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Publicly Available Published by De Gruyter Oldenbourg January 1, 2023

Wo Arbeit kein Weg war

Judenräte und Zwangsarbeit in den Städten des Generalgouvernements 1939 bis 1941

Frank Grelka EMAIL logo

Abstract

Zwar ist die nationalsozialistische Judenverfolgung wiederholt als Geschichte des Raubs beschrieben worden, jedoch sind die konkreten Praktiken der Zwangsarbeitswirtschaft bislang nur ansatzweise erforscht. Frank Grelka geht davon aus, dass die Arbeits- und Finanzpolitik der Regierung des Generalgouvernements keiner ökonomischen Rationalität folgte, sondern dass sie am Beginn des Holocaust in Polen stand. Dazu analysiert er am Fallbeispiel Częstochowa und im Vergleich zu Warschau und Lublin, wie die dortigen Judenräte mit den schwindenden Ressourcen ihrer Gemeinden versuchten, der Verfolgung durch lebensgefährliche Zwangsarbeit zu widerstehen. Sie rekrutierten in der Regel nur die bedürftigsten Gemeindemitglieder für die deutschen Zwangsarbeitslager, und es ging ihnen gerade nicht darum, für Beschäftigung zu sorgen, um so Leben zu retten.

Abstract

While the National Socialist persecution of the Jews has repeatedly been described as a history of robbery, the concrete practices of an economy based on forced labour have only been researched to some extent. Frank Grelka argues that the labour and financial policy of the government of the General Government did not follow an economic rationality, but rather that it formed the beginning of the Holocaust in Poland. To demonstrate this, he analyses the example of Często­cho­wa in comparison to Warsaw and Lublin in order to show how the local Jewish Councils attempted to resist persecution by way of life-threatening forced labour with their communities’ diminishing resources. They generally recruited only the most underprivileged members of the community for German forced labour camps and their aim was explicitly not to create employment to save lives.

I. Einleitung

Nach einem Arbeitsbesuch im Getto Łódź sprach Reichspropagandaminister Joseph Goebbels Anfang November 1939 mit Adolf Hitler, bei dem er die „volle Zustimmung“ für seine „Darlegung des Judenproblems“ in Polen gefunden habe: Das dortige Judentum sei mehr eine klinische als eine soziale Angelegenheit.[1] Diese Aussage lässt schon erahnen, dass der NS-Staat nach dem raschen Sieg der Wehrmacht im ersten Feldzug des Zweiten Weltkriegs ein neues Ziel seiner antisemitischen Politik identifizierte. War es den Nationalsozialisten bisher um die „Lösung der sozialen Frage“[2] durch die „Beseitigung der Juden als Hauptträger des kapitalistischen Systems“ gegangen – die Plünderung jüdischen Vermögens eingeschlossen –, wollte die NS-Führung in Osteuropa auf die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung hinaus. Im eroberten Polen sollten die Juden nicht mehr nur ausgeraubt, sondern beseitigt werden, zumal sie stereotypisch als arm stigmatisiert wurden und daher allem Anschein nach bei ihnen nur wenig zu holen war.

Intendierte man also mit der Verfolgung deutscher Juden im Reich deren Enteignung und erzwungene Auswanderung, ging Goebbels in Bezug auf die sogenannten Ostjuden in Polen weit darüber hinaus: Das sei, notierte Hitlers Chefpropagandist am 2. November 1939 in sein Tagebuch, keine humanitäre, sondern eine chirurgische Aufgabe: „Man muss hier Schnitte tun, und zwar ganz radikale.“[3] Die Juden seien nichts anderes als ein „Abfallprodukt“,[4] also eine soziale Gruppe, mit der man auch ökonomisch nichts anfangen könne. Entsprechend nachrangig waren wirtschaftliche Überlegungen, wenn es um den Umgang mit der jüdischen Bevölkerung ging, wie bereits aus einem Bericht der Wehrwirtschaftsinspektion Ober-Ost über die Anfänge der deutschen Zivilverwaltung in Polen deutlich wird:

„Nicht weniger einschneidend ist aber die Beeinflußung der Stimmung durch Maßnahmen nichtwirtschaftlicher Art, die die Bevölkerung als solche oder einzelne Gruppen treffen. Einige Beispiele [...] Exmittierungen jüdischer und polnischer Bewohner aus ihren Häusern ohne Mitnahmerecht ihres Eigentums. [...] Leider nicht selten Eigentumsdelikte [...] an jüdischem und polnischem Privateigentum. [...] Die Stimmung der Juden wird durch [...] tödlichen Haß gekennzeichnet. [...] die Aussicht als Zwangsarbeiter verwendet zu werden, [hat] eine Stimmung lähmender Furcht erzeugt.“[5]

Ludwik Landau erkannte ebenfalls schon im Winter 1939, dass sich die Besatzer beim Umgang mit jüdischem Besitz und jüdischer Arbeitskraft nicht von den Regeln wirtschaftlicher Vernunft leiten ließen. Die Deutschen schadeten durch die „Aufrechterhaltung des Stillstands des wirtschaftlichen Lebens“ letztlich der Wirtschaft des gesamten Lands. Damit hob der renommierte polnischjüdische Sozialökonom vor allem auf Erwerbslosigkeit ab, die durch Berufsverbote und Beschlagnahmung jüdischer Geschäfte künstlich geschaffen worden war. Der „Besatzer macht sich nicht viel aus Logik“, kommentierte Landau die desaströsen Folgen der Schließung jüdischer Geschäfte und Unternehmen.[6]

Dagegen ist unser Verständnis von der deutschen Besatzungspraxis in Polen bis heute geprägt von der Auffassung, es habe so etwas gegeben wie eine herrschaftsrationale Verbindung zwischen Bevölkerungsökonomie und Völkermord. Zwar ist die Konfiszierung jüdischen Eigentums überzeugend als Katalysator des deutschen Genozids beschrieben worden,[7] jedoch sind die konkreten Praktiken der Zwangsarbeitswirtschaft als Geschäftsmodell der Regierung des Generalgouvernements (GG) bislang nur ansatzweise erforscht. Das liegt nicht etwa an fehlenden Quellen deutscher oder jüdischer Provenienz, sondern an der erkenntnisleitenden Überzeugung, die Besatzer seien in der einen oder anderen Form von jüdischer (Zwangs-)Arbeit abhängig gewesen.[8] Einschlägige Studien orientieren sich also an traditionellen Vorstellungen von Ökonomie und folgen Forschungsfragen wie: Vergrößerte Arbeit die Wahrscheinlichkeit, unter den Bedingungen des Genozids zu überleben?[9] War der Einsatz jüdischer Arbeitskräfte effizient und hatte er somit eine ökonomische Funktion für die deutsche Kriegswirtschaft?[10] Oder wurden die Juden ermordet, um sie zu berauben und mit den Gewinnen die deutsche Kriegswirtschaft zu finanzieren?[11]

Während der Analyse verfestigte sich der Eindruck, dass es hingegen an epistemologischen Kategorien mangelt, die vermitteln, dass sich der Mord an den europäischen Juden auch aus nicht-ökonomischen Motiven gespeist hat.[12] Die folgenden Überlegungen gehen von einem bewusst verschwenderischen Umgang der Regierung des Generalgouvernements mit der jüdischen Wirtschaftskraft aus. Am Beispiel jüdischer Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen rekonstruiert dieser Beitrag die wirtschaftliche Zerstörung der polnischen Juden anhand der Verschwendungstheorie von Georges Bataille.[13] Aus der Untersuchung des verschwenderischen Umgangs mit der Arbeits- und Wirtschaftskraft der polnischen Juden lassen sich Rückschlüsse auf die Motive der antijüdischen Gewalt ziehen, die somit jenseits von Kosten-Nutzen-Rechnungen untersucht wird.[14] Während polnische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Deutschen Reich immerhin ihren Lebensunterhalt verdienen sollten,[15] ging es den verantwortlichen deutschen Stellen beim (erzwungenen) Arbeitseinsatz von Jüdinnen und Juden dagegen darum, die Lebenskraft der Betroffenen und ihrer Familien kontinuierlich zu schwächen. Durch den Arbeitseinsatz forcierte die deutsche Zivilverwaltung auch die Verarmung und Verelendung der gesamten Restbevölkerung, die noch über Vermögen verfügte, und dies geschah bereits vor dem Übergang zum industriellen Massenmord an der jüdischen Bevölkerung.

Dieser Beitrag konzentriert sich auf ein Bündel von Maßnahmen, das Peter Longerich vor 25 Jahren noch unspezifisch als frühe „Konzeption der Endlösung“ im Generalgouvernement bezeichnet hat:[16] den kausalen Zusammenhang zwischen sinnloser Arbeit in den Wasserwirtschaftslagern und der Sammlung jüdischer Restvermögen im Haushalt des Generalgouvernements.[17] Dafür finden sich Anknüpfungspunkte bereits in der frühen Holocaustforschung, die auf signifikante Bevölkerungsverluste infolge deutscher „Judenpolitik“ lange vor der sogenannten Endlösung hingewiesen hat.[18] So betonte Tatiana Brustin-Berenstein schon Anfang der 1950er Jahre, wirtschaftliche und soziale Diskriminierung hätte genügt, um die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung zu erreichen; offen sei allein gewesen, „wie lange das gedauert hätte“.[19] Philip Friedman, ein polnisch-jüdischer Historiker, der den Holocaust überlebt hatte, ging noch früher davon aus, dass bis Juni 1941 300 000 Jüdinnen und Juden der deutschen Besatzungspolitik in Polen zum Opfer gefallen seien.[20]

Im Folgenden geht es jedoch nicht um einen Beitrag zur Hungerforschung.[21] Im Zentrum stehen einerseits die wirtschaftlichen Maßnahmen der Besatzer, welche die Verfolgten in Armut und Unterversorgung stürzen sollten, andererseits deren Versuche, die völlige Verelendung hinauszuzögern. Zwei Ergebnisse seien schon hier vorweggenommen: Der Genozid als organisatorisches Prinzip manifestierte sich seit Beginn der deutschen Besatzungspolitik in der systematischen Verschwendung des Eigentums und der Arbeitskraft polnischer Jüdinnen und Juden.[22] Die Verfolgten versuchten letztlich vergeblich, all ihre eigenen Ressourcen einzusetzen, um Auswege aus dem Zustand kollektiver Geiselhaft zu finden. Während die – überwiegend kritische – Forschung bisher eher nach den Motiven der Judenräte bei ihrer Kollaboration mit den Besatzern fragte,[23] soll es hier um ihre Bemühungen gehen, die Folgen der Zwangsarbeit für die Bevölkerung abzumildern.

Ausgangspunkt ist die Annahme, dass jüdische Vertreter bereits im Frühjahr 1940 die „immanente antisemitische Vernichtungslogik“ nationalsozialistischer Arbeitspolitik erkannt hatten,[24] um mit Jürgen Zarusky zu sprechen.[25] In dem Bewusstsein, dass das deutsche Interesse an jüdischen Arbeitskräften wirtschaftlich nicht rational war, erfüllten die Judenräte im Generalgouvernement die deutschen Forderungen nur so weit als nötig. Dabei ging es ihnen, so die These, vor allem um die Entschleunigung irrationaler deutscher Aktionen. Die Schlüsselfrage für die großen städtischen Judenräte war es dementsprechend nicht, für Beschäftigung zu sorgen, um so Leben zu retten, sondern möglichst Arbeit zu vermeiden, um über die deutsche Besatzung hinaus das Weiterbestehen ganzer Gemeinden zu sichern. Dieser tödlichen Herausforderung begegneten städtische Judenräte mit sehr unterschiedlichen sozialen Strategien, die bislang kaum Beachtung gefunden haben.

Am Beispiel Częstochowas und im Vergleich mit Warschau und Lublin soll analysiert werden, wie die Judenräte mit eigenen wirtschaftlichen Konzepten versuchten, der gegen die jüdische Bevölkerung gerichteten nationalsozialistischen Arbeits- und Finanzpolitik im Generalgouvernement zu widerstehen. Diese Judenräte mussten mehr als die Hälfte ihrer Haushaltsmittel für die Finanzierung des Zwangsarbeitseinsatzes aufbringen. Mit den Einnahmen aus sogenannten Kompensationszahlungen oder anderen Arten von Steuern konnten sie weder die elementarsten Bedürfnisse der Arbeiter in den Lagern befriedigen noch die Unterstützungsleistungen in der eigenen Gemeinde bezahlen. Jüdische Institutionen sahen sich einerseits dazu gezwungen, unter den mittellosen Bevölkerungsteilen männliche und weibliche Arbeitskräfte für die Lager zu rekrutieren, andererseits ließ der wirtschaftlich desaströse Arbeitseinsatz immer größere Gruppen des jüdischen Gemeinwesens finanziell ausbluten. Ein Teufelskreis, der in die Hungerkatastrophe führte.

Im Folgenden geht es zunächst um die Verschmelzung von Ausplünderung und Zwangsarbeit zu einer homogenen Verfolgungsstrategie, um zu zeigen, dass die deutsche Zivilverwaltung in der Praxis bereits 1940 den Genozid an den polnischen Juden betrieb. Anschließend verdeutlicht ein statistisch und tabellarisch aufbereiteter Vergleich zu den Gemeindevorständen in Warschau und Lublin den für Częstochowa spezifischen Umgang mit den monetären Ressourcen. Der letzte Abschnitt wirft schließlich ein Schlaglicht auf die sozialen Folgen des Einsatzes jüdischer Arbeitskräfte aus diesen Gemeinden zu Erd- und Trockenlegungsarbeiten im Distrikt Lublin.[26]

II. Synergien antisemitischer Finanz- und Arbeitspolitik

Über den Zustand der Familie des polnisch-jüdischen Zwangsarbeiters Aron Szapiro erging im September 1940 von der deutschen Schutzpolizei Tschenstochau[27] folgende Meldung: „Die noch im Besitz befindlichen Bekleidungsstücke gehen nicht über die Bedürfnisse hinaus. Restliches Vermögen befindet sich auf einem Sperrkonto und eigene Möbel, Schmuck oder Wertgegenstände sind nicht vorhanden.“[28] Die Erfahrung doppelter Repression durch Raub und Arbeit wiederholt sich in Berichten Überlebender über die Lebensbedingungen in den verschiedenen Teilen des Generalgouvernements bis Ende 1940. Bereits ein Jahr nach dem deutschen Überfall schlug die Jüdische Soziale Selbsthilfe (JSS) – eine Organisation, die von der Besatzungsmacht damit beauftragt worden war, Wohlfahrtspflege und Fürsorge für die jüdische Bevölkerung zu organisieren[29] – wegen der desaströsen Auswirkungen der deutschen Beschäftigungspolitik Alarm. Sie forderte, den „zufälligen Arbeitseinsatz“ zu beenden und dessen Finanzierung selbst zu übernehmen; schließlich liege dieser Einsatz außerhalb des „Macht- und Wirkungsbereichs“ der jüdischen Bevölkerung und ihrer Selbsthilfeorganisationen: „Die Juden im Generalgouvernement wissen zu arbeiten und wollen arbeiten. Wohl dürfen sie aber befugt sein, ihre menschliche Existenz voll gesichert und ihre Arbeitskraft gewährleistet zu wissen.“[30]

Częstochowa war neben Radom und Kielce einer von drei Stadtkreisen im Distrikt Radom.[31] Nach den Angaben der Abteilung für Statistik des Judenrats der Stadt waren im Jahr 1940 zwischen 28 173 und 32 725 jüdische Einwohner gemeldet; mit der Einrichtung des Gettos wurde Częstochowa ab April 1941 die Stadt mit der nach Warschau und Lublin größten jüdischen Gettobevölkerung im Generalgouvernement.[32] Der finanzpolitische Terror der deutschen Zivilverwaltung begann am 14. November 1939. Für die Freilassung von neun Vorstandsmitgliedern des Judenrats forderte der deutsche Stadthauptmann Richard Wendler von der jüdischen Gemeinde eine Kontribution von 750 000 Złoty.[33] Bis zum 28. November 1939 hatte der Judenrat in Częstochowa bereits 290 000 Złoty der geforderten Summe eingesammelt,[34] insgesamt überwies er 360 000 Złoty an die Stadtkasse. Sowohl der Distrikt Radom als auch die Regierung in Krakau ermahnten Wendler, seine „Judenkontributionen“ einzustellen.[35] Aber immerhin konnte Wendler bei der Hauptabteilung Finanzen in Krakau durchsetzen, dass sämtliche Lösegelder der jüdischen Gemeinschaft seiner Stadtkasse zuflossen.[36]

Die Aktion Wendlers in Częstochowa machte im gesamten Distrikt Schule, so dass in der Folge die meisten anderen Gemeinden im Distrikt Kontributionszahlungen zu leisten hatten, auch ohne dass im Einzelfall immer eine Geiselnahme notwendig gewesen wäre. Die Erschießung von 23 prominenten Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Anfang 1940 in Szydłowiec südwestlich von Radom wegen Nichtzahlung der Kontribution in der von der deutschen Verwaltung geforderten Höhe blieb eher die Ausnahme.[37] Laut Aufstellung der Überweisungen jüdischer Gemeinden trieben die deutschen Behörden einen Betrag von rund 2,8 Millionen Złoty zugunsten des Staatsschatzes des GG ein.[38] Dieser Betrag dürfte lediglich einen Teil der Gesamtverluste der jüdischen Gemeinden durch Kontributionszahlungen ausgemacht haben. Wie schon Wendler in Tschenstochau führten auch andere deutsche Stadt-und Kreishauptleute jüdische Lösegeldzahlungen nicht direkt nach Krakau ab, sondern nutzten diese als eine Art Startkapital für das Budget ihrer neuen Administrationen.[39] In den Unterlagen taucht Lublin beispielsweise gar nicht auf, wo der Judenrat im November 1939 und April 1940 insgesamt rund 700 000 Złoty von den jüdischen Einwohnern der Stadt eingesammelt und an die deutsche Distriktverwaltung ausgehändigt hatte.[40]

Erpressung war dabei nur eine von vielen parallelen Zwangsmaßnahmen der deutschen Finanzpolitik, die das Ziel verfolgte, in jüdischen Gemeinwesen ebenso wie in polnischen eine künstliche Geldknappheit zu erzeugen. Dazu entwertete man die monetären Ressourcen und fror das Restvermögen auf Sperrkonten ein,[41] auf die die deutsche Steuerverwaltung in Tschenstochau jederzeit zugreifen konnte.[42] Im selben Zeitraum beschlagnahmte die Treuhandverwaltung des Generalgouverneurs, die Haupttreuhandstelle Ost, systematisch polnisch-jüdische Wirtschaftsbetriebe und Immobilien in Częstochowa. Schon in seinem ersten Memorandum an die deutsche Besatzungsverwaltung machte der Judenrat in Częstochowa unter Leitung von Leon Kopiński den Stadthauptmann darauf aufmerksam, dass die Enteignung aller 47 jüdischen Bäckereien nicht nur den Unternehmen und ihren Angestellten das „Lebensrecht“ nehme, sondern auch die Versorgung der Stadt mit Brot unmöglich mache.[43]

Die deutsche Verwaltung in Polen begnügte sich aber nicht wie im Reich mit der „Arisierung“ jüdischer Geschäfte und Immobilien, sondern erpresste unter Androhung von Zwangsarbeit auch den privaten Besitz und die Ersparnisse jüdischer Residenten. Parallel zum Raub von Immobilien, Edelmetallen und Bankguthaben ging es der Regierung des GG seit Frühjahr 1940 darum, polnische Juden dazu zu nötigen, auch persönliche Rücklagen zu verausgaben. Der damals 15-jährige Schüler Jerzy Einhorn erinnerte sich nach dem Krieg: „Mehr als 100 Złoty durften wir nicht besitzen, viel war das nicht, den Rest sollten wir in der Bank deponieren. Dasselbe betraf sämtliche Wertsachen und Schmuck. Unter Todesstrafe musste man das an einem bestimmten Ort deponieren. Trotzdem brachen viele diese Regel. Die Leute wussten, dass sie die Dinge brauchten, um sich etwas zu kaufen, um zu überleben.“[44]

Es ist unumgänglich, sich im Kontext der Eigentumskonfiskationen vorab mit den Richtlinien zur Zwangsarbeit der jüdischen Bevölkerung als Teil einer spezifischen Entwicklung im Generalgouvernement zu beschäftigen. Jüdische Arbeitskräfte in Deutschland waren bereits seit Oktober 1938 von Zwangsarbeit bedroht; dabei handelte es sich um eine weitere Repressalie gegen jene, die noch nicht emigriert waren. Das deutsche Besatzungsregime in Polen ordnete den Arbeitszwang für alle polnischen Juden an. Wie zu zeigen sein wird, war diese Arbeit genau das Gegenteil einer produktiven Tätigkeit, sondern ein Anschlag auf das Eigentum und die Gesundheit der gesamten jüdischen Bevölkerung in Polen. Die Intentionen der NS-Führung verrät ein Passus in der Verordnung zur „Einführung des Arbeitszwanges für die jüdische Bevölkerung“ vom 12. Dezember 1939 hinsichtlich des „erzieherische[n] Zweck[s]“ dieser Arbeit. Dass es den Besatzungsbehörden bereits in diesem frühen Stadium darum ging, die jüdische Bevölkerung durch Arbeit permanent unter Druck zu setzen, ist dort deutlich formuliert. In § 1 heißt es: „Die Dauer dieses Arbeitszwanges beträgt in der Regel zwei Jahre; sie wird verlängert, wenn innerhalb dieser Zeit ihr erzieherischer Zweck nicht erreicht sein sollte.[45]

Diese Vorschrift bedrohte die Betroffenen nicht in erster Linie durch die zu leistende Arbeit, sondern vor allem durch ihre potenziell unbeschränkte Dauer. Die drakonische Strafandrohung – zehn Jahre Zuchthaus bei Missachtung – sagt auch etwas über den Zeitraum aus, in dem die Funktionäre im Generalgouvernement die „Judenfrage“ in ihrem Machtbereich aus der Welt zu schaffen gedachten. Besondere Bedeutung gewinnt in diesem Zusammenhang der Einsatz in Zwangsarbeitslagern, auf die sich die hier vorgestellten Überlegungen daher konzentrieren.

Die deutschen Besatzungsbehörden wollten nicht nur sicherstellen, dass diese Form von Arbeit die Gemeinden wirtschaftlich schädigte, sondern dass diese ihre eigene Verfolgung durch Zwangsarbeit auch noch selbst finanzierten. Unter Androhung der Einziehung ihres restlichen Hab und Guts bei Nichtbefolgung nötigte man die Zwangsarbeiter beispielsweise, ihr eigenes Werkzeug mitzubringen. Im Januar 1940 zwang die deutsche Polizei im Generalgouvernement die jüdischen Gemeinden offiziell zur Bildung von sogenannten Ältestenräten, die für die „gewissenhafte Durchführung“ deutscher Befehle „haften“ sollten. Aus Sicht der deutschen Verwaltung sollten die Judenräte als ihr verlängerter Arm bei der Organisation des Arbeitszwangs und der Ausplünderung der polnischen Juden fungieren. Man bedrohte sie ebenfalls mit einer zehnjährigen Zuchthausstrafe und Einziehung ihres Vermögens, sollten sie sich der Rekrutierung und Ausstattung jüdischer Arbeitskräfte verweigern. Die Judenräte hatten zudem sämtliche Vermögenswerte der Zwangsarbeiter zu melden und anzugeben, „in welcher Weise während der Abwesenheit des Juden diese Vermögenswerte betreut werden sollen, damit die Behörde gegebenenfalls für deren Sicherstellung sorgen kann“.[46]

In Warschau sah der Judenratsvorsitzende Adam Czerniaków seine Gemeinde schon im März 1940 in ihrer Existenz bedroht: „Jüdischer Besitz ist in der Praxis vogelfrei [...], weil Juden von Zwangsarbeit bedroht, Mißhandlungen und Enteignungen ausgesetzt sind.“[47] In den westpolnischen Gebieten, die dem Deutschen Reich einverleibt worden waren, verhielt es sich anders: Dort war Arbeit eine Option, um den Unterhalt der jüdischen Stadtbevölkerung zu finanzieren. Die Judenältesten Chaim Rumkowski (für Łódź/Litzmannstadt) und Moshe Merin (für Ostoberschlesien) konnten „Arbeit“ als „einzige[n] Weg“ propagieren,[48] da die dortigen deutschen Lokalverwaltungen und Privatfirmen an einem produktiven jüdischen Arbeitseinsatz interessiert waren und diesen auch teilweise entlohnten.[49] Im Generalgouvernement war es hingegen aus Sicht der dortigen Judenräte nur eine Frage der Zeit, ehe die unbezahlte Zwangsarbeit in eine allgemeine Hungersnot umschlagen würde. Wie aus ihren detaillierten Berichten abzulesen ist, versuchten die Judenräte sowohl in Częstochowa als auch in Warschau, die Zahl der abzustellenden Arbeitskräfte auf ein unbedingt notwendiges Minimum zu beschränken.[50] Sie hatten verstanden, dass die Regierung des Generalgouvernements an einem produktiven Einsatz jüdischer Facharbeiter und Handwerker für die deutsche Kriegswirtschaft nicht interessiert war. In den meisten Städten arbeiteten durchschnittlich weniger als zehn Prozent der von den Judenräten für den Arbeitszwang registrierten jüdischen Bevölkerung für die deutschen Behörden. Dieser Einsatz – zumeist Aufräum- und Reinigungsarbeiten in den Städten – war seitens der Judenräte angesichts der großen Zahl der durch die Berufs- und Arbeitsverbote erwerbslos gewordenen Personen problemlos zu bewältigen. Viel dringlicher war für sie die Frage, wie sie die Zwangsarbeit finanzieren und diese Lasten auf die Arbeiter und die gesamte Gemeinde verteilen konnten.

Als die Sicherheitspolizei die lokalen deutschen Behörden am 3. November 1939 aufrief, sie über „geplante oder durchgeführte Maßnahmen gegen die Juden“ zu informieren, waren in Częstochowa die strafrechtlichen und exekutiven Voraussetzungen für die Plünderung jüdischen Besitzes aller Art bereits geschaffen.[51] Nimmt man den Haushalt der jüdischen Gemeinde Częstochowa in Höhe von knapp zwei Millionen Złoty für das Jahr 1940 zum Maßstab,[52] hatten bereits die Kontributionszahlungen ihren finanziellen Spielraum für dringend benötigte soziale Transferleistungen erheblich eingeschränkt. Stadthauptmann Wendler konnte bereits im März 1940 negative Synergien nationalsozialistischer Finanz- und Arbeitspolitik konstatieren. Um die eigenen Arbeiter zu finanzieren, sei der Judenrat in Częstochowa wegen der hohen Ausgaben bereits jetzt gezwungen, auf die Ersparnisse seiner Gemeindemitglieder zurückzugreifen. Wendler verschärfte die prekäre Lage der jüdischen Gemeinde nochmals, indem er verfügte, dass jüdische Familien nur noch 100 statt der üblichen maximal 250 Złoty pro Woche von ihren Sperrkonten abheben durften, um damit aber nicht – wie bisher – persönliche Bedürfnisse, wie es hieß, „zu befriedigen“, sondern den Arbeitseinsatz durch eine vom Judenrat neu aufzulegende Steuer zu finanzieren.[53] Wendler nahm dabei Bezug auf einen vom Judenrat in Częstochowa initiierten Fonds zur Finanzierung von Lohnzahlungen an die Arbeiter aus der Gemeinde – ein Aspekt, der im folgenden Abschnitt zur Sprache kommt.

III. Die Beschränkung des Arbeitseinsatzes als Überlebensstrategie

Armut und Verfolgung waren weder der jüdischen noch der nichtjüdischen polnischen Bevölkerung fremd, zu lange war ihr Land ein Spielball fremder Mächte gewesen, zu tief wurzelten Antijudaismus und Antisemitismus in der Mehrheitsgesellschaft. Als die deutschen Besatzungsbehörden im Herbst 1939 damit begannen, ihre „Judenpolitik“ zu implementieren, verschärfte sich umgehend die soziale Distanz zwischen der strukturell armen Mehrheitsbevölkerung und den Gemeindeverwaltungen.[54] Die neuen Machthaber nötigten jüdische Gemeindevorstände nicht nur, die Armenfürsorge zu organisieren und die Abgaben an die Regierung des Generalgouvernements einzutreiben, sondern auch als verlängerter Arm antijüdischer Maßnahmen gegen die eigenen Gemeindemitglieder zu fungieren. Dass die Judenräte auf tradierte Verhaltensmuster zurückgriffen, die tief im 19. Jahrhundert wurzelten, entging auch dem polnisch-jüdischen Historiker Emanuel Ringelblum im Getto von Warschau nicht. Der Warschauer Judenrat war seiner Meinung nach ausgesprochen rückständig und bei der Bevölkerung wegen seines deutlichen Klassencharakters besonders verhasst. Die Warschauer Gemeinde habe erst gar keinen Versuch echter Armutsbekämpfung unternommen und sich auf die Verteilung von Almosen beschränkt.[55] Wie schon in Krisen der Vergangenheit manifestiere sich in diesem Verhalten etwas, „von dem man schon so oft in der jüdischen Geschichte“ gelesen habe: Die Gemeinde beute mit ihrem Apparat die jüdischen Massen noch stärker aus als die christliche Verwaltung. Dasselbe, folgerte Ringelblum 1940, geschehe nun in besonders „krasser Weise“ wieder.[56]

Wie neuere Forschungen gezeigt haben, machte es durchaus einen Unterschied für die Bevölkerung vor Ort, in welcher Weise Judenräte agierten.[57] Es herrscht trotz der teils kontroversen Bewertung der Interaktion mit den deutschen Besatzern in der Forschung weitgehend Konsens darüber, dass sich die jüdischen Gemeindevorstände in der Praxis mit einer Quadratur des Kreises konfrontiert sahen. Im Kontext der repressiven Finanz- und Arbeitspolitik drohten Mitgliedsbeiträge und Spenden traditionell nicht wohlhabender Gemeinden im Generalgouvernement rasch zu versiegen. Im Unterschied zu anderen Besatzungsgebieten mussten die Judenräte darüber hinaus erhebliche Mittel für den Ankauf von Lebensmitteln aufwenden, da die deutschen Behörden diesen Handel monopolisiert hatten.[58] Gleichzeitig fielen kostspielige Aufgaben auf den Feldern soziale Fürsorge und medizinische Versorgung an, die der jüdischen Bevölkerung von der deutschen Zivilverwaltung verweigert wurden.

Die jüdische Gemeinde in Częstochowa entwickelte in kürzester Zeit ein operatives Verständnis dafür, wie ihr Haushalt zu organisieren war, um die Folgen des bewusst hervorgerufenen Mangels an Arbeit, Nahrung und finanziellen Mitteln für die Bevölkerung abzumildern.[59] Die Unterlagen der statistischen Abteilung des Judenrats belegen, wie man versuchte, die eigenen Ressourcen so einzusetzen, dass die Gemeinde trotz der willkürlichen Anforderungen von Arbeitskräften durch die deutsche Polizei, die Stadthauptmannschaft oder die Wehrmacht[60] ihr Existenzminimum weiter sichern konnte. Der Judenrat in Częstochowa beschränkte sich also nicht darauf, nur die deutschen Forderungen zu erfüllen, sondern entwickelte eine im Vergleich zu den Gemeinden in Lublin und Warschau aktive Arbeits- und Sozialpolitik.[61] Während beispielsweise in Częstochowa 65 Prozent der Mitarbeiter ohne Gehalt beim Judenrat angestellt waren,[62] verschlangen in Warschau allein die Kosten für die Mitarbeiter des Ältestenrats ein Drittel des Gesamtbudgets für das zweite Halbjahr 1940, nämlich rund 1,9 Millionen Złoty.[63] Dagegen zahlte der Warschauer Judenrat aus seinem Budget für das gesamte Jahr 1940 2,2 Millionen Złoty an alle Zwangsarbeiter aus, die in der Stadt Warschau eingesetzt waren.[64]

Die jüdische Gemeinde in Częstochowa, die zwölfmal kleiner war als die Warschaus, versuchte im selben Zeitraum, ihre Tagelöhner mit 580 000 Złoty am Leben zu erhalten.[65] Bei der Rekrutierung folgte der Judenrat in Częstochowa von Beginn an der Maxime, dass der finanzielle Verlust für die Gemeindekasse geringer sei, wenn weniger Arbeiter für deutsche Stellen abgestellt würden. Vor diesem Hintergrund kalkulierte die Finanzabteilung unter Leitung von Dawid Borzykowski, dass die Gemeindekasse für die zweite Jahreshälfte 1940 höchstens die Arbeit von täglich 1 500 bis 2 000 Menschen für deutsche Stellen in Częstochowa finanzieren könne. Dabei nahm man in Kauf, dass 40 Prozent der Zwangsarbeiter überhaupt keinen Lohn erhielten, also bis zu 800 Arbeiter, an den Rest der bis zu 1 200 Arbeiter wollte man täglich fünf Złoty zahlen, was den Judenrat für die Monate Juli bis Oktober 1940 allein 396 000 Złoty kostete. Mit den Restmitteln finanzierten die Judenräte ihre sogenannten Arbeitsbataillone, die jüdische Arbeitskräfte rekrutierten, um die Menschenjagden durch die deutsche Polizei einzudämmen. Diese jüdischen Brigaden standen deutschen Behörden für Dienstleistungen wie Schneeräumen, Straßenreinigung, Beseitigung von Kriegsschäden, Pferdepflege oder Putzdienste zur Verfügung.

Ab Mai 1940 musste der Judenrat Zwangsarbeiter für die beiden Wasserwirtschaftslager im Kreis Tschenstochau abstellen. In diesem Zusammenhang konzipierte er eine selektive Sondersteuer, die für noch zahlungsfähige jüdische Residenten vorgesehen war.[66] Dazu stellte die Finanzabteilung eine Liste von 3 119 Steuerzahlern zusammen, die je nach Vermögen in 26 Abgabenklassen eingeteilt wurden und für den Zeitraum von vier Monaten Mittel für einen sogenannten Arbeitsfonds zur Verfügung stellen sollten.[67] Diese Zahlungen sollten selbst die Mitglieder des Judenrats leisten.[68] Außerdem verteilte man die Arbeitslast auf viele Schultern, so dass sich auch diejenigen nicht gänzlich vom Arbeitseinsatz freikaufen konnten, die diese Arbeitsbefreiungssteuer zu entrichten hatten. Sie mussten sich einmal in der Woche ebenfalls an den Einsatzstellen der Arbeitsbataillone beziehungsweise zur Zwangsarbeit melden oder sich gegen eine Gebühr von vier Złoty pro Woche freikaufen; optional konnte auch ein Ersatzarbeiter gestellt werden.[69] Aus diesen Einnahmen konnte der Judenrat wenigstens einem Teil der Zwangsarbeiter in den Wasserwirtschaftslagern einen geringen Lohn zahlen. Diese Abgabenpolitik des Judenrats von Częstochowa war sozial verträglicher und, wie an der Steuerdisziplin abzulesen ist, auch in der Bevölkerung akzeptierter als in den beiden anderen Großstadtgemeinden. Er befreite die ärmeren Schichten von der Abgabenpflicht, während die Räte in Warschau und Lublin von ihren Schutzbefohlenen ohne Rücksicht auf die Einkommensverhältnisse eine Kopfsteuer erhoben; damit mussten die weniger begüterten oder gar bedürftigen jüdischen Familien wesentlich mehr zum Gemeindebudget beitragen als in Częstochowa.[70]

Für 1940 zeigt die Jahresbilanz, dass der Judenrat von Częstochowa seine finanziellen Ressourcen schonender als andere Gemeinden für das Überleben der Zwangsarbeiter einsetzen konnte. Vor allem war die Zahl der Arbeiter, die den deutschen Stellen in Tschenstochau durchschnittlich jeden Tag kostenlos zur Verfügung gestellt wurden, mit 611 vergleichsweise niedriger als in anderen Städten des Generalgouvernements.[71] Wie Tabelle 1 zeigt, stellte die große Warschauer Gemeinde durchschnittlich 6 000 Arbeiter.[72] Das waren wenig mehr als fünf Prozent der rund 107 000 polnischen Juden, die 1940 in Warschau vom Judenrat für den Arbeitseinsatz registriert worden waren; die große Mehrheit war schlichtweg ohne Arbeit.[73]

Tabelle 1

Umfang des Einsatzes zur Zwangsarbeit nach Statistiken der Judenräte[74]

Zahl jüdischer Einwohner Zur Arbeit registriert Arbeitseinsatz (Stadt) Arbeitseinsatz (Lager) Registriert und beschäftigt
Częstochowa 27 000 10 311 611 913 15 %
Warschau 400 000 107 000 6 000 4 118 9 %
Lublin 37 000 14 065 462 1 637 15 %

Die Schlussfolgerung, dass die „Lohnzahlung für jüdische Arbeit im Generalgouvernement ab Herbst 1940 als Regelfall angenommen werden“ kann, beruht im Fall von Częstochowa auf der Hypothese, dass die zur Zwangsarbeit registrierten Juden in ihren Berufen tätig waren und damit einer „freien Beschäftigung“ nachgingen.[75] Gemäß dem entsprechenden Bereitstellungserlass vom Januar 1940[76] teilte der Judenrat von Częstochowa die erwerbsfähige Bevölkerung in der Tat nach typischen Berufsgruppen ein. Die Gemeldeten arbeiteten aber nicht in diesen Sektoren, sondern hatten – unabhängig von ihren beruflichen Vorkenntnissen – auf Abruf jede Art von Zwangsarbeit im deutschen Dienst zu erledigen. Der Arbeitseinsatz ging geregelt vor sich, weil die Judenräte nicht nur die Rekrutierung für deutsche Behörden übernahmen, sondern, und das war entscheidend, die Entlohnung der Arbeiter aus ihren Gemeindekassen übernahmen. Nur in Ausnahmefällen zahlten deutsche Stellen eine Art Zuschlag an die Judenräte. Insgesamt entlohnten deutsche Stellen im Fall Częstochowa nur 0,15 Prozent der Arbeitstage selbst; in 43 Prozent der Fälle erhielten die Arbeiter gar kein Geld, in 57 Prozent kam der Lohn vom Judenrat.[77]

Eine jüdische Überlebende aus Częstochowa erinnerte sich daran, dass infolge der Maßnahmen des Judenrats die wilden Rekrutierungen jüdischer Passanten zur Zwangsarbeit durch die Gestapo in der Stadt nahezu „völlig aufhörten“: „Diejenigen, die nicht für die Deutschen arbeiten wollten, mussten dem Judenrat monatlich eine ihrem Besitzstand angemessene Summe zahlen, und mit diesem Geld wurden dann die Kolonnen bezahlt, die sich allmorgendlich zur Arbeit stellten. [...] Man schmierte auf diese Weise die Zwangsarbeit mit Geld.“[78]

Auch hier ist ein Vergleich mit den Judenräten in Warschau und Lublin interessant, denn diese verausgabten nur ein Viertel ihrer Steuereinnahmen aus der Befreiung von Zwangsarbeit für die Löhne und die Verpflegung der Arbeitskräfte aus ihren Städten.[79] Entsprechend waren auch die Löhne in Częstochowa, wo der Judenrat täglich durchschnittlich vier Złoty zahlen konnte,[80] höher als in Lublin oder Warschau. Der Judenrat in Warschau konnte in nur einem von fünf Fällen die von deutschen Stellen verweigerten Löhne selbst zahlen, was pro Tag und Arbeiter nicht mehr als einen Złoty bedeutete.[81] Der Judenrat Lublin plante im März 1940, die jüdischen Tagelöhner mit durchschnittlich drei Złoty zu unterstützen.[82] In der Praxis konnte er seine Arbeiter bereits Ende Mai 1940 nicht mehr bezahlen, was zu schweren Ausschreitungen der Arbeiter gegen den Judenrat führte, der – nach eigenen Angaben – die deutsche Polizei rufen musste, um den Aufruhr niederzuschlagen.[83]

Tabelle 2

Abgaben zur Finanzierung der Zwangsarbeitslager nach Statistiken der Judenräte, 1940[84]

Befreiungsgebühr von Zwangsarbeit (in Złoty/Tag) Steuer-zahler/Bevöl-kerung Steuereinnahmen Zwangsarbeit (in Złoty/Jahr) Anteil Ausgaben für Zwangsarbeit am Budget Anteil entlohnter Arbeits-tage
Częstochowa 4 10 % 580 000 75 % 57 %
Warschau 12–40 Kopfsteuer 3 600 000 25 % 20 %
Lublin 15–50 Kopfsteuer 452 000 25 % ~ 10 %

Das Hauptaugenmerk des Judenrats von Częstochowa lag auf den Lohnersatzleistungen als Ausgleich für die unbezahlte Arbeit im Dienst deutscher Stellen sowie in den beiden Wasserwirtschaftslagern in der Nähe der Stadt. Tabelle 2 stellt Zahlen von drei Judenräten vergleichend nebeneinander. Danach bezuschusste die Hauptkasse des Judenrats von Częstochowa den Haushalt der eigenen Abteilung Arbeit mit mehr als 70 Prozent. Diese Abteilung transferierte insgesamt mehr als 95 Prozent ihrer Gesamteinnahmen direkt an die Arbeiter und ihre Familien,[85] die in der Regel zu den Bedürftigsten gehörten, weil sie sich noch nicht einmal von der Arbeit freikaufen konnten.

Grundlage für diese Besteuerung der jüdischen Bevölkerung war eine Verordnung, die der Stadthauptmann von Tschenstochau auf Vorschlag des Judenrats im Oktober 1940 erlassen hatte. Diese Verordnung ermöglichte es, die Ausgleichszahlungen mit Unterstützung deutscher Polizeiorgane bei jüdischen Einwohnern einzuziehen. Auf diese Art der Amtshilfe verzichtete der Judenrat aber schon deshalb, weil solche Beträge direkt der deutschen Stadtkasse zugeflossen wären. Damit gab Stadthauptmann Wendler der bereits seit März 1940 vom Judenrat praktizierten Besteuerung der Arbeitsbefreiung nachträglich seinen Segen.[86] Tatsächlich zahlten jedoch nur 2 500 der 3 119 registrierten Steuerzahler in die Gemeindekasse ein, so dass der Judenrat in Częstochowa statt der kalkulierten rund 760 000 nur 342 000 Złoty für den Ausgleichsfonds einnehmen konnte.[87] Die Ausgaben für die Löhne der Arbeitsbataillone (rund eine Million Złoty) überstiegen dann für das gesamte Jahr 1940 die Einnahmen aus den Ausgleichszahlungen deutlich.[88] Der Judenrat versuchte, dieses Haushaltsdefizit durch Verwaltungsgebühren auszugleichen, die von der jüdischen Bevölkerung für die Ausstellung von Ausweisen oder die Vermögensregistrierung erhoben wurden. Auf diese Weise ließen sich zusätzlich etwa 200 000 Złoty aufbringen. Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle, dass die größte Empfängerin von Zahlungen aus dem jüdischen Budget die deutsche Stadtverwaltung war, weil der Judenrat in Częstochowa gezwungen war, im Jahr 1940 Lebensmittel in Höhe von 2,1 Millionen Złoty bei der Besatzungsmacht einzukaufen.[89] Im Yizkor-Gedenkbuch Częstochowa beschrieben Überlebende, wie der Judenrat versuchte, das Unmögliche möglich zu machen:

„So gab es zwei Gruppen von Menschen: Zahler und Arbeiter [...]. Die Steuerzahler von gestern waren die Arbeiter von heute. Die Verdienste schwanden, und es blieben immer weniger Leute, die sich von der Arbeit freikaufen konnten. Die Anzahl der Arbeiter wuchs deshalb ständig, während die Zahl der Zahler von Tag zu Tag schmolz. Und da es immer weniger Einzahler gab, stiegen die Steuern für die Arbeitsbefreiung.“[90]

In einem Rückblick auf das Jahr 1940 bewertete ein Berichterstatter der Jüdischen Sozialen Selbsthilfe den Gesamtzustand der jüdischen Bevölkerung in Częstochowa als noch nicht dramatisch. Der materielle Zustand der mittlerweile 35 000 jüdischen Einwohner sei „nicht der schlechteste“. Vorteilhaft sei vor allem die planvolle Rekrutierung für den Zwangsarbeitseinsatz auf den beiden Baustellen der deutschen Wasserwirtschaftsverwaltung in und um Częstochowa.[91] Mitarbeiter des Judenrats hatten am 22./23. April 1940 unter Aufsicht der deutschen Wasserwirtschaftsverwaltung 1 000 Erwachsene der Jahrgänge 1911 bis 1921 für diesen Einsatz rekrutiert.[92] Diese Arbeiter rückten allmorgendlich in fünf Gruppen à 200 Personen aus und traten nach einem Bericht des diensthabenden deutschen Regierungsoberbaurats am 6. Mai 1940 zum überhaupt ersten Zwangseinsatz in der Wasserwirtschaft des Generalgouvernements an. Auf zwei Baustellen arbeiteten im Jahr 1940 täglich durchschnittlich 1 766 jüdische Arbeiter, davon am Fluss Kucelinka in Częstochowa 856 sowie 910 im 30 Kilometer entfernten Arbeitslager Przyrów an der Warthe.[93] Die jüdischen Lagerarbeiter versorgte das deutsche Wasserwirtschaftsamt an den Baustellen auf Rechnung des Judenrats,[94] der sie eigenen Angaben zufolge täglich mit zusätzlich zwischen 300 und 600 Gramm Brot und bis zu zwei warmen Mahlzeiten verpflegte.[95] Im Juli 1940 konnte der Judenrat mit der Wasserwirtschaftsverwaltung vereinbaren, die Anzahl der Arbeiter für die Baustelle in Przyrów von 500 auf 300 zu verringern. Im Gegenzug erhöhte sich die Zahl der Arbeiter auf der Baustelle in der Stadt auf bis zu 1 600. Man hatte sich außerdem auf Akkordarbeit geeinigt, so dass die Arbeiter die Baustelle wieder verlassen konnten, nachdem sie eine bestimmte Menge Erde bewegt hatten,[96] um sich anderen Verdienstmöglichkeiten wie dem Tauschhandel zu widmen, ohne den viele polnische Juden im ersten Besatzungsjahr gar nicht hätten überleben können.[97]

Dass sich die deutsche Arbeitsverwaltung für den Erhalt oder eine produktive Ausbeutung jüdischer Arbeitskraft nicht interessierte, belegt erneut das Beispiel Częstochowa. Lediglich rund ein Drittel der Zwangsarbeiter (611 Männer und 45 Frauen) wurde von verschiedenen Behörden der deutschen Stadtverwaltung gebraucht, wovon zudem zwei Drittel bei kriegswirtschaftlich fragwürdigen Fluss- und Uferbegradigungen eingesetzt wurden.[98] Die große Mehrheit der rund 10 000 vom Judenrat für die Arbeit Registrierten war zur Erwerbslosigkeit verdammt.[99] Viel entscheidender als die Produktivität war für die Nationalsozialisten, durch kostenlose jüdische Arbeit Haushaltsmittel einzusparen[100] und der jüdischen Bevölkerung über die Judenräte ihre Ersparnisse abzupressen. Wie der Judenrat die Arbeitskräfte „entlohnte, welche Leute er auswählte und ob er deren Arbeitsleistung registrierte“, habe er nicht kontrollieren lassen. Mit diesen Worten beschrieb Stadthauptmann Wendler die Administration des Arbeitseinsatzes auf den stadtnahen Baustellen der deutschen Wasserwirtschaftsverwaltung, die zunächst bis Ende November 1940 in Betrieb bleiben sollten. Der Judenrat müsse nicht nur die Arbeit auf diesen Baustellen finanzieren, sondern auch die Versorgung der Arbeiter mit Lebensmittelrationen. Diese reichten „amtsbekannterweise nicht zu ihrer Ernährung“ aus, was dem Judenrat großes Kopfzerbrechen bereitete, Wendler jedoch kalt ließ.[101] Es war im Generalgouvernement eine große Ausnahme, dass der Judenrat in Częstochowa im Juli 1940 mit der Gruppe Wasserwirtschaft eine Prämie für seine Arbeitskräfte aushandeln konnte.[102] Auch in dieser Hinsicht, so der Bericht eines Inspekteurs der Jüdischen Sozialen Selbsthilfe, sei die Arbeit des Judenrats in Częstochowa „beispielhaft“.[103]

Im Juli 1940 erließ die Hauptabteilung Arbeit der Regierung des Generalgouvernements die Verordnung 100/40, mit der die Zwangsarbeit angeblich neu geregelt werden sollte und von der Zuständigkeit der SS in die Zuständigkeit der Zivilverwaltung überging. In der Praxis änderte sich für die Judenräte und die jüdischen Arbeitskräfte aber rein gar nichts. Jene butterweiche Kann-Verordnung stellte deutschen Dienststellen eine „ordnungsmässige Entlohnung“ anheim. Daher waren die Judenräte noch lange nicht davon befreit, die Arbeitskräfte weiterhin selbst zu entlohnen. Außerdem verpflichtete die Regierung des GG die Judenräte mit derselben Verordnung, für die eingesetzten Arbeiter auch noch Sozialversicherungsbeiträge einzuziehen, um die Rentenkassen zu füllen.[104] Auf diese Renten hatten die Juden im Generalgouvernement freilich überhaupt keinen Anspruch. Wer Zwangsarbeit leisten musste, war also noch stärker auf die Unterstützung durch die Judenräte angewiesen als vor Erlass der Verordnung 100/40.[105]

Dem Arbeitsamt Cholm blieb das entscheidende Problem nicht verborgen, da bei „laufenden Maßnahmen eine Änderung der Arbeitsbedingungen auf Grund dieses Erlasses nicht eintreten“ sollte. Tatsächlich sahen deutsche Dienststellen im Distrikt Lublin überhaupt keinen Anlass dazu, eingeübte Praktiken zu ändern, sondern versuchten, „die billigen Arbeitskräfte zu halten“, wie der Leiter des Arbeitsamts Cholm der Abteilung Arbeit im Distrikt Lublin berichtete. Da die in Frage kommenden Maßnahmen der SS-Dienststellen, Stadtverwaltungen und der Zolldienststellen alle schon längere Zeit im Gange seien, könne gemäß Runderlass 100/40 keine Entlohnung verlangt werden. Das führe dazu, dass auch andere Bedarfsträger die jüdischen Arbeitskräfte nicht bezahlen wollten.[106]

Während der Judenrat in Częstochowa versuchte, die gesamte Bevölkerung für den Existenzkampf der Gemeinde zu mobilisieren, setzte man in Lublin andere Prioritäten. Dort stand der Judenrat selbst im Zentrum der eigenen Wirtschaftspolitik. Er hatte sich bereits im Juni 1940 so verschuldet, dass er nach eigenen Angaben die jüdischen Tagelöhner der Stadt nicht mehr unterstützen konnte, die für deutsche Stellen Zwangsarbeit leisten mussten.[107] Als im September auch die Privatvermögen seiner Gemeindemitglieder aufgebraucht waren, beschloss der Judenrat, mit den zur Neige gehenden Ressourcen künftig wie folgt umzugehen: zunächst Zahlungen an die Deutschen, dann an die Abteilungen des Judenrats, schließlich Löhne für die Mitglieder des Lubliner Judenrats – Löhne für die Zwangsarbeiter sollten fortan nicht mehr gezahlt werden.[108]

Auch in Warschau konnte von einem vorbeugenden Konzept keine Rede sein, mit dem sich die Folgen der deutschen Arbeitspolitik hätten lindern lassen. Bereits Ende März 1940 sah Adam Czerniaków seine Gemeinde „außerstande, die ihr auferlegten Pflichten auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge auch nur im geringsten Maße zu erfüllen“.[109] Anders als in Częstochowa musste in Warschau die gesamte jüdische Bevölkerung ohne Rücksicht auf ihre Vermögensverhältnisse Abgaben zur Finanzierung des Arbeitseinsatzes leisten. Für das zuständige Referat beim Judenrat war der Umfang dieser Ersatzzahlungen ein deutlicher Hinweis auf die galoppierende Verarmung der gesamten Gemeinde. Während sich im Mai noch rund 5 328 Personen mit durchschnittlich 40 Złoty vom Einsatz freikauften, waren es im Dezember nur noch 1 899, die im Schnitt 12 Złoty für die Arbeitsbefreiung zahlen konnten.[110] Im Gegensatz zur Situation in Częstochowa hatte der Warschauer Judenrat dem deutschen System aus Arbeitszwang und Vermögensentzug keine eigene Strategie entgegenzusetzen. Aus der Arbeitsabteilung sei die Finanzabteilung des Judenrats geworden, die Wohlhabenden seien von einem auf den anderen Tag verarmt, so die Meinung eines ehemaligen jüdischen Ordnungspolizisten, der vor allem die unternehmerische Passivität des Warschauer Judenrats kritisierte, die den Verarmungsprozess noch beschleunigt habe.[111]

 
          Zwangsarbeiter aus dem Warschauer Getto an der Weichsel, ca. Mai 1941© BArch,
            Bild 101I-134-0768-06 / Ludwig Knobloch

Zwangsarbeiter aus dem Warschauer Getto an der Weichsel, ca. Mai 1941© BArch, Bild 101I-134-0768-06 / Ludwig Knobloch

In Częstochowa war Stadthauptmann Wendler mit den Ersparnissen seiner „Judenpolitik“ überaus zufrieden. Allein im Jahr 1940 hatten jüdische Arbeitskräfte aus Częstochowa in den Zwangsarbeitslagern 543 000 Arbeitstage umsonst für seine Verwaltung geschuftet.[112]

IV. Eine neue Lösung – polnische Juden in Lubliner Arbeitslagern

„Aber Frank wird sich schon durchsetzen“,[113] schenkte Goebbels dem Generalgouverneur der neu eroberten Ostgebiete im Hinblick „auf die jüdische Krankheit“ sein vollstes Vertrauen. Gleich zu Beginn der Besatzungsherrschaft überließ Berlin der dortigen deutschen Verwaltung allein das Geschäft, die Lebensgrundlagen der polnisch-jüdischen Bevölkerung praktisch zu zerstören. Hans Frank trieb seit seiner Amtsübernahme im Oktober 1939 die Frage um, wie man die Anzahl polnischer Juden dezimieren könnte, ohne dazu mehr staatliche Mittel als unbedingt notwendig aufwenden zu müssen. Im Januar 1940 wies er die Finanzierung von vier kostenintensiven Konzentrationslagern – veranschlagt waren 90 Millionen Złoty – für die, wie es hieß, „Judenzwangsarbeit“ strikt zurück.[114] Am 25. Mai 1940 schrieb er dann seiner Verwaltung ins Stammbuch, für den Einsatz jüdischer Zwangsarbeiter so wenige Haushaltsmittel wie möglich zu verwenden.[115] Noch im Mai 1940 wurde deshalb die „Verwirklichung des jüdischen Arbeitszwanges“ zur „Hauptaufgabe der jüdischen Ältestenräte“ erhoben, wozu die Rekrutierung der Zwangsarbeiter, die Finanzierung der Transporte in die Arbeitslager und deren Versorgung mit Lebensmitteln gehören sollten.[116] Nach Abstimmung mit seinen Wasserbauingenieuren beschloss Frank ebenfalls im Mai den Einsatz jener jüdischen Arbeitskräfte, die dann in die beiden Wasserwirtschaftslager in Częstochowa kommen sollten.[117] Hintergrund war ein Plan seiner Wasserwirtschaftsverwaltung, die in vier Jahren von 40 000 Arbeitern eine Fläche von 700 000 Hektar für den landwirtschaftlichen Anbau trockenlegen lassen wollte. Die außerordentlichen Haushaltszuschüsse für diese Bauprojekte in Höhe von 240 Millionen Złoty stammten aus dem Reichshaushalt – eine Summe, die zu diesem Zeitpunkt ein Viertel des Gesamthaushalts des Generalgouvernements für 1940 ausmachte.[118]

Die Entscheidung, die polnischen Juden im Distrikt Lublin Zwangsarbeit leisten zu lassen, fiel auf einer gemeinsamen Sitzung der dortigen Verwaltungsbehörden und SS-Stellen am 22. April 1940. Einigkeit herrschte darüber, dass eine „jüdische Bevölkerungspolitik hier überhaupt unangebracht sei“. Anstatt also große Lager zu bauen – „es ist nicht daran gedacht, die Juden anzusiedeln oder ihnen auch nur eine Möglichkeit zur Sesshaftigkeit zu bieten“ –, sollte der Einsatz von 45 000 bis 50 000 jüdischen Zwangsarbeitern im Distrikt so organisiert werden, dass die jüdischen Gemeinden dafür aufkommen mussten: „Die Kosten der Unterbringung und der Verpflegung werden der Kultusgemeinde angelastet, womit gleichzeitig das sonst unfassbare jüdische Vermögen in unseren Dienst gestellt wird. [...] Da die Arbeitskräfte ganz oder fast kostenlos sind, ist auch eine Streckung der ohnehin nicht sehr großen Budgets der einzelnen Abteilungen möglich.“[119]

Die Führungsspitzen von SS, innerer Verwaltung, Abteilung Arbeit und Abteilung Ernährung und Landwirtschaft, zu der auch die Gruppe Wasserwirtschaft zählte, setzten in Lublin ein Konzept um, das bis zum Herbst 1941 im gesamten Generalgouvernement zur operativen Leitlinie aller „Judenpolitik“ avancierte. Damit verbunden war eine deutliche Radikalisierung der Verfolgungspraxis. Nun sollten Juden im Generalgouvernement überall dort mit Zwangsarbeit belegt werden, wo man sie antraf, wobei die Art der Arbeit eine völlig untergeordnete Rolle spielte. Im Kern ging es darum, den Einsatz so zu organisieren, dass die jüdischen Gemeinden finanziell ausbluteten und die jüdische Bevölkerung dezimiert wurde. Denn Verpflegung und Versorgung mit Kleidung sollte „durch die Judenweiber und solche Juden“ besorgt werden, „die zu schwerer Arbeit nicht mehr fähig sind“. Dies bedeutete aber nicht mehr und nicht weniger, als dass man den Hungertod dieser Menschen einkalkulierte.

Anfang Juni 1940 schlug Friedrich-Wilhelm Krüger, seines Zeichens Höherer SS- und Polizeiführer Ost, dem Generalgouverneur den bewachten Einsatz jüdischer Arbeitskräfte in SS-Lagern am sogenannten Grenzgraben im Süden des Distrikts Lublin vor. Hier handele es sich zunächst um einen Versuch – wie weit man damit komme, werde die Zukunft zeigen.[120] Mit den Grenzgraben- und den Wasserwirtschaftslagern reagierten die Sicherheitskräfte und dann auch die Zivilverwaltung im Generalgouvernement auf die Berichte aus den Städten. So umfangreich die Arbeitsvorhaben der Wasserwirtschaft auch seien, könnten hier „höchstenfalls 3 000 von über 9 000 Registrierten eingesetzt werden“, meldete der Stadthauptmann von Tschenstochau an die Regierung in Krakau.[121] Die neuen Lager im Distrikt Lublin boten nun Gelegenheit, auch die von den Judenräten registrierten jüdischen Stadtbewohner zu prekärer Arbeit einzusetzen, die an ihren Wohnorten bisher von Zwangsarbeit verschont geblieben waren. Dies aber entsprach voll und ganz der finanz- und arbeitspolitischen Verfolgungsstrategie der Regierung des Generalgouvernements.

Konnte der Judenrat in Częstochowa die negativen Folgen der Wasserwirtschaftslager in der Umgebung der Stadt für die Arbeitskräfte und die gesamte jüdische Bevölkerung noch logistisch und finanziell abmildern, hatte er auf das Schicksal seiner in den Distrikt Lublin verschleppten Gemeindemitglieder schon wegen der Entfernung nur sehr geringen Einfluss. Besonders problematisch war der Bau eines Grabens entlang der am Bug verlaufenden Grenze zur Sowjetunion. Laut Angaben der JSS waren zwischen Mai und Oktober 1940 12 000 bis 14 000 meist polnisch-jüdische Männer aus dem gesamten Generalgouvernement dort eingesetzt worden. Sie fanden in der Regel weder Unterkunft noch sanitäre Anlagen vor, von Entlohnung oder ausreichender Ernährung ganz zu schweigen.[122] Im August und September waren allein aus dem Distrikt Radom 5 406 polnische Juden zu Erdarbeiten in den Umkreis des späteren Vernichtungslagers Bełżec verschleppt worden.[123] Der Judenrat in Częstochowa erfüllte im August 1940 nicht nur die undankbare Aufgabe, 913 Arbeiter für zwei Transporte in die Bełżec-Lager zu rekrutieren,[124] sondern diese dort auch aus der Ferne mit Lebensmittelpaketen zu versorgen.[125] Außerdem bezahlte der Judenrat deutsche Stellen für den Transport und die Bewachung der Arbeitskräfte. Für den ersten Transport am 15. August (453 Arbeiter) wurde die Kasse des Judenrats mit 6 053 Złoty belastet, ein Złoty pro Person wurde für die Wegzehrung kalkuliert, die restlichen 5 500 Złoty für die Auslagen der 30 Polizisten des Reserve-Polizeibataillons 7. Die einhellige Auskunft sämtlicher beteiligter deutscher Arbeitsämter, man habe die „entstandenen Kosten bei keiner Stelle zur Rückerstattung angefordert“, spricht dafür, dass auch andere Judenräte im Distrikt Radom die Kosten für die Transporte in den Distrikt Lublin selbst bestritten.[126]

Die Berichte des Warschauer Judenrats aus dem Dorf Cieszanów, in dem unweit der Grenze zur Sowjetunion seit August 1940 auch 1 000 Juden aus Częstochowa ihr Leben fristeten,[127] lassen kaum Zweifel am eigentlichen Zweck der Lubliner Zwangsarbeitslager. Fälle von Flecktyphus sowie Erschießungen kranker Häftlinge waren an der Tagesordnung. Einer dieser Berichte schilderte die extrem komplizierte Versorgungslage in den Arbeitslagern, wo den Insassen der Hungertod drohe. Rund 2 000 Warschauer Arbeiter teilten sich in Cieszanów das Trinkwasser aus einem Brunnen.[128] Der Tod von 40 Arbeitern aus Warschau allein in diesem Lager sei nicht etwa eine Folge des Arbeitseinsatzes gewesen, sondern auf die katastrophale Versorgungs- und Hygienesituation vor Ort zurückzuführen.[129] Nach einer Inspektionsreise durch den Distrikt Lublin schätzte man von jüdischer Seite die eigentliche Bedeutung der Lagerarbeit zutreffend ein: „Die Leiden und die Brutalität in den Lagern rund um Bełżec stellen Pitom und Ramses, bekannte Orte unserer Geschichte, in den Schatten. Damals ging es um die Ausbeutung von Arbeitskräften, in diesem Fall will man, unter dem offiziellen Vorwand, die jüdische Arbeitskraft ausnutzen zu wollen, die Juden schlicht vernichten.“[130]

Offiziell unterstanden die Lager Odilo Globocnik, dem SS- und Polizeiführer von Lublin. Tatsächlich verwaltete der Lubliner Judenrat die Lager.[131] Die Wehrmacht wusste zu berichten, dass sich jüdische Ärzte um die Kranken kümmerten, die es dort in großer Zahl gab.[132] Parallel zu den Arbeiten am Grenzwall wurden seit August 1940 Juden für Wasserwirtschaftslager in der Umgebung von Chełm und Zamość im Distrikt Lublin zwangsrekrutiert. Dort mussten sie unter überaus prekären Bedingungen Abflusskanäle zur Melioration von Ackerland graben.[133] Die gesundheitsgefährdenden Zustände in sämtlichen Lagern des Distrikts Lublin erhöhten den Druck auf die Judenräte enorm. Aus einem JSS-Bericht geht hervor, dass die Gemeinden in Warschau und Lublin zwischen Mai und Dezember 1940 etwa 650 000 Złoty für die Finanzierung von jüdischen Arbeitskräften in den Erdarbeits- und Meliorationslagern von SS und Zivilverwaltung verausgabt hatten.[134] Das entspricht in etwa der Summe, die der Judenrat in Częstochowa im selben Zeitraum für die Löhne und die Versorgung seiner ca. 2 000 Zwangsarbeiter gezahlt hatte, die im Dienst der örtlichen deutschen Stadtverwaltung standen.

Entgegen den Zusagen der deutschen Arbeitsämter an die Judenräte, dass Familienväter und Frauen von Lagerarbeit nicht bedroht seien, waren tatsächlich 67 Prozent der in Częstochowa zur Zwangsarbeit im Distrikt Lublin Rekrutierten verheiratet.[135] Auch Frauen wurden in die Lager deportiert,[136] was für den Lebensunterhalt der zurückgebliebenen Angehörigen nicht minder folgenreich war. Seit September 1940 stellten die Familien dieser jungen Frauen und Männer mit Unterstützung des Judenrats Petitionen zwecks Freilassung aus dem Lager Cieszanów, mit dem Hinweis, es handele sich bei der jeweiligen Arbeitskraft „um den einzigen Ernährer“ der Familie.[137] Auch sandten die Vertreter der jüdischen Gemeinde zahlreiche Bittschriften an das Arbeitsamt Tschenstochau, in denen der Hungertod deutlich benannt wurde, der den Arbeitskräften drohte. Die Arbeiterschaft in den Lubliner Lagern sei dem Zufall und sich selbst überlassen. Zwar habe man bereits 70 000 Złoty für die Lubliner Lager verausgabt, dennoch sei der Judenrat weiterhin bereit, alles zu tun und den Rücktransport der Arbeitskräfte nach Częstochowa auch aus der Gemeindekasse zu finanzieren.[138] Die Verzweiflung unter den Angehörigen war inzwischen so groß, dass sich im November Eltern auf den Weg nach Cieszanów machten, um ihre Kinder aus dem Lager freizukaufen. In diesem Zusammenhang bat der Judenrat in Częstochowa die JSS in Hrubieszów unweit von Bełżec, die Rückkehr der Arbeiter zu organisieren. Dazu sandte er zunächst 5 000 Złoty aus Spenden der Stadtbevölkerung sowie eine Liste mit den Namen jener Arbeitskräfte, für deren Freilassung die Angehörigen gespendet hatten.[139] Schließlich entsandte der Judenrat im November 1940 mit Erlaubnis des Stadthauptmanns selbst einen Vertreter in Arbeitslager in der Umgebung von Hrubieszów, um bei den deutschen Arbeitsämtern die Rückkehr der Zwangsrekrutierten nach Częstochowa zu organisieren.[140] Nach eigenen Angaben gelang es ihm, bis Mitte Dezember schließlich 29 Personen freizukaufen. Wegen der schlechten Arbeitsbedingungen, so der Judenrat in Częstochowa, seien nicht alle Arbeiter in die Stadt zurückgekommen.[141] Die Korrespondenz zwischen dem Leiter der Abteilung Arbeitseinsatz und Arbeitslosenhilfe in der Hauptabteilung Arbeit der Regierung des GG, Ernst von Gschließer,[142] und den Arbeitseinsatzbehörden im Distrikt Lublin belegt die verzweifelte Lage halbverhungerter Zwangsarbeiter im Osten dieses Gebiets. „Der Einsatz dieser Juden wird auch in Zukunft nicht mehr möglich sein“, meldete etwa die Arbeitsverwaltung des Distrikts Lublin mit Blick auf Arbeitskräfte, die aus den Grenzgrabenlagern in die Wasserwirtschaftslager des Distrikts verschleppt worden waren. Diese seien bis aufs Letzte ausgenutzt und nicht mehr arbeitsfähig.[143] Ab dem 3. Oktober 1940 verlegte das Arbeitsamt Zamość in von Gschließers Auftrag die Überlebenden aus der Region Bełżec in die umliegenden Lager der Wehrmacht, der SS, aber vor allem der Wasserwirtschaftsverwaltung in den Kreisen Zamość, Hrubieszów und Chełm.[144] Da sie wegen ihres schlechten Gesundheitszustands nicht mehr arbeiten konnten oder dort nicht gebraucht wurden, mussten sie von den Judenräten der umliegenden Gemeinden versorgt werden.[145] Einige konnten auf Umwegen in ihre Wohnorte zurückkehren, nachdem sie zunächst von der SS in Zügen von Bełżec wahllos in andere Arbeitslager des Distrikts Lublin gebracht worden waren.[146]

Zu den letzten Rückkehrern nach Częstochowa gehörte der damals 28-jährige Abraham Pantofel, der sich an den Arbeitseinsatz später wie folgt erinnerte:

„Die Verlausung war fürchterlich. Da es keinen Ort für die Entlausung gab, so machten wir es bei der Toilette auf dem offenen Feld. Auf diesem Feld hockten jeden Tag Dutzende nackter Menschen und vor ihnen lagen Hemden, Westen oder Hosen, in denen sie die Läuse suchten. Die Bedingungen führten dazu, dass die Mehrheit an Typhus erkrankte. In unserer Baracke erkrankten von 70 Personen 50 am Typhus.“[147]

Insgesamt hatte die Abteilung Wasserwirtschaft der Regierung des Generalgouvernements im Jahr 1940 auf ihren Baustellen 16 845 jüdische Arbeitskräfte zu Flussregulierungen, Deichbauten, Drainierungen oder Entwässerungen eingesetzt.[148] Weitere rund 12 000 hatte man in den Sommermonaten im Lagerkomplex des späteren Vernichtungslagers Bełżec zu schwerer Arbeit gezwungen. In einem zusammenfassenden Dossier über sämtliche nicht-industriellen Lager im Distrikt Lublin verwies die JSS im Januar 1941 darauf, dass die Sterblichkeit in den Lagern enorm gestiegen und die Hälfte der entlassenen Juden „krank, gebrechlich und ausgehungert“ nach Hause zurückgekehrt sei.[149] Die Zahl derer, die zwischen Juni und Dezember 1940 in den Zwangsarbeitslagern zu Tode gekommen waren, wurde auf 200 geschätzt. Die JSS versäumte es auch nicht, auf die Konsequenzen dieses Arbeitseinsatzes ohne Entlohnung hinzuweisen: „Mit besonderem Nachdruck muss unterstrichen werden: bei der gegenwärtigen Pauperisierung der jüdischen Massen ist die Entlohnung für die Zwangsarbeit die einzige Unterhaltsquelle für die Familien der jüdischen Zwangsarbeiter, ohne welche deren Angehörige dem Hungertod preisgegeben sind.“[150]

JSS-Berichten zufolge kamen 3 483 der insgesamt 7 223 aus dem Distrikt Radom deportierten jüdischen Arbeiter nicht in ihre Heimatorte zurück.[151] Zu den Überlebenden gehörte der damals 41-jährige Israel Nadelberg, der sich zu Fuß nach Częstochowa aufgemacht hatte und seine Zeit in Cieszanów in einer Zeugenaussage so beschrieb:

„Nach unserer Ankunft [in Lublin] wurde uns von den SS-Männern alles, was wir hatten, abgenommen. Man wußte zunächst nicht recht, was man mit uns anfangen sollte. In einem Fußmarsch führte man uns [nach] Cieszanow – dieser Ort war von der Bevölkerung vollkommen verlassen. Man sagte uns, daß wir uns hier niederlassen könnten, verbot uns aber, den Ort zu verlassen[,] und drohte uns mit Erschießung. Da ich hier weder Arbeit noch Lebensmittel bekam, entschloß ich mich, trotz des Verbotes unter Lebensgefahr nach Tschenstochau zu gehen. Mit anderen Bekannten machte ich mich auf den Weg zu Fuß nach Tschenstochau und kam dort etwa Anfang November an.“[152]

In Częstochowa verbreiteten die Überlebenden aus den Arbeitslagern epidemische Krankheiten unter der übrigen Stadtbevölkerung. Die Gesundheitsbehörde beim Judenrat meldete im Januar 1941, dass unter den letzten Rückkehrern aus dem Lager Oszczów im Kreis Hrubieszów mehr als ein Dutzend an Fleckfieber erkrankt seien, womit sich die Zahl der Fleckfieberkranken in der Stadt auf 42 erhöht habe.[153] Zudem gab es 272 Tuberkulosefälle.[154] Der Gesundheitszustand der jüdischen Bevölkerung habe sich im vergangenen Jahr spürbar verschlechtert, konstatierte Dr. Aleksander Wolberg im Februar 1941. Zu den unmittelbaren Folgen deutscher Politik zählte der Chefarzt der Gesundheitsbehörde der JSS Częstochowa den Rückgang der jüdischen Stadtbevölkerung als Folge von Hunger und Unterernährung. Im Durchschnitt könne die jüdische Bevölkerung angesichts der Menge der vom Judenrat Częstochowa beschafften Lebensmittel nur noch mit 160 Kalorien pro Tag versorgt werden.[155] Obwohl keine gesicherten Zahlen vorliegen, erscheint es plausibel, dass der Rückgang der männlichen jüdischen Einwohner von Częstochowa im Jahr 1940 um rund 18 Prozent[156] ebenso wie die annähernd doppelt so hohe Zahl von Sterbefällen im Vergleich zu den Geburten[157] auch auf den Arbeitseinsatz im Distrikt Lublin zurückzuführen war.

Wie sehr die jüdische Bevölkerung auch im zweiten Jahr der potenziell tödlichen Arbeits- und Wirtschaftspolitik der Besatzer ausgeliefert war, zeigen Überlegungen von Wolberg bezüglich einer Existenzsicherung der jüdischen Lagerarbeiter außerhalb der großen Städte im Jahr 1941. Er ging dabei von einer täglichen Versorgung von 30 000 Lagerarbeitern in 100 Arbeitslagern mit einer der Schwere der Erdarbeiten angemessenen Kalorienzahl von 3 000 bis 3 500 aus. Zudem empfahl Wolberg die Hospitalisierung von erkrankten Arbeitern, die Anwesenheit einer ausreichenden Zahl von Ärzten und Pflegekräften sowie einen angemessenen Seuchenschutz.[158] Wie ein solches Programm ins Werk gesetzt werden sollte, blieb freilich offen, und dem JSS in Krakau, an den sich Wolberg gewandt hatte, erschien es „mehr als fraglich“, ob die Judenräte in Zukunft überhaupt weitere Geldbeträge für die Arbeitslager aufbringen könnten.[159] Damit war aber schon um die Jahreswende 1940/41 klar, dass die deutsche „Judenpolitik“ immer weitere Kreise der jüdischen Bevölkerung des Generalgouvernements treffen würde. Der Weg zum Genozid war nicht nur vorgezeichnet, die deutschen Besatzungsbehörden beschritten ihn mit ihrer perfiden Arbeits- und Finanzpolitik bereits.

V. Zusammenfassung und Ergebnisse

Die Regierung des Generalgouvernements zwang die Judenräte in den Städten des besetzten Territoriums schon früh, die ganze Arbeits- und Wirtschaftskraft ihrer traditionell strukturschwachen Gemeinden in die Waagschale zu werfen. Die jüdischen Organisationen wurden sich bereits in den ersten Monaten des Jahrs 1940 klar darüber, dass das Überleben ihrer Gemeinden existentiell bedroht war, weil die neuen Machthaber jüdische Arbeitskräfte bewusst auf ebenso unproduktiven wie gefährlichen Erdarbeits- und Trockenlegungsbaustellen einsetzten. Auf der einen Seite drängte die deutsche Verwaltung die polnischen Juden systematisch in die Erwerbslosigkeit, von der 80 bis 90 Prozent der zur Zwangsarbeit Registrierten betroffen waren. Unter Androhung drakonischer Strafen nötigte man die Judenräte auf der anderen Seite dazu, jüdische Arbeiterinnen und Arbeiter für Wasserbauprojekte in Heimatnähe und im Distrikt Lublin zu rekrutieren. Die Besatzungsbehörden zielten darauf ab, durch gesundheitsgefährdende Arbeitseinsätze den Abfluss jüdischen Vermögens in die deutschen Kassen noch zu beschleunigen. Die Gründung der nicht-industriellen Arbeitslager durch die SS und die deutsche Zivilverwaltung seit Mai 1940 war damit nichts anderes als die Initialzündung für den Genozid, der 1942 in der Errichtung der Vernichtungslager seinen grausamsten Ausdruck fand.

Hat man bisher angenommen, dass die Bezahlung jüdischer Arbeitskräfte zwischen Sommer 1940 und Mitte 1942 der Regelfall gewesen sei, zeigt der vorliegende Beitrag, dass für die Arbeit inner- und außerhalb des Gettos das Gegenteil der Fall war. Zwangsarbeit wurde normalerweise nicht entlohnt, und nur wer unter den Opfern noch etwas besaß, konnte sich davor retten, indem er eine Steuer in die Gemeindekasse entrichtete. Teile dieser Steuer zur Befreiung von der Zwangsarbeit zahlten die Judenräte als eine Art Lohn an die wenigen Juden, die überhaupt für deutsche Stellen arbeiteten. Die Judenräte versuchten, den Arbeitseinsatz so gering wie möglich zu halten, da sie die Lohn- und Verpflegungskosten im Rahmen ihrer Möglichkeiten selbst zu bestreiten hatten. Daneben benötigten sie die Befreiungssteuer zur Finanzierung sozialer Projekte wie Suppenküchen oder jüdischer Krankenhäuser, die ihnen viel näherlagen als die Subventionierung gesundheitsgefährdender Zwangsarbeit.

In Częstochowa folgten die jüdischen Verantwortlichen den deutschen Anweisungen nicht blind; sie entwickelten vielmehr eigene Konzepte, um den Arbeitseinsatz in Grenzen zu halten. Anders als die Judenräte in Lublin und Warschau suchte der Judenrat in Częstochowa nach einer Möglichkeit, das Überleben der gesamten Gemeinde zu sichern, und besteuerte in erster Linie diejenigen, die noch etwas von ihrem Vermögen hatten retten können. In diesem Zusammenhang war die Kommunikation zwischen den Judenräten und den Mitgliedern der jüdischen Gemeinden von erheblicher Bedeutung. Der Judenrat in Częstochowa schützte seine sozialen und monetären Ressourcen, so gut er konnte, und unternahm umfangreiche Anstrengungen, um die für Wasserbauprojekte eingesetzten Arbeitskräfte mit Lebensmitteln zu versorgen. Im Generalgouvernement verstand die Regierung von Hans Frank unter Produktivität eben nicht den planvollen Einsatz jüdischer Arbeiterinnen und Arbeiter zugunsten der deutschen Kriegswirtschaft, wie in anderen besetzten Gebieten. Den Verwaltungsspitzen in Krakau ging es darum, die jüdischen Gemeinden dazu zu zwingen, ihre restlichen Vermögenswerte zu verausgaben, um die jüdische Bevölkerung insgesamt so schnell wie möglich ihrer Lebengrundlagen zu berauben.

Die Judenräte im Generalgouvernement erkannten dieses letztendlich tödliche Kalkül und achteten darauf, dass die große Mehrheit der in die Arbeitslosigkeit gezwungenen Gemeindemitglieder nicht für die Besatzungsmacht arbeitete. Ständig von Zwangsarbeit bedroht, lebten sie von verbliebenen Ersparnissen, Gelegenheitsjobs oder dem Schwarzmarkthandel. Andere klammerten sich an einen der begehrten Posten im Judenrat oder in der Jüdischen Ordnungspolizei, was oft vor der Rekrutierung zur Lagerarbeit schützte. Eine Geschichte der scheinökonomischen Besatzungsherrschaft im Generalgouvernement könnte sich künftig verstärkt mit den Überlebensstrategien der verfolgten Jüdinnen und Juden befassen, um noch mehr über die Funktionen von Geld und Arbeit für die frühe Systematik des Genozids in Erfahrung zu bringen, den die Deutschen ins Werk gesetzt hatten.

Online erschienen: 2023-01-01
Erschienen im Druck: 2022-11-29

© 2023 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston

Downloaded on 29.1.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/vfzg-2023-0001/html
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