Skip to content
BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter July 11, 2020

Adam Copenhaver: Reconstructing the Historical Background of Paul’s Rhetoric in the Letter to the Colossians, The Library of New Testament Studies 585, London (Bloomsbury T&T Clarke) 2018, XIII + 268 S., ISBN 9780567678812, £ 76,50.

  • Markus Öhler EMAIL logo

Reviewed Publication:

Copenhaver Adam Reconstructing the Historical Background of Paul’s Rhetoric in the Letter to the Colossians The Library of New Testament Studies 585 London (Bloomsbury T&T Clarke) 2018 XIII £ 76,50 9780567678812 1 268


Die Frage nach den Gegnern, die im Kolosserbrief als Vertreter einer „Philosophie“ bezeichnet werden (Kol 2,8), beschäftigt die neutestamentliche Forschung von jeher. Die Zahl der genannten Vorschläge geht in die Dutzende. Es mag auf den ersten Blick überraschen, dass Copenhaver sich dieses Themas noch einmal annimmt, doch zeigt sich, dass sein Ansatz durchaus lohnenswert ist und für die zukünftige Beschäftigung mit dem Kolosserbrief und dessen historischer Einbettung einen wichtigen Beitrag liefert.

Die Arbeit, die auf einer 2012 an der University of Aberdeen vorgelegten Dissertation basiert, setzt mit einem leider sehr oberflächlichen Forschungsüberblick ein (S. 1–39). Copenhaver stellt fünf Grundannahmen vor, die bisher für die Rekonstruktion herangezogen wurden: eine Herleitung aus der von Mysterienreligionen geprägten Gnosis,[1] der Verweis auf pagane Kulte (die bei Copenhaver anachronistisch als „religions“ verstanden werden), Bezüge zu Ausprägungen hellenistischer Philosophie[2] oder die Aufnahme jüdischer Vorstellungen.[3] Als ‚alternative approaches‘ qualifiziert er jede Form der Ablehnung einer historischen Rekonstruktion, sei es wegen des Mangels an klaren Indizien[4] oder aufgrund methodischer Bedenken.[5] Dass kein vollständiger Überblick geboten werden kann, leuchtet angesichts der riesigen Zahl unterschiedlicher Vorschläge ein; dennoch ist auffällig, dass hier – wie auch sonst in dieser Arbeit – wichtige Untersuchungen der deutschsprachigen Forschung nicht berücksichtigt werden. So fehlen z. B. die Kommentare von Ingrid Maisch[6] und Lukas Bormann,[7] die zahlreichen Beiträge von Angela Standhartinger,[8] die Arbeit von Nicole Frank,[9] aber auch die ausgesprochen wichtige Untersuchung von George van Kooten.[10] Das ist umso bedauerlicher, als diese Bücher durchaus dazu beigetragen hätten, der Arbeit von Copenhaver eine stärkere Verankerung in der Forschungslandschaft zu geben. So erweckt der Verfasser öfters den Eindruck, bestimmte Schlüsse als Erster gezogen zu haben. Doch bereits in den genannten Arbeiten finden sich ähnliche Aussagen wie die folgende von Copenhaver: „To speak of ‚the Colossian heresy‘ is both misguided and misleading“ (S. 235). Eine Fokussierung auf eine einheitliche Gegnergruppe haben in diesem Sinne auch schon Standhartinger, Maisch und Bormann ausdrücklich bestritten.[11]

Die eigentliche Arbeit setzt mit einer „Epistolary Analysis of Audience in Colossians“ ein (S. 40–80). In einer längeren Fußnote (S. 40 Anm. 2) wird die Frage der Authentizität des Briefes positiv beantwortet. Irritierend ist – abgesehen davon, ob man diese Ansicht vertritt oder nicht –, dass Copenhaver auf diesen Punkt nicht mehr Wert legt, will er doch den historischen Hintergrund des Briefes erörtern. Dazu gehört doch wohl auch die mit der Autorenfrage verbundene zeitliche Einordnung des Schreibens unbedingt dazu. Der folgende Abschnitt besteht aus einer Einführung in die Möglichkeiten antiker Brieferstellung, wobei es ihm vor allem darum geht, das Verhältnis zwischen der Orientierung an den Adressaten und den Anliegen des Verfassers je nach Gattung zu klären. Für den Kolosserbrief bestimmt er den Adressatenkreis als „complex“, denn „Paul’s intended audience composes an ensemble with multiple layers“ (S. 77). Nicht nur Glaubende in Kolossä, sondern auch solche im gesamten Lykostal, ja sogar darüber hinaus habe Paulus als intendierte Leser und Leserinnen im Blick. Der Apostel schreibe einen Brief, dessen Botschaft für alle Gemeinden gelte, die er noch nicht besucht habe (S. 79). Daher seien auch die Gegner zwar primär im Lykostal zu verorten, die paulinische Polemik habe aber darüber hinaus für ganz Kleinasien Bedeutung.

Für die folgende rhetorische Analyse des Kolosserbriefes (S. 81–143) greift Copenhaver auf den methodischen Ansatz von George A. Kennedy zurück,[12] der sich weniger an historischen als an generellen Regeln der Rhetorik orientiert. Es folgen knappe Ausführungen zur rhetorischen Gestaltung des Kolosserbriefes, die Perikope für Perikope vorgehen. Daraus ergebe sich, dass Paulus die durch Epaphras und Onesimus zum Christusglauben geführte Gruppe zu einer neuen Identitätsbestimmung anleiten will. Dabei sei wichtig, die Gemeinde nicht als „static group fighting against the enroaching influences of outsiders“ zu verstehen (S. 141), sondern als offen für die Aufnahme neuer Mitglieder.

Mit Kapitel 4 geht es nun um die „religious atmosphere“ im Lykostal (S. 144–194), wobei hier auch christliche Traditionen behandelt werden. Gleich vorweg: Ulrich Huttners umfassende Untersuchung Early Christianity in the Lycus Valley[13] scheint Copenhaver nicht zu kennen, was wirklich bedauerlich ist, handelt es sich doch um eine der wichtigsten Monographien zu exakt diesem Thema. Unter der Überschrift „Greco-Roman Literature“ referiert der Verfasser etliches Bekanntes zum Lykostal (freilich fehlt z. B. Orosius), geht dann aber auf ganz Kleinasien über (v. a. zum Judentum), ja sogar auf die nicht spezifisch zu verortenden griechischen Zauberpapyri. Für das Christentum und seine Stellung in Kleinasien wird v. a. Euseb unkritisch herangezogen, der Philemonbrief und die gesamte Philippustradition fehlen hingegen. Lokal beschränkt geht es dann weiter zu den archäologischen Zeugnissen aus Kolossä, Laodicea und Hierapolis sowie zu epigraphischen und numismatischen Quellen. Neues ist hier nicht zu finden; die Übersicht ist hilfreich, wenn auch unvollständig. So wird kein Wort über Vereinigungen mit kultischer Ausrichtung verloren.[14] Hingegen werden Amulette und Philosophendarstellungen angeführt, die für das Lykostal für das erste Jahrhundert nicht belegt sind, erstere erst aus christlicher Zeit.

Hinsichtlich der von Paulus angegriffenen Gegner sieht Copenhaver zwei Stränge, einen jüdischen und einen paganen. In diesem Abschnitt (S. 195–234) liegt nun auch die eigentliche Innovation der Untersuchung, denn Copenhaver sieht in der ‚Kolossischen Philosophie‘ zwei Strömungen, die durch Paulus unter der einen Überschrift φιλοσοφία thematisiert worden seien und in 2,20 und folgende zusammengefasst wären. Den jüdischen Strang rekonstruiert Copenhaver, was ja schon lange erkannt ist, aus Aussagen zu Überlieferungen bzw. Lehren der Menschen (2,8.22), dem in Vorschriften festgehaltenen Schuldschein (2,14) und den Anweisungen der Gegner bezüglich Mählern und Festtagen (2,16). Angesichts der weiten Verbreitung der judäischen Diaspora in Kleinasien, gerade auch im Lykostal, sei die Übernahme jüdischer Riten und Feste, die nicht einer spezifischen Strömung des Judentums zuordenbar wären, eine reale Bedrohung gewesen. Den Umstand, dass Paulus nicht auf die Beschneidung eingeht, erklärt Copenhaver damit, dass einige der Glaubenden schon beschnitten waren und Paulus einen Streit darüber vermeiden hätte wollen.

Für den paganen Strang zieht Copenhaver die Aussagen des Paulus über die στοιχεῖα τοῦ κόσμου heran (2,8), die Rede von Herrschaften und Mächten (2,15), die vieldiskutierte Verehrung von ἀγγέλοι (2,18) sowie die Verwendung von ἐμβατεύω (2,18). Copenhaver sieht – im Anschluss an Martin Dibelius – den wesentlichen Hintergrund dieser Warnungen im Apollo-Orakel in Claros, das nachweislich auch von Laodicea und Hierapolis aus konsultiert wurde, wie überhaupt der Apollos-Kult eine wichtige Rolle im Lykostal spielte. Paulus bleibe freilich bewusst relativ unbestimmt, um jede Verbindung mit paganer Religiosität abwehren zu können. Die ausführliche Beschäftigung mit dieser These gehört zu den stärkeren Teilen des Buches.

Der (nun allerdings nicht so neue) Clou in Copenhavers Rekonstruktion besteht nun darin, diese beiden von Paulus kritisierten Formen von Religiosität, die jüdische und die pagane, nicht einer spezifischen Gruppe zuzuordnen. Paulus wende sich auch nicht gegen zwei gegnerische Positionen, sondern habe vielmehr die spezifischen religiösen Verhältnisse im Lykostal und darüber hinaus das allgemeine religiöse Umfeld in Kleinasien als Bedrohung der Christusgläubigen verstanden. Mit dieser „generic opposition across multiple fronts“ (S. 237) rechne Paulus möglicherweise nicht nur im Kolosserbrief, vielmehr sei auch sonst die Rekonstruktion spezifischer Gegnergruppen zu hinterfragen.

Das Buch endet also mit einer klaren und in der Tat diskussionswürdigen These, die nicht grundsätzlich neu ist, aber durchaus als innovative Akzentsetzung in der weiteren Forschung gelten kann. In diesem Sinne ist Copenhaver ein anregender Beitrag zur Kolosserforschung gelungen.

Published Online: 2020-07-11
Published in Print: 2020-07-09

© 2020 Öhler, publiziert von De Gruyter

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 7.2.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zac-2020-0001/html
Scroll Up Arrow