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Publicly Available Published by De Gruyter Oldenbourg March 28, 2022

Was bedeutet der Green Deal für die Genossenschaften im europäischen Agrar- und Ernährungssektor?

What does the Green Deal mean for cooperatives in the European agricultural and food sector?
Sebastian Hess

Die Europäische Union hat sich das Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu sein. Um dieses Ziel zu erreichen, sind tiefgreifende Veränderungen in nahezu allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen erforderlich, welche durch den sog. Green Deal als Aktionsplan begleitet werden sollen.

Für die agrar- und ernährungswirtschaftlichen Wertschöpfungsketten soll der Green Deal dabei durch die Farm-to-Fork-Strategie umgesetzt werden, die einen ambitionierten Transformationsprozess auf dem Weg zu einem ökonomisch, ökologisch und sozial nachhaltigen Agrar- und Ernährungssektor einleiten soll. (EU Kommission 2020)

Für die europäische Agrarproduktion wurden dabei bis zum Jahr 2030 Zwischenziele anvisiert, die wie folgt umrissen werden können: a) Reduktion des Einsatzes chemischer Pestizide sowie von Antibiotika in der Nutztierhaltung, beides um je 50 % gegenüber festgelegten Referenzzeiträumen, b) Ausweitung der ökologisch bewirtschafteten Fläche in der EU auf 25 % sowie c) Reduzierung der Nährstoffverluste und Vermeidung einer Verschlechterung der Bodenfruchtbarkeit um 50 %, u.a. durch verringerten Einsatz von Düngemitteln. (EU Kommission 2020)

1 Auswirkungen des Green Deal

Kritische Stimmen verweisen in diesem Zusammenhang jedoch auf die bisher teilweise ungeklärte politische Strategie auf dem Weg zur Erreichung dieser Ziele, sowie auf die zu erwartende Steigerung von Produktionskosten bei gleichzeitigem Produktionsrückgang (Kühl et al. 2021). Des Weiteren wird auf den Verlust von Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Handel, auf einen möglichen Verfall der Erzeugerpreise für biologisch erzeugte Agrarprodukte im Inland und auf steigende Preise für Nahrungsmittel und Bioenergie verweisen. Diese Folgen bilden zweifellos einen Zielkonflikt auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit, denn höhere Preise für Bioenergie begünstigen fossile Brennstoffe und höhere Nahrungsmittelpreise erschweren den heimischen Absatz von Agrargütern aus nachhaltigeren Produktionsverfahren, während vulnerable Haushalte in Entwicklungsländern unmittelbar durch Hunger bedroht sein können. Untermauert wird dieses kritische Bild auf die Ziele des Green Deal auch durch modellgestützte Studien, welche Folgenabschätzungen für die europäische Landwirtschaft durch Simulationen zu quantifizieren versuchen. (Barreiro-Hurle et al. 2021; Henning et al. 2021)

Tatsächlich genügt schon ein Blick auf die Weltmarktanteile der EU bei den meisten wichtigen Agrargütern, um zu verstehen, welche enorme Bedeutung eine Umsetzung des Green Deal unter heutigen Produktions- und Marktbedingungen für die weltweite Nahrungsmittelproduktion und die wichtigsten Rohstoffmärkte haben würde. Vor dem Hintergrund einer wachsenden und zunehmend urban lebenden Weltbevölkerung erscheint es dabei naheliegend, dass so tiefgreifende Änderungen, wie sie in der Ausrichtung der europäischen Agrarproduktion durch den Green Deal anvisiert werden, zu Verschiebungen im gesamten Welthandel führen und durch Steigerungen der Weltmarktpreise sogar andernorts weniger nachhaltige Produktionsausweitungen begünstigen könnten. Würde die EU dabei keinen entsprechenden Einfluss auf die Struktur ihrer Importe nehmen, kämen zudem womöglich weniger nachhaltig erzeugte Produkte in die EU und würden heimische Produktion verdrängen. (Henning et al., 2021; Kühl et al. 2021; Isermeyer et al. 2020)

Fragt man also, wie die europäische Produktion von Ernährungsgütern, Agrarrohstoffen und Bioenergie in Zukunft möglichst nachhaltiger und produktiver werden könnte, ohne an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren, erscheinen grundsätzliche Fragen zunächst ungeklärt. (Gerten et al. 2020; Buckwell et al. 2014)

Für haupt- und ehrenamtliche Entscheidungsträger und -trägerinnen in den Genossenschaften des europäischen Agrar- und Ernährungssektors ergibt sichhieraus Unsicherheit im Hinblick auf die zukünftigen Rahmenbedingungen. Es mag der Schluss naheliegen, dass man zunächst abwarten sollte, ob sich die Ziele des Green Deal überhaupt in konkreten gesetzlichen Regelungen für den eigenen Geschäftsbetrieb und die Mitglieder niederschlagen werden. In Anbetracht des langen Zeithorizontes zur Implementierung der Ziele des Green Deal und den unklaren politischen Vorgaben in der Gegenwart erscheint eine solche Herangehensweise zunächst durchaus plausibel, zumal schon so manche politische Absichtserklärung „als Adler gestartet und als Ente gelandet“ ist.

2 Hintergrund: Die globalen Megatrends unserer Zeit

Drei wichtige Entwicklungen der Gegenwart sprechen jedoch dafür, dass die Dinge diesmal anders liegen und jede einzelne Genossenschaft des europäischen Agrar- und Ernährungssektors gut beraten sein dürfte, sich mit den anstehenden Veränderungen zumindest in Form einer internen Standortbestimmung - wenn nicht in Form einer Strategiedebatte zur Überprüfung des eigenen Geschäftsmodells - zu beschäftigen. Diese drei Entwicklungen können wie folgt umrissen werden:

  1. Ökologisierung: Der Wunsch nach einer Vermeidung katastrophaler Folgen des anthropogenen Klimawandels ist zu einem globalen Megatrend geworden, weil ein wachsender Teil der Menschheit begreift, dass noch innerhalb der eigenen Lebensspanne katastrophale Folgen zu erwarten sein können, was den gegenwärtigen Lebensstandard akut gefährdet. Für Unternehmen zeigt sich dieser Trend u.a. darin, dass Investoren es immer häufiger als riskant bewerten, wenn die Unternehmensstrategie keinerlei nachhaltiges Engagement erkennen lässt- noch vor wenigen Jahren war genau das Gegenteil der Fall.

  2. (Re-)Regionalisierung: Geopolitische Veränderungen im multilateralen Machtgefüge konkurrierender Wirtschaftssysteme und religiöser Weltanschauungen haben dazu geführt, dass globale Bezugsquellen für Agrarrohstoffe immer weniger auf den Aspekt der niedrigsten Produktionskosten verengt werden können und stattdessen auch im Hinblick auf Risiken bei der kurz- und mittelfristigen Verfügbarkeit bewertet werden müssen. Die Renaissance der regionalen Wertschöpfungsketten ist daher keineswegs nur eine Frage der ökologischen Nachhaltigkeit, sondern vollzieht sich auch vor dem Hintergrund steigender Unsicherheiten bei der globalen Beschaffung. Die EU beschreibt ihr neues Leitbild in dieser Hinsicht als „Open Strategic Autonomy“ und institutionalisiert die jüngeren Entwicklungen der Regionalisierung damit als offizielle politische Strategie.

  3. Digitalisierung: Die vielfältigen informationstechnischen Veränderungen der Gegenwart führen zu neuen Formen der Nahrungsmittelbeschaffung in privaten Haushalten in Form von Onlinehandel und Lieferdiensten. Beides geht einher mit schnell wachsenden Datenbeständen, welche immer präzisere Prognosen über die räumliche Verteilung von Verbraucherpräferenzen, deren Zahlungsbereitschaften und die jeweilige Kaufkraft ermöglichen: Manchem Nahrungsmittelkonzern gelten Daten daher bereits als der wichtigste Rohstoff des 21. Jahrhunderts.

Blickt man auf die Veränderungen, welche diese Megatrends in den Märkten des Agrar- und Ernährungssektors in den kommenden Jahren auslösen werden, erscheinen die Ziele des Green Deal beinahe schon als Randaspekt. Die Covid-19 Pandemie hat dabei auf einige Veränderungen womöglich beschleunigend gewirkt, aber dürfte auf Dauer keine eigene Triebfeder darstellen. Jedoch hat sich während der Pandemie gezeigt, dass dezentrale Strukturen in den Wertschöpfungsketten des Agrar- und Ernährungssektors zwar weniger kosteneffizient-, aber dafür mitunter resistenter und resilienter gegenüber Engpässen und Zusammenbrüchen in Krisenzeiten sind. Ferner ist die starke Abhängigkeit der Exportchancen für wichtige Agrarprodukte von der Nachfrage in großen Schwellenländern, insbesondere China, besonders deutlich zutage getreten. Wie unter ii) beschrieben, wird das Marktrisiko für Genossenschaften, die sich besonders stark in diesen Märkten engagieren, somit auch in Zukunft eng mit der geopolitischen Lage und dem Importverhalten dieser Regionen zusammenhängen.

3 Implikationen für Genossenschaften des europäischen Agrar- und Ernährungssektors

Was bedeutet der Green Deal dann für die Genossenschaften des europäischen Agrar- und Ernährungssektors? Zum einen erscheint es in Anbetracht der übergeordneten Veränderungsprozesse i), ii) und iii) kaum erfolgversprechend, die Ziele des Green Deal grundsätzlich infrage zu stellen oder ihnen politisch entgegentreten zu wollen. Wesentlich wichtiger erscheint es hingegen, innerhalb von Genossenschaften zu einer Auflösung von sich ergebenden Zielkonflikten und zur Beseitigung innerer Widersprüche im Kontext politischer Steuerungsversuche beizutragen.

Die Genossenschaften des europäischen Agrar- und Ernährungssektors erscheinen in verschiedener Hinsicht geradezu prädestiniert, hier nicht nur Beiträge zu leisten, sondern auch von den anstehenden Veränderungen zu profitieren, wie nachfolgende Beispiele illustrieren sollen:

  1. Durch die zunehmende Einbindung von Emissionen und Reststoffen in Marktkreisläufe werden sich neue Geschäftsfelder ergeben (Isermeyer et al. 2020).

  2. Steigende Anforderungen an Prozess- und Produktqualitäten in der Agrar- und Ernährungsproduktion haben häufig den Charakter von Festkosten und können durch Kooperationen womöglich kosteneffizienter adressiert werden als durch Einzelbetriebe.

  3. Differenzierte und ggf. fragmentierte Märkte für neue Agrar- und Ernährungsprodukte werden Marktmacht entlang der Wertschöpfungsketten begünstigen. Genossenschaften sind eine bewährte Kooperationsform, um die Verhandlungsposition der Mitglieder innerhalb einer Kette zu verbessern. (Petersen und Hess 2018)

  4. Vermarktungsmöglichkeiten für regionale Produkte sind häufig durch fehlende Bündelung und Koordination von Angebot und Nachfrage beschränkt; Genossenschaften wären prädestiniert, diese Potentiale in Zukunft besser auszuschöpfen.

  5. Nachhaltigere und regionalere Lebensmittel sowie ein höherer Anteil regenerativer Energien werden für Endverbraucher voraussichtlich zu Preissteigerungen führen. Einkaufsgenossenschaften können dabei für einkommensschwächere Haushalte eine Möglichkeit sein, mehr Kaufkraft für Lebensmittel und Energie zu erlangen, als es ihnen andernfalls möglich wäre.

Diese Beispiele verdeutlichen, dass die anstehenden Veränderungsprozesse einerseits zweifelsohne große Herausforderungen für alle Akteure entlang der Wertschöpfungsketten des europäischen Agrar- und Ernährungssektors bedeuten, aber genossenschaftliche Lösungsansätze andererseits hierbei vielfältige Möglichkeiten zur Bewältigung bieten.

4 Fazit

Haupt- und ehrenamtliche Entscheidungsträger und -trägerinnen sollten ergebnisoffene Diskussionsprozesse innerhalb ihrer Genossenschaften nicht scheuen und sich frühzeitig mit einer Standortbestimmung der eigenen Stärken und Schwächen sowie den langfristigen Unternehmenszielen und möglicherweise neu entstehenden Geschäftsfeldern auseinandersetzen.

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5 Literatur

Barreiro-Hurle, J., Bogonos, M., Himics, M., Hristov, J., Pérez-Domiguez, I., Sahoo, A., Salputra, G., Weiss, F., Baldoni, E., Elleby, C. (2021) Modelling environmental and climate ambition in the agricultural sector with the CAPRI model, EUR 30317 EN, Publications Office of the European Union, Luxembourg, 2021, ISBN 978-92-76-20889-1, doi:10.2760/98160, JRC121368.10.2760/98160,JRC121368Search in Google Scholar

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Published Online: 2022-03-28
Published in Print: 2022-03-28

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