Skip to content
Publicly Available Published by De Gruyter September 7, 2019

Hussam Radman: Al-Qaeda’s Strategic Retreat in Yemen: Sana’a: Sana’a Center for Strategic Studies, 2019.

Remko Leemhuis

Reviewed Publication:

Radman Hussam Al-Qaeda’s Strategic Retreat in Yemen Sana’a Sana’a Center for Strategic Studies 2019


Der anhaltende Bürgerkrieg im Jemen ist zweifellos bereits jetzt eine der größten Tragödien nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Seit dem Jahr 2016 erlebte das Land zwei epidemische Cholera Erkrankungswellen, hunderttausende Kinder leiden unter Mangelernährung und das gesamte Land ächzt unter dem Bürgerkrieg, der 2011 nach dem Sturz der Regierung begann.

Chronische Instabilität, das dazugehörige politischen Vakuum, ein schwer zugängliches Terrain und eine weitgehend tribal geprägte Gesellschaft, bieten beste Voraussetzungen für Tanzim al-Qāʿida fī ǧazīrat al-ʿArab, oder al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AQAP,) dem lokalen Ableger des weltweiten Terrornetzes. Obwohl die Organisation sich nach dem Jahr 2015, als sie Jemens fünfgrößte Provinz und erhebliche Gebiete des Landes kontrollierte, momentan auf dem Rückzug befindet, ist ein Sieg über die Terrorgruppe nach wie vor in weiter Ferne. Dabei kommt der Gruppe entgegen, dass sie durchaus einen gewissen Pragmatismus an den Tag legt. Wenn sie die Kontrolle über Territorium übernimmt, dann agiert sie zurückhaltend und flexibel, wenn es um die Umsetzung ihrer religiösen und gesellschaftspolitischen Vorstellungen geht. Ebenso schaffte es die Gruppe, durch infrastrukturelle und soziale Maßnahmen, Rückhalt in der Bevölkerung zu generieren. Zugang zu Wasser und Elektrizität sowie eine zumindest rudimentäre Gesundheitsversorgung sind im Jemen schließlich keine Selbstverständlichkeit. Trotz dieses relativ moderaten Auftretens hat AQAP unter den Stämmen wenige überzeugte Verbündete und der überwiegende Teil steht der Organisation neutral oder indifferent gegenüber. Hier setzt die arabische Koalition an, die insbesondere seit 2016 mit erheblichen finanzieller Mittel versucht, sich die Loyalität der Stämme zu erkaufen. Gepaart mit Drohnenschlägen und dem Einsatz von Spezialeinheiten seitens der Vereinigten Staaten ist es AQAP daher in den letzten Jahren nicht mehr gelungen, Anschläge außerhalb des Landes vorzubereiten, geschweige denn auszuführen. Allerdings sollte dies den Westen nicht in Sicherheit wiegen. Unter veränderten Bedingungen kann die Gruppe rasch wieder zu alter Stärke zurückfinden.

Hussam Radman gelingt es in seiner knappen Studie die komplexen politischen, gesellschaftlichen und militärischen Aspekte des Jemen darzustellen und AQAP in diesen zu verorten. Ihm ist zuzustimmen, wenn er schreibt, dass das Problem so lange bestehen bleibt, wie die Umstände im Jemen sich nicht ändern. Daher ist es ein Fehler, so bemerkt er vollkommen zu Recht, das Land und die Konflikte lediglich unter dem Aspekt der Terrorismusbekämpfung zu betrachten. Allerdings gibt es in seiner Analyse zwei Leerstellen: Einerseits sollte daran erinnert werden, dass die saudisch geführte Koalition durch ihre katastrophale Kriegsführung wenig zur Stabilisierung der Situation beiträgt. Zum Zweiten lässt der Autor unerwähnt, dass es vor allem Druck auf den Iran braucht, der den Jemen zu einem wesentlichen Schauplatz seiner asymmetrischen Offensive im Nahen Osten gemacht hat. Diese Erkenntnis wird indes zu selten betont. Dabei nutzen aber gerade die Houthis den Hunger als Waffe und verschlechtern somit systematisch die Lebensbedingungen für hunderttausende Jemeniten. Jüngst erst stoppte das Welternährungsprogramm seine Hilfslieferungen in der jemenitischen Hauptstadt Saana, weil die Organisation nicht mehr garantieren konnte, dass die Hilfe nicht für politische Zwecke missbraucht wird. Dass die Rolle des Iran nicht angesprochen wird, dürfte wohl aber auch daran liegen, dass das Center for Strategic Studies sich in der jemenitischen Hauptstadt befindet, die von den Huthis kontrolliert wird.

Neben der humanitären Katastrophe hat der Westen auch ein strategisches Interesse den Einfluss der Huthis und damit des Irans im Jemen zurückzudrängen, gefährdet der Ableger Teherans doch ganz erheblich die Freiheit der Schifffart im Roten Meer und im Golf von Aden. Aber wie so häufig, wenn es um den Iran geht, gibt es wenig Hoffnung, dass die Probleme gegenüber Teheran glaubwürdig und nachdrücklich adressiert werden.

http://sanaacenter.org/publications/analysis/7306

Published Online: 2019-09-07
Published in Print: 2019-09-01

© 2019 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston