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Publicly Available Published by De Gruyter September 7, 2019

Warum hat die Koalition den Krieg im Jemen noch nicht gewonnen?

Helen Lackner

Jetzt, wo der Krieg im Jemen in sein fünftes Jahr geht, kann man mit Fug und Recht die Frage stellen, warum ihn die Militärkoalition unter saudischer Führung noch nicht gewonnen hat, obwohl sie über hochmodernes Kriegsgerät im Wert von vielen Milliarden Dollar, Streitkräfte aus zahlreichen Ländern und technische Unterstützung durch die Vereinigten Staaten und Großbritannien verfügt. Um dies beantworten zu können, muss man sowohl militärische als auch politische Aspekte betrachten.

Erstens, die Huthis: Nach fünfzehnjährigem Krieg – zuerst gegen das Regime des ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh und, seit 2015, gegen die Koalition – hat die einstige kleine Guerrilla-Bewegung erheblich an militärischer Erfahrung und Schlagkraft gewonnen. Dies hat es ihr ermöglicht, in den Sa’da-Kriegen gegen die gut ausgebildeten Streitkräfte Salehs die Oberhand zu gewinnen, Saleh später zu töten, als ihr Bündnis im Dezember 2017 zerbrach, sowie während des gegenwärtigen Konflikts zahlreiche Vorstöße auf saudisches Territorium durchzuführen. Sie besitzen keine Luftwaffe (diese wurde in den ersten Stunden der Militärintervention unter saudischer Führung im März 2015 zerstört), beherrschen aber den Einsatz von Drohnen und haben die Reichweite ihres Arsenals an osteuropäischen SCUD-Raketen, das sie vom Regime Saleh erbten, verbessert. Tatsächlich gibt es Anhaltspunkte dafür, dass ihnen sowohl die libanesische Hisbollah als auch das iranische Regime geholfen haben, ihre Raketen technisch zu optimieren und ihre Strategien zu verbessern. Allerdings sind sie in Bezug auf Mannschaftsstärke und Ausrüstung der saudisch geführten Koalition noch immer haushoch unterlegen. Trotzdem sind sie noch immer weit davon entfernt, besiegt zu sein: zwischen 2004 und 2019 sind sie von einer kleinen Guerrilla-Truppe zu einer schlagkräftigen Armee geworden.

Zweitens, die Militärkoalition unter saudischer Führung: Hier können wir mit den nicht-jemenitischen Elementen beginnen. Saudi-Arabien hat seine Intervention weitgehend auf Luftangriffe beschränkt, mittlerweile fast 20.000 an der Zahl, bei denen Zehntausende von Zivilisten getötet und verletzt wurden. Viele dieser Angriffe, u. a. schlagzeilenträchtige Bombardierungen von Trauerfeiern, Hochzeiten, Märkten und medizinischen und Bildungseinrichtungen, haben dazu beigetragen, dass die ganze Operation zu einem PR-Debakel geraten ist. Gibt es saudische Bodentruppen im Jemen? Ja, aber nicht an den Hauptfronten. Vielmehr haben sie in Aden in den Jahren 2017–18 und auf der Insel Sokotra im Jahr 2018 interveniert, um zwischen lokalen Milizen, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt wurden, und loyalen Gefolgsleuten des jemenitischen Präsidenten Abdo Rabbu Mansour Hadi zu vermitteln. In jüngerer Vergangenheit waren sie in Mahra anzutreffen, das gegenwärtig ein Ort internationaler Rivalitäten ist – zwischen Oman, Saudi-Arabien, VAE und lokalen Machthabern, die kaum etwas mit dem Krieg gegen die Huthis zu tun haben.

Nach der Tötung von über 50 Soldaten der VAE in Marib im September 2015 haben die VAE die Präsenz ihrer Bürger vor Ort erheblich reduziert; sie setzen jetzt hauptsächlich auf sudanesische und kolumbianische Truppen unter emiratischem Befehl als „Kanonenfutter“, sowohl an den Frontlinien in den südlichen Gouvernements als auch bei den Kämpfen in der Tihama entlang der Küste des Roten Meeres.

Was jemenitische Truppen anlangt, so reichen ihre Loyalitäten über das gesamte politische Spektrum des Jemen. Während nur sehr wenige Präsident Hadi treu ergeben sind, ist praktisch jede andere politische Splittergruppe repräsentiert. Zu den wichtigsten gehören Mitglieder der Islah-Partei, die loyal zu Vizepräsident Ali Mohsen stehen – einem ehemaligen engen Verbündeten des getöteten Präsidenten Saleh – und im Gouvernement Ma’rib, an den Nordfronten entlang der saudischen Grenze sowie in den Gouvernements Ta’izz, al-Baida’ und Schabwa operieren. Die zweitwichtigste Gruppe sind jetzt die gut trainierten und ausgerüsteten Streitkräfte von Tareq Saleh (dem Neffen des ehemaligen Präsidenten), die an der Seite von Truppen der Koalition in der Tihama operieren und für die größten Vorstöße auf die Stadt al-Hudaida seit Mitte 2018 verantwortlich sind. Die dritten sind zahlreiche Gruppen südjemenitischer Salafisten, die loyal zu ihren mit den VAE verbündeten Anführern sind und heute, ungeachtet ihrer Abneigung, sich im Norden zu engagieren, auch jenseits des Südens aktiv sind. Sie kämpfen auch im hohen Norden, wo sie offiziell unter dem Kommando von Ali Mohsen stehen, aber ihre Loyalität gegenüber ihm ist zweifelhaft. In der Tihama haben sie oft schnelle, unkoordinierte und schlecht geplante Vorstöße nach Norden unternommen, was sie anfällig für Gegenangriffe der Huthis machte.

 Die jemenitische Hauptstadt Sana‘a vor dem Krieg

Die jemenitische Hauptstadt Sana‘a vor dem Krieg

Druck seitens der Vereinten Nationen, der USA und anderer veranlassten die Koalition dazu, Ende 2018 ihre Offensive gegen Hudaida einzustellen, und die Kriegsparteien schlossen bald darauf eine Vereinbarung, das sogenannte Stockholm-Abkommen. Die Hudaida-Offensive wurde von der Weltöffentlichkeit und humanitären Akteuren scharf kritisiert, da von vielen vorhergesagt wurde, dadurch würde aus einem humanitären Desaster eine Katastrophe für Millionen hungernder Jemeniten werden. Dennoch ist die Führung der Koalition nach wie vor davon überzeugt, die Einnahme al-Hudaidas würde die Huthis zur Kapitulation zwingen, was mit erklärt, weshalb diese Vereinbarung gegenwärtig ins Wanken gerät.

Während die Augen der Weltöffentlichkeit auf al-Hudaida gerichtet sind, haben jüngste Kämpfe zwischen Huthi-Truppen und den Hajur-Stämmen in Haddscha im Jahr 2019 nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen. Während sich die Aufmerksamkeit der Medien auf das durch die Huthi-Offensive gegen einen Stamm, der bis dahin neutral geblieben war, verursachte Leid von Zivilisten richtete, wurde die politische und militärische Bedeutung dieser Schlacht übersehen. Wären die Hajur-Stämme ausreichend unterstützt worden, hätte die Koalition erhebliche Fortschritte bei der Unterbrechung aller Hauptverbindungswege von Sa’da nach Sana’a machen können, sodass die Huthi-Truppen aufgespalten und in zwei getrennten, unverbundenen Gebieten isoliert worden wären. Das wäre ein bedeutender politischer und militärischer Erfolg gewesen. Der Abwurf von Waffen und Ausrüstungsgütern durch die saudische Luftwaffe zur Unterstützung der Anti-Huthi-Truppen schien wenig zu bewirken, während die Hadi-Regierung Hilfsangebote von Tareq Saleh und anderen salafistischen Truppen in der Tihama ignorierte, nachdem ihre eigenen Befehle zur Verlegung von Truppen aus Hadramaut und al-Mahra nicht umgesetzt worden waren. Das Ergebnis ist, dass die Huthis jetzt dieses Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht haben und ihre gewohnt rücksichtslosen Taktiken gegen die Bevölkerung und deren Anführer anwenden, und die Chance zu einem bedeutenden militärischen Durchbruch wurde vertan.

Dieses jüngste Beispiel für die Spaltungen und Rivalitäten innerhalb der jemenitischen Elemente der Koalition folgt vielen anderen, die mittlerweile seit Jahren in Ta’izz und al-Baida’ alltägliche Realität sind. Differenzen zwischen emiratischen und saudischen Elementen (siehe Aden, Sokotra und al-Mahra in den letzten beiden Jahren) verstärken die Rivalitäten zwischen südjemenitischen Separatisten, die von den VAE unterstützt werden, und der Regierung Hadi, was hin und wieder zu saudischen Vermittlungsbemühungen führt. All dies erklärt zu einem erheblichen Teil die Tatsache, dass es kaum Bewegung in dieser kriegerischen Auseinandersetzung gibt. Beobachter und Jemeniten fragen zu Recht, ob dies lediglich Anzeichen politischer Rivalitäten sind oder ob die Fortsetzung des Krieges anderen Interessen dient, etwa der Bereicherung der Kriegsherren auf allen Seiten.

Im Juli 2019 kam es zu einem teilweisen, aber durchaus signifikanten Abzug der VAE Truppen von der Tihama Küste am Roten Meer. Dies bedeutet erst einmal, dass die befürchtete internationale Offensive der Koalition gegen die Hafenstadt al-Hudaida ausbleiben wird. Allerdings haben die Kämpfe in diesem Gebiet zugenommen, nachdem sich abzeichnete, dass die Friedensverhandlungen keinen Fortschritt machen. An dieser Lage wird sich nicht viel ändern und es ist zu erwarten, dass die führende Rolle, die die VAE in diesem Gebiet eingenommen hatte, nunmehr durch Saudi-Arabien übernommen werden wird. Allerding sind weder die VAE noch die Saudis in dieser Region mit größeren Truppenkontingenten vertreten. Die übrigen, meist miteinander rivalisierenden jemenitischen Truppen und Milizen, die sich derzeit in der Tihama-Küstenregion aufhalten, werden vermutlich ebenso häufig einander bekämpfen wie die Huthis. Ähnlich wird es den südlichen Regionen des Jemen ergehen, wo die reduzierte Präsenz der Emirate die Konflikte innerhalb der Anti-Huthi-Kräfte wiederaufleben lassen wird, die im Übrigen auch nicht alle zu den pro-Hadi Kräften gezählt werden dürfen.

Im fünften Kriegsjahr bleibt die grundlegende Tatsache festzustellen, dass Millionen von Menschen nicht nur wegen der (und das ist sehr milde ausgedrückt) „Gefühllosigkeit“ ihrer Anführer leiden und sterben, sondern auch unter dem mangelnden Respekt für menschliches Leben und Menschenrechte Seitens der Anführer der internationalen Koalition – Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate.


Hinweis

Dieser Artikel erschien in einer früheren Version in englischer Sprache auf der Webseite des Sana’a Center for Strategic Studies, Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Sana’a Center; http://Sana’acenter.org/publications/analysis/7239.


Published Online: 2019-09-07
Published in Print: 2019-09-01

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