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Publicly Available Published by De Gruyter April 9, 2019

Der Islamische Staat und die Strategie des führerlosen Widerstands

Ulff Brüggemann EMAIL logo

Kurzfassung

Der Islamische Staat (IS) hatte mit seinem Versuch, in Teilen von Syrien und des Iraks ein Kalifat zu errichten, die Gegenwehr anderer Staaten herausgefordert. Diese bildeten eine Anti-IS-Koalition. Auf deren Luftschläge reagierte der IS mit Terroranschlägen in einigen Staaten, die an der Koalition beteiligten waren. Ziel war es diese von der Fortsetzung der Luftschläge abzubringen. Dabei griff der IS vor allem auf die Strategie des führerlosen Widerstandes zurück, die in der einschlägigen Literatur bereits zuvor als Mittel der Wahl gegen einen übermächtigen Gegner beschrieben worden war. Der IS ist mit dieser Strategie gescheitert, weil es ihm nicht gelang die Botschaft zu kommunizieren und weil die Strategie des führerlosen Widerstands auch an inhärenten Widersprüchen scheiterte. Mit dem physischen Zusammenbruch des „Kalifats“ sind mittlerweile auch die technischen Möglichkeiten der Kommunikation entfallen. Offen ist welche Schlussfolgerungen der Rest des IS aus dieser Erfahrung ziehen wird.

Abstract

In creating a „Caliphate“ in parts of Syria and Iraq, the so-called „Islamic State“ (IS) had defied the international community, which formed an anti-IS alliance. As a response to aerial bombardments, the IS reacted by launching terror attacks in some of the Western coalition states. The intention was to stop the bombing campaigns. In doing so, the IS resorted to the strategy of leaderless resistance, which is known from revolutionary literature as an attempt to fight an overwhelming enemy. The IS has failed with this strategy, mainly because it did not succeed in communicating ist message and because any strategy of leaderless resistance is fraught with inherent contradictions. With the collapse of the “Caliphate” meanwhile most of the physical means of communications have ceased to exist. It is to be seen which strategic consequences will be drawn by the remaining activists of the IS.

1 Einleitung

Den Jihadismus, der als individuelle Pflicht eines jeden Moslems begriffene Kampf mit gewaltsamen Mitteln für ein nach salafistischen Maßstäben geordnetes Gemeinwesen, gibt es seit den 1970er-Jahren. Ursprünglich galt dieser Kampf allein dem „nahen Feind“, also den als abtrünnig verstandenen Regimen des Nahen Ostens, wie Ägypten, Syrien oder Algerien. Erst mit al-Qaida ist in den 1990er-Jahren eine Organisation aufgetreten, die ausdrücklich den „fernen Feind“, die USA und deren westliche Verbündete, als den eigentlichen Gegner des Jihadismus identifiziert hat. Diese grundlegende Neuausrichtung des bewaffneten Kampfes ist entgegen der in der westlichen Öffentlichkeit verbreiteten Perzeption bis heute allerdings eher die Ausnahme als die Regel im Jihadismus geblieben.

Auch der Islamische Staat (IS) (beziehungsweise seine Vorläuferorganisationen[1]) hat seit seiner Gründung den Fokus nicht auf den fernen Feind, sondern auf die Region gelegt, in der er beheimatet war. Sein Ziel war es, Gebiete unter seine Kontrolle zu bringen und in diesen ein islamistisches Gemeinwesen zu errichten. Wenn man die bis 2010 im Irak stationierten US-Truppen nicht berücksichtigt, die versucht haben, das Post-Saddam-Hussein-Regime zu stützen und dem Vorhaben des IS damit direkt im Wege standen, hat dieser darauf verzichtet, den fernen Feind zu bekämpfen. Anders als al-Qaida hat er insbesondere davon abgesehen, in westlichen Ländern selbst Anschläge durchzuführen. Das Ausrufen des Kalifats im Juni 2014 hätte diese Politik sogar verstärken müssen, denn der IS verfügte nun über ein Gebiet von der Größe eines europäischen Flächenstaates, dessen Sicherung, Verwaltung und Ausbau von alles überragender Bedeutung war. Dies galt umso mehr, da dieses Projekt als Alleinstellungsmerkmal des IS galt und auch die Grundlage seiner immensen Mobilisierungskraft war. Trotzdem hat die Gruppe bereits wenige Monate nach Verkündung des Kalifats zusätzlich den Kampf gegen westliche Länder aufgenommen und in diesen eine Serie teils schwerer Anschläge verübt. Dies geschah in Ländern, die dem IS ganz offensichtlich kräftemäßig in jeder Hinsicht überlegen waren und in denen, anders als im arabischen, afrikanischen oder südasiatischen Raum, bis auf Weiteres keine Chance bestand, das Kalifat zu etablieren.

Von besonderem Interesse an diesem Kampf ist die Strategie, zu der der IS gegriffen hat. Strategie soll für die Zwecke dieses Artikels verstanden werden als der Plan darüber, mit welchen militärischen Mitteln ein politisches Ziel erreicht werden soll. Es handelt sich um eine extrem asymmetrische Form der Kriegführung, die sich als eine Variante des „führerlosen Widerstandes“ charakterisieren lässt. Hierbei handelt es sich um einen militanten oder gewaltsamen Widerstand, der nicht durch eine hierarchisch strukturierte Organisation durchgeführt wird,[2] sondern bei dem organisatorisch und kommunikativ unverbundene Zellen eigeninitiativ tätig werden. Diese Strategie ist nicht neu, sondern bereits sowohl innerhalb des Jihadismus als auch von terroristischen Gruppen reflektiert und praktiziert worden.[3] Das Ziel der folgenden Analyse ist es, zunächst diese Strategie und deren Anwendung durch den IS zu erläutern. Anschließend wird untersucht, inwieweit die Anwendung dieser Strategie durch den IS – gemessen an den selbst gesetzten Zielen – erfolgreich war. Zuletzt wird analysiert, welche Lehren aus den Erfahrungen des IS für eine Terrorgruppe zu ziehen wären. Zur Einordnung der Ausgangslage soll zuvor gefragt werden, was der wahrscheinlichste Grund dafür war, dass der IS Anschläge gegen westliche Länder vornahm.

2 Vom Kalifat zur Terrorkampagne gegen den Westen

Der IS hatte ursprünglich nicht die Absicht, westliche Staaten beziehungsweise Gesellschaften zu bekämpfen, zumindest nicht vor 2014. Sein Interesse galt der Bildung und dem Ausbau des Kalifats, vorrangig im Raum Irak/Syrien, in zweiter Linie durch das Gründen von Provinzen in weiteren muslimischen Ländern.[4] Dass er dennoch Angriffe gegen westliche Staaten auf deren Territorium vornahm, lässt sich nur als Reaktion auf die im August 2014 beginnenden Luftangriffe der USA auf den IS und die anschließende Bildung der Anti-IS-Koalition verstehen.[5]

Für diese These sprechen im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen der chronologische Ablauf: Danach hat der IS im Juni 2014 aus dem syrisch-irakischen Grenzraum kommend seinen Siegeszug durch den Irak angetreten. Die irakische Armee war diesem Ansturm nicht gewachsen. Als der IS im August 2014 gegen kurdische und jesidische Gebiete vorrückte, dabei zahlreiche Gräueltaten verübte und in der Konsequenz eine Massenflucht auslöste, griffen die USA militärisch ein. Daraufhin begann der IS, westliche Geiseln, die bereits länger in seiner Gewalt waren, zu enthaupten und die entsprechenden Videos zu veröffentlichen. Er stellte dies ausdrücklich als Reaktion auf die Luftangriffe dar. Diese Aktion führte aber nicht zum Ende der Luftangriffe. Vielmehr bildeten die USA gemeinsam mit zahlreichen weiteren Staaten eine Koalition zur militärischen Bekämpfung des IS. An diesem Punkt hat Abu Mohammad al-Adnani, dessen damaliger Sprecher, seinen legendären Aufruf veröffentlicht, die „Kreuzfahrer“ zu bekämpfen und sei es nur, indem man ihnen ein Messer in die Brust steche oder mit einem Stein den Schädel einschlage. Dies war der erste Aufruf des IS, gegen die westlichen Staaten vorzugehen, er wurde ab diesem Zeitpunkt regelmäßig wiederholt. Nach einigen kleineren Vorfällen im Verlauf der folgenden Monate begann dann im Folgejahr die Kette der Anschläge des IS gegen westliche Ziele. Gräueltaten des IS, Eingreifen der USA, Ermordung der Geiseln, Fortsetzung der Luftangriffe und Bildung der Anti-IS-Koalition, Aufruf des IS, Beginn der Anschläge: Dieser Ablauf weist klar darauf hin, dass die Entscheidung, Anschläge gegen westliche Ziele zu verüben, eine Reaktion auf das militärische Vorgehen der USA und weiterer Länder gegen den IS war und ist.

Zum zweiten hat der IS selbst immer wieder auf den Zusammenhang zwischen seinen Gewalttaten und den Angriffen der Anti-IS-Koalition hingewiesen. Seit den Aussagen Mohammed Emwazis bei der Enthauptung der ersten Geisel James Foley über den genannten Aufruf im September 2014 bis zu den Bekenntnissen des IS zu den einzelnen Anschlägen der Folgejahre wird ein ums andere Mal erklärt, dass es sich um eine Reaktion auf die Luftangriffe handle. Bis heute heißt es bei jeder Bekennung stereotyp, der Anschlag sei in Reaktion auf Aufrufe (gemeint sind Aufrufe des IS) erfolgt, die Länder anzugreifen, die den IS bekämpften. Terrorismus ist im Kern eine Art Erpressungsversuch. Es gibt mithin keinen Grund, den Adressaten im Unklaren zu lassen, weshalb und mit welchem Ziel die Gewalttaten verübt werden. Die IS-Erklärungen sind daher glaubwürdig.

Der IS befand sich im September 2014 in einer schwierigen Situation. Das Kalifat, kaum gegründet, sah sich der gewaltigen Übermacht einer Militärallianz zahlreicher westlicher, aber auch arabischer Staaten unter Führung der USA gegenüber. Damit war eine Konstellation gegeben, die bereits in der Vergangenheit – siehe al-Qaida in Afghanistan nach dem 11. September 2001 oder der Irak nach 2006 – katastrophale Konsequenzen für das Projekt des Jihadismus gehabt hatte. Zudem war von Beginn an klar, dass eine direkte Konfrontation auf militärischer Ebene mit der Anti-IS-Koalition nicht infrage kam, nicht nur aufgrund der Kräfteverhältnisse, sondern allein schon, weil diese ihren Kampf primär aus der Luft führte. Der IS hatte damit nur eine Möglichkeit der Gegenwehr, nämlich Ziele der Gegner außerhalb des eigentlichen Kampfgebietes anzugreifen. Genau dazu hat er sich auch entschlossen, also zu Anschlägen gegen die Zivilbevölkerung in den Staaten der Anti-IS-Koalition.

3 Die Strategie des IS

Der IS hat dabei im Wesentlichen auf zwei Anschlagsmethoden zurückgegriffen. Zum einen die „Methode Mumbai“[6], das heißt ausgebildete Kämpfer bereiten sich auf einen Einsatz vor und schlagen an mehreren Punkten in einem Stadtgebiet nahezu gleichzeitig zu. Diese Methode garantiert hohe Opferzahlen, ist aber sehr aufwändig und bedarf eines längeren Vorlaufs.[7] Der IS hat diese Methode in Paris angewendet, bei den bisher schwersten Anschlägen, die er in der westlichen Welt verübt hat.

Die andere Methode kündigte sich bereits mit dem Aufruf von Adnani an. Sie besteht in der Mobilisierung völlig unbekannter Menschen mit dem Ziel diese zu Anschlägen zu motivieren. Der IS ruft einfach nur dazu auf, Anschläge zu begehen, und setzt darauf, dass Leute, die ihm nicht angehören, keine Ausbildung durch ihn erhalten haben und niemals in ein Kriegsgebiet gereist sind, seine Ziele unterstützen und diesem Aufruf folgen. Entscheidend für dieses Vorgehen ist also nicht die sorgfältige Vorbereitung und Durchführung eines Anschlages durch die Organisation selbst, wie bei der Methode Mumbai, sondern die Fähigkeit zur Mobilisierung völlig unbekannter Menschen. Diese Personen entscheiden selbstständig darüber, einen Anschlag zu verüben, sie entscheiden, wann und wo dieser stattfindet, und sie entscheiden, in welcher Weise sie ihn verüben. Dieses Muster trifft nahezu auf sämtliche Anschläge des IS zu, von Nizza über Würzburg, Orlando, Berlin, Manchester bis New York, Trèbes und zuletzt Tadschikistan.

Der Anteil des IS beschränkt sich bei diesem Vorgehen darauf, Menschen zu motivieren, an seiner Stelle Gewalt auszuüben. Er muss also eine Perspektive liefern, aus der heraus sein Narrativ Personen davon überzeugt, sich als Krieger zu verstehen. Diese Perspektive ist im Kern dieselbe, die seit jeher im Jihadismus gepflegt wird: Die „christlichen“ Staaten kämpfen angeblich gegen den Islam und für dessen Anhänger besteht die Notwendigkeit und Legitimität, sich dagegen zu wehren. Diese Gegenwehr erscheint umso notwendiger, als nunmehr das Kalifat selbst als eine im Hier und Jetzt realisierte Utopie zu verteidigen ist. Diesen allgemeinen Grund, weshalb die westlichen Staaten und Gesellschaften bekämpft werden müssten, ergänzt der IS mit Aufrufen, Anschläge zu begehen beziehungsweise mit ganz konkreten Handlungsempfehlungen, wie diese praktisch durchgeführt werden können.[8]

Wichtig ist bei diesem Vorgehen jedoch nicht nur die Botschaft selbst, sondern auch deren Verpackung. Dem IS ist es gelungen, seine Inhalte in puncto Gestaltung und Zielgruppenansprache konstant auf hohem professionellem Niveau zu präsentieren. Hierfür hat er verschiedene Formate benutzt, von Videoclips, Audiobotschaften, Internetmagazinen bis zur Nutzung von sozialen Medien und Nachrichtenagenturen. Insgesamt hat der IS hinsichtlich der Terrorismuspropaganda sowohl quantitativ als auch qualitativ neue Maßstäbe gesetzt.

Mehr brauchte es augenscheinlich nicht, um Menschen zu veranlassen, für den IS Anschläge zu verüben. Dieser hat in Einzelfällen aber noch ein weiteres Detail hinzugefügt, das nur der Vollständigkeit halber zu erwähnen ist, nämlich eine Art virtuelles Coaching. Per Messenger-Dienst haben in diesen Fällen Attentäter und ein Agentenführer bis teilweise kurz vor einem Anschlag Verbindung gehalten. Die Attentate in Würzburg und Ansbach sind Beispiele hierfür. Diese Neuerung hat in der Literatur vorübergehend für Diskussionen gesorgt, sich bisher allerdings nicht als lageverändernd erwiesen. Der Umstand, dass beispielsweise sowohl in Würzburg als auch in Ansbach die Anschläge im Grunde missglückten, während bei den besonders schweren Anschlägen durch Einzeltäter wie in Nizza oder Manchester die Täter nicht aus der Ferne angeleitet worden sind, zeigt, dass das virtuelle Coaching für den IS bisher keinen wesentlichen Gewinn gebracht hat.[9]

4 Die Strategie des führerlosen Widerstandes

Der IS hat damit de facto eine Strategie angewandt, die schon länger in extremistischen Kreisen unterschiedlicher Couleur diskutiert worden war beziehungsweise bereits Anwendung gefunden hatte, den „führerlosen Widerstand“. Der Begriff wurde durch den US-amerikanischen Rechtsextremisten Louis Beam geprägt, der sich 1992 in einem einflussreichen Artikel die Frage stellte, wie Widerstand gegen einen technisch und materiell übermächtigen Gegner, nämlich die US-Regierung und ihren Staatsapparat, aufrechterhalten werden könne.[10] Beam formulierte die These, dass unter derartigen Bedingungen jede Art von Widerstand, der darauf basiere, dass ihn eine Organisation ausübe, also eine klar abgrenzbare, hierarchisch strukturierte Gruppe mit etablierten Kommunikationswegen und Entscheidungsprozessen, zum Scheitern verurteilt sei. Über kurz oder lang würde ein Gegner wie die US-Regierung jede Gruppe dieser Art penetrieren und schließlich zerstören. Deshalb sei es notwendig, sich von jeglicher Form von Organisation insgesamt zu lösen und den Kampf auf der Basis eines völlig neuen Modells zu führen. Beam schlug vor, eine Form von Widerstand zu entwickeln, bei der unverbundene Zellen auf der Grundlage eigener Initiative selbstständig Anschläge planen und begehen. Nach seiner Meinung garantiere die weltanschauliche Geschlossenheit der potenziellen Akteure, dass diese ungefähr in der gleichen Weise auf relevante Ereignisse und Entwicklungen reagierten. Dadurch würden sich die verschiedenen Einzelhandlungen zu einem geschlossenen Bild des Widerstandes addieren und nicht zusammenhanglose Einzelakte bleiben.

Eine ähnliche Theorie ist auch in Jihadistenkreisen formuliert worden. Abu Musab al-Suri hat die Erfahrungen der ersten Jahre nach dem 11. September 2001 reflektiert, als die militärische Machtfülle der USA über al-Qaida hereinbrach.[11] Suri sah sich, genau wie Beam, also mit der Problemstellung konfrontiert, wie Widerstand angesichts eines übermächtigen Gegners aufrechterhalten werden kann. Seine Lösung entspricht weitestgehend dem, was vor ihm schon Louis Beam gedacht hat. Suri sieht bis auf Weiteres keine Möglichkeit, den Kampf auf eine organisierte Weise fortzusetzen, und schlägt ein Modell der völligen Dezentralisierung vor. Eigenständige, unverbundene Zellen sollen auf eigene Initiative hin aktiv werden und den Kampf gegen die Feinde des Islams mittels Anschlägen dort führen, wo sie gerade leben. Das Kriegsgebiet ist für Suri also völlig entgrenzt, es soll überall dort sein, wo Muslime sind. Damit würde man über eine Vorgehensweise verfügen, die der Gegner trotz all seiner Übermacht nicht verhindern könne. Nach und nach soll auf diesem Wege die Grundlage geschaffen werden, wieder zu einem organisierten Widerstand überzugehen. Fernziel ist, wie immer im Jihadismus, die Herrschaft über Gebiete, in denen dann eine Ordnung auf der Basis des Korans realisiert wird. Suri ist allerdings weniger optimistisch als Beam, was die Selbstkoordination der Zellen angeht. Er sieht die Notwendigkeit einer zentralen Zelle, die den Kampf zumindest in groben Zügen anleitet und zusammenfasst, also zu Anschlägen aufruft, mögliche Anschlagsziele formuliert und vor allem ein ideologisches und politisches Dach bildet, unter dem sich die sonst unverbundenen Gewaltakte einordnen lassen.[12]

Mit Blick auf diese zwei Theoretiker wird deutlich, dass die Strategie des führerlosen Widerstandes eine Strategie der Schwäche ist.[13] Sie wird propagiert, um in einer Position extremer Unterlegenheit überhaupt noch agieren zu können. Sowohl Beam wie Suri geben das auch ganz offen zu. Es handelt sich um eine Minimalstrategie, die die Position der Schwäche nutzt, um hieraus Vorteile zu generieren. Es geht nicht darum, das politische System zu stürzen, die Kontrolle über Gebiete zu erlangen oder eine neue gesellschaftliche Ordnung einzuführen. Um das zu tun, bedarf es all der Dinge, auf die der führerlose Widerstand bewusst verzichtet, also Planung, Organisation, Hierarchien, Truppen, Kontrolle des Raumes und so fort. Führerloser Widerstand dient lediglich dazu, den bewaffneten Kampf aufrechtzuerhalten und dem Gegner Schaden zuzufügen, wo es möglich ist. Er kann somit bestenfalls nur eine erste Stufe auf dem Weg zu dem eigentlichen Ziel sein, das die jeweilige Gruppe verfolgt.

Das gilt zumindest, wenn das Ziel des Kampfes die Umgestaltung der Gesellschaft insgesamt ist. Anders ist es möglicherweise, wenn bescheidenere Ziele verfolgt werden. In diesem Sinne wird der führerlose Widerstand in Teilen der militanten Umwelt- und Tierschutzbewegung angewendet. Deren Aktionen verfolgen meist ganz konkrete Absichten, zum Beispiel die Abholzung eines Waldes zu verhindern oder Zulieferer dazu zu bringen, die Zusammenarbeit mit einem Labor für Tierversuche einzustellen. Dabei ist in der Vergangenheit der führerlose Widerstand so praktiziert worden, dass eine legal operierende Gruppe die Rolle von Suris zentraler Zelle einnimmt. Diese Gruppe verbreitet Informationen über bestimmte Vorgänge und Praktiken, nennt die daran Beteiligten, beschreibt allgemein Möglichkeiten der Gegenwehr und überlässt den Rest Aktivisten, die auf eigene Faust illegale Aktionen durchführen, etwa Einbrüche, Brandstiftungen oder die Befreiung von Versuchstieren. Die Aktivisten haben dann die Möglichkeit, Berichte und Videos ihrer Aktionen auf einem sicheren Weg an die Kernzelle zu übermitteln, die sie wiederum publik macht.[14]

Erfolgreich bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, eine Minimalform des Kampfes in Zeiten der Bedrängnis aufrechtzuerhalten. Erfolg bedeutet lediglich, ein festumrissenes Ziel zu erreichen, also die Abholzung eines Waldes zu verhindern oder eine Zahl von Tieren frei zu setzen.[15] Das kann gelingen, indem man die Kosten für die Gegenseite, in der Regel ein Unternehmen, so hoch treibt, dass diese sich zurückzieht. Zumindest partiell bestehen damit Parallelen zum Ziel des IS. Sollte die eingangs formulierte These über den Grund seiner Terrorkampagne gegen westliche Länder richtig sein, ist dessen Ziel ebenfalls recht klar umrissen. Es besteht darin, dass die westlichen Länder ihren Kampf gegen das Kalifat einstellen. Es geht nicht darum, in Europa oder den USA so lange Krieg zu führen, bis dort der Gottesstaat errichtet wird.

Diese Zielvorstellung ist auch erheblich klarer als das zwar grundsätzlich in die gleiche Richtung gehende, aber im Vergleich hierzu ziemlich amorphe Vorhaben von al-Qaida, den Westen einschließlich seines angeblichen Vorpostens Israels aus dem islamischen, insbesondere dem arabischen Raum zu verdrängen. Vor diesem Hintergrund könnte die Strategie des führerlosen Widerstandes für den IS durchaus geeignet sein, dieses Ziel zu erreichen. Alles, was ihm so gesehen in seiner Terrorkampagne gegen den Westen gelingen müsste, ist die Bereitschaft der westlichen Gesellschaften zu untergraben, den Kampf in Irak und Syrien beziehungsweise gegen den IS insgesamt fortzusetzen. Das könnte gelingen, indem man immer wieder erneut zuschlägt, die Kosten hochtreibt und die westlichen Gesellschaften müde macht. Es handelt sich um eine Strategie, die auf Dezentralisierung setzt, also darauf, dass nicht vorherzusehen ist, wann, wo und wie der nächste Anschlag erfolgt. Notwendig ist, Menschen immer wieder zu Gewaltakten zu mobilisieren. Diese sind zumindest auf den ersten Blick hervorragend geeignet, auch einen übermächtigen Gegner mürbe zu machen und den Konflikt für sich zu entscheiden.

5 War die Strategie erfolgreich?

Die Frage, ob die Strategie des IS gegen die gegen ihn gerichtete Koalition erfolgreich war, ist einfach zu beantworten: Er war es nicht. Das Kalifat ist bis auf wenige Restgebiete in der Wüste Geschichte, die Einnahmen des IS sind in der Konsequenz zusammengebrochen, die Truppen zerschlagen und dezimiert, die Führung ist tot oder auf der Flucht, die Propaganda quantitativ und qualitativ nur noch ein Schatten ihres früheren Selbst.[16] Eine Konfliktstrategie, die mit diesem Ergebnis endet, ist definitiv nicht erfolgreich. Der IS hat seinen Kampf, wenigstens in dieser Runde, klar verloren.

Interessanter ist daher eine zweite Frage: Warum war die Strategie des IS gegen die westlichen Staaten nicht erfolgreich? Das Ziel war klar umrissen: Er musste nicht militärisch siegen, sondern nur den Willen der gegen ihn kriegführenden Staaten untergraben, einen Konflikt fortzusetzen, der keine ihrer vitalen Interessen berührte, so die Annahme. Dabei hatte er einen Weg gefunden, immer wieder unvorhersehbar und mit teils hohen Opferzahlen zuzuschlagen. Der IS hatte für sich zumindest die Chance gesehen, als Gewinner aus dem Konflikt hervorzugehen.

Viele kleine und große Faktoren dürften für die Niederlage ursächlich sein. Zwei Aspekte sind dabei hervorzuheben: Erstens hat die strategische Kommunikation des IS nicht funktioniert. Dies scheint auf den ersten Blick paradox, denn, wie bereits erwähnt, hat keine Terrorgruppe der Geschichte eine derart intensive und professionelle Medienarbeit betrieben wie der IS. Neben dem Projekt des Kalifats war es diese Medienarbeit, die wesentlich dazu beigetragen hat, weltweit Freiwillige zu mobilisieren, sei es, wie im Normalfall, als Soldaten im irakisch-syrischen Raum, sei es als Attentäter in Europa, Australien und Nordamerika. Was die Mobilisierung der eigenen Anhänger betrifft, kann es also keinen Zweifel geben – die Kommunikationsstrategie des IS war außerordentlich erfolgreich.

Die professionelle Kommunikation richtete sich in der Masse jedoch nur an die eigenen beziehungsweise potenzielle Anhänger. Der eigentliche Adressat von Terrorismus sind allerdings nicht die eigenen Anhänger, sondern es ist der Gegner. Von diesem will man etwas und versucht ihn deshalb mit Gewaltakten unter Druck zu setzen. Aus diesem Grund darf eine Terrorgruppe nicht nur eine Kommunikationsstrategie für die eigenen Anhänger haben, sie braucht vor allem auch eine mit Blick auf den Gegner.

Nun hat der IS, wenngleich nicht im selben Maße, auch mit seinem Gegner kommuniziert. Problematisch für ihn ist daran jedoch, wie er es getan hat. Denn seine Kommunikation war ausschließlich durch den Modus einer unablässigen Bedrohung und Einschüchterung gekennzeichnet, sei es, dass er beabsichtige, das Weiße Haus, den Eiffelturm oder das britische Unterhaus in die Luft zu jagen, zu Weihnachten ein Massaker auf dem Petersplatz zu veranstalten oder verschiedene Fußballstars während der Fußballweltmeisterschaft in Russland zu enthaupten. Sowohl in seinen „Hochglanzmagazinen“ wie in Videos, die sich an Deutsche, Franzosen, Australier und so weiter richten, ging es immer nur um extreme Gewalt gegen den Westen. Und auch, wenn vieles nur Prahlerei blieb, so hat es der IS freilich nicht nur bei den Drohungen belassen. Vor allem die im Westen verübten Anschläge sowie ganz allgemein die Gräueltaten des IS sind als wesentlicher Teil der Kommunikation mit dem Gegner zu werten. Und die Botschaft war einfach zu verstehen. Ein ums andere Mal hat der IS demonstriert, dass es sein Ziel ist, möglichst viele Menschen umzubringen, die rein zufällig zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort waren. Die Anschläge waren unterschiedlich verlustreich, aber jedem Bürger in den westlichen Staaten war klar, dass es ihn als nächsten treffen könnte.

Selbst dieser Umstand hätte, für sich allein genommen, für den IS noch nicht problematisch sein müssen: Das Einflößen von Angst ist integraler Bestandteil des Wirkungsmechanismus von Terrorismus. Indem das Zielpublikum in Angst versetzt wird, soll es dazu gebracht werden, die Forderungen der Terrorgruppe zu erfüllen. Nicht nur die Mobilisierung der eigenen Anhänger hat also funktioniert, sondern, mittels der Anschläge und zumindest vorübergehend, auch das Einflößen von Angst vor Terror in die westlichen Bevölkerungen. Allein, das reicht nicht. Die Angst ist zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für erfolgreichen Terrorismus. Denn Terror kann nur dann geeignet sein, politische Ziele zu erreichen, wenn es zugleich gelingt, dem Zielpublikum auch einen Ausweg aufzuzeigen, eine Möglichkeit, den Zustand von Angst und Bedrohung wieder zu verlassen und psychologisch in einen Zustand der Sicherheit zurückzukehren. Terrorismus muss also beides, Angst erzeugen und dem Adressaten zugleich eine Möglichkeit bieten, die Bedrohung zu beenden, nämlich indem er tut, was die Terrorgruppe von ihm will. An diesem Punkt ist der IS gescheitert.

Das lag nicht daran, dass er nicht gesagt oder zumindest angedeutet hätte, worum es ihm geht. Wie bereits dargestellt, hat er in stereotyper Formulierung nach jedem Anschlag auf den Zusammenhang zwischen den Angriffen der Anti-IS-Koalition und seiner eigenen Gewalt hingewiesen. Aber diese Botschaft ist nie wirklich angekommen, weder in der Politik und erst recht nicht in der Öffentlichkeit. Eine öffentliche Diskussion, warum der IS überhaupt eine Terrorkampagne gegen den Westen führt, hat so gut wie nicht stattgefunden. Selbst Experten haben diese Frage kaum diskutiert und ihre Aufmerksamkeit stattdessen Themen wie Finanzierung, Netzwerken, sozialem Profil der Attentäter und der Natur der Radikalisierungsprozesse gewidmet. Dabei haben sie oftmals rein deskriptive, quantifizierende Methoden bevorzugt, die für die Analyse der Frage nach den strategischen Überlegungen des IS nur begrenzt geeignet sind.

Der entscheidende Adressat für den IS wäre die allgemeine Öffentlichkeit gewesen. Nur so hätte Druck auf die politischen Entscheidungsträger aufgebaut werden können. Die Öffentlichkeit hatte und hat jedoch kein Interesse an den Begründungen des IS und nur wahrgenommen, dass diese Anschläge passierten. Die Gewalt wurde und wird als ziellos und willkürlich gesehen, als sei sie letztlich Selbstzweck. Die IS-Terroristen werden dementsprechend als blinde Fanatiker betrachtet, die von einem religiös induzierten Tötungstrieb beseelt ein Massaker nach dem anderen veranstalten. Weder könne noch müsse man sich in deren kranke Hirne hineinversetzen. Wer Terrorismus unter solchen Vorzeichen sieht, dürfte zwangsläufig der Meinung sein, dass es im Grunde keine Alternative dazu gibt, jeden Terroristen einzeln auszuschalten. Diese Schlussfolgerung ist das genaue Gegenteil von dem, woran eine Terrorgruppe, die politische Ziele verfolgt, Interesse haben muss. Dass sich trotzdem ungefähr dieses Bild in der Öffentlichkeit durchgesetzt hat, beweist ein im entscheidenden Punkt totales Kommunikationsversagen des IS. Dieser hat es nicht geschafft, plastisch zu vermitteln, dass es ihm darum geht, vom Westen unbehelligt, in einer Region der Welt, die den meisten Deutschen, Franzosen oder Amerikanern sehr fern und völlig egal sein könnte, an seinem Kalifat zu bauen und dass er lediglich wünscht, von uns dabei nicht gestört zu werden. Die Öffentlichkeit sah sich stattdessen in einem Krieg, bei dem es angesichts der hohen Anzahl an zivilen Opfern durch den IS keine Alternative zum Sieg gab.

Ganz unabhängig von der falschen Kommunikationsstrategie – und abgesehen von der Unmöglichkeit, gegenüber dem Westen die Gräueltaten in Syrien und im Irak zu rechtfertigen – kommt ein zweiter wichtiger Faktor hinzu. Dem IS ist es nicht gelungen, die Dynamik seiner Anschläge auf Dauer aufrechtzuerhalten. 2014 gab es nur wenige, kleinere Anschläge, die öffentlich kaum zur Kenntnis genommen wurden. 2015 haben sich Zahl und Intensität deutlich gesteigert, allerdings wurden zahlreiche Gewaltakte immer noch nicht mit dem IS in Verbindung gebracht, sondern als vereinzelte Taten wahrgenommen. Die Angriffe auf westliche Touristen im Museum Bardo oder am Strand von Sousse in Tunesien oder der Anschlag auf Fahrgäste im Thalys sind Beispiele hierfür. Die Anschläge von Paris im November 2015 waren insofern lageverändernd, weil Politik und Öffentlichkeit ab diesem Zeitpunkt begriffen hatten, dass der IS eine Terrorkampagne gegen westliche Ziele durchführt. Danach ging es Schlag auf Schlag, ungefähr im Zeitraum zwischen San Bernadino im Dezember 2015 bis Barcelona im August 2017.[17] Seitdem beruhigt sich die Lage wieder. 2018 hat es in Paris, Trèbes, Lüttich und mit der Ermordung der Radtouristen in Tadschikistan nur vier Anschläge mit insgesamt 14 Todesopfern gegeben, alle nach dem Muster des führerlosen Widerstandes.[18]

Für diese Entwicklung dürften mehrere Gründe eine Rolle spielen, nicht zuletzt die Tatsache, dass der IS in dieser Zeit Stück für Stück sein Kalifat verloren hat.[19] Hierdurch hat sich nicht nur die Fähigkeit der Organisation verringert, Anschläge zu planen und durchzuführen. Wichtiger ist mit Blick auf die Methode des führerlosen Widerstandes, dass die Propaganda des IS stark zurückgegangen ist und nur noch ein Bruchteil dessen beträgt, was er von 2014 bis Mitte 2017 produziert hat. Die an westliche Leser gerichteten und in zahlreichen Sprachen erscheinenden Magazine Dabiq und Rumiyah sind ganz eingestellt worden. Zudem hat auch das Siegerimage des IS, das in der Propaganda der Anfangszeit eine große Rolle gespielt und neben dem Projekt des Kalifats sichtlich zur Mobilisierung der Anhänger beigetragen hat, starken Schaden genommen.

Die abflauende Dynamik etwa ab Sommer 2017 liegt jedoch nicht nur im Verlust des Kalifats begründet, sondern ist auch ein nahezu zwangsläufiges Ergebnis der Strategie des führerlosen Widerstandes und das gleich in dreifacher Hinsicht. Das erste Problem mit dieser Strategie besteht in dem Personenkreis, den sie anspricht. Dieser Personenkreis ist ganz pauschal als die Allgemeinheit beziehungsweise – etwas enger – als alle Sympathisanten der jeweiligen Organisation oder Gruppe, die diese Strategie anwendet, zu beschreiben. Gerade im Falle des IS bedeutet das, dass nicht erfahrene Kämpfer zur Waffe greifen, sondern Amateure, also Personen, die über keinerlei Ausbildung oder Erfahrung im Bereich terroristischer Gewalt verfügen. Dieser Umstand schlägt sich in vielen Fällen auf die Ergebnisse nieder. Ein Amateur produziert schlichtweg weniger Tote als eine Person, die Erfahrung darin besitzt, Gewalt auszuüben. Das beginnt damit, dass die Amateure meist keine Möglichkeit sehen, sich eine Schusswaffe zu besorgen oder die Expertise besitzen, Sprengstoff herzustellen.[20] Sie greifen also zu einem Fahrzeug, das sie in eine Menge steuern, oder zu einem Messer. Nicht alle (in Nizza starben 2016 mindestens 86 Menschen), aber viele dieser Anschläge enden mit relativ geringen Opferzahlen, meist im einstelligen Bereich. Mitunter gelingt es den Tätern überhaupt nicht, jemanden zu töten, wie in Ansbach oder dem Nahverkehrszug bei Würzburg. Dies ist die Konsequenz einer Strategie, die darauf setzt, dass sich Freiwillige, und zwar irgendwelche Freiwillige, bereitfinden, in den Kampf zu ziehen. Das ist das Personal, von dem sich der IS abhängig gemacht hat.[21]

Mit diesem Umstand geht ein weiterer Aspekt einher. Die Anschläge werden gewöhnlicher. Attentate wie am 11. September 2001, in Mumbai oder auch Paris und Nizza haben die Welt bewegt. Wer erinnert sich aber noch an Trèbes oder Lüttich? An die Messerattacke in Paris vor einigen Monaten oder selbst an den Anschlag in New York City im Herbst 2017? Die westlichen Gesellschaften haben unverkennbar Resilienz entwickelt. Angriffe, die 2016 tagelang in Politik und Öffentlichkeit diskutiert worden wären, verschwinden heute relativ rasch wieder aus den Nachrichten und dem Bewusstsein. Für eine Terrorgruppe ist das ein Problem: Der ganze Sinn des Terrorismus besteht darin, Angst zu erzeugen, um auf diese Weise Entscheidungen im eigenen Sinne zu beeinflussen. Sobald ein Gewöhnungseffekt einsetzt, wird die Methode wirkungslos.[22] Dieser Effekt setzt ein, wenn die Anschläge konstant primitiv sind und nur wenige Opfer fordern. Und dies wiederum ist das Ergebnis einer Strategie, die auf Mobilisierung der Allgemeinheit setzt und nicht auf den Einsatz ausgebildeter Kämpfer.

An diesem Punkt zeigt sich der dritte entscheidende Nachteil der Strategie des führerlosen Widerstandes. Diese Strategie besteht im Kern im Verzicht auf eigenes Handeln zugunsten der Anstachelung von Gewalttaten durch andere. Der IS hat sich damit letzten Endes der Eigeninitiative Dritter ausgeliefert. Das hat sich gerächt, als nach und nach die Dynamik der Anschläge verloren ging. Denn nun hat der IS, zu diesem Zeitpunkt selbst unter immensem militärischem Druck, außer weiteren Aufrufen und Drohungen gegen Russland und den Westen offenbar keine Möglichkeit mehr, den Trend umzukehren. Es gab keine Kämpfer, die er in Stellung bringen könnte und ihnen nur befehlen müsste loszuschlagen. Es gab keine Anschlagspläne und -vorbereitungen, auf die man zurückgreifen konnte. Die wiederholten Aufrufe, die Kreuzfahrer zu bekämpfen, stoßen seit der zweiten Jahreshälfte 2017 auf ein zunehmend zögerndes Publikum. Trotz aller Sympathie für das Kalifat ziehen es die (potenziellen) Extremisten vor, passiv zu bleiben und nicht für einen inzwischen aussichtslosen Kampf Leben oder Freiheit aufzugeben. Damit ist die IS-Strategie des führerlosen Widerstandes aus sich selbst heraus kollabiert.

6 Was bedeutet das Scheitern der IS-Strategie für deren Zukunft?

Wenn die bisherige Argumentation richtig war, müssten der IS, aber auch andere jihadistische Gruppen, drei grundsätzliche Lehren aus den Erfahrungen der letzten vier Jahre ziehen.

Erstens sollte man einer militärischen Auseinandersetzung mit der militärischen Übermacht des Westens, insbesondere mit den USA, so lange es irgendwie geht aus dem Wege gehen. Die Theorie, dass man zuerst den fernen Feind bekämpfen müsse, um den Gottesstaat zu errichten, ist in der Praxis erneut klar widerlegt worden. Dieser Kampf geht regelmäßig verloren. Konkret hat der IS im Sommer 2014 den Bogen überspannt, sowohl mit seinem Blitzkrieg gegen die irakischen Truppen als auch mit seinen schweren Menschenrechtsverletzungen gegen die irakische Zivilbevölkerung, spätestens aber mit den schockierend inszenierten Ermordungen unschuldiger Geiseln. All das hat die Bereitschaft, den IS militärisch zu vernichten, nicht gehemmt, sondern gestärkt, gerade in der Öffentlichkeit in westlichen Ländern sowie bei den weiteren Beteiligten an der Anti-IS-Koalition.[23] Der IS fand sich damit im Krieg mit einer ihm weit überlegenen Militärkoalition, die die uneingeschränkte Unterstützung der Zivilbevölkerung hatte. Die Chancen des IS, den Konflikt zu gewinnen, waren damit von vornherein extrem gering.

Zweitens reicht die Strategie des führerlosen Widerstandes alleine nicht aus, um die politischen Ziele einer Terrorkampagne durchzusetzen. Der nicht zu korrigierende Nachteil dieser Strategie besteht darin, dass man die Durchführung der Anschläge auslagert und sich damit von dem Engagement und den Fähigkeiten völlig unbekannter Personen abhängig macht. Genau diese Anschläge sind jedoch das Druckmittel, mit dessen Hilfe die politischen Ziele erreicht werden sollen. Sind die Anschläge auf Dauer nicht schwer genug, um den Gegner zum Einlenken zu zwingen, oder bleiben sogar ganz aus, bricht der Kampf zusammen.

Führerloser Widerstand kann bei terroristischen Kampagnen mit politischen Zielen ergänzend eingesetzt werden und dazu dienen, den Druck auf den Gegner zu erhöhen. Dies ist dem IS auch über eine gewisse Zeit gelungen. Eine Terrorgruppe, die es mit einem mächtigen Gegner aufnimmt, muss aber in der Lage sein, wiederholt und zu den Zeitpunkten, an denen es notwendig ist, große Anschläge wie die in Paris zu begehen, wenn sie ihre Ziele erreichen will. Diese Notwendigkeit hat der IS missachtet, vermutlich, weil er trotz aller projizierten Stärke dazu gar nicht in der Lage war. Genau wie schon Louis Beam und Abu Musab al-Suri erkannt haben, handelt es sich beim führerlosen Widerstand letztlich um eine Schwundstufe des bewaffneten Widerstands, die lediglich dazu dienen kann, den Kampf als solchen aufrechtzuerhalten und die Voraussetzungen für dessen allmähliche Ausweitung zu liefern. Eine erfolgreiche terroristische Kampagne setzt, wie schon Abu Bakr Naji in seinem Klassiker „The Management of Savagery“ argumentiert hat, dagegen die Fähigkeit voraus, immer wieder aufs Neue mit exzessiver Brutalität zuzuschlagen.[24] Verfügt eine Terrorgruppe nicht über diese Fähigkeit, wird ihre Kampagne wahrscheinlich scheitern.

Drittens setzt jede terroristische Kampagne, die politische Ziele verfolgt, eine passende Kommunikationsstrategie voraus, sonst läuft sie leer. Die Kampagne des IS war darauf angelegt, die Bereitschaft der kriegführenden Gesellschaften zu untergraben, den Konflikt fortzusetzen. Der richtige Adressat wäre damit die allgemeine Öffentlichkeit der kriegführenden Staaten gewesen. Der IS hätte also zum einen eine Möglichkeit finden müssen, mit seinen Videos und Verlautbarungen diese direkt zu erreichen. Hierzu hätte er diese gezielt adressieren und seine Botschaften so lange wiederholen müssen, bis, vermittelt durch die Medien, eine öffentliche Diskussion über seine Ziele in Gang gekommen wäre.[25] Stattdessen hat er seine Erklärungen einfach in die Welt gesetzt und darauf vertraut, dass die Richtigen diese schon zur Kenntnis nehmen würden. Genau das ist aber nicht passiert, seine Erläuterungen sind im Grunde nicht wahrgenommen worden – die Öffentlichkeit blickte weiter mit Entsetzen auf die schweren Menschenrechtsverletzungen des IS in Syrien und im Irak und damit auf den Grund des Eingreifens der Anti-IS-Koalition. Vor diesem Hintergrund wäre es dem IS ohnehin schwer gefallen, so wie eigentlich zum Erreichen seines Ziel notwendig, andere Botschaften zu kommunizieren: Aus seiner Perspektive wäre es insbesondere wichtig gewesen, der Öffentlichkeit einen plausibel anmutenden Ausweg aus der ständigen Bedrohung zu bieten. Dazu hätte er das Bedingungsgefüge zwischen den Angriffen der Anti-IS-Koalition und seinen Anschlägen immer wieder erklären müssen und die Zusage machen beziehungsweise einhalten müssen, dass in den Ländern, die aus der Koalition aussteigen, keine weiteren Anschläge passieren. Eine Kommunikationsstrategie der Gräueltaten und der Einschüchterung, wie vom IS praktiziert, ist hingegen sogar kontraproduktiv, weil sie dem Gegner keine andere Wahl lässt, als die existenzielle Bedrohung zu vernichten.

Im Nachhinein betrachtet hatte der IS kaum eine Chance, seine Terrorkampagne gegen westliche Gesellschaften mit Erfolg zu führen. Nicht nur, dass der Gegner übermächtig war, der IS war für diesen Konflikt zu schlecht vorbereitet und musste improvisieren, indem er seine Anschläge weitgehend auslagerte. Er hat diese bereits nahezu hoffnungslose Ausgangslage schließlich durch eigene Fehler in der Kommunikation zusätzlich verschlimmert. All dies kann beim nächsten Mal schon anders sein. Eine Terrorkampagne, die in der Lage ist, den Druck aufrechtzuerhalten, tiefe Angst in der Zielgesellschaft zu erzeugen, aber gleichzeitig einen einfachen Ausweg zu bieten, könnte durchaus ihre Ziele erreichen. Es wird sich zeigen, ob der IS oder andere terroristische Gruppen aus diesen Fehlern lernen.

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Published Online: 2019-04-09
Published in Print: 2019-04-05

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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