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Publicly Available Published by De Gruyter August 26, 2021

Klaus Schwab/Thierry Malleret: COVID-19: The Great Reset. Genf: World Economic Forum 2020, Edition 1.0, 280 Seiten

Jakob Kullik

Die Karriere mancher Begriffe ist erstaunlich. Seit einiger Zeit ist Great Reset – je nach Lesart der große Neustart oder der große Umbruch – zu einem neuen Schlüsselbegriff avanciert. Allerdings (noch) nicht im Mainstream, sondern vor allem in rechten und verschwörungsaffinen Kreisen. Die Fraktion der Alternative für Deutschland (AfD) brachte jüngst gar einen kritischen parlamentarischen Antrag zum Great Reset in den Deutschen Bundestag ein.

Was aber ist nun der Great Reset? Woher kommt der Begriff und was ist mit ihm gemeint? Ein Großteil der Antworten findet sich im Buch Covid 19: The Great Reset von Klaus Schwab und Thierry Malleret. Es sei vorausgeschickt, dass mindestens zwei Ebenen von Bedeutung sind: zum einen das, was im Buch steht und (eigentlich) gemeint ist, und zum anderen das, was mit den Ausführungen im Buch gemacht wird. Text-, Kontext- und Rezeptionsebene gehören also eng zusammen, wenn die Prominenz des Begriffs ergründet werden soll. Ein Teil der Antwort ist womöglich schon bei den Autoren zu finden. Klaus Schwab, Professor und Gründer des jährlich im schweizerischen Davos tagenden Weltwirtschaftsforums, und der französische Ökonom Thierry Malleret haben das 280 Seiten umfassende Buch zusammen verfasst. In der öffentlichen Wahrnehmung scheint jedoch nur Klaus Schwab präsent zu sein. Große Namen und Organisationen werfen große Schatten. Und der Schattenwurf des Weltwirtschaftsforums scheint für einige Rezipienten so gewaltig zu sein, dass sie in dem Buch eine Art neue Weltagenda für die Zeit nach der Pandemie zu sehen glauben. Aber stimmt das überhaupt? Enthält das Buch tatsächlich eine (versteckte) Agenda oder skizziert einen Fahrplan für die postpandemische Welt?

Laut Verfasser will das Buch, das im Juli 2020 erschien, Orientierung geben. In der Einleitung heißt es: „It is of course much too early to tell with any reasonable accuracy what COVID-19 will entail in terms of ‚momentous‘ changes, but the objective of this book is to offer some coherent and conceptually sound guidelines about what might lie ahead, and to do so in the most comprehensive manner possible. Our aim is to help our readers grasp the multifaceted dimension of the changes that are coming“ (S. 18). Wer darin bereits sinistre Absichten sieht, wird sie in den Worten „momentous changes“, „guidelines“ und der breiten Zielbeschreibung sicher finden. Die plausiblere Erklärung ist jedoch, dass die Autoren die Vielzahl komplexer Weltprobleme durch das Prisma der weltweiten Pandemie beschreiben und mögliche Lösungswege aufzeigen wollen. Sie tun dies, indem sie zunächst den Terminus Reset in drei Teil-Resets zerlegen – einen Macro Reset für die großen Weltordnungsfragen, einen Micro Reset für Wirtschaftsfragen und einen Individual Reset für soziale und menschliche Belange. Diese drei Resets stellen zugleich die drei Hauptkapitel des Buches dar. Wer also vom Great Reset spricht, sollte diese Unterscheidung kennen, denn in den jeweiligen Unterkapiteln werden verschiedenste Themenbereiche (an)diskutiert.

Nach einer kurzen zeitdiagnostischen Zustandsbeschreibung der Weltlage werden im ersten Hauptkapitel (Macro Reset) fünf unterschiedliche Problemfelder behandelt, welche alle ebenfalls mit einem Reset-Anhängsel versehen werden (Economic Reset, Societal Reset, Geopolitical Reset, Environmental Reset, Technological Reset). Die häufige Verwendung des Reset-Labels macht zwar Sinn, wenn man, wie die Autoren die These vertritt, dass es in vielen Bereichen zu Änderungen kommen wird bzw. muss. Wenn jedoch fast alles ein Reset ist, fragt man sich, ob nicht ein etwas sparsamerer und gezielterer Gebrauch dieses und alternativerer Begriffe förderlicher gewesen wäre, um den Eindruck inflationärer Beliebigkeit zu vermeiden und stärker hervorzuheben, was nun genau alles mit Reset gemeint ist. Unklar bleibt nämlich auch, was bei einem globalen Reset der zurück- bzw. neuaufzusetzende Normalzustand ist. Schließlich kann die Welt nicht wie ein Computerprogramm einfach in einen Ursprungszustand zurückversetzt oder durch ein System-Upgrade verbessert werden. Oder etwa doch? Und, um im Bilde zu bleiben, wer sollte denn den oder die Reset-Knöpfe drücken, insofern es diese gibt.

Von der sprachlichen Ebene abgesehen sind die behandelten Themen indes sehr breit. Der Leser erfährt etwas zu ökonomischen Grundsatzfragen (die Zukunft der Arbeit, die Finanz- und Geldpolitik und das Schicksal des US-Dollars), gesellschaftlichen Problemen (soziale Ungleichheiten und Unruhen), geopolitischen Entwicklungen (Amerikanisch-chinesische Rivalität, Global Governance) und dringlichen aktuellen ökologischen und technischen Fragen. Das sind alles wichtige und interessante Themen, aber im Grunde hat der Rezensent nichts Neues erfahren. Ein aufmerksamer Zeitungsleser weiß auch um diese Probleme. Auch im zweiten Hauptkapitel zum Micro Reset werden größtenteils Wirtschaftsthemen behandelt, die allesamt kein Geheimnis sind. Interessant sind die Überlegungen zur Zukunft globaler Lieferketten – den Nervensträngen der weltweiten Arbeitsteilung. Hier sehen die Autoren den Höhepunkt der Optimierung erreicht, denn die Pandemie hat Probleme offengelegt, die zu einem Umdenken führen würden: weg vom hochoptimierten just-in-time-Prinzip und hin zum stärker vorsorgeorientierten just-in-case-Denken (S. 181). Ein solcher case könnte eine Lieferunterbrechung sein oder eine zu hohe Abhängigkeit von einem Produzenten. Der Trend ginge somit in Richtung einer stärkeren Lokalisierung und Konzentrierung von Produktions- und Lieferketten. Das wäre nicht das Ende, wohl aber eine sich verfestigende Stagnation der Globalisierung. Ob es dadurch zu einer neuen Handelsblockbildung zwischen den USA, China, der EU und weiteren Staatengruppen kommt, lässt sich nur schemenhaft erahnen. Das dritte Kapitel zum Individual Reset behandelt verschiedene gesellschaftliche und moralphilosophische Überlegungen, die unseren derzeitigen Konsum, die Wertschätzung von Gütern und das Verhältnis zwischen Mensch und Natur ausleuchten (S. 212–242). Für an internationaler Politik interessierte Leser dürfte dieses Kapitel weniger interessant sein, gleichwohl darf man die Tiefe der Ausführungen nicht leichtfertig abtun. Sie reflektieren nämlich im Kern die Möglichkeiten, Schwierigkeiten und Grenzen eines Wertewandels und damit möglicher – vielleicht sogar notwendiger – menschlicher Verhaltensänderungen, die wichtig sein können, um die Vielzahl an Problemen zu bewältigen.

Wer indes den Buchtitel, die Autoren und die aktuelle Prominenz des Begriffs Great Reset nicht kennt, fragt sich nach der Lektüre, was an den Ausführungen nun so bedeutsam, aufwühlend oder gar verschwörerisch sein soll. Mit Blick auf den reinen Informationsstand und die verwendeten Quellen gibt es aus Sicht des Rezensenten nichts Verdächtiges. Alle aufgeführten Themen wurden und werden tagtäglich in diversen Medien und Fachbeiträgen diskutiert. Auch die Bündelung aller Probleme in der Hauptthese, dass die Menschheit vor großen Veränderungen steht und gewaltige Anstrengungen unternehmen müsse, ist im Grunde nicht neu. Gleichwohl gibt es Passagen im Buch, die durchaus einen recht breiten Interpretationsraum zulassen und dadurch mögliche Einfallstore für Deutungen darstellen, die von den Ursprungsgedanken der Autoren (allzu) weit wegführen. Solche Passagen finden sich zum Beispiel im Kapitel The return of ‚big‘ government (S. 89), wo es um die künftige Beziehung zwischen Regierungen und der Wirtschaft geht: „Looking to the future, governments will most likely, but with different degrees of intensity, decide that it’s in the best interest of society to rewrite some of the rules of the game and permanently increase their role“ (S. 93). Kritiker einer allzu großen Rolle des Staates in Wirtschaft und Gesellschaft mögen hierbei schon erste Alarmzeichen sehen. Und das ist auch eine mögliche legitime Art der Interpretation. Unseriös wird es, wenn man diesen und andere Sätze aus dem Kontext reißt, um gleich vor dem Weltüberwachungsstaat zu warnen. Denn auch diese Gefahren, die sich aus einer unkritischen Übernahme neuer Technologien ergeben, werden von den Autoren im Kapitel The risk of dystopia (S. 166 ff.) nicht verschwiegen. Es gibt weitere Passagen dieser Art zu Wirtschafts-, Politik- und Gesellschaftsfragen, die sich allesamt zwischen gemäßigter Wirtschaftskritik (mehr Stakeholder Capitalism), sozialdemokratischen Forderungen (mehr und höhere Mindestlöhne, besserer Wohlfahrtsstaat) und progressiven Klimaschutzbemühungen bewegen. Es mag überraschend sein, dass sie aus der Feder zweier Autoren des Weltwirtschaftsforums stammen. Viele Deutungen und Vorschläge im Buch stoßen seit längerem auf heftigen Widerstand und werden gewiss weiter kontrovers diskutiert werden (müssen). Zusammengedacht können sie einen großen Umbaupfad ergeben, ein Masterplan für eine neue, die Menschheit ins Unglück stürzende Weltordnung sind sie nicht. Dazu fehlt es, wie die Autoren richtig darlegen, etwa an funktionsfähigen Global Governance-Mechanismen. Zum Schluss fragt sich der Rezensent, warum vermeintliche Weltverschwörer ihren Plan vorher in Buchform der Welt zur Verfügung stellen würden.

Published Online: 2021-08-26
Published in Print: 2021-08-24

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