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Publicly Available Published by Oldenbourg Wissenschaftsverlag January 14, 2016

Das Ende klassischer Printmedien? Ein Vergleich soziologischer Einführungswerke und Lexika mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia aus studentischer Perspektive

Günter Endruweit / Gisela Trommsdorff / Nicole Burzan (Hrsg.), Wörterbuch der Soziologie. 3. Auflage. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz (UTB) 2014, 669 S., gb., 49,99 € Sina Farzin / Stefan Jordan (Hrsg.), Lexikon Soziologie und Sozialtheorie. Hundert Grundbegriffe. Stuttgart: Reclam 2015, 359 S., kt., 11,00 € Werner Fuchs-Heinritz / Daniela Klimke / Rüdiger Lautmann / Otthein Rammstedt / Urs Stäheli / Christopher Weischer / Hanns Wienold (Hrsg.), Lexikon zur Soziologie. 5., überarbeitete Auflage. Wiesbaden: Springer VS 2011, 776 S., gb., 49,99 € Johannes Kopp / Bernhard Schäfers (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie. 10. Auflage. Wiesbaden: Springer VS 2010, 376 S., br., 22,99 €

Jasmin Böcek-Schleking, Daniel Diekmann and Kathrin Diekmann
From the journal Soziologische Revue

Nahezu alle Studierenden kennen diese Situation: Sei es im Rahmen der Vorbereitung auf Prüfungen oder bei der Recherche für wissenschaftliche Arbeiten – nicht selten steht man im Studium vor dem Problem, sich entscheiden zu müssen, von welcher Literatur man Gebrauch macht bzw. welcher Quellen man sich bedient. Vor allem bei der Suche nach geeigneter Einstiegsliteratur haben viele Studenten angesichts des breiten Angebotes Schwierigkeiten bei der Auswahl geeigneter Quellen. Auch in der Soziologie hat sich eine Fülle von Einführungen, Nachschlagewerken und Lexika etabliert.

Diese klassischen Printmedien treten im Zeitalter der Digitalisierung zunehmend in Konkurrenz mit elektronisch verfügbaren und online abrufbaren Quellen wie beispielsweise Wikipedia. Bestechen die klassischen Nachschlagewerke aufgrund ihres durch Fachexperten garantierten fundierten Fachwissens, so bieten im Gegensatz dazu moderne Online-Ressourcen Vorteile hinsichtlich der permanenten und vergleichsweise leichten Informationsbeschaffung, den geringeren Kosten und komfortableren Transportmöglichkeiten, geben jedoch meist keine Garantie für ihre Fundiertheit. Nicht zuletzt Wikipedia ist hierfür das bekannteste Beispiel: Die freie Internetenzyklopädie trägt sich durch Spenden und die freie Beteiligungsmöglichkeit eines jeden Interessierten. Jeder Nutzer kann nach einer Registrierung Artikel verfassen, ändern oder ergänzen.

In unserem Essay möchten wir vor diesem Hintergrund vier der klassischen einführenden soziologischen Nachschlagewerke miteinander vergleichen. Im Zentrum stehen dabei die Fragen, wie diese Einführungen von Studierenden anhand verschiedener Kriterien bewertet werden und inwiefern sie in Zukunft gegenüber Onlinequellen wie Wikipedia Bestand haben können.

Zunächst werden dazu die vier Lexika unter der Berücksichtigung verschiedener Kriterien wie z. B. inhaltlicher Aufbau, Begriffsanzahl und Besonderheiten vorgestellt. Hieran schließt sich unser methodisches Vorgehen zur Erhebung der Studierendenmeinung in Form von Essays und eines standardisierten Fragebogens an. Danach folgen die Auswertung des Datenmaterials und ein abschließendes Fazit, das die Ergebnisse zusammenfasst.

Das erste Nachschlagewerk unserer Untersuchung ist das Lexikon der Soziologie und Sozialtheorie. Hundert Grundbegriffe von Farzin / Jordan. In diesem Nachschlagewerk werden auf 359 Seiten genau 100 Grundbegriffe der Soziologie und Sozialtheorie vorgestellt. Am Anfang des Reclam-Heftes werden in einem kurzen Inhaltsverzeichnis die behandelten Hundert Grundbegriffe (inklusive Autor und Seitenangabe) aufgeführt. Nach einer Einleitung und einer knappen Vorstellung der Verfasser der Artikel kommen Farzin / Jordan zum Hauptteil ihres Lexikons. Der Aufbau der einzelnen Artikel ist ähnlich, kann aber variieren: Bei einem Umfang von meist zwei bis vier Seiten folgt auf eine kurze Begriffsbestimmung (inkl. Etymologie) ein Darstellungsteil, der erst begriffsgeschichtlich und anschließend systematisch strukturiert sein kann.

Die Artikel beinhalten Zitate von und Verweise auf wichtige/n Theoretiker/n und deren Werke/n zur jeweiligen Thematik sowie Querverweise auf andere Begriffe des Lexikons. Zentrale Begriffe werden durch Kursivsetzung besonders hervorgehoben. Am Ende eines jeden Artikels wird als Ergänzung zu den bereits im Text genannten Werken weiterführende Literatur angegeben, die eine weitere Vertiefung der Begriffe ermöglichen soll. Am Ende des Lexikons von Farzin / Jordan befinden sich noch Hinweise auf weiterführende Literatur. Hierbei werden nicht nur wichtige soziologische Wörterbücher genannt, sondern auch Einführungswerke und wichtige deutschsprachige soziologische Zeitschriften. Nach einem Personenregister schließt das Lexikon mit einem Sachregister ab, in dem auch Begriffe aufgeführt werden, die nicht zu den 100 ausführlich dargestellten gehören. Sie können intertextuell erschlossen werden.

Des Weiteren untersuchten wir das Lexikon zur Soziologie von Fuchs-Heinritz (et al.), in dem auf 776 Seiten eine extrem große Anzahl soziologischer Fachbegriffe (oftmals ca. 10 Begriffe pro Seite) definiert werden. Bei diesem Werk folgen auf ein kurzes Vorwort zur aktuellen Auflage Hinweise zur Benutzung sowie eine Auflistung der Autoren. Ein Inhaltsverzeichnis ist nicht vorhanden. Die Artikel selbst sind im vorliegenden Werk so aufgebaut, wie man es von einem typischen Lexikon erwarten würde: Im Allgemeinen mit oftmals 10–20 Zeilen recht kurz gehalten, liefern sie kompakte Definitionen soziologischer Fachbegriffe (teilweise inkl. Etymologie) und verzichten, wenn möglich, auf einen theoretischen Hintergrund. Das Werk von Fuchs-Heinritz (et al.) zeichnet sich durch verschiedene Besonderheiten aus: Erstens werden oft verschiedene Bedeutungen eines Begriffs übersichtlich unter Verwendung numerischer Abgrenzungen ([1], [2], [3]...[n]) nebeneinander dargestellt. Zweitens werden in den Artikeln teilweise Abbildungen, Schemata und Formeln aufgeführt, die dem besseren Verständnis komplexer Sachzusammenhänge dienen. Drittens sind in den vorliegenden Artikeln bzw. Einträgen zwar Querverweise auf andere Artikel innerhalb des Werkes vorhanden, jedoch gibt es keine Hinweise auf weiterführende Literatur zur Vertiefung der Materie. Auch die Hinweise auf wichtige Theoretiker und vor allem deren einflussreiche Werke zum jeweiligen Themenfeld sind rar gesäht. Das Lexikon zur Soziologie von Fuchs-Heinritz (et al.) verzichtet auf ein Sachregister. Stattdessen werden im Hauptteil auch Begriffe ohne eigene Definition aufgeführt. Diese werden dann durch einen Pfeil kenntlich gemacht und in einem anderen Artikel erläutert. Hinweise auf weiterführende Literatur sind nicht vorhanden, dafür aber Verweise auf für die jeweiligen Begriffe relevante Theoretiker.

Nebst den nun vorgestellten soziologischen Lexika ist auch das 669 Seiten umfassende Wörterbuch der Soziologie von Endruweit / Trommsdorff / Burzan Teil unserer Untersuchung. Inhaltlich unterscheidet sich das Wörterbuch von den bereits vorgestellten Lexika in vielerlei Hinsicht. Am Anfang des Wörterbuches steht ein mehrere Seiten umfassendes Inhaltsverzeichnis, in dem die 282 hier behandelten Begriffe aufgeführt werden. Bezüglich der Menge der Einträge nimmt das Wörterbuch somit eine mittlere Position zwischen den bisher vorgestellten Lexika ein. Nach einem kurzen Vorwort folgt der Hauptteil des Wörterbuches. Die hier in der Länge variierenden Einträge zeichnen sich durch ihre ausgeprägte Binnenstrukturierung aus. Je nach Komplexität sind die Einträge in mehrere Unterkapitel untergliedert. Mit Überschriften versehen thematisieren diese z. B. historische Entwicklungen, Forschungsansätze, verschiedene Konzeptionen, Etymologien, inhaltliche Aspekte usw. Diese Struktur ermöglicht dem Leser eine akzentuierte Auseinandersetzung mit bestimmten Thematiken. Zudem werden Begriffe innerhalb eines Artikels, welche in einem gesonderten Artikel genauer erläutert werden, kursiv gedruckt. Besonders wichtige Begriffe werden durch Fett-Druck hervorgehoben. An verschiedenen Stellen werden die Ausführungen durch Schemata, Abbildungen usw. unterstützt. Im Fließtext befinden sich Hinweise auf wichtige Theoretiker des Fachgebietes. Verweise auf weiterführende Literatur befinden sich am Eintragsende. Das Sachregister führt Begriffe ohne eigenen Artikel auf. Abgeschlossen wird das Wörterbuch mit einem ausführlichen Autorenverzeichnis.

Das letzte zu untersuchende Wörterbuch ist das Werk Grundbegriffe der Soziologie von Kopp / Schäfers, das insgesamt 376 Seiten umfasst. Nach Vorwort und Benutzungshinweisen beginnt umgehend der Hauptteil des Nachschlagewerkes, der mit exakt 104 Begriffen vergleichsweise wenig Artikel umfasst. Es beinhaltet jedoch ein Sachregister, in dem weit mehr als die 104 explizit erläuterten Begriffe aufgeführt sind. Eben diese Begriffe werden in den 104 vorhandenen Artikeln eingebunden und somit „miterklärt“ und durch Kursivsetzung hervorgehoben. Positiv hervorzuheben ist im Sachregister vor allem, dass Begriffe ohne eigenen Artikel kursiv gesetzt und Begriffe mit eigenem Artikel fett geschrieben wurden.

Die Artikel selber, die in ihrem Umfang sehr unterschiedlich ausfallen, sind recht einheitlich aufgebaut. Sie beginnen mit einer knappen Begriffsdefinition, auf die eine Erweiterung um inhaltliche oder begriffliche Aspekte folgt. Innerhalb der Texte werden jeweils Verweise auf wichtige Theoretiker und deren Werke gegeben, grundlegende Theoretiker werden bei ihrer ersten Nennung jeweils durch die Nennung ihrer Lebensdaten hervorgehoben. Die Literaturverweise am Ende jeden Artikels werden durch ausführliche Hinweise auf weiterführende Literatur ergänzt sowie durch Querverweise auf andere Artikel innerhalb des Bandes. Nach dem Hauptteil wird das Nachschlagewerk abgeschlossen mit Hinweisen auf soziologische Fachzeitschriften und Bibliographien, dem bereits angesprochenen Sachregister sowie mit einem Verzeichnis der Herausgeber und der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die Teilnehmer unserer Studie waren Studierende verschiedenster Fachrichtungen, die im Sommersemester 2015 die Module „Grundfragen und Hauptbegriffe der Soziologie“ und/oder „Sozialstruktur und Sozialer Wandel“ an der Fakultät für Sozialwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum besucht haben.

Zur Erhebung der Studierendenmeinung hinsichtlich der Nachschlagewerke und Wikipedia ließen wir einerseits Essays anfertigen und andererseits standardisierte Fragebögen ausfüllen. In den Essays baten wir die Studierenden, einzelne Begriffe, etwa „Kultur“ oder „soziales Handeln“, folgendermaßen zu bearbeiten:

  1. 1.

    Den Begriff allgemein definieren.

  2. 2.

    Unterschiede in den Lexika und Wikipedia feststellen.

  3. 3.

    Ein abschließendes Statement zur „Qualität“ der Definitionen und die generelle Meinung zu den gegebenen Quellen abgeben.

Es wurden insgesamt n = 29 Arbeitsaufträge mit zu behandelnden Begriffen an die Studierenden verteilt. Einige Studenten wurden hier doppelt beauftragt, da sie beide Soziologie-Module besuchten. Von diesen 29 Aufgabenstellungen, die Fragebögen und Essays beinhalteten, wurden zwei gar nicht bearbeitet und in einem Fall fehlten die Fragebögen. Somit konnten insgesamt n = 27 Essays sowie n = 26 Fragebögen zu jedem der behandelten Lexika ausgewertet werden. Bei den Fragebögen sei jedoch an dieser Stelle angemerkt, dass nicht in jedem Fall alle Fragen durch die Studierenden beantwortet wurden. Die zurückerhaltenen Essays analysierten wir anschließend inhaltlich und arbeiteten Vor- und Nachteile der Definitionen aus Wikipedia bzw. den Lexika heraus. Der ebenfalls ausgewertete standardisierte Fragebogen befindet sich im Anhang. Durch unterschiedliche Items im Fragebogen und den Merkmalsraum von „Stimme voll zu“ bis „Stimme gar nicht zu“ erfassten wir die Bewertung der Studierenden quantitativ. Am Ende des Fragebogens befindet sich noch ein Feld für freie Äußerungen.

Zunächst folgt die Auswertung des Nachschlagewerks „Lexikon zur Soziologie“ von Fuchs-Heinritz (et al.).

Einig sind sich 50% der Befragten, dass die Einträge dieses Lexikons verständlich geschrieben und auch ohne fundiertes Vorwissen gut nachvollziehbar sind. Die Struktur der Einträge wurde sogar als „meisterhaft“ bezeichnet. 44% der Studierenden vermissten jedoch Beispiele und Abbildungen. Die Frage, ob die einzelnen Einträge das Verständnis komplexer Zusammenhänge erleichterten, wurde unterschiedlich beantwortet – 44% der Befragten waren hierbei unentschlossen. Fast 40% der Studierenden bemängelten fehlende Verweise auf weiterführende Literatur, die eine weitere Recherche hätten erleichtern können.

Auffällig ist, dass 56% der Befragten den Artikel nur teilweise als Interesse fördernd empfanden, je 6% fanden den Artikel „eher nicht“ oder „gar nicht“ Interesse fördernd.

Der Umfang der einzelnen Texte wurde von 38% als „genau richtig“ empfunden. Dennoch empfanden ihn noch weitere 25% als zu gering. Das Lexikon gleiche einem „Fremdwörterbuch“, das zwar für einen ersten Überblick geeignet sei, tiefergehende Recherchen jedoch nicht ermögliche.

Das Werk „Einführung in die Soziologie“ von Kopp / Schäfers wurde positiver bewertet. Die verständliche Schreibweise der Artikel wurde mit über 83% positiv bewertet, viele Studierende lobten die gute Lesbarkeit, die ein einfaches Verständnis ermögliche, obwohl 29% der Befragten angaben, dass Beispiele und Abbildungen im Text „eher nicht“ bis „gar nicht“ vorhanden seien (38% antworteten mit „Teils-teils“) und wissenschaftliche Termini das Verständnis und den Lesefluss zuweilen erschwerten. Ebenso empfanden fast alle Teilnehmer, dass die Artikel das Verständnis komplexer Zusammenhänge erleichtern (92%). Hier wurden vor allem eine klare und einfache Textstruktur sowie die Einbettung der Themen in größere Zusammenhänge positiv bewertet. Insgesamt fanden über 60% der Studierenden das Wörterbuch hilfreich für die Vorbereitungen auf eine soziologische Klausur bzw. Arbeit – nicht zuletzt wurde in diesem Zusammenhang vor allem die weiterführende Literatur mit 79% positiv bewertet. Insgesamt wurden die Artikel trotz der obigen meist positiven Aussagen nur von 38% als Interesse fördernd empfunden und lediglich 46% hielten den Artikelumfang für „genau passend“. Für einen einfachen Überblick seien die Artikel zu lang (z. B. „Sozialer Wandel“), für ausführliche Theoriedarstellung allerdings teilweise zu kurz. Negativ bewertet wurde vor allem, dass einige für die Studierenden wichtige Begriffe wie „Postmoderne“ oder „Intersektionalität“ nicht aufgeführt sind.

Für seinen großen Umfang wurde das Werk gelobt. Auch das Preis-Leistungsverhältnis und der einfache Erhalt scheinen studierendenfreundlich. Zudem wurde die Vielseitigkeit der Artikel, die über soziologische Perspektiven hinausgehen, positiv angemerkt.

Wie bereits das vorangegangene Exemplar scheint auch das „Lexikon Soziologie und Sozialtheorie“ von Farzin und Jordan sehr studierendenfreundlich.

Dieses Lexikon scheint trotz der von den Studierenden vermissten Beispiele und Abbildungen vor allem durch seine Verständlichkeit zu bestechen. Beispielsweise wurde dem Eintrag zu „Soziale Ungleichheit“ eine „ungeheure Erklärungskraft“ zugesprochen. Vor allem eine gute Textstruktur und die Erklärung von Fremdwörtern wurde positiv aufgenommen. Trotz dieser im Großen und Ganzen positiven Bewertung der Einträge und den Verweisen auf weiterführende Literatur, die 85% der Befragten als hilfreich erachteten, förderten die Texte das Interesse an der Soziologie nur bei 54% der Befragten. Dies mag vielleicht daran liegen, dass nur 46% der Texte die untersuchten Begriffe in komplexere Zusammenhänge betten konnten und so das Verständnis hierfür erleichtert haben. Daher verwundert es nicht, dass über 53% der Befragten die Texte nur bedingt („Teils-teils“) hilfreich zur Klausurvorbereitung fanden, laut Meinung der Studierenden war der Umfang der Texte für eine umfassende Klausurvorbereitung nicht ausreichend, teilweise seien die Texte zu ausufernd. Insgesamt wurde der Umfang ambivalent bewertet. 54% hielten ihn für genau richtig. Die Besonderheit des Lexikons von Farzin und Jordan, nämlich die Formulierung der Beiträge im Aufsatzformat, ist bei den Studierenden nicht durchweg positiv aufgenommen worden: Teilweise hindere sie – in Kombination mit den oben genannten tendenziellen Ausschweifungen – den Lesefluss.

Das „Wörterbuch der Soziologie“ von Endruweit / Trommsdorff – Burzan überzeugte anscheinend vor allem hinsichtlich seiner verständlichen Schreibweise, die über 80% der Befragtem positiv hervorhoben. Obwohl 50% der Befragten anmerkten, dass Beispiele oder Abbildungen das Verständnis nicht erleichterten, konstatierten immer noch über 57% der Befragten, dass die Artikel das Verständnis komplexer Zusammenhänge erleichtern. Vor allem die inhaltliche Struktur der Einträge (Absätze, Fett- und Kursivdruck usw.), die prägnante und pointierte Schreibweise sowie die klare, verständliche Sprache wurden in Kombination mit Querverweisen auf andere Thematiken positiv bewertet. Das Wörterbuch diene laut Studierendenmeinung gut zur Klausurvorbereitung (69% stimmten zu), nicht zuletzt aufgrund der Verweise auf weiterführende Literatur, die von 77% der Studierenden positiv hervorgehoben wurden. Obwohl auch der Umfang der Artikel für 58% der Befragten genau richtig war, fördern die Artikel nur „teilweise“ das soziologische Interesse (42% „Teils-teils“; 30% „Stimme eher zu“).

Laut Aussagen der Studierenden werde der Lesefluss trotz der guten Strukturierung teilweise durch Fachbegriffe erschwert. Wie bei den oben behandelten Werken wurde der Umfang der Artikel ambivalent bewertet. Anscheinend reichen manche Artikel zur Begriffsklärung nicht aus oder sind gar nicht erst vorhanden. Einige Einträge wurden als undurchdringlich, andere wiederum als überaus informativ bezeichnet. Vermisst wurden im Wörterbuch von Endruweit / Trommsdorff – Burzan vor allem Hinweise auf historische Einordnungen der einzelnen Thematiken.

Bei Wikipedia waren die Antworten der auswertbaren Fragebögen so heterogen wie bei keinem der oben genannten Wörterbücher. Dies ist sicherlich nicht zuletzt damit zu erklären, dass Wikipedia-Einträge kaum Beschränkungen hinsichtlich der Struktur, des Umfangs oder der Autorenschaft unterliegen. Einig waren sich die Studierenden lediglich bei der positiven Bewertung der leichten Verfügbarkeit der Artikel. Die Verständlichkeit der Texte wurde dagegen sehr unterschiedlich bewertet, ebenso die Verständniserleichterung durch Abbildungen und Beispiele sowie die Einbettung in komplexe Zusammenhänge. Auch der Artikelumfang wurde sehr unterschiedlich wahrgenommen: 17% fanden ihn „zu gering“; 21% „eher zu gering“; 30% „genau richtig“ und 26% für „eher zu groß“. Die Qualität der Wikipedia-Einträge scheint besonders autoren- und interessenabhängig zu sein. Auf der einen Seite äußern die Studierenden, dass die Artikel nicht ausführlich genug seien. Sie böten zu wenig Informationen und die Literaturangaben seien teilweise nicht ausreichend. Auf der anderen Seite scheint es Artikel zu geben, die sehr hilfreiche Informationen und ausführliche Literaturlisten bieten. Wikipedia-Artikel unterliegen keinen kontrollierten Struktur-Vorgaben, was durch die auffällig unterschiedlichen Textlängen ersichtlich wird. Die Verlässlichkeit von Wikipedia-Einträgen wurde von den Studierenden in Frage gestellt. Der Großteil der Befragten scheint Wikipedia als Informationsquelle zu verstehen, die für einen ersten Überblick geeignet ist, für tiefergehende fundierte Recherchen jedoch nicht ausreicht. Dies liege vor allem daran, dass klare Definitionen oftmals nicht vorhanden sind, Aussagen nicht empirisch belegt werden, klare Differenzierungen fehlen, Verweise auf Quellen sowie klare Strukturierungen unzureichend sind. Den Studierenden zufolge sind Inhalte der Artikel zu unstrukturiert und wirken teilweise deplatziert oder montiert. Zudem stören sich viele Studierenden an den teilweise sehr umgangssprachlichen Formulierungen.

Im Zentrum unserer Untersuchung standen die Fragen, wie die vier in unserer Untersuchung behandelten soziologischen Einführungswerke anhand verschiedener Kriterien von Studierenden bewertet werden und ob bzw. inwiefern sie zukünftig in Konkurrenz zu Wikipedia noch Bestand haben können.

Deutlich geworden ist, dass alle der behandelten Werke Vor- und Nachteile aufweisen, die gegeneinander abzuwägen aufgrund der Verschiedenartigkeit der Wörterbücher und Lexika hinsichtlich Umfang, Aufbau und Struktur ihrer Einträge ein schwieriges Unterfangen ist. Insgesamt können wir jedoch an dieser Stelle vermerken, dass sich nach ausführlicher Analyse der Fragebögen und Essays bei den befragten Studierenden die Meinung herausbildet, das Einführungswerk von Kopp / Schäfers habe sich für die Bewältigung der Aufgaben am besten geeignet.

In Bezug auf die sich derzeit etablierenden Onlinequellen konstatieren wir auf Seiten der Studierenden ein großes Bewusstsein dafür, dass Wikipedia hinsichtlich der Informationsbeschaffung im universitären Rahmen lediglich als Quelle für den ersten Überblick dienen kann. Die festgestellte unterschiedliche Qualität der einzelnen Artikel zeugt davon, dass Wikipedia keinerlei Rahmenbedingungen oder Kontrollmöglichkeiten hinsichtlich der dargestellten Informationen bereitstellt. Es kann somit keinerlei Garantie für wissenschaftliche Richtigkeit geben. Studierende nutzen Wikipedia offenbar dafür, um Literaturhinweise für weitere Recherchezwecke zu erhalten oder um einen ersten Überblick über ein bestimmtes Thema zu erlangen. Der augenscheinlich größte Vorteil dieser Quelle scheint zu sein, dass verschiedene Thematiken bei Wikipedia durch „Links“ miteinander verbunden sind, sodass sich die Informationssuche schneller gestaltet als bei klassischen Nachschlagewerken. Wikipedia ermöglicht es also, schnell Informationen zu den verschiedensten Themenfeldern zu erhalten, ohne dass der Suchende hierbei viel Zeit und Aufwand investieren muss.

Charakteristisch für Wikipedia ist jedoch die einfache oder auch laienhafte Sprache, in der die Artikel verfasst sind. Sie resultiert aus der sehr heterogenen Autorenschaft der Artikel und ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass Wikipedia-Artikel an ein breites Publikum gerichtet sind.

Dagegen zeugen klassische Nachschlagewerke von fundiertem Expertenwissen, das teilweise stark an einem fachkundigen Publikum orientiert ist. Hier haben Studierende teilweise Verständnisprobleme, was die Nutzung klassischer Nachschlagewerke erschwert. Dennoch hat unsere Untersuchung ergeben, dass sich die Studierenden durchaus bewusst darüber sind, dass gerade die klassischen Nachschlagewerke (und nicht Wikipedia) unverzichtbar sind für wissenschaftliches Arbeiten im universitären Rahmen. Solange Onlinequellen wie Wikipedia diesen Rückstand gegenüber den klassischen Nachschlagewerken durch größeren wissenschaftlichen Anspruch nicht zu nivellieren in der Lage sind, dürfte der Bestand der Nachschlagewerke vorerst gesichert sein.

Um dies jedoch weiterhin gewährleisten zu können, ist es unserer Meinung nach notwendig, dass sich auch klassische Werke zukünftig den Erfordernissen einer digitalisierten Welt anpassen. Durch unsere Untersuchung haben wir den Eindruck gewonnen, dass ein Großteil der Studierenden nicht dazu bereit ist, eines der Nachschlagewerke käuflich zu erwerben. Dies ist mit Sicherheit nicht zuletzt den Preisen (bis zu 49,99 Euro) geschuldet, die das typische Studierendenbudget schlichtweg übersteigen. Zudem zeigt sich bei den Studierenden eine immer geringere Bereitschaft, für die Lektüre von Nachschlagewerken beispielsweise Bibliotheken aufzusuchen. Sie sind nicht mehr bereit, ihre Zeit in die Suche von Bibliotheksbänden zu investieren. Insofern scheint unserer Meinung nach eine Anpassung an die Erfordernisse der digitalisierten Welt notwendig, z. B. in Form von für Studierende vergünstigte Print- oder Online-Versionen, um ein dauerhaftes Bestehen klassischer Nachschlagewerke gegenüber Onlinequellen wie Wikipedia ermöglichen zu können, denn diese bestechen durch ihre permanente, direkte sowie kostenfreie Zugänglichkeit.

Anhang: Fragebogen

Stimme voll zuStimme eher zuTeils- teilsStimme eher nicht zuStimme gar nicht zu
Der Artikel ist verständlich geschrieben / stellt einen soziologischen Grundbegriff verständlich dar.
Im Artikel wird das Verständnis durch Beispiele und Abbildungen vereinfacht.
Der Artikel erleichtert das Verständnis komplexer Zusammenhänge (Verknüpfung mit anderen Thematiken / Einbettung in größere Zusammenhänge / Verweise auf weitere Themen).
Der Artikel ist hilfreich bei der Vorbereitung auf eine soziologische Klausur / Arbeit.
Der Artikel bietet hilfreiche Verweise auf weiterführende Literatur.
Der Artikel fördert mein Interesse an der Soziologie.
zu geringeher zu geringgenau richtigeher zu großzu groß
Der Umfang des Artikels ist für mich persönlich ...
Ich habe folgende Anmerkungen zum Artikel:

Anmerkung

Dem Symposium liegt die Frage zugrunde, ob in Buchform vorliegende aktuelle Soziologie-Lexika als Informationsquelle im Vergleich zu Wikipedia und ähnlichen e-Medien noch zeitgemäß sind.


Online erschienen: 2016-1-14
Erschienen im Druck: 2016-1-1

© 2016 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston