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Publicly Available Published by De Gruyter May 30, 2019

Bedrohungen Israels an seiner Nordgrenze

Ely Karmon

1 Einleitung

Mit dem absehbaren Ende des syrischen Bürgerkriegs wird sich die Sicherheitslage Israels nicht verbessern. Im Gegenteil, das Land sieht sich insbesondere vom Norden her strategischen Herausforderungen gegenüber, die primär vom Iran ausgehen bzw. dort ihren Ursprung haben. Die Sicherheitsbedrohungen unterscheiden sich nach den jeweiligen Sektoren. Von daher ist es angebracht, die unterschiedlichen Bedrohungsbereiche im Einzelnen abzuhandeln um dann am Ende ein Resümee zu ziehen. Die Analyse beginnt mit der Hisbollah im Libanon und geht dann zu den iranischen Bemühungen über, im Süden und Osten Syriens Fuß zu fassen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen in diesem Zusammenhang die Präsenz Russlands in Syrien sowie die Rolle des Iraks.

2 Hisbollah als Bedrohung Israels

Die größte Bedrohung stellt die Hisbollah im Libanon dar, weil die Führung dieser Organisation ideologisch und strategisch dem Regime in Teheran hörig ist, dessen zentrales Ziel die Zerstörung Israels bleibt. Die Hisbollah verfügt über ein umfangreiches Raketenarsenal (laut israelischen Nachrichtendiensten 120.000 – 150.000 Stück unterschiedlicher Typen), darunter Kurzstreckenraketen, einige davon mit hoher Zielgenauigkeit, fortgeschrittene Panzerabwehrraketen, landgebundene Seezielflugkörper und eine Flotte von Drohnen. Sie verfügt auch über starke Verbände mit der Fähigkeit zu hybrider Kriegsführung, die während ihres Einsatzes in Syrien umfassende Kampferfahrungen sammeln konnten.

Wie die Entdeckungen vom Dezember 2018 gezeigt haben, hat die Hisbollah in den vergangenen Jahren in einem viel größeren Ausmaß als erwartet Tunnel entlang der Grenze zu Israel gegraben, die im Falle eines Krieges offensive Militäraktionen gegen israelische Gemeinden in Galiläa ermöglichen sollen.[1] Diese hatte wiederholt der Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah, angekündigt,[2] wenngleich er deren Bedeutung nach der Entdeckung herunter spielte.[3] Im Januar 2015 veröffentlichte Hisbollah ein Video, in dem ein Anschlag simuliert wurde, der aus einem derartigen Tunnel heraus gegen israelisches Militärpersonal geführt werden sollte.[4] Solange die Entdeckung und Neutralisierung der Tunnels innerhalb von Israel erfolgt, scheint gegenwärtig keine Gefahr zu bestehen, dass die Operation eskalieren könnte. Allerdings könnte ein örtlicher Zwischenfall, der außer Kontrolle gerät, einen Funken entfachen, der zu einer Eskalation führen wird, insbesondere wenn die Iraner ein Interesse daran haben, die Situation auszunutzen.

Abb. 1: Ein Exemplar der Hisbollah Drone des Typs Ababil, die 2006 gegen Israel zum Einsatz kamen

Abb. 1:

Ein Exemplar der Hisbollah Drone des Typs Ababil, die 2006 gegen Israel zum Einsatz kamen

Die Hisbollah übt einen maßgeblichen Einfluss auf das politische System des Libanons aus. Dies betrifft vor allem das libanesische Parlament und Staatspräsident Michel Aoun, der die Hisbollah zu einer „legitimen Schutzmacht“ des Libanon erklärt hat.[5] Seit den letzten Wahlen hat die Organisation die Bildung einer unabhängigen, funktionstüchtigen Regierung verhindert. Sie hat auch die operative Zusammenarbeit mit der libanesischen Armee verstärkt, deren Soldaten größtenteils Schiiten sind.

Abb. 2: Die Hisbollah kontrolliert große Teil des Libanons

Abb. 2:

Die Hisbollah kontrolliert große Teil des Libanons

3 Die direkte Bedrohung durch den Iran

Die Anwesenheit iranischer Truppen in Syrien ist eng mit der Hisbollah verbunden. Sie dient schon lange nicht mehr der Bekämpfung der syrischen Opposition, sondern nimmt eine umfassendere, gegen Israel gerichtete Dimension ein. Iran versucht derzeit dauerhaft in Syrien Fuß zu fassen, indem er mit Hilfe der Hisbollah und anderer schiitischer Milizen unabhängige, nicht der Hoheitsgewalt des syrischen Staates unterliegende Stützpunkte für die iranischen Revolutionsgarden (Luftwaffe, Marine und Heer) errichtet.[6] Sollte der Iran mit diesem Vorhaben erfolgreich sein, würde dies eine strategische Bedrohung höchster Stufe für die Sicherheit Israels darstellen. Nach Aussage des israelischen Generalstabschefs Gadi Eisenkot habe der Iran etwa 3.000 Mann Militärpersonal in Syrien stationiert, die von etwa 8.000 Hisbollah Kämpfern und 13.000 schiitischen Milizionären unterstützt würden. In den vergangenen 7 Jahren hätte das Unternehmen den Iran etwa 7 Milliarden US Dollar gekostet.[7]

Die politisch Verantwortlichen in Israel wollen unter allen Umständen verhindern, dass sich in den „befreiten“ syrischen Gebieten jenes Szenario wiederholt, das sich seit dem Jahr 2000 und insbesondere seit dem Zweiten Libanonkrieg im Jahr 2006 im Libanon abspielt und welches es der Hisbollah erlaubt, mit Hilfe Irans und Syriens zu einer bedeutenden strategischen Bedrohung zu werden. Aus diesem Grund hat Israel in den letzten beiden Jahren systematisch militärische Stützpunkte und Waffenlager Irans, der Hisbollah und irakischer, afghanischer und pakistanischer schiitischer Milizen insbesondere in Südsyrien und in der Nähe der Golangrenze angegriffen und zerstört. Iran hat bislang keine großangelegte Vergeltung gegen Israel geübt, obwohl militärische Ressourcen Irans in Syrien Ziel fortgesetzter Luftschläge sind.

Einer Analyse des Relief Webs vom Herbst 2018 zufolge griff die israelische Luftangriffe in Syrien seit Januar 2017 mindestens 140 Ziele an.[8] Die meisten Angriffe (80) galten syrischen Militäreinrichtungen, weitere (26) regimetreuen Milizen, Hisbollah Einheiten (21) sowie iranischen Militäreinrichtungen (13). Geographisch gesehen konzentrierten sich die Anschläge auf das Grenzgebiet zu Israel und Jordanien (Kuneitra, Daraa, Douma, Sweida), auf den Raum um Damaskus und Gebiete im syrischen Hinterland, unter anderem an der Mittelmeerküste. Auch wurden Anschläge tief im Land durchgeführt, bis nach Aleppo. Anderen Angaben zufolge soll die Zahl noch höher gewesen sein (siehe Tabelle 1). Einer Aussage des israelischen Generalstabschefs, Generalleutnant Gadi Eisenkot, zufolge, soll es sogar mehr als 2.000 Angriffe bis Ende 2018 gegeben haben, viele auch schon in den Jahren davor.[9]

Tabelle 1:

Anzahl der israelischen Luftangriffe gegen Ziele in Syrien 2014–2018

Jahr

2014

2015

2016

2017

2018

Luftangriffe

6

15

16

17

112

Zahlenangaben nach Jane’s, Conflict Monitor by IHS Markit

Mittlerweile gibt es Berichte, wonach Iran aufgrund der anhaltenden israelischen Angriffe auf iranische Bodentruppen und deren Infrastruktur in Syrien versucht, Kämpfer der Hisbollah und verschiedener schiitischer Milizen in Einheiten der syrischen Armee einzuschleusen, die im Süden stationiert sind. Sie sollen syrische Armeeuniformen tragen, so dass sie nicht von regulären syrischen Soldaten zu unterscheiden sind.[10] Erwähnenswert ist auch, dass mindestens eine schiitische Miliz aus dem Irak, Harakat al-Nujaba, die im Süden Syriens stationiert ist, offiziell erklärte, sie habe eine Brigade zur Befreiung des Golans gegründet, die dieses Ziel aktiv verfolge.[11]

4 Russland als ein einflussreicher Faktor in der Kampagne gegen Iran in Syrien

Seit September 2015 beteiligt sich Russland aktiv an den militärischen Operationen des Assad-Regimes gegen oppositionelle Organisationen in ganz Syrien. Dazu kam es, nachdem der Iran, die Hisbollah und schiitische Milizen den Fortbestand des Assad-Regimes und der Herrschaft der Alawiten nicht sicherstellen konnten. Dank des militärischen Eingreifens Russlands (insbesondere in Form massiver Luftangriffe und begrenzter Bodenoffensiven) wurde der Widerstand oppositioneller Kräfte in den großen Städten – Damaskus, Aleppo, Hama und Südsyrien – gebrochen, so dass das Assad-Regime die Kontrolle über einen Großteil Syriens zurückerlangte. Dies geschah in militärischer Kooperation mit dem Iran und der Hisbollah.

Von dem Zeitpunkt an, wo Israel die iranische Präsenz auf syrischem Territorium als eine schwerwiegende Bedrohung seiner Sicherheit einstufte, verhandelte die Regierung auf höchster Ebene mit der russischen Führung und erzielte tatsächlich auch ein Einvernehmen über die Tolerierung von Angriffen auf Ziele in Syrien, die dazu dienen sollten, die dortige militärische Präsenz Irans zu verringern. Im September 2018 wurde allerdings während eines solchen Einsatzes ein russisches Aufklärungsflugzeug versehentlich von der syrischen Luftverteidigung abgeschossen. Ursache waren offenbar Abstimmungsprobleme zwischen der syrischen Flugabwehr und der russischen Luftraumkontrolle in der Region. Während anfangs Präsident Putin von einem tragischen Zwischenfall sprach,[12] machte die militärische und politische Führung Russlands nach wenigen Tagen Israel für den Zwischenfall verantwortlich.[13] Zudem lieferte es umgehend S-300-Flugabwehrraketen-Batterien an die syrische Armee, die zudem mit russischem Bedienungspersonal versehen wurden.[14] Außerdem verlangte Russland Veränderungen in der Abstimmung mit den israelischen Luftstreitkräften, die die Sicherheit von deren Einsätzen gefährden. In den folgenden Wochen gab es erst einmal keine israelischen Flugzeugangriffe mehr gegen Ziele in Syrien. Gleichzeitig drängte Russland offenbar den Iran, seine gegen Israel gerichteten Aktivitäten in Syrien zu verringern. Tatsächlich kam es zu einer partiellen Verlegung iranischer Waffen in den Libanon. Sie endeten in Beirut und führten zu einer Vergrößerung des Raketenpotenzials der Hisbollah.

Diese Entwicklungen führten zu erheblichen diplomatischen Friktionen zwischen Israel und Russland, die mehrere Monate anhielten. Im Dezember 2018 telefonierte der israelische Ministerpräsident Netanyahu mit dem russischen Präsidenten Vladimir Putin und informierte ihn über die Entdeckung von Tunneln der Hisbollah in Nordisrael. Putin soll die Nutzung von Tunneln durch die Hisbollah verurteilt haben.[15] Anlässlich eines Treffens zwischen beiden am 27. Februar 2019 in Moskau kam es dann zu versöhnlichen Tönen. Nach dem Treffen sagte Netanyahu, es sei auch eines der erklärten Ziele Russlands, die Iraner und alle anderen ausländischen Kämpfer dazu bringen, sich aus Syrien zurückzuziehen. Er berichtete, dass Russland und Israel eine gemeinsame Arbeitsgruppe einsetzen würden, die auf den Abzug sämtlicher ausländischer Truppen aus Syrien hinarbeiten werde, die im Bürgerkrieg kämpfen.[16] Eine israelische diplomatische Quelle erklärte, Putin habe von Israel keine Zurückhaltung in Syrien verlangt und in Bezug auf den Abschuss des russischen Spionageflugzeugs im September 2018 gesagt, diese Krise „liege hinter uns“.[17] Es ist bemerkenswert, dass eine solche Verständigung erreicht wurde, während sich Israel gleichzeitig große Mühe gab, die Vereinigten Staaten davon zu überzeugen, ihre Truppen nicht aus Nordsyrien abzuziehen.

5 Irak

Die politisch Verantwortlichen in Israel scheinen für einige Zeit die potentielle Bedrohung durch den Irak ignoriert zu haben. Dabei war der Irak für viele Jahre das Land, welches die Hauptachse der gegen Israel errichteten Front im Osten bildete. Mittlerweile hat der Iran seine militärische Präsenz und seinen politischen Einfluss im Irak ausgeweitet und dies wird zunehmend in Israel wahrgenommen. Es gibt Berichte, wonach Iran Mittelstreckenraketen auf irakisches Territorium verlegt und proirakische schiitische Milizen aktiviert hat, nicht nur um seine politischen Interessen zu befördern, sondern auch, um mit Unterstützung der Hisbollah eine südliche Verbindungsachse vom Irak durch Syrien bis in den Libanon aufrechtzuerhalten.[18]

In der Folge kam es anscheinend zu mehreren Luftangriffen der Israelischen Luftwaffe auf schiitische Kräfte an der syrisch-irakischen Grenze.[19] In der Zukunft wird es notwendig werden, den südlichen Korridor, den die Revolutionsgarde quer durch Syrien aufbaut, nicht nur zu überwachen, sondern auch zu neutralisieren.

6 Die Lage im Gaza-Streifen

Für die Bedrohungen aus dem Norden ist nicht ohne Bedeutung, wie sich die Lage im Gaza-Streifen entwickelt. Die dortige Lage wird bestimmt von der Strategie der Hamas, die man als „Drahtseilakt“ bezeichnen könnte. Hamas weiß ganz genau, dass die israelische Regierung und die israelischen Streitkräfte beinahe um jeden Preis den Frieden im südlichen Sektor wahren wollen, und solange einige der Forderungen der Hamas erfüllt werden (die Zahlung von Gehältern und effektive Maßnahmen gegen den Treibstoff- und Wassermangel sowie Stromausfälle), dürfte die Organisation kein Interesse daran haben, die Lage eskalieren zu lassen. Hamas selber hat auch wenig Anreize es zu einer größeren Konfrontation mit Israel kommen zu lassen. Aber dennoch setzt die Organisation begrenzte Mittel zur Provokation Israels ein. Seit März 2018 verfolgt Hamas eine Strategie der „Volkserhebung“ und nutzt dafür einfache Mittel wie Luftballons, Drachen mit Brandbomben und Märsche an die Grenzzäune. Jederzeit kann ein unkontrollierter, gewaltsamer Zwischenfall oder eine großangelegte Operation, die Opfer auf beiden Seiten fordert, zu einer gefährlichen Eskalation führen.

Sollte es im nördlichen Sektor zu einem Krieg oder einem groß angelegten Feldzug kommen, muss damit gerechnet werden, dass sich Hamas entschließt mitzumachen. Immerhin gibt es seit Jahren eine enge Kooperation zwischen Hisbollah und Hamas bei der Entwicklung und Herstellung von ungelenkten Raketen, die Ziele in Israel treffen können. Es gibt Berichte, wonach die Hamas auch Raketenstellungen gegen Israel im Süden Libanons aufstellt, der von der Hisbollah kontrolliert wird.[20]

7 Schlussbemerkungen

Das kürzlich erfolgte Aufspüren und Zerstören der von der Hisbollah angefertigten Tunnel im Norden Israels ist ein äußerst wichtiger nachrichtendienstlicher und operativer Erfolg, weil es die erklärte Absicht der Hisbollah vereitelt, Städte und Dörfer in Galiläa anzugreifen, wie es in dem detaillierten Video dargestellt ist, das die Organisation im Januar 2015 veröffentlichte hatte.

Psychologisch gesehen ist die Operation für die Bevölkerung an der Nordgrenze Israels von großer Bedeutung, denn dort behauptet man seit Jahren, dass die Hisbollah Tunnel gräbt. Inzwischen können sich die Bewohner Nordisraels etwas sicherer fühlen. Die größte strategische Bedrohung geht allerdings von dem gewaltigen Arsenal an Boden-Boden-Raketen der Hisbollah und von den gegenwärtigen Anstrengungen Irans aus, die Anzahl der hochpräzisen Kurz- und Mittelstreckenraketen, die in der ersten Angriffswelle militärische und zivile Ziele treffen könnten, zu erhöhen. Dies zeigte sich, als das Raketenabwehrsystem Iron Dome während des massiven Raketenbeschusses durch Hamas beim jüngsten Gewaltausbruch im Gaza-Streifen an seine Grenzen kam und nur einen geringen Prozentsatz der Raketen abfing.

Im Zweiten Libanonkrieg im Jahr 2006 konnte Israel aufgrund hervorragender Nachrichtengewinnung und Aufklärung in den ersten 34 Stunden des Krieges das Arsenal an Raketen der Hisbollah zerstören. Andererseits lässt sich in der gegenwärtigen politischen Situation im Libanon, in der die Regierung von der Hisbollah kontrolliert wird und die Armee fast zu deren Befehlsempfänger geworden ist, die Zerstörung des Raketensystems der Organisation ohne eine groß angelegte, möglicherweise präemptive Bodenoffensive nicht bewerkstelligen.

Published Online: 2019-05-30
Published in Print: 2019-05-27

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

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