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Publicly Available Published by De Gruyter June 8, 2018

Anthony H. Cordesman: Putin and Russia’s New Nuclear Weapons: Whoever Dies with the Most Toys Wins?, Washington, D.C.: Center for Strategic and International Studies, 8. März 2018.

Sven-Eric Fikenscher

Reviewed Publication:

Cordesman Anthony H. Putin and Russia’s New Nuclear Weapons: Whoever Dies with the Most Toys Wins? Washington, D.C.: Center for Strategic and International Studies, 8. März 2018.


Der russische Präsident Wladimir Putin hat mit seiner Rede zur Lage der Nation am 1. März 2018, in der er unter anderem die Beschaffung neuer Trägersysteme für Nuklearwaffen angekündigt hat, für einigen medialen Wirbel gesorgt. Der renommierte Militärexperte Anthony H. Cordesman setzt sich in dem an dieser Stelle besprochenen Report kritisch mit Putins Aussagen und deren strategischen Folgen auseinander. Cordesman warnt davor, die Relevanz von Putins Aufrüstungsplänen zu überschätzen. Russlands Präsident habe zwar eine Reihe neuer Trägersysteme medienwirksam präsentiert, mit deren Bau ginge jedoch keine nennenswerte Veränderung der militärischen Kräfteverhältnisse einher.

Die mangelnde strategische Relevanz von Putins Ankündigungen führt Cordesman darauf zurück, dass die Beschaffungsmaßnahmen nicht dem offiziellen militärischen Zweck dienen können. Angeblich würden neue Trägersysteme notwendig, um die Raketenabwehr der Vereinigten Staaten auszuhebeln. Cordesman führt diesbezüglich einige längere Zitate aus Putins Rede an, in der dieser sogar seine Sorge davor bekundet, „dass alle unsere Raketen einfach abgefangen werden können.“ Interessanterweise scheint Cordesman diese spezifische Aussage übersehen zu haben, da er Putin unter anderem dafür kritisiert, nicht klar benannt zu haben, ob er nur um die Zweit- oder auch um die Erstschlag-Kapazität seines Landes fürchtet.

Dennoch gelingt es Cordesman auch so, Putins Aussagen als „in militärischer Hinsicht sinnlos“ zu entlarven. Russland besitze nach wie vor ein umfassendes Arsenal an Trägersystemen, das über 300 Interkontinentalraketen und an die 200 seegestützten Raketen beinhalte (und zudem durch zahlreiche schwere Bomber ergänzt werde). Die Vereinigten Staaten verfügen nicht einmal annähernd über die Raketenabwehr-Kapazität, die notwendig wäre, um eine solche nukleare Schlagkraft zu unterminieren. Die amerikanischen Abwehrsysteme, die zum Abschuss von strategischen Raketen geeignet seien, bestünden aus nicht mehr als 44 Abfangeinrichtungen in Alaska und Kalifornien, deren Anzahl auch in den nächsten Jahren nur bedingt erhöht werde. Eine derart überschaubare Raketenabwehr-Kapazität richte sich offensichtlich gegen die nordkoreanische und gegebenenfalls eine zukünftige iranische Bedrohung, aber nicht gegen Russland. Es gäbe auch keine Pläne der Regierung die Raketenabwehr auszubauen. Wenngleich diese maßgeblichen Fakten im Rahmen der zahlreichen Zitate ein wenig untergehen, liefern sie dennoch den Beleg dafür, wie unbegründet die Behauptungen des russischen Präsidenten sind.

Zudem habe Putin, so Cordesman, nur einige Elemente eines umfassenden Modernisierungsprogramms der nuklearen Streitkräfte aufgegriffen. Die Auswahl trage primär dem Prestige-Faktor Rechnung. Die erfolgreiche Serienproduktion der einzelnen Trägersysteme sei in den meisten Fällen noch keinesfalls sichergestellt. Auf diese Missstände spielt Cordesman bereits in dem Titel der Studie an, der die Waffen vielsagenderweise als „Spielzeuge“ („Toys“) bezeichnet. Ein näherer Blick auf die einzelnen Trägersysteme belegt deren unterschiedlichen Entwicklungsstand. Man könne nur bei einem von sechs Waffensystemen, auf die Putin in seiner Rede Bezug nehme, mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer baldigen Fertigstellung ausgehen, nämlich bei der Interkontinentalrakete Sarmat. Mit deren Produktion gingen indes keine nennenswerten strategischen Veränderungen einher, da die Sarmat lediglich eine vergleichbare Rakete (Voevoda oder SS-18), die mittlerweile veraltet sei, ersetzen werde. Bei den anderen Trägersystemen – etwa einer Cruise Missile mit Überschallgeschwindigkeit oder mit Nuklearantrieb und einem autonomen Torpedo – bestünden dagegen berechtigte Zweifel an ihrem tatsächlichen Entwicklungsstand, zumal Putins Beschreibungen der angeblich bahnbrechenden Militärgüter mitunter verdächtig vage ausfallen. Cordesman verzichtet zwar teilweise darauf, die unpräzisen Angaben des russischen Präsidenten mit detaillierten Hintergrundinformationen ins rechte Licht zu rücken, seine Kerneinschätzung, wonach die Präsentation der einzelnen Trägersysteme politischer Propaganda dienen solle, ist jedoch auch so hinreichend belegt.

Kurzum, die groß angekündigten neuen Rüstungsgüter für den Transport nuklearer Sprengköpfe richten sich gegen eine nicht-existente Bedrohung und befinden sich zudem in den meisten Fällen in einem fragwürdigen Entwicklungsstadium, während vergleichbare Waffensysteme, deren Produktion deutlich weiter vorangeschritten ist, nicht einmal beiläufig erwähnt werden. Die kurz zuvor vorgestellten Pläne der Trump-Administration zur Modernisierung des amerikanischen Nukleararsenals, die für die russische Abschreckungspolitik ein maßgeblicher Bezugspunkt sein dürften, werden ebenfalls gänzlich ignoriert. Cordesman korrigiert mit dieser Analyse auf überzeugende Art und Weise die weit verbreitete mediale Fehleinschätzung, Putin habe signifikante Änderungen der russischen Nuklearstrategie angekündigt.

Ein Großteil der Ansprache, so führt Cordesman weiter aus, beschäftige sich nicht einmal mit außenpolitischen Themen. Sobald Putin aber auf sicherheitspolitische Fragen zu sprechen komme, beschränke er sich fast ausschließlich auf die Nuklearthematik. Damit habe er offensichtlich auf die symbolische Untermauerung des Machtanspruchs seines Landes abgezielt. Nur mit Blick auf seine nukleare Schlagkraft besitze Russland noch den unbestrittenen Status einer globalen Macht. Zum Beleg verweist Cordesman unter anderem auf eine Schätzung der Federation of American Scientists, die Russland und die Vereinigten Staaten mit jeweils knapp unter 7.000 Sprengköpfen als unangefochtene nukleare Führungsmächte ausweist. Zum Vergleich: China besitzt lediglich rund 270 Sprengköpfe.

In konventioneller, geschweige denn in wirtschaftlicher Hinsicht, ergibt sich dagegen ein völlig anderes Bild. So verweist Cordesman beispielsweise darauf, dass die Verteidigungsausgaben Russlands mit knapp über 60 Milliarden US-Dollar nur rund ein Zehntel der Summe betragen, die die Vereinigten Staaten ausgeben. Mittlerweile investiere auch China mit etwa 150 Milliarden US-Dollar deutlich mehr in seine Streitkräfte. Das russische Bruttoinlandsprodukt entspreche außerdem nur noch einem Bruchteil der amerikanischen beziehungsweise chinesischen Wirtschaftskraft.

Damit präsentiert Cordesman abschließend eine plausible Erklärung für die nuklearbezogene Propaganda Putins. Es wäre allerdings wünschenswert gewesen, in diesem Zusammenhang auch auf den denkbaren Einfluss anderer Faktoren einzugehen. Zahlreiche aktuelle und frühere Mitarbeiter westlicher Geheimdienste attestieren Putin etwa die vermeintliche Bedrohung durch den Westen drastisch zu überschätzen. Der frühere amerikanische Director of National Intelligence, James Clapper, spricht sogar von „Paranoia“. Zugegebenermaßen: Das ändert nichts an dem offensichtlichen Darstellungsdrang Putins. Auch die aktuelle militärische Logik bleibt von diesen Einschätzungen unberührt. Dass der russische Präsident eine völlig übersteigerte Angst vor einer umfassenden Neuausrichtung und Verbesserung der amerikanischen Raketenabwehr – auch wenn dies keinesfalls geplant ist – entwickelt hat, scheint indes nicht völlig ausgeschlossen. Eine entsprechende Drohung könnte sich in diesem Fall als wertvoller bargaining chip für die Vereinigten Staaten herausstellen.

https://www.csis.org/analysis/russias-new-nuclear-weapons-whoever-dies-most-toys-wins

Published Online: 2018-6-8
Published in Print: 2018-6-5

© 2018 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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