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Publicly Available Published by Oldenbourg Wissenschaftsverlag January 14, 2016

Boudons „Unvollendete“ oder: Was macht die Sozialwissenschaft zur Wissenschaft?

Raymond Boudon, Beiträge zur allgemeinen Theorie der Rationalität. Tübingen: Mohr Siebeck 2013, 253 S., gb., 79,00 €

Johannes Huinink
From the journal Soziologische Revue

„Der Versuch, den Kreis zu quadrieren, ist sinnvoll, wenn man nicht weiß, dass es nicht geht“ (Davidson, 2006 [1982]: 287).

„Ask a man why he uses exercise; he will answer, because he desires to keep his health. If you then enquire, why he desires health, he will readily reply, because sickness is painful. If you push your enquiries farther, and desire a reason why he hates pain, it is impossible he can ever give any. This is an ultimate end, and is never referred to any other object“ (Hume, 1902: 293).

Raymond Boudon hat mit seiner schon im Jahr 2007 auf Französisch publizierten Sammlung von Beiträgen zur allgemeinen Theorie der Rationalität so etwas wie sein Vermächtnis zur theoretischen Grundlegung der Sozialwissenschaften vorgelegt. Der Band ist 2013 in einer Übersetzung von Felix Wolter auf Deutsch erschienen.

Mit Nachdruck präsentiert Boudon seine Vorstellungen zu einer Sozialwissenschaft, die beanspruchen kann, eine Wissenschaft zu sein. Ihr aktuelles Erscheinungsbild erweckt in ihm allerdings den Eindruck eines Flickenteppichs („surrealistisches Sammelsurium à la Prévert“) und ist, so Boudon, „bei ihrem Versuch, einen allgemeinen, identitätsstiftenden und fruchtbaren theoretischen Rahmen auszuarbeiten“, grandios gescheitert (20).[1] Diese Diagnose passt zu Äußerungen in einem autobiografischen Artikel aus dem Jahr 2009, in dem er eine fehlgeleitete Sozialforschung kritisiert, die sich in einer stromlinienförmig praktizierten, multivariaten Modellempirie oder Variablensoziologie erschöpft (Boudon, 2009: 60). Damit könnte er auch eine um sich greifende, mehr auf den Impact schielende als nach systematischem Erkenntnisfortschritt strebende Publikationspraxis gemeint haben, deren Integrationskraft in der Tat recht begrenzt erscheint.

Die Texte Boudons sind lesenswert, weil sie dazu anregen, sich mit dem Selbstverständnis und mit der programmatischen Grundlegung der Soziologie bzw. der Sozialwissenschaften auseinanderzusetzen. Boudon unterbreitet einen in vielen Teilen begründeten Vorschlag dazu, der schon seit langem die methodologische Basis seiner für die Profession bedeutsamen und ertragreichen Forschung bildet. Angesichts des Anspruchs, mit der allgemeinen Theorie der Rationalität eine allgemeingültige Fundierung von Erklärungen sozialer Phänomene vorzulegen, erscheint er mir aber dennoch korrektur- und in der Konsequenz dann auch ergänzungsbedürftig. Ich werde im Folgenden diese Kritik in einem Durchgang durch die Kapitel dieses Bandes konkretisieren und skizzenhaft andeuten, wie man Boudons „Unvollendete“ zu Ende komponieren müsste.

Raymond Boudon hat für die deutsche Ausgabe seiner Aufsatzsammlung dankenswerterweise ein eigenes Vorwort verfasst, in dem er drei Prinzipien benennt, die als „Definiens der Soziologie als Wissenschaft“ (XX) anzusehen sind:

  1. (1)

    Der methodologische Singularismus, gemäß dem, Ludwig von Mises folgend, wissenschaftliche Erklärungen realistischerweise nur für klar abgrenzbare, soziale „Einzelphänomene“ möglich sind. Zu allgemein gefasste Fragestellungen, die etwa das Wesen von Gesellschaften als Ganzes thematisieren, können bestenfalls „interessante Interpretationen“ (XIV) hervorbringen. Boudon selbst ist ein Meister des methodologischen Singularismus. Er hat dessen Fruchtbarkeit unter anderem in seinen Analysen zum sozialen Wandel eindrucksvoll unter Beweis gestellt (Boudon, 1984).

  2. (2)

    Der methodologische Individualismus, wonach „individuelle Handlungen die einzig möglichen Gründe für soziale Phänomene sind“ (XVII). Die Erklärung sozialer Phänomene verlangt daher, die Ursachen sozialen Handelns von Akteuren zu bestimmen und die Mechanismen der Aggregation oder Integration zu sozialen Strukturen und Institutionen zu identifizieren. Das Aggregationsproblem bleibt in den Beiträgen dieses Bandes eher implizit. Boudon hat dazu in früheren Arbeiten wichtige Beiträge geliefert, so in seiner Einführung in die Soziologie (Boudon, 1980).

  3. (3)

    Das Prinzip des kognitiven Gleichgewichts, das den Kern einer allgemeinen Theorie der Rationalität oder Theorie der Alltagsrationalität bildet. Diese setzt sich von der klassisch-ökonomischen Rational-Choice-Theorie ab und erweitert sie konstruktiv: Sachbezogene wie normative Überzeugungen und Handlungen eines Akteurs beruhen auf einem als sozial geteilt empfundenen „System akzeptabler Gründe“ (XX). Dieser Teil des Boudonschen Programms wird von verschiedenen Seiten deutlich kritisiert. Wir werden sehen, dass man tatsächlich stichhaltige Einwände anbringen kann, die zu beachten sind.

Für Boudon basiert Rationalität auf individuellen Überzeugungen und Beweggründen, die grundsätzlich einem bewussten Raisonnement dessen entspringen, was für wahr oder richtig gehalten wird (vgl. Davidson, 2006). Dabei rekurriert Boudon auf den Begriff des „gesunden Menschenverstandes“, der für ihn „[...] unverzichtbar [ist] für das Verständnis praktisch aller sozialen, politischen und kulturellen Phänomene“ (1). Im Geiste der Aufklärung wird der gesunde Menschenverstand als Ausdruck der Autonomie und Vernunft eines sozial mit anderen verbundenen Akteurs beschworen. Auf Durkheim Bezug nehmend versteht Boudon weiter unter dem Common Sense (sense commune) all das, worüber sich die Mitglieder einer sozialen Gruppierung einig sind, oder die „Aufsummierung des gesunden Menschenverstandes eines jeden“ (2). Der gesunde Menschverstand des Einzelnen ist nicht durch den Common Sense determiniert: Schwerlich kann etwas im Common Sense erhalten bleiben, das nicht oder nicht mehr vor dem gesunden Menschenverstand der Akteure bestehen kann, für sie also nicht akzeptabel ist. Soziale Prozesse, etwa bedingt durch Wissenszuwachs, tragen zu einer ständigen Veränderung dessen bei, was als akzeptabel gilt und „wofür jeder objektive Gründe hat“, zuzustimmen (2).

Boudon lehnt daher eine „szientistische“ Soziologie ebenso ab, wie von ihm so genannte „holistische“ Sozialtheorien, die den Menschen „naturalisieren“, ihn gleichsam zu einer Verhaltensmaschine machen: „Müssen die Geisteswissenschaften das Menschliche wirklich über Bord werfen, um wissenschaftlich zu sein?“, fragt er am Ende des Vorworts zur deutschen Übersetzung (XXI). Diese Aussage könnte man als – nicht sehr wissenschaftliche – Sentimentalität abtun. Doch diese Position ist folgenreich und verwehrt Boudon Einsichten, die meines Erachtens zur Vervollständigung seines Ansatzes nötig sind.

Im ersten Teil des Bandes (Kapitel 1 und 2) führt Boudon in seine allgemeine Theorie der Rationalität ein, indem er sich gleichzeitig von anderen Theorieprogrammen absetzt. Er diagnostiziert einen „Zerfall der zeitgenössischen Sozialtheorie“ und spart nicht mit heftiger und bisweilen plakativ wirkender Kritik an nahezu allen Theorieentwürfen, die in den Sozialwissenschaften derzeit eine Rolle spielen. Das erspart mir, sie im Einzelnen zu nennen. Seine Ausführungen gehen ohnehin nicht sehr ins Detail, aber es schälen sich drei zentrale Kritikpunkte heraus, die für das Verständnis von Boudons Ansatz bedeutsam sind. Erstens, so meint er, genügt keine zeitgenössische Sozialtheorie, inklusive der Rational-Choice Theorie und ihrer Varianten, den Anforderungen an eine allgemeingültige Grundlegung der Sozialwissenschaften. Mit Ausnahme der RC-Theorie kommen sie, zweitens, über einen reinen Deskriptivismus nicht hinaus (20), womit sie immerhin eine soziale Funktion erfüllen mögen (vgl. Boudon, 2003). Sie operieren mit unpräzisen oder empirisch nicht abbildbaren Begriffen und bieten nur spekulative und nicht überprüfbare Erklärungsversuche an (31). Es gelingt ihnen also nicht, „zu den letzten Ursachen eines Phänomens vorzudringen“ (35) und Black Box freie, wissenschaftliche – sprich „kognitiv rationale“ ­– Erklärungen sozialer Phänomene zu liefern. Drittens beklagt er, nun wiederum auf alle Ansätze bezogen, dass sie „sich das Recht herausgenommen haben, die Welt subjektiver Fakten“ (33) zu vernachlässigen. Alle machen fragwürdige Annahmen zum menschlichen Verhalten (20), indem sie das faktisch „menschliche Subjekt naturalisieren“(34), das heißt, den Menschen zum Vollzugsagenten von Strukturen machen, seien sie in der Umwelt oder in der Psyche der Individuen vorgegeben oder durch Prozesse der Sozialisation erworben.

Boudon lehnt daher auch eine „materialistische“ Sozialwissenschaft ab, die soziales Handeln durch einen Rekurs auf neuronale und soziobiologische Mechanismen erklären will. Der Materialismus sei für Naturwissenschaften „wirklichkeitstreu“, für eine Theorie sozialen Handelns aber untauglich. Immerhin billigt Boudon den Neurowissenschaften und der Soziobiologie zu, relevante Aspekte sozialer Phänomene wissenschaftlich erklären zu können (11). Er stellt den Sozialwissenschaften die Neurowissenschaften und Soziobiologie als „kohärente und fruchtbare Programme“ gewissermaßen an die Seite (40). So meint er, dass etwa das Inzesttabu oder die Existenz des Gerechtigkeitssinnes beispielsweise eher oder nur durch die Biowissenschaften erklärt werden könne. Die Sozialwissenschaften mit ihren dann ja wohl vergeblichen Versuchen einer Erklärung bezeichnet er in solchen Fällen gar als „vorwissenschaftliches Wartezimmer“ (32). Diese Position, auch wenn sie sich noch als zu halbherzig erweisen wird, ist schon fast revolutionär in einer Soziologie, die, wenn überhaupt, nur sehr vorsichtig, fast ängstlich beginnt, sich diesen Disziplinen zu öffnen.

Boudon sieht auch keinen methodologischen Unterschied zwischen Erklärungen in den Geistes- und Naturwissenschaften – und Alltagserklärungen (35). Er wehrt sich aber im Falle der Erklärung sozialer Phänomene strikt gegen eine Reduktion auf „natürliche“, den Menschen determinierende Prozesse. Es ist nicht einfach die Macht sozialer Strukturen, es sind nicht kulturelle, biologische und psychische Zwänge, sondern es sind letztendlich die subjektiven, wenn auch sozial rückgebundenen Beweggründe individueller Akteure, die das primum movens ihres Handelns darstellen – und es rational sein lassen. Dabei reicht es, sich auf eine „gewöhnliche Psychologie“ oder Alltagspsychologie zu stützen, auf der auch die Idee des gesunden Menschenverstandes fußt (21 ff.). Der Soziologe, meint Boudon, kann davon ausgehen, dass die „von ihm analysierten sozialen Subjekte ein normales Gehirn haben, dessen Mandelkern nicht verkalkt ist und dessen präfrontaler Cortex korrekt funktioniert“ (30) – und die nicht durch eine transkranielle Magnetstimulation zu prosozialem Verhalten stimuliert werden, dass wir es also mit „normal funktionierenden Subjekten“ zu tun haben (31).

Eine zufriedenstellende, das heißt Black Box freie Erklärung ist dann erreicht und „der Soziologe [kann] davon ausgehen, die letzten Ursachen für ein soziales Phänomen gefunden zu haben, sobald er die dafür verantwortlichen Motivationen und Beweggründe der Akteure herausgearbeitet hat“ (28). Er hat eine rationale Verhaltenserklärung gefunden, die sich selbst genügt (Boudon, 2003). Die Erklärung eines sozialen Phänomens P (einer zugrunde liegenden Handlung) folgt laut Boudon einem einfachen Schema, wonach P auf eine Menge von Sätzen {S} (Beweggründe des Akteurs) zurückführbar ist, die wechselseitig miteinander vereinbar und für sich einzeln akzeptierbar sind (27). Es ist „kognitiv rational“, {S} als valide Erklärung von P anzusehen, wenn es kein Argumentationssystem {S}’ gibt, das {S} vorzuziehen wäre (60). Die Ursachen für individuelles Handeln liegen demnach im System akzeptierter Gründe {S}, die ein Akteur in einer Handlungssituation hat (55). {S} ist situationsspezifisch. {S} ist auch immer vorläufig und kann revidiert werden, wenn darin enthaltene Aussagen neuer empirischer Evidenz und besserem Wissen nicht standhalten.

Mit seiner allgemeinen Theorie der Rationalität setzt sich Boudon klar von der klassisch-ökonomischen Rational-Choice-Theorie ab. Ihr billigt er veritable Erklärungspotenziale zu, doch er legt überzeugende Argumente dafür vor, dass die RC-Theorie aufgrund ihres engen Rationalitätsbegriffs viele soziale Phänomene nicht (rational) erklären kann (53 f.). Er verweist auf Handlungsweisen, die nach seiner Ansicht dem RC-Postulat des Konsequentialismus widersprechen, da sie, „präskriptiven“ Überzeugungen folgen und für den Akteur keine persönlichen Konsequenzen haben oder seine Interessen nicht tangieren (z. B. der Kampf gegen die Todesstrafe, 52). Solche Handlungen können kein Gegenstand individueller Nutzenoptimierung sein. Dennoch sind sie nicht als irrational anzusehen, da sie durch den Verweis auf Überzeugungen des Handelnden vollständig (und rational) begründbar sind. Überhaupt versagt die Rational-Choice-Theorie laut Boudon bei so genannten „nicht-trivialen Überzeugungen“ oder Theorien, die keinen einfachen instrumentellen Hintergrund haben und auf selbst erklärungsbedürftigen Überzeugungen basieren (53). Die individuelle Handlungsrationalität ist nicht als rein instrumentelle Zweckrationalität zu verstehen. Das schließt ein, dass Rationalität sich nicht nur auf die Wahl der Mittel, sondern auch auf die Wahl der Ziele und der zugrunde liegenden Werte beziehen muss. Boudon sieht es daher als erforderlich an, mit seinen Konzepten der „kognitiven“ und der „axiologischen Rationalität“, wobei man Letztere als Spezialfall der Ersteren verstehen kann, den Begriff der Rationalität weiterzufassen, als es die RC-Theorie tut. Danach müssen Überzeugungen und Handlungen „soweit wie möglich als rational behandelt werden, d. h. – genauer gesagt – als Ergebnis von Gründen, die von Akteuren als valide wahrgenommen werden“ oder: „Rationalität ist eine Sache, ‚Erwartungsnutzen‘ eine andere“ (64).

Diese Erweiterung des Rationalitätsverständnisses ist in der Tat unabdingbar. Es gibt auch schon eine Reihe alternativer Konzepte einer Abschwächung des klassisch-ökonomischen Rationalitätsbegriffes („bounded rationality“). Boudon kann diesen Vorschlägen allerdings in der Regel wenig abgewinnen (7). Den Framing-Ansatz kanzelt er gar als „eklektisch“ und „inhaltsleeres Konzept“ ab. Die Einführung von Frames als deus ex machina ist für ihn auch deshalb keine Lösung, da sie dem in seinem Menschenbild verankerten, voluntaristischen Verständnis von Handlungsrationalität widersprechen.

So sehr Boudons Konzept einen entscheidenden und kohärenten Schritt aus der Enge des RC-Ansatzes darstellt, so sehr wirft es jedoch gravierende Fragen auf. Das von ihm als Befreiungsschlag gedachte Programm hängt gewissermaßen in der Luft, weil Boudon mit der Aufweichung des Konsequentialismus-Postulats ein wichtiges Element der Modellierung von Handlungsentscheidungen über Bord wirft und, so füge ich hinzu, weil er es ablehnt, sein Rationalitätskonzept materialistisch zu fundieren.

Zunächst zur Frage des Konsequentialismus-Postulats. Boudon ist für seine Position in dieser Sache von verschiedenen Autoren zu Recht (ungewöhnlich) deutlich kritisiert worden (Lindenberg, 2000; Esser, 2001). Es ist schwer vorstellbar und unnötig anzunehmen, dass Akteure gemäß den für sie stichhaltigen Gründen (rational) handeln, ohne zu erwarten, dass es ihrem subjektiven Wohlbefinden dient. Die erstrebenswerten Effekte können allerdings unterschiedlicher Art sein. Die soziale Interaktion mit einem signifikanten oder das „Bedienen“ des generalisierten Anderen können ebenso als belohnend empfunden werden wie die strategisch herbeigeführte Verwirklichung materieller Ziele zur Vergrößerung des Lebensstandards. Wir geben Trinkgeld, weil wir die Freude und Anerkennung eines bestimmten Kellners, aber und vor allem auch des generalisierten Anderen in uns als so belohnend ansehen, dass es uns die zehn Prozent des Rechnungsbetrages wert ist. Wir teilen beim Ultimatum-Spiel, weil wir es (auch) für unser „Me“, also für uns selbst tun (Mead, 1934). Auch eine aktive Bekämpfung der Todesstrafe oder wählen zu gehen, lässt sich so begründen. Die Tatsache, seiner Überzeugung gemäß zu handeln, und im Handeln mit seiner Vorstellung von sich identisch zu bleiben, ist ein weiteres belohnendes Element für Akteure. Das Motiv ist, als Individuum konsistent und so weit wie möglich kognitive Dissonanz vermeidend zu handeln. Menschen handeln also im Boudonschen „Normalfall“ immer konsequentialistisch, was, nebenbei bemerkt, nicht mit egoistischem Handeln gleichzusetzen ist. Neben der (Re-)Produktion physischer Wohlfahrt ist die belohnende Wirkung erwartungskonformen Handelns durch soziale Anerkennung für Homo Sapiens besonders wichtig. Meads Ansatz und dessen überzeugende Fundierung durch die Rekonstruktion der „Naturgeschichte des menschlichen Denkens“ von Tomasello (2015) zeigen, dass die Entwicklung von Sozialität und intersubjektiver Intentionalität untrennbar mit der Genese der menschlichen Spezies einhergeht. Wir sind nicht so sehr instrumentell rational wie Schimpansen, weil eine weitere Belohnungsdimension das menschliche Denken und Handeln bestimmt, die der Disposition des Menschen als in (Gruppen-)Grenzen besonders kooperatives, empathisches Wesen entspricht.

Akzeptiert man diese nicht sehr aufwändige Korrektur des Rationalitätsmodells Boudons, muss man allerdings, so behaupte ich, unweigerlich einen Schritt weitergehen, um die Theorie abzuschließen. Das Postulat des Konsequentialismus führt zu den Letztgründen des Handelns, die am Ende kognitiv- oder axiologisch-rational nicht mehr hinterfragbar sind (Hume, 1902). Es muss einen hinreichend allgemeinen, wenn auch wahrscheinlich hoch komplexen Mechanismus geben, der zu eindeutigen Handlungs- oder Verhaltensentscheidungen führt, wenn Menschen handlungsfähig sein sollen. Die Erforschung dieses Mechanismus liegt aber außerhalb der Reichweite soziologischer (und auch psychologischer) Analyse. Man erkennt hier eine Malaise einer aktuellen erklärenden Soziologie, die sich in einer gern und oft gepflegten, aber höchst fruchtlosen Diskussion um die richtige Handlungstheorie äußert, da sie kaum auf die von Boudon immerhin als Partner verstandenen Nachbarwissenschaften zugeht, die ihr die Arbeit diesbezüglich abnehmen können.

So wird niemand verneinen, dass die Entscheidungen über das, was als nächstes zu tun ist, zu jedem Zeitpunkt im Gehirn des Menschen „ausgerechnet“ werden – wo sonst? Sie resultieren aus dort sich vollziehenden Bilanzierungsprozessen, in die unterschiedlich gut abgesicherte Erwartungen darüber eingehen, mit wie starken Lust- und Unlustempfindungen ein Handeln oder Verhalten letztlich einhergehen wird. Das Wissen um diese Vorgänge im Gehirn ist noch begrenzt, aber wesentliche Konturen, die für die Sozialwissenschaften von Bedeutung sind, zeichnen sich ab (Roth, 2007), sodass auch der Bezug zu sozialwissenschaftlicher Forschung bestimmt werden kann. Die neuronalen Strukturen, die den Bilanzierungsprozessen zugrunde liegen, manifestieren sich in genetischen Dispositionen sowie erfahrungsbegründeten Kognitionen und Überzeugungen, etwa bezogen auf das, was als belohnend und was als schädlich oder spannungserzeugend empfunden wird. Die „subjektiven Fakten“, die Boudon meint, sind ein Teil davon, der grundsätzlich bewusstseinsfähig ist. Bewusste und unbewusste Wahrnehmungen in der Handlungssituation eines Akteurs „parametrisieren“ – ein Begriff, den auch Boudon verwendet, wenn es um die Relevanz von Handlungskontexten geht (125) – gewissermaßen zusammen mit den vorhandenen entscheidungsrelevanten neuronalen Strukturen diesen komplexen Bilanzierungsmechanismus. Das Ergebnis ist eine Entscheidung, die gemessen an den vermuteten Handlungsergebnissen festlegt, was der Akteur optimalerweise als nächstes tut. Die Erwartungen bezüglich der Handlungsfolgen können faktisch enttäuscht werden, wenn Wahrnehmungen in einer Handlungssituation unangemessen verarbeitet werden und zu, gemessen am intendierten Ergebnis, „falschen“ Entscheidungen führen. Um Enttäuschungen zu vermeiden und Unsicherheiten bezüglich der Folgenabschätzung zu reduzieren, werden während der Bilanzierungsprozesse selbst, aber immer auch außerhalb von Entscheidungssituationen unter Berücksichtigung von (insbesondere nicht einzuordnenden) Wahrnehmungen und Evaluationen von Handlungsergebnissen entscheidungsrelevante neuronale Strukturen upgedatet und Zielrelevanzen verändert. Der Mensch hat die Fähigkeit, sich Wahrnehmungen bewusst zu machen und Entscheidungen auf ihre, über den Tag hinausreichende Sinnhaftigkeit hin allein oder im sozialen Miteinander zu reflektieren. Einen interessanten, neurologisch und soziobiologisch informierten Vorschlag für ein Modell der Selbstregulation macht Lindenberg (Lindenberg, 2013). Er hält dabei an einem Frame-Konzept fest, der von ihm in den letzten Jahren entwickelte Ansatz ist aber auf dem Weg zu einer solchen „materialistischen“ Fundierung (vgl. auch Kahnemann, 2011). Die von Boudon so geschmähten Framing-Theorien werden als eigenständige, fundierungsfreie, handlungstheoretische Ansätze wohl auch nicht überleben.

Sozialwissenschaftler tragen durch die Identifizierung von Brückenhypothesen (Logik der Situation) Wesentliches zur Erforschung der Genese und des Wandels von gehirnstrukturell verankerten und situational relevanten Entscheidungsparametern bei. Sie müssen dafür nicht zu Gehirnforschern mutieren und der Sinn und Zweck einer Neuro-Soziologie muss sich auch erst noch erweisen. Vor allem aber sind die Sozialwissenschaften besonders gefordert, das Colemansche Mehrebenenmodell weiterzudenken und die Genese und den Wandel sozialer Phänomene zu erklären. Das Missverhältnis zwischen Studien zur Erklärung individuellen Handelns und zur Analyse von Aggregationsprozessen ist jedoch immer noch groß und die Defizite bezüglich Letzterem sind unübersehbar (Greshoff et al., 2011). Boudon hat viel zum besseren Verständnis von meist beispielhaft untersuchten Aggregationsphänomenen beigetragen. In diesem Band wird der Konnex zwischen sozialem Handeln und kollektiven Phänomenen kaum methodologisch reflektiert, sondern immer implizit mitgeführt.

Das gilt auch für die Abhandlungen im Teil II des Bandes (Kapitel 3 bis 7). Mit einem gewissen persönlichen Enthusiasmus billigt Boudon schon Tocqueville zu, wenn mitunter auch nur „instinktiv“ (76, 85) methodologischen Prinzipien gefolgt zu sein, die Essentials einer wissenschaftlichen Analyse sozialer Prozesse sind: „axiologische Neutralität“ oder Wertfreiheit in seinen wissenschaftlichen Arbeiten, das Gebot des methodologischen Singularismus, das Aufspüren „konditionaler Gesetze“ (Mechanismen), d. h. mehr oder minder komplexer Verkettungen allgemein akzeptabler Mechanismen, und eben das Gebot des methodologischen Individualismus. Boudon belegt dies durch Beispiele aus dessen bekannten Arbeiten zu Forschungen über die Demokratie in Amerika oder das Ancien Régime.

In den Beiträgen zur Religionssoziologie Webers (Kapitel 4) und Durkheims (Kapitel 5) werden noch einmal einige Elemente seines Programms bei den Klassikern „wiederentdeckt“. Dazu gehört die These, dass alltägliches, wissenschaftliches und auch religiöses Denken gleichen Prinzipien gehorcht (105 ff.). Weber schreibt: „Religiös und magisch motiviertes Handeln ist ferner, gerade in seiner urwüchsigen Gestalt, ein mindestens relativ rationales Handeln; wenn auch nicht notwendig ein Handeln nach Mitteln und Zwecken, so doch nach Erfahrungsregeln“ (Weber, 1976: 245). In Übereinstimmung damit kann Boudon keinen Unterschied zwischen den sogenannten „Primitiven“ oder „Wilden“ und dem „modernen Menschen“ sehen. Ihrem Denken liegen dieselben „kognitiven Mechanismen“ zugrunde (125). Für alle gilt: „Die wahre Ursache einer Handlung liegt in deren Sinn für den Akteur“ (128). Boudon erweist sich als ein wahrer Vertreter einer verstehenden Soziologie. Es ist allerdings zu prüfen, wie passgenau Webers und Boudons Verständnis von rationalem (bei Weber: „restlos und durchsichtig intellektuell“ erreichtem) Verstehen tatsächlich ist (vgl. Weber, 1976). Interessant ist ein weiterer Gedankengang im Kapitel über Weber, der mit dessen Thesen der „Rationalisierung“ und der „Entzauberung der Welt“ verknüpft ist (111 ff.). In den religionssoziologischen Studien von Weber spielen intellektuelle Innovationen, die zur Veränderung von Wissensbeständen der Menschen beitragen, eine wichtige Rolle. Boudon thematisiert sie als kontextuelle Parameter dessen, was für Menschen plausibel und eine sinnhafte Grundlage ihrer religiösen Überzeugungen sowie ihres Wollens und Handelns ist. In Übereinstimmung mit seiner allgemeinen Theorie der Rationalität entwirft Boudon die Idee eines „nicht-linearen Evolutionismus“, die er auch Weber unterstellt. Er attestiert Weber ein differenzierteres und soziologisch adäquateres Verständnis von Evolution als den Klassikern soziologischer Evolutionstheorien (z. B. Spencer). Denn soziale Prozesse und ihr Wandel sind aufgrund der – allerdings als begrenzt anzusehenden (113) – menschlichen Fähigkeit zur Reflexion besonders komplex, da sie selbstreferentiell und autokatalytisch sind. Auch wenn Boudon irreversible historische Trends ausmacht, so weiß er doch, dass „keine Unumkehrbarkeit von Ideen ohne eine Selektion von Ideen zustande [kommt], und keine Selektion von Ideen, ohne dass diese eine intrinsische Kraft besäßen“ (123).

In der Abhandlung zu Durkheims Studien zur Religionssoziologie kommt Boudon zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie zuvor. Immerhin hat er hier zunächst das Durkheimsche Verständnis des Sozialen als Realität sui generis und sein methodisches Diktum, wie es zu erklären sei – nämlich wiederum durch Soziales – mit dem Konzept des methodologischen Individualismus zu versöhnen. Das gelingt Boudon mühelos, indem er Formulierungen Durkheims, die dem widersprechen, als Ungeschicklichkeiten einstuft (133). Kollektive Vorstellungen seien, so zitiert er Durkheim, „eine Synthese sui generis der einzelnen Bewußtseine“ (134; Durkheim, 1981: 468). Das ist die Quelle von Boudons Vorstellungen des „sense commune“. Drei Aspekte, die Boudon wichtig sind, seien als Quintessenz (und Wiederholung) aus seinen Darstellungen zu Durkheims Kategorienlehre, dessen Betrachtungen zu religiösen Überzeugungen und zum Wesen der Seele erwähnt: (wiederum) die Einheitlichkeit des menschlichen Denkens (142), die Illusion, dass Illusionen oder Wunderglauben dauerhafte Handlungsmotive sein können (149), und die Relevanz der (psychologischen) Glaubwürdigkeit und Beobachtbarkeit von erklärenden Faktoren. In diesem Sinne schreibt Boudon: „Durkheims Theorie präsentiert sich letztlich vor allem deshalb als valide, weil alle Aussagen, die sie enthält, problemlos akzeptiert werden können“. Die Basis dessen, was man und warum man etwas als problemlos einzuschätzen geneigt ist, bleibt unklar. Bei der Lektüre dieser und ähnlicher Formulierungen verstärkt sich der Eindruck, dass Boudons einfach und elegant angelegtes Konzept der allgemeinen Theorie der Rationalität nicht ganz zu Ende gedacht ist.

Die letzten Kapitel des Bandes beinhalten empirische Analysen zum Wertewandel (Kapitel 6) und institutionellen Wandel in demokratischen Gemeinwesen (Kapitel 7). Boudon präsentiert eine umfangreiche, international vergleichende, deskriptive Analyse von Daten des World Value Surveys, die als Querschnittsstudie allerdings strenggenommen keine Aussagen über sozialen Wandel zulässt. Boudon hält dennoch die Diagnose für vertretbar, dass trotz einer Entwicklung hin zu einer „Bekräftigung des Individualismus und einer Rationalisierung der Werte“ der „Sinn für Werte“ nicht verloren gegangen ist (176, 214 f.). Konzeptuell interessanter, aber vielleicht problematischer, ist der Beitrag zu Entwicklungen demokratischer Institutionen und Entscheidungsprozessen. Boudon nimmt hier noch einmal Bezug auf seine Konzepte des gesunden Menschverstandes und des Common Sense und verknüpft sie mit dem Smithschen Konzept des „unparteiischen Zuschauers“ und Rousseaus „volontée général“ (219). Er fordert eine Rückbesinnung auf die „Grundsätze der Aufklärung und liberalen Demokratietheorie“ von Montesquieu über Smith und Rousseau (242) bis hin zu Weber und redet dabei einer unkritisch wirkenden Aufwertung des gesunden Menschenverstandes das Wort. Das ist eine Position, die vor dem Hintergrund seiner Theorie allgemeiner Rationalität zwar konsequent erscheint, aber berechtigten Anlass zu Kritik geben dürfte. Danach ist die emphatische Betonung des gesunden Menschenverstandes als rationaler Gradmesser menschlichen Handelns genauer zu hinterfragen.

Raymond Boudons hoch engagiert vorgetragenes, grundlagentheoretisches Vermächtnis für die Sozialwissenschaften bietet wertvolle Erkenntnisse, Lösungsvorschläge und Denkanstöße. Sein Theorieprogramm fordert zugleich Kritik heraus. Es bedarf einiger Korrekturen und Ergänzungen, die über die Sozialwissenschaften hinausreichen. Meine Vorschläge dafür, Boudons „Unvollendete“ zu Ende zu komponieren, mögen Vielen zu weit gehen. Wir werden aber über kurz oder lang an einer konstruktiven, tabulosen Diskussion der aufgeworfenen Fragen nicht vorbeikommen.

Literatur

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Online erschienen: 2016-1-14
Erschienen im Druck: 2016-1-1

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