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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter July 11, 2020

Daniel Joslyn-Siemiatkoski: The More Torah, The More Life: A Christian Commentary on Mishnah Avot, Christian Commentaries on Non-Christian Sacred Texts 8, Leuven (Peeters) 2018, XVI + 394 S., ISBN 9789042935129, € 58–.

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Joslyn-Siemiatkoski Daniel The More Torah, The More Life: A Christian Commentary on Mishnah Avot Christian Commentaries on Non-Christian Sacred Texts 8 Leuven (Peeters) 2018 XVI € 58– 9789042935129 1 394


Einen christlich-theologischen Kommentar zu einem Grundtext einer anderen religiösen Tradition zu verfassen ist eine Herausforderung. Das gilt besonders für einen jüdischen Text, wenn man die lange christliche Tradition der Überbietung und Ablösung des Judentums bedenkt. Joslyn-Siemiatkoski (im Folgenden J.-S.), ein anglikanischer Theologe mit guten Kenntnissen der jüdischen Tradition, spricht diese Probleme zu Beginn des Buches explizit an. Er versucht, den Traktat Avot (auch als Pirke Avot oder Sprüche der Väter bekannt), zuerst im Rahmen jüdischer Auslegungstradition zu lesen, bevor er entsprechende Themen und Fragestellungen in der (frühen) christlichen Tradition bespricht. Dabei geht es ihm nicht so sehr um punktuelle Parallelen, auch wenn er diese immer wieder anspricht, sondern um strukturelle Gemeinsamkeiten oder auch Kontraste. Der jüdische Text behält seinen Eigenwert, ist aber zugleich Anstoß, wichtige Aspekte christlicher Theologie neu zu bedenken.

Für den Kommentar hält sich J.-S. an die traditionelle Mischna-Ausgabe von H. Albeck[1] – diese enthält gegenüber den Handschriften viele spätere Zusätze. Davor bietet er eine kurze Einführung in den Traktat (S. 4–18), seine Entstehung im frühen Rabbinat (zweiten bis dritten Jahrhundert), seine literarische Form als Weisheitsschrift im Vergleich mit Jesus Sirach und hellenistischer Literatur (besonders der rabbinischen Traditionskette gegenüber Listen mit der Abfolge der Leiter griechischer Philosophenschulen) sowie seine Bedeutung als spirituelle Basis der rabbinischen Bewegung und später allgemeiner jüdischer Frömmigkeit (der Vergleich mit christlichen Ordensregeln gilt nur zum Teil).

Für das jüdische Verständnis von Avot bezieht sich J.-S. gerne auf Avot de-Rabbi Natan und spätere rabbinische Literatur, zieht aber auch immer wieder mittelalterliche Autoren wie Maimonides, Yona ibn Gerundi (13. Jahrhundert) oder Ovadia Sforno (15.–16. Jahrhundert) heran und zitiert sogar moderne Ausleger wie Judah Goldin oder Israel M. Lau. Er folgt damit der langen traditionellen Auslegungsgeschichte von Avot. Christlich dagegen bezieht er sich neben dem Neuen Testament v. a. auf die Wüstenväter und patristische Texte. Hier wählt er somit einen viel engeren zeitlichen Rahmen und nimmt damit ein gewisses Ungleichgewicht in Kauf.

Ein wenig stört die Wendung „Rabbis Hillel and Shammai“ (S. 7) – in rabbinischen Texten haben sie als Lehrer aus der Zeit des Tempels nie den Titel Rabbi. Von Avot de-Rabbi Natan (in beiden Rezensionen), einer Art Kommentar zu Avot, heißt es: „Although reflecting mostly second century teachings, the text was likely edited in the third century“ (S. 16). Dies ist zwar die lange traditionelle Position; heute dagegen datiert man beide Fassungen (oder zumindest Rezension A) nicht vor dem fünften Jahrhundert, eher noch später. Nicht allgemein akzeptiert ist auch der historische Zugang zu Avot, in dem er etwa den Spruch Simeons des Gerechten als Reaktion auf die hellenistische Krise versteht (S. 58). Für die historische Einordnung von Avot – ein Thema, das traditionelle Kommentare vor dem 20. Jahrhundert nicht interessiert –, übernimmt J.-S. allgemein Positionen, wie sie bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts weithin üblich waren, seither aber fast allgemein durch einen viel kritischeren Zugang ersetzt wurden. Die Jehuda ben Tabbai und Simeon ben Shetach zugeschriebene Warnung vor falscher Befragung von Zeugen (Avot 1,8) historisiert J.-S. auf deren vermutete Zeit um 90–80 B.C.E.: „by this time period, leaders associated with the nascent rabbinic movement were operating as judges, perhaps even as leaders of the Sanhedrin“ (S. 86), eine insgesamt und in den Einzelheiten völlig unhaltbare historische Auswertung. Das gilt auch von Avot 1,10: „Shemayah and Avtalyon were active from roughly 65 to 35 B.C.E., serving as heads of the Sanhedrin during the reign of King Herod the Great“ (S. 88–89). Das passt übrigens auch nicht zu dem ihnen dort zugeschriebenen Ausspruch, Herrschaft zu vermeiden und sich nicht der Obrigkeit bekannt zu machen. Für die spätere rabbinische Auslegung des Textes, die v. a. an nichtjüdische (christliche) Herrschaft denkt, gilt dies dagegen sehr wohl. Auch die folgende Aussage, dass in der Spätantike „a bishop served a similar role to the rabbi – to preserve the proper teaching of the community“ (S. 91), ist problematisch und trifft höchstens das Selbstverständnis der Rabbinen, doch kaum die historische Wirklichkeit. Das gilt auch für Hillel und Schammai (Avot 1,12–15), deren Leben einfach aus der Jahrhunderte späteren babylonischen Tradition zusammengefasst wird, ergänzt durch genaue Jahreszahlen (S. 95). Wenn Hillel ca. 7 C.E. gestorben ist, ist Jochanan ben Zakkai (um 80 C.E. gestorben [S. 143]) als Schüler Hillels schwer vorstellbar, eher schon als „rough contemporary of Jesus, his disciples, and other earlier followers of the Jesus movement“ (S. 144). Mit Daten nimmt es J.-S. auch sonst nicht sehr genau; so setzt er Maimonides (1138–1205) ein Jahrhundert vor Franziskus (1182–1226) an (S. 208), das Konzil von Chalcedon im Jahr 425 (S. 267). Doch Geschichte ist für J.-S. insgesamt eher Nebensache; sein theologischer vergleichender Kommentar ist nahezu zeitlos.

Zu Avot 1,1 und seiner Traditionskette verweist J.-S. zu Recht auf frühchristliche Parallelen in der Betonung der Lehrsukzession (so bei Irenäus von Lyon). Zum Satz „Macht einen Zaun um die Tora“ – oft christlich als Ausdruck einer ausufernden Toraverschärfung verstanden – betont J.-S. dessen Bedeutung für die Integrität der Tora. Zwar habe im Christentum Jesus die Tora als wesentliche Verbindung mit Gott ersetzt, doch habe Jesus selbst nicht nur die Tora gehalten, sondern auch sogar in den missverständlich so genannten Antithesen von Mt 5,21–48 durch seine Deutung der Tora so etwas wie einen Zaun um diese gemacht (S. 51). Auch der Vergleich von Avot 1,2 (den drei Säulen, auf denen die Welt steht) mit Mt 9,10–13 und 12,1–8 zeigt klar, dass man nicht Jesu Evangelium der Liebe mit einem legalistischen Judentum kontrastieren darf. Beide Texte betonen gleicherweise die spirituelle Dimension der Tora (S. 61). Zu Avot 1,3, dem Sklaven, der ohne Erwartung auch nur der Nahrung dient, verweist J.-S. richtig auf Epiktet und Lk 17,7–10. Daraus abzuleiten, dass Jesus „is the heir of a tradition that pre-existed him“ (S. 66), setzt allerdings voraus, dass Antigonos der wirkliche Urheber des Satzes oder dieser zumindest älter als das Neue Testament ist. Zu Avot 1,5, der Warnung, nicht zu viel mit einer Frau zu reden, nicht einmal mit seiner eigenen (schon eine Erweiterung des Grundtextes), vergleicht J.-S. zwar Jesu Gespräch mit der Samariterin Joh 4, übergeht aber das Thema der Frau zugunsten des rabbinisch häufigen, doch gerade hier fehlenden Vergleichs der Tora mit Wasser, wonach man dürstet. Zu Avot 1,6, der Notwendigkeit eines Lehrers, kann J.-S. viel Material aus den Sprüchen der Väter und der Benediktregel heranziehen, wenngleich die christlichen Texte eher die geistliche Führung als das ‚akademische‘ Lernen betonen (doch der Kontrast mit dem „academized household idealized in Avot“ [S. 78] liest Avot zu einseitig).

Erfreulich nüchtern ist der Vergleich Hillels mit Jesus (S. 101–103). Ob Hillels Satz „Wenn nicht ich für mich bin, wer ist für mich? (Und wenn nur ich für mich bin, was bin ich?)“ (Avot 1,14) wirklich auf den Erwerb von Verdiensten zielt (so unter Berufung auf Maimonides), ist fraglich, mehr noch die Aussage: „This optimistic self-reliance contrasts with early Christian views“ (S. 105) . . . „Hillel’s optimistic stance that one can earn merit that will find favor with God“ (S. 107 in Kontrast zur Confessio Augustana). Ist Röm 14,7 „Keiner von uns lebt sich selber“ wirklich eine brauchbare Parallele?

Das Thema der Werke wird immer wieder in Avot hineingetragen. Am ehesten am Platz ist es zu Avot 3,9.11, wozu J.-S. ausführlich und differenziert auf den Jakobusbrief und Paulus eingeht (S. 174–180). Ebenso deutet J.-S., wo immer möglich, Sätze aus Avot (entsprechend jüdischer Auslegungstradition) auf das Lehrer-Schüler-Verhältnis, wo sie im ursprünglichen Kontext viel allgemeiner sind (z. B. S. 218 zu Avot 4,15: „Sei der Schwanz eines Löwen und nicht der Kopf eines Fuchses“).

Zu Avot 2,4 „Mache seinen [d. h. Gottes] Willen wie deinen Willen, damit er deinen Willen wie seinen Willen macht“ findet J.-S. so manchen christlichen Anklang; ist allerdings der Christushymnus Phil 2,5–11 so direkt vergleichbar (S. 127)? Lehrreich ist der Vergleich der Tugendlehre in Avot 2,9–10 mit dem Paidagogos des Clemens von Alexandria, dessen Betonung der eigenen Anstrengung in Kontrast zur augustinischen Theologie stehe (S. 146–148). Nahe liegt der Vergleich von Avot 3,2–6 „Wenn zwei (oder drei) beisammen sind und Worte der Tora zwischen ihnen sind, ist die Schekhina unter ihnen“ (und ähnliche Sprüche) mit Mt 18,19–20, auch die Stellung Jesu statt der Schekhina bzw. Tora (S. 162).

Zusammenfassend betont J.-S. nochmals sein Ziel, im Vergleich mit einem Grundtext des rabbinischen Judentums aus diesem theologische Einsichten zu gewinnen, „while avoiding supersessionist theological tendencies“ (S. 277). Der Probleme, die eine Neubewertung jüdischer Tradition für einen christlichen Theologen mit sich bringt, ist sich J.-S. bewusst, ebenso der Herausforderung von „multiple religious belonging,“ Jüdisches und Christliches verbinden zu wollen (S. 137), und dass man sich damit dem Vorwurf und der Gefahr aussetzt, zu ‚judaisieren.‘ Eine historische Kontextualisierung frührabbinischen und frühchristlichen theologischen Denkens darf man sich hier nicht erwarten – dafür überschreitet die von J.-S. übernommene jüdische Kommentartradition jeden zeitlichen Rahmen. Doch der Vergleich wesentlicher religiöser Positionen traditionellen Judentums mit früher christlicher Theologie und die Herausarbeitung vieler Gemeinsamkeiten im Rahmen eines Kommentars zum Traktat Avot ist dem Autor sehr wohl gelungen. So lohnt auf jeden Fall die Lektüre dieses Bandes.

Published Online: 2020-07-11
Published in Print: 2020-07-09

© 2020 Stemberger, publiziert von De Gruyter

Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz.

Downloaded on 7.2.2023 from https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/zac-2020-0003/html
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