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BY 4.0 license Open Access Published by De Gruyter Mouton April 15, 2021

Staffeldt, Sven. 2018. Gebrauchssemantik von Hand. Korpusbasierte Studien zu somatischen Phraseologismen des Deutschen mit der Konstituente Hand (Stauffenburg Linguistik, Band 98). Tübingen: Stauffenburg Verlag. 513 S., € 78, ISBN 978-3-95809-519-9.

Ad Foolen

Das hier zu besprechende Buch hat eine Vorgeschichte. Schon 2008 stellte Sven Staffeldt zusammen mit Alexander Ziem ein größeres Projekt zu deutschen Somatismen vor (Staffeldt und Ziem 2008), wonach Einzelpublikationen folgten (u. a. Staffeldt 2011) und schließlich diese Arbeit, die im Wintersemester 2015/16 an der Universität Würzburg als Habilitation angenommen wurde.

Die umfangreiche Studie (513 Seiten) hat drei Hauptkapitel. Im ersten Kapitel (S. 5–177) werden die verschiedenen Perspektiven besprochen, von denen aus in den letzten Jahrzehnten Phraseologismen untersucht worden sind. In Kapitel 2 (S. 179–219) stellt der Autor seine eigenen deskriptiven Ziele und Methoden vor, die im dritten Kapitel (S. 221–459) auf Hand-Phraseologismen angewandt werden. Diese drei Kapitel werden von Kapitel 0 Vorbemerkungen zu Erkenntnisinteressen, Methodik und Aufbau der Arbeit (S. 1–4) und Kapitel 4 mit zusammenfassenden Schlussbemerkungen (S. 461–475) eingerahmt. Dann folgen noch eine lange Bibliographie (S. 477–499) und relevante Listen (S. 501–513): phraseologische und andere Wörterbücher, lexikalische und phraseologische Projekte im Internet und eine Liste von 310 Hand-Phraseologismen, die in einer Vorstudie (Staffeldt 2011) auf der Grundlage der zehn wichtigsten phraseologischen Wörterbücher (Duden 11, Schemann, Röhrich usw.) zusammengestellt wurde. Die Zahl von mehr als 300 zeigt, wie produktiv die Hand im Kontext von Phraseologismen im Deutschen ist (wie übrigens auch in anderen Sprachen, vgl. Foolen 2017). Indexe zu Personen, Sachen und Abkürzungen wären bei so einem vielseitigen Buch auch sinnvoll gewesen, aber dann wäre das Buch noch umfangreicher geworden. Der Schreibstil ist engagiert, obwohl der Lesefluss manchmal durch komplex konstruierte Sätze, viele Zitate, Literaturhinweise, Abkürzungen und lange Fußnoten gehemmt wird. Positiv kann angemerkt werden, dass es keine Druckfehler gibt, was bei einem derart komplexen und langen Text bemerkenswert ist.

In dieser Besprechung werde ich zunächst näher auf die drei zentralen Kapitel und am Ende noch kurz auf die für diese Zeitschrift relevante angewandte Perspektive eingehen. Im ersten Kapitel werden verschiedene Erkenntnissinteressen besprochen, die jeweils unterschiedliche Perspektiven, Theorien, Methoden und Ergebnisse involvieren. Staffeldt unterscheidet und bespricht neun solcher Erkenntnissinteressen: Das etymologische, das kulturwissenschaftliche, das stilistische, das lexikologische, das phraseologische, das kontrastive, das kognitive, das konstruktionsgrammatische und das korpuslinguistische Interesse. Die verschiedenen Perspektiven werden nicht nur zusammenfassend dargestellt; Staffeldt zögert nicht, Schwächen aufzuzeigen. So bemängelt er im langen Teilkapitel 1.7 (S. 89-141) methodische Schwächen bei kognitiv orientierter Forschung. In Untersuchungen. dieser Art, oft kontrastiv angelegt, werden Bedeutungsbeschreibungen typischerweise aus Wörterbüchern übernommen und durch metaphorischen oder metonymischen Rückbezug auf die wörtliche Bedeutung zurückgeführt. Solche von Lakoff & Johnson (1980) inspirierte Beschreibungen haben nach Staffeldt einen geringen erklärenden Wert, da eine Korpusanalyse und daher der Bezug auf den realen Sprachgebrauch fehlt.

Hervorzuheben ist auch das Teilkapitel 1.5 (S. 51–79), in dem Staffeldts eigenes Hauptinteresse, das phraseologische Interesse, skizziert wird. Die Phraseologie beschäftigt sich damit, wie Phraseologismen zu definieren sind, wie sie eingeteilt werden sollten, wie variabel sie sind, wie man sie methodisch erforschen kann und wie die Resultate der Analyse am besten dargestellt werden können. Es sind vor allem diese letzten Fragen zu Methode und Darstellung, die in den folgenden Kapiteln einen zentralen Platz einnehmen.

Das im Vergleich zu Kapitel 1 und 3 kurze Kapitel 2 bildet das theoretische und methodologische Herz des Buches. Staffeldt schließt sich der sogenannten Gebrauchssemantik an, die besagt, dass Bedeutung gebrauchsorientiert ist und sich in der sprachlichen Interaktion konstituiert (S. 180). Daher ist die naheliegendste Methode, Bedeutungen zu untersuchen, eine korpusbasierte, wobei erforscht wird, wie sprachliche Elemente, also auch Phraseologismen, in Gebrauchskontexten funktionieren: „Bedeutungen sprachlicher Einheiten lassen sich nur über die Untersuchung des Vorkommens dieser Einheiten mit anderen sprachlichen Einheiten sichtbar machen“ (S. 186).

Als Gesamtkorpus wurde das IDS-Schriftspracharchiv des Deutschen Referenzkorpus (DeReKo) herangezogen. Daraus wurde pro Phraseologismus ein Überprüfungskorpus von 10.000 Belegen exportiert. Daraus wiederum wurden die Belege aus dem Jahr 2000 selektiert, das sogenannte Belegkorpus. Schließlich wurden daraus die ersten 100 Belege genommen, welche das zu analysierende Korpus bildeten. Aus Vorstudien (u. a. Staffeldt & Ziem 2008, Staffeldt 2011) war schon hervorgegangen, dass 100 Belege in der Regel ausreichend sind, um zu guten Ergebnissen zu gelangen. Jeder Beleg hat einen Umfang von 5 bis 10 Zeilen, sodass genügend Kontext vorhanden ist, um den Bedeutungsbeitrag des Phraseologismus zum Text angemessen interpretieren zu können.

In Kapitel 3 werden 22 Detailstudien vorgestellt, jede Studie widmet sich einem Phraseologismus. Diese Auswahl von 22 basiert auf den oben genannten Vorstudien, die zeigten, dass diese 22 am häufigsten vorkamen, darunter die öffentliche Hand, jemandes rechte Hand, jemand legt Hand an sich, jemand hat alle Hände voll zu tun, jemand gibt etwas aus der Hand (aus den Händen), etwas liegt auf der Hand usw. Auf der Grundlage der 100 Belege werden jeweils Zitierform und Kernbedeutung (auch Grundbedeutung oder Ausgangsbedeutung genannt) ermittelt. Die resultierenden Zitierformen und Kernbedeutungen unterscheiden sich nicht grundsätzlich von den Einträgen in den phraseologischen Wörterbüchern, sie sind aber im Detail präziser, und, wie Staffeldt betont, empirisch abgesichert. Über Details der Zitierform (z. B. Numerus, Tempus, aber auch lexikalische Details) wird zum Teil auch auf Grund von Zählungen der Korpusdaten entschieden. So nehmen mehrere Wörterbücher klar als Teil der Wendung etwas liegt auf der Hand auf. In den 100 Belegen zu diesem Phraseologismus kommt klar nur wenige Male vor, aber es ist in der Tat so, dass lediglich klar vorkommt und nicht etwa deutlich. Das führt zu der jetzt empirisch begründeten Entscheidung, dass klar in Klammern als Teil der Zitierform aufgenommen wird: etwas liegt (klar) auf der Hand.

Der Mehrwehrt der 22 Teilstudien zeigt sich aber vor allem bei dem zweiten Analyseschritt, in dem die sogenannte Bedeutungsentfaltung der Phraseologismen in den Kontexten der jeweils 100 Belege näher untersucht wird. Staffeldt schlägt vor, den Zugang zu dieser Bedeutungsentfaltung über sogenannte Schlüsselfragen zu explorieren, deren Ausgangspunkt die Zitierform mit ihrer Kernbedeutung ist. Welche Schlüsselfragen jeweils relevant sind, ist nicht vorab festgelegt, jeder Phraseologismus weist im Zusammenhang mit dem Kontext selber den Weg zu den Fragen. So zeigt sich bei alle Hände voll zu tun haben, mit der Kernbedeutung „stark beschäftigt sein“, dass diese Wendung typischerweise in Kontexten vorkommt, wo spezifiziert wird, warum, wozu oder womit man stark beschäftigt ist. Die Antworten auf diese Fragen sind, in dieser Reihenfolge „weil etwas geschehen ist“, „um etwas zu erreichen“ und „mit zu erledigender Arbeit“, vgl. die schematische Darstellung auf S. 274. Die Distribution des Phraseologismus und der kompositionalen Phrase stark beschäftigt sein ist nicht unbedingt identisch. Mit anderen Worten, eine solche textbasierte Forschung zeigt, dass Phraseologismus und wörtliche Bedeutung nicht immer einfach austauschbar sind.

Das Ergebnis der Analyse wird jeweils in einem übersichtlichen Diagramm dargestellt, wobei Zitierform und Kernbedeutung die Basis liefern und die Schlüsselfragen zu den kontextuellen Entfaltungen führen. Diese Art der Präsentation bildet die Mitte zwischen einer informell paraphrasierenden und einer streng formalisierten Darstellung. Jede der 22 Studien hat den Umfang eines kleineren Zeitschriftenaufsatzes (etwa zehn Seiten), wäre also jeweils selbstständig publizierbar gewesen und ist auch im Rahmen des Buches selbstständig lesbar, falls Leser*innen sich speziell für einen bestimmten Phraseologismus interessieren.

Die 22 Studien sind vorbildlich in dem Sinne, dass sie für andere, ähnliche Bedeutungsstudien einen Standard setzen. In erster Linie für die Beschreibung von anderen Phraseologismen, aber der Ansatz ließe sich auch auf die semantische Analyse von Wörtern, Morphemen, syntaktischen Konstruktionen, überhaupt auf alle sprachlichen Einheiten, die Bedeutung tragen, d. h. auf gebrauchssemantische Forschung im Allgemeinen, anwenden.

Zum Schluss noch ein paar Bemerkungen zur sprachdidaktischen Relevanz der Arbeit. In der Sprachdidaktik (sowohl L1- als L2-Didaktik) besteht zur Zeit ein starkes Interesse an der Frage, wie formelhafte Sprache gelernt wird und gelehrt werden kann (vgl. Ettinger 2019, Vetchinnikova 2019, Hubers 2020). Staffeldts Arbeit macht klar, dass phraseologisches Unterrichtsmaterial die Gebrauchskontexte der Phraseologismen von Anfang an einbeziehen soll. Es wäre vorstellbar, dass (fortgeschrittene) Lernende selber kleinere phraseologische Korpusstudien durchführen und sich dabei von Staffeldts 22 Teilstudien inspirieren lassen.

Im Erscheinungsjahr von Staffeldts Studie (2018), hat der De Gruyter Verlag eine neue Publikationsreihe Formelhafte Sprache / Formulaic Language gestartet (der 4. Band erscheint in 2021). Es ist zu hoffen, dass in wenigstens einigen der in dieser Reihe noch zu erscheinenden Werken der Einfluss von Staffeldts Studie spürbar sein wird.

Literatur

Ettinger, Stefan. 2019. Leistung und Grenzen der Phraseodidaktik. Zehn kritische Fragen zum gegenwärtigen Forschungsstand. PhiN: Philologie im Netz 87. 84–124.Search in Google Scholar

Foolen, Ad. 2017. The hand in figurative thought and language. In Angeliki Athanasiadou (Hg.), Studies in figurative thought and language (Human Cognitive Processing 56). Amsterdam: Benjamins, 179–198.Search in Google Scholar

Hubers, Ferdy. 2020. Two of a kind. Idiomatic expressions by native speakers and second language learners. PhD Nijmegen. [LOT Series 551. https://www.lotpublications.nl/two-of-a-kind-idiomatic-expressions-by-native-speakers-and-second-language-learners].Search in Google Scholar

Lakoff, George & Mark Johnson. 1980. Metaphors we live by. Chicago: The University of Chicago Press.Search in Google Scholar

Staffeldt, Sven. 2011. Die phraseologische Konstruktionsfamilie [X Präp Hand Verb]. Zeitschrift für germanistische Linguistik 39. 188–216.10.1515/zgl.2011.015Search in Google Scholar

Staffeldt, Sven & Alexander Ziem. 2008. Körper-Sprache: Zur Motiviertheit von Phraseologismen mit Körperteilbezeichnungen. Sprachwissenschaft 33(4). 455–499.Search in Google Scholar

Vetchinnikova, Svetlana. 2019. Phraseology and the advanced language learner. Cambridge: Cambridge University Press.10.1017/9781108758703Search in Google Scholar

Published Online: 2021-04-15
Published in Print: 2021-04-08

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