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Publicly Available Published by De Gruyter Oldenbourg October 1, 2022

Islam und internationale Politik

Neue Perspektiven auf die Zeitgeschichte des Nahen und Mittleren Ostens zwischen Kaltem Krieg und Dekolonialisierung

Agnes Bresselau von Bressensdorf EMAIL logo

Abstract

Die Geschichte des Islam – seine Rolle als Faktor internationaler Politik und transnationaler Verflechtung – spielt in der deutschen und europäischen Zeitgeschichtsforschung bislang nur eine marginale Rolle. Das Podium Zeitgeschichte unternimmt den Versuch einer „De-Provinzialisierung“ des Islam und bringt ihn mit ideengeschichtlichen Universalismen und Traditionen ins Gespräch, die von der bisherigen Forschung überwiegend westlich-europäisch konnotiert werden. Dazu zählen Debatten um Islam und Nation im Dekolonialisierungsprozess (Matthieu Rey) ebenso wie konkurrierende Vorstellungen der Vereinbarkeit von Islam und säkularem Sozialismus (Manfred Sing). Hatem Elliesie befasst sich mit islamischen Menschenrechtsverständnissen und ihrem Verhältnis zu westlichen Deutungskonzepten. Den Abschluss bildet Esther Möllers Beitrag zu Konzepten und Praktiken humanitärer Hilfe islamisch geprägter Organisationen im Spannungsfeld von arabischem Nationalismus, Dekolonisation und Kaltem Krieg.

Abstract

The history of Islam – its role as a factor in international politics and transnational interdependence – so far only plays a marginal role in German and European contemporary historiography. The Contemporary History Podium attempts a “de-provincialisation” of Islam and lets it enter into a dialogue with universalisms and traditions from the history of ideas, which so far have mostly been connoted as Western-European by research. These include debates on Islam and nationhood in decolonisation processes (Matthieu Rey) as well as competing notions of the compatibility of Islam and secular socialism (Manfred Sing). Hatem Elliesie deals with Islamic understandings of human rights and their relationship with Western patterns of interpretation. The concluding contribution by Esther Möller covers concepts and practices of humanitarian help by organisations characterised as Islamic in the interplay between Arab nationalism, decolonialisation and the Cold War.

Die Geschichte des Islam, seine Rolle als Faktor internationaler Politik und transnationaler Verflechtung spielt in der deutschen und europäischen Zeitgeschichtsforschung bislang nur eine marginale Rolle. Vielmehr war es der globale Systemkonflikt des Kalten Kriegs, der sich zum einflussreichsten Interpretament der Geschichte internationaler Politik nach 1945 entwickelte. Mit den westlichen Vorstellungen von Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft einerseits und der sozialistisch-planwirtschaftlichen Ideologie des Ostblocks andererseits standen sich zwei säkulare Universalismen gegenüber, deren Antagonismus mit dem Zerfall der Sowjetunion in einen „unipolar moment“[1] amerikanischer Prägung zu münden schien. Daraus entstand, folgt man zeitgenössischen Narrativen, in den frühen 1990er Jahren eine neue, multipolare Welt(un)ordnung, die nicht wenige durch einen „Clash of civilizations“[2] geprägt sahen, der – allgemein und undifferenziert – dem Islam die Funktion einer kulturellen und sicherheitspolitischen Bedrohung der westlichen Welt zuschrieb.

Zeithistorische, politik- und sozialwissenschaftliche Studien, die sich mit dem Islam beziehungsweise der „islamischen Welt“[3] und Europa befassen, verfolgen somit oft einen sicherheits- oder migrationspolitischen Ansatz; sie thematisieren vor allem Fragen der Einwanderung und Integration, die Rolle der Frau sowie Aspekte von radikalem Islamismus, transnationalem Terrorismus und Gewalt.[4] Auch in religionswissenschaftlichen Arbeiten erscheinen der „islamische Orient“ und das christliche beziehungsweise „christlich-jüdische Europa“ oft als antagonistische, monolithische Blöcke. Die Beziehung zwischen Islam und Europa wird dabei wahlweise als unüberwindlicher Gegensatz skizziert, unter Fragen der Assimilation diskutiert oder mit der Metapher einer Brücke zwischen Europa und Asien gefasst. Die europäische Zeitgeschichtsforschung und die Zeitgeschichte Europas sind somit von einem „Islamic problem frame“[5] gekennzeichnet, in dem Europa und der „Westen“[6] die Norm darstellen, zu welcher der Islam in einem grundsätzlichen Spannungsverhältnis steht. Dies findet seine Ursache auch darin, dass der Austausch mit Disziplinen wie den Islamwissenschaften, der Arabistik, Orientalistik oder den Middle Eastern Studies bislang ausgesprochen begrenzt ist, was einmal mehr für die Zeitgeschichte internationaler Politik gilt.[7]

Letztere hat, insbesondere mit Blick auf die Zeit des Kalten Kriegs, inzwischen vielfältige Differenzierungen und methodische Erweiterungen erfahren.[8] So trugen etwa globalhistorische, postkoloniale und transnationale Perspektiven maßgeblich dazu bei, neue thematische und interpretatorische Akzente zu setzen und neben der weltumspannenden ideologischen und machtpolitischen Rivalität der Supermächte anders gelagerte Konfliktlogiken stärker zu berücksichtigen. Dazu zählen der Kampf ehemaliger Kolonien um Unabhängigkeit im Prozess der Dekolonialisierung, die Suche nach einer neuen, postkolonialen Ordnung im Inneren sowie das Streben nach außenpolitischer Selbstbehauptung.[9] Militante Organisationen in den Ländern der „Dritten Welt“, die sich selbst als „Befreiungsbewegungen“ verstanden, gerieten dadurch ebenso in den Blick wie gesellschaftliche Solidaritätsbewegungen in West- und Osteuropa, die auf vielfältige Weise gegen die Ausbeutung des Globalen Südens protestierten.[10] Neben diesen zivilgesellschaftlichen Verflechtungen rückten die in den 1970er Jahren lautstark erhobenen Forderungen nach einer Neuen Weltwirtschaftsordnung, ökonomische und energiepolitische Fragestellungen sowie der sich zuspitzende Nord-Süd-Gegensatz in den Fokus der Forschung.

Den Globalen Süden als eigenständigen Akteur auf internationaler Bühne sichtbar zu machen, ist ein häufig erklärter, wenn auch nicht immer eingelöster Anspruch derer, die sich mit der Geschichte von Entwicklungszusammenarbeit, Menschenrechten und Humanitarismus befassen – einem Forschungsfeld, das in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom erlebte. Auch widmet sich eine wachsende Zahl von Arbeiten regionalen Fragestellungen, die durch Fallstudien Kooperation und Konflikt in den Staaten und Gesellschaften des Globalen Südens herausarbeiten. Dies trifft nicht zuletzt für den Nahen und Mittleren Osten und seine Einordnung in die Geschichte des Kalten Kriegs zu.[11] Immer mehr Arbeiten bemühen sich darum, die Region nicht mehr nur als Spielfeld der Supermächte zu betrachten, sondern einen Perspektivwechsel vorzunehmen, um bislang vernachlässigten Akteurinnen und Akteuren Raum zu geben sowie neue Fragestellungen zu verfolgen.

Trotz dieser mehrdimensionalen Diversifizierung sucht man in Gesamtdarstellungen und Handbüchern[12] weitgehend vergeblich nach islamischen Akteuren, ihren Ideen, Konzepten und Praktiken zur Gestaltung internationaler Politik. Dies gilt beispielsweise für die 1962 gegründete Islamische Weltliga oder die Organisation of Islamic Cooperation (OIC) als der größten zwischenstaatlichen Institution,[13] die seit 1969 den Anspruch erhebt, die „islamische Welt“ zu repräsentieren. Die OIC spielte seit den 1970er Jahren nicht nur eine wichtige Rolle im Selbstverständigungsprozess ihrer Mitgliedstaaten um die ideologische Führungsrolle innerhalb der „islamischen Welt“, sie trat auch als Interessenvertreterin der erdölfördernden Länder des Globalen Südens gegenüber den Industrieländern in Erscheinung und spiegelte zugleich die vielfältigen Spannungen innerhalb der äußerst heterogenen „Dritten Welt“ wider.[14] Der Beitrag staatlicher wie nicht-staatlicher islamischer Akteure zum internationalen Menschenrechtsdiskurs – etwa die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Islam, die 1981 auf saudische Initiative vom Islamic Council of Europe verabschiedet wurde, Debatten in der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen oder die 1990 von den Außenministern der OIC unterzeichnete Kairoer Erklärung der Menschenrechte – wurde bislang überwiegend von den Islamwissenschaften behandelt; dieser Aspekt bildet ein Desiderat in zeithistorischen Gesamtdarstellungen. Auch in Arbeiten zur Geschichte des Humanitarismus erscheinen Konzepte und Praktiken humanitärer Hilfe oft als Teil eines Universalismus, der in Form westlicher oder sozialistischer Solidaritätsbewegungen mit den Ländern der „Dritten Welt“ und dort tätigen Hilfsorganisationen seinen konkreten Niederschlag fand. Islamisch geprägte Länder des Nahen und Mittleren Ostens werden oft als reine Hilfsempfänger untersucht, ohne eine eigene Agency zu entfalten. Wenig Beachtung finden somit islamische Traditionen und Konzepte von Solidarität und Humanitarismus oder politische Initiativen auf internationaler Ebene wie die des jordanischen Kronprinzen Hassan bin Talal für eine „Neue Internationale Humanitäre Ordnung“ von 1981.[15]

Hier setzt das vorliegende Podium Zeitgeschichte an, das den Islam sowie Akteure und Akteurinnen der „islamischen Welt“ als integralen Bestandteil internationaler Geschichte nach 1945 in den Blick nimmt und Kolleginnen und Kollegen aus den Geschichts- und Islamwissenschaften miteinander ins Gespräch bringt. Von diesem Versuch einer „De-Provinzialisierung“ des Islam[16] sollen exemplarisch Impulse ausgehen, die idealiter zu weiteren Diskussionen anzuregen vermögen. Die enge Auswahl, die für dieses Format notwendigerweise getroffen werden musste, erfolgte nach folgenden Kriterien: Erstens liegt der regionale Schwerpunkt auf islamischen beziehungsweise islamisch-arabischen Ländern und Akteuren des Nahen und Mittleren Ostens,[17] die für die Geschichte Europas aufgrund ihrer geografischen Nähe wie auch ihrer vielfältigen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verflechtungen von besonderer Bedeutung waren und sind. Chronologisch liegt der Fokus zweitens auf der Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und den frühen 1970er Jahren, mithin auf einer Phase internationaler Politik, in der sich der Kalte Krieg herausbildete und die Dekolonialisierung ihren Höhe- und Endpunkt erreichte. Die Beiträge sind damit dezidiert in den Jahren vor der oft herausgestellten Zäsur von 1979 angesiedelt, die den Islam(ismus) als politische Ideologie etwa durch die Machtübernahme Ruhollah Khomeinis im Iran und den Krieg in Afghanistan in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte.[18] Im Nahen und Mittleren Osten stand den nach Unabhängigkeit strebenden ehemaligen Kolonien und ihren Machteliten mit dem Islam ein Konzept zur Verfügung, das ähnlich wie Sozialismus und Kapitalismus einen universellen, grenzüberschreitenden Anspruch in sich barg. Inhaltlich fragen die Autorinnen und Autoren des Podiums deshalb drittens danach, wie der Islam als normatives Leitbild und politisches Ordnungskonzept von ausgewählten Akteuren mit ideengeschichtlichen Traditionen in Beziehung gesetzt wurde, die von der Zeitgeschichtsforschung bisher überwiegend westlich-europäisch konnotiert werden. Dazu zählen die Idee der Nation, die sich im Prozess der Dekolonialisierung mit Macht Bahn brach, die auch im arabischen Raum zeitweise einflussreiche Ideologie des Sozialismus, universell gedachte, konkurrierende Menschenrechtsvorstellungen und schließlich Konzepte humanitärer Hilfe arabisch-islamischer Prägung. Es geht mithin darum, Akteure der islamisch-arabischen Welt zu Wort kommen zu lassen und die Geschichte internationaler Politik um ihre Perspektive zu erweitern. Der Islam wird dabei explizit nicht auf seine religiöse Dimension in seinen verschiedenen konfessionellen Spielarten verengt, sondern als ideologisches, politisches, kulturelles und wandelbares Konzept gefasst.

Die einzelnen Beiträge diskutieren mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung folgende übergreifende Fragestellungen: Zunächst werden Denktraditionen, Deutungsmuster und normative Ordnungsvorstellungen dezidiert islamischer Prägung in den Blick genommen und daraufhin untersucht, inwieweit diese mit anderen Großideologien und politischen Konzepten europäischer beziehungsweise westlicher Provenienz konkurrierten oder in Einklang gebracht wurden. Strategien der Abgrenzung, machtpolitische Konkurrenzen und Partikularismen sind hier ebenso von Interesse wie (wechselseitige) Aneignungsprozesse. Darüber hinaus wird danach gefragt, welche islamischen und/oder arabischen Akteure und Netzwerke den regionalen und internationalen Diskurs sowie die politische Praxis dominierten. Inwiefern können Formen der Wissenszirkulation und institutionellen Ver- oder Entflechtungen diagnostiziert werden? Welchen Einfluss hatten schließlich der globale Systemkonflikt des Kalten Kriegs, der Prozess der Dekolonialisierung und Versuche des Globalen Südens, sich als Akteur internationaler Politik zu formieren? Welche spezifischen Kontinuitäten und Zäsuren sind in den jeweiligen Fallbeispielen auszumachen?

Den Anfang macht Matthieu Rey mit einem vergleichenden Blick auf die Debatten der irakischen und syrischen Eliten, die ab Mitte der 1940er Jahre um die staatliche Unabhängigkeit ihrer Länder und zugleich um die Frage rangen, wie der Islam in die jeweilige Verfassung und gesellschaftliche Wirklichkeit der neu gebildeten Nationalstaaten integriert werden konnte. Er zeigt auf, wie der Islam als kultureller Diskursrahmen, religiöser Identitätsmarker und politischer Kampfbegriff fungierte. Konzepte einer arabisch-islamischen Nation im Rahmen der Umma, der Gemeinschaft aller Muslime, konkurrierten mit dem Konzept eines auf territorialer Souveränität basierenden Nationalstaats europäischer Prägung. Gleichzeitig bot letzterer in der politischen Praxis einen wichtigen Ankerpunkt im Kampf um Unabhängigkeit und eigenständige Gestaltungsmacht im internationalen Konzert des Kalten Kriegs und des Nord-Süd-Gegensatzes.

Manfred Sing widmet sich in seinem Beitrag den komplexen Verflechtungen zwischen arabischen Sozialismen, Islam und Prozessen der Dekolonialisierung. Gewann die sozialistische Ideologie nach dem Zweiten Weltkrieg einerseits an Anziehungskraft, stand sie durch ihren universalistischen Ansatz und den politischen Führungsanspruch der Sowjetunion andererseits in Widerspruch zum Bestreben ehemaliger Kolonien nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit von europäischer Bevormundung. Zugleich konkurrierte der Sozialismus, der auf einem dezidiert säkularen Fundament ruhte, mit dem Islam als wichtigem religiösen, kulturellen und politischen Referenzrahmen nahöstlicher Gesellschaften. Manfred Sing zeigt, welche Deutungskämpfe um Sozialismen spezifisch arabischer Prägung und den Islam als Element gesellschaftlicher Selbstvergewisserung, kulturelle Ressource und politisches Instrument in den 1960er Jahren in ausgewählten Staaten ausgefochten wurden.

Hatem Elliesie widmet sich aus islamwissenschaftlicher Perspektive dem Diskurs um Islam und Menschenrechte, der sich im Spannungsfeld zweier Normativitätsansprüche befindet: dem der islamischen Authentizität einerseits und dem der Universalität andererseits. Davon ausgehend unterstreicht der Autor, dass weder von einer einfachen Gegenüberstellung westlicher und islamischer Menschenrechtsverständnisse ausgegangen werden könne noch ein einheitliches Menschenrechtsverständnis des Islam beziehungsweise der „islamischen Welt“ vorliege. Vielmehr bietet der Beitrag ein facettenreiches Bild teils konkurrierender innerislamischer Deutungskonzepte und Interpretationsansätze.

Esther Möller schließlich untersucht humanitäre Hilfe für andere in arabisch-islamisch geprägten Ländern anhand ausgewählter Organisationen wie dem ägyptischen Roten Halbmond und den Muslimbrüdern. Der Beitrag widmet sich transnationalen Vernetzungen ebenso wie institutionellen Konkurrenzen und argumentiert, dass Hilfe für andere im Spannungsfeld von arabischem Nationalismus, Dekolonialisierung und Kaltem Krieg eine genuin politische Dimension hatte und sowohl Ausdruck von Souveränität und Solidarität als auch von Machtansprüchen war. Dem Islam kam dabei wahlweise die Funktion eines kulturellen Bindemittels, eines ideologischen Arguments oder eines (macht-)politischen Instruments zu.

Insgesamt zeigen die Autorinnen und Autoren des Podiums, welches Potenzial darin liegt, transnationale Verflechtungen zwischen Europa und dem Nahen und Mittleren Osten näher in den Blick zu nehmen und den Islam als integralen Bestandteil einer Geschichte internationaler Politik seit 1945 zu begreifen.

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Diese und weiterführende Themen werden die Autorinnen und Autoren voraussichtlich im November 2022 im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung erörtern und mit einem breiteren Publikum diskutieren. Der Meinungsaustausch wird aufgezeichnet und als Ergänzung zu diesem Podium Zeitgeschichte auf der VfZ-Homepage dokumentiert. Das online zugängliche VfZ-Forum (www.ifz-muenchen.de/vierteljahrshefte/zusatzangebote/forum) bietet allen Interessierten Gelegenheit, die Debatte über Islam und internationale Politik fortzusetzen.

Online erschienen: 2022-10-01
Erschienen im Druck: 2022-09-05

© 2022 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 10.12.2022 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/vfzg-2022-0042/html
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