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Accessible Published by De Gruyter September 2, 2020

Spiritual Care im Zeichen von COVID-19

Simon Peng-Keller and Traugott Roser
From the journal Spiritual Care

Zum Zeitpunkt, in dem dieses Heft erscheint, ist die erste Welle der COVID-19-Pandemie im deutschsprachigen Raum bereits Vergangenheit. Ein guter Moment dafür, die Krisenerfahrungen aufzuarbeiten. Eine solche Aufarbeitung ist umso wichtiger, als die Pandemie selbst noch andauert und mit der Möglichkeit weiterer Wellen zu rechnen ist. Was jetzt schon klar ist: Die COVID-19-Pandemie ist eine humanitäre Krise, die unsere Gesellschaft und unser Gesundheitssystem auf unabsehbare Weise verändern wird. In einer Stellungnahme der Nationalen Ethikkommission der Schweiz heißt es dazu: „Jede Krise kann als eine Chance begriffen werden, bestehende Strukturen zu re-evaluieren und zu verbessern [...]. Eine humanitäre Krise betrifft hierbei nie einen isolierten Sektor des gesellschaftlichen Lebens, er fordert immer auch die Gesellschaft als Ganze heraus. So weist eine Krise einerseits auf Stärken hin, zeigt aber auch Schwachstellen auf, die sich in der Krise verschärfen können.“

Welche Konsequenzen hat die Corona-Krise für eine interprofessionelle Spiritual Care? Welche Erfahrungen und Entwicklungen sind zukunftsweisend? Was gilt es für künftige Krisen zu klären und neu auszuhandeln? Und was bedeutet es für Spiritual Care, wenn soziale und spirituelle Verbundenheit in wachsendem Maße auf dem Wege digitaler Kommunikation wahrgenommen wird, wenn Leben-in-Beziehung in der Form virtueller Gemeinschaft stattfinden muss? Beistand und Trost bedürfen, so scheint es, schneller als geahnt einer Übertragung in das digitale Zeitalter.

Der französische Philosoph und Talmud-Gelehrte Emmanuel Lévinas hat auf die Bedeutung des menschlichen Antlitzes als Ursprung der Verantwortung für den anderen Menschen aufmerksam gemacht: Das nackte Antlitz, seine schutzlose Darbietung gewährt den Schutz des Anderen. Erst durch die Begegnung, den Blick ins Antlitz ergibt sich der Impuls, der Imperativ zur Zuwendung – und erst dadurch erlangt der Mensch die eigentliche Würde, in Verantwortung gerufen zu sein. Was bedeutet es für soziale, verantwortungsvolle Berufe, wenn das Antlitz durch Schutzkleidung verhüllt ist?

Dieses Heft möchte diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven ausloten. Den Ausgangspunkt dieser Sondernummer bildet die aus der Not geborene Initiative, aus der die Handreichung „Die Corona-Pandemie als Herausforderung für Spiritual Care“ sowie die www.covidspiritualcare.com Website entstand. Die herandrängende Pandemie-Welle weckte die Einsicht, dass es auch im Bereich von Spiritual Care dringlicher Vorbereitungen und Klärungen bedarf. Diese Einsicht führte innerhalb von wenigen Tagen zu einer neuen transnationalen Vernetzung und einer Fülle von Einzelinitiativen. All das soll in diesem Heft zur Sprache kommen und reflektiert werden. Die Wochen, in denen die hier versammelten Beiträge entstanden sind, waren die Zeit, in der die erste und hoffentlich einzige größere Welle dieser Pandemie diesseits der Alpen ihren Höhepunkt erreichte. Die Verarbeitung der Krise beginnt mitten in ihr selbst.

Wir haben Berichte an den Anfang gestellt, die Erfahrungen in der seelsorglichen Begleitung auf der Intensivstation und im Pflegeheim beschreiben. Die sich in diesem Zusammenhang stellenden, noch längst nicht befriedigend beantworteten seelsorglichen, palliativmedizinischen und ethischen Fragen, werden in den darauffolgenden Beiträgen beleuchtet. Wie können erkrankte, sterbende und trauernde Menschen unter den erschwerten Bedingungen einer Pandemie angemessen begleitet werden? Die Praxis der Begleitung, Versorgung und Behandlung Erkrankter – der mit dem Corona-Virus Infizierten wie der anderen Kranken und der Menschen in Pflegeeinrichtungen – unter Berücksichtigung ihrer spirituellen Bedürfnisse ist auch, aber nicht nur eine Frage pragmatischer Lösungen. Sie verlangt nach einer vertieften Auseinandersetzung mit juristischen, verfassungsrechtlichen Aspekten (vgl. den Beitrag von Isolde Karle), nach psychologischen Klärungen (vgl. Eckhard Frick zu Containment) und Reflexionen der Abschiedskultur und Bestattungspraxis angesichts rigider Hygiene-Vorschriften (dazu stellt Fabian Winiger einige Betrachtungen an). Während das Leben während des ‘Lock-Down’ entschleunigt schien, wurde die Digitalisierung von Kommunikation, auch der religiösen Kommunikation, in einem ungeahnten Ausmaß beschleunigt (vgl. den Beitrag von Thomas Schlag). Die Pandemie schien anfangs vor allem hochaltrige und bereits vorerkrankte Menschen zu betreffen, weshalb es einer geriatrischen und palliativmedizinischen Perspektivierung bedarf (dazu steuert Roland Kunz einen Beitrag bei), aber es werden – bei Knappheit von Betten und Behandlungsmöglichkeiten – auch medizinethische Abwägungen aus theologischer Perspektive nötig (vgl. die Einordnung von Michael Coors). Nicht alle Behandlungsmaßnahmen führen zum gewünschten Erfolg; die Anzahl der Verstorbenen, deren Tod auf Covid-19 zurückzuführen ist oder sich zeitgleich mit der Pandemie ereignete, ist zwar von Land zu Land unterschiedlich. Zurück bleiben aber immer Menschen, die trauern, manchmal sogar um mehr als ein Familienmitglied. Wie können sie trauern, wie wird Trauer nach Abflauen der Welle gelebt werden (vgl. dazu den Beitrag von Urs Münch und Heidi Müller)?

Immer wieder wurde in den Medien darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Corona-Virus zwar um ein „neuartiges“ handle, das Phänomen von Pandemien gleichwohl kein Neues sei, selbst wenn Europa in der Nachkriegszeit noch nichts Vergleichbares erlebt hat. Eine historische Relativierung tut deshalb gut, wie sie der Reformationshistoriker Johannes Schilling anhand einer Schrift Martin Luthers leistet.

Viele Menschen, gerade in Gesundheitsberufen und als Verantwortliche für Spiritual Care in besonderer Weise gefordert und belastet, haben den Trost geistlicher Texte erlebt. Gabriele Stotz-Ingenlath und Holger Eschmann steuern Impulse und Erfahrungen bei. Wie auf den folgenden Seiten bezeugten und reflektierten Erfahrungen einer ungewöhnlichen Zeit angehören, so war auch das Erstellen dieses Hefts selbst ungewöhnlich dicht – nicht allein in zeitlicher Hinsicht. Wir freuen uns, Sie als Leserinnen und Leser an diesem Prozess teilhaben zu lassen!

Zürich/Münster, 02.06.2020

Simon Peng-Keller & Traugott Roser

Online erschienen: 2020-09-02
Erschienen im Druck: 2020-08-03

© 2020 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston