Skip to content
Publicly Available Published by Oldenbourg Wissenschaftsverlag January 14, 2016

Die soziologische Wörterbücherei

Günter Endruweit / Gisela Trommsdorff / Nicole Burzan (Hrsg.), Wörterbuch der Soziologie. 3. Auflage. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz (UTB) 2014, 669 S., gb., 49,99 € Sina Farzin / Stefan Jordan (Hrsg.), Lexikon Soziologie und Sozialtheorie. Hundert Grundbegriffe. Stuttgart: Reclam 2015, 359 S., kt., 11,00 € Werner Fuchs-Heinritz / Daniela Klimke / Rüdiger Lautmann / Otthein Rammstedt / Urs Stäheli / Christopher Weischer / Hanns Wienold (Hrsg.), Lexikon zur Soziologie. 5., überarbeitete Auflage. Wiesbaden: Springer VS 2011, 776 S., gb., 49,99 € Johannes Kopp / Bernhard Schäfers (Hrsg.), Grundbegriffe der Soziologie. 10. Auflage. Wiesbaden: Springer VS 2010, 376 S., br., 22,99 €

Oliver Dimbath
From the journal Soziologische Revue

„Welche lange mühselige Arbeit hat dieses Werk mir auferlegt, welchem Gram und Kummer, welchen Kränkungen und Verletzungen mich ausgesetzt, welche Opfer von mir gefordert! [...] Nur durch frommes, vertrauungsvolles Gebet und durch treuen, unermüdlichen Fleiß [...] bin ich, wenn auch spät, erst beim Sinken meines Lebens, halberblindet und an Geist und Körper geschwächt, der Vollendung meines Werkes nahe gekommen.“ Mit diesem Seufzer Eberhard Gottlieb Grafs, dem Verfasser des ‚Althochdeutschen Sprachschatzes‘, führt Günther Drosdowski (1992: 18), der langjährige Herausgeber der Duden-Wörterbücher, in die Leiden des Wörterbuchmachers ein. Diesen beschreibt er nicht nur als einen Gefangenen seiner selbst, sondern als einen Hüter und Pfleger des Sprachschatzes. Die Anstrengung erwächst der Komplexität lexikographischer Großprojekte und dabei den vielen Entscheidungen, die bei der Bearbeitung eines jeden Begriffs, Stichworts und ihrer Ableitungen und Zusammensetzungen getroffen werden müssen. Welches Wort wird aufgenommen und wie ausführlich ist es zu behandeln?

Es ist nur angesichts des gewaltigen Umfangs allgemeiner Sprachlexika gerechtfertigt, Fachwörterbücher als kleinere Projekte zu bezeichnen. In ihrer Konstruktion, Nutzung, Funktion und ihren Produktionsbedingungen sind sie den großen sprachwissenschaftlichen Formaten jedoch ähnlich. Wenn das soziologische Fachlexikon auch nur selten ein Lebenswerk ist, dürften die Probleme seiner Herstellung ebenso wie die Verdienste um eine solche Sammlung und Systematisierung die gleichen sein. Man kann die Nutzungsfunktion von der kulturellen Funktion des Beobachtens, Archivierens und Bewahrens symbolischer Repräsentationen unterscheiden. Letztere stellen die Basis der kommunikativen Genese deklarativen Wissens dar. Der erste Verwendungszweck des Wörterbuchs besteht denn auch in der Klärung von Begriffen, wenn man auf ein unbekanntes Wort stößt.

Auch wenn heute Einigkeit darüber besteht, dass der Bestand an symbolischen Repräsentationen nicht Ziel der Erkenntnis, sondern ihr Vehikel ist, bleibt der möglichst präzise Sprachgebrauch eine wichtige Grundlage der Verständigung. Dies wird in der Wissenschaft besonders relevant, da dort der systemkonstitutive Erkenntnisfortschritt nur vermittels einer möglichst genauen fachsprachlichen Kommunikationsweise erlangt werden kann. Hier liegt auch der Grund dafür, dass jede Disziplin ihren eigenen, aus Sicht der Alltagssprache zunehmend esoterischen Jargon entwickelt. Fachwörterbücher dienen einerseits dazu, Adepten und interessierten Laien den Zugang zum Verständnis von Forschungsperspektiven zu vermitteln (vgl. zum Beispiel Weinrich, 1976). Andererseits verschaffen sie den Etablierten eine je aktuelle Momentaufnahme ihrer fachbezogenen Verständigungschancen.

Die Lexikographie unterscheidet eine Vielzahl von Typen (vgl. Ernst H. Wiegand, 1998). Sie kennt Fachwörterbücher, die sich ausschließlich an Einsteiger wenden und eine Brücke zur Alltagssprache schlagen und solche, die nur der Verständigung unter Eingeweihten dienen. Wörterbücher lassen sich ferner einteilen in synchrone Darbietungsformen, die einen Überblick über aktuelle Begriffe und ihre Bedeutungen geben und in diachrone, bei denen auch die Entwicklung oder Geschichte eines Konzeptes behandelt wird. Vor dem Hintergrund des rasanten Wandels in der Wissenschaft, aber auch mit Blick auf die sich ändernden Möglichkeiten der Nutzung digitaler Medien, etabliert sich zudem die Unterscheidung zwischen Abschluss- und Ausbauwörterbuch. Das Abschlusswörterbuch markiert mit seinem Erscheinen den aktuellen Stand seiner Datenbasis sowie der Anzahl aufgenommener Begriffe und Artikel. Das Ausbauwörterbuch, wie dies bei manchen Online-Lexika der Fall ist, wird ständig fortgeschrieben, erweitert und erneuert. Mit Blick auf die Herstellung kann man dann noch unterscheiden, ob das Wörterbuch redaktionell konstituiert ist, ob es die Nutzer(innen) in den Herstellungsprozess mit einbezieht oder ob es von vornherein nicht redaktionell, sondern kollaborativ angelegt ist. Ein weiterer Aspekt der Nutzung von Wörterbüchern gewinnt mit der zunehmenden Vernetzung und Digitalisierung an Bedeutung. Die Nutzer(innen) sind weniger geneigt, Restriktionen der ihnen verfügbaren Ressourcen Zeit und Geld in Kauf zu nehmen. Das gilt vor allem für Alltagskommunikation, wird aber auch bei der Nutzung von Fachwörterbüchern relevant, wenn die Bibliothek nicht mehr ein Hauptort des Fachsprachenerwerbs und der Fachsprachenpflege ist. Will man sich ein Urteil über den ‚Wert‘ eines Fachwörterbuches bilden, wird man solche Kriterien berücksichtigen. Als Nutzer(in) muss man wissen, für wen ein Lexikon konzipiert wurde, welchem Typ es zuzuordnen ist und welchen man selbst bevorzugt beziehungsweise welchem Nutzungstyp man selbst angehört.

In der deutschen Soziologie ist die Information über Grundbegriffe durch Fachwörterbücher eng mit der allgemeinen Einführungsliteratur verbunden. Beide Textgattungen verfolgen dasselbe Ziel, wobei Einführungsbücher als Monografien thematisch aufgebaut und gegliedert sind. Sie vermitteln Angebote für ein systematisches Verständnis kanonisierter Begriffe und Theorien und folgen nicht der für Lexika üblichen alphabetischen Gliederung. Aber auch die nach Stichworten strukturierten Wörterbücher bieten – teilweise aufgrund der Ausführlichkeit ihrer Lexikoneinträge – Gelegenheit zu einer einführenden Lektüre, bei der man sich von Begriff zu Begriff hangelt und eine eigene, interessengeleitete Systematik der Begriffserschließung entwickelt. Es ist bemerkenswert, dass in der deutschen Soziologie der Typus des Wörterbuchs für Einsteiger und interessierte Laien stark verbreitet ist. Dies wirft die Frage auf, ob, beziehungsweise in welchem Umfang auch etablierte Forscher(innen) diese Fachlexika verwenden.

Eines der ersten soziologischen Fachlexika ist das 1955 beim Enke Verlag erschienene Wörterbuch der Soziologie von Wilhelm Bernsdorf.[2] In der zweiten Auflage aus dem Jahr 1969 bietet es in drei Teilbänden 297 Stichworte, die von 139 „international anerkannten Wissenschaftlern“ bearbeitet wurden. Bereits drei Jahre später legt René König 1958 im Auftrag des Fischer Verlags das Fischer Lexikon Soziologie vor. Unterstützt von sieben namhaften Kollegen, liefert er eine auf 45 Sachwortartikel „sinnvoll“ beschränkte Zahl an Grundbegriffen. In mehreren einleitenden Texten reflektiert König ausführlich die Problematik, eine Fachwissenschaft auf wenige Stichwörter und 400 Seiten zu komprimieren. Außerdem weist er darauf hin, dass das Lexikon auch als Einleitung in die Soziologie gelesen werden kann. Das Werk erfährt mehrere Auflagen und zählt bis ins Jahr 1971 über 330.000 Exemplare. Im Jahr 1972 erscheint bei Kröner das Wörterbuch der Soziologie als Ein-Mann-Projekt von Günter Hartfiel mit knapp 3.000 Stichwörtern, welches nach dessen Unfalltod von Karl-Heinz Hillmann weitergeführt und durch Beiträge weiterer Autor(inn)en ergänzt beziehungsweise erneuert wurde. Hartfiel hatte sich zum Ziel gesetzt, die ausufernde Fachsprache zu systematisieren; zudem erweitert er den Stichwortkatalog um die Namen ‚klassischer‘ Fachvertreter. Das Werk liegt seit 2007 in der fünften Auflage vor. Als weiteres Fachwörterbuch wird 1973 das unter der Regie von Werner Fuchs, Rolf Klima, Rüdiger Lautmann, Ottheim Rammstedt und Hanns Wienold entwickelte Lexikon zur Soziologie beim Westdeutschen Verlag herausgebracht. Anfangs wollte es Studierenden und Nicht-Studierenden ein „Gesellschaftswissenschaftlicher Duden“ sein sowie die Vielfalt der soziologischen Fachsprache in der Breite erfassen. Dies war mit der Hoffnung verbunden, die „Flut der Begriffsneuschöpfungen einzudämmen, die eine Vereinheitlichung der Fachsprache unmöglich werden läßt“ (Rammstedt, 1995: 11). Die erste Auflage umfasste eine Auswahl von 6.000 Stichwörtern, die aus einem Katalog von 15.000 Begriffen ausgewählt worden waren und deren Einträge von über 100 Autor(inn)en bearbeitet wurden. Nach einer im Jahr 1978 veröffentlichten zweiten, erweiterten Auflage steht das Werk mit erweiterter Herausgeber(innen)gruppe heute bei Springer VS in der fünften Auflage (2010). Als jüngstes der in den siebziger Jahren erschienenen Fachwörterbücher ist das von Baldo Blinkert im Auftrag des Herder Verlages bearbeitete Lexikon Soziologie mit 1.800 Stichwörtern zu nennen. Zu Beginn der 1980er Jahre erscheint der Band Grundbegriffe der Soziologie, den Bernhard Schäfers zunächst mit einem eigenen Autorenteam und bei der neunten und zehnten Auflage gemeinsam mit Johannes Kopp als Ko-Herausgeber zunächst für Leske (und Budrich) teilweise in der UTB-Reihe und später für Springer VS realisierte. Das Werk umfasste zunächst um die 150 Stichworte und wurde für die jüngste Ausgabe auf 104 Artikel verdichtet. 1989 übernahmen Gisela Trommsdorff und Günter Endruweit die Idee des Bernsdorf-Lexikons und legten 1989 für Enke einen völlig überarbeiteten Dreibänder des Wörterbuchs der Soziologie vor, der, nachdem sich der Enke-Verlag aus dem Soziologie-Bereich zurückgezogen hatte, bei Lucius & Lucius und für die dritte Auflage beim Universitätsverlag Konstanz (UTB) in einem Band mit knapp 300 Stichwörtern herausgebracht wurde. Sowohl der Band von Schäfers als auch der von Trommsdorff und Endruweit, die zuletzt Nicole Burzan für den Herausgeberkreis hatten gewinnen können, rekrutieren zahlreiche Autorinnen und Autoren für die Artikel zu den einzelnen Stichwörtern. Als letztes umfassendes Werk ist schließlich das von Gerd Reinhold 1991 beim Oldenbourg Verlag herausgebrachte Soziologie-Lexikon zu nennen. Bis zur vierten Auflage im Jahr 2000 wurde sein Umfang deutlich erweitert. Das jüngste soziologische Fachwörterbuch ist vor dem Hintergrund dieser ‚Tradition‘ das von Sina Farzin und Stefan Jordan im Jahr 2008 bei Reclam herausgebrachte Lexikon Soziologie und Sozialtheorie, das sich – ebenfalls mit Hinweis auf seine Eignung als Einsteigerliteratur – auf 100 ausgewählte Grundkonzepte des Faches beschränkt. Auch hier wurden, wie bei Reinhold, Fachkolleg(inn)en in die Ausarbeitung der Stichwortartikel einbezogen.

Ziehen wir Bilanz. Seit den 1950er Jahren entstehen in der Soziologie Fachwörterbücher. Sie wollen zunächst das wilde Wachstum der Konzepte systematisieren. Zu Beginn der 1970er Jahre, am Hoch- und Wendepunkt der Popularität des Faches in Deutschland, wurden vermehrt Lexika veröffentlicht, die nun allerdings Einsteiger adressierten und ihnen die nunmehr kanonisierten Konzepte nahebringen wollten. Dabei differenzierten sich zwei Typen heraus, deren einer die Anzahl der Grundbegriffe auf ein überschaubares Maß beschränkt und damit die Zielgruppe der Studierenden und interessierten Laien noch stärker zu gewinnen sucht. Der andere orientiert sich an allgemeinen Lexika und dokumentiert möglichst umfassend die Fachsprache seiner Zeit. Auch hier finden sich Hinweise auf die Nutzung durch Einsteiger; allerdings geht es nun nicht um den Wissenserwerb durch nacheinander gelesene Stichwortartikel, sondern um die Funktion des Nachschlagewerkes, das dann gebraucht wird, wenn das Verständnis eines Textes aufgrund eines bislang unbekannten Begriffs behindert wird. Weitgehend durchgesetzt hat sich die kollaborative Herstellung des Lexikons durch ein hinter einer Redaktion vereinigtes Autor(inn)enkollektiv. Alle genannten Werke sind redaktionell konstituierte Abschlusswörterbücher, die sich lediglich in überarbeiteten Folgeauflagen aktualisieren. Bei ihrem Gebrauch empfiehlt es sich daher für Einsteiger(innen), immer die neueste Version zu konsultieren.

Vier aktuelle Ausgaben der genannten Werke sollen nun einer genaueren Betrachtung unterzogen werden: das Wörterbuch der Soziologie von Endruweit, Trommsdorff und Burzan, das Lexikon zur Soziologie von Fuchs-Heinritz et al., die Grundbegriffe der Soziologie von Kopp und Schäfers sowie das Lexikon Soziologie und Sozialtheorie von Farzin und Jordan. Abgesehen vom Lexikon zur Soziologie setzen drei der Bücher auf eine begrenzte Auswahl von Stichwörtern mit längeren Artikeln. Die Verknüpfungen zwischen einzelnen Texten lassen sich dort durch ausführliche Sachregister nachvollziehen. Man kann also in diesen Lexika tatsächlich von einem Text zum anderen gehen und das Buch wie eine Einführung lesen. Auch das Lexikon zur Soziologie enthält in der jüngsten Fassung längere Artikel, bleibt aber seinem Charakter als Nachschlagewerk mit zwei Spalten pro Seite und einer großen Zahl an Stichwörtern treu. Da Wörterbücher stets nur Systematisierungs- und Definitionsangebote sind, stellt sich die Frage nach der angemessenen Auswahl oder Vollständigkeit nicht. Es bleibt den Herausgeber(inne)n überlassen, wie sie die Datenbasis ihres Werkes bilden und welche Selektionskriterien sie anwenden. Aus Sicht der Benutzung kann man jedoch einen Test auf Verwendungstauglichkeit machen, indem man sich bei allen vier Werken über ein und denselben Begriff erkundigt. Ein naheliegendes Konzept hierfür ist der Begriff ‚Gesellschaft‘.

Im Lexikon zur Soziologie findet sich unter dem Stichwort ‚Gesellschaft‘ ein Hauptartikel und dann eine ganze Reihe an Artikeln mit unterschiedlichen Prädikaten beziehungsweise Komposita. Im Hauptartikel folgen mehrere Absätze mit Definitionsangeboten unterschiedlicher Autoren aufeinander. An erster Stelle steht eine kurze, abstrakte Begriffsbestimmung von Niklas Luhmann, auf die ein längerer begriffsgeschichtlicher Absatz von Otthein Rammstedt folgt. Im Anschluss daran stellt Hanns Wienold einen Bezug zu Simmels und Webers Gesellschaftsbegriff her, woran sich ein Hinweis Luhmanns auf die Gesellschaftskonzeption bei Parsons anschließt. Wienold klärt dann in zwei weiteren Absätzen den kulturanthropologischen Gesellschaftsbegriff und gibt noch eine weitere allgemeine Begriffsbestimmung. Der Artikel schließt mit einem Hinweis auf das Stichwort ‚Gesamtgesellschaft‘. Das Arrangement der Definitionen in einzelnen Absätzen unterschiedlicher Autoren folgt offenbar dem Versuch, unterschiedlichen Theorieperspektiven Gehör zu verschaffen, ohne eine Wertung vorzunehmen. Strukturtheoretische und handlungstheoretische Ansätze stehen neben formalsoziologischen und kulturanthropologischen. Zudem wechseln sich reine Definitionen im Sinne einer synchronen Bestimmung mit diachronen Darstellungen ab. Auch wenn viele zentrale Bezüge erwähnt werden, entsteht der Eindruck einer summierend arrangierten und inhaltlich unverbundenen Eröffnung für die folgende Darstellung prädikativer Verbindungen mit dem Gesellschaftskonzept.

Bernhard Schäfers, der den Gesellschaftsartikel in den Grundbegriffen der Soziologie selbst verfasst hat, gibt zum Einstieg ebenfalls eine knappe, auf Theodor Geiger zurückgehende, allgemeine Definition. Dann stellt er die Bedeutungsvielfalt des Begriffs in der Alltagssprache dar, gibt einen Hinweis auf frühe Verwendungen der ‚Idee‘ des Konzeptes in der griechischen Antike und nimmt eine Abgrenzung von anderen Gesellungskonzepten vor. Eine grundlegende Bedeutungsverschiebung habe sich mit der Aufklärung und dem in ihrem Nachgang vollzogenen Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft ergeben. Einen zentralen Platz nimmt die Begriffsbestimmung nach Ferdinand Tönnies (Gemeinschaft und Gesellschaft) ein. Anschließend wird das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft mit Verweis auf die marxistische Theoriediskussion und die Entwicklung hin zu unterschiedlichen Formen der Gesellschaftstheorie angesprochen. Kurz finden auch die Gegenwarts- oder Gesellschaftsdiagnosen Erwähnung. In einem Ausblick auf aktuelle Forschungsfragen verweist Schäfers einerseits auf die Unterscheidung von Staat und Gesellschaft sowie auf das Aufkommen einer Weltgesellschaft durch internationale Organisationen. Am Ende des Artikels wird auf weitere Stichworte wie gesellschaftliche Differenzierung oder soziale Evolution verwiesen, bei denen die Lektüre fortgesetzt werden kann. Die Darstellung des Gesellschaftskonzeptes verläuft diachron, weist aber auch als synchrones Element eine klare Definition und Beschreibung des Bedeutungsspektrums auf. Außerdem gibt es eine – wenn auch unvollständige – Liste der verwendeten Literatur, die zum Weiterstudium anregen kann.

Der Artikel zur Gesellschaft im Wörterbuch der Soziologie wurde von Dirk Kaesler und Matthias König verfasst. Nach einer allgemeinen Definition, die der Alltagsbedeutung des Begriffs nahe kommt, folgt der Text einem diachronen Aufbau. Ausgehend von der griechischen Antike wird der Gesellschaftsbegriff über die Vertragstheoretiker und die Philosophie der Aufklärung bis zur soziologischen Klassik entwickelt. Nach einer konzisen Darstellung der Positionen von Durkheim, Tönnies, Max Weber und Simmel weisen die Verfasser auf den Strukturfunktionalismus nach Parsons als komplexe Gesellschaftstheorie hin. Es folgt ein Abschnitt über die soziologische Zeitdiagnostik mit ihren vielfältigen Komposita des Gesellschaftsbegriffs. Auch hier endet der Abschnitt mit einem Ausblick auf neuere Phänomene wie Globalisierung und die bei Luhmann entfaltete Perspektive der Weltgesellschaft. Aus Sicht des Nutzers bietet der Artikel eine diachrone Entwicklung des Gesellschaftsbegriffs, die von der Entzauberung des Sozialen als nicht-gottgegeben und daher gestaltbar ausgeht und bei der Überwindung nationalstaatlicher Denkbarrieren endet. Am Ende des Artikels findet sich eine umfassende Literaturliste.

Einen sehr ähnlichen Zugang wählt Armin Nassehi im Lexikon Soziologie und Sozialtheorie. Auch dieser Text beginnt mit einem Definitionsangebot und entfaltet dann eine diachrone Entwicklungslogik, indem die Darstellung bei Philosophen der Aufklärung beginnt und dann über die soziologischen Klassiker bei neueren differenzierungstheoretischen Fragestellungen im Sinne einer Gesellschaftstheorie ohne räumliche Verbindung endet. Der Artikel informiert nicht nur über namhafte Theoretiker, sondern sucht nach soziologischen Fragestellungen, die das Konzept an zentraler Stelle bearbeiten. Bemerkenswert im Unterschied zu den anderen Artikeln ist, dass der Bedeutungswandel des Gesellschaftsbegriffs durch die historische Verschiebung des Blickpunktes soziologischer Forschungsinteressen rekonstruiert wird. Ging es den Klassikern zunächst um die Frage, wie freie Personen mit je spezifischen Eigeninteressen in einem sozialen Verband gedacht werden können, spaltet sich mit dem Aufkommen der Weltgesellschaft die Diskussion in die zwei Richtungen einer Re-Politisierung des Gesellschaftsbegriffs auf der einen und seiner differenzierungstheoretischen beziehungsweise funktionalistischen Abstraktion auf der anderen Seite. Die verwendete Literatur wird im Text ohne genaue bibliographische Angaben zitiert; am Ende stehen drei weiterführende Lektürehinweise. Zentrale Begriffe, die als Stichworte ihrerseits mit Artikeln vertreten sind, werden im Text kenntlich gemacht.

Nach der Durchsicht der vier Werke braucht man sich nicht die Frage zu stellen, welches nun besonders empfehlenswert ist. Man wird sich eher fragen, ob es überhaupt der Anschaffung auch nur eines dieser Bücher bedarf, wenn man sich viel bequemer und preiswerter im Internet zum Beispiel bei wikipedia informieren kann. Gilt das, was bei Sprach- beziehungsweise Fremdsprachenwörterbüchern bereits der Fall zu sein scheint, auch für Fachwörterbücher?

Begreift man die Fachwörterbücher als Spiegel des je gegenwärtigen Begriffskanons, geht es nicht allein darum, alle Begriffe des Jargons aufzunehmen. Verbunden mit dem ‚einführenden‘ Charakter dokumentieren sie durch ihre redaktionelle Selektivität und Abgeschlossenheit einerseits eine wohl begründete Auswahl und andererseits eine Momentaufnahme der als zentral geltenden Begriffe einer Disziplin. Den Querverweisen miteinander verbundener Konzepte könnte man bei Verlinkungen im E-Book freilich noch rascher folgen, aber die Abgeschlossenheit birgt die Chance, einen bestimmten Blick auf die Fachsprache festzuhalten. Diese Möglichkeit ist beim kollaborativ erstellten Ausbauwörterbuch im Netz ebenso nicht mehr gegeben wie die redaktionelle Entscheidung für einen bestimmten Blickwinkel.

Der Vergleich der vier Artikel zum Stichwort ‚Gesellschaft‘ zeigt, dass die Texte sich in Vielem stark ähneln. Das liegt mitunter daran, dass sie Bedeutungen ihrer Zeit wiedergeben. Das Genre des Fachwörterbuchs bietet im Vergleich unterschiedlicher Ausgaben über die Jahre hinweg die Möglichkeit, Bedeutungsentwicklungen nachzuvollziehen. Diese Chance realisiert das Ausbauwörterbuch nur, wenn es eine Archivierungsfunktion integriert, von der auch Gebrauch gemacht wird. Aber was sagt eigentlich wikipedia zum Stichwort ‚Gesellschaft‘? Der Aufruf der Seite am 12. August 2015 zeigt eine etwas knappere, aber insgesamt den Vergleichstexten sehr ähnliche Struktur und Information mit einer Vielzahl von Verlinkungen auf andere Stichwörter ebenso wie auf grundlegende wie weiterführende Literatur. Für den Einsteiger, der sich nach der Wortbedeutung in der Soziologie erkundigt, ist diese Information gleich hilfreich und dabei leichter zu bekommen. Es bleibt also nur noch die Selektivität der Stichwörter im Sinne einer Kanonbildung und die durch die Redaktion vorgenommene besondere Perspektivierung. Bei diesen Punkten muss man allerdings fragen, ob es sich hier tatsächlich um Fachwörterbücher handelt oder um als Wörterbuch kaschierte Einführungstexte. Das Wörterbuch wäre damit lediglich eine Stilvariation des Genres ‚Einführungsliteratur‘, die man beibehalten kann, wenn sich Leser(innen) für diese Art der Darbietung auch in gedruckter oder geschlossen digitaler Form interessieren.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass das soziologische Fachwörterbuch mit einführendem Charakter den am Fachwörterbuch interessierten Nutzer(innen)kreis wohl an den Typus des Ausbauwörterbuches im frei zugänglichen Netz verlieren wird. Die Erstellung solcher Wörterbücher ist für die Dokumentation des Denkstils einer Disziplin sicherlich verdienstvoll, wobei jedoch die Frage offen bleibt, wer sich angesichts dieser Zukunftsaussichten noch die mühselige Arbeit machen, Gram, Kummer, Kränkungen und Verletzungen ertragen will.


Anmerkung

Dem Symposium liegt die Frage zugrunde, ob in Buchform vorliegende aktuelle Soziologie-Lexika als Informationsquelle im Vergleich zu Wikipedia und ähnlichen e-Medien noch zeitgemäß sind.


Literatur

Drosdowski, G. Die Leiden des Wörterbuchmachers. Bekenntnisse eines Verdammten; Dudenverlag: Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich, 1992.Search in Google Scholar

Rammstedt, O. Vorwort zur 1. Auflage. In Lexikon zur Soziologie. 3., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage; Fuchs-Heinritz, W., Lautmann, R., Rammstedt, O., Wienold, H., Hrsg.; Westdeutscher Verlag: Opladen, 1995; pp 11–12.Search in Google Scholar

Weinrich, H. Die Wahrheit der Wörterbücher. In Probleme der Lexikologie und Lexikographie. Jahrbuch 1975 des Instituts für deutsche Sprache; Moser, H., Hrsg.; Schwann: Düsseldorf, 1976; pp 347–371.Search in Google Scholar

Wiegand, H. E. Wörterbuchforschung. Untersuchungen zur Wörterbuchbenutzung, zur Theorie, Geschichte, Kritik und Automatisierung der Lexikographie. Teilband 1; de Gruyter: Berlin, 1998.Search in Google Scholar

Wikipedia. Die freie Enzyklopädie. Gesellschaft (Soziologie). https://de.wikipedia.org/wiki/Gesellschaft_%28Soziologie%29 (Zugriff Aug 12, 2015).Search in Google Scholar

Online erschienen: 2016-1-14
Erschienen im Druck: 2016-1-1

© 2016 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston