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BY 4.0 license Open Access Published by Oldenbourg Wissenschaftsverlag May 17, 2022

Vincent August, Technologisches Regieren: Der Aufstieg des Netzwerk-Denkens in der Krise der Moderne. Bielefeld: transcript Verlag 2021, 480 S., kt., 38,00 €

Isabel Kusche
From the journal Soziologische Revue

Rezensierte Publikation:

Vincent August, Technologisches Regieren: Der Aufstieg des Netzwerk-Denkens in der Krise der Moderne. Bielefeld: transcript Verlag 2021, 480 S., kt., 38,00 €


Souveränitäts- versus Netzwerkdenken

Das Denken in Netzwerken ist gesellschaftliche Normalität. – Diese Beobachtung ist der Ausgangspunkt für das Buch von Vincent August, eine überarbeitete Fassung seiner politikwissenschaftlichen Dissertation. Angesiedelt im Schnittpunkt von politischer Ideengeschichte und Wissenssoziologie fragt der Autor „wie es kam und was es überhaupt bedeutet, wenn die politischen und politikwissenschaftlichen Akteure ihre westlichen Gesellschaften im Vokabular des Netzwerkes beschreiben“ (15). Seine These ist, dass es sich bei diesem Denken um eine Weiterentwicklung kybernetischer Denkfiguren handelt. Der vom Autor gewählte Begriff des technologischen Regierungsdenkens markiert damit einerseits den gemeinsamen Ursprung von heute weit verbreiteten Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata und den materiellen Computernetzwerken des Internets. Andererseits dient der Begriff dazu, das Denken in Netzwerken vom neoliberalen Denken abzugrenzen, mit dem es oft vermengt wird.

Ziel von August ist es erstens aufzuzeigen, dass es „neben dem Neoliberalismus mit dem technologischen Regierungsdenken derzeit ein zweites, technologisches Regierungsdenken gibt, dessen Leitmetaphorik nicht Märkte und Verträge, sondern Netzwerke und Systeme sind“ (16). Zweitens will er nachweisen, dass dieses Denken – ähnlich wie der Neoliberalismus – die Krise jenes Regierungsdenkens signalisierte, das bis in die 1970er Jahre selbstverständlich gewesen und um die Metapher der Souveränität herum organisiert war. Drittens geht es August darum, die intellektuelle Vielfalt des technologischen Regierungsdenkens zu verdeutlichen, indem er mit Michel Foucault und Niklas Luhmann zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Theoretiker als Vertreter dieses Denkens identifiziert und genauer untersucht.

Im ersten Teil des Buches unterscheidet August drei Narrative, die nach 1945 versuchten Souveränität neu zu bestimmen und zu gestalten: ein subversives Narrativ, für das er stellvertretend Frantz Fanon anführt, ein christlich-liberales Motiv, herausgearbeitet am Beispiel Bertrand de Jouvenels, sowie ein bürgerlich-republikanisches Narrativ, in Deutschland u. a. vertreten von Wilhelm Hennis und Werner von Simson. Allen drei Narrativen gemeinsam ist laut August, dass sie den Souveränitätsbegriff in doppelter Bedeutung verwendeten, nämlich zum einen in Bezug auf Politik bzw. Staat und zum anderen in Bezug auf die Subjekte, die in Relation zum Staat stehen. Souveränität wurde so mit einem humanistischen und integrativen Telos verknüpft. In der praktischen Politik schlug sich das unter anderem in einem Fokus auf Planung nieder, die gesellschaftliche Integration durch Modernisierung und Wachstum gewährleisten sollte.

Die politische Planung hat, wie August im zweiten Teil des Buches rekonstruiert, schon in den 1960er Jahren Kritik am souveränen Regierungsdenken hervorgerufen. Hier skizziert der Autor zwar kurz die einschlägige Technokratie-Kritik, konzentriert sich aber auf theoretische Innovationen innerhalb der Disziplin der Kybernetik, die auf den ersten Blick als Paradebeispiel für die Ambitionen staatlichen Planungsdenkens erscheint. August zeichnet die reflexive Wendung zu einer second order cybernetics nach, die Komplexität und Kontingenz so klar in den Blick rückte, dass Erwartungen an Effizienzsteigerung und ähnliche Steuerungseffekte nachhaltig durchkreuzt wurden. Damit entstand, so August, ein Reservoir an theoretischen Konzepten, die sich vom Souveränitätsdenken grundlegend unterschieden.

Der dritte Teil legt dar, dass die 1970er Jahre vor dem Hintergrund von Stagflation, Ölpreiskrise und terroristischer Gewalt mehrere Narrative hervorbrachten, in denen eine Krise des Souveränitätsdenkens zum Ausdruck kam. Zwei der Narrative – in der Tradition des klassischen Institutionalismus bzw. der des Neo-Marxismus – benannten zwar interne Widersprüche und Dilemmata des Souveränitätsdenkens, konnten aber keine Alternativen zu ihm aufzeigen. Zwei neue Deutungsmuster – neoliberales und technologisches Denken – boten dagegen solche Alternativen. Wo der Neoliberalismus die mangelnde Rationalität des Staates steigern wollte, indem jede teleologisch angehauchte Gemeinwohlidee zugunsten eines schlanken Staates verabschiedet wurde, identifizierte die technologische Krisendiagnose laut August die veraltete Rationalität der Moderne als das Grundproblem und kehrte dieser unter Rückgriff auf Ideen der Kybernetik den Rücken.

Der vierte Teil widmet sich mit Michel Foucault einem keineswegs offensichtlichen Vertreter des von August identifizierten technologischen Regierungsdenkens. Daher arbeitet der Autor zunächst heraus, inwiefern das kybernetische Denken sich in Foucaults zentralen Ideen überhaupt niedergeschlagen hat. Er entdeckt Figuren der Selbstorganisation, der Kontingenz und der Reflexivität in Foucaults Überlegungen zur Ordnung von Diskursen ebenso wie in seinem netzwerkförmigen, dezentralen Machtbegriff und dessen späterer Reformulierung und Neujustierung als Geschichte der Gouvernementalität. Das erlaubt es ihm dann auch, speziell letztere von neoliberalem Denken abzugrenzen.

Im fünften Teil geht es dagegen mit Niklas Luhmann um einen Theoretiker, bei dem die Verbindungen des Begriffsapparates zur Kybernetik offen zutage liegen. August konzentriert sich folglich stärker darauf nachzuweisen, wie sich in Luhmanns Konzepten, die sich zu einer allgemeinen Theorie der Gesellschaft zusammenfügen sollten, die politischen Auseinandersetzungen der 1970er Jahre niederschlugen. August zeichnet insbesondere Luhmanns – dessen eigener Theorie zufolge paradoxen – Versuch nach, der Politik eine alternative Selbstbeschreibung anzubieten, um aus den Sackgassen hierarchischer Machtkonzepte und progressiver wie konservativer politischer Programmatiken zu finden.

Der Schlussteil des Buches deutet an, welche weiteren Forschungsperspektiven sich durch die unternommene Rekonstruktion eines technologischen Regierungsdenkens ergeben, insbesondere was dessen Verhältnis zum neoliberalen Denken betrifft, aber auch die Schwächen des Netzwerkdenkens selbst, die eine Rückkehr von souveränitätstheoretischen Argumenten, insbesondere im Zusammenhang mit Fragen der kollektiven Handlungsfähigkeit, möglich machen.

Für Luhmann ging es bei Theoriearbeit „auf einem Kontinuum des Vergleichsinteresses um zunehmend unwahrscheinliche Vergleiche, also um Feststellung von Gleichheiten an etwas, was zunächst ungleich erscheint. Es geht um eine Distanzierung der Vergleichsgesichtspunkte [...]“ (Luhmann, 1990: 409; Hervorhebung weggelassen). In diesem Sinne handelt es sich bei dem von August vorgelegten Buch um eine beeindruckende Theoriearbeit, die durch die Originalität des zentralen Argumentes besticht. Die Rekonstruktion des Souveränitätsdenkens macht als Kontrastfolie Vergleichsgesichtspunkte verfügbar, mit deren Hilfe die zunächst höchst ungleich erscheinenden Theoretiker Foucault und Luhmann als Vertreter einer breiten, auf die Kybernetik zurückgehenden Denkströmung erkennbar werden. Das bringt Akzentuierungen mit sich, über die sich im Einzelnen streiten ließe. So ist es mit Blick auf Foucault in der Tat erhellend, wie August in dessen Werk systematisch kybernetische Metaphern aufspürt und ihn im Zuge dessen vom neoliberalen Denken distanziert, mit dem sein Spätwerk so oft in Verbindung gebracht wird, jüngst etwa wieder von Dean und Zamora (2021). Dennoch macht es natürlich einen Unterschied, dass sich Foucault mit dem Neoliberalismus in seinen Vorlesungen ausführlich befasst hat, während das kybernetische Denken ohne explizite Reflexion eher in sein Werk eingesickert zu sein scheint. Ebenso macht es einen Unterschied, dass Luhmann den Begriff des Regierens – von wenigen verstreuten Stellen abgesehen – eben doch überwiegend für das politische System reserviert. Luhmanns Machtbegriff ist zwar sozialtheoretisch so angelegt, dass er bemerkenswerte Parallelen zu Foucault aufweist, wie August herausarbeitet. Im Gesamtgefüge der Luhmannschen Theorie spielt er aber vorwiegend auf gesellschaftstheoretischer Ebene eine Rolle.

Lässt man Fragen der Gewichtung bestimmter theoretischer Tendenzen im Kontext der Gesamtwerke von Foucault und Luhmann beiseite, besteht aber kein Zweifel, dass August eine Studie von außergewöhnlicher Stringenz und Überzeugungskraft gelungen ist. Der Vergleich zweier Theorien ist für ihn letztlich nur das Mittel, um ein wesentlich ambitionierteres Ziel zu erreichen, nämlich den Aufstieg des Netzwerkdenkens seit den 1970er Jahren aus ideengeschichtlich-wissenssoziologischer Perspektive zu erklären. Das Buch lässt sich insofern komplementär zu der ebenfalls 2021 von Urs Stäheli vorgelegten „Soziologie der Entnetzung“ lesen. Auch diese zeigt, dass die Verbreitung des Netzwerkdenkens zeitlich weit früher anzusiedeln ist als technische Innovationen wie das Internet, ohne aber die Frage nach dessen Ursprüngen zu bearbeiten oder dem politischen Denken in Begriffen von Netzwerken größere Aufmerksamkeit zu widmen. Und auch wenn, anders als bei Stäheli, Gegenbewegungen zum Netzwerkdenken bei August nicht im Mittelpunkt stehen, ist sein Buch selbst in dieser Hinsicht aufschlussreich. Indem er am Ende den Blick auf Folgeprobleme des Netzwerkdenkens richtet und diese mit der Rückkehr von souveränitätstheoretischen Argumenten in Zusammenhang bringt, zeigt er die Anschlussfähigkeit seiner theoretischen Rekonstruktion an praktisch-politische Fragen der Gegenwart und somit in augenfälliger Weise die Relevanz von Theorie.

So ließe sich etwa Augusts abschließende Anmerkung zum Problem von Hate Speech und Fake News im Internet, das möglicherweise „doch einer klareren, normativ grundierten Regulation bedarf, die den Staat als repräsentative Ordnungsinstanz auf den Plan ruft“ (408) erweitern. In den Blick geraten dann neben einer Rückkehr des Souveränitätsdenkens im Zusammenhang mit der Regulierung digitaler Plattformen auch Befürchtungen, dass die Autonomie von Individuen durch die algorithmenbasierte Verhaltensregulation auf Online-Plattformen generell in Frage gestellt werde (Yeung, 2017). Das wirft die Frage auf, ob das Souveränitätsmodell mit Blick auf das Individuum bislang überhaupt in ähnlicher Weise nicht nur in einer theoretischen, sondern auch in einer praktischen Krise gewesen ist, wie August es für das Modell staatlicher Souveränität unter Verweis auf die 1970er Jahre zeigt. In dieser und in vielen anderen Hinsichten regt das Buch von Vincent August dazu an, vermeintlich Bekanntes noch einmal neu zu durchdenken.

Literatur

Dean, M.; Zamora, D. The Last Man Takes LSD. Foucault and the End of Revolution; Verso: London/New York, 2021.Search in Google Scholar

Luhmann, N. Die Wissenschaft der Gesellschaft; Suhrkamp: Frankfurt a. M., 1990.Search in Google Scholar

Stäheli, U. Soziologie der Entnetzung. Suhrkamp: Frankfurt a. M., 2021.Search in Google Scholar

Yeung, K. ‘Hypernudge’: Big Data as a mode of regulation by design. Information, Communication & Society, 2017, 20(1), 118–136.10.1080/1369118X.2016.1186713Search in Google Scholar

Online erschienen: 2022-05-17
Erschienen im Druck: 2022-05-16

© 2022 Isabel Kusche, publiziert von Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

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