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Publicly Available Published by De Gruyter September 7, 2019

General Gerasimov über die Entwicklungslinien der russischen Militärstrategie – Eine Analyse

Dave Johnson

1 Einleitung

Am 2. März 2019 hat General Valeri Gerasimov an der Russischen Akademie der Militärwissenschaften seine Gedanken über die sich wandelnden Anforderungen der modernen Kriegsführung und die Anpassung der russischen Militärstrategie dargelegt, die „Fragen der Vorbereitung auf einen Krieg und der Kriegsführung, hauptsächlich durch die Streitkräfte“ behandelt. Dabei setzte er die langjährige Tradition fort, wonach der Generalstabchef die Eröffnungsrede vor der Vollversammlung anlässlich der Jahrestagung der Akademie hält. General Gerasimov und seine Vorgänger haben die Konferenz als eine Gelegenheit genutzt, um für inländische und, in zunehmendem Maße, auch ausländische Zielgruppen die jeweils aktuelle Bedrohungseinschätzung, neue militärische Konzepte und die Schwerpunkte der zukünftigen Entwicklung sowie Reformvorhaben der russischen Streitkräfte aus der Sicht des russischen Generalstabs zu skizzieren.

Die jährlichen Ausführungen des Generalstabchefs können nützliche Aufschlüsse über das aktuelle russische militärwissenschaftliche Denken liefern, wenn sie im Gesamtzusammenhang folgender Faktoren beurteilt werden: die sonstigen maßgeblichen Äußerungen führender russischer Politiker und Militärs, den Entwicklungsstand der militärischen Fähigkeiten Russlands, seiner Streitkräfte und seiner Militärstrategie, das Niveau der militärischen Ausbildung und militärischer Übungen und die bestehenden Fähigkeit zur effektiven Führung militärischer Operationen. Andererseits versteht es die politische und militärische Führung Russlands immer besser, solche Ereignisse dazu zu nutzen, Wahrnehmungen im In- und Ausland zu manipulieren. Dies hat dazu beigetragen, dass man sich tendenziell auf sensationalistische Elemente russischer Verlautbarungen konzentrierte, über die manchmal verzerrt und oftmals aus dem Zusammenhang gerissen berichtet wird – und die dann als unanzweifelbare Wahrheiten hingestellt werden. Dies wiederum führt häufig zu der Fehleinschätzung, Ausführungen bei solchen Ereignissen hätten bedeutende neue Konzepte, Initiativen und Wendepunkte in der Entwicklung der russischen Streitkräfte offenbart.

 Valerij Gerasimov

Valerij Gerasimov

Tatsächlich bringen hohe russische Politiker und Militärs bei Ereignissen wie der Vollversammlung der Akademie der Militärwissenschaften, Tagungen des Collegiums des russischen Verteidigungsministeriums oder bei der jährlichen Rede des Präsidenten zur Lage der Nation vor der Föderationsversammlung ihr Publikum in Bezug auf bereits bekannte Konzepte und laufende militärische Programme lediglich auf den neuesten Stand. Manchmal lassen sie durchblicken, dass aufkommende Konzepte und damit verbundene, in Entwicklung befindliche Fähigkeiten in eine fortgeschrittene Phase der Rationalisierung oder Umsetzung eingetreten sind. Als solche können die Ausführungen für externe Beobachter nützliche Anhaltspunkte in Bezug auf den Stand des militärstrategischen Denkens und das Entwicklungsniveau der Fähigkeiten und Streitkräfte liefern. In diesem Aufsatz werden die wesentlichen Elemente der diesbezüglichen Ausführungen von General Gerasimov auf der jüngsten Tagung der Akademie der Militärwissenschaften beschrieben und in ihren größeren Zusammenhang eingeordnet.[1]

2 Überblick über die Ausführungen von General Gerasimov

General Gerasimov behauptete, dass die Formen potenzieller Kriege (bei denen eine ganze Bandbreite asymmetrischer oder „klassischer“ Mittel eingesetzt werden wird) und die Anzahl potenzieller Teilnehmer (souveräne Staaten, illegale Formationen, Privatunternehmen und Quasi-Staaten) zunehme. Außerdem steige die Kriegsgefahr. Dies ist seines Erachtens (und vermutlich nach Überzeugung des russischen Generalstabs) darauf zurückzuführen, dass die Vereinigten Staaten in der Nähe russischen Territoriums weiterhin militärische Infrastrukturen errichten und die strategische Stabilität untergraben, unter anderem dadurch, dass sie sich aus dem INF-Vertrag zurückzogen und möglicherweise den New-START-Vertrag nicht verlängern werden. Außerdem betrieben die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten eine aggressive Außenpolitik, die durch offensive militärischen Maßnahmen flankiert werde (Global Strike, Cross-Domain Coercion, Farbrevolutionen und Soft Power). Ziel der USA sei es, Staaten zu liquidieren, die ihnen nicht passten. Laut General Gerasimov wollen die geopolitischen Konkurrenten Russlands „ihre politischen Ziele nicht nur durch regionale Konflikte erreichen“, sondern sie bereiten sich auch darauf vor, „mit Präzisionswaffen aus der Luft, von See und aus dem Weltraum einen Krieg gegen einen ‚Gegner mit hochentwickelter Technologie‘ [d. h. Russland; D.J.] zu führen, und dabei auch Mittel aus dem Bereich der Informationstechnologie zur aktiven Konfrontation einzusetzen.“ Er behauptete, die Strategie der USA bestehe darin, die destabilisierenden Effekte des „Protestpotenzials einer fünften Kolonne“ mit Präzisionsangriffen auf Schlüsselziele gemäß einer Strategie des „Trojanischen Pferdes“ zu kombinieren.

Laut General Gerasimov zwingt die gegenwärtige Lage Russland dazu, die Formen und Einsatzmittel der Streitkräfte zur strategischen Abschreckung und zur Verteidigung des Staates weiterzuentwickeln. General Gerasimov sagte, die Reaktion Russlands auf gegenwärtige und absehbare Bedrohungen sei eine „Strategie der aktiven Verteidigung“, die voll und ganz im Einklang mit dem defensiven Charakter der russischen Militärdoktrin stehe. Die Strategie umfasse „integrierte Mittel zur prä-emptiven Neutralisierung von Bedrohungen für die Sicherheit des Staats“ und orientiere sich an folgenden Prinzipien:

  • Kriegsprävention: das bedeutet strategische Voraussicht, um rechtzeitig auf aufkommende Bedrohungen reagieren zu können.

  • Kriegsvorbereitungen: das bedeutet die Aufrechterhaltung einer hohen Kampfbereitschaft und Bereitschaft zur Mobilisierung der Streitkräfte und die Schaffung strategischer Reserven und Vorräte.

  • Kriegsführung: diese soll auf der Grundlage der koordinierten Anwendung militärischer und nicht-militärischer Mittel, unter Ausnutzung des Überraschungsmoments, mit Entschlossenheit und unter dem Gesichtspunkt der Kontinuität des strategischen Handelns eingesetzt werden.

Weiterhin sagte General Gerasimov, „durch rasches Handeln sollten wir dem Feind mit unseren präventiven Maßnahmen zuvorkommen, unverzüglich seine Schwachstellen identifizieren und androhen, ihm untragbare Schäden zuzufügen. Dies stellt sicher, dass wir die strategische Initiative erringen und behalten.“

General Gerasimov erläuterte die Verschiebung des relativen Gewichts und der tragenden bzw. unterstützenden Rollen nicht-militärischer und militärischer Mittel, wenn aus einem nicht-militärischen ein militärischer Konflikt wird. Ihm zufolge sind moderne Konflikte [die unterhalb der Ebene direkter militärischer Konfrontation angesiedelt sind; D.J.] „durch den integrierten Einsatz politischer, wirtschaftlicher, informationeller und anderer nicht-militärischer Mittel [gekennzeichnet], die alle mit Rückendeckung durch militärische Gewaltmittel angewandt werden.“ Im Rahmen der Kriegsvorbereitung und -führung jedoch „schaffen nicht-militärische Mittel, die den Verlauf und den Ausgang von Kriegen beeinflussen, die Voraussetzungen für den wirksamen Einsatz militärischer Gewalt.“ Kriege werden „auf der Grundlage des koordinierten Einsatzes militärischer und nicht-militärischer Mittel mit der entscheidenden Rolle der Streitkräfte“ geführt (Hervorhebung durch D.J.).

Der Generalstabschef hat Russlands Konzept der strategischen Abschreckung einschließlich nuklearer und nicht-nuklearer Elemente einer Neubestimmung unterzogen. Er machte eine Bestandsaufnahme der neuen strategischen und taktischen Kernwaffen sowie der doppelt verwendbaren und lasergestützten Waffensysteme, die dadurch Berühmtheit erlangten, als Präsident Putin sie in seinen Reden zur Lage der Nation vor der Föderationsversammlung in den Jahren 2018 und 2019 eigens erwähnte. Dazu gehören das Hyperschallwaffensystem Avangard, die Interkontinentalrakete Sarmat, das Lasersystem Peresvet, die ballistische Luft-Boden-Rakete Kinschal, der interkontinentale, atomar angetriebene Nukleartorpedo Poseidon, der interkontinentale, atomar angetriebene, nukleare Marschflugkörper Buresvestnik und der U-Boot-gestützte Marschflugkörper Zirkon. Er wiederholte die Erklärung von Präsident Putin, wonach geplant sei, die neuen Waffen gegen die Entscheidungszentren und Abschussbasen einzusetzen, die Angriffe mit Marschflugkörpern gegen Ziele auf russischem Staatsgebiet unterstützen – sie sollten „eine Bedrohung beantworten, indem sie eine Bedrohung schaffen.“ Er fügte hinzu, Militärwissenschaftler müssten auch Mittel suchen, um möglichen militärischen Operationen des wahrscheinlichen Gegners im und aus dem Weltall entgegenzutreten.

General Gerasimov berichtete, dass bei Einsätzen in Syrien gewonnene Erkenntnisse die Basis für eine „Strategie begrenzter Aktionen“ zur Verteidigung und Förderung nationaler Interessen jenseits des russischen Territoriums geliefert hätten. Diese Strategie, die noch weiterentwickelt werden solle, würde sich auf die Bildung einer eigenständigen Gruppe von Kräften konzentrieren, die überwiegend aus Angehörigen jener Teilstreitkraft bestehen solle, die für die konkrete Auftragserfüllung am besten geeignet wäre (in Syrien waren dies die Luft- und Weltraumkräfte). Die Strategie begrenzter Aktionen müsse die Informationsdominanz betonen, sich auf den verdeckten Einsatz der Gruppe von Kräften stützen und die Schaffung eines integrierten Systems aus Aufklärung, Angriffsmitteln und Führungsstrukturen anstreben, um die Lokalisierung, die Auswahl und selektive Schläge gegen kritische Ziele fast in Echtzeit mit strategischen und operativ-taktischen nicht-nuklearen Waffen zu ermöglichen. General Gerasimov geht auch davon aus, dass russische Truppen in Szenarien jenseits des russischen Hoheitsgebiets digitale Technologien, Robotik, Drohnen und Mittel der radio-elektronischen Kriegsführung beherrschen und zugleich deren Einsatz durch Gegner abwehren müssen. Laut General Gerasimov haben russische Kräfte in Syrien bei kombinierten militärischen und nichtmilitärischen Einsätzen mit internationalen Partnern wichtige Erfahrungen gesammelt, darunter auch ihre ersten Erfahrungen mit humanitären Einsätzen. General Gerasimov sagte, Kennzeichen moderner militärischer Konflikte seien feindliche Bemühungen, die innere Sicherheit des Staates zu destabilisieren. Entsprechend baue Russland ein System der Territorialverteidigung auf, das sich auf das abgestimmte Vorgehen von Ministerien und Behörden stütze, welches in „einer Phase eskalierender militärischer Bedrohungen und aufkommender Krisensituationen“ integrierte Sicherheit gewährleisten solle. Er wies insbesondere auf die Notwendigkeit eines Systems der integrierten Verteidigung kritischer staatlicher Infrastruktur gegen gegnerische Operationen in allen Bereichen hin, die darauf abzielten, „eine Atmosphäre von Chaos und Vertrauensverlust“ zu schaffen.

Der Generalstabschef wies darauf hin, dass die jüngsten Konflikte die wachsende Bedeutung der Informationsdomäne – neben den traditionellen militärischen Domänen Land, Luft und See – gezeigt hätten. Er sagte: „Da die Informationsdomäne keine klar definierte internationale Grenze besitzt, ermöglicht sie weitreichende, verdeckte Operationen nicht nur gegen kritische Informationsinfrastruktur, sondern auch gegen die Bevölkerung eines Landes, wodurch die nationale Sicherheit eines Staates direkt beeinflusst wird.“ Er fuhr fort: „Aus genau diesem Grund ist es die wichtigste Aufgabe der Militärwissenschaft, Antworten auf Fragen nach der Vorbereitung und Durchführung von Aktionen informationstechnischen Charakters zu finden.“

Über den Zusammenhang zwischen der Militärstrategie und der Vorbereitung der Wirtschaft zur Unterstützung von Verteidigungszielen sagte General Gerasimov, die Strategie müsse drei Fragen bezüglich der Kriegsertüchtigung der Wirtschaft (und insbesondere der Industrie) beantworten:

  • Auf was für einen Krieg solle sich die Wirtschaft vorbereiten und in welche Richtung solle diese Vorbereitung gehen?

  • Wie lasse sich die Wirtschaft überlebensfähig und krisenfest machen?

  • Wo sollten wirtschaftsrelevante Stätten und Anlagen errichtet werden, um sie bestmöglich verteidigen zu können?

Die Militärwissenschaft müsse außerdem vorhersagen, welche Art von Waffen die Anforderungen zukünftiger Kriege am besten erfüllten, da die Komplexität moderner Waffen ihre zügige Produktion zu Beginn eines Krieges ausschließe und sie daher in Friedenszeiten in ausreichender Zahl hergestellt werden müssten. General Gerasimov behauptete, das russische Verteidigungsministerium und der militärisch-industrielle Komplex hätten ein effektives System der Kooperation entwickelt, das es ermögliche, Einsatzerfahrungen bei der Entwicklung neuer Waffen zu berücksichtigen, von der Entwurfsphase bis zur Erprobung.

General Gerasimov bezeichnete die Steigerung der Kampfkraft der Streitkräfte als eine Priorität, wobei es sowohl um quantitative als auch qualitative Komponenten gehe. Im Zusammenhang damit gab er einen Überblick über Ziele wie etwa die Erhöhung der Anzahl der Berufssoldaten und die damit verbundene Verringerung der Abhängigkeit von Wehrpflichtigen, über Fortschritte bei der Erfüllung der Zielvorgaben des Staatlichen Rüstungsplans und über die laufende Modernisierung des Militärs. Er sagte, (spontane) Überraschungsübungen hätten die Fähigkeit der Teilstreitkräfte verbessert, voll einsatzfähige Einheiten über große Entfernungen zu verlegen, um Verbände von Streitkräften bei der Erfüllung von Aufgaben in unterschiedlichen strategischen Richtungen unterstützen. Er wies überdies auf die Notwendigkeit militärisch-politischer Arbeit hin, um die ideologische und moralisch-psychologische Widerstandskraft der Bevölkerung einschließlich und in erster Linie der Soldaten zu stärken.

3 Kontinuität, Feinschliff und Slogans

General Gerasimovs Ausführungen stehen in Einklang mit den wichtigsten Trends des russischen militärtheoretischen Denkens und der Gesamtentwicklung der russischen Streitkräfte im letzten Jahrzehnt. Er machte keine überraschenden Ankündigungen oder alarmierenden Enthüllungen, vielmehr sprach er mittlerweile vertraute Themen an, die er entsprechend den wichtigsten gegenwärtigen Anliegen Moskaus und den zentralen Botschaften, die übermittelt werden sollten, mehr oder weniger herausstrich. Seine übergeordneten Themen waren die wachsende Konfliktgefahr, die spezifische und andauernde Natur des Krieges und die laufende Anpassung der Reaktionen Russlands an das sich wandelnde sicherheitspolitische Umfeld. Die wichtigsten Themen, Konzepte und Prioritäten, über die General Gerasimov sprach, tauchten bereits in der russischen Militärdoktrin von 2014 und in unterschiedlichem Ausmaß in früheren Versionen der Militärdoktrin auf. Sie wurden auch in offiziellen Erklärungen und veröffentlichten militärischen Analysen erwähnt, die allesamt Teil des iterativen Prozesses sind, der Eingang in die russische Militärstrategie und Militärdoktrin und die Streitkräfte- und Fähigkeitenentwicklung findet.

General Gerasimov hat in seiner Rede teilweise auch bereits bekannte Ideen und Konzepte erweitert, präzisiert und klargestellt. So spiegelte sich in seinen Bemerkungen zum Beispiel eine Verschärfung der öffentlich ausgesprochenen Einstufung der USA und ihrer Verbündeten durch Moskau als der Ursache abnehmender Stabilität, erhöhter Bedrohungen Russlands und einer steigenden Kriegsgefahr wider. Diese direkte negative Beurteilung geht etwas weiter als in der Militärdoktrin von 2014 und deckt sich mehr mit der neueren Nationalen Sicherheitsstrategie Russlands von 2015. Die derzeitig gültige Militärdoktrin von 2014 bezeichnet Aktivitäten der NATO als eine äußere Gefahr für Russland. Dies ist eine kleine semantische Nuance, aber eine, an die russische Gesprächspartner jeden erinnern, der sie unrichtig referenziert. Wenn gegenwärtige Trends fortdauern, wird jede Neubearbeitung der Militärdoktrin vermutlich eine unmissverständliche Benennung der Vereinigten Staaten und der NATO als Bedrohungen für Russland enthalten. Auf diese Weise würde die Militärdoktrin in Einklang gebracht mit der Nationalen Sicherheitsstrategie von 2015, in der es heißt: „Das Erstarken Russlands findet im Kontext neuer, komplexer und miteinander zusammenhängender Bedrohungen für die nationale Sicherheit statt. Die Tatsache, dass die Russische Föderation eine eigenständige Außen- und Innenpolitik betreibt, löst Gegenmaßnahmen seitens der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten aus, die danach streben, ihre globale Vormachtstellung aufrechtzuerhalten.“[2]

In ähnlicher Weise hat General Gerasimov bei seiner Beschreibung der Reaktion Russlands auf die sich verändernden sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen altbekannte Ansätze und Prinzipien aufgezählt. Die von ihm skizzierte „Strategie der aktiven Verteidigung“ signalisiert eine wachsende Bereitschaft für einen proaktiveren Einsatz militärischer Mittel „für die prä-emptive Neutralisierung von Bedrohungen.“ Die Bezeichnung „Strategie aktiver Verteidigung“ für bestehende russische Praktiken scheint auch ein rhetorisches Propaganda-Werkzeug zu sein, um die langfristige russische Multi-Domän-Kampagne zur Unterminierung der bestehenden Weltordnung als eine defensive Reaktion auf eine, wie Moskau behauptet, Hybridkampagne des Westens gegen Russland hinzustellen. Dies steht in Einklang mit Behauptungen der russischen Staatsführung, Russland sei eingekreist und werde angegriffen, und alles, was Russland tue, sei defensiver Natur. Von daher ist es nur ein weiterer jener Begriffe im russischen Wörterbuch, die das bezeichnen, was im Westen seit 2014 „hybride Kriegsführung“ genannt wird (damals wurde dieser Ausdruck, der ursprünglich auf den israelisch-palästinensischen Konflikt gemünzt war, erstmals auf die russische Multi-Domän-Konfliktstrategie unterhalb der Schwelle einer direkten militärischen Auseinandersetzung angewandt).

Russische Analytiker und Führungspersönlichkeiten bestreiten, dass Russland sich aggressiv verhalte und dass sich der Ausdruck „hybride Kriegsführung“ auf das Verhalten Russlands anwenden lasse. Russische Analytiker und Führungspersönlichkeiten haben eine eigene Terminologie entwickelt, die sie auf die wahrgenommene Aggression gegen Russland anwenden (kontrolliertes Chaos, Zermürbungs- und Zerstörungsstrategie, Technologie der Farbrevolutionen, hybride Kriegsführung) und auf die, aus ihrer Sicht, defensiven Reaktionen Russlands (neue Formen von bewaffneten Konflikten und Strategie der aktiven Verteidigung).[3]

Zudem schaffen die Ausführungen von General Gerasimov über den Vorrang militärischer Mittel gegenüber nicht-militärischen Mitteln Klarheit in Bezug auf:

  • die Rolle angedrohter militärischer Gewalt zur Unterstützung asymmetrischer (nicht-militärischer) Mittel in Konflikten unterhalb der Schwelle direkter militärischer Auseinandersetzung

  • die Rolle asymmetrischer (nicht-militärischer) Mittel sowohl vor als auch während direkter militärischer Konflikte für die Schaffung günstiger Bedingungen für die erfolgreiche Anwendung militärischer Gewalt

  • die führende Rolle militärischer Gewalt, sobald eine direkte militärische Auseinandersetzung im Gange ist, wobei asymmetrische (nicht-militärische) Mittel eine unterstützende Rolle spielen.

Dies verdeutlichte die Rolle nicht-militärischer russischer Aggressionen gegen die bestehende Weltordnung, um so die strategischen Rahmenbedingungen, auch für potenzielle militärische Aggressionen, zugunsten Russlands zu verändern. Es erinnert auch daran, dass das militärische Element russischer Aggressionen auf allen Konfliktebenen präsent ist. Schließlich deutet es darauf hin, dass der Nutzen asymmetrischer (nicht-militärischer) Reaktionen auf eine russische Aggression in dem Maße abnimmt, wie ein nicht-militärischer Konflikt in einen direkten militärischen Konflikt übergeht.

General Gerasimov wandte neue Bezeichnungen auf einige vertraute Konzepte an, und ihre sloganhafte Prägnanz sorgte später für einige aufsehenheischende Schlagzeilen in den Medien. Dazu gehörte auch seine Bezeichnung der aus Moskauer Sicht doppelten Bedrohung durch Farbrevolutionen und Präzisionsangriffe als einer „US-Strategie des Trojanischen Pferdes“, die in russischen und westlichen Medien als etwas Neues aufgegriffen wurde. Bekanntlich sieht man in Moskau in Farbrevolutionen seit Anfang der 2000er Jahre eine vom Westen inspirierte und dirigierte Bedrohung des gegenwärtigen Regimes.[4]

Konventionelle Präzisionsangriffe werden seit 1990–1991, als die Vereinigten Staaten während des Ersten Golfkriegs erstmals demonstrierten, dass sie die operative Fähigkeit dazu besitzen, von Moskau als eine wachsende Bedrohung empfunden. Führende russische Politiker und Militärs sowie Militäranalytiker begannen, einen Zusammenhang zwischen Farbrevolutionen und Präzisionsangriffen herzustellen und sahen darin nach der Operation Unified Protector in Libyen im Jahr 2011 eine gezielte Strategie des Westens. Die eng damit verbundenen vermeintlichen Bedrohungen durch von außen arrangierte Destabilisierungskampagnen, Informationsoperationen zur Beeinflussung von Bevölkerungen sowie Erfordernisse der Territorialverteidigung haben in der russischen Militärdoktrin in ihren Fassungen von 2010 und 2014 eine wichtige Rolle gespielt und werden bei militärischen Vorträgen und militärischen Übungen regelmäßig thematisiert.

Der von General Gerasimov geprägte Begriff „Strategie begrenzter Aktionen“ zur Verteidigung und Förderung nationaler Interessen jenseits der Grenzen Russlands ist ebenfalls eine Neubezeichnung einer langjährigen Strategie und Praktik und hat die Aufmerksamkeit der Medien auf sich gezogen. Der potenzielle Einsatz militärischer Formationen jenseits des russischen Territoriums zur Verteidigung russischer Interessen (und Bürger) wird in der Militärdoktrin in den Fassungen von 2000, 2010 und 2014 ausdrücklich erwähnt. In der Fassung von 1993 wird der aus der Sowjetzeit stammende Ausdruck „militärische Unterstützung für andere Staaten“ verwendet.[5] Außerdem zeigen Operationen in Angola, Afghanistan, Georgien und der Ukraine, dass der Einsatz von Streitkräften außerhalb sowjetischen bzw. russischen Territoriums kein neues Konzept ist.

Allerdings konzentrieren sich die Ausführungen von General Gerasimov auf die erfolgreichen Operationen Russlands in Syrien als Basis für die Weiterentwicklung der Strategie begrenzter Aktionen und ihre Umsetzung im Bedarfsfall. Dies deckt sich mit öffentlichen Aussagen führender russischer Politiker und Militärs, die betont haben, wie nützlich die in Syrien gemachten Erfahrungen für die Entwicklung militärischer Einsatzkonzepte sind. Es deutet auch darauf hin, dass die politische und militärische Führung Russlands einen Unterschied macht zwischen Operationen in an Russland angrenzenden Ländern und weiter entfernten Einsätzen. Diese Differenzierung hat womöglich sowohl politische als auch militärische Komponenten. Die politische Führung in Moskau stuft Staaten an der Peripherie Russlands anders ein als weiter entfernte Staaten; sie erkennt deren Souveränität nicht an und betrachtet sie als Teil der russischen Interessenssphäre. Die von der militärischen Führung getroffene Unterscheidung hat vermutlich eine praktischere und pragmatischere Grundlage in den ganz anderen und anspruchsvolleren Anforderungen für Out-of-Area-Einsätze einer Expeditionsstreitmacht im Vergleich zu Operationen auf angrenzendem Territorium. So gesehen stellen die erfolgreiche Besetzung und völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland und die De-facto-Abtrennung der Region Donbas von der Ukraine, obgleich sie, rechtlich gesehen, „jenseits des russischen Territoriums“ liegen, eine Herausforderung anderer Art dar als Syrien. Zudem wird die politische und militärische Führung Russlands den Nutzen der in der Ukraine gesammelten Einsatzerfahrungen so lange, wie sie ihre Haltung der „unglaubwürdigen Bestreitbarkeit“ des russischen Engagements auf der Krim und im Donbas beibehalten wird, wohl kaum öffentlich zugeben.

Das Konzept für Einsätze jenseits des russischen Staatsgebiets, das in der Vergangenheit fast eine Art Anhängsel der russischen Militärdoktrin zu sein schien, wird bei künftigen Neufassungen wohl ebenfalls weiter ausgearbeitet werden. Allerdings war schon vor General Gerasimov jüngster Ansprache an der Akademie der Militärwissenschaften offensichtlich, dass »die Syrien-Erfahrung dem strategischen Denken und der Einsatzführung der russischen Streitkräfte ihren Stempel aufprägen würde«, wie es Dmitriy Adamsky formulierte, und die Umrisse dieses von Gerasimov beschriebenen Einflusses sind bereits beschrieben worden.[6]

4 Fazit

Die jüngste Rede von General Gerasimov an der Russischen Akademie der Militärwissenschaften vermittelt mehrere Botschaften. Erstens, niemand sollte einen Kurswechsel bei der Strategie, den Handlungen oder in der Militärdoktrin Russlands erwarten. Russland wird seine Kampagne zur Unterminierung der bestehenden Weltordnung fortsetzen und diese nach seinem Geschmack, auch mit militärischen Mitteln, umgestalten. Zweitens, der Erfolg in Syrien hat das Risiko, das Moskau einging, gerechtfertigt und seine Strategie bestätigt. Folglich wird Russland seine Streitkräfte darauf vorbereiten, bei Bedarf mehr Expeditionseinsätze in strategisch bedeutsamen Regionen durchzuführen. Drittens, die politische und militärische Führung Russlands nimmt in diesem Zusammenhang das Risiko eines größeren Krieges ernst und bereitet die Streitkräfte, die Verwaltung, die Industrie und die Bevölkerung auf diese Möglichkeit vor. Diese Trends deuten darauf hin, dass sich eine neue Ära des geopolitischen Wettbewerbs mit einem ebenbürtigen Konkurrenten verfestigen dürfte und die NATO entsprechend darauf vorbereitet sein sollte, auf Jahre hinaus in einem sicherheitspolitischen Umfeld, in Einsatzdomänen und Einsatzgebieten zu operieren, die ihr streitig gemacht werden.


Hinweis

diese Analyse erschien in englischer Sprache als Publikation des NATO Defence College in der Reihe Russian Studies. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung durch das NDC.


Published Online: 2019-09-07
Published in Print: 2019-09-01

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