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Publicly Available Published by De Gruyter Oldenbourg April 5, 2018

Therapeutische Kommunikation im Kontext von Sportorganisationen: Zur Soziologie depressiver Erkrankungen im Spitzensport

Therapeutic communication in the context of sports organizations: Towards a sociology of depression in high performance sports
Felix Kühnle EMAIL logo
From the journal Sport und Gesellschaft

Zusammenfassung

Zur therapeutischen Versorgung depressiver Athleten kooperieren die Vereine und Verbände im Spitzensport häufig mit Psychotherapeuten. Der vorliegende Beitrag analysiert die komplexen Sinnvorgaben therapeutischer Kommunikation zur Behandlung depressiver Spitzensportler mit Hilfe der neueren soziologischen Systemtheorie. Die freiwerdenden Erkenntnisse werden unter besonderer Berücksichtigung der spezifischen Kontextbedingungen in Sportorganisationen reflektiert. Aus Sicht der Sportvereine und -verbände erweist sich die psychotherapeutische Intervention bisweilen als ambivalenter Problemlösungsversuch: Indem Psychotherapeuten systemfremde Logiken einbringen und mit inkongruenten Perspektiven arbeiten, um den Leidensdruck des betroffenen Athleten zu beheben, können sie aufseiten der Organisation durchaus Irritationen stiften und neue Probleme erzeugen.

Summary

In order to provide therapeutic care for depressed athletes, high-performance sports organizations frequently collaborate with psychotherapists. Taking sociological systems theory as a framework, I analyze the complex meanings of therapeutic communication in treating depressed high-performance athletes. I then reflect on the results of this analysis, taking into special account the organizational context of high performance sports. From the perspective of sports organizations, psychotherapeutic interventions can prove to be ambivalent attempts at problem solving:

By introducing logics alien to the sports system and working with incongruent perspectives to reduce the suffering of the affected athlete, psychotherapists can irritate workflows and cause further problems on the side of the organization.

Die Seele ist kein Hammerwerk.“

(David Foster Wallace)

1 Einleitung

Der Spitzensport wurde lange Zeit eher harmonistisch beschrieben. Insbesondere die Sozialfigur des Athleten[1] symbolisierte eine öffentliche Gegenwelt zu den existenziellen Ängsten und privaten Sorgen des Menschen in der funktional differenzierten Gesellschaft. Zwar scheint nach wie vor kein anderer Sozialbereich besser geeignet, sozial harmlose Helden zu erzeugen und heroische Geschichten zu schreiben, allerdings konterkarieren seit geraumer Zeit wiederkehrende Krisen und Skandale das etablierte Image des Sports stets aufs Neue. Insbesondere die sich ausbreitende Kommunikation über psychische Erkrankungen von Athleten steht sinnbildlich für die Schattenseiten des Spitzensports im Zeitalter seiner „Entfesselung“ durch Publikum, Massenmedien, Wirtschaft und Politik (vgl. Bette & Schimank, 1995, S. 52ff.).

In den letzten Jahren deuten immer mehr Athleten ihre psychosozialen Befindlichkeiten und Schieflagen als depressive Erkrankungen.[2] Sie greifen damit auf eine Semantik zurück, die im öffentlichen Diskurs verfügbar ist und in Selbstthematisierungen anderer Betroffener meist detailreich umschrieben wird. Inzwischen bekennen sich nicht wenige Spitzensportler auf Pressekonferenzen, in Talkshows, in Zeitungsinterviews, in autobiografischen Texten oder auch in den neuen sozialen Netzwerken zu den dunklen Stunden ihrer Karriere. In Einzelfällen legen sie ihr Geständnis sogar auf brachiale Weise in Gestalt von Suiziden oder Suizidversuchen ab. Auf diesem Weg suchen sie ihrem gegenwärtigen Leiden und der stets ungewissen Zukunft ihres Daseins zu entfliehen. Zugleich wird ihr sportlicher Hintergrund durch den Symbolwert dieser Wahl radikal diskreditiert.

Indes stellt die Wissenschaft bereits ein vielfältiges Wissen über psychische Erkrankungen im Spitzensport zur Verfügung. Insbesondere in der englischsprachigen Forschung beschäftigt sich eine Reihe von Sportpsychologen und -psychiatern mit dem Themenbereich. Sie warten mit Untersuchungen zur Prävalenz psychischer Krankheiten in verschiedenen Athletenpopulationen sowie zu kritischen Ereignissen, vulnerablen Phasen und Risikofaktoren in Spitzensportkarrieren auf. Schon seit einigen Jahrzehnten findet unter anderem ein Diskurs über Möglichkeiten der therapeutischen Versorgung psychisch erkrankter Spitzenathleten statt, vor allem entlang der Unterscheidung zwischen pharmako- und psychotherapeutischen Behandlungswegen (vgl. Beisser, 1967; Heyman, 1987; Baum, 2000; Begel, 2000; Stillman, Ritvo & Glick, 2013). Deutschsprachige Forscher veröffentlichen vergleichbare Artikel erst seit Kurzem (vgl. Hoyer & Kleinert, 2010).

Die verschiedenen Autoren beobachten Spitzensportler wiederkehrend als eine fahrlässig unterversorgte Bevölkerungsgruppe, führen Fallbeispiele mit suizidaler Eskalation an und betonen die Dringlichkeit einer intensiven Auseinandersetzung mit der Thematik. Als Akteure, die an der Schnittstelle von Theorie und Praxis operieren, berufen sie sich häufig auf Erfahrungen, die sie in ihrer eigenen Arbeit mit betroffenen Sportlern sammeln konnten. Vereinzelt weisen sie auf subkulturelle Besonderheiten (etwa Tabuisierungsregeln und Stigmatisierungsdynamiken), logistisch-bürokratische Schwierigkeiten (insbesondere aufgrund der dichten Trainings-, Termin- und Reisepläne von Spitzenathleten) oder auch Eigentümlichkeiten im Umgang mit der Athletenklientel (z.B. entwicklungspsychologischer Art) hin. Gelegentlich werden außerdem gängige psychotherapeutische Ansätze – u.a. psychoanalytische/-dynamische, kognitiv-verhaltenstherapeutische, systemische, humanistische, gruppenpsychotherapeutische – für ihre Anwendung bei Athleten vorgeschlagen (vgl. Heyman, 1987, S. 148ff.; Ogilvie, Morgan, Pierce, Marcotte & Ryan, 1981; Cogan, 2000, S. 108ff.; Hellstedt, 2000; Hays, 2010, S. 252ff.; Stillman et al. 2013).

In diesem Rahmen finden sich diverse Arbeiten, die sich explizit mit Fragen der psychotherapeutischen Intervention bei depressiven Erkrankungen auseinandersetzen (vgl. Hanna, 1979, S. 202ff.; Cogan, 1998, 2000; David Baron, Steven Baron & Foley 2009; David Baron, Steven Baron, Tompkins & Polat, 2013; Hays, 2010; Geißler, 2010). Einige davon beinhalten Kasuistiken, in deren Rahmen die psychotherapeutische Behandlung eines depressiven Athleten geschildert wird. Auch in der autobiografischen Literatur beschreiben behandelte Sportler sowie behandelnde Therapeuten ihre Sicht auf die therapeutische Arbeit (vgl. Biermann & Schäfer, 2011, S. 148ff.; Hannawald & Pramann, 2013, S. 184ff.). Das weit verstreute Material zum Themenbereich wurde bislang allerdings nicht systematisch ausgewertet.

Der vorliegende Beitrag setzt an dieser Stelle an. Im Folgenden werden die in der sportpsychologischen und -psychiatrischen Literatur verfügbaren Reflexionen sowie die Selbstdeutungen betroffener Athleten und die Fremdbeschreibungen ihrer Therapeuten im Rahmen einer soziologischen Beobachtung zweiter Ordnung analysiert. Diese strebt nicht an, besser, sondern nur anders zu beobachten. Die in der Literatur versammelten Beobachtungen sollen mit Hilfe der neueren soziologischen Systemtheorie auf Leitunterscheidungen und blinde Flecken hin abgeklopft werden, um das partielle Nichtsehen oder auch Nichtsehen-Wollen der beteiligten Akteure im Medium zweiter Blicke zu rekonstruieren, zu systematisieren und zu deuten.[3]

Die nachstehende Analyse gliedert sich in drei Schritte. Im ersten Schritt wird dargelegt, dass die Depressionen eines Sportlers nicht im luftleeren Raum auftreten, sondern mit einer Störung der Eigendynamik in den Sportvereinen und -verbänden in der Umwelt des betroffenen Athleten einhergehen. Im zweiten Schritt werden die komplexen Sinnvorgaben therapeutischer Systeme beschrieben, die die Behandlung depressiver Spitzenathleten anleiten. Im dritten Schritt werden die freiwerdenden Erkenntnisse an die besonderen Kontextbedingungen rückgebunden, wie sie in Sportorganisationen anzutreffen sind. Dabei soll es nicht darum gehen, Empfehlungen für erfolgreiche Interventionen in der Praxis zu formulieren. Therapieerfolg rückt vielmehr als beobachtungsrelative Konstruktion in den Blick. Aus diesem Grund wird ein besonderes Augenmerk auf die bislang vernachlässigten Risiken, Grenzen und Probleme sowie auf die nicht-beabsichtigten Folgen gelegt, mit denen die Vereine und Verbände im Spitzensport im Rahmen der psychotherapeutischen Versorgung ihrer Leistungsträger bisweilen konfrontiert werden.

2 Athletendepression als Störung in der Innenwelt von Sportorganisationen

Dass Athleten Höchstleistungen erbringen oder Sportmannschaften konkurrenzfähig bleiben, ist keine Frage des Zufalls, sondern eine Frage der Organisation. In gesellschaftlichen Hochleistungssektoren wie dem Spitzensport orientieren sich die Vereine und Verbände an einer strikten Zweck-Mittel-Rationalität im Zugriff auf die Menschen. Um gemäß der Logik des Spitzensports Siege zu erringen und Niederlagen tunlichst zu vermeiden, sind die korporativen Akteure im Spitzensport auf einen rigiden Umgang mit den körperlichen und psychischen Ressourcen ihrer Athleten festgelegt. Zu ernsthaften Störungen kann es kommen, wenn organisationale Erwartungshaltungen in Gefahr stehen, enttäuscht zu werden oder Organisationsziele bereits akut verfehlt worden sind. In einem personen- und körperorientierten Sozialbereich wie dem Spitzensport können Verletzungen oder psychophysische Belastungsstörungen aufseiten der personalen „Innenwelt“ (Willke, 1978, S. 344) der Organisation gravierende Folgeprobleme hervorrufen. Wenn Medaillenziele und höhere Rangplätze bei den Groß- und Weltereignissen des Sports nicht erreicht werden, droht langfristig ein Ressourcen- und Aufmerksamkeitsentzug durch Publikum, Massenmedien, Wirtschaft und Politik.

Um personale Ressourcen und Investitionen abzusichern, müssen die Vereine und Verbände im Spitzensport eine therapeutische Versorgung ihrer Symbolfiguren im Krankheits- und Verletzungsfall sicherstellen. Zur Entstörung der Organisation im Falle organischer Pathologien und orthopädischer Probleme hat sich seit Langem eine stabile Zusammenarbeit mit der Sportmedizin etabliert. Sportärzte halten effektive, hochgradig an die Leistungs- und Siegeslogik anschlussfähige Technologien zur Bearbeitung der körperlich-leiblichen Materialitätsbasis sportlichen Handelns bereit. Auf das Auftauchen einer Athletendepression sind Trainer, Funktionäre und weitere Rollen- bzw. Stelleninhaber bislang weniger gut vorbereitet. Depressionen wirken zwar als ein Warnsignal, das die Aufmerksamkeit der Eingeweihten wirksam bindet, jedoch lassen sich die konkreten Belastungen, die damit einhergehen, nicht präzise vorhersagen. Am Anfang ist eine Depression für alle Beteiligten, um es in den Worten des ehemaligen Fußballprofis Sebastian Deisler zu sagen, vor allem ein „hässliches Wort“ (Deisler & Rosentritt, 2010, S. 306). Im Rahmen dokumentierter Fälle beobachten sich signifikante Entscheidungsträger im Umfeld der Betroffenen – selbst langjährige, erfahrene Sportfunktionäre – als gänzlich verunsichert: Was ist die Ursache? Womit ist zu rechnen? Wie kann Schlimmeres verhindert werden? In der Aufbereitung der Ereignisse um die Depression Deislers erinnerte sich Uli Hoeneß an die Konfrontation mit dem Problem beim FC Bayern München: „Der Zusammenbruch war für uns ein völlig neues Gefühl. So etwas hat es noch nie gegeben! […] Wir fragten uns: Was machen wir jetzt damit?“ (ebd., S. 283).

Das Auftauchen der Depression eines Kadermitglieds als Thema in der Kommunikation in Sportvereinen und -verbänden lässt nicht nur die Erfüllung der formalen Erwartungen prekär werden, welche diese an die Leistungsfähigkeit ihrer Mitglieder stellen. Falls das Wissen über die Erkrankung an die Öffentlichkeit gelangen sollte, kann sie gerade auch für jene korporativen Akteure zum Problem werden, die im Zentrum des öffentlichen Interesses stehen. Insbesondere die Printmedien haben den Diskurs um depressive Erkrankungen und suizidale Neigungen im Spitzensport als Modethema für sich entdeckt (vgl. Ehrhardt, 2015). In dem Maße, wie Journalisten Einzelfälle aufarbeiten, als Blick hinter die Kulissen von Sportorganisationen inszenieren und gemäß ihrer dominanten Verwertungslogik skandalisieren, moralisieren und personalisieren, durchkreuzen sie die routinierte Außendarstellung von Sportorganisationen. Insofern sie sportliche Misserfolge oder Negativschlagzeilen in den Massenmedien nach sich ziehen kann, gestaltet sich die depressive Erkrankung eines Leistungsträgers somit als eine komplexe Problematik für die Vereine und Verbände. Zu ihrer Lösung müssen umso dringender geeignete Experten rekrutiert werden.

3 Sinnvorgaben des therapeutischen Systems

Die Behandlung depressiver Pathologien vollzieht sich bis heute im Spannungsfeld zwischen der biologisch-somatisch orientierten Psychiatrie und gesprächsbasierten, psychotherapeutischen Formen. Bei leichteren Depressionen wird auf die Verordnung von Psychopharmaka häufig verzichtet. Selbst im Rahmen der Versuche, schwere Formen mit Hilfe einer Medikamentierung in den Griff zu bekommen, finden allerdings kombinatorische Gesamtbehandlungspläne Anwendung, um synergistische Effekte durch den Einsatz pharmako- und psychotherapeutischer Verfahren erzielen zu können. Für den Spitzensport wird die Zusammenarbeit mit Psychotherapeuten als Mittel erster Wahl empfohlen (vgl. Baron et al. 2013, S. 69). Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Sinnvorgaben der therapeutischen Kommunikation mit depressiven Athleten in der Sozial-, Sach- und Zeitdimension ist demnach überfällig. Diese Forschungslücke wird im Folgenden geschlossen.

3.1 Therapie als Kommunikation

Die Sozialdimension betrifft die Art und Weise, in der sich Ego und Alter mit ihren Körpern und Psychen im therapeutischen System wechselseitig adressieren. Der Adressat der therapeutischen Maßnahmen ist primär das psychische System des Betroffenen. Psychotherapeuten zielen demgemäß nicht auf die Regulation biochemischer Kreisläufe, sondern auf die Reduktion des Leidensdrucks der therapierten Person durch eine Änderung seiner Denk-, Handlungs- und Deutungsstrukturen (vgl. Willke, 1994, S. 92ff.; Luhmann, 2008, S. 26). Somit führt ihre Rekrutierung zur Ausdifferenzierung eines therapeutisch ausgerichteten Interaktionssystems in der Umwelt der Sportorganisation, das über strukturelle Kopplungen mit den beteiligten Psychen im Medium Sprache entsteht und auch seine therapeutische Wirkung auf der Grundlage verbaler Kommunikation entfaltet.

Das therapeutische System inkludiert seine personale Umwelt in Form der Experten-Laien-Beziehung zwischen einem therapierenden System (Therapeut) und dem therapierten System (Klient). Gemäß der Handlungsprämissen, die in psychotherapeutischen Kontexten wirksam sind, wird die organisch-biologische Materialitätsbasis der Klientenperson nur unter Sonderbedingungen relevant. In einigen Fällen werden zwar Psychopharmaka (insbesondere Antidepressiva) zum Einsatz gebracht, die das therapierte Bewusstsein aufgrund der strukturellen Kopplung von körperlich-organischen (hier: Nervensystem) und psychischen Systemen durchaus beeinflussen können. Mit Bezug auf den Stand der Forschung sind sie allerdings eher als unterstützende Mittel einzuordnen, die den Leidensdruck zumindest abdämpfen können und günstige Bedingungen für das therapeutische Gespräch schaffen sollen.[4] Darüber hinaus rückt der Körper als eingeschlossener ausgeschlossener Dritter lediglich dann in den Blick, wenn er in den Erzählungen des Klienten zum Thema wird oder infolge vielsagender Körperhaltung, Mimik und Gestik Irritationen an den Sinngrenzen der Kommunikation erzeugt, die angesprochen, zu Informationen aufbereitet und als Einsichten in das psychische Innenleben des betroffenen Athleten behandelt werden.[5]

Technologiedefizit in der Therapeut/Athleten-Beziehung

Die Impulse, die im Laufe der Therapie problemlösende Wirkungen im therapierten System aufschaukeln sollen, werden in der Brechung durch das Sozialsystem bewirkt, das unhintergehbar zwischen die füreinander intransparenten Psychen geschaltet ist. Die Wirklichkeit der therapeutischen Kommunikation ist dabei nicht identisch mit den Wirklichkeitskonstruktionen, die in den Bewusstseinssystemen von Therapeut bzw. Klient jeweils ablaufen. Welche Gedanken auch in den Köpfen der beteiligten Psychen zirkulieren – nur indem sie in das nichtprivate Medium Sprache übersetzt und mitgeteilt werden, können sie Anschlüsse in der therapeutischen Interaktion erzeugen.

Entgegen der relativen Technologisierbarkeit des Körpers bringt der Rückgriff auf Kommunikation ein „Technologiedefizit“ (vgl. Luhmann & Schorr, 1988, S. 120) mit sich. Zwar werden auch Interventionen in die Körperlichkeit mit Problemen defizitärer Kalkulierbarkeit und nicht-intendierten Begleiterscheinungen konfrontiert, die sich aus der operativen Geschlossenheit des biologischen Systems ergeben; auf der physiologischen Ebene laufen Heilungsprozesse dennoch nach naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten ab. In gewissen Grenzen lassen sie sich über funktionierende Simplifikationen steuern, indem z.B. Schmerzen kupiert, Blutzuckerspiegel reguliert, Impfstoffe injiziert, Erythrozyten zentrifugiert oder Hormone substituiert werden.

Als nicht-triviale, hochkomplexe Systeme bleiben die Psychen von Athlet wie Therapeut prinzipiell unberechenbar. Keiner der beiden Interaktionspartner kann den Bewusstseinsverlauf in seinem Gegenüber auf eine eineindeutige Wenn-Dann-Beziehung zwischen einem spezifischen Input und dem intendierten Output festlegen (vgl. von Foerster, 1985, S. 12). Es gibt keine Möglichkeit, heilsame Gedanken mithilfe einer Spritze in das psychische System des betroffenen Athleten einzuleiten. Anstelle eines direkten Verhältnisses von Ursache und Wirkung muss gerade auch für die Interaktion zwischen Therapeut und Klient ein indirektes Verhältnis von Autor und Leser angenommen werden (vgl. Willke, 1994, S. 95). Beide Systeme „lesen“ die Mitteilungen des Anderen auf der Grundlage ihrer eigenen Vorerfahrungen, Unterscheidungsweisen und Relevanzstrukturen. Therapeuten versuchen zwar mit aller Sorgfalt im Hinblick auf Wortwahl, Tonfall, mimisch-gestische Auffaltungen oder sonstige Variationen auf der Mitteilungsebene die Einwirkungs- und Auslösekapazität ihrer Sinnvorschläge zu steigern. Dennoch haben sie nicht unter Kontrolle, wie ihre Fragen, Einschätzungen oder Stellungnahmen in der Gedankenwelt des Gegenübers ankommen, ob sie überhaupt durch die Filter seines psychischen Systems hindurchgeschleust werden und welche Spuren sie dort kurz-, mittel- oder langfristig hinterlassen.

Ob, und wenn ja, welche Informationen das betroffene System aus der Kommunikation zieht, resultiert folglich aus seiner eigenen Aktivität. Zudem nutzt es jegliche Informationen auf seine Weise zur Kontinuierung der Autopoiese oder gar zum Erhalt der vorhandenen Strukturen. Gerade depressive Bewusstseinszustände zeichnen sich häufig durch innere Denk- und Assoziationsschleifen aus, die Umweltereignisse in den gewohnten Bahnen verarbeiten, die sich auf diesem Weg immer wieder selbst bestätigen (vgl. Meiss, 2016, S. 131). Umso schwieriger gestaltet sich der therapeutische Auftrag: Nur das betroffene System selbst ist in der Lage, seine fundierenden Strukturen nachhaltig zu ändern. Therapie ist nur als Eigenleistung des therapierten Systems möglich (vgl. Willke, 1994, S. 117).

3.2 Synthese von Verstehensfiktionen

Die Sachdimension bezieht sich auf die beobachtungsleitenden Differenzen und die Themenstruktur der therapeutischen Kommunikation. Das therapeutische Gespräch wird am Leitfaden der Thematisierung von Leidensdruck in Gang gebracht und gehalten. Das Leiden offenbart sich jedoch nicht primär als ein konkreter Inhalt, den die Betroffenen direkt ansprechen oder verbal abreagieren. Vielmehr besteht die Symptomatik aus idiosynkratischen, prinzipiell diffusen, emotional getrübten oder bisweilen auch selbstwidersprüchlichen „Unschärfeproblemen“ (Fuchs, 2011, S. 34), die in besonderem Maße schwer zu kommunizieren, gleichsam inkommunikabel sind.

Diagnose Depression als Medium der Kommunikation

Auch für therapeutische Experten bleiben die komplexen Symptomlagen zunächst rätselhaft. Im psychiatrischen Diskurs haben depressive Erkrankungen in den letzten Jahren zwar einen festen Platz in den diagnostischen Klassifikationssystemen (ICD-10, DSM-V) erhalten und verschiedene Erscheinungsformen (z.B. als unipolare, bipolare oder larvierte Depression) sowie Schweregrade (in der Unterscheidung leicht, mittelschwer und schwer) ausdifferenziert. Auch das in der Alltagssprache omnipräsente Burnout-Konzept wird wiederkehrend als „Erschöpfungsdepression“ eingestuft. Erst recht allerdings beobachtet Shorter (2007) das diagnostische Konstrukt Depression (im Englischen: „major depression“) als ein begriffliches Durcheinander, dessen klinische Nützlichkeit durchaus bezweifelt werden dürfe. Jurk (2016) rekonstruiert die Depression gar als eine „ununterscheidbare“ Kategorie, die mit einer nahezu willkürlichen Zuordnung von Symptomkomplexen vereinbar sei.

In einer Vielzahl psychotherapeutischer Kontexte gelten depressive Erkrankungen deshalb als vage, „nichtcodierbare Probleme“ (Fuchs, 2011, S. 30). Therapeuten beobachten ein Problem als nichtcodierbar, wenn sich von der Anamnese zur Diagnose keine klare Trennlinie zwischen der Identität des Klienten und der im Körper (auch: Gehirn) auftretenden Krankheit ziehen lässt. Um es in der prosaischen Formel des US-amerikanischen Autors David Foster Wallace (2015 [1984], S. 31f.) zu sagen: Die Schwierigkeit der Behandlung besteht darin, dass der Betroffene selbst die Krankheit ist. Depressive Erkrankungen befinden sich unauflösbar an der „[…] Grenze zwischen der Persönlichkeit, die man ist, und der Symptome, die man hat“ (Ehrenberg, 2008, S. 115; Herv. im Orig.). Welcher Lösungsweg auch immer also ansteht – die Person verändert sich mit.

In der Soziologie wird wiederkehrend darauf hingewiesen, dass die symptombedingte Zuschreibung von psychischen Pathologien lediglich einen „Kunstgriff“ (Foucault, 2012, S. 21) darstelle. Dies gilt somit erst recht für die Diagnose von Depressionen. Sie resultiere aus bürokratischen Pflichten (vgl. Fuchs, 2011, S. 97). Sie ziele auf den Anschluss an die Reputation des Medizinsystems und signalisiere Fachwissen wie Kompetenz (vgl. Groenemeyer, 2008, S. 125). Vor allem stimuliere sie Hoffnungen bezüglich der anstehenden Kuration des Leidens (vgl. Karp, 2001, S. 27). Systemtheoretisch reformuliert: Den Überlegungen Luhmanns (2008, S. 194-217) zur Semantik des Kindes als Medium der Erziehung vergleichbar, lässt sich die Diagnose einer Depression als Medium der therapeutischen Kommunikation verstehen. Die Konstruktion einer Krankheit, die sich heilen lässt, diene demgemäß dazu, die Annahmemotivation für unwahrscheinliche Kommunikation auf beiden Seiten zu steigern. Für den Therapeuten bewirkt der Krankheitsbegriff wesentliche Impulse, um sich dem Problemfall anzunehmen, sich auf die Beobachtungsweise des Patienten einzustellen und Grundmuster der psychotherapeutischen Arbeit zu fundieren. Beim Therapierten entsteht zwar das mulmige Gefühl, dass die Diagnose das eigene Leben wie eine Krankheit behandelt. Indem sie aber die Prekarität seiner Lage anerkennt, erzeugt sie vor allem Entlastung. Auf diesem Weg stiftet sie die notwendige Bereitschaft, sich intensiven Therapiegesprächen hinzugeben, sich gar emotional zu öffnen, intime Details preiszugeben, eine Besserung der Kondition für möglich zu halten und sich auf die anstehenden Prozesse der Veränderung als Person einzulassen.

Konstruktion inkongruenter Sichtweisen

Da die Zugänge der betroffenen Athleten zu ihrem Problem versperrt sind, formulieren Psychotherapeuten den Anspruch, die Erkrankung im Gespräch mit ihren Klienten zu verstehen.[6] Zu diesem Zweck erweitern sie die zur Anwendung gebrachte Unterscheidung (krank/gesund) durch eine Folgeunterscheidung, die den weiteren Therapieverlauf maßgeblich bestimmt. Spätestens seit Entstehung der Psychoanalyse greifen sie auf die Differenz manifest/latent bzw. bewusst/unbewusst zurück, um das zunächst diffuse Leiden einer Bearbeitung zuführen zu können. Das Problem besteht dann nicht primär als Depression. Vielmehr wird das manifeste Leiden selbst zum Symptom einer tiefer liegenden Problematik im Bereich der Latenz bzw. des Unbewussten – sei es, weil die äußerst schmerzhaften Ursachen „verdrängt“ seien, wie Psychoanalytiker formulieren würden; sei es, aus systemtheoretischer Sicht eher wahrscheinlich, weil sie im Bereich der Eigenwerte gelagert seien, die das betroffene System gerade deshalb nicht beobachten bzw. unterscheiden kann, weil ebendiese die wesentlichen Unterscheidungen für die eigenen Beobachtungen liefere.

Die grundlegende Annahme des therapeutischen Systems besteht darin, dass die nicht-bewussten Ursachen der Störung psychischer Systeme in sozialen Systemen, also auch: über den Umweg therapeutischer Kommunikation, beobachtbar und thematisierbar werden. Die Interaktion zwischen Athlet und Therapeut führt somit häufig zur Hypothese einer psychodynamischen Bedeutung des Leidens. Demgemäß werden als pathologisch identifizierte, das heißt: als psychische oder somatisierte Symptome interpretierte Verhaltensweisen, Gefühlslagen, Schmerzsyndrome, Haltungsschwächen oder auch Bewegungsblockaden, die in irgendeinen Zusammenhang mit der Depression gebracht werden, als zeichenhafte Ersatz- bzw. Stellvertreterphänomene beobachtet. Im therapeutischen Interaktionssystem gilt dann nicht mehr nur: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ (Watzlawick, Beavin & Jackson, 1982, S. 53) Sondern auch: Die Symptome „kommunizieren“ mit.[7] Dem Leiden wird eine Art Mitteilungsabsicht (alternativ: ein „Sinn“ bzw. eine „Funktion“) unterstellt, deren gleichsam hermeneutische Entschlüsselung wichtige Hinweise für die anstehende Problemlösung liefere.

Auf dem Erkenntnisweg zur Latenz kultivieren Psychotherapeuten ein systematisches Um-die-Ecke-Verstehen. Ihre dominante Strategie besteht darin, über professionelle Taktlosigkeit, Traumdeutungen, Systemaufstellungen oder Rollenspiele Irritationen in der Kommunikation zu erzeugen, die sowohl im therapierenden als auch im therapierten System als informativ bewertet werden können. Insbesondere durch die Zwischenschaltung psychologischer Theorien erzeugen Therapeuten wirksame „Verstehensfiktionen“ (Hahn, 1991, S. 92; Herv. F.K.), die die Intransparenz des Bewusstseins durch die höhere Transparenz der Interaktion zu kompensieren helfen. Dabei handelt es sich keineswegs um privilegierte Einsichten, sondern um Strukturannahmen bzw. -unterstellungen im Hinblick auf das therapierte System. Sie sind Fiktionen in dem Sinne, als nicht ihre objektive Wahrheit, sondern ihre reale Wirksamkeit in der Kommunikation die relevante Bezugsgröße darstellt.

Psychoanalytische/-dynamische, kognitiv-verhaltenstherapeutische, existenzialistische sowie andere therapeutische Zugänge sind mit einem ausreichenden Maß an „requisite variety“ (Ashby, 1956, S. 202ff.) ausgestattet. Mit ihrer je eigenen Architektur aus Fachbegriffen geben sie dem Therapeuten das Potenzial für inkongruente Perspektiven an die Hand, die zur Synthese von Verstehensfiktionen in Bezug auf die pathologische Entwicklung des Klienten unentbehrlich sind. Unabhängig davon, ob traumatische Erlebnisse, familiäre Dynamiken, leidvolle Denkmuster, unterdrückte Triebe, unbewusste Konflikte, Gratifikationskrisen oder die Conditio humana schlechthin ins Spiel gebracht werden – die in psychologischen Denkgebäuden gespeicherten Erklärungszusammenhänge werden als ordnende Kraft in der Kommunikation wirksam. Sie dienen als Filter für im Gespräch freiwerdende Inhalte, führen die Schilderungen des Betroffenen einer theoriekonformen Deutung zu, erzeugen ihre eigene Vorstellung von der psychischen Realität des Klienten und liefern auf diesem Weg die Unterscheidungen, die im weiteren Dialog therapierelevante Unterschiede machen.

Da sich behandelnde Therapeuten im Rahmen diverser Aus- und Fortbildungen meist mehrere therapeutische Ansätze angeeignet haben, wird in Psychotherapien nicht selten eklektizistisch vorgegangen. Der Gesprächsverlauf bleibt somit stets variabel für spontane Intuitionen und vielfältige Interpretationen. An manchen Stellen werden explizit verhaltenstherapeutische Interventionen empfohlen (vgl. Hays, 1999, S. 187; Baron et al. 2009; Baron et al. 2013, S. 69f.). Kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze vermuten die pathologische Ursache in ultrastabilen Denk- und Verhaltensautomatismen, die Klienten im Zuge ihrer Sozialisation erlernt haben. Zudem findet sich eine Reihe von Kasuistiken, in denen psychoanalytisch bzw. tiefenpsychologisch fundierte Behandlungswege geschildert werden. Speziell diese Zugänge versuchen, die Erkrankung durch die Biografie des Betroffenen zu verstehen. Die Selbstthematisierung des erkrankten Athleten vollzieht sich folglich im Medium narrativer Rekonstruktionen, in denen in einer aufwendigen Serie verschiedener Sitzungen ein „big picture“ (Cogan, 1998, S. 142) dessen, was sich als Leben in der Summe ergeben hat, erinnert, versammelt und zu einer plausiblen Genealogie des Leidens verknüpft wird.

Athletendasein als Teil der Symptomatik

Die Aneinanderkettung professioneller Sichtweisen auf die Äußerungen des Athleten kondensiert ihre je eigene Pfadabhängigkeit im Gesprächs- und Therapieverlauf. In der Psychotherapie mit Spitzenathleten lässt sich jedoch regelmäßig beobachten, dass eher früher als später auch der sportliche Lebenskontext des Klienten thematisiert und mit alternativen Deutungen belegt wird. Die transportierten Bilder und Vorstellungen vom Sport gehen dabei nicht allein auf die anekdotischen Schilderungen zurück, die der betroffene Athlet von seinen Erfahrungen im Sport vermittelt. Sie weisen zudem über die individuellen Einschätzungen hinaus, die der Therapeut aufgrund seiner eigenen Biografie einbringt.[8] Elementarer noch sind sie in den theoretischen Zugängen angelegt, mit deren Hilfe das Verstehen im therapeutischen System konstruiert wird. Im Medium von Krankheit und Abweichung erfassenden Begriffen wird nicht selten auch das Athletendasein pathologisiert. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer (2011, S. 355) identifiziert gerade im Spitzensport die „mehr und mehr enthemmte Siegesgeilheit“, der die Einsicht in die Grenzen menschlicher Belastbarkeit zunehmend zum Opfer falle und die langfristig in eine Depression führen könne.

Im psychoanalytisch-tiefenpsychologischen Diskurs wird intensives Sporttreiben nicht nur mit Depressionen in Verbindung gebracht, sondern auf eine ganze Reihe von Psychopathologien (respektive ihren Symptomen) bezogen. Um ihr Modell der menschlichen Psyche zu vermitteln und die Lösungspotenziale des eigenen Ansatzes zu veranschaulichen, greifen Psychoanalyse und Tiefenpsychologie immer wieder auf Fallbeschreibungen aus der Therapie psychischer Erkrankungen von (aktuellen wie ehemaligen) Leistungssportlern zurück (vgl. Deutsch, 1926; Staehle, 2007; Geißler, 2010). In der Perspektive des Analytikers erscheint die Leistungsfixierung des Athleten als Funktion unbewusster Dynamiken – beispielsweise als die Möglichkeit, Angstsyndrome im sportlichen Spannungserleben zu bewältigen, Minderwertigkeitsgefühle narzisstisch zu kompensieren, libidinöse Besetzungen zu sublimieren, Aggressionen auszuleben, die Liebe der Mutter wie des Vaters zu gewinnen, Geschwister zu übertrumpfen oder ein „sadomasochistisches Arrangement“ (Staehle, 2007, S. 379) mit dem eigenen Körper einzugehen (insbesondere Beisser, 1967, S. 142ff.; Staehle, 2007; Krug, 2013). Das intensive Sporttreiben fungiere in diesen Fällen weniger als Therapeutikum. Vielmehr verhindere es die Überwindung der zugrundliegenden Notlagen.

3.3 Zukunft als Leitformel

Die Zeitdimension der Sinnvorgaben therapeutischer Interaktion gilt es ebenfalls zu reflektieren. Damit rücken Anfang und Ende der Therapie in den Blick. Zudem ist zu vertiefen, in welcher Form sich die betroffenen Athleten in psychotherapeutischen Kontexten mit der Zeitlichkeit ihres Lebens beschäftigen.

Da in der Kultur des Leistungs- und Spitzensports bereits Vorbehalte gegen die Konsultation von Sportpsychologen verankert sind (vgl. Linder, Brewer, van Raalte & de Lange, 1991), muss erst recht mit einer zögerlichen Haltung der Athleten hinsichtlich psychotherapeutischer Maßnahmen gerechnet werden (vgl. Baron et al. 2009, S. 63). Die Anfänge des therapeutischen Systems mögen sich umso schwieriger gestalten, wenn die Therapie auf Anraten oder in Kenntnis anderer stattfindet. Hin und wieder wird davon ausgegangen, dass die adressierten Psychen bereits ein höheres Maß an zeitlichen Ressourcen benötigen, um die negativen Emotionen wie Wut, Scham, Trauer oder Hass differenziert wahrnehmen und ausdrücken zu können. Therapeutische Interaktion ist jedenfalls kein „quick fix“ (Kamm, 2000, S. 163) des betroffenen Systems.

Zukunft als Semantik der Strukturauflösung

So unterschiedlich ihre theoretischen Grundlagen sein mögen, verfolgen die verschiedenen Zugänge doch alle dasselbe Ziel: die psychischen Strukturen im betroffenen System (hier: des Athleten) zu ändern. Indem sie strukturelle Fixierungen im Klientensystem annehmen – sei es, dass leidvolle Gedankengänge wiederholt, Reflexion blockiert, Erinnerungen „verdrängt“, Gefühle unterdrückt, Perspektiven ausgeblendet oder Alternativen negiert werden –, versuchen Therapeuten durch ihr Handeln ein heilsames Maß an Impulsen anzustoßen und die Selbsthilfe des betroffenen Systems zu provozieren. Sie arbeiten darauf hin, dass festgefahrene Muster aufgelöst, Erinnerungen (re)konstruiert, Überzeugungen infragegestellt, innovative Deutungen zugelassen, Spielräume für Reflexion regeneriert und somit eine Kapazität für Umstrukturierungen und Neurelationierungen in der Psyche des Athleten aufgebaut wird (vgl. Luhmann, 2011, S. 9).

Die Therapiesemantik symbolisiert vor diesem Hintergrund eine Abweichung von der eigenen Vergangenheit zugunsten einer alternativen Zukunft, die ihren Ausgang vom gleichsam fundamentalen Krankheitserleben nimmt. Der Zukunftsbegriff fungiert als Gegenspieler der Routine und des Bekannten, gleichsam als Wiedereinführung von Optionalität und Unbestimmtheit im therapeutischen System.[9] Die Psychotherapie zielt demnach – entgegen medizinisch-ärztlichen Konstruktionen – nicht auf die Vorwegnahme zukünftiger Gegenwart, sondern auf die gegenwärtige Öffnung für Zukunft. In der kommunikativen Isolierung mit dem Therapeuten sowie im Zuge der Anwendung psychologischer Theorien und therapeutischer Narrative wird nicht selten der Entschluss freigesetzt, „[…] der nur im Individuum selbst getroffen werden kann: ein neues Leben zu beginnen“ (Luhmann, 2012, S. 91).

In welche Richtung die in Therapien angestoßenen Änderungsprozesse führen, lässt sich kaum kontrollieren. Die Analyse macht allerdings deutlich, dass insbesondere das Gespräch über die biografische Hingabe an den Sport Ansatzpunkte liefert, um nicht nur Problemursachen zu konstruieren, sondern auch Strukturauflösungen in der betroffenen Psyche zu forcieren und das System auf neue Weltsichten umstellen zu können. Zwar ist keineswegs davon auszugehen, dass dem Rückzug vom Athletendasein der Charakter eines universellen Maßstabs für therapeutischen Erfolg zugeschrieben wird. Dennoch fällt auf, dass die Entscheidung, dem Spitzensport den Rücken zuzukehren, an den Leitideen verschiedener Ansätze kondensiert und sich in Referenz auf ganz unterschiedliche Karriereerfahrungen entwickeln kann.

Neuanfang durch Karriereende

Die Intervention des Therapeuten setzt häufig an der „kognitiven Schließung“ (Bette, Schimank, Wahlig & Weber, 2002, S. 356) der Athletenpsyche an. Was im Sport meist als mentale Stärke verbucht wird und auf eine langfristige Prägung durch diesen Sonderbereich zurückgeht, kann in der Deutung des therapeutischen Systems als eine persönliche Schwäche beobachtet werden, die nunmehr ein pathologisches Ausmaß angenommen hat. Das therapeutische Gespräch diskutiert dann nicht selten Alternativen zum spitzensportlichen „Leistungsindividualismus“ (ebd., S. 312), demgemäß die evaluativen und kognitiven Selbsteinschätzungen der Athletenperson im Kern auf die sportliche Leistungsfähigkeit ausgerichtet, an der Konkurrenz mit signifikanten Anderen entwickelt und in Abhängigkeit vom sportlichen Unterstützungsumfeld geschlossen werden. Manchmal wird das Therapieziel sogar explizit in ebendiese Form gebracht: „The focus was placed on helping her (the athlete, F.K.) to learn to ascribe more value to her own, fair, objective evaluations versus those of coaches and judges“ (Baron et al. 2009, S. 70). Im weiteren Verlauf vollzieht sich die therapeutische Problemlösung häufig als konsequentes Verlernen der inflationären Ansprüche, die im Rahmen der Athletenkarriere wirksam werden.

Mit der Infragestellung sportiver Denk- und Handlungsroutinen wird ein stabiles Element der Kopplung zwischen biografischer Vergangenheit und Zukunft des Klienten ausgehebelt und in der Folge häufig der Abstoßpunkt für einen Neuanfang auf Basis des Karriereendes geschaffen. Sven Hannawald, der zu Beginn seiner stationären Behandlung noch eine starke „Sehnsucht nach dem Sportlerleben“ (ders. & Pramann, 2013, S. 181) verspürte, deutet im Rückblick auf diese Zeit einen schwierigen, aber scheinbar unumstößlichen Erkenntnisprozess an: „Ich habe viele Arztbesuche hinter mich gebracht, bis Burnout diagnostiziert wurde. Wenn man diesen Punkt erreicht hat, muss man vieles brachial hinter sich lassen. […] Ich musste einsehen, dass für mich ein Punkt erreicht war, an dem ich mit dem Profisport aufhören musste“ (FAS vom 15.11.2015, S. 47).

In vielen Fällen wird die besondere Rolle des Spitzensports im Leben des Betroffenen auf der Basis völlig neuer Unterscheidungen bewertet. Die Psychotherapeutin von Andreas Biermann, der in seiner Zeit als Fußballspieler beim FC St. Pauli Depressionen entwickelte, gibt Einblick in die dialogische Bearbeitung der akkumulierten Verletzungstraumata ihres Klienten. Als ob sie dem Vorschlag Luhmanns (1983) folgen würde, Schmerzen als eine Art „Kommunikation des Körpers an das Bewusstsein“ (S.174) zu verstehen, deutet sie die medizinischorthopädische Teilbiografie Biermanns folgendermaßen: „Sein Körper hat permanent Signale gesendet, du kannst nicht mehr, du gehörst hier nicht mehr rein, such‘ dir einen anderen Weg“ (zit. in Biermann & Schäfer, 2011, S. 153). Infolge einer darüber hinausgehenden Einschätzung sporttypischen Mannschaftsgebarens äußert sie ein vernichtendes Urteil über Organisationen im Spitzensport und dort auftretende Gruppendynamiken (ebd., S. 156). Einzig mit dem Karriereende könne Biermann seine pathologische Fixierung auflösen und infolgedessen erkennen, so die Therapeutin, dass er mehr Fähigkeiten und Stärken habe, als nur Fußball zu spielen, dass er Anerkennung auch durch neue Herausforderungen erlangen könne, dass er möglicherweise auch lernen müsse, mit sich selbst zufrieden zu sein, ohne dass in der Zeitung davon berichtet würde.[10] Ihre Reflexionen gipfeln in einer festen Überzeugung: „Den Fußball zu verlieren, ist die größte Chance, die sich aus seiner Krise ergeben könnte“ (ebd., S. 158).

Jene therapeutischen Zugänge, die sich auf die Analyse familiärer Dynamiken konzentrieren, können ebenfalls zu einer Infragestellung des eingeschlagenen Lebensweges führen. Sie rücken die spitzensportliche Karriere als familiäre Verstrickung in den Blick, an deren nicht-beabsichtigten Folgen der Klient inzwischen nachvollziehbar leide (vgl. Heyman, 1987, S. 150f.; Hellstedt, 2000). Cogan (2000) reflektiert die therapeutische Arbeit mit einer Tennisspielerin. Diese lerne ihre eigenen Depressionen zunehmend auf die Unfähigkeit zurückzuführen, die Emotionen, Wünsche und Projektionen der Mutter wie des Vaters von ihrem authentischen Gefühlsleben zu trennen. In der Retrospektive interpretiert die Sportlerin gerade ihre Tennislaufbahn als reinen Willen der Eltern und wesentliche Ursache für ihr Leiden. In der letzten Sitzung schätzt sie ihre Lage neu ein und offenbart die mutige Entscheidung:

„Anyway, back to tennis; I’ve decided that I really don’t want to be involved in the sport anymore. […] I don’t want to spend so much time with my teammates, who always have cliques or talk behind each other’s backs. Most of all, I don’t want to do the sport because it was for my parents, not me. They lived through me and made me hate tennis. […] So I have to be OK with stopping and making some other path for myself in my life“ (ebd., S. 118)

4 Therapeutische Kommunikation im Kontext von Sportorganisationen: Zwischen Problemlösung und Problemerzeugung

Zur Behandlung von Athletendepressionen arbeiten Sportvereine und -verbände häufig mit Psychotherapeuten zusammen. Auch dann, wenn die Entscheidung zur Therapie auf die Initiative des betroffenen Athleten zurückgeht oder die Organisation gar nicht eingeweiht wird, ist sie durch die im Bereich ihrer Innenwelt angestoßenen Veränderungen betreffbar. Der organisationale Rahmen der Intervention wird in der verfügbaren Literatur jedoch meist nur beiläufig erwähnt oder sogar gänzlich ausgeblendet. Vor allem wiederkehrende Probleme und nicht-intentionale Folgen, die Athletentherapien für Sportvereine und -verbände bereithalten können, werden in den untersuchten Texten selten expliziert. Aus der Sicht der korporativen Akteure können sich psychotherapeutische Interventionen zur Behandlung depressiver Leistungsträger in der Tat als ambivalente Problemlösungsversuche erweisen. Im Folgenden werden mögliche Schwierigkeiten, Dilemmata und Konflikte abgebildet. Die bereits eingeführte Unterscheidung in der Sozial-, Sach- und Zeitdimension wird fortgeführt.

4.1 Intransparenz des therapeutischen Systems

In der Sozialdimension wird der Versuch der Sportorganisation, die Störung durch die Zusammenarbeit mit einem Psychotherapeuten zu absorbieren, bereits dadurch prekär, dass Therapeuten das Vertrauen ihrer Klienten durch die Zusage von Schweigepflichtregelungen gewinnen. Die Rekrutierung wichtiger Informationen aus der Selbstbezüglichkeit des Athletenbewusstseins geschieht im Rahmen permissiver, möglichst ungehemmter Kommunikation, bei der die Moralisierung des Problems durch Schuldfragen weitgehend ausgeblendet wird. Therapeut und Klient kultivieren eine „Sag alles-Doktrin“ (Goffman, 1973, S. 85). Entgegen ihrer Unschicklichkeit in anderen Kontexten führen störende Einfälle, Tabubrüche, intime Gedanken, perverse Wünsche und absurde Logik nicht zum Abbruch der therapeutischen Interaktion. Sie gehören zum Tagesgeschäft. Erst recht müssen die freiwerdenden Gesprächsinhalte exklusiver Bestandteil des Systems bleiben, in dem sie kommuniziert werden.

Die Geheimnispflicht gegenüber dem Athleten kollidiert jedoch mit dem Anspruch der Organisation, relevante Entscheidungen auf Basis einer umfassenden, stets aktuellen Informationslage zu treffen. Der Therapeut steckt schnell in einer Zwickmühle zwischen Klientenorientierung und Auftraggeberwünschen. Wie empirische Analysen der sportärztlichen Praxis deutlich machen, nehmen Konflikte zwischen Verschwiegenheits- und Rechenschaftspflichten einen durchaus offenen Ausgang. In sportmedizinischen und physiotherapeutischen Behandlungen, die im Kontext von Sportorganisationen stattfinden, werden Schweigepflichtregelungen häufig nicht beachtet oder sogar systematisch ausgehebelt (vgl. Waddington & Roderick, 2002).

Es gibt keine vergleichbare Studie, die die Handhabung der Verschwiegenheit von Psychotherapeuten und Psychiatern gegenüber Sportorganisationen unter die Lupe nimmt. Das Dilemma des Therapeuten zwischen Reden und Schweigen wird in der verfügbaren Literatur zwar vereinzelt angesprochen, zumeist jedoch als gut lösbar konstruiert (vgl. Ogilvie et al. 1981, S. 73; Stillman et al. 2013, S. 121). Prinzipiell gilt: Für den Fall, dass Therapeuten ihre Schweigepflicht ernst nehmen, besteht auf der Organisationsebene die Gefahr, dass in der Therapie relevante Entscheidungen getroffen werden, ohne dass sich die Träger dieser Entscheidung in die Kommunikationswege der Organisation einbinden ließen. Dies gilt erst recht dann, wenn die therapeutische Kommunikation im Kontext eines stationären Aufenthaltes in einer psychiatrischen bzw. psychosomatischen Einrichtung erfolgt – also unter Bedingungen einer Exilierung, die Referenzen auf den Alltag der Betroffenen konsequent ausschließt.

Sperren gegen Organisationslernen

Nicht nur weil sich therapeutische Systeme unter Ausschluss Dritter stabilisieren, widersetzen sie sich der hierarchischen Steuerung relevanter Vorgänge durch eine regelhafte Übersetzung organisationaler Erwartungshaltungen in formale Entscheidungsprämissen. Gerade auch infolge des Technologiedefizits sperrt sich die Behandlung im Medium therapeutischer Kommunikation gegen mögliche Versuche der Organisation, den Verlauf der Therapie engmaschig zu begleiten und zu eigenen Gunsten zu beeinflussen. Der Anspruch „[…] mit wenigen Entscheidungen wichtige Wirkungen zu erzielen“ (Luhmann & Schorr, 1988 [1979], S. 124; Herv. im Orig.) lässt sich nicht verwirklichen.

Insofern die psychischen Systeme von Athlet wie Therapeut sowie das therapeutische Interaktionssystem als nicht-triviale Systeme in die Verlaufsbedingungen der Therapie eingebaut sind, und das Krankheitsbild Depression ein „vages Ding“ (Fuchs, 2011) bleibt, ist stets nicht feststellbar, welchen Effekt Entscheidungen der Organisation im Hinblick auf den Output des therapeutischen Systems zeitigen. Entgegen den Möglichkeiten, die der Körperbezug in der Medizin bedingt, lässt sich die psychotherapeutische Interaktion nicht annähernd unter die Bedingung eines mühelosen wie treffsicheren Reflexionsverzichts stellen. Vielmehr wird zu gegebenen Anlässen das therapeutische System selbst reflexiv, das heißt: es macht sich zum Thema und diskutiert Modifikationen des weiteren Vorgehens in Eigenregie. Wohl kann sich die Zusammenarbeit mit einem bestimmten Therapeuten bewähren. Wenn im Einzelfall die Depression aber bestehen bleibt, der Athlet sein altes Leistungsniveau nicht wieder erreicht oder sogar sein Karriereende verkündet, fällt es dennoch schwer, geeignete Schlüsse zu ziehen, um Fehlerquellen zu isolieren, diese Ausgänge beim nächsten Mal zu verhindern und im Zuge dessen einen routinierten Umgang mit vergleichbaren Problemlagen zu entwickeln.

4.2 Rekrutierung systemfremder Logik

In der Sachdimension geschieht der Rückgriff der Sportorganisation auf das psychotherapeutische Lösungsangebot – analog zur Verpflichtung von Ärzten – als Implementation einer systemfremden Logik. Aus Sicht der Akteure im Spitzensport stellen die psychologischen Theorien, die in der Psychotherapie zur Anwendung kommen, inkongruente Sichtweisen dar, die im Spitzensport gemeinhin nicht anzutreffen sind. Auch die Entscheidungsprämissen, die Therapeuten gemäß den Richtlinien ihres Berufsstandes verinnerlicht haben, decken sich nicht mit den Wunschvorstellungen der Sportorganisation. Divergierende Erfolgsdefinitionen, Zielkonstruktionen, Weltsichten und Leitsemantiken, die im Kontext der beiden Logiken aufeinandertreffen, können eine ganze Reihe von Schieflagen zwischen den beteiligten Systemen bewirken.

Die Organisation beobachtet Depressionen im Athletenkader nicht primär als psychischen Leidensdruck, sondern als komplexe Störung der institutionalisierten Eigendynamiken sowie als Risiko einer umfassenden Delegitimierung in der Öffentlichkeit. Sie erhoffen sich vom Rückgriff auf psychotherapeutische Experten eine Heilung der Krankheit im Sinne der Restitutio ad integrum. Vor allem sollen die kognitiven Routinen einer belastbaren und motivierbaren Athletenperson regeneriert werden. Dem Therapeuten geht es hingegen nicht um die Wiederherstellung sportlicher Leistungsfähigkeit, sondern um eine Reduktion von Leidensdruck durch die Änderung der psychischen Strukturen des Betroffenen. Insgesamt gilt: Das therapeutische Handeln bringt zwar die große Chance mit sich, dass sich die systemischen Logiken im Sinne einer Win-Win-Situation optimal ergänzen, wenn die depressiven Sportler Selbsttötungsabsichten aufgeben, Ängste abbauen, Selbstzweifel relativieren, einen besseren Umgang mit ihrer Lebenslage finden und dabei ihre sportliche Leistungsfähigkeit aufrechterhalten bzw. wiedergewinnen.[11] Der kurative Beitrag von Psychotherapeuten führt dennoch nicht stets zur Lösung des Organisationsproblems. Stattdessen kann er mit latent schwelenden wie manifesten Konflikten einhergehen, die sich an verschiedenen Themen, Informationen und Sichtweisen entzünden können.

Konfliktdynamiken im sportlichen Unterstützungsumfeld

Die Maßstäbe, die mit therapeutischen Achtsamkeits-, Einklangs-, Ruhe- und Reflexionssemantiken einhergehen, stehen in Opposition zu den dominanten Orientierungen im sportlichen Unterstützungsumfeld der Athleten (z.B. Trainer, Mitspieler, Funktionäre oder Sportpsychologen), die ihre Legitimation vor allem an der Leistungssemantik ableiten. Wenn demnach Änderungsprozesse der Athletenperson im sportlichen Umfeld bemerkt werden, können sie durchaus Komplikationen auslösen. Die Therapeutin Hannawalds gibt einen Einblick in resultierende Konfliktlagen: „Nach der stationären Behandlung war er ja wieder in seinem gewohnten sozialen Umfeld, und seine Trainer, Manager und Freunde konnten sein Bedürfnis nach Nichtstun und unstrukturierter Zeit kaum nachvollziehen“ (Hannawald & Pramann, 2013, S. 195).

Sie führt damit die Eigendynamik vor Augen, die sich aus der Intervention heraus entwickeln kann. Die therapeutische Interaktion setzt Selbst- und Weltdeutungen frei, durch die etablierte Beziehungen mit anderen Organisationsmitgliedern irritiert werden – was in der Folge wiederum zum Gesprächsthema in der Therapie werden kann. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Ursache der Erkrankung (in expliziter oder impliziter Referenz auf die psychoanalytische Theorie der Depression) nicht zuletzt darauf zurückgeführt wird, dass der Betroffene Wut und Kummer im Umgang mit Enttäuschungen nicht ausspricht, sondern gegen sich selbst richtet (vgl. Cogan, 2000, S. 116). Eine mittel- bis langfristige Verbesserung seiner individuellen Lage wird demgemäß darin vermutet, dass der Klient seinen Ärger mitteilt sowie drohende Konflikte im sozialen Umfeld eingeht, aushält und mit seinem Therapeuten bespricht. Freilich scheint, als trieben die angestoßenen Veränderungen der Person ihren Keil immer tiefer bis in die nicht-entscheidbaren Grundlagen der Organisation, auf denen das Zusammengehörigkeitsgefühl der Mitglieder und ihre Solidarität miteinander aufbauen. Der Abbau dieser meist unhinterfragten, kollektiv geteilten Überzeugungen und Gewohnheiten markiert den psychisch Abweichenden sich selbst wie anderen gegenüber in zunehmendem Maße als einen sozialen „Outsider“.

Ähnliches gilt für den Fall, dass Informationen aus dem therapeutischen System in die organisationale Umwelt diffundieren. Insbesondere dann, wenn die soziale Situation innerhalb des Unterstützungsumfelds der Athleten als Krankheit auslösender Faktor in den Blick gerät, können therapeutische Beweggründe einen offenen Umgang mit der Krankheit nahelegen. Die Therapeuten wirken dann auf eine partikulare Entbindung von der Schweigepflicht durch die behandelten Athleten hin, um z.B. Trainern, Mannschaft oder Funktionären gegenüber bestimmte Gesprächsergebnisse veröffentlichen zu können und für Akzeptanz, Verständnis und Unterstützung des Betroffenen in seiner prekären Lage zu werben. Daraus mag wohl die Möglichkeit resultieren, dass Umgangsformen und Routinen innerhalb der Sportorganisation angepasst werden. Gleichzeitig aber kann mangelnde Schweigekompetenz dieser Anderen (z.B. gegenüber den Massenmedien) zum Problem werden. Auch die Stigmatisierung des Betroffenen könnte befeuert werden. Einige Trainer, so die Erfahrung mancher Therapeuten, lassen intimes Wissen über die psychischen Probleme ihrer Athleten direkt in anstehende Selektions- bzw. Deselektionsentscheidungen einfließen (vgl. Ogilvie et al. 1981, S. 78). Zudem besteht die Gefahr, dass sich die behandelnden Experten immer stärker in Loyalitätskonflikte verstricken, während sie versuchen, ihr professionelles Deutungsschema durchzusetzen, ihre eigene Position im organisationalen Umfeld zu festigen oder gar auf Festanstellung zu plädieren.

Auffällig ist, dass systemische Ansätze, die sich im psychotherapeutischen Diskurs fest etabliert haben, in der sportwissenschaftlichen Diskussion bislang keine größere Rolle spielen. Auch für den Fall, dass sie in der Praxis zur Anwendung kommen, darf ihre marginale Bedeutung in der sportwissenschaftlichen Kommunikation durchaus verwundern. Systemische Zugänge arbeiten mit ganz anderen Unterscheidungen als das Gros der beschriebenen Theoriegebäude. Anstatt Personen zu pathologisieren und psychische Strukturen zu ändern, versucht die systemische Therapie, soziale Systeme von überschaubarer Größe auf andere Interaktionsmuster, Wirklichkeitskonstruktionen und Verhaltensregeln umzustellen (vgl. Luhmann, 2012, S. 92). In ihrer üblichen Form wird davon ausgegangen, dass insbesondere die familiären Bedingungen eines Klienten für die Genese seiner Symptomatik verantwortlich seien. Familientherapeutische Überlegungen tauchen in der sportwissenschaftlichen Literatur gelegentlich auf – vor allem, wenn die Behandlung von Nachwuchsathleten beschrieben wird (u.a. Hellstedt, 2000; Begel, 2000, S. 201ff.; Heyman, 1987, S. 148ff.).

In dem Maße allerdings, wie eine „Hyperinklusion“ (Göbel & Schmidt, 1998, S. 111) in das sportliche Umfeld angenommen wird, könnte es mitunter als sinnvoll erscheinen, die Ursachenkonstruktion auf diese Ersatz- bzw. Zweitfamilie auszuweiten. Organisationstherapeutische Reflexionen werden bislang jedoch kaum berücksichtigt. Mögliche Folgen einer solchen Therapeutik, die an der Struktur der Organisation ansetzt, lassen sich an dieser Stelle aber vermuten: Wo die sportliche Leistung im Mittelpunkt steht und eine Berücksichtigung der ganzen Person nicht vorgesehen ist, sind die Spielräume einer Adaptation an individuelle Besonderheiten als eher gering einzuschätzen. Demnach ist zu befürchten, dass Trainer, Mitspieler und Funktionäre wirksame Immunisierungsstrategien entwickeln, wenn das Problem des betroffenen Sportlers als Reaktion auf ihr eigenes Handeln und Entscheiden reflektiert wird. Die Auslösung von Stigmatisierungsdynamiken zur Personalisierung des Problems darf als naheliegende Gegenmaßnahme gelten. Eine nachhaltige Verbesserung der Situation des Athleten würde indes unwahrscheinlich.

4.3 Ergebnisoffenheit der therapeutischen Arbeit

In der Zeitdimension zeigt sich, dass das Technologiedefizit der therapeutischen Kommunikation unabdingbar mit einem Zeitproblem einhergeht. Die Selbständerung der depressiven Psyche folgt keiner generalisierbaren Regel, die eine Antizipation des erwartbaren Therapieverlaufs freischalten könnte. Therapeutische Maßnahmen mögen gelegentlich ein singuläres Ereignis bleiben (vgl. Begel, 2000, S. 192) oder aus zeitökonomischen Gründen als Kurzzeittherapie präferiert werden (vgl. Baron et al. 2013, S. 69), allerdings münden sie in anderen Fällen in eine jahrelange Behandlung. Aus diesem Grund stehen die Möglichkeiten und Grenzen therapeutischer Intervention quer zum Anspruch der Organisation, möglichst genau darüber Bescheid zu wissen, wann behandelte Athleten wieder einsatzfähig sein werden. Somit lässt sich der Output des therapeutischen Systems nicht hinreichend mit den systemischen Eigenzeiten synchronisieren, die sich in Sportorganisationen ausgeprägt haben. Dass die Vereine und Verbände in vielen Sportarten infolge des immer dichter werdenden Wettkampfkalenders notorisch unter Zeitdruck geraten, lässt sich gerade auch an den institutionalisierten Umgangsweisen mit der Gesundheit bzw. Krankheit von Athleten paradigmatisch nachvollziehen (vgl. Thiel, Mayer & Digel, 2010).

Karriereende als Ressourcenverlust

Neben der fehlenden Möglichkeit, den zeitlichen Verlauf der Therapie zu kalkulieren, besteht die Ergebnisoffenheit der Intervention darin, dass die therapeutische Arbeit nicht stets parallel zur Teilnahme an sportlichen Wettkämpfen abläuft oder zu einer (schnellstmöglichen) Rückkehr der betroffenen Athleten in den Sport führt.[12] Vielmehr setzt sie, dies wurde bereits deutlich, häufig tiefe Zäsuren in ihrer biografischen Selbstausstattung. Das Karriereende des Athleten stellt die Organisation vor vollendete Tatsachen und markiert einen definitiven Ressourcenverlust.

Inwiefern narrativ angeleitete, biografische Umorientierungen der Athletenperson zum Vor- oder Nachteil von Sportvereinen und -verbänden gereichen – etwa resultierende Probleme durch Exklusion lösen, oder aber Leistungsträger inspirieren bzw. langjährige Investitionen in den Nachwuchs zunichtemachen – bleibt dennoch eine Frage des Einzelfalls. Aus sportsoziologischer Sicht kann der Rückzug des depressiven Athleten in der Tat auch anders gedeutet werden: Indem die Therapeuten den betroffenen Sportlern Aufmerksamkeit schenken, gutes Zuhören widmen und Verständnis zur Darstellung bringen, üben sie in dieser alternativen Sichtweise die Funktion eines Kummer- und Wutmanagements im Dienste der Organisation aus, in dessen Rahmen das Gefühlsleben der Klienten einreguliert und die Präferenz individueller statt kollektiver Sinnstiftung nahegelegt wird. So gesehen würde im Zuge der Therapie ein „Cooling out“ (Goffman, 1952, S. 461) jener unliebsam gewordenen Mitglieder vorangetrieben, die den hohen Ansprüchen der Organisation nicht mehr gerecht werden.

Zweifelsohne aber wird der Sportorganisation durch das Karriereende die Möglichkeit entzogen, die potenzielle Leistungsfähigkeit depressiver Athleten zukünftig realistischer einschätzen oder zumindest kleine Weichen gegen eine Wiederkehr der psychischen Probleme einzelner Sportler institutionalisieren zu können. Systemreflexion als Steuerungsmodus bleibt unter diesen Umständen jedenfalls unwahrscheinlich. Indes kultiviert die therapeutische Kommunikation in den betroffenen Athleten die Idee, die Exit-Option zu nutzen, nämlich den Spitzensport hinter sich zu lassen, das eigene Leben fundamental zu ändern und sich neu zu erfinden. Neuerdings tragen die Geläuterten ihre Erfahrungen sogar öffentlich vor, erzählen traurige Geschichten über ihre sportliche Vergangenheit, berichten vom Glück jenseits des Hamsterrads und sprechen im Zuge dessen gerade auch das Unrecht an, das ihnen auf der Hinterbühne von Sportvereinen und -verbänden widerfahren sei.

5 Ausblick: Sportsoziologische Aufklärung

Die Wissenschaft hat ihre Potenziale zur Erforschung depressiver Erkrankungen im Spitzensport bei Weitem nicht ausgeschöpft. Umfassende, breit angelegte Auseinandersetzungen mit dem Themenkomplex werden derzeit erst in Projektformen gegossen, das heißt: futurisiert. Insbesondere das Projekt einer „sportsoziologischen Aufklärung“ (Bette, 2011) der Kommunikation über das Thema steckt noch in den Kinderschuhen. Nach wie vor werden alltagstheoretische Zugänge, öffentliche Meinungen, Semantiken, therapeutische Narrative, stigmatisierende Deutungen sowie sonstige gesellschaftliche Konstruktionen von Athletendepressionen nicht angemessen kontextualisiert und einer komplexeren Version der Realität gegenübergestellt. Die vorliegende Analyse macht beispielhaft deutlich, dass das Phänomen weit davon entfernt ist, ein genuin psychologisches Forschungsproblem zu sein. In der anstehenden Auseinandersetzung wird es darum gehen, das gesellschaftliche Reden über Depressionen im Spitzensport differenziert zu beobachten. Auf nicht-intentionale Nebenfolgen der zirkulierenden Deutungen ist besonders zu achten.

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Published Online: 2018-4-5
Published in Print: 2017-12-20

© 2017 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 27.1.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/sug-2017-0016/html
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