des abendländischen Schismas erfolgte eine Rückkehr zur ursprünglichen Reichsidee als Schutzmacht vor „Tyrannen“, für sowohl kommunale als auch signorile Regime, allerdings mit starken Dante’schen Zügen. Den endgültigen Bruch zwischen Humanisten und dem Heiligen Römischen Reich identifiziert Lee in Leonardo Brunis „Carmen de adventu imperatoris“, das im Nachgang zu Ruprechts Misserfolg 1402 die Autorität des Reiches offen in Frage stellte. Der zweite Teil der Monografie ist thematisch orientiert und fokussiert drei Aspekte der humanistischen imperium-Rezeption: die Universalität des Reiches, das Verhältnis zwischen imperium und sacerdotium sowie die Frage nach der Quelle für die Reichsautorität. Lee kommt zum Ergebnis, dass die Humanisten konstant das Reich als universale Institution verstanden, mit Variationen in Bezug auf den „römischen“ oder den hegemonialen Charakter. Ähnlich konstant ist auch ihr Festhalten am Gelasischen Dualismus, bei dem sie versuchten, päpstliche Ansprüche auf weltliche Macht zu widerlegen, und gleichzeitig die Pflicht des Kaisers betonten, die Kirche vor Feinden zu schützen und Schismen zu lösen. Auch in Bezug auf die Quelle der Autorität stellt Lee bei wandelnder Bedeutungszuschreibung und Gewichtung von Kurfürsten, Papst, römischen Volk eine deutliche Tendenz dazu fest, dass letztendlich die Kurfürsten als unanfechtbare Quelle der kaiserlichen Autorität angesehen wurden. Die Struktur der Kapitel sowie die portionsweise gelieferten Zusammenfassungen der komplexen politischen Ereignisse des 14. Jh. ermöglichen einen leichten Zugang. Kleinere Paragrafen mit prägnant gewählten Überschriften gliedern den Text sinnvoll, spiegeln sich jedoch leider nicht im puristischen und sehr schlanken Inhaltsverzeichnis wider, was die Navigation innerhalb des Werkes erschwert. Seinem Anspruch, eine erste systematische und übersichtliche Studie zum Zusammenhang zwischen diversen humanistischen Reichskonzeptionen und den politischen und intellektuellen Veränderungen im regnum italicum zu liefern, wurde Lee mit diesem Buch mehr als gerecht und regt damit zu weiterer Vertiefung der Thematik an. Linda Hammann

Olivetta Schena/Sergio Tognietti (a cura di), Commercio, finanza e guerra nella Sardegna tardomedievale, Roma (Viella) 2017 (I libri di Viella 239), 246 S., ISBN 978-88-6728-824-3, € 26.

Der vorliegende Bd. ist ein Ergebnis des an der Universität Cagliari angesiedelten und größer angelegten Projekts „E pluribus unum. Il profilo identitario sardo dal medioevo alla contemporaneità“ zur historisch gewachsenen Identität Sardiniens. Die hier unter der Leitung von Olivetta Schena sowie Sergio Tognetti versammelten Beiträge konzentrieren sich weitgehend auf das 14. Jh. und markieren mit der Eroberung Sardiniens durch die katalanisch-aragonesische Krone und deren Kontext einen entscheidenden Bruch in der Geschichte der Insel. Die unterschiedlichen Perspektiven, die in diesem Bd. eingenommen werden, veranschaulichen das Anliegen einer sardischen Verflechtungsgeschichte. Enrico Basso führt in seiner Analyse zur Historiographie am Beispiel der Beziehungen zwischen der mittelalterlichen Handelsstadt Genua und Sardinien vor, wie zögerlich die Geschichtswissenschaften, endlich vorangetrieben durch Alberto Boscolo und Geo Pistarino von den 1950ern an, sich der größten Insel des Mittelmeeres angenommen haben. Dabei zeigt sich, dass die kulturelle Entwicklung Sardiniens keineswegs eine bloße Abfolge von Besatzungsphasen war, sondern die übergestülpten Oberschichtskulturen doch stets von einer lebendigen autochtonen Kultur unterwandert wurden. Ausgehend von archäologischen Fundstellen in Geridu und Alghero entwickelt Monica Baldassarri die These der Anpassung der Monetarisierung auf Sardinien um die Mitte des 13. Jh. in Grad und Verteilung an die thyrrenische Umgebung. Während des Trecento vollzog sich hingegen ein symptomatischer Prozess der Demonetarisierung, der eventuell mit münzpolitischen Maßnahmen der aragonesischen Regierung zusammenhing. Der katalanische Kaufmannbankier Joan Benet betrieb seinen Handel zwischen 1332 und 1338 von Cagliari aus. Die aus dieser Zeit stammenden Rechnungsbücher untersucht Maria Elisa Soldani eingehend, um sowohl die Organisation des Handels in commende und dipositi als auch die Verknüpfung der lokalen mit der internationalen Geschäftstätigkeit darzustellen. Benet, der insbesondere Getreidehandel betrieb, pflegte Handelsverbindungen ins Königreich Neapel, blieb aber auf Distanz zu den politischen Vorhaben der Kronen. Mario Lafuente Gómez charakterisiert die Finanzierung der Eroberungszüge der aragonesischen Krone nach Sardinien von 1323 an. Tatsächlich zeigen sich in der Unterwerfung Sardiniens ein Feudalisierungsprozess und die grundlegende Restrukturierung des gesamten Königreiches Aragón. Für die Aufbringung der finanziellen Mittel zog die Krone die Städte und die Kirche Kataloniens, Mallorcas, Aragóns und Valencias heran, während zunächst der Adel die militärische Mobilisierung anzugehen hatte. Pedro IV. indes griff nicht mehr auf die angestammte Heeresfolge zurück, sondern ließ vor allem die Stadt Barcelona eine Söldnerstreitmacht unter der Führung Walter Benedicts 1371 bezahlen. Die Expansion wirkte als ökonomische und soziale Integrationsstrategie für den hohen und mittleren Adel. Den Handel mit Korallen aus Alghero durch Kaufleute aus Marseille beschreibt Laure-Hélène Gouffran für die zweite Hälfte des 14. Jh. Dabei erweist sich der Korallenhandel nicht nur als Verbindungsglied zwischen Marseille, Barcelona und Alghero, wie die Spuren des Kaufmanninvestors Julien de Casaulx belegen, sondern auch zwischen Katalonien, Sardinien und dem Levantehandel. Im Kampf gegen das Korsarentum betätigten sich die in Barcelona angesiedelten defenedors de la mercaderia im Auftrag der zur See handelnden Kaufmannbankiers. Man erhob, wie Elena Maccioni exemplifiziert, eine Hafenabgabe, den Pariatge. Das entsprechende Privileg wurde kurz nach 1400 an Unternehmer wie die Brüder Francesc und Manuel de Gualbes sowie Jaume und Joan Massana verpachtet. Die entsprechende Einhebung ging an die taule, die die daraus finanzierten Subsidienzahlungen an die für den Geleitschutz gedachte galea del Pariatge entrichteten. Giuseppe Seche wertet das Briefkorpus der in Cagliari beheimateten Kaufleute der Familie Dessì, die ihre Schreiben vor allem von den valenzianischen Kaufmannbankiers Garcia, Guillem und Melchior Navarro erhielten, aus. Diese Dokumente illustrieren die Praktiken der engen ökonomischen Verflechtung zwischen Valencia und Sardinien am Ende des 15. Jh. Auf der Grundlage umfangreicher archivalischer Überlieferung richtet jede(r) der Autorinnen und Autoren den Blick auf die komplexe Einbettung Sardiniens in die wirtschaftlichen Beziehungen und Handelsrouten im nordwestlichen Mittelmeerbogen. Die qualitativ insgesamt hochwertigen Aufsätze lassen ein kaleidoskopisches Bild Sardiniens im Spätmittelalter entstehen. Allerdings sind die Beiträge nicht aufeinander abgestimmt, so dass sie eher diffundieren und einige „weiße“ Flecken, wie etwa die Rolle der Pisaner, der Genueser Präsenz oder die Aktivitäten des sardischen Adels und Stadtbürgertums, entstehen. Den Publikationen aus dem oben angesprochenen Projektkontext ist wegen ihrer fundamentalen Erschließungsarbeit allerdings zu wünschen, dass sie nicht lediglich von einem kleinen Kreis an Spezialistinnen und Spezialisten rezipiert werden.Heinrich Lang

Didier Ottaviani, La naissance de la science politique. Autour de Marsile de Padoue, Paris (Classiques Garnier) 2018 (PolitiqueS 16), 397 pp., ISBN 978-2-406-07778-3, € 46.

L’opera di Marsilio da Padova († 1342) è oggetto di interesse storiografico da lungo tempo ed è anzi protagonista di una nuova stagione di studi, interpretazioni, approfondimenti. In particolare, negli ultimi anni è continuata una ricca riflessione nelle lingue inglese, italiana e tedesca, sia approfondendo o precisando tradizioni storiografiche stabilite nei decenni precedenti, sia con nuovi approcci e impostazioni. Anche la tradizione medievistica in lingua francese, che aveva prodotto interpretazioni molto dibattute fino agli anni ’80 del secolo scorso e che però sembrava essersi affievolita nei decenni successivi, si sta arricchendo di nuovi progetti di ricerca marsiliana e di una ripresa di interesse. Ne è la prova anche il recente libro di Didier Ottaviani, professore di filosofia medievale all’ENS di Lione, „La naissance de la science politique. Autour de Marsile de Padoue“, Paris 2018, interamente dedicato al „Defensor pacis“ di Marsilio da Padova. Per essere più precisi, l’attenzione di Ottaviani è rivolta quasi esclusivamente alla prima delle tre parti di cui il „Difensore della pace“ si compone. Già con questa scelta, l’autore si pone nel solco soprattutto della tradizione di studi di matrice anglosassone, che hanno privilegiato la prima parte del trattato in quanto apparentemente portatrice delle tesi più „democratiche“ o quanto meno „repubblicane“ del pensiero marsiliano. Riconfermando la propensione a vedere nella prima parte la sezione più importante (e anzi escludendo del tutto la parte ecclesiologica e teologica), Ottaviani sembra volere portare elementi ulteriori proprio alla linea ricostruttiva e genealogica di tipo repubblicano. In primo luogo, il volume propone un’organizzazione larga e concentrica delle fonti, che vengono qui definite dirette, quindi certe, indirette, quindi non necessariamente usate da Marsilio da Padova di prima mano, e possibili, cioè fonti che egli avrebbe potuto in qualche modo conoscere ma senza che questo abbia lasciato tracce testuali o di altro tipo. L’operazione interpretativa di Ottaviani mira però a sottolineare i criteri di un ordine del discorso politico in Marsilio da Padova, cioè i caratteri della „scientificità“ della politica. In questo senso il tema dell’aristotelismo marsiliano viene rimesso in prima posizione. Ottaviani infatti individua alcuni „paradigmi“ di matrice aristotelica, ma non direttamente politici, come quello della relazione tra „atto“ e „potenza“ o quello medico dello sviluppo dell’embrione, che fungerebbero da metadiscorsi capaci di far pensare la naturalità dell’aggregazione politica e il suo funzionamento. Sono queste caratteristiche che, messe a frutto da Marsilio da Padova, consentirebbero di esprimere il livello scientifico della politica o, per meglio dire, farebbero nascere una concreta „scienza politica“. La politica dipenderebbe dunque, come disciplina teorica, dalla scienza fisica, e in particolare dalla medicina. Alcune piste, non sempre percorse fino in fondo, ne discenderebbero, come la possibilità di studiare la civitas non solo come un corpo, secondo la famosa analogia metodologica del „Defensor pacis“, ma un „corpo passionale“, con tutte le evocazioni che ne possono derivare. L’ipotesi è convincente, anche se occorre rilevare che fermandosi all’analisi esclusiva della prima dictio, Ottaviani rinuncia consapevolmente ad approfondire altri ordini del discorso politico marsiliano, come quelli dell’ecclesiologia, della teologia, della storia, che trovano la loro collocazione nella seconda, corposissima, parte del trattato di Marsilio da Padova e che interagiscono proficuamente in un disegno che, benché articolato e diversificato, può rimanere unitario.Gianluca Briguglia

Inventarium abbatis Maynerii, a cura di Carmine Carleo, revisione dei testi di D. Leone Morinelli, Cava de’ Tirreni (Biblioteca del Monumento Nazionale Badia di Cava) 2019, 2 Bde., IV S., 165 Bl.; 166 S., Abb., außerhalb des Buchhandels erschienen.

Der außerordentlich reiche Urkundenbestand der Abtei SS. Trinità di Cava bildet eine unerlässliche Quelle für Forschungen zur süditalienischen Geschichte, vor allem für das 11. und 12. Jh. In der Folgezeit verlor das Kloster zwar seine überregionale politische Bedeutung, blieb aber durch seinen weitgestreuten Grundbesitz und die assoziierten Klöster auch in staufischer und anjovinischer Zeit ein wichtiger Machtfaktor in Kampanien. Seit 1873 werden die Urkunden des Klosters sukzessive im „Codex diplomaticus Cavensis“ ediert (bis 2015 konnte in zwölf Bde. der Zeitraum bis 1090 abgedeckt werden). Mittels mehrerer durch die Abtei veröffentlichter Repertorien ist ein erster Überblick über die Urkundenbestände bis zum Ende der anjovinischen Zeit (1442) möglich (vgl. die Rezension in: QFIAB 94 [2014], S. 578 f.). Neben den Urkunden verfügt das Klosterarchiv aber auch über mehrere zeitgenössische Regestensammlungen, Inventare und Rechnungsbücher. Eines dieser Verzeichnisse, das inventarium abbatis Maynerii (Archivsignatur: Armarium X, n. 11) wurde von Carmine Carleo transkribiert und veröffentlicht. Es handelt sich dabei um eine Auflistung von Pächtern des Klosters mit den jeweiligen Abgabesummen aus dem Jahr 1359. Geographisch werden zwei Zonen abgedeckt, die sich im 14. Jh. durch eine hohe Anzahl von Pachtverhältnissen und ein ausgeprägtes Netz klösterlicher Verwaltungseinrichtungen auszeichneten, die Vallata Metelliana (das Gebiet um Cava einschließlich des Hafens Vietri) und die Zone von Castellabate im Cilento. Die einzelnen Einträge erfolgten nach festem Muster: Name des Pächters, Angabe der prinzipiellen landwirtschaftlichen Nutzung (Weinberg, Olivenbäume etc.), geographische Verortung mit Kurzangabe angrenzender Flächen, Angabe der klösterlichen Einrichtung, an die die Abgaben abzuliefern sind, Angabe des jährlichen Zinses, ggf. Abgabetermin. Zwei weitere kurze Einträge umfassen die Hafenabgaben in Vietri (fol. 160r–160v) und die jährlichen „Geschenke“ (exenia) der Kirchen von Salerno und des Dukats von Amalfi (fol. 160v–161r) an das Kloster von Cava. Zwei Abb. am Ende des ersten Bd. geben einen ersten Eindruck von der Hs. Der zweite Bd. gibt dem Leser einen umfangreichen Index, ein Verzeichnis der in der Hs. erwähnten Kirchen sowie einen Anhang mit mehreren tabellarischen Auswertungen an die Hand. Dem Hg. und der Abtei ist für die Veröffentlichung eines Dokuments zu danken, das vielfältige Einblicke in die Besitz- und Finanzverhältnisse, aber auch in die Verwaltungsstrukturen der Badia di Cava im 14. Jh. ermöglicht. Zu betonen ist dabei, dass es sich um eine erste Transkription, nicht um eine wissenschaftliche Edition handelt – mehr war auch nicht beabsichtigt. Das Ziel, eine wichtige Quelle erstmals ortsunabhängig der Forschung zugänglich zu machen, wurde zweifelsohne erreicht. Dank eines umfangreichen Versands von Freiexemplaren kann man von einer flächendeckenden Verbreitung in Italien sprechen. Inwieweit die internationale Forschung auf diese Veröffentlichung außerhalb des Buchhandels aufmerksam wird, bleibt abzuwarten, wäre aber unbedingt wünschenswert. Die Digitalisierung der Hs. mit der vorliegenden Transkription in einschlägigen Fachportalen könnte hier vielleicht Abhilfe schaffen.Thomas Hofmann

I manoscritti datati delle Marche, a cura di Paola Errani con la collaborazione di Marco Palma e Paolo Zanfini, Firenze (SISMEL. Edizioni del Galluzzo) 2019 (Manoscritti datati d’Italia 30), VI, 165, 103 S., Abb., ISBN 978-88-8450-880-5, € 95.

In rascher Folge konnte mit dem Katalog der datierten Hss. der Marken der 30. Bd. der von der Associazione Italiana Manoscritti Datati in Verbindung mit der Società Internazionale per lo Studio del Medioevo Latino hg. Reihe „Manoscritti datati d’Italia“ veröffentlicht werden. Im Unterschied zu den Vorgängerbänden, die umfangreiche Bestände einzelner Bibliotheken oder Städte erschlossen, präsentiert der vorliegende Bd. 93 datierte Hss., die in 21 Bibliotheken der Region lokalisiert sind. Die Vielzahl kleiner lokaler Bestände ist zweifelsohne bedingt durch die politische Entwicklung der Marken, insbesondere durch die Ausbildung zahlreicher (meist kleiner) Kommunen seit dem Hochmittelalter und durch fehlende höfische Zentren in der Frühen Neuzeit (mit Ausnahme von Urbino, dessen umfangreiche Handschriftenbestände allerdings nicht in der Region verblieben). Vor diesem Hintergrund kommt den Beschreibungen der Geschichte der einzelnen Bibliotheksbestände (S. 5–60) eine besondere Bedeutung zu, handelt es sich doch vielfach um Einrichtungen, die nicht im Fokus der Forschung stehen. Dabei werden für die Provinz Ancona die Biblioteca Comunale Luciano Benincasa in Ancona, die Biblioteca Pubblica Romualdo Sassi und die Bibliothek des Klosters S. Silvestro in Montefano in Fabriano, die Biblioteca Storico-francescana e Picena in Falconara Marittima, die Biblioteca del Collegio Campana in Osimo sowie das Museo Civico in Ostra aufgeführt. Ascoli Piceno ist mit der Biblioteca Comunale und der Biblioteca e Archivio Diocesani vertreten, hinzu kommt das Museo Civico in Monteprandone, Fermo mit der Biblioteca Civica Romolo Spezioli und dem Diözesanmuseum. In der Provinz Macerata verfügen Macerata (Biblioteca Comunale Mozzi Borgetti), Camerino (Biblioteca Comunale Valentiniana), Recanati (Biblioteca Leopardi), San Severino Marche (Biblioteca Comunale Francesco Antolisei) und Sarnano (Biblioteca Comunale) über mittelalterliche Handschriftenbestände. In der Provinz Pesaro-Urbino konzentrieren sich die Bestände auf Pesaro (Biblioteca Oliveriana), Urbino (Universitätsbibliothek und Bibliothek des Museo Diocesano) sowie Fano (Archivio Storico Diocesano und Biblioteca Comunale Federiciana). Hinzu kommen in der gesamten Region weitere Einrichtungen mit einzelnen, nicht datierten mittelalterlichen Hss. In den meisten Fällen bildet die Schenkung eines lokalen adeligen Gelehrten an seine Kommune oder an eine kirchliche Einrichtung den Ursprung der Bestände, die in unterschiedlicher Form durch Bibliotheken aufgelöster Klöster nach 1861 angereichert und durch weitere private Schenkungen erweitert wurden. Eine gewisse Ausnahme als klösterliche Bibliothek bildet San Silvestro in Montefano (Fabriano). Die datierten Hss. werden in bewährter Form mit ausführlichen Katalogisaten (S. 65–111) und 103 Tafeln präsentiert. Eine umfangreiche Bibliographie (S. 117–136) sowie mehrere Indizes (S. 139–165), von denen der Index „Autori, opere e initia“ besonders erwähnt werden soll, runden die Veröffentlichung ab. Auch in diesem Fall stellen die datierten Hss. jeweils nur kleine Anteile der Bestände dar. Die inhaltlichen Schwerpunkte divergieren – abhängig von den jeweiligen Interessen der Sammler – stark. Aufgrund der oftmals nur sehr geringen Anzahl datierter Hss. pro Bibliothek lassen sich allerdings kaum fundierte Aussagen zu Bestandsschwerpunkten treffen. Wie die Vorgängerbde. bietet das vorliegende Werk einen detaillierten Einblick in die Geschichte der Handschriftenbestände und Provenienzen und liefert mustergültige Katalogisate mit gutem Bildmaterial. Über die übliche Funktion des unerlässlichen Hilfsmittels für paläographische und kodikologische Studien zur Handschriftenproduktion des 15. Jh. hinaus liefert der Bd. Einblicke in die Bibliotheks- und Kulturgeschichte der Marken und bietet dem Leser durch die einführenden Beschreibungen wichtige Informationen zu oftmals über das lokale Umfeld hinaus unbekannten Bibliotheken. Es ist zu begrüßen, dass nach den – in der Forschung wesentlich besser rezipierten – reichen Archivbeständen nun auch die Bibliotheksbestände dieser Region einer breiteren Leserschaft erschlossen werden.

Thomas Hofmann

James A. Palmer, The Virtues of Economy. Governance, Power, and Piety in Late Medieval Rome, Ithaca, NY-London (Cornell University) 2019, XI, 243 S., Abb., ISBN 978-1-5017-4237-8, US$ 49,95.

Der junge Historiker James A. Palmer, der als Assistant Professor an der Florida State University in Tallahassee lehrt, hat sich ein großes Ziel gesetzt: Er möchte ein Gegennarrativ zu dem von den Historiographen des frühen 15. Jh. und von Historikern im 19. Jh. wie Jacob Burckhardt favorisierten Bild des Niedergangs der Geschichte Roms im 14. Jh. entwickeln. Er trifft dabei auf eine sehr rege Forschungslage, die gerade in den letzten Jahrzehnten großes Gewicht auf eine Neubewertung der römischen Kommunalgeschichte gelegt hat. Für den Vf. ist Rom auf dem Weg vom kommunalen zum päpstlichen Stadtregiment „less exceptional than it seems“ (S. 3). Es geht ihm dabei vor allem um zwei Kernfragen: der Überprüfung des Verhältnisses zwischen der Wirtschaft und dem – im italienischen Humanismus viel diskutierten – Legitimationsfaktor „Tugend“ („economy and virtue“) und der Neubestimmung der Kategorie der politischen Gesellschaft („political society“) in einer italienischen Stadt (S. 5). Für seine Antworten bedient sich der Vf. verschiedener kulturgeschichtlicher (man denke nur an die „civic religion“) und anthropologischer Ansätze, wobei ihm die in der zweiten Hälfte des 14. Jh. erstmals etwas besser überlieferten Notarsprotokolle als seine Hauptquellen Einblicke in „Rome’s new ideology of good governance“ bieten (S. 7). Das Werk startet mit der Kontextualisierung der Entwicklung Roms im Spätmittelalter vor dem Hintergrund des katastrophalen Scheiterns von Cola di Rienzos Projekt eines buono stato im Jahre 1347. Zu den Neuerungen in den Jahrzehnten danach müsse man die Überlappung von weltlichem und kirchlichem Recht – die nach Paolo Prodi im Kirchenstaat besonders zukunftsträchtig war – zählen. Kirche und Religion seien kein Hemmnis auf dem Weg zur „formation of the modern state“ gewesen (S. 18). Der Vf. bleibt nicht bei normativen Quellen (wie den Stadtstatuten) stehen, sondern widmet sich auch der Sprache und den Praktiken der „lay piety“, die in den genannten Notarsquellen und in der Chronik des Anonimo Romano zu finden sind. Zu den Instrumenten der informellen Konfliktregulierung gehörten die kompensatorischen Regelungen in Testamenten, soziales Engagement oder die Schlichtung von oft blutigen Streitigkeiten über Schiedsrichter. Auf diesen Gebieten betätigte sich vor allem die kommunale Herrschaftselite, die vom angesehenen Handwerksmeister bis zum – im Agrar- und Fischhandel engagierten – Stadtadeligen reichte und untereinander gut vernetzt war. Die ewigen Unruhestifter, die übermächtigen Barone, folgten dagegen einem ganz eigenen Machtverständnis, mussten sich aber – bis auf wenige Geschlechter wie die Orsini und Colonna – schließlich in die römische Gesellschaft integrieren, wie am Beispiel der Familie Bonaventura gezeigt wird. Die wohlhabenden Bürger Roms folgten einer „spiritual“ bzw. „moral economy“, bei der der angehäufte Reichtum testamentarisch mit Vorkehrungen für das eigene Seelenheil und das der Verwandten verrechnet werden konnte. Die Zuschaustellung („performance“) der privaten Tugend verlieh das Recht zu herrschen („the right to rule“) (S. 68). Zu diesen performativen Mechanismen gehörten auch fromme Werke, aufwändige Bestattungen, Ersatzwallfahrten sowie die Anlage eigener Familienkapellen in den Kirchen des engeren Wohnviertels. Die aufstrebenden Familien ahmten damit die Barone nach, die besonders letzteres schon seit langem in den großen Basiliken und in der Magistratskirche S. Maria in Aracoeli auf dem Kapitol praktizierten (S. 119). Gesellschaftlich hoch geschätzt waren auch heiligmäßig lebende Frauen von unterschiedlicher sozialer und geographischer Herkunft (man denke nur an die 1414/1415 in Rom weilende Margery Kempe oder an die Römerin vornehmer Geburt Francesca Romana). Der Vf. führt auch die weitgehend unbekannte Tertiarin und Heilerin Alegranza di Rogerio Anici aus Catania an (S. 142 f.). Die Rolle der Frauen wird nach ihrem Status als Gattinnen, Töchter, Witwen, Nonnen, Tertiarinnen und Konkubinen differenziert. Mehr Neuland wird bei der Vorstellung der verbreiteten privaten Schiedsgerichtsbarkeit betreten (S. 167–195). Der Vf. sieht allenthalben Pragmatismus am Werk: Gestandene Römer der politischen Elite der 1350er und 1360er Jahre wie Palmers Kronzeuge Matteo Baccari sahen nach dem Scheitern Cola di Rienzos die Notwendigkeit, sich einerseits von der traditionellen kommunalen Ideologie und der christlichen Apokalyptik zu distanzieren und andererseits politischer Instabilität und Gewalt vorzubeugen (S. 201). Während die Kommune an Appeal verlor, rechtfertigte in den Augen der römischen Elite ihre eigene private persönliche Tugend die Ausübung der politischen Macht, die sie bereit war, mit dem erstarkenden Papsttum zu teilen. Das Ende der römischen Kommune im Jahr 1398 war also – und das ist ein neuer Aspekt! – hausgemacht und letztlich von den führenden Römern selbst gewollt, die ihre soziale und wirtschaftliche Stellung auch unter den Päpsten des frühen 15. Jh. zu behaupten wussten und von diesen auch weiterhin mit öffentlichen Ämtern bedacht wurden (S. 202, 214, 216). Diese starken Aussagen bedürfen aber der Vertiefung, beruhen sie doch auf insgesamt schütteren Quellen, bedenkt man beispielsweise, dass die Analyse der Schiedsurteile auf nur 37 Funden für die Zeit von 1348 bis in die 1420er Jahre, also 70 Jahren, beruht (S. 169), und die politischen Ereignisse nur am Rande behandelt werden. James A. Palmer hat ein anregendes Buch geschrieben, das zeigt, dass die Beschäftigung mit der römischen Kommunalgeschichte auch weiterhin spannende Fragen birgt, denen es nachzugehen lohnt.Andreas Rehberg

Stuart Jenks (Ed.), Documents on the Papal Plenary Indulgences 1300–1517 Preached in the „Regnum Teutonicum“, Leiden-Boston (Brill) 2018 (Later Medieval Europe 16), XX, 811 S., Abb., ISBN 978-90-04-36012-9, € 193.

Das zu besprechende Sammelwerk setzt sich zum Ziel, alle verfügbaren, für das Heilige Römische Reich (samt Deutschordensgebieten) bestimmten päpstlichen Bullen und Breven aus der Zeit zwischen 1300 und 1517, die vollkommene Ablässe gewährten, möglichst im Volltext zusammenzutragen. Hinzu kommen die Instruktionen wichtiger Ablasskampagnen, auf die man bislang wenig geachtet hat. Jenks bevorzugt als Vorlagen die gedruckten Varianten der Ablass-Proklamationen. Als Wirtschaftswissenschaftler gibt der Vf. sich in der Vorrede zu erkennen, wo er als anfängliches Ziel seines Projekts den Wunsch nach Material angibt, mit dem er die infolge der Ablasskampagnen nach Rom abgeflossenen Gelder mit dem damaligen Bruttoinlandsprodukt habe vergleichen und die wirtschaftlichen Auswirkungen bewerten wollen (S. XVII). Entsprechend zieht auch die „Conclusion“ keine Bilanz zum Ertrag der Quellensammlung, sondern wendet die sog. „Preisdiskriminierung dritter Ordnung“, die man als Rabatte für Rentner oder Studenten im Vergleich zu den Normalpreisen kennt, auf die Ablässe an, die ebenfalls ihre Anforderungen nach der Wirtschaftskraft der Abnehmer staffelten, worauf gleich zurückzukommen sein wird. Insgesamt umfasst die Auswahl 130 Nummern. Nicht alles ist im Volltext wiedergegeben. Trotzdem stellt das Ergebnis insgesamt eine beachtliche Leistung da. Allerdings handelt es sich nicht – wie schon anklang – um eine kritische Edition. Vieles ist aus älteren, manchmal sehr alten, Ablass-Quellensammlungen (wie der von Eusebius Amort von 1735 oder Paul Frédéricq von 1922) übernommen. Seitenweise kommen sich sehr ähnelnde Texte zum Abdruck, was damit zusammenhängt, dass die päpstliche Kanzlei bekanntlich Formularien folgte. Andererseits muss man dem Vf. schon beipflichten, dass es überfällig war, einen derartigen Überblick anzubieten. Schade nur, dass man in gedruckter Form bei einem Verlag wie Brill wohl nicht damit rechnen können wird, dieses Material einmal wie eine Datenbank durchforsten zu können, um etwa möglichen Änderungen im Formular auf die Spur zu kommen. Begibt man sich ganz traditionell auf die Suche, entfaltet die Jenks’sche Ablass-Kollektion ungeahnte Möglichkeiten. Die Zusammenschau der Instruktionen der Ablass-Kommissare, unter denen sich berühmte Namen wie die Kardinallegaten Bessarion (1463) und Raymund Peraudi (von ihm kommen mehrere Anleitungen ab 1487 zum Abdruck) befinden, offeriert schon einen interessanten quantitativen Befund: Kam der Kardinallegat Giuliano Cesarini 1431 mit einer (im modernen Druck) sieben S. starken Instruktion aus, so stieg der Umfang dieser Handlungsanweisungen für die Ablassprediger in der Folge stetig an. Der Kommissar des Peterskirchenablasses Giovanni Angelo Arcimboldi konnte mit seinen „Avisamenta“ von 1514 mit 17 S. allerdings seinen Vorläufer beim Türkenablass von 1489 Peraudi mit seiner „Summaria declaratio“ mit 24 S. nicht toppen. Erzbischof Albrecht von Brandenburg schlug alle 1516 mit einer 30 S. starken „Instructio“. Und da lohnt sich die genauere Analyse, die zum Beispiel wertvolle Hinweise auf die Zunahme von performativen und medialen (Heraldik!) Elementen erbringt. Man kann sich die Sammlung auch gut als didaktische Grundlage für (Übersetzungs-)Übungen mit Studierenden vorstellen und viele Einzelfragen an sie richten, beispielsweise nach den involvierten Druckern, der Verwendung bestimmter Themen bei der Bewerbung eines Ablasses (da konnte man auch schon an das „nationale“ Bewusstsein appellieren, S. 198) oder der Rolle der Siegel als Authentizitätsfaktor usw. Der Sachindex bietet dafür viele Anregungen, obgleich er nicht alle Möglichkeiten ausschöpft (so fehlt das Stichwort „alum“ [Alaun], siehe S. 624, 634, oder „seal“). Der Eintrag „Pascasius V allegedly pope“ im Namensindex führt zu einer Geschichte, mit der Peraudi seine Prediger die Wirkkraft von Ablass für Verstorbene unterstreichen ließ: Der (vermeintliche) Papst habe nach einer Totenmesse für einen verschiedenen Neffen in der Kirche S. Prassede in Rom eine Erscheinung gehabt, gemäß der die Muttergottes diesen aus dem Fegefeuer befreit habe. Auch Hinweise auf weitere wundersame Ablässe in römischen Kirchen hat Peraudi aus den verbreiteten Pilgerführern entlehnt. Nicht verschwiegen seien die Schwachstellen des Sammelwerks. Die Einführung in das Ablasswesen und die „Conclusion“ sind aus einem separaten Beitrag in einer Festschrift (2016) übernommen. Aus ersterer nimmt man vor allem die These mit, dass das päpstliche Ablasswesen sich auch die Wünsche der Gläubigen nach immer größerer Heilsgewissheit zu eigen gemacht habe (S. 40). Die ökonomischen Deutungsmuster des Vf. sind schon deshalb fraglich, weil die zugrunde gelegten Gebühren nur zu den Auswüchsen der letzten großen Ablasskampagnen des 16. Jh. gehörten und sich mehr auf die Kasistik der päpstlichen Reservatfälle statt auf den Ablass an sich beziehen (S. 756–763). Was die keineswegs vollständige Auswahl der Stücke angeht, ist zu bedauern, dass der Vf. die etwaige Parallelüberlieferung im Vatikanischen Archiv nicht überprüft hat. Er begründet dies damit, dass man in den gedruckten Texten die Versionen vor sich habe, die am meisten Wirkung entfalteten. Eine philologisch exakte Edition hat man also nicht zu erwarten. Eine gewisse Nachlässigkeit lässt sich in der herangezogenen Literatur beobachten. Nicht immer ist sie auf dem letzten Stand (das Standardwerk von Nikolaus Paulus wird nach der Ausgabe der 20er Jahre und nicht nach der Neuedition von 2000 zitiert; viele neuere Darstellungen fehlen). Ein paar Schnitzer sind zu beklagen. Die aus der Vorlage übernommene falsche Lesart „Glumiatensis“ wird nicht als „Cluniacensis“ erkannt; in einer Abb. wird eine hl. Ottilie zur „Virgin“ (S. 216). Insgesamt wird das Werk letztlich als ein großer Steinbruch genutzt werden, aus dem man allerdings reichlich Material gewinnen kann.Andreas Rehberg

Anne Huijbers, Zealots for Souls. Dominican Narratives of Self-understanding during Observant Reforms, c. 1388–1517, Berlin-Boston (De Gruyter) 2018 (Quellen und Forschungen zur Geschichte des Dominikanerordens. NF 22), IX, 388 S., Abb., ISBN 978-3-11-049525-6, € 99,95.

Anne Huijbersuntersucht in der Druckfassung ihrer Nijmegener Diss. dominikanische Ordensgeschichtsschreibung des „langen 15. Jahrhunderts“. Texten dieser Art, die von der Forschung wegen ihres kompilatorischen Charakters lange vernachlässigt wurden, kam nach der Autorin eine Schlüsselfunktion bei der ordensinternen Identitätsfindung im Zeitalter der observanten Reform zu. Um die vielfältigen Facetten historiographischer Selbstvergewisserung im Dominikanerorden zu zeigen, zeichnet die Studie die Konstruktion von „narrative identities“ durch schriftstellerisch tätige Brüder und Schwestern im Untersuchungszeitraum nach. In drei Abschnitten werden dabei die Methoden und Genres der ordensinternen Geschichtsschreibung, deren Verhältnis zur Observanz und schließlich zum Humanismus diskutiert. Positiv hervorzuheben ist Huijbers enorme Quellenkenntnis: Der Anhang zählt 34 behandelte Autorinnen und Autoren plus diverse Anonymi, der geographische Bereich umfasst den italienischen, deutschsprachigen, französischen und spanischen Raum. Die Untersuchung räumt dabei in vorbildhafter Weise gerade nicht edierten und kaum erschlossenen Chroniken, u. a. von Girolamo Borselli, Ambrosius Taegius und Johannes von Mainz, viel Platz ein. Das Buch ist dadurch auch für weiterführende Forschungen relevant, die über seine eigentliche Problemstellung hinausführen. Die immense Materialfülle bringt allerdings auch Probleme mit sich: Der Lesefluss leidet oft unter langen Aneinanderreihungen von Beispielen (z. B. S. 109–142). Huijberszeigt, dass Geschichtsschreibung im Dominikanerorden stark instrumentellen Charakter hatte und den Brüdern und Schwestern die Werte der Gemeinschaft vor Augen halten solle. Hier widerlegt sie überzeugend Steven Vanderputten, der eine Verflachung des Moraltopos im späten Mittelalter konstatiert hatte (S. 33). Gerade für die mit dem vermeintlichen Verfall des Ordens argumentierende Observanz war der Verweis auf dessen historische Mission und damit der Gebrauch des Mediums der Geschichtsschreibung zentral (S. 240 f.). Die Chroniken etablierten ein Narrativ für die Institution des Ordens, das diesen als zentrales Werkzeug Gottes zur Erlösung der Welt präsentierte (S. 34). Besonders interessant sind zwei Befunde. Erstens spielte die Inquisition in den Narrativen kaum eine Rolle – die Dominikaner als Inquisitoren schlechthin entsprechen demnach mehr einem modernen Vorurteil als ihrem Selbstbild im ausgehenden Mittelalter (S. 279). Zweitens gilt Ähnliches auch für die in der Forschung gerne hervorgehobene intellektuelle Betätigung von Brüdern. Gelehrsamkeit wurde demnach nicht als einziger defining trait verabsolutiert, sondern hatte strikt der Predigt zu dienen (S. 325). In dieser Funktion wurde sie aber selbst in Texten der frühen Observanz nachdrücklich gelobt; Huijbers widerlegt treffend die ältere Meinung, die Reformbewegung sei anfangs regelrecht bildungsfeindlich gewesen (S. 220 f.). Humanistisch beeinflusste Texte machten die Observanz weniger stark, betonten jedoch nach wie vor die historische Rolle des Ordens für das Heil der Welt (S. 320). Letztlich sei das auf die Verwirklichung christlicher Tugenden und eine besondere Mitwirkung bei der Erlösung der Menschen ausgerichtete institutionelle Narrativ der Predigerbrüder kaum von dem anderer Orden zu unterscheiden (S. 278 f., 325 f.). Dieses Fazit ist wichtig gegenüber modernen Überbetonungen einzelner Aspekte, wie eben der Inquisition oder der Bildung. Fraglich ist aber, ob man den von Huijbers selbst kurz diskutierten Einwand, dass die Franziskaner als stärker armutsorientiert wahrgenommen wurden (S. 279), nicht doch stärker machen muss. Immerhin führte dort der Streit um den Besitz mehrfach zur Spaltung des Ordens, was bei den Dominikanern ausblieb. Die Untersuchung hält weitere interessante Einsichten bereit. Genannt seien die Diskussion ordensinterner Zensur, die sich auch im Handschriftenbefund zeigt (S. 269–271), Abweichungen vom Demutstopos bei einzelnen Brüdern (S. 20, 289 f.) und der Nachweis, dass Geschichtsschreibung von Ordensfrauen in vielerlei Hinsicht nicht sinnvoll von derjenigen der Männer abgrenzbar ist (S. 141). Die Liste ließe sich fortsetzen; betont sei nochmals, dass die Breite des vorgestellten Materials künftige Arbeiten zur Geschichte des Ordens deutlich erleichtern dürfte. Insgesamt liegt hier ein gelungenes Werk vor, das durch seine Quellennähe besticht, eine großteils überzeugende Einordnung dominikanischer Selbstdarstellung in historiographischen Texten bietet und darüber hinaus zahlreiche nützliche Hinweise für weiterführende Forschungen gibt. In diesem Sinne ist die Lektüre von „Zealots for Souls“ allen nahezulegen, die sich für den Dominikanerorden im späten Mittelalter interessieren.Adrian Kammerer

Maren Elisabeth Schwab, Antike begreifen. Antiquarische Texte und Praktiken in Rom von Francesco Petrarca bis Bartolomeo Marliano, Stuttgart (Hiersemann) 2019 (Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters 22), XI, 471 S., Abb., ISBN 978-3-7772-1908-0, € 168.

Mit der vorliegenden Göttinger Diss. liegt eine weitere Veröffentlichung vor, die sich auf den ersten Blick in die zahlreichen Studien zur Antikenrezeption in der Renaissance einreiht. Titel und Untertitel machen allerdings bereits deutlich, dass in der Verbindung von Renaissanceliteratur und materieller Kultur ein interessanter Neuansatz der Forschung geboten wird, der die Praktiken der antiquarischen Literaten (oder der literarischen Antiquare) in den Vordergrund rückt. Die Fragestellung und der zeitliche Rahmen werden in der klar strukturierten Einleitung (S. 3–13) von der Vf. überzeugend präsentiert: In welcher Weise fanden die antiken Artefakte Roms und die zeitgenössischen Praktiken ihrer Interpretation Eingang in die humanistische Literatur des „langen 15. Jahrhunderts“, von Petrarcas ersten Rombesuchen in den 30er Jahren des 14. Jh. bis zu Bartolomeo Marlianos „Urbis Romae topographia“ (1544)? Die Gliederung der Arbeit orientiert sich an den Artefakten und antiquarischen Funden in Rom: Inschriften und Münzen, ein antiker Leichenfund des Jahres 1485, die versuchte Bergung der Nemi-Schiffe, die Monumente und Ruinen Roms sowie ihre „Verarbeitung“ in ersten Kartenwerken. Die methodische Schwierigkeit, dass die Praktiken und die antiken Relikte allerdings nur durch Texte fassbar sind, wird in der Einleitung klar artikuliert (S. 8). Als „roter Faden“ fungiert gleichsam die anonyme „Hypnerotomachia Poliphili“ (1499). Interessanterweise wird in diesem „Roman“ Poliphilo in traumhaftem Zustand mit den unterschiedlichsten antiken Artefakten konfrontiert. Diese Aufarbeitung in romanhafter Form macht deutlich, wie verbreitet – zumindest in gebildeten Kreisen – die „Begegnung“ mit der Antike war. Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Rezeption von Inschriften und Münzen (S. 29–108). Diese Relikte waren in Rom besonders präsent, ihre Zahl wurde durch Neuentdeckungen und Funde im Betrachtungszeitraum bedeutend erhöht. Schwab zeigt überzeugend, wie sich die „Abbildung“ der Inschrift in Anlehnung an ihre materielle Form in der Literatur von Manuel Chrysoloras (1411) über Poggio Bracciolini und Felice Felicianos „Alphabetum Romanum“ (1460) bis hin zu Bartolomeo Marliano weiterentwickelt hat. Im zweiten Abschnitt, „Körper und Statuen“ (S. 109–165), steht der Fund einer mumifizierten antiken Frauenleiche (1485) im Mittelpunkt. Diese publikumswirksame Entdeckung beschäftigte nicht nur die unmittelbaren Zeitgenossen (Gaspare Pontani und Stefano Infessura), sondern blieb bis ins beginnende 16. Jh. präsent (z. B. bei Leandro Alberti oder Bartolomeo Fonzio). Interessant sind die geschilderten Parallelen bei der Darstellung der antiken Leiche zu Santa Francesca Romana, auch wenn die These der Konstruktion einer „paganen Heiligen“ durch die Humanisten (S. 138) schwer belegbar ist. Eine ähnliche Öffentlichkeitswirksamkeit wies die versuchte Bergung der Nemi-Schiffe auf („Schiffe und Planken“, S. 167–216). Den literarischen Niederschlag fand dieses Ereignis in der „Italia illustrata“ von Biondo Flavio, dessen Beschreibung noch gut 200 Jahre später von Athanasius Kircher zitiert wird. Die letzten drei Kapitel sind den antiken Monumenten der Stadt Rom gewidmet. Die literarischen „Ruinenspaziergänge“ des 14. und 15. Jh. (S. 217–269) dokumentieren die persönliche Begegnung und die antiquarischen Praktiken im Umgang mit den Ruinen, vom Spaziergang selbst über die Betrachtung von einem erhöhten Ausgangspunkt oder den Rundgang mit einem versierten Stadtführer bis hin zur Vermessung antiker Bauwerke. Die descriptio Romae (S. 271–337) in der Gesamtheit der antiken (und zeitgenössischen) Stadt findet in der textbasierten Version ihren Höhepunkt in der „Roma instaurata“ von Biondo Flavio (1444–1446). Interessanterweise zeigt sich bei diesem literarischen Genre ein ausgeprägter Bezug zu den mittelalterlichen Mirabilia Urbis Romae, die Einarbeitung von antiken Artefakten der Stadt fand nicht oder nur am Rande und unsystematisch statt. Eine naturgemäß engere Bindung an die antiken Relikte findet im Bild-Text-orientierten Medium der Karten (S. 339–405) Niederschlag. Hier ist eine deutliche Entwicklung der „Verwissenschaftlichung“ festzustellen, die einen wichtigen Impuls durch die Neuentdeckung und Übersetzung von Ptolemaios’ „Geographia“ erfuhr. Näher behandelt werden die Romkarte in der Chronik des Paolino Minorita (1. Hälfte des 14. Jh.), die theoretischen Studien Leon Battista Albertis (um 1450) und schließlich die textbegleitenden Karten in der „Urbis Romae topographia“ von Bartolomeo Marliano (1544). Abschließend fasst die Autorin ihre Ergebnisse nochmals prägnant zusammen und regt zur Ausweitung des Forschungsgegenstands über Rom hinaus an (S. 407–414). Eine umfangreiche Bibliographie (S. 415–450) und mehrere Register (S. 453–471) runden das Werk ab. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass in der vorliegenden Diss. der interessante Versuch unternommen wurde, eine Vielzahl weitgehend bekannter und in der Forschung diskutierter humanistischer Texte unter einer spezifischen Fragestellung neu zu betrachten. Dieser Versuch ist überzeugend gelungen, zumindest für die Kapitel 2 bis 4. Bei den folgenden Kapiteln ist der „rote Faden“ z. T. schwerer zu erkennen. Zweifelsohne werden in erster Linie die Forschenden zum Humanismus angesprochen, die grundlegenden Erkenntnisse zu Wissensgewinnung, -organisation und -präsentation machen den Bd. aber auch darüber hinaus lesenswert und für weitere Forschungen anschlussfähig.Thomas Hofmann

Lucia Gualdo Rosa, La Paideia degli umanisti. Unʼantologia di scritti, Roma (Edizioni di Storia e Letteratura) 2017 (Opuscola collecta 17), 391 S., ISBN 978-88-9359-053-2, € 70.

18 von 104 in einer beigegebenen Bibliographie aufgelisteten Aufsätzen der in Neapel geborenen und in Rom arbeitenden Humanismusforscherin Lucia Gualdo Rosa aus den Jahren 1973 bis 2005 sind in diesem Bd. versammelt, versehen mit einem nützlichen Index der benützten Hss. sowie einem Personen- und Ortsregister, und eingeleitet durch einen kurzen Beitrag von Marco Buonocore zur Autorin als Benützerin der Vatikanischen Bibliothek seit 1956. Studien und Übersetzungen des Griechischen, mit amikabler Finesse galant geführte gelehrte Auseinandersetzungen über die Definition des „Humanisten“, des römischen Humanismus und der Baron-These zum so genannten Florentiner Bürgerhumanismus in ihrem historischen Kontext, handschriftengesättigte Analysen zu Leonardo Bruni und seinem Briefwerk, sowie Studien zum gerade heutzutage immer stärker berücksichtigten süditalienischen Humanismus zeigen Bandbreite und Gelehrsamkeit der Autorin nochmals eindrücklich auf. Selbstredend sind sie – wie Gualdo Rosa selbst in ihrem Vorwort schreibt – Rückblicke auf vergangene Zeiten, aber sie regen auch bei erneuter Lektüre zum Nachdenken an, nicht zuletzt auch über die Rolle, welche die deutschsprachige Humanismusforschung im internationalen Kontext heutzutage im Vergleich mit jenen Zeiten spielt.Tobias Daniels

Veronika Proske, Der Romzug Kaiser Sigismunds (1431–1433). Politische Kommunikation, Herrschaftsrepräsentation und -rezeption, Köln-Weimar-Wien (Böhlau) 2019 (Regesta Imperii. Beihefte: Forschungen zur Kaiser und Papstgeschichte des Mittelalters 44), 450 S., ISBN 978-3-412-50032-0, € 50.

Die an der LMU München im Wintersemester 2016/2017 angenommene und für den Druck leicht überarbeitete Diss. nimmt den zwei Jahre dauernden Romzug des Luxemburgers Sigismund erstmals aus der Perspektive der „Kulturgeschichte des Politischen“ in den Blick. Diese bietet sich für diesen Krönungszug auch deswegen in besonderer Weise an, weil er nicht mehr, wie frühere Italienzüge, primär im Zeichen einer militärischen Durchsetzung von Machtansprüchen des Reiches stand – was ihm seit dem 19. und bis weit ins 20. Jh. hinein den Ruf eines letztlich defizitären Zugs in der Forschung eintrug –, sondern aufgrund der beschränkten zur Verfügung stehenden Mittel vorwiegend auf andere Weise gestaltet werden musste. Des Weiteren zielt die Studie auf eine „multiperspektivische“ Untersuchung ab, berücksichtigt also nicht nur den Blickwinkel Sigismunds und seines Gefolges, sondern auch jenen der italienischen Gemeinwesen, die durch den kaiserlichen Zug vor erhebliche logistische Probleme gestellt wurden. Nach einer kurzen Einführung in das Thema, in den Forschungsstand und in die ausgewerteten Quellen schildert der erste Abschnitt der Arbeit die vorbereitenden Aktivitäten des Luxemburgers, also die im Vorfeld und dann auf dem Romzug selbst von ihm gesuchten diplomatischen Beziehungen zu den relevanten italienischen Mächten wie Mailand, Lucca, Siena, Florenz, Venedig, zu Alfons V. von Aragón und Papst Eugen IV., die den Weg nach Rom materiell wie auch diplomatisch ebnen sollten. Kapitel 2 untersucht das Gefolge des Luxemburgers und hebt als einflussreiche Ratgeber am Hof vor allem drei Personen hervor (Brunoro della Scala, Matko Tallóci, Kaspar Schlick), die eingehender gewürdigt werden. Im folgenden Abschnitt (3) geht es um die Organisation des Aufenthaltes auf den verschiedenen Stationen in Italien, also um die zwar zweifellos beträchtlichen Kosten, welche die Unterbringung des Hofes für die ober- und mittelitalienischen Städte verursachte, denen aber andererseits, wie die Vf. herausarbeiten kann, eben auch ein enormer Prestigegewinn wie auch materielle Vorteile wie Privilegienverleihungen, Umwegrentabilität etc. gegenüberstanden. Die letzten drei Kapitel der Arbeit rücken nun die Kulturgeschichte im engeren Sinne in den Mittelpunkt: Zunächst die Herrschaftsrepräsentation und Inszenierung der adventus des Herrschers, die Sigismund meisterhaft instrumentalisierte (Kapitel 4), dann das Verhältnis des Herrschers zu den italienischen Humanisten, also Reden und einschlägige panegyrische Schriften etc., mit den wechselseitigen Reaktionen aufeinander (Kapitel 5) sowie zuletzt die Rezeption des Romzugs in der bildenden Kunst, die von der enormen Nachwirkung des Ereignisses auf dieser Ebene zeugt und so überaus eindringlich vor Augen führt, wie der älteren Forschung mit ihrer fast ausschließlichen Konzentration auf die politikgeschichtlichen Aspekte ganz wesentliche und keineswegs unwichtigere Elemente völlig entgangen sind. Die sehr umsichtig konzipierte und auch sehr gut lesbare Arbeit beseitigt zweifellos ein großes Desiderat der Sigismund-Forschung wie auch der Forschungen zu den Romzügen des 15. Jh., als deren am besten untersuchter nun der Zug Sigismunds gelten kann. Die Vf. zeichnet das Bild eines in seinen Strategien sehr geschickten, offenbar aber auch sehr einnehmenden Kaisers, der die Italiener durch seine empathische Art für sich gewinnen konnte, wie auch viel spätere Zeugnisse nahelegen. Hervorzuheben ist vor allem auch die sorgfältige Auswertung von bisher für diesen Zweck noch kaum gehobenen Archivbeständen, über deren Umfang das beigegebene Quellenverzeichnis Zeugnis ablegt und die für eine erfreulich quellennahe Anlage der ganzen Arbeit sorgen. Im Anhang sind dem Text eine Itinerarkarte, ein Verzeichnis der italienischen Privilegienempfänger auf dem Romzug und ein Katalog der Preisreden und -gedichte, welche die Vf. im Verlauf des Italienzugs nachweisen kann, beigegeben; insbesondere letzterer wird den Boden für weitere Untersuchungen in der Humanismusforschung bereiten, die zweifellos noch sehr ergiebig sein können.Martin Wagendorfer

Wolfgang Günter, Reform und Reformation. Geschichte der deutschen Reformkongregation der Augustinereremiten (1432–1539), Münster (Aschendorff) 2018 (Reformationsgeschichtliche Studien und Texte 168), 605 S., Abb., ISBN 978-3-402-11601-2, € 78.

Die spätmittelalterliche Ordensreform der Augustinereremiten ist in ihrer Bedeutung für die zentralen Entwicklungslinien der Globalgeschichte kaum zu überschätzen, da aus der observanten Reformkongregation in Deutschland mit Martin Luther ihr prominentestes Mitglied hervorgegangen ist. Dementsprechend hat sich die Forschung mit den deutschen Augustinereremiten bereits zu einem im Vergleich zu den anderen Bettelorden frühen Zeitpunkt befasst und seit den 1870er Jahren umfassende Darstellungen vorgelegt, von denen hier nur Theodor Kolde († 1913) und Adalbero Kunzelmann († 1975) zu nennen sind. Bei der Frage nach den Voraussetzungen der Reformation, die mit dem Zeitraum der Reformkonzilien und dem Aufstieg des landesherrlichen Kirchenregiments weit in das 15. Jh. zurückreichen, wurden die Forschungsansätze in den zurückliegenden Jahrzehnten erweitert. Im Zuge der Vorbereitung des Reformationsjubiläums im Jahr 2017 wurden sie noch einmal intensiviert, dabei jedoch stark auf die bereits genannte Hauptfigur des Geschehens in beinahe eschatologischer Logik ausgerichtet. Zwar scheint auch der Vf. sein Werk auf dieses Datum hin konzipiert zu haben, das Geleitwort trägt als Datum den 31. Oktober 2017, doch ist die Arbeit nicht auf Martin Luther konzentriert, sondern den Entwicklungen des Ordens im 15. Jh. In 15 Kapiteln zeichnet Günter die Geschichte der Augustinereremiten seit ihren Anfängen nach, wobei freilich die zweite Hälfte des 13. und das 14. Jh. auf das Wesentliche beschränkt wurden, da das Hauptaugenmerk auf der Zeit ab dem 15. Jh. liegt, auch wenn Erscheinungsformen der Krise bereits zuvor zu datieren sind. Der Verfall des Konventslebens der Augustinereremiten und die mit der Spaltung verbundene Lähmung und Desorientierung – vor dem Konstanzer Konzil amtierten drei Generalprioren gleichzeitig – führten zu Reformanstrengungen, deren Akteure und Instrumentarien in den Hauptkapiteln III und IV untersucht werden. Besonders die postkonziliaren Reformen der Konvente in der thüringisch-sächsischen Provinz, getragen durch den Landesherrn – hier vor allem die Wettiner und nach der Landesteilung 1485 im ernestinischen Sachsen, wo Anfang des 16. Jh. die wirkmächtige Universität Wittenberg gegründet wurde –, strahlten weit über diesen Raum auf andere Ordensniederlassungen hinaus. In den Kapiteln V-VIII werden die tragenden Persönlichkeiten, wie z. B. der einflussreiche und langjährige Provinzvikar Andreas Proles, die Entwicklung juristischer Grundlagen innerhalb der gegebenen Ordensstruktur sowie die Rahmenbedingungen, in denen sich einzelne Konvente entwickelten, untersucht. Kapitel IX und X behandeln, wie sich diese Konvente in der Folgezeit in wachsender Zahl zusammenschlossen. Die im Vergleich zu den anderen Bettelorden eher geringere Rolle der Frauenkonvente bei den Augustineremiten im Zeitalter der Reform wird im Kapitel XI kurz vorgestellt. Eine Beschleunigung der Ordensreform markierte die Amtszeit des Vikars Johann von Staupitz, der u. a. mit der Verabschiedung der Konstitutionen für die observanten Klöster und mit der Förderung des 1505 in den Erfurter Konvent eingetretenen Martin Luther – zumindest bis zu dessen Streit über das päpstliche Lehramt – das rechtliche und theologische Profil des Ordens entscheidend beeinflusste, wie es in den Kapiteln XII und XIII dargelegt wird. Die beiden abschließenden Kapitel XIV und XV sind den wachsenden Spannungen innerhalb der Observantenunion und ihrer Spaltung sowie den Auflösungserscheinungen und schließlich dem Niedergang gewidmet. Der umfangreiche Anhang (S. 436–533) mit 44 Quelleneditionen, darunter auch mehrere päpstliche Bullen, die hier erstmals ediert werden, weist auf den besonderen Wert der vorliegenden Untersuchung. Günters Ausführungen basieren auf einem jahrzehntelangen und intensiven Quellenstudium, das breit ausgreift und alle relevanten Archiv und Bibliotheken im In- und Ausland berücksichtigt hat. Er ist daher auch mit den Ordensverhältnissen in Italien sehr vertraut, mit deren Konventen die deutsche Observanz in Kontakt stand, ebenfalls mit Rom und der Kurie. Ein vorzügliches Personen- und Ortsregister runden diese Studie ab, die für die künftige Erforschung der deutschen Augustinereremiten nun eine der wichtigsten Grundlagen darstellt.Jörg Voigt

Regesten Kaiser Friedrichs III. (1440–1493) nach Archiven und Bibliotheken geordnet, begründet von Heinrich Koller, hg. von Paul-Joachim Heinig, Christian Lackner und Alois Niederstätter. Heft 33: Die Urkunden und Briefe aus den Archiven und Bibliotheken des deutschen Bundeslandes Niedersachsen (mit Ausnahme der HAB Wolfenbüttel), bearb. von Paul-Joachim Heinig nach Vorarbeiten von Stefanie Kaminski, Joachim Kemper, Dieter Rübsamen und Thomas Willich, Köln-Weimar-Wien (Böhlau) 2018 (Österreichische Akademie der Wissenschaften. Regesta Imperii und Deutsche Kommission für die Bearbeitung der Regesta Imperii bei der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz), 375 S., ISBN 978-3-205-20072-7, € 60.

Die nicht geringe Zahl der im Titel aufgeführten Namen der Bearbeiterinnen und Bearbeiter weist auf die längere Entstehungsgeschichte des vorliegenden Bd. hin, die aber zu einem sehr glücklichen Abschluss geführt werden konnte. Nach den Anfängen im Jahr 1983 wurde die Arbeit an den Regesten von mehreren Personen zwar stets vorangetrieben, deren Berufswege sich jedoch manchmal schon nach kurzer Zeit änderten. Nachdem die Arbeiten daran von 2005 für zehn Jahre brach lagen, übernahm Paul-Joachim Heinig 2015 dieses Unternehmen. Bei den nun folgenden Arbeitsschritten der Erst- und Nachrecherchen profitierte er von den mittlerweile eingeführten und ständig fortgeführten online-Angeboten der staatlichen, kommunalen und kirchlichen Archive, aber auch verschiedener Bibliotheken – die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel blieb jedoch unberücksichtigt, was nachvollziehbar ist, denn dadurch wäre der Abschluss des Bd. in die Ferne gerückt –, in denen sich der Hauptteil der hier aufbereiteten Quellen befindet. Insgesamt flossen aus den Archiven und Bibliotheken 350 Regesten in das vorliegende Werk ein, von denen rund die Hälfte originale Urkundenausfertigungen sind. Hinzu kommen Regesten, die kopial überliefert oder als Deperdita erschlossen werden können. Zu den Überlieferungsschwerpunkten zählen dabei das Archiv der Hansestadt Lüneburg, da diese Kommune während der Regierungszeit Kaiser Friedrichs III. eine Blütephase erreicht hat, und die Abteilung Hannover des Niedersächsischen Landesarchivs. In der Einleitung werden diese beiden Archive, aber auch die anderen Überlieferungsträger, ausführlich und mustergültig vorgestellt. Mit Blick auf den Ansatz der „Regesta Imperii“, auch jene Herrscherurkunden aufzunehmen, die im jeweiligen Bearbeitungsraum überliefert sind, inhaltlich aber über jenen hinausweisen, sind die einzelnen Bände immer auch von überregionaler Bedeutung. Eine Vielzahl von Urkunden ist im vorliegenden Bestand beispielsweise durch die Abteilung Stade des Niedersächsischen Landesarchivs mit der sogenannten Erkein’schen Aktensammlung überliefert, die sich sämtlich auf außerregionale Adressaten bezieht. Äußerst beachtlich ist, und darin liegt der unschätzbare Wert einer systematischen Grundlagenforschung, wie jene der „Regesta Imperii“, dass in das vorliegende Werk fast 200 Texte eingeflossen sind, die bisher noch unbekannt waren. Aber auch die übrigen Regesten erschließen das bereits bekannte Material neu und in stark verbesserter Form. In der Regel sind dem textkritischen Apparat zudem ausführliche Kommentare nicht nur zu Parallelüberlieferungen einzelner Stücke beigefügt, sondern auch deren ausführliche Kontextualisierung mit Identifizierungen von Personen- und Ortsnamen und einer Einführung in die in den Urkunden jeweils enthaltenen Hintergründe. So erfährt man beispielsweise in den Kommentaren zur Urkunde vom 20. November 1460 (Nr. 155), in der Peter Schönfeld von Kolberg durch Kaiser Friedrich III. zum lateranensischen Pfalzgrafen ernannt wurde, dass der genannte Peter rund zehn Jahre später in Rom eine Urkunde im Haus von Dietrich von Calvis, einem hochstehenden Kurialen und Referendar Papst Sixtus’ IV., ausstellte. Für eine solch wertvolle Kommentierung ist Heinig und den früheren Bearbeitern sehr zu danken! Aber auch grundsätzlich kann die vorliegende Regestensammlung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Darin deutet sich bereits an, dass die bisherige Vorstellung vom eher königsfernen Raum mit der vorliegenden Publikation, aber auch mit den bereits erschienenen Bänden der „Regesta Imperii“ zu Norddeutschland, modifiziert werden kann. Kaiser Friedrich III. war nicht nur verwandtschaftlich mit Adelsfamilien des Bearbeitungsraumes verbunden, er stand auch mit Bischöfen und regionalen Herrschaftsträgern im Austausch. Außergewöhnlich intensiver Kontakt ist während des „Lüneburger Prälatenkrieges“ zu verzeichnen, jenem überregional bedeutenden Konflikt zwischen der wie eine Reichsstadt auftretenden Stadt Lüneburg, den Braunschweiger Herzögen und den salinenbegüterten Kirchen und Klöstern, dessen lang andauernde rechtliche Aufarbeitung an der Kurie und am kaiserlichen Kammergericht die meisten Belege dieses Bandes ausmachen. Ein tiefes und sehr gut aufbereitetes Register der Orts- und Personennamen rundet diesen vorzüglichen Bd. ab, der von der Forschung dankbar aufgenommen werden wird.Jörg Voigt

Massimiliano Albanese, L’altra biblioteca di Niccolò V. La raccolta dei codici personali del papa e l’emblema di Giano quadrifronte, Roma (Roma nel Rinascimento) 2018 (RR inedita 79. Saggi), 257 S., Abb., ISBN 978-88-85800-07-6, € 24.

Es ist bekannt, dass die Gelehrtenbibliothek des nachmaligen Papstes Tommaso Parentucelli den eigentlichen Nukleus der später durch Sixtus IV. gegründeten Vatikanischen Bibliothek bildet. Wer aktuell die Worte „Bibliothek“ und „Nikolaus V.“ in den Mund nimmt, wird bald auch zwei Namen italienischer Forscher nennen: jenen von Antonio Manfredi, den Editor der Inventare und eifrigen Erforscher der niccolinischen Bibliothek, und jenen von Massimiliano Albanese, der im Jahr 2003 eine Monographie über die eigenhändigen Marginalien des nachmaligen Papstes und Humanisten Tommaso Parentucelli veröffentlicht hat. Im Jahr 2018 hat Albanese eine weitere Studie unter dem vielversprechenden Titel „die andere Bibliothek von Nikolaus V.“ veröffentlicht, die nachfolgend zu besprechen ist. Es geht ihm hier um eine Neuidentifizierung der persönlichen Bibliothek des Papstes. Diese wurde bisher in einem Inventar jener 56 lateinischen Bücher exklusiv humanistischen Inhalts erblickt, die nach Nikolaus’ Tod in seinem cubiculum gefunden wurden. Albanese argumentiert hingegen, die Privatbibliothek habe aus weiteren 39 „Luxushandschriften“ (S. 39) der Vaticana mit lateinischen (oftmals aus dem Griechischen übersetzten) Schriften patristischer und theologischer Natur bestanden, die durch ein Emblem des vierköpfigen Janus gekennzeichnet sind, welches sich nur in ihnen findet. Die Zuordnung des Emblems zu Parentucelli gelingt Albanese über eine Detailanalyse der Schriften seines Sekretärs, des Humanisten Giannozzo Manetti. Auf dieser Grundlage stellt Albanese die These in Frage, das cubiculum sei das päpstliche Schlafzimmer unweit der Privatkapelle (der Cappella Niccolina) gewesen. Hingegen habe es sich bei dem im Inventar bezeichneten cubiculum um eines von mehreren Studierzimmern (cubicula) im Vatikanpalast gehandelt, in denen der Bibliothekar Giovanni Tortelli als cubicularius secretus wirkte (S. 103). Die Bücher des Inventars seien dort eventuell Gelehrten zugänglich gewesen, während die 39 Janus-Hss. die eigentlichen privaten des Papstes gewesen seien. Damit würde sich die Interpretation des Gelehrten Tommaso Parentucelli bedeutsam verschieben. Erscheint die Analyse zum cubiculum gewagt und die Umdeutung Parentucellis gleichsam vom Humanisten zum Patristiker etwas forciert (was sagt uns, dass Parentucelli die anderen Hss. aus seinem Inventar, die ja nun auch nicht ganz zu verachten sind, nicht auch als die seinen betrachtete?), so erscheint mir die Deutung des Januskopf-Emblems schlüssig.Tobias Daniels

Anna Modigliani, Roma al tempo di Leon Battista Alberti (1432–1472). Disegni politici e urbani, Roma (Roma nel Rinascimento) 2019 (RR inedita 85. Saggi), 246 S., ISBN 978-88-85800-11-3, € 25.

Was die zahlreichen Arbeiten der Autorin über das Rom des Spätmittelalters und der Renaissance immer auszeichnet, ist die enge Verbindung von genauer, umfassender Kenntnis der römischen Topographie und genauer, umfassender Kenntnis der römischen Quellen. Und so auch hier. Stellenweise unter Rückgriff auf frühere Studien, in denen sie neue Quellen erschloß, zeichnet Anna Modigliani ein lebhaftes Bild Roms in den Jahren der Frührenaissance, als sich, nach langer spätmittelalterlicher Lethargie, alles auf einmal in Bewegung setzte. Dabei liegt der Schwerpunkt der Betrachtung auf der urbanistischen Entwicklung und der Bautätigkeit – und eben das bringt Leon Battista Alberti, der sechs Pontifikate in Rom erlebte und gewiss an allen anspruchsvollen Debatten am Hofe teilhatte, ins Spiel mit der Frage, wo sein Rat wohl eingeholt wurde, und wo er Wirkung gehabt haben könnte. Das gilt vor allem für Nikolaus V., mit dessen Pontifikat die Untersuchung voll einsetzt (die Vf. hat Giannozzo Manettis Vita Nikolaus’ V. herausgegeben), um dann die Päpste der Frührenaissance – ihre Vorhaben, ihr Wirken, ihren Antikenbezug – im Einzelnen zu behandeln: Pius II., der seine Aufmerksamkeit mehr auf Pienza richtete; Paul II., der mit zeitweiliger Verlegung der Papstresidenz in seinen Kardinalspalast, den Palazzo Venezia, im Zentrum Roms urbanistisch ein neues Zentrum wollte und ausstattete (sogar die Reiterstatue des Marc Aurel und die Dioskuren vom Quirinal habe er hierher an seine neue Piazza schaffen wollen, weiß ein zeitgenössischer Brief!); Sixtus IV., der mit dem Bau einer ersten neuen Tiberbrücke und der Verlegung des Marktes auf die Piazza Navona den Verkehrsströmen in der Stadt neue Richtungen gab. Bei allen diesen – vor allem von Kunsthistorikern behandelten – Fragen hat Anna Modigliani, als Historikerin, stets die politische Wirklichkeit der Stadt vor Augen: nicht nur das Rom des Hofes, sondern auch das Rom der Römer.Arnold Esch

Pia Mecklenfeld, Liber Confraternitatis Beatae Mariae De Anima Teutonicorum De Urbe. Forschungen zum Bruderschaftsbuch von Santa Maria dell’Anima, Freiburg i. Br. (Herder) 2019 (Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte. Supplementbd. 66), 414 S., 30 Abb., ISBN 78-3-451-38766-1, € 70.

Dieses Buch, die Druckfassung einer Osnabrücker Diss. (2017), behandelt eine der wichtigsten Quellen zur Geschichte der Deutschen in Rom, vor allem des deutschsprachigen Personals der päpstlichen Kurie des 15. Jh.: das Bruderschaftsbuch von S. Maria dell’Anima. Der Liber Confraternitatis (LC) wird als Zimelie nicht im institutseigenen Archiv, sondern „ohne archivarische Signatur durch den Rektor der Anima verwahrt“ (S. 12); seit 2012 werden neue Eintragungen vorgenommen, da die Bruderschaft wiederaufgelebt ist (vgl. S. 46). Zwar wurde der LC bereits zweimal, 1875 und 1914, (teil-)ediert, doch wäre eine heutigen Ansprüchen genügende Neuedition wünschenswert (vgl. S. 56). Pia Mecklenfeld konnte die Hs. benutzen und genauestens untersuchen. Nach einer ausführlichen Einleitung zur Forschungsgeschichte, zu Zielsetzung und Quellen sowie zur Gründung des Anima-Hospitals und zur Entwicklung der Anima-Bruderschaft im 15. Jh. (S. 31–101) folgen die zwei Hauptteile der Arbeit: zunächst die Ergebnisse einer kodikologisch-paläografischen Untersuchung des LC (S. 102–195), illustriert mit 30 fotografischen Schwarzweißabb. (S. 397–414), sodann die minutiöse Analyse der Namenslisten, die den Hauptinhalt des LC ausmachen (S. 196–355). Auf diese Weise gelingt es der Autorin, die komplizierte Entstehungsgeschichte zu entschlüsseln: Mehrere Hände waren am Werk, mehrmals wurden neue Faszikel eingelegt und neue Paginierungen bzw. Foliierungen vorgenommen (vgl. die zusammenfassende Tabelle S. 194 f.). Als den Schreiber der ältesten Teile („Hand A“), die sich in das Jahr 1448 datieren lassen, schlägt Pia Mecklenfeld den – in vatikanischen und niedersächsischen Quellen gut belegten – Notar und Kurienprokurator Nikolaus Graurock vor. Verzeichnet wurden die Personennamen in mehreren Listen gemäß einer „sozialen bzw. kirchenrechtlichen Differenzierung“ (S. 196), sowie unterschieden nach lebenden und verstorbenen Bruderschaftsmitgliedern und -wohltätern. Die jeweils ältesten Namenseinträge sind nicht datiert (und auch nicht unbedingt chronologisch gereiht). Viele Einträge lassen sich aber wenigstens annäherungsweise zeitlich einordnen, wenn dieselben Namen auch in einer anderen Quelle zu finden sind, nämlich in den Listen von Beitrittsgebühren- und Beitragzahlern im ältesten Einnahmenbuch der Anima-Bruderschaft, dem Liber Receptorum (1426–1514 geführt; unediert). Die Ergebnisse dieses Abgleichs werden in zahlreichen Tabellen, die den laufenden Text unterbrechen, Name für Name ausgebreitet; vielleicht hätte man sie in einem Anhang zusammenfassen können. Vermeidbar gewesen wären in diesen Tabellen gelegentliche Buchstabendreher (z. B. S. 318: „Christinaus“ statt Christianus Demel) und Verlesungen (z. B. ebd.: Bertoldus „Cautrisusoris“ statt Cantrifusoris; cantrifusor = Kannengießer). In solchen Fällen hätte das „Repertorium Germanicum“ zumindest als „Lesehilfe“ herangezogen werden können. Mit welchem Erkenntnisinteresse sich die Autorin einer so mühevollen Kleinarbeit unterzogen hat, entfaltet sie in einem mit „Zusammenführung“ überschriebenen Abschnitt (S. 356–390): Anders als die bisherige Forschung, die den LC als Mitgliederverzeichnis und „Gästebuch“ der Anima betrachtete und dementsprechend als personengeschichtliche Quelle nutzte, fragt Pia Mecklenfeld nach der „Anlagefunktion“ des LC (S. 56), d. h. nach dem Zweck, den die Verzeichnung der Namen verfolgte. Wegen der Gliederung der Namen nach ordines, in Verstorbene und Lebende, und wegen der Notierung von Schenkungen und Legaten zieht sie Parallelen zu früh- und hochmittelalterlichen Formen der Memorialüberlieferung und sieht daher den Hauptzweck der „Namensverschriftlichung“ (S. 366) in der dauerhaften Sicherung des liturgischen Gedenkens im Rahmen der Heiligen Messe. Dass sich im ausgehenden 15. Jh. die Einschreibung von bloßen „Gästen“ der Bruderschaft mit der Zahlung einer – gleichfalls im LC registrierten – Spende verband, deutet die Autorin dahingehend, dass die Spende die Gegenleistung für die gewünschte Einschreibung war, und ordnet dies in die Tendenz zur Perfektionierung einer „gezählten Frömmigkeit“ ein („himmlische Buchführung“, S. 389). Die eigenhändigen Einträge neuzeitlicher Anima-Besucher veränderten dann aber den Charakter des LC hin zu einem eher profanen, repräsentativen Gästebuch (vgl. S. 391–396). Die Arbeit von Pia Mecklenfeld stellt die zukünftige Beschäftigung mit dem LC (und vielleicht auch dessen korrigierte und mit Verweisen anzureichernde Wiederveröffentlichung) auf eine neue, solide Grundlage.Christiane Schuchard

Alessandro Silvestri, L’amministrazione del regno di Sicilia. Cancelleria, apparati finanziari e strumenti di governo nel tardo medioevo, Roma (Viella) 2018 (I libri di Viella 282), 496 pp., ISBN 978-88-6728-689-8, € 43.

Diciamo subito che il titolo di questo libro è più generico dei suoi contenuti: si tratta, in realtà, di uno studio incentrato su un contesto e un periodo cronologico specifici, ovvero la Sicilia negli anni tra il 1412 e il 1458, quindi dall’assorbimento dell’isola tra i domini della Corona d’Aragona sino alla morte del re Alfonso il Magnanimo. Non troviamo dunque qui un (molto atteso) manuale per l’amministrazione del Mezzogiorno, ma una ricerca mirata che intende esaminare diversi aspetti del governo dell’isola nel passaggio al sistema viceregio. Il libro è frutto del lavoro di ricerca condotto dall’autore nell’ambito dottorale e post-dottorale, sotto la direzione prima di tutto di Pietro Corrao. Il suo punto di partenza è il dibattito storiografico sulla nascita dello Stato „moderno“ e sulla questione dello Stato „nazionale“, nella quale si inserisce il quesito delle unioni politiche e formazioni statali estese („transnazionali“), come i domini veneziani nel Mediterraneo, quelli inglesi o quelli danesi. I domini della Corona d’Aragona offrono un ottimo esempio di questi unioni e il caso siciliano permette anche, aggiungerei, una riflessione sulla natura del rapporto tra il centro e la periferia. Ovvero, l’isola perse la sua „indipendenza“ con il passaggio sotto i Trastámara, ma il sistema del governo che si stabilì a seguito in Sicilia non era certamente un sistema coloniale, ma una forma di „autorità negoziata“, basata sugli equilibri istituzionali e del potere. Questo sistema lasciò al regno un’ampia autonomia amministrativa e fornì un modello di governo che avrebbe poi caratterizzato l’amministrazione dell’Italia spagnola. Un altro argomento importante per l’autore è quello dell’efficacia delle istituzioni e del governo della Sicilia quattrocentesca, soprattutto per quanto riguarda la fiscalità: si tratta di una questione rilevante per tutti gli studiosi dell’amministrazione del Mezzogiorno, spesso trascurata o considerata inefficace nella luce degli sviluppi e delle teorie politici dell’epoca moderna e contemporanea. Il libro è stato scritto da un quattrocentista e tratta le vicende del XV secolo, ma la sua prima parte, „L’impianto cancelleresco“, esamina la storia dell’apparato amministrativo del regno dal 1130 in poi. L’autore ci offre un veloce ma sostanzialmente corretto riassunto degli sviluppi dell’amministrazione del Mezzogiorno, soffermandosi a seguito sugli sviluppi subiti dall’isola dopo il Vespro, molto meno noti al grande pubblico, sino alle novità introdotte da Ferdinando I e Alfonso il Magnanimo nel Quattrocento, con, ad esempio, la progressiva perdita di prestigio del cancelliere a beneficio del protonotaro e dei segretari del regno. La seconda parte „Gli apparati finanziari“ è focalizzata sull’amministrazione fiscale e delle finanze, trattando delle questioni come l’istituzione di un nuovo e potente incarico del conservatore del real patrimonio, la politica finanziaria „rigorista“ del regno, l’impatto della politica estera della Corona d’Aragona sull’amministrazione finanziaria dell’isola e il ruolo della Sicilia nel finanziamento della campagna napoletana di Alfonso il Magnanimo. L’isola risulta essere stata fondamentale per le finanze del re, essendo dotata di ottime capacità economiche e di una solidità istituzionale. La terza parte, a mio avviso la più interessante, „Gli strumenti di governo“, è dedicata alle scritture prodotte dall’amministrazione e alla loro registrazione e archiviazione. In un primo tempo, si elencano le diverse categorie di documenti emessi, in un complesso sistema dove gli ordini e privilegi del re devono essere trasformate in lettere esecutorie dei viceré per ottenere una validità. A seguito, ci si descrive l’insieme di diversi registri documentari e contabili in uso nel regno e il loro uso, talvolta anche non del tutto regolare, come strumenti di controllo. Infine, si presenta la storia delle sedi archivistiche del governo siciliano, da Messina dove l’archivio fu distrutto nel 1356 sino allo Steri di Palermo, sede prediletta nel XV secolo, senza dimenticare di esaminare anche il personale in attività presso gli archivi reali. Per riassumere, come lo fa l’autore nella sua „Nota conclusiva“, si tratta di esaminare „la costruzione di una rete di relazioni istituzionali che connette la corte aragonese agli apparati di governo siciliani“, la mediazione tra il re e l’isola, le prassi e gli strumenti burocratici e il ruolo dell’isola nel mondo economico della Corona d’Aragona. Si tratta di un lavoro minuzioso che si basa per lo più sulle fonti inedite ed esamina un’epoca e un contesto piuttosto trascurati da parte degli storici. Esso rappresenta diverse novità tra cui la prima è la non condivisione della teoria di continuità istituzionale in Sicilia tra il XII e il XV secolo. Infatti, secondo Silvestri, l’avvento dei Trastámara nel 1412 avrebbe prodotto uno stravolgimento degli equilibri politico-istituzionali precedenti e l’introduzione di una serie di novità nell’amministrazione. Questa teoria può essere condivisa o no, ma dovrebbe essere vagliata, a mio avviso, attraverso un attento paragone con la situazione della terraferma del Mezzogiorno. Certo, la Sicilia diventa nei tempi di Alfonso il Magnanimo la periferia e Napoli il centro del potere, ma visto il numero molto superiore di studi disponibili sull’amministrazione e la fiscalità del regno napoletano, ci si aspetterebbe un confronto tra le due realtà. L’autore focalizza la sua attenzione invece sul mondo aragonese iberico ed effettua poche comparazioni con le vicende della terraferma. Invano cerchiamo un accenno al ruolo della Camera della Sommaria di Napoli e dei suoi presidenti dell’epoca alfonsina, forse paragonabile in alcuni versi a quello dei conservatori del real patrimonio siciliani. Il caso di Napoli non ci dimostra, a mio avviso, un distacco così netto dal passato come quello siciliano descritto da Silvestri. A parte queste perplessità, si tratta di una ricerca innovatrice e di un libro molto utile per chi volesse imparare a conoscere i complessi meccanismi burocratici e di governo dell’epoca premoderna. Kristjan Toomaspoeg

Katharina Hülscher, Das Statutenbuch des Stiftes Xanten, Münster (Aschendorff) 2018 (Die Stiftskirche des heiligen Viktor zu Xanten. Neue Folge 1), 710 S., ISBN 978-3-402-13254-8, € 86.

Das Kanoniker-Stift St. Viktor in Xanten, dessen Anfänge bis in das 8. Jh. zurückreichen, gehörte zu den bedeutendsten geistlichen Institutionen am Niederrhein. In der Forschung ist es vor allem durch seine reiche archivalische Überlieferung mittelalterlicher Quellen bekannt, die heute im Stiftsarchiv Xanten und im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland verwahrt werden und die Einblicke in die Geschichte des Stiftes, das Leben der Kanoniker, die Besitzverhältnisse, die Beziehungen zu geistlichen und weltlichen Institutionen, wie der Stadt Xanten, den Grafen bzw. Herzögen von Kleve und den Kölner Erzbischöfen, und zu vielen weiteren Themen bieten. Eine für das stiftische Leben besonders wichtige Quelle stellt das Statutenbuch des Xantener Dekans Arnold Heymerick († 1491) dar, der viele Jahre an der päpstlichen Kurie und Kanzlei tätig war. Ein Jahr vor seinem Tod stellte er das Statutenbuch fertig, das auch unter dem Begriff „Repertorium Decani“ bekannt ist. Die Edition, Kontextualisierung und Auswertung dieser Quelle hat sich Katharina Hülscher in ihrer vorliegenden Diss. zur Aufgabe gestellt, die den Hauptteil des Buches ausmacht (S. 205–670). Der Inhalt des Statutenbuches vermittelt einen detaillierten und ungeschönten Eindruck des stiftischen Lebens im späten Mittelalter; zu den Kritikpunkten des Autors zählen u. a. Abwesenheit der Kanoniker, Pfründenhäufung, Entfremdung von Kirchengütern, unangemessenes Verhalten der Kanoniker und Amtsmissbrauch. Dementsprechend breiten Raum nehmen im Statutenbuch die Regelungen zu den einzelnen Ämtern ein, an obersten Stellen Dekan, Propst und Scholaster und daran anschließend die Kanoniker; aber auch der Portar wird breit thematisiert, der sich – dies weist auf eine Besonderheit des Xantener Stiftes – bis zum Stellvertreter des Dekans emporgearbeitet hatte. Daneben werden Finanzangelegenheiten aufgeführt, die einen aufschlussreichen Einblick in die Bedeutung eines spätmittelalterlichen Stiftes bieten. Im Vergleich mit anderen Stiften dieser Region (wie z. B. in Köln, Kranenburg und Münster) zeichnet sich das Xantener Statutenbuch jedoch durch die Ausführlichkeit aus, mit der die Inhalte behandelt werden. Die Edition selbst ist sehr zu loben; die Autorin bietet neben einer kodikologischen Beschreibung eine Volledition mit ausführlichem kritischen Apparat. Ihr ist dabei nichts entgangen, selbst Reste von nicht mehr vorhandenen Klebezetteln sind vermerkt, die auf zentrale Passagen des Statutenbuches bei seiner einstigen Verwendung verweisen, wie z. B. die Bestätigung der jährlich erfolgten Wahl des Portars durch Nikolaus von Kues. Zu nennen ist ebenfalls die sehr gelungene, ausführliche Kontextualisierung, die der Edition vorangestellt wurde, und in der die bereits sehr breite Forschungsliteratur zum Xantener Stift zusammengefasst und weitergeführt werden konnte. Besonders das Spannungsverhältnis zwischen der Norm des stiftischen Lebens und der Wirklichkeit verdient Beachtung, da es nicht nur die Institution betrachtet, sondern auch den Fokus auf einzelne Kanoniker und die Situation des zwischenmenschlichen Miteinanders legt. Für die Forschungen zum Stiftswesen in der Erzdiözese Köln an der Schwelle zur Neuzeit leistet die vorliegende Publikation durch die historischen Fragestellungen und besonders durch die Edition eines für diesen Kontext sehr wichtigen Textes, der durch ein Personen- und Ortsregister erschlossen ist, einen großen Dienst. Daran wird auch die überregionale Forschung anknüpfen können, die vielleicht noch etwas stärker in den Blick und den Vergleich hätte einbezogen werden können. Stärkere Berücksichtigung hätte auch die kuriale Überlieferung finden können, die z. B. mit Blick auf Arnold Heymerick weiteres Material bietet, wie es z. B. im „Repertorium Germanicum IX“ zum Pontifikat Pauls II. enthalten ist. Diese abschließenden Punkte sind jedoch keinesfalls als Kritik zu verstehen, sondern vor allem als Anregungen. Dass mit dem vorliegenden Werk eine neue wissenschaftliche Buchreihe eröffnet wird, kann als sehr gelungen bezeichnet werden. Mögen weitere Studien dieser Qualität folgen!Jörg Voigt

Alessio Russo, Federico d’Aragona (1451–1504). Politica e ideologia nella dinastia aragonese di Napoli, Napoli (FedOA. Federico II University Press) 2018 (Regna. Testi e studi su istituzioni, cultura e memoria del Mezzogiorno medievale), 408 S., ISBN 978-88-6887-043-0 (URL: http://www.fedoa.unina.it/id/eprint/11986; 20.9.2020).

In der bemerkenswert produktiven neapolitanischen Historiker- und Editorenschmiede um Francesco Senatore, Francesco Storti und andere, die nun schon seit Jahrzehnten die überreiche Masse an diplomatischer Korrespondenz zum aragonesischen Neapel in den Archiven von Mailand, Mantua, Modena und andernorts erschließt und analysiert, ist die vorliegende Diss. von Alessio Russo entstanden. Sie beschäftigt sich mit Federico, dem drittgeborenen Sohn König Ferrantes I., der 1496 bis 1501 als fünfter und zunächst letzter Aragonese nach Alfons dem Weisen auf dem neapolitanischen Königsthron saß. Russos Aufmerksamkeit gilt vor allem der Phase vor dem Herrschaftsantritt. Nach einer soliden Einleitung zu Forschungs- und Quellenlage untersucht der Autor seinen Gegenstand in drei Großkapiteln. Das erste zeigt die Ausbildung Federicos, dessen Taufpate Kaiser Friedrich III. war, am zugleich humanistisch und kavalleresk geprägten neapolitanischen Hof, ferner seine erste Bewährung im Zusammenhang der Politik Ferrantes auf der Halbinsel, der bekanntlich seine Kinder zum Schmieden politischer Allianzen, insbesondere mit Mailand und Burgund nutzte. Intensiv wird in diesem Sinne Federicos diplomatische Mission ins Burgund Karls des Kühnen in den Jahren 1474–1476 analysiert, auf die später eine Mission zu Papst Alexander VI. folgte, sowie die erste Heirat mit Anna von Savoyen und die temporäre Übersiedlung nach Frankreich. Das zweite Kapitel zeigt Federico als königlichen Gouverneur in Apulien, ferner als Kriegerherrn und Flottenkommandanten in der Auseinandersetzung des Ferrarakrieges sowie als mit diversen Lehen in Apulien ausgestatteten Baron des Reiches, auch im Kontext des Baronenkrieges. All diese Funktionen werden auch als Vorbereitung zur Übernahme höherer Herrschaftsfunktionen gewertet. Das dritte Großkapitel nimmt dann die Herrschaftsnachfolge und die Grundlinien der Politik nach dem Herrschaftsantritt in den Blick, die mit den Erschütterungen des italienischen Staatensystems durch den Italienzug Karls VIII. in Verbindung standen und schließlich nach der Preisgabe der Herrschaft an die Anjou (1501) und dem Tod in Plessis-lez-Tours (1504) endeten. Über den Lebensweg Federicos erklärt Russo viele bedeutsame institutionelle Strukturfaktoren und Spannungen im neapolitanischen Königreich und gewinnt unter anderem auch neue Einsichten in die bekannte Verschwörung der Barone und die letzte Krise der Aragonesen in Neapel. Der eigentliche Wert dieser lesenswerten – auch stilistisch gut geschriebenen – Studie liegt unterdessen in der minutiösen Auswertung der ungedruckten Korrespondenz.Tobias Daniels

Monica Azzolini/Isabella Lazzarini (Eds.), Italian Renaissance Diplomacy. A Sourcebook, Durham (Institute of Medieval and Early Modern Studies) 2017 (Durham Medieval and Renaissance Texts and Translations 6), X, 300 S., Abb., ISBN 978-0-88844-566-7, € 30.

In der fragmentierten Herrschaftswelt der italienischen Renaissance befand sich ein geeigneter Inkubationsraum für die Transformation des traditionellen Botenwesens in ein komplexes System der Diplomatie. Diese Entwicklung war Bestandteil eines tiefgreifenden gesamtgesellschaftlichen, herrschaftlichen und kulturellen Wandels, der weit über die Apenninenhalbinsel hinaus Wirkungen zeitigte. In den letzten Jahrzehnten hat sich die diplomatiegeschichtliche Forschung dementsprechend erweitert: Neben umfangreichen Texteditionen (Gesandtschaftskorrespondenzen, diplomatische Akten und Briefbestände) wurden zunehmend die politik-, kommunikations-, kultur- und kunsthistorischen Dimensionen der Thematik erschlossen. Mit „Italian Renaissance Diplomacy. A Sourcebook“ haben Monica Azzolini und Isabella Lazzarini in einem Team von insgesamt elf Autorinnen und Autoren ein Handbuch zur Diplomatie der italienischen Renaissance vorgelegt. Im Zentrum dieses Überblickswerks steht eine thematisch angelegte Quellentextedition: Nach einer allgemeinen Einleitung leuchten 14 Kapitel verschiedene Aspekte aus, die von Querschnittsthemen wie den Gesandtschaftsinstruktionen, der diplomatischen Redekunst, der Durchführung der Gesandtschaft und der Abschlussrelation über einzelne Gesichtspunkte wie das Verhältnis von Diplomatie zu Krieg, die Rolle des Papsttums, die herrschaftlichen Parteibildungen, die Frauen in der Diplomatie oder die Ritualität von Gesandtschaften bis zu verschiedenen Perspektiven im Zusammenhang mit diplomatischen Missionen wie Kriminalität, die außereuropäischen Kontakte, Medizin und Astrologie, Spielkulturen und höfische Beschäftigungen, Kunst und materielle Kultur reichen. Die eher kurz gefassten Einführungen gehen jeweils einer Serie von ins Englische übertragenen Quellentexten voraus. Die Übersetzungen stammen teilweise von Archivtranskriptionen, die Mehrheit jedoch von originalsprachigen Texteditionen. Jeder Quellentext wird von einer historischen Einleitung, die Kontext, Gegenstände und auftretenden Personen vorstellt, begleitet. Die Hg. und ihre Autorinnen bzw. Autoren präsentieren eine gut gelungene Mischung aus Quellenkunde der wichtigsten diplomatiehistorischen Texte – den Instruktionen, den Briefwechseln, den Abschlussberichten und erzählenden Beschreibungen – und Aufbereitung der in den letzten zwanzig Jahren geradezu sprunghaft angewachsenen Forschung. Viele Einblicke wecken das Interesse an mehr, etwa die transkribierten und übersetzten Archivstücke, die Christine Shaw zur Charakterisierung höchst unterschiedlicher politischer Strömungen und herrschaftlicher Konstellationen gekonnt zutage fördert. Die Stärke dieser Sammeldarstellung mit umfangreicher Dokumentation liegt in der systematischen Einheitlichkeit bei gleichzeitiger thematischer Breite: Für jeden Bereich konnten ausgewiesene Expertinnen und Experten gewonnen werden. Eine konzeptionelle Schwäche hingegen liegt darin, dass die Quellentexte nur in englischer Übersetzung abgedruckt werden. Auch muss die Engführung auf Gesandtschaftsschreiben und Korrespondenzen bemängelt werden: Irritierenderweise werden andere Quellengattungen wie die Protokolle von zuständigen Räten der Stadtrepubliken Venedig und Florenz – in denen Gesandtschaften, diplomatische Briefe und politisches Vorgehen debattiert werden – oder Bestallungsakten gar nicht weiter berücksichtigt. Auch erscheint Diplomatiegeschichte ziemlich traditionell, wenn vorzugsweise die Gesandten und der Verlauf von Gesandtschaften fokussiert werden. Insgesamt ist mit dem vorliegenden Handbuch eine Referenz für die Einarbeitung in das Thema der Diplomatie der italienischen Renaissance geschaffen worden, die keineswegs nur eine Einführung in das Geschichtsstudium ist. Vielmehr kann diese „intelligente“ Quellenedition jedem von Nutzen sein, der seine Forschungen in dieser Richtung zu vertiefen gedenkt.Heinrich Lang

Marina Montesano, Classical Culture and Witchcraft in Medieval and Renaissance Italy, Cham (Palgrave Macmillan) 2018 (Palgrave Historical Studies in Witchcraft and Magic), IX, 278 pp., ill., ISBN 978-3-319-92077-1, € 74,89.

Il saggio intende mostrare come la cultura antica, in particolare greca e latina, abbia influito sull’evoluzione dei concetti di magia e stregoneria tra Medioevo e prima Età Moderna, nonché sulle cacce alle streghe che si verificarono in quel periodo in tutta Europa. Si tratta di un tema importante e di ampio respiro, che prende le mosse dalle osservazioni che alcuni studiosi (tra i quali Sydney Anglo, Franco Cardini, Margaret Sullivan) hanno fatto nel corso degli ultimi decenni e che non è estraneo all’autrice, che ormai da diversi anni svolge ricerche nel campo della storia della magia e della stregoneria con particolare interesse per il periodo medievale. Tra i suoi testi che hanno preceduto questo volume, basti menzionare „,Supra acqua et supra ad vento‘. Superstizioni, maleficia e incantamenta nei predicatori francescani osservanti (Italia, sec. XV)“, Roma 1999; „,Fantasima, fantasima che di notte vai‘. La cultura magica nelle novelle toscane del Trecento“, Roma 2000; „Caccia alle streghe“, Roma 2012; „,Arte gradita agli déi immortali‘. La magia fra mondo antico e Rinascimento“ (con Franco Cardini), Torino 2015. Data la prospettiva di lunga durata, il saggio prende le mosse dai contesti greco e romano. Nei primi due capitoli l’autrice mette in rilievo alcune figure tradizionalmente associate alla magia (tra cui Circe, Medea, Lamia, Canidia, Erichto, Meroe), analizzandone le peculiarità e i diversi modi in cui esse vennero rappresentate dagli autori antichi. Al centro dell’indagine è anche l’evoluzione semantica di alcuni termini come venefica, saga, strix e il loro riflesso prima nella giurisprudenza romana e poi, in particolare nel terzo capitolo, nei canoni conciliari cristiani, nel „Codex Theodosianus“, nelle leggi delle popolazioni germaniche. Il quarto capitolo introduce il revival della cultura classica avvenuto nel corso del basso Medioevo e il riflesso che questo fenomeno ebbe nella formazione dell’immaginario della stregoneria: basti menzionare, per esempio, le descrizioni delle lamiae presenti nel „Policraticus“ di Giovanni di Salisbury, negli „Otia Imperialia“ di Gervasio di Tilbury e in altri scritti successivi, oppure la fortuna goduta dalle „Metamorfosi“ di Apuleio (dove si legge di Circe, Medea, Meroe e, soprattutto, delle peripezie di Lucio, trasformato in asino dopo essersi cosparso il corpo con un unguento magico) a partire dalla sua riscoperta, avvenuta probabilmente tra l’XI e il XII secolo. L’analisi si sposta quindi sul piano delle fonti trecentesche, in cui l’autrice nota (soprattutto nell’area italiana) da un lato una ripresa della letteratura classica nella descrizione dei poteri delle streghe, dall’altro un collegamento con la demonologia cristiana, poiché si riteneva che il demonio potesse far sembrare reali quelle trasformazioni illusorie che, altrimenti, erano percepite come semplici favole narrate da antichi poeti. I capitoli quinto e sesto descrivono il contesto quattrocentesco, approfondendo come il tema della stregoneria sia stato affrontato da alcuni celebri predicatori dell’Osservanza francescana (Bernardino da Siena, Giovanni da Capestrano, Giacomo della Marca, Roberto Caracciolo) anche in rapporto ad alcuni casi specifici, come quello di Finicella a Roma nel 1426 e quello di Santuccia a Perugia nel 1455, condannate entrambe a morte per stregoneria. Un processo a cui viene dedicato ampio spazio è quello subito da Matteuccia di Francesco nel 1428 nel foro secolare di Todi; essa venne arsa sul rogo a causa dell’imputazione di numerosi reati, tra cui l’uccisione e il dissanguamento di infanti, l’invocazione del demonio e l’essere andata più volte, con altre streghe, al Noce di Benevento. Un aspetto importante che emerge nel sesto capitolo (in particolare pp. 186–211) è l’influenza del dibattito dotto sulle cacce alle streghe, che – significativamente – aumentarono in maniera esponenziale in concomitanza con l’avvento dell’Umanesimo (a cavallo tra XIV e XV secolo) e nel periodo più florido del Rinascimento (tra XV e XVI secolo). Autori come Girolamo Visconti, Ambrogio Vignati, Bernardo Rategno, Mariano Sozzini il Vecchio, Marsilio Ficino, Leon Battista Alberti, Giovanni Pico della Mirandola, Angelo Poliziano, trattarono ampiamente la magia e la stregoneria nelle loro numerose declinazioni, asserendo o dubitando la veridicità di diverse pratiche ormai tradizionalmente associate a questi temi, come il volo notturno, la trasformazione dei corpi o l’arte divinatoria. Nel settimo e ultimo capitolo l’autrice porta a compimento l’analisi degli exempla rinascimentali, osservando come nel XVI secolo la connessione tra le figure della mitologia antica e le streghe di quegli anni fosse percepita come una realtà consolidata. Basti pensare al passo dell’opera „Strix, sive de ludificatione daemonum“ in cui Giovanni Francesco Pico della Mirandola (1523) fa dire a Fronimo e Apistio (due dei protagonisti) che le Medee e le Circi in quell’epoca erano divenute centinaia se non addirittura migliaia, o ancora a testi più tardi, come „La démonomanie des sorciers“ di Jean Bodin (1580) e la „Demonolatria“ di Nicolas Rémy (1595), in cui il nesso tra stregoneria antica e moderna è particolarmente esplicito. In definitiva, si tratta di un volume che, mediante il ricorso a un numero elevato di fonti di diversa natura, tratteggia le linee di un percorso millenario che permette di comprendere come, nella formazione dell’idea moderna di stregoneria, abbiano influito anche le narrazioni che si rinvenivano nella letteratura antica. Secondo l’autrice, il nesso tra antico e moderno non fu casuale, ma derivò dalla circolazione delle conoscenze tra i vari livelli di cultura, dall’intreccio di interconnessioni tra folklore e carta stampata che si verificò nel corso dei secoli e che influenzò allo stesso modo le „streghe“ e i giudici che le processavano „way before the two groups ever met“ (p. 246).Vincenzo Tedesco

A tanta impresa inettissimi. La congiura deʼ Pazzi secondo Angelo Poliziano e Niccolò Machiavelli. Profili, commenti e approfondimenti di Emiliano Ventura, Roma (Arbor Sapientiae Editore) 2018 (Damnatio memoriae 10), 118 S., ISBN 978-88-94820-62-1, € 18.

Der Bd. präsentiert den bekannten Kommentar zur Verschwörung durch Angelo Poliziano in italienischer Übersetzung gemeinsam mit dem achten Buch aus Machiavellis „Istorie fiorentine“, in dem die Pazzi-Verschwörung behandelt wird – bei Ventura allerdings ohne jeglichen philologischen, textkritischen oder sonstigen Apparat. Vorangestellt ist eine konfuse Abhandlung zum historischen Kontext, die literarische Allgemeinplätze zur italienischen Geschichte mit Rückblicken bis zum Investiturstreit vermischt und das „gran secolo“ des italienischen 15. Jh. anpreist. Nach den Textübersetzungen (die Poliziano-Übersetzung ist reichlich antiquiert) folgt eine mehr schlechte als rechte Nacherzählung, die sich an dem – wie die neuere Forschung nachgewiesen hat – hier mehrfach inkorrekten Guicciardini orientiert, unter Einwebung pseudowissenschaftlicher Theorien zum Herzog von Urbino, Federico da Montefeltro, und zum päpstlichen Condottiero Giovan Battista da Montesecco. Dem literarischen Interesse des Hg. entspricht es, wenn schließlich Seitengeschichten zu Simonetta Vespucci und einem angeblichen Subtext mit Bezug zur Geschichte von Herostratos bemüht werden. All dies geschieht ohne wirkliche Analyse, Einordnung oder Kenntnisnahme der neuesten historischen Literatur. Jedenfalls bringt vorliegendes Werk keinen nennenswerten Erkenntnisgewinn für die wissenschaftliche Forschung.Tobias Daniels

Frühe Neuzeit

Franco Motta, In causa fidei. Studi sul momento teologico-politico della prima età moderna, Torino (Libreria Stampatori) 2017, XI, 214 pp., ISBN 978-88-96339-34-3, € 18.

Il tema della regula fidei o regula veritatis attraversa tutta la storia della Chiesa cristiana. Il primo tentativo di impostare la questione fu messo a fuoco da Ireneo di Lione, nella seconda metà del II secolo d. C., in conseguenza della frammentazione dottrinale derivante dalla riflessione dei gruppi gnostici, ricorrendo al concetto di tradizione apostolica, che designava la dottrina costante, risalente agli apostoli, di cui la Chiesa romana, fondata sui principes apostolorum Pietro e Paolo sarebbe la più alta rappresentante. Il tema del primato in senso giurisdizionale si pose invece verso la fine del IV secolo, quando il peso politico di Roma cominciò a declinare in seguito all’ascesa di Costantinopoli, e con esso anche il peso ecclesiastico, come mostra la controversia tra le due chiese di cui rimane traccia nel canone 3 di Costantinopoli (381 d. C.), ribadito dal canone 28 di Calcedonia (451 d. C.). In quell’occasione la Chiesa di Roma fondò giuridicamente, come esigeva il caso, il suo primato sui testi di Matteo e di Giovanni (non di Luca, p. 7), riferiti a Pietro, e quindi mettendo da parte Paolo, nel tentativo non riuscito di estendere a tutto l’impero le prerogative che vantava sulle chiese di occidente. A partire da quell’epoca i due temi della dottrina e della giurisdizione si intersecano variamente, con diverse accentuazioni, fino a trovare una convergenza nella costituzione Pastor aeternus del concilio Vaticano I (1870). Il presente volume si concentra sulla „sistemazione teorica del potere della Chiesa romana nell’età della Controriforma“, in particolare sulla dottrina della sovranità papale come fu elaborata dai teologi cattolici tra il XVI e il XVII secolo (p. V). L’arco temporale studiato è testimone di una interessante evoluzione del papato, che dovette fare i conti con il protagonismo assunto nella vita ecclesiastica dai principi secolari, in controtendenza rispetto alle istanze dell’XI secolo, e con il rifiuto delle prerogative papali in materia dottrinale e in campo giurisdizionale messo in opera dagli esponenti della Riforma. Si tratta di una evidente riduzione delle prerogative pontificie, che gli ambienti romani cercarono di controbilanciare presentando il papa come „padre comune“ prima di tutti i cristiani e poi dei soli cattolici, e come iudex controversiarum, proposte che trovarono una accettazione limitata nel tempo e nello spazio, come mostra il fatto che le chiese del continente europeo adottarono, nel XVIII secolo, l’episcopalismo come orientamento dominante. Nel volume confluiscono tre saggi di ineguale estensione, in massima parte originali. Il primo, dal titolo: „Una figura di sovranità. Il paradigma del papa come ‚iudex controversiarum‘“, prende in esame le teorie elaborate da due gruppi di teologi, distribuiti lungo tutto il Cinquecento: Johannes Eck, coinvolto in prima persona nelle controversie tedesche, Melchor Cano e Albert Pigghe, insieme ai gesuiti Diego de Ledesma, Roberto Bellarmino e Martin Schellekens o Becanus, i quali elaborarono una teologia e un metodo capaci di supportare la rinnovata espansione cattolica negli anni a cavallo tra il Cinque e il Seicento. Il secondo saggio: „Esercizi intorno alla secolarizzazione. La Controriforma attraverso le categorie della teologia politica di Carl Schmitt“ prende in considerazione il concetto elaborato dal giurista tedesco del XX secolo, ma già applicato da Eusebio di Cesarea all’imperatore Costantino nel IV secolo, partendo dalle domande poste da Agostino di Ippona, relative al rapporto tra sovranità e decisione e alla capacità del singolo di interpretare e di decidere. Lo studioso tedesco, che approfondì a più riprese il concetto, sostenne che lo stato moderno fondò il suo potere includendo la confessione religiosa e mette in rilievo la funzione dirimente dell’autorità religiosa, nel caso specifico del capo della Chiesa cattolica. Il terzo e più corposo saggio, dal titolo: „Una teologia del giudizio tardocinquecentesca e la sua ombra al tempo del Vaticano I“, si sofferma sull’opera del teologo gesuita Gregorio de Valencia, attivo a Roma e all’università di Ingolstadt, dove si formarono molti governanti cattolici. Il teologo gesuita si sofferma sul rapporto tra fede e obbedienza, un concetto espresso già da Paolo nella lettera ai Romani, per confermare la particolare sovranità del papa. Il caso del perseguimento della stregoneria permette di riflettere sulla doppia personalità del giudice, nei suoi aspetti pubblico e privato. Un passo ulteriore è la riflessione sull’infallibilità personale del papa come giudice della fede, nella quale si riprende, in linea con i dibattiti ottocenteschi, il tema del rapporto tra l’infallibilità della Chiesa e quella del pontefice. Nel complesso i tre saggi ritracciano il percorso storico di una teoria rimasta allo stato di proposta al momento della sua elaborazione e attuata quando le condizioni di applicabilità erano in buona parte venute meno.Silvano Giordano

Bernard Dompnier/Stefania Nanni (ed.), La mémoire des saints originels entre XVIe et XVIIIe siècle, Roma (École française de Rome) 2019 (Collection de l’École française de Rome 545), 562 pp., ill., ISBN 978-2-7283-1300-6, € 40.

Negli ultimi decenni il panorama storiografico ha prestato non poca attenzione allo strutturarsi durante la prima età moderna del processo di canonizzazione e, in parallelo e in relazione ad esso, ai meccanismi e alle strategie di volta in volta attuate per promuovere il culto dei nuovi santi. Il volume curato da Bernard Dompnier e Stefania Nanni si inserisce nel solco di questa stagione di studi ma, piuttosto che sui santi più recenti, si concentra su quelli dei primi secoli o, con alcune significative eccezioni, del Medioevo. Di questo sterminato pantheon sono analizzati i mutamenti cui esso andò incontro in conseguenza di fenomeni più generali quali la critica protestante al culto dei santi, l’imporsi dopo il concilio di Trento nel mondo cattolico di un modello liturgico unico controllato da Roma e, per converso, le rivendicazioni a mantenere i culti della propria tradizione da parte di diocesi, singole città o anche intere realtà nazionali. Nell’ammissione degli stessi curatori il volume non esaurisce le possibilità di indagine legate a una materia tanto vasta e frammentata. I vari saggi sono attenti, tuttavia, a fissare i cardini attorno ai quali sviluppare tale ambito di ricerca e, al tempo stesso, forniscono alcuni significativi studi di caso. È confermata, innanzitutto, la centralità di Roma. Dagli ultimi anni del XVI secolo è infatti la Congregazione dei Riti, come sottolineato nell’articolo di Annick Delfosse (pp. 127–141), a regolare il culto dei santi delle origini, spesso venerati solo localmente, e a determinarne la sopravvivenza o meno. Un ruolo centrale fu ugualmente conferito a Roma dai nascenti studi di archeologia cristiana. Massimiliano Ghilardi (pp. 377–397), a tal proposito, sottolinea come le catacombe romane, sin dalle prime indagini nell’ultimo quarto del XVI secolo, siano state viste come miniere di santità dalle quali estrarre corpi santi e reliquie. Altri contributi guardano a Roma come fruitrice attiva delle nuove modalità cultuali e devozionali rivolte ai santi delle origini: Jean-Marie Le Gall (pp. 13–55) offre una minuziosa panoramica sullo spazio da essi occupato nelle chiese di Roma tra XVI e XVIII secolo; Alessandro Serra (pp. 57–92), per il medesimo ambito cronologico, si concentra sulla tesaurizzazione delle reliquie e le devozioni loro tributate da parte delle confraternite romane; Alessia Lirosi (pp. 93–109) e Stefania Nanni (pp. 335–376) indagano rispettivamente i percorsi di ridefinizione cui in età posttridentina andarono incontro Agnese e la memoria congiunta degli apostoli Pietro e Paolo. Al di fuori dell’orizzonte romano, ampio spazio è riservato al contesto francese al quale sono dedicati gli articoli di Mathieu Lours (pp. 111–126), Thomas D’Hour (pp. 143–163), Bernard Dompnier (pp. 165–189), Xavier Bisaro (pp. 191–204), Lise Andries (pp. 279–297) e Catherine Vincent (pp. 299–318). Per quanto invece riguarda le realtà regionali italiane, Sara Cabibbo (pp. 319–343) analizza i percorsi di appropriazione spesso conflittuali che riguardarono i santi delle origini cristiane nella Sicilia moderna. L’articolo di Paolo Cozzo (pp. 429–445), a sua volta, ben evidenzia l’uso della santità antica che fu fatto dalla dinastia sabauda nei suoi domini italiani, ma anche nel ducato di Savoia. Nel volume non mancano, altresì, alcuni casi studio dedicati alla presenza del patrimonio cultuale paleocristiano nelle arti perfomative. Una panoramica sul teatro agiografico italiano del XVII secolo è offerta da Bernardette Majorana (pp. 261–278). Anne Piéjus (pp. 205–228), prendendo in esame la produzione musicale della Congregazione dell’Oratorio di Roma, rivela la poca enfasi inaspettatamente riservata ai santi dei primi secoli. È questo un dato di cui la studiosa evidenzia la controtendenza rispetto all’ampio spazio concesso proprio dalla Congregazione dell’Oratorio – con la sua produzione storiografica, agiografica e artistica – alla santità delle origini. Sulla musica, ma guardando all’intera Europa, si concentrano nel loro articolo anche Cécile Davy-Rigaux e Anne Teulade (pp. 229–260). Il contributo di Stefano Cavallotto (pp. 399–427), infine, offre una panoramica ricca di spunti sulla memoria dei santi delle origini all’interno delle chiese riformate. Lo studioso sottolinea come, talvolta, il loro ricordo potè sopravvivere, sebbene deprivato di un vero e proprio culto. Figure vissute in età apostolica o in un periodo ancora caratterizzato dalla purezza evangelica, esse vennero rivalutate e valorizzate quali testimoni della vera fede ed esempi di virtù.Giuseppe Antonio Guazzelli

Jesús Martínez de Bujanda (Ed.), El índice de libros prohibidos y expurgados de la inquisición española (1551–1819). Evolución y contenido, con la asistencia de Marcella Richter, Madrid (Biblioteca de Autores Cristianos) 2016 (Indices de libros prohibidos 12), XXXII, 1227 S., ISBN 978-84-220-1883-4, € 64.

Unter der Leitung des mittlerweile emeritierten Sherbrooker Professors Jesús Martínez de Bujanda entstand in den letzten fast 40 Jahren die wohl wichtigste Bestandsaufnahme zur Geschichte der katholischen Buchzensur. Es handelt sich dabei um das Zusammentragen, Auswerten und Veröffentlichen aller relevanter Indices der verbotenen Bücher seit dem 16. Jh. Die ersten zehn Bde. der Edition widmeten sich einzelnen in den unterschiedlichen Zentren katholischer Gelehrsamkeit entstandenen Indices und Listen. Im elften Bd. hingegen wurden Informationen aus den seit dem Clementinischen Index von 1596 entstandenen römischen Indices zusammengetragen und so eine alphabetische Liste aller in der vierhundertjährigen Geschichte der römischen Buchzensur verbotenen Werke nach ihren Autoren erstellt. Es stand noch aus, eine ähnliche Liste für die spanische Zensur zu veröffentlichen. Dies wurde mit dem vorliegenden Band nachgeholt. Bujanda leistet aber weit mehr, denn die 255 S. starke Einleitung ist weniger eine Anleitung für den Gebrauch der Bücherliste als ein ausführlicher Kommentar zur Entstehungsgeschichte der unterschiedlichen spanischen und portugiesischen Indices. Dabei wird einerseits mit Quellenmaterial aus verschiedenen europäischen Archiven gearbeitet, andererseits geht der Hg. detailliert auf die jeweiligen Akteure im Umfeld der einzelnen Indexeditionen ein und schließt somit eine wichtige ereignisgeschichtliche Lücke. Die Einleitung ist nach Jahrhunderten strukturiert. Die Entstehungskontexte der einzelnen Indices, die Zusammensetzung der spanischen Indexregeln sowie die Strukturierung und ständige Umstrukturierung der jeweiligen Bde. stehen dabei im Mittelpunkt der Untersuchung. Vor allem mit Blick auf die korrelativen Größen „Zensur“ und „Meinungsfreiheit“ widmet Bujanda einen beträchtlichen Teil der Einführung dem 19. Jh., einer Zeit, in der zwar keine Indices mehr gedruckt wurden, die Buchzensur jedoch weiterhin über Edikte stattfand. Es fällt auf, wie sehr die in der Vormoderne allgegenwärtige Macht der Beichtväter als Scharnier zwischen den jeweiligen kirchlichen Autoritäten und den Gläubigen sich bis ins Spanien des 20. Jh. retten konnte. Er illustriert es mit Beispielen aus den 1950er Jahren, als es durchaus noch möglich war, wegen des Besitzes eines von Balzacs Romanen aus seinem Ordenskolleg ausgeschlossen zu werden. Insofern verbindet Bujanda auch die Frage nach der Erforschung vormoderner und moderner Zensur mit einer kritischen, wachsamen Einstellung gegenüber dem, was er „el espíritu del índice, tan presente en nuestra sociedad actual“ bezeichnet. Abgesehen von Bujandas Anregungen auch für Zeithistorikerinnen und -historiker, zentral ist das Verzeichnis der verbotenen Bücher. Dieses Nachschlagewerk wird in der Zensurforschung zukünftig unentbehrlich sein. Bereits der elfte Bd. ist im kollegialen Austausch schon als „der Bujanda“ bekannt. Deshalb bleibt nur abzuwarten, wie wohl der zwölfte in Zukunft betitelt wird.Andreea Badea

Lucio Biasiori/Giuseppe Marcocci (Eds.), Machiavelli, Islam and the East. Reorienting the Foundations of Modern Political Thought, Cham (Springer International Publishing. Palgrave Macmillan) 2018, XI, 264 S., ISBN 978-3-319-53948-5, € 20.

Der vorliegende Bd. fällt angenehm aus dem Rahmen der unüberschaubaren wissenschaftlichen Produktion zu Machiavelli heraus, indem er einen Aspekt thematisiert, der bei Machiavelli etwas am Rande präsent ist, aber – wie die einzelnen Beiträge zeigen – lohnend vertieft werden kann: Verbindungen und Komparationen zwischen Machiavelli und dem nahen und fernen Osten. Lucio Biasiori vergleicht den viel diskutierten fürstenspiegelähnlichen Ansatz von Machiavellis „Principe“ mit einem in lateinischer Übersetzung als „Secretum secretorum“ nach Europa gelangten arabischen Fürstenspiegel und kann textliche Indizien dafür anführen, dass Machiavelli diesen Fürstenspiegel gekannt haben mag. Vincenzo Lavenia zeigt auf, wie es im 16. Jh., auch unter Bezug auf Machiavelli und Giovio, zu einer positiveren Deutung der Türken besonders im Bereich des Militärischen kam. Carlo Ginzburgs hier wiederabgedruckter Text beschäftigt sich mit der Rezeption des „Principe“ und der „Discorsi“ im französischen Antiquarismus des 16./17. Jh. Pier Mattia Tommasino spürt dem auch bei Machiavelli vorhandenen Bild Mohameds als Gesetzgeber nach. Muzaffar Alam und Sanjay Subrahmanyam untersuchen machiavellistische Echos in Fürstenunterweisungen in Indien durch jesuitische Missionare. Giuseppe Marcocci weist eine ähnliche Rezeption für Brasilien und Indien, vor allem durch portugiesische Vermittlung nach. Kaya Şayin vergleicht Machiavelli und den osmanischen Kanzler und Autoren Celālzāde Muṣṭafā (1490–1567). Nergiz Yilmaz Aydoğdu stellt einen Quellenfund zur ersten türkischen Übersetzung des „Principe“ im 18. Jh. vor und wertet ihn als mögliche Antwort auf politische Stagnationstendenzen der Zeit. Elisabetta Benigni schließlich präsentiert eine ägyptische Übersetzung des „Principe“ aus dem 19. Jh. und kommt zu dem Schluss: „the Arab Machiavelli powerfully contributed to the formation of contemporary political discourse about the nation and the right of citizens to resist colonial hegemony“ (S. 216). Wer derlei Sätze aus der Literatur zur Machiavelli-Rezeption beispielsweise in den Vereinigten Staaten von Amerika kannte, der lese diesen Band als erfrischenden Beitrag zu einer Verortung Machiavellis in einer „open and global Renaissance“ (S. 4).Tobias Daniels

Gigliola Fragnito, Rinascimento perduto. La letteratura italiana sotto gli occhi dei censori (secoli XV–XVII), Bologna (Il Mulino) 2019 (Collezione di testi e di studi. Storiografia), 325 S., ISBN 978-88-15-28020-6, € 26.

Wie ging die kirchliche Zensur vor und nach der Einrichtung der Indexkongregation mit Literatur des Rinascimento um? Fuhr sie angesichts religiöser und sittlicher Bedenken bei Werken von Boccaccio, Petrarca und vieler anderer eine harte oder weiche Linie zwischen Verbot, Verbrennung, „Ausbesserung“ und Toleranz? Verfuhren die Autoritäten streng normativ, systematisch und effizient? Wie reagierten die Literaten? So lauten die Ausgangsfragen von Gigliola Fragnito, langjähriger Erforscherin der kirchlichen Zensur, die mit diesem Buch in gewisser Weise die Summe aus ihrem bisherigen Schaffen zieht und dies gleich zu Beginn mit der Großthese verknüpft, die kirchliche Zensur habe in der langen Dauer entscheidend zu einer geringen Affinität der Italiener zum Lesen und zur Literatur beigetragen. Kap. 1 zeichnet die Grundlagen kirchlicher Zensur beziehungsweise einer Kultur kirchlicher Zensur vom 15. bis 16. Jh. nach. Neben den offiziellen Indices gab es – wie Kap. 2 verdeutlicht – halboffizielle Listen (ein Katalog der monita auf S. 67 f.). Kap. 3 zeigt die Entwicklung auf, im Zuge derer es von einem antihumanistischen Impetus etwa bei Bernardin von Siena und Savonarola nach der Reformation zu einem Klima des Häresieverdachtes kam, im Zuge dessen Boccaccio als Vorläufer Luthers erscheinen konnte (S. 79) und gerade die antiklerikale, antikuriale und säkularisierende Prägung humanistischer Schriften ins Auge fielen. Kap. 4 dokumentiert, dass Kriterien für Kritik regional sehr unterschiedlich ausfielen, bis hin zu einer gewissen Willkürlichkeit und sicher einer mangelnden Organisation der regionalen Durchdringung. In Kap. 5 wird deutlich, dass bei einer großen Anzahl an zurückgehaltenen oder vernichteten Schriften eigentlich die „Ausbesserung“ das Ziel war. Programmatisch wird ein Diktum Bellarmins aus dem Jahr 1598 zitiert: „Io non leggo quasi mai libro nessuno, che non mi bastasse l’animo di fargli sopra una buona censura“ (S. 126). Dabei wird deutlich, dass dies im Kontakt zwischen Rom und den lokalen Autoritäten vollzogen werden musste, und dies konnte sich langwierig und schwierig gestalten, beispielsweise, wenn florentinische Akademiker sich gegen einen „Angriff“ auf das „Dekameron“, die „Blüte und Säule unserer Sprache“ verwehrten und aus „amore della patria et della nostra favella“ die Kooperation verweigerten (S. 152). In Kap. 6 werden dann die prominenten Zensuren an Tassos „Gerusalemme liberata“ und Ariosts „Orlando furioso“ im Detail unter Auswertung der Gutachten der Zensoren aufgezeigt. Aber nicht nur diese kavallereske Literatur, sondern auch religiöse Literatur musste zensiert werden, weil es im Kampf gegen die Reformation notwendig erschien, das Wort Gottes möglichst korrekt unter die Leute zu bringen, wie in Kap. 7 argumentiert wird. Autoren reagierten darauf teils mit präventiver Selbstzensur und der Anpassung ihrer Themen, während nur wenige protestierten oder ihre Werke unvollendet zurückließen. Gelegenheitsliteratur wie den Pasquinaten war aufgrund ihrer volatilen Natur und ihrer teils klandestinen Entstehung weniger gut beizukommen, aber – so Kap. 8 – sie genoss als traditionelles Genre teils gar eine gewisse Toleranz (S. 262). Schließlich gab es – wie in Kap. 9 ausgeführt – Autoren, die sich die Mechanismen des Zensurbetriebs geradewegs zunutze machten, nicht nur um Werke der Renaissance zu retten. So gelang es etwa einem ehemaligen Nuntius in Venedig, Ludovico Beccadelli, eine „entschärfte“ Version von Antonio Beccadellis schlüpfrigen „Hermaphroditus“ im Jahr 1573 zur Publikation zu bringen, und dem schon zuvor herausgegebenen Briefwechsel des Panormita seinen eigenen beizustellen, im Bestreben, der Nachwelt ein günstiges Bild von sich selbst zu hinterlassen. Aufs Ganze betrachtet erweist sich dieses Buch also weniger als ein Nachweis dessen, was an Literatur des Rinascimento „verloren“ gegangen ist, sondern vielmehr als aufschlussreicher Einblick in eine höchst divergente und oft wenig erfolgreiche Praxis von Verbot und Emendation durch die kirchliche Zensur.Tobias Daniels

Giuliano Danieli, La musica nel mecenatismo di Ippolito II d’Este, Lucca (Libreria Musicale Italiana) 2018 (De Sono Associazione per la Musica, Tesi. N. S. 7), XXII, 235 S., Abb., ISBN 978-88-7096-829-3, € 25.

Das 2018 erschienene Buch stellt die Druckfassung einer in den Jahren 2011 bis 2014 an der römischen Universität La Sapienza im Fach Musikwissenschaft entstandenen Masterarbeit gleichen Titels dar. Frühere Studien zur musikalischen Patronage im Italien des Cinquecento haben erstaunlicherweise das für die Forschung sehr ergiebige Umfeld von Ippolito II d’Este bisher vernachlässigt, obwohl dieser in einzigartiger Weise Kunst und Musik gefördert hatte. Diese Forschungslücke zu bearbeiten, ist die dezidierte Intention des Autors, die er, wie er betont, mit einem interdisziplinären Ansatz zu verwirklichen sucht. Viele der bislang von der Forschung nicht ausgewerteten Dokumente stammen aus dem Archivio di Stato di Modena. Die Sichtung und Veröffentlichung dieser für die Musik- und Kunstförderung Ippolito II. d’Estes zentralen Quellen stellt die große Stärke dieser Publikation dar. An ihr eigentliches Thema, die Musikförderung, arbeitet sich die aus sechs Großkapiteln bestehende Studie erst langsam heran. Die Untersuchung beginnt mit einer Darstellung der Lebensumstände und politischen Kontexte der Biographie Ippolitos, daran schließt sich ein Großkapitel zu den Residenzen des Kardinals an, ehe sie sich der Festkultur Ippolitos zuwendet und anschließend seine zahlreichen Reisen nachzeichnet. Erst danach fokussiert die Studie die Musiker und die Musik am Hof Ippolitos II. Zwischen Kapitel 5 und Kapitel 6 ist zudem ein „Appendice“ mit prosopographischen Tabellen und Grafiken zu den „Musici alla corte di Ippolito“ eingefügt, ein für die Einbindung der Musiker in das soziale Umfeld von Ippolitos Hof sehr instruktiver Bestandteil, der freilich eher im Anhang des Buches zu platzieren wäre. Nicht nur für die musikwissenschaftliche Forschung stellt die Persönlichkeit von Ippolito II. d’Este ein überaus lohnendes und faszinierendes Forschungsthema dar. Ippolito – 1509 in Ferrara geboren und 1572 in Rom gestorben – war der zweite Sohn des ferrareser Herzogs Alfonso I. Humanistisch gebildet, verfügte er schon früh über ein großes Kontaktnetzwerk zu Gelehrten und Künstlern. Lange – vielfach diplomatisch motivierte – Frankreichaufenthalte schlossen sich an. Im Jahr 1539 erhielt Ippolito II. den Kardinalshut, wurde in den Folgejahren als Kandidat der profranzösischen Partei mehrfach als „papabile“ gehandelt und etablierte sich ab dieser Zeit auch im Kreise der einflussreichen römischen Familien. Stationen als Gouverneur sowie als Statthalter von Tivoli und Siena folgten, außerdem zahlreiche diplomatische Missionen. Die Darstellung Danielis benennt das Jahr 1555 als Beginn des politischen Abstiegs von Ippolito, der nicht zuletzt aus einer wachsenden Distanz des Kardinals zur päpstlichen Kurie sowie zu Frankreich resultierte. Seine letzten Jahre verbrachte der Mäzen in Rom und Tivoli, wo er nunmehr verstärkt die Kunst und die Musik als neue Aktionsfelder nutzte. So vertritt die vorliegende Publikation die Grundthese, dass Ippolito insbesondere in dem Moment, als sein politischer und diplomatischer Stern zu sinken begann, verstärkt in das Prestige seiner musikalischen Klangkörper investierte, um auf solche Weise seine in anderen Bereichen verlorene Reputation zu kompensieren und seine Macht und sein Renommee auf vielfältige Weise zu erweitern. Gerade in diesem Kontext vermisst man einen methodischen Blick auf grundlegende Fragen der Funktionalisierung von Musik bzw. Kunst im Dienste der Macht, welcher der Argumentation von Danielis Studie eine weitere Reflexionsebene hinzugefügt hätte. Die wichtigen Stationen von Ippolitos Lebensweg – der Autor periodisiert dessen Vita in vier Abschnitten – sind nicht nur als politisch-diplomatische Missionen greifbar, sondern bilden sich zugleich auch in baulich-architektonischen oder künstlerisch-musikalischen Handlungen und Aktionen ab. Die vielfältigen, transdisziplinär zu verortenden Teilbereiche, aus denen in der Summe Ippolitos Biographie resultiert, werden in der Untersuchung nicht in der Zusammenschau, sondern in einem kapitelmäßigen Nacheinander thematisiert. Hier stellt sich die Frage, ob nicht eine Zusammenschau der Parameter die Argumentation noch geschärft hätte. So präsentieren gerade Ippolitos Bau- und Wohnprojekte, wie sie sich eigentlich an allen seinen Aufenthaltsorten finden, auch Musikorte, an denen geistliche und weltliche Musik aufgeführt wurde. Mag sein, dass die Quellenlage in diesem Fall keine konkreten Aussagen zulässt, trotzdem hätten weitere Querverbindungen zwischen den Teilbereichen seiner Biographie der Arbeit sicherlich gutgetan. Während man über Ippolitos römischen Palazzo di Monte Giordano in der vorliegenden Veröffentlichung kaum etwas erfährt, wird dagegen die außergewöhnliche Residenz der Villa d’Este in Tivoli ausführlich thematisiert. Gerade im dortigen Park mit seinen Wasserspielen und der Klanginstallation der seinerzeit berühmten hydraulischen Orgel, die von französischen Baumeistern entwickelt wurde, manifestieren sich zwei Grundkonstanten der Ambitionen von Ippolito II.: sein lebenslanges Engagement für die Musik und seine engen Verbindungen zu Frankreich. Im damals vielbewunderten Park der Villa d’Este dokumentierte sich besonders ausgeprägt die Selbstinszenierung Ippolitos, die in unmittelbarer Wechselwirkung stand zur eher düsteren Phase seiner damals schon nicht mehr existenten politischen Karriere. So kann Ippolito II. – trotz des Verlustes seines politischen Prestiges – in der römischen Adelsgesellschaft weiterhin höchste Präsenz zeigen und Akzeptanz erfahren, auch indem er eigene, vom kulturellen Leben seiner Heimatstadt Ferrara unabhängige Wege beschreitet. Ein wichtiger Aspekt dieser Selbstfindung ist die schrittweise betriebene „Französisierung“ seines Hofes. So führten seine Reisen und Aufenthalte in Frankreich zu interessanten kulturellen Austauschprozessen. Hier lernte er die französische Musikkultur kennen und warb dort auch professionelle Musiker an, die er dann mit sich nach Italien brachte. Während er also 1539 zahlreiche französische Musiker engagierte, erfuhr der Hof des Kardinals in dessen letztem Lebensjahrzehnt eine eher umgekehrte Entwicklung, indem er „italienischer“ wurde. Hier stellt sich die Frage nach einem Tertium comparationis, wie beispielsweise die Situation in den Ensembles anderer Höfe aussah. Bekanntermaßen war ja bereits im 15. Jh. die höfische Kultur Italiens vorrangig eine französische Kultur, und so gab es bereits lange Traditionen kulturellen Miteinanders von frankoflämischer, französischer und genuin italienischer Kultur. So sollte auch die gelebte Transkulturalität von Ippolito II. d’Este in einen kontextuellen Rahmen gestellt werden, etwa durch Vergleiche zwischen Ippolitos Kulturtransfer und dem anderer Höfe und Ensembles. Auch auf die Frage, wie sich Ippolitos bilateraler Musikgeschmack auf das von seinen Musikern präsentierte Repertoire auswirkte, sollten Antworten gesucht werden, wenngleich hierzu offenbar nur wenige Quellen überliefert sind. Freilich verbinden sich mit seinem Hof auch eine ganze Reihe berühmter Musikernamen, wie Adrian Willaert, Francesco della Viola, Nicola Vicentino oder Giovanni Pierluigi da Palestrina. Hier könnte eine transkulturelle Analyse des an Ippolitos Hof dargebotenen Repertoires ansetzen. Insgesamt arbeitet die Untersuchung überaus quellenorientiert und dabei allerdings sehr deskriptiv. Hier hätte man sich vielfach mehr Interpretation der Quellen, mehr Einordnung in weitere zeitgenössische Kontexte sowie Vergleiche mit Konstellationen anderer Höfe gewünscht. Ansonsten muss der Blick auf Ippolito II. zwangsweise hermetisch bleiben. Auch die Untersuchung und Analyse der ihm gewidmeten sowie zu seinen Ehren geschriebenen Kompositionen (Kapitel 6) überzeugt nicht wirklich. Hier stellt sich die grundlegende Frage, ob sich überhaupt Spezifika in den ihm zugedachten Werken würden ausmachen lassen. Die vom Autor angeführten Beispiele jedenfalls referieren einfachste musikalische Textausdeutungen, wie sie in der Zeit häufig vorkommen und eher nicht spezifisch sein können für das besondere Verhältnis von Ippolito II. zu „seinen“ Komponisten und Musikern. Nicht wirklich deutlich wird auch, was der Autor unter der von ihm gewählten Methode des interdisziplinären Zugriffs versteht. Wie für die Musikwissenschaft freilich der Blick in andere Disziplinen auch weitere ergiebige Quellen liefern kann, das zeigt der Autor an den die Musikaufführungen betreffenden Beschreibungen aus dem – der Forschung freilich nicht unbekannten – ferrareser Kochbuch von Cristoforo di Messisbugo (1529). Wenngleich verschiedene Reproduktionen von Schriftdokumenten keine gute Qualität haben und man sich hier lieber höher auflösende Wiedergaben gewünscht hätte, und obwohl viele der in der Untersuchung angeführten Dokumente lediglich zitiert und nicht wirklich interpretiert und eingeordnet werden und man außerdem eine eingehende Methodendiskussion in dieser Studie vergeblich sucht, ist die von Giuliano Danieli vorgelegte Untersuchung für die Beschäftigung mit der Patronage der Frühen Neuzeit grundlegend, weil sie sich erstmals anhand der in Modena überlieferten Dokumente umfassend mit der Musikförderung von Ippolito II. d’Este auseinandersetzt. Dass dabei viele Fragen zunächst unbeantwortet geblieben sind und in der Zukunft noch viel Forschungsarbeit zu leisten sein wird, dessen ist sich auch der Autor bewusst.Sabine Ehrmann-Herfort

Renate Vergeiner, Bomarzo. Ein Garten gegen Gott und die Welt, Basel (Birkhäuser-De Gruyter) 2017 (Edition Angewandte), 351 S., Abb., ISBN 978-3-0356-1203-5, € 49,95.

Wer einmal dort war, dem geht er nicht mehr aus dem Sinn: der heilige Wald von Bomarzo. Seit Jahrhunderten gibt dieser unweit von Viterbo gelegene verwunschene Skulpturengarten mit seinen kolossalen, steinernen Fabelwesen, den phantastischen Architekturen und bizarren Inschriften Besuchern wie Kunsthistorikern Rätsel auf – und inspirierte bis in die Moderne hinein Künstler wie Salvador Dalí oder Niki de Saint Phalle. Schöpfer dieses wundersamen Parks war Fürst Vicino Orsini (1523–1585), der diesen ab Mitte des 16. Jh. in Sichtweite zum Palazzo Ducale von Bomarzo, dem Stammsitz seines Geschlechts, nach seinen Ideen verwirklichen ließ. In seiner Jugend von humanistisch gebildeten Gelehrtenzirkeln Venedigs geprägt, war Orsini als Offizier in päpstlichen Diensten an diversen Feldzügen nach Frankreich und Deutschland beteiligt, bevor er sich desillusioniert von der Politik und dem als betrügerisch abgelehnten Papsthof ins Privatleben zurückzog, um sich bis zu seinem Lebensende mit zunehmender Intensivität der Gestaltung seines bosco sacro zu widmen. Grundlegenden Zugang zum Verständnis dieses rätselhaften Parks lieferte vor gut drei Jahrzehnten Horst Bredekamp, der anhand der Auswertung von Orsinis Korrespondenz die Biographie und Geisteswelt des gelehrten Fürsten rekonstruieren und zahlreiche geistesgeschichtliche Bezüge zwischen den Parkgebilden und althistorischen Motiven in globaler Dimension sowie zu künstlerischen und literarischen Werken des 16. Jh., allen voran der „Hypnerotomachia Poliphili“, herstellen konnte (Horst Bredekamp, „Vicino Orsini und der heilige Wald von Bomarzo. Ein Fürst als Künstler und Anarchist“, 2 Bde., Worms 1985). Mit „Bomarzo. Ein Garten gegen Gott und die Welt“ hat die Wiener Kunsthistorikerin Renate Vergeiner eine zweite umfangreiche Monographie vorgelegt, bei der es sich um die überarbeitete und erweiterte Fassung ihrer 2001 an der Universität für angewandte Kunst Wien angenommene Habilitationsschrift handelt. Die Autorin unternimmt den ehrgeizigen Versuch, die bisweilen verwirrend disparat wirkenden Ensembles als zusammenhängendes Gesamtprogramm zu deuten, für das sie eine Vielzahl weiterer Inspirationsquellen ausmacht. Zentrale These ist die „eines hermetischen Läuterungsweges und einer Erlösungshoffnung, die sich nicht am römischen Papst, sondern an den umstürzlerischen Ideen des Giordano Bruno orientierte“ (S. 11). Obschon die revolutionären Thesen des im Jahr 1600 als Ketzer hingerichteten Theologen erst in den letzten Lebensjahren Orsinis gedruckt wurden, Brunos Hauptwerk „De gli eroici furori“ erst im Sterbejahr des Fürsten 1585 erschien, war Vergeiner zufolge das Wäldchen als „Illustration der höchst verdächtigen ‚Heroischen Leidenschaften‘ Giordano Brunos angelegt, indem es den Wanderer in gefährliche Situationen brachte und an seine Abgründe heranführte: Anschauung fiel sowohl bei Bruno als auch bei Vicino mit dem fulgor, dem Blitzstrahl der Erkenntnis, zusammen. Giordano Brunos Auslegung, dass der menschliche Geist die ‚blendende Wirkung des Blitzes‘ nicht aushalte und davon getötet würde, nahm auch Vicino als Parabel für die letzte Erkenntnis, die zugleich Tod und Erlösung bringe“ (S. 18). Als Vorlagen für den neuplatonisch verstandenen, einem Heldenepos aus lustvollen Freuden und todbringenden Gefahren gleichenden Läuterungsweg sieht Vergeiner paradiesische und etruskische Vorstellungskreise, das mittelalterliche Ritterideal weiterführende Romane sowie die 1471 in der lateinischen Übersetzung Marsilio Ficinos gedruckten hermetischen Schriften, deren Vermengung altorientalischer, antiker und christlicher Elemente in dem Wäldchen „mit solchen aus antiker und zeitgenössischer Mythologie, wie auch mit Querverweisen auf die Biographie des Bauherrn, unentwirrbar verschmolzen“ (S. 63). Der Hauptteil der Studie ist als Rundgang durch den sacro bosco gestaltet, was zwar einige Redundanzen bezüglich der anhand der Arrangements exemplifizierten Kernthesen bedingt, den Leser jedoch, einem von Vicino Orsini eingeweihten Adepten gleich, durch das Wäldchen führt. Die sieben Hauptkapitel entsprechen sieben Bereichen, in welche die Autorin den Park gliedert und als „sieben Stufen des hermetischen Läuterungsweges“ (S. 39 f.) in Anlehnung an die sieben Weltwunder bezeichnet, die wiederum in der Sockelinschrift einer der beiden Sphingen am Parkeingang angesprochen werden (S. 62 f.). Die bisweilen weitgreifenden Analysen sämtlicher Ensembles wirken gelegentlich etwas anachronistisch-modernistisch, wissen oft jedoch zu überzeugen und bieten manch überraschende Erkenntnis: So belegt etwa eine Zeichnung Giovanni Guerras, die dieser in der zweiten Hälfte des 16. Jh. von der Tartaruga angefertigt hatte, dass die auf dem Rücken der Riesenschildkröte auf einer Kugel balancierende weibliche Figur, die verschiedentlich als Nike, Fama oder Fortuna interpretiert wurde, ursprünglich nicht etwa eine Posaune, sondern eine etruskische Doppelflöte, den Subolo, spielte (S. 237–239). Vergeiners These von der Riesenschildkröte als Metamorphose etruskischer Tumuli, die sie entsprechend als „zoomorphe Umdeutung des Todesmotivs in ein Symbol der Langlebigkeit und sogar der Ewigkeit“ (S. 235) interpretiert, wird durch die Identifizierung des aus Wandmalereien etruskischer Nekropolen bekannten Blasinstruments untermauert, „dessen mystische Klänge wohl auch hier erklangen, um den Triumph der Lust stilvoll zu verkünden“ (S. 237). Dank der reichhaltigen Bebilderung mit neuen, teils großformatigen Fotografien wird die Lektüre des umfangreichen Buches auch zu einem virtuellen Rundgang. Als verdienstvoll hervorzuheben ist schließlich die Neuübersetzung der Inschriften in einem dem zeitgenössischen Volgare angemessenen Duktus, sowie der auf den Terrassen des Palazzo Ducale spolienhaft inszenierten lateinischen Inschriften, welche die Autorin „als Travestie ihrer christlichen Vorbilder“ (S. 276) zu deuten versteht. Wenngleich die These vom sacro bosco als Läuterungsweg nicht gänzlich zu überzeugen vermag, bietet Vergeiners ideenreiche Monographie eine Reihe neuer schlüssiger Deutungen, die zum vertiefenden Verständnis dieses wohl rätselhaftesten aller frühneuzeitlichen Gärten einen gewichtigen Beitrag leisten. Vicino Orsinis heiliger Wald in Bomarzo dürfte weitere Forschergenerationen herausfordern, sich einer umfänglichen Deutung jedoch entziehen.Tobias C. Weißmann

Gianluca Montinaro (a cura di), Aldo Manuzio e la nascita dell’editoria, Firenze (Olschki) 2019 (Piccola biblioteca umanistica 1), V, 110 pp., ill., ISBN 978-88-222-6635-4, € 14.

Aldo Manuzio, nativo di Bassiano, formatosi culturalmente a Roma e attivo professionalmente a Venezia, incarna l’essenza dell’intellettuale tra tardo Quattrocento e inizio Cinquecento. Il bel volume curato da Gianluca Montinaro, dotato di una solida compattezza tematica seppure molto vario negli aspetti indagati, ricostruisce in maniera efficace e rigorosamente documentata la parabola biografica, culturale e imprenditoriale di una delle figure più originali del primo Rinascimento italiano. I sette contributi che compongono il testo ripercorrono gli aspetti della personalità e dell’opera dell’editore, mettendone in luce i contatti con illustri dotti italiani ed europei, evidenziandone le qualità mercantili e culturali, facendone risaltare l’amore per la letteratura, per le lingue antiche, per il mondo classico dal quale trasse non solo il suo emblema (l’ancora e il delfino), ma anche il motto „festina lente“. Il volume offre anche uno spaccato molto accurato dell’epoca in cui l’editore visse e operò: le lacerazioni indotte dalla discesa in Italia di Carlo VIII di Valois, l’inizio delle guerre d’Italia, la dissoluzione dei precedenti equilibri e la ricerca di nuovi assetti di potere. La cultura come estremo rifugio, come ricerca di pace interiore e di perfezione si accompagnava in Manuzio a un prodigioso fiuto per gli affari e alla convinzione che offrire capolavori della classicità in formato maneggevole e non appesantito da commentari e apparati fosse da un lato un’operazione utile a favorire la lettura personale di un pubblico sempre più alfabetizzato e dall’altro lato andasse a intercettare un bacino di utenti sino ad allora scarsamente considerato. Il contributo di Giancarlo Petrella, „L’eredità di Aldo. Cultura, affari e collezionismo all’insegna dell’ancora“, pp. 15–33, ripercorre il cammino veneziano di Manuzio che, sostenuto dai capitali di Andrea Torresani, suo socio e futuro suocero e dall’estro creativo del bolognese Francesco Griffo, riuscì a imporre la sua idea di collana editoriale, facendo della recente arte della stampa un veicolo di diffusione della cultura e operazione culturale essa stessa. D’altra parte, le potenzialità del nuovo mezzo di comunicazione erano già al centro degli interessi economici dei più sensibili mecenati di fine Quattrocento, come i Massimi di Roma, ad esempio, che individuarono nella stampa un’opportunità di investimento, mettendo contestualmente in atto una rinnovata forma di evergetismo. Manuzio seppe poi imprimere ai suoi prodotti (testi greci destinati a un pubblico più elitario, testi latini per raggiungere e fidelizzare un gruppo più ampio di lettori, rare incursioni nel volgare) un marchio inconfondibile, l’ancora e il delfino che apparvero per la prima volta nel 1502 e dei quali il contributo di Antonio Castronuovo, „Nel delfinario di Aldo“, pp. 55–69, ricostruisce genesi, significato ed evoluzione. Anche in questo caso, Manuzio fu guidato dalla sua passione per la cultura classica, dal momento che la sua marca tipografica – prassi identificativa già presente, tra l’altro, nelle opere uscite dalla bottega del Torresani – fu ispirata al denario, moneta coniata nell’età di Vespasiano, di cui Pietro Bembo gli donò un esemplare. Ancora una volta intuizione, cultura, simbologia e occhio alle possibilità di successo resero i prodotti editoriali di Manuzio, le aldine, espressione artistica di alto livello. Sulla personalità dello stampatore si concentra Gianluca Montinaro, „Aldo Manuzio e gli Scriptores astronomici veteres“, pp. 71–85, che pone l’accento sulla vocazione accademica di Aldo, da lui spesso evocata. Il suo espresso desiderio di dedicarsi completamente all’attività intellettuale, distaccandosi dal lavoro di bottega, si risolve talvolta in una ben leggibile captatio benevolentiae tesa a giustificare la lentezza con cui i volumi venivano licenziati e immessi sul mercato. Ciò non significa, ovviamente, ritenere convenzionale o di maniera la sua tensione ideale verso la pratica esclusiva dell’attività letteraria. Corrispondente e amico delle menti più brillanti del suo tempo (Alberto Pio da Carpi, Guidubaldo da Montefeltro, Erasmo da Rotterdam), nonché editore del misterioso „Hypnerotomachia Poliphili“, Manuzio non ha smesso di esercitare il suo fascino neppure sul mondo contemporaneo. Come dimostra in modo molto godibile Massimo Gatta nel saggio conclusivo, „L’altro Aldo Manuzio. La figura e l’opera dalla narrativa al fumetto“, pp. 87–102, persino la cultura pop dei comics e la letteratura di evasione sono ancora attratte dalla personalità dello stampatore. Del resto, non potrebbe essere diversamente, considerando la poliedricità dei suoi interessi, l’afflato classico sempre presente nella sua attività editoriale, la visione – proiettata verso un futuro che lambisce il nostro tempo – inerente l’essenzialità della disseminazione del patrimonio culturale, la consapevolezza che le humanae litterae siano la più preziosa delle eredità.Eleonora Plebani

Volker Reinhardt, Leonardo da Vinci. Das Auge der Welt. Eine Biographie, München (C. H. Beck) 2018, 363 S., Abb., ISBN 978-3-406-72473-2, € 28.

Bernd Roeck, Leonardo. Der Mann, der alles wissen wollte. Biographie, München (C. H. Beck) 2019, 429 S., Abb., ISBN 978-3-406-73509-7, € 28.

Aus der ungeheuren Publikationsflut, die sich anlässlich des 500sten Todestages von Leonardo da Vinci ergossen hat, sind auch zwei Monographien deutscher Renaissance-Spezialisten zu besprechen: jene schon 2018 erschienene von Volker Reinhardt und jene 2019 durch Bernd Roeck veröffentlichte. Beide Autoren haben sich einem schwierigen Unterfangen gestellt, denn einerseits scheinen fast alle Quellen zu Leonardo bekannt, und Neufunde wie die berühmte Notiz in einer Heidelberger Inkunabel sind sehr rar (in beiden Werken nicht rezipiert sind die von Lorenz Böninger neu aufgefundenen Quellen zu Leonardo in Florenz 1481 und Mailand 1483, jeweils einzeln veröffentlicht in den „Mitteilungen des Kunsthistorischen Instituts Florenz“), und andererseits gesellen sich in Leonardos Fall zu den an sich spärlich gesäten Schriftquellen eine Masse an mehr oder minder seriösen, teils aber völlig absurden Theorien und Spekulationen. Wie beide Autoren eingangs betonen, habe es allerdings bisher keine, zumal deutschsprachig zusammenfassende Monographie aus der Feder eines Historikers gegeben. Bei einer Aufgabe wie Leonardo kann es da nur positiv stimmen, dass das Jubiläum gleich zwei Experten auf den Plan gerufen hat. Wie die Lektüre zeigt, ist es gut, dass sie sich beide ans Werk gemacht haben, denn aus derselben Quellenlage schöpfend, haben sie doch unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Die Bücher taugen nicht nur als Einführungswerke zu Leonardos weithin bekanntem Lebensweg, der sich den verfügbaren Quellen zum Trotz dennoch immer wieder dem Betrachter entzieht: Die toskanische Kindheit als Sohn eines Notars aus Vinci, die Lehre in der Werkstatt Verrocchios, die (immer wieder nicht ausgeführten) Aufträge für die Signoria, Privatpersonen und Klöster in Florenz, der große Karriereschritt mit dem Aufenthalt im Mailand des Ludovico Sforza, die unsteten Engagements in Mantua, Venedig, Florenz, der recht erfolglose Aufenthalt in Rom und das Ende am Hofe des französischen Königs Franz I. in Cloux. Hervorgehoben seien hier in aller Kürze die grundsätzlichen Unterschiede der beiden Monographien. Volker Reinhardt legt seit Jahrzehnten in seinen Monographien den Analyseschwerpunkt auf die politische Relevanz von Kunst und Kunstaufträgen im Sinne von „Imagebildung“ und „Propaganda“ des Rinascimento, verstanden als Substitut für defizitäre Legitimität, sowie die Erforschung und Hinterfragung von Mensch und Macht in der Renaissance. Genau diese Perspektive beleuchtet er auch in seinem „Leonardo“ stärker, unter Konzentration auf die Textüberlieferung und durch ein konsequentes Abarbeiten an Vasari, Leonardos Texten, durch Bildanalysen gleichsam mit dem Seziermesser, und mit eingehender soziopolitischer Kontextualisierung des Protagonisten. Dieser Ansatz bringt oft entscheidende Neuinterpretationen hervor, beispielsweise jene, dass Leonardos letzte Anstellung in Frankreich auch dazu diente, französische Ansprüche auf Mailand zu untermauern (S. 307 f.). Bernd Roeck darf man hingegen als Historiker charakterisieren, der eine besondere Sensibilität und Affinität für genuin kunsthistorische Fragestellungen hat. Erwartungsgemäß legt er geradezu programmatisch den Akzent auf die „Rekonstruktion der kreativen Prozesse“ (S. 10) und Fragen wie jene nach Leonardos Wesen (Kap. V.3: Wie war er?). Er führt seinem Leser den Künstleralltag und die Ästhetik der Bilder grandios vor Augen, auch durch sehr qualitätsvolle Abb. und einen umfangreichen Tafelteil. Zudem wartet Roeck mit einigen Thesen zum künstlerischen Werk Leonardos auf, die Diskussionen anstoßen können, beispielsweise zu frühen Reminiszenzen an Pollaiuolo (S. 49), zu venezianischen Verbindungen in einer frühen Zeichnung eines Kriegers (S. 53), zu der Zeichnung des im Zuge der Pazzi-Krise erhängten Bernardo Baroncelli als mögliche Vorskizze für ein Gemälde (S. 73–76 – die Argumentation überzeugt mich hier nicht, zudem ist S. 73 das Attentat im Dom falsch datiert), zu der Geschichte der Anna Selbdritt (S. 201, technisch argumentierend für eine Einpassung in die Priorenkapelle des Palazzo Vecchio) oder zu den zwei Fassungen der Felsengrotten-Madonnen (S. 97–104 und S. 262–266). Etwas zu kurz kommt aus Sicht des Rezensenten in beiden Büchern die Diskussion der Kopie der Mona Lisa im Prado (die bedenkenswerte Theorie von Riccardo Fubini und Massimo Giontella, die auch auf Leonardos Verhältnis zu Pollaiuolo rekurriert, wird von beiden Autoren nicht rezipiert). Beide Bücher sind konsequent nach der historisch-kritischen Methode aus den veröffentlichten Quellen gearbeitet und zudem gefällig (wenn auch meines Erachtens teils etwas zu journalistisch) geschrieben. Wer solide, gut recherchierte und geschriebene Biographien mit manch neuer Erkenntnis zu dem Meister aus Vinci lesen will, greife ruhig zu beiden.Tobias Daniels

Friederike Hausmann, Lucrezia Borgia. Glanz und Gewalt. Eine Biografie, München (C. H. Beck) 2019, 320 S., Abb., ISBN 978-3-406-73326-0, € 24,95.

Florian Neumann, Die Wahrheit über Lucrezia Borgia, Dietzingen (Philipp Reclam jun. Verlag) 2019, 239 S., Abb., ISBN 978-3-15-011205-2, € 20.

Die Borgia gehören zu den berühmtesten, berüchtigtsten und medial präsentesten Familien der Renaissance. Ihre bekanntesten Mitglieder sind zweifelsohne Rodrigo Borgia alias Papst Alexander VI., Cesare Borgia, genannt der Valentino, und eben Lucrezia Borgia, deren Todestag sich 2019 zum 500sten mal jährte. Wie auch über die gesamte Familie, ist über Lucrezia seit langem Vieles an Sensationalisierungen und Seemannsgarn im Umlauf, während historische Kontextualisierungen, geschweige denn kritische Editionen, etwa des Briefwechsels (erst nach dem Buch erschien: „Obediente figliola: le familiari di Lucretia Borgia a Ercole I d’Este“, a cura di Bruno Capaci e Maddalena Modeste, Bologna 2020), rar bleiben. Bis heute kann neben vielen italienischen und englischen Beiträgen die Monographie von Gregorovius als Standardwerk gelten. Anlässlich des runden Datums haben sich nun zwei deutsche Autoren die Aufgabe gestellt, Monographien für eine breitere Leserschaft zu verfassen, und dies mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Friederike Hausmann, Vf. vieler populärwissenschaftlicher Texte zur Geschichte Italiens, legt eine Monographie vor, die durchaus auch von fachhistorischem Interesse ist, nicht zuletzt, weil sie in klugen Abwägungen der edierten Quellen mit zahlreichen schwarzen Mythen aufräumt. Hausmann beschreibt den Lebensweg Lucrezias im Geflecht der Familienbeziehungen, der Heiratspolitik der Borgia sowie der großen Politik Italiens mit guter geographischer Übersicht und hervorragender Kenntnis römischer Lokalitäten, großer Aufmerksamkeit für das Atmosphärische, das Zeremoniell und modische Details. Neben zu vernachlässigenden kleineren Schnitzern (z. B. muss es S. 39 „Adnuntio“ heißen, S. 87 „Scole“) kann man aus fachhistorischer Sicht manchen Beschreibungen und Wertungen nicht zustimmen. So wird beispielsweise die polemische Charakterisierung des „von der Leine Lassens“ und die Bewertung angeblich katastrophaler Misserfolge der Realität des päpstlichen Legationswesens keinesfalls gerecht (S. 37), auch die Charakterisierung von „Wissenschaft“ als reinem Antikenwissen auf S. 54 greift zu kurz. Dass Savonarola sich auf Attacken gegen den Papst verlegt habe, um „davon abzulenken, dass seine Voraussagen einer großartigen Zukunft für Florenz nicht eingetroffen waren“ (S. 90), ist unzutreffend, hatte sich doch Savonarola schon seit den 1470er Jahren dezidiert und überzeugt auf Kritik am Papsttum konzentriert. Generell wird etwas zu stark der persönlich-affektive und zu wenig der funktionale Aspekt von Familienbelangen bei den Borgias betont. Durch das Bestreben, Lucrezias Schicksal vor allem mit großen Ereignissen zu korrelieren, gerät das Narrativ teils etwas langatmig und manche psychologische Wertung wirkt romanhaft. Oft entsteht der Eindruck von Lucrezia als Spielball der Ereignisse. Eine Reduktion der Großnarrative, eine stärkere Hervorhebung der vielen vorhandenen edierten Originalbriefe und auch der Vergleich mit weiteren fürstlichen Frauen der Zeit hätten die Person Lucrezias selbst besser in den Vordergrund treten lassen. So ist es eher ein Bericht über sie, aber dennoch ein seriöser, gut lesbarer, empfehlenswerter. Florian Neumann hat ein Übersichtswerk für ein breites Publikum vorgelegt, das in weiten Teilen an dem oft in langen Textpassagen zitierten Gregorovius orientiert ist. Ohne neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu bieten, ist es solide gearbeitet und zeichnet sich durch vielfach eingewobene Übersetzungen der Quellen aus. Leider geht das Bestreben, einer Leserschaft ohne Vorwissen ein spannendes Narrativ zu präsentieren, nicht immer mit einer präzisen Sprache und Argumentation einher, und auf manche unbelegte Psychologisierung hätte gut verzichtet werden können. Das Buch eignet sich somit lediglich für einen ersten Zugriff. Sehr nützlich in dieser Monographie ist unterdessen die Materialsammlung in dem rezeptionsgeschichtlichen Teil, der Ansätze für eine weitere wissenschaftliche Bearbeitung bietet.Tobias Daniels

Nelson H. Minnich (a cura di), Alla ricerca di soluzioni. Nuova luce sul Concilio Lateranense V. Studi per i 500 anni del Concilio, Città del Vaticano (Libreria Editrice Vaticana) 2019 (Pontificio Comitato di Scienze Storiche. Atti e documenti 48), 396 S., Abb., ISBN 978-88-266-0165-6, € 30.

Das V. Laterankonzil hat einen schweren Stand in der Kirchengeschichte, obwohl es mit Nelson H. Minnich einen ebenso gelehrten wie engagierten Historiographen fand. Seine zahlreichen Studien und Editionen zu diesem Konzil, in die sich der von ihm aus Anlass des 500. Jubiläums herausgegebene Sammelbd. einreiht, haben unsere Kenntnis über das Konzil und seine politischen Hintergründe, theologischen Inhalte und zeremoniellen Abläufe entscheidend erweitert; der Eindruck eines in vielerlei Hinsicht problematischen und enttäuschenden Ereignisses bleibt jedoch. Einberufen als Reaktion auf das mit antipäpstlichem und gallikanischem Impetus vom französischen König Ludwig XII. initiierte II. Pisanum nach einer jahrzehntelang zwischen Konzilssehnsucht und Konzilsangst kreisenden öffentlichen Debatte konnte dieses Konzil die hochgesteckten Erwartungen einer endlich anzupackenden Kirchenreform nicht erfüllen. Es nahm in der kirchengeschichtlichen Tradition, repräsentiert durch die Editionsserien der Konzilsakten, dann auch einen unrühmlichen Platz als letztes in der Serie der spätmittelalterlichen Reformkonzilien ein (Alberto Melloni, S. 347–360). Politisches Kernthema des Konzils war die Auseinandersetzung mit der Pragmatischen Sanktion von Bourges (1438), mit der das französische Königtum in teilweiser Rezeption der Dekrete des Basler Konzils dem Machtanspruch des Papsttums trotzte. Gleich mehrere Beiträge befassen sich mit dem durch die politische Konstellation notwendigerweise antikonziliaristisch agierenden Konzil und der Lösung des Konflikts durch das Konkordat von Bologna (1516). Benoît Schmitz (S. 105–137) liefert den Überblick über die politischen Vorgänge und erklärt die Bedeutung der konziliaren Approbation des Konkordats aus der Logik der Pragmatischen Sanktion. Die ekklesiologische Dimension des Kampfes um den päpstlichen Primat erläutert Charles Morerod anhand der Stellungnahmen Cajetans (S. 259–272). Als konkretes politisches Instrument des Papsttums erlebte das von Bernard Barbiche (S. 65–76) untersuchte Legatenamt in dieser Zeit seinen Höhepunkt, bevor es vom System der permanenten Nuntiaturen verdrängt wurde. Bernard Ardura (S. 97–104) präsentiert einen Musterfall des päpstlichen Selbstbehauptungskampfes anhand eines Konflikts mit dem südfranzösischen Parlement der Provence. Kernelement der Debatte war die Rechtsfigur der libertas ecclesiae, deren langfristige kanonistische Traditionslinien von Kenneth Pennington (S. 77–95) in einer sehr nützlichen Synthese dargelegt werden. Der Freiheitskampf der Kirche äußerte sich vor allem in reaktiven Befreiungsschlägen des von vielen Seiten bedrängten Papsttums. Dies zeigen die verschiedenen Beiträge zu den unterschiedlichen Reformprojekten dieser Zeit, die den Schwerpunkt des Bd. bilden. Das wie alle Beschlüsse des Lateranense als päpstliche Bulle publizierte Dekret Superne dispositionis arbitrio (1514) wird im Beitrag von Agostino Borromeo (S. 183–200) unter dem Blickwinkel der Repression des blasphemischen Fluchens analysiert; es war jedoch in der Tat ein reformerischer Rundumschlag für sehr heterogene Lebensbereiche, der vor allem eines zeigte: Man wollte unbedingt den Eindruck vermeiden, die längst überfälligen Reformen zu verschlafen. Die spanisch-dominikanische pressure group auf dem Konzil sorgte für die Aufnahme des Problems der heimlich dem Judentum anhängenden Konvertiten auf die päpstlich-konziliare Agenda (Anna Esposito, S. 55–64). Durch die Einschärfung der Ordensregeln und Stärkung der bischöflichen Visitationsbefugnisse in Frauenklöstern versuchte man dem Misstrauen gegen die zahlreichen Mystikerinnen, besonders aus den Reihen der weiblichen Religiosen, Rechnung zu tragen (Gabriella Zarri, S. 159–181). Selbst die lange angemahnte Kalenderreform versuchte man nun energisch anzugehen. Wie Ugo Baldini (S. 201–221) zeigt, war der Effekt aufgrund der stark politisierten und – was spätantike Vorlagen betraf – oft häretisierten Debatte eher kläglich. Auch die Kampfansage an das alte, längst ökonomisch und juristisch rationalisierte Ritual der Plünderungen von Kardinalspalästen während des Konklave blieb Episode (Andreas Rehberg, S. 223–244). Einige auf dem Konzil behandelte theologische Spezialthemen fügen sich in das Bild ein. Das gegen die aristotelische Tradition gerichtete Dogma von der unsterblichen Seele wurde von der philosophischen Wissenschaft jahrzehntelang ignoriert und führte zu einer eigentümlichen Dissoziation theologischer und philosophischer Diskurse (Paul F. Grendler, S. 273–303). Die Böhmenmission des ungarischen Papst- und Konzilslegaten Tamás Bakóc, über die sich kaum Nachrichten erhalten haben, fügt sich ein in eine lange Kette erfolgloser Reintegrationsversuche der Hussiten in die katholische Kirche (Antonin Kalous, S. 305–320). Immerhin gelang eine Vertiefung der bereits 1445 in Florenz vollzogenen Union mit den maronitischen Christen (Onorato Bucci, S. 335–345). Die langwierige theologische Diskussion um die Zulässigkeit der gemeinnützigen Banken zum Geldverleih gegen moderate Zinsen kam durch ein Machtwort des Papstes zum Stillstand (Maria Giuseppina Muzzarelli, S. 321–334). Der Bd. enthält zudem einige wichtige Beiträge zur konkreten Imagination des konziliaren Geschehens. Die von Gaetano Magarelli (S. 139–158) geschilderte musikgeschichtliche Dimension des Ereignisses Konzil fügt sich gut zum politisch-theologischen Geschehen: So gelang durch die Positionierung des Te deum eine bewusste Absetzung vom Basler Konzil und damit verbunden eine antikonziliaristische Überhöhung des konziliaren Zeremoniells; und wo Musik zur Majestätsrepräsentation des Papsttums nicht ausreichte, kamen Salven von Kanonenschüssen zum Einsatz. Das zeitgenössische Repertoire visueller Propaganda mit ihrem monumentalen, antikisierenden Stil in der Malerei demonstriert Arnold Nesselrath (S. 29–54). Eine architektur- und ritualgeschichtliche Rekonstruktion des räumlichen Settings unternimmt der Hg. Nelson H. Minnich (S. 245–258) selbst. Die Beiträge dieses sehr facettenreichen Sammelbd. gehen weit über das für die Zeitgenossen enttäuschend verlaufende Konzil selbst hinaus und leisten wichtige Beiträge zu ganz unterschiedlichen politischen, theologischen und kunstgeschichtlichen Entwicklungen dieser Zeit. Der Bd. demonstriert damit eindrucksvoll, dass Konzilien nicht vorrangig als Element der katholischen Lehrtradition, sondern als tief verflochtene Ereignisse der europäischen Geschichte zu verstehen und zu erforschen sind. Thomas Woelki

Guillaume Alonge, Ambasciatori. Diplomazia e politica nella Venezia del Rinascimento, prefazione di Sergio Luzzatto, Roma (Donzelli) 2019 (Saggi. Storia e scienze sociali), X, 276 pp., ISBN 978-88-6843-885-2, € 30.

Che sin dal Medioevo e per tutta l’Età Moderna Venezia abbia rappresentato „un altro mondo“ – recuperando l’efficace espressione di Giorgio Cracco – è comprovato da centinaia di studi che hanno fatto luce su ogni peculiarità che l’ha resa tale: tipicità politiche e istituzionali, geografiche, religiose e sociali, senza dubbio urbanistiche, organizzative, logistiche e di conseguenza economiche e commerciali; infine, come ha dimostrato più di recente il filone di studi animati da Filippo De Vivo, anche comunicative. Dunque Venezia fu „un altro mondo“ persino per dei professionisti della comunicazione come gli ambasciatori della prima Età Moderna, al centro di un numero costantemente crescente di opere. Sono protagonisti anche del libro di Guillaume Alonge, il quale scava abilmente in questo inesauribile giacimento offrendo un lavoro interessante. E ha ragione Sergio Luzzatto quando nella prefazione del libro scrive che „è uno spazio – quello veneziano del primo Cinquecento – così occhiutamente battuto dalla ricerca storica che si fatica quasi a immaginare, oggi, la possibilità di guardarlo attraverso lenti originali“ (p. VIII), così come ha ragione quando poco più avanti sostiene che il libro riesce invece a smentire questa sensazione. Va però notato che il suo titolo (forse voluto dall’editore?) è in qualche modo ingannevole. Non siamo di fronte a un’opera che si occupa di „Ambasciatori. Diplomazia e politica nella Venezia del Rinascimento“, ma (inevitabilmente) a molto di meno e (apprezzabilmente) a molto di più. Il libro infatti non ha come oggetto l’intero corpo diplomatico che risiede a Venezia nel „Rinascimento“ – categoria peraltro storiograficamente spinosa, come emerge dal recente magistrale saggio di Isabella Lazzarini, „I nomi dei gatti. Concetti, modelli e interpretazioni nella storiografia politica e istituzionale d’Italia (a proposito di tardo Medioevo e Rinascimento)“, in: Archivio Storico Italiano 4 (2018) –, ma gli ambasciatori francesi di Francesco I di Valois e in parte del figlio, Enrico II. Di controcanto, va anche sottolineato che sarebbe assai riduttivo dire che questo libro si occupa soltanto di diplomatici francesi a Venezia nella prima metà del Cinquecento. Dalle pagine emerge infatti una ricerca ambiziosa, erudita e dal respiro ampio, in grado di proporre una chiave di lettura articolata dell’inestricabile arazzo veneziano del tempo. Come in ogni buon libro che si occupi di diplomazia a Venezia, la trama di fili politici, religiosi e culturali resta costantemente a vista nel lavoro di Alonge, il quale mette a frutto suoi precedenti saggi sull’evangelismo francese e sulla diplomazia, organizzandoli e arricchendoli con questioni nuove. Il lavoro sovrappone e fa suoi una serie di filtri che fanno parte di una tradizione storiografica ormai più che solida, come la Venezia „porta“ di varie culture (sul Mediterraneo, d’Oriente e della Riforma). A questi l’autore aggiunge quello, meno tradizionale – e qui emerge uno dei principali apporti innovativi del libro – della città soglia della cultura greca antica, per la quale gli ambasciatori del re Cristianissimo – tra cui Ludovico di Canossa, Jean de Langeac, Lazare de Baïf – fecero da ponte con Parigi, sfruttando la florida industria libraria veneziana e dando così un deciso apporto al fiorire del classico in Francia. I diplomatici erano a tutti gli effetti tramiti di culture „altre“, da Venezia e verso Venezia. E così come si spendevano nella ricerca, nella lettura, nello studio e talvolta nella traduzione dei classici greci, o più raramente arabi o ebraici, i „prelati di Stato“ (titolo del sesto capitolo) secondo l’autore furono anche promotori di un peculiare modello di evangelismo francese in Laguna. Erano infatti quasi tutti vescovi legati alla rete di Margherita di Navarra, sorella di Francesco I e fautrice di Jacques Lefèvre d’Étaples. Resta poi la loro fisionomia – tipica di ogni ambasciatore della prima Età Moderna – di raffinati umanisti, di astuti e coltissimi maestri di retorica, abili manovratori capaci di sfruttare il contesto a vantaggio loro e delle loro consorterie, prima ancora che a beneficio della politica estera del sovrano, senza però mai tradirne gli intenti. Nell’agitato contesto delle guerre d’Italia, per gli ambasciatori del re di Francia Venezia era infatti anche il luogo dal quale contribuire in maniera determinante al progetto dell’„empia alleanza“ antiasburgica con l’Impero ottomano di Solimano, oltre che con l’Ungheria filoturca di Giovanni Záplolya, con l’Inghilterra dello scismatico Enrico VIII, e con i prìncipi protestanti tedeschi. La residenza diplomatica di Ca’ Dandolo (alla quale il libro dedica un bel capitolo) era altresì la sede nella quale si potevano intessere rapporti con uomini di cultura raffinata e trasversale, tra cui Tiziano Vecellio, Pietro Aretino, Luigi Alamanni, Antonio Brucioli, Giulio Camillo Delminio, Sebastiano Serlio, Girolamo Fracastoro, Pierre Danès e Guillaume Postel, molti dei quali „in odore di eresia“, per usare un’espressione cara all’autore. Nella lettura di un disegno politico-religioso logico, dove tutto sembra riconducibile a uno schema più ampio e lungimirante, e nel quale gli ambasciatori del re di Francia vengono studiati prima e dipinti poi „come un gruppo compatto, che agisce in maniera coordinata e concordata nell’arco di diversi decenni“ (p. 6), resta il dubbio che qualcosa venga parzialmente sovrainterpretato o eccessivamente enfatizzato dall’autore, a discapito di una valutazione che tenga conto delle contraddizioni strutturali tipiche di ogni apparato complesso e di ogni contesto ambiguo. Ciononostante, il libro resta un lavoro d’indubbia qualità, destinato a essere apprezzato e dibattuto, perché oltre al pregio di essere ben scritto e ben strutturato, riesce a far luce su tratti poco esplorati (su tutti la diplomazia francese in rapporto all’evangelismo e alla cultura greca) di quel „mondo altro“ che contribuì a rendere Venezia „un altro mondo“.Marco Albertoni

François I et l’espace politique italien. États, domaines et territoires, études réunies par Juan Carlos D’Amico et Jean-Louis Fournel, Rome (École française de Rome) 2018 (Collection de l’École française de Rome 548), pp. 506, ill., ISBN 978-2-7283-1342-2, € 33.

Questo volume aggiunge un ampio contributo alla storiografia sulle guerre d’Italia, tema che è tornato ad occupare un posto centrale nell’attuale dibattito grazie a numerose ricerche recenti caratterizzate non più, come nei decenni precedenti, da una prospettiva di storia nazionale ma da un approccio transnazionale e sinergico tra varie storiografie (soprattutto italiana, francese, spagnola). Il volume si inscrive in questo contesto „d’une approche européenne de l’histoire de guerres d’Italie“ (p. 29). Esso raccoglie 23 contributi di storici di varia provenienza nazionale e ha come filo conduttore la relazione complessa e cangiante fra François I di Valois (1515–1547) e la penisola italiana, uno „spazio politico“ in cui le frontiere tra le varie entità istituzionali, come i curatori precisano nella prefazione, erano porose, oggetto di conflitti così come lo era la stessa appartenenza dei domini. Il volume è strutturato in quattro sezioni. Tre di esse articolano le relazioni tra il re di Francia e varie aree della penisola, mettendo anche a confronto le strategie del Valois con quelle ispano-imperiali di Carlo V. Nella prima parte si guarda soprattutto alla Lombardia. Si parte dal tema della continuità/discontinuità tra la politica di Luigi XII e quella di Francesco I, impostato da Stefano Meschin che ravvisa la differenza più marcata tra i due sovrani rispetto allo stato di Milano nel campo della tassazione, per poi approfondire nei tre contributi successivi, rispettivamente di Séverin Duc e Mario Rizzo, di Matteo di Tullio e di Luca Fois, il nodo delle risorse umane – militari e diplomatiche – ed economiche necessarie per finanziarie campagne militari dai costi crescenti. La guerra, inoltre, come dimostra Massimo Carlo Giannini, provocò con i ripetuti cambi di sovranità mutamenti anche nell’attribuzione delle rendite e dei benefici ecclesiastici, „un terreno di caccia“ (p. 109) per le corone che, nella contesa per il possesso della Lombardia, miravano ad assicurarsi la „fedeltà“ dell’alto clero in una complessa triangolazione con la corte romana. È incluso in questa prima parte per evidenti coerenze politico-territoriali („l’asse Genova-Milano“) un contributo di Arturo Pacini su Genova sulla quale durante le guerre d’Italia la Francia esercitò quasi due decenni di dominio diretto prima del voltafaccia di Andrea Doria (1528). La seconda parte del volume concerne il rapporto di Francesco I con stati che furono alleati o potenziali alleati, a volte nemici. La politica verso la Firenze repubblicana e medicea è riconsiderata da Jean-Louis Fournel attraverso le pagine di contemporanei come Machiavelli, Guicciardini e altri storici quali Francesco Vettori e Donato Giannotti. Florence Alazard presenta un quadro problematico delle relazioni con Venezia, grande nemica della Francia al momento della guerra di Cambrai, poi nuovamente alleata, come era nella tradizione dei rapporti tra i due paesi. Venezia è uno snodo diplomatico essenziale – al quale Francesco I destina ambasciatori di spicco anche per la loro funzione culturale di tramiti tra l’umanesimo francese e la cultura greco-bizantina – una piazza di raccolta delle informazioni che richiede un vero e proprio servizio di spionaggio, cruciale nelle altalenanti relazioni fra Venezia, la Sublime Porta e la Francia. Si legano al saggio di Alazard le pagine che Paolo Procaccioli dedica ai rapporti tra la corte di Francia e il letterato toscano Pietro Aretino la cui casa veneziana si trasformò a partire dal 1538 in una „cancelleria sui generis“ (p. 202) dalla quale lo scrittore, che negli anni Trenta ricevé onori e mercedes sia dall’Asburgo che dal Valois (al quale era da più tempo legato), interveniva con i suoi scritti e le sue „Lettere“, influenzando il dibattito pubblico. Michele M. Rabà da parte sua mette in evidenza le specificità della relazione tra Francesco I e i Savoia sia a livello geopolitico, essendo il Piemonte la porta d’Italia e passaggio obbligato dell’asse Genova – Milano, sia a livello dinastico per essere una Savoia la influente madre del re, Luisa. In nome delle pretese dinastiche i francesi mossero nel 1536 un massiccio attacco, rivendicando Asti e Nizza e procedendo all’occupazione della regione, sostenuti anche da molti feudatari savoiardi e piemontesi (pp. 220–223). La terza parte è dedicata alle relazioni con il papato e con il Regno di Napoli e di Sicilia. Il rapporto tra Francesco I e i papi del suo tempo è affrontato da vari punti di vista. Approfondisce la congiuntura del 1515 e il momento del concordato di Bologna Valeria Calderella Allaire, laddove Marcelo Simonetta si sofferma sulla „delicata questione di Urbino“ e su Lorenzo de’ Medici „principe nuovo“. Christine Shaw torna sul ruolo di condottieri degli esponenti delle più eminenti famiglie del baronaggio romano, mostrando come, in una fase in cui il coinvolgimento dei Colonna nel servizio ispano-imperiale non era ancora completo e compatto, esso era comunque più ampio e incisivo di quello che per il re di Francia svolgevano gli Orsini non essendo costoro sudditi naturali del re come lo erano rispetto al Cattolico prima e a Carlo V poi i Colonna per i feudi nel Regno. Alain Tallon puntualizza le ambiguità della politica di Paolo III sostenendo come non fosse la crisi religiosa al centro delle relazioni franco-romane (p. 312) e come d’altra parte la proclamata neutralità del papa suscitasse incomprensioni sia da parte francese che da parte imperiale. Sebbene la capacità di penetrazione francese nella curia e nella città fosse minore di quella ispano-asburgica, un ruolo cruciale come punto di riferimento del re, dei suoi ambasciatori e dei cardinali francesi svolse, come dimostra Andrea Vanni, il cardinale teatino Gian Pietro Carafa, poi Paolo IV il cui filofrancesismo affondava le radici nel risentimento per la repressione spagnola nei confronti della nobiltà filofrancese napoletana alla quale appartenevano i Carafa di Montorio. Se nessun contributo concerne in maniera specifica Napoli, uno dei curatori, Juan Carlos D’Amico, analizza in un ampio saggio i tumultuosi rapporti tra la nobiltà siciliana e il re di Francia dalla rivolta, scoppiata alla morte del Cattolico (1516) al 1535, passando per la congiura del 1523 appoggiata dall’antimediceo cardinale Soderini. La quarta parte – più eterogenea – è consacrata all’immagine del re e del suo avversario. Da un lato Cédric Michon compara le rappresentazioni del sovrano francese al momento del trionfo di Marignano e della sconfitta di Pavia mentre Jonathan Dumont mostra come, nonostante la massiccia propaganda reale, all’inizio degli anni Venti fossero redatti in Francia testi che mettevano con un linguaggio anche brutale in questione la politica italiana del re. Per contro Manuel Rivero Rodríguez focalizza la svolta impressa alla politica italiana di Carlo V, nel crinale tra gli anni Venti e Trenta, dall’affermazione della aggressiva ideologia imperiale intrisa di elementi religiosi del gran Cancelliere Gattinara, mentre Maria J. Rodríguez Salgado si sofferma sul linguaggio della propaganda nei tumultuosi anni Quaranta, aperti dalla spedizione di Algeri e dalla assassinio di Antonio Rincón (1541), sullo sfondo delle relazioni non solo tra i due antagonisti ma anche di entrambi con il pontefice, il re d’Inghilterra, Solimano e mostrando lo scarto tra il realismo politico che le caratterizzava e il ricorso nei discorsi giustificativi a motivazioni religiose e morali. Chiudono la quarta parte il saggio di Alexandra Merle che verte sulla evoluzione dell’immagine di Francesco I nella narrazione delle guerre d’Italia da parte dei cronisti di Carlo V e quello di Eric Leroy du Cardonnoy che considera i condizionamenti ideologici e politici della ricostruzione storica delle guerre d’Italia per un’epoca e un contesto assai diverso: quelli dei paesi di lingua tedesca tra Sette e Ottocento. In conclusione si tratta di un volume che, come i curatori ribadiscono nell’epilogo, individua nella politica italiana una direttrice costante dell’azione di Francesco I pur articolandola secondo una periodizzazione precisa in fasi diverse, animate da logiche differenti e con protagonisti cangianti. Spostandosi dalle interpretazioni tradizionali dell’antagonismo tra due grandi personalità e dalla considerazione dell’encerclement territoriale come motivazione essenziale della politica italiana di Francesco I il volume pone la penisola italiana nella sua complessa e frastagliata realtà e nei suoi condizionamenti europei al centro dell’attenzione chiedendosi quale fossero gli intenti e la recezione della politica del re.

Maria Antonietta Visceglia

Martin Sladeczek, Vorreformation und Reformation auf dem Land in Thüringen. Strukturen – Stiftungswesen – Kirchenbau – Kirchenausstattung, Köln-Weimar-Wien (Böhlau) 2018 (Quellen und Forschungen zu Thüringen im Zeitalter der Reformation 9), 720 S., Abb., ISBN 978-3-412-50810-4, € 100.

Die in der vorliegenden Arbeit untersuchte historische Landschaft Thüringen zwischen Harz und Thüringer Wald sowie Werra und Saale folgt aus praktischen und arbeitsökonomischen Gründen unter Ausschluss einiger Randgebiete weitgehend den heutigen Grenzen des Freistaates Thüringen (S. 17). Hier herrschte die sog. mitteldeutsche Grundherrschaft vor; die Bauern hatten eine „recht gute rechtliche Stellung“ und die Dörfer erfreuten sich einer weitreichenden Selbstverwaltung (S. 33). Der Vf. betrachtet im Teil I die Vorreformation und Reformation auf dem Land in den Jahren von 1470 bis 1520. Dabei werden das Verhältnis zwischen Gemeinde und Pfarrer, die Kirchenfabrik und der Einfluss der Gemeinde sowie die Rechnungsführung der „Alterleute“, d. h. der aus der Mitte der Gemeinde gewählten Verwalter der Kirchenfabriken, untersucht. Unter der Kapitelüberschrift „Die Verdichtung des Sakralen durch Bauern und Adel“ werden Memorial-, Mess-, Vikarien-, Kapellen- und Hospitalsstiftungen sowie Frömmigkeitsformen wie Laienbruderschaften, Prozessionen, Wallfahrten betrachtet. Im steten regionalen Vergleich innerhalb des Untersuchungsgebietes (S. 175–188) werden auch das Aussehen und die Ausstattung von Dorfkirchen bis hin zum Beinhaus analysiert. Teil II geht der frühen Reformation in Thüringen (1520–1526) nach, für die angesichts des Mangels an direkten Quellen zunächst weitere Indizien gesucht werden müssen. Der Autor sieht eine gewisse Kontinuität zur vorreformatorischen Periode wie die Beschwerdekultur und den latenten Antiklerikalismus. Die Konsequenzen aus der sich ausbreitenden reformatorischen Bewegung vor dem Bauernkrieg zeigten sich in der Verweigerung der Abgaben, im neuen Verhältnis zwischen Gemeinde und Pfarrern, am Wegbrechen der Stiftungen und der Wallfahrten sowie am Bedeutungsverlust der geistlichen Gerichte. Der Autor konstatiert ein abruptes und „beinahe völliges Zusammenbrechen der vorreformatorischen Kunstproduktion“ (S. 290). Überall wurden Stimmen laut, die die freie Pfarrerwahl sowie die Rückerstattung von kirchlichem Stiftungsgut an die Stifter und deren Erben oder die Verwendung „für den gemeinen Nutzen“ forderten (S. 295). Der Niederadel zeigte in dieser Phase kein geschlossenes Bild. Einige Adelige mussten durch den Kurfürsten zur Aufgabe ihres Widerstandes gezwungen werden (S. 304, 393, 404), von der unterdrückten Reformation im albertinischen Gebiet vor 1539 ganz zu schweigen (S. 395–401). Zu den Geburtswehen der frühen Reformation gehörte auch der anfängliche allgemeine Pfarrermangel (S. 319, 361 f.). Es bedurfte des effizienten Instruments der Visitationen und deren Erlasse, um in den fast 4 1/2 Jahrzehnten von 1526–1570 einen wirklichen Wandel in der Frömmigkeit herbeizuführen (Teil III). Das Verhältnis zwischen den Gemeinden und den nun verheirateten Pfarrer wandelte sich grundlegend. Es kam zur Auflösung der Großpfarreien und Neustrukturierung der Pfarrlandkarte. Damit verbunden war der wachsende Einfluss der Obrigkeit und des landesherrlichen Kirchenregiments im Kurfürstentum Sachsen. Trotzdem hielt sich eine gewisse vorreformatorische Frömmigkeit noch hier und da, zumal in der Nähe der Enklaven des Mainzer Erzbistums (S. 436–443). Langsam vollzog sich der Wandel auch an und in den Kirchen. Der Vf. untersucht hierfür Inventare und die heute noch vorhandenen Relikte an vasa sacra, Bibliotheken, Beinhäusern und vor allem die Bildwerke. Noch in den 1560er Jahren waren etliche vorreformatorische Altarretabel vorhanden (S. 520). Dank dieses Beharrungsvermögens hat sich in evangelischen Kirchen oft mehr Vorreformatorisches als in katholischen Gotteshäusern erhalten (S. 207). Biblische Szenen auf den alten Altären waren toleriert; nur Heiligenfiguren und nicht-biblische Darstellungen wurden entfernt bzw. verhüllt, um die Neugläubigen nicht zu desorientieren (S. 522 f.). Beim Neubau einer Kirche herrschte meist „Konsens zwischen niederadligen Gerichtsherren und Bauern“. „Ehrenplätze oder Patronatslogen in der Kirche betonten die Stellung der Herrschaft im Ort, Grabdenkmäler dienten unverändert der persönlichen Memoria in der Familie und der Herrschaft“. Man markierte damit auch den gemeinsamen Widerstand „gegen die landesherrliche Kirche“ (S. 486). Zunächst entwickelte sich kein evangelischer Kirchenbau (S. 477, 510). Das Bevölkerungswachstum führte konfessionsübergreifend zum Einbau von Emporen (S. 498 f.). Die Meinung, dass die Bauern „in den Begriffen einer Fürstenreformation“ gedacht hätten, weist der Autor mit Blick auf seine Ergebnisse entschieden zurück (S. 551). Das thesenreiche Buch stellt einen wichtigen Beitrag zur Debatte um Gemeindereformation und Fürstenreformation dar, die hier auf die lokalen Gegebenheiten herunterdekliniert werden und damit zu weiteren Vergleichen mit anderen Regionen anregen. Hingewiesen sei auch auf die umfangreichen Anhänge zu Stiftungen, Bruderschaften, Hospitälern auf dem Land sowie Dörfern mit zwei oder drei Pfarrkirchen, die den umfangreichen Bd. beschließen.Andreas Rehberg

Pamela M. Jones/Barbara Wisch/Simon Ditchfield (Eds.), A Companion to Early Modern Rome, 1492–1692, Leiden-Boston (Brill) 2019 (Brill’s Companions to European History 17), XXIII, 629 pp., ill., ISBN 978-90-04-39195-6, € 171.

Gli studenti dei corsi di storia moderna imparano fin dalle prime lezioni quanto siano fragili e mutevoli le stesse categorie che definiscono la disciplina su cui vanno concentrando la loro attenzione. Per tradizione consolidata, i manuali di questa materia considerano il 1492 come l’anno di cesura tra un „prima“, che prende il nome di Medioevo, e un „dopo“, in cui, da ogni punto di vista, il mondo, così come gli europei lo avevano conosciuto e se l’erano spiegato, cambia radicalmente. Questa trasformazione convulsa (s)travolge i confini geografici, politici, religiosi ed economici che si erano andati assestando nel periodo precedente e, secondo le letture più tradizionali, sposta repentinamente l’asse dell’innovazione dal Mediterraneo all’Atlantico inducendo di conseguenza un processo di lento e costante decadimento degli Stati italiani, sempre più marginali. Negli ultimi decenni, però, le indagini più innovative su questi secoli hanno iniziato a riconoscere il peso specifico che le multiformi realtà italiane hanno avuto al loro interno, mettendo in crisi le categorie forti di Rinascimento, Controriforma, Barocco, che, a loro volta, si portano dietro delle proposte di interpretazione talmente pregnanti da impostare e precedere la discussione già a livello lessicale. Gli studi sulle circolazioni culturali, sulle sperimentazioni di modelli di governo, sulla nascita e sull’affermazione delle pratiche diplomatiche, sulla gestione delle minoranze religiose, sugli apparati di repressione del dissenso (e così via) hanno ridisegnato il profilo degli antichi Stati preunitari, laboratori di modernità che non possono e non devono essere sottovalutati. La rivoluzione teorica e metodologica imposta dall’innesto nel dibattito internazionale dalla sfida della global history ha portato linfa ulteriore a un campo di studi già in fermento. Una volta messe al centro dell’indagine – e dell’elaborazione critica – reti e zone di contatto plastiche e interconnesse su scala mondiale, era inevitabile che si accendesse una nuova luce sulle regioni italiane dell’Impero spagnolo ma anche sulle spinte missionarie della Chiesa di Roma (per citare due esempi tra tanti). Una vera e propria inondazione di ricerche, prospettive, domande, fonti e risultati su cui il ricchissimo Companion che Brill dedica alla „Early Modern Rome“ per le cure di Pamela M. Jones, Barbara Wish e Simon Ditchfield arriva ora (e ce ne era un gran bisogno) a tirare le fila ragionando su una città unica per sua natura, in un intreccio insolubile di simboli nello spazio e nel tempo e di vite concretamente vissute nel quotidiano. Il Companion si sviluppa intorno a tre assunti teorici centrali che investono la cronologia, le metodologie e le discipline. Sul primo punto, la dicitura „Early Modern“, viene preferita ad altre perché intrinsecamente debole – „as a chronological marker and as a conceptual demilitarized zone“ (p. 2). Eppure, questa neutralità apparente gioca un ruolo importante nella costruzione stessa del lavoro. Le due opere che in anni precedenti avevano tentato un’operazione del genere, non a caso, muovevano da presupposti cronologici più ampi. Sia il volume degli „Annali Einaudi“ diretto da Luigi Fiorani e Adriano Prosperi su „Roma. La città del papa“ (Torino 2000) sia quello su „Roma moderna“ curato da Giorgio Ciucci all’interno della „Storia di Roma“ di Laterza (Bari 2002) si spingevano ben più avanti arrivando nel primo caso a discutere la preparazione del Giubileo del 2000 e nel secondo fermandosi comunque alla Roma dei francesi e di Napoleone. E anche „Roma. Romae“ che Marina Formica ha appena pubblicato sceglie di riflettere diacronomicamente lavorando sulla città e sulle sue complessità dal Trecento all’Unità („Roma. Romae. Una capitale in età moderna“, Bari 2019). L’auto-imposta limitazione del Companion al Cinque e al Seicento è funzionale alle sue profonde scelte metodologiche, ne contraddistingue gli scopi e ne sottolinea il carattere innovativo. Il cuore del lavoro è il dialogo fittissimo tra discipline diverse – le storie e le storie dell’arte – e il rifiuto intenzionale di qualunque traiettoria precostituita: „Individual chapters privilege different arcs of time, but together they explore the city’s claim to an unchanging ideal in the midst of perpetual flux. If the ever-evolving character of Rome as a place and an idea comes to the fore in the books, so does the dynamic agency of its inhabitants“ (p. 2). Se, in maniera altrettanto convincente Marina Formica indaga Roma nel suo ruolo di centro propulsore del cattolicesimo globale e di capitale prima dello Stato della Chiesa e e poi del Regno d’Italia, qui la scelta è differente. Per poter ricostruire sistematicamente la pluralità e l’inafferrabilità della città – che a loro volta erano state categorie centrali nell’impostazione degli „Annali“ (p. XXIII) – occorre delimitare il campo e la scelta non poteva che investire le cronologie. Ne risulta una Roma incredibilmente cosmopolita, snodo di comunicazioni, mode, idee e politica. Le reti che si dipanando con, da e verso la città sono europee e globali e, in quanto tali, disegnano una Roma dentro la storia del suo tempo e proprio per questo non rinchiusa in sé stessa – e dunque pienamente moderna –, ben lontana sia dalla Nuova Babilonia della polemica confessionale sia da ogni ansia di feroce repressione. Ne risulta una Roma aperta al mondo e forse, proprio perché scrutata al di là del paradigma della Controriforma, molto poco legata all’Italia e alle sue vicissitudini. Il volume è diviso in quattro sezioni tematiche che confermano questa traiettoria nei titoli di ciascuna e nell’ordine in cui si succedono. „,Urbi et Orbi‘. Governing the City and International Politics“ si interroga sul governo, sulle sue forme e regole attraverso l’esame in parallelo del sistema di governo sul territorio della città e dello Stato (dalla Curia ai tribunali) e dei dispositivi di governo del cattolicesimo globale, portando alla luce le inestricabili relazioni tra i bisogni del primo e le ambizioni del secondo. Con „When in Rome, Do as the Romans Do“: Living in the City and in Campagna“ il discorso si sposta sulle vicissitudini di chi, in quanto residente nell’Urbe, naviga attraverso quelle maglie di governo ed entra nel quotidiano della città, ancora una volta osservando con attenzione la pluralità dei soggetti, delle condizioni giuridiche, degli attori economici e delle dinamiche di relazione. „,Rome Wasn’t Built in a Day‘. Mapping, Planning, Building and Display“ torna sulle strutture urbane del tessuto della città e sulle scelte architettoniche – e dunque ideologiche – che costruiscono le aspirazioni escatologiche e universali del papato e delle sue istituzioni, ancora una volta senza perdere di vista gli aspetti più immediati e i bisogni della città viva, con i suoi problemi idrici e di decoro urbano. „,Ars longa, vita brevis‘: Intellectual Life in the Eternal City“ chiude su temi e questioni di storia culturale (l’istruzione di ogni livello, la scienza, la stampa, la nascita dell’archeologia moderna e il mercato librario) finalmente libera da impostazioni di taglio ideologico e per questo capace di restituire a Roma un posto nella Repubblica delle Lettere. I saggi, ovviamente, sono tutti in inglese e tra gli autori figurano studiosi di formazione diversa, italiani e stranieri. L’accostamento interdisciplinare che segna ciascuna sezione accompagna il lettore in un dialogo fittissimo che spesso si rivela assai felice. Ne cito soltanto due a titolo di esempio (ma molti altri se ne potrebbero segnalare). La sequenza dei saggi di Simon Ditchfield e di Pamela M. Jones permette di leggere la spinta propulsiva del Global Catholicism passando, quasi senza soluzione di continuità, dalle descrizione critica delle strategie politiche e diplomatiche del papato alla loro diffusione attraverso i riti e le celebrazioni legate al culto dei nuovi santi in giro per il mondo. I saggi di Anna Esposito e di Barbara Wisch seguono uno schema simile nella presentazione della rete delle confraternite e dell’organizzazione della carità e della sociabilità cittadine, che vengono prima ricostruite nel loro profilo storico e sociale e poi calate nelle vie e nelle piazze della città. In conclusione, i curatori offrono alla comunità internazionale degli studiosi una solida messa a punto storiografica, pensata per aprire nuove strade e rafforzare quelle più battute e che, proprio per questa, si discosta da qualunque tentativo di cristallizzazione. Ogni intervento si conclude con suggerimenti brevi („Further research“) sulle prospettive che si aprono per la materia appena presentata e che, sicuramente, si rivela di grande utilità per la crescita di ciascun settore di ricerca, nella convinzione che ancora ci sia da fare molto lavoro negli archivi e nelle biblioteche. Una guida indispensabile e destinata – speriamo – a un aggiornamento entro qualche anno.

Serena Di Nepi

Irene Bevilacqua, I papi e le acque. Bonifiche, peschiere e comunità nelle paludi pontine dal XVI al XVII secolo, Bologna (Il Mulino) 2017 (Istituto italiano per gli studi storici in Napoli 70), XXXIX, 566 pp., ISBN 978-88-15-27312-3, € 60.

Un’amplissima introduzione (pp. VII–XXXIX) espone le ragioni e l’impostazione di una ricerca che si dispiega su due secoli, alle soglie dell’età moderna, non pretendendo in alcun modo di essere „la“ storia delle paludi pontine. L’autrice propone, piuttosto, l’analisi di una vicenda circoscritta nello spazio e nel tempo, con uno sguardo sul rapporto tra uomo e ambiente così ben attagliato allo studio di caso prescelto da offrire una chiave interpretativa stimolante per chiunque voglia ragionare su temi analoghi, indietro e avanti nel tempo e per altre aree. „I papi e le acque“ è, dunque, un contributo sul rapporto dell’uomo con la natura e sul concetto stesso di quest’ultima che si è evoluto nelle varie fasi della vicenda umana e che, nell’attuale dibattito storiografico e, più ampiamente, culturale, gode di una certa attenzione. Inoltre, l’opera riveste un interesse specifico per quanti studino specificamente il papato, anche da altri punti di vista. L’autrice mostra di padroneggiare la storiografia più e meno recente e non limitatamente ai secoli di cui si occupa: non rinuncia a tenere come riferimento la „Storia agraria dell’Europa medievale“ di B. H. Slicher van Bath ma non mancano i rimandi a studiosi che hanno segnato una nuova apertura negli studi ambientali per l’epoca classica o per quella medievale, come Giusto Traina e Vito Fumagalli. Presenti anche i riferimenti alle più recenti indagini da parte di varie correnti storiografiche, con gli studi di Paul Warde sulla Germania della prima età moderna o il contributo di Alice Ingold sul rapporto tra „sociale“ e „naturale“ (p. XXV). In generale, è merito dello studio quello di far dialogare una storia della dimensione materiale con quella della cultura, delle visioni degli ambienti umidi che si concretarono sull’area pontina. Accanto a ciò, si offre la lettura puntuale delle politiche attuate dai papi nel Seicento non solo su quest’area umida così prossima a Roma ma su tutto il proprio territorio che mostra alcune peculiarità rispetto alle più generali condizioni della penisola italiana nello stesso periodo. Infatti, mentre altrove si registrava una flessione, se non una vera e propria crisi, lo Stato pontificio conosceva una buona tenuta demografica e, anche, economica. In tutto ciò, il Seicento, per le paludi pontine, non fu l’epoca della „soluzione“ settecentesca alla presenza degli acquitrini; un esito che, in linea con l’età illuminista e con quanto sperimentato altrove, intese produrre un vero e proprio stravolgimento ambientale con il prosciugamento, pressoché totale, degli acquitrini che, peraltro, arrivò a compimento ancora più avanti nel tempo. Nel caso oggetto dell’indagine, invece, fu diversa – suggerisce Irene Bevilacqua – l’impostazione di partenza. Evitando facili quanto anacronistiche schematizzazioni bipartite – sfruttamento indiscriminato da parte della crescente pressione borghese cittadina versus rispettoso equilibrio tra uomo e ambiente da parte delle comunità residenti – l’autrice mostra che, nella fase di cui si occupa, i papi tentarono diverse strategie volte a migliorare le condizioni di sfruttamento della zona a sud di Roma, in una varietà di atteggiamenti nei riguardi sia dei signori che, a vario titolo, ivi dominavano – basti pensare ai Caetani – sia delle comunità residenti – in particolare Sezze, Terracina, Sermoneta e Piperno, oggi Priverno – che dell’ambiente umido erano riuscite a sfruttare le caratteristiche pur non del tutto positive e che, dunque, tendevano a chiederne la preservazione. Lo studio segue anche la diversità di approcci con cui ciascun papa si mise in relazione con quanti venivano incaricati di tentare l’opera di bonifica – le competenze tecnico-idrauliche sono un aspetto di certo da non trascurare per uno studio su un’area umida antropizzata – e, più genericamente, l’impostazione data al proprio pontificato e alle relazioni con la propria famiglia di origine che, in alcuni casi, veniva coinvolta nel tentativo di sfruttare le paludi pontine per un tornaconto proprio del casato. Del libro risulta interessante anche il tentativo di riconoscere le specificità della vicenda romana e dello Stato della Chiesa in più generali tendenze economiche e la capacità di distinguere, all’interno del non vastissimo periodo di cui si occupa, diverse fasi, di crescita, di stagnazione e di crisi. Nel farlo, l’autrice non cede a determinismi geografici, attribuendo le ragioni del fallimento di questa o quella iniziativa a condizioni geomorfologiche e idrogeologiche o a fasi particolarmente piovose: tutto ciò viene individuato e non si manca di rimarcarne l’importanza ma senza dimenticare di valutare anche l’apporto dell’elemento antropico. Così come non vengono avanzate generiche conclusioni su tutta l’area pontina ma si osservano gli sviluppi nelle diverse sub-aree. Un libro, dunque, utile per chi si occupa dell’area presa in esame ma anche positivo modello esemplare. Mario Marrocchi

Giuseppe Marcocci, Indios, cinesi, falsari. Le storie del mondo nel Rinascimento, Bari-Roma (Laterza) 2016 (Storia e società), XI, 212 pp., ISBN 978-88-581-2463-5, € 20.

Il volume di Giuseppe Marcocci, Professore di Storia Iberica (Europea e Extra-europea 1450–1800) dell’Università di Oxford, porta un contributo fondamentale alla storiografia sul rinascimento e una riflessione profonda sulla storia globale, dimostrando come le storie del mondo scritte in diverse aree del globo dalla prima metà del XVI secolo agli inizi del XVII secolo avessero davvero un respiro mondiale, togliendo ogni presunta eccezionalità alla storiografia europea rinascimentale. Le storie del mondo che presenta Marcocci si inseriscono perfettamente nel dibattito contemporaneo sulla storia globale e alle domande, sfide e limiti che gli storici di oggi, come i pensatori del XVI secolo, si pongono nello scrivere di popoli e spazi „altri“. Le storie del mondo redatte nell’età delle esplorazioni, rappresentano un momento di totale „riorientamento culturale“, poiché né la Bibbia, né gli autori greci e latini, principali punti di riferimento teorico del rinascimento, riuscivano a rispondere alle domande sul passato di popolazioni come gli Indios delle Americhe, di cui gli europei non avevano mai sentito parlare. Proprio per questo motivo le storie del mondo presentate sono frutto di circostanze, vissuti personali, gioco di traduzioni linguistiche, che travalicavano divisioni confessionali, imperi, a dimostrazione di un forte rimescolamento di culture; l’autore parla di „una vicenda intellettuale globale“. Gli autori delle storie del mondo hanno vite marginali e complicate, le loro opere spesso non vengono stampate o non sono ritenute degne di nota nell’epoca in cui vivono, tra loro ritroviamo un frate francescano, un gesuita, un capitano di nave, un condannato e uno stampatore, tutti protagonsti della particolare congiuntura che si trovano a vivere: la scoperta del nuovo mondo. In merito alla struttura, il libro è diviso in sei capitoli. Il primo capitolo „Storici di un mondo che cambia: oggi e nel Rinascimento“ è dedicato agli storici che oggi si confrontano con la sfida della storia globale ed è in questo contesto che il libro si situa. Il secondo capitolo „Le alchimie della storia: un falsario sbarca in America“ tratta del primo cronista spagnolo delle vicende americane precolombiane, il missionario francescano Toribio de Benavente conosciuto come Motolinía, autore della „Historia de los indios de la Nueva España“. L’opera si presenta come basata sui racconti locali degli Indios, ma il modo in cui sono presentati è spiazzante perché Motolinía afferma che gli Indios discendevano da Noé. Il francescano quindi reintegrava la storia precolombiana del Messico nella prospettiva provvidenziale della salvezza cristiana. E’ proprio nella conclusione che Benavente si ispira al noto falsario Annio da Viterbo per cui la discendenza di Noè avrebbe dato origine a tutti i popoli del globo. Nel terzo capitolo „La Cina, i Goti e Cortés“ ritroviamo la storia di Antonio Galvão, capitano portoghese delle isole Molucche, che scrive un trattato sul mondo che si apre con la Cina e che racconta come gli antichi cinesi fossero arrivati per primi sulle coste americane. Felipe Guaman Poma de Ayala, un indio quechua, è l’autore di una storia del mondo vista dal Perù trattata nel quarto capitolo „Dalla Baviera alle Ande: le peripezie di un ‚best seller‘ del Cinquecento“. L’opera di Guaman Poma „Nueva corónica“ è particolare per la sovrapposizione di materiali della tradizione europea con quelli del passato andino. Gli intrecci delle storie del mondo del rinascimento sono a senso biunivoco tra il continente europeo e il mondo coloniale, per esempio nell’opera di Guaman Poma troviamo inaspettatamente citata come fonte principale un trattato enciclopedico redatto dall’umanista tedesco Hans Böhm che, attraverso l’Atlantico, riesce a raggiungere le Ande. Nel quinto capitolo emerge l’importanza dell’editoria veneziana nella circolazione e pubblicazione di opere, mappe e informazioni provenienti dall’Asia e dal nuovo mondo. In tale direzione nel 1562 a Venezia vennero pubblicate da Michele Tramezzino le „Historie del mondo“. Ideatore e autore delle prime parti dell’opera era però Giovanni Tarcagnota, figlio di greci della Morea emigrati a Gaeta per sfuggire all’avanzata dell’impero ottomano. L’ultimo capitolo „Tra Gesuiti e imperi d’oltremare: storie del mondo al tramonto“ mostra come il passaggio tra il XVI e il XVII secolo sia cruciale per l’affievolirsi dell’interesse per autentiche storie del mondo. Sempre più nel XVII secolo le storie del mondo divengono strumenti ufficiali del potere e vengono stampate per un pubblico sempre più vasto. I contenuti mutano, non è più il tempo di scrivere della piena e eguale dignità del passato precolombiano con quello europeo o di trattare delle prime colonizzazioni cinesi, ma nuovamente è l’Europa al centro del globo con il primato della religione cristiana, di un impero o di un ordine missionario. Per concludere, l’opera di Marcocci è davvero innovativa poiché dimostra grazie alla diffusione e all’intrecciarsi di opere su scala globale come i „passati multipli del mondo“ siano stati in qualche modo riunificati in queste storie del mondo del Rinascimento, seppur per un breve periodo, in modo assolutamente paritario in diverse aree geografiche del mondo. Un altro merito che ha l’autore è quello di aver metodologicamente proposto agli storici di oggi, che si addentrano sempre più nella disciplina della storia globale, una via per scrivere una storia globale esaustiva e non superficiale partendo dall’intreccio di fonti redatte in diverse parti del mondo e mostrando i contatti globali nel Rinascimento.

Giulia Bonazza

Julia Hodapp, Habsburgerinnen und Konfessionalisierung im späten 16. Jahrhundert, Münster (Aschendorff) 2018 (Reformationsgeschichtliche Studien und Texte 169), IX, 482 pp., ISBN 978-3-402-11593-0, € 62.

Fino a non molti anni fa sarebbe stato impensabile presentare un libro che tratta con naturalezza, e sulla base di categorie ben definite, l’azione delle principesse d’Asburgo sul piano confessionale. Non è più una sorpresa né una curiosa novità studiare „donne potenti“; anzi, l’analisi si è raffinata nel delineare i terreni – e i limiti – sui quali le donne delle dinastie cinquecentesche operavano come agenti riconosciute e accettate senza riserve. L’autrice parte dalla nozione di „Handlungsraum“ (spazio d’azione), definita da Luttenberger come efficiente strumento concettuale per delineare la cornice entro la quale queste donne riuscivano a esercitare un potere decisionale. In questo senso, l’approccio costituisce una scelta intelligente: lo studio si concentra sulle principesse fondatrici di monasteri, dedicando ai tre momenti chiavi (fondazione monastica, funerale e luogo di sepoltura) rispettivamente una parte. Nell’introduzione si approfondisce lo stato delle ricerche sulla base della bibliografia tedesca, alla fine si aggiungono un excursus sui falliti processi di beatificazione e una breve conclusione/riassunto generale. I tre casi di studio ci portano alle tre corti dei figli dell’imperatore Ferdinando I: a Hall nel Tirolo, vicino a Innsbruck (dove nel 1569 le arciduchesse Maddalena ed Elena fondarono un „Damenstift“ gestito dai gesuiti), a Vienna (dove la regina vedova di Francia, Isabella, fondò nel 1582 il convento delle Clarisse „Maria Königin der Engel“) e a Graz (dove l’arciduchessa vedova Maria fondò nel 1602 un altro convento delle Clarisse, „Im Paradies“). Questa prima parte sull’istituzione dei conventi è la più lunga e interessante, perché l’autrice va oltre un classico „Libro delle fondazioni“, indagando le reti personali e la necessaria collaborazione tra dinastia, curia e ordini religiosi. La seconda parte sui funerali e sulle processioni funebri considera soltanto il caso di Graz, dove l’arciduchessa vedova Maria utilizzò il suo „Handlungsraum“ per organizzare l’inumazione del marito e delle figlie nell’abbazia di Seckau. La terza parte, quella più corta, riguarda le tombe. Anche in questo caso la corte di Graz offre un materiale documentario più ricco, ma dalle fonti viennesi affiora una divergenza interessante: Isabella disponeva di un minore spazio d’azione, perché era suo fratello, l’imperatore Rodolfo II, ad avere l’ultima parola per stabilire il messaggio politico che si voleva trasmettere, e per decidere se fosse opportuno per la dinastia di presentare la regina vedova di Francia come umile monaca. La tesi del volume emerge con chiarezza da ogni singolo capitolo: quelle donne agivano in maniera esplicita e indipendente per rafforzare la cultura confessionale cattolica in regioni di maggioranza protestante e potevano contare sul sostegno dei loro parenti maschi. In termini di transfer culturale, si manifesta una potente influenza del ramo spagnolo con l’apporto cruciale dell’imperatrice Maria di Austria (1528–1603) e di sua sorella Giovanna, fondatrice del monastero delle Descalzas Reales di Madrid, vero modello dei conventi fondati da queste principesse. In un certo senso si recuperavano, attraverso la Spagna, tradizioni locali di fondazione dinastica delle Clarisse o una spiritualità fondata sulla Devotio Moderna e l’Imitatio Christi e molto sentita nella Germania di fine Quattrocento. I contributi dati dalla Baviera e dall’Italia vengono enfatizzati a ragione, come pure l’importanza di poter contare su agenti germanofoni, soprattutto monache e confessori, per diffondere questa cultura confessionale cattolica. Mentre l’imperatrice Maria di Austria si ritirò serenamente presso le Descalzas Reales di Madrid, le sue parenti in Austria fondarono conventi che consideravano un baluardo nella lotta contro l’eresia. L’autrice beneficiò di un soggiorno al DHI di Roma che risultò molto utile perché poteva ricorrere all’esperienza dei colleghi locali e studiare le fonti pontificie, ma per quanto riguarda la parte spagnola, si osservano certe lacune quasi inevitabili per chi non lavora con le fonti castigliane. Talvolta si tratta di piccoli dettagli facili da correggere: Giovanna d‘Austria non fu mai regina, ma principessa, di Portogallo (passim) e fondò le Descalzas nel 1559, non nel 1551 (p. 393); non fu San Isidoro di Siviglia a essere canonizzato nel 1622, ma San Isidoro Agricola (p. 387), e Carlo IX di Francia non fu un Borbone, ma un Valois (p. 82). Talvolta mancano informazioni di contesto più dettagliate: la discussione intorno alla fondazione di un ramo femminile dei gesuiti che si sarebbe svolta a Hall nel 1560, fu chiusa a Roma nel 1540 per il rifiuto delle gesuitesse catalane come Isabel de Josa (p. 35); non si mette in dubbio il ruolo centrale svolto dall’imperatrice Maria d’Austria come agente di transfer spirituale, ma non viene analizzata l’attività della sua cappella imperiale e il suo patrocinio letterario e conventuale a Praga e Vienna. Non sono lacune da addebitare all’autrice che ha fatto un coscienzioso e preciso lavoro, ma a una storiografia che non ha saputo sviluppare tali tematiche su un piano internazionale. Salutiamo quindi questo nuovo libro come contributo chiave per una nuova storia complessa e connessa della riforma cattolica che comprenda l’Austria nei contesti europei e nei suoi legami con il Papato e il ramo spagnolo degli Asburgo.

Rubén González Cuerva

Stefan Hanß, Lepanto als Ereignis. Dezentrierende Geschichte(n) der Seeschlacht von Lepanto (1571), Göttingen (V&R Unipress) 2017 (Berliner Mittelalter- und Frühneuzeitforschung 21), 210 pp., ISBN 978-3-8471-0768-2, € 95.

La storiografia su Lepanto è molto ampia e lo era già settant’anni fa, tanto da far scrivere a Fernand Braudel („La Méditerranée et le monde mediterranéen à l’époque de Philippe II“, 1949) che sarebbe stato meglio guardare al prima che al dopo quella battaglia. Invece Stefan Hanß fa esattamente il contrario, attraverso una ricerca impressionante per la complessità degli approcci teorici e per la ricchezza delle fonti utilizzate. Conviene partire proprio dalle sue fonti, alle quali è dedicata un’ampia appendice (pp. 591–701). Ci si può rendere così conto della struttura dell’opera, che non solo si confronta con l’intera storiografia su Lepanto, ma porta alla conoscenza degli studiosi una quantità di fonti archivistiche provenienti non solo dall’area mediterranea, ma anche da Augsburg, Brussel, Budapest, Dessau, Kraków, Leipzig, London, Třeboň, oltre che dagli Stati Uniti, dall’Italia e dalla Spagna. Già questo breve elenco fa intuire la geografia che fa da sfondo al volume: non (solo) il Mediterraneo, né l’impero Ottomano, ma l’altro Impero, quello al quale in vario modo restano legate in età moderna tanto l’area italiana quanto quella spagnola, e cioè il Sacro Romano Impero della nazione germanica. Questa geografia, il cui centro non è più il Mediterraneo ma è Lepanto come evento, e che non è più (o non solo) una geografia in senso spaziale ma soprattutto in senso cognitivo e culturale, costituisce la trama sulla quale l’autore innesta una articolata riflessione teorica, che emerge sia dal capitolo introduttivo su „Dezentrierende Geschichte(n) der Seeschlacht von Lepanto“, sia dal capitolo conclusivo. L’orizzonte geografico così ampio, infatti, diventa lo strumento metodologico che consente di studiare l’evento di Lepanto al di fuori della categoria classica dell’histoire evenementielle e dei suoi limiti. Non è l’evento in sé che interessa Hanß, ma lo sono le sue percezioni, i suoi usi, persino i suoi fraintendimenti o i suoi silenzi. L’uso delle suggestioni offerte dalla connected history, dagli studi sullo storytelling e dalla global history, permette non solo di superare il ricorso a formule vuote ma di ricomporre un quadro scomposto uscendo dagli approcci della storiografia classica. Aveva ragione Alessandro Barbero a ricordare che l’importanza storica di Lepanto sta soprattutto nel suo impatto emotivo e propagandistico „Lepanto: la battaglia dei tre imperi“, 2012). Adesso il libro di Hanß ce lo dimostra con una straordinaria ricchezza di informazioni, di fonti, di punti di vista. In queste pagine trovano spazio la storia dell’informazione e della comunicazione attraverso la ricostruzione dei tempi e dei modi in cui la notizia di Lepanto si diffuse in Europa; la storia del potere politico e della cultura popolare attraverso la descrizione delle feste e delle celebrazioni per l’avvenimento, fino allo spazio atlantico e all’America latina; la storia economica attraverso lo studio delle reazioni e delle misure di fronte ai nuovi assetti internazionali; la storia delle emozioni attraverso l’indagine sui meccanismi della paura, e della paura del turco in particolare („Türkenfurcht“), con le sue successive ricadute nell’arte, nella letteratura, nella musica. C’è infine un merito non secondario nella ricerca di Hanß che è quello di porre al centro dell’attenzione il mondo germanico, rivendicando l’importanza di questo osservatorio di fronte ad un evento considerato tipicamente mediterraneo. Un’ampia parte del capitolo centrale del volume („Ein Sieg, viele Konfessionen“) è infatti dedicata ad un’analisi molto raffinata delle diverse percezioni di Lepanto nell’Impero multi confessionale, incrociando le reazioni delle diverse culture confessionali con significativi approfondimenti sulla situazione locale di città come Nürnberg, Augsburg, Zürich e Genf. Sono questi alcuni, fra i molti motivi, per cui lo studio di Stefan Hanß è destinato a diventare uno strumento importante per la conoscenza della storia europea del tardo Cinquecento.Antonio Trampus

Elisabeth Blum, Perspectives on Giordano Bruno, Nordhausen (Traugott Bautz) 2018 (Studia classica et mediaevalia 23), 175 pp., ISBN 978-3-95948-394-0, € 30.

This book presents a series of studies on key aspects of the philosophical thought of this versatile Renaissance philosopher. The essays, written at conferences in German, English and Italian, focus on one work in particular: „Spaccio de la bestia trionfante“ („The Expulsion of the Triumphant Beast“), a dialogue that appeared during Bruno’s stay in London in 1585. Recurrent topics are Bruno’s style and his views on language. Blum is a wayward and independent Bruno researcher, she shuns unnecessary polemics, but she does not shy away from clear-cut statements and taking precise positions in the international Bruno debate. The first essay is a kind of Bruno-encyclopedia in nuce, which through a bird eye’s view focusses not only on his biography, education and the arising new world view in the Renaissance, but which also makes an effort to define the central issues in Bruno’s philosophy, including those regarding God, the world (infinite universe as unity of form and matter, the end of man’s privileged position), the theory of knowledge (moderate relativism), magic, religion, and his idea of the symbolic representation of truth. The second paper examines Bruno’s position regarding religion in general, and the Christian confessions in particular, in relation with philosophy and politics. Here, Blum decidedly rejects the several partisan and tendentious interpretations of Bruno and she distances herself from the many attempts of distortion of Bruno’s thought for the demands of later ideologies. Then follows a short essay with the apparently anachronistic title „Giordano Bruno’s criticism of globalization“, which focusses on Bruno’s rejection of internationalism, as he was firmly convinced of the need to respect the peoples’s will to live their own way of life. The next essay entitled „Conflicting forces: the tensions between universal providence, chance, and human agency in Giordano Bruno’s ‚Expulsion of the Triumphant Beast‘“ offers an indepth analysis of fate, providence and fortune in this dialogue. At the outset Blum clearly defines these three concepts: regards the law and order of the entire material universe (universal change in temporal succession); „providence“ relates to the individual and to small events, it is the link between the universal cause and the remote, individual effect; finally, „fortune“ is viewed as random occurrence, it interferes only with purposes, with the voluntary choices of reasonable creatures. For Bruno the issue of human free will and agency is not a metaphysical but a practical problem: he sees no opposition between providence and human agency, on the contrary, human rationality and purposefulness are firmly embedded in, and an integral part of, universal providence. Providence counts on man’s meddling with the course of things and employing magical practices in order to obtain special benefices from the gods. It embraces all human deeds and misdeeds. Now, while providence favors human activity, fortune is its false friend and true enemy. Only visible in relation to intelligent purpose, which it may favor or cross, fortune’s main job in the order of things is to disappoint hopes, spoil plans, and frustrate expectations. The fifth essay is devoted to Bruno’s choice for the vernacular in his dialogues published in London (1584–1585). Blum extensively discusses and dismisses the several historical options for explaining this choice, among which (1) new subject required new language and (2) his contempt of universities and his presumed desire to please the local court. She asks attention for the presence of Italian heterodox refugees (Pietro Martire Vermigli) in London and their importance in the formation of the Anglican Church, the personal interest of Elisabeth I in the sermons of Bernardino Ochino, and the role played by Reginald Pole (restored Catholicism under Mary, while he was seen as suspect by Rome). Thus, „Bruno succeeded in uniting a widely divergent and scattered set of contemporary impulses and ideas into a rather convincing and mostly consistent philosophical system“. Indeed, Bruno fully developed the critical potentialities of the vernacular dialogue. Turning upside down traditional values and certainties merely based on a consuetudo credendi, Bruno’s dialogues can be viewed as a „laboratory“, that is, as a set of experimental texts which inherit the most innovative aspects of what can be defined as an „alternative classicism“ and thus of the heterodox strand of Renaissance literature and philosophy: from Pietro Aretino to Anton Francesco Doni, and from Ortensio Lando to Nicolò Franco. The final essay underlines that the Olympian gods in „Spaccio“ can symbolize different things at different times in different contexts. The gods represent the faculties of the human mind, where Juppiter is the light of the intellect that reigns over the universe. Elisabeth Blum invalidates a number of persistent myths, including that of Bruno as a materialistic atheist. Her discussion of earlier views and positions in the Bruno debate is sometimes maybe too concise, but that does not compromise an original approach to the complexities and ambiguities of Bruno’s thought.Leendert Spruit

Paola Molino, Storia di una biblioteca e di un bibliotecario (Vienna, 1575–1608), Roma (Viella) 2017 (I libri di Viella 251), 326 S., ISBN 978-88-6728-888-5, € 36.

Die in Padua lehrende Historikerin beschäftigt sich seit längerem mit der Geschichte der Bibliotheken und der gelehrten Netzwerke im 16. Jh. Die vorliegende Publikation geht im Kern zurück auf ihre Tesi di dottorato, die am Istituto Universitario Europeo di Fiesole entstand. Sie behandelt darin zentral die Wiener Hofbibliothek um 1600 und ihren damaligen Leiter Hugo Blotius, den sie als Prototyp des modernen Berufsbibliothekars definiert (S. 21). Die Bestände der kaiserlichen Bibliothek waren zu jener Zeit in Räumen des Wiener Minoritenklosters untergebracht. Dieser Standort brachte allerdings im Vergleich zu anderen europäischen Einrichtungen dieser Art im Vatikan, in München oder im Escorial, mehrere Nachteile mit sich (S. 29): die problematische Unterbringung der Bestände, die konfessionellen Spannungen in Wien und die Abwesenheit des Hofes (er war 1577 mit dem Regierungsantritt Rudolfs II. nach Prag verlegt worden). Hinzu kamen die exponierte Lage Wiens im Hinblick auf die osmanische Expansion und die Probleme der Finanzierung wegen der Überschneidung von Zuständigkeiten (S. 89). Der aus Holland stammende Jurist und Universalgelehrte Hugo Blotius, der sich einer präzisen konfessionellen Zuordnung entzieht (S. 55) und wohl der irenischen Richtung der Zeit zuzuordnen ist (Howard Louthan, „The Quest for Compromise. Peacemakers in Counter-Reformation Vienna“, Cambridge 1997, vgl. QFIAB 79 [1999], S. 704), wurde 1575 von Maximilian II. zum kaiserlichen Bibliothekar ernannt. Nach dem Regierungswechsel von 1576/1577, der von einer Flut von Umbesetzungen von Hofchargen gekennzeichnet war, wurde Blotius als Hofbibliothekar von Rudolf II. bestätigt. Vorteilhaft wirkte sich dabei die geschickte Widmung des alle türkischen Werke der Bibliothek umfassenden Katalogs an den neuen Kaiser aus, auch wenn die beiden anderen Anliegen des Wiener Hofbibliothekars (Ernennung zum Professor der Universität und zum Hofhistoriographen) nicht erfüllt wurden. Der Autorin gelingt es, auf Grund der einschlägigen Quellen (berücksichtigt wurden neben den zentralen Wiener und Basler Beständen auch die italienische und vatikanische Überlieferung) ein faszinierendes Bild der Tätigkeit des ersten kaiserlichen Bibliothekars und seines mit der Idee eines Universalmuseums verknüpften Bibliothekskonzepts zu entwerfen – eingebettet in einen historischen Zeitraum, der durch eine „esplosione dei saperi“ gekennzeichnet war (S. 171). Neben Hinweisen zu den Weichenstellungen für die Hofbibliothek (u. a. Trennung von Manuskripten und Druckwerken, Ordnung nach Disziplinen und Sachbetreffen) finden sich auch grundlegende Äußerungen des Gelehrten zum Profil eines Bibliothekars. Nach seiner Ansicht zählten persönliche Integrität und umfassende Sprachkenntnisse zu den unabdingbaren Voraussetzungen zur Übernahme einer leitenden Bibliotheksposition. Diese Kriterien, wobei dem Sprachfaktor auf Grund der ausgeprägten linguistischen Varietät der Wiener Sammlungen eine zentrale Rolle zukam, waren für Blotius auch einer der Gründe, die für Sebastian Tengnagel als seinen Koadjutor und Nachfolger an der Spitze der Hofbibliothek sprachen (S. 223 f.). Die Studie von Molino lässt neben den theoretischen Traktaten und Äußerungen Blotius’ zum Bibliotheksaufbau und -erhalt aber auch die zeitgenössichen Benutzer und das Korrespondentennetzwerk des Hofbibliothekars plastisch hervortreten: Rudolf II., der sich Spezialwerke zu Alchemie, Astronomie und Magie nach Prag kommen ließ, die Verwandten und Berater des Kaisers, Gelehrte wie Tyho Brahe und Johannes Kepler. All das belegt die herausragende Bedeutung der Wiener Hofbibliothek und ihres Präfekten als Knotenpunkt des europäischen Wissenstransfers um 1600.Alexander Koller

Giuseppe Finocchiaro, Antonio Gallonio, scrittore di santi. Agiografia nella Roma di Clemente VIII, Firenze (Olschki) 2019 (Biblioteca di bibliografia 210), X, 104 S., Abb., ISBN 978-88-222-6663-7, € 20.

Neben dem Kirchenhistoriker Cesare Baronio und Tommaso Bozio, dem in seiner Zeit bedeutendsten Theoretiker der päpstlichen Rechtsstellung, zählt Antonio Gallonio (1556–1605) zu den produktivsten Schriftstellern aus der Frühphase des von Filippo Neri in Rom begründeten Oratoriums. Innerhalb der überaus wirkungsreichen Reformkongregation reifte Gallonio zum Spezialisten hagiographischer Fragen heran. Giuseppe Finocchiaro, langjähriger Handschriftenkustos der Biblioteca Vallicelliana, die beträchtliche Teile von Gallonios Nachlass bewahrt, legt mit diesem Buch überarbeitete und erweiterte Fassungen einer Reihe älterer, durch vertiefte Kenntnis der einschlägigen Quellen sich auszeichnender Abhandlungen vor. Eine Analyse des von Finocchiaro wiederentdeckten Bibliotheksinventars des Gelehrten steht dabei an erster Stelle. Antike Autoren treten dort neben christliche, Prosaschriftsteller und Dichter neben Traktatliteratur, Historiographie, Hagiographie und Stilkunden. Tatsächlich sollte das Ringen um einen angemessenen, einen erbaulichen, auf Breitenwirkung abzielenden Stil Gallonios Schriften von Anfang bis Ende begleiten. Innerhalb der hagiographischen Titel bemerkt der Vf. eine starke Präsenz der „Märtyrer“ des 16. Jh., katholischer Opfer von Hugenotten, flandrischer Religionskriege und der englischen Verfolgungen unter Elisabeth I. Bezeichnenderweise zielen auch Gallonios Schriften, insbesondere sein erstmals 1591 publizierter Traktat über die Instrumente und Methoden des Martyriums (vermehrt allerdings erst mit der zweiten, das heißt der lateinischen und somit internationalen Ausgabe von 1594) auf eine Gleichstellung frühchristlicher und zeitgenössischer Märtyrer ab. Hier tritt der im engeren Sinne gegenreformatorische Impetus seines Wirkens deutlich zutage. Ergänzen möchte man indes noch eine wissenschaftsgeschichtliche Beobachtung: Auch die klassischen Altertumswissenschaftler, Ligorio, Panciroli, Panvinio, Paolo Mannuzio, Lipsius, Budé und Boulanger, waren in Gallonios Bibliothek sattsam vertreten. Sie lassen erkennen, dass die christliche Altertumskunde, wie sie vor allem in Gallonios „Trattato de gli instrumenti di martirio“ begegnet, keine neue Disziplin, sondern lediglich eine Erweiterung der traditionellen antiquarischen Forschung darstellte (vgl. dazu auch Ingo Herklotz, „La Roma degli antiquari“, Roma 2012, S. 57–66; zum Trattato ferner Jetze Touber, „Law, Medicine, and Engineering in the Cult of the Saints in Counter-Reformation Rome“, Leiden-Boston 2014). Finocchiaro überrascht mit dem Nachweis, dass Gallonios Trattato zunächst nicht selbstständig, sondern als erster Teil eines umfassenden Werkes konzipiert war. Dessen zweiten Teil hätte die ebenfalls 1591 veröffentlichte „Historia delle sante vergini romane“ verkörpert, den dritten hingegen eine entsprechende, zur gleichen Zeit beendete Arbeit über die „Vergini forastiere“. Was man über diese heute verlorene Untersuchung wissen kann, trägt der Autor mit großer Akribie zusammen. Die Unterschiede der einzelnen Teile des Opus wirken gleichwohl frappierend. Dem historisch-antiquarischen Vorgehen des Traktats, methodisch Lipsius’ bekanntem Buch über den Kreuzestod (erstmals publiziert 1593) vergleichbar, stehen die von Finocchiaro zurecht als „biografie romanzate“ charakterisierten Viten der Jungfrauen gegenüber. Die Akzentuierung weiblicher Heiligkeit erfolgte dabei, um den Kontrast von zarter Unschuld und dem brutalen Vorgehen der Verfolger und somit auch das Unrecht des Geschehens ergreifend herauszustellen. Wenn die „Vergini forastiere“ – wohl auf Wunsch Neris und der Leitung des Oratoriums – am Ende nicht zur Veröffentlichung gelangten, so zum einen, weil die Angaben über die Heiligen von außerhalb stets als weniger zuverlässig erscheinen mussten, zum anderen aber, weil das gegenreformatorische Bild Roms als „spazio sacro per eccellenza“ (Finocchiaro) und als „theatro del mondo“ (Gallonio) nicht geschmälert werden sollte. Mit diesen Überlegungen ist zugleich der Kontext für die Vita, der ersten überhaupt, des Filippo Neri abgesteckt, die Gallonio im Jubeljahr 1600 und sicherlich mit Blick auf dessen erwünschte Selig- und Heiligsprechung (1615 respektive 1622) veröffentlichte. Der aus Florenz stammende Neri wird hier als neuer Apostel Roms gefeiert, auch seine Jungfräulichkeit machte ihn zum Vorbild, und die hartnäckigen Anfechtungen durch dämonische Mächte rückten seinen Widerstand in die Nähe des Martyriums. Das Abschlusskapitel ist dem späten, unvollendeten Großprojekt des Autors gewidmet, seiner chronologisch – und gerade nicht kalendarisch – vorgehenden Geschichte der christlichen Märtyrer von der Himmelfahrt Christi bis zur Zeit Diokletians, ein Vorhaben, das durchaus in Konkurrenz mit Baronios Edition des „Martyrologium Romanum“ (1586) gesehen werden darf. Finocchiaro kann hier zahlreiche Vorarbeiten und Archivalien erschließen, die noch einer genauen Aufarbeitung harren. Zu klären bleibt dabei auch, was die bald darauf folgende Hagiographie, so Heribert Rosweydes „Fasti sanctorum“ von 1607, die ihrerseits nicht ohne Wirkung auf das bollandistische Großunternehmen der „Acta Sanctorum“ blieben, dem römischen Vorgänger verdankte. In jedem Falle darf man Finocchiaro zugestehen, für das Verständnis Gallonios und damit eines bedeutenden Abschnitts gegenreformatorischer Heiligenliteratur wesentliches Material erschlossen zu haben.Ingo Herklotz

Stefania Tutino, Uncertainty in Post-Reformation Catholicism. A History of Probabilism, New York, NY (Oxford University Press) 2017, 576 pp., ISBN 978-0-19-069409-8, GBP 155.

With this immensely learned and intellectually astute book, Stefania Tutino furnishes scholarship with a welcome survey of the history of „classical“ probabilism and its larger cultural, epistemological and intellectual implications from the decades following the Council of Trent until the (mooted) condemnation of (radical) probabilism in moral theology by Innocent XI in 1679. The development of probabilistic reasoning in this period, which was designed to identify (and vastly expand the number of) valid, assertable and tenable opinions to act on in dubious questions where no absolute certainty could be obtained, may well represent one of the most sustained and sophisticated enterprises to regulate reasonable disagreement prior to the recent return of the subject on the agenda of analytical philosophy. Its better known fields of application in the Catholic context – case-law, the administration of a revamped sacrament of penance within a wider sacramental offensive after Trent, and moral counselling within and without the confessional – immediate illustrate its relevance for the everyday lives of early modern Catholics and its corresponding potential as a gateway for historians to access broader religious, cultural and social dynamics in early modern communities. Steering clear of essentialist narratives, Tutino offers her readers a thoroughly historical investigation into rampant uncertainty and its theoretical and practical management in early modern Catholicism. The (roughly three-part) structure of the book is straightforward: in the first five chapters, Tutino largely follows chronological lines and discourses respectively on the intellectual, sacramental and wider cultural building blocks of probabilism; its early foundations (Navarrus and Medina), its quick adoption by theological heavyweights of the Society of Jesus (Suárez and Vázquez, among others) who turned probabilism into a robust and multifaceted toolkit; its meandering elaborations and its diffusion by Jesuit authors in the 17th Century (Sanchez, Lessius, Azor, Laymann, and Sa) as well as its radical maturing (indeed not an oxymoron) in the middle decades of the 17th Century in (non-Jesuit) authors such as the Theatine Antonino Diana (the prince of casuists) and Juan Caramuel de Lobkowitz (the prince of „laxists“). The chapter on mature probabilism introduces the second batch of three chapters on the highly polemical context underpinning the rise, hegemony, and retreat of probabilism, especially from the middle decades of the 17th Century onwards when, notably in the Franco-Belgian area, anti-Jesuitism, anti-probabilism and a reaction against „laxist“ casuistry merged with the often brutal struggle between anti-Jansenists and Jansenists (or between „laxist“ and „rigorists“ in moral Theology) and with the ongoing confrontation between papalism and Gallicanism. Drawing extensively on the Roman censorship files on Caramuel, the Jesuit Honoré Fabri, and the lesser known figure of Alberto de Albertis SJ, Tutino investigates in these chapters the ambivalence of a divided curia towards probabilism, culminating in condemnations by Alexander VII and Innocent XI of probabilist propositions in moral theology that steered clear of a full-blown rejection of its core tenets, as well as the active and passive identification of probabilism with „Jesuit“ theology and ditto pastoral practices. These premises make a forceful case for polemic as a heuristic treasure trove and a hermeneutical category in its own right to trace the entanglement of probabilism with a myriad of intellectual, political, and theological programmes nurtured by early modern Catholics. In the last three chapters, the author highlights the relevance of probabilism for the lives of ordinary Christians on the one hand, and for historians investigating broader social and cultural dynamics on the other hand. She does so with the help of well-chosen case studies on questions concerning the validity of pagan marriages in East-Asia; the restitution (or lack thereof) of goods of and by Jewish converts; and the baptism of foetuses; discussions that, in line with the highly reactive style of curial governance, were triggered by specific problems involving real people. In the conclusions, Tutino draws a rough outline of the history of probabilism until the ascent of Liguorism in the 19th Century. She ends on a high note, underscoring, as she does, striking parallels with the overload of information that, in our own „post-truth“ era, seems to amplify rather than reduce uncertainty. „A History of Probabilism“ is an insightful book that caters to the needs of several audiences; amply fulfilling, as it does, its promise of a reference work for advanced students of early modern intellectual history in general and religious history in particular; while enticing seasoned researchers with a compelling, witty analysis drawing on new research into traditional sources as much as into the sturdy (and often shunned) materials in Roman censorship reports. Its refreshing line of approach feeds into a new brand in scholarship that, from the turn of the 21st Century onwards, has come to value uncertainty and plurality as important keys to baroque Catholicism, to be considered on par with the homogenisation drive that until recently was privileged by mainstream scholarship as the marker of religious change in early modernity. These achievements massively outweigh a few shortcomings. First, there is the organisation of the book, which may well be the publisher’s responsibility rather than the author’s: the notes at the end of the book are unwieldy yet highly relevant, containing a plethora of well-chosen quotations from original sources that deserved integration into the full-text of a full-blown „text book“ (the inclusion of an index not only of names but also of matters, by contrast, is a plus). Secondly, the author has convincingly avoided essentialist narratives by involving historical polemics in her analysis, but some implicit understandings from the classical history of ideas arguably continue to seep into her account. A whiff of inevitability lingers throughout the book as the author seeks to relate her subject to the challenges early modern theologians faced. Enter the (to this reviewer’s opinion) somewhat worn list of challenges itself (Reformation, globalisation, capitalism, Scientific Revolution) that, in this inevitability scenario, probabilism had to address. It will cross the reader’s mind that quite a few doubts and bones of contention passing the review (take, for instance, the iconic example of a spouse doubting whether or not her marriage is valid and, by consequence, whether or not fulfilling marital obligations is sinful) could well have troubled medieval Christians too, suggesting that clear-cut challenges and appropriate responses are not the only factors to be involved in the analysis. This problem may not be unrelated to another observation: although many clues and hints are generously shattered over the next chapters, the introductory chapter „Building Blocks“ does not relate to recent research into scholarly culture and practices or the dynamics of learned polemics in the early modern period, nor does it takes into consideration the internal, self-perpetuating dynamics observed by Jean-Pascal Gay and Jean-Louis Quantin, among others, of an emerging casuistic discipline (especially when coupled with printing presses belching out Summae of Summae of Summae). These minor flaws notwithstanding, Tutino’s book is a challenging, highly recommendable read that, in tune with the author’s aims, begs for more. Bruno Boute

Angela De Benedictis, Neither Disobedients nor Rebels. Lawful Resistance in Early Modern Italy, Roma (Viella) 2018 (Viella History, Art and Humanities Collection 6), 230 pp., ISBN 978-88-3313-018-7, € 55.

Angela De Benedictis’ book, previously published in Italian and now deservedly translated into English, is based on a very well-constructed and documented analysis of the legal dimension of the concept of resistance in Italy (although many of the arguments apply to the whole of Europe) during the early modern era. The basic thesis of the volume is that, although it was not codified, a right of resistance to arbitrary and tyrannical power existed in the juridical tradition of Roman law and constituted an important factor by which to orient and structure conflict. It was widely considered a risky and extreme course of action, certainly, but it was a legitimate one. This right, on which there is a vast quantity of juridical literature, and especially in the collections of consilia, has been variously invoked and demanded. Most of those who practiced forms of armed opposition to resist unjust orders and unlawful commands, (and for this reason they were defined by rulers as disobedient and rebellious subjects who were, therefore, worthy of the harshest punishments laid down for the offense of lesa majestatis, the most serious political crime) appealed to it. De Benedictis’ well-argued research traces two distinct and complementary developments. On the one hand, it investigates the theoretical roots and juridical traditions that shape this right, a line of thought that extended from Bartolus de Saxoferrato and Lucas de Penna to reach as far as Althusius, who in his „Politica“ defined a true jus resistendi. This strand naturally intertwines with the vast body of anti-tyrannical literature (one needs only think of Juan de Mariana) and we can say without exaggeration that an important and distinctive European specificity arises from this convergence of political thought. On the other hand, De Benedictis’ research draws upon a range of sources including chronicles and trial records in order to measure the use of these arguments in the public discussions and juridical proceedings that concerned concrete instances of armed resistance. In this second dimension of her study, the author is careful to connect the practice of resistance to the general concept of justice: the authorisation to resist is inherent to a certain conception of what is just and lawful, and which naturally also defines the converse, that which is not just and lawful. At the heart of this conception of justice there is essentially the obligation that everyone, including sovereigns, respect formally signed pacts and agreements. No sovereign, however absolute his power, can extend his authority and consider himself exempt from all constraints to the point of denying stipulated contracts, infringing on privileges, changing a law to his pleasure, or imposing taxes without having the right to do so. The demonstration of this postulation is entrusted to a series of instances in which the right of resistance was drawn upon across several well-defined historical contexts: a tumult that took place in Urbino in 1572–1573; the famous revolt of the Catalans (1640–1652); the equally famous Neapolitan revolution known as Masaniello’s Revolt (1647–1648); the rebellions in Messina (1674–1678); the revolt of Mondovì (1680–1682); and the insurrection of Castiglione dello Stiviere (1689–1694). In all of these cases, the text leads the reader to verify concretely the divergence between a loyalty to the king maintained and, indeed, demanded, and a simultaneous opposition to the practices of government, according to the formula „Viva il re e mora mal governo“. Rather than being understood as a modification of the established order or as a „novelty“, the act of resistance is, rather, categorised as an act of restoration, the reintegration of something that is owed, or, in a single word, as justice. The book’s intention, of course, is not to reduce the complexity of the conflicts of interest and the profound „cleavages“ that are at the origin of the political conflicts under consideration, but that of restoring the juridical (but also intellectual) context that is fundamental to understanding the boundaries of practicability (and of thinkability) of dissent and armed opposition. Following this reasoning something could be added. In the period under consideration there were profound changes in the structure of the monarchical government, with the introduction – in the main European monarchies – of the figure of an all-powerful minister-favorite. With the end of a generation of strong-willed sovereigns directly engaged in the harsh discipline of political rule (including Henry IV of Bourbon, of Elizabeth I Tudor and Philip II of Habsburg) at the end of the 1500 s, a new sovereign delegate took power with the dawn of the new century, a plenipotentiary with extensive reach who enjoyed complete royal trust. His rise, which modified the terms of the problem of the legitimacy of power, broadened the space that rendered resistance a viable course of action, making it even more possible to be against the government of the minister-favorite while remaining faithful to the king.Francesco Benigno

Jean Lionnet, „Parve che Sirio ... rimembrasse una florida primavera“. Scritti sulla musica a Roma nel Seicento con un inedito, a cura di Galliano Ciliberti, Bari (Florestano) 2018 (Siren Coelestis 01), VI, 581 S., ISBN 978-88-99320-60-7, € 50.

Wer Jean Lionnet (1935–1998) persönlich kannte, berichtet oft hingebungsvoll von einer Forscherfigur, die sich dank einer Vielzahl liebenswerter Eigenheiten jeglicher Kategorisierbarkeit entzog, von einem überaus geistvollen Menschen, der durch sein einnehmendes Wesen und einen Charakter von verschwenderischer Großzügigkeit jedermann für die Dinge zu begeistern wusste, die ihn selbst gerade leidenschaftlich bewegten. Wer ihn ausschließlich durch seine Schriften erfahren durfte, scheint hier im Nachteil. Als Angehöriger dieser letzteren Gruppe muss ich gestehen, dass mein primär durch seine Werke geprägtes Verhältnis zu Jean Lionnet nicht von der passionierten Ergriffenheit war, die Zeitzeugen, Kollegen und Freunde seit jeher eint. Ich hätte ihn in der Tat gerne kennengelernt, nicht nur, weil wir Forschenden zur römischen Musikgeschichte ihm allesamt sehr viel verdanken, sondern auch, weil gerade in der akademischen Welt Persönlichkeiten, die durch ihre besonderen menschlichen Qualitäten in Erinnerung bleiben, von großer Seltenheit sind. Seine Schriften sind es, was langfristig von Jean Lionnet bleibt und an ihn erinnern wird, und so ist dieses Buch, mit dem eine umfassende Serie seiner Arbeiten nun gesammelt vorgelegt wird, ein Denkmal von Bestand. Und das ist sehr zu begrüßen. Die Ausgabe gruppiert die Arbeiten thematisch, beginnend mit der Päpstlichen Kapelle – einem Schwerpunkt Lionnets –, über die Musikpflege im Bereich des privaten Mäzenatentums ebenso wie durch römische Institutionen. Einen weiteren Teilbereich bilden Umfeld und Lebenswelt professioneller Musiker, desgleichen die Frage nach historischen Zusammenhängen im Spiegel von Leben, Werk und Wirkungssphäre prominenter Tonkünstler, ehe der Band durch eine Reihe von Arbeiten zur französisch-italienischen Musikgeschichte des Seicento beschlossen wird. Unter den wesentlichen forscherischen Verdiensten Lionnets sei an dieser Stelle eines besonders hervorgehoben: stets einen breiten ideengeschichtlichen Ansatz verfolgt zu haben, bei dem die größtmögliche Kontextualisierung historischer Dokumente und der darin bezeugten Ereignisse eine entscheidende Rolle spielt. Es ging ihm bei der Erkundung des jeweiligen Forschungsgegenstandes um eine möglichst facettenreiche Rekonstruktion, bis hinein in die Alltäglichkeiten der jeweiligen Zeit – mit besonderem Fokus freilich auf musikalischen Belangen und, im Idealfall, dem klingenden Werk im Zentrum. Damit wurde Lionnet zu einem Vorbild für Forschergenerationen. Sein Schaffen gibt seither Anstoß zu wissenschaftlichen Projekten, nicht nur musikgeschichtlichen, bei denen eben dieser weitausgerichtete Ansatz, methodisch fortentwickelt, nun als Standard verfolgt wird. Da Lionnets Schriften in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen erschienen, mussten für die Neuausgabe einheitliche Wiedergabekriterien gefunden werden, die, auch wenn sie im Band selbst nicht erläutert werden, dem Gesamtwerk doch Geschlossenheit verleihen. Vielfach wurde dabei eine nicht unwesentliche Überarbeitung der erstmaligen Erscheinungsgestalt der Texte vorgenommen; Forschende werden daher bei der Bezugnahme auf Lionnets Schriften fortan besser auf die entsprechende Stelle der Neuausgabe verweisen als auf die jeweilige Erstpublikation. Zwar kann unmöglich verlangt werden, dass für die Neuausgabe im Hinblick auf die in Lionnets Schriften zahlreich transkribierten Archivdokumente eine quellenkritische Revision auch dieser Materialien vorgenommen wird, doch sollte an dieser Stelle nicht unterschlagen werden, dass Ungenauigkeiten und Fehler bei der Übertragung von Quellentexten auch in der Neuausgabe als solche vorhanden sind. Eine unbestreitbare Schwäche seiner Arbeiten, die nicht immer den Normen – auch denen seiner Zeit – entsprechende Art der Transkription, wird auch dem Benutzer dieser Neuedition vielfach den eigenen Gang ins Archiv nicht ersparen. Die stark geraffte Zusammenfassung der Dokumente, die als Wiedergabemodus für die Neuausgabe gewählt wurde (bei der etwa eine Transformierung von Listen in Fließtext erfolgt), mag als Zugeständnis an die schiere Menge der vorgelegten Quellen verständlich erscheinen – der Bd. umfasst auch in dieser Form fast 600 S. –; unter handwerklichen wie philologischen Gesichtspunkten erweist sich dieser Modus angesichts etablierter Standards (vgl. https://dme.mozarteum.at/briefe-dokumente; 20.9.2020 sowie www.deutschestextarchiv.de; 20.9.2020) als eher suboptimal. Im Sinne einer Weiterführung der Werkausgabe sei abschließend der Wunsch nach einer quellenkritisch überarbeiteten Wiederauflage von Lionnets zweibändiger Studie von 1986 „La musique à Saint-Louis des français de Rome au XVIIe Siècle“ zum Ausdruck gebracht. Zugleich sei dem Hg. des vorliegenden Bd., Galliano Ciliberti, für diese Ausgabe wichtiger Arbeiten zur römischen Musikgeschichte ausdrücklich und herzlich gedankt. Florian Bassani

Giovanni Pizzorusso, Governare le missioni, conoscere il mondo nel XVII secolo. La congregazione pontificia De Propaganda fide, Viterbo (Sette Città) 2018 (Studi di storia delle istituzioni ecclesiastiche 6), 224 pp., ISBN 978-88-7853-779-8, € 18.

La Congregazione De Propaganda fide, oggi Congregazione per l’evangelizzazione dei popoli, fu annoverata fin dal momento della sua istituzione ad opera di papa Gregorio XV, avvenuta nel 1622, tra gli organismi principali della Santa Sede, assieme all’Inquisizione e alla Segreteria di Stato, espressioni del progetto universalistico concepito dal papato, come dimostrano le prime decisioni prese dai cardinali membri e dal papa stesso: la suddivisione del mondo intero in aree geografiche di competenza dei diversi cardinali, e il coinvolgimento dei nunzi a servizio della congregazione nel momento in cui le nunziature avevano completato il loro processo di maturazione organizzativa. In una prima fase gli studi effettuati sulla base del suo ricco archivio, che custodisce materiali provenienti dall’intero Orbe, si sono soffermati sulla storia delle missioni, elaborata a partire dagli ultimi decenni del XIX secolo, che ebbe come protagonisti religiosi eruditi esponenti di ordini e congregazioni missionarie. Successivamente la documentazione ha supportato ricerche di storia globale, come pure studi incentrati sulle relazioni interculturali. Solo in tempi recenti, con l’accresciuto interesse per la storia delle istituzioni, gli studiosi si sono soffermati sui meccanismi interni di governo e sui rapporti intercorrenti con i diversi organismi della Santa Sede. Lo studio di Giovanni Pizzorusso si colloca in quest’ultima prospettiva, a partire dalle coordinate tracciate dalla monumentale opera diretta da Josef Metzler „Sacrae Congregationis de Propaganda Fide Memoria Rerum 1622–1972“, pubblicata in cinque tomi in occasione del 350° anniversario della congregazione, nella quale vengono studiate le problematiche relative alla fondazione e all’attività della congregazione nelle diverse parti del mondo. Il volume in oggetto, che raccoglie e sintetizza le ricerche degli ultimi decenni, è diviso in due parti con complessivamente cinque capitoli. Nella prima parte, che include i primi due capitoli, vengono esposte le problematiche relative alla fondazione, frutto dell’intreccio tra la nuova sensibilità missionaria sorta a Roma dopo il concilio di Trento e l’evoluzione della situazione religiosa in Europa, che vide il consolidarsi delle divisioni confessionali e l’accresciuto interesse per il governo dei fenomeni religiosi da parte del potere politico. Alla teoria di Ludwig von Pastor, che pensò alla Propaganda come antidoto al Patronato, si è contrapposta più recentemente l’intenzione antiprotestante come movente della fondazione. Di non secondaria importanza è poi il rapporto con gli altri organismi della Santa Sede, che non cedettero le loro competenze al nuovo organismo, ma, come di consueto nell’amministrazione pontificia, si limitarono a condividerne alcune. L’Inquisizione infatti continuò a formulare giudizi sull’ortodossia e rilasciò determinate autorizzazioni ai missionari, mentre la congregazione del Concilio mantenne il controllo sulla messa in opera dei decreti tridentini e delle successive disposizioni pontificie in materia disciplinare e sacramentale. Propaganda fide, che si strutturò non diversamente dal resto degli analoghi organismi pontifici, ebbe nel segretario, soprattutto nel primo trentennio di vita, il vero fulcro organizzativo. Attraverso una rete eterogenea di corrispondenti, che includeva nunzi e missionari, poté raccogliere un’ingente quantità di informazioni impiegate per elaborare le sue strategie. Nella seconda parte, che comprende tre capitoli, si passano in rassegna alcune tra le tematiche oggetto di indagine nei tempi più recenti. La congregazione, nonostante le rassicurazioni della prima ora, dovette confrontarsi con la politica; non solo con monarchie titolari di diritti di patronato, ma anche con interessi derivati da situazioni di fatto, come nel caso della controversia con Ferdinando II a proposito dell’università di Praga. Un capitolo non secondario rappresentarono le discussioni sui riti, primo assaggio di un confronto tra culture reso difficile da presupposti identitari, nonostante gli sforzi per avvicinare le posizioni mediante lo studio delle lingue e delle culture degli interlocutori. Lo studio si presenta come un lavoro aperto, nel senso che vuole indicare itinerari elaborati dagli studiosi in proporzioni e approfondimenti diversi, offrendo al lettore un’ampia e puntuale panoramica sullo stato attuale degli studi.Silvano Giordano

„Negozio del S.r Card. Pasman“. Péter Pázmány’s Imperial Embassage to Rome in 1632 (With Unpublished Vatican Documents), written and edited by Rotraud Becker and Péter Tusor, Budapest-Rome (MTA-PPKE Vilmos Fraknói Vatican Historical Research Institute) 2019 (Collectanea Vaticana Hungariae II,7), 480 S., 4 Abb., ISBN 978-963-308-359-8, € 20.

Wohl kein Pontifikat des 17. Jh. war auf internationaler und lokaler Ebene auf Grund der nepotistischen und frankophilen Tendenzen des Pontifex so umstritten und folgenreich wie der von Urban VIII. (Maffeo Barberini), der von 1623–1644 regierte. Im Jahr 1632 wurde der Papst in unerhörter Weise von Kardinal Gaspar de Borja in einem Konsistorium für seine einseitige, Frankreich bevorzugende Politik scharf kritisiert. Dieser aufsehenerregende Auftritt des spanischen Kardinals hat dabei oft das Wirken eines anderen Kardinals am römischen Hof wenige Wochen danach in den Hintergrund gerückt. Es handelt sich um Péter Pázmány, Erzbischof von Esztergom und Primas von Ungarn, der sich im Auftrag Kaiser Ferdinands II. im Frühjahr 1632 in Rom aufhielt. Neben der Entgegennahme der Kardinalsinsignien sollte Pázmány drei Anliegen des Kaisers vortragen: 1. die Bitte um Subsidien angesichts der verzweifelten Lage des Katholizismus im Reich, 2. die Forderung nach einer eindeutigen Distanzierung des Papstes von im Bündnis mit Schweden stehenden katholischen Mächten und 3. die Einladung zu einer Liga katholischer Fürsten. Die Gesandtschaft des ungarischen Prälaten endete mit einem totalen Fehlschlag (mit nachhaltigen Konsequenzen vor allem für das Verhältnis Ungarns zu Rom, S. 82), wobei von Seiten der Kurie teilweise zeremonielle Aspekte (etwa der Legatentitel des kaiserlichen Gesandten) vorgeschützt wurden. Als politisches Hauptargument gegen die kaiserlichen Forderungen vertrat die Kurie die Ansicht, es handle sich bei dem Konflikt im Reich nicht um einen Religionskrieg (S. 44), weshalb auch ein Rückgriff auf die Ressourcen des Engelsburgschatzes nicht in Frage käme. Die vorliegende Studie ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit von zwei ausgewiesenen Experten für diese Materie. Rotraud Becker analysiert die Vorgänge auf der Grundlage der von ihr edierten Korrespondenz der Kaiserhofnuntiatur. Es handelt sich bei ihrer Studie um eine leicht überarbeitete Version eines auf Deutsch erschienenen Artikels (QFIAB 92 [2012], S. 381–429). Péter Tusor hingegen wertet bislang unberücksichtigte vatikanische Dokumente aus, welche die internen kurialen Entscheidungsprozesse und die Rolle des Staatsekretärs Lorenzo Azzolini erhellen, und kann damit die einschlägige Forschung (Hanuy, Fraknói) um wichtige Aspekte ergänzen. Alle Textteile werden sowohl auf Englisch als auch auf Ungarisch wiedergegeben. Im Anhang sind mehrere, bislang unveröffentlichte zentrale Dokumente im Zusammenhang mit der Pázmány-Mission aus den Beständen der Vatikanischen Bibliothek und dem Primatialarchiv von Esztergom im Volltext veröffentlicht. Ihnen sind ausführliche Regesten in englischer und ungarischer Sprache beigegeben. Der englische Text hätte ein besseres muttersprachliches Lektorat verdient (dies betrifft vor allem die Stilistik; terminologische Fehler begegnen ganz selten: S. 34, Anm. 31 Lotharingia statt Lorraine; S. 315 Geneva statt Genoa; S. 359 Moyenvic statt Moinevic). Diese Feststellung schmälert in keinster Weise das große Verdienst der beiden Wissenschaftler, die eine mustergültige historische Rekonstruktion der Pázmány-Mission von 1632 vorlegen. Zusammengeführt werden dabei auf der Basis der verfügbaren Quellen die Perspektiven der einzelnen Institutionen (Dikasterien der Kurie, Wiener Nuntiatur, kaiserlicher Geheimer Rat) und Protagonisten (Kaiser, Papst, Kardinalnepot Francesco Barberini, Staatssekretär Azzolini, Nuntius Rocci und nicht zuletzt Pázmány), welche die jeweils internen Entscheidungsprozesse verdeutlichen und so einen überaus eindrucksvollen Blick in die zeitgenössischen Abläufe ermöglichen, wie Tusor feststellt: „the historical atmosphere itself appears“ (S. 143). Die Studie leistet über die eigentliche Fragestellung hinaus einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Praktiken und Raffinessen des frühmodernen Gesandtschaftswesens und zu den internationalen Beziehungen an einem Wendepunkt des Dreißigjährigen Krieges. Das Buch ist Georg Lutz gewidmet, einem der besten Kenner des Barberini-Pontifikats, der selbst auf das Desiderat einer profunden Analyse der Pázmány-Gesandtschaft hingewiesen hatte (S. 28).Alexander Koller

Giuseppe Mrozek Eliszezynski, Ascanio Filomarino. Nobiltà, Chiesa e potere nell’Italia del Seicento, Rom (Viella) 2017 (I libri di Viella 262), 311 S., ISBN 978-88-6728-914-1, € 32.

Zeitgenossen wähnten sich in den Fängen einer kollektiven „Epilepsie“, als ab 1640 in kurzen Abständen vier Territorien der weltumspannenden spanischen Monarchie in Revolten aufgingen. Mithin die stärkste Resonanz erfuhren dabei die Ereignisse im süditalienischen Königreich Neapel. Dort erhob sich im Frühsommer 1647 die städtische Plebs unter Führung eines Fischverkäufers namens Masaniello gegen indirekte Steuererhebungen, bevor der Aufstand gegen den fiscal-military state der Habsburger binnen weniger Monate in Bestrebungen zur Errichtung einer konstitutionellen Monarchie und schließlich in die Ausrufung einer Republik unter französischer Protektion mündete. Mit seinem Buch zu einem bisher übersehenen Akteur, dem Kardinal-Erzbischof Neapels, Ascanio Filomarino (1584–1666), eröffnet Giuseppe Mrozek nun ganz neue Perspektiven auf einen Dauerbrenner der süditalienischen Historiographie. Auf einer reichen Quellenbasis aus rund 20 italienischen und spanischen Archiven aufbauend, ist das Buch als Fünfakter konzipiert, als dessen Peripetie die Revolte von 1647–1648 fungiert. Dabei erzählt Mrozek zuvorderst die Geschichte eines gescheiterten Versuchs Filomarinos, Teil jenes sistema imperiale zu werden, das nachfolgende Günstlingminister am spanischen Hof seit Beginn des 17. Jh. zur Integration des italienischen Adels aufgebaut hatten. Nachdem ihm als Sohn einer Nichtadligen die einzige Aufstiegsmöglichkeit über die juristische Laufbahn verwehrt geblieben war, suchte Filomarino ab 1616 sein Glück am benachbarten Papsthof – in der Hoffnung, das in Rom gewonnene symbolische Kapital in der spanischen Monarchie in soziale Schätzung ummünzen zu können. Als jahrelanger Intimus des Papstneffen wurde er gegen Ende des Pontifikats Urbans VIII. (1623–1644) 1641 mit dem Erzbistum Neapel und kurz darauf mit dem Kardinalshut versorgt. Nach seiner Rückkehr in seine Heimatstadt Neapel positionierte sich Filomarino gegen den herrschenden Block aus Alt- und Neuadligen, die unter dem Favoriten Philipps IV., dem Conde-Duque de Olivares, zu Macht und Einfluss gekommen waren. Als im Sommer 1647 die Revolte ausbrauch, stellte sich Filomarino auf die Seite jener Kräfte, die für die Errichtung einer konstitutionellen Monarchie eintraten, bevor er sich angesichts der zunehmenden Radikalisierung der Bewegung ab dem Spätherbst für die Wiederherstellung des Status quo ante stark machte. Bezahlt machte sich das alles nicht. Obwohl Filomarino, wie Mrozek überzeugend nachzeichnet, konsequent als Vermittler zwischen den Parteien auftrat, karikierten ihn die wieder an die Macht gelangten olivaristas in einer jahrelangen Pamphletkampagne als frankreichfreundlichen Rädelsführer. Auch wenn sie damit die angestrebte Absetzung Filomarinos nicht erwirkten, beschädigten sie seinen Ruf doch stark genug, als dass der Kardinalerzbischof von seinem ursprünglichen Ziel der Reputationserhöhung seines Familienverbandes abkam. Eines der wichtigsten Verdienste der vorliegenden Studie ist es, dass der Vf. Filomarino durchgehend als Amtsträger und Haupt eines aufstiegswilligen adligen Clans in den Blick rückt. Die Jurisdiktionskonflikte, die den Bd. wie ein roter Faden durchziehen, hätten leicht nach altbekanntem Muster als Auseinandersetzung zwischen Kirche und absolutem Fürstenstaat erzählt werden können. Mrozek überwindet diese falsche Dichotomie und macht dahingegen deutlich, dass die Beteiligten die Auseinandersetzungen um Privilegien stets auch als Möglichkeit wahrnahmen, Statusansprüche innerhalb des labilen Gefüges des neapolitanischen und gesamtspanischen Adels zu markieren. So untrennbar waren Privilegien des Amtes mit der Person des adligen Inhabers verbunden, dass ein Angriff auf sie immer einem Anschlag auf die Ehre der Betroffenen gleichkam. Insofern als im Kampf um Vorrechte adlige Ehrvorstellungen zum Ausdruck kamen, sah sich Filomarino nicht nur den kastilischen Vizekönigen gegenübergestellt, sondern vor allem auch Konkurrenten aus dem neapolitanischen Hochadel, wie ein Kapitel zu Präzedenzkonflikten während der Prozession anlässlich des Blutwunders des Stadtpatrons Gennaro besonders eindrücklich zeigt. Angesichts des erhöhten Gewaltpotentials der neapolitanischen Gesellschaft drohten solche Konflikte aber stets auch die öffentliche Ordnung zu stören, was spätestens dann augenfällig wurde, als Filomarinos Kränkung ihn dazu verleitete, einen kriminell gewordenen Bediensteten vor dem Zugriff der königlichen Justiz zu schützen. Sein Behauptungskampf gegen das Olivares-Lager, den er auch mit sämtlichen juristischen und symbolischen Mitteln ausfocht, isolierte ihn zusehends – gerade weil seine Unbeugsamkeit stets Zweifel an seiner Loyalität nährten, die seine Gegner als Waffe gegen den unliebsamen Konkurrenten zu nutzen wussten. Mrozek wirft damit nicht nur ein neues Licht auf das Entstehen des sistema imperiale, sondern liefert auch neue Argumente für die Resilienz und zunehmende Undurchlässigkeit eines Machtkartells, das den Sturz Olivares’ fast unbeschadet überlebte. Mit seinem Blick für die longue durée lädt der Autor deshalb zu einem neuen Blick auf die Masaniello-Revolte und die Krisenerscheinungen der spanischen Monarchie ein, der weit über den neapolitanischen Kontext hinausschweift.Samuel Weber

Olivier Poncet, Mazarin l’Italien, Paris-Roma-Madrid (Editions Tallandier) 2018 (Lectures méditerranéennes [1]), 287 S., Abb., ISBN 979-10-210-3105-0, € 21.

Hatte die Apenninenhalbinsel bereits aus Sicht Richelieus, Mazarins Vorgänger im Amt des französischen Prinzipalministers, das „Herz der Welt“ gebildet, so trifft dieses Diktum umso mehr auf den aus Rom stammenden (aber in Pescina in den spanischen Abruzzen geborenen) Giulio Mazzarini zu, der sich seine administrativen und diplomatischen Sporen an der römischen Kurie (u. a. als Friedensvermittler) verdient hatte, bevor der promovierte Jurist 1639 von Richelieu an den Hof des Allerchristlichen Königs gezogen wurde und seit 1642 als Jules Mazarin fast zwanzig Jahre lang die Leitung der französischen Innen- wie Außenpolitik übernahm, ohne rechtlich je völlig zum Franzosen zu werden. Fast seine gesamte Regierungszeit wurde durch den von Richelieu 1635 begonnenen französisch-spanischen Krieg überschattet, der Italien als Kriegsschauplatz unmittelbar in Mitleidenschaft zog; keine eineinhalb Jahre vor seinem Tod im März 1661 legte der Pyrenäenfriede im November 1659 schließlich den Konflikt zwischen den beiden mächtigsten katholischen Monarchen bei. Nicht nur für seine innenpolitischen Gegner, die in der Fronde zeitweise zu triumphieren schienen, blieb Mazarin trotz der in Frankreich verbrachten Jahrzehnte in vielerlei Hinsicht italienischen Prägungen und Interessen verhaftet oder bediente sich meisterlich verschiedener kultureller Codes. Diese diversen Facetten der Italianität Mazarins (namentlich in seiner Rolle als Politiker, Kardinal, Patron, Familienoberhaupt, Mäzen und Sammler) erweisen sich den jüngst vorgelegten Studien Olivier Poncets zufolge als Grundzug seiner Persönlichkeit und seines politischen Wirkens, aber auch der historischen Erinnerungskultur in Frankreich und Italien. Das Buch basiert auf einer römischen Vortragsreihe des Vf. an der École française und fasst insofern mehrere Einzelstudien zu einer Monographie zusammen. Im Anschluss an eine Einführung, die Mazarin in seinem Jh. verortet, gliedert sich der Hauptteil des Buches in vier Kapitel. Das erste Hauptkapitel behandelt Mazarins Verhältnis zu den Päpsten und zur Stadt Rom, seinem Diktum von 1652 zufolge „das schönste Theater der Welt“, auf dessen Bühne er in seinen französischen Jahren ebenso virtuos zu spielen verstand wie in der römischen Zeit, aber auch Misserfolge hinnehmen musste. Kapitel II wendet sich dem Frankreich Mazarins zu und fokussiert dabei die Italianität von Mazarins Identität und Regierungsstil mit genauen Detailbeobachtungen, etwa zu den Sprachusancen und Essgewohnheiten. Das dritte Kapitel richtet den Blick auf Mazarins Italienpolitik und schenkt in diesem Kontext Neapel sowie den maritimen Ambitionen dieser Italienpolitik besondere Beachtung. Kapitel IV behandelt schließlich Mazarins Verhältnis zu Glauben und Geld und damit zwei Interessen, die er mit besonderer Hingabe verfolgte. In einem Epilog widmet sich der Vf. dem Erbe Mazarins für die Geschichte Frankreichs und Italiens. Eine Chronologie, ein ausführliches biographisches Lexikon der Akteure im Umfeld Mazarins, ein Blick in die Werkstatt bzw. „Küche“ (cuisine) des Historikers sowie Orts- und Personenregister runden das durch Farbabb. und Karten illustrierte Werk ab. Die Betrachtung der Beziehungen Mazarins zu Italien in ihren verschiedenen Dimensionen verleiht dem besprochenen Werk innerhalb der Mazarin-Forschung ein Alleinstellungsmerkmal. Olivier Poncet bereichert mit seinem glänzend formulierten Buch die reichhaltige Mazarin-Literatur erheblich und liefert einen ebenso originellen wie überzeugenden Zugang zur Italianität Mazarins, der einen wesentlichen Aspekt seiner Persönlichkeit sowie seines Lebens, Wirkens und Bildes in der Nachwelt erschließt. Zugleich offenbart Poncets Darstellung Mazarins Schlüsselrolle, die den politischen wie kulturellen Dialog zwischen Frankreich und Italien im Seicento zu ihrem Höhepunkt führte. Das Werk dürfte künftig zur Pflichtlektüre aller an Mazarin sowie an Europa im 17. Jh. Interessierten gehören.Guido Braun

Marco Moneta, Un veneziano alla corte moghul. Vita e avventure di Nicolò Manucci nell’India del Seicento, Milano (UTET) 2018, 314 S., Abb., ISBN 978-88-511-5699-2, € 20.

Nicolò Manuccis „Storia do Mogor“ gehört zu denjenigen europäischen Berichten über das frühneuzeitliche Indien, den die Forschung – nicht nur die europäische, sondern auch die indische – regelmäßig heranzieht, wenn es um das soziokulturelle Gefüge der Höfe im Mogulreich, die Regelung der Thronnachfolge, die Expansionspolitik der Mogulen im späteren 17. Jh. oder auch die Kolonialgesellschaften in Madras und Pondicherry geht. Gilt doch die „Storia do Mogor“ als in weiten Teilen akkurater Bericht über Ereignisse, Strukturen und Praktiken im Indien des 17. und frühen 18. Jh., auch wenn sie wie viele Indienberichte der Zeit auch Erzählungen vom Hörensagen und fiktive Elemente enthält. Nun hat Marco Moneta ein Hybrid über Manuccis „Storia do Mogor“ vorgelegt – ein Hybrid, der auf fast allen Seiten lange Passagen aus der „Storia“ zitiert, jedoch keine Edition ist, der die Geschichte des Nicolò Manucci erzählt, jedoch keine Biographie ist, jedenfalls, wenn man davon ausgeht, dass historische Biographien sich auf mehr als eine Quelle ihres Protagonisten verlassen, und der dem Leser wissenschaftliche Kontextualisierungen an die Hand gibt und doch vielfach unkritisch mit Manuccis „Storia“ umgeht. Nicolò Manucci (1638–1720) verließ als Jugendlicher seine Heimat Venedig, reiste mehrere Jahre durch das Osmanische Reich und Persien und hielt sich seit 1656 in Indien auf, wo er zunächst in den Dienst Dara Shikohs – Sohn des amtierenden Shah Jahans – trat, später in den Dienst von Shah Alam, mehrere Jahre als Artillerist für die Mogulherrscher tätig war, in diesem Kontext in die Kämpfe gegen die erstarkenden Marathen auf dem Deccan involviert war und sich zugleich einen Ruf als Arzt erwarb, obwohl er nie Medizin studiert hatte. 1686 quittierte er den Dienst Shah Alams und ließ sich teils in Madras, teils in Pondicherry nieder, heiratete und führte ein Leben als Arzt in der entstehenden britischen und französischen Kolonialgesellschaft. In dieser Zeit begann er an der „Storia do Mogor“ zu arbeiten, die – nachdem sie als dreibändiges Manuskript von den Jesuiten stark bearbeitet bereits 1705 in Paris in den Druck gegangen war – als von Manucci erweitertes und überarbeitetes Manuskript in fünf Bde. überliefert ist, einmal in der Staatsbibliothek Berlin und einmal in der Biblioteca Marciana di Venezia. Das Manuskript ist in portugiesischer, italienischer und französischer Sprache verfasst. Bei der bislang einzigen vollständigen Edition handelt es sich um die 1907 erschienene Übersetzung ins Englische von William Irvine, einem ehemaligen civil servant im Britisch Indien und Historiker, der eine immer noch maßgebliche Geschichte der späten Mogulen verfasste. Auch wenn Moneta in den Vorbemerkungen die vorhandenen Manuskripte, Irvines Edition sowie zwei italienische Teileditionen listet und deutlich macht, wo er italienischen Text übernimmt und wo er eigene Übersetzungen vorlegt, ist aus den Zitatnachweisen schwer ersichtlich, ob er die Manuskripte benutzt hat und aus welcher Edition er nun zitiert. Hier hätte man sich als Leserin ausführlichere, präzisere und kritischere Ausführungen gewünscht. Monetas Verdienst ist es, Nicolòs durchaus faszinierende Lebensgeschichte und seine (in der Irvineschen Edition) nahezu 1500seitige „Storia do Mogor“ auf 300 S. zu erzählen und zu kontextualisieren. Wer sich einen Überblick über die Biographie und die Themen der „Storia“ verschaffen will, für den ist Monetas „Un veneziano alla corte moghul“ nützlich. Am Original oder besser, in Ermangelung einer kritischen Edition, an der Irvineschen Edition kommt man jedoch nicht vorbei.Kim Siebenhüner

Dagmar Freist, Glaube – Liebe – Zwietracht. Religiös-konfessionell gemischte Ehen in der Frühen Neuzeit, Berlin-Boston (De Gruyter) 2017 (Bibliothek Altes Reich 14), 550 S., ISBN 978-3-486-74969-4, € 79,95.

Konfessionell gemischte Ehen stellten in der Frühen Neuzeit ein sowohl sehr verbreitetes als auch heftig diskutiertes Phänomen dar. Dagmar Freist wählte für ihre Studie, mit der sie sich an der Universität Osnabrück habilitierte, drei Territorien unterschiedlichen konfessionellen Zuschnitts aus, die als gute Beispiele für die konfessionelle Verfasstheit des Reichs nach dem Westfälischen Frieden von 1648 gelten können – das katholisch geprägte Fürstbistum Osnabrück, die vorwiegend reformatorische Kurpfalz sowie Kursachsen, in dem der zum Katholizismus konvertierte Landesfürst einer mehrheitlich protestantischen Bevölkerung gegenüberstand. Die Studie erschöpft sich keineswegs in einer vergleichenden Bestandsaufnahme konfessioneller Mischehen vor dem Hintergrund einer ausführlichen Darstellung der Gesetzeslage, sondern sie setzt die Perspektive der eheschließenden Personen immer wieder in Bezug zu den landesfürstlichen Interessen und reichsweiten Diskussionen. Als Basis dient Freist dafür der Forschungsbegriff „religiös-konfessionell“, der die Ebene der religiösen Subjektivierung miteinbezieht, also nach dem Prozess fragt, wie „konfessionelle Unterscheidungsmerkmale des christlichen Glaubens angeeignet, eingeübt und in umfassendere Handlungs- und Deutungsmuster alltäglicher Zusammenhänge, Beziehungen und Erfahrungen eingewoben werden“ (S. 7). Damit macht sie das Spannungsfeld von Überlegungen, warum solche Ehen überhaupt geschlossen bzw. zugelassen wurden, auf. Dabei steht der Forschungsbefund, dass bei der Bevölkerung nicht von einer eindeutig konfessionell geprägten Selbstverortung ausgegangen werden könne, im Gegensatz zum landesfürstlichen Bestreben, die – mit dem Westfälischen Friedensinstrument errungenen – konfessionellen Verhältnisse nicht wieder uneindeutig werden zu lassen, auch wenn diese Ehen aus bevölkerungspolitischen Gründen zugelassen wurden. Umso wichtiger schien es aus dieser Perspektive, Vorsichtsmaßnahmen für die konfessionelle Erziehung der Kinder zu treffen. Die dazu reichsweit geführte Diskussion – über die unterschiedlichen Regelungsmöglichkeiten (Festlegung auf eine Konfession, Konfession folgt dem Geschlecht der Eltern, Vereinbarungen in Heiratsverträgen) hinweg – berührte zwei wesentliche Punkte, die in die Mitte der frühneuzeitlichen gesellschaftlichen Ordnung führten. Die Frage, mit welchem Alter die religiöse Mündigkeit der Kinder anzusetzen war, entschied bei Streitigkeiten darüber, wer über ihre Konfession bestimmen durfte. Damit verbunden war zugleich die Frage der väterlichen und ehemännlichen Gewalt innerhalb der Familie. Wenn etwa die Töchter der Konfession der Mutter folgten, dann unterstanden sie nicht mehr in allen Fällen der patria potestas, genauso wenig wie die Ehefrau selbst in ihren Religionspraktiken. Zurecht sieht Freist daher konfessionell gemischte Ehen als Brennglas für die zentralen Forschungsbereiche der Subjektivierung, Geschlechterverhältnisse, Rechtsanwendung, der Beziehung von Landesfürsten zu ihren Untertanen sowie zu den höheren Hierarchien des Reichs, in denen nichts weniger als gesellschaftliche Ordnung verhandelt wurde. Erst im Aufeinanderbeziehen der unterschiedlichen Kategorien wird die Intersektionalität deutlich, was Anreiz geben sollte, in Detailstudien weitere Kategorien, wie etwa Vermögen und soziale Herkunft, noch umfassender und systematischer als es hier aufgrund des breit angelegten Forschungsdesigns möglich war, miteinzubeziehen.Ellinor Forster

Laura Windisch, Kunst, Macht, Image. Anna Maria Luisa deʼ Medici (1667–1743) im Spiegel ihrer Bildnisse und Herrschaftsräume, Köln-Weimar-Wien (Böhlau) 2019 (Studien zur Kunst 41), 331 S., Abb., ISBN 978-3-412-51178-4, € 55.

Beim vorliegenden Werk handelt es sich um die überarbeitete Fassung der 2016 am Institut für Kunstgeschichte der Universität Bern angenommenen Diss. von Laura Windisch. Darin untersucht sie das Herrschaftsbild adeliger Frauen in der Frühen Neuzeit am Beispiel von Anna Maria Luisa de’ Medici (1667–1743), Ehefrau von Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz und letzte Repräsentantin der italienischen Dynastie der Medici bevor das Großherzogtum der Toskana an das Haus Habsburg-Lothringen ging. Die Autorin fragt nach den in und durch die Kunst (Malerei, Medaillenkunst, Architektur, Gartengestaltung) ausgedrückten Erwartungen an die letzte Großherzogin der Toskana und dem Wandel ihres Bildes (Imago) nach ihrer Rückkehr nach Florenz als Witwe. Analysiert werden ihre Selbstdarstellung, Selbst- und Fremdwahrnehmung mit Hilfe „einer speziell auf sie zugeschnittenen Ikonografie, die bereits seit ihrer frühesten Jugend geformt wurde, um ihren Status als zukünftige Regentin des Großherzogtums in Szene zu setzen“ (S. 13). Dabei geht die Autorin von der Hypothese aus, dass die Kunstwerke als Produkte eines ausgedehnten Kulturtransfers gezielt zur Stützung des „fragilen Gerüst[s]“ (S. 15) der dynastischen Erbnachfolge eingesetzt wurden. Nach ihrem Aufenthalt am Düsseldorfer Hof, dessen Kunsthaus ein starkes Vorbild für den Übergang zu einem bürgerlich-aufklärerischen, öffentlichen Zugang von fürstlicher Kunstpatronage darstellte, entwickelte Anna Maria Luisa eine ähnliche Strategie als zurückgekehrte, kinderlose Witwe in Florenz. Als letzte, aber nicht herrschaftsberechtigte Vertreterin ihrer Dynastie versuchte sie die Memoria ihres Hauses durch eine ausgedehnte Kunstproduktion und Sammlung und vor allem durch eine vertraglich festgehaltene Öffnung für die Allgemeinheit („utilità del Pubblico“, S. 73) zu festigen. Einer thematischen Schwerpunktsetzung folgend behandelt Windisch in vier Hauptkapiteln die Aspekte „Bildnis und Person“, „Museumsraum und Sammlung“, deren Entstehungsgeschichte und Rezeption sie näher untersucht, „Objekt und Hofkultur“, sowie „Villa und Garten“; unter Einbeziehung der Erkenntnisse über Entstehungskontext, Funktion, Auftraggeberin bzw. Auftraggeber und Adressaten stellt sie die Frage welche Imago durch die verschiedenen Objekte jeweils vermittelt wurde bzw. werden sollte. Der Schwerpunkt liegt zunächst auf der Porträtmalerei als das offensichtliche visuelle Mittel der Legitimierung von Macht und Imagebildung. Entlang der Entwicklung von der Kunstkammer zum Museum zeigt die Autorin die Ansätze der Staatsbildung in Düsseldorf, die von der Witwe auch in Florenz weitergepflegt wurden. Schließlich wird der Fokus auf die Architektur am Beispiel des Witwensitzes La Quiete gesetzt. Mit der Analyse bisher unberücksichtigten Quellenmaterials dieses Herrscherpaares und vor allem der letzten Medici-Fürstin (im Anhang befinden sich Rechnungen, Briefe und Listen der Angestellten) schließt Windisch eine Lücke in der Untersuchung von Sammlungsrepräsentationen, Eigen- und Fremdwahrnehmung. An verschiedenen Beispielen gelingt es ihr überzeugend die Absichten und Strategien hinter der Kunstpatronage und dem Sammlungsauftrag zu zeigen. Der Niedergang der Dynastie animierte diese fürstlichen Aktivitäten und ließ Anna Maria Luisa zu einer „künstlerischen Planerin und Auftraggeberin“, ja einer regelrechten „Geschäftsfrau“ (S. 253) avancieren. Die Arbeit ist eine sprachlich einwandfreie, gut strukturierte Darstellung von Imagepflege einer aussterbenden Dynastie durch eine Frau mit beschränktem politischem Handlungsspielraum. Das Ziel, einen Beitrag zur weiblichen Kunstpatronage vor dem Hintergrund der Staatsbildung am Vorabend der Aufklärung zu leisten, ist Windisch zweifelsfrei gelungen. Wenn man als Historikerin bei allem Lob etwas bemängeln wollte, dann allein die Tatsache, dass die Arbeiten von Pionieren wie Espagne, Middell, Rohrschneider, Zimmermann etc. die Überlegungen zu den von Windisch oft genannten Aspekten des „Kulturtransfers“ und der „Fremdwahrnehmung“ bereichert hätten.Elena Taddei

Vincenzo Ferrone, Il mondo dell’Illuminismo. Storia di una rivoluzione culturale, Torino (Einaudi) 2019 (Piccola biblioteca Einaudi. Nuova serie 715), XIV, 240 pp., ill., ISBN 978-88-06-24092-9, € 23.

Questo volume, presentato dal suo autore come „una sintesi dei risultati di una lunga stagione di ricerca che abbia anche la capacità di proiettarsi verso il futuro“ (p. VII), rappresenta un riuscito tentativo di studio d’insieme sull’età dell’Illuminismo condotto in forma comparata. Il fatto che molti capitoli siano dedicati a temi „classici“ degli studi settecenteschi, quali l’„Encyclopédie“ di Diderot e D’Alembert, le logge massoniche e le società segrete, l’editoria, il repubblicanesimo, il ruolo dell’arte, l’eredità dell’Illuminismo nella storia ottocentesca non deve fuorviare, poiché il punto di partenza è sempre dato da ricerche che l’autore ha portato avanti durante la sua lunga attività di studi su differenti aspetti della cultura del XVIII secolo (tra cui newtonianesimo, Illuminismo italiano, eredità dell’Illuminismo nella cultura contemporanea). Altre sezioni vertono invece più esplicitamente su questioni metodologiche e storiografiche strettamente attuali, come le riflessioni sulla crisi delle discipline umanistiche (Prefazione) e sulla storia globale (Prefazione, capp. 7 e 9, rispettivamente dedicati allo schiavismo e alla rivoluzione haitiana). Queste pagine sono un lucido bilancio su potenzialità e attuali limiti della storia globale. Se alcuni dei problemi cui si accenna, come quello delle competenze linguistiche, appaiono effettivamente di difficile o quantomeno lenta „risoluzione“, è però già possibile intravvedere nel panorama storiografico internazionale alcune tendenze che forse relativizzeranno (con successo o meno è ovviamente da vedersi) in tempi più brevi alcune delle lacune qui descritte: al predominante approccio della storia economica e sociale si stanno affiancando recentissime ricerche di global intellectual history, accanto alla prevalente attenzione per il tardo Settecento crescono gli studi condotti su XVII secolo e primo Illuminismo. Come si è già accennato, il volume adotta una prospettiva comparata dando spazio a Italia, Francia, impero britannico e colonie americane. Lodevole è l’attenzione riservata al contesto italiano, in riferimento soprattutto alle figure di Antonio Genovesi, Gaetano Filangieri, Giambattista Vico e Vittorio Alfieri. Ampio spazio riceve anche la tradizione storiografica italiana (primo fra tutti Franco Venturi), che ha lasciato in eredità agli studi settecenteschi paradigmi interpretativi spesso tutt’ora attuali, e comunque sempre di grande fascino. In caso di traduzione della presente monografia in un’altra lingua o di seconda edizione, sarebbe interessante ampliare questi riferimenti, considerando che non sono molti gli studiosi non italiani che si cimentino in una contestualizzazione del Settecento italiano in una cornice europea. Un po’ troppo esiguo è invece a parere di chi recensisce lo spazio dedicato alla Germania, che compare in riferimento alla Spätaufklärung di Goethe, Schiller, Lessing e Herder, ma non a autori e fonti della prima metà del XVIII secolo; molti studi degli ultimi decenni, tra l’altro, considerando il contesto tedesco in un’ottica comparata, hanno sviluppato interessanti paradigmi interpretativi in rapporto a molte delle questioni qui esposte, quali ad esempio il rapporto tra storiografia e ricostruzione filosofica, il cosiddetto „Illuminismo radicale“ e la riflessione estetica dell’Illuminismo. L’ampio respiro di questo libro, che mai risulta a discapito di accuratezza e rigore metodologico, è un suo punto di forza e lo rende una lettura proficua sia per chi cerchi un’introduzione ai temi classici dell’Illuminismo che per lo studioso di questioni più specifiche strettamente attinenti al mondo dei „Lumi“.Riccarda Suitner

Wolfgang Rother, Von Casanova bis Vertrauen. Aspekte der italienischen Aufklärung, Zürich (Hauptbibliothek Open Publishing Environment HOPE) 2019, 178 S. (URL: https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/177350/; 20.9.2020)

Wer in Deutschland kennt die italienische Aufklärung? Eine eher rhetorische Frage, leider. Noch „rhetorischer“ sozusagen wird sie dadurch, dass die drei in Frage kommenden Disziplinen, Italianistik, Philosophie und Geschichte, voneinander so gut wie keine Notiz nehmen, so dass das wenige, was hierzulande dazu beigetragen wird, sehr im Stillen blüht. Der Rezensent hat vor langer Zeit über die Mailänder Aufklärung seine Diss. geschrieben und glaubt, jeden seiner Leser persönlich zu kennen; Wolfgang Rother zählt nicht dazu, wie auch umgekehrt der Rezensent bislang von dessen nicht unbeachtlicher Produktion zur italienischen und speziell zur oberitalienischen Aufklärung keine Kenntnis hatte. Dies vorausgeschickt, kann man ermessen, mit welcher Neugier der fachkundige Leser zum angezeigten Buch – dank Schweizer Zuschussvorschriften „nur“ als open access zu bekommen, so dass man sich die Datei dann privat ausdrucken muss, sofern man in traditioneller Manier ein Buch von vorne bis hinten lesen und mit Notizen versehen möchte – greift. Es handelt sich um die gesammelten, teilweise überarbeiteten Aufsätze des in der Schweiz lebenden deutschen Philosophen, die, anders als der Titel verspricht, teils Personen, größtenteils jedoch Themen (Ethik, Folter, Freiheit, Hexenwahn, Philosophie, Religion, Todesstrafe, Vertrauen) der oberitalienischen und namentlich der Mailänder Aufklärung, also vor allem Beccaria und Pietro Verri, gewidmet sind. Wiederholungen sind der unvermeidliche Preis solcher Sammlungen, die Zusammenfassungen am Ende jedes Beitrags nimmt man umso lieber zur Kenntnis. Die Fragestellungen des Buches sind philosophische, der Rezensent ist Historiker und kann darum über dessen disziplinäre Qualität keine kompetente Aussage treffen. Er jedenfalls würde Aussagen des 18. Jh. nicht als „feministisch“ oder Antizipation „postmoderner Denklinien“ bezeichnen und ihnen auch nicht so etwas wie „freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaat“ oder „demokratischen Liberalismus“ ansinnen. Er würde auch der textimmanenten Interpretation keinen so großen Raum auf Kosten der Wirkungs- oder gar der Rezeptionsgeschichte einräumen und fragt sich, ob es klug ist, den preußischen Protestanten Kant wiederholt zum Maßstab zu machen, obwohl die italienischen Aufklärer sich an der französischen Aufklärung und ganz besonders an den Enzyklopädisten orientiert haben. Kant hat bekanntlich Verri und Beccaria (auf Französisch) rezipiert, aber umgekehrt galt das nicht, schon weil keiner von ihnen deutsch sprach. Es ist ziemlich unhistorisch, Rousseau und Kant derart in den Vordergrund zu stellen. Nicht zuletzt staunt der Begriffshistoriker über den Vorwurf, dass „Vertrauen“ nicht in die „Geschichtlichen Grundbegriffe“ eingegangen ist, denn diese sind, wie schon der Untertitel verrät, ein „Lexikon zur politisch-sozialen Sprache“. Kurz einige Ergebnisse der Forschungen Rothers. Beim Thema „Ethik“ geht es ausschließlich um Pietro Verri, der einen „Prototyp des kategorischen Imperativs“ (S. 42) formuliert habe. Die sehr kurzen Aussagen zur Folter sind ausgesprochen unoriginell und dasselbe gilt zum Hexenwahn. Beim Thema „Freiheit“ prüft Rother, wie diese sich zum Thema „Glück“ verhielt und kommt zu dem Ergebnis, dass in der Spannung zwischen beiden letztlich die Freiheit obsiegt habe, nicht zuletzt dank der Übernahme der Theorien Rousseaus. Sehr gelungen ist das kurze Kapitel „Philosophie“, das anhand der Zeitschrift „Il Caffè“ Themen und Adressaten der an die Öffentlichkeit drängenden jungen Mailänder Aufklärer präsentiert. Ebenso gelungen, für Kenner aber nicht neu sind die Ausführungen zu den Versuchen der Mailänder, der Religion ein zweites Normensystem an die Seite zu stellen, während manche überrascht sein dürften zu lesen, dass die von Beccaria so vehement bekämpfte Todesstrafe von Rousseau und Kant befürwortet worden ist. Im folgenden Aufsatz macht Rother leider aus seinem Befund, dass Rousseau sowohl von Aufklärungsgegnern wie von Aufklärern kritisiert worden ist, kein Argument, und zuletzt genügen die wenigen Seiten nicht, die Behauptung, „dass das weithin in seiner philosophischen Relevanz unterschätzte Vertrauen einer der wichtigsten Gedanken der Aufklärung ist“ (S. 156), mit hinreichenden Belegen zu versehen. Rothers gesammelte Aufsätze bieten unwillkürlich eine Fülle von Beispielen für die Probleme, die dadurch entstehen, dass die drei eingangs genannten Disziplinen voneinander inzwischen so gut wie keine Kenntnis mehr nehmen. Das kann man dem Vf. natürlich nicht anlasten. Aber dass er nirgends den Forschungsstand wenigstens seiner eigenen Disziplin referiert, ist ein Mangel, den selbst – wenn nicht gerade – ein Außenstehender erkennt. So neu und originell ist dann doch nicht alles, was man hier zu lesen bekommt.Christof Dipper

Francesca Fausta Gallo, La congiura di Macchia. Cultura e conflitto politico a Napoli nel primo Settecento, Roma (Viella) 2018 (I libri di Viella 275), 425 S., ISBN 978-88-6728-948-6, € 39.

Am 22. September 1701 versuchte eine Gruppe hauptsächlich adliger Verschwörer, den amtierenden Vizekönig des Königreichs Neapel, Luis Francisco de la Cerda y Aragón duca di Medinaceli, zu ermorden. Das Ziel des Anschlags war, einen politischen Umsturz in Süditalien zu bewirken. Anstelle des von Karl II. von Spanien testamentarisch als Erben eingesetzten Bourbonen Philipp von Anjou sollte mithilfe der Verschwörer Erzherzog Karl (der spätere Kaiser Karl VI.) auf den Thron des Königreichs Neapel gelangen. Nachdem das vom Wiener Kaiserhof – halbherzig – unterstützte Attentat aufgrund Verrats gescheitert war, wiegelten die Verschwörer die Bevölkerung Neapels gegen das „gallospanische“ Regiment auf. Doch auch dieser Versuch, die Machtverhältnisse im Königreich zu verändern, blieb erfolglos. Nach weniger als 48 Stunden hatte die Regierung die volle Kontrolle über die Stadt Neapel wiedererlangt. Die geschilderte Episode ging, benannt nach einem der Verschwörer, als „Congiura di Macchia“ in die Geschichte ein. Sie erregte zu Beginn des 18. Jh. großes Aufsehen: Zahlreiche Artikel in europäischen Zeitungen nahmen auf die Ereignisse in Neapel Bezug, daneben wurde die Verschwörung in historiografischen und literarischen Texten thematisiert. Der berühmte Giambattista Vico widmete ihr eine Monografie. Doch gerieten die Vorgänge des September 1701 nach dem Übergang Neapels an das Haus Habsburg im Jahr 1707 zunehmend in Vergessenheit; die Erinnerung an die Konflikte zu Beginn des Spanischen Erbfolgekrieges stand einer Konsolidierung der neuen Herrschaft entgegen. In modernen Darstellungen der Geschichte des Königreichs Neapel wird die Adelsrevolte häufig nur am Rande erwähnt oder lediglich im lokalen bzw. regionalen Kontext ohne ausreichende Berücksichtigung der internationalen Dimensionen interpretiert. Ein kontinuierliches Interesse bringt der Verschwörung in jüngerer Vergangenheit die Vico-Forschung entgegen. Francesca Fausta Gallo, als Spezialistin für die frühneuzeitliche Geschichte Süditaliens durch zahlreiche grundlegende Publikationen ausgewiesen, setzt in ihrem Buch den traditionellen marginalisierenden Deutungen der „Congiura di Macchia“ eine moderne und vielschichtige Interpretation entgegen. Auf breiter Quellengrundlage untersucht die Autorin sowohl die historischen Geschehnisse von 1701 als auch die Formierung der Narrative über die neapolitanische Verschwörung bis zur Restauration der Bourbonenherrschaft im Jahr 1735. Das Buch gliedert sich in drei Kapitel: Zunächst wird der Umsturzversuch selbst dargestellt, das heißt seine Planung und Durchführung, soweit sie sich mithilfe der Dokumente rekonstruieren lassen, die in den folgenden Abschnitten im Detail vorgestellt werden; des Weiteren zeichnet Gallo im ersten Kapitel das strafrechtliche Vorgehen der Regierung gegen die Verschwörer nach deren Scheitern nach (S. 31–143). Der zweite Abschnitt behandelt die Verbreitung der Nachricht von der Rebellion an den Höfen Europas sowie die unmittelbaren öffentlichen Reaktionen auf die Neuigkeit, vor allem in gedruckten Manifesten und in der Presse (S. 147–274). Im Schlusskapitel analysiert Gallo die Interpretation des Aufstands in Manuskripten und Publikationen, die in einem gewissen zeitlichen Abstand zu den Ereignissen entstanden sind, das heißt in historiografischen und literarischen Texten, aber auch in den „Memorie“ des Mitverschwörers Tiberio Carafa. Daneben zeigt sie, wie die Revolte und ihre Protagonisten nach 1707 zunehmend aus dem Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerieten (S. 277–382). Das Buch von Francesca Fausta Gallo stellt unser Wissen über die „Congiura di Macchia“ auf eine neue Grundlage. Der Aufstand von 1701 wird darin als historisches Ereignis von europäischer Dimension (wieder-)entdeckt. Die Autorin leuchtet die weit über Neapel hinausreichenden politischen Kontexte des gescheiterten Umsturzversuchs akribisch aus. Sie zeigt ferner eindrücklich die weitreichende Abhängigkeit der Diskurse über die Adelsverschwörung von Machtkonstellationen: vor allem von den Parteibildungen im Spanischen Erbfolgekrieg, darüber hinaus vom Verlauf dieses militärischen Konflikts. So stellte die Rebellion von 1701 in der „gallospanischen“ Deutung eine letztlich ephemere Episode dar, die durch eine politisch abseitsstehende Minderheit der neapolitanischen Aristokratie ins Werk gesetzt worden und von vorneherein chancenlos war. Hingegen beharrte die österreichische Partei darauf, dass es sich bei den Verschwörern um respektable Persönlichkeiten gehandelt habe, die innerhalb der Führungsschicht des Königreichs breite Unterstützung gefunden hätten. Die Formierung der Narrative über die neapolitanische Verschwörung von 1701 war im Detail komplex und vollzog sich aufgrund ihrer Abhängigkeit von den politisch-militärischen Entwicklungen nicht ohne Brüche. Gallo verfolgt in ihrem Buch keinen dekonstruktivistischen Ansatz, sondern rekonstruiert die zeitgenössischen Diskurse vor dem Hintergrund der politischen Geschichte des frühen 18. Jh. Ihre luziden und subtilen Analysen eröffnen zahlreiche neue Perspektiven auf die Politik und Kultur Neapels um 1700. Sie machen jedoch auch – nicht zuletzt durch den Rekurs der Autorin auf mediengeschichtliche Aspekte – zentrale Faktoren der im europäischen Dialog erfolgten Produktion des historischen Ereignisses „Congiura di Macchia“ sichtbar. Wolfgang Mährle

Carlantonio Pilati, Di una riforma d’Italia ossia Dei mezzi di riformare i più cattivi costumi, e le più perniciose leggi d’Italia. Saggio introduttivo, edizione e commento a cura di Serena Luzzi, Roma (Edizioni di Storia e Letteratura) 2018 (Biblioteca del XVIII secolo 34. Settecento italiano), CLXII [10], 338 S., Abb., ISBN 978-88-9359-188-1, € 58.

„Les livres français sont tous circonspects et honnêtes en comparaison“, schrieb Voltaire nach seiner Lektüre von Carlantonio Pilatis „Riforma d’Italia“ am 21. Dezember 1768 an seinen Freund Charles-Augustin de Ferriol d’Argental. Dieses Urteil, das die Werke der französischen Kritiker von Religion und Kirche im Vergleich zu Pilatis Buch als harmlos erachtete, ist insofern bemerkenswert, als es einen italienischen Denker, der heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, zu den Protagonisten der radikalen Aufklärung zählte. Umso wichtiger erscheint vor diesem Hintergrund die von Serena Luzzi besorgte Edition des Werkes, für das Voltaire so lobende Worte gefunden hatte. Von den neueren Nachdrucken und Teileditionen, die meist nur mit kurzen Einleitungen versehen sind, unterscheidet sich Luzzis Ausgabe durch ihren sorgfältigen kritischen Kommentar und eine umfangreiche Einführung, die in Konzeption und Umfang einer Monographie gleichkommt. Die Einführung mit dem metaphorischen Titel „Biografia di un progetto secolarizzatore“ besteht aus drei Teilen. Der erste Teil ist der „Geburt“ eines Werkes gewidmet, dessen Vater, auch wenn er auf nicht dem Titelblatt erscheint, sich dennoch gern zu seiner Vaterschaft bekannte und stolz auf sein Kind war: Pilati selbst kümmerte sich offenbar eifrig um die Verbreitung seines Buches (vgl. S. XXII). Hilfreich für das Verständnis der „Riforma d’Italia“ ist Luzzis Einordnung des Werkes in den Kontext der beiden vorangegangenen Schriften, der „Esistenza della legge naturale“ (Venezia 1764) und der „Ragionamenti intorno alla legge naturale e civile“ (Venezia 1766), in denen sich Pilati mit dem „natürlichen Gesetz“ und Francis Hutchesons Konzeptionen des „natural instinct“ und „moral sense“ auseinandersetzte − in diesem Zusammenhang von einem „System Pilatis“ zu sprechen (S. XXII), das durch die Begriffe Instinkt und Relativität beschrieben wird, erscheint angesichts des primär kritischen und nicht systematischen Anspruchs Pilatis allerdings etwas überspitzt. Aufschlussreich sind sodann die beiden Abschnitte zur Druckgeschichte des 1767 in Chur publizierten Werkes und zu den Quellen Pilatis – mit einer Tabelle, die zeigt, dass der Autor bestens vertraut mit den einschlägigen, auch neueren und neusten italienischen, französischen und deutschen Texten war. Der zweite Teil stellt unter dem − immer noch der biographischen Metapher verpflichteten − Titel „La personalità, le inclinazioni, le passioni“ den Charakter des Werkes mit seinem kämpferischen Säkularisierungsprogramm dar, das eine Kritik an der weltlichen Macht des Papsttums, am Müßiggang der Ordensleute und am Aberglauben umfasste, für religiöse Toleranz argumentierte und auf eine Reform des Justiz- und Bildungswesens zielte. Außerdem identifiziert Luzzi die nicht namentlich genannten Autoren, gegen die sich Pilatis Kritik richtete: die beiden Trienter Franziskaner Benedetto Bonelli und Giovanni di Dio Staidel und den Hofkanzler des Fürstbischofs von Trient Giovanni Battista Gentilotti. Der dritte Teil ist den direkten Verwandten, den Freunden und den Feinden des Werkes gewidmet („I parenti stretti, gli amici, i nemici“) und behandelt Zensur, zeitgenössische Rezeption, Rezensionen und Übersetzungen bis hin zur Geschichte der Interpretation, die im 20. Jh. oszillierte zwischen einer nationalistischen Perspektive, wie sie im faschistischen Italien vertreten wurde, und einer Perspektive, die das Reformdenken und den Antikurialismus Pilatis in den Kontext der europäischen Aufklärung stellt. Auf die „Biographie“ des Werkes folgen eine Biographie des Autors, die tabellarisch dargestellt ist und auf diese Weise die Stationen des rastlosen „viaggiatore filosofo“ − so im Titel der italienischen Teilübersetzung der Reisebriefe Pilatis: „Lettere scelte del Signor **** viaggiatore filosofo“ (Poschiavo 1781) − veranschaulicht, und eine Bibliographie der Werke und Übersetzungen. Die vorgelegte Edition ist in jeder Hinsicht vorbildlich und lässt keine Wünsche offen – dennoch sei am Schluss ein Wunsch an die Hg. gerichtet: nämlich ebenfalls die ein Jahr nach der „Riforma d’Italia“ erschienenen „Riflessioni di un italiano“ zu edieren, gewissermaßen die Fortsetzung des vorliegenden Buches mit Pilatis − so der lange Titel − Reflexionen „über die Kirche im Allgemeinen, über die Ordens- und Weltgeistlichen, über die Bischöfe und die römischen Päpste und über die Rechte der weltlichen Herrscher in kirchlichen Dingen“, denen eine wunderschöne 200seitige literarische Fiktion eines „Berichts über das Königreich Cumba“ vorangestellt ist.Wolfgang Rother

Paolo Coen (Ed.), The Art Market in Rome in the Eighteenth Century. A Study in the Social History of Art, Leiden-Boston (Brill) 2019 (Studies in the History of Collecting & Art Markets 5), XII, 234 S., Abb., ISBN 978-90-04-33699-5, € 116.

Der römische Kunstmarkt des 17.–19. Jh. erfährt seit mehreren Jahren eine erhöhte Aufmerksamkeit in der kunsthistorischen, archäologischen und historischen Forschung. Schien es bislang so zu sein, als stünde Rom den übrigen europäischen Zentren in den Niederlanden, in Paris und London nach, so haben vielfältige Forschungsarbeiten inzwischen belegt, dass die Stadt am Tiber eine ebenso wichtige wie lebendige Rolle auf dem europäischen Kunstmarkt gespielt hat. Wegweisende Impulse für diese Neubewertung hat vielfach Paolo Coen in seinen Monographien und Aufsätzen gegeben. Er ist auch der Initiator des vorliegenden Bd. Darin sind die Beiträge versammelt, die 2012 auf einer Tagung im Palazzo Barberini gehalten worden sind. Souverän gibt Coen als Hg. die Leitlinien vor, an der sich die Vf. der Aufsätze orientiert haben. Der Bd. erschließt einmal mehr, dass der römische Kunstmarkt nicht nur eine Randerscheinung darstellte, sondern vielmehr international ausgerichtet gewesen und als einflussreicher und durchaus auch inspirierender Ort der Kunst wahrgenommen worden ist. Zeitlich gesehen widmen sich die Beiträge dem römischen Kunstmarkt vom 17. bis zum 19. Jh. Die Autoren wiederum gehen mit ganz unterschiedlichen, auch unkonventionellen Fragestellungen und Perspektiven an das Thema heran. Dies macht eine der vielen Stärken des Bd. aus: aus einer grundsätzlichen gemeinsamen Forschungslinie heraus wählen die Autoren ihre ganz eigenen Herangehensweisen und nehmen dabei den interdisziplinären Ansatz ernst. Paolo Coen spannt in seinem einleitenden Aufsatz sowohl den breiten Horizont des Bd. auf, als er auch einen kurzen Abriss über die Geschichte des Kunstmarkts in Rom in Bezug auf Käufer, Sammler, Kunstagenten und Kunstmarkt eröffnet. Peter Burke schließt mit einem theoretisch-methodischen Rahmen an, der zunächst die Geschichte des von den Kultur- und Sozialwissenschaften inspirierten Forschungsansatzes in der Kunstgeschichte nachzeichnet und dann den Blick auf gegenwärtige vielfältige, von Fachgrenzen unbeschwerte Möglichkeiten und Forschungsfelder weitet. Renata Ago und Patrizia Cavazzini setzen sich mit Fragen auseinander, auf welche Weise sich der Wert von Kunstwerken bemessen ließ, und mit Hilfe welcher öffentlichkeits- und werbewirksamer Strategien dieser erhöht werden konnte. Raffaella Morselli setzt sich mit Jan Meyssens Werk „Image de divers hommes d’esprit sublime“ und seiner Bedeutung für den europäischen und damit auch römischen Kunstmarkt auseinander. Valter Curzi widmet sich der Frage, wie sehr Rombesucher durch ihren Ankauf von Kunstwerken und Drucken die europäischen Sammlungen prägen konnten. Giovanna Perini Folesani, Paolo Coen und Maria Teresa Caracciolo stellen Akteure des römischen Kunstmarktes in den Mittelpunkt: Künstler, Sammler, Käufer und Verkäufer, Kunstagenten. Die Beiträge geben bemerkenswerte Einblicke in die Marktmechanismen, in die Frage der Bewertung von Kunst und schließlich auch in den Bereich der Bildung und der Veränderung künstlerischen Geschmacks. Der spannende Beitrag von Brian Allen führt ebenfalls tiefer in die Frage dessen ein, was in der zweiten Hälfte des 18. Jh. am römischen Kunstmarkt gekauft worden ist. Er nimmt sich des britischen Handelsschiffs „Westmorland“ an, das von der französischen Marine 1779 aufgebracht worden ist. Die Ladung, hunderte von Kunstwerken aus Italien, gibt ganz konkrete Einblicke in das Kaufverhalten junger britischer Kunstreisender der Zeit. Offensichtlich wird dadurch auch die Palette der käuflich zu erwerbenden Objekte. Daniela Gallo konzentriert sich demgegenüber auf den Antikenmarkt und analysiert diesen in Bezug darauf, inwieweit dieser für die einheimischen Gelehrten und Institutionen deutlich günstigere Preise auswarf als für auswärtige, vor allem adlige britische Käufer. Damit wird ein interessantes Schlaglicht auf Angebot und Nachfrage sowie auf die Schichtung des Marktes und seine spezifischen Abläufe und Funktionsweisen geworfen. Der inspirierende Sammelbd. gibt profunde Einblicke in die Strukturen und Mechanismen des Kunstmarktes in Rom, er stellt die Akteure und zum Verkauf stehende Kunstobjekte vor. Der Perspektivenreichtum der Beiträge gibt Impulse für weitere Arbeiten – nicht nur zum römischen, sondern generell zum Kunstmarkt. Gerade die vielseitige Herangehensweise an das Thema macht deutlich, dass interdisziplinäres Denken, verbunden mit innovativen Ansätzen, neue und anregende Einblicke in den römischen Kunstmarkt geben kann.Hannelore Putz

19.–20. Jahrhundert

Tommaso Di Carpegna Falconieri/Riccardo Facchini (a cura di), Medievalismi italiani (secoli XIX–XXI), Roma (Gangemi Editore) 2018 (Chiaroscuro 2), 191 S., Abb., ISBN 978-88-492-3617-0, € 25.

Dieser Sammelbd., der auf Vorarbeiten der beiden Hg., aber etwa auch auf Stefano Cavazzas „Piccole Patrie“ aus dem Jahr 1997 zurückgreift, eröffnet neue Perspektiven auf die vielschichtige Instrumentalisierung des Mittelalters im Italien seit dem Risorgimento. Nach einer konzisen Einführung durch Tommaso Di Carpegna Falconieri blickt Riccardo Facchini auf die Mittelalter-Rückbezüge in einem konservativ-katholischen Milieu in der zweiten Hälfte des 20. Jh. Hier zeigt sich, wie in Reaktion auf die Reformbestrebungen im Umfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils eine Gegenreaktion einsetzte, für die Kreuzzug, Rittertum und die hierarchische Welt des christlichen Mittelalters zu Idealen wurden, um den Imperativ einer Verteidigung der eigenen Gesellschaft gegen die Moderne zu unterstreichen. Davide Iacono stellt dem eine Untersuchung der Mittelalterrezeption unter dem Faschismus gegenüber: Hier zeigen sich die Schwierigkeiten, Mussolini mit einer als politisch zersplittert empfundenen Epoche in Verbindung zu bringen; doch nicht zuletzt die starke Rückbesinnung auf das Mittelalter im Risorgimento führte dazu, dass zumindest ein Bild – das des starken Condottiere in der Tradition der Renaissance – sich als sehr anschlussfähig erwies; es spielt auch in der einschlägigen Biographie Mussolinis von Margherita Sarfatti von 1925 eine Rolle und wurde in der bildlichen Propaganda des Regimes eingesetzt. Dem Bericht des Edmondo De Amicis über seinen Aufenthalt in Konstantinopel 1874 widmet sich im Kontext der Orientalismus-Debatte Geraldine Leardi, bevor Stella Losasso das lange Nachleben nationalistischer Argumentationen in der Befundinterpretation der frühmittelalterlichen Archäologie in Italien hervorhebt. Dass der Mythos der Templer auch im Italien von heute und im Internet äußerst lebendig weiterlebt, zeigt der Beitrag von Sonia Merli. Maria Chiara Pepa verfolgt die Rolle der Marcia (Cia) Ubaldini in der Historiographie des Risorgimento; ihren Überlegungen zum Grund des nachlassenden aktuellen Interesses an dieser prominenten Frauenfigur ließe sich noch die hier nicht näher betrachtete Rolle des Faschismus einfügen, denn die Protagonistin bei der Belagerung von Cesena gegen päpstliche Truppen 1357 eignete sich weit besser als Protagonistin für das antikatholische Risorgimento als für das auf Ausgleich mit der Kirche bedachte faschistische Regime – ein Schicksal, das auch andere Helden des Risorgimento traf, etwa Arnold von Brescia oder Giordano Bruno. Als zentrale Knotenstelle in der Rezeption erweist sich das Werk von Simonde de Sismondi, und hier liegt auch ein wichtiger Ursprung für die Idee der vier heute geradezu kanonisierten Seerepubliken Italiens. Die Entstehung dieses Mythos, den bis heute u. a. die italienische Seeflagge prominent lebendig hält, und der vor allem seit dem Faschismus breitenwirksame Relevanz hatte, beleuchtet Francesco Pirani. Den 1888 auf dem Höhepunkt des Risorgimento und des Historismus durchgeführten Feiern zum achthundertjährigen Bestehen der Universität Bologna widmet Francesca Roversi Monaco ihren Beitrag; die dabei entstandene neugotische Standarte ziert auch den Einband des Sammelbandes. Abgeschlossen wird der Bd. durch italienische und englische Abstracts der Beiträge, durch Kurzbiographien der Autoren, eine ausführliche und sehr hilfreiche gemeinsame Bibliographie zum Thema sowie einen Orts- und einen Namensindex. Die Aufmerksamkeit in der Zusammenstellung dieser Anthologie wird in diesem umfangreichen Anhang noch einmal sichtbar. Bei einem Blick auf die Beiträge des Bd. fällt die große und widersprüchliche Bandbreite der Interpretationsmöglichkeiten des Mittelalters ins Auge: So konnte das „Mittelalter“ aufgrund einer besonders wahrgenommenen Einheitlichkeit mit eindeutiger religiöser Ausrichtung und klarer sozialer Hierarchie für konservative Katholiken des 20. Jh. besonders attraktiv erscheinen, während es gerade die wahrgenommene politische Zersplitterung der italienischen Kommunen war, die das Mittelalter für den Faschismus nur zu einem Referenzpunkt zweiter Wahl machte. Die Offenheit des Konzeptes einer tausendjährigen Epoche, die zugleich durch den Begriff definiert wie durch eine notwendigerweise komplexe, wechselnde Realität gekennzeichnet war, macht das Mittelalter damals wie heute für eine vielfache und durchaus nicht einheitliche Rezeption so anschlussfähig. Der Bd. zeigt dies eindrücklich für Italien, und insbesondere der Aufgriff des Mittelalters durch rechte Ideologien der gegenwärtigen Parteilandschaft macht das Thema – übrigens weit über die Grenzen Italiens hinaus – auch für die gegenwärtige Forschung so relevant.Romedio Schmitz-Esser

Reine Meylaerts/Lieven D’hulst/Tom Verschaffel (Eds.), Cultural Mediation in Europe 1800–1950, Leuven (Leuven University Press) 2017, 222 S., ISBN 978-94-6270-112-0, € 49,50.

Prominent befassen sich mit dem komplexen Feld der kulturellen Vermittlung zunächst die Übersetzungs- bzw. Translationswissenschaften. Lange Zeit herrschte dabei ein zielsprachenorientierter Ansatz vor, der sich auf Texte und andere diskursive Produkte konzentrierte und diese in einen weiteren soziokulturellen und politischen Kontext einordnete. Die aktive Rolle der Akteure, im wesentlichen beschränkt auf die Übersetzer zunächst als solche, dann aber auch in ihren zahlreichen anderen Funktionen als Kritiker, Verleger, Hg. und Literaturhistoriker oder -wissenschaftler, ist in den letzten beiden Jahrzehnten verstärkt beleuchtet worden. Weiter gefasst wird der Begriff des Vermittlers bzw. der Vermittlung durch die Kulturtransferwissenschaften, die sich eher auf die Materialität und Organisation der Mediationspraxis richten. Sie hatten zunächst eine bzw. in einer bipolaren Perspektive zwei Kulturen im Blick, der durch den Ansatz der Verflechtungsgeschichte jedoch auf wechselseitige Austauschprozesse ausgedehnt wurde. In diesen weitgesteckten Rahmen ordnen sich auch die Beiträge des Bd. ein. Der erste Teil ist einzelnen Akteuren gewidmet. Interessant ist der Fall des Übersetzers der ersten größeren spanischen Shakespeare-Ausgabe im 19. Jh., Jaime Clark, der aufgrund seiner Geburt in einer englischen Familie aus Neapel und seines Bildungsweges, der ihn u. a. nach Deutschland führte, an der Schnittstelle verschiedener Kulturen stand und aus diesen auch in seiner Tätigkeit als Publizist literarische Entwicklungen und politische Ideen nach Spanien brachte. An zwei wichtigen Werken der europäischen Literatur, D’Annunzios „Der Unschuldige“ und Joyces „Ulysses“, zeigt Amélie Auzoux hingegen auf, in welchem Maße sie eine sprachanpassende Übertragung erfuhren und dabei domestiziert wurden, auch wenn die Übersetzer zuweilen gegen den aufkeimenden Nationalismus und für einen literarischen Kosmopolitismus eintraten. Dem Zusammenspiel von Übersetzung und Kulturtransfer widmet sich im zweiten Teil über die Zeitschriften ein Beitrag zur „Edinburgh Review“ in den ersten Jahren des 19. Jh., wo die Rezensionen zwischen Paraphrasierung, Übersetzung und Zitaten schwankten bzw. die besprochenen Werke einem Prozess des Rewriting unterworfen waren. Im dritten mit Politik überschriebenen Teil schließlich befasst sich ein Aufsatz mit den irischen Nationalisten des 19. Jh., die die nationalpolitischen Dichtungen, Songs und Balladen vor allem aus Deutschland und Frankreich als Vehikel zur Übertragung patriotischer Ideen (vor allem ins Englische) benutzten, um darüber eine irische Nationalgemeinschaft zu schaffen. Ferner hebt Christophe Charle mit einem vergleichenden Blick auf unterschiedliche kulturelle Vermittlungsprozesse jeweils einige gemeinsame Elemente hervor. So zeichneten sich die deutsch-französischen Übersetzer und Bearbeiter von Theaterstücken des 18. und 19. Jh. durch ihre große Zahl, prekäre Lage und Konkurrenzsituation aus, während bei großen kulturellen Unterschieden zwischen zwei Ländern exilierte Intellektuelle ihre Ideen nur mit Unterstützung der etablierten akademischen Vertreter erfolgreich durchzusetzen vermocht hätten, und im Kunstsektor politische Liberalität, internationale Offenheit und die Entwicklung der Massenmedien die Aufnahme innovativer Strömungen und Bewegungen befördert habe. Die Vermittlung bildender Kunst ist in der Tat ein weiteres, wenn auch geringer beleuchtetes Themenfeld des Bd.; es wird an der Rolle eines belgischen Unternehmers, Kunstmalers und Sammlers, an der globalen Wirkung der „Cahiers d’Art“ im 20. Jh. bzw. an der Produktion von Stahlmöbeln im Sinne von Gropius’ Einheit von Kunst und Technologie konkretisiert, wobei im letztgenannten Fall auch soziale Aspekte ihrer Verbreitung zur Sprache kommen. Welch grundlegenden Einfluss die deutsche Musik und ihre Organisationsformen auf die Herausbildung einer nationalen Musikkultur haben konnten, zeigt sich am Beispiel Finnlands. Walter Mehrings polyglottes Kabarett der 1920er Jahre schließlich, so Dirk Weissmann in seinem Beitrag, zielte gleichzeitig auf eine Kritik am Nationalismus und Kosmopolitismus. Ein Resümee des Bd. fällt schwer; sein Verdienst liegt vor allem in dem Facettenreichtum, mit dem er das Forschungsfeld der kulturellen Vermittlung schlaglichtartig auslotet.Gerhard Kuck

La prostituzione nell’Italia contemporanea. Tra storia, politiche e diritti, a cura di Annalisa Cegna, Natascia Mattucci e Alessio Ponzio, Macerata (EUM Edizioni Università di Macerata) 2019 (Spazi e culture del Novecento 2), 142 S., ISBN 978-88-6056-605-8, € 14.

Im ersten Bd. seines Werks „Sexualität und Wahrheit“ hob der französische Philosoph Michel Foucault 1976 hervor, dass sexuelles Verhalten nicht hinreichend als biologischer Trieb erklärt werden könne. Kulturelle, soziale und politische Faktoren hätten ebenso ihren Anteil daran, wie „Sexualität“ in einem bestimmten lokalen und zeitlichen Rahmen definiert und ausgeübt werde. Dass Prostitution ein Dauerthema wissenschaftlicher Forschung ist und bleiben wird, ist daher kein Zufall. In der schwierigen Frage der Sexualität lässt sich viel über die Wechselbeziehung zwischen Staat, Gesellschaft und Individuum lernen, vor allem wenn es sich um Vorgänge im öffentlichen Raum handelt, für die der Staat zwangsläufig Regelwerke entwerfen muss. Im vorliegenden Bd. von Annalisa Cegna, Natascia Mattucci und Alessio Ponzio vermessen sieben Soziologen und Historiker die Reichweite dieser Regeln und gesellschaftlichen Normen aufs Neue – im Fokus das Prostitutionsgewerbe Italiens im 19. und 20. Jh. Laura Savelli stellt in ihrem Beitrag heraus, welche Bedeutung der Abolitionismus – die organisierte Gegnerschaft gegen staatlich reglementierte Prostitution – für die Entwicklung der italienischen Frauenbewegung im 19. Jh. hatte. Betont werden müsste in diesem Kontext aber auch, wie einsam Frauenrechtlerinnen über dieser Frage wurden. Eine bedeutende Protagonistin wie Anna Maria Mozzoni beklagte in einem Brief an Josephine Butler, dass ihr zur Bekämpfung der Reglementierung ein Hauptalliierter fehle: „die Masse der Frauen“. Denn noch seltener als in Frankreich und Deutschland fanden sich in Italien Frauen bereit, über ein so anrüchiges Thema wie Prostitution öffentlich zu sprechen. Annalisa Cegna untersucht ein Konzentrationslager in der Provinz Avellino, in dem das faschistische Regime ab 1940 Prostituierte inhaftierte. Im Anschluss an eine Skizze der juristischen und praktischen Rahmenbedingungen schildert sie verschiedene Einzelschicksale internierter Frauen auf der Basis von Archivmaterial und bietet damit einen detaillierten Einblick in das Lagerleben. Giorgia Serughetti möchte in ihrem Beitrag die parlamentarische Auseinandersetzung um die Legge Merlin (1948–1958) mit der Reformdebatte der XVII. Legislaturperiode (2013–2017) vergleichen. Ihre Analyse leidet jedoch an mangelnder Kenntnis der Nachkriegsdebatte. So behauptet Serughetti etwa, dass männliche Sexualität damals kein Thema gewesen sei. Tatsächlich wurde im Senat aber wiederholt diskutiert, ob Abstinenz Männer krank mache oder in die Homosexualität treibe. Andere Streitpunkte der Debatte übergeht Serughetti ebenfalls: etwa Fragen der Gesundheitspolitik, des Straßenbilds, der Jugendgefährdung, die sich wandelnde Einstellung der katholischen Kirche, die mit dem Milieu verbundene Kriminalität oder die angebliche Existenz einer prostituta nata. Der Beitrag von Natascia Mattucci greift die Resolution zum Umgang mit Prostitution auf, mit der Amnesty International 2015 verkündete, sich fortan für die weltweite Entkriminalisierung von einvernehmlichem Sex einzusetzen. Indem sie ablehnende und befürwortende Argumente von Feministinnen miteinander konfrontiert und somit die Definitionen von freiwilliger und unfreiwilliger Sexarbeit, verdeutlicht Mattucci die Komplexität der Debatte, die keine vereinfachte Unterteilung in ein Pro- und Contra-Lager zulässt. Cirus Rinaldi widmet sich der Frage, wie männliche Sexarbeiter gegenwärtig ihr Selbstbild als Mann erhalten. Aufgrund der damit verbundenen Unterordnung gefährde die Prostitution permanent die „Männlichkeit“ der Anbieter. Auf der Basis von Feldforschung arbeitet Rinaldi verschiedene Verhaltens- und Sprechmuster heraus, derer sich die Männer zum Selbstschutz bedienen. Ergänzung findet dieser Beitrag in der Studie von Alessio Ponzio, der sich mit männlicher Prostitution aus historischer Perspektive befasst. Anders als Rinaldi schlägt Ponzio den Bogen zur „heterosexuellen Welt“, indem er hervorhebt, wie sich heterosexuelle Muster in den Begegnungen widerspiegelten oder Männer lediglich der Prostitution nachgingen, um Geld für Frauen zu haben. Emanuela Abbatecola versucht in ihrer Studie, die Lebensumstände von Prostituierten in den fünfziger Jahren mit denen der Gegenwart zu vergleichen. Als Basis dienen ihr Interviews, die sie zwischen 2011 und 2014 geführt hat, sowie Briefe, die Lina Merlin 1955 publiziert hat. Ungewollt rücken die drei zuletzt genannten Aufsätze in den Vordergrund, wie schwierig es ist, eine ausgewogene Quellenbasis zu finden, auf der sich Urteile über Lebenssituation und Alltag von Prostituierten bilden lassen. So verlässt sich Abbatecola auf die Briefedition Lina Merlins, ohne zu problematisieren, dass diese Politikerin war und keine Archivarin. Die Publikation von „Lettere dalle case chiuse“ sollte die Gesetzesinitiative Merlins unterstützen, die Schließung der staatlich lizenzierten Bordelle; die Auswahl der Briefe wurde mit einem bestimmten Ziel getroffen. Hinzu kommt, dass sich an Merlin Prostituierte wandten, die einen Leidensdruck empfanden; die anderen Stimmen fehlen. Ähnlich problematisch ist Ponzios Auswertung von Romanen und Kurzgeschichten, in denen männliche Prostitution beschrieben wird. Ponzio reflektiert den Quellenwert nicht; ein Fußnoten-Verweis auf den Kommentar einer US-amerikanischen Schriftstellerin aus dem Jahr 1961 genügt ihm. Wieso aber sollten Romanautoren daran interessiert sein, Lebensereignisse von Prostituierten realgetreu wiederzugeben? Ein Schriftsteller sucht nach einer Geschichte, die seine Leser bindet; er ist kein Historiker. Oder entgegenkommend gefragt: Wann können wir Beschreibungen von Schriftstellern vertrauen, wann nicht? Anstatt sich blindlings auf Kurzgeschichten und Romane zu stützen, hätte deren Aussagekraft hinterfragt und gewichtet werden müssen. Besser erscheint die Herangehensweise von Rinaldi, der die Stimmen männlicher Prostituierter im Umfeld eines Pornokinos in Palermo selbst eingefangen hat. Allerdings geht aus seinem Text nicht hervor, wo und wie dieser Quellenbestand gehört, eingesehen oder anderweitig überprüft werden kann. Rinaldi gibt nicht einmal an, wie groß sein Panel ist, wieviele Interviews er geführt bzw. wieviele Gespräche er heimlich abgehört hat. Über die Aussagekraft der Quellen kann sich der Leser kein Bild machen. Die Relevanz der Studie basiert in der vorliegenden Form daher allein auf dem Vertrauen, das man dem Autor entgegenbringt – und das ist keine wissenschaftlich belastbare Grundlage, so eindrucksvoll sich der Aufsatz auch liest.Malte König

Rudolf Schlögl, Fede e mondo moderno. La trasformazione del cristianesimo europeo tra 1750 e 1850, edizione italiana a cura di Marco Cavarzere, Palermo (New Digital Press) 2017 (Chiese e culture religiose 1), XV, 460 pp., ISBN 978-88-99487-57-7, € 28.

Il volume di Rudolf Schlögl è uno studio dedicato alla storia del cristianesimo in Europa tra la fine dell’ancien régime e le nuove rivoluzioni di metà Ottocento. La ricerca tenta un’interpretazione luhmanniana della storia delle chiese nell’età della „secolarizzazione“ e „scristianizzazione“. Schlögl evoca la fine della „ossatura istituzionale dell’ancien régime feudale“, e l’apparizione di una società „borghese“ (p. 1). Si potrebbe discutere a proposito dell’etichetta „feudale“ applicata all’antico regime, e del carattere di novità della società borghese. Non è qui il caso di andare oltre, ma il problema rimane. Ciò che però interessa è l’idea della storia del Cristianesimo „in quanto religione della società europea“ (ibid.). Questo recupera, sul terreno della sociologia, l’idea dell’esistenza di una comune tradizione e società europea: una religio, una societas. D’altro canto, i limiti cronologici dell’indagine presentano una certa arbitrarietà. Schlögl lo ammette: né „il 1750 né il 1850 marcano una soglia concreta per gli eventi attinenti al mio tema“ (p. 13). Queste due date sono solo orientative, egli spiega. Però, la difficoltà resta. Più problematiche sono altre affermazioni: la completa trascendenza del dio cristiano, la negazione, che si vuole tipicamente cristiana, della vita terrena, la separazione del sacro dal profano e il „disincantamento del mondo“, il nesso fra anima individuale, individualismo e diritti, il nesso della gerarchia ecclesiastica con i dominanti, il celibato clericale come strumento per sottrarre il patrimonio ecclesiastico ai clan familiari (pp. 23–25). Si potrebbe replicare che nessun dio è meno trascendente di quello cristiano incarnato, che la vita terrena nel cristianesimo è assunta come preparatoria a quella futura, che la separazione di sacro e profano si risolve in una sacralizzazione del profano e il disincantamento in una assunzione escatologica del mondo creato nel divino, che il cristianesimo rivendica i diritti collettivi della Chiesa, e solo successivamente i diritti di ciascuno, che la Chiesa gregoriana e postgregoriana, almeno fino alla Riforma protestante, non ha preteso di collocarsi accanto ai dominanti, ma di giudicarli, e che il celibato ecclesiastico non ha avuto né poteva avere gli effetti evocati da Schlögl, se persino i monasteri avevano, sovente, lo scopo di consolidare la potenza della famiglia del fondatore. Curioso è l’equivoco a proposito dell’esistenza di un Codex iuris canonici, fondato sul diritto romano: non è esistito nessun Codex iuris canonici fino al 1917, e sul fondamento romanistico del diritto canonico sarebbero necessarie delle precisazioni. Tuttavia, la questione centrale riguarda la progressiva trasformazione del Cristianesimo da spazio privilegiato dell’organizzazione sociale, politica e giuridica, in libere associazioni religiose presenti nella società. La religione diviene un fatto di comunicazione, che riguarda l’associazione in quanto tale, ma anche i singoli, cosicché ciascun credente deve autorappresentarsi come persona convintamente e responsabilmente autodeterminata. La stessa trascendenza diventa problema perché la religione deve continuamente riappropriarsene in un mondo ormai secolare (p. 458). D’altro canto, il problema per la religione diviene quello di conservare o recuperare un posto in un mondo in cui la differenziazione non è più di tipo gerarchico ma funzionale, e la conseguenza (che però Schlögl non vuole trarre) è il carattere non universale ma storicamente determinato e quindi, intrinsecamente, provvisorio non solo del Cristianesimo, ma della religione tout-court. La conclusione di Schlögl, peraltro, è l’esistenza della secolarizzazione come religione della società. Ora, affermare che la secolarizzazione è ormai la religione della società, equivale a mettere da parte la secolarizzazione: semplicemente la religione, o meglio la chiesa, da fatto esterno alla società diventa fatto intrinsecamente sociale. Si può forse dire che questa sorta di „religione sociale“ (non però i singoli) rinuncia alla trascendenza, ma i concetti stessi, a partire da quello di società, sono trascendenti. Forse bisognerebbe abbandonare l’idea di una società (e di uno stato) che accantona la religione e si secolarizza, per quella di una società (e di uno stato) che si fa religione (come anche, entro certi limiti, chiesa), secondo un paradigma che potremmo denominare „spiritualizzazione“. Tutto sommato, credo che, almeno in via di ipotesi, potrebbe essere opportuno rileggere la storia del periodo 1750–1850 alla luce delle tesi di Harold J. Berman, e osservare poi gli esiti di questa operazione. Christian Zendri

Giulia Bonazza, Abolitionism and the Persistence of Slavery in Italian States, 1750–1850, Cham (Springer International Publishing. Palgrave Macmillan) 2019 (Italian and Italian American Studies), XXV, 227 pp., ill., ISBN 978-3-030-01348-6, € 74,89.

Bonazza’s book fits well into the expanding number of studies of slavery in a wider range of places and times than was the case in earlier generations, when the main focus was ancient Greco-Roman slavery and slavery in the early modern Atlantic areas. Bonazza begins her study with a survey of the range of definitions of slavery, focusing particularly on the sometimes overlapping terms of captive, slaves, and servant. She then devotes a chapter to abolitionism in the Italian polities, including the Papal States, and the relations and at times contradictions between Italian abolitionism and other efforts, particularly those in France and England. These actions were not fully successful, and Bonazza is able to show the limited persistence of slavery in various parts of Italy well into the early nineteenth century. The author’s archival searches in six Italian locations form the core of the book and allow her to show the extent and variety of manifestations of slavery throughout the peninsula and in Sicily. This section opens with a detailed look at the way some captives and slaves became free. There were private redemptions carried out by family members or contracted out to merchants. Early on, the religious orders of Trinitarians and Mercedarians had their main purpose as the redemption of captives. Urban, ducal, and royal institutions and charities followed a similar path. The author continues with an examination of the baptisms of slaves in Naples. Baptism was an important stage on the path to manumission but did not automatically confer freedom. In Naples, slaves of many points or origin were present until at least 1845. Next, she examines the work of slaves, intermingled with and comparable to the labor of free workers, in the construction of the palace at Caserta in the period between 1753 and 1779, when between three thousand and some 900 were employed at different times, of whom between 14 percent and 40 percent were slaves. In the following section, she returns to the relations between baptism and freedom this time in Rome, where a total of 281 slaves received baptism in the Casa dei Catecumeni di Roma in the late eighteenth century. Also in Rome, she found 103 slaves listed among the soldiers and galley crew members between 1745 and 1807 but does not mention what percentage they represented. She then examines the different type of slaves present in Palermo. Slaves remained in the city of Livorno even after the closure of the local bagno, or slave prison. In southern Italy and Sicily, 410 captives passed through the three cities of Palermo, Capua, and Trapani from 1802 to 1812. Their eventual destinations and fates are unrecorded. The section concludes with a consideration of the lives of galley slaves in Genoa. The memory of slavery, that is, the visual representations and the physical places important in slavery’s history have become a focus of much interest in recent years. Bonazza devoted a chapter to survey this. Her concluding chapter repeats earlier suggestions that the Italian states, though lacking overseas colonial possessions in the book’s period, still were influenced by wider connections. She shows that „the Mediterranean world, rather than being isolated from the Ottoman, African and Atlantic worlds, was closely connected to them“ (p. 215). The book is clearly written, although there are occasional typographical errors, such as wither for either (p. 177). More puzzling is this statement about the slaves working in Caserta: „In September 1799, every slave received a total of one bean, one piece of bread and four ounce [sic] of oil a day“ (p. 114). I suspect that what was intended was one serving of beans, or something similar. Even if slaves customarily were served a limited diet, one bean a day would not have sustained them. Bonazza has done searches in the diplomatic records, the archival resources, and the artistic depictions of slaves and servants. Her secondary reading has been extensive in Italian and French scholarship. She could have used more comparisons to similar experiences of slaves in Iberian cities in the same period by using more scholarship in the languages of Iberia. Her citations of English-language scholars are relatively limited and fail to include a reference to Steven A. Epstein’s „Speaking of Slavery. Color, Ethnicity, and Human Bondage in Italy“, a book that touched on some of the same topics when it was published in 2001. These comments aside, this book is an important contribution to the expanding study of slavery and deserves a wide readership.William D. Phillips, Jr.

Rebecca Cypess/Nancy Sinkoff (Eds.), Sara Levy’s World. Gender, Judaism, and the Bach Tradition in Enlightenment Berlin, Rochester-Suffolk (Boydel & Brewer Ltd), 2018 (Eastman Studies in Music 145), 302 pp., ISBN 978-1-58046-921-0, £ 80.

Esce per i tipi di Rochester una ponderosa miscellanea dedicata a Sara Levy, curata dalla musicologa e fortepianista Rebecca Cypess e dalla storica dell’ebraismo Nancy Sinkoff. La pubblicazione è il risultato delle riflessioni maturate durante un congresso tenutosi alla Rutgers University nel settembre 2014. Sara Levy (1761–1854) fu un personaggio chiave della cultura musicale berlinese a cavallo tra XVIII e XIX secolo. Figlia del potente banchiere di corte Daniel e prozia materna di Felix Mendelssohn-Bartholdy, studiò clavicembalo con il figlio cadetto di Johann Sebastian Bach, Wilhelm Friedemann. Fu proprio in virtù dei suoi interessi musicali che Levy rimase alla storia, grazie all’imponente collezione di musiche che donò alla Singakademie di Berlino, ritrovata due decenni fa da Christoph Wolff a Kiev. Il ritratto di questa affascinante organizzatrice e promotrice della vita musicale della capitale prussiana traspare solo in filigrana nel corso delle tre sezioni e degli undici contributi che costituiscono il volume, che seguono una struttura marcatamente dialettica. La prima parte del libro è dedicata alla figura della protagonista, indagata qui in triplice veste di donna, artista, ed ebrea. Nessuno di questi elementi è neutro, e, al contrario, dalla somma dei fattori gli autori Marjanne Goozé, Christoph Wolff, Natalie Naimark-Goldberg e George B. Stauffer riescono a tracciare i confini dell’ambito d’azione entro il quale si muoveva Levy. Al centro di ogni discorso si trova il salotto culturale, uno spazio liminale tra la vita privata e quella pubblica nel quale Sara Levy era impegnata come intellettuale, promotrice, performer e collezionista. Attraverso i contributi di Martha B. Helfer, Elias Sacks e Yael Sela, la seconda sezione del volume indaga le implicazioni filosofiche, religiose, ed estetiche del mondo in cui operò Sara Levy. In questo caso si utilizza l’obiettivo del grandangolo per indagare in trasparenza sul rapporto tra cristianesimo ed ebraismo nella Berlino d’inizio Ottocento, culla dell’embrionale antisemitismo tedesco, e cassa di risonanza dell’atavico anti-ebraismo di matrice luterana. La terza e ultima sezione, comprendente due contributi di Rebecca Cypess e Steven Zohn, è dedicata allo studio delle collezioni musicali, considerate qui non solo come testimonianza di una pratica socialmente riconosciuta, ma esaminate soprattutto quali specchio dell’interesse di Levy a maturare una formazione identitaria e ideologica che si facesse marchio identificatore del valore proprio e della sua famiglia. Infine, il volume si conclude con un contributo documentario di Barbara Hahn dedicato all’epistolario con il diplomatico svedese Karl Gustav von Brinckmann. Il principale aspetto di originalità del volume è la vastità degli ambiti disciplinari messi in campo dagli autori dei singoli contributi: vi sono studiosi di germanistica e letteratura tedesca, storici, storici delle religioni, esperti in storia delle donne, e musicologi. Eccetto gli studiosi più prettamente legati al mondo bachiano (Christoph Wolff, George B. Stauffer, e Steven Zohn), quasi tutti gli autori hanno un background di ricerca strettamente connesso allo studio della cultura ebraica in Germania e alle ricerche sulla storia delle donne. Queste due prospettive tratteggiano ulteriormente il tessuto sociale complesso nel quale Sara Levy fu al contempo motore di occasioni socio-culturali e di fenomeni di patrimonializzazione, e ingranaggio di processi più ampi, come esplicitato sin dal titolo del volume. Come spesso accade, in questa meravigliosa trama rimangono isolati i contributi di carattere più prettamente musicologico: l’oggetto musicale, infatti, risulta del tutto sommerso nei saggi d’impianto storico-culturale o religioso-filosofico. Questa nota diventa tanto più evidente se si considera che il volume è nato parallelamente a un progetto discografico curato da Rebecca Cypess e dall’ensemble The Raritan Players (che ha avuto quale esito un CD prodotto da Acis Production, 2017), il che avrebbe dovuto permettere di procedere di concerto negli studi sul contesto culturale e intellettuale e in quelli sul „suono“ del salone di Sara Levy. Ciò detto, i contributi di carattere musicologico tracciano insieme un terzo filone che vede al centro la musica di Johann Sebastian Bach e dei suoi due figli primogeniti. Nel mondo di Sara Levy, Bach è un personaggio di un passato recente: oltre a Wilhelm Friedemann e Carl Philipp Emanuel – entrambi suoi protetti –, la Levy conosceva personalmente Johann Philip Kirnberger, uno dei più illustri allievi del Thomaskantor. Al contempo, qui Bach rappresenta il grande maestro di Lipsia, la cui eredità rimane viva diventando un patrimonio condiviso da tradizioni culturali e religiose differenti. In questo quadro, il volume offre un ritratto interessante della ricezione bachiana nei luoghi e dei contesti ove sarebbe stata „riscoperta“, pochi decenni dopo, la „Passione secondo San Matteo“, diretta da Felix Mendelssohn-Bartholdy l’11 marzo 1829 alla Singakademie di Berlino. Sara Levy non era certamente un personaggio sconosciuto: Peter Wollny le aveva già dedicato diversi lavori nei primi anni Novanta del Novecento. Tuttavia il volume di Rebecca Cypess e Nathalia Sinkoff consente certamente di gettare nuova luce su questa figura chiave, che – come ben dimostrato – sintetizza molteplici fenomeni che sono di massima importanza per la comprensione di un periodo culturalmente, socialmente, e politicamente complesso come quello dell’Età dei Lumi e del Haskalah nella Berlino del primo Ottocento. Maria Borghesi

Jean-Baptiste Amadieu, Le censeur critique littéraire. Les jugements de l’Index du romantisme au naturalisme, Paris (Hermann) 2019 (Centre de Recherches sur les Relations entre Philosophie, Littérature et Morales, des morales et des œuvres), 632 pp., ISBN 979-1-0370-0133-7, € 38.

Con il presente volume, Jean-Baptiste Amadieu completa quel dittico iniziato con l’uscita de „La littérature française au XIXe siècle mise à l’Index. Les procédures“ (Paris [Cerf] 2017) – per il quale rimandiamo alla recensione su QFIAB 98 (2018), pp. 672 sg. –, mettendo finalmente la comunità scientifica nella condizione di apprezzare appieno i frutti delle sue consistenti fatiche dottorali, dalle quali i due libri derivano. Se nel primo volume Amadieu si era soffermato sul concreto modo di procedere della censura pontificia, nella condanna della letteratura francese ottocentesca, in questo secondo testo, egli entra, per così dire, nella mente dei censori, riflettendo, in particolare, sui criteri da essi adottati nell’esame delle opere. In quel libro, l’autore aveva portato alla luce la varietà delle figure istituzionali legate alle diverse fasi dei procedimenti censorî, in questo, invece, egli si concentra sui censori stricto sensu, i consultori della Congregazione dell’Indice, dando ampio spazio alla viva voce dei loro vota (i pareri scritti sulle opere) e illuminandone la cultura e la mentalità, mediante il ricorso alla riflessione teologica e canonistica del loro tempo. La tesi su cui poggia l’opera è che il censore, nell’applicarsi alle opere letterarie, agisce da critico, in un’epoca in cui i due termini sono profondamente apparentati, distinguendosi solo per l’orizzonte di esercizio delle occupazioni alle quali rimandano: giudiziario, per quel che riguarda la censura, letterario, per quanto attiene alla critica. Nel caso dell’Indice romano, questo esercizio censorio della critica è condotto tenendo presenti tre parametri fondamentali, attorno ai quali sono strutturate le tre parti in cui si articola il saggio: contenuto, forma e destinatari dell’opera. Al primo livello, il censore pronuncia un giudizio intellettuale sui contenuti morali, dottrinali o politici del testo, evidenziandone la maggiore o minore distanza dall’insegnamento cattolico. Al secondo, egli invece si concentra sul pericolo che un libro può comportare per i fedeli, soprattutto se confezionato con uno stile seducente. Infine, il censore si mostra preoccupato di tutelare, con il proprio lavoro, le particolari tipologie di lettori che potrebbero essere danneggiate dalla lettura di determinati testi (prestando speciale attenzione alle categorie „deboli“ delle donne e dei giovani). In questo modo, Amadieu, pur limitandosi al caso – già, di per sé, quantitativamente significativo – delle opere letterarie in lingua francese, individua tre elementi-chiave dei procedimenti censorî romani, riscontrabili anche nell’esame di opere afferenti ad altre categorie disciplinari, come, ad esempio, quelle storiche, seconda principale area tematica investita dall’Indice nell’800, dopo la letteratura. In fondo, per questo come per altri aspetti interessanti che in questa sede non possono essere affrontati, quella che egli offre nelle oltre 600 pagine del suo volume non è semplicemente una ricerca sulla storia della letteratura francese all’Indice, ma un massiccio e acuto lavoro di penetrazione intellettuale, che adotta il caso della letteratura francese quasi come un espediente per scavare nei presupposti, nelle dinamiche e nei significati più profondi della pratica censoria. Un’opera storica dunque dalla grande densità ermeneutica o, se si vuole, una vera e propria riflessione filosofica sulla censura incardinata ai documenti, i quali non sono utilizzati come pezze d’appoggio – come talvolta accade – per tesi prefabbricate ma come la fonte di quei significati, che l’occhio dello studioso filtra e scompone, per poi ricomporre in un discorso di senso compiuto. Gli studiosi dell’Indice, allora, non potranno che essere grati ad Amadieu per questo libro sostanzioso, affascinante ed accurato, che prosegue brillantemente il filone di ricerca inaugurato oltre un quarto di secolo fa da Bruno Neveu con „L’erreur et son juge“, guardando alla censura pontificia nel XIX secolo.Davide Marino

Carlo Spagnolo, Il voto apolitico. Il sogno tedesco della rappresentanza moderna (1815–1918), Bologna (Il Mulino) 2017 (Annali dell’Istituto storico italo-germanico in Trento. Monografie 68), 304 S., ISBN 978-88-15-26007-9, € 26.

Die Wahlrechtsfrage bildet eines der zentralen Interessen der modernen europäischen Verfassungsgeschichte, da ihre unterschiedlichen Modelllösungen im langen 19. Jh. (Thomas Kühne) die materielle Verfasstheit etwa der deutschen Staatenwelt im normativen Spannungsfeld von formaler Demokratisierung (Margaret L. Anderson) und schleichender Parlamentarisierung (Manfred Rauh) immer wieder neu austarierten. Mit Bezug auf das deutsche Kaiserreich bilden solche verfassungsgeschichtlichen Deutungsfragen seit der denkwürdigen Huber-Böckenförde-Kontroverse bekanntlich den Resonanzboden der These vom „deutschen Sonderweg“ (Hans-Ulrich Wehler), die nun Carlo Spagnolo in einem überraschenden Brückenschlag zur postdemokratischen Krise im Europa des 21. Jh. (Colin Crouch) – eher unbeabsichtigt (S. 31 f.) – wiederbelebt. Die Transformation des allgemeinen Wahlrechts und der parlamentarischen Repräsentation vom zentralen Legitimitätsinstrument im 19. Jh. zu einem fast bedeutungslosen Partizipationsritual in der postdemokratischen EU macht nur das übergeordnete, dramaturgisch freilich gut platzierte Erkenntnisinteresse Spagnolos aus. Die lediglich im Vorwort (S. 9–17) ausformulierte „metaphorische Analogie“ (S. 13) zwischen deutscher Wahlrechtsgeschichte und EU-Ordnung dient dem in Bari lehrenden Europahistoriker gewissermaßen als Rechtfertigung für die exemplarische Fokussierung der eigentlichen Studie auf den deutschen Fall. Die dann folgende Untersuchung bietet nach der bereits die Ergebnisse vorwegnehmenden Einleitung eine sich über sechs Hauptkapitel erstreckende Überschau der politischen Kultur in Deutschland von 1815 bis 1918, die durch eine aufmerksame begriffs- und ideengeschichtliche Einrahmung ihres engeren Gegenstandes auffällt. Dabei werden auch die regionalstaatlichen Ausprägungen der politischen Repräsentation und Wahlkultur phasenweise einbezogen (Kap. 2, 6). Ausgehend vom Ursprung der übernationalen „neutralen“ Gewalt in Europa auf dem Wiener Kongress (Kap. 1) rekonstruiert der Autor den Werdegang der politischen Repräsentationskultur innerhalb der staatenbündischen Ordnung des Deutschen Bundes (Kap. 2) über die zwischen Selbständigkeits- und Zensuskriterium oszillierenden Wahlrechtsentwürfe von 1848/1849 (Kap. 3) bis hin zu den bundesstaatlichen Lösungen des Norddeutschen Bundes und des Kaiserreichs (Kap. 4) sowie zur „negativen Integration“ im Wilhelminismus (Kap. 5). Die Darstellung mündet in einer typologisch-vergleichenden Systematik der im Zeitraum von 1866 bis 1918 in den deutschen Staaten verwirklichten Repräsentativsysteme (S. 242 f.), die auf dem eigentlichen empirisch-analytischen Kern des Werkes fußt (Kap. 6, S. 245–267). Eine Auswahlbibliografie und ein Namensregister beschließen den Bd. Im Ergebnis gelingt es Spagnolo, die Geschichte der politischen Repräsentation in Deutschland plausibel als spezifisch preußisch-deutschen Transformationsprozess von der altständischen Ordnung zum modernen, auf Klassen, Parteien und „neuständischen“ bzw. neokorporativen Körperschaften gegründeten monarchisch-konstitutionellen System zu deuten. Diesen spezifisch deutschen Kompromiss identifiziert er mit der „neutralen“ monarchischen Gewalt, die in Gestalt des unpolitischen, gerade durch seinen allgemeinen Charakter (S. 175 f.) entideologisierten Wahlrechts – des titelgebenden „voto apolitico“ – eine im Rahmen der kapitalistischen Modernisierung nötige politische Kultur des Ausgleichs zwischen der ständischen Ordnungstradition des Ancien Régime und der Forderung nach parlamentarischer Repräsentation hervorgebracht habe. Überdies zeigt der Autor unter der im Vorwort eröffneten europahistorischen Perspektive auf, wie die übernationale „moralische“ Gewalt in Europa ihr Verhältnis zum demokratischen Potential des Wahlrechts immer wieder neu austarierte, um dieses politisch zu neutralisieren. Die damalige und heutige Krise der Demokratie, so die These Spagnolos, seien Ausdruck nicht einer eskalierten politischen Konfliktualität, sondern der Absicht zur Konservation der sozioökonomischen Grundlagen des Staats bzw. der EU-Ordnung mittels eines in seiner politischen Wirkung neutralisierten Wahlrechts. Mit der jüngeren Forschung (Amerigo Caruso) teilt die Studie somit auch die Neubewertung der Beharrungskräfte und Flexibilität eines Konservativismus, der sich mit dem Liberalismus arrangierte, ja verflocht (S. 41 f., 60–65), um die aus den schrittweisen Wahlrechtserweiterungen hervorgehenden demokratischen Fliehkräfte zu neutralisieren. Das vorliegende Werk überrascht durch seine mit dem Bezug auf die EU-Krise hergestellten perspektivischen Überdehnung. Auch fehlt dem Tertium Comparationis – abgesehen vom generischen Verweis auf das von der Revolution hervorgebrachte französische und das im Ancien Régime verharrende russische Gegenmodell (S. 31, 72, 116) – schlicht der zweite Vergleichspartner: Womöglich verlöre der besondere deutsche Weg seine Spezifizität bereits im Lichte des italienischen Falls, der die europäische Verfassungsgeschichte bekanntlich mit einer beeindruckenden Phalanx an ähnlichen Verfassungskompromissen bereichert hat – vom Reformabsolutismus der „monarchia consultiva“ (Carlo Ghisalberti) oder der lokalistischen Lösung des „costituzionalismo municipale“ (Marco Meriggi) über den um Ausgleich bemühten „Konstitutionalismus auf Italienisch“ (Kerstin Singer) bis hin zum flexibel zwischen Parlamentarisierung und Demokratisierung changierenden „Statuto Albertino“. Zweifellos eröffnet Carlo Spagnolo mit seiner europapolitischen Zuspitzung aber der künftigen Forschung eine interessante neue Perspektive – jenseits des enormen Gewinns, den bereits seine begriffs- und ideengeschichtliche Aufbereitung für den deutsch-italienischen Wissenschaftstransfer bedeutet.

Werner Daum

Catherine Brice (éd.), Frères de sang, frères d’armes, frères ennemis. La fraternité en Italie (1820–1924). Actes du colloque international tenu à l’École française de Rome du 10 au 12 mai 2012, Roma (École française de Rome) 2017 (Collection de l’École française de Rome 529), VIII, 344 S., Abb., ISBN 978-2-7283-1212-1, € 24.

Von der Französischen Revolution über den entstehenden Nationalismus und bis zur Arbeiterbewegung – eins ist klar, die Texturen von Brüderlichkeit waren im 19. Jh. politikmächtig, öffentlich wirksam und vielfältig im Diskurs einsetzbar. Zum Begriffsfeld von Brüderlichkeit gehören auch die Bezeichnungen Bruderschaft, Brüderschaft, Verbrüderung und Bruderliebe (vgl. Wolfgang Schieders Artikel in den Geschichtlichen Grundbegriffen), die nicht nur auf Diskurse, sondern auch auf die politische Praxis und gesellschaftliche Gestaltungskraft der Brüderlichkeitsidee verweisen. Dieser zweiten Dimension der Brüderlichkeit als „catégorie de l’action politique“ (S. 3) hat sich die Historikerin Catherine Brice als Koordinatorin eines durch die französische ANR geförderten Verbundprojekts gewidmet. Fokussiert wurde dabei Italien zwischen 1820 und 1930, was sich in dem daraus resultierenden, hier zu besprechenden Tagungsbd. widerspiegelt. Es handelt sich nicht um die erste Arbeit, die Catherine Brice zum Thema Brüderlichkeit veröffentlicht. Zwei weitere Sammelbde. über die Begriffsgeschichte von Brüderlichkeit (2012) und den Zusammenhang von Exil und Brüderlichkeit (2013) hat sie bereits herausgegeben. Dass Brüderlichkeit ein impulsgebender, stark emotionalisierter Begriff im Risorgimentodiskurs war, ist bereits gut erforscht, und die von Brice gewählte Fragestellung nach der Bedeutung von Brüderlichkeit als Vehikel der politischen Partizipation und als Mobilisationsform erscheint eine gute Ergänzung dazu zu sein. Um dieser Frage nachzugehen, bietet der Sammelbd. 16 Beiträge, die nicht nur das lange Risorgimento mitsamt Anti-Risorgimento (vgl. dazu die Aufsätze von Ferdinand Göhde und Simon Sarlin) abdecken, sondern auch die Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg berücksichtigen (z. B. Tullia Catalan in ihrem Beitrag zu Triestiner Juden). Die thematische und chronologische Breite dieses Bd. ist bemerkenswert und sehr bereichernd, wenig erfreulich ist dennoch, dass einige Beiträge nicht direkt an der Fragestellung der Brüderlichkeit als Kategorie des politischen Engagements arbeiten. Außerdem wirkt die ständige – in Einleitung und Einzelbeiträgen rekurrierende – Betonung des hybriden und polyvalenten Bedeutungsgehalts von Brüderlichkeit ermüdend und wenig erkenntnisgewinnend. Im Folgenden werde ich vier Beiträge näher besprechen, die die Fragestellung systematisch bearbeiten und auf innovative Weise beantworten. Gian Luca Fruci betrachtet ganz im Sinne des Buchkonzepts Brüderlichkeit als „vecteur (émotionnel) de rassemblement“ und als „facteur (pré) politique de mobilisation“ (S. 100); sein Aufsatz trägt den schönen Titel „Un sentiment en action. La fraternité combattante du long 1848 italien“. Zunächst zeigt Fruci, dass um 1850 das Begriffsfeld von Brüderlichkeit in Politik-Lexika massiv präsent war. Darauf basierend entwickelte sich eine der prägenden Formen politischer Partizipation in den italienischen Staaten während der späten 1840er Jahre: die Bankette von Patrioten und Reformisten. Diese Veranstaltungen waren von Gesten der Verbrüderung durchdrungen und wurden auch als solche in den Medien dargestellt. Fruci unterscheidet zwischen drei Modellen der Brüderlichkeit und zeigt, wie sie jeweils eine Phase des „langen“ 1848 prägten. Die „fraternité-union“ war für die liberale-neoguelfische Mobilisation von 1847 zentral, die „fraternité-concorde“ dominierte, als der Krieg gegen Österreich 1848 ausbrach, und die „fraternité égalité“ prägte die letzte Phase der Revolution, vor allem die römische Republik von 1849. Der Aufsatz von Pierre-Yves Manchon leistet aufgrund unedierter Archivmaterialien einen innovativen Beitrag zur Geschichte des Brigantaggio nach der Eingliederung Süditaliens in den neuen Nationalstaat. Manchons These ist, dass nach 1863 die italienischen Behörden ihre Strategie gegen die Briganten veränderten, indem sie neben brutaler Repression verstärkt die Zusammenarbeit mit der Zivilbevölkerung suchten und sogar die Kooperation mit ehemaligen Banditen anstrebten. Ziel war es, die Verbrüderung von Briganten und Bevölkerung zu unterbinden und stattdessen eine neue Brüderlichkeit zwischen Süditalienern und dem Nationalstaat zu schaffen. Zum Schluss und in aller Kürze sei auch auf die Beiträge von Arianna Arisi Rota und Marina Tesoro über Brüderlichkeit in Pavia und von Catherine Brice über Kriegervereine verwiesen. Rota und Tesoro rekonstruieren die Bedeutung der patriotischen Familie Cairoli für das politische Engagement der städtischen Eliten Pavias. Das Vorbild der Brüder Cairoli generierte einen Wertekanon und ein gemeinsames Handlungsmuster für andere Familien, die auch konkret die Nähe zu den Cairolis als „laisser-passer politique“ suchten (S. 271). Schließlich zeigt Brices Beitrag, wie sich Brüderlichkeit im frühen 20. Jh. von einer kulturell und politisch konnotierten zunehmend zur rassisch geprägten Kategorie verwandelte. Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich Kameradschaft zu neuer Brüderlichkeit, wobei diese „captation sémantique“ von der radikalen Rechten komplett dominiert wurde. Alles in allem sind die Beiträge des Sammelbd. etwas zu disparat und nicht immer innovativ, aber in ihrer Vielfalt lesenswert und wichtig, wenn man sich für politische Mobilisierung im 19. Jh. und ihre Auswirkungen auf das 20. Jh. interessiert.Amerigo Caruso

Carlotta Ferrara degli Uberti, Making Italian Jews. Family, Gender, Religion and the Nation, 1861–1918, Cham (Springer International Publishing. Palgrave Macmillan) 2017, 296 S., ISBN 978-1-137-49387-3, € 93,59.

Das Forschungsinteresse an der italienisch-jüdischen Geschichte und ihrer zentralen Relevanz für die europäisch-jüdische wie die europäische Geschichte insgesamt hat seit Beginn des 21. Jh. stetig zugenommen. Generell ist in den aktuellen Werken die Tendenz zu beobachten, die jahrzehntelang nahezu ausnahmslos positiv wahrgenommenen Emanzipations- und Integrationsprozesse der jüdischen Minderheit in Italien kritisch zu hinterfragen. Die in diesem Kontext angesiedelte Monographie der Historikerin Carlotta Ferrara degli Uberti über die Diskurse und Selbstdarstellungen italienischer Juden im Zeitraum seit der Gründung des Einheitsstaats bis zum Ende des Ersten Weltkriegs erschien erstmals 2011 auf Italienisch und liegt seit 2017 auch in englischer Übersetzung vor. Ausgehend vom bekannten Diktum „Fatta l’Italia, bisogna fare gli italiani“, das zum Inbegriff des Risorgimento avancierte, fragt die Vf. danach, wie die jüdische Minderheit des vereinten Italien zu ebrei italiani wurden. Die im Zuge der Nationalstaatsgründung 1861 erfolgte Ausweitung der Judenemanzipation auf Gesamtitalien machte es notwendig, so Ferrara degli Uberti, nationales italienisches und jüdisches Selbstverständnis auf konstruktive Weise miteinander in Einklang zu bringen. Der Fokus ihrer kulturgeschichtlich ausgerichteten Untersuchung liegt auf der Schaffung von Darstellungsformen dieser zweifachen Identitätskonstruktion durch einen Teil der kulturellen und institutionellen jüdischen Elite des liberalen Italien. Die Studie basiert auf einer Analyse zahlreicher einschlägiger Texte, insbesondere der wichtigsten italienisch-jüdischen Zeitschriften aus den Jahren 1853 bis 1920, rabbinischer Texte, Memoirenliteratur, Katechismen, Korrespondenzen und Abhandlungen medizinischer, juristischer, politischer wie religiöser Art. Die Untersuchung gliedert sich in fünf thematisch angeordnete Kapitel. Nach einer Einführung in die zentralen Quellengrundlagen richten das zweite und dritte Kapitel den Fokus auf die private jüdische Sphäre, wobei der zeitgenössischen innerjüdischen Kampagne gegen Mischehen und den Diskursen jüdischer Männlichkeit besondere Bedeutung zugemessen wird. Kapitel 4 und 5 konzentrieren sich auf die zentrale Frage nach italienisch-jüdischen Identitätskonstruktionen zwischen Nation und Religion: Im vierten Abschnitt wird das seit 1861 zunehmend problematische Verhältnis zwischen jüdischem Gesetz und staatlicher Rechtsordnung anhand der Einführung der Zivilehe analysiert, während sich das fünfte Kapitel der Suche nach historischen und mythologischen Bezugspunkten widmet, die jüdische Bürger in den patriotischen Diskurs des jungen italienischen Nationalstaats einschreiben und zugleich ein partikuläres jüdisches Bewusstsein fördern sollten. In diesem Zusammenhang diskutiert die Vf. auch die sich seit Beginn des zwanzigsten Jh. und insbesondere im Kontext des Ersten Weltkriegs zuspitzenden Debatten zwischen italienischen Zionisten und Anti-Zionisten. Ferrara degli Uberti resümiert, dass ein kontinuierliches Nebeneinander von einer „Sprache der Integration“ und einer „Expression der Andersartigkeit“ (S. 238) die Selbstdarstellungen der jüdischen Minderheit im liberalen Italien charakterisiert habe. Die Tatsache, dass sich vor allem nach Ende des Ersten Weltkriegs der vorherrschende nationale Diskurs zunehmend über eine Sprache der Exklusion definierte, deute auf die von zahlreichen jüdischen Akteuren häufig unterschätzte verhängnisvolle Entwicklung der italienischen Zwischenkriegszeit hin, so die Vf. Auf der Grundlage originellen Quellenmaterials entwirft Ferrara degli Uberti ein facettenreiches Bild jüdischer Selbstrepräsentation innerhalb eines politischen und kulturellen Kontextes, in dem zunehmend die Angleichung jüdischer Differenz an die italienische Mehrheitsgesellschaft gefordert wurde. Besonders interessant sind die hinsichtlich der Transformationsprozesse von Familien, Geschlechterverhältnissen und Körperbildern analysierten Texte. Sie unterstreichen die zeitgenössische Relevanz jüdischer Ethnizitätsentwürfe, die mit dem grundlegenden Wandel eines jüdischen Kollektivbewusstseins im Zuge der Emanzipation in Verbindung standen und Teil einer gesamteuropäischen Entwicklung bildeten. Die Studie verdeutlicht das komplexe Zusammenspiel zwischen Nationaldiskurs, jüdischen Identitätskonstruktionen und Verbürgerlichungsprozessen und leistet damit einen relevanten Beitrag zur Geschichte der Juden im liberalen Italien wie zur europäisch-jüdischen Geschichte im „langen“ neunzehnten Jh. Ruth Nattermann

Arthur Weststeijn/Frederick Whitling, Termini. Cornerstone of Modern Rome, Roma (Edizioni Quasar) 2017 (Papers of the Royal Netherlands Institute in Rome 65), 164 S., Abb., ISBN 978-88-7140-813-2, € 38.

Das 19. Jh. als „Mutter der Moderne“ hat auf vielen Gebieten der Zivilisation tiefgreifende Umbrüche herbeigeführt oder zumindest eingeleitet. Der vielleicht wichtigste und radikalste vollzog sich mit der Revolutionierung des Verkehrswesens durch die Eisenbahn. Seit den Anfängen der materiellen Kulturgeschichte des Menschen war dessen Fortbewegung zu Lande in Reichweite und Geschwindigkeit durch das Pferd bestimmt und begrenzt worden. Diese Beschränkung fiel mit dem Einsatz dampfgetriebener Lokomotiven. Die horizontale Mobilität löste sich durch die Eisenbahn aus ihren organischen Fesseln und setzte so den Menschen in ein völlig neues Verhältnis zu Raum und Zeit. Es begann der Prozess der Emanzipation des Menschen von der Natur. Papst Gregor XVI. (1831–1846) hat, die Dimension dieses Kulturbruchs vielleicht erahnend, der neuen Technik zutiefst misstraut und – gemäß dem ihm zugeschriebenen hübschen Wortspiel „chemins de fer – chemins d’enfer“ – dem Bau von Eisenbahnlinien im Kirchenstaats hartnäckigen Widerstand entgegengesetzt. Aber unter seinem Nachfolger Pius IX. sollte das anders werden: Der von Europas Liberalen als hoffnungslos rückständig gescholtene Kirchenstaat schuf in den 1860er Jahren in rascher Folge Eisenbahnverbindungen nach Florenz, Ancona und Bologna, Civitavecchia und Grosseto, nach Ceprano und Neapel und gewann so durchaus Anschluss an die europäische Eisenbahnentwicklung. Gleichsam gekrönt wurde diese moderne Infrastrukturpolitik durch die Zusammenfassung der Linien am Zielort Rom in einem zentralen Bahnhof oben bei den Diokletiansthermen, der 1867 eröffneten (ersten) Stazione Termini. Die unter der Papstherrschaft getroffene Standortwahl für den Hauptbahnhof sollte sich als bedeutendste Weichenstellung für die Stadtentwicklung in den Jahrzehnten nach 1870 erweisen, als Rom von Italien eingenommen und zur Hauptstadt des jungen Nationalstaats gemacht wurde. Den fortschrittstrunkenen Zeitgenossen war Stazione Termini das „Einfallstor der Moderne“ in die Ewige Stadt. Im Fokus des Buchs von Weststeijn und Whitling stehen die radikalen Veränderungen, welche der Neu- und Ausbau des Hauptbahnhofs und die sich daraus ergebenden urbanistischen Maßnahmen im Gebiet der östlichen Höhen des Quirinal-, des Viminal- und des Esquilinhügels mit sich brachten. Dieses große Areal war zwar in der Fläche weitgehend unbebaut, aber es war keine Tabula rasa. Im Gegenteil, die beiden die römische Stadtphysiognomie über zwei Jahrtausende so gut wie ausschließlich gestaltenden welthistorischen Potenzen – das antike römische Reich und danach das Papsttum – hatten sich hier mit gewaltigen Bauwerken eingeschrieben. Von der nachhallenden Präsenz der Antike zeugten neben dem Ruinenkomplex der einstigen Diokletiansthermen auch die noch aus der Zeit der Königsherrschaft stammenden, zwar nur partiell an der Oberfläche sichtbaren, aber im Untergrund noch erstaunlich gut erhaltenen Reste der ersten Stadtmauer Roms, des dem König Servius Tullius zugeschriebenen agger. Und für die Macht des Christentums und der Päpste stand die Basilika S. Maria Maggiore, die über eine kilometerlange schnurgerade Magistrale, ein kühnes Projekt Papst Sixtus’ V., auf der einen Seite mit der Piazza del Popolo und auf der anderen mit der Kirche S. Croce in Gerusalemme verbunden war. Gerade diese hohe symbolpolitische Aufladung war es nun nach 1870, was diesem Gebiet in den Augen der neuen Herren den Charakter einer besonderen Herausforderung verlieh, zugleich aber ein starkes Potential für die ideologische Selbstdarstellung des italienischen Nationalstaats versprach. Dieses Spannungsverhältnis ist es, woraus die beiden Autoren die Leitfrage für ihre Untersuchung gewinnen. Sie kleiden ihre Herangehensweise etwas bemüht in den theoretischen Untersuchungsansatz einer heritageography, welche zwischen die dialektischen Pole von memory und desire eingespannt sein soll. Im Kern geht es dabei um Wahrnehmung und Aneignung der Antike in der zona Termini durch die national-liberalen Gestalter des modernen Rom. Indes sollten die Leserinnen und Leser nicht allzu viel Zeit und Mühe darauf ver(sch)wenden, verstehen zu wollen, was die Autoren mit ihren angestrengt abstrahierenden Darlegungen eigentlich meinen und bezwecken. Sie sollten sich vielmehr möglichst schnell dem praktischen Gang der Untersuchung zuwenden, denn diese ist ebenso erhellend wie ertragreich in ihrem empirischen Facettenreichtum und der Triftigkeit der Interpretationen. In der Summe bietet das schmale, aber gehaltvolle Werk nicht weniger als die Geschichte der Aus- und Umgestaltung des nordöstlichen Quadranten der Roma entro le Mura mit immer neuen ideologischen Kodierungen und symbolischen Aufladungen durch öffentliche Planungs- und Bauvorhaben. Über die gesamte Bebauungsgeschichte des Viertels hin zieht sich epochen-übergreifend der Konflikt zwischen archäologischer Konservierung der bei den Ausgrabungen zutage geförderten Zeugnisse der Antike und dem robusten Selbstdarstellungsbedürfnis des Staates und seiner herrschenden Eliten. Meistens zog die Archäologie dabei den Kürzeren. Der zeitliche Bogen spannt sich von den päpstlichen Anfängen des Bahnhofsbaus bis zum Neubau des Bahnhofsgebäudes nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit der Anlage der Piazza dell’Esedra/Piazza Repubblica und der von hier aus zum Kapitol hinabführenden Via Nazionale beginnt die Inbesitznahme der Termini-Zone durch den Nationalstaat. Zeitweise war auch daran gedacht, dort oben das Nationaldenkmal für den Staatsgründer-König Vittorio Emanuele II zu errichten, für das man dann aber am Kapitolshügel einen noch symbolträchtigeren Ort gefunden zu haben glaubte. Gleichsam ersatzweise wurde der Platz vor der Stazione Termini 1887 mit einem Denkmal für die fünfhundert Gefallenen eines italienischen Expeditionskorps im eritreischen Dogali bestückt. Es dürfte dies einer der wenigen Fälle in der Geschichte des Imperialismus sein, wo eine europäische Nation sich angesichts einer unrühmlichen Niederlage durch indigene Truppen selbst in der Opfer- und Märtyrerrolle gefeiert hat. Noch in der Ära des Faschismus begannen dann Diskussion und Planung eines Neubaus der Stazione Termini, deren 1867 errichtetes erstes Gebäude nachvollziehbar weder dem Zeitgeschmack des 20. Jh. noch dem Repräsentationsbedürfnis des Mussolini-Regimes genügte. Die ersten, durchaus noch von der prinzipiellen stilistischen Offenheit des italienischen Faschismus geprägten Entwürfe von ästhetisch sensibler Modernität des Architekten Mazzoni fielen dem in den späteren 1930er Jahren unter dem Eindruck des Bündnisses mit dem Dritten Reich in der faschistischen Partei um sich greifenden Hang zu banalen Rückgriffen auf schwere Klassizität und einer willkürlich postulierten romanità architektonischer Formen zum Opfer. Das Ergebnis war ein geist- und gesichtsloser Zyklopismus, und so kann man als Nachgeborener nur froh darüber sein, dass infolge des Krieges und des Sturzes des Regimes diese Pläne nicht vollständig zur Ausführung gelangten. Es ist ein beeindruckendes Zeugnis der kulturellen Resilienz und des Lebenswillens der italienischen Nation, dass sogleich nach Kriegsende der schon weit vorangeschrittete Neubau der Stazione Termini mit einer neuen Fassade und Vorhalle von exemplarischer Eleganz und Kühnheit versehen und so das große Projekt eines Hauptbahnhofs für die Kapitale mit einer bis heute ausstrahlenden Architektur von ikonischer Modernität (und fern allen Gigantismus’ und Brutalismus’) vollendet werden konnte. Das Buch von Weststeijn und Whitling schildert und analysiert die komplexe Geschichte von Aneignung und Zerstörung, Umwandlung und Neuerschaffung des Viertels um die Diokletiansthermen in dichter Dokumentation. Eine Vielzahl von instruktiven Illustrationen bereichern noch die ohnehin hohe typographische Qualität einer Publikation, die für jeden Freund und Kenner des modernen Rom eine angenehme Pflichtlektüre sein wird.Franz J. Bauer

Stefan Heid/Karl-Joseph Hummel (Hg.), Päpstlichkeit und Patriotismus. Der „Campo Santo Teutonico“: Ort der Deutschen in Rom zwischen Risorgimento und Erstem Weltkrieg (1870–1918). Vorträge einer internationalen Fachtagung vom 22. bis zum 25. November 2017 am Römischen Institut der Görres-Gesellschaft, Freiburg i. Br.-Basel-Wien (Herder) 2018 (Römische Quartalschrift für christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte. Supplementheft 65), 816 S., Abb., ISBN 978-3-451-38130-0, € 70.

Zum 100jährigen Todestag des langjährigen Direktors des Campo Santo Teutonico in Rom, Anton de Waals, haben die Hg. Stefan Heid, Direktor des Römischen Instituts der Görres-Gesellschaft, und Karl-Joseph Hummel, ehemaliger Direktor der Kommission für Zeitgeschichte in Bonn, eine Tagung organisiert, die sich in 21 Beiträgen und einem Dokumentenanhang mit dem Leben des Protagonisten, seinem Wirken für den Campo Santo Teutonico, mit dem näheren Umfeld und mit den Einwirken von außen auf ihn und seine Institution auseinandersetzt. In dem einleitenden Vortrag verfolgt Heid das Leben de Waals von seiner Geburt am 4. oder 5. Mai 1837 in Emmerich am Niederrhein in einem katholischen Milieu über eine kurze Tätigkeit als Kaplan am Priesterkolleg Santa Maria dell`Anima zum Wechsel an den Campo Santo Teutonico, 1871 als Kaplan, dann zum Jahreswechsel 1872/1873 als Rektor, bis zu seinem Tod am 23. Februar 1917. De Waal, der eine heruntergekommene Institut übernahm, legte die Grundlagen für den „modernen Campo Santo Teutonico“: Zwar blieb die Erzbruderschaft zur Schmerzhaften Muttergottes beim Campo Santo der Deutschen und Flamen weiterhin der Besitzer, aber die ursprünglich, möglicherweise bis auf Karl den Großen zurückgehende Aufgabe, Hospiz und Anlaufstelle für deutsprachige Pilger in Rom zu sein, verlagerte er in andere Gebäude und bot statt dessen deutschen Kaplänen, die in Rom wissenschaftlich tätig sein wollten, Stipendien und eine Wohngelegenheit im Campo Santo (Johannes Grohe). Zudem holte er, als der Vatikan seine Archive öffnete, das Römische Institut der Görresgesellschaft in Konkurrenz zur Preußischen Station ins Haus. De Waal baute den Campo Santo als deutsche Institution aus, obwohl er keine finanzielle Unterstützung durch das Deutsche Reich erhielt und der österreichische Kaiser der Protektor war. Dazu unterstützte er die Rechte der Flamen am Campo Santo und suchte die Förderung Bayerns (Rainald Becker). Zudem nahm er auch niederländische Kapläne auf (Maurice van Stiphout). Seinen Patriotismus trieb er allerdings zu weit, als er im Verwaltungsrat Deutsch als Sprache durchsetzte, was die flämische Seite mit einem Boykott der Sitzungen beantwortete (Johan Ickx). De Waal hatte keine Schwierigkeiten, sowohl deutscher Patriot als auch Anhänger des Papsttums und ihre Institutionalisierung in Rom zu sein: In Theaterstücken sprach er sich gegen die Besetzung Roms und die Annexion des Vatikanstaats aus (Georg Kolb) und organisierte Pilgerzüge aus Deutschland zur Unterstützung der Päpste (Heid). Durch die Auswahl der deutschen Kapläne geriet er in den Modernistenstreit, da sich mehrere ehemalige Bewohner in dieser Frage engagierten. Dem Thema widmet sich Dominik Burkhard, der die Positionen von Joseph Schnitzer, Sebastian Merkle und Franz Wieland herausarbeitet und der abwägenden Haltung des Rektors gegenüberstellt. Nebenher unterstützte der Rektor die katholische Missionstätigkeit in Afrika, sprach sich aber auch gegen den Sklavenhandel aus (Peter Rohrbacher). Unter den Deutschrömern gab es in konfessionellen Fragen erhebliche Konflikte: So etwa um die Gründung einer deutschen Schule in Rom – de Waal strebte eine katholische Institution an, die aus Mangel an Schülern keine längerfristige Perspektive hatte und die ebenso wie eine evangelische Gründung in einer Simultanschule aufging (Gerd Vesper). Daneben enthält der Bd. auch einige Aufsätze, die nur wenig mit de Waal zu tun haben, aber ins Thema passen, so etwa der Aufsatz von Hans-Georg Aschoff zu den Beziehungen des Zentrums zu Papst und Kurie Ende der 1860er bis in die 1880er Jahre. Martin Baumeister beschäftigt sich mit den Deutschrömern von 1870 bis zum Ersten Weltkrieg: Der Prediger der deutschen Botschaft suchte eine Lutherkirche als evangelische Trutzkirche vor den Augen des Papstes bauen zu lassen und der Rektor des Deutschen Historischen Instituts in Rom, Kehr, der sich nie Illusionen über die Sympathien der Italiener für Deutschland gemacht hatte, war doch 1915 erschreckt über die Antipathien der Italiener gegen den ehemaligen Dreibundpartner. Der Bd., der durch ein Personenregister erschlossen wird, bietet vor dem Hintergrund des Lebens, der Verdienste und Einstellungen de Waals eine lesenswerte und aufschlußreiche Darlegung unterschiedlicher Aspekte der Beziehungen Deutschlands zu Italien, den Päpsten und dem Leben der Deutschen in Rom. Franz-Josef Kos

Carteggio Ceriani-Mercati, 1893–1907, introduzione, edizione e annotazioni a cura di Cesare Pasini, con la collaborazione di Massimo Rodella, Città del Vaticano (Biblioteca Apostolica Vaticana) 2019 (Studi e testi 531), 317 pp., ill., ISBN 978-88-210-1019-4, € 40.

Il volume presenta il carteggio fra due grandi personalità dell’erudizione ecclesiastica fra XIX e XX secolo. Antonio Maria Ceriani (1828–1907) fu uno dei maggiori studiosi di letteratura siriaca e di critica testuale biblica dell’Ottocento. In Biblioteca Ambrosiana dal 1855 e suo prefetto dal 1870 alla morte, fu lui, nel 1893, a offrire a Giovanni Mercati (1866–1957) la possibilità di uscire dall’ambiente provinciale e ristretto di Reggio Emilia. Divenuto dottore dell’Ambrosiana (1893–1898), Mercati passò nel 1898 in Biblioteca Vaticana ove fu successivamente scriptor Graecus (1898–1919), prefetto (1919–1936) e infine cardinale Bibliotecario e Archivista della Chiesa Romana (1936–1957), improntando con la sua personalità una stagione della biblioteca papale e degli studi ecclesiastici. I 59 messaggi (fra lettere, cartoline, telegrammi, minute: 33 di Mercati, 26 di Ceriani; con tre testi in appendice) vanno dai primi contatti fra i due, nel 1893, all’origine del passaggio di Mercati in Ambrosiana, sino alla morte di Ceriani e testimoniano un rapporto che, soprattutto per Mercati, si rivelò fondamentale. Per l’interlocutore più giovane, Ceriani fu davvero un maestro rappresentando un modello di bibliotecario ed erudito „all’antica“, diverso dal profilo „moderno“ di Achille Ratti, il futuro Pio XI, successore di Ceriani come prefetto in Ambrosiana e predecessore di Mercati come prefetto in Vaticana. Pur appartenendo a generazioni diverse, i due corrispondenti erano concordi nel programma di „rialzare l’onore degli studii sacri in Italia“, come scrisse da Roteglia Mercati a Ceriani il 18 agosto 1893 (pp. 108, 135). „Ora più che mai, guardando al nostro paese e fuori, mi pare necessario che ci sia nel Clero chi si occupi particolarmente della critica sacra con tutto l’agio e con tutto l’apparato di libri e Manoscritti necessario per la difesa della Verità Cattolica“, gli rispose il giorno dopo da Milano il prefetto dell’Ambrosiana (pp. 113, 138). I soggetti trattati nello scambio epistolare sono prevalentemente eruditi. La dimensione storica, politica, ecclesiale è così totalmente assente. Non una parola, per esempio, sui moti di rivolta del maggio 1898 a Milano né sul modernismo, non una parola sulle tensioni fra cattolici intransigenti e liberali né sui pontificati che si avvicendano. Al centro delle comunicazioni sono piuttosto le ricerche e gli studi (l’impegno di Ceriani sul „Missale Ambrosianum“, le ricerche di Mercati sulle Hexapla di Origene, sul codice ravennate di S. Ambrogio e sul Codice B), le vicende delle due biblioteche e fatti di natura personale. Da rilevare, nelle lettere di Mercati, la testimonianza delle difficoltà affrontate da Franz Ehrle, prefetto della Vaticana dal 1895, nel rinnovatore governo dell’istituzione, fra le resistenze della „vecchia guardia“ e il disinteresse del personale (cfr. Mercati a Ceriani, Roma, 7 marzo 1899, pp. 188–193, in particolare pp. 190–192). Nell’„Introduzione“ (pp. 7–121) Pasini, dal 2007 prefetto della Vaticana dopo essere stato, dal 1986, dottore e viceprefetto dell’Ambrosiana, illustra il quadro nel quale il carteggio si colloca, nella prospettiva generale della Chiesa e della società e nelle dimensioni particolari delle chiese di Reggio Emilia, Milano e Roma e delle due biblioteche, Ambrosiana e Vaticana. Si sofferma poi sui due protagonisti, dei quali ripercorre biografie, ambienti familiari, studi, rapporti reciproci, personalità, stili e grafie. Presenta infine le raccolte che conservano i documenti, in Ambrosiana e in Vaticana, e i criteri di trascrizione dei testi. L’ampiezza dell’„Introduzione“, con la trattazione anticipata di soggetti, questioni, figure che poi compaiono nella corrispondenza, permette di alleggerire l’annotazione ai messaggi, peraltro ricca, puntuale e completa. L’„Edizione del carteggio“ (pp. 123–247) è condotta con criteri rigorosi e supera brillantemente insidie e ostacoli rappresentati dalla non facile scrittura di Ceriani, talvolta nella estrema corsività di minute, e da testi particolarmente complessi (come la lettera nr. 35, scritta da Ceriani a Mercati, Milano, 17 giugno 1899, pp. 193–198). Dopo le „Abbreviazioni bibliografiche“ (pp. 249–282), un ricco apparato di „Indici“ (pp. 283–316) completa il volume: delle missive per collocazione, per data, per mittenti e destinatari; ma anche generale dei nomi di persona, degli autori citati nella bibliografia, dei manoscritti e dei volumi a stampa, delle otto tavole fuori testo, che presentano specimina di lettere dei due corrispondenti. La duplice appartenenza al mondo ambrosiano e vaticano, la padronanza delle discipline filologiche e paleografiche che sono al centro del carteggio consentono a Pasini di offrire, nell’„Introduzione“ e nelle annotazioni ai testi, una ricostruzione di straordinaria completezza e ricchezza. A differenza di molte edizioni di scambi epistolari, questa del carteggio fra Ceriani e Mercati appare esemplare e potrà costituire un modello per imprese analoghe.Paolo Vian

Andreas Gottsmann/Romano Ugolini/Stefan Wedrac (Hg.), Österreich-Ungarn und Italien im ersten Weltkrieg / Austria-Ungheria e Italia nella Grande Guerra, Wien (Verlag der Österreichischen Akademie) 2019 (Publikationen des Historischen Institutes beim Österreichischen Kulturforum in Rom. 1. Abteilung, Abhandlungen 18), 521 pp., ill., ISBN 978-3-7001-8209-2, € 135.

Il volume propone l’analisi di diversi temi cruciali per la storia della Grande Guerra in una prospettiva di comparazione tra gli stati italiano e austriaco. In oltre 500 pagine si alternano 22 contributi di studiosi, soprattutto italiani e austriaci, proposti in inglese, italiano e tedesco. Il volume è diviso in quattro sezioni: la prima è dedicata al periodo antebellico, a partire da un’analisi degli effetti della modernizzazione su diversi gruppi sociali nell’Austria moderna. Ad esempio, si evince come la Belle Époque ungherese fu caratterizzata da un enorme sviluppo economico, culturale e demografico, contraddistinto da una forte e stabile presenza statale, la quale sarebbe via via scemata nel corso del conflitto. Dopo aver posto l’attenzione sulla difesa del fronte interno da parte del governo viennese, la sezione si chiude con un focus sulla politica italiana nei mesi della sua neutralità. La seconda parte è incentrata sul conflitto in quanto tale a cominciare dall’indagine delle reazioni alla guerra della componente austro-italiana della dieta viennese, in particolare attraverso l’opera della commissione parlamentare centrale per i profughi. Si passa quindi, in un’ottica di storia militare, a tratteggiare in modo esaustivo le vicende belliche dal 1916 a Caporetto, fornendo al lettore il punto di vista di entrambi gli schieramenti. Un aspetto poco noto riguarda il ruolo del comitato di propaganda pro-jugoslavo in Italia e le sue relazioni col governo di Roma, che se da un lato mostrava il suo sostegno alla controparte serba, d’altro canto non rinunciava ai propri piani espansionistici verso i territori adriatici. La politica e le relazioni internazionali sono parimenti al centro del contributo sul Patto di Londra, in cui si sottolinea come l’inclinazione degli alleati a tutelare la monarchia austriaca fosse ostacolata in maniera insormontabile dalle necessità belliche e dalle pretese italiane. I contributi finali di questa sezione sono dedicati agli aspetti più sociali e culturali della guerra, a cominciare dal saggio di Gottsmann (già proposto in una versione più estesa nel volume curato da Botrugno, 2016) sull’azione della chiesa cattolica in Austria: negli atti della Conferenza Episcopale la guerra compare solo marginalmente, sostituita da discussioni relative a cura d’anime, organizzazioni giovanili, neomalthusianismo, dopoguerra. La prospettiva del singolo è invece il soggetto dell’ultimo saggio, che dal fenomeno del reducismo giunge a commentare il silenzio della storiografia anglosassone sulle battaglie e le esperienze belliche del fronte isontino. La terza sezione è quindi dedicata alle immagini di propaganda, a partire dalle cartoline postali, mezzo che conobbe il suo massimo splendore proprio durante la Grande Guerra. Essa fu massicciamente utilizzata all’inizio del conflitto ma secondo Walter Lukan già all’altezza della vittoria austro-tedesca dell’autunno 1917 si manifestò anche in quest’ambito una certa „stanchezza“ verso la guerra. La memoria del conflitto è materia dell’ultimo saggio, incentrato sulla collezione della Biblioteca della corte di Vienna che, fin dal maggio 1915, iniziò ad incorporare numerosi documenti, mappe ed immagini a soggetto italiano. La sezione finale è incentrata sulla visione letteraria e storica del conflitto: viene analizzato il Piave, un fiume di confine fisico e concettuale, come soggetto letterario simbolo della vittoria; l’attività di scrittore in guerra di Musil, che si divide tra sfera privata, con la scrittura diaristica, e quella pubblica, con la direzione della „Soldaten-Zeitung“ prima e le sue considerazioni ideologico-culturali del dopoguerra, che emergono anche nella rielaborazione delle sue esperienze in forma narrativa; la „Vittoria Mutilata“, che ci riporta nel contesto italiano, riprendendo l’orizzonte storico-concettuale in cui D’Annunzio coniò il termine fino al ruolo che esso ebbe nell’affermazione del fascismo. Poi, attraverso le parole usate da Soffici e Malaparte per descrivere la disfatta di Caporetto, viene indagata l’elaborazione letteraria dell’esperienza di trincea, del lutto e della sconfitta, tema questo presente anche nel contributo successivo, incentrato su „Un anno sull’Altipiano“. La sezione si conclude con una panoramica sulle celebrazioni del centenario da parte dei musei, sul loro ruolo nella conservazione della memoria culturale dei conflitti e sui vari modi di rappresentare la guerra attraverso diversi esempi di esposizioni museali. Il volume ha l’indubbio merito di affrontare la Grande Guerra da numerose prospettive, collezionando contributi importanti e diversificati che lo rendono interessante per un ampio pubblico di studiosi. Tuttavia, è chiara l’assenza di contributi inerenti ai vari fronti interni e all’esperienza di guerra dei civili e ciò rende l’opera mancante di un tassello ormai fondamentale.Anna Grillini

Kersten Knipp, Die Kommune der Faschisten. Gabriele D’Annunzio, die Republik von Fiume und die Extreme des 20. Jahrhunderts, Darmstadt (Theiss – WBG) 2019, 288 S., Abb., ISBN 978-3-8062-3914-0, € 25.

In der vorliegenden Biographie ordnet Knipp den berühmten nationalen Dichter, Kriegshelden sowie – für einige wichtige Jahre der italienischen Geschichte – Demagogen und Politiker D’Annunzio (1863–1938) sachkundig und belesen in die zeitgenössischen geistigen Strömungen ein, verliert ihn aber durch die Breite seiner Ausführungen hin und wieder aus dem Blick. Titel und Umschlagtext erwecken den Eindruck, D’Annunzios großes politisches Abenteuer, die Besetzung des ehemaligen ungarischen Adriahafens Fiume durch seine Legionäre vom September 1919 bis zum Dezember 1920, stünde im Mittelpunkt der Untersuchung. Tatsächlich ist aber nur etwa ein Fünftel des Buches dieser Unternehmung gewidmet, in der der Dichter als Kommandant versuchte, die Stadt dem im Entstehen begriffenen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen zu entziehen und für Italien zu gewinnen, bis der Grenzvertrag von Rapallo vom 12. November 1920 den Status von Fiume regelte und das Ende von D’Annunzios „Republik von Fiume“ einleitete. Vor dem Ersten Weltkrieg hatte er sich der décadence zugewandt und als Dichter einen „feinsinnigen Ästhetizismus“ (S. 67) vertreten. In seinen Werken hatte er bedenkenlos andere, insbesondere französische Schriftsteller kopiert und plagiiert, damit aber auch dazu beigetragen, die Ideen der europäischen Moderne auf der Apenninenhalbinsel zu verbreiten. Zu D’Annunzios kreativen Prämissen gehörte, dass man die banalsten Themen in Kunst übertragen könne, und dass diese die Aufgabe habe, „die Gedanken und Empfindungen ihrer Zeit [zu] erfassen, ihr Schöpfer muss mit der Welt verbunden sein, ihre Energien atmen und aus ihnen etwas machen“ (S. 47). Als Demagoge, der die ungeschriebenen Gesetze der Massenlenkung nahezu perfekt beherrschte, profilierte er sich v. a. im Mai 1915, als er den Kriegseintritt Italiens auf Seiten der Entente forderte, und 1919/1920 in Fiume, als er seine heterogene Anhängerschaft zusammenhielt, die durch überschäumenden Patriotismus und höchst freizügige, antibürgerliche Lebensformen auffiel. Begeistert von der modernen Technik und im Bestreben nach rauschhaften Erregungszuständen zu waghalsigen Unternehmen animiert, war er im Weltkrieg zum Kriegshelden avanciert. Nachdem Mussolini knapp zwei Jahre nach D’Annunzios Fiume-Abenteuer italienischer Ministerpräsident geworden war, zog sich D’Annunzio aus der Politik zurück und befasste sich fortan in seinem Rückzugsort, dem Vittoriale am Gardasee, mit der „Musealisierung seiner selbst …“ (S. 239). Knipps Darstellung der politischen Lage in der „Republik von Fiume“ ist nicht sehr ausführlich: Bis zum Februar 1920 sorgte die Regierung in Rom dafür, dass Fiume durch das „Rote Kreuz“ versorgt wurde. Für eine „geordnete Finanzverwaltung“ (S. 207) haben sich D’Annunzio und seine Legionäre kaum interessiert, Steuern und Abgaben seien nicht eingenommen worden, gelegentlich haben sie Zuwendungen der Freimaurer erhalten, hin und wieder sei ein von den Legionären gekapertes Schiff in die Häfen Fiumes eingelaufen. D’Annunzio gab der Stadt eine inhaltlich sehr fortschrittliche Verfassung, die „Carta del Carnaro“, die der Syndikalist und spätere Antifaschist Alceste De Ambris ausgearbeitet hatte. Das von dem Schriftsteller Léon Kochnitzky und dem Schauspieler Ludovico Toepnitz geleitete „Büro für Außenbeziehungen“ kritisierte den Völkerbund massiv und versuchte vergeblich, eine Allianz der Unterdrückten dieser Erde, allen voran des italienischen Fiume, zu schmieden. Keine Erwähnung findet, dass D’Annunzio die Stadt unter das Kriegsrecht gestellt hat, und dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung mit seiner Herrschaft nicht einverstanden war. D’Annunzio sei zwar offiziell kein Faschist gewesen, er habe aber zur Destabilisierung der liberalen Demokratie beigetragen und durch die Verachtung der bürgerlichen Ordnung, v. a. aber durch sein modernes Verständnis von Massenkommunikation und die Choreographie seiner Auftritte, zentrale Elemente des Faschismus vorweggenommen. Knipp zieht freilich auch andere, nicht durchweg einleuchtende Parallelen: D’Annunzio sei gewissermaßen ein moderner Don Quijote gewesen, seine Ästhetisierung der Politik gleiche der Hippie-Bewegung, und seine Haltung entspräche heutzutage der eines „Geisterfahrers“ (S. 239) oder „Wutbürgers“ (S. 242), wobei offen bleibt, was diese schillernden journalistischen Begriffe genau bedeuten, ob und welche historische Tiefendimensionen sie zu entfalten vermögen. D’Annunzio habe frühzeitig getestet, was heute zum antidemokratischen Potential des Internet zähle: „die Kommunikation ausschließlich unter Gleichgesinnten“ (S. 264). Insgesamt vermittelt das Buch einige interessante Einsichten, die Darstellung vermag jedoch nicht durchweg zu überzeugen.Michael Thöndl

Enrico Camanni, Il desiderio di infinito. Vita di Giusto Gervasutti, Bari-Roma (Laterza) 2017 (Robinson/Letture), 270 S., Abb., ISBN 978-88-581-2753-7, € 19.

Giusto Gervasutti (1909–1946) stellt eine Schlüsselfigur in der Entwicklung des italienischen Alpinismus dar und verdient zweifellos die Biographie aus der Feder eines Autors, der bereits zahlreiche Bücher über alpinistische Sternstunden veröffentlicht hat und der alpinen Welt auch praktisch durch seine Tätigkeit an der nach Gervasutti benannten Turiner Bergsteigerschule eng verbunden war. Gervasutti machte seine ersten Erfahrungen in den Karnischen Alpen und dann vor allem in den Dolomiten, wo die Bergformation eine schnellere Entwicklung der sozusagen spielerhaft-akrobatischen Klettertechnik ermöglichte und begünstigte, während die hochgebirgigen Westalpen schon aufgrund der langen Anmarschwege, der klimatischen Verhältnisse und der Felsbeschaffenheit dem Bergsteiger einen energieverzehrenden Kampf abverlangten. In diesem Rahmen entwickelte sich der Gegensatz zwischen einer „östlichen“ und „westlichen Schule“, die schließlich in den dreißiger Jahren des 20. Jh. in der Figur Gervasuttis in gewisser Weise zusammengeführt wurden. Im Winter 1931 kam er zum Studium der Elektrotechnik nach Turin und schloss sich sofort dem dortigen alpinistischen Ambiente an, dem er neue Impulse geben sollte. In den ersten beiden Jahren machte er sich mit den Westalpen vertraut und beteiligte sich an den Diskussionen um den ehrgeizigen „sechsten Grad“, den die „Münchner Schule“ in der Zwischenkriegszeit auch unter Anwendung künstlicher Hilfsmittel wie Haken und Karabinerhaken zunächst in den Dolomiten erreichte. 1934 begann die Phase, so der Autor, des „alpinismo di ricerca“, der Suche nach neuen Wegen, die mit einer vom faschistischen Regime geförderten Spedition in den Anden einsetzte. Eher enttäuscht von den Erfahrungen mit einem inkonsistenten vulkanischen, nur vom Schnee zusammengehaltenen Fels kehrte er nach Turin zurück, um in der Dauphiné mit dem Pic d’Olan einen sechsten Grad zu ersteigen, der ihm einen Verdienstorden und das Lob des faschistischen Parteisekretärs Achille Starace einbrachte. Auf die Vereinnahmung des Alpinismus durch das Regime für den Kampf um den nationalen Vorrang geht der Autor an verschiedenen Stellen ein, auch auf das zwiespältige Verhältnis der Protagonisten zur faschistischen Politik, sei es ihnen doch vorrangig ums Klettern gegangen; so habe Gervasutti zwar aus Vaterlandsliebe und Staatsbürgerpflicht am Wettlauf um die Eigernordwand und in den Grandes Jorasses teilgenommen, die größten Erfolge habe er jedoch in den „freien Bergen“ und auf eigene Initiative errungen. Daneben führte er 1937 eher widerwillig einen Lehrgang für Gebirgsjäger durch und leitete ab 1939 die Turiner Bergsteigerschule, die Gervasutti relativ unabhängig von den Direktiven des Faschismus zu halten vermochte. In die Kriegszeit fallen zwei seiner Unternehmungen, mit denen er das „alpinistische Rad der Geschichte“ vorangetrieben hat. 1940 befand er sich zum Feldzug gegen Frankreich am Mont Blanc, den er unmittelbar nach der französischen Niederlage über den Pilier nord du Freney am 13. August erstieg, am 16. und 17. August 1942 bezwang er in einer Meisterleistung, die in ihrer ganzen Dramaturgie beschrieben wird, die Ostwand der Grandes Jorasses. Gervasutti starb im September 1946 durch einen Abseilunfall am Mont Blanc du Tacul. Nach seinem Tod wurde er zu einer Ikone, einem Monument seiner selbst, zu einem „Beherrscher der Felswände“, der darüber nachdachte, wie dort auf den einsamen Gipfeln „unser Ich … im Unendlichen scheitert“ und den eine melancholische Sehnsucht nach den Bergen trieb, die ihn auf eine Ehe verzichten ließ. Aber über Jahrzehnte versäumte man es, auf seine wirkliche Lebensgeschichte zu schauen, so dass der Verlust vieler Informationen, Zeugnisse, Erinnerungen eine fast schon detektivische Recherchearbeit nötig macht; der Autor möchte mit seinem Buch einen Schritt in diese Richtung gehen. Gerhard Kuck

Guido Melis, La macchina imperfetta. Immagine e realtà dello Stato fascista, Bologna (Il Mulino) 2018 (Collezione di testi e di studi. Storiografia), 616 S., ISBN 978-88-25-27431-1, € 38.

Als Brennpunkt zahlreicher geschichtswissenschaftlicher Kontroversen kam dem faschistischen Staat eine eminente Aufmerksamkeit zu. Die Debatten zur Unterscheidung zwischen Bewegung und Regime, zur Rolle des PNF, zum Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie sowie zum Konsens oder zur totalitären Natur der Diktatur liefen bisher – mehr oder weniger explizit – auf eine Umdeutung des italienischen Staates während des ventennio hinaus. Vor diesem historiographischen Hintergrund zeigt sich der titelgebende Ausgangspunkt Melis’ meisterhafter Darstellung als tiefgreifend: Sowohl das Regierungsverständnis als auch die intellektuelle Deutung vom modernen Staat als Maschine fanden in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg auch außerhalb autoritärer Kreise weite Verbreitung. Mal von einer futuristischen, mal von einer tayloristischen Prägung ausgehend bedienten sich unter anderen neben Mussolini auch der französische Sozialist Léon Blum (S. 13–19) und der italienische Antifaschist Giaime Pintor (S. 538) dieser technischen Metaphorik. Mit dem Selbstverständnis eines „[Natur-]Wissenschaftlers, der im Mikroskop das intimste Leben seines Forschungsgegenstands“ (S. 567) zu beobachten vermag, zielt Melis darauf ab, in vier umfangreichen Kapiteln jeweils die Regierung, die Partei, die Institutionen und die wirtschaftlichen bzw. finanziellen Interessen der faschistischen Staatsmaschinerie zu rekonstruieren. Dabei liegt das Erkenntnisinteresse des Institutionenhistorikers ausdrücklich in der Darlegung der Gesamtentwicklung des faschistischen Staatsapparats mitsamt seinen Einzelteilen zwischen 1922 und 1943. Diesem hohen Anspruch wird das Werk durch Anwendung unterschiedlicher Ansätze gerecht. So stützt sich die Studie konsequent auf eine Art prosopographischer Rekonstruktion der Gruppenbiographien von Staatsfunktionären bzw. Parteikadern (siehe beispielhaft S. 136–141, 213–225, 257–260, 332–334, 428–430) und fasst diese Lebensläufe nicht selten in soziostatistischen Überblicken zusammen. Diese „rassegna delle biografie“ sei nach Melis „di per sé molto eloquente: testimonia provenienze, studi, carriere, opere; documenta fertili incroci tra culture differenti e diverse attitudini professionali“ (S. 518). Der Ertrag dieser Herangehensweise ist auf zweierlei Ebenen positiv zu bewerten: Zum einen werden die in juristischen, wirtschaftlichen und weiteren technischen bzw. akademischen Kreisen geführten Deutungskämpfe vom ventennio präziser verortet. Zum anderen wird der faschistische Staat erstmals ausführlich im Spannungsverhältnis zu den persistenten Strukturen der liberalen Zeit und mit den fortdauernden Lebensläufen ihrer Beamten abgebildet. In der nie gelösten Spannung zwischen der eigensinnigen Beständigkeit der im liberalen Staat erschaffenen Strukturen einerseits und der nie vollständig zustande gekommenen politischen sowie verwaltungstechnischen Faschisierung andererseits liege – so die These Melis’ – die Unvollkommenheit der faschistischen „Staatsmaschine“. Die Analyse untermauert diese Ansicht mit einem breiten Informationsspektrum, das sich sowohl auf die neuere Forschungsliteratur als auch auf neu ausgewertete Primärquellen stützt. Das geglückte Unterfangen, eine akribische Aufmerksamkeit für Details, „emblematische Episoden“ (S. 171) und die „Geschichte von Individuen“ (S. 286) mit einer quellengesättigten Strukturanalyse in Einklang zu bringen, ist bemerkenswert. Dass diese multifokale Betrachtung darüber hinaus mehrere zentrale Debatten der letzten Jahrzehnte nicht nur miteinbezieht, sondern auch effektiv bereichert und vorantreibt, ist als großer wissenschaftlicher Mehrwert der Studie zu betrachten (siehe etwa S. 142–145 zur Partei zwischen Zentrum und Provinz, S. 227–229 zu den Modernisierungsversuchen in Süditalien oder zusammenfassend S. 532–545 zum unvollkommenen faschistischen Totalitarismus). Als einfachen „Problemkatalog“ und „opera minima“ (S. 567) bezeichnet Melis im Fazit die eigene sechshundertseitige Studie. Würde die intellektuelle Ehrlichkeit des Autors die Studie nicht so stark – und mit Verdienst – prägen, könnte man im Understatement eine ironische Färbung lesen. Darin liegt jedoch ein unübersehbarer Hinweis auf die bewussten Grenzen der eigenen Abhandlung. Melis legt mit diesem Buch eine ausgezeichnete Analyse der komplexen inneren Mechanismen des faschistischen Staates inklusive seiner treibenden sozialen Kräfte vor. Die „altri meno visibili poteri, profondamente inseriti nella realtà sociale …“ (S. 279) werden in der Darstellung zwar mehrmals, aber nie ausführlich miteinbezogen, denn sie hätten die Analyse in die relevanten Abgründe der italienischen Gesellschaft geführt und somit den schon umfangreichen Rahmen der Studie gesprengt. Die Forschung zur Rolle des Staates im Faschismus könnte sich also in dieser Richtung weiterhin aufschlussreich entwickeln. Nach Melis’ Buch wird dieses nun auch auf der Basis eines neuen, soliden Standardwerks geschehen.Daniele Toro

Arnd Bauerkämper/Grzegorz Rossoliński-Liebe (Eds.), Fascism without Borders. Transnational Connections and Cooperation between Movements and Regimes in Europe from 1918 to 1945, New York-Oxford (Berghahn Books) 2017, 384 S., ISBN 978-1-78533-468-9, GBP 92.

Der Bd., der auf eine an der Freien Universität Berlin 2014 organisierte Tagung zurückgeht, fügt sich ein in eine bereits länger anhaltende Konjunktur transnationaler Faschismusstudien, die nach einiger Zurückhaltung nunmehr auch von der deutschen Historiographie mitgetragen und mitgestaltet wird. Der Ansatz, Ideologien, Bewegungen und Regime, die sich durch ihren prononcierten Ultranationalismus auszeichnen, als transnationale Phänomene zu begreifen und zu analysieren, geht auf deren Anfangszeiten zurück, in denen der italienische Faschismus zunächst durch seine politischen Gegner als weit über sein Ursprungsland ausstrahlendes Modell verstanden wurde. In der internationalen Faschismusforschung kam er jedoch, angeregt durch den allgemeinen Aufschwung transnationaler Studien, erst relativ spät zum Tragen, in einer Weiterentwicklung vergleichender Studien und in der konsequenten analytischen Umsetzung des von Historikern wie Roger Griffin und Roger Eatwell propagierten „generischen“ Faschismusbegriffs. In ihrer Einführung betonen die Hg. des Sammelbd. die im Konzept eines „transnationalen Faschismus“ implizierten unterschiedlichen Bedeutungsebenen: Es gehe darum, den Faschismus als eine nationale Grenzen überschreitende Bewegung zu verstehen, weiterhin darum, die Wahrnehmungen von Gegnern und Anhängern, die ihn als transnationales Phänomen begreifen, zu untersuchen, und schließlich um eine spezifisch transnationale Perspektive, mithin, wie es Arnd Bauerkämper in seinem bilanzierenden Nachwort formuliert, um „selective cross-border perceptions, contacts, collaborative activities, transfers, appropriations and implementations of ideas, practices, styles and institutions by fascists and non-fascists“ (S. 361). Der Bd. versammelt 13 Beiträge von mehrheitlich jüngeren europäischen Historikerinnen und Historikern, die, in Eingrenzung auf Europa im Zeitraum zwischen 1918 und 1945, so unterschiedliche Aspekte und Themen wie Theorie- und Methodenfragen, Propaganda, Freizeit und Repräsentationen, Akteure, Konflikte und Religion sowie faschistische Europakonzepte behandeln. Die letzten drei Beiträge zu einer transnationalen Geschichte des Antifaschismus fallen thematisch aus dem Rahmen und lassen sich allenfalls indirekt oder punktuell mit dem Fokus des Bd. in Verbindung bringen. Immerhin zwei dieser drei Beiträge zum Antifaschismus weisen einen starken Italienbezug auf, der in der Summe der Artikel allerdings insgesamt hinter dem Einfluss des nationalsozialistischen Deutschlands und den Bezügen darauf zurücktritt. Monica Fioravanzo analysiert in ihrem konzisen Beitrag die erheblichen Verschiebungen in den faschistischen Vorstellungen einer „neuen europäischen Ordnung“, wie sie aus den sich wandelnden außenpolitischen Interessen und der machtpolitischen Position Italiens, insbesondere im Verhältnis zum deutschen Achsenpartner und schließlich zur nationalsozialistischen Hegemonialmacht zur Zeit der Repubblica Sociale Italiana, resultierte. In ihrem Vergleich von Freizeit- bzw. Kinder- und Jugendorganisationen im faschistischen Italien mit denjenigen der 1932 gegründeten British Union of Fascists (BUF) verweist Anna Lea Kocks zwar ausdrücklich auf das – für die transnationale und vergleichende Faschismusforschung konstitutive – Problem der Asymmetrie, bezüglich Größe, Einfluss und Macht der Bewegungen und ihrer finanziellen und strukturellen Ressourcen, lässt diese Faktoren jedoch bei ihrer Diskussion der BUF als „youth movement without children“ im Vergleich mit den umfassenden Bemühungen des faschistischen Regimes in Italien um eine Politisierung der Kinder völlig außen vor. Anhand des Interesses am faschistischen Korporatismus in der Zeit von 1926 bis in die frühen 30er Jahre, das das Umfeld der radikalen Rechten weit überschritt und bis in demokratische und sogar sozialistische Kreise reichte, illustriert Matteo Pasetti die internationale Ausstrahlung und Attraktivität des italienischen Faschismus als Antwort auf eine umfassende Krise des liberalen Staates und der kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Mit der wachsenden internationalen Adaptation korporativen Gedankenguts und den steigenden Erfolgen des nationalsozialistischen Deutschlands, so Pasetti, habe das italienische Modell jedoch bald seine Zentralität eingebüßt zugunsten des alternativen transnationalen Projekts des Nationalsozialismus, der Vorstellung einer rassisch homogenen, streng hierarchischen Volksgemeinschaft. In seinem wichtigen konzeptionellen Beitrag setzt Aristotle Kallis freilich einen völlig anderen Akzent: „The focus on the dynamics of diffusion of anti-Semitism in interwar and especially wartime Europe is perhaps the most challenging premise for a transnational perspective on fascism.“ (S. 42) Nimmt man diese These ernst, so folgt daraus, besonders im Vergleich mit dem italienischen „Urfaschismus“, der Vorrang des nationalsozialistischen „history making project“. Mit Blick auf Kallis’ These erweist sich der Beitrag von Raul Cârstocea zu Ion I. Moţa, dem im Spanischen Bürgerkrieg gefallenen stellvertretenden Führer der „Eisernen Garde“, einer radikal antisemitischen rumänischen faschistischen Massenbewegung, als besonders interessant, wo die Widersprüche in den transnationalen Dynamiken der zeitweise drittgrößten faschistischen Kraft in Europa und deren aus ihrem religiös gespeisten Ultranationalismus und Rassismus resultierenden Grenzen besonders eindrücklich hervortreten. Entgegen den Erwartungen, die Kallis in seinem programmatischen Beitrag nährt, stehen zentrale Fragen des Gewaltprojekts einer faschistischen „neuen Ordnung“ wie Repression, Besatzungsherrschaft oder die vielfältigen Dimensionen und Konsequenzen des radikalen Rassismus nicht im Mittelpunkt des Bd. Seine Stärken liegen im besonderen Augenmerk auf „minor fascisms“ besonders in Mittel-, Ostmittel- und Südosteuropa sowie, in einzelnen Artikeln, auf den fließenden Grenzen und Überschneidungen zwischen faschistischen, autoritären und konservativen Kräften, wie sie etwa Johannes Dafinger in seiner Diskussion des nationalsozialistischen Europakonzepts illustriert. Unbefriedigend bleibt der nicht weiter problematisierte zeitliche Endpunkt mit der definitiven Niederlage der faschistischen Imperien. Nicht nur Federico Finchelstein argumentiert in seinen Studien, dass seine von Kallis zitierte Kennzeichnung des Faschismus der Zwischenkriegszeit als „traveling political universe“ (S. 39) keinesfalls mit dem Jahr 1945 außer Kraft gesetzt wurde.Martin Baumeister

Claudia Müller, Politische Religion und Katholizismus. Geltungsgeschichten im faschistischen Romanità-Kult, Paderborn (Ferdinand Schöningh) 2017 (Politik- und kommunikationswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft 35), 291 S., 978-3-506-78682-1, € 54.

Claudia Müllers Buch beleuchtet die Geschichte des italienischen Romanità-Kults, der durch seinen Rekurs auf einen vermeintlich ewigen „römischen Geist“ eine kulturelle Stütze für das Regime Mussolinis darstellte. Dabei beschäftigt sich Müller intensiv mit dem Begriff „politische Religion“ und versucht, ihre Beobachtungen zum Verhältnis von Faschismus und Katholizismus theoretisch zu untermauern. Die Arbeit knüpft hier an Emilio Gentiles These von einer faschistischen Sakralisierung des Politischen an, geht aber in ihrer Analyse des Verhältnisses von Staat und Kirche auch deutlich über die bisherige Forschung hinaus und erhebt den Anspruch, die Geschichtswissenschaft „durch ein soziologischen Instrumentarium zu bereichern“ (S. 5). Tatsächlich handelt es sich bei Müllers Arbeit um eine „Verhältnisbestimmung von Katholizismus und Faschismus“ (S. 19), in der historiographische mit politikwissenschaftlichen Ansätzen verbunden werden. Müller gelingt es dabei, die Komplexität dieses Themas nicht einseitig zu reduzieren: Während die Autorin die regimestützende Funktion der katholischen Kirche eingehend problematisiert, deckt sie gleichzeitig auch viele Widersprüche und Ambivalenzen im Verhältnis von Christentum und Faschismus auf. Tatsächlich führte der Romanità-Kult auch zu unterschwelligen Konflikten zwischen Faschisten, welche die heidnische Antike verklärten, und Katholiken, die sich hauptsächlich auf Konstantin den Großen und die Christianisierung Roms beriefen. Die starke Theorielastigkeit von Müllers Betrachtungen über Religion und „sakralisierte politische Ordnungen“ machen dem Leser den Einstieg in die Arbeit nicht ganz leicht. Die ersten 85 S. fungieren im Prinzip als erweiterte Einleitung, in der v. a. soziologische und gesellschaftstheoretische Fragestellungen im Vordergrund stehen. So wichtig es beispielsweise sein mag, sich mit institutionenanalytischen Grundlagen und den gesellschaftlichen Funktionen von Religion zu befassen, so sehr vermisst der Leser an einigen Stellen in den ersten Kapiteln den konkreten Bezug zur Romanità. Dies wird umso problematischer, als Müller es sich vornimmt, dem eigentlichen historischen Teil der Arbeit eine grundlegende „soziologische Begriffsbestimmung des Religiösen“ (S. 27) voranzustellen. Das Lesen wird hierbei auch durch eine übermäßige Häufung großer Namen und Theorien erschwert. Zwar kommen Walter Benjamin, Maurice Halbwachs, Niklas Luhmann, Arnold Gehlen, Émile Durkheim und viele andere zu Wort, doch lenkt gerade dieser Anspruch auf geistesgeschichtliche Vollständigkeit von Müllers eigentlicher Forschung eher ab. Die Stärke der Arbeit liegt eindeutig in der Analyse verschiedener historischer Fallbeispiele. Im Mittelpunkt steht hierbei vor allem das Istituto di Studi Romani, das ab 1925 eng mit dem Regime verzahnt war und verschiedene wissenschaftliche Initiativen zur römischen Antike hervorbrachte. Mitarbeiter dieses Instituts organisierten auch die sog. „Mostra Augustea“, eine großangelegte propagandistische Ausstellung, in welcher Müller eine „Synthese von Katholizismus und Faschismus“ erkennt (S. 154). Eingehend beschreibt die Autorin einzelne Räume dieser Ausstellung, in denen die Organisatoren das Bild einer historischen Kontinuität von der Antike hin zu Mussolini herzustellen versuchten. Dies äußerte sich einerseits in glorifizierenden Beschreibungen von Roms imperialer Größe, andererseits aber auch in der expliziten Verwendung christlicher Symbolik in einzelnen Ausstellungsräumen, die insgesamt als eine Art „Gedächtnistempel“ konzipiert war (S. 151). Die Augustusausstellung versinnbildlichte den faschistischen Anspruch, eine alternative Moderne zu entwerfen. Das Regime präsentierte sich dabei aber widersprüchlicherweise sowohl im Sinn einer ungebrochenen Kontinuität jahrtausendealter Geschichte als auch als neuartige „Wiedergeburt“ eines vergessen und verschüttet geglaubten römischen Geists. Der Romanità-Kult erlaubte es dem Faschismus, die eigene Politik zu sakralisieren. Müller zeigt, wie sehr katholische Kreise an dieser Sakralisierung beteiligt, und wie eng politische und religiöse Vorstellungen im Romanità-Kult verflochten waren. Dabei wird jedoch deutlich, dass sich innerhalb dieses faschistisch-christlichen Ideenkomplexes politische Widersprüche ergaben. Insgesamt gelingt es der Autorin, ein differenziertes Bild italienischer Geschichtsdeutungen in der Zeit des Faschismus zu zeichnen. Trotz eines oft unnötig abstrakten und nicht immer flüssig zu lesenden Stils, regt dieses Buch zum Nachdenken an. Gerade die christlichen Ambivalenzen innerhalb des Romanità-Kults lassen den Leser hinterfragen, ob der Faschismus seine Kraft tatsächlich aus einem einheitlich-ideologischen Geschichtsbild oder ob er seine Anschlussfähigkeit nicht eher aus sehr verschiedenen und in sich widersprüchlichen Deutungsmöglichkeiten zog. Simon Unger-Alvi

Milena Farina/Luciano Villani, Borgate romane. Storia e forma urbana, Melfi (Casa editrice Libria) 2018 (Erstdruck 2017), 208 S., ISBN 978-88-6764-106-2, € 20.

Die römischen borgate, die u. a. im filmischen Schaffen Pasolinis eine nicht geringe Rolle spielen, werfen noch heute zahlreiche Fragen vor allem in einer sozialgeschichtlichen Perspektive auf, beispielsweise hinsichtlich der wirklichen Faktoren, die den Bevölkerungszustrom bestimmt haben, oder der Logik, die den Zuweisungen öffentlichen Wohnraums zugrundelag. Seit den 50er Jahren herrscht hingegen eine Sichtweise vor, die ihre Entstehung verabsolutierend an die urbanistischen Eingriffe des Faschismus im historischen Stadtzentrum bindet und darin den wesentlichen Grund für die räumlich-soziale Trennung der städtischen Bevölkerungsgruppen sieht. Ebensowenig geht der Blick darauf, dass sie gegenüber den heutigen gesichtslosen Peripherien noch eine räumliche und soziale Stadtidee vermitteln. Das Thema der historischen Peripherien bleibt damit immer noch aktuell und kann nicht nur anhand der bereits bekannten und verarbeiteten Quellen, sondern auch mit neuem, in jüngster Zeit verfügbar gewordenem Archivmaterial angegangen werden. Die offiziellen borgate entstanden im Zusammenhang mit der schrittweisen Aufhebung der Mietpreisbindung und dem Abriss der Barackensiedlungen in den 20er Jahren. Für die Siedlungen der ersten Generation, die in der ersten Hälfte der 30er Jahre federführend vom governatorato, der vom Regime eingesetzten Stadtregierung, errichtet wurden, griff man auf höchst hinfälliges Baumaterial zurück, so dass zuweilen soeben errichtete Wohnhäuser wieder abgerissen werden mussten bzw. unter Umständen sogar das Verbot erging, Blumenvasen auf die Fenstersimse zu stellen; auf jeden Fall bedurften die Gebäude von Anfang an beständiger Reparaturen. Die Unterkünfte bestanden mitunter nur aus einem einzigen Raum, während die sanitären Anlagen extern gemeinschaftlich genutzt wurden und die Bewohner auch ihre Küchen nach außen verlagerten. Das in der ersten Phase weitgehend zurückgedrängte Institut für den sozialen Wohnungsbau, der Istituto Fascista Autonomo per le Case Popolari, kehrte Mitte der 30er Jahre wieder als Akteur zurück, dessen Projekte bei aller konzeptionellen Einfachheit von den „gemauerten Baracken“ Abstand nahmen und für die Wohnungen einen Mindeststandard mit Küche, Toiletten und fließendem Wasser vorsahen. Die Siedlungen dieser zweiten Generation, die nun durchaus modernen architektonischen und hygienischen Prinzipien gehorchten, waren eher auf Dauer angelegt und haben sich in der Tat zum Teil gehalten. Einige von ihnen – so Luciano Villani, der bereits 2012 eine umfassende Studie zu den römischen borgate vorgelegt hatte („Le borgate del fascismo. Storia urbana, politica e sociale della periferia romana“) – vermochten bis in die Nachkriegszeit hinein eine identitätsstiftende Rolle zu spielen; namentlich erwähnt seien hier Primavalle im römischen Nordwesten und vor allem der westliche Trullo, der sowohl wegen der einheitlichen Herkunft der Bewohner (Heimkehrer von Arbeitsemigranten aus Frankreich) und der öffentlichen Gemeinschaftsräume ein nachhaltiges, heute noch spürbares Zugehörigkeitsgefühl geschaffen hat. Auf die Kompositionsprinzipien der zweiten Generation hebt dann Milena Farina in ihrem Beitrag ab. Orientiert hätten sie sich an den rationalistischen Modellen der europäischen Avantgarde, die Zusammenspiel von Luft, Raum und Licht größere Aufmerksamkeit widmeten, dabei aber gegen die offene Zeilenbauweise durchaus der Tradition mit ihren geschlossenen Elementen von Straßen, Plätzen und Innenhöfen verpflichtet geblieben seien. Anhand von zahlreichen Bauplänen zeichnet sie die Strukturen der verschiedenen borgate und ihre Entwicklung anschaulich nach. Der Bd., den ferner Fotos aus der Entstehungszeit bis heute bereichern, endet mit einer Kurzbeschreibung der Geschichte jeder einzelnen der insgesamt 19 borgate und bietet über die wissenschaftliche Stringenz hinaus für jeden Interessierten einen lebendigen Einblick in eine dynamische, sozial aufschlussreiche städtebauliche Realität.

Gerhard Kuck

Nils Fehlhaber, Netzwerke der „Achse Berlin-Rom“. Die Zusammenarbeit faschistischer und nationalsozialistischer Führungseliten 1933–1943, Köln-Weimar-Wien (Böhlau) 2019 (Italien in der Moderne 25), 343 S., Abb., ISBN 978-3-412-51393-1, € 45.

Nils Fehlhabers Monographie zu Netzwerken der „Achse Berlin-Rom“ diskutiert für die Zeit von 1933 bis 1945 den in der Forschung wenig berücksichtigten Aspekt der Belastbarkeit der deutsch-italienischen Diplomatie aufgrund direkter Kontakte der Führungseliten. Es sei fragwürdig, den Wert außenpolitischer Aktionen einzig in abgeschlossenen Verträgen und Abkommen zu messen. Vielmehr habe sich die „Achse“ durch den unverbindlichen Austausch auf persönlicher Ebene konstituiert. Italien- und Deutschlandreisen standen auf der Ebene der Unterführer, wie Fehlhaber die Regimeeliten missverständlich bezeichnet, hoch im Kurs. Die Berichterstattung der Presse sowie der Rapport bei Hitler und oder Mussolini generierten Prestige, das karrierefördernd wirkte. Die zumeist eigeninitiativ organisierten Reisen verifizierten laut Fehlhaber zudem das Polykratische beider Systeme, deren Eliten einen regelrechten Machtkampf um die deutsch-italienischen Beziehungen ausgetragen hätten. Diesen Profilierungsdrang artikulierten 193 zwischen 1933 und 1943 absolvierte Besuche, die letztlich auf die hypothetische Grundsatzentscheidung der beiden Führer für ein gemeinsames Bündnis zurückging, wie Fehlhaber im ersten Kapitel „Polykratie und Diplomatie“ konstatiert. Die zentrale These des Autors, regelmäßige Besuche auf metastaatlicher Ebene hätten einerseits den Kitt der „Achse“ gebildet und andererseits der individuellen Machtkonsolidierung im Inneren gedient, dekliniert er im zweiten Kapitel anhand von fünf Reise- bzw. „Fallstudien zur polykratischen Herrschaft“ durch: 1. Joseph Goebbels und Galeazzo Ciano bzw. Dino Alfieri und Alessandro Pavolini (Propaganda); 2. Joachim von Ribbentrop und Ciano (Antikominternpakt); 3. Renato Ricci und Baldur von Schirach (Jugend); 4. Franz von Papen (Planung von Hitlers erstem Italienbesuch); 5. Hans Frank (Rechtswesen). Alle Besuche wiesen die Gemeinsamkeit auf, an der Zuständigkeit der Außenministerien vorbei initiiert worden zu sein. Das Beispiel Ribbentrop stach diesbezüglich hervor, da er mit den Verhandlungen über Italiens Beitritt zum Antikominternpakt selbst erheblich von dieser Praxis profitiert hatte, aber als Außenminister seit 1938 darauf bestand, dass Auslandsreisen ohne Wenn und Aber der Genehmigung des Auswärtigen Amtes bedurften. Dieselbe Regelung existierte ab 1939 auch in Italien. Trotzdem nutzten die Führungseliten ihre Machtstrukturen und Netzwerke auch inoffiziell weiter. Im dritten Kapitel „Praxis und Erlebnis“ fragt der Autor, wie Kohärenz im direkten Kontakt und im gemeinsamen Erlebnis der Akteure hergestellt wurde. Fehlhaber arbeitet hier eine gezielt angewandte Formsprache neuen diplomatischen Typs heraus, zu der einerseits gut erforschte Gemeinsamkeiten faschistischer Ästhetik zählen, etwa Uniformen (statt Anzug und Frack), der römische Gruß, die Huldigung Kriegsgefallener etc. Andererseits beleuchtet er anhand der akribischen Rekonstruktion von Reiseabläufen ganz neue Aspekte dieses faschistischen Habitus. Hierzu zählt das Flugzeug als bevorzugtes Transportmittel, das ein dichtes und spontanes Besucherprogramm erlaubte, Dynamik symbolisierte und z. B. Italo Balbo oder Hermann Göring Inszenierungsmomente bot, wenn sie ihre Maschinen selbst flogen. Ebenfalls neu und die eigentliche Stärke der Arbeit ist die Herausarbeitung des Informellen der trotzdem effizienten Besuchsabläufe. Abseits starrer Protokolle sei privaten Gesprächen viel Raum geboten worden, etwa nach gemeinsamen Jagdausflügen, bei Kurzreisen, Familiendinners etc. Das vierte und letzte Kapitel prüft die Konsistenz der „Achse“ anhand „Diplomatische[r] Seitenkanäle in Krisen“. Die Diskrepanzen im deutsch-italienischen Bündnis hätten seit der Besetzung von Böhmen und Mähren stark zugenommen. Berlins bewusster Verzicht auf die Konsultationspflicht habe auf italienischer Seite empört. Die nur wenige Wochen später in Rom erfolgte Proklamation der Annexion Albaniens fiel hingegen mit einem Besuch Görings zusammen, der als Ehrengast zur entsprechenden Kabinettssitzung und danach zur öffentlichen Kundgebung mit Mussolini auf dem Balkon des Palazzo Venezia geladen war. Fehlhaber versteht dies als deutliches Zeichen für die Solidarität der „Achse“, deren Netzwerke für Ausgleich und sogar Stärkung sorgten, wie für dieses Beispiel der noch im gleichen Jahr unterzeichnete Stahlpakt gezeigt habe. Insgesamt überzeugt Fehlhabers Arbeit zur Kultur- und Diplomatiegeschichte der „Achse Berlin-Rom“ mit der Analyse kaum rezipierter Reisedokumente und dem Perspektivenwechsel auf bekannt geglaubte Bündnisstrukturen. Qualität büßt der Text lediglich aufgrund einer gewissen Redundanz bei Thesen (Rolle der Unterführer, diplomatische Seitenkanäle) und Schlüsselbegriffen (praxeologisch, perfomativ, Dynamik, Polykratie etc.) ein.René Moehrle

Sanela Schmid, Deutsche und italienische Besatzung im unabhängigen Staat Kroatien. 1941 bis 1943/45, Berlin-Boston (De Gruyter Oldenbourg) 2020, XI, 437 S., ISBN 978-3-11-062031-3, € 79,95.

Ulrich von Hassel betonte bereits im Januar 1941 in einem wirtschaftspolitischen Gutachten, dass sich das Gebiet Jugoslawien im Falle einer Besatzung nicht gut zwischen Italien und Deutschland aufteilen lassen würde. Wenn überhaupt, dürfe dies allenfalls zum Schein geschehen, „die äußere Parität [müsse] durch das tatsächliche deutsche Übergewicht ungefährlich gemacht werden“. Aus politisch-propagandistischen Gründen bemühten sich die Deutschen kurz darauf während des Balkanfeldzugs, enge militärische Kooperation mit dem Achsenpartner zu demonstrieren. Doch in Wirklichkeit befand sich das Bündnis längst in einer Schieflage; die Italiener sahen sich zunehmend in die Rolle eines Juniorpartners gedrängt. Auf Einrichtung, Etablierung und Bestand des Unabhängigen Staates Kroatien sollte dies nach der „Zerschlagung“ Jugoslawiens Auswirkungen haben, immerhin handelte es sich um ein gemeinsames Besatzungsgebiet. Vor diesem Hintergrund ist es zu begrüßen, dass Sanela Schmid in der vorliegenden Studie die Besatzung Kroatiens in vergleichender und verflechtungsgeschichtlicher Perspektive untersucht und sich nicht – wie ein Großteil der Forschung – auf eine der Achsenmächte allein beschränkt. Als Grundlage dienen ihr Quellenbestände aus deutschen, italienischen, kroatischen und serbischen Archiven; erklärtes Ziel ist es zudem, die Ergebnisse der nationalen Historiographien, die bisher kaum miteinander in Kontakt standen, zusammenzuführen. Das Eingangskapitel, in dem Visionen und Zukunftspläne der Zwischenkriegszeit skizziert werden, befestigt sozusagen den roten Faden der Studie, nämlich die unterschiedlichen Zielsetzungen und Handlungsmuster der Besatzer: Während die Deutschen das Gebiet nicht als zukünftigen Lebensraum betrachteten, sondern vornehmlich an seiner wirtschaftlichen Nutzung interessiert waren, zielten die Italiener langfristig darauf ab, Kroatien als spazio vitale in das künftige Imperium einzubinden. Um das Empire-Building der Faschisten verständlich zu machen, erläutert Schmid in diesem Kontext ausführlich den Mythos der Romanità, der als ideologisches Unterfutter der mare nostrum-Politik diente. Im Anschluss daran werden die Gründung des Unabhängigen Staates Kroatien geschildert, die Position der Ustascha sowie die Widerstandsbewegungen nationalserbischer Tschetniks und kommunistischer Partisanen; in gewissem Sinne wird der Untersuchungsrahmen abgesteckt, indem der neue, vorgeblich souveräne Staat und seine Akteure vorgestellt werden. Im Zentrum des Hauptteils stehen dann zunächst die Beziehungen der Achsenmächte zur Ustascha-Regierung, zur kroatischen Bevölkerung sowie zu den vor Ort lebenden Minderheiten – wobei stets auch das deutsch-italienische Konkurrenzverhältnis hinterfragt wird. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass gewisse Punkte in der Studie nicht thematisiert werden: So findet Aimone di Savoia-Aosta, der als künftiger König von Kroatien die enge Anbindung des Gebiets an Italien symbolisieren sollte, lediglich in einem Satz des Schlussworts Erwähnung, ohne dass auch nur sein Name genannt würde. Dabei hätte an seinem Beispiel herausgestellt werden können, wie geschickt Regierungschef Ante Pavelić bisweilen zwischen den Achsenpartnern zu lavieren wusste. Hinzu kommt, dass der italienische Herzog es explizit ablehnte, Kroatien zu betreten, weil der deutsche Einfluss vor Ort zu stark sei. In den Berichten seines Stabs, die Gian Nicola Amoretti 1979 veröffentlicht hat, wird mehrfach auf eine deutsche Unterwanderung Kroatiens hingewiesen. Auch dieser Punkt findet in Schmids Studie praktisch keine Beachtung; dabei existieren im Archivio storico del Ministero degli Affari Esteri zahlreiche Dokumente, in denen Vertreter der faschistischen Partei oder der Gesandtschaft über eine deutsche Infiltration Kroatiens berichten. Wenig Zahlen weisen die Abschnitte über die Wirtschaftsbeziehungen auf. Ergebnisse aus der Sekundärliteratur wie etwa von Holm Sundhaussen werden zudem irreführend zusammengefasst – zum Beispiel in dem Satz: „Wie eng die wirtschaftliche Bindung an das Deutsche Reich war, zeigen auch kroatische Ein- und Ausfuhren: Während sie 1941 72 Prozent betrugen, kletterten sie bis 1944 auf 97 Prozent.“ (S. 112) Hier werden nicht nur die Zahlen von Import und Export miteinander vermengt; Schmid unterschlägt zudem, dass Sundhaussen in der zitierten Tabelle lediglich den Warenverkehr berücksichtigt, der über das Clearing-Verfahren abgewickelt wurde. Ergiebig ist hingegen das Kapitel über die unterschiedlichen Propagandastrategien, mit denen die Besatzer die einheimische Bevölkerung für sich und die eigene Ideologie zu gewinnen suchten. Zu dieser Thematik gibt es bezüglich Kroatien keine Vorarbeiten, was zur Folge hat, dass Schmid nur aus Archivmaterialien arbeitet und gänzlich Neues zutage befördert. Das Panorama ihrer Ausführungen reicht dabei von einer Kinderzeitung der Italiener bis zur Überläuferpropaganda der Deutschen, die Passierscheine enthielt, um Partisanen den Seitenwechsel zu erleichtern. Die daran anschließenden Kapitel zur missglückten Befriedung des Gebiets liefern detaillierte Informationen zur Bekämpfung von Aufständen, zum Partisanenkrieg und zur Repressionspolitik der Achsenmächte. Die Vf. konzentriert sich dabei im ersten Schritt auf die potentiellen Bündnispartner vor Ort und die unterschiedlichen Kooperationsformen, welche Nationalsozialisten und Faschisten mit der Ustascha, den Tschetniks, der muslimischen Bevölkerung oder den Volksdeutschen eingingen. Im zweiten Schritt stehen dann konkret die Aufständischenbekämpfung und deren Folgen im Fokus; das heißt, die Spirale der Gewalt, die sich aus dem nicht enden wollenden Guerillakrieg ergab, die Zermürbung und Demoralisierung von Italienern wie Deutschen sowie deren repressive Maßnahmen. Das ursprüngliche Manuskript der Studie wurde zwar bereits 2011 als Diss. an der Universität Bern eingereicht; an zahlreichen Stellen wird aber deutlich, dass die Vf. zwischenzeitlich erschienene Forschungsergebnisse wie etwa die von Alexander Korb oder Karlo Ruzicic-Kessler eingearbeitet hat. Durch die umfangreiche Archivarbeit und den Zugriff auf Sekundärliteratur, die aufgrund sprachlicher Probleme im deutsch- und englischsprachigen Raum kaum Berücksichtigung findet, leistet die Vf. einen wichtigen Beitrag, von dem künftige Studien profitieren werden. Dass es Schmid nicht gelingt, einen Schlusspunkt unter die Erforschung der deutschen und italienischen Besatzungspolitik in Kroatien zu setzen, liegt daran, dass sie manche gewichtige Frage ausklammert oder nur beiläufig behandelt. Malte König

Giulio Milani, I naufraghi del Don. Gli italiani sul fronte russo 1942–1943, Roma-Bari (Laterza) 2019 (Economica Laterza 882), VII, 338 S., ISBN 978-88-581-3491-7, € 13.

Es gibt eine Reihe von Schlachten, die in der Militärgeschichte Italiens einen herausragenden Platz einnehmen – und das für die italienische Militärkultur prägende Narrativ der tragisch-heroischen Niederlage begründet haben: Custozza 1866, Adua 1896, Caporetto 1917, El Alamein 1942 und die sogenannte zweite Verteidigungsschlacht am Don im Winter 1942/1943. Wenn das Stichwort la ritirata fällt, sind nähere Erläuterungen zumeist überflüssig, denn es ist vor allem ein Rückzug, der sich so tief in das kollektive Gedächtnis der Nation eingebrannt hat, dass er sogar Eingang in den Olymp der italienischen Erinnerungsorte gefunden hat: der Rückzug der zehn italienischen Infanterie- und Alpinidivisionen im Zuge der groß angelegten Gegenoffensiven der Roten Armee auf dem Südflügel der Ostfront, die nicht nur mit der Vernichtung der 6. deutschen Armee im Kessel von Stalingrad, sondern auch mit der Zerschlagung der 8. italienischen Armee am Don endeten. Die Bilder und Assoziationen, die das Stichwort la ritirata fast reflexhaft auslöst, sind bekannt: schier unendliche Kolonnen geschlagener, zerlumpter und oft waffenloser Soldaten inmitten einer eisigen Schneewüste, scheinbar gestrandete Schiffbrüchige auf dem schmalen Grat zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Leben und Tod. Der Titel, den Giulio Milani seinem Buch gegeben hat, ist also geradezu emblematisch, und es bedürfte kaum des Untertitels, um zu erläutern, dass es sich um eine Geschichte der italienischen Armee an der Ostfront zwischen Sommer 1942 und Frühjahr 1943 handelt. Die Literatur zu diesem Thema ist nur schwer zu überschauen, aber bis heute überwiegen Selbstzeugnisse, also Briefe, Erinnerungen, Autobiographien oder Tagebücher. Die Deutungsmuster, die Veteranen wie Giovanni Messe, Nuto Revelli, Mario Rigoni Stern oder Giusto Tolly schon früh etabliert haben, boten lange Zeit einen sinnstiftenden Ersatz für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Mussolinis Krieg gegen die Sowjetunion. Auch als die Historiographie die „Campagna di Russia“ vergleichsweise spät als Forschungsfeld entdeckte, blieben die Erzählungen der reduci für die Fragestellungen und Interpretationen der Historiker konstitutiv, und es dauerte bis in die 1990er Jahre, um kritische Sichtweisen auf kanonische Erzählstrukturen zum Tragen zu bringen. Giulio Milanis Buch reflektiert diese Entwicklung; es nimmt die über Jahrzehnte dominante Memorialistik auf, behandelt aber auch Aspekte, die erst in jüngerer Zeit Beachtung gefunden haben. Eine konsistente Darstellung, das sei hier schon vorausgeschickt, entsteht so nicht, zumal der Autor die Widersprüche, die sich aus der Konfrontation seiner Quellen mit den Ergebnissen der neueren Forschung ergeben, nicht zu einer produktiven Analyse nutzt. Milani zeichnet den „Krieg des kleinen Mannes“ nach – die Erlebnisse und Erfahrungen einfacher Soldaten und subalterner Offiziere. Zu diesem Zweck verfolgt er die Spuren von 14 ehemaligen Soldaten – 13 italienische und ein deutscher –, deren schriftliche und vor allem mündliche Selbstzeugnisse die Matrix des Buches bilden. Wie bei vielen Publikationen über die Geschichte von Kampf und Ende der italienischen Divisionen an der Ostfront fällt ein Übergewicht der Alpini auf, aber es finden sich auch Kraftfahrer, Angehörige des medizinischen Personals, Seelsorger oder Piloten, deren Erfahrungsräume und Erlebnishorizonte sich erheblich von den an der Front eingesetzten Alpini unterschieden. In dem Kaleidoskop, das so entsteht, sind die Geschichten besonders farbig, die in der Etappe spielen, über die man nach wie vor zu wenig weiß. Hier zeigen sich auch die bereits angesprochenen Widersprüche, die Milani nicht aufzulösen versucht. Einerseits erscheinen die italienischen Soldaten als gleichsam wenig beteiligte Randfiguren des Vernichtungskriegs, andererseits schildert Milani sexuelle Ausbeutung, die Ausplünderung der Zivilbevölkerung und gewalttätige Akte der Besatzungsherrschaft. Allerdings gelingt es dem Leser kaum, diese Episoden weiter zu verfolgen, da der Vf. konsequent auf einen Anmerkungsapparat verzichtet hat. Für wissenschaftliche Zwecke ist Giulio Milanis Buch, dem der Autor eine analytisch-chronologische Doppelstruktur zu geben versucht, daher nur eingeschränkt brauchbar. Nicht immer stimmige Ausführungen über die politisch-militärische Lage, die Situation in der besetzten Sowjetunion, die Beziehungen zwischen Italienern und Deutschen oder über die Bewaffnung der verschiedenen Armeen verbindet er mit der Erfahrungsgeschichte seiner Protagonisten von der Verlegung an die Front im Sommer 1942 über Kämpfe gegen die Rote Armee bis hin zu Rückzug und Gefangenschaft. Das letzte Kapitel ist den Kontroversen um die „Campagna di Russia“ nach Kriegsende, um Erinnerung und die Erinnerungskultur gewidmet. Der Hang zum Viktimismus ist dabei nicht zu übersehen, zumal der Schlussabschnitt unter der irreführenden Überschrift steht „Le vittime di Leopoli come i martiri di Cefalonia?“ Alles in allem ist das Glas eher halb leer als halb voll. Im Großen hält sich der Erkenntnisfortschritt in Grenzen, im Kleinen bleiben Leserinnen und Leser allzu oft auf sich allein gestellt. Thomas Schlemmer

John Foot, The Archipelago. Italy Since 1945, London (Bloomsbury) 2018, XIII, 480 pp., ill., ISBN 978-1-4088-2724-6, GBP 25.

Questa storia d’Italia dal 1945 a oggi va ad ampliare l’ormai piuttosto nutrito corpus di sintesi sull’Italia repubblicana di cui disponiamo. Essa può inserirsi, in particolare, nella serie di opere, recentemente uscite a cavallo del settantesimo anniversario del referendum istituzionale del 2 giugno 1946, che coprono l’intera parabola storica della Repubblica dalle origini ai giorni nostri. A differenza dei lavori di Agostino Giovagnoli („La Repubblica degli italiani. 1946–2016“, Bari-Roma 2016), Paolo Soddu („La via italiana alla democrazia. Storia della Repubblica, 1946–2013“, Bari-Roma 2017), Guido Crainz („Storia della Repubblica. L’Italia dalla Liberazione ad oggi“, Roma 2016) e Piero Craveri („L’arte del non governo. L’inarrestabile declino della Repubblica italiana“, Venezia 2016), in questo caso si tratta però dell’opera di uno storico d’oltremanica, pubblicata in inglese e almeno per ora (settembre 2019) non tradotta in italiano. La dimensione tradizionale della storia politica non vi ha, inoltre, il rilievo dominante che contraddistingue i lavori di Giovagnoli, Craveri e Soddu. John Foot è uno studioso che conosce bene l’Italia: sia per esperienza diretta, avendo vissuto per un ventennio a Milano; sia in relazione alla sua attività di ricerca, come testimoniano i suoi precedenti lavori dedicati alle trasformazioni del capoluogo lombardo dagli anni del boom al Duemila („Milano dopo il miracolo. Biografia di una città“, Milano 2003), all’impatto della televisione sulla città („Television and the City: The Impact of Television in Milan, 1954–1960“, in: Contemporary European History 8,3 [1999]), alla storia degli sport più popolari („Calcio. 1898–2007. Storia dello sport che ha fatto l’Italia“, Milano 2007; „Pedalare! La grande avventura del ciclismo italiano“, Milano 2011), alle memorie divise del Belpaese („Fratture d’Italia“, Milano 2009), alle battaglie di Franco Basaglia per la riforma psichiatrica e la chiusura dei manicomi („La ,Repubblica dei matti‘. Franco Basaglia e la psichiatria radicale in Italia, 1961–1978“, Milano 2014). „The Archipelago“ riflette chiaramente, nell’impostazione generale e nei contenuti, tanto la destinazione a un pubblico globale di lettori, quanto gli interessi di ricerca dell’autore. L’immagine evocata dal titolo rimanda a una trattazione che procede per brevi paragrafi, ciascuno dedicato a una questione specifica, un evento significativo, uno snodo rilevante, una vicenda giudiziaria densa di implicazioni, un personaggio chiave o un luogo topico della storia d’Italia dal dopoguerra a oggi. Una soluzione, questa, che probabilmente agevola la lettura per un’ampia readership, pur determinando una certa frammentarietà dell’esposizione: più che a un grande mosaico, a tratti si ha l’impressione di trovarsi di fronte a una sequenza di schede. Accanto alle vicende politiche, alle dinamiche economiche, ai processi di cambiamento sociale e alle trasformazioni territoriali, nel volume trovano largo spazio gli avvenimenti e i personaggi dello sport, la televisione e gli altri media, le rappresentazioni letterarie e cinematografiche, le canzoni dei cantautori e del Festival di Sanremo, nonché le divisioni e i conflitti sulla memoria. Alcune scelte relative alla selezione e organizzazione dei contenuti appaiono decisamente originali e potrebbero anche destare sorpresa in chi predilige approcci più tradizionali. Ben quattro pagine, ad esempio, sono dedicate alla drammatica vicenda di Alfredino Rampi, il bambino precipitato in un pozzo a Vermicino, nei pressi di Roma, nel giugno 1981, la cui lunga diretta televisiva segnò un punto di svolta per la spettacolarizzazione di tragici eventi di cronaca. All’interno del capitolo sugli anni Novanta, poi, un intero paragrafo è dedicato al settimanale satirico „Cuore“ e a programmi televisivi come „Blob“ e „Avanzi“. Nello stesso capitolo, infine, la sequenza dei paragrafi porta a passare dai processi a Erich Priebke per la strage delle Fosse Ardeatine alle imprese sulle due ruote del „pirata“ Marco Pantani per arrivare alle vicende politiche con le contese elettorali tra Prodi e Berlusconi. Nel complesso, si tratta di un libro senz’altro brillante e di piacevole lettura che offre spunti interessanti su diversi aspetti della storia dell’Italia repubblicana. Per quanto possa essere destinato a un pubblico globale di lettori, una quota dei quali possiamo immaginare non particolarmente ferrata in materia, risalta però una certa tendenza alla generalizzazione che rischia talvolta di scivolare verso il semplicismo. Si vedano, per fare un solo esempio, le conclusioni, dove l’autore, tracciando un bilancio delle straordinarie trasformazioni vissute dall’Italia nell’arco di tempo preso in esame, chiosa: „Transformations of this dramatic importance have not been managed by Italy’s political class, who preferred to enrich themselves, holding onto power for as long as they possibly could“ (p. 411).Bruno Bonomo

Giuseppe Vacca, L’Italia contesa. Comunisti e democristiani nel lungo dopoguerra (1943–1978), Venezia (Marsilio) 2018, 346 S., ISBN 978-88-317-1450-1, € 19.

In seiner Studie vertritt Giuseppe Vacca die These, dass die italienische Politik seit den 1990er Jahren in einem Niedergang begriffen sei, der nur aufgehalten werden könne, wenn die politischen Führungsschichten sich mit der „langen Nachkriegszeit“ (1943–1978) auseinandersetzten. Denn auf diesem Wege könnte die „zweite Republik“ eine „politische Kultur“ entfalten, welche die inneren Spaltungen der politischen Klasse und der Parteienlandschaft überwände. So richtet sich der Blick des Historikers und (lange Jahre auch) Politikers Vacca auf die Geschichte jener großen Massenparteien und politischen Kulturen, die sich in der bipolaren Welt der ersten drei Nachkriegsjahrzehnte in Italien entwickelt und die Politik dominiert hätten. Im Zentrum des Bd. stehen die kommunistische und die christdemokratische Partei, die zwar unterschiedliche Trägerschichten aufgewiesen und sich an verschiedenartigen internationalen Referenzmodellen (UdSSR, USA) orientiert, aber das politische System Italiens mittels eines spannungsreichen Zusammenspiels integriert hätten. In den sechs Kapiteln des Buches stehen allerdings vor allem die Kommunisten und deren Beziehungen zur Democrazia cristiana im Fokus. Dabei bietet das Buch eine klassische politische Geschichte der Parteien und Ideologien. Das besondere Augenmerk gilt den Spitzenpolitikern der beiden Parteien, die als entscheidende Akteure die Geschicke der Nation lenkten. Auch wenn sich Vacca teilweise auf ältere Publikationen und Vorträge stützt, handelt es sich bei dem Werk keineswegs um eine Aufsatzsammlung im engeren Sinne, da sich die Kapitel zu einer kohärenten Erzählung zusammenfügen, die mit der Rolle von Palmiro Togliatti und dem Kurs der „progressiven Demokratie“ am Ende des Zweiten Weltkriegs einsetzt. Ein weiteres Kapitel zeichnet nach, wie im Partito Communista Italiano nach 1945 die Ideen von Antonio Gramsci in eine vorherrschende „Tradition“ umgeformt und zum Ausgangspunkt eines italienischen Wegs zum Sozialismus gemacht wurden. In einem weiteren Kapitel, das sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit den historiographischen Debatten auszeichnet, werden die Beziehungen der kommunistischen Führer von Togliatti bis Berlinguer zur Democrazia cristiana und ihre allmähliche politische Öffnung für die Frage der „historischen Komplimentarität“ (S. 203) des PCI und der DC in der parlamentarischen Demokratie nachgezeichnet. Darüber hinaus beleuchtet Vacca die letztlich gescheiterten Reformbestrebungen des Mitte-Linksbündnisses der 1960er Jahre. Im abschließenden Kapitel des Buches wird die Annäherung des PCI an die Democrazia cristiana in den 1970er Jahren untersucht. Überzeugend arbeitet Vacca heraus, dass der Eurokommunismus in gewisser Weise das internationale Komplement des „historischen Kompromisses“ in der nationalen, italienischen Politik darstellte. Die Idee, die Kommunisten müssten eine von Moskau möglichst unabhängige Strategie für das kapitalistische und parlamentarische Westeuropa entwickeln, verband sich nach Vacca mit dem Streben, in Italien ein auf innere Reformen zielendes Bündnis mit den Christdemokraten zu etablieren. Auch wenn dieses Vorhaben mit der Entführung und Ermordung von Aldo Moro endgültig scheiterte, verweise es auf eine spezifische, von Kommunisten und Christdemokraten getragene politische Kultur im Italien der bipolaren Welt der „langen Nachkriegszeit“. Das Ende des Kalten Kriegs habe schließlich einen tiefen Einschnitt bedeutet und den endgültigen Niedergang der „Republik der Parteien“ besiegelt. Der Bd. von Vacca, so lässt sich resümieren, stellt eine lohnende Lektüre dar, weil in ihn jahrzehntelange Erfahrungen des politischen Beobachters einfließen und sich in der Erzählung mit einer von Gramsci inspirierten Analyse der italienischen Politik verbinden.Thomas Kroll

Gianluca Fiocco, Togliatti, il realismo della politica. Una biografia, Roma (Carocci) 2018 (Frecce/Carocci 262), 478 S., ISBN 978-88-430-9300-7, € 39.

In einer Rezension zum Bd. „Palmiro Togliatti e il comunismo del Novecento“, a cura di Alexander Höbel e Salvatore Tinè (Roma 2016), die in QFIAB 97 (2017) erschien, wurde die Frage aufgeworfen, ob die Tendenz der italienischen Kommunismusforschung tatsächlich „verso un giudizio equanime“ über die Figur des Generalsekretärs der Italienischen Kommunistischen Partei (PCI) gehe, und ob in den nächsten Jahren noch Studien über Togliatti erscheinen würden. Kaum ein Jahr später publizierte der römische Historiker Gianluca Fiocco eine neue Biographie Togliattis. Der italienische Chef der Kommunisten, dem bereits 1996 eine Biographie gewidmet worden war, stand seit dem Ende seiner Partei Anfang der 1990er bis Mitte der 2000er Jahre im Mittelpunkt einer virulenten öffentlichen und historiographischen Debatte, die vor allem das Verhältnis zwischen Togliatti und Stalin bzw. der Sowjetunion im Fokus hatte (Siehe: „Togliatti nel suo tempo“, a cura di Carlo Spagnolo, Roberto Gualtieri e Ermanno Taviani, Roma 2007). Fioccos Bd. bestätigt vor allem zwei Fakten, die bereits zur Zeit der Ausstellung über Togliatti anläßlich seines 50. Todestages 2014 klar waren. Erstens: Palmiro Togliatti wird immer noch ein hohes Interesse zuteil, nicht nur unter Historikerinnen und Historikern, sondern auch von einem erweiterten Publikum. Zweitens: Eine Debatte über seine Figur wird nicht mehr geführt. Es handelt sich hier keinesfalls um einen Widerspruch, denn das Interesse für Togliatti ist vor allem unter denjenigen Historikerinnen und Historikern immer noch hoch, die während der großen „Togliatti-Kontroverse“ dem Istituto Gramsci (also dem Kulturzentrum der ehemaligen Italienischen Kommunistischen Partei) nahestanden. Wenig hingegen wurde in den letzten 10 Jahren von Historikerinnen und Historikern publiziert, die negative Urteile über Togliatti und den PCI geäußert hatten. Ist das ein Zeichen dafür, dass eine Seite die Kontroverse „gewonnen“ hat und nun eine pax togliattana herrscht? Eher scheint es, wie der Autor des beschriebenen Bd. bekennt (S. 17) und es auch der Inhalt des Bd. von Höbel und Tinè bewiesen hat, dass das aktuelle Klima „più caratterizzato da toni pacati“ und „più propizio a una valutazione più equilibrata della sua figura“ ist. Fioccos Bd. ist tatsächlich von einem solchen Register gekennzeichnet: Die Plädoyers für ein „giudizio equanime“ und generell für mehr Besonnenheit im Umgang mit Togliatti von u. a. Aldo Agosti, dem Autor der Biographie von 1996, schlagen sich in Fioccos nuancierter Darstellung nieder. Die Biographie beschreibt Togliattis politisches Leben von seinen Universitätsjahren in Turin und seiner frühen Zusammenarbeit mit Antonio Gramsci in der Redaktion von „L’Ordine Nuovo“, der Zeitschrift, die später zu einem Kern der Kommunistischen Partei Italiens werden sollte, bis zu seinem Tod auf der Krim 1964. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf den Jahren nach 1944. Die Aktivität Togliattis als politischer Figur der italienischen Nachkriegszeit wird hier vor allem betont. Seine Tätigkeit als „romantischer Pionier der Weltrevolution“ (S. 105) oder als führender Funktionär der Kommunistischen Internationale tritt eher in den Hintergrund. Besonderes Augenmerk wird auf einige Wendepunkte in Togliattis Leben gelegt, wie z. B. die Gründung der Partei, die „svolta di Salerno“, die Ablehnung, den Kominform zu führen (1951) oder das Jahr 1956 und die Entstalinisierung. Ein weiteres zentrales Thema ist Togliattis Verhältnis zu Gramsci und zu dessen politischer Theorie, sowie Gramscis tiefgehender Einfluss auf Togliattis politische Praxis. Im Zentrum jener Praxis stand, laut Fiocco, der politische Realismus als Leitfaden. Im Licht dieser Kategorie werden die Entscheidungen Togliattis analysiert, jedoch nicht gerechtfertigt. Das gilt vor allem für die umstrittenen, also etwa die Mitschuld am Stalinismus, die Sozialfaschismustheorie oder die Unterstützung der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands 1956. Dennoch werden ebenfalls die Zweifel und die Bedenken eines Menschen dargestellt, der nicht immer die Meinung der anderen Anführer des Weltkommunismus teilte, aber diesen immer folgte (exemplarisch S. 107). Fioccos Biographie fasst die Resultate der italienischen Kommunismusforschung der letzten Jahre zusammen. Am Togliatti-Bild ändert sich im Vergleich zu Agostis Biographie und weiteren Studien, die Togliatti zum Thema haben (z. B. Giuseppe Vacca, „L’Italia contesa“, Venezia 2018), nicht viel, dennoch ist sie facettenreich und nuanciert. Als Konstante ist vor allem das Bild eines Politikers festzuhalten, der in verschiedenen politischen Zeitabschnitten immer konsequent blieb, der zwar in der politischen Praxis flexibel war, nie jedoch von seinen Leitprinzipien abwich.Francesco Leone

Regina Heyder/Gisela Muschiol (Hg.), Katholikinnen und das Zweite Vatikanische Konzil. Petitionen, Berichte, Fotografien, Münster (Aschendorff) 2018, 698 S., ISBN 978-3-402-13138-1, € 29,80.

Ab der vierten Sitzungsperiode 1965 nahmen ganz offiziell 23 Frauen als „Auditorinnen“ am Zweiten Vatikanischen Konzil teil. Diesen standen etwa 2500 Konzilsväter und über 450 Theologen (Periti) gegenüber. Also ein Frauenanteil von knapp 0,8 %. Und darüber ein ganzes Buch? Regina Hedyer, Gisela Muschiol, Michaela Sohn-Kronthaler und Elias H. Füllenbach haben akribisch die Spuren verfolgt, die Katholikinnen auf dem Konzil hinterließen. Sie zeigen, wie Frauen sich gebeten oder ungebeten durch Eingaben, Kritiken, Korrespondenzen, Beratungen und die Einrichtung von Kommunikationsorten aktiv eingemischt haben. Bis dato spielten Katholikinnen, gleichwie Laien, nur eine Statistenrolle in der deutschsprachigen Konzilsgeschichtsschreibung. Nach einer klugen thematischen Einführung ist die vorliegende Edition von 196 Dokumenten in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil werden Konzilseingaben von Frauenverbänden, Ordensgemeinschaften und einzelnen Frauen wiedergegeben, die ab 1960 verfasst wurden. Sie geben einen Einblick in den Katholizismus der Zeit und spiegeln die Erwartungen an das Konzil wider. Die Bearbeitenden haben „wegen der besonderen Bedeutung dieser Texte für die Katholizismusgeschichte und die historische wie theologische Geschlechterforschung“ (S. 41) alle ermittelten Konzilseingaben von deutschsprachigen Frauenverbänden in das Werk aufgenommen. Auch Einzeleingaben, wie die der Diplomtheologin Josefa Theresia Münch (Dok. Nr. 57–72) aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart, sind abgedruckt. Von Ordensseite aus machte das Benediktinerinnenkloster Eibingen auf sich aufmerksam, welches u. a. eine einheitliche Gemeinschaft aus Chorfrauen und Laienschwestern vorschlug (Dok. Nr. 96). Das zweite Kapitel liefert Berichte vom Konzil aus römischer Perspektive, so z. B. die Briefe, die Sr. Juliana Thomas, die 1964 zur Laienauditorin berufen worden war, an ihre Ordensgemeinschaft, die Armen Dienstmägde Jesu Christi, schrieb. Hinzu kommen Korrespondenzen der zweiten deutschen Laienauditorin Dr. Gertrud Ehrle, Berichte der engagierten Romreisenden Marianne Dirks sowie der Konzilsmitarbeiterin Dr. Alberta Lücker. Dazu Briefe der Grauen Schwestern von der heiligen Elisabeth, deren Konvent das „Gasthaus“ für zahlreiche Konzilsteilnehmer und -teilnehmerinnen war. Der dritte Teil widmet sich exemplarisch der Konzilsrezeption, die in den Ortskirchen unterschiedlich voranschritt. Hier geht es um Lektorinnen, Kommunionhelferinnen, die Liturgiereform, das Diakonat der Frau und Reaktionen auf die Enzyklika Humanae vitae. „Die Konzilsrezeption durch Laien bleibt ein lohnendes Feld künftiger Forschungen.“ (S. 42) Die Edition der fast ausschließlich archivischen Quellen aus über zwanzig öffentlichen und privaten Archiven erfolgte nach einheitlicher Gestaltung. Die Texte sind meist vollständig wiedergegeben und nur gekürzt – alle Kürzungen sind gekennzeichnet –, wo kein unmittelbarer Bezug zum Thema bestand oder Persönlichkeitsrechte berührt wurden. Die Basisangaben werden in einem Kopfregest genannt. Orthografie und Interpunktion wurden modernisiert. Lateinische Texte wurden in den Anmerkungen übersetzt. Das Besondere dieser Edition sind jedoch die jeder Quelle bzw. Quellengruppe vorangestellten Kommentare, die eine präzise Kontextualisierung vornehmen und so eine neue Sicht auf das Konzilsgeschehen bieten. Der Abbildungsteil zeigt die Akteurinnen beim Konzil und ihre Wohnstätte. Leider sind die Farb- und s/w-Abb. drucktechnisch nicht auf der Höhe der Zeit. Mit der vorliegenden Edition ist ein Forschungsdesiderat gründlich aufgearbeitet. Protagonistinnen aus der vermeintlich zweiten Reihe der Laien aus dem deutschsprachigen Katholizismus kommen hier zu Wort. Die im Buch eingangs zitierte sog. „klassische Konziliengeschichtsschreibung“ erhält eine wertvolle genderperspektivische Ergänzung. Ein abschließendes Personen- und Sachregister wird der Benutzung dieses sorgfältig erarbeiteten Bd. förderlich sein.Gisela Fleckenstein

Laura Di Fabio, Due democrazie, una sorveglianza comune. Italia e Repubblica Federale Tedesca nella lotta al terrorismo interno e internazionale (1967–1986), Milano (Mondadori) 2018 (Quaderni di storia), XII, 223 pp., ISBN 978-88-00-74765-3, € 17.

Molto rimane da indagare della storia del terrorismo in Italia. Ancora più apparentemente impenetrabile è l’evoluzione dei dispositivi di sorveglianza e repressione predisposti dallo stato per contrastare le attività terroristiche. La ragione di tale ritardo non va ricercata soltanto nella lentezza, quando non nella ritrosia, con cui le istituzioni aprono alla consultazione le fonti primarie: non è un mistero che molte reticenze e un alto grado di politicizzazione del tema continuino a impedire un franco dibattito pubblico. Il lavoro di Laura Di Fabio, lontano dall’impossibile pretesa di esaurire il tema, rappresenta ben più di un semplice tentativo di affrontarlo con il rigore e la serietà necessari. A supportarla è un approccio metodologico che, si spera, sarà tenuto in considerazione in futuro da chi si dedicherà a imprese simili. Il libro poggia innanzitutto su solide basi teoriche, costruite nella ricerca di definizioni operative di termini quali terrorismo, repressione, sorveglianza, criminalità. L’obiettivo, largamente raggiunto, è sottrarsi a un approccio puramente evenemenziale e fenomenico: che qui a prevalere siano soprattutto le elaborazioni concettuali di Michel Foucault non rappresenta un limite, sia perché questo pone il lavoro in dialogo con ampia parte della storiografia internazionale che ha fatto altrettanto, sia perché costituisce un’esortazione a chi voglia invece prendere le mosse da un diverso approccio per poi confrontarne i risultati. Il secondo elemento, imprescindibile per ogni serio lavoro storiografico, è la contestualizzazione storica dei processi ricostruiti: i quali, vale la pena ribadire un’ovvietà, erano un aspetto dell’evoluzione impetuosa, confusa e contraddittoria che ha interessato il paese nei decenni in questione. Infine, l’approccio comparativo tra due contesti nazionali (italiano e tedesco occidentale) sembra particolarmente adatto a liberare la narrazione degli eventi italiani dal giudizio a priori di un loro preteso „eccezionalismo“, che in passato ha tanto condizionato il lavoro storiografico: il risultato non è l’annullamento delle specificità che certamente caratterizzarono le dinamiche nostrane, ma la loro ragionata sottolineatura a fronte di un contesto internazionale da cui certamente non erano avulse. L’introduzione e il primo dei quattro capitoli sono dedicati a chiarire i parametri fondamentali del problema: cosa le istituzioni democratiche possano e debbano definire „terrorismo“ e quali attività per il suo contrasto siano legittime e opportune senza recare danno ai diritti e alle libertà fondamentali dei cittadini. Il tema è talmente cruciale da arrivare immutato all’esperienza dei nostri giorni, e particolarmente adatto a sviscerare le contraddizioni e i problemi dei due casi in esame. La Repubblica Italiana e quella Federale Tedesca nascevano entrambe dalle ceneri di regimi totalitari e condividevano l’impegno formale a porre una cultura democratica della società come proprio fondamento. Al contempo, Di Fabio ricorda, questo strideva con preoccupanti continuità con il passato, sia personali che ideologiche, nel campo dei servizi segreti, della pubblica sicurezza e della magistratura. Il confronto fa però risaltare la principale differenza: l’Italia fu teatro di continuità e connivenze tra gruppi eversivi neofascisti e parte delle istituzioni, da cui l’introducibilità in tedesco di espressioni come „strategia della tensione“ e „stragismo di stato“. Il terzo capitolo è dedicato soprattutto all’evoluzione organizzativa e tecnologica degli apparati di sorveglianza e intelligence nei due paesi. Anche in questo caso, la narrazione comparata è utile per apprezzare una differenza fondamentale che ha avuto conseguenze rilevanti: in Italia ben più che nella Germania Ovest, furono i militari a prendere in carico le attività di sorveglianza e contrasto, contribuendo di fatto ad adeguare ai propri standard l’idea stessa di terrorismo e antiterrorismo. È soprattutto il quarto e ultimo capitolo, dedicato alla collaborazione tra i due paesi, a portare i maggiori elementi di novità e al contempo a inserire di diritto il libro nel dibattito sulla dimensione transnazionale della lotta al terrorismo. Qui il volume compie un salto qualitativo ulteriore rispetto alla semplice comparazione, concentrandosi sul trasferimento di esperienze e competenze tra i due paesi, nonché sulla collaborazione nella parte europea occidentale, che non a caso in quel periodo sperimentava una fase di accelerata integrazione economica e non solo. Nel complesso, dunque, il libro di Laura Di Fabio è un esperimento largamente riuscito, interessante nel merito e capace di imporsi in sede storiografica per la novità metodologica. Forse non gli avrebbero fatto difetto qualche decina di pagine in più per dare maggiore respiro alle questioni più problematiche. Nondimeno, proprio le dimensioni contenute possono incoraggiare alla lettura anche un pubblico di non „addetti ai lavori“.Giovanni Bernardini

Nikolas Dörr, Die Rote Gefahr. Der italienische Eurokommunismus als sicherheitspolitische Herausforderung für die USA und Westdeutschland 1969–1979, Köln-Weimar-Wien (Böhlau) 2017 (Zeithistorische Studien 58), 566 S., ISBN 978-3-412-50742-8, € 65.

Der Bd. „Berlinguer e la fine del comunismo“, in dem der Historiker Silvio Pons 2006 die Außenpolitik als zentrales Element der reformkommunistischen Strategie der Italienischen Kommunistischen Partei (PCI) unter der Leitung des Sekretärs Enrico Berlinguer in den 1970er bezeichnete, regte mehrere Historiker an, Forschungen zu jenem Thema vorzulegen. Diese neue Welle von Studien stellte mehrere Aspekte der internationalen Geschichte der Partei ins Zentrum. Historiker konzentrierten sich vor allem auf die transnationalen Beziehungen des PCI mit Kommunistischen oder Sozialistischen Parteien in Ost und West (Di Donato 2015), auf die Haltung des PCI zu weltpolitischen Ereignissen (Borruso 2009; Galeazzi 2011; Pappagallo 2009 und 2017), auf die Wahrnehmung des PCI in anderen Ländern (Portolani 2014), fast immer durch vergleichende und/oder verflechtungsgeschichtliche Methodologie (Di Maggio 2010). Nikolas Dörr, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bremen und Mitglied der Historischen Kommission beim SPD-Parteivorstand, fokussierte sich in seiner Doktorarbeit, die 2014 an der Universität Potsdam verteidigt wurde, auf die Wahrnehmung des Eurokommunismus in der Bundesrepublik und in den USA. In erster Linie bestätigt die Veröffentlichung dieses Bd. das wachsende Interesse nicht-italienischer Historiker am PCI, vor allem am Eurokommunismus, sowie die Tendenz in der deutschen Geschichtsschreibung, parteibezogene politische Geschichte neu zu entdecken, obwohl das Interesse deutscher Historiker am Italienischen Kommunismus eigentlich nicht neu ist: bereits in den 1980er Jahren setzten sich historische und politikwissenschaftliche Werke sowohl mit der Außenpolitik des PCI (Schoch 1988; Strübel 1982) als auch mit dem spezifischen Thema des Eurokommunismus auseinander (Gärtner/Trautmann 1985). Nicht nur zeitgenössische Politikwissenschaftler und Historiker interessierten sich für das Thema: wie Dörr zeigt, war auch die öffentliche Aufmerksamkeit sehr hoch, und sogar die Bild-Zeitung widmete dem Parteichef des PCI und Ideologen des Eurokommunismus 1976, Enrico Berlinguer, ein Titelbild. Jene Aufmerksamkeit liegt im Zentrum dieser Arbeit: Dörr analysiert die eurokommunistische Strategie aus bundesdeutscher (und US-amerikanischer) Sicht, vor allem als Bedrohung für die westeuropäische Sicherheit und als sowjetisches trojanisches Pferd in Westeuropa. Der Autor, der bewusst keine Definition des Eurokommunismus gibt, betont jedoch, wie zwiespältig jene Strategie blieb, und weist darauf hin, wie diese Ambiguität die Haltung der internationalen Akteure in Bonn und in Washington prägte. Er betont weiterhin die Unterschiede zwischen den zwei westlichen Regierungen: während die US-Regierung die eurokommunistische Option als extrem bedrohlich wahrnahm, war die Haltung in der BRD etwas offener und nuancierter. Möglicherweise, so Dörr, ist die Ursache der offeneren Haltung in den Beziehungen zwischen der SPD und dem PCI zu finden, die Ende der 1960er Jahren stattfanden und die akribisch und mithilfe vieler Quellen, vor allem aus dem Archiv der SPD, in diesem Bd. beschrieben sind. Dennoch überschätzt möglicherweise der Autor den gegenseitigen Transfer, wenn er hervorhebt, wie die SPD die Entwicklung des PCI prägte. Die unterschiedliche politische Tradition und Kultur führte auf der anderen Seite zu einer totalen Schließung gegenüber dem Eurokommunismus seitens Washington. Die wacklige und unbestimmte Haltung, die dennoch das erste Jahr der Carter-Regierung kennzeichnete, ist laut dem Autor auf die Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Kreises um den Präsidenten zurückzuführen (also wird hier die These von Irwin Wall bestätigt: „L’amministrazione Carter e l’eurocomunismo“, in: Ricerche di storia politica 2 [2006], pp. 181–196). Obwohl es sich vielleicht gelohnt hätte, die Haltung Washingtons während dieses Jahres tiefergehend zu analysieren, ist das Werk von großem Interesse, und es schließt mehrere Forschungslücken, vor allem dank einer soliden Quellenforschung in 18 Archiven in sechs verschiedenen Ländern. Zu betonen ist die interessante Auswahl der Periodisierung und des Jahres 1969, dem Jahr des doppelten Regierungswechsels in der BRD und in den USA als Ausgangspunkt: Die Entwicklung, die zum Eurokommunismus führte, zeigt hier ihre tiefen Wurzeln, die bereits nach den Ereignissen des Jahres 1968 und dem Beginn der Distanzierung des PCI von der UdSSR vorhanden waren. Francesco Leone

Laura Fasanaro, La DDR e l’Italia. Politica, commercio e ideologia nell’Europa del cambiamento (1973–1985), Roma (Carocci) 2016 (Studi storici Carocci 274), 226 pp., ISBN 978-88-430-7952-0, € 24.

Mentre la storia interna della Repubblica democratica tedesca (DDR), e la memoria pubblica del suo passato, vive una nuova stagione di interesse e di lavori da parte di una storiografia internazionale, in particolare anglosassone e francese, i lavori sui rapporti tra i quarant’anni vissuti da questo stato tedesco e l’Italia appaiono assai rari, si contano sulle dita di una mano. Possiamo ricordare il libro di Magda Martini sulle relazioni culturali tra Italia e DDR, pubblicato dal Mulino nel 2007, ed alcuni saggi in lavori collettanei suscitato da istituti e da progetti di ricerca italo-tedeschi. Questo lavoro di Laura Fasanaro copre dunque una lacuna e rilancia il tema all’interno della storia politica e soprattutto delle relazioni internazionali tra i due paesi: uno appartenente all’area comunista ed uno sottoposto al rispetto dell’alleanza atlantica. Il periodo trattato va dall’inizio degli anni Settanta quando l’Italia prese l’iniziativa di intensificare i rapporti diplomatici con la Repubblica federale tedesca (RFT) e di intraprenderne di autonomi con la DDR e la metà degli anni Ottanta quando viene meno anche la spinta propulsiva dell’Eurocomunismo, e i rapporti si mantennero sulla linea di un reciproco riconoscimento e di scambi commerciali. „I margini di questa periodizzazione sono gli inizi degli anni Settanta e la fine degli anni Ottanta, fra i quali l’Europa occidentale e quella socialista avviarono un fertile dialogo politico, accompagnato da una tessitura di relazioni economiche e commerciali assai proficue per entrambe, che andavano ben oltre la coesistenza competitiva e che si trasformarono, nel corso degli anni Ottanta, in un rapporto sempre più sbilanciato fra i regimi indebitati dell’Est e i governi del mercato unico dell’Ovest“, scrive nelle conclusioni Fasanaro (p. 215). La ricerca si basa su solide fonti consultate negli archivi di stato dei due paesi, comprese le collezioni del Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) e tra le carte dei tre principali partiti politici che in Italia diressero i rapporti formali e informali con la DDR: la Democrazia Cristiana, il Partito comunista e il Partito socialista di Bettino Craxi. La tesi che l’autrice sviluppa è che vi siano state, pur con tutti i limiti e le costrizioni determinate dai due blocchi, una Westpolitik della DDR e una Ostpolitik autonoma dell’Italia, anche grazie all’impegno di alcuni dirigenti democristiani dell’epoca, in particolare da parte di Aldo Moro, sia in qualità di Ministro agli Esteri che di Presidente del Consiglio. Alla metà degli anni Settanta si passa dal riconoscimento formale e diplomatico della DDR, lento e complesso agli esordi, all’apertura dal 1977 di scambi commerciali e di collaborazione tecnico-scientifica. Nell’ottobre 1978, dopo la drammatica crisi Moro, il Ministro degli esteri della DDR, Oskar Fischer, ripristinò i rapporti bilaterali con un incontro con l’allora Presidente Pertini e con il governo di Giulio Andreotti e Forlani. Le carte della Stasi mostrano l’interesse nei confronti della politica interna italiana e della complessità dei rapporti dell’Italia con la RFT negli „anni di piombo“ quando giudizi politici si confondono spesso con stereotipi; e soprattutto il ruolo dell’Italia nella crescente Comunità europea. In questo contesto la DDR, alla metà degli anni Settanta, cercava nell’Italia un paese di riequilibrio rispetto ad Europa che, se si allontanava dall’influenza americana, veniva sempre più influenzata dalla Germania occidentale. Di grande interesse sono anche le pagine dedicate al rapporto con il PCI negli anni dell’Eurocomunismo, nei quali si introduce anche il caso Biermann alla fine del 1976. Si tratta di un passaggio cruciale nel quale alle tradizionali dimostrazioni di amicizia nei confronti dei partiti comunisti si sostituisce un giudizio critico nei confronti della DDR per la repressione delle libertà di espressione artistiche e politiche di alcuni suoi cittadini. In questo contesto emergevano non solo critiche alla politica interna della DDR, ma un’idea nuova di comunismo occidentale che non poteva non interessare i tedeschi orientali, tanto che nel marzo 1979 la Stasi dedica al PCI, alla sua politica estera e all’eurocomunismo un’analisi approfondita, segnalata dall’autrice. Nelle conclusioni Fasanaro sembra ravvisare che i reciproci sforzi di differenziarsi dai due blocchi da parte dei due paesi nel tempo aiutarono negli anni Novanta una migliore integrazione europea e una sua estensione verso l’Europa centro-orientale, che travalica i semplici rapporti tra Italia e DDR nel periodo qui preso in esame.Patrizia Dogliani

Published Online: 2020-11-10
Published in Print: 2020-11-25

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