Skip to content
Publicly Available Published by De Gruyter May 30, 2019

Reaktionen des Iran auf die Aufkündigung des JCPOA durch die USA

Wahied Wahdat-Hagh and Joachim Krause

1 Einleitung

Seit der Aufkündigung des Anfang 2015 vereinbarten Aktionsplans zum Stopp des iranischen Nuklearprogramms (Joint Comprehensive Plan of Action – JCPOA)[1] durch den amerikanischen Präsidenten Donald Trump am 8. Mai 2018 hat im Iran eine lebhafte Debatte über diesen Schritt stattgefunden, die im Westen wenig beachtet worden ist. Von daher kam für viele hiesige Beobachter die Ankündigung der iranischen Regierung vom 8. Mai 2019 überraschend, wonach sich das Land ab sofort nicht mehr an einige Bestimmungen des JCPOA gebunden sehe und Anfang Juli ganz aus dem Abkommen aussteigen werde, wenn sich die Europäer, Russland und China bis dahin nicht auf Wege verständigt hätten, die die Wirkungen der Sanktionen im Banken- und im Ölsektor weitgehend aufheben würden. Unmittelbarer Anlass für diesen Schritt war die am 4. Mai 2019 eingetretene Verschärfung der US-amerikanischen Sanktionen, die die iranische Wirtschaft empfindlich treffen. Ein Blick auf die innenpolitische Debatte im Iran lässt aber erkennen, dass dieser Schritt schon lange vorbereitet war und auch die Folgen absehbar sind. Die Wiederaufnahme der Urananreicherung wird voraussichtlich wieder eingeleitet werden mit dem Ziel der Produktion von Kernwaffen. Das, was die iranische Führung bislang von diesem Schritt abgehalten hatte, war die Hoffnung, dass die EU, Russland oder China Auswege bieten wie den Sanktionen der USA zu begegnen seien. Diese Hoffnungen haben sich als unrealistisch erwiesen.

2 Reaktionen auf die Aufkündigung des JCPOA

Die Aufkündigung des JCPOA wurde in der iranischen Politik sowie in den dortigen Medien massiv kritisiert. Interessant ist dabei nicht nur die Wiedergabe der einzelnen Positionen, sondern auch die Suche nach Nuancierungen. Ende Juli 2018 hatten die iranischen Medien berichtet, dass US-Präsident Donald Trump bereit sei, ähnlich wie mit Nordkorea einen bedingungslosen Dialog mit dem Iran zu führen.[2] Zwei Wochen später antwortete der iranische Revolutionsführer Ali Khamenei, dass er jede weitere Verhandlungen mit den USA ausschließe. Interessant war seine Begründung: „Ich habe einen Fehler gemacht“[3], sagte er und hob hervor, dass die Verhandlungen keine Erfolge für den Iran gezeitigt hätten. Im Einzelnen führte Ali Khamenei aus: „Das Atomabkommen war ein Fehler. Ich habe in Bezug auf die Verhandlungen einen Fehler gemacht und weil die Herren zudringlich darauf bestanden, habe ich ihnen es erlaubt, damit sie Erfahrungen sammeln.“ Khamenei sprach bezüglich seiner Ablehnung des Dialogs mit den USA davon, dass diese „endgültig“ sei. Verhandlungen seien nur „ein Instrument in den Händen der US-Regierung, um ihre Feindschaft durchzusetzen.“ Ali Khamenei versuchte dann die iranische Bevölkerung zu beruhigen, indem er erklärte: „Es wird keinen Krieg geben, und wir werden auch keine Verhandlungen führen.“ Es war das erste Mal, dass Ali Khamenei, von dem seine Anhänger glauben sollen, dass er als Vertreter Gottes auf Erden unfehlbar sei, eingestand, einen Fehler begangen zu haben. Wie die BBC berichtete, sei dieser Teil seiner Rede von den meisten iranischen Medien nach wenigen Stunden gelöscht worden, was zeigt, welch große Verwirrung im inneren Zirkel der Macht herrscht.

Andere Sprecher gingen noch sehr viel weiter als Khamenei. Im iranischen Parlament verbrannten iranische Politiker den Text des JCPOA zusammen mit der amerikanischen Flagge. Ein Mitglied des Majless sagte: „Wir haben das Atomabkommen verbrannt.“[4] Tatsächlich hatte Ali Khamenei zuvor das Stichwort dazu gegeben: „Falls die Amerikaner das Atomabkommen zerreißen, werden wir es verbrennen.“[5] Der Vorsitzende des Majless, Ali Larijani, setzte die Hasstiraden fort: Trump diene wie ein Dieb dem „zionistischen Regime“.[6]

Abb. 1: Der Höchste Führer der iranischen Revolution, Ayatollah Ali Khamenei, bedauert seine frühere Zustimmung zu dem JCPOA gegeben zu haben

Abb. 1:

Der Höchste Führer der iranischen Revolution, Ayatollah Ali Khamenei, bedauert seine frühere Zustimmung zu dem JCPOA gegeben zu haben

Der Oberbefehlshaber der Revolutionsgarden und Stabsleiter der gesamten bewaffneten Kräfte des Iran, Mohammad Ali Jafari, ging noch einen Schritt weiter und forderte den Ausstieg des Iran aus dem Atomabkommen.[7] Mohammad General Bagheri, Stabsleiter des iranischen Militärs, erklärte trotzig, dass das „iranische Volk von Anbeginn das Atomabkommen nicht gewollt“ habe.[8] Weitere hochrangige Militärs wie General Abdulrahim Moussawi zeigten sich ebenfalls erleichtert über den Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen.[9] Ayatollah Mohammad Taghi Mesbah Yazdi, ein konservativer iranischer Politiker, bat Gott in einer öffentlichen Predigt um Verzeihung, weil der Iran das Atomabkommen unterzeichnet habe. Er empfahl, sich nicht auf die Europäer zu verlassen, und fügte hinzu: „Sogar diejenigen, die auf China und Russland setzen, machen einen Fehler.“[10]

Im Frühjahr 2019 setzte eine weitere Verschärfung ein, als der als moderat geltende iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif die Möglichkeit eines Austritts des Iran aus dem Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag (NPT) androhte. Die Islamische Republik, so Zarif, habe zahlreiche Optionen und eine sei der Austritt aus dem Vertrag.[11]

3 Diskussion um die Wiederaufnahme der Urananreicherung

Zwar erklären iranische Politiker gebetsmühlenartig, dass der Iran keine Atomwaffen anstrebe, tatsächlich lässt die Diskussion innerhalb des Landes erkennen, dass die Wiederaufnahme des Uran-Anreicherungsprogramms sowie anderer militärisch relevanter Programme vorbereitet wird. Dabei wird erkennbar in welche Richtung die Iraner gehen wollen. So ordnete der Revolutionsführer Ali Khamenei einen Monat nach Kündigung des JCPOA an, dass die iranische Atomenergiebehörde dringend alle Vorbereitungen treffen solle, um Uran-Trennarbeit in einer Größenordnung von 190.000 SWU Uran pro Jahr zu ermöglichen.[12] Einen Tag später zitierte die iranische Nachrichtenagentur IRNA den Leiter der iranischen Atomenergiebehörde, Ali Akbar Salehi, mit der Äußerung, wonach der Iran ab Juni 2018 in Natanz mit der Herstellung von neuen Zentrifugen beginnen werde.[13] Einen Tag später betonte Salehi, dass innerhalb von 10 Monaten genügend Zentrifugen bereitstünden, um eine Anreicherungsleistung von 190.000 SWU zu realisieren.[14] In diesem Zusammenhang betonte Salehi, dass, falls der Iran aus dem JCPOA aussteige, er nicht auf der früheren Stufe des Uran-Anreicherungsprogramms stehenbleiben werde, sondern wesentlich höhere Stufen der Uran-Anreicherung anstrebe.[15] Für die iranische Nation, so Salehi, sei es nicht hinnehmbar, dass es sich bei seinem Nuklearprogramm Restriktionen unterwerfe, solange Sanktionen fortbestünden.[16]

Abb. 2: Die militärisch gesicherte nukleare Anreicherungsanlage in Natanz

Abb. 2:

Die militärisch gesicherte nukleare Anreicherungsanlage in Natanz

Die Forderung Khameneis nach einer Uran-Anreicherungskapazität, die 190.000 SWU pro Jahr erlauben würde, ist nicht neu. Schon im Jahr 2014 hatte er diese Zahl aufgeworfen und zudem verlangt, dass die Anreicherungsanlage in Fordow für den Feind „unerreichbar“ sein müsse.[17] Einer Analyse des King’s College in London zufolge verfügte der Iran im Jahr 2014 über einen Bestand an Zentrifugen in Natanz und Fordow, der zusammen eine Kapazität von 24.000 SWU ermöglichen würde.[18] Zur Begründung der Forderung Khameneis hätten iranische Politiker ausgesagt, dass der Iran sich langfristig von der Abhängigkeit zu Russland lösen wolle und deswegen eine Anreicherungskapazität in der Größenordnung von 190.000 SWU notwendig sei. Ali Akbar Salehi hatte damals ausgeführt, dass der Iran die Forderungen von Ali Khamenei innerhalb von acht Jahren werde umsetzen können.

Die Analyse des King’s College kam damals zu dem Ergebnis, dass diese Argumentation nur teilweise zutreffend sei. Tatsächlich laufe der Vertrag, unter dem Russland die Lieferung von nuklearem Brennstoff für den Atomreaktor in Buschehr zugesagt habe, im Jahre 2021 aus. Aber der Bedarf des Iran an leicht angereichertem Uran sei nicht so groß, dass dafür Anreicherungsarbeit in der Größenordnung von 190.000 SWU pro Jahr benötigt werde. Für Buschehr reiche eine jährliche Uran-Anreicherungskapazität von 100.000 SWU pro Jahr aus und für den Forschungsreaktor IR-40 in Arak, der nach iranischen Angaben nur medizinischen und industriellen Zwecken diene, sei lediglich eine Kapazität von 1.170 bis 2.340 SWU erforderlich. Es sei daher unklar, wofür der Iran zusätzliche 83.0000 SWU pro Jahr benötige, auch wenn sich das Land von Russland unabhängig machen wolle. Anreicherungskapazitäten in der Größenordnung von 190.000 SWU pro Jahr seien wiederum zu wenig, wenn man als Orientierungspunkt das immer wieder von führenden iranischen Politikern ins Gespräch gebrachte Ziel eines ambitionierten zivilen Atomprogramms mit bis zu 20 Atomreaktoren annähme.[19]

In der Analyse des King‘s College wurde davon ausgegangen, dass der Iran sich von Russland unabhängig machen wolle. Davon ist heute nicht mehr die Rede und die Abhängigkeit des Iran von seinem strategischen Partner Russland bei der Versorgung mit leicht angereichertem Uran bleibt auf absehbare Zeit bestehen. Demzufolge bleibt die Frage, was hinter der erneuten Forderung Ali Khameneis steckt, wieder eine Anreicherungskapazität von 190.000 SWU pro Jahr anzustreben.

Zwar mag die Forderung Khameneis Teil einer Politik sein, die den Druck auf die Europäer erhöhen soll. Sie ist andererseits aber klar in ihrer Zielsetzung und lässt erkennen, dass der Iran sich darauf vorbereitet, ein primär militärisch motiviertes Nuklearprogramm voranzutreiben, sobald die internationalen Umstände dieses nahelegen. Diese Zielrichtung wird durch Äußerungen iranischer Offizieller bestätigt. Der iranische Regierungssprecher Mohamad Baqer Nobakht kündigte an, dass der Iran im Falle des Ausstiegs Europas aus dem JCPOA-Atomabkommen nicht nur die Uran-Anreicherung wieder aufnehmen werde, sondern dass dann auch gleich ein Anreicherungsgrad von 20 Prozent U-235 anzustreben sei.[20] Ali Akbar Velayati, Ex-Außenminister und persönlicher Berater von Khamenei, verlangte, dass der Iran neue Generationen von Zentrifugen und stärkere Maschinen zur erneuten Anreicherung von Uran einsetzen solle.[21] Velayati forderte als ersten Schritt zur Wiederaufnahme der Uran-Anreicherung, die Produktion von Uranhexafluorid (UF6) einzuleiten. Auch Behruz Kamalvandi, Sprecher der iranischen Atomenergiebehörde, kündigte am 4. Juni 2018 in einem Schreiben an die Internationale Atomenergiebehörde an, dass der Iran die nötigen Schritte für die Produktion von UF4 und UF6 und für die erneute Montage der Zentrifugen bald unternehmen werde.[22]

Dem letzten Bericht der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO vom Februar 2019 zufolge hält sich der Iran weiterhin an das JCPOA,[23]aber es muss davon ausgegangen werden, dass nach Ablauf der Frist von 60 Tagen (d.  h. ab Juli 2019) der Iran seine Anreicherungsaktivitäten im großen Maßstab wiederaufnimmt und nach einer relativ kurzen Phase das Niveau der Anreicherung vor 2015 wieder erreichen wird. Die diesbezüglichen Vorbereitungen laufen offenbar seit Mitte 2018. Sollte der Iran den Weg der Wiederaufnahme der Uran-Anreicherung in einem Ausmaß jenseits des durch den JCPOA erlaubten beschreiten, müsste er allerdings auf einem niedrigeren Niveau anfangen, als es 2014 der Fall war. Konnten die Anreicherungsanlagen in Natanz und Fordow 2014 noch Anreicherungsarbeiten pro Jahr in der Größenordnung von 24.000 SWU durchführen, sind sie heute bei 6.000 SWU.[24]

4 Erwartungen an Europa, Russland und China

Sowohl die Staaten der EU als auch die anderen Garantiemächte des JCPOA (Russland und China) haben den Austritt der USA aus dem Abkommen nicht nachvollzogen, sondern erklärt, dass sie daran festhalten wollen. Die EU Staaten haben sogar im Januar 2019 eine Barter-Clearingstelle gegründet, die den Tauschhandel mit dem Iran zur Umgehung amerikanischer Sanktionen ermöglichen soll (Instrument in Support of Trade Exchanges – INSTEX). China hat wiederholt angekündigt, iranisches Öl kaufen zu wollen, hat dafür aber eine Sondergenehmigung der amerikanischen Regierung eingeholt, die sicherstellt, dass chinesische Firmen, die mit dem Iran handeln, in den USA nicht bestraft werden.

Im Iran wurden die europäischen Bemühungen mit großer Skepsis aufgenommen und Erwartungen geäußert, wonach es letztlich auf Russland und China ankomme. Der Vorsitzende des Majless, Ali Larijani behauptete, man könne sich nicht darauf verlassen, dass Europa am Atomabkommen festhalte. Der Iran werde nur über „einige Wochen diese Angelegenheit überprüfen.“ In diesem Zeitraum müssten die Europäer aufhören, über das Raketenprogramm zu „feilschen“. Nur wenn Europa gemeinsam mit China und Russland das „internationale Vakuum“, das die USA hinterlassen hätten, füllten, gäbe es möglicherweise einen Lösungsweg.[25]

Der frühere Außenminister Velayati forderte, dass der Iran von Europa Abstand nehmen und sich China und Russland annähern solle. Er sagte, dass „Europa weder den Druck ausüben wolle noch könne.“ Daher solle der Iran bei der Lösung von „Verteidigungsproblemen“ mit Russland zusammenarbeiten. Russland habe dem Iran „mehr oder weniger alles gegeben, was der Iran gefordert habe.“ Es sei der einfachste Weg, sich in Richtung Osten zu wenden, um die „Westler endlich loszuwerden.“ Er forderte den Erhalt der „Raketenmacht“ des Iran und den Erhalt von dessen regionaler Machtposition.

Auch Präsident Rohani scheint nicht viel auf Europa zu setzen, sondern sieht China als wichtigsten Partner. In einem Interview teilte er mit, dass „das Gerede von Trump entweder inländischen Nutzen bei den Wahlen verfolgt oder einer psychologischen Kriegsführung gegen das iranische Volk dient.“[26] Rohani betonte, dass China und Russland für den Iran eine „unvergleichbar“ relevantere Rolle als Europa spielten. Es sei China, das in Bezug auf das Atomprogramm und den Reaktor im Arak mithelfe. China sei zudem der weltweit größte Handelspartner des Iran. Es sei China, das bei den Verhandlungen der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit garantiert habe, seinen wirtschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen. Als die Firma Total aus einem Joint Venture zur Erdölgewinnung ausgestiegen sei, sei China eingesprungen. Er fügte hinzu: „Wir haben gute Beziehungen mit der ganzen Welt, aber unter den gegenwärtigen Bedingungen sind die asiatischen Staaten sehr wichtig für uns.“ Iran habe zudem gute Beziehungen mit den ASEAN-Staaten, dem Verband südostasiatischer Staaten.[27]

Entscheidend für das Verhalten des Irans ist die Haltung von Revolutionsführer Ajatollah Ali Khamenei. Dessen Position ist nicht ganz so deutlich. Zum einen hat er sich darauf verlegt, dass die Regierung von Hassan Rohani nicht auf Europa setzen dürfe.[28] Andererseits hat er sich dahingehend geäußert, dass er Europa noch eine Chance geben wolle. Das bedeutet im Klartext, dass Europa sieben Bedingungen erfüllen müsse, die aber absehbar nicht alle zu erfüllen sein würden. Diese seien im Einzelnen:

  • Im Sicherheitsrat müsse eine Resolution gegen die USA beschlossen werden.

  • Es dürfe keine Diskussion mehr über das iranische Raketenprogramm und die Rolle des Iran in der Region geben.

  • Der Handel zwischen den europäischen Banken und dem Iran müsse gewährleistet werden.

  • Dem Iran müsse garantiert werden, dass er Erdöl an die Europäer liefern könne.

  • Vertragsbrüche der Vergangenheit müssten wiedergutgemacht werden.

  • Europa müsse aktiv den US-Sanktionen Einhalt gebieten.

  • Falls die Europäer zögerten, diese Forderungen zu erfüllen, habe der Iran das Recht auf die Wiederaufnahme der Atomaktivitäten.[29]

Diese Konditionalisierung wurde seither von weiteren iranischen Politikern wiederholt, zuletzt von Außenminister Zarif auf der Münchener Sicherheitskonferenz im Februar 2019.[30] Der „Politische Beauftragte“ im iranischen Außenministerium (entspricht unserem Staatsminister), Abbas Araqchi, konstatierte, dass er zwar die „Ernsthaftigkeit“ der Europäer bezüglich des Erhalts des Atomabkommens wahrnehme, aber an ihrer „Fähigkeit zweifle.“[31] Er sagte, dass es durchaus denkbar sei, dass der Iran ebenfalls aus dem Atomprogramm aussteige, falls die „Europäer nichts erreichen würden.“ Zudem warnte er Frankreich, das Vereinigte Königreich und Deutschland, keine zusätzlichen Forderungen zu stellen. Das iranische Raketenprogramm dürfe keineswegs infrage gestellt werden.

Auch die Bemühungen der Bundesregierung und anderer Europäer um die Schaffung eines Barter-Mechanismus für den Handel mit dem Iran (INSTEX) fanden nur begrenzte Resonanz und stießen auf Skepsis. So kritisierte der iranische Experte Prof. Abdulrahman Fathe-Elahi den Vorschlag von Außenminister Maas zur Einführung eines alternativen Swift-Systems als unzureichend. Der Iran solle nicht auf die „Handelskonflikte zwischen Europa und den USA“ setzen, denn beide Seiten könnten ihre Widersprüche schnell beiseitelegen. Eine Swift-Alternative könne nicht eine Alternative für die anstehenden Sanktionen sein. Iran müsse seinen Handelsinteressen gerecht werden.[32]

5 Fazit

Die iranischen Reaktionen auf die Kündigung des JCPOA lassen erkennen, dass es einerseits in Teheran große Unterschiede in der Bewertung des Abkommens gab und gibt (Befürworter und entschiedene Gegner), dass andererseits aber Einigkeit darüber besteht, dass Vorbereitungen für die rasche und verstärkte Wiederaufnahme der Urananreicherung und anderer sensitiver Nuklearprogramme zu treffen sind. Der militärische Charakter der nuklearen Programme ist offenkundig. Iran hat überraschend lange an dem JCPOA festgehalten, offensichtlich, weil es Hoffnungen gab, dass die Europäer, China und auch Russland helfen können, die Sanktionen der USA zu umgehen. Die Erwartungen bezüglich der Europäer waren dabei immer an geringsten, viel mehr Hoffnungen setzte man auf China. Mit dem Auslaufen der Ausnahmegenehmigungen für Erdölkäufe chinesischer Firmen Seitens der US-Regierung Anfang Mai 2019 hat China jedoch nicht die Konfrontation mit der Trump-Administration eingeschlagen, sondern sucht nunmehr Erdöl aus anderen Ländern zu beziehen. Die damit verbundene Enttäuschung in Teheran dürfte der Auslöser für die Verkündung des Ultimatums sein, obwohl dieses sich primär an die Europäer wendet.

Die EU (und insbesondere Deutschland, Frankreich und Großbritannien) werden sich dem Ultimatum nicht beugen, haben aber außer gut gemeinten Warnungen vor militärischer Eskalation derzeit wenig anzubieten, was die Situation entspannen kann. Die Erwartung, durch INSTEX den Iran im JCPOA zu halten, haben sich nicht erfüllt. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Führung in Teheran im Juli ihre Drohungen nicht umsetzt, die Uran-Anreicherung wieder aufzunehmen. Wenn sie es dennoch tut, wird wieder die Situation eintreten, wie sie bis Anfang 2015 herrschte, wo der Iran sein Atomprogramm verfolgte und gleichzeitig Gegenstand massiver und effektiver Sanktionen aller westlichen Staaten war. Der Iran könnte dann sogar in Gefahr laufen, Gegenstand von gezielten Luftangriffen der USA und Israels zu werden, die das Atomprogramm zwar nicht beenden, aber zumindest verlangsamen können. Angesichts der zunehmenden wirtschaftlichen Probleme des Landes ist es schwer vorstellbar, dass der Iran die Konfrontation bis zur Spitze treibt – aber auszuschließen ist es auch nicht. Die Führung in Teheran hat Verhandlungen mit den USA ausgeschlossen. Das bedeutet, dass der Iran selbst zum Preis großer wirtschaftlicher Nachteile erst einmal auf die nukleare Karte setzen wird, wenn es zu keiner Wende in der Politik der USA kommt. Einseitige militärische Schritte des Iran gegen Verbündete der USA in der Region oder selbst gegen US Ziele können dabei nicht ausgeschlossen werden.

In den USA selber – und auch im Weißen Haus – ist derzeit eine kritische Debatte über die Politik der Trump-Administration entbrannt, die deutlich werden lässt wie amateurhaft und ideologiebehaftet diese Politik ist. Der amerikanische Präsident Trump steuert sein Land in eine Eskalation hinein, ohne dass er klare Vorstellungen davon hat, wie er diese beenden will (außer, dass die Iraner mit ihm einen „deal“ machen, der besser sein soll als das JCPOA). Es bleibt zu hoffen, dass in Europa (wie in Berlin) aus dem Kollaps des JCPOA die richtigen Schlussfolgerungen gezogen werden. Es reicht nicht aus, den ideologischen Charakter und den Unilateralismus der Trump-Administration zu kritisieren. Kritik ist auch an der eigenen Politik angebracht. Sowohl die drei führenden EU Staaten (Frankreich, Großbritannien, Deutschland) als auch die Obama-Administration hatten darauf gesetzt, dass mit dem Abschluss des JCPOA nicht nur das Nuklearprogramm des Iran eingefroren wird, sondern dass auch ein Prozess der allgemeinen Mäßigung im Iran einsetzt. Dies war zumindest die im Sommer 2015 geäußerte Erwartung der politisch Verantwortlichen in Europa und sie wird auch an der Struktur des JCPOA deutlich, welches eine Laufzeit von 15 Jahren hat. Die Erfahrungen der vergangenen 4 Jahre haben leider gezeigt, dass sich diese Erwartung ins Gegenteil verkehrt hat. Spätestens seit dem Fiasko anlässlich des Besuchs des damaligen Wirtschaftsministers Sigmar Gabriel in Teheran im Herbst 2016 hätte die Bundesregierung eine Neubewertung des JCPOA zusammen mit ihren europäischen und amerikanischen Partnern unternehmen müssen. Das ist nicht geschehen. Eine Änderung ist nur dann absehbar, wenn sich sowohl in Washington wie in London, Paris und Berlin die Überzeugung durchsetzt, dass man dieses Problem nur gemeinsam wird lösen können.

Literatur

Albright, David/Walrond, Christina (2011): Performance of the IR-1 Centrifuge at Natanz, Reports, 19.10.2011, Washington D. C.: Institute for Science and International Security, http://isis-online.org/uploads/isis-reports/documents/IR1_Centrifuge_Performance_18October2011.pdf.Search in Google Scholar

Published Online: 2019-05-30
Published in Print: 2019-05-27

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Scroll Up Arrow